Esra - die Rückkehr der Gefangenen nach Jerusalem

Kapitel 1-4

Mit dem Buch Esra beginnt die Geschichte der ins Land zurückkehrenden Gefangenen; ihre Umstände und ihr Verhalten werden uns geschildert, und aus beiden können wir Belehrung ziehen.

Ihr Zustand weist viele Züge auf, die uns selbst eigen sind, und aus ihrem Verhalten empfangen wir Belehrung, Ermunterung und Warnung. Wenn wir ihre Geschichte verfolgen, so stehen wir zuweilen geradezu betroffen da, wenn wir die Ähnlichkeit bemerken, die sie mit unserer eigenen Geschichte hat, und wir mögen, in Anbetracht der inneren Verwandtschaft ihres und unseres Zustandes, jene schwachen Israeliten wohl unsere Brüder nennen.

Nach Beendigung ihrer Reise von Babylon nach Jerusalem finden wir sie sogleich in einer sittlich guten Verfassung; sie benutzen was sie haben, und sie tun was sie können, aber sie maßen sich nichts an oder erstreben nichts, was sie nicht haben oder nicht können. Sie tun ihr Bestes mit den Geschlechtsregister-Verzeichnissen, um die Reinheit der Priesterschaft und des Heiligtums herzustellen, aber sie streben nicht nach Dingen, zu denen nur die Urim und Thummim sie in den Stand gesetzt haben würden; denn diese waren verloren. Das ist schön. Sie weigern sich nicht, das was in ihren Kräften steht zu tun, weil sie nicht alles tun können, was sie gern möchten. Sie benutzen vielmehr in Einfalt das ihnen zugeteilte Maß und sind nicht unzufrieden darüber, dass es klein ist. Auch strecken sie sich nicht über dasselbe hinaus aus, sondern warten ruhig, bis ein anderer kommt mit einem größeren und vollkommeneren Maß.

Auch haben sie es eilig damit, dem Gott Israels einen Altar zu errichten. Sie denken nicht zuerst daran, einen Tempel zu bauen. Ein Altar genügt für die Brandopfer und um das Laubhüttenfest zu feiern; und so errichten sie, als ein Volk, das mit Bewusstsein wieder auf heiligem Boden steht, ihren Altar und beginnen ihren Gottesdienst an jenem sinnbildlich so bedeutungsvollen Tag, dem ersten Tag des siebten Monats.

Wie schön war das alles! Es war gleich dem Trieb, der Noah leitete, seine Brandopfer zu opfern, sobald er die Arche verlassen hatte, oder gleich dem Drang, der David veranlasste, sich nach der Lade Gottes umzusehen, sobald er auf dem Thron saß.

In Ägypten errichtete Israel keinen Altar; es musste die Wüste betreten, bevor es opfern oder dem Herrn ein Fest feiern konnte. Ägypten war der Ort des Fleisches und des Gerichts, und deswegen musste das Volk völlig davon befreit sein, ehe Gott die Anbetung von ihm annehmen konnte. Gerade so war es in Babylon: Israel hatte dort keinen Altar. Einer aus ihrer Mitte mochte sein Fenster öffnen und nach Jerusalem hin beten; drei oder vier mochten sich zusammentun, um gemeinschaftlich um Gnade und Weisheit zu bitten; an einem Tag der Bestürzung mochten alle miteinander ihre Harfen an die Weiden hängen und sich weigern, die Lieder Zions zu singen; aber einen Altar bauten sie in dem Land der Unbeschnittenen nicht. In Jerusalem aber wird der Altar unverzüglich errichtet, und Opfer werden dargebracht; der Gottesdienst wird wiederhergestellt, da Israel wieder zu neuem Leben erwacht ist. Die beiden Dinge, die Gott miteinander vereinigt hat; die Herrlichkeit Seines Namens und die Segnung Seines Volkes, treten in den zurückgekehrten Gefangenen ans Licht.

Dann aber, als der Grund zum Tempel gelegt wurde, wird etwas Seltsames vernommen, etwas, das dem Ohr der Natur nur als ein Missklang erscheinen konnte, das aber für das Ohr Gottes und des Glaubens heilige Harmonie war. Weinen und Wehklagen wurde laut, verbunden mit Freudengeschrei. „Viele …. weinten mit lauter Stimme ... viele aber erhoben ihre Stimme mit freudigem Jubel. Und das Volk konnte den Schall des freudigen Jubels nicht unterscheiden von der Stimme des Weinens im Volk.“ (Kap. 3,12.13) Aber, auf der göttlichen Waage gewogen, war alles Harmonie, denn alles war echt, alles galt „dem HERRN“.

Etwas Ähnlichem begegnen wir in Röm 14,5, wo wir lesen: „Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich“. Auch das könnte als Unordnung erscheinen. Aber wenn jeder das, was er tat, „dem Herrn“ tat, so wurde dadurch die höchste Ordnung aufrechterhalten (vgl. Verse 6-8).

Es war jedoch noch etwas anderes in der Mitte jenes Überrestes vorhanden. Und das war wirkliche Verwirrung, und zwar große Verwirrung. Der Zustand der Dinge war unheilbar verworren und verwirrt. Was muss ein gottesfürchtiger Jude gefühlt haben, wenn er sich wieder in dem Land befand, wo David seine Eroberungen gemacht, wo Salomo geherrscht, wo die Herrlichkeit gewohnt, und wo die Priesterschaft unter Jehova ihres Dienstes gewartet hatte - und er zunächst sich selbst betrachtete! Welch ein seltsames Bild bot sich seinen Augen! In dem Land seiner Väter weilte er jetzt als Untertan einer heidnischen Macht! Und wenn er dann weiter seinen Blick auf seine Brüder richtete, was musste er sich sagen? Einige waren ja wohl mit ihm da, aber der größte Teil des Volkes wohnte weit weg, inmitten der Unbeschnittenen. Und wenn er schließlich die Bewohner des Landes betrachtete, so fand er sein verderbtes Geschlecht, halb Jude und halb Heide, an dem Platz, der einst ausschließlich dem Samen Abrahams gehört hatte.

Was für Anblicke waren das! Wie viel Licht und wie viel Tatkraft waren nötig, um einer solch außerordentlichen Menge von Schwierigkeiten und Widersprüchen zu begegnen und in entsprechender Weise zu handeln! Aber dieses Licht und diese Tatkraft werden in wunderschöner Weise unter den Zurückgekehrten gefunden. Sie hatten ihr Nasiräertum in Babylon aufrechterhalten und wollten es, wenn nötig, auch in Juda bewahren; sie hatten dort nicht die Speise des Königs essen wollen, und wollten auch hier beim Tempelbau keine Gemeinschaft mit den Samaritern haben. Dabei machten sie andererseits den richtigen Unterschied zwischen den Dingen, die voneinander verschieden waren; sie kannten den Perser, und sie kannten den Samariter. Sie beugten sich dem Schwert und der Gewalt des einen als der durch göttliche Verordnung über sie gesetzten Obrigkeit; aber sie wiesen die Hilfe des anderen zurück, da er sich der Untreue gegen den Gott seiner Väter schuldig gemacht hatte.

Erblicken wir hierin nicht einen Hinweis auf das Urteil des Herrn in späterer Zeit: „So gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“? Erinnert es uns ferner nicht an die Väter in der Wüste, die auch den Edomiter und Amoriter in ihren verschiedenen Beziehungen zu sich kannten, wie hier ihre Kinder den Samariter und den Perser kannten? Nichts geschieht hier in einem aufrührerischen Geist. Sie sind den „Gewalten, die sind“, unterworfen, da sie sie als „von Gott verordnet“ kennen. Aber religiöse Verunreinigung weisen sie zurück. Alles das ist voll  ernster Belehrung für die gegenwärtigen Zustände unter uns. Ähnliche Dinge und gleiche Grundsätze kommen unter den Heiligen von heute wieder zum Vorschein.

Der Glaube wendet noch immer das geschriebene Wort auf alles an; er nimmt nichts in Angriff, was über sein Maß hinausgeht, aber er tut auch das, was er tun kann. Er wirft nicht das, was er hat, beiseite, weil er nicht mehr hat. Er sagt nicht: „Die Sache ist hoffnungslos“, und setzt sich dann untätig hin, weil die Kraft, wie sie sich  in den ersten Zeiten der Kirche in so mancherlei herrlichen Formen offenbarte, nicht mehr unser Teil ist; aber er sucht auch nicht diese Kraft nachzuahmen oder etwas herauszubilden, was uns heute nicht mehr gegeben ist. Er wartet auf den Tag, an dem alles in ewiger Ordnung und Schönheit prangen wird infolge der Gegenwart Dessen, der das wahre Licht und die wahre Vollkommenheit (Urim und Thummim; vgl. Kap. 3,63) ist, und der alle Dinge im Reich in einer Gott wohlgefälligen Weise ordnen wird.

So ist auch das Ohr des Glaubens ein ganz anderes Ohr wie das Ohr der Natur. Wir erwähnten bereits, dass das, was dem Ohr von Fleisch und Blut als Missklang erscheint, für das geistliche Ohr lauter Harmonie ist.

Auch können wir hinzufügen, dass der Glaube heute wie damals einen Zustand der Verwirrung um sich her anerkennt. Wie in den Tagen Esras in Israel, so gab es auch in den Tagen des 2. Briefs an Timotheus unter den Heiligen und Gemeinden viel Verwirrung; und jene Tage waren nur der Beginn des nachfolgenden langen Tages der Christenheit, des „großen Hauses“ von 2. Tim 2. Elemente, die in ganz seltsamem Widerspruch zueinander stehen, umgeben uns, wie ehemals die zurückgekehrten Gefangenen. Die heidnische Oberherrschaft im Land, die angebotene Hilfe und hernach die bittere Feindschaft der Samariter, das Weilen des Israel Gottes teils in Babylon, teils in Jerusalem, - alle diese Dinge erkennt das geistliche Auge auch heute in dem großen Haus der Christenheit mit seinen gereinigten und ungereinigten Gefäßen, die einen zur Ehre, die anderen zu Unehre.

Unsere Kapitel enthalten neben dem Belehrenden aber auch viel Ermunterndes. Wohl wurden die alte Herrlichkeit und Kraft nicht mehr unter Israel gefunden, die Urim und Thummim waren verloren, die Bundeslade war dahin, der wundertätige Stab und die Wolkensäule wurden nicht mehr gesehen, aber dennoch gab sich mehr Energie und Licht und eine tiefere Geistesübung in den von Babylon Zurückgekehrten kund, als ehedem in den Erlösten Ägyptens.

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