Betrachtung über Römer (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über Römer (Synopsis)

Nachdem er die große Wahrheit festgestellt hat, dass Gott echte moralische Güte forderte, betrachtet er die Stellung der Juden. Konnten sie nicht eine besondere göttliche Gunst vorschützen? War da kein Vorteil im Judentum? Sicherlich, denn sie besaßen die Aussprüche Gottes. Die Wege Gottes waren an sich voller Segen, obwohl das die unveränderlichen Wahrheiten Seiner Natur nicht änderte. Auch wenn viele unter ihnen nicht glaubten, so änderte das nicht die Treue Gottes; und die Tatsache, dass der Unglaube der Vielen die Treue Gottes, der Derselbe blieb, was sie auch sein mochten, um so mehr hervorhob, schmälerte in nichts die Ansprüche der Gerechtigkeit. Die Ungläubigen sollten je nachdem, was sie waren, bestraft werden; das würde die nie versagende Treue Gottes nur verherrlichen, welche niemals versagte, wie vergeblich das für die Masse der Nationen auch sein mochte. Sonst könnte Er niemand richten, nicht einmal die Welt (die der Jude gern gerichtet sehen möchte); denn auch der Zustand der Welt hob die Treue Gottes Seinem Volk gegenüber hervor und rückte sie in den Vordergrund. Wenn also der Jude Vorzüge hatte, war er deshalb besser? Durchaus nicht. Alle wurden zusammen, ob Juden oder Nationen, unter die Sünde eingeschlossen, wie Gott schon kundgetan hatte 1.

Der Apostel führt nun das Alte Testament an, um dies in Bezug auf die Juden zu beweisen, die es in Bezug auf die Nationen nicht leugneten, worauf er auch schon hingewiesen hatte. Das Gesetz gehört euch, sagt er. Ihr rühmet euch dessen, dass es sich ausschließlich auf euch bezieht. Sei es so; hört nun, was es über das Volk, über euch selbst sagt. Es redet zu euch, wie ihr zugebt. Also gibt es unter euch keinen einzigen Gerechten, auf den Gott vom Himmel hernieder schauen kann. Er führt Psalm 14,2+3  und Jesaja 59,7+8  an, um das Gericht, das durch jene Aussprüche, deren sie sich rühmten, über sie ausgesprochen war, darzustellen. So wurde jeder Mund verstopft, und die ganze Welt war schuldig vor Gott. Deshalb kann kein Fleisch aus Gesetzeswerken vor Gott gerechtfertigt werden; denn wenn die Welt sich in der Finsternis in Sünde wälzte, so kam durch Gesetz die Erkenntnis der Sünde.

Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

Deshalb finden wir, dass nicht nur der Zustand der Nationen und der Juden dargestellt wird, zusammen mit den großen unveränderlichen Grundsätzen von Gut und Böse, welcherart das Verfahren Gottes auch sein mochte, sondern die Wirkung des Gesetzes selbst und dessen, was durch das Christentum betreffs der Gerechtigkeit eingeführt wurde - ganz und gar außerhalb des Gesetzes, obwohl es durch das Gesetz und die Propheten bezeugt wurde. Mit einem Wort: die ewige Wahrheit betreffs der Sünde und der Verantwortlichkeit des Menschen, die Wirkung des Gesetzes, der Zusammenhang des Alten Testaments mit dem Christentum, der wahre Charakter des letzteren in dem, was sich auf Gerechtigkeit bezieht (nämlich dass sie etwas ganz Neues und Unabhängiges ist), die Gerechtigkeit Gottes Selbst - die ganze Frage zwischen dem Menschen und Gott in Bezug auf Sünde und Gerechtigkeit ist in Bezug auf ihre Grundlage in diesen wenigen Worten erledigt. Jetzt wird von der Weise, wie dies erfüllt wird, die Rede sein 2.

Es ist die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesum Christum. Der Mensch hat sie nicht vollbracht, der Mensch hat sie nicht erworben. Sie ist aus Gott, sie ist Seine Gerechtigkeit, durch den Glauben an Jesum Christum wird ein Anteil an ihr erworben. Wenn das eine menschliche Gerechtigkeit gewesen wäre, so wäre sie durch das Gesetz geworden, das die Satzung der Gerechtigkeit ist - eines Gesetzes, das nur den Juden gegeben war. Da es aber die Gerechtigkeit Gottes Selbst war, stand sie in Beziehung zu allen: ihre Reichweite umfasste das eine nicht mehr als das andere. Es war die Gerechtigkeit Gottes „gegen alle“. Ein Jude stand nicht näher in Beziehung zur Gerechtigkeit Gottes als einer aus den Nationen. Sie war tatsächlich weltweit in ihrem Ausblick und in ihrer Anwendbarkeit. Eine Gerechtigkeit Gottes für den Menschen, weil kein Mensch irgendwelche für Gott hatte - sie wurde auf alle, die an Jesum glaubten, angewandt. Überall, wo Glaube war, da wurde sie angewandt. Der Gläubige besaß sie. Sie war gegen alle und auf alle, die an Jesum glaubten. Denn es war kein Unterschied, alle hatten gesündigt, und erreichten nicht die Herrlichkeit Gottes 3, dieser Herrlichkeit beraubt, wurden sie umsonst durch Seine Gnade gerechtfertigt, und zwar durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist. Ob ein Jude oder einer aus den Nationen, er war ein sündiger Mensch; die Gerechtigkeit war die Gerechtigkeit Gottes; die Güte Gottes war es, was sie schenkte, die Erlösung in Christo Jesu war das göttliche Mittel, an ihr teilzuhaben 4.

Vor der Vollendung dieser Erlösung hatte Gott im Hinblick auf sie geduldig Nachsicht geübt gegen die Treuen, und Seine Gerechtigkeit wurde klar erwiesen, indem Er ihnen vergab. Weiterhin wurde aber die Gerechtigkeit selbst erwiesen: wir kommen zu Christo als zu einem von Gott vor die Menschen gestellten Gnadenstuhl, und wir finden auf ihm das Blut, das uns freien Zutritt zu Gott in Gerechtigkeit gibt - zu Gott, dessen Herrlichkeit durch das von Jesu Christo vollbrachte Werk befriedigt ist, was durch Sein Blut auf dem Gnadenstuhl bezeugt wird. Es ist nicht mehr „Nachsicht“ - Gerechtigkeit ist erwiesen, so dass Gott als gerecht gesehen wird, indem Er den rechtfertigt, welcher des Glaubens an Jesum ist. Wo ist dann der Ruhm? Denn die Juden rühmten sich viel vor den Nationen - die Selbstgerechtigkeit rühmt sich immer: es gibt kein Gesetzeswerk, welches dies ausschließen kann. Wenn der Mensch sich durch seine Werke rechtfertigen könnte, hätte er etwas zum Rühmen. Es ist dieses Gesetz des Glaubens, dieser göttliche Grundsatz, auf den wir gestellt worden sind, der dies ausschließt: denn durch das Werk eines Anderen, ohne Gesetzeswerke, können wir durch die Gnade an der göttlichen Gerechtigkeit teilhaben, da wir ja keine eigene haben.

Sind Gott denn Grenzen gesetzt - ist Er denn nur der Gott der Juden 5? Nein; Er ist auch der Gott der Nationen. Und wie? In Gnade: dieweil es ein einiger Gott ist, der die Juden (die Gerechtigkeit suchen) nach dem Grundsatz des Glaubens rechtfertigt, und da Rechtfertigung nach dem Grundsatz des Glaubens gewährt wird, wird der Gläubige aus den Nationen auch durch Glauben gerechtfertigt. Die Menschen werden durch Glauben gerechtfertigt; so also wird der Gläubige aus den Nationen gerechtfertigt. In Bezug auf den Juden ist es der festgelegte Grundsatz (denn sie suchten die Gerechtigkeit). Was den aus den Nationen betrifft, wurde er (da im angenommenen Falle Glaube da war) gerechtfertigt, denn Rechtfertigung fußte auf diesem Grundsatz.

Ist es denn so, dass der Glaube die Autorität des Gesetzes aufhob? Das sei ferne! Er bestätigte vollständig das Gesetz; er gab dem Menschen aber einen Anteil an der göttlichen Gerechtigkeit, während seine gerechte und totale Verurteilung durch das Gesetz (als er unter ihm war) anerkannt wird - eine Verurteilung, die eine andere Gerechtigkeit erforderlich machte, da der Mensch nach dem Gesetz keine hatte - keine eigene Gerechtigkeit. Das Gesetz forderte Gerechtigkeit, es zeigte aber das Vorhandensein der Sünde. Wenn die Gerechtigkeit, die das Gesetz forderte, nicht nötig gewesen wäre (wenn es sie im Menschen nicht hervorzubringen vermochte), so wäre keine andere nötig gewesen. Nun bestätigte der Glaube diese Notwendigkeit und auch die Richtigkeit der Verurteilung des Menschen unter dem Gesetz, und zwar dadurch, dass er dem Menschen einen Anteil an dieser anderen Gerechtigkeit gab, die aus Gott ist. Das, was das Gesetz forderte, konnte es nicht geben; und selbst weil es dies forderte, versagte der Mensch, es hervorzubringen. Wenn es gegeben worden wäre, wäre die Verpflichtung aufgehoben. Gott handelt in Gnade, wenn die Verpflichtung des Gesetzes in der Verurteilung völlig aufrechterhalten wird. Er gibt Gerechtigkeit, weil man sie haben muss. Er hebt die Verpflichtung des Gesetzes nicht auf, nach der der Mensch total verurteilt wird 6, sondern während Er die Gerechtigkeit dieser Verurteilung anerkennt und bestätigt, verherrlicht Er Sich in Gnade, indem Er dem Menschen göttliche Gerechtigkeit gewährt, als er keine menschliche Gerechtigkeit in Verbindung mit den ihm vom Gesetz auferlegten Verpflichtungen besaß, um sie vor Gott darzustellen. Nichts gab dem Gesetz eine solche göttliche Bestätigung wie der Tod Christi, der seinen Fluch trug, uns aber nicht unter ihm ließ. Also hebt der Glaube das Gesetz nicht auf: er bestätigt völlig seine Autorität. Er zeigt den Menschen, dass er unter dem Gesetz gerecht verurteilt ist, und hält die Autorität des Gesetzes in dieser Verurteilung aufrecht, denn er hält alle, die unter dem Gesetz sind, für solche, die dem Fluche verfallen sind 7.

Der Leser wird bemerken, dass das, was deutlich gegen Ende dieses dritten Kapitels dargestellt wird, das Blut Christi ist, wie es auf die Sünden des alten Menschen angewendet wird, und deshalb wird die Vergebung zu einer gerechten Sache gemacht, der Gläubige wird von Sünden erlöst, weil er durch das Blut Christi gereinigt ist. Dieses begegnete der ganzen Schuld des alten Menschen.

Jetzt gehen wir zu einem anderen Anblick dessen über, was rechtfertigt, aber immer noch Sünden beweist; wir werden also noch nicht an den neuen Platz gesetzt - an den der Auferstehung, wenn er auch mit ihr verbunden und ihre Folge ist.

Fußnoten

  • 1 Man beachte hier einen sehr wichtigen Grundsatz, dass es positive Vorzüge der Stellung dort gibt, wo keine innere Veränderung ist. Vergleiche Römer 11,17 mit 1.Korinther 10.
  • 2 Römer 3,21 greift eigentlich auf Römer 1,17 zurück; das Dazwischenliegende ist eine Darstellung der Grundlage von Römer 1,18, die die Gerechtigkeit von Vers 17 unbedingt erforderlich machte.
  • 3 Beachte wie, da Gott geoffenbart war, die Sünde durch die Herrlichkeit Gottes gemessen wird. Wir sind so gewöhnt, diese Worte zu lesen, dass wir ihre Bedeutung übersehen. Wie sonderbar zu sagen: „Erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes!“ Der Mensch möchte sagen: natürlich ist das so; doch moralisch gesagt, ist diese geoffenbart worden, und wenn man nicht vor ihr und ihr gemäß stehen kann, können wir vor Gott überhaupt nicht bestehen. Natürlich geht es nicht um die Ihm eigne Herrlichkeit, da kommen natürlich alle Geschöpfe zu kurz, sondern um diejenige, die Seiner Gegenwart angemessen und für sie passend war und vor Seinem Angesicht bestehen konnte. Wenn wir dort nicht geziemend stehen können, „in dem Lichte wandeln, wie er in dem Lichte ist“ - können wir überhaupt nicht bei Gott sein. Es gibt jetzt keinen Vorhang.
  • 4 Um zu zeigen, wie vollständig diese Unterweisung Pauli ist, gebe ich hier eine Zusammenfassung ihrer Bestandteile. An sich ist es die Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Betreffs ihrer Anwendung ist sie die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesum Christum gegen alle und auf alle, die da glauben. Christus wird zu einem Gnadenstuhl (Sühnungsmittel) dargestellt durch den Glauben an Sein Blut, zur Erweisung dieser Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden (Abrahams usw.) unter der Nachsicht Gottes, aber zur Erweisung Seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass Er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesum ist.
  • 5 Siehe hier wieder, wie Gott in Sich Selbst offenbar wird. Vergleiche Matthäus 15,19-28.
  • 6 Das Gesetz ist an sich die vollkommene Regel von Recht und Unrecht für jedes Kind Adams, obwohl es nur den Juden gegeben wurde. Es war aber nicht willkürlich. Es erfasste alle Beziehungen, in denen die Menschen standen, gab in Bezug auf sie eine vollkommene Satzung, und ihnen selbst die Bestätigung der Autorität Gottes, verbunden mit einer Strafbestätigung. Jetzt haben wir aber etwas viel Höheres - nicht das, was der Mensch sein sollte, sondern Gott Selbst ist verherrlicht.
  • 7 Diejenigen, die Christen dem Gesetz unterstellen, bewahren mithin nicht seine Autorität, denn sie halten sie für aus seinem Fluch ausgenommen, obwohl sie es übertreten.
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