Das wahrhaftige Licht
Eine Auslegung zum Johannesevangelium

Kapitel 19

Das wahrhaftige Licht

Einleitung

In diesen ernsten Ereignissen der Kapitel 18 und 19 sehen wir zwei Dinge: Die Gegenwart Jesu macht das Böse des Fleisches offenbar und die Bosheit des Menschen offenbart die Vollkommenheit des Herzens Jesu. Die Juden hassten ihn mit mörderischem Hass, der heidnische Richter zeigte hartherzige Ungerechtigkeit und die Soldaten beleidigten Ihn; doch bei Christus sehen wir nur vollkommene Unterordnung, grenzenlose Geduld und stille Würde. Er äußert kein Wort des Unmuts und greift nicht auf seine Allmacht zurück, um seine Feinde zu vernichten. Die Stunde war gekommen, damit Gott durch das Werk am Kreuz verherrlicht wird, und der Herr ist gehorsam bis zum Tod.

Doch Gott ist den Beleidigungen seinem Sohn gegenüber nicht gleichgültig. Der Tag wird kommen, wenn der Eine, den die Menschen mit einer Dornenkrone gekrönt und als König der Juden verspottet haben, erscheinen und als König der Könige viele Diademe tragen wird. Der, den die Menschen mit einem Purpurgewand bekleidet haben, wird auf die Erde kommen, „bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewand“ (Off 19,13). Und dieser Jesus, den die Menschen mit ihren gottlosen Händen gepeinigt haben, wird die Nationen mit eiserner Rute schlagen.

Die Psalmen und die Propheten sagen sowohl sein Leiden als auch seine zukünftige Verherrlichung voraus: Sein Leiden ertrug Er geduldig in der Gegenwart seiner Feinde; wenn Er verherrlicht werden wird, werden seine Feinde zum Schemel seiner Füße werden. Lesen wir Psalm 109. Dort finden wir Christus in seiner Erniedrigung: Böse Menschen verbreiten Lügen über Ihn, kämpfen grundlos gegen Ihn, vergelten Ihm Gutes mit Bösem, hassen Ihn für seine Liebe und verfolgen Ihn, um „den, der verzagten Herzens war“ (Ps 109,16), sogar zu töten. Angesichts dieser Bosheit kann der Herr sagen: „Ich aber bin stets im Gebet“ (Ps 109,4). Psalm 110 ist dann die Antwort auf sein Gebet: Der, der von den Menschen verworfen wurde, ist zur Rechten Gottes erhöht. Dort wartet Er auf die Zeit, wenn seine Feinde als Schemel für seine Füße hingelegt werden und Er aus Zion – der Stadt, in der Er gekreuzigt wurde – regieren wird, um die Nationen zu richten und sein Volk zu segnen. Dann, „am Tag seiner Macht“, wird sein Volk „voller Willigkeit sein“ (Ps 110,3).

Wir haben gesehen, dass Pilatus einen ersten Versuch unternahm, sich aus der Affäre zu ziehen: Er schlug vor, dass die Juden den Angeklagten nach ihrem eigenen Gesetz richten sollten (Kap. 18,31), und wollte auf diese Weise nichts mehr mit Christus zu tun haben. Doch das schlug fehl und so musste Pilatus den Fall selbst übernehmen. Und was war das Ergebnis? Er musste zugeben, dass er keine Schuld an dem Herrn fand. Seine Pflicht lag also auf der Hand: Die Gerechtigkeit fordert, dass ein Unschuldiger freigelassen wird. Aber persönliche Interessen drängten Pilatus dazu, sich darum zu bemühen, weiterhin gute Beziehungen zu den Juden zu pflegen. Deshalb unternahm er einen zweiten Versuch, um die Verurteilung eines Unschuldigen zu verhindern. Gleichzeitig wollte er damit die Juden besänftigen, indem er auf einen Brauch zurückgriff, nach dem am Passah ein Gefangener freigelassen wurde. Aber Brauch hin oder her: Seine Pflicht als Richter wäre einfach gewesen, den Einen freizugeben, an dem er keine Schuld findet. Doch sein Kompromiss misslang nicht nur, sondern er zeigte sogar die Tiefen der Bosheit, in die die jüdische Nation gesunken war. Um den Brauch einzuhalten, zogen sie es vor, dass Barabbas, ein Mörder (Apg 3,14) und Räuber, freigelassen wurde. Das ist das Böse unseres Herzens: Wie sehr uns ein Mörder und Dieb auch zuwider sein mag – wenn es um die Wahl zwischen Christus und einem Mörder geht, würden wir, wenn die Gnade Gottes uns nicht abhalten würde, lieber den Mörder wählen, der das Leben nimmt, statt den Einen, der das Leben gibt.

Die Verhöhnung des Sohnes Gottes

Johannes 19,1–7

Verse 1–5: Dann nahm nun Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und warfen ihm ein Purpurgewand um; und sie kamen auf ihn zu und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Angesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und spricht zu ihnen: Siehe, ich führe ihn zu euch heraus, damit ihr wisst, dass ich keinerlei Schuld an ihm finde. Jesus nun ging hinaus, die Dornenkrone und das Purpurgewand tragend. Und er spricht zu ihnen: Siehe, der Mensch!

Offensichtlich hatte Pilatus nicht damit gerechnet, dass die Juden sich für Barabbas entscheiden würden. Aber weil er diesen Kompromiss anbietet, gerät er in die Hände der Menschen und sinkt als ungerechter Richter noch tiefer in die Bosheit. Also unternimmt er noch einen dritten Versuch, um die Juden zu besänftigen und nicht das äußerste Urteil über Jesus sprechen zu müssen: Er lässt Ihn geißeln und erlaubt den Soldaten, Ihn mit Dornenkrone und Purpurgewand zu verspotten und Ihn mit ihren Fäusten zu schlagen. Dann führt er den Herrn mit der Dornenkrone und dem Purpurgewand hinaus. Damit will er beweisen, dass er sich bemüht hat, dem Volk zu gefallen, indem er denjenigen, den sie hassen, mit Verachtung behandelt. Er legt ihnen nun nahe, dass es unnötig sei, weitere Schritte zu unternehmen, da er keine Schuld an Ihm finde. Leider kannte Pilatus den Hass im Herzen der Juden genauso wenig wie die völlige Verdorbenheit seines eigenen Herzens und des der Nationen.

Vers 6: Als ihn nun die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie und sagten: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

Die Ankläger geben sich mit der Geißelung und den Beschimpfungen, denen der Herr ausgesetzt worden war, nicht zufrieden. Mordlust ist in ihren Herzen, deshalb schreien sie sofort: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Sie bestehen nicht nur auf seinem Tod, sondern auf dem schändlichsten Tod: Jesus soll als Übeltäter an einem Kreuz sterben. Zuerst weicht Pilatus davor zurück, bis zum Äußersten zu gehen, und zum vierten Mal versucht er, dieser Bosheit zu entkommen: „Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Zum dritten Mal benutzt er diese Worte. Damit gibt er ein dreifaches Zeugnis ab, dass Jesus vollkommen ist und die Regierungsgewalt in der Hand der Nationen versagt hat.

Vers 7: Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat.

Die Juden hatten behauptet, dass der Herr sich der römischen Obrigkeit entgegenstelle, indem Er den Platz des Königs der Juden einnehme. Diese Anklage ließ Pilatus völlig unbeeindruckt und deshalb greifen die Juden nun auf eine ernstere Anklage zurück: Sie sagen, Er habe „sich selbst zu Gottes Sohn gemacht“. Die Wahrheit ist, dass Er der Sohn Gottes ist, aber Fleisch wurde, denn wir lesen: „Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4).

Der Richter beugt sich der mehrheitlichen Forderung

Johannes 19,8–16

Verse 8.9: Als nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr; und er ging wieder in das Prätorium hinein und spricht zu Jesus: Woher bist du? Jesus aber gab ihm keine Antwort.

Diese weitere Anklage macht Pilatus noch mehr Angst. Zweifellos konnte er nämlich in dem Herrn eine Majestät und Würde erkennen, die ihm erhabener erschien als die eines gewöhnlichen Menschen und die etwas Göttliches aufwies. Deshalb betritt Pilatus mit ängstlichem Herzen das Prätorium und fragt den Herrn: „Woher bist du?“ Angst veranlasste ihn zu dieser Frage, aber diese Angst war weder Glaube noch rührte sie daher, weil Pilatus eine geistliche Not, ein geistliches Bedürfnis empfunden hätte; und deshalb antwortet der Herr dem Pilatus nicht.

Verse 10.11: Da spricht Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Gewalt habe, dich freizulassen, und Gewalt habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete ihm: Du hättest keinerlei Gewalt gegen mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre; darum hat der, der mich dir überliefert hat, größere Sünde.

Gekränkt durch das Schweigen des Herrn, rühmt Pilatus sich seiner Macht, den Herrn nach seinem eigenen Willen zu kreuzigen oder freizulassen. Doch er erfährt vom Herrn, dass er überhaupt keine Macht über Ihn hat außer der, die ihm von oben gegeben ist. Der Herr steht gerade im Begriff, das großartige Werk zu vollbringen, durch das Gott verherrlicht und Sünder, die glauben, gesegnet werden. Darum wird dem Menschen erlaubt, seine Macht zu gebrauchen, damit er den bestimmten Ratschluss und die Vorsehung Gottes ausführt. Dennoch wird Gott die Sünde des Menschen – dass er den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt hat – gerecht beurteilen. Juden und Heiden sind dieser Sünde schuldig, des größten Verbrechens, das jemals begangen wurde, wobei die Juden, die ihren Messias den Römern überlieferten, die größere Schuld tragen.

Wenn die Worte, die der Herr dem Pilatus erwidert, von den Lippen eines gewöhnlichen Menschen gekommen wären, so wäre Pilatus über diese Entgegnung sicher aufgebracht gewesen. Doch stattdessen ist er offensichtlich tief beeindruckt und verwundert. Deshalb unternimmt er einen letzten Versuch, um den Herrn freizulassen:

Vers 12: Daraufhin suchte Pilatus ihn freizulassen. Die Juden aber schrien und sagten: Wenn du diesen freilässt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich selbst zum König macht, spricht gegen den Kaiser.

Damit deckt Pilatus die „größere Sünde“ (V. 11) der Juden auf, denn sie widersetzen sich erneut, indem sie ihn auf seine weltlichen Interessen ansprechen: Wenn er ein Freund des Kaisers bleiben wolle, könne er „diesen nicht freilassen“.

Verse 13–16: Als nun Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus hinaus und setzte sich auf den Richterstuhl an einen Ort, genannt Steinpflaster, auf Hebräisch aber Gabbatha. Es war aber Rüsttag des Passah; es war um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Siehe, euer König! Sie aber schrien: Hinweg hinweg! Kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als nur den Kaiser. Dann nun überlieferte er ihn an sie, damit er gekreuzigt würde. Sie aber nahmen Jesus hin und führten ihn fort.

Pilatus liebte diese Welt und erkannte weder seine Not als Sünder noch die Gnade Christi. Er ließ sich von dem Einwand der Juden beeinflussen; es ging ihm letztendlich um seine persönlichen Interessen und weltlichen Vorteile. Nun nimmt er auf dem Richterstuhl Platz und unternimmt einen weiteren kläglichen Versuch, der Verurteilung des Einen zu entgehen, von dem er dreimal erklärt hatte, dass er keine Schuld an Ihm finde. Schließlich gibt er ihrem Geschrei „Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!“ nach. Die Juden sehen keinerlei Schönheit in Ihm, warum sie nach Ihm verlangen sollten; und Pilatus zieht die Freundschaft der Welt dem Sohn Gottes vor, obwohl er von seiner Unschuld überzeugt und von seiner Majestät und Würde beeindruckt ist. So verbünden sich Juden und Heiden, um den Herrn der Herrlichkeit zu kreuzigen. Jemand hat gesagt: „Pilatus und die Juden hatten völlig gegensätzliche Gedanken und Wünsche; aber Gott war weder in den Gedanken der einen noch in denen der anderen.“ In diesen zwei Versen finden wir also die Summe der Bosheit der Juden und der Heiden. Die Juden besiegelten ihren Untergang, indem sie ihren Messias gänzlich verwarfen, denn sie sagten: „Wir haben keinen König als nur den Kaiser.“ Das ist der öffentliche Abfall der Juden. Die Heiden haben in ihrer Regierungsgewalt völlig versagt, indem sie den Einen, in dem keine Schuld war, wie es dreimal zugegeben wurde, zur Kreuzigung hingaben.

So endet die Gerichtsverhandlung vor Pilatus. Sie wird im Johannesevangelium detaillierter beschrieben als in den anderen Evangelien. Alle diese Begebenheiten bringen mehr und mehr die Herrlichkeit der Person Christi ans Licht. In gleicher Weise wird deutlich, dass die Ablehnung der Juden und der Heiden immer mehr zunimmt. Die Kapitel 18 und 19 dieses Evangeliums legen nach und nach Zeugnis ab von verschiedenen Tatsachen: Christus ist der König der Juden (Kap. 18,33); sein Reich ist nicht von dieser Welt (Kap. 18,36); Er kam in die Welt, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben (Kap. 18,37); Er ist der Sohn Gottes (Kap. 19,7); als Sohn Gottes ist Er derjenige, über den Pilatus keine Macht hat, es sei denn, sie wird ihm von oben gegeben (Kap. 19,11).

Der König der Juden wird gekreuzigt

Johannes 19,17–24

Verse 17.18: Und sein Kreuz tragend, ging er hinaus zu der Stätte, genannt Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgatha heißt, wo sie ihn kreuzigten und zwei andere mit ihm, auf dieser und auf jener Seite, Jesus aber in der Mitte.

Der Herr Jesus unterwirft sich dem Urteil der Menschen: Er trägt das Kreuz, an dem Er das Von-Gott-Verlassensein erleiden wird, und geht hinaus zu „der Stätte, genannt Schädelstätte“. Er ist gehorsam bis zum Tod, „ja, zum Tod am Kreuz“, und das in schlechtester Gesellschaft – in Gesellschaft von zwei Verbrechern.

Verse 19–22: Pilatus schrieb aber auch eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz. Es war aber geschrieben: Jesus, der Nazaräer, der König der Juden. Diese Aufschrift nun lasen viele von den Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt; und es war geschrieben auf Hebräisch, Lateinisch und Griechisch. Die Hohenpriester der Juden sagten nun zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass jener gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.

Doch Gott hält ein Zeugnis über Jesus aufrecht, das auch die Bosheit der Juden unter Beweis stellt – die Aufschrift oben am Kreuz: „Jesus der Nazaräer, der König der Juden.“ Außerdem wird dieses Zeugnis in die ganze Welt hinausgehen, denn es ist auf Hebräisch, Lateinisch und Griechisch geschrieben. Die Juden begreifen sofort, dass diese Worte sie dem furchtbaren Vorwurf aussetzen, dass sie die Kreuzigung ihres Königs erlaubt haben. Sie hätten gerne gehabt, dass das Geschriebene geändert würde. Aber Pilatus, verärgert über sich selbst und das Volk, ist unerbittlich. Er erwidert den Juden kurz und knapp: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“ (V. 22).

Verse 23.24: Die Soldaten nun nahmen, als sie Jesus gekreuzigt hatten, seine Kleider und machten vier Teile, jedem Soldaten einen Teil, und das Untergewand. Das Untergewand aber war ohne Naht, von oben an durchgehend gewebt. Da sprachen sie zueinander: Lasst uns dies nicht zerreißen, sondern darum losen, wem es gehören soll - damit die Schrift erfüllt würde, die spricht: „Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen.“ Die Soldaten nun haben dies getan.

Die Soldaten, die seine Kleider unter sich teilen, werden unbewusst Zeugen der Herrlichkeit seiner Person, denn Er ist der Eine, von dem Tausend Jahre zuvor gesagt wurde: „Sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los“ (Ps 22,19). „Die Soldaten nun haben dies getan“ (V. 24) und erfüllten damit Gottes Wort.

Es ist vollbracht!

Johannes 19,25–30

Verse 25–27: Bei dem Kreuz Jesu standen aber seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Kleopas, und Maria Magdalene. Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabeistehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich.

Inmitten all der Kreuzesleiden leuchten die Liebe des Herrn und seine Fürsorge hervor. Am Anfang seines Weges auf der Erde hatte Er zwar nicht geduldet, dass seine Mutter sich in seinen himmlischen Auftrag einmischte (Kap. 2,3.4), doch das hindert Ihn jetzt nicht daran, für ihre irdischen Bedürfnisse zu sorgen. Deshalb befiehlt Er sie jetzt der Fürsorge des einen Jüngers an, der mehr als alle anderen Jünger der Liebe Jesu vertraut hatte: dem Jünger, der an der Brust Jesu gelegen hatte und der sich selbst fünfmal als „der Jünger, den Jesus liebte“, beschreibt. Von dieser Stunde an nahm Johannes sie zu sich.

Verse 28–30: Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er - damit die Schrift erfüllt würde –: Mich dürstet! Es stand nun ein Gefäß voll Essig da. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und brachten ihn an seinen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.

Jemand hat gesagt, dass im Johannesevangelium weder Jesu Leiden im Garten Gethsemane noch sein Leiden am Kreuz erwähnt seien. Das stimmt ganz mit dem großen Thema des Evangeliums überein: Alles wird aus der Sicht Gottes dargestellt. Als der Sohn Gottes wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war, und Er erfüllt die Schrift, indem Er sagt: „Mich dürstet.“ Danach kann Er mit göttlicher Gewissheit sagen: „Es ist vollbracht!“ Schließlich lesen wir: „Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.“ Markus und Lukas berichten in ihren Evangelien dasselbe, aber sie verwenden ein anderes Wort: Er „verschied“ (Mk 15,37; Lk 23,46). Dies trifft im Wortsinn auf jeden Menschen zu, aber hier im Johannesevangelium wird es so formuliert, dass es sein eigenes göttliches Handeln ausdrückt: Der Sohn Gottes selbst ist es, der „seinen Geist übergibt“. Ein Mensch kann sein eigenes Leben nehmen, aber kein normaler sterblicher Mensch kann durch einen Willensakt seinen Geist von seinem Körper trennen. Doch genau dies tat der Herr in seiner Eigenschaft als der Sohn Gottes. Schon früher in diesem Evangelium hatte Er gesagt: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und ich habe Gewalt, es wieder zu nehmen“ (Kap. 10,17.18).

Letzte Handlungen an dem gestorbenen Christus

Johannes 19,31–42

Verse 31–37: Die Juden nun baten Pilatus, dass ihre Beine gebrochen und sie abgenommen würden, damit die Leiber nicht am Sabbat am Kreuz blieben, weil es Rüsttag war - denn der Tag jenes Sabbats war groß. Da kamen die Soldaten und brachen die Beine des ersten und des anderen, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und er weiß, dass er sagt, was wahr ist, damit auch ihr glaubt. Denn dies geschah, damit die Schrift erfüllt würde: „Kein Bein von ihm wird zerbrochen werden.“ Und wiederum sagt eine andere Schrift: „Sie werden den anschauen, den sie durchstochen haben.

Die Zweifel der Juden und die Brutalität der Soldaten brachen die Beine der beiden Verbrecher und durchbohrten die Seite des Heilands. Sie ahnten wohl kaum, dass sie einen Gläubigen ins Paradies schickten und das Zeugnis der reinigenden und rettenden Gnade des Werkes Christi hervorbringen. Gleichzeitig erfüllten sie damit die Schrift, die sagt, dass kein Bein von Ihm gebrochen werden sollte und dass sie auf den blicken werden, „den sie durchbohrt haben“ (2. Mo 12,46; 4. Mo 9,12; Ps 34,21; 22,17.18; Sach 12,10).

Verse 38–42: Danach aber bat Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war, aber aus Furcht vor den Juden ein verborgener, den Pilatus, dass er den Leib Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Er kam nun und nahm seinen Leib ab. Aber auch Nikodemus, der zuerst bei Nacht zu ihm gekommen war, kam und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.

Sie nahmen nun den Leib Jesu und wickelten ihn in Leinentücher mit den Gewürzsalben, wie es bei den Juden Sitte ist, zum Begräbnis zuzubereiten. An dem Ort, wo er gekreuzigt wurde, war aber ein Garten und in dem Garten eine neue Gruft, in die noch nie jemand gelegt worden war. Dorthin nun, wegen des Rüsttags der Juden, weil die Gruft nahe war, legten sie Jesus.

Außerdem wird Jesajas Prophezeiung erfüllt. Er hatte gesagt: „Man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist“ (Jes 53,9). Nachdem alle anderen geflohen sind, treten reiche, angesehene Männer hervor. Sie erhalten die Erlaubnis, den toten Leib des Heilands mit wohlriechenden Gewürzen in ein neues Grab zu legen. J. N. Darby hat zu Recht gesagt: „Bosheit, die ihren Höhepunkt erreicht hat, führt die Schwachen dazu, sich treu zu erweisen.“ Wie oft ist das in der Geschichte des Volkes Gottes unter Beweis gestellt worden! Diese beiden Gläubigen waren bis dahin durch ihren Reichtum und ihre soziale Stellung daran gehindert worden, sich mit Christus in seiner Erniedrigung zu identifizieren; nun stellen sie sich mutig auf seine Seite.

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