Das Bild gesunder Worte
„Halte fest das Bild gesunder Worte.“ (2. Tim 1,13)

Kapitel 3: Sicherheit und Heiligung

Als Gott Israel aus Ägypten herausrief, garantierte Er ihnen zunächst ihre Sicherheit vor dem Gericht, indem Er sie durch das Blut des geschlachteten Lammes schützte (2. Mo 12). Dann heiligte Er den Erstgeborenen, der beschützt worden war (2. Mo 13,1.2). Sicherheit und Heiligung werden im Neuen Testament ebenfalls miteinander verbunden. In Johannes 17 zum Beispiel spricht der Herr zuerst über die vergangene und zukünftige Sicherheit der Seinen: „Heiliger Vater! Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast ... Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast“ (V. 11.12). Unmittelbar danach betete Er für ihre Heiligung (V. 17–19).

Wir sehen also, dass Gott den Gläubigen sowohl sicher als auch geheiligt sehen will. Verbinde jedoch nicht deine Sicherheit mit deinem Wachstum in der Gnade. Trenne sie aber auch nicht so weit voneinander, als ob sie zwei separate Segnungen wären, zwischen denen möglicherweise Jahre an Erfahrungen liegen.

Obwohl wir keine Schwierigkeit haben, den Begriff Sicherheit richtig zu verstehen, so ist doch Heiligung eines der am meisten missverstandenen Worte der Schrift. Manche meinen, es bedeute, fromm oder sehr heilig zu werden. Aber das bedeutet es nicht! Seine vorrangige Bedeutung in der ganzen Schrift ist, für den Dienst und das Wohlgefallen Gottes beiseite gestellt zu sein. 2. Mose 40,10 spricht davon, dass der Altar geheiligt wurde. In Johannes 17,19 sagt der Herr: „Ich heilige mich selbst“, und in 1. Petrus 3,15 wird uns mitgeteilt: „Heiligt Christus, den Herrn, in euren Herzen.“

Wie kann ein Holz- oder Metallgegenstand geheiligt [oder geweiht] werden? Sie können nicht heilig gemacht werden, denn sie besitzen keinen Verstand oder Charakter, aber sie können für göttliche Zwecke reserviert werden. In demselben Sinn hat der bereits vollkommen heilige Herr Jesus im Himmel einen besonderen Platz zu unseren Gunsten eingenommen – das gleiche können auch wir mit Gott in unseren Herzen tun, indem wir Ihm immer die Vorrangstellung und die Ehre einräumen, die Ihm allein gebühren.

Ebenso ist es mit uns. Wenn Heiligung mit uns Gläubigen verbunden wird, dann hat es dieselbe Bedeutung des Reserviertseins zur Freude und zum Dienst Gottes; Gott beansprucht diejenigen, die Er durch das Blut geschützt hat, für sich selbst (2. Mo 13,2).

Beachte dabei sorgfältig, dass unsere Heiligung zwei Aspekte umfasst. Der erste betrifft unsere Stellung und ist absolut – ein Akt Gottes, mit dem wir unsere christliche Laufbahn beginnen. Der zweite ist praktisch und progressiv, er wird während unseres ganzen Lebens auf der Erde fortgesetzt und vertieft.

Schriftstellen, die den Gläubigen als bereits geheiligt beschreiben, gehören zu dem ersten Aspekt. In 1. Korinther 1,2 beispielsweise schreibt Paulus an die „Geheiligten in Christus Jesus“. In 1. Korinther 6,11 sagt er dann: „Aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus durch den Geist unseres Gottes.“

Die Christen in Korinth hatten jedoch in der praktischen Heiligung keine großen Fortschritte gemacht: Sie waren in vielerlei Hinsicht tadelnswert. Doch Paulus zögert nicht, sie daran zu erinnern, dass sie bereits geheiligt waren, so wie sie auch abgewaschen und gerechtfertigt worden waren. Sie waren reserviert für Gott.

In Hebräer 10,14 lesen wir, dass Er „mit einem Opfer auf immerdar die vollkommen gemacht hat, die geheiligt werden“. Gilt das nur für eine Gruppe besonders heiliger Gläubiger? Nein! Es gilt unterschiedslos für alle Christen – solche, die durch das einmalige Opfer unseres Herrn Jesus Christus für Gott reserviert sind.

Nun betrachte 1. Thessalonicher 4,3; Epheser 5,25.26 und 2. Timotheus 2,21: „Denn dies ist Gottes Wille: eure Heiligkeit“; „Christus hat die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben, damit er sie heiligte, sie reinigend ...“; „Wenn nun jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet.“

In diesen Schriftstellen besitzt Heiligung immer noch die Urbedeutung von reserviert sein – aber nun ist es eine Frage der Verwirklichung. Es ist die Absicht Gottes für sein Volk, etwas, worum Christus sich für seine Versammlung heute bemüht, etwas, das jeder für sich persönlich anstreben muss und was Gestalt annimmt, wenn wir die Unterweisungen Gottes praktisch ausleben. Das ist praktische und progressive Heiligung.

Wovon sind diese Dinge abhängig? Sicherheit steht immer in Verbindung mit dem unendlichen Wert und der Bedeutung des Sühnungswerkes Christi und mit seiner erhaltenden Kraft. Unsere Verwirklichung der praktischen Heiligkeit nach unserer Errettung – so wichtig sie auch ist – hat nichts mit unserer Sicherheit zu tun. In jener schicksalhaften Nacht in Ägypten (2. Mo 12) wäre kein Erstgeborener verschont geblieben, wenn der Vater einen Zettel mit den Charaktervorzügen und der Verhaltensentwicklung seines Sohnes an dem Türpfosten befestigt hätte. Die Sicherheit eines jeden Erstgeborenen hing einzig und allein von dem gesprengten Blut ab. Ebenso sind auch unsere Sicherheit, Vergebung und Rechtfertigung völlig von dem kostbaren Blut Christi abhängig. Uns wurde „durch seinen Namen“ vergeben (Apg 10,43); wir sind „durch sein Blut“ gerechtfertigt (Röm 5,9).

Die stellungsmäßige Seite der Heiligung gründet sich ebenfalls auf das Werk Christi. Durch sein einmaliges Opfer sind wir geheiligt. Sie ist auch verbunden mit dem Heiligen Geist. Wir sind „auserwählt ... durch Heiligung des Geistes“ (1. Pet 1,2). Durch den Geist sind wir von neuem geboren – und durch den Glauben an die Wahrheit sind wir durch denselben Geist versiegelt. Durch all das sind wir reserviert für Gott.

Die praktische und progressive Seite der Heiligung hängt von der Wahrheit, von Gottes Wort, ab. Johannes 17,17 sagt uns: „Heilige sie durch die Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit.“ In Epheser 5,26 geschieht dies „durch das Wort“. Somit sind Eifer und ein entschiedenes sich Abwenden von der Sünde für diese Seite der Heiligung notwendig.

Wenn wir „in dem Geist wandeln“ (Gal 5,16), werden wir die Wünsche des Fleisches nicht erfüllen. Christus ist unser Hauptgegenstand, wir stehen unter dem Einfluss der Wahrheit des Wortes Gottes und sind auf diese Weise sowohl in unserer Gesinnung als auch in unseren Zuneigungen praktisch für Gott reserviert. Dieser Prozess schreitet Tag für Tag voran.

Manche, die uns demütig und in einem guten Wandel erhalten wollen, behaupten, dass das Maß der erreichten praktischen Heiligung das Maß unserer Sicherheit bestimmt. Sie meinen, wenn wir Sicherheit und Heiligung voneinander trennten, würden die Menschen denken, sie seien errettet, aber so leben, wie es ihnen gefällt. Aber wir trennen beide Seiten nicht voneinander. Gott sondert alle diejenigen für sich selbst ab, die Er vor dem Gericht schützt. Kein Beschützter ist der Macht der Sünde in dieser Welt überlassen. Jedoch unterscheiden wir diese beiden Seiten, weil die Schrift dies ebenfalls tut.

Ist unsere Heiligung so zerbrechlich, dass wir in ständiger Verunsicherung gehalten werden müssen, um sie nicht ganz zu zertrümmern? Ist es notwendig, kleine Kinder zu ängstigen, damit sie Gehorsam lernen? Ist diese Methode der einzige Weg, um das gewünschte Ziel zu erreichen? Ist es wohlmöglich sogar der beste Weg? Nein! Warum sollten wir demnach meinen, Gott versetze seine Kinder in Angst und Schrecken? Die Wahrheit ist, dass jedes rechte Verhalten erstens aus dem Bewusstsein hervorfließt, dass wir sicher sind, und zweitens aus dem richtigen Verständnis hervorkommt, wozu wir abgesondert worden sind.

Eine weitere verkehrte Überzeugung ist, dass eine gute Entwicklung in praktischer Heiligung unseren Anspruch auf einen Platz im Himmel verbessere. Kurz vor dem Ende seines heiligen Lebenswandels und hingebungsvollen Dienstes sagte Paulus: „... abzuscheiden und bei Christus zu sein ... ist weit besser“ (Phil 1,23). Dem sterbenden Räuber, der sich soeben erst bekehrt hatte und dem nur noch wenige Stunden für ein heiliges Leben übrig blieben, sagte der Herr Jesus: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Beide waren sich des Himmels gleich sicher, und dies allein auf der Grundlage des vollbrachten Werkes Christi und des sicheren Wortes Gottes.

Der Gläubige ist von Anfang an vollkommen passend für den Himmel. Wir danken dem Vater, „der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht“ (Kol 1,12). Er wird uns nicht fähig machen: Er hat uns bereits passend für den Himmel gemacht.

Jedoch verbessert ein guter Fortschritt in praktischer Heiligung unsere Tauglichkeit für die Erde. Dadurch sind wir besser in der Lage, unseren jeweiligen Platz als Zeugen und Diener Christi in dieser Welt einzunehmen.

Fortschreitende Heiligung wird nicht zu einem besonderen Zeitpunkt oder durch eine spezielle Glaubenstat erreicht. Natürlich müssen wir an die Tatsache glauben, dass Gott uns bereits für sich selbst reserviert hat – aber wir erlangen diesen Glauben nicht durch eine gewaltige Tat oder Anstrengung. Der Glaube handelt, aber in sich selbst ist er eine beständige und kontinuierliche Sache. Ich habe geglaubt und ich glaube weiter, auch heute.

Die Wahrheit heiligt, und Gottes Wort ist Wahrheit (Joh 17,17). Auch der Heilige Geist heiligt. Er ist die heiligende Kraft, denn Er ist es, der uns in die ganze Wahrheit leitet (Joh 16,13). Die Wahrheit zeigt uns Christus und seine Herrlichkeit. Während wir Ihn so anschauen, werden wir durch den Glauben in sein Bild verwandelt – von einem Maß an Herrlichkeit zum nächsten (2. Kor 3,17.18). Das ist fortschreitende Heiligung!

Jeder wahre Christ kann von sich selbst behaupten, geheiligt zu sein. „Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung“ (1. Kor 1,30). Du kannst von dir selbst mit derselben Zuversicht sagen, dass du geheiligt bist, wie du das auch im Blick auf die Erlösung sagen kannst.

Andererseits kann ein Gläubiger niemals wirklich behaupten, auch praktisch vollends geheiligt zu sein. Diejenigen, die Christus am ähnlichsten sind – also am weitesten in praktischer Heiligung fortgeschritten –, sind die letzten, die so etwas behaupten würden, weil Christus allein, nicht eigene Errungenschaften, ihre Blicke ausfüllt. Wie Paulus sind sie beschäftigt mit der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, ihres Herrn (Phil 3,8). Und wenn sie überhaupt von sich selbst reden, so sagen sie: „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet sei“ (Phil 3,12).

Manchmal wird behauptet, 1. Thessalonicher 5,22.23 spreche von vollkommenen Gläubigen, die außerhalb der Reichweite von Versuchungen seien. Die Stelle sagt: „Von jeder Art des Bösen haltet euch fern. Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und euer ganzer Geist und Seele und Leib werde untadelig bewahrt bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ Doch der Zusammenhang des Verses zeigt, dass völlig geheiligt zu sein nicht bedeutet, dass die alte Natur gänzlich verschwunden ist. Paulus wünschte, dass alle durch seinen Dienst Bekehrten in allen drei Bereichen ihres Lebens, nach Geist, Seele und Leib – also der ganze Mensch – praktisch so für Gott abgesondert sein sollten, dass sie von aller Art des Bösen bewahrt würden.

Nichts weniger als das sollte der Gegenstand auch unserer Gebete und Wünsche sein. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh 1,8). Solange die alte Natur nicht beseitigt ist, kann demnach kein Gläubiger von sich selbst behaupten, vollkommen oder außerhalb der Reichweite der Sünde zu sein [und wenn er nach wie vor sündigt, so muss er folglich immer noch die alte Natur in sich haben, denn nur die alte Natur in dem Gläubigen kann sündigen].

So mancher mag sich fragen, warum die Schrift die stellungsmäßige oder absolute Heiligung, die alle Gläubigen automatisch besitzen, so sehr betont. Der Grund liegt in ihrer enormen Wichtigkeit für uns. Das Gesetz stellte ein Ideal vor, nach dem es zu streben galt. Im Gegensatz dazu zeigt uns Gottes Weg in Gnade, was wir durch seine souveräne Auserwählung sind, sodass wir bemüht sein werden, praktisch dem zu entsprechen, was wir sind.

Zwei Jungen werden an demselben Tag geboren. Einer ist eines Königs Sohn und von Geburt an für eine hohe Position und ein hohes Amt bestimmt. Der andere wird arm geboren. Warum wird der junge Prinz ständig daran erinnert, dass er der Sohn eines Königs ist? Liegt darin ein praktischer Vorteil? In der Tat! Die zwei Jungen mögen oft dieselben Straßen entlanggehen, ihr praktisches Leben und Verhalten ist jedoch völlig verschieden. Der Prinz wird praktisch von vielen primitiven und vulgären Wegen ferngehalten, weil er durch Geburt für eine königliche Position bestimmt ist. So können auch wir nicht oft genug daran erinnert werden, dass wir sowohl durch das Erlösungswerk Christi als auch durch das Wirken und Innewohnen des Heiligen Geistes für Gott abgesondert worden sind. Nichts anderes ist mehr dazu angetan, ein Leben in Heiligkeit zu bewirken!

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