Ährenlese im Neuen Testament (Römer)

Kapitel 9-12

Ährenlese im Neuen Testament (Römer)

Römer 9,1–18

Die Kapitel 1–8 erinnern uns an die Geschichte des verlorenen Sohnes: seine Sünde war überströmend gewesen, die Gnade aber ist noch überschwenglicher. Mit dem Kleid der Gerechtigkeit bekleidet, ist er im Haus seines Vaters nicht ein «Tagelöhner» geworden, sondern geniesst mit ihm nun eine vollständig wiederhergestellte freie Beziehung (Lukas 15,11–32). In den Kapiteln 9–11 geht es nun um den «älteren Bruder», d.h. um das jüdische Volk, um seine natürlichen Vorrechte und auch um seine Eifersucht. Wie der Vater im Gleichnis, möchte der Apostel Israel zu verstehen geben, was die allumfassende Gnade ist. Sie ist nicht an erbliche Vorteile gebunden. Nicht alle Nachkommen Abrahams waren Kinder der Verheissung. Esau, zum Beispiel, dieser Ungöttliche, hat die Segnung nicht erben können, obwohl er Jakobs Zwillingsbruder war. Und Gott hat über ihn dieses schreckliche Wort ausgesprochen: «den Esau habe ich gehasst». Können wir bezweifeln, dass Gottes Liebe nicht zuerst alle Mittel erschöpft hat? Denken wir nur an die Tränen, die der Herr Jesus über das schuldige Jerusalem geweint hat (Lukas 19,41), ein Schmerz, der im Herzen des Apostels ein ergreifendes Echo findet (Verse 2 und 3). Wiederholen wir es: Nicht die Geburtsrechte sind es, die irgend jemandem das Heil durch Gnade zusichern. Kinder christlicher Eltern, denkt an diese ernste Tatsache!

Römer 9,19–33

In ihrem vermessenen Unglauben, wagen es die Menschen, Gott nach ihrem eigenen Massstab zu beurteilen: Wenn Er am Ende doch das tut, was Er will-sagen manche – wofür macht Er uns dann noch verantwortlich? (Vers 19). Jeder mag leben, wie er will – fügen sie hinzu – wenn er zuvorbestimmt ist, wird er früher oder später gerettet werden; wenn er aber nicht auserwählt ist, werden alle seine Anstrengungen sein endgültiges Los nicht ändern. Und diesem falschen Standpunkt folgen andere Fragen, wie diese: Ist es nicht ungerecht, die einen auserwählt zu haben, und die andern nicht? Wenn Gott im voraus das Los der Verlorenen kannte, warum hat Er sie dann erschaffen? – Wie kann ein guter Gott sein Geschöpf dem Unglück preisgeben? – Dieses Kapitel lehrt uns, dass Gott kein «Gefäss» zur Unehre (oder zum Zorn: Verse 21,22) zubereitet hat. Er hat sie im Gegenteil «mit vieler Langmut ertragen» – und erträgt sie heute noch (Vers 22). Aber es sind die Sünder, die sich selbst fortwährend für das ewige Verderben zubereiten.

Eine Antwort können wir sicher allen Zweiflern geben: Gott hat euch gerufen, euch, die ihr sein Wort in Händen habt. Er hat auch aus euch ein Gefäss der Barmherzigkeit machen wollen. Nur eure Ablehnung kann Ihn daran hindern, seine Absichten der Liebe mit euch zu verwirklichen (lies 1. Timotheus 2,4).

Römer 10,1–13

Die Zuneigungen des Apostels zu seinem Volk äusserten sich in der richtigen Weise: durch seine Gebete (Vers 1). Das ist auch unsere erste Aufgabe für unsere Nächsten, die noch nicht bekehrt sind. Paulus wusste aus eigener Erfahrung, dass man sich bei allem Eifer für Gott auf ganz falschem Kurs befinden kann. Wieviele edle und aufrichtige Vorhaben scheitern, weil sie «nicht nach Erkenntnis» sind! Das trifftganz besonders für alle Leute zu, die sich mit vergeblichen Anstrengungen den Himmel verdienen wollen. Dabei genügt es doch, das Wort, das «nahe» ist, anzunehmen (Vers 8). Sie gleichen einem Bergsteiger, der in eine Gletscherspalte gestürzt ist und nun aus eigener Kraft versucht, herauszukommen, statt sich dem Seil anzuvertrauen, das seine Retter ihm zuwerfen.

Verse 9 und 10 erinnern uns daran, dass der Glaube des Herzens und das Bekenntnis des Mundes unzertrennlich miteinander verbunden sind. Man kann die Echtheit einer Bekehrung anzweifeln, wenn man den Mut zum Bekenntnis nicht sieht.

In Kapitel 3,23 haben wir gesehen, dass es bezüglich der Sünde keinen Unterschied gibt. Alle waren schuldig. Hier gibt es auch betreffs des Heils keinen Unterschied (Vers 12). Alle können es erlangen. Der Herr ist reich genug, um den Bedürfnissen aller zu begegnen, die Ihn anrufen.

Römer 10,14–21

«Der Glaube ist aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort» (Vers 17). Es ist also unerlässlich, dass dieses wirksame Wort in der ganzen Welt verkündigt wird. «Wie lieblich sind ... die Füsse dessen, der frohe Botschaft bringt», hat schon der Prophet geschrieben (Jesaja 52,7). Da handelte es sich um Christus allein. Nun geht es um die, «welche das Evangelium des Friedens verkündigen», denn die Erlösten werden ihrerseits zu Predigern. Ja, wenn jeder von ihnen dort, wohin der Herr ihn schickt, ein Botschafter voller Eifer wäre, ertönte der Schall des Evangeliums bis zu den Grenzen des Erdkreises (Vers 18). Der 15. Vers zeigt uns, aufweiche Weise die Gläubigen predigen sollen: Nicht nur durch Worte, sondern auch durch die «Lieblichkeit ihres Wandels», indem sie an den Füssen beschuht sind mit der «Bereitschaft des Evangeliums des Friedens» (Epheser 6,15).

Nun folgt aber die traurige Frage: «Wer hat geglaubt?» (Vers 16; Jesaja 53,1). Sie hebt hervor, dass viele Herzen verschlossen bleiben. Das war der Fall bei Israel, trotz der Warnungen des ganzen Alten Testaments: Moses (Vers 19), David (Vers 18), Jesaja (Verse 15,16,20,21), d.h. das Gesetz, die Psalmen und die Propheten haben es bezeugt. Nehmen wir uns in acht, dass nicht auch wir «ungehorsam und widersprechend» sind! (Vers 21).

Römer 11,1–15

Trotz seines Unglaubens, wurde Israel nicht endgültig verworfen. Der Apostel selbst war ein Zeuge dafür, was die Gnade zugunsten des rebellischen Juden noch zu vollbringen vermochte (Vers 1). Schon in den Tagen Elias täuschte sich dieser, als er meinte, das ganze Volk habe den Herrn verlassen. In seiner Entmutigung ging der arme Elia so weit, «vor Gott wider Israel aufzutreten» (Verse 2,3). Aber welche Gnade sehen wir in der «göttlichen Antwort» (Vers 4)! Der Herr hat sich zu jeder Zeit einen treuen Ueberrest vorbehalten, der sich weigert, die Knie vor den Götzen der Welt zu beugen. Gehören wir in der gegenwärtigen Zeit dazu (Vers 5)? Der9. Vers gibt uns ein Beispiel von dem, was diese Götzen sein können: Die Schwelgereien «des Tisches» werden den Ungläubigen zur Schlinge, und Psalm 69,22 fügt hinzu: «Es werde ... ihnen, den Sorglosen (die sich auf den Wohlstand stützen), zum Fallstrick!»

Nach mehrfachem Aufruf ist Israel schliesslich zugunsten der Nationen verblendet worden. Aber es blieb der brennende Wunsch des Apostels, dass die Eifersucht gegenüber den neuen Nutzniessern des Heils (eine Eifersucht, unter der er selbst soviel gelitten hatte: Apostelgeschichte 13,45; 17,5; 22,21.22) das jüdische Volk anspornen sollte, die Gnade zu suchen, die es bisher verschmäht hatte (Vers 14; Kapitel 10,19).

Möchte die Feststellung unserer Segnungen in allen, die uns umgeben, ein Verlangen danach wecken!

Römer 11,16–36

Um die Stellung Israels und die der Nationen zu veranschaulichen, verwendet der Apostel das Bild eines Oelbaumes, der Israel darstellt, mit den Verheissungen Gottes, die einst dem Abraham, der Wurzel, gegeben wurden. Ein Teil seiner Zweige (die ungläubigen Juden) ist «durch den Unglauben» ausgebrochen worden (Vers 20), und an ihrer Stelle sind Zweige des wilden Oelbaumes, die Nationen, eingepfropft worden (Vers 17). Nun weiss aber jeder, dass ein Gärtner gerade das Gegenteil tut. Er pfropft in den wilden Baum den Schössling der Sorte, die er ernten will. Diese Einführung «wider die Natur» (Vers 24), also derer aus den Nationen auf den Stamm Israels, unterstreicht die unendliche Gnade, die uns, die wir keine Juden sind, in den Genuss der Verheissungen gebracht hat, die dem Abraham gegeben waren. Darauf stolz zu sein, wäre die grösste Folgewidrigkeit! (Vers 20).

Nach der Entrückung der Gläubigen wird der Augenblick kommen, da die abtrünnige Christenheit ihrerseits gerichtet werden wird; dann wird der ganze Ueberrest Israels durch seinen grossen Befreier gerettet werden (Vers 26).

So hatten die Nationen, was ihre Herkunft betrifft, keinerlei Rechte; Israel hatte die seinen verloren; alle waren also im gleichen unheilbaren Zustand, ohne andere Hilfsquelle als die der Barmherzigkeit von oben. Der Apostel steht vor diesen unerforschlichen Ratschlüssen Gottes voll Anbetung still: «O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!» (Vers 33).

Römer 12,1–8

Bis dahin haben wir gesehen, was Gott für uns getan hat. Die Kapitel 12 bis 15 belehren uns darüber, was Er nun von uns erwartet. Der Herr hat sich alle Rechte über unser Leben erworben. Stellen wir Ihm zur Verfügung, was Ihm gehört: unseren Leib, als ein lebendiges Schlachtopfer (im Gegensatz zu den toten Opfern des jüdischen Gottesdienstes), damit Er durch ihn wirke. Aber bevorwir Ihm dienen können, muss unsererneuerter Sinn den Willen des Herrn erkennen (lies Kolosser 1,9.10). Dieser ist, ungeachtet dessen, was wir davon halten, immer gut, wohlgefällig und vollkommen (lasst uns diese Worte erwägen), weil es Sein Wille ist (Vers 2; Johannes 4,34). Es ist auch wichtig, dass wir über unsere Gedanken wachen und sie richten, damit es Gedanken der Demut bleiben und nicht solche der Selbstgefälligkeit sind, gesund und rein (vergleiche Philipper 4,8).

Die Verse 6–8 zählen einige Gnadengaben auf: Weissagung, Dienst in der Versammlung, Belehrung, Ermahnung, Verwaltung, Führung der Herde. Du sagst vielleicht: Alle diese Tätigkeiten betreffen mich nicht; sie sind für die älteren Christen, die Erfahrung haben. Aber die letzte ist auf jeden Fall für dich, wer und wie alt du auch seiest: «der da Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit» (2. Korinther 9,7).

Römer 12,9–21

In den Versen 1–8 handelt es sich um unseren Dienst vor Gott; die Verse 9–16 zählen hauptsächlich unsere Aufgaben gegenüber unseren Brüdern auf; und in den Versen 17–21 geht es um unsere Verantwortung hinsichtlich aller Menschen. Wir müssen über jede dieser Ermahnungen nachdenken und sie in unserem täglichen Leben in die Tat umsetzen. Die Autorität des Wortes erstreckt sich sowohl auf unser Familienleben als auch auf unsere Arbeit, auf die Woche wie auf den Sonntag, auf Tage der Freude wie auf Tage der Traurigkeit (Vers 15). Es gibt keine Umstände, in denen wir uns nicht als Christen verhalten könnten und sollten.

Der 11. Vers ermuntert uns zur Tätigkeit. Aber alle diese Dienste, die vor uns gestellt werden: Wohltätigkeit, Gastfreundschaft (Vers 13), sollten wir als «dem Herrn dienend» ausüben (nicht zu unserem eigenen Ruf).

Sich in Demut zu den Niedrigen halten (Vers 16), mit Geduld Ungerechtigkeiten oder Beleidigungen ertragen (Verse 17–20), das sind Dinge, die im Gegensatz zu unserer Natur stehen. Aber auf diese Weise wird sich das Leben Christi in uns zeigen, wie es sich in Ihm geoffenbart hat (1. Petrus 2,22.23). Gutes tun ist die einzige Antwort auf das Böse, die uns erlaubt ist, und es ist auch die einzige Möglichkeit, es zu überwinden.

Nächstes Kapitel »

Ihre Nachricht