Betrachtung über Römer (Synopsis)

Kapitel 9

Betrachtung über Römer (Synopsis)

Es bleibt noch eine wichtige Frage zu erörtern, nämlich wie diese Errettung, die sich gemeinsam auf die Juden und die Nationen bezieht, die beide Gott entfremdet waren - diese Lehre, dass es keinen Unterschied gibt - mit den den Juden gegebenen besonderen Verheißungen zu vereinbaren ist. Der Beweis ihrer Schuld und ihres Zusammenbruchs unter dem Gesetz berührte die Verheißungen eines treuen Gottes nicht. Wollte der Apostel diese hinweg tun, um die aus den Nationen auf denselben Boden zu stellen? Sie ließen es nicht daran fehlen, den Apostel zu beschuldigen, er hätte sein Volk und dessen Vorrechte verachtet. Die Kapitel 9,10 und 11 beantworten diese Frage, und zwar mit seltener und bewunderungswürdiger Vollkommenheit legen sie die Stellung Israels in Bezug auf Gott und das Evangelium dar. Diese Antwort öffnet an sich eine weite Tür der Einsicht in die Wege Gottes.

Der Apostel beginnt damit, dass er sein tiefes Interesse an der Segnung Israels bekräftigt. Ihr Zustand war für ihn eine Quelle beständiger Trauer. Weit davon entfernt sie zu verachten, liebte er sie genau so wie Mose sie geliebt hatte. Er hatte gewünscht, um ihretwillen durch einen Fluch von Christo entfernt zu sein 1.

Er erkannte an, dass alle bis dahin von Gott gegebenen Verheißungen ihnen gehörten. Er lässt aber nicht gelten, dass das Wort Gottes hinfällig geworden sei, und er erbringt den Beweis des freien unumschränkten Willens Gottes, dem entsprechend Er die aus den Nationen nach Seiner Wahl zulassen konnte, ohne die den Juden gegebenen Verheißungen zu schmälern.

Zuerst kam diese Wahrheit im Schoße der Familie Abrahams ans Licht. Die Juden behaupteten ihr ausschließliches Recht auf die Verheißungen kraft ihrer Abstammung von ihm, und dass sie ihre Verheißungen rechtmäßig und ausschließlich besitzen dürften, weil sie von ihm abstammten. Nicht alle aber, die aus Israel sind, diese sind Israel, noch waren sie alle Kinder, weil sie Abrahams Same waren; denn in diesem Falle hätte Ismael angenommen werden müssen, die Juden wollten das aber unter keinen Umständen hören. Also war Gott unumschränkt. Es könnte aber eingewendet werden, dass Hagar eine Magd war. Aber der Fall Esaus schloss auch diesen rettenden Gedanken aus. Dieselbe Mutter gebar beide Söhne von einem Vater, Gott aber hatte Jakob erwählt und Esau verworfen. Somit war es nach dem Grundsatz des unumschränkten Willens und der Auswahl, wonach Gott beschlossen hatte, dass der Same in der Familie Isaaks berufen werden sollte. Bevor Esau und Jakob geboren wurden, erklärte Gott, dass der Größere dem Kleineren dienen würde. Die Juden müssen also die Unumschränktheit Gottes in Bezug auf diesen Punkt anerkennen.

Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Er erklärte Moses deutlich Seinen unumschränkten Willen zum Guten als Grundsatz. Dies ist das erste aller Rechte. In welchem Fall aber hatte Er dieses Recht ausgeübt? In einem Fall, der sich auf das Recht Israels auf Segnung bezog, dessen sich die Juden zu bemächtigen suchten. Ganz Israel wäre verworfen worden, wenn Gott in Gerechtigkeit gehandelt hätte; es gab nichts als nur die Unumschränktheit Gottes, was eine Tür des Entrinnens sein könnte. Gott zog Sich in Seine Unumschränktheit zurück, um den zu verschonen, den Er wollte, und so hatte Er Israel verschont (Gerechtigkeit hätte sie auch gleichermaßen verdammt, wo sie rund um das goldene Kalb, das sie zur Anbetung aufgestellt hatten, versammelt waren) - dies auf der Seite der Barmherzigkeit; auf der Seite des Gerichts diente Pharao als Beispiel. Als Feind Gottes und Seines Volkes verachtete er die Ansprüche Gottes, indem er sich hochmütig wider Ihn erhob: „Wer ist Jehova, auf dessen Stimme ich hören soll, Israel ziehen zu lassen? Ich kenne Jehova nicht, und auch werde ich Israel nicht ziehen lassen.“ Da Pharao in diesem Zustand war, gebraucht ihn Jehova, um ein Beispiel Seines Zornes und Gerichts zu geben. Damit erweist Er dem Barmherzigkeit, dem Er will, und verhärtet, wen Er will. Der Mensch beklagt sich darüber wie auch über die Gnade, die frei und umsonst rechtfertigt.

Was Rechte anbelangt, so vergleiche man die Rechte Gottes mit denen des gefallenen Geschöpfes, das wider Ihn gesündigt hat. Wie darf ein Mensch, der aus Ton gemacht ist, wider Gott zu sprechen wagen? Der Töpfer hat die Macht, mit der Masse zu verfahren wie er will. Keiner darf zu Gott sprechen: „Was tust du?“ Gottes Unumschränktheit ist das erste aller Rechte, die Grundlage aller Rechte, die Grundlage aller Moral. Wenn Gott nicht Gott ist, was soll Er denn sein? Die Wurzel der Frage ist dies: Soll Gott den Menschen richten, oder der Mensch Gott? Gott kann tun, was irgend Er will. Er ist nicht der Gegenstand des Richtens. Das ist Sein Recht; wenn aber der Apostel die zwei Fälle, Zorn und Gnade, darstellt, so schildert er den Fall, wo Gott einem solchen Langmut erweist, der schon zum Zorn zubereitet ist, um schließlich den Menschen ein Beispiel Seines Zornes beim Ausüben Seiner Gerechtigkeit zu geben; dann aber den Fall, wo Gott den Reichtum Seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Begnadigung, die Er Selbst zur Herrlichkeit zuvorbereitet hat, kundtut. Hier werden diese drei Punkte mit wunderbarer Genauigkeit festgestellt: die Macht, alles zu tun, da niemand das Recht hat, ein Wort zu sagen; wunderbare Langmut mit dem Bösen, an dem Sein Zorn schließlich erwiesen wird; die Erweisung Seiner Herrlichkeit an Gefäßen, die Er Selbst durch Barmherzigkeit zur Herrlichkeit zuvorbereitet hat und die Er nach der Kundmachung Hoseas, sei es aus den Juden oder aus den Nationen, berufen hat.

So ist die festgestellte Lehre die Unumschränktheit Gottes, die Ansprüche der Juden auf den ausschließlichen Genuss aller Verheißungen abzubrechen, den Nachkommen Abrahams; denn mehr als einer unter seinen Nachkommen war durch das Ausüben dieser Unumschränktheit ausgeschlossen worden, es war aber nichts Geringeres als diese Unumschränktheit, die bei der Gelegenheit des goldenen Kalbes diejenigen verschonte, die das Recht der Abstammung für sich beanspruchten. Es war also notwendig, dass der Jude dies erkannte, oder dass er den ldumäern wie auch den lsmaelitern volle Rechte einräumen musste, selbst aber auf sie verzichten, die Familien Moses und Josuas vielleicht ausgenommen. Wenn aber die Unumschränktheit Gottes solcherart war, würde Er sie jetzt zugunsten derer aus den Nationen wie auch der Juden ausüben. Er berief, wen Er wollte.

Wenn wir diese Zitate aus Hosea näher betrachten, werden wir finden, dass Petrus, der allein an die bekehrten Juden schreibt, nur die Stelle aus dem Ende von Hosea 2 nimmt, wo Lo-Ammi und Lo-Ruchama zu Ammi und Ruchama werden. Auch Paulus führt das an, was am Ende von Hosea 1 steht, wo es heißt: „An dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: ihr seid nicht mein Volk, wird zu ihnen gesagt werden: Kinder des lebendigen Gottes.“ Es ist diese letzte Stelle, die er auf die durch Gnade aus den Nationen Berufenen anwendet.

Weitere Schriftstellen aus den Propheten bestätigen reichlich das Urteil, das der Apostel über die Juden ausspricht. Jesaja erklärte förmlich, dass, wenn Gott ihnen nicht einen gar kleinen Samen übrig gelassen hätte, sie Sodom und Gomorra gleich geworden wären; wie zahlreich das Volk auch war, so sollte nur ein Überrest errettet werden, denn Gott würde eine abgekürzte Sache im Gericht auf Erden tun. Und hier war der moralische Zustand der Dinge: die aus den Nationen erlangten die Gerechtigkeit, nach der sie nicht gestrebt hatten, und zwar aus Glauben; Israel aber, das danach strebte, sie durch die Erfüllung des Gesetzes zu erlangen, war nicht zur Gerechtigkeit gelangt. Warum? Weil sie sie nicht aus Glauben, sondern aus Gesetzeswerken suchten. Denn sie hatten sich an dem Stein des Anstoßes gestoßen (d. h. an Christo), wie geschrieben steht: „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses, und wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden.“

Fußnoten

  • 1 In seiner Pein hatte Mose gesagt: „Lösche mich doch aus deinem Buche.“ Paulus blieb in seiner Liebe nicht hinter ihm zurück.
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