Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Der junge Mose

Betrachtungen über das zweite Buch Mose

Vorbereitung auf den Dienst

Wenn wir die Geschichte Moses betrachten, müssen wir diesen großen Diener Gottes von zwei Seiten ins Auge fassen, nämlich in seinem persönlichen und in seinem vorbildlichen Charakter.

Was zunächst seinen persönlichen Charakter betrifft, so gibt es für uns viel, sehr viel daraus zu lernen. Dieselbe Hand, die ihn aus den Fluten gezogen und erhoben hatte, musste ihn auch während der langen Zeit von achtzig Jahren, zunächst im Haus der Tochter des Pharaos und dann „hinter der Wüste“ (Kap. 3), in vielfacher Weise erziehen. Dass ein solcher Zeitraum der Erziehung eines Dieners Gottes gewidmet wurde, erscheint allerdings unseren beschränkten Gedanken außergewöhnlich. Doch Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Er wusste, dass die zweimal vierzig Jahre zur Zubereitung seines auserwählten Dieners nötig waren. Wenn Gott die Erziehung eines Menschen in die Hand nimmt, so tut Er es in einer Weise, die seiner selbst und seines heiligen Dienstes würdig ist. Er will keinen Neuling in seinem Werk haben. Für den Diener Christi gibt es manche Lektionen zu lernen, manche Übung durchzumachen und manchen Kampf im Geheimen zu bestehen, bevor er wahrhaft fähig ist, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Der menschlichen Natur gefällt dies nicht. Sie möchte lieber eine Rolle in der Öffentlichkeit spielen, als sich in der Einsamkeit unterweisen zu lassen; sie möchte lieber bewundert als durch die Hand Gottes in Zucht gehalten werden. Aber so geht es nicht. Wir müssen die Wege Gottes einhalten. Die Natur mag sich eifrig an den Ort des Wirkens drängen; aber Gott braucht sie dort nicht; sie muss gehorchen, sie muss vernichtet und beiseitegesetzt werden. Der Tod ist der ihr gebührende Platz. Wenn sie tätig sein will, wird Gott in seiner Treue und Weisheit die Umstände so lenken, dass die Resultate ihrer Tätigkeit nur vollständige Niederlage und Beschämung beweisen werden. Er weiß, wie die Natur zu behandeln ist, wohin sie getan und wo sie gehalten werden muss. Möchten wir doch in Bezug auf unser Ich und alles, was damit zusammenhängt, tiefer in die Gedanken Gottes eindringen! Wir werden dann weniger Missgriffe machen, unser Weg wird sicher, unser Geist ruhig und unser Dienst wirksam sein.

„Und es geschah in jenen Tagen, als Mose groß geworden war, da ging er aus zu seinen Brüdern und sah ihren Lastarbeiten zu; und er sah einen ägyptischen Mann, der einen hebräischen Mann von seinen Brüdern schlug. Und er wandte sich hierhin und dorthin, und als er sah, dass kein Mensch da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand“ (V. 11.12). Welch einen Eifer zeigte hier Mose für seine Brüder; aber er war nicht „nach Erkenntnis“ (Röm 10,2). Gottes Zeit war noch nicht gekommen, Ägypten zu richten und Israel zu befreien; und der einsichtsvolle Diener wartet stets die Zeit ab. Mose war „groß geworden“, und er war „unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter“; auch meinte er, „seine Brüder würden verstehen, dass Gott ihnen durch seine Hand Rettung gebe“ (Apg 7,22–25). Alles das war völlig wahr; aber er begann seinen Lauf zu früh; und in einem solchen Fall wird immer ein völliger Fehlschlag der Ausgang sein.

Eine Anspielung auf die Handlung Moses finden wir in den an das Synedrium zu Jerusalem gerichteten Worten des Stephanus: „Als er aber ein Alter von vierzig Jahren erreicht hatte, kam es in seinem Herzen auf, sich nach seinen Brüdern, den Söhnen Israels, umzusehen. Und als er einen Unrecht leiden sah, verteidigte er ihn und rächte den Unterdrückten, indem er den Ägypter erschlug“ (Apg 7,23.24). Es ist deutlich, dass Stephanus in seiner Ansprache von der Absicht geleitet wurde, aus der Geschichte des Volkes verschiedene Momente hervorzuheben, die geeignet waren, auf das Gewissen seiner Umgebung zu wirken; und es wäre ganz im Widerspruch mit dieser Absicht, wie auch überhaupt mit der Weise des Heiligen Geistes im Neuen Testament, hier die Frage erörtern zu wollen, ob Mose vor oder zu der von Gott bestimmten Zeit gehandelt hat. Überdies sagt Stephanus nur: „Es kam in seinem Herzen auf, sich nach seinen Brüdern umzusehen“. Er sagt nicht, dass Gott ihn zu dieser Zeit gesandt hatte. Auch berührte dies nicht im Geringsten die Frage über den moralischen Zustand derer, die ihn verwarfen. „Sie aber verstanden es nicht“. Das war im Blick auf sie der einfache Sachverhalt, was auch Mose persönlich in diesen Umständen hatte lernen müssen. Jeder geistlich gesinnte Mensch wird dies ohne Mühe verstehen.

Wenn wir Mose als Vorbild sehen, können wir in diesen Zügen seines Lebens die Sendung Christi zu den Kindern Israels erkennen sowie dessen Verwerfung durch die Juden: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche!“ (Lk 19,14) Betrachten wir ihn andererseits in seinem persönlichen Charakter, so finden wir, dass er wie andere Fehler machte und Schwachheiten offenbarte, dass er bald zu eilig, bald zu langsam ans Werk ging. Doch alles dient nur dazu, die unendliche Gnade und unerschöpfliche Geduld Gottes ans Licht zu stellen.

Auch beim Fortschreiten eines vor der Zeit begonnenen Werkes werden sich immer Unsicherheit und Mangel an ruhiger Abhängigkeit zeigen. Mose „wandte sich hierhin und dorthin“. Wenn jemand mit oder für Gott wirkt, in völligem Verständnis seiner Gedanken über Einzelheiten seines Werkes, so fühlt er kein Bedürfnis, sich „hierhin oder dorthin“ zu wenden. Wenn die Zeit Gottes wirklich da gewesen wäre, wenn Mose die Überzeugung gehabt hätte, zur Ausführung des Gerichts göttlich bevollmächtigt zu sein und wenn er sicher gewesen wäre, dass Gott mit ihm war, so würde er sich gewiss nicht „hierhin und dorthin“ gewandt haben.

Menschenfurcht

Die Tat Moses enthält für jeden Diener Gottes eine Belehrung von großem praktischen Wert. Zwei Dinge sind es, durch die sie beeinflusst wurde, nämlich: die Furcht vor dem Zorn des Menschen und die Hoffnung auf die Gunst des Menschen. Der Diener des lebendigen Gottes aber sollte sich weder durch das eine noch durch das andere beeinflussen lassen. Was gilt der Zorn, was gilt die Gunst eines armen Sterblichen für den, der mit einem göttlichen Auftrag betraut ist und sich der Gegenwart Gottes erfreut? Beides ist für ihn von geringerer Bedeutung als der Staub auf der Waagschale. „Habe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig? Erschrick nicht und fürchte dich nicht! Denn der HERR, dein Gott, ist mit dir überall, wohin du gehst“ (Jos 1,9). „Du aber gürte deine Lenden und mach dich auf und rede zu ihnen alles, was ich dir gebieten werde. Verzage nicht vor ihnen, damit ich dich nicht vor ihnen verzagt mache. Und ich, siehe, ich mache dich heute zu einer festen Stadt und zu einer eisernen Säule und zu einer ehernen Mauer gegen das ganze Land, sowohl gegen die Könige von Juda, als auch gegen dessen Fürsten, dessen Priester und gegen das Volk des Landes. Und sie werden gegen dich kämpfen, aber dich nicht überwältigen; denn ich bin mit dir, spricht der HERR, um dich zu erretten“ (Jer 1,17–19).

Wenn der Diener Christi auf diesem Boden steht, wendet er sich nicht, „hierhin und dorthin“, sondern er handelt nach der Weisheit des göttlichen Rates: „Lass deine Augen geradeaus blicken, und deine Wimpern gerade vor dich hinschauen“ (Spr 4,25). Gottes Weisheit leitet uns immer an, aufwärts und vorwärts zu schauen. Wenn wir bemüht sind, dem zürnenden Blick eines Sterblichen auszuweichen oder sein beifälliges Lächeln hervorzurufen, können wir sicher sein, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir stehen dann nicht auf dem wahren Boden des Dienstes für Gott, es fehlt uns die Gewissheit, von Gott zu unserem Dienst berufen zu sein und in der Gegenwart Gottes zu handeln. Beides ist für jeden Diener Gottes unerlässlich notwendig.

Allerdings gibt es viele, die aus Unwissenheit oder in übergroßem Selbstvertrauen in einen Wirkungskreis eintreten, für den Gott sie nie bestimmt und somit auch nicht befähigt hat. Dabei legen sie häufig eine Kaltblütigkeit und Selbstsicherheit an den Tag, dass jeder, der ihre Gaben und ihre Verdienste unparteiisch beurteilen kann, in Erstaunen versetzt wird. Aber der Schein wird bald der Wirklichkeit Platz machen; er kann auch nicht den Grundsatz ändern, dass nichts einen Menschen von der Neigung, sich „hierhin und dorthin“ zu wenden, befreien kann, als nur das Bewusstsein, von Gott beauftragt und in seiner Gemeinschaft zu sein. Nur wer diese beiden Dinge besitzt, ist befreit von menschlichen Einflüssen und somit unabhängig von den Menschen. Niemand ist fähig, anderen wahrhaft zu dienen, wenn er nicht völlig unabhängig von ihnen ist; und nur wer den ihm zukommenden Platz kennt und einnimmt, vermag sich zu bücken und die Füße seiner Brüder zu waschen.

Wenn wir nun unsere Blicke von dem Menschen abwenden und sie auf den einzigen, treuen und vollkommenen Diener richten, so sehen wir bei ihm kein Hin- und Herwenden. Und warum? Weil Jesus nie auf Menschen, sondern immer auf Gott blickte. Er fürchtete weder den Zorn der Menschen, noch warb Er um ihre Gunst; Er redete niemals um des Beifalls der Menschen willen, und ebenso wenig schwieg Er, um ihrem Tadel zu entgehen. Aus diesem Grund trugen alle seine Worte und Handlungen das Gepräge von Erhabenheit und Festigkeit. Er war der Einzige, von dem in Wahrheit gesagt werden konnte. „Sein Blatt verwelkt nicht; und alles, was er tut, gelingt“ (Ps 1,3). Was immer Er tat brachte Nutzen und Frucht, weil alles für Gott getan war. Alle seine Handlungen, Worte, Bewegungen, Blicke und Gedanken erfreuten das Herz Gottes. Er war nie besorgt wegen der Folgen seines Tuns, weil Er immer mit und für Gott und nach der vollen Einsicht seines Willens handelte. Sein eigener Wille, obwohl göttlich vollkommen, verband sich nie mit irgendeiner Tätigkeit, die Er als Mensch ausübte. Er konnte sagen: „Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38). Darum brachte Er auch stets Frucht „zu seiner Zeit“. Er tat allezeit, was dem Vater wohlgefällig war (Joh 8,29); und deshalb hatte Er nichts zu fürchten oder zu bereuen, und keine Ursache, sich „hierhin und dorthin zu wenden“.

Welch einen entschiedenen Gegensatz bildet in dieser wie in jeder anderen Beziehung der hochgelobte Meister zu seinen geehrtesten und hervorragendsten Dienern! Sogar Mose zeigte Furcht (V. 14); und Paulus fühlte Reue (2. Kor 7,8); aber bei dem Herrn Jesus finden wir weder das eine noch das andere. Er brauchte nie einen Schritt zurückzutun, nie ein Wort zu widerrufen oder einen Gedanken zu berichtigen. In ihm war alles durchaus vollkommen, alles „Frucht zu seiner Zeit“ (Ps 1,3). Der Strom seines heiligen und himmlischen Lebens floss ruhig und ohne Windung dahin. Sein Wille war in göttlicher Weise unterwürfig. Die besten und gottesfürchtigsten Menschen machen Fehler; aber je mehr wir fähig sind, durch die Gnade unseren eigenen Willen zu brechen, umso weniger Fehler werden wir machen. Wahrhaft glückselig ist es, wenn unser Leben wirklich ein Leben des Glaubens und der einfältigen und aufrichtigen Hingabe an Christus ist.

Der Weg des Glaubens

In dieser Weise ging Mose seinen Weg. Er war ein Mann des Glaubens, ein Mann, der die Gesinnung seines Meisters weitgehend annahm und mit bewundernswerter Festigkeit seinen Spuren folgte. Wohl legte er, wie bereits bemerkt, vierzig Jahre vor der Zeit, die Gott für das Gericht Ägyptens und für die Befreiung Israels bestimmt hatte, seine Hand ans Werk; aber die inspirierten Mitteilungen in Hebräer 11 berühren diesen Umstand in keiner Weise, sondern bezeichnen nur den göttlichen Grundsatz seines Wandels, dem er im Allgemeinen folgte. „Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen, und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung. Durch Glauben verließ er Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht; denn er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren“ (Heb 11,24–27).

Diese Stelle zeigt uns die Handlungen Moses im Licht der Gnade, und in dieser Weise behandelt der Heilige Geist stets die Geschichte der Heiligen des Alten Testaments. Wenn Er die Geschichte eines Menschen schreibt, so stellt Er uns diesen so vor, wie er ist, mit seinen Fehlern und Unvollkommenheiten; aber wenn Er im Neuen Testament dieselbe Geschichte durch Anmerkungen erläutert, so beschränkt Er sich darauf, nur das wahre Wesen und das Hauptresultat des Lebens dieses Menschen herauszustellen. Obwohl wir daher im zweiten Buch Mose lesen, dass Mose sich „hierhin und dorthin“ wandte, dass er sich fürchtete und sprach: „Gewiss, die Sache ist bekannt geworden“ (V. 14), und dass er sogar vor dem Pharao floh, so wird uns dennoch im Brief an die Hebräer berichtet, dass er „durch Glauben“ handelte, und dass er nicht die Wut des Königs fürchtete, sondern standhaft aushielt, als sähe er den Unsichtbaren.

Ebenso wird es einmal sein, wenn „der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird; und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott“ (1. Kor 4,5). Wie trostreich ist diese Wahrheit für jedes aufrichtige und treue Herz! Das Herz mag manche „Überlegungen“ ersinnen, zu deren Ausführung es gar nicht kommt; aber wenn der Herr kommt, werden alle diese Überlegungen offenbar werden. Gepriesen sei die Gnade, die uns hierüber Gewissheit geschenkt hat! Die Überlegungen eines Herzens, das ihn liebt, sind viel wertvoller für Christus als die am besten gelungenen Werke der Hand. Diese können durch ihren Glanz die Menschen blenden, aber jene sind für das Herz des Herrn Jesus bestimmt; diese können Stoff zur Unterhaltung und zum Ruhm des Menschen bieten, aber jene werden vor Gott und seinen heiligen Engeln offenbar werden. Möchten doch die Herzen aller Diener Christi ausschließlich mit seiner Person beschäftigt und möchten ihre Augen auf seine Ankunft gerichtet sein!

Bei näherer Betrachtung des Lebens Moses finden wir, dass der Glaube ihn eine dem gewöhnlichen Lauf der Natur ganz entgegengesetzte Richtung verfolgen ließ und ihn veranlasste, nicht nur die Vergnügungen, Annehmlichkeiten und Ehren am Hof des Pharaos auszuschlagen, sondern auch einen anscheinend günstigen und weit ausgedehnten Wirkungskreis zu verlassen. Die menschliche Vernunft hätte ihn in ganz andere Bahnen gelenkt und ihn gedrängt, seinen ganzen Einfluss zum Besten des Volkes aufzubieten und anstatt mit ihm zu leiden, tatkräftig für es einzutreten. Nach menschlichem Ermessen schien die Vorsehung dem Diener Gottes ein weites Arbeitsfeld geöffnet zu haben; denn wenn je die Hand Gottes einen Menschen in eine besondere Stellung versetzt hat, so war dies sicher bei Mose der Fall. Durch eine wunderbare Kette von Umständen, deren einzelne Glieder ausnahmslos die Lenkung des Allmächtigen verrieten, wurde die Tochter des Pharaos zum Werkzeug gemacht, um den Knaben Mose den Fluten zu entreißen, ihn zu ernähren und zu erziehen, bis er ein Alter von vierzig Jahren erreicht hatte (Apg 7,23). Wenn nun Mose angesichts all dieser Umstände eine so hohe und einflussreiche Stellung aufgab, so konnte dies nach menschlichem Ermessen nur das Resultat eines falschen, irregeführten Eifers sein.

Unsere blinde Natur kann nicht anders urteilen. Aber der Glaube denkt anders; denn Natur und Glaube stehen immer miteinander im Widerspruch. Sie können in keinem einzigen Punkt übereinstimmen. Aber vielleicht in keiner Sache weicht ihr Urteil so sehr voneinander ab, wie in Bezug auf das, was man die „Fingerzeige der Vorsehung“ nennen könnte. Die Natur wird sich durch solche Fingerzeige immer gern berechtigt fühlen, ihren eigenen Neigungen zu folgen, während der Glaube in ihnen ebenso viele Gelegenheiten findet, sich selbst zu verleugnen. Jona hätte das nach Tarsis segelnde Schiff als einen beachtenswerten Fingerzeig der Vorsehung ansehen können, während es in Wahrheit nur eine Tür war, durch die er hindurchschlüpfte und so den geraden Weg des Gehorsams verließ.

Ohne Zweifel ist es das Vorrecht des Christen, in allem die Hand seines Vaters zu sehen und seine Stimme zu vernehmen, denn er sollte sich nicht unbedingt durch die Umstände leiten lassen. Ein so geleiteter Christ gleicht einem Schiff auf hoher See, das ohne Steuerruder und Kompass der Willkür der Wogen und Winde preisgegeben ist. Gott ruft seinem Kind zu: „Mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten“ (Ps 32,8); und seine Warnung heißt: „Seid nicht wie ein Ross, wie ein Maultier, das keinen Verstand hat; mit Zaum und Zügel, ihrem Schmuck, musst du sie bändigen, sonst nahen sie dir nicht“ (Ps 32,9). Es ist ungleich besser, uns durch das Auge unseres Vater leiten zu lassen, als durch den Zaum und den Zügel der Umstände. Wir wissen leider nur zu gut, dass der Ausdruck „Vorsehung“, wie man ihn gewöhnlich versteht, nur ein anderes Wort ist, um den Antrieb der Umstände zu bezeichnen.

Die Kraft des Glaubens zeigt sich gerade darin, dass sie die scheinbaren Fingerzeige der äußeren Umstände nicht beachtet. So war es bei Mose. „Durch Glauben weigerte sich Mose, ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen“, und „durch Glauben verließ er Ägypten“ (Heb 11,24.27). Hätte er nach dem geurteilt, was vor Augen war, so hätte er sicher die ihm angebotene Würde als deutlichen Hinweis einer freundlichen Vorsehung angenommen und den Hof des Pharaos nicht verlassen, wo ihm Gott dem Anschein nach ein so ausgedehntes Arbeitsfeld bereitet hatte. Aber er lebte in der Kraft des Glaubens und nicht des Schauens und – verzichtete auf alles. Möchten wir jederzeit, geleitet durch die Gnade, seinem Beispiel folgen!

Und was hielt Mose für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens? Es war nicht nur die Schmach um Christi willen, sondern es war die Schmach Christi selbst. „Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“ (Ps 69,10). Der Herr Jesus machte sich in vollkommener Gnade eins mit seinem Volk. Alle seine Herrlichkeit preisgebend kam Er vom Himmel, nahm den Platz seines Volkes ein, bekannte die Sünden der Seinen und ertrug ihr Gericht am Fluchholz. So weit ging seine freiwillige Hingabe. Er handelte nicht nur für uns, sondern machte sich auch eins mit uns und befreite uns auf diese Weise von allem, was irgend gegen uns sein konnte.

Wir erkennen daraus, wie sehr Mose sich mit den Gedanken und den Gefühlen Christi hinsichtlich seines Volkes in Übereinstimmung befand. Er sah das Wohlleben, die Pracht und den Aufwand des königlichen Hauses, in dem sich die „Ergötzung der Sünde“ und die „Schätze Ägyptens“ um ihn häuften. Er konnte, wenn er wollte, alle diese Dinge genießen. Er konnte in Reichtum leben und sterben und von Anfang bis zum Ende in königlicher Gunst stehen. Aber wäre das „Glaube“, wäre das Christus gleichförmig gewesen? Nein. Von seinem hohen Platz aus sah er seine Brüder gebeugt unter dem Gewicht drückender Lasten; und durch den Glauben erkannte er, dass bei ihnen, in ihrer Drangsal, ihrer Sklaverei, sein wahrer Platz war. Wäre nur ein natürliches Wohlwollen, Menschenliebe oder Zuneigung zu seinem Volk sein Motiv gewesen, hätte er vielleicht seinen persönlichen Einfluss zugunsten seiner Brüder aufbieten und den Pharao bewegen können, ihre drückenden Lasten zu erleichtern. Aber so etwas könnte nie ein Herz befriedigen, das irgendwie Gemeinschaft mit dem Herzen Christi hat. Ein solches Herz hatte Mose durch die Gnade Gottes; und darum ging er in der ganzen Kraft und mit der vollen Zuneigung dieses Herzens zu seinen unterdrückten Brüdern, um „mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden“. Und er tat es „durch Glauben“.

Man muss diesen Unterschied recht verstehen. Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dem Volk Gottes Gutes zu wünschen, ihm zu dienen oder freundlich von ihm zu reden; nein, wir sollten uns, so verachtet und unterdrückt es auch sein mag, völlig eins mit ihm machen. Es mag für einen großmütigen Geist eine Freude sein, als Beschirmer des Christentums aufzutreten; aber mit den Christen auf demselben Boden zu stehen oder mit Christus zu leiden, ist etwas ganz anderes. Ein Gönner oder Beschützer und ein Märtyrer sind zwei sehr verschiedene Dinge; und die ganze Heilige Schrift hebt diese Verschiedenheit unmissverständlich hervor. Obadja trug Sorge für die Zeugen Gottes (1. Kön 18,3.4), aber Elia war ein Zeuge für Gott. Darius war so bekümmert um das Schicksal Daniels, dass er seinetwegen eine Nacht schlaflos zubrachte; aber Daniel befand sich in derselben Nacht als Zeuge für die Wahrheit Gottes in der Löwengrube (Dan 6,17.18). Nikodemus hatte den Mut, ein Wort für Christus zu reden; aber eine größere Treue in der Nachfolge des Herrn hätte ihn veranlasst, sich ganz mit ihm einszumachen.

Erwägungen dieser Art haben außerordentlich praktische Bedeutung. Der Herr Jesus braucht keine Gönnerschaft! Er will Gemeinschaft. Die Wahrheit über seine Person ist nicht offenbart worden, damit wir die Verteidigung seiner Sache auf der Erde übernehmen, sondern damit wir Gemeinschaft mit ihm haben sollen in den Himmeln. Er hat sich um den Preis alles dessen, was die Liebe zu geben vermochte, mit uns einsgemacht. Er hätte dem entgehen und ungehindert da bleiben können, wo sein ewiger Platz war: in dem Schoß des Vaters. Wie aber wäre es dann möglich gewesen, dass seine Liebe bis zu uns, den schuldigen und verdammungswürdigen Sündern, hätte dringen können? Zwischen ihm und uns konnte ein Einssein nur unter Bedingungen bewirkt werden, die von ihm einen totalen Verzicht auf alles forderten. Aber gepriesen sei sein herrlicher Name! Diese Verzichtleistung ist geschehen. „Der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken“ (Tit 2,14). Er wollte seine Herrlichkeit nicht für sich allein genießen; Er suchte Befriedigung darin, „viele Söhne“ in dieser Herrlichkeit mit sich zu vereinigen. „Vater“, sagte Er, „ich will, dass die, die du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24). Das waren die Gedanken Christi über sein Volk; und wir können deshalb leicht beurteilen, wie weit Mose mit diesen Gedanken in Übereinstimmung seines Meisters war. Zweifellos teilte er in hohem Grad die Gesinnung und er offenbarte sie in der freiwilligen Aufopferung jeder persönlichen Rücksicht und in seiner bedingungslosen Vereinigung mit dem Volk Gottes.

Der vorbildhafte Charakter Moses

Im folgenden Kapitel werden wir von neuem Gelegenheit haben, auf den Charakter und die Handlungen dieses großen Dieners Gottes zurückzukommen; wir beschränken uns deshalb darauf, ihn hier nur als ein Bild des Herrn Jesus zu betrachten. Dass er dies war, geht klar aus der Stelle hervor: „Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der HERR, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören“ (5. Mo 18,15; vgl. Apg 7,37). Wir geben daher nicht menschlicher Einbildung Raum, wenn wir Mose als ein Bild betrachten, sondern folgen darin der klaren und bestimmten Unterweisung der Heiligen Schrift; und zwar tritt er in den letzten Versen unseres Kapitels in zweifacher Weise als ein Bild vor unsere Augen: zunächst in seiner Verwerfung durch Israel (V. 14), und dann in seiner Vereinigung mit einer Fremden im Land Midian (V. 21.22). Diese beiden Punkte haben wir teilweise schon in der Geschichte Josephs untersucht, der, als er von seinen Brüdern verworfen war, eine Verbindung mit einer ägyptischen Frau einging; obwohl wir in beiden Fällen die Verwerfung Christi und seine Vereinigung mit der Versammlung bildlich dargestellt finden, geschieht dies doch unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten. In der Geschichte Josephs tritt die Offenbarung einer tatsächlichen Feindschaft gegen seine Person in den Vordergrund, während es sich in der Geschichte Moses mehr um die Verwerfung seiner Sendung handelt. In Bezug auf Joseph lesen wir: „Da hassten sie ihn und vermochten nicht, ihn zu grüßen“ (1. Mo 37,4); und zu Mose wird gesagt: „Wer hat dich zum Obersten und Richter über uns gesetzt?“ (V. 14). So wurde also der eine persönlich gehasst, der andere in seinem Amt verworfen.

Ebenso verhält es sich mit der Art und Weise, in der das große Geheimnis von der Versammlung in der Geschichte dieser beiden Heiligen des Alten Testaments erläutert wird. Asnath stellt einen ganz anderen Zeitabschnitt in der Geschichte der Versammlung dar als Zippora. Die Erste wurde mit Joseph vereinigt zur Zeit seiner Erhöhung; Zippora dagegen war die Gefährtin Moses in der Verborgenheit seines Wüstenlebens (vgl.1. Mo 41,45 mit 2. Mo 2,21; 3,1). Allerdings waren beide, Joseph und Mose, zur Zeit ihrer Verbindung mit einer Fremden von ihren Brüdern verworfen; aber der eine war Herr über ganz Ägypten, während der andere „hinter der Wüste“ eine Herde Schafe hütete.

In jedem Fall befindet sich also, ob wir Christus als offenbart in Herrlichkeit oder als verborgen vor den Blicken der Welt betrachten, die Versammlung mit ihm in innigster Verbindung; und ebenso wie die Welt ihn jetzt nicht sieht, ist sie auch außerstande, von dem Leib Kenntnis zu nehmen, der eins mit ihm ist. „Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat“ (1. Joh 3,1). Bald aber wird Christus in seiner Herrlichkeit erscheinen, und dann wird die Versammlung mit ihm offenbar werden. „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4). Und wiederum: „Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind; ich in ihnen und du in mir, damit sie in eins vollendet seien, und damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast“ (Joh 17,22.23).

In Johannes 17,21 und 23 ist von einer zweifachen Einheit die Rede. Im ersten Vers handelt es sich um die Einheit, deren Aufrechterhaltung der Verantwortlichkeit der Versammlung anvertraut war, aber von dieser gänzlich vernachlässigt worden ist. In der Letzteren dagegen sehen wir die Einheit, die Gott unfehlbar erfüllen und die Er in der Herrlichkeit offenbaren wird. Man kann sich von der Verschiedenheit dieser beiden Darstellungen der Einheit, sowohl im Blick auf den Charakter als auch auf ihr Ergebnis, leicht überzeugen.

Das ist also die hohe und heilige Stellung der Versammlung; sie ist eins mit ihm, der von dieser Welt verworfen ist, aber den Thron der Majestät in den Himmeln eingenommen hat. Der Herr Jesus machte sich am Kreuz mit ihr eins, weil sie mit ihm seine gegenwärtige Verwerfung und seine zukünftige Herrlichkeit teilen sollte. Wollte Gott dass alle, die einen Teil dieses so bevorzugten Leibes bilden, tiefer fühlen möchten, was sich im Blick auf ihren Wandel und Charakter auf der Erde geziemt! Zweifellos würden die Kinder Gottes dann eine lautere und verständlichere Antwort geben auf die Liebe, womit Er sie geliebt, auf das Heil, das Er ihnen erworben und auf die Würde, womit Er sie bekleidet hat. Der Weg des Christen sollte immer das naturgemäße Ergebnis eines verstandenen und verwirklichten Vorrechts sein und nicht das erzwungene Resultat gesetzlicher Gelübde und Vorsätze; die Frucht einer durch Glauben erkannten und verwirklichten Stellung und nicht die scheinbare Frucht eigener Anstrengungen, um durch „Gesetzeswerk“ in irgendeine Stellung zu gelangen. Jeder wahre Gläubige bildet einen Teil der Braut Christi, und darum schuldet er ihm auch die Zuneigung, die diesem Verhältnis entspricht. Nicht als ob man infolge der Zuneigung in das Verhältnis eingetreten wäre; wohl aber folgt die Zuneigung aus dem Verhältnis.

Lass es so sein, o Herr, bei deinem ganzen Volk, das du liebst und mit deinem eigenen Blut erkauft hast.

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