Einführender Vortrag zum Römerbrief

Kapitel 3

Einführender Vortrag zum Römerbrief

Folglich wird am Anfang von Kapitel 3 die Frage gestellt: Wenn es so ist – was ist dann der Vorteil des Juden? Welchen Wert hat es, zum beschnittenen Volk Gottes zu gehören? Der Apostel gibt zu, dass dieses Vorrecht groß ist, insbesondere weil die Juden die göttlichen Schriften besaßen. Aber er wendet diese Begründung gegen jeden Prahler. Wir brauchen hier nicht auf die Einzelheiten einzugehen. Doch wir sehen schon bei oberflächlicher Betrachtung, dass der Apostel alles auf eine Sichtweise hinführt, die für jede Seele von tiefstem Interesse ist. Er beschäftigt sich mit den Juden im Licht ihrer eigenen Schriften (V. 9–19). Beriefen sich die Juden auf den Grundsatz, dass sie die einzigen seien, welche das Wort Gottes – das Gesetz – besaßen? Das stimmte durchaus und vollkommen. An wen wandte sich das Gesetz? Sicherlich an solche, die sich unter demselben befanden. Es sprach demnach in ernster Weise von den Juden. Die Juden rühmten sich, dass das Gesetz von ihnen redete, dass die Heiden kein Recht daran hätten und dass es von letzteren Anmaßung sei, das, was Gottes auserwähltem Volk gehört, sich anzueignen. Der Apostel wendet dieses Rühmen in göttlicher Weisheit an: „Dann dient euer Grundsatz zu eurer Verdammung!“ Alles, was das Gesetz sagt, spricht es zu denen, die sich unter demselben befinden. Was lehrt seine Stimme? Es gibt keinen Gerechten, keinen, der Gutes tut, keinen, der Verständnis hat! Von wem verkündet es dies? Nach ihrem eigenen Bekenntnis von den Juden! Jeder Mund wird verstopft. Bei den Juden geschieht dies durch ihre eigenen Aussprüche, die sie von Gott empfangen haben, bei den Nichtjuden durch ihre offensichtlichen Abscheulichkeiten, die wir schon betrachteten. Die ganze Welt ist vor Gott schuldig.

So wurden uns in Kapitel 1 die Heiden als offenkundig böse und hoffnungslos bis zur untersten Stufe sittlich verdorben gezeigt. Wir sahen den sittlichen Dilettantismus der Philosophen, welche keinen Deut besser in den Augen Gottes sind – eher schlechter. Wir erkannten den Juden, wie er von der Verdammung durch die göttlichen Aussprüche, derer er sich besonders rühmte, überflutet wurde – ohne wahre Gerechtigkeit und umso schuldiger wegen seiner speziellen Vorrechte. Nachdem so alles offen vor Augen liegt, kann jetzt die wahre christliche Botschaft, das Evangelium Gottes, eingeführt werden. „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten“ (V. 20–21).

Hier nimmt der Apostel wieder einen Begriff auf, den er schon im ersten Kapitel erwähnt hat: Die Gerechtigkeit Gottes. Auf die Kraft dieses Ausdrucks möchte ich noch einmal eure Aufmerksamkeit richten. Es ist nicht die  Barmherzigkeit Gottes. Viele Menschen haben diese Auffassung verfochten, und zwar zu ihrem eigenen Schaden und zur Abschwächung des Wortes Gottes. „Gerechtigkeit“ bedeutet niemals Barmherzigkeit – auch die „Gerechtigkeit Gottes“ nicht. Das Wort meint nicht das, was Christus traf, sondern was aufgrund seines Werkes dargereicht wird. Zweifellos brach das göttliche Gericht über Ihn herein. Doch dies ist nicht die Art und Weise, wie der Apostel den Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ in irgendeinem Teil seiner Schriften und noch weniger hier verwendet, obwohl wir wissen, dass es keine Gerechtigkeit Gottes geben könnte, die den Gläubigen rechtfertigt, wenn Christus nicht das Gericht Gottes getragen hätte. Der Ausdruck spricht von jener Gerechtigkeit, die Gott gewähren kann wegen des Sühnungswerks Christi. Kurz gefaßt: Die Bedeutung liegt genau in dem, was die Wörter sagen: „Gerechtigkeit  Gottes“, und zwar „durch Glauben an Jesum Christum“ (V. 22).

Das hat natürlich überhaupt nichts mit dem Gesetz zu tun, obwohl es durch das Gesetz und die Propheten bezeugt worden ist; denn das Gesetz mit seinen Bildern hat diese neue Art von Gerechtigkeit vorausgesehen. Auch die Propheten hatten von ihr Zeugnis abgelegt und gesagt, dass sie kommen wird, aber noch nicht da sei. Jetzt war sie indessen offenbar geworden und nicht nur verheißen oder vorhergesagt. Jesus war gekommen und gestorben. Jesus war zum Sühnopfer geworden. Jesus hat das Gericht Gottes getragen, indem Er die Sünden auf sich nahm. Jetzt konnte die Gerechtigkeit Gottes kraft seines Blutes sich entfalten. Gott war nicht nur zufriedengestellt. Ihm war sogar Genugtuung geschehen. Aber das Werk Christi geht weit darüber hinaus. Es hat Gott sowohl gerechtfertigt als auch verherrlicht. Durch das Kreuz empfing Gott eine noch höhere sittliche Herrlichkeit als vorher – eine Herrlichkeit, die Er, wenn ich so sagen darf, auf diese Weise erworben hat. Natürlich ist Er im absoluten Sinn derselbe vollkommene und unveränderliche gute Gott. Doch seine Vollkommenheit hat sich in einer neuen und noch herrlicheren Weise im Tod Christi geoffenbart – in Ihm, der sich selbst erniedrigte und sogar gehorsam war bis zum Tod am Kreuz.

Darum gibt es für Gott nicht das geringste Hindernis mehr, um zu offenbaren, was Er kann und was Er ist in barmherzigem Eintreten für den Schlimmsten der Sünder. Er enthüllt dies als seine Gerechtigkeit „durch Glauben an Jesum Christum gegen alle und auf alle, die da glauben.“  Der erste Ausdruck redet von der Richtung, der zweite von der Anwendung. Die Richtung weist „gegen alle“, die Anwendung richtet sich natürlich nur „auf alle, die da glauben.“  Dennoch gilt sie für  alle, die glauben. Soweit es um die angesprochenen Personen geht, gibt es kein Hindernis. Juden und Nichtjuden sind da keineswegs unterschieden, wie ausdrücklich gesagt wird: „Denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes, und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist; welchen Gott dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, daß er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesum ist“ (V. 23–26). Keine unvoreingenommene Seele kann sich der eindeutigen Aussagekraft dieses letzten Ausdrucks entziehen. Der Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ bedeutet, dass Gott gerecht ist, während Er gleichzeitig den Gläubigen in Christus Jesus rechtfertigt. Es ist  seine Gerechtigkeit oder, in anderen Worten, seine vollkommene Übereinstimmung mit sich selbst, welche immer in dem Wort „Gerechtigkeit“ eingeschlossen ist. Er stimmt mit sich selbst überein, wenn Er Sünder rechtfertigt oder – genauer gesagt – alle jene, die an Jesus glauben. Er vermag dem Sünder zu  begegnen, doch Er  rechtfertigt ausschließlich den Glaubenden. Letzteres beschneidet keinesfalls seine Herrlichkeit. Es offenbart sie vielmehr noch tiefer und hält sie in vollerer Kraft aufrecht, als wenn es niemals Sünde oder Sünder gegeben hätte.

So furchtbar anstößig Sünde für Gott auch ist und unentschuldbar in einem Geschöpf, ist es dennoch die Sünde, welche die Gelegenheit liefert, in erstaunenswerter Weise die göttliche Gerechtigkeit in der Rechtfertigung von Sündern zu entfalten. Es handelt sich nicht einfach um Gottes Barmherzigkeit. Eine solche Auffassung schwächt diese Wahrheit gewaltig ab und verdreht ihren Charakter vollständig. Die Gerechtigkeit Gottes entströmt natürlich seiner Barmherzigkeit; doch ihr Charakter und ihre Grundlage ist die Gerechtigkeit. Christi Werk der Erlösung ist es wert, dass Gott im Evangelium so handelt, wie Er es tut. Bedenke noch einmal: Hier geht es nicht um Sieg; denn dieser würde dem menschlichen Stolz einen Platz einräumen. Die Stelle spricht nicht von einer Seele, die ihre Schwierigkeiten überwindet, sondern von einem Sünder, der sich der Gerechtigkeit Gottes unterwirft. Gott ist es, der aufgrund seiner unendlichen Verherrlichung durch den Herrn, welcher unsere Sünden durch sein eigenes Opfer gesühnt hat, unsere Sünden vergibt. Er erwartet nicht unseren Sieg. Sein Weg mit uns, um uns zum Sieg zu führen, gehört hier gar nicht zum Thema. Er vergibt uns durch den Glauben an Jesus und sein Blut. Gott erweist sich auf diese Weise in göttlicher Übereinstimmung mit sich selbst in Christus Jesus, den Er „dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben an sein Blut.“

Folglich sagt der Apostel, dass Rühmen und Werke durch diesen Grundsatz völlig beiseitegesetzt sind, welcher bestätigt, dass Glaube, unabhängig von Werken des Gesetzes, unser Verhältnis zu Gott bewirkt hat (V. 27–28). Darum ist die Tür gleicherweise für Juden und Nichtjuden offen. Aus der Tatsache, dass Gott ihm das Gesetz gegeben hatte, welches das Maß dessen enthielt, was Gott vom Menschen forderte, schloß der Jude, Gott sei ausschließlich für Israel. Dieser Gedanke lag einem Heiden fern. Aber solche Vorstellungen verschwinden jetzt völlig. So wie ein Heide unzweifelhaft gottlos und sittlich verdorben war, genauso war ein Jude nach den ausdrücklichen Anschuldigungen des Gesetzes ganz und gar schuldig vor Gott. Daher dreht sich nun alles darum, was Gott für den Menschen ist und sein kann, so wie Er sich im Evangelium geoffenbart hat, und nicht, was der Mensch für Gott sein sollte. Dies hält sowohl die Herrlichkeit als auch die sittliche Allgemeinverbindlichkeit dessen aufrecht, der die Beschneidung nicht durch das Gesetz, sondern durch Glauben rechtfertigt und die „Vorhaut“ durch ihren Glauben, wenn sie an das Evangelium glaubt. Das schwächt in keinster Weise den Grundsatz des Gesetzes. Im Gegenteil, die Lehre vom Glauben bestätigt das Gesetz wie nichts sonst. Der Grund dafür ist leicht zu verstehen: Wenn jemand schuldig ist und hofft, trotz des gebrochenen Gesetzes errettet zu werden, dann kann das nur auf Kosten des Gesetzes geschehen, welches seine Schuld verurteilt. Das Evangelium hingegen behandelt die Sünde keineswegs mit Nachsicht, sondern offenbart vielmehr, wie vollkommen jede Sünde verdammt wird, indem sie dem zugerechnet wurde, der sein Blut in der Sühne vergoß. Die Lehre vom Glauben, welche auf dem Kreuz beruht, bestätigt das Gesetz, anstatt es zu missachten, wie es jeder andere Grundsatz getan hätte. (V. 27–31).

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