Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Rephidim

Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Der geschlagene Felsen

„Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel brach auf aus der Wüste Sin, nach ihren Zügen, nach dem Befehl des HERRN, und sie lagerten in Rephidim; und da war kein Wasser zum Trinken für das Volk. Und das Volk haderte mit Mose, und sie sprachen: Gebt uns Wasser, dass wir trinken! Und Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Was versucht ihr den HERRN?“ (V. 1.2). Wenn wir nicht ein wenig die demütigende Bosheit unserer eigenen Herzen kennten, würden wir uns die Gefühllosigkeit der Israeliten gegenüber der Güte und Treue und den mächtigen Taten Gottes nicht erklären können. Gerade hatten sie noch Brot vom Himmel herabfallen sehen, um sechshunderttausend Menschen in der Wüste zu speisen und schon neigen sie dazu, Mose zu steinigen – unter dem Vorwand, er habe sie in die Wüste geführt, um sie vor Durst umkommen zu lassen. Nichts kann den entsetzlichen Unglauben und die Bosheit des menschlichen Herzens übertreffen als nur die überströmende Gnade Gottes. Nur in dieser Gnade können wir ruhen trotz der immer zunehmenden Erkenntnis unserer bösen Natur, die durch die Umstände offenbar gemacht wird. Wenn die Israeliten von Ägypten unmittelbar nach Kanaan geführt worden wären, dann hätten sie keine so traurigen Beweise von der Unzulänglichkeit des Menschen gegeben; dann wären sie allerdings auch keine so treffenden Beispiele für uns geworden. Nun aber ist ihre vierzigjährige Wüstenwanderung für uns eine Quelle ernster Ermahnungen, Warnungen und Unterweisungen. Unter vielem anderen zeigen sie uns die unverständliche Neigung des menschlichen Herzens, Gott mit Misstrauen zu begegnen. Dies Herz will alles – nur Gott nicht. Es stützt sich lieber auf die armseligen, menschlichen Hilfsmittel als auf den allmächtigen, allweisen und allgütigen Gott; und eine kleine Wolke genügt, um ihm das Licht des Angesichts Gottes zu verbergen. Mit Recht wird es ein „böses Herz des Unglaubens“ genannt, das ständig bereit ist, von dem lebendigen Gott abzufallen (Heb 3,12).

Es sind zwei interessante Fragen, die der Unglaube in diesem und im vorigen Kapitel erhebt. Es sind genau dieselben Fragen, die tagtäglich in uns selbst und in unserer Umgebung aufkommen: „Was sollen wir essen?“, und: „Was sollen wir trinken?“ (Mt 6,31). Das Volk stellt hier zwar nicht die dritte Frage dieser Art: „Was sollen wir anziehen?“, aber das sind die Fragen der Wüste: „Was?“, „Wo?“, „Wie?“ Für jede von ihnen hat der Glaube nur eine kurze, aber entscheidende Antwort, nämlich: Gott! Das ist eine vollkommene Antwort! Möchten wir immer mehr erkennen, welche Kraft und Fülle darin liegt. Gewiss ist es nötig, dass wir uns in Prüfungssituationen an die Worte des Apostels erinnern: „Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt“ (1. Kor 10,13). Sooft wir in irgendeine Bedrängnis kommen, dürfen wir überzeugt sein, dass mit dieser Bedrängnis auch ein Ausweg da ist, wenn wir nur unseren Eigenwillen ablegen und einfältig genug sind, um diesen Ausweg zu sehen.

„Da schrie Mose zu dem HERRN und sprach: Was soll ich mit diesem Volk tun? Noch ein wenig und sie steinigen mich. Und der HERR sprach zu Mose: Geh vor dem Volk her, und nimm mit dir einige von den Ältesten Israels; und deinen Stab, womit du den Strom geschlagen hast, nimm in deine Hand und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Felsen am Horeb; und du sollst auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser daraus hervorkommen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten Israels“ (V. 4–6). So führt jede Unzufriedenheit eine neue Offenbarung der Gnade herbei. Wir sehen hier das erfrischende Wasser aus dem geschlagenen Felsen hervorquellen – ein Bild von dem Geist, der dem Gläubigen als die Frucht des vollbrachten Opfers Christi geschenkt ist. Im vorigen Kapitel fanden wir ein Bild von Christus als dem, der vom Himmel kam, um der Welt das Leben zu geben; hier haben wir ein Bild des Heiligen Geistes, der kraft des vollbrachten Werkes Christi „ausgegossen“ worden ist. „… und alle denselben geistlichen Trank tranken, denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, welcher nachfolgte. Der Fels aber war der Christus“ (1. Kor 10,4). Aber wer hätte trinken können, bevor der Felsen geschlagen worden war? Die Kinder Israel hätten diesen Felsen tagelang anstarren und doch vor Durst sterben können; denn bevor er nicht durch den Stab Gottes geschlagen war, konnte er keine Erquickung schenken. Das ist leicht zu verstehen. Der Herr Jesus ist der Mittelpunkt und die Grundlage aller Ratschlüsse der Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Die Gnade sollte durch das „Lamm Gottes“ offenbart werden; aber bevor das möglich war, musste das Lamm geschlachtet und das Werk am Kreuz eine vollendete Tatsache sein. Erst als der Fels durch die Hand des HERRN gespalten war, wurden die Schleusen der ewigen Liebe weit geöffnet und verlorene Sünder durch das Zeugnis des Heiligen Geistes eingeladen, in Fülle und umsonst zu trinken (Off 22,17). „Die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apg 2,38) ist das Resultat des am Kreuz vollbrachten Werkes Christi. Die Verheißung des Vaters (Lk 24,49) konnte nicht eher erfüllt werden, als bis Christus zur Rechten der Majestät in den Himmeln erhöht worden war, und zwar nachdem Er eine vollkommene Gerechtigkeit bewirkt, alle Forderungen der Heiligkeit erfüllt, das Gesetz verherrlicht, den Zorn Gottes über die Sünde in seiner ganzen Schärfe getragen und die Macht des Todes gebrochen hatte. Nachdem dies alles geschehen war, ist Er „hinaufgestiegen in die Höhe“ und hat „die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben. Das aber: Er ist hinaufgestiegen, was ist es anderes, als dass er auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte“ (Ps 68,19; Eph 4,8–10).

Dies ist für alle Ewigkeit die Grundlage des Friedens, der Glückseligkeit und der Herrlichkeit der Versammlung. Bevor der Felsen geschlagen wurde, konnte kein Wasser hervorkommen, und der Mensch war unfähig, etwas zu tun. Welche menschliche Macht hätte aus einem harten Felsen Wasser hervorbringen können? Welche menschliche Gerechtigkeit hätte die Macht gehabt, die Schleusen der Liebe Gottes zu öffnen? Es gab kein besser geeignetes Mittel, um die Fähigkeit des Menschen zu erproben. Weder durch seine Handlungen noch durch seine Worte noch durch seine Gefühle hätte er die Sendung des Heiligen Geistes bewirken können. Aber, Gott sei Dank! Was der Mensch nicht vermochte, das hat Gott getan. Christus hat das Werk vollbracht! Der Felsen ist geschlagen worden, und ein Strom ist daraus hervorgebrochen, an dem jeder Dürstende Erquickung finden kann. Der Herr Jesus sagt: „Das Wasser, das ich ihm geben werden, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh 4,14). Und an anderer Stelle lesen wir: „An dem letzten, dem großen Tag des Festes aber stand Jesus da und rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies aber sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh 7,37–39; vgl. Apg 19,2).

Das aus dem geschlagenen Felsen hervorströmende Wasser ist also ein Bild des Heiligen Geistes. „Wenn du die Gabe Gottes kenntest … so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser (d. h. den Heiligen Geist) gegeben“ (Joh 4,10). Aber der Name des Ortes, an dem dieses Bild gegeben wurde, ist ein ewiges Denkmal von dem Unglauben des Menschen. „Und er gab dem Ort den Namen Massa (Versuchung) und Meriba (Hader), wegen des Haderns der Kinder Israel und weil sie den HERRN versucht hatten, indem sie sagten: Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht?“ (V. 7). Nach so vielen Zusicherungen und Beweisen von der Gegenwart Gottes zeigte diese Frage, wie tief der Unglaube im menschlichen Herzen verwurzelt ist. Das hieß in der Tat „ihn versuchen“. Dasselbe taten die Juden, als Christus unter ihnen lebte: Sie versuchten ihn, indem sie ein Zeichen vom Himmel forderten. So handelt der Glaube niemals; er glaubt an die Gegenwart Gottes und freut sich darüber, und zwar nicht aufgrund eines Zeichens, sondern aufgrund der Erkenntnis Gottes selbst. Möge der Herr uns ein einfältigeres Vertrauen auf ihn geben!

Der Kampf gegen Amalek

Das Nächste, was uns in diesem Kapitel vor Augen gestellt wird, ist von besonderer Bedeutung für uns. „Und es kam Amalek und stritt gegen Israel in Rephidim. Und Mose sprach zu Josua: Erwähle uns Männer und zieh aus, kämpfe gegen Amalek: morgen will ich auf dem Gipfel des Hügels stehen mit dem Stab Gottes in meiner Hand“ (V. 8.9). Die Gabe des Heiligen Geistes führt zum Kampf. Das Licht kämpft mit der Finsternis (vgl. Eph 5,7–14 und Eph 6,12). Wo alles finster ist, gibt es keinen Kampf; aber der schwächste Kampf beweist, dass Licht vorhanden ist. „Das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist aber gegen das Fleisch; diese aber sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Genauso ist es in dem vor uns liegenden Kapitel; kaum ist der Felsen geschlagen und lässt seine Wasser hervorströmen, lesen wir: „Und Amalek kam und kämpfte gegen Israel“ (V. 8).

Zum ersten Mal sehen wir hier die Kinder Israel im Kampf mit einem äußeren Feind. Bisher hatte der Herr für sie gekämpft, wie wir in Kapitel 14 lesen: „Der HERR wird für euch kämpfen, und ihr werdet still sein.“ Hier aber heißt es: „Erwähle uns Männer.“ Allerdings musste Gott jetzt in Israel kämpfen, wie Er bisher für Israel gekämpft hatte. Aber doch ist der Unterschied groß. Und wenn wir das Gegenbild betrachten, sehen wir, dass es auch zwischen dem Kampf Christi für uns und dem Kampf des Heiligen Geistes in uns einen großen Unterschied gibt. Der Kampf Christi ist für immer beendet, der Sieg errungen und ein ewiger Friede gesichert. Der Kampf des Heiligen Geistes aber ist heute noch notwendig.

Der Pharao und die Amalekiter versinnbildlichen zwei verschiedene Mächte oder Einflüsse. Der Pharao stellt die Macht dar, die sich der Befreiung Israels aus Ägypten widersetzte, während Amalek ein Bild von dem ist, was das Volk hinderte, mit Gott durch die Wüste zu gehen. Der Pharao versuchte, durch die Dinge Ägyptens die Kinder Israel am Dienst für den Herrn zu hindern; ebenso benutzt Satan die „gegenwärtige böse Welt“ (Gal 1,4) gegen das Volk Gottes. Amalek dagegen tritt als ein Bild des Fleisches auf. Amalek war der Erste, der sich den Israeliten nach ihrer Taufe „in der Wolke und in dem Meer“ entgegenstellte. Diese beiden Tatsachen zeigen uns sehr deutlich seinen Charakter. Auch wissen wir aus späteren Tagen, dass Saul als König Israels verworfen wurde, weil er Amalek nicht völlig vernichtet hatte (1. Sam 15). Und schließlich sehen wir, dass Haman, der letzte Amalekiter, den die Heilige Schrift erwähnt, wegen seines bösen Anschlags gegen die Juden an ein Holz gehängt wurde (Est 7). Keinem Amalekiter war der Eintritt in die Gemeinde des Herrn gestattet; und am Schluss unseres Kapitels kündigt der Herr einen fortdauernden Krieg mit Amalek an (vgl. 5. Mo 25,17–19).

Dies alles zeigt uns deutlich, dass Amalek ein Bild des Fleisches im Christen ist 1. Die Verbindung zwischen seinem Kampf mit Israel und dem aus dem Felsen fließenden Wasser ist sehr bedeutungsvoll und steht vollkommen im Einklang mit dem Kampf, den ein Gläubiger mit seiner fleischlichen Natur zu bestehen hat, einem Kampf, der unvermeidlich ist, weil wir eine neue Natur haben, in der der Heilige Geist Wohnung gemacht hat. Der Kampf nahm für die Kinder Israel erst seinen Anfang, als sie in der vollen Kraft der Erlösung standen und nachdem sie „die geistliche Speise gegessen und aus dem geistlichen Felsen getrunken hatten“ (1. Kor 10,3.4). Bis zu dem Augenblick, da sie mit Amalek zusammentrafen, gab es für sie nichts zu tun. Sie stritten nicht mit dem Pharao noch zerstörten sie die Macht Ägyptens oder brachen die Ketten ihrer Sklaverei; sie zerteilten nicht das Meer noch ließen sie die Wasserwogen über dem Pharao und seinem Heer zusammenschlagen. Sie ließen weder Brot vom Himmel regnen noch Wasser aus dem Felsen hervorquellen. Nichts von alledem hatten sie getan, nichts hatten sie tun können. Jetzt aber werden sie zum Kampf gegen Amalek gerufen. Alle bisherigen Kämpfe hatten zwischen dem HERRN und dem Feind stattgefunden; sie hatten nur „still zu sein“ und die glänzenden Siege Gottes anzuschauen und die Früchte davon zu genießen. Der Herr hatte für sie gekämpft; aber jetzt kämpfte Er in ihnen und durch sie.

Ebenso verhält es sich mit der Versammlung Gottes. Die Siege, auf die ihr ewiger Friede und ihre ewige Glückseligkeit gegründet sind, hat Christus allein für sie errungen. Er war allein am Kreuz, allein im Grab. Wie hätte die Versammlung auch dort sein können? Wie hätte sie Satan besiegen, den Zorn Gottes ertragen oder den Tod seines Stachels berauben können? Für sündige Menschen war das unmöglich, aber nicht für ihn, der zur Errettung der Verlorenen kam und der allein fähig war, das schwere Gewicht all ihrer Sünden zu tragen und es durch sein vollkommenes Opfer für immer wegzutun. Und aufgrund dieser Versöhnung, die der Sohn Gottes vollbracht hat, konnte Gott der Vater den Heiligen Geist senden, der nun in der Versammlung insgesamt, aber auch in jedem einzelnen Glied der Versammlung, seine Wohnung genommen hat.

Sobald aber der Heilige Geist als Folge des Todes und der Auferstehung Christi, Wohnung in uns nimmt, beginnt der Kampf. Christus hat für uns gekämpft; der Heilige Geist kämpft in uns. Gerade diese Tatsache, die für uns die erste Frucht des Sieges Christi ist, bringt uns sofort in Konflikt mit dem Feind. Aber wie tröstlich ist es, dass wir schon Sieger sind, bevor wir das Schlachtfeld betreten! Der Gläubige schreitet zum Kampf mit dem Ruf: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1. Kor 15,57). Wir kämpfen daher „nicht wie aufs Ungewisse … nicht wie einer, der die Luft schlägt“, indem wir unseren Leib zerschlagen und in Knechtschaft führen (1. Kor 9,26.27). „Wir sind mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,37). Die Gnade, in der wir stehen, nimmt dem Fleisch alle Macht über uns (siehe Röm 6). Wie „die Kraft der Sünde“ im Gesetz liegt (1. Kor 15,56), so wird die Sünde kraftlos durch die Gnade. Das Gesetz gibt der Sünde Gewalt über uns; die Gnade gibt uns Gewalt über die Sünde.

„Und Mose sprach zu Josua: Erwähle uns Männer und zieh aus, kämpfe gegen Amalek; morgen will ich auf dem Gipfel des Hügels stehen, mit dem Stab Gottes in meiner Hand. Und Josua tat, wie Mose ihm gesagt hatte, um gegen Amalek zu kämpfen; und Mose, Aaron und Hur stiegen auf den Gipfel des Hügels. Und es geschah, wenn Mose seine Hand erhob, so hatte Israel die Oberhand, und wenn er seine Hand ruhen ließ, so hatte Amalek die Oberhand. Und die Hände Moses wurden schwer. Da nahmen sie einen Stein und legten diesen unter ihn, und er setzte sich darauf; und Aaron und Hur unterstützten seine Hände, hier einer und dort einer; und so waren seine Hände fest, bis die Sonne unterging. Und Josua streckte Amalek und sein Volk nieder mit der Schärfe des Schwertes“ (V. 9–13).

Wir haben hier zwei verschiedene Dinge: Kampf und Fürbitte. Christus ist als Fürsprecher für uns tätig, während der Heilige Geist in uns den Kampf führt. Beides geht Hand in Hand. In demselben Maß, wie wir durch den Glauben die Kraft der Fürbitte Christi verwirklichen, triumphieren wir über unsere böse Natur. Manche möchten den Kampf des Christen mit dem Fleisch in Abrede stellen, indem sie die Wiedergeburt als eine gänzliche Veränderung oder Erneuerung der alten Natur betrachten. Aus diesem Grundsatz würde folgen, dass ein Christ mit nichts mehr zu kämpfen habe. Denn wenn meine alte Natur erneuert ist, was bereitet mir dann noch Kampf? In mir gibt es nichts, weil meine alte Natur neu gemacht ist und von außen kann nichts auf mich einwirken, weil das Böse keinen Anknüpfungspunkt in mir findet. Die Welt hat keinen Reiz für jemanden, dessen Fleisch völlig verändert ist und Satan findet nichts, wodurch und worauf er wirken könnte. Wer eine solche falsche Lehre aufstellt, hat den Platz vergessen, den Amalek in der Geschichte des Volkes Gottes einnimmt. Wenn die Israeliten sich eingebildet hätten, dass mit der Vernichtung der Heere des Pharaos der Kampf für sie beendet sei, dann wäre es traurig um sie bestellt gewesen, als Amalek sie überfiel. Vielmehr nahm ihr Kampf gerade damals seinen Anfang. Und bei den Gläubigen ist es genauso. „Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist“ (1. Kor 10,11). Für den Menschen, dessen alte Natur erneuert wäre, fänden sich in diesen Dingen aber weder „Vorbilder“ noch „Beispiele“ noch „Ermahnungen“. In der Tat, ein solcher Mensch hat kein Bedürfnis nach der Vorsorge, die Gott für seine Auserwählten getroffen hat.

Die Heilige Schrift belehrt uns eindeutig, dass der Gläubige etwas in sich trägt, was dem Volk Amalek in der Wüste entspricht; und das ist: „das Fleisch“ – „der alte Mensch“ – „die Lust des Fleisches“ (Röm 6,6; 8,7; Gal 5,16). Wenn nun aber ein Christ, indem er die Regungen seiner alten Natur verspürt, an der Echtheit seines Christentums zu zweifeln beginnt, so macht er sich nicht nur äußerst unglücklich, sondern er gibt damit auch seine vorteilhafte Stellung gegenüber dem Feind auf. Das Fleisch ist in dem Gläubigen und wird dort bis zum Ende bestehen. Der Heilige Geist erkennt seine Existenz völlig an, wovon wir uns aus verschiedenen Stellen des Neuen Testaments überzeugen können. In Römer 6,12 z. B. lesen wir: „So herrsche denn nicht die Sünde in eurem sterblichen Leib.“ Ein solches Gebot wäre sinnlos, wenn das Fleisch nicht mehr in dem Gläubigen vorhanden wäre. Wie könnten wir ermahnt werden, die Sünde nicht in uns herrschen zu lassen, wenn sie tatsächlich nicht mehr in uns wohnte? Zwischen Wohnen und Herrschen besteht ein großer Unterschied. Die Sünde wohnt in dem Gläubigen, aber sie herrscht in dem Ungläubigen.

Die Sünde wohnt also in uns, aber – Gott sei Dank! – wir sind gleichzeitig in einer Stellung, die es uns ermöglicht, die Sünde zu überwinden. „Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). Die Gnade, die durch das Blut des Kreuzes die Sünde weggenommen hat, sichert uns den Sieg und verleiht uns in der Gegenwart Macht über sie.

Wir sind der Sünde gestorben, und deshalb hat sie keine Ansprüche mehr an uns. „Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen von der Sünde“ (Röm 6,7). „Da wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,6). „Josua streckte Amalek und sein Volk nieder mit der Schärfe des Schwertes“ (V. 13). Alles war Sieg, und das Banner des HERRN wehte über dem triumphierenden Heer mit der ermutigenden Inschrift: „Jahwe-Nissi“ – der HERR mein Banner! Der Sieg sollte ebenso gewiss sein wie die Vergebung, und wir wissen, dass beides auf die Tatsache des Todes und der Auferstehung Jesu gegründet ist. Aufgrund dieser Tatsache kann der Gläubige sich eines gereinigten Gewissens erfreuen und die in ihm wohnende Sünde im Tod halten. Da der Tod Christi allen Forderungen Gottes hinsichtlich unserer Sünden entsprochen hat, wird die Auferstehung Christi zu einer Quelle der Kraft für jeden Abschnitt des Kampfes. Er ist gestorben für uns, und Er lebt jetzt in uns. Das Erste gibt uns Frieden, das Zweite Kraft.

Christus unser Fürsprecher

Es besteht ein bedeutsamer Unterschied zwischen Mose auf dem Hügel und Christus auf dem Thron. Die Hände unseres großen Fürsprechers können niemals sinken, und seine Fürbitte endet nie. Er lebt allezeit, um sich für uns zu verwenden (Heb 7,25). Alle Schwierigkeiten können durch seine Fürsprache beseitigt werden. Nachdem Er in der Macht göttlicher Gerechtigkeit in den Himmeln Platz genommen hat, wirkt Er für uns in Übereinstimmung mit dem, was Er ist, und gemäß der unendlichen Vollkommenheit dessen, was Er getan hat. Seine Hände können niemals „schwer“ werden, und Er braucht niemanden zu ihrer Unterstützung. Seine vollkommene Fürsprache ist gegründet auf sein vollkommenes Opfer. Er stellt uns vor Gott, bekleidet mit seiner eigenen Vollkommenheit, so dass der Heilige Geist (obwohl wir im Bewusstsein dessen, was wir sind, immer Ursache haben, uns in den Staub zu beugen) uns gegenüber dennoch nur von dem Zeugnis geben kann, was Christus für uns ist und was wir in ihm sind. „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist“ (Röm 8,9). Wir befinden uns, unserem tatsächlichen Zustand nach, in dem Leib; aber niemals sind wir, unserer Stellung nach, im Fleisch. Zwar ist das Fleisch in uns, obwohl wir ihm gestorben sind; aber wir sind nicht in dem Fleisch, weil wir mit Christus lebendig gemacht sind.

Bevor wir die Betrachtung dieses Kapitels schließen, möchte ich noch bemerken, dass Mose „den Stab Gottes“, mit dem er den Felsen geschlagen hatte, auf dem Hügel bei sich führte. Dieser Stab war das Sinnbild der Macht Gottes, die in der Versöhnung und ebenso in der Fürsprache erkennbar ist. Nachdem das Werk der Versöhnung vollbracht war, nahm Christus seinen Platz im Himmel ein und der Heilige Geist wurde gesandt, um in der Versammlung Wohnung zu machen, so dass eine untrennbare Verbindung zwischen dem Werk Christi und dem Werk des Heiligen Geistes besteht. In beiden zeigt sich die Macht Gottes.

Fußnoten

  • 1 Anmerkung des Herausgebers: Anstelle der hier gelesenen Auslegung, bevorzugen wir die Deutung, dass Amalek ein Bild Satans selbst und seiner Macht ist, in der er versucht, das Volk Gottes heute auf seinem Weg durch die Wüste aufzuhalten und ihm Schaden zuzufügen. Dabei knüpft er besonders an das Fleisch bei uns an. Das ist unser Schwachpunkt (5. Mose 25,18). Wir kämpfen weder gegen das Fleisch noch gegen die Sünde in uns, denn wir halten uns der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus (Römer 6,11).
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