Das Bild gesunder Worte
„Halte fest das Bild gesunder Worte.“ (2. Tim 1,13)

Kapitel 5: Sünde und Sünden

Obwohl es eine sehr enge Verbindung zwischen Sünde und Sünden gibt, so sind sie doch verschieden. Beide werden in Römer 5,12 erwähnt: „Darum, so wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben ...“.

Die Sünde betrat die Welt durch den Fall Adams. So wie Schlangengift sich durch einen einzigen Biss im ganzen Körper verbreiten und seine tödliche Wirkung ausüben wird, so hat die Sünde, das Gift der alten Schlange (des Teufels), die moralische Natur des Menschen durchdrungen und ruiniert. Das Ergebnis davon ist, dass alle gesündigt haben. Somit werden einem jeden von uns Sünden der Unterlassung sowie des aktiven Tuns in Gedanken, Worten und Handlungen zugerechnet. Damit ist die Sünde das Urprinzip oder die Natur, wohingegen Sünden die schlechten Früchte dieses schlechten Baumes sind.


In 1. Johannes 3,4 lernen wir, was Sünde ist: „Jeder, der die Sünde tut, tut auch die Gesetzlosigkeit, und die Sünde ist die Gesetzlosigkeit.“ Die King James (KJV) Bibelübersetzung übersetzt fälschlicherweise „Übertretung des Gesetzes“ statt „Sünde ist Gesetzlosigkeit“, jedoch besteht ein großer Unterschied dazwischen. Es kann keine Übertretung eines Gesetzes geben, solange es kein eindeutiges Gesetz gibt, demgegenüber man ungehorsam sein könnte; und es gab von Adam bis Mose kein geschriebenes Gesetz. Somit gab es auch keine Übertretung, und Sünde wurde nicht zugerechnet.

Dennoch gab es die Sünde sowie auch den Tod, die Strafe für die Sünde (Röm 5,13.14). Auf der anderen Seite bedeutet Gesetzlosigkeit einfach die Verweigerung aller Regeln, das Verwerfen göttlicher Beschränkungen und das Missachten von Gottes Willen. Somit begann Adam einen Lauf der Sünde, als er von der verbotenen Frucht aß.

Statt ein Herrscher zu sein, wird der Mensch nun vom Bösen beherrscht, dem er sich selbst übergeben hat. Die Sünde hat die Oberhoheit über ihn und bewirkt, dass ständig Sünden begangen werden. Die Sünde übt einen tödlichen Einfluss auf das Gewissen aus, so dass Sünder sich ihrer schrecklich gefährlichen Lage, getrennt von der Gnade Gottes, nicht bewusst sind.

Wenn die Gnade Gottes handelt und der Heilige Geist in Leben spendender Kraft an einer Seele wirkt, so ist der erste Aufschrei dieser Seele Not und Schmerz. Die vergangenen Sünden belasten das Gewissen und die Belastung lässt nicht nach, bis der Wert des kostbaren Blutes Christi erkannt wird und diese Person sagen kann: „Meine Sünden sind vergeben!“

Dann kommt, meistens zu einem späteren Zeitpunkt, die Frage der Sünde bei dem neuen Gläubigen auf. Wir bemerken, dass, obwohl unsere Sünden vergeben sind, das Urprinzip Sünde, aus dem die Sünden kommen, weiterhin in uns ist. Was muss nun mit der Sünde getan werden?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Sünde die Wurzel unserer Probleme ist. Wir sind häufig so sehr mit den Früchten (den Sünden) beschäftigt, dass wir vergessen, die Wurzel zu bedenken. Ein junger Mann beklagte sich bei einem älteren Christen, dass trotz all seiner Gebete und Bemühungen er weiterhin ständig sündige. „An welchen Bäumen wachsen Äpfel?“, lautete die einzige Antwort, die er bekam. „Warum? Natürlich an einem Apfelbaum“, erwiderte der erstaunte Jugendliche. Die Frage schien so irrelevant zu sein.

„Und an welchen Bäumen wachsen Pflaumen?“, lautete die nächste Frage. Der Jugendliche antwortete: „An einem Pflaumenbaum.“ Dann fragte der ältere Gläubige: „An welchem Baum wachsen Sünden?“ Der Junge lächelte und antwortete: „An einem Sündenbaum.“ Daraufhin verstand er, dass die Sünden, die wir als Christen begehen, nicht kleine, isolierte, böse Taten sind, die der Teufel in unser Leben eingeschleust hat. Diese Sünden kommen als Frucht der Sünde hervor, die in uns ist. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh 1,8).

Das einzige Heilmittel für die Sünde ist der Tod! Der Tod (oder die Verwandlung durch die Auferstehung, wenn der Herr Jesus kommt, bevor wir sterben, 1. Kor15,51–53) wird die Sünde für uns beenden. Dann wird die letzte Spur davon verschwinden. Freudig erwarten wir diesen Moment!

Schauen wir genauso freudig auf den Augenblick zurück, als der Tod des Herrn Jesus, das große Heilmittel, eintrat? Römer 6,10 sagt: „Denn was er gestorben ist, ist er ein für alle Mal der Sünde gestorben; was er aber lebt, lebt er Gott.“ Er starb für unsere Sünden und tat Sühnung für sie – doch Er starb auch der Sünde. Deswegen erkennen wir durch den Glauben, belehrt durch den Heiligen Geist, dass wir mit unserem großen Stellvertreter identifiziert werden: Sein Tod ist unser Tod. So sind wir ebenfalls der Sünde gestorben, sodass wir nicht länger beständig in der Sünde leben können (Röm 6,2). So halten wir uns auch dafür, „dass wir der Sünde tot sind, Gott aber lebend in Christus Jesus“ (Röm 6,11).

Bemerke, dass die Sünde, der der Herr Jesus starb, eine rein außerhalb von ihm liegende Sache für Ihn selbst war. „Sünde ist nicht in Ihm“ (1. Joh 3,5). Unsere Sünde dagegen ist sowohl in uns als auch außerhalb von uns. Auch war der Tod Christi nicht nur unser Tod der Sünde, sondern es war auch die völlige Verurteilung der Sünde, der wir gestorben sind. Römer 8,3 sagt: „... Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte.“ Am Kreuz wurde die Sünde in ihrer völligen Scheußlichkeit offenbart, weil die Gesetzlosigkeit dort ihren Höhepunkt erreichte. Und in dem heiligen Opfer wurde das Urteil über die Sünde getragen und ihre Verdammung ausgesprochen.

So wurden die Sünden getragen und ihre Strafe vollzogen. Die Sünde wurde sowohl bloßgestellt als auch verurteilt, und wir sind in dem Tod Christi der Sünde gestorben. Das alles und noch vieles mehr geschah durch das Kreuz.

In Johannes 1,29 und Römer 8,3 lesen wir von der „Sünde der Welt“ und der „Sünde im Fleisch“. Der erste Ausdruck ist leicht verständlich. Die Sünde (d. h. die Wurzel) und alle ihre Zweige in der Welt werden durch das Lamm Gottes weggenommen. Er wird das auf der Grundlage seines Kreuzes tun, wie wir in Offenbarung 19–21 sehen. Der zweite Ausdruck, „Sünde im Fleisch“, ist etwas ganz anderes. Die Sünde (d. h. die Wurzel) ist immer dieselbe. Aber das Fleisch, die alte, gefallene Natur der Kinder Adams, ist das große Mittel, in dem sie lebt und wirkt, um in allen individuellen Menschen Sünden zu produzieren.

Stell dir eine Stadt vor mit einem großen elektrischen Stromnetzwerk und Kabeln, die nicht isoliert sind. Angst, Schock und Tod wären überall. Die Sünde ist wie der unsichtbare elektrische Strom, der seinen Einfluss in jede Richtung spüren lässt. Das Fleisch ist wie der Generator inklusive Kabel, also der Sitz der Elektrizität zusammen mit dem Mittel, durch das sie wirkt. Die Sünden sind wie die individuellen Elektroschocks mit tödlichem Endergebnis. Die Sünde der Welt ist wie das gesamte Stromnetzwerk. Doch das Kreuz wird die ganze Sache zerstören.

In der Bibel finden wir nicht die „Vergebung der Sünde“ (d. h. der Wurzel). Jedoch finden wir die Vergebung von Sünden und auch einer Sünde. Wir wollen das illustrieren. Eine Mutter hat einen Sohn, der sehr schnell ein schreckliches Temperament entwickelt. Eines Tages versucht er seine Schwester zu zwingen, nach etwas zu schauen, das sich außerhalb des Hauses befindet, während sie gerade mehr daran interessiert ist, mit ihren Puppen zu spielen. Bei dieser Auseinandersetzung stößt er ihren Kopf so fest gegen das Fenster, dass sie sich durch die Glasscherben am Kopf verletzt. Seine Mutter schickt ihn in sein Zimmer, und als der Vater heimkehrt, wird der Sohn sehr ordentlich bestraft. Am Abend bringt die Strafe ihren erwünschten Effekt. Er kommt unter Tränen zu seinen Eltern und bekennt sein Unrecht. Sie vergeben die zornige Tat – aber vergeben sie das böse Temperament, aus dem die Tat entsprungen ist? Nein! Wenn das der Fall wäre, würden sie es stillschweigend billigen. Sie verurteilen es vielmehr und zeigen dem Sohn zwar liebevoll, aber entschieden, seine böse Natur und ihre Konsequenzen. Soweit es ihnen möglich ist, versuchen sie ihn anzuleiten, so wie sie diese böse Natur zu hassen und zu verurteilen.

„Gott ... verurteilte die Sünde im Fleisch“ (Röm 8,3). Er sah nicht über sie hinweg oder vergab si. Das Wirken des Heiligen Geistes in uns leitet uns an, sie ebenso zu verurteilen, wie Gott sie verurteilt hat, sodass wir die Befreiung von ihrer Macht erleben.

Das bedeutet nicht, dass der Sünder nicht mehr sündigt. Verurteilung ist nicht Eliminierung. Sünde ist immer noch in uns (1. Joh 1,8). Die Bibel nimmt an, dass der Gläubige sündigen kann, denn sie trifft göttliche Vorsorge für so einen Fall (1. Joh 2,1). Sie sagt uns sogar, dass wir alle sündigen (Jak 3,2).

Gott hat die Sünde und das Fleisch (die alte Natur) in dem Gläubigen gelassen. So kann er ihre wahre Natur kennenlernen und durch Erfahrung zum Einverständnis mit Gottes Urteil über die Sünden am Kreuz gelangen. Leben und Errettung findet er in einem anderen. Dann kann er persönlich Gott durch Jesus Christus danken, dass er befreit ist (Röm 7,24.25).

1. Johannes 3,9 wird oft als widersprüchlich zu dem oben Genannten gesehen, denn es sagt: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde.“ Dieser Vers nennt die Natur eines aus Gott Geborenen. „Nicht tun“ bedeutet „nicht praktizieren“. Es liegt nicht in der Natur des Gläubigen, Sünde zu praktizieren. Der Apostel Johannes betrachtet die Gläubigen hier in ihrer Natur als durch Gott Geborene, ohne auf unnormale Besonderheiten einzugehen, die im Verlauf des Lebens erscheinen können.

Welche Auswirkung hat es auf einen Christen, wenn er sündigt? Es hat nichts mit seiner Sicherheit zu tun, denn das Kreuz Christi ist das Fundament unserer Sicherheit. Dort wurde die Sünde verurteilt und die Sühnung vollbracht, sodass uns für alle Ewigkeit vergeben wird, wenn wir glauben. Die Vergebung ist ein Geschenk der göttlichen Gnade, und „die Gnadengaben und die Berufungen Gottes sind unbereubar“ (Röm 11,29). Sie unterliegen nicht einer Meinungsänderung vonseiten Gottes.

Jedoch verringern Sünden nach der Bekehrung das Glück des Christen und nehmen uns sowohl die Freude über unsere Vergebung als auch die Freude an unserer Beziehung zu Gott – bis solche Sünden im Selbstgericht bekannt werden. Dann erhalten wir durch die Fürsprache Christi als unser Sachwalter die Vergebung des Vaters (1. Joh 1,9–2,1). Wir alle müssen auf diese Weise schmerzliche, aber doch nützliche Lektionen lernen und so die wahre Natur des Fleisches in uns entdecken und dass der einzige Weg zur Bewahrung vor der Befriedigung seiner Begierden ist, „im Geist zu wandeln“ (Gal 5,16).

Lasst uns schließlich noch ein wenig mehr über das nachdenken, was der Herr Jesus in Bezug auf die Sünde am Kreuz getan hat. Trug Er die Sünden aller? Die Bibel sagt: „Er ist für alle gestorben“ (2. Kor 5,15), sodass „Er sich selbst gab als Lösegeld für alle“ (1. Tim2,6), und dass Er „die Sühnung für unsere Sünden ist, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die [Sünden der] ganze Welt“ (1. Joh 2,2). Diese Verse zeigen uns die auf Gott gerichtete Seite seines Werkes. Alle sind in seiner Absicht eingeschlossen. Somit wurde Sühnung (Gott ist zufriedengestellt) zum Nutzen aller in der Welt erbracht.

Wenn es um die eigentlichen Ergebnisse seines Werkes anstatt seiner Absicht geht, dann wird das völlig anders ausgedrückt. Wir können nicht sagen, dass Er die Sünden aller getragen hat, denn die Schrift sagt: „Der selbst unsere [der Gläubigen] Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat“ (1. Pet 2,24) und dass Christus „einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen“ (Heb 9,28). Gott sei Dank, dass wir zu den Vielen gehören! [Jemand hat einmal gesagt, dass Christus ein für alle erreichbarer Stellvertreter war, aber nur für solche ein tatsächlicher Stellvertreter wurde, die glauben. Römer 3,22 sagt uns: „Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die glauben.“ Es wendet sich an alle, aber kommt nur bei Gläubigen zum Tragen – Anmerkung des Herausgebers.]

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht