Was wahr ist in IHM und in euch

1. Johannes 2

Vers 1

Der alte Apostel nennt die Heiligen hier voller Liebe: „Meine Kinder“. Er hat ihnen über Gemeinschaft mit dem Vater geschrieben, damit ihre Freude völlig sei (1,4). Dann hat er ihnen aber auch gezeigt, dass Gott Seinem Wesen nach Licht ist (1,5); sie sollten dessen eingedenk bleiben, auf dass sie nicht sündigten (2,1). Die Gläubigen sind Teilhaber des ewigen Lebens; sie müssen nicht mehr sündigen, nicht einmal mehr in Gedanken – selbst eine solche Sünde unterbräche ja die Gemeinschaft.

Aber „wenn jemand gesündigt hat“, das heißt, wenn der Fall eingetreten ist und es nicht mehr um die Frage geht, wie er vermieden werden kann, so haben wir einen Sachwalter bei dem Vater.

Er sagt hier: „Wenn jemand gesündigt hat“, und nicht: „Wenn jemand sündigen wird“. Der Apostel bezieht sich auf eine vollendete Tatsache und nicht sozusagen auf eine Vorsorge für die Zukunft; denn er hat ja ausdrücklich erwähnt: „Ich schreibe euch dieses, auf dass ihr nicht sündiget.“

Der Sachwalter vertritt uns und beschäftigt sich mit unserem Fall vor Gott. Er ist nicht ein Fürsprecher vor einem Richter, sondern „bei dem Vater“. Er befindet sich dort zugunsten derer, die in einer unauflöslichen Beziehung zum Vater stehen.

Dieser Sachwalter ist Jesus Christus, der Gerechte: Jesus Christus, der sich für uns dahingegeben hat, ist in den Augen Gottes der Gerechte. Aus Kapitel 1,9 geht hervor, dass Gott gegenüber Christo gerecht ist, wenn Er uns vergibt, weil Christus eine vollkommene Erlösung zustande gebracht hat. Hier nun ist Er der Gerechte vor Gott.

Er ist die Sühnung für unsere Sünden. Da wird die Seite des Werkes am Kreuze erwähnt, durch die Gott völlig verherrlicht worden ist und die dem Sünder Zutritt zu Ihm verschafft hat. Das Opfer Christi hat Gott die Möglichkeit gegeben, gnädig zu sein. Es ist bemerkenswert, dass diese Seite des Kreuzes hier vor uns gestellt wird. Ja, Gott ist im Kreuze Christi verherrlicht worden, unabhängig davon, wie viele Seelen dadurch errettet werden.

Vers 2

„Er ist die Sühnung für unsere Sünden“. Der Unterschied zwischen der Sühnung und der Stellvertretung wird uns im Bilde der beiden Böcke des Versöhnungstages dargestellt (3. Mose 16): Der eine war für Jehova, der andere für das Volk. Es geht hier um Sühnung, die sich nicht nur auf die Juden oder auf uns, sondern auf die ganze Welt erstreckt. Das Werk Christi wird hier gemäß dem ganzen Anteil, den Gott daran nimmt, vor uns hingestellt.

In Johannes 13, wo uns geschildert wird, wie der Herr die Füße Seiner Jünger wusch, und auch in der Geschichte des Petrus, sind uns eindrückliche Bilder gegeben, um uns zu zeigen, wie Christus uns gegenüber handelt, wenn wir gesündigt haben. Bevor Petrus fiel, hatte Jesus schon für ihn gebetet, und als er Ihn verleugnete, blickte der Herr ihn an. Dieser Blick brachte bei dem Jünger tiefe Busse hervor. Am Tage der Auferstehung erschien der Herr vor allen anderen Brüdern dem Petrus (1. Kor 15,5). Später prüfte der Herr in Anwesenheit der Jünger das Herz des Petrus und stieg bis zur Wurzel des Bösen hinab – denn Petrus hatte gesagt: „Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern“ (Mt 26,33) – um ihn wiederherzustellen und ihm Seine Schafe anzuvertrauen (Joh 21).

Der erste Teil des Briefes endigt bei Kapitel 2,2. Er zeigt uns zuerst, was das ewige Leben, das uns mitgeteilt wurde, an sich ist und wozu wir es empfangen haben: Zum Zwecke der Gemeinschaft und völligen Freude (Verse 1–4). Dann folgt eine Botschaft, um uns die Natur Gottes, mit der wir in Gemeinschaft sind, erkennen zu lassen und um uns zu zeigen, wie ein fehlbares Wesen daran teilhaben kann (Verse 3–10). Schließlich wird das Mittel erwähnt, das Gott anwendet, um die Gemeinschaft zwischen Ihm und uns aufrecht zu halten oder wiederherzustellen (2,1–2).

Das Leben offenbart sich durch seine Früchte (Kap. 2,3–12)

In diesem Briefe sind die Gegenstände häufig so ineinander verschlungen, dass es oft schwierig ist zu sagen, wo der eine endigt und der andere beginnt. Auch in dem Abschnitt, der uns jetzt beschäftigt, ist es so. Er zeigt uns, dass das ewige Leben, das wir besitzen, seitens der Welt nur an seinen Früchten erkannt werden und sich nur auf diese Weise zeigen kann. Im dritten Kapitel wird dieses Thema, von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, wieder aufgenommen.

Verse 3–6

Jesus Christus, der Fleisch gewordene Sohn Gottes, ist das ewige Leben in Person. Das Wesen des ewigen Lebens in uns muss daher Seinem Leben entsprechen: „Wer da sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt hat.“ Aus diesem Grunde sind die Erklärungen des Apostels hinsichtlich der sichtbaren Früchte dieses Lebens in uns so uneingeschränkt, so ohne jeden Abstrich.

Die „Gebote“ sind die im Worte niedergelegten Äußerungen des Willens Gottes, denen wir uns unterwerfen. Wie Christus hienieden durch Gehorsam und Liebe charakterisiert war, sollen auch wir es sein.

Die Art und Weise, wie das Leben in Christo hienieden zum Ausdruck gekommen ist, ist auch für uns bindend. In einem weiteren Sinne sind also auch die Äußerungen Seines Lebens für uns verpflichtende „Gebote“, denen wir zu gehorchen haben, auch wenn sie uns nicht in Form von Anweisungen und Ermahnungen gegeben sind. „Seine Gebote halten“ ist der alleinige Beweis, dass man Seine Weise zu denken, zu fühlen und zu handeln kennt, Man kennt Ihn so, weil man Sein Leben besitzt.

„Wandel“ (Vers 6) ist umfassender als „Gehorsam“ (Vers 3). Wandel ist das allgemeine Betragen. Er soll durch Gehorsam und Liebe, aber auch durch eine völlige Abhängigkeit gekennzeichnet sein. Das neunte Kapitel im vierten Buche Mose ist eine vorzügliche Illustration dieser Abhängigkeit im Wandel. Erhob sich die Wolke, so brachen die Kinder Israel auf; stand sie still, so hielten auch sie an; verweilte sie, so lagerten sie sich (Verse 15–23). Diese Ausdrücke werden dort mehrmals wiederholt, um eindrücklich zu machen, was gewohnheitsmäßige Abhängigkeit vom Herrn ist. Die Bewegung oder die Ruhe der Wolke war das Gebot Gottes für Israel. „Die Kinder Israel warteten der Hut Jehovas“, das heißt, sie beobachteten das, was für Jehova zu beobachten war. So war es auch in vollkommener Weise bei Christus, dem wahren Israel, gegenüber Gott der Fall. Das Geheimnis unseres Wandels besteht in der Gegenwart des Herrn mit uns. Um die Abhängigkeit zu verwirklichen genügt es, unsere Augen auf Seine Person gerichtet zu halten, wie Israel, das seinen Wandel nach der Wolke richtete, dem sichtbaren Zeichen der persönlichen Gegenwart Jehovas unter Seinem Volke.

Außer dem Gehorsam und der Abhängigkeit ist auch das Vertrauen eines der unentbehrlichen Elemente unseres Wandels. Das ganze Leben Christi als Mensch auf dieser Erde ist in dem Wort zusammengefasst: „Auf dich vertraue ich.“ In den Psalmen werden wir unaufhörlich darauf hingewiesen, dass das Vertrauen ein Merkmal Seines Wandels und des Wandels der Treuen ist.

Wir sahen, dass, wenn wir das ewige Leben besitzen, es sich auch zeigen und durch gewisse Charakterzüge ausweisen muss. Wenn ich im Ungehorsam wandle, kann ich dann behaupten, das Leben zu besitzen? Bei dieser Selbstprüfung müssen alle die falschen Anmaßungen eines toten Bekenntnisses fallen. Daher begegnen wir in diesen Kapiteln so oft den Ausdrücken: „Wenn wir sagen“ oder „wer da sagt“. Im christlichen Leben muss Wirklichkeit sein; ohne praktische Wirklichkeit ist unser Christentum wertlos, es ist dann nicht die Offenbarung des ewigen Lebens. Wir leben dann das Leben des Fleisches und nichts anderes.

Johannes stellt absolute Grundsätze vor uns hin, jedoch nicht, damit wahre Kinder Gottes zu zweifeln beginnen, ob sie das ewige Leben besitzen; denn am Ende des Briefes sagt er: „Dies habe ich euch geschrieben, auf dass ihr wisset, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubet an den Namen des Sohnes Gottes“ (5,13). Er will vielmehr uns alle dazu führen, dass wir in uns selbst zwischen der Frucht des ewigen Lebens und dem Leben des Fleisches unterscheiden lernen, indem wir zur Quelle zurückgehen. (Das Wort „wir wissen“ ist in allen Episteln der besondere Ausdruck für die christliche Gewissheit, In diesem kurzen Briefe kommt er 14 Mal vor.)

Zu diesem Zwecke haben wir das Wort Gottes nötig, weil wir uns unmöglich aus uns selbst beurteilen können, Der Apostel setzt keine Vermischung voraus; die göttliche Natur kann sich niemals mit der sündigen Natur in uns verbinden. Ohne das Wort wären wir geneigt, fortwährend die Möglichkeit einer solchen Vermischung vorauszusetzen und uns so über unseren wahren Zustand hinwegzutäuschen.

Es gibt einen Unterschied zwischen „seine Gebote halten“ (Vers 3) und „sein Wort halten“ (Vers 5). Die Gebote sind einzelne Willenskundgebungen Gottes, das Wort aber ist der Ausdruck aller Seiner Gedanken. Die Gebote sind einzelne Offenbarungen des ewigen Lebens, das Wort aber fasst alle Gebote zusammen. Sobald wir Sein Wort halten, bewahren wir die Ganzheit des göttlichen Lebens. Darum wird hinzugefügt: „In diesem ist wahrhaftig die Liebe Gottes vollendet.“

Vers 7

Im Gegensatz zu den Geboten (Vers 3) wird hier von einem Gebot geredet, das alle anderen übertrifft: Die Liebe. Es gibt andere Gebote wie Heiligkeit, Gerechtigkeit usw.; aber das hervorragende Gebot ist die Liebe; sie ist die Erfüllung des Gesetzes und fasst dessen Gebote alle zusammen (Röm 13,8–10).

Es gibt nur zwei Begriffe, die das eigentliche Wesen Gottes zum Ausdruck bringen: Er ist Licht und Liebe. Bei den andern Begriffen handelt es sich um Seine Eigenschaften. Es wird uns gesagt: Gott ist heilig, nicht aber: Gott ist Heiligkeit; Gott ist gerecht, nicht aber: Gott ist Gerechtigkeit.

Das „alte Gebot“ war von Anfang des Christentums an. Damit ist die Liebe in Christo gemeint, die volle Offenbarung des göttlichen Lebens in Ihm. Es gab nichts, was über das alte Gebot hinausging. Beim Kommen des Herrn in diese Welt begann die Offenbarung der Liebe. Im Augenblick, als das kleine Kind in der Krippe lag, war die Liebe Gottes da. Da war sie wie eine sich öffnende Blume. Am Kreuze aber erstrahlte sie in ihrer ganzen Fülle und Schönheit.

Die Empfänger des Briefes hatten im Anfang durch den Apostel das alte Gebot, das Wort Gottes gehört und dadurch die ganze Offenbarung dessen vernommen, was Gott in Christo war, der sagen konnte: Ich bin „durchaus das, was ich auch zu euch rede“ (Joh 8,25), das heißt der volle Ausdruck der Liebe.

Vers 8

Nachdem der Apostel von dem alten Gebot geschrieben hatte, schrieb er ihnen wiederum ein „neues Gebot“. Das ist kein Widerspruch zu Vers 7. Er hat zum alten Gebot nichts hinzuzufügen; das Neue daran besteht nur darin, dass die göttliche Natur, von der er spricht, auch uns mitgeteilt worden ist. Das Gebot ist in dem Sinne neu, dass auch wir jetzt das ewige Leben besitzen, das zuerst nur in Christo war, sich dann aber uns kundgetan und mitgeteilt hat.

Dieses „Wort“ (Vers 7) trägt unverzüglich Frucht. Sie besteht darin, einander zu lieben. Wir wissen es: Nichts kann mit dem Band der Liebe verglichen werden, denn sie ist die Natur Gottes selbst, Wenn wir uns in dieser Welt begegnen, so erkennen wir sehr bald dieses Unzerstörbare, das in unsere Herzen ausgegossen ist. Die Welt kennt solches nicht, ganz im Gegenteil; was diese charakterisiert, ist die Bezeichnung: „verhasst und einander hassend“.

Der Apostel fügt hinzu: „Was wahr ist in ihm und in euch“. Die Wahrheit der neuen Natur, die dem Wesen nach Liebe ist, ist in uns ebenso wirklich wie in Ihm. Wenn die Kinder Gottes jetzt das in Christo hienieden dargestellte Leben, das Licht ist, ebenfalls besitzen, so hat als Folge davon die Finsternis in der Welt, die diesem Leben entgegensteht, angefangen zu vergehen. Das wahrhaftige, himmlische Licht leuchtet schon durch die, welche das Leben und den Geist haben.

Verse 9–11

Hier sehen wir uns einer Behauptung gegenübergestellt. „Wer da sagt, dass er in dem Lichte sei und hasst seinen Bruder, ist in der Finsternis bis jetzt.“ Dieses Wort mag vor allem christliche Bekenner betreffen, aber wie richtet es auch uns! Wenn sich in unseren Herzen gegenüber unsern Brüdern etwas anderes findet als Liebe – wahre Liebe kann nicht von der Wahrheit getrennt werden – wenn Feindschaft und Gefühle des Hasses vorhanden sind, so hat die Finsternis unsere „Augen verblendet“.

Ist die Liebe aufrichtig, so ist unser Weg im Licht. Das geht aus 1. Thessalonicher 3,12–13 hervor. Offenbart jemand Liebe, so ist kein Ärgernis in ihm; er gibt keinen Anlass zum Anstoß. Die wahre Liebe geht nicht ohne Licht voran: „Die Liebe freut sich mit der Wahrheit“.

Vers 12

Dieser 12. Vers: „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen“ schließt den Gegenstand ab, den wir betrachtet haben. Er zeigt uns, dass sich dieser Brief an Kinder Gottes (und an Bekenner, die sich zu ihnen zählen) richtet; mit ihnen, nicht mit der Welt als solcher, hat es der Apostel zu tun. Das ist sehr wichtig, denn oft werden Stellen dieses Briefes, wie z. B. Kapitel 1,9, auf Unbekehrte angewandt. Dadurch ersetzt man aber den Glauben durch das Bekenntnis der Sünden und zerstört damit in den Seelen die wahre Erkenntnis des Evangeliums.

Beachten wir auch, dass diese Epistel sich nicht, wie man vielleicht meinen könnte, an besonders fortgeschrittene Christen richtet, sondern an jedes Kind Gottes, in welchem Grad des Wachstums es auch sei. Das Wort „Kinder“ umfasst alle Gläubigen. Man sagt oft, die erste Epistel des Johannes sei schwer zu verstehen, und dabei ist sie doch für solche geschrieben, die sich ganz einfach der Vergebung ihrer Sünden erfreuen, als einem der Ergebnisse des Werkes Christi, das die Seele zuerst erkennen lernt.

Die Familie Gottes (2,13–27)

Die Verse 13–27 dieses Kapitels bilden einen eingeschobenen Abschnitt; der nachfolgende 28. Vers schließt sich an den 12. Vers an. Diese Einschaltung ist sehr wichtig. Wenn sie nicht da wäre, könnte man meinen, es werde von allen „Kindern“ erwartet, dass sie auf derselben Stufe der Erkenntnis und der Darstellung des ewigen Lebens stehen.

Das geistliche Wachstum

In der Familie Gottes, die aus „Kindern“ besteht (Vers 12) unterscheidet der Apostel drei Klassen, in denen sich die Darstellung des Lebens, wie auch die ihnen entgegenstehenden Gefahren voneinander unterscheiden. Ein „Kindlein“ kann das Leben, das es besitzt, noch nicht in der Weise kundtun, wie ein „Vater“; es muss sich zuerst geistlich entwickeln, und diese Entwicklung soll sich bis zum Masse des vollen Wuchses der Fülle des Christus fortsetzen.

Das Leben muss genährt werden. Eine Pflanze, die nicht getränkt wird, verliert Blumen und Blätter und scheint tot zu sein; wird sie aber begossen, zeigt sie wieder Leben und Wachstum.

Es gibt Fälle, wo diese geistliche Entwicklung fehlt oder wo im Wachstum ein Stillstand eintritt, so dass solche Christen in geistlicher Hinsicht ihr Leben lang „Kindlein“ bleiben. In Hebräer 5, wo der Apostel von dem so hohen Gegenstand des Hohenpriestertums redet, fügt er bei: „Über diesen haben wir viel zu sagen, und was mit Worten schwer auszulegen ist, weil ihr im Hören träge geworden seid. Denn da ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, bedürfet ihr wiederum, dass man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind; und ihr seid solche geworden, die der Milch bedürfen und nicht der festen Speise“ (Verse 11.12). Bei ihnen war eine rückläufige Bewegung eingetreten. Man sieht diese Erscheinung auch in der Natur: Ein kleines Kind, das schon lange gehen konnte, kann durch längere Krankheit das Gehen wieder verlernen und muss nachher wieder von vorne anfangen.

Den Korinthern musste der Apostel schreiben: „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christo. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht, aber ihr vermöget es auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich“ (1. Kor 3,1–3). Die Korinther waren bis dahin im Zustand von „Kindlein“ geblieben; der Apostel konnte ihnen nur Christum als gekreuzigt predigen, und nicht einen Christus in der Herrlichkeit, weil sie praktisch nicht verwirklichten, dass ihr alter Mensch mit Christo gekreuzigt worden war.

In 1. Petrus 2 liegt die Sache anders. Dort lesen wir: „Wie neugeborene Kindlein seid begierig nach der vernünftigen, unverfälschten Milch, auf dass ihr durch dieselbe wachset zur Errettung“ (Vers 2). Hier handelt es sich nicht um einen Vorwurf, nicht um Stillstand im Wachstum, nicht um Rückschritt, sondern um den normalen Zustand aller Christen. Die Milch ist die einzige vollständige Nahrung, und in diesem Sinne ist das Wort Gottes die Milch, durch die der Christ allein bis zum Masse des vollen Wuchses der Fülle des Christus wachsen kann.

Wir wissen, dass wir dieses Maß hienieden nicht erreichen, aber wir sollen uns darin nie aufhalten lassen, bis wir es in der Herrlichkeit erlangen.

Wenn wir mit dem Herrn in der Herrlichkeit sind, werden wir etwas erreicht haben, das wir bis dahin nicht gekannt hatten: Wir werden Ihm gleich sein (1. Joh 3,2). Ich meine dabei nicht den Zwischenzustand der Seele nach dem Tode, der unvollkommen ist, sondern den Zustand, in den wir gelangen, wenn wir mit verherrlichten Leibern bei Ihm sind. Hienieden werden wir ihm nie gleich sein, aber wir können jetzt schon nach Seinem Bilde von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt werden, von einem Widerschein der Vollkommenheit Christi zum andern (2. Kor 3,18). Das Ende dieser Verwandlung erreichen wir, wenn wir Ihm gleich sein werden, dann also, wenn wir Ihn sehen, wie Er ist.

Die Väter (Verse 13.14)

Den Vätern sagt der Apostel: „Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist.“ Sie erkennen Ihn in Seiner Offenbarung als das Fleisch gewordene Wort, wie Er im Anfang des Christentums als Mensch hienieden war. Sie haben den Herrn Jesus, der gekommen ist, um das ewige Leben zu offenbaren und mitzuteilen, zum Gegenstand. Sie erkennen Ihn, besitzen dasselbe Leben wie Er und sind fähig, dieses Leben in der Welt darzustellen. Diesem ist nichts hinzuzufügen. Unser ganzes Herz soll sich nach dieser Erkenntnis Christi ausstrecken, der in Seinem Wandel von Anfang an Gott und das ewige Leben geoffenbart hat. Wir lesen hier: „Der von Anfang ist“; das Zeitwort „sein“ ist der Ausdruck der Göttlichkeit: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14). Jedes Mal, wenn du aus dem Munde des Herrn dieses Wort „Ich bin“ vernimmst, begegnest du Gott.

Wenn Paulus schreibt: „Seid zusammen meine Nachahmer, wie ihr uns zum Vorbilde habt“ (Phil 3,17), so sagt er dies als „Vater“, als Vorbild eines Menschen, der nur Christum zum Gegenstand hat. – Auch Johannes ist ein solches Beispiel. Er hat Den erkannt, der von Anfang ist. Damit ist vor allem die Vertrautheit mit Seiner Person gemeint. In dem Masse, wie die Christen zum Zustand von „Vätern“ heranreifen, werden sie ein schönes Beispiel von solchen, die hauptsächlich mit der Person Christi beschäftigt sind. In dieser Beziehung vereinfacht sich ihr Christentum mehr und mehr. Sie fühlen sich ganz besonders von den Evangelien und Psalmen angezogen: Die Evangelien beschreiben Christum in Seinem äußeren Leben der Heiligkeit, des Vertrauens, des Gehorsams, der Abhängigkeit, der Kraft, der Demut, der Hingabe und der Liebe, während die Psalmen von dem reden, was dabei in Seinem Herzen Gott gegenüber vor sich ging.

Die Erkenntnis der „Väter“ hinsichtlich der Person Christi erstreckt sich ohne Zweifel über das hinaus, was Er in dieser Welt gewesen ist, also auch auf Seine Stellung im Himmel, wie sie in den Briefen des Apostels Paulus beschrieben wird. Aber man darf diese Wahrheiten nicht in die Briefe des Johannes hineintragen. Dieser spricht von der Offenbarung Gottes und des ewigen Lebens auf der Erde. Es geht hier darum, das Fleisch gewordene Wort, das unter den Menschen wohnte, und das, was Er hienieden gewesen ist, zu erkennen, damit auch wir Seine Wesenszüge in zunehmendem Masse an den Tag legen.

Die Jünglinge

Die „Jünglinge“ haben zu kämpfen, um sich die Erkenntnis ihrer Vorrechte und Segnungen in Christo anzueignen und darin gegründet zu werden. Sie gleichen den Kindern Israels beim Einzug ins Land. Nachdem diese den Jordan überschritten hatten, mussten sie kämpfen, um das Land einzunehmen und die Macht Satans zu überwinden, der sich der Einnahme widersetzte. So wird auch hier den „Jünglingen“ zugerufen: „Ihr habt den Bösen überwunden.“

Weil die „Jünglinge“ neu im Kampfe sind, müssen sie sich besonders mit den verschiedenen Lehrfragen beschäftigen, wie sie in den Briefen behandelt werden. Die „Väter“ hingegen haben für sich selbst das Gebiet der Vorrechte und Segnungen schon eingenommen; sie haben mehr darüber zu wachen, dass ihnen dieser Besitz nicht entrissen werden kann, und was könnte sie besser dazu befähigen, als ein Leben der innigen Vertrautheit mit dem Herrn?

Der christliche Kampf hat zwei Seiten. Er besteht:

1. in der Besitznahme der himmlischen Örter.

Unser Kampf ist wider die geistlichen Mächte der Bosheit, die sich dort finden und uns den Eintritt in dieses gute Land, aus dem sie verjagt werden sollen, verwehren wollen.

2. im Kampf zur Befreiung unserer Brüder.

Wenn in unserem Herzen Liebe ist, werden wir suchen, unsere Brüder aus der Gebundenheit an die Welt und ihre Grundsätze zu befreien, ein Kampf, an dem sich nicht nur die „Väter“, sondern auch die „Jünglinge“ beteiligen sollen. Das war es, was Abraham seinem Bruder Lot gegenüber tat. Als er hörte, dass Lot gefangen weggeführt worden sei, rückte er mit seinen 318 Männern aus, um wider das Heer der Könige zu kämpfen und seinen Bruder zu befreien. – Die Befreiung einer Seele aus einem solchen Joch ist etwas überaus Kostbares; aber bei Vielen, die daran gewöhnt sind, geht der Wunsch, davon befreit zu werden, verloren. Ihr natürliches Herz führt sie immer wieder dorthin zurück; das Irdische und die Welt hat mehr Wert für sie, als Christus und die Freiheit. „Wir gedenken der Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, der Gurken und der Melonen und des Lauchs und der Zwiebeln und des Knoblauchs; und nun ist unsere Seele dürre; gar nichts ist da. Nur auf das Man sehen unsere Augen“ (4. Mose 11,5.6). - Solche Christen weisen unsere Anstrengungen zu ihrer Befreiung mit dem Hinweis ab, dass für sie der christliche Kampf nur im Verkündigen des Evangeliums bestehe. Gewiss ist der Kampf des Evangeliums etwas unendlich Wichtiges und Gesegnetes (Phil 1,7.27.30), aber der Apostel kämpfte auch für die Versammlung (Kol 1,24.29; 2,1). – Viele haben nur einen schwachen Begriff von dem, was Evangelium überhaupt ist. Sie begrenzen es auf die Vergebung der Sünden, die den Heiden oder den völlig Ungläubigen verkündet wird. Paulus war bereit, den Brüdern in Rom (1,15) das Evangelium zu predigen, und sein Brief an jene Versammlung, worin sich die Belehrung bis zur Befreiung des Gläubigen in Christo, mit allen ihren Folgen, steigert, gibt uns einen Begriff vom ausgedehnten Inhalt seines Evangeliums. Nach Kolosser 1,5.23 gehört auch „die Hoffnung, die für euch aufgehoben ist in den Himmeln“ dazu.

Den „Jünglingen“ sagt Johannes: Ihr seid stark. – Wie können wir diese Kraft verwirklichen? Paulus bekannte: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“. Gideon betrachtete sich als den Schwächsten in Manasse und als den Kleinsten im Hause seines Vaters. Aber der Engel sagte zu ihm: „Gehe hin in dieser deiner Kraft“, d. h. in der Kraft, die ihm das Wort des Engels gegeben hatte. Bevor er in den Kampf ging, war also sein „Ich“ beiseite gesetzt worden, eine wichtige Voraussetzung für den Sieg! Wir sehen hier die wahre Quelle der Kraft: Ihr seid stark, weil „das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt.“ Was die „Jünglinge“ kennzeichnet, ist nicht nur die Erkenntnis des Wortes, sondern auch, dass es in ihnen bleibt.

Der Herr Jesus hat uns gezeigt, wie der christliche Kampf geführt werden soll. Als Er in der Wüste von Satan versucht wurde, antwortete Er ihm durch das Wort; damit hat Er den Starken gebunden.

Verse 15–17

Die große Gefahr für die „Jünglinge“ sind die Lüste, die Satan durch die Welt in ihnen weckt. Darum ermahnte der Apostel den jungen Timotheus: „Die jugendlichen Lüste aber fliehe.“

„Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist.“ Es gilt, den Bösen und die Welt in uns zu überwinden. Man kann den Sieg über die Welt als Ganzes davongetragen haben und nachher durch das versucht werden, was sie uns im Einzelnen wieder vor die Augen stellt.

Alles, was die Welt uns anbietet, besteht in Lüsten. Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen: Die Lust des Fleisches, die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens. Nur auf diesen drei Anfahrtsstrassen kann sich der Feind unserer Festung nahen. Lasst uns also aufmerksame Wachtposten aufstellen! Beim Fall des ersten Menschen stellte ihm Satan diese drei Dinge in einer einzigen verbotenen Frucht vor Augen (1. Mose 3,6), und auf diese drei Grundsätze hat Satan in der Folge das große System der Welt aufgebaut.

„Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm“, weil er sich einem System zuneigt, das dem Vater völlig entgegengesetzt ist. Die Welt und der Vater, der Teufel und der Sohn, das Fleisch und der Geist sind einander entgegengesetzt.

„Die Welt vergeht und ihre Lust.“ Sie wird vollständig verschwinden und nichts wird davon übrig bleiben. Wir aber, die wir in das Reich des Sohnes Seiner Liebe versetzt worden sind, gehören einer anderen Welt an. „Wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“, bezieht sich zwar auf alle Christen, aber hier wendet sich der Apostel besonders an die „Jünglinge“, die sich Seinem Worte unterwerfen. Sie bleiben in Ewigkeit, wie das Wort selbst, auf das sie sich stützen.

Die Kindlein (Verse 18–19)

Den „Kindlein“ sagt der Apostel: „Kindlein, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist.“

Mit „Stunde“ ist eine Zeitperiode gemeint (Joh 5,25.28). Diese Worte wollen nicht sagen, dass wir beim letzten Augenblick der Weltgeschichte angelangt seien; aber wir befinden uns in der „letzten“ Zeitperiode, die durch die Ankunft des Antichristen, des Menschen der Sünde, gekennzeichnet ist, und sein Geist prägt sich jetzt schon in vielen Menschen aus. Im Johannes-Evangelium wird das Wort „kommen“ immer wieder in Verbindung mit dem Herrn gebrauchen hier aber im Zusammenhang mit dem Menschen der Sünde, dem falschen Christus, der sich als der Messias darstellen wird (vgl. 2. Thes 2,9). – Das Antichristentum ist aus dem hervorgegangen, was am meisten Licht empfangen hat. Die falschen Lehrer haben in der Regel ihren Ursprung im Träger des Zeugnisses Gottes. So ist es auffallend, dass die antichristlichen Lehren hauptsächlich aus dem Protestantismus hervorgekommen sind und nicht aus dem Katholizismus, der trotz seines Aberglaubens und Götzendienstes heute noch in manchen Punkten die Lehre des Christus und Seiner Göttlichkeit unangefochten lässt.

Verse 20–21

Die Kindlein „wissen alles“. Das ist das Ergebnis der Salbung des Heiligen Geistes. Wie wir durch die Versiegelung mit dem Heiligen Geiste (Eph 1,13) die Gewissheit des Erbes haben und es im voraus genießen, als solche, die das Unterpfand dafür besitzen – so haben wir durch die Salbung die Erkenntnis von allem. Das will nicht sagen, dass die „Kindlein“ tatsächlich und praktisch alles wissen, aber sie haben den Heiligen Geist als Quelle und Fülle der göttlichen Erkenntnis in sich, der sie über alles belehrt. Wir haben den Geist, der aus Gott ist, empfangen (Salbung), auf dass wir die Dinge (d. h. Sein Wort) kennen, die uns von Gott geschenkt sind (1. Kor 2,12).

Die Tatsache der Salbung ist für die „Kindlein“ von großer Bedeutung; denn für sie ist die Gefahr sehr groß: Wenn ein Antichrist auftritt und ihnen falsche Lehren gelehrt werden, was würde da aus ihnen werden, wenn sie nicht in sich selbst einen Lehrer besäßen, der sie die Lüge erkennen und verwerfen lehrte? Sie haben die Salbung von dem Heiligen; die Erkenntnis ist da und sie können dadurch in jedem Augenblick aus dem Worte der Wahrheit schöpfen. Diese Salbung bleibt in ihnen, und sie bedürfen nicht dass jemand sie belehre (Vers 27). Das ist der Sinn dieser Stelle; es handelt sich also nicht um eine schon empfangene Erkenntnis aller göttlichen Wahrheiten.

Man kann jeden Tag die Beobachtung machen, dass einfache Personen im allgemeinen das Böse besser unterscheiden als andere, die einen hohen Grad der Erkenntnis erreicht haben, und es ist für die „Kindlein“ eine große Ermunterung zu wissen, dass sie in den bösen Zeiten, durch die wir gehen und inmitten der Schlingen des Antichristentums sich dem Irrtum fernhalten können, weil sie die Salbung haben.

Jeder für sich hat diese Salbung, aber es ruht auch eine Salbung auf dem Ganzen. „Wie das köstliche Öl auf dem Haupte, das herabfließt auf den Bart, auf den Bart Aarons, das herabfließt auf den Saum seiner Kleider“ (Ps 133,2) Die Heiligen sind wie der Saum des Kleides des Hohenpriesters. Es gibt eine Salbung, die alles, was das Zeugnis des Christus ausmacht, mit Christo verbindet.

Die Gläubigen werden hier als eine arme kleine Herde betrachtet, die von den verschiedensten Gefahren umgeben und unfähig sind, ihnen zu begegnen. Johannes blickt auf diese schwachen Schafe inmitten der Wölfe und sagt ihnen gleichsam: Fürchtet euch nicht; lasst euch nicht einreden, ihr seiet zu jung oder zu unwissend, um zu verstehen, oder ihr seiet unfähig, die Dinge zu ergründen, weshalb ihr dies anderen überlassen solltet, – Nein, die Führer können selber vom Weg abirren und werden dann auch die Schafe irreführen. Ihr „Kindlein“ habt die Salbung, und das Wort ist euch gegeben, damit ihr treu bleiben könnt. Wendet euch nur an das Wort; die bösen Geister, die sich Gott widersetzen, sind darin völlig entlarvt, so dass man sie leicht erkennen kann (Verse 22–23). Dieses Unterscheidungsvermögen ist an die Erkenntnis des Wortes Gottes gebunden: „Ich habe euch nicht geschrieben, weil ihr die Wahrheit nicht wisset, sondern weil ihr sie wisset, und dass keine Lüge aus der Wahrheit ist“ (Vers 21).

Verse 22–23

„Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der da leugnet, dass Jesus der Christus ist?“ Das zeigt den jüdischen Charakter des Antichristen: Dieser „kommende“ Mensch wird Den, der „gekommen“ ist, zu beseitigen suchen, um sich an Dessen Platz zu setzen! Der Antichrist wird sich anmaßen, den Dienst Christi neu zu beginnen. Aber er begnügt sich nicht damit, Christum zu verwerfen und sich selbst als den Messias darzustellen; er leugnet auch den Vater und den Sohn. Am Anfang des vierten Kapitels kommt der Apostel in besonderer Weise auf den Geist des Antichristen zurück: „Viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen. ... Jeder Geist, der nicht Jesum Christum im Fleische gekommen bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichrists“ (Verse 1 und 3). Zu leugnen, dass Jesus Christus im Fleische gekommen ist, geht viel weiter, als die Leugnung, dass Er der Christus ist. Es gibt nur eine einzige Person, von der man sagen kann, dass sie im Fleische gekommen ist, und das ist Gott. Wir hingegen sind aus dem Fleische geboren; das Fleisch war unsere Natur und unsere Persönlichkeit. Aber der Antichrist leugnet das fleischgewordene Wort und auch, dass Gott in der Person Christi auf die Erde gekommen ist. Er sagt gewissermaßen: „Jener war ein falscher Messias; ich bin der wahre Christus, ich bin es, der Gott ist“, und er wird sich anbeten lassen.

Solcher Art ist die schreckliche Entwicklung, die das Böse einschlagen wird, und wir sehen schon heute in einem großen Teil der protestantischen Christenheit ihre bösen Vorläufer. Gehen heute nicht viele schon so weit, dass sie in irgendeiner Form die Göttlichkeit Christi antasten? Wohl behauptet dieses so genannte Christentum, Christum zu verehren, aber wenn es leugnet, dass in dieser Person Gott im Fleische gekommen ist, ist seine Behauptung eine Lüge.

Wer dieses Gift eingesogen hat, verlässt den Boden des Heils: „Wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (Joh 3,18).

Im vierten Kapitel wird noch ein zweites Merkmal des Antichristentums genannt: „Wer Gott kennt, hört uns; wer nicht aus Gott ist, hört uns nicht“ (4,6). Mit diesem „uns“ sind die Apostel, die Träger des Wortes, gemeint, die die Offenbarungen, durch die das Wort vervollständigt worden ist, empfangen haben. Um den Antichrist einzuführen, hat Satan angefangen, das durch die Apostel mitgeteilte Wort zu untergraben. Auf diese Weise werden die Seelen dem Bösen gegenüber wehrlos. Raubt man ihnen das Wort, so entzieht man ihnen die Wahrheit; denn es steht geschrieben: „Dein Wort ist Wahrheit.“ Wenn ein „Kindlein“ das Wort nicht mehr hat, so hat es nichts; und wenn ein Geist sich nicht auf das Wort Gottes stützt, ist es ein Geist des Irrtums (4,6).

Vers 24

Der Apostel fügt hinzu: „Ihr, was ihr von Anfang gehört habt, bleibe in euch.“ Er sagt nicht: „Was ihr heute gehört habt.“ Das ist für alle Christen eine äußerst wichtige Ermahnung. Er redet zu diesen „Kindlein“ nicht wie zu den Vätern. Für sie handelt es sich nicht darum, Den zu erkennen, der von Anfang ist, sondern darum, auf Ihn zu hören. Für sie geht es um Sein Wort. Was ihnen die Apostel, die von Anfang an mit dem Herrn gewesen waren, übermittelt hatten, das sollten sie bewahren. Dieses Wort aber war die Offenbarung des Vaters über Seinen Sohn; das Festhalten daran bewahrte sie vor dem Antichristen; so blieben sie in dem Sohne und in dem Vater. Eine Seele, die in Einfalt dem Herrn und Seinem Wort anhängt, ist vor jeder Gefahr geschützt.

Verse 25–27

Weshalb fügt Johannes hier die Worte hinzu: „Und dies ist die Verheißung, welche er uns verheißen hat: Das ewige Leben“? Sein Wort hören, in dem Sohne und in dem Vater bleiben, das ewige Leben haben – das alles gehört zusammen. Es war wichtig, diesen Kindlein zu zeigen, dass sie das ewige Leben in demselben Masse besaßen, wie die übrigen Glieder der Familie Gottes. Das ewige Leben ist eine der so überaus großen und kostbaren Verheißungen, die uns gegeben worden sind, auf dass wir durch diese Teilhaber der göttlichen Natur würden (2. Pet 1,4). Diese Verheißungen umfassen das Leben, die Vergebung, die Gabe des Heiligen Geistes, die Gerechtigkeit, das Erbe, die Herrlichkeit. Im Neuen Testament (siehe z. B. auch Heb 11,13 und die soeben angeführte Stelle in 2. Pet 1) ist sehr oft die Verheißung selbst das, was verheißen ist.

Das ewige Leben wird nicht immer als eine gegenwärtige Sache betrachtet; manchmal wird davon gesprochen als von einer künftigen Offenbarung dessen, was wir sein werden. So ist es in den Schriften des Paulus und des Judas. (Vgl. Römer 6,22; Judas 21). Johannes aber sagt uns, dass wir das ewige Leben haben, und dass dieses Leben in dem Sohne ist. Dieses Leben bringt uns in Beziehung zu Gott und gibt uns die Möglichkeit, in dieser Welt zu wandeln, wie Christus selbst gewandelt hat.

Diese großen Dinge zu kennen, ist nicht alles. Wir sind auch berufen, in Ihm zu bleiben. „Bleiben“ ist die praktische Verwirklichung der Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Sohne. Wir gleichen der Rebe, die am Weinstock bleiben muss, um die ganze eigene Substanz aus Ihm zu ziehen; nur wenn sie am Weinstock bleibt, wird der Saft durch sie fließen.

Schließlich ist zu beachten, dass diese Kindlein trotz ihrer Schwachheit sehr reich sind. Sie haben den Vater (Vers 13), den Sohn (Vers 23), den Heiligen Geist (Vers 20), das Wort (Vers 21 und 24), die Wahrheit (Vers 27) und das ewige Leben (Vers 25). Sie besitzen diese Dinge und brauchen nur entsprechend der empfangenen Belehrung in Ihm zu bleiben.

Vers 28

Der Gegenstand der verschiedenartigen Kundgebung des ewigen Lebens in der Familie Gottes ist mit dem 27. Vers abgeschlossen. Der 28. Vers bezieht sich wieder auf den 12. Vers. Der Apostel rechnet damit, dass die „Kindlein“ in Ihm bleiben würden (Vers 27). Hier aber ermahnt er die „Kinder“, also alle, deren Sünden durch den Namen Christi vergeben sind, in ihm zu bleiben. Zu welchem Zweck? Auf dass wir, die Apostel, die für euch arbeiteten und euch verkündigten, was wir gesehen und gehört haben, die Frucht unserer Arbeit nicht verlieren. Das ist eine Ermahnung, welche die Christen oft vergessen. Man denkt im Allgemeinen wenig an den Verlust, den die Diener, die für den Herrn gearbeitet haben, durch unsere Untreue erleiden können. Wenn die Seelen, die sie zu Ihm geführt haben, untreu wandeln, so ist die Frucht ihrer Arbeit verloren. Auch diesen Beweggrund sollten die Gläubigen in ihrem Wandel in Betracht ziehen. Man findet diesen selben Gedanken auch im 8. Vers des 2.Johannesbriefes: „Sehet auf euch selbst, auf dass wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangen.“

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