Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

X. Die prophetische Endzeitrede des Herrn

Damit kommen wir zu der letzten der fünf großen Reden Jesu, die Matthäus für uns aufgeschrieben hat. Die erste dieser Reden in den Kapiteln 5–7 beschreibt die Grundsätze des Königreichs der Himmel. In der letzten schildert der Herr den „geschichtlichen Weg“, den dieses Königreich nehmen sollte und noch nehmen wird, bis Christus seine Herrschaft antreten wird. Der Herr Jesus beschreibt in diesen beiden Kapiteln, anfangend von der damaligen Zeit bis hin zu seinem zweiten Kommen in großer Macht, was auf dieser Erde alles passieren würde.

Er tritt dabei als der große Prophet auf, von dem Mose schon gezeugt hatte: „Einen Propheten, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören.“ Gott bestätigte diese Worte von Mose: „Einen Propheten, gleich dir, will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erwecken; und ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde. Und es wird geschehen: Der Mann, der nicht auf meine Worte hört, die er in meinem Namen reden wird, von dem werde ich es fordern“ (5. Mo 18,15.18.19).

Petrus und Stephanus beziehen diese Worte im Alten Testament ausdrücklich auf den Herrn Jesus (Apg 3,22; 7,37). Und doch bleibt wahr, dass der Herr Jesus nicht nur ein Prophet gleich Mose ist, sondern weit erhaben über diesem steht (vgl. Heb 3,5.6). Denn Er wusste aus sich selbst heraus, was Er an Prophetie den Jüngern weitergab, ja Er diktiert die in der Prophetie festgehaltenen Ereignisse. Mose dagegen wurden die Worte von Gott gegeben, ohne dass er ihre Bedeutung immer erkennen konnte. Er war auch nicht in der Lage, Einfluss auf die Geschichte künftiger Tage auszuüben.

Diese beiden Kapitel (Mt 24.25) sind aus damaliger Sicht vollständig Weissagung gewesen. Sie beziehen sich auf Ereignisse, die damals alle in der Zukunft lagen. Bis auf den Teil, der mit unserer christlichen Zeit zu tun hat, sind die Ereignisse auch heute noch zukünftig.

Weissagungen in der Bibel

Weissagung setzt Abweichen im Volk Gottes voraus. Denn Gott hat immer dann Propheten zu seinem Volk geschickt, wenn dieses von den Geboten Gottes abgewichen ist. Daher ist zum Beispiel in Apostelgeschichte 3,24 von Samuel als dem ersten Propheten die Rede. In seiner Zeit war das erste grundsätzliche, gravierende und dauerhafte Abweichen des Volkes Israel vom Weg Gottes zu verzeichnen. Es ging nicht nur um praktisches Versagen, sondern um ein prinzipielles Wegwenden von Gott. Deshalb sandte Gott seinen Propheten. Gott wendet sich durch Weissagung also an solche, mit denen Er eine Beziehung eingegangen ist, die sich aber von Gott abgewandt bzw. ihre Lebensausrichtung in eine falsche Richtung verändert haben. Gott hat dann immer wieder Propheten benutzt, um die Seinen in ihrem praktischen Leben wieder zurück zu dem Ausgangspunkt ihres Glaubenslebens zu führen.

Prophetie verurteilt das Abweichen und ruft zur ursprünglichen Stellung des Glaubens zurück. Sie gibt das Ziel an, zu dem Gott sein Volk wieder führen möchte. Oft kehrt zwar daraufhin nicht das ganze Volk um. Aber vielfach gibt es einen Teil des Volkes Gottes, der über diesen Zustand des Ruins und des Bösen trauert. Diese Gläubigen werden Überrest oder Übriggebliebene genannt (vgl. 2. Kön 19,4; Jes 1,9.10; Röm 9,27; 11,5). Die Weissagung ist somit eine Art Hoffnungstür. Gott lässt sein Volk nicht ohne Warnung und Aufruf zur Umkehr verderben. Leider zeigen diese prophetischen Verse und viele Bibelstellen im Alten und Neuen Testament, dass das Volk der Juden der Warnung nicht Folge leisten wird. Es wird weiteres Abweichen vorhergesagt, auch das darauffolgende Gericht durch Gott.

Dennoch bleibt diese Hoffnungstür bestehen, nicht nur, um das Verderben zu verhindern, sondern auch, um künftige Rettung anzukündigen. Daher stellt der Herr Jesus den Seinen an dieser Stelle auch den künftigen Segen und die künftige Herrlichkeit vor. Weissagung beruht daher immer auf einem neuen Grundsatz der Gnade. Deshalb bezieht Prophetie notwendigerweise das Kommen Christi mit ein, denn die Herrlichkeit ist untrennbar mit Christus verbunden. Zudem wird nur durch Ihn aus Ruin ein neuer Weg der Rettung.

In der Weissagung unseres Herrn hier in Matthäus 24.25 sehen wir die Bestätigung eines großen Grundsatzes, den Gott immer wieder in der Schrift angewendet hat: Er führt die Gerichte über die Widerspenstigen nicht aus, bis die Sünde sich nicht zu einem Vollmaß entwickelt und sich der vollständige Ruin offenbart hat. Zum Beispiel sehen wir bei Henoch, dass er erst weggenommen wird und Ihm zugleich diese weitreichende Weissagung anvertraut wird (vgl. Jud 14.15), nachdem das Maß der Sünde voll geworden war (vgl. 1. Mo 6,11). Gott schenkt Weissagung gerade dann, wenn der Mensch in seiner Verantwortung vollkommen versagt hat. So auch hier: Der Herr musste das ganze jüdische System verurteilen und dann ankündigen, dass das Haus Israels öde gelassen würde (Mt 23,38). In dieser Verbindung spricht Er diese große Weissagung über die Zukunft Israels aus. Dieser sogenannte Ölbergdiskurs ist im Übrigen die letzte große Äußerung des Königs in diesem Evangelium vor dem Kreuzestod.

Phasen der Endzeit

Bevor ich auf die Einzelheiten dieser Rede eingehe, möchte ich einen kurzen Überblick geben über die Phasen der Endzeit, wie wir sie in der Schrift finden. Diese Endzeit beginnt in den Augen Gottes mit der Entrückung der Gläubigen der alt- und neutestamentlichen Zeit, von der wir in 1. Thessalonicher 4,15–17 lesen. Erst danach wird die prophetische Uhr wieder eingeläutet, so dass „das Ende kommen“ kann (vgl. Mt 24,14). Der Ausleger Henri Rossier beschreibt in seinem Heft „Die Zeiten des Endes“ („Les Temps de la Fin“), das leider nur in französischer Sprache vorliegt, diese Endzeit in sehr anschaulicher Weise.

Die erste Phase ist der Anfang der Wehen (Mt 24,8), die nach einigen weiteren Ereignissen schließlich in den Tag des Herrn einmünden wird (2. Thes 2,2). Dieser wird im Alten Testament Tag des Herrn oder Tag Jahwes (Jehovas) genannt. Noch einmal: Diese gesamte Zeitperiode ist für uns noch zukünftig.

Heute: der Tag des Heils

Natürlich gibt es schon heute für Christen Verfolgungen und Prüfungen, die in der Schrift auch Versuchungen genannt werden. Hier ist Ausharren auf unserer Seite nötig. Dazu wird uns die Langmut des Herrn Jesus als Vorbild genannt (vgl. 2. Pet 3,15). Paulus spricht in 2. Korinther 1,6 davon, dass wir Ausharren zeigen sollen in Bedrängnissen. Auch hier ist uns der Herr Jesus das Vorbild. Daher sollen wir unsere Blicke auf das Ausharren des Christus richten (2. Thes 3,5).

Heute ist die Zeit der Gnade, oder, wie Paulus es einmal ausdrückt, der Tag des Heils (2. Kor 6,2). Diese Periode ist dadurch gekennzeichnet, dass Gott keine Ansprüche mehr an den Menschen stellt. Bis zur Kreuzigung Jesu stand der Mensch unter Verantwortung, Gott zu gefallen. Das war in der Zeit, als Gott seinem Volk das Gesetz gegeben hat. Der natürliche Mensch hat sich als vollkommen unfähig erwiesen, Gottes Ansprüche zu erfüllen. Der Gipfelpunkt der Bosheit war, dass wir Menschen Gott selbst, gekommen im Fleisch, ans Kreuz gebracht haben. Damit war bewiesen: Der Mensch kann Gottes Anforderungen nicht entsprechen. Daher bietet Gott jedem Menschen heute das Heil im Herrn Jesus in grenzenloser Gnade an. Der Mensch wird nicht mehr wie in früheren Zeiten auf die Probe gestellt, ob er bereit ist, Gott zu gehorchen. Gott schenkt den Menschen seine ganze Liebe und seine Zuwendung. Der Mensch muss diese Gnade allerdings annehmen, sonst geht er ewig verloren.

Phase 1: Stunde der Versuchung.

Die Zeit der Gnade findet ihren Abschluss mit der Entrückung der Gläubigen. Dann beginnt das, was der Herr Jesus in seinem Brief an Philadelphia die Stunde der Versuchung nennt, die über den ganzen Erdkreis kommen wird (vgl. Off 3,10). Wir können nicht genau sagen, ob diese Phase unmittelbar mit der Entrückung beginnt. Es ist auch möglich, dass zwischen Entrückung und dieser Periode, die eine direkte Versuchung für die ungläubigen Menschen ist, noch eine kurze Zeit liegen wird. Auf jeden Fall betrifft diese Versuchungszeit besonders die Menschen, die in der Gnadenzeit nicht bereit waren, das Heil im Herrn Jesus anzunehmen. Sie werden keine zweite Chance erhalten, Jesus als Retter anzunehmen. Denn es gilt: „Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Kor 6,2) – dann ist es für immer zu spät.

Gott wird für die Menschen, die in der christlichen Zeit den Herrn Jesus Christus abgelehnt haben, „eine wirksame Kraft des Irrwahns senden, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit“ (2. Thes 2,11.12). Es gibt keine zweite Chance für Menschen, die Jesus bewusst abgelehnt haben. Gott wird die Herzen der ungläubigen Menschen verhärten. So hat Er es auch mit dem Pharao gemacht, nachdem dieser sich dauerhaft geweigert hat, sich Gottes Willen zu beugen.

Die Stunde der Versuchung ist ein recht allgemeiner Ausdruck und betrifft die gesamten sieben Drangsalsjahre, von denen Daniel in Daniel 9,27 spricht. In den Versen 24–27 ist dort von insgesamt 70 Wochen (7+62+1 Wochen) die Rede. Ein Vergleich mit 3. Mose 25,8 legt nahe, dass es bei den „Wochen“, die man auch als „Siebener“ übersetzen könnte, nicht um Wochen von sieben Tagen geht. Gott spricht hier Wochen von sieben Jahren an (auch das sind „Siebener“).

Ohne an dieser Stelle auf weitere Einzelheiten einzugehen, lernen wir in diesen Versen, dass der Messias nach den 69 Jahrwochen (also 483 Jahren) weggetan werden sollte. Wir wissen, dass Christus, der Messias, am Kreuz gestorben ist und damit Daniel 9,26a erfüllt hat. In Daniel 9,27 ist dann aber noch von einer (letzten) Woche die Rede. Das ist die 70. Woche, von der Daniel zuvor gesprochen hat. Diese wurde offensichtlich von den 69 Wochen abgespaltet. Denn das Volk Israel verwarf seinen Messias gemäß dieser Weissagung nach 69 Wochen. Der Vergleich dieses Verses mit Matthäus 24,15 zeigt, dass diese abschließende Woche von sieben Jahren noch zukünftig ist. Die Stunde der Versuchung (Off 3,10) nun bezieht sich genau auf diese sieben Jahre. Sie hat allerdings besonders die ersten dreieinhalb Jahre im Fokus, wie wir noch sehen werden.

Manche Theologen und Bibelausleger meinen, dass der Tag des Zorns des Lammes heute schon da ist (Off 6,17). Aber dieses Gericht steht noch aus. Der Verweis auf Daniel 9 sowie der Zusammenhang im Matthäusevangelium zeigen, dass diese Zeit des Endes jüdischer und nicht christlicher, kirchlicher Natur ist (vgl. Mt 24,6). Zu dieser Zeit gehört auch der Zorn des Lammes.

Phase 2: Der Tag des Zorns

Die Stunde der Versuchung mündet in den Tag des Zorns. Dieser beginnt, wenn Satan, der Verkläger der Brüder, auf die Erde geworfen werden wird (vgl. Off 12,7–12). Das ist die Person, die den ganzen Erdkreis verführen wird (Vers 9). Aus Offenbarung 12,6 kann man schließen, dass dieses Entfernen Satans aus dem Himmel genau in der Mitte der 7 Drangsalsjahre passieren wird. Denn von da an gibt es 1.260 Tage, in denen gläubige Juden von Gott beschützt werden. Diese 1.260 Tage entsprechen 42 Monaten oder dreieinhalb Jahren.

Der Tag des Zorns ist somit die Epoche der Herrschaft der beiden Tiere, von denen man in Offenbarung 13,1.11 lesen kann. Das erste Tier dort stellt den künftigen Herrscher des Römischen, das heißt des europäischen, Reiches dar. Das zweite Tier ist ein Symbol des falschen Propheten, des Antichristen. Zusammen mit der alten Schlange, Satan, werden diese Personen eine satanische Dreieinheit bilden. Es handelt sich zugleich um die Epoche, in der die falsche Frau, die abgefallene Christenheit, gerichtet wird. Sie wird in der Offenbarung (Kapitel 17.18) als große Prostituierte und großes Babylon bezeichnet (17,1.3.7.18; 18,2.3).

Der Tag des Zorns ist kein Tag von 24 Stunden. Verschiedene Male steht der Ausdruck „Tag“ symbolisch für eine Zeitperiode. Das gilt für den Tag des Heils genauso wie für den Tag des Zorns. Dieser Tag des Zorns ist nichts anderes als die große Drangsal (Mt 24,21) oder auch die Zeit der Drangsal für Jakob (Jer 30,7). Diejenigen, die in dieser Zeit „auf der Erde wohnen“ werden (Off 3,10; 6,10; 8,13; 11,10; usw.), sind Menschen, die dem Evangelium der Gnade nicht geglaubt haben. Sie sind unrettbar verloren. Sie werden die Zornesschalen Gottes sogar noch zum Anlass nehmen, Gott weiter zu lästern (Off 16,1.9).

In dieser Zeit wird der Herr Jesus einen gläubigen Überrest in Juda bilden, welcher der künftige Kern seines irdischen Volkes Israel sein wird (Jes 10,21.22). Zugleich wird in derselben Zeit durch die Predigt des Evangeliums des Reiches eine große Volksmenge unter den Nationen gerettet werden, die Christus zuvor noch nicht kannten.

Der abschließende Akt dieser dritten Periode wird sein, dass Christus aus dem Himmel kommen wird, um seine Feinde mit eiserner Rute etc. zu schlagen (Off 19,15.16).

Phase 3: Das 1.000-jährige Friedensreich – der Tag des Herrn

Damit beginnt der Tag des Herrn, wie er im Alten Testament genannt wird (vgl. Jes 13,6.9; Joel 1,15; 2,1; usw.), oder der Tag des Herrn im Neuen Testament (vgl. 1. Thes 5,2; 2. Thes 2,2). Nach 2. Petrus 3,10 wird Gott ihn durch gewaltige Naturereignisse einleiten. Aus anderen Stellen wie Matthäus 24 lernen wir, dass es sich ganz besonders um Gerichtshandlungen Gottes handeln wird. Auch dieser Tag des Herrn ist kein Tag von 24 Stunden, sondern eine Periode, die über 1.000 Jahre reicht.

Phase 4: Der Tag Gottes

Am Ende dieser Zeit steht das Gericht der Toten (Off 20,11) und das Auflösen der Elemente (2. Pet 3,12). Letzteres leitet schließlich den Tag Gottes (2. Pet 3,12) ein. Man kann diesen auch als ewigen Zustand bezeichnen. Er bedeutet in seinem Wesen die in gewisser Hinsicht unveränderliche Ewigkeit, in der Gott alles in allem ist (1. Kor 15,28).

Gegenüberstellung der Begriffe

Zum Abschluss dieses Teils möchte ich noch kurz einige konkrete Begriffe gegenüberstellen. Das ist insofern nützlich, als wir in der Offenbarung diese Endzeit in erster Linie im Hinblick auf die Christenheit finden. Dort finden wir besonders die Gerichte über die westliche, christliche Welt. In Matthäus 24 und im Alten Testament dagegen wird diese Gerichtsperiode schwerpunktmäßig im Blick auf die Juden und Israel genannt.

Die „Stunde der Versuchung“ (Off 3,10) betrifft besonders die christliche Welt, man könnte auch sagen, die Erde im Allgemeinen. Das wird uns in Offenbarung 69 berichtet. Für die Juden heißt diese Zeit der „Anfang der Wehen“ (Mt 24,8) oder die ersten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche Daniels (vgl. Dan 9,27).

Die zweite Phase wird für die Welt im Allgemeinen und die christuslose Christenheit im Besonderen der „Tag des Zorns“ Gottes und des Lammes genannt (vgl. Off 6,16.17; 14,10). Für Israel heißt diese Phase „große Drangsal“ (Mt 24,21) oder „Zeit der Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7).

Das Ganze mündet dann in das 1.000-jährige Königreich für diese Welt (vgl. Off 20,2–7) oder für Israel das Königreich der Himmel bzw. Gottes. An dessen Ende steht der ewige Zustand bzw. der Tag Gottes (2. Pet 3,12), in dem es außerhalb der Versammlung Gottes als Hütte Gottes nur noch Menschen gibt. Das Volk Israel wird dann keine gesonderte Stellung mehr einnehmen (vgl. Off 21,3).

Phasen Jüdischer Teil Allgemeiner/Christlicher Teil
Heute Lo-Ammi (nicht Volk) Tag des Heils
Übergang Entrückung der alttestamentlich Gläubigen (auch Juden, Israeliten) Entrückung der Versammlung
Phase 1
(3 ½ Jahre)
Anfang der Wehen Stunde der Versuchung
Phase 2
(3 ½ Jahre)
Große Drangsal/Drangsal Jakobs Tag des Zorns
Übergang Ankunft des Herrn auf dem Ölberg 2. Phase des 2. Kommens des Herrn
Phase 3 Reich Gottes/Tag des Herrn 1.000-jähriges Reich
Phase 4 Tag Gottes Tag Gottes

Einteilung von Kapitel 24.25

Damit komme ich zu den beiden vor uns stehenden Kapiteln. Sie enthalten drei große Teile:

1. Kapitel 24,1 -44: Die Weissagung über Israel
Hier finden wir die große Weissagung über die Zukunft Israels und der treuen Übriggebliebenen in Juda, die auf ihren Messias warten. Es geht in erster Linie um die sieben Jahre größter Drangsale. Deren Ende wird durch das zweite Kommen des Herrn Jesus in Macht und Herrlichkeit bewirkt. In diesem Abschnitt finden wir ab Vers 3 nicht die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus, wie sie von Lukas (Kapitel 21,20–23) vorhergesagt wird. Vielmehr weist der Herr Jesus auf eine Zeit hin, die auch für uns noch zukünftig ist.

2. Kapitel 24,45 -25,30: Die Weissagungen über die christliche Epoche
Hier lesen wir von Entwicklungen und Merkmalen der heutigen, christlichen Zeit.

3. Kapitel 25,31–46: Das Gericht und die Regierung über die Nationen
In diesem dritten Teil lesen wir von der Erscheinung des Sohnes des Menschen und dem Richten der Nationen künftiger Tage. Das Gericht hängt davon ab, ob die nichtjüdischen Menschen das Evangelium des Königreichs angenommen haben oder nicht. Die einen gehen ein in das herrliche Reich. Die anderen werden gerichtet und dem ewigen Feuer, der Hölle, übergeben.

Diese drei Teile unterscheiden sich auch in der Art und Weise, in welcher der Herr Jesus spricht. Beim ersten Teil handelt es sich um eine direkte Weissagung über künftige Ereignisse auf der Erde. Er handelt von historischen (künftigen) Geschehnissen. Der zweite Teil über die Christenheit wird in der aus Kapitel 13 bekannten, geheimnisvolleren Weise von Gleichnissen geschildert. Insgesamt drei Gleichnisse vervollständigen das Bild, das der Herr Jesus insbesondere in Kapitel 13 bereits durch die dort geschilderten sieben Gleichnisse gemalt hat. Im dritten Teil finden wir schließlich die Beschreibung eines Sitzungsgerichts, das in Verbindung mit dem Wiederkommen Jesu stattfinden wird.

Übrigens ist auch die Reihenfolge der drei großen Abschnitte in Übereinstimmung mit derjenigen aus Matthäus 13. Wir hatten dort in einer Auslegungslinie gesehen, dass es um drei Gruppen von Gläubigen geht: um die treuen übriggebliebenen Juden, um die Versammlung und um die Nationen. Genau diese Reihenfolge verwendet der Herr auch an dieser Stelle. Er spricht zunächst von den Juden. Die Jünger sind als Kern des damaligen jüdischen Überrestes zugleich ein Bild der in Zukunft auf der Erde lebenden gläubigen Juden. Die Zeit, die der Herr hier zunächst übergeht, ist die christliche Zeit. Er behandelt sie dann als zweites. Zum Schluss kommt Er auf die am Ende der Tage durch die Juden zum Glauben geführten Menschen aus den Heiden zu sprechen.

Eines ist im Übrigen allen drei Teilen zu eigen. Sie alle handeln vom Kommen des Herrn Jesus. In allen drei Teilen ist dabei das zweite Kommen des Herrn, vor allem das in Macht und Herrlichkeit, gemeint. Man könnte dies auch die zweite Phase des zweiten Kommens nennen. Die erste Phase ist nur für die Gläubigen der heutigen Zeit, die Versammlung Gottes, sowie die alttestamentlich Gläubigen erfahrbar. Dieses Ereignis der Entrückung behandelt der Herr an dieser Stelle nicht (auch wenn sie in den Gleichnissen teilweise enthalten ist). Denn Er spricht in erster Linie von der Verantwortung der auf der Erde lebenden Menschen. Damit aber steht die Entrückung nie in Verbindung. Sie ist ein Akt reiner Gnade und Barmherzigkeit.

Man kann die Frage stellen, warum der Herr in diesen drei Teilen nicht einfach in chronologischer Reihenfolge vorgeht. Die Antwort mag daran liegen, dass Er zunächst die Jünger vor sich sieht, die dem jüdischen Bereich entstammen. Ihnen (und ihren geistlichen und nationalen Nachkommen) möchte Er notwendige Belehrungen geben. Er tut das getrennt von den beiden anderen Bereichen, weil Er die besonderen Kennzeichen jeder Zeit deutlich erkennbar machen und unterscheiden möchte.

Man hat auch noch eine etwas andere Einteilung dieser Endzeitrede vorgenommen. Wieder gibt es drei Teile, die dann aber mehr nach der Art des Textes und nicht nach der „Zielgruppe“ der jeweiligen Abschnitte gewählt werden:

1. Kapitel 24,1 -31: Geschichtliche Ereignisse, die in und um Israel stattfinden werden.
In diesen Versen beschreibt der Herr die prophetischen, geschichtlichen Ereignisse, die in und in Verbindung mit Israel stattfinden werden, bis zu seinem Erscheinen (Vers 31).

2. Kapitel 24,32 -25,30: Ermahnung an Jünger
Der zweite Teil ist dann ermahnender Natur. Hier behandelt der Herr keine prophetischen, geschichtlichen Ereignisse, sondern wendet sich direkt an das Herz und Gewissen von solchen, die Jünger Christi sein wollen – seien sie aus dem Judentum (24,32–44) oder aus dem christlichen Bereich (24,45–25,39).

3. Kapitel 25,31–46: Geschichtliche Ereignisse in Verbindung mit den Nationen
In diesem dritten Teil nimmt der Herr den geschichtlichen Faden aus Kapitel 24,31 wieder auf. Er schließt direkt an seine dort genannte Erscheinung wieder an, um die prophetischen, geschichtlichen Ereignisse zu schildern, die in Verbindung mit den Nationen stattfinden werden.

Matthäus 24.25 im Vergleich zu Lukas 21 und Markus 13

Nicht nur Matthäus, sondern auch Markus und Lukas geben uns die Endzeitrede des Herrn wieder. Wie so oft gibt es allerdings wichtige Unterschiede, die mit dem jeweiligen Ziel der Schreiber bzw. des Geistes Gottes, der sie inspirierte, zu tun hat.

Markus betont in seinem Bericht in Kapitel 13, dass das Zeugnis Gottes hier auf der Erde abgelegt werden kann. Die Jünger sollen mit Kraft und Entschiedenheit ausgestattet werden für die Zeit, in der Christus nicht mehr auf der Erde wäre. Dazu wird die Zerstörung Jerusalems, von der Matthäus nur in Kapitel 24,2 spricht, direkt mit Ereignissen verbunden, die auch heute noch zukünftig sind und die das Hauptthema bei Matthäus bilden. Es fällt auch auf, dass nur Markus die vier Jünger nennt, die dem Herrn Jesus Fragen stellten und vermutlich die Empfänger seiner prophetischen Rede waren: Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas. Alles dreht sich hier um den Dienst der Jünger, der sich nicht auf die kommende Endzeit beschränkt, sondern für die gesamte Abwesenheit Jesu ausgeführt wird. Daher verbindet Markus auch die Belehrungen des Herrn aus Matthäus 10 und 24 miteinander. Insgesamt ist der Bericht von Markus wieder deutlich kürzer als der von Matthäus, auch wenn er einige Einzelheiten nennt, die wir nur bei ihm finden.

Lukas in Kapitel 21 wendet sich besonders an Menschen, die aus den Nationen stammen. So spricht er mehr als Matthäus und Markus von der Zeit kurz nach der Himmelfahrt Jesu und insbesondere von der Zerstörung des Tempels (Verse 20–24). Die Wegführung unter alle Nationen und das Zertreten Jerusalems beziehen sich auf die damalige Zeit; die Folgen sind bis heute sichtbar. Noch immer leben wir in den von Lukas genannten „Zeiten der Nationen“ (Vers 24). So stellt er in aller Deutlichkeit die Nationen und ihre Zeit der Oberherrschaft während der langen Erniedrigungszeit Israels heraus. Nur Matthäus spielt direkt auf das „Ende des Zeitalters“ an. Das wird der große Wendepunkt für die Juden sein, der in das herrliche Königreich Christi münden wird.

Matthäus stellt zudem den damals noch zukünftigen christlichen Teil sehr umfassend dar. Er spricht von dem, was Jünger als Bekenner des Namens Christi während seiner Verwerfung durch Israel kennzeichnet. Matthäus zeigt uns somit nicht nur die Folgen der Verwerfung des Messias für Israel, sondern erneut auch den Wechsel der Haushaltung (Epoche). Das ist neben Verfolgungen, denen die Juden als Volk ausgesetzt sind und sein werden, eine wichtige Konsequenz, die aus ihrem Widerstand gegen ihren Messias und Herrn hervorkommt.

Die Endzeitrede über den jüdischen Bereich (Mt 24,1–44)

In diesem ersten großen Abschnitt geht es um den jüdischen Bereich. Der Herr spricht hier besonders von dem Zeichen seiner Ankunft, also von seinem Kommen. Und Er weist auf die Vollendung des Zeitalters hin. In diesen Versen spricht der Herr Jesus auf direkte Weise über das, was für sein irdisches Volk kommen würde. Er geht von der Situation aus, die das Volk damals kannte. Aber Er kommt sehr schnell auf die Endzeit zu sprechen, die auch für uns noch zukünftig ist.

Zum richtigen Verständnis dieses Abschnittes ist es außerordentlich wichtig zu erfassen, dass die vom Herrn Jesus genannten Punkte nicht symbolisch gemeint sind. Der Herr spricht nicht von Dingen, die eine Art geistliche Erfüllung finden. Es geht vielmehr direkt um jüdische Elemente und konkrete Ereignisse, die stattfinden werden. Ein Überfliegen des Abschnittes macht das sehr deutlich. Der Herr spricht zum Beispiel

  • vom „Evangelium des Königreichs“ (Vers 14),
  • vom „heiligen Ort“ (Vers 15),
  • von „Judäa“ (Vers 16) und
  • vom „Sabbat“ (Vers 20),

um nur einige Beispiele zu nennen. Es handelt sich nicht um die christliche Zeit, sondern um eine Zeit, die in besonderer Weise für Juden charakteristisch ist. Das heißt nicht, dass wir Christen überhaupt nichts damit zu tun haben. Das haben wir bereits in Verbindung mit der sogenannten Bergpredigt (Mt 57) gesehen, die ebenfalls von ihrem Charakter her jüdisch ist.

Die Einteilung der Rede für die Juden

Dieser jüdische Teil umfasst insgesamt sieben wichtige Abschnitte:

  1. Verse 1–3: Einleitung: die äußeren Umstände und die drei Fragen der Jünger
  2. Verse 4–14: der Anfang der Wehen bis zur Zeit des Endes
  3. Verse 15–28: die große Drangsal
  4. Verse 29–31: das Ende der Drangsal durch das Kommen des Sohnes des Menschen
  5. Verse 32–36: der Vergleich mit dem Feigenbaum
  6. Verse 37 -41: die Art des Kommens des Sohnes des Menschen
  7. Verse 42–44: der abschließende Aufruf zur Wachsamkeit

Verse 1–3: Einleitung: die äußeren Umstände und die drei Fragen der Jünger

„Und Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel weg; und seine Jünger traten herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird“ (Verse 1.2).

In den drei ersten Versen lernen wir etwas von den äußeren Umständen, die der Anlass für diese großartige Rede unseres Meisters war. Wir erkennen sofort eine Parallele zwischen dem Ende von Kapitel 12 und dem Anfang von Kapitel 13. Am Ende von Kapitel 12 hat der Herr gezeigt, dass Er nicht mehr seine „biologische“ Familie als seine Familie anerkennen konnte. Nur diejenigen, die den Willen seines Vaters taten, gehörten zu Ihm. Damit sprach Er in bildlicher Form davon, dass Er das Volk seiner Abstammung, Israel, nicht mehr als sein Volk anerkennen konnte. Denn es war seinem Vater nicht gehorsam. Stattdessen würde Er sich eine neue Familie bilden. Daher ging Er aus dem Haus (Israels) heraus, um sich an den See (der Nationen) zu setzen.

In unserem Kapitelübergang nun spricht der Herr davon, dass das Haus (Israel) öde zurückgelassen würde (23,38). Das gleiche würde mit dem Tempel passieren, der zwar noch großartig anzusehen war, denn der Tempel, von Herodes gebaut, war äußerlich ein großartiges Kunstwerk. Aber „Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel weg“, weil Er das, was die Juden aus diesem Tempel gemacht hatten, nicht annehmbar fand. Sie hatten den Tempel und damit Gott so verunehrt, dass Christus seinen Platz außerhalb dieses Tempels und des damit verbundenen Systems sah. Der Herr nahm das zum Anlass, Zeiten des Gerichts über sein Volk anzukündigen.

Verse 1.2: Die äußere Herrlichkeit des Tempels – ist endlich.

Er musste, um vom Tempel auf den Ölberg zu gehen, den Kidron durchquert haben. Auf den Ölberg steigend musste Er zusammen mit seinen Jüngern einen wunderbaren Blick auf den Tempel gehabt haben. Manche Steine im Tempelbau sind rund sieben Meter lang. Der größte Stein misst sogar 13,60 Meter in der Länge; er hat ein Gewicht von möglicherweise 510 Tonnen. Bis heute ist nicht klar, mit welchen Mitteln man den Stein zum Tempelplatz schaffen und an seine Stelle hochbringen konnte.

Die Jünger sahen noch einmal die äußere Herrlichkeit dieses Tempelbaus und konnten ihren Stolz über dieses machtvolle Gebäude ihrer Nation nicht verschweigen. In den Kapiteln 22 und 23 haben wir sie nicht ein Wort sagen hören. Jetzt aber öffnen sie wieder ihren Mund und zeigen dem Herrn die Gebäude.

Die Antwort des Herrn muss die Jünger geschockt haben. „Seht ihr nicht dies alles?“ Diese Frage mag den Jüngern (und auch uns) eigenartig klingen. Sie hatten Ihm doch gerade „dies alles“ gezeigt. Offenbar möchte der Herr ihnen deutlich machen, dass dieser gewaltige Tempelbau symbolisch für „dies alles“ – das ganze jüdische System – stand. Wie vom Tempel „nicht ein Stein auf dem anderen gelassen“ würde, sondern alles abgebrochen werden musste, würde auch „das alles“, das gesamte jüdische System, nicht stehenbleiben.

Der Herr erklärt nicht sofort, was passieren würde. Aber wir wissen den Grund für diese dramatischen Änderungen. Denn der Tempel war in den Augen Gottes nur noch eine leere Hülle. Seinen Messias und auch den Herrn hatte das Volk hinausgeworfen. Und was sollte der Tempel ohne seinen Gott und Messias noch bedeuten, außer dass er ein nichtiges Schauwerk war? Der Herr des Tempels war ja verworfen, das Haus Israels somit von Ihm aufgegeben worden. Die Herrlichkeit ging zurück in den Himmel, so wie es damals beim Tempel mit der Wolke geschehen war (vgl. Hes 10,2–4.18.19; 11,22.23).

Die Jünger hatten noch immer weder die Verwerfung des Herrn noch die Leerheit des jüdischen Systems erkannt. Daher musste Er sie von der Macht der Tradition und jeder anderen Quelle der Attraktion des Herzens erlösen. Dazu entfaltet Er die Gedanken seines eigenen Herzens und wirft das Licht der Zukunft auf die Gegenwart.

Das enthält im Übrigen auch eine wichtige Botschaft für Christen! Auch die Christenheit ist inzwischen in weiten Teilen zu einer leeren Hülle geworden. Sie ist eine Christenheit ohne Christus. Als Erlöste müssen wir uns die Frage stellen: Wie könnte man das Kommen des Herrn genießen, um das es in diesen beiden Kapiteln geht, wenn es einem nicht wertvoll ist? Wenn diese Welt mit ihren „großartigen Steinen“ einem Christen attraktiver und wichtiger als der Herr ist, geht der Genuss der Beziehung zum Herrn verloren. Wer allein damit beschäftigt ist, in dieser Welt einen Platz einzunehmen, wird keine Freude an Christus haben können und unter die Zucht des Herrn kommen.

Die Tempelzerstörung

Der Herr holt die Jünger da ab, wo sie geistlich standen. Sie waren glaubende, gottesfürchtige Juden. In ihren Vorstellungen verbanden sie Christus mit dem Tempel. Sie wussten, dass Er der Messias Israels war. So erwarteten sie, dass Er die Römer richten und die Zerstreuten versammeln würde von den vier Winden des Himmels (vgl. Vers 31; Hes 37,9). Sie erwarteten die Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments: den Beginn des Königreichs Gottes in Macht und Herrlichkeit.

Der Herr muss seinen Jüngern aber ein weiteres Mal verdeutlichen, dass dieses Reich aufgrund seiner Verwerfung durch die Juden aufgeschoben wurde. Stattdessen würde der Mittelpunkt des jüdischen Stolzes, der Tempel, samt der Hauptstadt Israels, Jerusalem, zerstört werden. Es würde nur noch gut 30 Jahre dauern, bis diese Zerstörung Realität würde, wobei der Herr Jesus diese Zeitspanne hier nicht nennt. Wir wissen, dass Jerusalem 70 n. Chr. durch Titus zerstört wurde. So spricht der Herr über das Gericht, bevor Er weiter von der Zeit des Endes spricht. Gott würde das zerstören, was jetzt noch sichtbar vor den Augen der Jünger und Juden überhaupt stand: der Tempel, das jüdische System, das Volk der Juden insgesamt.

Vers 3: Drei Fragen der Jünger

„Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ (Vers 3).

Die Jünger konnten diese Antwort des Herrn nicht begreifen und nahmen sie zum Anlass, den Herrn zu befragen. Das tun sie an „historischem“ Ort: auf dem Ölberg. Dieser Platz ist insofern sehr bedeutsam, als der Herr Jesus nach seiner Auferstehung aus den Toten von hier in den Himmel auffuhr (vgl. Lk 24,50.51; Apg 1,12). Es war zugleich der Ort, den die Herrlichkeit Jahwes als letzten „Standpunkt“ in der Nähe des Tempels hatte, bevor sie Jerusalem und Israel ganz verließ (vgl. Hes 11,22.23). Aus Sacharja 14,4 wissen wir, dass der Herr Jesus am Ende der großen Drangsal genau an diesen Ort kommen wird. Er wird seine Füße auf diesen Berg stellen. So wird die Herrlichkeit über diesen Ort zurück nach Israel und Jerusalem kommen (Hes 43,2; 43,4). Wie passend ist es da, dass Er seine Endzeitrede genau an dieser Stelle hält.

Was erwarteten die Jünger? Sie konnten sicherlich nicht die christliche Zeit bzw. die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes erwarten, die aus Juden und Heiden bestand. Denn diese war im Alten Testament noch nicht offenbart worden. Aber sie wussten aus prophetischen Stellen, dass es eine jüdische Zeit der Drangsal in Jakob geben sollte (z.B. Jer 30,7). Sie erkennen aus dem Hinweis des Herrn, dass der Tempel zerstört und dass die Herrschaft Christi offenbar aufgeschoben werden soll. Das wollen sie gerne in Verbindung mit den Stellen im Alten Testament richtig verstehen und fragen den Herrn: Wann soll das alles sein, wovon dort die Rede ist?

Insgesamt haben die Jünger sogar drei Fragen:

  1. Wann wird das sein – nämlich die Zerstörung des Tempels?
  2. Was ist das Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen, des Christus?
  3. Was ist das Zeichen der Vollendung des Zeitalters und wann findet sie statt?

Die Jünger reden von der Ankunft Jesu. Damit meinen sie (und die Schriften) die (künftige) Gegenwart des Herrn bei ihnen auf der Erde (Verse 3.27.37.39; 1. Thes 3,13, usw.), um in Herrlichkeit und Macht zu regieren. Bei der Vollendung des Zeitalters geht es nicht um die Vollendung der Welt, das Ende dieses Kosmos. Der Herr und die Jünger sprechen vom Ende der Zeit, während der unser Herr abwesend von den Jüngern sein würde. Denn den Jüngern war damals schon klar, dass es keine Verwüstung geben konnte, solange ihr Messias gegenwärtig wäre und über sie regieren würde. Schon in Matthäus 13,39 hatte der Herr diesen Begriff der Ankunft verwendet. Er hatte deutlich gemacht, dass die Vollendung des Zeitalters mit Gericht und Ernte, zugleich aber auch mit dem Beginn des Reiches des Vaters (Vers 43) einhergehen würde.

Auf die erste Frage nach der Zerstörung des Tempels lesen wir bei Matthäus keine konkrete Antwort. Daher finden wir bei ihm auch keine Zerstreuung der Auserwählten wie bei Lukas, wohl aber eine Sammlung dieser gläubigen Juden (24,31). Wir haben schon gesehen, dass Lukas – übrigens als einziger Evangelist – diese Frage in Kapitel 21,20–24 beantwortet. Er nennt Titus nicht. Es wird allerdings deutlich, dass sich der Herr auf die Nationen bezieht. Diese Zerstörung des Tempels würde nicht wegen Götzendienst kommen, wie es in der Zeit Jeremias und Hesekiels war. Der Herr hat noch Schlimmeres vor Augen: Die Juden würden ihren Jahwe-Messias zuerst ablehnen und dann durch Heiden kreuzigen lassen. Genau das sollte das Gericht Gottes auf sie herabrufen.

Die Antwort auf die Fragen der Jünger

In den nächsten Abschnitten beantwortet der Herr die Fragen der Jünger. Wie immer geht Er mit seinen Worten über eine direkte Antwort hinaus. Wir wissen nicht einmal genau, was die Jünger genau mit ihren Fragen wissen wollten – vermutlich viel weniger, als was wir unter ihren Fragen heute verstehen. Wir haben schon gesehen, dass der Herr die erste Frage nicht weiter behandelt. Stattdessen beschreibt Er in den Versen 4–28 die Zeit des Endes, (auch ein „wann wird das sein“). Es handelt sich um eine Zeit furchtbarer Drangsale für die Juden. In den Versen 15–28 geht es dabei speziell um Jerusalem und das, was im Zentrum Israels stattfinden wird.

Die Verse 29–31 beantworten dann die Frage nach dem Zeichen der Ankunft des Herrn. Dort wird direkt vom „Zeichen des Sohnes des Menschen“ gesprochen (Vers 30). In den Versen 32–44 schließlich nennt der Herr das Zeichen der Vollendung des Zeitalters. Dort spricht Er über den Feigenbaum und weitere Kennzeichen dieser Vollendung.

Einleitend zu diesen Versen spricht Jesus in Vers 4 das Gewissen der Jünger an. Sie waren – geistlich gesprochen – noch Babys im Glauben. Sie kannten den Vater, den Jesus ihnen offenbart hatte (Kapitel 11,27). Aber sie waren noch nicht „bewaffnet“ gegen die Antichristen (1. Joh 2,18). Zudem würde Satan sie durch Betrug zu verführen suchen (2. Thes 2,9.10). Darauf will der Herr sie vorbereiten und vor den Gefahren warnen.

Verse 4–14: Die ersten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche Daniels

„Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: ‚Ich bin der Christus!‘, und sie werden viele verführen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, erschreckt nicht; denn dies muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn Nation wird sich gegen Nation erheben und Königreich gegen Königreich, und Hungersnöte und Seuchen und Erdbeben werden an verschiedenen Orten sein. Dies alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten; und ihr werdet von allen Nationen gehasst werden um meines Namens willen. Und dann werden viele zu Fall kommen und werden einander überliefern und einander hassen; und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen; und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe der Vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden. Und dieses Evangelium des Reiches wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird das Ende kommen“ (Verse 4–14).

In den folgenden Versen lesen wir etwas über den allgemeinen Zustand der Jünger und der Welt. Wie schon gesagt, handelt es sich nicht um unsere christliche Zeit und die Versammlung Gottes, sondern um die Juden als Träger des Zeugnisses Gottes. Diese Zeit ist geprägt von falschen Christi und falschen Propheten unter den Juden. Zudem geht es um die Verfolgung derer, die ein treues Zeugnis für Gott und seinen Messias ablegen. Diese Zeit reicht, wie man Vers 13 entnehmen kann, bis an das Ende dieses Zeugnisses.

Wenn Jesus hier über die für die Jünger und letztlich auch für uns zukünftige Ereignisse spricht, dann nicht, um unsere Neugier zu befriedigen. Sein Ziel ist es, die Jünger aufzuklären und zu warnen vor Gefahren, die sie noch nicht kennen und sehen. Die Jünger stehen an dieser Stelle im Unterschied zu Matthäus 18 nicht für die Versammlung. Sie sind hier die Repräsentanten der gläubigen, jüdischen Jünger. Sie werden in der Zeit der Abwesenheit des Messias hier auf der Erde sein und ihren König und sein Reich aus dem Himmel erwarten.

Vers 4: Acht geben

Diese Verse (bis Vers 14) sind sehr allgemein gehalten. Man weiß zunächst nicht genau, ob der Herr nicht neben den Juden auch die Christen betrachtet. Der Herr warnt seine Jünger vor bestimmten Gefahren. Fünf konkrete Vorhersagen nennt Er in diesem Zusammenhang:

  1. Viele kommen und versuchen, die jüdischen Gläubigen zu verführen, indem sie sagen, sie seien Christus (Vers 5).
  2. Es wird Kriege, Kriegsgerüchte und Kämpfe von Nationen gegen Nationen geben (Vers 6.7).
  3. Dann kündigt der Herr Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben an (Vers 7).
  4. Der Herr sagt auch voraus, dass viele seiner Zeugen umgebracht und dass falsche Propheten aufstehen werden, um die Juden und besonders die Jünger des Herrn zu verführen.
  5. Schließlich kündigt der Herr die Predigt des Evangeliums des Königreichs an alle Nationen an.

Die hier geschilderten Entwicklungen sind Gegenstand vieler alttestamentlicher Weissagungen, die sich genau auf diese Zeit beziehen. Hosea 5,14, Joel 2,1–17, Jeremia 30,4–9, Hesekiel 21,27, Daniel 12,1, Micha 7,1–7 und Habakuk 3,16 sind davon nur einige wesentliche. Es handelt sich um die Zeit, die „noch nicht das Ende“ ist (Vers 6). Sie wird auch der „Anfang der Wehen“ genannt (Vers 8), die „bis ans Ende“ reicht (Vers 13). Das sind Ausdrücke, die unterstreichen, dass es sich nicht um die christliche Zeit handeln kann. Denn in den neutestamentlichen Briefen finden wir diese Ausdrücke im Unterschied zum Alten Testament nicht. Es geht also um die Erfüllung und Konkretisierung von Vorhersagen, die Gott seinem irdischen Volk Israel im Alten Testament gegeben hat.

Wir haben schon weiter oben gesehen, dass der Geist Gottes von 70 Jahrwochen (70 x 7 Jahren) spricht (Dan 9,25–27). Dieser Abschnitt nun behandelt besonders die ersten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche Daniels (vgl. Dan 9,27). Über die zweite Hälfte dieser sieben Jahre liest man eine ganze Reihe von Einzelheiten in den Versen 15–28, im Propheten Daniel und auch in der Offenbarung. Über die ersten dreieinhalb Jahre wird dagegen eher weniger gesprochen. Ein Vergleich dieser Verse mit Offenbarung 69, wo wir die ersten beiden Siebener-Serien von Gerichten finden (die sieben Siegel-Gerichte und sechs der sieben Posaunen-Gerichte), zeigt jedoch: Auch dort ist von dieser Zeit die Rede.

Vers 5: Falsche Christi

In Offenbarung 6,2 liest man von einem weißen Pferd, auf dem jemand sitzt, der einen Bogen hat. Diesem Menschen wird eine Krone gegeben, und er zieht aus, siegend und damit er siegte. Offenbarung 19,11 zeigt, dass auch der Herr Jesus auf einem weißen Pferd reiten wird. Das wird so sein, wenn Er als König der Könige und Herr der Herren auf diese Erde zurückkommen wird. Offenbar ist dieser Reiter in Offenbarung 6 ein Mann, der die Kennzeichen Christi annimmt und nach außen hin vorgibt, Christus zu sein.

Genau das finden wir in Matthäus 24,5 wieder. Dort ist nicht nur von einer Person, sondern von vielen die Rede, die unter dem Namen von Christus kommen werden. Sie behaupten, Christus zu sein. Da die gläubigen Juden auf Christus warten, können sie durch solche Behauptungen getäuscht werden. Denn offenbar handelt es sich um jedenfalls teilweise erfolgreiche Menschen, von denen Johannes sagt, dass sie siegen. Daher ist die Warnung des Herrn so bedeutsam, sich durch solche Menschen nicht verführen zu lassen. Denn es wird ein für alle gläubigen Juden sichtbares Zeichen des Wiederkommens des Herrn geben. Davon wird Er in Vers 30 weitersprechen. Dadurch kann man sich vor Verführungen bewahren lassen.

Aus diesem Vers erkennen wir deutlich, dass es sich um eine Verführung von Juden handeln muss. Denn wir Christen wissen, dass der Herr Jesus uns nach 1. Thessalonicher 4 in den Himmel holen wird, bevor der Tag des Herrn, bevor die Drangsalszeiten beginnen werden (vgl. z. B. Off 3,10). Es ist also nicht nötig, Christen davor zu warnen, dass falsche Christi auf die Erde kommen werden. Damit kann man einen Christen nämlich nicht verführen. Er weiß aus der Schrift, dass Christus erst dann sichtbar auf die Erde zurückkommt, wenn Er zuvor seine Versammlung in den Himmel geholt haben wird. Daher finden wir derartige Warnungen auch nicht in den Briefen. Das ist unnötig, denn diese sind an Christen adressiert.

Es ist die Verwerfung des wahren Christus, der die Juden verwundbar macht, einen falschen Christus anzunehmen. Eigentlich war Er gekommen, um sofort sein Königreich aufzurichten. Dann hätte es keine weitere Verführung mehr geben können. Jetzt aber kam die Gefahr, weil der Christus in den Himmel auffahren und von dort sein Königreich der Himmel in geheimnisvoller Weise gründen würde. Erst an dessen Ende wird sein sichtbares Wiederkommen stehen. Das werden manche Verführer ausnutzen, um sich selbst als Christus darzustellen. Davon hat der Herr auch an anderer Stelle gesprochen. Wie furchtbar, dass die ungläubigen Juden sogar den Antichristen, das heißt den „Gegen-Christus“ bzw. den „Anstelle-Christus“, annehmen werden. Das hat ihnen der Herr Jesus bereits damals vorhergesagt (vgl. Joh 5,43).

Botschaft für Christen

Haben diese Verse uns Christen dann gar nichts zu sagen? Oh doch! Wir haben gesehen, dass sich z. B. auch die Bergpredigt an Jünger jeder Zeitepoche wendet, auch wenn diese zunächst als gläubige Juden betrachtet werden. So haben diese ersten Verse, die der Herr Jesus noch sehr allgemein hält, auch eine Botschaft an uns Christen. Nachdem man die eigentliche, jüdische Stoßrichtung im Matthäusevangelium erfasst hat, erkennt man auch eine aktuelle Botschaft.1 Heute ist neben dem verherrlichten Christus der Geist Gottes die prägende Person des Christentums. Denn Er ist die Person der Gottheit, die heute auf der Erde wohnt (vgl. 1. Kor 3,16; 6,19). Daher werden die Christen davor gewarnt, falschen Geistern zu glauben (1. Joh 4,1).

Aber auch für Christen werden Warnungen in Bezug auf falsche Christi ausgesprochen. „Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist“ (1. Joh 2,18). Das sind Menschen, die den Platz von Christus innehaben wollen und auch einnehmen. Ist der Papst der Römisch-Katholischen Kirche nicht ein solcher Mensch, auf den viele Christen hereingefallen sind? Und in 2. Korinther 11,13 lesen wir: „Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, welche die Gestalt von Aposteln Christi annehmen.“ So haben auch wir wachsam zu sein vor derartigen Gefahren.

Vers 6: Kriege und Kriegsgerüchte

Der Herr richtet sich auch im siebten Vers weiter an seine Jünger und warnt sie davor, sich zu erschrecken durch Kriege und Kriegsgerüchte. Man könnte aus diesen Worten den Eindruck gewinnen, dass die damaligen Jünger durch diese gesamte geschilderte Zeit hindurchzugehen hätten, um auch bei seiner Wiederkehr (Vers 30) anwesend zu sein. Aber das ist ein Stilmittel, das der Herr Jesus auch bei den Gleichnissen immer wieder anwendet. So fasst Er die Dinge in einem Punkt zusammen. Er will seinen Jüngern zudem keinen Anlass für den Gedanken geben: „Das Ganze dauert ja noch sehr, sehr lange und betrifft mich nicht.“ Nein, der Herr wollte, dass die Jünger schon damals mit seinem Wiederkommen rechneten. Daher stellte Er ihnen vor, was selbst für uns noch zukünftig ist, ohne klarzustellen, dass es viel später stattfinden und eine spätere Gruppe von Jüngern betreffen wird. Die Jünger sollten wissen, dass die ungläubigen Juden während der ganzen Abwesenheit Christi in ihrem Widerstand gegen Ihn und die Seinen verharren würden (vgl. Vers 34).

Schon im Alten Testament finden wir manche Hinweise in den Propheten, dass viele Kriege in der Endzeit auf das irdische Volk Gottes zukommen werden. Erneut sehen wir bei den Siegelgerichten in Offenbarung 6 einen entsprechenden Hinweis. Das zweite Siegel zeigt ein feuerrotes Pferd. Und dem darauf Sitzenden wird gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, so dass sich die Menschen gegenseitig abschlachteten. Diesem Reiter wird ein großes Schwert gegeben (Off 6,3.4). Wenn sich Offenbarung 6 auch mehr auf den christlichen Teil der Welt bezieht, so sehen wir doch, dass es sich um dieselben Gerichtshandlungen Gottes handelt. Auch hier werden Kriege sein. Die Christen werden dafür gerichtet werden, wie sie mit dem Herrn Jesus und seinen Christen umgegangen sind. Die Juden und das Volk Israel dagegen werden gerichtet werden, weil sie Christus ans Kreuz gebracht haben.

Wir finden hier also zwei große moralische Warnungen. Die Jünger des Messias werden erstens davor gewarnt, sich der richtigen Hoffnung (nämlich auf Christus) berauben zu lassen, indem sie einem falschen Christus hinterherlaufen. Zweitens werden sie gewarnt, sich durch Kriege und ungünstige Umstände irre machen zu lassen. Auch das ist jüdisch. Denn wir Christen werden nicht vor Kriegen und Kriegsgerüchten gewarnt. Wie sollten sie uns in unserer Hoffnung, dass uns Christus in den Himmel heimholt, erschüttern können. Schon die ersten Apostel und auch Paulus mussten mit diesen Verfolgungen leben. Und auch heute wissen wir von vielen Christen, die verfolgt werden. Gerade die Gläubigen aus Thessalonich werden ermutigt, dass diese Leiden nichts mit dem Tag des Herrn zu tun haben. Wer jetzt in Verfolgungen umkommt, ist schon bei Christus im Paradies. Und der Tag des Herrn kann erst kommen, wenn bestimmte Dinge auf der Erde passiert sind. Dazu gehört die Entrückung der Erlösten (vgl. 2. Thes 1 und 2).

Dennoch sind Kriege und Kämpfe auch für Christen eine Gefahr. Aber in anderer Form, als der Herr sie hier in seiner prophetischen Rede vorstellt. „Woher kommen Kriege und woher Streitigkeiten unter euch? Nicht daher: aus euren Begierden, die in euren Gliedern streiten? Ihr begehrt und habt nichts; ihr mordet und neidet und könnt nichts erlangen; ihr streitet und führt Krieg; ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet“ (Jak 4,1.2). Christen können irrewerden, weil sie Krieg inmitten der Christenheit erleben. Das steht in vollkommenem Widerspruch zu ihrer eigentlichen Berufung. Aber auch hier hat uns der Herr durch seine Knechte vorgewarnt, dass wir voneinander (und auch von uns selbst) nichts Unrealistisches erwarten sollen. Auch bei uns ist leider alles möglich.

Der Herr Jesus sagt dann seinen Jüngern, dass auch diese Kriege noch nicht das Ende sind. Es muss noch viel Schlimmeres passieren und die Gerichte für die Juden noch wesentlich gravierender werden, bevor das Ende kommen kann.

Das ist das Gegenteil von dem, was für uns Christen gilt, auf die das Ende schon gekommen ist (1. Kor 10,11). Für die Juden müssen noch viele Dinge passieren, bevor sie zu ihrem Segen kommen können. Für uns sind in Christus schon längst alle Dinge unser. Jeder Segen, auf den die Juden noch warten müssen, ist heute schon in dem Herrn Jesus geistlicherweise unser. Für die Juden wird das alles erst mit dem Kommen des Sohnes des Menschen Wirklichkeit werden. Wir müssen dagegen in dieser Hinsicht auf nichts mehr warten, auch wenn wir natürlich den Herrn Jesus aus dem Himmel erwarten!

Vers 7: nationale Kampfhandlungen – Hungersnöte und Seuchen

Im siebten Vers führt der Herr die Gedanken über Kriege fort und spricht hier davon, dass es sich um nationale Kriegsführungen handelt, nicht um Bürgerkriege. Aus der Prophetie des Alten Testament wissen wir, dass gerade Israel im Mittelpunkt des Kriegsinteresses steht. Immer wieder lesen wir vom König des Südens (vgl. z.B. Dan 11,5.6.9.11.14.15.25.40; Sach 6,6; 9,14) und vom König des Nordens (vgl. z.B. Jer 6,22; 10,22; Dan 11,6.7.8.11.13.15.40; Sach 6,6). Schon heute wird Israel praktisch von allen Seiten angegriffen. So ist absehbar, dass Israel in den Tagen, von denen der Herr hier spricht, von Süden, Norden und Osten bekämpft werden wird. Russland wird dabei zweifellos eine wichtige Rolle spielen (vgl. Hes 38,6.15; 39,2).

In Zukunft wird es zwischen den Nationen im Osten (Irak, Iran), Westen (Europa, USA), Norden (Syrien, Russland) und Süden (Ägypten) Palästinas unaufhörliche Kriege geben. Meistens wird Israel deren direkte oder indirekte Ursache sein.

Man kann auch davon ausgehen, dass in dieser Zeit manche, für den menschlichen Verstand einleuchtende Erklärungen für die genannten dramatischen Ereignisse gegeben werden. Man wird versuchen, alles wissenschaftlich und historisch zu erklären. Damit meine ich auch die Hungersnöte etc. Jede Begründung wird dann (wie heute) recht sein, solange die Bibel nicht dafür benötigt wird. Solange man ohne Gott erklärungsfähig ist, scheint alles akzeptabel zu sein. Vor allem im Westen, den heutigen sogenannten christlichen Ländern, werden irreführende Erklärungen herhalten müssen. Sie sind die Folge der wirksamen Kraft des Irrwahns. Denn diese abgefallenen Christen werden der Lüge glauben (vgl. 2. Thes 2,11). Die meisten in unseren Breitengraden lebenden Menschen werden keine Chance mehr haben, an Gott und das Heil zu glauben. Sie haben Christus bewusst als Retter abgelehnt. Daher wird Gott sie dahingeben.

Über die Kriege hinaus wird es auch verschiedene Naturkatastrophen geben wie Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben. Zwar kennen wir alle drei Erscheinungen auch heute schon, aber es ist zu erwarten, dass diese Katastrophen dann ganz andere Ausmaße annehmen werden. Vermutlich werden sie in einer nie gekannten Konzentration und Häufigkeit auftreten.

In diesen Berichten finden wir zwei weitere Siegelgerichte aus Offenbarung 6 wieder. Beim dritten Siegel (Off 6,5.6) lesen wir von einem schwarzen Pferd, auf dem ein Reiter mit einer Waage sitzt. „Ein Chönix Weizen für einen Denar und drei Chönix Gerste für einen Denar“ (Vers 6). Offensichtlich ist hier von einer enormen Hungersnot die Rede, so dass selbst die Grundnahrungsmittel Weizen und Gerste derart teuer sein werden.

Bei dem vierten Siegel sehen wir ein fahles Pferd mit einem Reiter, der den Namen „Tod“ trägt, wobei der Hades ihm nachfolgt. Er hat Gewalt über den vierten Teil der Erde und tötet mit dem Schwert und mit Hunger und mit Tod und durch wilde Tiere der Erde (Verse 7 und 8). Hier geht es anscheinend um Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben, die alle zum Tod führen.

Vers 8: Der Anfang der Wehen

Diese Gerichte werden furchtbar sein. Denn es handelt sich nicht um zufällige Naturereignisse, nicht einmal um Katastrophen, die Gott einfach nur zulässt, sondern Er tritt selbst als Richter auf. Er wird diese Heimsuchungen herbeiführen. Aber sie stellen erst den Anfang der Wehen dar. In Vers 6 sahen wir, dass noch nicht das Ende gekommen ist. Hier ist sogar davon die Rede, dass sich die Juden mit diesen Gerichten sogar erst am Anfang der Wehen befinden werden. Es muss sich also um außerordentlich schlimme Leidenszeiten handeln. Denn der Herr betont immer wieder ausdrücklich, dass die Juden noch wesentlich mehr Verfolgungen und größere Bedrängnisse zu erwarten haben. Die Gläubigen, die dann leben werden, sollen sich dadurch nicht irremachen lassen.

Als Anfang der Wehen können wir alle Ereignisse auffassen zwischen der Entrückung und der Zeit der „Vollendung des Zeitalters“ (V. 3). Letzteres nennt der Herr hier das „Ende“. Diese Vollendung führt die Stunde der Versuchung über den ganzen Erdkreis zu ihrem Höhepunkt. Man kann sagen, dass die Gerichte dieser ersten Gerichtsperiode in Offenbarung 69 zu finden sind. Dazu gehören also nicht nur die sieben Siegelgerichte, sondern auch die ersten sechs Trompetengerichte. Man vergleiche die Wehe-Ankündigungen in Offenbarung 8,13; 9,12; 11,14 mit unseren Versen. Für die Juden folgt auf diese Zeit die große Drangsal, für die Welt der Zorn Gottes, für alle Menschen insgesamt die Vollendung des Zeitalters.

Vers 9: Drangsale, Tod und Hass um des Namens des Herrn willen

Im neunten Vers lesen wir dann direkt von „Drangsal“. Hier fehlt der Artikel (der) vor Drangsal. Daher müssen wir an keine spezielle und konkret zu fassende Drangsalszeit denken, wie es die große Drangsal oder die Drangsal Jakobs sein werden. Hier geht es um die Charakterisierung einer Zeit. Für die Jünger künftiger Tage werden diese Jahre von großer Drangsal geprägt sein. Sie werden überliefert und sogar getötet werden, weil sie am Namen des Herrn Jesus, ihres Messias, festhalten. Sie sind nicht bereit, sich von ihrem Gott loszusagen. Dafür müssen sie leiden und werden sogar getötet werden.

Wir können in diesem Zusammenhang an das fünfte Siegel in Offenbarung 6,9–11 denken. Dort finden wir Seelen unter dem Altar, also Menschen, „die geschlachtet worden waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten“. In der Offenbarung werden – wie gesagt – besonders die christliche Welt und die Gerichte in deutlich allgemeiner Form behandelt. Dennoch geht es in beiden Fällen um die treuen Jünger Gottes. Sie werden um ihres Zeugnisses willen, weil sie zu Gott und seinem Messias stehen, verfolgt und getötet.

Johannes fügt dann auch noch hinzu, „dass sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mitknechte und ihre Brüder vollendet sein würden, die ebenso wie sie getötet werden würden“ (Off 6,11). Das unterstreicht, dass es sich hier noch um den Anfang der Wehen handelt. Die Vollendung des Zeitalters ist noch nicht gekommen.

Bevor wir mit der Betrachtung dieser Verse fortfahren, weise ich noch auf eine gewisse Parallele zu den Hinweisen hin, die wir in Kapitel 10 finden. Dort geht es zunächst um die Aussendung der Jünger für ihren damaligen Dienst. Sie sollten das Königreich der Himmel predigen, das in der Person des Herrn nahegekommen war. Denn Gott wollte durch seinen Christus öffentlich über sein Volk regieren. Schon dort aber wird deutlich, dass das Volk seinen Messias mehr und mehr ablehnte und dieses Königreich erst viel später in Macht und Herrlichkeit bestehen würde. Daher gibt es auch eine Reihe von Parallelen zu den Belehrungen, die wir in unseren Versen finden. Man vergleiche unseren Vers mit Kapitel 10,17–22.28 (ebenso Kap. 24,30 mit 10,23).

Verse 10–12: Verführung, Fall und Gesetzlosigkeit

In den folgenden Versen lesen wir, dass es Menschen gibt, die durch Verführungen und Verfolgungen zu Fall kommen. Sie standen äußerlich zunächst auf der richtigen Seite, haben aber offenbar keine wirkliche Bekehrung erlebt. Daher bleiben sie nicht standhaft bis zum Ende. Sie halten nicht fest an dem Evangelium des Königreiches, sondern geben es auf. Sie lassen sich durch die Bedrohungen und durch falsche Propheten in die Irre leiten, so dass sie in ihrem Glaubensleben zu Fall kommen. Dadurch zeigen sie, dass sie nie wahres Leben aus Gott besessen haben.

Diese Entwicklung im Land gipfelt darin, dass die Gesetzlosigkeit überhandnimmt. Man mag sich vielleicht fragen, ob das nicht schon heute wahr ist. Aber da das Gericht Gottes immer dann kommt, wenn das Maß der Bosheit voll geworden ist (vgl. 1. Mo 15,16), ist der Gipfelpunkt der Gesetzlosigkeit, jedenfalls was den jüdischen Bereich betrifft, erst zu diesem späteren Zeitpunkt erreicht. Heute ist nach 2. Thessalonicher 2,7 „schon das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam“. Es muss aber noch der „Gesetzlose“ (2. Thes 2,8) kommen, dessen Gipfel an Gesetzlosigkeit erreicht sein wird, wenn er sich in den Tempel setzen wird. Dort lässt er sich als Gott verehren (2. Thes 2,4). Das ist der „Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens“, der Antichrist, zu dessen Aktivitäten wir in Matthäus 24,15 kommen werden. Auf diese Zeit weist auch Sacharja in seiner vorletzten Vision hin (Sach 5,8), wenn er dort von Gottlosigkeit spricht.

Auch die Gesetzlosigkeit finden wir in einem der Siegelgerichte wieder, und zwar im sechsten. Unter den zahlreichen Parallelen zu Matthäus 24,29 sticht dort besonders die hervor, dass es in dieser Zeit keine Gerechtigkeit mehr gibt. Anscheinend existiert keine ordentliche Rechtsprechung mehr. Diejenigen, die eigentliche staatliche Autorität besitzen, bringen Finsternis statt Licht (die Sonne wird schwarz) und Mord statt Frieden (der Mond wird zu Blut). Wie auch unsere Verse geht Offenbarung 6,12–17 unmittelbar der großen Drangsalszeit und dem Tag des Zornes Gottes voraus.

Wenn die Gesetzlosigkeit überhandnimmt und Verfolgungen weiter zunehmen, ist für wahre Jünger eine außerordentliche Kraft nötig. Sie haben diese nicht in sich, sondern sie wird ihnen von oben geschenkt. Sie brauchen diese, um an Christus und seinem Wort festzuhalten. Damit sie nicht irrewerden, wenn sie das alles sehen, warnt sie der Herr hier.

Das Erkalten der Liebe der Vielen bezieht sich auf die jüdischen Bekenner, die aber nicht von neuem geboren sind. Daniel spricht von ihnen in Daniel 9,27 und meint auch dort die Masse des jüdischen Volkes, die ungläubig ist. So, wie das Erkalten der Liebe heute (vgl. 2. Tim 3,3) die Gläubigen dazu anstiftet, in der praktischen Liebe nachzulassen, wird das auch in der Zukunft sein. Daher ruft der Herr von Anfang an seine Jünger auf, sich nicht von dieser Lauheit anstecken zu lassen, sondern weiter auszuharren. Die Ursache für die Lieblosigkeit ist heute wie zukünftig der böse innere Zustand der Gesetzlosigkeit. Nur das Verändern dieses Zustandes führt zu einem veränderten Verhalten. Nur ein Herz, das für Jesus Christus brennt, wird Liebe praktizieren und dadurch offenbaren. Es bedarf eines Motivs für diese Liebe: Das liegt in Christus und seinem Werk.

Verse 13: Ausharren bis ans Ende

Die genannten Verfolgungen können dazu führen, dass Jünger aufgeben. Sie haben eine besondere Ermutigung nötig, die der Herr ihnen hier gibt. Sie sollen ausharren, und zwar nicht nur eine gewisse Zeit, sondern bis ans Ende. Dieses Ende ist dann gekommen, wenn der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde zurückkommen wird (Vers 30). Mit diesem Ausharren ist aber auch ein besonderer Ernst verbunden, die Notwendigkeit, nicht aufzugeben. Denn nur derjenige, der wirklich ausharrt bis zum Ende, wird errettet werden. Das heißt, er wird als ein aufrechter, treuer Jünger erfunden werden, wenn Christus in Herrlichkeit erscheinen wird, um all diesen Leiden ein Ende zu bereiten.

Es gibt also eine genau definierte Periode des Ausharrens, ein Ende, das kommt, genauso wie es einen Anfang der Leiden gibt. Wenn der Herr im Johannesevangelium vom Los der Christen spricht, dann nennt Er nie einen Anfang oder ein Ende. Er zeigt dort aber, dass Drangsale und Bedrängnisse während des gesamten Lebens zu erwarten sind: In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Für uns besteht in diesem Sinn Heilssicherheit, wenn wir den Herrn Jesus als unseren Retter angenommen haben. „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10,27.28). Dennoch gilt auch für uns, dass sich dieses Leben in unserem täglichen Lebenswandel zeigen muss. Es wird gerade durch Ausharren offenbart (vgl. Kol 1,11). Denn Erlöste hören auf die Stimme des Hirten (Joh 10,27) und sind Ihm gehorsam. Das ist ihr Kennzeichen.

Noch ein Wort dazu, dass der Herr damals zwar seine Jünger anredete, aber von einer Zeit spricht, die sie nicht mehr auf der Erde erleben würden. Er redet, wie wir schon gesehen haben, noch sehr allgemein. So lassen sich diese Verse sicher auch auf die damalige Zeit der Verfolgungen anwenden, welche die Jünger bis zum Jahr 70 n. Chr. erlebten. Dennoch machen die konkreten Hinweise in diesen Versen, wie sie auch in Offenbarung 6 und alttestamentlichen Weissagungen nachzulesen sind, deutlich: Der Herr Jesus bezieht sich auf die künftige Endzeit, den Anfang der Wehen auf der Erde. Aber an keiner Stelle möchte Er den Eindruck erwecken, dass es sehr lange dauern muss, bis das alles geschieht. Er möchte, dass wir sein Kommen erwarten. Zudem wünscht Er, dass die Jünger künftiger Zeit den Charakter der Jünger von damals tragen: dem Meister ergeben zu sein.

Vers 14: die Verkündigung des Evangeliums des Königreichs

Damit kommen wir zum letzten Vers dieses ersten Abschnitts, der das Thema „Errettung“ aus Vers 13 aufnimmt, um die Aktivität der gläubigen Jünger zu zeigen. Wir werden sofort an die Aussendung der 12 Jünger in Kapitel 10 erinnert. Dort jedoch wurden die Juden nur nach Israel gesandt. Dort sollten sie das Evangelium verkündigen (Mt 10,5). Hier jedoch geht es um eine Predigt für den ganzen Erdkreis. Dieser Vers bestätigt, dass Gott zu jeder Zeit sein eigenes Zeugnis unter den Nationen aufrechterhält. Das galt schon im Alten Testament, wenn man zum Beispiel an Hiob und an Daniel in Babel denkt. Das wird auch in der zukünftigen Zeit gelten, wenn Gerichte über diese Erde kommen.

Das Evangelium wird verkündigt, bis das Ende kommt. Es ist das Ende des Zeitalters (Vers 3). Für die wahren Jünger bringt dieses Ende Errettung, den Feinden der Jünger und des Messias dagegen bringt diese Zeit der großen Drangsal ein endgültiges Gericht. Der Herr ermuntert seine Jünger, nicht damit aufzuhören, bis zu diesem Ende das Evangelium zu verbreiten. Das heißt, sie sollen bis zur sichtbaren Offenbarung des aus den geöffneten Himmeln kommenden Sohnes des Menschen in Macht und Herrlichkeit als Missionare tätig sein. Denn so lange gibt es noch Hoffnung für die Menschen, dass sie sich zu Gott und dem Messias bekehren.

Evangelium des Reiches – Evangelium der Gnade

Erneut ist vom Evangelium des Königreichs die Rede. Es ist das Evangelium, das Johannes der Täufer (Mt 3,2) und der Herr selbst gepredigt haben (Mt 4,17.23; 9,35). Auch die Jünger haben diese Botschaft verkündigt (Mt 10,7). Man kann natürlich fragen, inwiefern sich das Evangelium des Reiches von dem Evangelium unterscheidet, das heute verkündigt wird. Paulus verkündigte das „Evangelium der Gnade“ (Apg 20,24) bzw. das Evangelium der Herrlichkeit des Christus (2. Kor 4,4), zwei von vielen Ausdrücken für dieselbe Sache.

Dieses Evangelium steht nicht im Widerspruch zum Evangelium des Reiches, ist jedoch viel reichhaltiger. Denn zur Zeit Jesu, als schon das Evangelium des Reiches verkündigt wurde, gab es weder den Tod Christi noch seine Auferstehung. Zudem ist der Tod des Herrn zunächst einmal kein Evangelium, keine gute Botschaft für die Juden. Denn dieser Tod war die Folge ihres Unglaubens. Sie hatten das gepredigte Evangelium genauso wie dessen Prediger und vor allem ihren König, Christus, abgelehnt.

Das Evangelium des Reiches bedeutet, sich dem Herrn Jesus, dem König, unterzuordnen und Ihn als Herrn und König anzunehmen. Es ist eng verbunden mit dem ewigen Evangelium, von dem wir in Offenbarung 14,6.7 lesen: „Fürchtet Gott und gebt ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen; und betet den an, der den Himmel und die Erde gemacht hat und das Meer und die Wasserquellen“ (vgl. auch Ps 93100). In Psalm 96 finden wir sogar die Aussendung der Boten dieses Evangeliums an die Nationen (Ps 96,3).

Das Evangelium der Gnade stellt die Herrlichkeit Gottes und seine Gnade durch den gestorbenen und auferstandenen Christus in den Mittelpunkt (vgl. 1. Kor 15,1–14). Der Herr spricht nicht von einem irdischen Königreich, dessen Herrscher man annimmt. Man wendet sich zu dem ewigen Gott selbst, und zwar in Christus Jesus, seinem eingeborenen Sohn. Gott macht uns zu seinen Kindern, indem Er uns gemäß seiner göttlichen Gerechtigkeit Leben schenkt. Alle, die an den Herrn Jesus Christus glauben, werden zusammen mit Ihm lebendig gemacht, auferweckt. Sie sitzen in Ihm in den himmlischen Örtern. Sie sind durch die Annahme des Evangeliums zu Söhnen Gottes, Erben Gottes und Miterben Christi geworden. So großartig das Evangelium des Königreichs ist – solche Segnungen enthält es nicht. Gott wird als Vater des gesamten Volkes verkündet, nicht als persönlicher Vater. Christus wird als Messias und Retter vorgestellt, nicht aber als Haupt des Leibes der Versammlung, usw.

Man kann es so formulieren: Das Evangelium der Gnade Gottes schließt das Evangelium des Königreichs mit ein, geht allerdings weit über dieses hinaus. Aber auch diejenigen, die dem Evangelium des Reiches glauben, sind glücklich und glückselig (vgl. Mt 5,3–12; 25,34). Zunächst einmal war es in Apostelgeschichte 3,19.20 die gute Botschaft des Reiches, die von Petrus und den anderen Aposteln an die Juden verkündigt wurde. Wenn die Juden Buße getan und das neue Angebot der Gnade angenommen hätten, wäre dieses Königreich in Macht und Herrlichkeit angebrochen (vgl. Mt 22,4).

Aber auch heute wird noch das Evangelium des Reiches verkündigt, selbst wenn der Schwerpunkt zweifellos auf dem Evangelium der Gnade liegt. Von Paulus und den Seinen lesen wir beispielsweise immer wieder, dass sie das Evangelium des Königreichs verkündigten (vgl. Apg 8,12; 20,25; 28,23.31). Denn die Botschaft, sich Gott und seinem Christus unterzuordnen und seine Autorität anzuerkennen, bleibt immer aktuell. Dabei ist klar, dass es damals wie heute besonders moralische Grundsätze sind, die Christus, seine Apostel und auch wir verkündigen, wenn wir das „Reich predigen“ (Apg 20,25). Denn das Königreich ist in erster Linie mit solchen moralischen Grundsätzen wie Gerechtigkeit, Friede und Freude verbunden (vgl. Röm 14,17). Das bleibt zu jeder Zeit wahr.

Es geht also nicht um die Frage einer zeitlich begrenzten Predigt. Sonst würden wir nicht im letzten Vers der Apostelgeschichte lesen, dass Paulus gerade dieses Evangelium gepredigt hat. So macht die Tatsache, dass das Evangelium des Reiches auch heute gepredigt wird, deutlich, dass dieses nicht im Gegensatz zu dem Evangelium der Gnade steht.

Wenn die Versammlung nach 1. Thessalonicher 4,16.17 die Szene der Erde verlassen haben wird, wird das Evangelium der Gnade jedoch nicht weiter gepredigt werden. Man kann sogar sagen: nie wieder. Das sollte uns die Erhabenheit dieses Evangeliums, das wir im Glauben annehmen durften, deutlich machen. Aber das Evangelium der Reiches und das ewige Evangelium werden auch dann noch gepredigt werden (vgl. Off 14,7).

Verkündiger des Evangeliums des Reiches

Das Evangelium des Königreichs wird nach der Entrückung von Juden verkündigt. Sie werden es in dieser Endzeit „auf dem ganzen Erdkreis“ predigten. Das ist unter anderem dadurch möglich, dass die Verfolgungen der jüdischen Jünger von Anfang an dazu geführt haben, dass diese auf der Erde zerstreut wurden (vgl. Apg 8,1–4). Auch heute wissen wir, dass die Verfolgungen der Juden zu einer Zerstreuung weltweit geführt haben. Diesen Umstand und auch ihre dadurch vorhandenen Sprachkenntnisse benutzt Gott, um sie zu seinen Missionaren zu machen. Bis heute hat es letztlich niemand geschafft, das Evangelium allen Menschen zu bringen. Dabei haben wir genau diesen Auftrag: „So steht geschrieben, dass der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen sollte aus den Toten und in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden sollten allen Nationen, angefangen von Jerusalem“ (Lk 24,46.47). Aber das werden wir Christen wohl auch nicht bis zur Entrückung verwirklichen. Doch diese künftigen Juden werden es schaffen.

Das steht im Übrigen nicht im Widerspruch zu Kapitel 10,23, wo wir gelesen haben: „Wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist.“ Es handelt sich hierbei um zwei ganz verschiedene Gruppen. Unsere Folgeverse zeigen, dass es in Israel und besonders in Jerusalem eine Drangsal geben wird, die dieses Volk und diese Erde noch nie gesehen hat. Dadurch werden die Juden in Israel selbst stark behindert werden in der Verkündigung. Diejenigen jedoch, die in der Folge der Zerstreuung oder als Konsequenz ihrer Flucht (vgl. Mt 24,16) außerhalb von Israel leben müssen, werden nach ihrer Bekehrung sehr aktiv werden. In erstaunlicher Weise werden sie zu Evangelisten werden und bis zum Ende ein treues Zeugnis ablegen. Gerade dazu ermuntert und ermahnt der Herr seine Jünger an dieser Stelle.

Es gibt übrigens eine schöne Parallele dieser Verse zu Offenbarung 7. Dort sind wir noch im ersten Teil der sieben Gerichtsjahre, von denen wir gesprochen haben und die in unseren Versen zum Abschluss kommen. Wir finden dort zunächst 144.000 Versiegelte aus dem 12-Stämme-Reich Israel, die zerstreut auf der ganzen Erde leben werden (Vers 3). Denn Israel als 12-stämmiges Volk wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Land Israel wohnen. Nur die Juden sind zu diesem Zeitpunkt dort in größerer Zahl vertreten. Diese 144.000 Versiegelten aus Israel bleiben jedoch nicht allein. Wir dürfen annehmen, dass sie zu Predigern des Evangeliums des Königreichs in dieser Zeit werden. Das Ergebnis ihrer Arbeit finden wir dann im 2. Teil von Offenbarung 7. Es gibt unter den Nationen „eine große Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation...“. Das sind keine Christen, denn diese sind längst im Himmel (zwischen Offenbarung 3 und 4 findet die Entrückung statt). Nein, das sind Menschen aus aller Welt, die durch das Evangelium des Reiches überzeugt wurden und Gott als Messias angenommen haben: eine Frucht der Arbeit der gläubigen Israeliten. Ein schönes Vorbild auf diese Nationen finden wir in Rahab, der Prostituierten. Gott bewirkte auch durch die beiden Kundschafter, die Josua ausgesandt hatte, Glauben in ihrer Seele. Und sie wurde gerettet, weil sie diese Botschafter aufgenommen hat (vgl. Mt 25,35).

Verse 15–28: Die große Drangsal

„Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort – wer es liest, beachte es –, dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen; wer auf dem Dach ist, steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um sein Oberkleid zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht im Winter stattfinde noch am Sabbat; denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden. Dann, wenn jemand zu euch sagt: „Siehe, hier ist der Christus!“, oder: „Hier!“, so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: „Siehe, er ist in der Wüste!“, so geht nicht hinaus. „Siehe, in den Gemächern!“, so glaubt es nicht. Denn ebenso wie der Blitz ausfährt vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln“ (Verse 15–28).

In den Versen 15–28 kommen wir zu einem Zeitabschnitt, der durch die Tatsache gekennzeichnet ist, dass der Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort steht. Das ist die Zeitperiode, die als große Drangsal (Vers 21) oder Drangsal Jakobs (Jer 30,7) bezeichnet wird. Sie betrifft ganz besonders Israel, und zwar die Juden in Judäa (Vers 16), speziell sogar in Jerusalem.

Zum besseren Verständnis dieser Ereignisse ist es nötig, im Propheten Daniel nachzulesen. Denn der Herr bezieht sich ausdrücklich auf dessen Weissagungen: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort – wer es liest, beachte es.“ Dieser Hinweis ist in mehrfacher Hinsicht wichtig:

Die Anführung Daniels

  1. Jesus weist darauf hin, dass Daniel nicht nur ein Buch verfasst hat, dass zu den sogenannten „Schriften“ oder der Abteilung der „Psalmen“ gehört. Es steht nämlich in der „hebräischen Bibel“ (dem in hebräischer Sprache abgefassten Alten Testament) zwischen Esther und Esra. Das ist der Teil, der nicht zu den Büchern Mose und auch nicht zu den Propheten gerechnet wird. Der Herr sagt ausdrücklich: Daniel war ein Prophet. Wenn auch sein Buch nicht zu den eigentlichen Prophetenschriften gerechnet werden kann, so zeigt der Herr doch, dass der menschliche Autor ein Prophet war. Damit ist auch der Charakter seines Buches ein prophetischer.
  2. Das Buch Daniel gehört zu den Bibelbüchern des Alten Testaments, die besonders von der historisch-kritischen Methode2 als nicht authentisch, ursprünglich und alt angegriffen wird. Das liegt unter anderem daran, dass es viele Vorhersagen enthält, die sich auch in den Einzelheiten schon erfüllt haben: z.B., was die vier dort genannten Weltreiche betrifft, Babylon, Medien-Persien, Griechenland und Rom; oder was die Person des Messias betrifft, der in Kapitel 9 genannt wird; und vieles mehr. Der Herr Jesus aber bestätigt ausdrücklich, dass niemand anderes als Daniel der Autor dieses Buches ist.3 Diese „Vorhersagen“ sind also nicht nachher eingefügt worden, sondern wirklich durch Daniel geweissagt worden.
  3. Der Herr Jesus fordert die Jünger auf, angesichts des Gräuels der Verwüstung den Propheten Daniel zu lesen – wer es liest, beachte es! Wir sollten das unbedingt als eine Empfehlung, ja Aufforderung verstehen, auch heute dieses großartige Bibelbuch sorgfältig zu lesen.

Was lesen wir nun im Propheten Daniel? Wir hatten schon in Daniel 9,24–27 gesehen, dass der Herr Jesus dort von 70 Siebener-Einheiten spricht, nämlich Jahrwochen. Das sind 490 Jahre. Von diesen 490 Jahren sind 7 + 62 Wochen (Vers 25) bereits Vergangenheit. Sie begannen mit dem Aufruf unter Artaxerxes I. Longimanus. Er wird in Nehemia 2,1, wo wir diesen Aufruf finden, Artasasta genannt. Diese Zeit endete mit der Ermordung des Messias (Dan 9,26).

Damit bleibt aber noch eine Jahrwoche von 7 Jahren übrig. Das ist die 70. Woche, von der Daniel spricht. Von diesen sieben Jahren berichtet Daniel 9,27: „Und er [das ist der Herrscher des künftigen Römischen Reiches, des vereinten Europas, von dem in Vers 26 die Rede ist] wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche; und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen. Und wegen der Beschirmung der Gräuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden.“

In der Mitte der sieben Jahre wird also etwas Dramatisches passieren. Der Römische Kaiser wird dafür sorgen, dass der Opferdienst, der offenbar nach der Entrückung (der Versammlung) wieder einsetzen wird, aufhören muss. Was ist die Ursache für diese Unterbrechung des Gottesdienstes? Offenbar der Gräuel, von dem in diesem Vers ebenfalls die Rede ist.

In Daniel 11,35.40 lesen wir von der bestimmten Zeit und der Zeit des Endes. Zuvor hat Daniel Dinge vorhergesagt, die sich selbst in den Einzelheiten erfüllt haben.4 Ab Vers 36 geht es aber um Dinge, die auch heute noch zukünftiger Natur sind. Da wird als erstes der „König“ genannt. Das ist niemand anderes als der Antichrist und falsche Prophet, von dem wir im Neuen Testament lesen (1. Joh 2,18.22; 2. Joh 7; Off 13,11 ff; 16,13; usw.).

In Vers 31 ist vom „verwüstenden Gräuel“ die Rede. Hierbei handelt es sich um ein Götzenbild, das in der Zeit der Makkabäer in den Tempel gestellt wurde. Es löste damals eine Verwüstung in Jerusalem und Israel aus unter Antiochus IV. Epiphanes, einem damaligen Syrerkönig. Dieses Bild wird in Daniel 8,13 „verwüstender Frevel“ genannt.

Was geschah damals? Antiochus IV. Epiphanes ließ im Jahr 168/167 vor Christus den Gottesdienst des Tempels unter Androhung der Todesstrafe verbieten. Der Brandopferaltar wurde zu einem Zeusaltar umfunktioniert. Darüber hinaus ließ er ein Götzendbild des Zeus, das die Gesichtszüge von Antiochus IV. Epiphanes trug, aufstellen. Das rief den bekannten Makkabäeraufstand hervor, von dem in Daniel 11,32 die Rede ist: „Aber das Volk, das seinen Gott kennt, wird sich stark erweisen und handeln.“

Der Gräuel der Verwüstung

Diese Geschehnisse sind also bereits Vergangenheit. Dennoch stellen sie offenbar zugleich ein prophetisches Bild dar. Nicht von ungefähr spricht der Herr Jesus in Matthäus 24,15 genau von einem solchen „Gräuel der Verwüstung“. Das wird durch Daniel 11,37.38 unterstrichen. Dort sagt der Prophet in Bezug auf eine zukünftige Zeit voraus, dass der Antichrist den Gottesdienst abschaffen und an dessen Stelle Götzendienst einführen wird (vgl. Off 13,14.15; 2. Thes 2,4).

In Daniel 12 schließlich lesen wir davon, dass der Engelfürst Michael seinem Volk Israel zur Seite stehen wird, wenn die „Zeit der Drangsal“ kommen wird (Vers 1). In Vers 7 zeigt Daniel dann, dass diese Drangsalsperiode „eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“ dauern wird (vgl. auch Dan 7,25). Das sind ein Jahr, (zwei) Jahre und ein halbes Jahr, also insgesamt genau dreieinhalb Jahre.

In Vers 11 verbindet er das damit, dass das Opfer abgeschafft wird, um an seiner Stelle „den verwüstenden Gräuel“ aufzustellen. Von dieser Zeit an würden 1.290 Tage vergehen, bis das Ende käme. Weitere 45 Tage würde es dauern, bis jemand in die Glückseligkeit des kommenden Königreichs Gottes, das in Herrlichkeit eingeführt werden wird, eingehen könne (Vers 12).

Wenn man dreieinhalb Jahre in Monate umrechnet, kommt man auf 42 Monate. Davon spricht Johannes in Offenbarung 11,2 und und,. Interessanterweise wird in Verbindung mit den 42 Monaten auch von 1.260 Tagen gesprochen (Off 11,3) – das sind dreieinhalb Jahre in Tagen umgerechnet (der prophetische Monat hat 30 Tage). Von diesen 1.260 Tagen ist auch noch in Offenbarung 12,6 und und, die Rede.

Die Zeit der Drangsal; 3,5 Jahre – 42 Monate – 1.260 Tage

Offenbar dauert die große Drangsalszeit (Mt 24,21) also dreieinhalb Jahre bzw. 42 Monate bzw. 1.260 Tage. Eingeläutet wird diese Zeit dadurch, dass Satan aus dem Himmel geworfen wird (Off 12,9). Aus Ärger darüber und angesichts seiner Bosheit wird er auf der Erde seine ganze Macht entfalten. Dazu benutzt er besonders zwei mächtige Instrumente, die in Offenbarung 13 als Tiere bezeichnet werden. Durch diese Beschreibung wird deutlich, dass sie von ihrem Wesen ungöttlich sind und auch keine Beziehung zu Gott suchen. Das ist das Merkmal von Tieren, die im Unterschied zum Menschen keinen Geist und keine unsterbliche Seele besitzen (vgl. Ps 49,13; 73,22; Dan 4,22.29; 5,21; 2. Pet 2,12; Jud 10). Es sind der Römische Kaiser (Off 13,1–10; 17,7–14; 19,19.20) und der Antichrist (Off 13,11–18). Zusammen mit Satan bilden sie eine teuflische und götzendienerische Dreieinheit.

Diese drei Personen, wobei Satan nicht sichtbar in Erscheinung tritt, verbinden sich, um die Gläubigen aus dem Volk der Juden gänzlich auszulöschen. Sie versuchen, die Macht über die ganze Erde an sich zu reißen. Dazu werden sie ein Götzenbild in den Tempel stellen, das den Römischen Kaiser darstellt (vgl. Off 13,15) und zugleich dem Antichristen göttliche Verehrung zuteilwerden lässt (vgl. 2. Thes 2,4). Genau dieses Bild ist der „verwüstende Gräuel“ (Dan 11,31) oder der Gräuel der Verwüstung (Mt 24,15), von dem der Herr Jesus spricht. Dieses Götzenbild wird für die ungläubigen Juden zu einer Verwüstung werden. Zugleich wird damit eine große Drangsal für die gläubigen Juden verbunden sein. Denn Gott wird diese Umstände dazu benutzen, sie zu läutern (vgl. Jer 9,7; Dan 11,35; 12,10; Sach 13,9; Mal 3,3).

Das Wiederkommen des Sohnes des Menschen in Macht und Herrlichkeit wird diesem Treiben ein Ende bereiten. Dieses Kommen geht mit großen Gerichten einher, wie wir sehen werden. Offenbar dauern diese Gerichte, die direkt mit dem Kommen Jesu verbunden sind, weitere 75 Tage (die Differenz zwischen 1.260 und 1.345 Tagen; Dan 12,12). Erst danach wird dann das Königreich des Herrn Jesus in großer Herrlichkeit und Schönheit aufgerichtet werden. Das ist das 1.000-jährige Friedensreich in Gerechtigkeit.

Es war nicht mein Anliegen, die einzelnen Stellen im Propheten Daniel und in der Offenbarung detailliert zu erläutern. Daher habe ich versucht, mich in aller Kürze auf das zu beziehen, was mir für das Verständnis von Matthäus 24 notwendig erscheint. Für eine ausführliche Beschäftigung mit diesen Themen empfehle ich das gut verständliche Buch von H. G. Moss (vgl. www.bibelkommentare.de).

Vers 15: Der Gräuel der Verwüstung

Der Herr Jesus wendet sich nun in dem ersten Vers dieses Abschnitts an seine Jünger und sagt ihnen: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung ... stehen seht an heiligem Ort.“ Wir erinnern uns noch einmal daran, dass der Herr zwar zu seinen Jüngern spricht, als ob sie selbst genau diese Erfahrung machen würden. Der Herr sieht die Jünger jedoch als Repräsentanten der Jünger aller Zeiten an. Sie sind hier die Jünger, die in der Endzeit jüdischen Glaubens sind und in Judäa wohnen werden.

In diesem Sinn ist auch Vers 34 zu verstehen, der so wirkt, als ob schon die damalige Generation durch die Drangsal hindurchmüsse. Aber es soll nur gezeigt werden: „Das, was Ihr jetzt [das heißt in der künftigen Drangsal] erleben müsst, ist die Folge der Verwerfung des Herrn durch Eure Vorfahren.“ So, wie es ein Geschlecht von Jüngern zu allen Zeiten gibt, die auf den Herrn Jesus warten, gibt es auch ein ungläubiges Geschlecht. Das sind Juden, die den Messias ablehnen und den gotteslästerlichen Antichristen annehmen werden. In diesem Sinn spricht bereits Mose von einem solchen „Geschlecht“ (5. Mo 32,5.20). Dieses Geschlecht wird zusammen mit dem römischen Herrscher die Nationen verführen und den Tempel moralisch verschmutzen. Das wird in der „Zeit des Endes“ sein. Denn diese Periode haben wir mit diesem Vers erreicht.

Die genannten 1.260 Tage (selbst, wenn man sie als Jahre nähme, genauso wie die 70 Jahrwochen) können sich nicht auf Jerusalem oder den dortigen Tempel zur Zeit Jesu beziehen. Denn der Tempel wurde im Jahr 70 – also ungefähr 40 Jahre nach den Worten des Herrn – zerstört. Und in einem Abstand von 1.260 Tagen oder Jahren oder dergleichen gibt es überhaupt kein besonderes Ereignis, das man als Erklärung für diese Worte des Herrn heranziehen könnte. Es gibt nichts, was in Verbindung damit in irgendeiner Weise als Erfüllung der 1.260 Tage und 1.290 Tage Daniels betrachtet werden könnte.

Der vom Antichristen angestiftete Götzendienst im Tempel (Vers 15: Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort), ist in dieser Art und Weise noch nie vorgekommen. Das gilt auch für die Zeit unter Antiochus IV. Epiphanes. Dieser Gräuel jedenfalls wird dazu führen, dass durch den Herrscher in Assyrien (heute Syrien; vgl. Jes 8,7.8; 10,5.6; Dan 9,27) das Volk in Israel von den Gerichten Gottes heimgesucht werden wird. Durch diesen König wird sich im ganzen Land Israel Verwüstung ausbreiten. Das heißt, es werden verheerende militärische Schläge gegen Israel kommen, von denen wir durch die aktuellen Kriege nur eine gewisse Vorahnung bekommen können, wie grausam es in Israel zugehen wird.

Aber der Herr beschäftigt sich hier in Matthäus 24 nicht weiter mit diesen Folgen. Er erwähnt sie nur im Zusammenhang mit der Aufrichtung des Götzenbildes. Davon haben wir in Offenbarung 13 gesehen, dass es das Bild des römischen Herrschers trägt (Off 13,14.15). Aus 2. Thessalonicher 2,4 können wir schließen, dass sich auch der Antichrist selbst in diesem Bild wiederfindet. Denn dort heißt es, dass er sich selbst in den Tempel setzen wird.

Dem Herrn Jesus ging es in seiner prophetischen Rede vor allem darum, den Jüngern die Anweisungen für den Zeitpunkt der Aufrichtung des Bildes zu geben. Denn dann sollen sie sofort aus Judäa fliehen. Die Herrschaft des Antichristen und des Hauptes des Römischen Reiches wird weltweit furchtbare Auswirkungen haben. Wir lesen von ihnen in dem Buch der Offenbarung. Von diesem Zeitpunkt an wird es für die Treuen in Israel unerträglich sein, in der Gegend von Jerusalem weiter zu wohnen. Denn jeder, der nicht vor diesem Bild niederfällt, muss sich darauf einstellen, ermordet zu werden. Ohne das Zeichen des Tieres wird man ab diesem Zeitpunkt zudem weder etwas verkaufen noch kaufen können (Off 13,17).

Verse 16–19: Die Anweisung zur sofortigen Flucht

Die Aufrichtung des Gräuelbildes wird anscheinend durch dann existierende moderne Kommunikationsmittel weltweit zu sehen sein. So werden auch alle Juden in Judäa daran teilhaben. Wenn man die Verse in Offenbarung 13,11–17 liest, ist dieses Aufrichten des Bildes für die gläubigen Jünger das Zeichen, ihren Wohnort zu verlassen, „um in die Berge zu fliehen“.

Die Christen und die große Drangsalszeit

Viele Christen glauben, dass sie Angst vor dieser Zeit haben müssten. Sie fürchten, dass sie durch solche Verfolgungen hindurchzugehen haben, die vom Antichristen und seinen Mitstreitern initiiert werden. Aber wir sehen an diesen Versen und auch an weiteren Parallelstellen sehr deutlich, dass das nicht der Fall ist. Es handelt sich um eine Drangsal, die mit Israel und sogar noch enger mit Judäa zu tun hat (Vers 16).

Der Antichrist wird die treuen Juden verfolgen, nicht die Christen. In der Offenbarung wird von der Versammlung und den Christen nach Kapitel 3 nicht mehr gesprochen. Erst wenn es um die Hochzeit des Lammes im Himmel geht, die himmlische Braut (Kapitel 19), kommt diese wieder ins Blickfeld. Auch in 2. Thessalonicher 2 wird deutlich, dass nur solche Menschen diese Zeit erleben werden, die in der christlichen Zeitepoche nicht geglaubt haben. Diesen Menschen wird Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns senden (Vers 11). Denn unbekehrte Christen und Menschen, die heute leben, werden sich dann nicht mehr bekehren können.

Es ist gerade die Ermunterung von Paulus, dass er den Thessalonichern Mut macht, sich nicht von Menschen beunruhigen zu lassen, die sagen, der Tag des Herrn sei schon gekommen (2. Thes 2,1.2). Dieser Tag beginnt mit der Gerichtszeit, die das 1.000-jährige Friedensreich einleiten wird. Diese Gerichte können aber erst kommen, so die Beweisführung von Paulus, wenn der Antichrist als der Mensch der Sünde und Sohn des Verderbens offenbart sein wird (Verse 3.4). Und diese Offenbarung findet statt, wenn er sich in den Tempel setzen wird.

Dafür aber gibt es eine wichtige Voraussetzung (Verse 5.6): Der Heilige Geist in der Versammlung muss die Erde verlassen haben (Vers 7). Erst dann kann der Gesetzlose offenbar werden. Denn auf der Erde kann es keine Koexistenz vom Heiligen Geist und dem Gesetzlosen, dem Antichristen, geben. Erst wenn der Antichrist als Gesetzloser offenbar geworden ist, kann der Herr Jesus in Macht und Herrlichkeit erscheinen. Aus 1. Thessalonicher 4 wissen wir jedoch, dass die Gläubigen zu dem Herrn Jesus kommen werden, ohne dass dies für diese Welt sichtbar werden wird (vgl. 1. Thes 4,15–17). Wenn plötzlich unzählige Menschen vermisst werden, werden die Ungläubigen, inspiriert durch Satan, bald eine plausible Erklärung verbreiten. Die Erscheinung des Herrn jedoch geschieht zusammen mit uns gläubigen Christen (vgl. 1. Thes 3,13; 4,14). Wir Christen kommen also nicht in diese Drangsalszeit hinein. Wir werden vor den Drangsalsjahren in den Himmel entrückt, um am Tag des Herrn zusammen mit Ihm auf diese Erde zu kommen, wo wir zusammen mit Christus über Israel und die gesamte Welt regieren werden.

Drangsal in Jerusalem und Judäa

Mit anderen Worten: Diese Dinge betreffen uns nicht, jedenfalls nicht direkt, weil wir dann nicht mehr auf der Erde leben werden. Damit stellt sich die Frage: Warum beschäftigen wir uns dann überhaupt damit? Die Antwort kann nicht lauten: weil diese Dinge so faszinierend sind. Das sind sie zweifellos. Aber das Entscheidende für uns Christen ist: Unser Herr hat ein großes Interesse an diesen Dingen, vor allem an seinen treuen Übriggebliebenen. Er wird mit großer Sympathie an die Treuen denken, die so schwer leiden müssen. Er geht jedoch davon aus, dass diejenigen, die Er seine Freunde nennt (vgl. Joh 15,15), dieselbe Sympathie dafür haben. Denn der Herr Jesus spricht von solchen, die mit Ihm verbunden sind. Es sind Gläubige, die leiden müssen, für die der Herr Jesus gestorben ist. Zudem und vor allem geht es darum, dass diese Erde darauf vorbereitet werden muss, dass der Herr der Herren und König der Könige erscheinen wird. Das ist der Herr Jesus. Und alles das, was unseren Herrn interessiert, sollte uns ebenso interessieren.

Der Herr spricht in diesen Versen von Judäa und Jerusalem. Die Aufforderung des Herrn betrifft also nicht einfach Juden und Israeliten auf der ganzen Welt. Er bezieht sich konkret auf Juden, die in Judäa wohnen werden. Dort steht der Tempel, und dort werden die Verfolgungen eine Schärfe haben, die größer ist als an allen anderen Orten der Welt.

Der heilige Tempel wird durch einen abscheulichen Götzendienst geschändet werden. Bildergötzen kennen wir schon heute: sogenannte Heilige und – noch schlimmer – Bilder von Christus, vor denen Menschen niederfallen. In Zukunft aber wird es einen Gipfelpunkt dieses Götzendienstes geben: Lebende Personen werden sich als Götzen, als Götter, verehren lassen (vgl. Off 13,14.15). Dann wird sich die Weissagung erfüllen, die in Kapitel 12,43–45 zu lesen ist. Es wird nicht nur ein unreiner Geist in Israel sein, sondern insgesamt acht böse Geister erfüllen das Haus Israels. Es ist eine Potenz der Gottlosigkeit und Bosheit. Das wird allerdings nicht nur eine menschliche Bosheit sein, sondern eine direkt satanische Gesetzlosigkeit, von Satan bewirkt und geprägt.

Die Aufstellung des Götzenbildes im Tempel soll den gottesfürchtigen Juden ein Zeichen sein. Sie werden erkennen, dass die vom Herrn Jesus und den Propheten des Alten Testaments vorhergesagte große Drangsal begonnen hat. Somit kann ihre persönliche Sicherheit allein dadurch bewirkt werden, dass sie aus Jerusalem und Judäa fliehen. Denn dort wird der „Ofen der Trübsal“, der Feuerofen (Dan 3), am heißesten brennen. Es ist ganz offensichtlich, dass diese Hoffnung durch Flucht eine jüdische Hoffnung ist. Christen wird an keiner Stelle gesagt, dass sie ihr Leben durch die Flucht aus Jerusalem (oder aus einem anderen Ort) retten können.

Vielleicht ist es in der heutigen Zeit auch angebracht, einmal darauf hinzuweisen, dass man über die Kehrseite nachdenkt: Rettung gibt es nicht dadurch, dass man nach Jerusalem „flieht“. Der hier genannte „heilige Ort“ ist heute eben nicht heilig. Abgesehen davon gibt es dort aktuell nicht einmal einen Tempel. Jerusalem wird erst dadurch wieder „heiliger Ort“ genannt, dass dort ein Tempel steht. Allerdings wird dort in der konkret gemeinten Zeit ein götzendienerischer Tempel des Antichristen stehen. Es wird somit eine vollständig unheilige Stätte sein.

Ein jüdischer Überrest in Jerusalem

Nun ist es interessant, wer genau zur Flucht aufgefordert wird. Der Gräuel der Verwüstung steht an heiligem Ort, also im Tempel. Das ist mitten in Jerusalem. Zur Flucht aufgefordert aber werden „die, die in Judäa sind“. Es hat nicht den Anschein, dass der Herr hier speziell von den gläubigen Juden in Jerusalem spricht, sondern vielmehr von den Gläubigen um Jerusalem herum – im Gebiet Judäas.

Das unterscheidet die künftige Zeit im Übrigen von der Flucht, zu welcher der Herr Jesus die Gläubigen in Verbindung mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. aufruft. Die entsprechenden Anweisungen findet man, wie gesehen, in Lukas 21. Dort sagt der Herr ausdrücklich: „Dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen, und die, die in ihrer Mitte sind, sollen hinausziehen, und die, die auf dem Land sind, sollen nicht in sie hineingehen“ (Vers 21). Offensichtlich meint der Herr mit „in ihrer Mitte“ Jerusalem, und dass niemand nach Jerusalem mehr hineingehen sollte. Eine solche Unterscheidung und Konkretisierung finden wir aber nicht in Matthäus 24. Das legt nahe, dass der Herr im Blick auf die Zukunft die Bewohner von Jerusalem von dem Fluch ausschließt.

Aus Offenbarung 12 wissen wir, dass es in der künftigen Zeit sowohl gläubige Juden gibt, die Gott außerhalb ihres Landes bewahren wird, als auch solche, die innerhalb des Landes weiter an Ihn glauben werden. Zunächst wird in Kapitel 12,6 von der Frau gesprochen, die für 1.260 Tage in die Wüste flieht und von Gott dort ernährt und beschützt wird. Dann aber ist in Vers 17 nicht nur von der Frau die Rede, sondern auch von „den Übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben“. Das könnte ein Hinweis auf die Juden in Jerusalem und möglicherweis in Galiläa sein. Allerdings führt der „Drache“ (das ist ein Titel für Satan) gegen sie Krieg, so dass vermutlich viele von ihnen umkommen werden.

Gibt es weitere Hinweise darauf, dass gläubige Juden in Jerusalem bleiben werden? Offenbarung 11,3 spricht von zwei Zeugen, die in den 1.260 Tagen weissagen werden. Und ihr Zeugnis wird ausdrücklich mit dem Tempel (Vers 1) verbunden. Dann lesen wir in Jesaja 28.29 von der Belagerung Jerusalems durch den Assyrer, einen alten und zugleich künftigen Feind des Volkes Israel. Dieser wird besonders Jerusalem belagern und zertreten (vgl. Jes 10,11.12; 28,14). Dort aber wird ein Überrest von Gläubigen sein (Jes 28,5).

Der König des Nordens – der Assyrer

Was der Grund dafür ist, dass der Herr die Bewohner Jerusalems nicht zur Flucht auffordert, ist nicht so leicht anzugeben. Möglicherweise ist der Feind dort zu dicht bei den Bewohnern, dass eine Flucht für sie den sofortigen Tod bedeuten würde. Denn selbst diejenigen, die weiter weg vom Zentrum wohnen, werden ja zu höchster Eile aufgefordert.

Es gibt sicher noch weitere Gründe. Im Unterschied zum Jahr 70 n. Chr., wo das Gericht Gottes über Jerusalem einen (zwischenzeitlich) endgültigen Charakter trug, wird das in der Zukunft anders sein. Der Assyrer, der König des Nordens, wird Jerusalem zwar zweimal belagern (vgl. Jes 28.29), aber nicht endgültig einnehmen. Denn der Herr Jesus selbst wird kommen und die Stadt von diesem bösen Feind befreien.

Zudem wird Gott gerade durch die treuen Gläubigen ein gewisses Gegengewicht gegen diesen assyrischen Belagerer bewirken. Denn der König des Nordens wird seine erste Belagerung nur als Zwischenstation benutzen, um weitere Eroberungszüge Richtung Ägypten vorzunehmen (vgl. Dan 11,40 ff.). Dann aber wird er Gerüchte aus dem Osten und dem Norden hören und nach Jerusalem zurückkehren. Diese Gerüchte stammen unter anderem daher, dass sich der gläubige Überrest in Jerusalem gegen die Besatzung stemmen wird. Zudem kommt der vermutlich in Moab beschützte Teil des Überrestes außerhalb des Landes zurück nach Jerusalem. So benutzt Gott auch die Gläubigen in Jerusalem, um diesen Feind aus dem Norden in das Land zurückzubringen, wo er vom Herrn Jesus besiegt werden wird (vgl. Joel 2,20; Jes 30,30–33).

Die eilige Flucht

Diese drohenden Gefahren verdeutlichen, wie wichtig die Eile bei dieser Flucht für diejenigen ist, die als Gläubige in Judäa wohnen. Wenn sich jemand auf dem Dach seines Hauses befindet und mitbekommt, dass dieses Götzenbild aufgestellt wird, soll er nicht einmal in sein Haus hineingehen. Er muss die außen befindliche Leiter oder Treppe benutzen, um zu fliehen. Sonst besteht die große Gefahr, dass er zu viel Zeit verliert und noch von dem Antichristen und seinen Soldaten gefasst wird. Dann wird es für jede Flucht zu spät sein. Wer daher auf dem Feld ist, soll nicht mehr nach Hause laufen, selbst wenn er nur seine Arbeitskleidung trägt. Besser, ohne weitere Kleidung in Sicherheit zu sein, als mit Kleidung direkt ermordet zu werden. Schrecklich muss diese Zeit für die Schwangeren und Mütter von Säuglingen sein. Denn sie sind nicht in der Lage, eine längere Flucht ohne Unterbrechung zu überleben. Für sie ist eine solche Flucht derart beschwerlich und damit aussichtslos, dass viele von ihnen dem Feind anheimfallen werden.

Diese Hinweise zeigen, wie dringlich es in dieser Zeit sein muss, aus Jerusalem wegzukommen. Die Verfolgungen werden selbst für unser Empfinden, die wir von furchtbaren Kriegen und Verfolgungen wissen (Judenverfolgung im Dritten Reich, Kriege in Afrika, Iran/Irak, Naher Osten) unvorstellbar groß sein. Wie sollen Schwangere und stillende Mütter sie überstehen können? Wenn Satan selbst die Verfolgung von Menschen organisiert (vgl. Off 12,13), dann ist größte Eile bei der Flucht angesagt.

Flucht in die Wüste – nach Moab?

Offenbar werden die Juden dann in eine bergige Wüste fliehen, wo ein ihnen von Gott bereiteter Platz ist (vgl. Off 12,6). Aus Offenbarung 12,13 sehen wir, dass es Satan selbst ist, der die Verfolgung dieser Übriggebliebenen aufnimmt. Die dort genannte Frau ist die Mutter des Sohnes, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute (Vers 5). Das ist ein deutlicher Hinweis auf den Herrn Jesus (vgl. Ps 2,7–9). Der Herr Jesus ist als Jude aus dem Volk Israels geboren worden. So wird durch diese Verse erneut deutlich, dass es sich um eine Flucht von Juden handeln muss. Auch aus Hesekiel 20,35 wissen wir, dass die Treuen der Juden in die Wüste fliehen werden, bis der Zorn Gottes vorüber ist (Jes 26,20).

Einige Bibelerklärer nehmen an, dass Moab der Ort sein wird, zu dem Israel fliehen wird. In Psalm 60,10 und und, spricht Gott zum Beispiel davon, dass Moab das Waschbecken für Israel ist. Dann wäre der Ausdruck „Wüste“ bildlich zu verstehen als ein Hinweis auf die Trennung von allem Genuss und Wohlstand. Dort wird Gott ihr Herz reinigen, um ganz allein auf den Christus Gottes zu warten. In Jesaja 16 lesen wir, dass zu Moab gesagt wird: „Sendet die Lämmer des Landesherrschers von Sela durch die Wüste zum Berg der Tochter Zion ... Mache deinen Schatten der Nacht gleich am hellen Mittag, verbirg die Vertriebenen, den Flüchtling offenbare nicht! Lass meine Vertriebenen bei dir weilen, Moab! Sei ein Schutz vor dem Verwüster! – Denn der Bedrücker hat ein Ende, die Zerstörung hat aufgehört, die Zertreter sind aus dem Land verschwunden“ (Jes 16,1–5). Offenbar war Moab schon zu Zeiten Nebukadnezars ein solcher Zufluchtsort gewesen (vgl. Jer 40,11.12).

Von diesem Zufluchtsort in Moab gibt es zudem ein Vorbild. Denn David hat seinen Vater und seine Mutter zum König von Moab gebracht, bevor er selbst die Zeit größter Verfolgungen unter Saul erleiden musste (vgl. 1. Sam 22,3.4). Ein weiteres schönes Vorbild dieser Zuflucht ist im übrigen Elia, auch wenn seine Zuflucht im Norden Israels und nicht im Osten (Moab) lag. In den dreieinhalb Jahren der regenlosen Zeit wurde er zunächst von Raben und später von einer Witwe versorgt (vgl. 1. Kön 17.18).

Wahrscheinlich ist diese Zuwendung Moabs der Grund dafür, dass Gott dem eigentlich so gottlosen Volk der Moabiter am Ende der Tage Gnade erweisen wird. Von den Moabitern durfte selbst in Ewigkeit kein Nachkomme in die Versammlung Israels kommen (vgl. 5. Mo 23,4; Neh 13,1). Aber anscheinend durch diese Hilfestellung wird es für dieses Volk doch noch Hoffnung geben (Jer 48,47).

Verse 20–22: Unvergleichliche Drangsal

In den drei nun folgenden Versen finden wir deutliche Hinweise, dass

  1. die Drangsal sich auf Juden (und nicht Christen) bezieht.
  2. es sich um eine Drangsal handelt, die in dieser Intensität noch nie da gewesen ist.
  3. Gott auch in dieser Drangsal barmherzig seinem irdischen Volk der Juden gegenüber bleiben wird.
Eine jüdische Drangsal

Zunächst finden wir in Vers 20 den Hinweis darauf, dass die Jünger beten sollen. Gebetsgegenstand ist, dass dieser Tag, an dem der Antichrist das Götzenbild in den Tempel stellen wird, nicht an einem Sabbat, also an einem Samstag, ist. Dieser Tag hat ausschließlich eine besondere Bedeutung für Juden, wenn man einmal von christlichen Sekten wie den Sieben-Tags-Adventisten absieht. Dadurch wird sehr klar, dass diese Drangsal über Juden kommen wird, nicht über Christen.

Der Herr fordert seine Jünger somit zum Gebet auf. Das heißt sicherlich, dass Er den Jüngern dieser Zeit zusichert, dass Gott dieses Gebet erhören wird. Daniel spricht in seinen Weissagungen mehrfach von den „Verständigen des Volkes“ (Dan 11,33.35; 12,3.10). Damit sind im Gegensatz zu den „Verständigen“ im Matthäusevangelium (11,25), die zwar menschlich verständig waren, nicht aber den Messias verständig annahmen, gläubige Jünger gemeint. Sie sind in den Schriften unterwiesen und haben ein Herz für den Messias Gottes. Sie sind es, die das Volk im Gesetz und den Propheten unterweisen werden, um sie zu Jüngern zu machen.

Daher werden sie auch die Jünger im Vorhinein auffordern, dafür zu beten, dass diese Drangsalszeit nicht an einem Sabbat beginnt. Dieses Gebet wäre ja zu spät, wenn das in Vers 15 genannte Ereignis stattfindet. Warum dieses Gebet im Blick auf den Sabbat? Der sogenannte Sabbatweg (vgl. Apg 1,12) war auf sechs Stadien oder rund 1.110 Meter begrenzt.

Dieser vom Herrn genannte Gebetsgegenstand ist für Juden verständlich. Denn Antiochus Epiphanes hatte sich die Sabbat-Gebote der Juden zunutze gemacht. Um die Stadt Jerusalem zu zerstören und möglichst viele ihrer Einwohner hinzuschlachten, erstürmte sein Feldherr die Stadt am Tag des Sabbats. Da durften die Juden nicht arbeiten und kriegen. Dadurch richtete er ein großes Blutbad an. 1973 starteten Ägypten und auch Syrien an dem größten Feiertag Israels, dem Jom Kippur, das ist der Sühnungstag nach 3. Mose 16, den sogenannten Jom-Kippur-Krieg und konnten sich durch die Feiertagssituation anfänglich erhebliche Vorteile erkämpfen.

Eine unvergleichliche Drangsal

Die Drangsal trifft die Juden in Israel und ist zudem eine Bedrängnis, wie sie noch nie zuvor existiert hat. „Denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). Wenn man in Daniel 12,1 nachliest, steht dort etwas sehr Ähnliches: „Es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird.“ Auch der Prophet Joel erinnert daran, dass diese Drangsal einzigartig sein wird: „Ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht. Wie die Morgendämmerung ist es ausgebreitet über die Berge, ein großes und mächtiges Volk, wie seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter“ (Joel 2,2).

Es kann nur eine Drangsal geben, die unvergleichlich ist. Daher müssen sich diese Stellen auf dieselbe Zeit beziehen. Das bestätigt noch einmal: Die von Daniel genannten Geschehnisse sind keine anderen als diejenigen, die der Herr hier in Matthäus 24 nennt und die in der Offenbarung genannt werden. Joel bezieht sich auf den Tag Jahwes (Joel 2,1) – genau darum geht es in diesen Gerichten: Der Herr Jesus, Jahwe, wird erscheinen in Macht und Herrlichkeit.

Wenn ich sage, dass diese Drangsal unvergleichlich ist, dann vor allem deshalb, weil es sich nicht einfach um einen Krieg zwischen Menschen handelt. Wir haben hier den Zorn Gottes vor uns, der vom Himmel her offenbart und ausgeführt wird (vgl. Röm 1,18). Es handelt sich in der Offenbarung um Gerichtsschalen über die Nationen, in unseren Versen aber werden sie über die Juden in Israel ausgeschüttet. Denn sie waren es, die Christus verwarfen und ans Kreuz brachten. „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“, haben sie gesagt (Mt 27,25). Das werden sie in diesen künftigen Jahren erleben müssen.

Wenn ein Deutscher davon schreibt, dass diese Drangsal unvergleichlich ist, denkt man natürlich unwillkürlich an die Zeit des Dritten Reiches zurück. Die Verfolgung, welche die Juden in dieser Zeit erlebt haben, war furchtbar. Dadurch ist ja auch der Begriff des Holocausts (= Brandopfer) geprägt worden. Aber das, wovon der Herr Jesus hier spricht, ist viel, viel schlimmer. Das gibt uns einen gewissen Eindruck davon, wie grausam die Qualen sein müssen, die dann auf die Juden zukommen werden.

Der Holocaust wird auch künftigen Generationen präsent bleiben. Das zeigt noch einmal, dass sie in größter Hast aufbrechen werden, um zu fliehen. Eine andere Richtung als die nach Osten (Moab) werden sie dann nicht kennen. Dass sich der Herr nicht auf die Zerstörung Jerusalems unter Titus bezieht, sollte klar sein. Da war Gott gegen Israel – und Er hat es verwüstet, weil es den Messias ermordet hat. Aber in der Zukunft wird Er sich zwar gegen das abtrünnige Israel stellen, zugleich aber die Rettung seines eigenen, gläubigen Überrestes des Volkes sein, wie Daniel in den Kapitel 10 und 12 deutlich macht. Das war damals nicht so. Da wurde man durch die Taufe vor dem Gericht auf dieser Erde gerettet (vgl. Apg 2,40).

Die Barmherzigkeit Gottes

Zugleich lernen wir hier aber auch etwas über die Barmherzigkeit Gottes. Er weist sein Volk an, dafür zu bitten, dass die Flucht weder im Winter noch an einem Sabbat stattfindet. Im Winter könnte ein Weglaufen durch die Wetterumstände sehr schwierig werden. An einem Sabbat kann das Volk überhaupt nichts tun. Und der Gott voller Barmherzigkeit möchte diese Bitte gerne erhören. Jetzt ergänzt der Herr, dass diese Tage der Drangsal verkürzt werden. Denn sonst würde „kein Fleisch“ errettet werden. Die eigentliche Strafe Gottes über sein Volk müsste angemessenerweise endlos dauern – so groß ist die Schuld, die dieses Volk auf sich geladen hat. Aber das würde bedeuten, dass niemand, auch keiner der wahren Jünger, überleben könnte. Das aber will Gott nicht. Denn Er möchte sein Volk retten. Daher begrenzt und verkürzt Er diese Drangsal auf die genannte Zeit von dreieinhalb Jahren bzw. 42 Monaten oder 1.260 Tagen.

Diese Zeit wird nicht um des Volkes insgesamt willen verkürzt, sondern allein „um der Auserwählten willen“. Gott hat die im Auge, die an Ihn glauben, die an Ihm festhalten, die Er von Grundlegung der Welt an auserwählt hat (vgl. Off 13,8). Er sieht ihre Drangsal. Er sieht den Druck, der durch die acht bösen Geister ausgeübt wird. Er zählt ihre Tage, jeden einzelnen Tag, wie Er dieses Maß auch bei den Gläubigen der Versammlung in Smyrna genau festgelegt hat (vgl. Off 2,10).

Paulus bestätigt diese Barmherzigkeit Gottes in Römer 9,28, wenn er dort von einer abgekürzten Sache redet, damit der Überrest gerettet werden kann. Es wird nur ein Überrest errettet werden (Vers 27). Aber diesen möchte Gott aus seinem Volk gerne gewinnen. Daher verkürzt Er diese Tage. Daniel bestätigt das, wenn er davon spricht, dass Michael, der große Fürst, für das Volk Daniels aufsteht, um es der Rettung Gottes zuzuführen (vgl. Dan 12,1).

Es ist wunderbar, wenn man den Unterschied zwischen heute und der Zukunft betrachtet. Heute dehnt Gott seine Gnade und die Zeit der Gnade aus, um so viele zu retten, die sich noch retten lassen (vgl. 2. Pet 3,9). Beim Gericht dagegen wird Er sich beeilen. Nicht, dass der Schuldige ohne Strafe davonkäme. Aber Gott hat die Seinen im Blick, die wirklich auf seiner Seite stehen. Ihnen wird Er auch durch die Verkürzung einen Weg der Rettung öffnen.

Noch ein Wort zu den Auserwählten. Wir lernen hier: Nicht nur Christen sind auserwählt – sie sind es vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4). Wir sehen hier, dass auch Juden Auserwählte waren und sein werden, ja sogar Menschen aus den Nationen wie Melchisedek, Jethro und andere. Was die Juden betrifft, so spricht Paulus in Römer 11,5.7.28 sehr deutlich von diesen Juden.

Verse 23–26: Verführung und böse Zeichen

Schon in Verbindung mit Vers 5 haben wir gesehen, dass in der ersten Hälfte der 70. Jahrwoche Daniels Verführer aufstehen werden, die sich als Christus ausgeben werden. Offenbar werden diese Verführer in der zweiten Hälfte überhandnehmen. Der Teufel weiß, dass die Ankunft Christi kurz bevorsteht (Off 12,12 b). Daher wird er mit allen Mitteln versuchen zu verwirren. Wir haben gesehen, dass er zu Beginn der großen Drangsalszeit, also in der Mitte der 70. Jahrwoche, aus dem Himmel geworfen werden wird (vgl. Off 12,9). Sein Ziel auf der Erde wird sein, die Auserwählten zu verführen und zu verfolgen. Zugleich will er verhindern, dass aus dem ungläubigen Israel weitere Juden gerettet werden.

Wie schon heute wird Satan auch in Zukunft mit zwei Mitteln angreifen: als brüllender Löwe und als listige Schlange, der als Engel des Lichts auftritt (2. Kor 11,14). Im Brief an Smyrna sehen wir beide Kennzeichen (vgl. Off 2,9.10). Hier in der großen Drangsal ebenfalls.

Die Jünger werden mit einer wohl begreiflichen Sehnsucht die Ankunft Christi erwarten, um allen diesen Leiden und Verführungen enthoben zu werden. Aber diese Erwartung könnte sie dazu verleiten, auf Verführer zu hören. Die große Gefahr kommt dadurch auf, dass diese falschen Christi aufstehen werden und große Zeichen und Wunder vollbringen können (vgl. Off 13,14). So sollen diese satanischen Zeichen den Ungläubigen andeuten: „Jetzt kommt Rettung für Euch!“ Denn es ist nicht sofort erkennbar, dass sie von unten kommen. Aber sie sind weder von Gott bewirkt, noch führen sie zu Rettung. Das Gegenteil ist der Fall: Die Juden werden zunehmende Drangsal und Gerichte erleben. Schließlich ergießt sich über das ungläubige Israel das vernichtende Gericht des Sohnes des Menschen. Für sie kommt keine Rettung, aber auch für die Auserwählten Juden wird sie noch hinausgezögert.

Das Wirken des Antichristen

Der Hauptverführer und Vollbringer von Wundern wird zweifellos der Antichrist selbst sein (vgl. 2. Thes 2,9.10). Er und seine Nachahmer vollbringen keine falschen Zeichen, es sind böse Wunder. Aber diese werden Wirklichkeit sein, tatsächliche Wunder. Es sind böse Zeichen, weil sie von Satan inspiriert sind und nicht von Christus. Man muss davon ausgehen, dass es Wunder sind, die vergleichbar sind mit denen, die der Herr Jesus vollbracht hat, als Er auf dieser Erde war. Es gibt nur zwei Arten von Zeichen: Die einen sind von oben und werden auch in dieser Zeit vollbracht werden (vgl. Off 11,6). Die anderen sind von unten, direkt von Satan inspiriert. Und um diese handelt es sich hier. Daher sind es sogar „große Zeichen und Wunder“ (vgl. Off 13,13), weil sie den Anschein von göttlicher Herkunft haben und Christus imitieren.

Gerade dadurch ist die Gefahr der Verführung so groß. Die Jünger warten auf Christus – und da treten auf einmal Menschen auf, die genau derartige Wunder tun. Deshalb lesen wir kurze Zeit später, dass der Herr Jesus eindeutig zeigt, wie Er kommen wird. Aus Daniel 912 sowie aus der Offenbarung wird zudem der genaue Zeitabschnitt deutlich, den die Drangsalszeit umfassen wird. Sie beginnt mit dem Aufstellen des Götzenbildes, und sie endet mit seiner öffentlichen, für alle sichtbaren Erscheinung. Der Herr warnt die Auserwählten, damit diese vor Täuschungen bewahrt werden, die auf den ersten Blick so glaubwürdig erscheinen.

Eigentlich sollten solche Verführungen für uns Christen keine Gefahr bedeuten, weil wir wissen, dass der Herr Jesus uns entrücken wird. Er wird dann nicht für alle Menschen sichtbar kommen und auch nicht (zuvor) in der Öffentlichkeit auftreten. Leider muss man sagen, dass sich heute schon viele Christen durch äußere Erscheinungen blenden lassen (siehe die Pfingstbewegung der charismatischen Bewegung). Wie viel mehr stehen die Juden später in der Gefahr, die wirklich auf einen in der Öffentlichkeit auftretenden Christus warten, diesen Verführungen zu erliegen. Denn sie befinden sich in einer solchen Not, dass sie sich leicht jedem Strohhalm zuwenden. Genau das ist das Ziel von Satan und seinen falschen Propheten.

Der Herr hat es seinen Jüngern vorhergesagt, damit sie gewappnet sind, wenn diese Situation eintritt. Das ist ein Beweis des großen Vertrauens und der Liebe des Herrn zu den Seinen (vgl. 1. Mo 18,17). Denn Er möchte die Seinen im Vorhinein einweihen in seine Pläne, damit sie zur bestimmten Zeit nicht entmutigt werden und nach seinem Wort handeln.

Der Herr wird im Unterschied zu Johannes dem Täufer nicht in der Wüste erscheinen. Er wird auch nicht in einem Gemach ankommen und verborgen bleiben. Sein Kommen ist mit einem öffentlich sichtbaren Erscheinen verbunden. Sacharja sagt uns, dass Er mit seinen Füßen auf dem Ölberg stehen wird (vgl. Sach 14,4). Zugleich denken wir noch in einem anderen Zusammenhang an Johannes den Täufer. Dieser hat im Unterschied zu diesen falschen Christi von Anfang an darauf hingewiesen, dass er nicht der Christus war (vgl. Joh 1,20).

Abschließend zu diesem Punkt sei kurz darauf hingewiesen, dass es eine böse Lehre der „Zeugen Jehovas“ ist, dass der Herr Jesus im Jahr 1918 „im Verborgenen“ wiedergekommen sei (in Gemächern). Es ist immer wieder erstaunlich, wie der Herr Jesus gerade in diesem Evangelium aktuelle Irrlehren entlarvt: In Kapitel 23 ist es die Anmaßung der Römisch-Katholischen Kirche, einen Menschen Vater, Rabbi etc. nennen zu lassen. Hier findet die genannte böse Lehre der Zeugen Jehovas ihre Antwort. Zudem haben wir schon früher gesehen, dass der Herr für die gläubigen Christen kommen wird, ohne seine Füße auf die Erde zu stellen. Denn wir werden Ihm in der Luft begegnen, wohin Er uns rufen wird. Dort werden wir Ihm begegnen, um allezeit bei Ihm im Himmel, im Haus seines Vaters, zu sein. Auch von daher ist diese Lehre der „Zeugen Jehovas“ vollkommen unbiblisch.

Verse 27.28: Die Ankunft des Sohnes des Menschen

Am Ende dieses langen Abschnitts zeigt der Herr Jesus kurz an, wie Er kommen wird. Er kommt nicht im Verborgenen. Seine Wunderzeichen, die Er als verworfener Sohn des Menschen5 vollbracht hat, wird Er so zunächst nicht wiederholen. Aber Er wird wie der Blitz kommen, der vom Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet. Und wie ein Blitz zum Unwetter führt und verbrennt und tötet, so wird auch sein Kommen sein.

Es wird öffentlich für alle Menschen sichtbar sein. Man braucht, wie wir gesehen haben, nicht wieder in die Wüste zu Johannes zu kommen. Nein, so wie ein Blitz von überall zu sehen ist, wird auch das Kommen des Herrn für jeden zu sehen sein. Es wird unübersehbar sein. Hier ist im Übrigen nicht von der römischen Armee die Rede, gegen die der Herr künftig siegen wird (vgl. Off 19,19 ff.). Das wird dem Kommen auf den Ölberg vorausgehen. Er spricht auch nicht von der römischen Armee zur Zerstörung Jerusalems kurz nach seiner damaligen Himmelfahrt. Denn diese kam im Jahr 70 nach Christus nicht vom Osten, und Titus leuchtete auch nicht bis zum Westen. Es geht allein um die künftige Ankunft, das heißt Gegenwart, des Sohnes des Menschen hier auf der Erde. Sie bedeutet in ihrem ersten Akt das Gericht über die schuldigen Menschen und ist zugleich Rettung für die Seinen (vgl. Sach 14,3 ff.). Von diesem zweiten Teil sprechen aber erst die kommenden Verse.

Der Herr Jesus führt das Gericht über die schuldigen, ungläubigen Juden und auch über die verdorbene Menschheit hier nicht weiter aus. Dafür müssen wir andere Stellen heranziehen, zum Beispiel Jesaja 10,22.23; 28,22; Daniel 9,27; 12,11.12. Gott wird ja als Zuchtrute Israels in der Drangsalszeit besonders Assyrien benutzen (vgl. Jes 10,5). Dieses Instrument in seiner Hand wird wegen seiner Bosheit durch Christus gerichtet werden (vgl. Jes 30,30–33; 31,4–8; 59,19.20).

Der Blitz fährt aus vom Osten. Das ist die Himmelsrichtung des Aufgangs der Sonne. Wir wissen, dass der Osten vom Kommen Christi aus und in der Herrlichkeit spricht. In Kapitel 17,2 war die Sonne dieses Symbol der Herrlichkeit des Herrn in seinem kommenden Königreich. In Lukas 1,78.79 lesen wir davon, dass „die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes“ sichtbar wird, „in der uns besucht hat der Aufgang [das ist dasselbe Wort wie Osten in unserem Vers6] aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“. Das ist nichts anderes als ein Hinweis auf das erste Kommen Jesu aus der Herrlichkeit – sozusagen ebenso von Osten her – um das Volk zu erretten. Damals wollte es diese Rettung nicht annehmen. In der Zukunft wird es diese gläubigen Übriggebliebenen geben, die den Herrn mit größter Sehnsucht empfangen, aufnehmen und anbeten werden.

Das Aas und die Adler

Der Herr Jesus schließt diesen Abschnitt mit einem eigentümlichen Vers ab: „Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln.“ Man fragt sich, wovon der Herr Jesus hier spricht. Manche haben geglaubt, die Versammlung sei das Aas. Aber die Versammlung ist im Gegensatz zum Aas nicht unrein, sondern heilig und rein in den Augen Gottes (vgl. Eph 1,4 ff.; 5,26 ff.). Sie ist mit Christus durch den Heiligen Geist verbunden und damit ein lebendiger, lebender Körper, nicht ein totes Aas! Die Christen sind auch keine Instrumente Gottes im Gericht, wie wir das hier bei den Adlern finden.

Nein: Wenn wir diesen Vers auf Israel beziehen, wird alles klar. Die ungläubigen Juden bilden den toten Teil Israels, dieses Aas. Dieser Teil wird bei der Ankunft des Sohnes des Menschen durch ein plötzliches Gericht heimgesucht und gerichtet werden. Das Aas ist in seiner Unreinheit also ein Bild des verdorbenen Teils in Israel. Das sind alle, die dem Tier, dem Antichristen folgen. Die Adler sind ein Symbol für das Gericht, das der Herr Jesus durch sein Kommen über diese Menschen bringen wird.

Vermutlich benutzt der Herr hier ein Bild, das Er schon Hiob gegenüber verwendet hat. In Hiob 39,30 lesen wir vom Adler: „Und seine Jungen schlürfen Blut, und wo Erschlagene sind, da ist er.“ Vorher heißt es, dass er seine Nahrung auf Felszacken und den Spitzen der Berge erspäht und weit in die Ferne schauen kann. Dann erjagt er in Windeseile seine Beute. Das ist ein lebendiges Bild davon, dass sich alle Nationen gegen Jerusalem versammeln werden, um dieses zu besiegen: „Siehe, ein Tag kommt für den Herrn, da wird deine Beute in deiner Mitte verteilt werden. Und ich werde alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg versammeln; und die Stadt wird eingenommen und die Häuser werden geplündert und die Frauen vergewaltigt werden; und die Hälfte der Stadt wird in die Gefangenschaft ausziehen, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden“ (Sach 14,1.2). Der Herr Jesus selbst wird die Adler in und um Jerusalem versammeln. Es ist sein Gericht an dem gottlosen Volk, das Ihn an das Kreuz gebracht hat.

Mit Vers 28 schließt dieser Teil der jüdischen Weissagung. Er ist eine Warnung für die Jünger vor den Gefahren jeder Art in der Zeit der großen Drangsal. Ab Vers 29 finden wir dann das direkte Eingreifen Gottes in der Person des Sohnes des Menschen im Gericht.

Verse 29–31: Das Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen

„Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende“ (Verse 29–31).

In den Versen 29–31 geht es um das Kommen des Sohnes des Menschen. Es ist die Antwort auf die Frage der Jünger nach dem Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen. In allen drei synoptischen Evangelien ist in den prophetischen Endzeitreden die Erscheinung des Sohnes des Menschen der Hauptgegenstand. Matthäus aber arbeitet diesen Punkt ganz besonders heraus.

In diesen drei Versen lernen wir etwas über

  1. die Umstände, die mit dem zweiten Kommen des Herrn Jesus in Verbindung stehen (Vers 29)
  2. das Zeichen des Sohnes des Menschen und den Charakter seines Kommens (Vers 30)
  3. das Handeln des Herrn mit den gläubigen Übriggebliebenen (Vers 31).

Vers 29: Die Umstände in Verbindung mit dem Kommen des Herrn

Die Erschütterungen, von denen wir in Vers 29 lesen, sind die Erfüllung der Weissagungen von Haggai 2,6.7: „Denn so spricht der Herr der Heerscharen: Noch einmal, eine kurze Zeit ist es, da werde ich den Himmel erschüttern und die Erde und das Meer und das Trockene. Und ich werde alle Nationen erschüttern, und das Ersehnte aller Nationen wird kommen, und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen, spricht der Herr der Heerscharen“ (vgl. Heb 12,26.27).

Äußerliche Erschütterungen

Das Kommen des Herrn Jesus muss also mit gewaltigen Erschütterungen einhergehen. Es muss sich um enorme Kräfte handeln, die hier wirksam werden. Da in Matthäus 24 bereits zuvor von Erdbeben, Hungersnöten und Seuchen die Rede war, kann man auch hier an eine buchstäbliche Erfüllung dieser Vorhersagen denken. Offenbar wird das Sonnensystem regelrecht ins Wanken geraten.

Schon im Alten Testament finden sich Hinweise darauf, dass derartige Umwälzungen in Verbindung mit den Drangsalen Judas auftreten werden. Joel berichtet uns davon, dass sich Sonne und Mond verfinstern und die Sterne ihren Glanz zurückhalten (Joel 4,15; vgl. Joel 3,3.4; Apg 2,19.20). Ähnliche Andeutungen finden sich auch in Hesekiel 32,7.8 und in Jesaja 13,9.10.

Jesaja spricht auch an anderen Stellen von solchen Veränderungen: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; und an die früheren wird man sich nicht mehr erinnern, und sie werden nicht mehr in den Sinn kommen ... Denn siehe, der Herr wird kommen im Feuer, und seine Wagen sind wie der Sturmwind, um seinen Zorn zu vergelten in Glut und sein Schelten in Feuerflammen. Denn durch Feuer und durch sein Schwert wird der Herr Gericht üben an allem Fleisch ... Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir bestehen ...“ (Jes 65,17; 66,15.16.22). Dieser neue Himmel und die neue Erde beziehen sich nicht auf den ewigen Zustand wie in Offenbarung 21,1, sondern auf die von dem Herrn Jesus vorgenommene Reinigung von Himmel und Erde bei der Einführung des 1.000-jährigen Friedensreichs.

Diese Sicht wird auch noch durch eine weitere Bibelstelle unterstützt: „Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei dem Tosen und Wogen des Meeres“ (Lk 21,25).

Erschütterungen von Regierungen

Die Verfinsterung der Sonne und des Mondes sowie das Vom-Himmel-Fallen der Sterne scheinen aber nicht ausschließlich buchstäblich oder auch symbolisch gemeint zu sein. Eine Hilfe geben uns die ähnlichen Beschreibungen im Buch der Offenbarung.

Gerade das Buch der Offenbarung zeigt uns, dass das Herunterfallen der Lichtträger symbolische Bedeutung haben muss. Denn in diesem Buch finden wir, dass Gegenstände und Gestirne fast durchgehend als Symbole verwendet werden und anders nicht verstanden werden können. Wir müssen daher auch in unserem Abschnitt daran denken, dass der Herr nicht nur von äußerlichen Zeichen in der Schöpfung spricht, sondern auch vom Ausbrechen anarchischer Zustände.

Wir hatten in Verbindung mit den ersten Versen des Abschnittes Offenbarung 6 hinzugezogen. Dort sieht man in den Versen 12 und 13, dass offenbar jede Autorität zerstört werden wird. In Offenbarung 16, wo uns die letzten Schalengerichte (die dritte Gerichtsserie nach den Siegel- und Posaunengerichten) mitgeteilt werden, lesen wir in Vers 10, dass das Reich des Tieres verfinstert wird. Die Verse 12–16 zeugen dann noch einmal von den Zeichen und der Unreinheit durch den Antichristen und den Römischen Kaiser. Zusammen mit anderen Kriegsheeren werden sie um Jerusalem versammelt werden, um in dem Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, besiegt und verurteilt zu werden.

In den letzten Versen dieses Kapitels finden wir dann noch Naturwunder. Es ist von Blitzen, Donnern und Erdbeben die Rede, „wie es nicht geschehen ist, seitdem die Menschen auf der Erde waren, solch ein Erdbeben, so groß“. Hier geht es um ein kollektives Gericht und den Fall Babylons. Dieses Gericht geht offenbar mit der Zerstörung von Autoritäten einher, so dass es zu einer Art Anarchie kommen wird.

Autoritäten werden abgesetzt und zerstört

Unmittelbar nach bzw. am Ende der dreieinhalbjährigen Drangsalszeit werden offenbar die Regierungssysteme erschüttert und von Grund auf zerstört werden. So werden die äußeren Wunder mit gewaltigen politischen Veränderungen auf der Erde verbunden sein. Die Verfinsterung von Sonne und Mond und das Herabfallen der Sterne deutet neben dem Wegbrechen von Autoritäten auch die Ratlosigkeit an, die sich bei Regierungen breitmachen wird.

Die Sonne ist die höchste „Autorität“, die es gibt. Sie dient als Lichtträger der Beherrschung des Tages (vgl. 1. Mo 1,16). Der Mond „beherrscht“ die Nacht als abgeleitete Autorität (sein Licht hängt von der Sonne ab). Die Bedeutung der Sterne als Lichtträger der Nacht wiederum ist eher untergeordnet (vgl. Ps 136,8.9). Man kann diese Lichtträger als Symbole für menschliche, politische Autoritäten verstehen. Dann werden alle diese Autoritäten, die der Herr auf der Erde in der heutigen Zeit gegeben hat (vgl. Röm 13,1), offenbar ins Wanken geraten.

Gott hatte den Nationen in der Person Nebukadnezars und seiner Nachfolgern Macht gegeben. Nach ihnen benennt Er in seinem Wort die Zeit, nachdem das Volk Israel das Vorrecht verwirkt hatte, Mittelpunkt der Erde zu sein (vgl. Dan 2,37–39; 5. Mo 28,13.44). Nebukadnezar war das Haupt von Gold. Er war gewissermaßen wie die Sonne zur höchsten Autorität auf dieser Erde ernannt worden. Aber er und besonders seine Nachfolger in Babel, die Meder-Perser, die Griechen und später auch die Römer haben sich alle von Gott abgewandt. Daher wird Gott ihnen die Herrschaft wegnehmen. Die Sonne wird verfinstert werden wie der Mond. Diese Macht wird Gott dem Herrn Jesus als Sohn des Menschen übertragen, der in Gerechtigkeit und Vollkommenheit regieren wird (vgl. Dan 2,44; 7,13.14.26.27). In dem Augenblick, in dem Er erscheinen wird, werden alle irdischen Mächte dastehen als solche, die ihre Aufgabe verfehlt haben: in Finsternis.

Vers 30: Das Zeichen des Sohnes des Menschen und der Charakter seines Kommens

Nach den in Vers 29 beschriebenen Vorzeichen wird nun der Herr selbst am Himmel als Zeichen erscheinen., und zwar „auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“. Wenn die Jünger eine Person auf diese Weise kommend wahrnehmen, wissen sie: Es ist wirklich unser Messias! – noch bevor Er die Erde betreten wird, denn es ist ein Zeichen „am Himmel“. Manche denken daran, dass dieses Zeichen in Verbindung mit der Schechinah, der Wolke der Gegenwart Gottes im Alten Testament, zu sehen sein wird.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass es nicht heißt, dass diese Welt ein Zeichen sehen wird. Der Herr hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass Er diesem bösen und ehebrecherischen Geschlecht kein Zeichen geben konnte. Aber seinen Jüngern gibt der Herr die zu ihrer Leitung notwendigen Hinweise. Sie, die ihren Messias erwarten, werden wissen: Jetzt kommt Er zu unserer Errettung. Die ungläubigen Juden und alle anderen ungläubigen Menschen werden das nicht verstehen. Nur für die Gläubigen künftiger Tage wird der Glanz der Herrlichkeit Dessen, den die Welt verachtet hat, deutlich zeigen, wer der Kommende ist. Für sie ist das alles ein echtes Zeichen, ein Hinweis auf das, was jetzt passieren wird. Bevor Christus da ist, sehen sie diese Wolke seiner Gegenwart und erwarten die Rettung. Für alle anderen wird Er ganz unerwartet kommen. Sie erkennen somit kein Zeichen, sondern werden in dem Moment, wo Christus als der richtende Sohn des Menschen erscheinen wird, durch seine Gegenwart gerichtet werden. Das wird für sie ein entsetzlicher Augenblick sein, denn er bedeutet Gericht.

Der Herr Jesus wird als der Sohn des Menschen kommen. Mit diesem Titel steht Gericht in Verbindung, wie der Herr Jesus selbst einmal sagt: „Und er [der Vater] hat ihm Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist“ (Joh 5,27). Dieses Gericht wird Er zum Teil an Engel delegieren (in der großen Drangsalszeit), zum Teil aber auch persönlich ausführen, wenn Er zum Beispiel den Antichristen und den Herrscher des Römischen Reiches in den Feuersee wirft (Off 19,20) und den Herrscher des assyrischen Reiches mit dem Hauch seines Mundes vernichten wird (Jes 59,19).

Christus kommt nicht allein

Wir wissen aus einigen bereits zitierten Bibelstellen, dass der Sohn des Menschen nicht alleine auf die Erde kommen wird. „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4). Wir werden an seiner Seite stehen, wenn das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen wird.

„Und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen“. Diesen Vers kennen wir schon aus Sacharja 12,10–14, wo es unter anderem heißt: „Und ich werde über das Haus David und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den einzigen Sohn und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt. An jenem Tag wird die Wehklage in Jerusalem groß sein ... Und wehklagen wird das Land, jede Familie für sich ...“ Auch Johannes zitiert diesen Vers in Offenbarung 1,7. Der Zusammenhang dieser Verse zeigt, dass es eine Wehklage des Herzens von Gläubigen ist. Sie sind sich bewusst, dass sie diejenigen waren, die Christus ans Kreuz gebracht haben. So ist das Kommen des Herrn – dieses Zeichen – ein Symbol der Gnade für den Überrest und die Familien, die übrigbleiben. Sie werden in persönlicher Buße wehklagen.

Der Ausdruck „Stämme des Landes“ kann auch allgemeiner verstanden werden. Denn das Wort, das oft mit „Land“ übersetzt wird, bedeutet auch „Erde“. Im Blick auf die Juden und die in Vers 31 erwähnten Auserwählten könnte der Hinweis auf die „Erde“ noch einen schönen Gedanken einbeziehen: Nicht nur die Juden im Land, sondern die Israeliten insgesamt warten auf den Messias. Wenn sie nun das Zeichen des Sohnes des Menschen, wie gesagt vermutlich die Schechinah, sehen werden, werden alle gläubigen Israeliten, wo immer sie sich aufhalten, zur Wehklage geführt werden. Das könnte dann die Einleitung dazu sein, dass der Herr seine Engel aussendet, um sie in Israel zu versammeln.

Die Ungläubigen dagegen werden plötzlich erkennen, dass der Sohn des Menschen für sie nur Gericht bringen wird. Daher werden sie wehklagen und jammern und in Selbstmitleid zerfließen, nicht aber Buße tun. Dafür ist es jetzt ohnehin zu spät. Die ganze Erde wird bestürzt sein. Das gilt besonders für die ungläubigen Juden im Land. Sie erkennen die Macht des Sohnes des Menschen, der gekommen ist, sie zu richten. „Siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn ... Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker und Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nicht zerstört werden wird“ – das ist der Charakter seines Kommens (Dan 7,14; vgl. auch Off 19,11–16).

An diesem Tag wird der Zorn des Lammes (vgl. Off 6,16) über das verdorbene Israel ausgeschüttet werden. Der Apostel Paulus beschreibt dieses Kommen als ein Kommen eines Diebes. Er erscheint unerwünscht und unerwartet, und Er bringt für die Verlorenen plötzliche und starke Schmerzen, wie Geburtswehen, die über eine schwangere Frau kommen (1. Thes 5,1.2).

Die Zeichen, die mit Christus in Verbindung stehen

Zum Abschluss der Beschäftigung mit diesem Vers möchte ich noch auf zwei Punkte eingehen, die direkt mit dem Herrn Jesus zu tun haben:

  1. Der Herr Jesus spricht nur zwei Tage später, am späten Donnerstagabend, zu dem Hohenpriester sehr ähnliche Worte: „Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Mt 26,64). Das ist die Antwort des Herrn auf die Frage, ob Er der Christus sei, der Sohn Gottes. Wie in Johannes 1,49–51 zeigt der Herr, dass es etwas Größeres gibt, als der Christus, der Sohn Gottes (auf der Erde) zu sein. Dieser Titel betont nicht seine ewige Sohnschaft und Gottheit, sondern zeigt, dass der Mensch, den Gott hier als König über Israel eingesetzt hat, Gott ist. Er ist aber auch der Sohn des Menschen, der zur Rechten Gottes thront und als solcher auf die Erde zurückkommen wird, um Gericht auszuüben. In diesem Sinn handelt es sich bei den Worten des Herrn um eine Ankündigung des Gerichts über Israel und seine Führer.
  2. In Bezug auf den Herrn Jesus lesen wir von drei Zeichen:
    1. Das erste Kommen Jesu: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14; Mt 1,22.23; vgl. Lk 2,12; Off 12,1).
    2. Der Tod Jesu: „Kein Zeichen wird ihm [dem bösen und ehebrecherischen Geschlecht] gegeben werden als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39.40; vgl. Mt 16,4).
    3. Das zweite Kommen Jesu: „Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; ... sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ (Mt 24,30).

Vers 31: Das Handeln des Herrn mit den gläubigen Übriggebliebenen

In Vers 31 lernen wir dann, dass der Herr nicht nur nach Jerusalem kommen wird zu den Seinen, die auf Ihn warten. Er wird zudem seine Engel aussenden, damit sie seine Auserwählten auf der ganzen Erde zusammensammeln. Sie sind bis zu diesem Zeitpunkt ganz zerstreut. Daher werden sie von den vier Winden hergeholt, also von Osten und Westen, Norden und Süden, vom einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende. Das irdische Volk Gottes hält sich ja nicht nur im Staat Israel auf, sondern ist weltweit zerstreut. Aus allen 12 Stämmen Israels werden die „Auserwählten“, also die Gläubigen, gesammelt. Dann können sie in das Königreich des Herrn eingehen, um im Land Israel zu wohnen. Von dort wird der Segen in die ganze Welt ausgehen (vgl. Sach 14,8).

Diese Sammlung wird im Alten Testament mehrfach vorausgesagt: Aus Jesaja 11,12 wissen wir, dass „die Vertriebenen Israels und die Zerstreuten Judas“ zusammengebracht und von den vier Enden der Erde gesammelt werden. Der Prophet bestätigt das noch einmal in Kapitel 18: „In jener Zeit wird dem Herrn der Heerscharen ein Geschenk dargebracht werden: ein Volk, das geschleppt und gerupft ist, und von einem Volk, wunderbar, seitdem es ist und weiterhin, eine Nation, von Vorschrift auf Vorschrift und von Zertretung ... zur Stätte des Namens des Herrn der Heerscharen, zum Berg Zion“ (Jes 18,7; vgl. auch Jer 16,14.15; 31,10–12; 50,4.5). Auch im Neuen Testament lesen wir davon, dass ganz Israel gerettet wird (Röm 11,26).

Der Rückruf durch die Posaune Gottes

Das Mittel des Rückrufs und Sammelns der Auserwählten ist die Posaune. Das erinnert uns an das Einführen dieses Mittels in Israel in 4. Mose 10,1–107. Die ganze Gemeinde Israel wurde durch diesen Ton versammelt. In 3. Mose 23,24.25 finden wir dann das Fest des Posaunenhalls. Das ist die prophetische Vorhersage dieser Zeit, wenn der Herr sein irdisches Volk wieder versammeln wird, um es nach Israel zu bringen. Dann folgt der Sühnungstag, an dem die Israeliten wehklagen werden über ihre Sünden (vgl. Sach 12,10–14). Im Anschluss feiern sie dann das Laubhüttenfest. Das ist der Hinweis auf das 1.000-jährige Friedensreich.

Jesaja drückt diese Handlung des Herrn so aus: „Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird in eine große Posaune gestoßen werden, und die Verlorenen im Land Assyrien und die Vertriebenen im Land Ägypten werden kommen und den Herrn anbeten auf dem heiligen Berg in Jerusalem“ (Jes 27,13). Anscheinend werden in einem ersten Schritt die zerstreuten Juden und Israeliten aus der Umgebung von Israel gesammelt werden. Aus dem weiter oben zitierten Vers aus Jesaja 11,12 lernen wir, dass ein zweiter Schritt folgen wird. Das ist die Sammlung der Juden und Israeliten, die an den Messias glauben, aber auf der ganzen Welt zerstreut wohnen.

Gesammelt werden die „Auserwählten“, von denen Jesaja schreibt, dass der Jüngling als Hundertjähriger sterben wird. Diese Gläubigen haben eine segensreiche Zeit vor sich: „Wie die Tage des Baumes sollen die Tage meines Volkes sein, und meine Auserwählten werden das Werk ihrer Hände verbrauchen. Nicht vergeblich werden sie sich mühen, und nicht zum jähen Untergang werden sie zeugen; denn sie sind die Nachkommen der Gesegneten des Herrn, und ihre Sprösslinge mit ihnen“ (Jes 65,20–25).

Wir haben schon gesehen, dass man die Auserwählten, von denen der Apostel Paulus verschiedentlich spricht (z. B. 1. Thes 1,4; 2. Thes 2,13) und die Auserwählten des künftigen, gläubigen Israel nicht miteinander verwechseln darf. Wir sind heute zu einer himmlischen Herrlichkeit auserwählt worden (Eph 1,4–6), die gläubigen Juden und Israeliten sind zu einem herrlichen Anteil an den Segnungen der Reiches Christi auf der Erde auserwählt (Jes 65,22).

Der Dienst der Engel

Der Herr Jesus setzt für den Dienst des Zusammenrufens Engel ein. Auch heute sind sie dienstbare Geister (Heb 1,14), die den Gläubigen dienen. Aber sie treten in aller Regel nicht äußerlich in Erscheinung. Das wird sich ändern, wenn es um die Gerichte der Endzeit geht, aber auch wie hier im Blick auf die Segnungen der Auserwählten in Israel. Das machen Stellen wie Hebräer 1,6; 2. Thessalonicher 1,7.8 und die Gleichnisse in Matthäus 13 (z.B. Verse 41.49) deutlich.

Mit diesem Vers schließt die endzeitliche Geschichte Israels und der Juden insbesondere. Was in den nächsten Versen folgt, ist keine historische Entfaltung mehr, sondern ein Gleichnis mit einem anschließenden Appell an das Herz und Gewissen der Jünger. Denn Gott berichtet uns nie von geschichtlichen Entwicklungen, um unsere Neugier zu befriedigen. Immer verbindet Er damit ein Ziel. Er möchte unsere Herzen und Gewissen formen, damit wir Ihm treu nachfolgen. Das gilt auch für die künftigen Jünger aus Israel.

Der Faden der prophetischen Geschichte wird erst in Kapitel 25,31 wiederaufgenommen. Diese Verse stellen in gewisser Weise die Fortsetzung von Kapitel 24,31 dar. Wie Kapitel 24,31 das Sammeln Israels nach der Erscheinung des Sohnes des Menschen darstellt, so finden wir in Kapitel 25,31 eine Sammlung der Nationen. Sie steht in Verbindung mit einer Gerichtssitzung über die Heiden.

Verse 32–44: Das Zeichen der Vollendung des Zeitalters

„Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter hervortreibt, so erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch ihr, wenn ihr dies alles seht, so erkennt, dass es nahe an der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist. Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein. Denn wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in jenen Tagen vor der Flut waren: Sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten – bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging und sie es nicht erkannten –, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen. Wacht also, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (Verse 32–44).

In den Versen 32–44 beantwortet der Herr Jesus die dritte Frage der Jünger. Sie hatten Ihn nach dem Zeichen der Vollendung des Zeitalters gefragt. Dieses „Zeichen“ nennt Er ihnen hier in Form eines Gleichnisses. Zugleich deutet Er ihnen die Scheidung von Gläubigen und Ungläubigen an, die mit dem zweiten Kommen des Sohnes des Menschen einhergeht.

Es folgen zunächst zwei Vergleiche. Während der eine aus dem äußeren Bereich, der Schöpfung, entnommen ist, stammt der andere aus dem Alten Testament. Der Herr verdeutlicht den Jüngern noch einmal, dass es sich bei der großen Drangsal nicht um ein „gewöhnliches“ Gericht unter der Vorsehung Gottes handelt. So handelt Gott heute. Solche Prüfungen gibt es mal an diesem und mal an jenem Ort. Darum aber geht es bei dieser Drangsal nicht. Es wird deutlich: Ob man innerhalb oder außerhalb eines Hauses ist, wo auch immer man wohnt (vgl. die Verse 16–18): Es gibt keinen Schutz für diejenigen, die keine Beziehung zum Messias Gottes haben. Sie hören nichts von einem Aufruf zur Flucht, sie werden gänzlich unter das Gericht Gottes kommen (vgl. Vers 21.28).

Verse 32.33: Das Gleichnis vom Feigenbaum

Mit Vers 32 beginnen eine Reihe von Gleichnissen bzw. gleichnishaften Reden. Allerdings gehören die Verse 32–44 noch zu dem jüdischen Teil. Erst ab Vers 45 geht es um eine ganz andere Epoche im Handeln Gottes, um das neue Thema des christlichen Bekenntnisses.

Der Feigenbaum ist ein Gleichnis über die Juden. Es geht um das Volk als Nation, wie wir schon in der Begebenheit in Matthäus 21,18–22 gelernt haben. Dort stellt der Feigenbaum das ungläubige, abspenstige Volk Israel dar. Das ist in Kapitel 24 etwas anders. Zwar handelt es sich hier ebenfalls um das Volk Israel, aber es geht speziell um dessen Wiederherstellung. Während es für das untreue Israel keine Hoffnung gibt (vgl. Mt 21,19), wird Israel als Nation neu entstehen aus gläubigen Juden, die durch die Drangsalszeit hindurchgegangen sind. Sie sind diejenigen, die den Herrn Jesus als ihren Messias angenommen haben.

Die zwei Phasen der Wiederherstellung

Sie werden, wie dieses Gleichnis lehrt, in zwei zeitlichen Phasen wieder zum Volk Gottes werden. Zunächst haben wir den Frühling, in dem die Blätter hervorgetrieben werden. Das hat seinen Beginn in der heutigen Zeit. Jetzt gibt es zwar noch keine Frucht in Israel, weil es sich um ein ungläubiges Volk handelt, das noch ohne Gott lebt. Aber es befindet sich schon jetzt im eigenen Land, jedenfalls ein Teil des Volkes. So gibt es schon Blätter. Auch in der ersten Zeit nach der Entrückung wird diese Phase fortbestehen.

Davon spricht auch der Prophet Hesekiel in Kapitel 37. In den ersten 14 Versen berichtet er in einer Weissagung von der nationalen Wiederherstellung Israels. Dort rücken Gebeine zusammen, um zu einem Menschen zu werden. Es sind zunächst nur einzelne Knochen, die plötzlich zusammenrücken. Dann wachsen Sehnen und Fleisch darüber, und schließlich wird das Ganze mit Haut bedeckt. Dass es dabei tatsächlich um die Wiederherstellung Israels geht, wird in Vers 11 deutlich: „Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel.“

Dann folgt eine zweite Phase. Es kommt Lebensodem in diesen Körper. Der Herr Jesus nennt es in seinem Gleichnis „Sommer“. Das ist die Zeit der Früchte, die heute offenbar schon nahe ist. Aber sie ist noch nicht da. Es ist die Zeit, in der die Juden nicht nur im Land leben, sondern auch durch Buße und Umkehr zur Annahme ihres Messias geführt werden. Erst dadurch bringen sie Frucht für Gott.

Jeremia spricht ebenfalls von dieser Zeit der Hoffnung, wo es wieder neu „gute Feigen“ in Israel geben wird: „Der Herr ließ mich sehen: Und siehe, zwei Körbe Feigen waren vor dem Tempel des Herrn aufgestellt ... Und das Wort des Herrn erging an mich, indem er sprach: So spricht der Herr; der Gott Israels: Wie diese guten Feigen, so werde ich die Weggeführten von Juda, die ich aus diesem Ort in das Land der Chaldäer weggeschickt habe, ansehen zum Guten ... Und ich will ihnen ein Herz geben, mich zu erkennen, dass ich der Herr bin; und sie werden mein Volk, und ich werde ihr Gott sein; denn sie werden mit ihrem ganzen Herzen zu mir umkehren“ (Jer 24,1–7).

Die neuen Blätter sprechen also in dem gleichnishaften Bild in Matthäus 24 von der neuen Geburt Israels. Der wiedererstehende Feigenbaum wiederum greift ein Bild Hiobs auf: „Denn für den Baum gibt es Hoffnung: Wird er abgehauen, so schlägt er wieder aus, und seine Schösslinge hören nicht auf“ (Hiob 14,7). Daher ist das Bild des Baums so passend. Denn er ist das Bild der Hoffnung, weil er in erstaunlicher Weise immer wieder ausschlagen kann.

Es ist auffallend, dass Lukas (Kapitel 21,29) nicht nur von dem Feigenbaum (Israel) spricht, sondern „alle Bäume“ erwähnt. Das tut er, weil er sich nicht auf Israel beschränkt, sondern auch die Nationen im Blickfeld hat. Denn nicht nur Israel wird eine Zukunft haben. Auch die dieses Volk umgebenden Nationen haben eine Zukunft. Dafür müssen sie die Boten Israels aufnehmen und ihre Botschaft annehmen. Darüber lesen wir mehr in Kapitel 25,31 ff.

Den Jüngern sagt der Herr Jesus in Vers 33, dass sie dieses Zeichen erkennen sollten. Wenn dieses alles mit Israel, dem Feigenbaum, passieren wird, ist deutlich, dass „es“, nämlich die Vollendung des Zeitalters „nahe an der Tür“ ist. Das ist nichts anderes als das Kommen des Sohnes des Menschen. Mit anderen Worten: Dann werden diese Dinge kommen, die in den vorherigen Versen beschrieben worden sind.

Die Jünger künftiger Tage sollen also lernen, dass mit dem Zusammenwachsen Israels das Kommen des Herrn nahe ist. Gemeint ist die zweite Phase seines zweiten Kommens zur Aufrichtung des Königreichs. Die Voraussetzungen dafür sind also erstens die nationale Wiedererstehung Israels (was für uns bereits Vergangenheit ist) und zweitens die geistliche Umkehr der Übriggebliebenen in Juda. Das steht noch aus und wird erst im Laufe der sieben Drangsalsjahre offenbar werden.

Der Hinweis auf den Sommer zeigt im Übrigen die Hoffnung, die für die gläubigen Juden mit dieser Phase der Wiederherstellung verbunden ist. Es ist die Zeit, in der die Sonne hell und warm scheint. Dann kommt die Sonne der Gerechtigkeit mit Heilung in ihren Flügeln (Mal 3,20). „Ein Herrscher unter den Menschen, gerecht, ein Herrscher in Gottesfurcht; und er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanz nach dem Regen sprosst das Grün auf der Erde“ (2. Sam 23,3.4). So spricht David prophetisch von dieser wunderbaren Zeit für Israel – und für den Herrn Jesus, der dann endlich den Ihm gebührenden Platz auf der Erde erhalten wird.

Verse 34.35: Vergängliches und nicht Vergängliches

Dem Gleichnis vom Feigenbaum fügt der Herr Jesus nun eine zweifache Warnung an die Jünger in Israel hinzu.

  1. „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist.“ Wenn der Herr Jesus von „diesem Geschlecht“ spricht, meint Er nicht die damals lebenden ungläubigen Führer in Israel. Er bezieht sich auch nicht auf eine spezielle Generation. Nein, Er meint sozusagen eine bestimmte Klasse, eine Art von Menschen in Israel, nämlich die ungläubigen, untreuen und sich gegen Gott und seinen Messias auflehnenden Juden. Er verwendet den Ausdruck „Geschlecht“ oder „Generation“ also nicht zeitlich, sondern moralisch. Auch an vielen anderen Stellen ist dies die Bedeutung von „Geschlecht“ (Ps 12,8; 22,31; 49,20; 5. Mo 32,5.20; Spr 30,11–14; Mt 11,16; 12,39.45).
    Die Jünger sollten sich also darauf einstellen, dass erst mit dem Wiederkommen des Herrn Jesus das ungläubige Israel gerichtet werden wird. Zu allen Zeiten würde es somit ein „solches Geschlecht“ geben. Sie mussten nicht damit rechnen, dass sich der allgemeine innere Zustand der Juden bessern würde.
  2. Das aber ist nicht alles. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, das Gericht könnte noch irgendwie geändert und abgemildert werden. Nein, es wird genau so eintreffen, wie Er es ihnen beschrieben hat. Es soll sich niemand täuschen: Zwar werden Himmel und Erde vergehen, doch die Worte des Herrn bleiben ewig bestehen. Das geht noch weiter als das, was Er in der Bergpredigt in Kapitel 5,18 über das Gesetz gesagt hat. Dieses würde so lange Bestand haben, bis Himmel und Erde vergehen. Die Worte des Herrn aber haben Bestand in Ewigkeit.

Das ist mit einem großen Ernst verbunden. Denn die Worte, auf die sich Jesus hier konkret bezieht, sind Worte des Gerichts. Dieses Urteil wird also mit Sicherheit ausgeführt. Darauf konnten sich die Jünger verlassen.

Verse 36–41: Die Umstände der Ankunft des Sohnes des Menschen

Der Herr Jesus hat die Wiedererstehung Israels und die Sicherheit seiner Worte bestätigt. Nun zeigt Er seinen Jüngern die Umstände, die mit seiner Ankunft in Verbindung stehen. Dazu vergleicht Er die künftige Zeit mit den Tagen Noahs und verwendet zugleich ein zweites Bild aus den täglichen Umständen der Juden.

Zunächst jedoch weist Er darauf hin, dass der genaue Tag seines Kommens nicht vorhersehbar ist. Niemand weiß von jener Stunde, nicht einmal die Engel. Es ist der Vater allein, dessen souveräne Entscheidung und dessen Ratschluss Tag und Stunde der Vollendung des Zeitalters festgelegt haben. In Markus 13,32 lesen wir sogar, dass nicht einmal der Sohn diesen Tag und diese Stunde weiß. Dort wird der Herr Jesus als Mensch und Diener gesehen, der auf den Ruf und die Entscheidung seines Gottes, seines Vaters, wartet. Hier im Matthäusevangelium dagegen geht es um den Messias Gottes. Wir wissen, dass der Herr Jesus nicht nur Mensch ist, sondern zugleich der ewige Sohn Gottes. Er weiß als Gott, der Sohn, alles. Denn Er ist wie der Vater Gott, und zudem sind (ist) Er und der Vater eins (vgl. Joh 10,30).

Das Kommen des Herrn wird eine jähe Überraschung für die sorglose Welt sein. Denn sie ahnt nichts von seinem Kommen. Aber nicht einmal die Jünger sollten sich um diese Zeiten und Zeitpunkte kümmern (vgl. Apg 1,7). Sie hatten nun mit ganz anderen Aufgaben zu tun.

Zeiten und Zeitpunkte stehen im geheimen Rat und in der Gewalt des Vaters. Man hat den Eindruck, dass Gott die Jünger deshalb über diesen Zeitpunkt im Unklaren lässt, damit die Betroffenen ununterbrochen wachsam sind. Sie sollen nicht erst dann anfangen zu wachen, wenn ein ihnen bekannter Zeitpunkt gekommen ist.

Nun gibt es für den aufmerksamen Bibelleser ein gewisses Problem, das mit diesem Vers und dem Parallelvers in Markus 13,32 in Verbindung steht. Aus Daniel 9, Offenbarung 12,6, Matthäus 24,15 und anderen Stellen können wir entnehmen, dass das Wiederkommen des Herrn in Macht genau 1.260 Tage nach dem Aufstellen des Gräuels im Tempel stattfinden muss. Warum kann dann niemand von diesem Tag und von dieser Stunde wissen? Drei Erklärungsversuche könnten eine Hilfestellung bieten:

  1. Der Herr Jesus meint mit Tag und Stunde den Ausgangspunkt dieser gesamten Drangsalszeit. Es ist ja auffallend, dass Er dies nicht in Verbindung mit den konkreten Ereignissen sagt, sondern erst nach dem Vergleich mit dem Feigenbaum. Wachen sollen die gläubigen Juden nicht erst am Ende der Drangsalszeit, sondern immer. Und das Gericht beginnt nicht erst mit dem Kommen des Herrn, sondern mit Beginn der 70. Jahrwoche Daniels.
  2. In dem Buch der Offenbarung spricht der Herr Jesus von der Drangsalszeit in drei verschiedenen Aufteilungen: Manchmal spricht Er von 1.260 Tagen, andererseits aber auch von 42 Monaten und von dreieinhalb Jahren (eine Zeit, [zwei] Zeiten und eine halbe Zeit). Jeweils wird ein anderer Aspekt dieser Zeit betont. Wenn Er beispielsweise von Tagen spricht, betont Er seine tägliche Fürsorge für die Seinen. Jeder Tag ist gezählt. Vermutlich gehen wir zu weit, wenn wir meinen, dass der Herr „auf den Tag“ nach 1.260 Tagen kommen wird. In den Evangelien wird zuweilen derselbe Zeitabschnitt einmal mit 6 und einmal mit 8 Tagen angegeben. Hinzu kommt, dass die 1.260 Tage an keiner Stelle konkret auf das Wiederkommen des Herrn Jesus bezogen werden, sondern auf das Bewahren Israels in einem Schutzraum, bevor es nach Jerusalem zurückgeholt wird (Off 12,6), bzw. auf das Zeugnis der beiden Zeugen (Off 11,3). Sind nicht die Zeichen, die auf ihre Auferstehung folgen, vergleichbar mit denen, die wir in Matthäus 24,29–31 gelesen haben?
  3. Zu diesen Überlegungen passt, das Daniel uns in Daniel 12,11 von 1.290 Tagen berichtet, dann sogar von 1.335 Tagen. Das lässt auch eine gewisse Zeitspanne offen, innerhalb derer der Herr Jesus kommen und sein irdisches Volk von seinen Drangsalen befreien wird. „Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein.“

Während die Erklärungen 2. und 3. in einem engen Rahmen von bis zu zweieinhalb Monate bleiben, kann man bei der ersten Erklärung von einem tatsächlich in vielerlei Hinsicht unbestimmten Zeitpunkt sprechen. Man fragt sich ja immer wieder, ob die 70. Jahrwoche Daniels unmittelbar mit der Entrückung beginnt. Dieser Hinweis des Herrn deutet an, dass wir davon nicht ausgehen müssen.

Das Beispiel Noahs (V. 37–39)

Der Herr vergleicht die Umstände seines Kommens mit denen der Tage Noahs. Auch dieser lebte am Ende eines Zeitalters – so wie die Jünger der Zukunft. Und wie Noah und seine Familie gerettet wurden, so werden auch später die Übriggebliebenen Israels gerettet werden (vgl. Zeph 3,11–13). Denn Noah musste durch die große Not der Flut „hindurchgehen“, wie auch die gläubigen Juden durch die Drangsalszeit hindurchgerettet werden. Henoch dagegen wurde von Gott entrückt, bevor die Flut kam. So werden auch wir, die wir als Christen zur Versammlung Gottes gehören, vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, bewahrt und zuvor entrückt. Noah ist ein prophetischer Hinweis auf die treuen Juden künftiger Tage, Henoch dagegen ein Bild der Gläubigen der Gnadenzeit.

Wie war die Situation damals bei Noah: Es lief alles seinen gewohnten Gang. Die Menschen heirateten, sie aßen und tranken, bis der Tag kam, als Noah in die Arche ging. Dann wartete Gott in seiner Barmherzigkeit sogar noch weitere sieben Tage (1. Mo 7,10), bis Er das Gericht sandte. So lange hatten die Menschen noch immer Zeit, umzukehren und sich retten zu lassen. Leider haben sie diesen Aufschub nicht genutzt. Sie erkannten nicht, dass ihr Ende unmittelbar bevorstand. Nicht nur das Ende eines Zeitalters, sondern zugleich Gottes Urteil über sie und ihr Leben. Das bedeutete für sie den physischen Tod. Äußerlich war nichts zu sehen von diesem Ende. Aber das Gericht kam überraschend schnell über sie. Das erinnert uns an die Situation in den kommenden Gerichten, welche die ungläubigen Menschen sogar zum Anlass nehmen, Gott zu lästern (vgl. Off 16,9).

Das einzige Mittel, das Unsichtbare zu erkennen, besteht darin, es zu glauben. Man muss das für wahr halten, was Gott uns in seinem Wort mitteilt. Nur durch den Glauben wird man errettet. Sehen ist zu spät! Das galt damals in der Zeit Noahs. Das wird in der kommenden Zeit der Gerichte gelten. Und das gilt auch heute.

Es ist auffallend, dass der Herr hier in Bezug auf die Zeit Noahs nicht von unmoralischen Dingen spricht. Er nennt nur rechtmäßige (vgl. im Unterschied dazu 1. Mo 6). Aber die große Sünde war (vgl. Mt 24,35), dass die Menschen das Wort Gottes außen vor ließen. Wer dieses Wort durch Gleichgültigkeit (vgl. auch 2. Pet 3,3–7) ignoriert, wird früher oder später das Gericht Gottes erleben.

So war es auch damals: Die Flut kam und raffte alle weg. Genauso wird es bei der Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Es ist interessant, dass Jesus hier nicht von seinem zweiten Kommen spricht, sondern von seiner Gegenwart (Ankunft, Vers 39). Er belehrt uns über seine plötzliche Anwesenheit. Aber im Unterschied zu seinem ersten Kommen wird Er nicht wieder den Weg der Demut und Verwerfung gehen und anschließend in den Himmel auffahren. Er wird dann seine Regierung beginnen, die kein Ende haben wird. Für die ungläubigen Menschen heißt das: Gericht – wie für die Zeitgenossen Noahs.

Genommen – gelassen (V. 40.41)

Der Herr Jesus benutzt dann einen zweiten Vergleich. Dabei geht es im Unterschied zu Kapitel 25,31 ff. nicht um ein Sitzungsgericht, sondern um ein auswählendes, unterscheidendes Gericht vom Himmel her. Viele haben auch an dieser Stelle wieder an die Entrückung gedacht: Die einen werden in den Himmel entrückt, die anderen bleiben hier auf der Erde zurück, um dann nach 2. Thessalonicher 2 irgendwann dem Gericht anheimzufallen.

Der Zusammenhang dieser Verse lässt eine solche Auslegung allerdings nicht zu, denn die Entrückung hat zu diesem Zeitpunkt längst stattgefunden. Wir befinden uns ja hier am Ende der großen Drangsal (vgl. Vers 21). Der Herr Jesus spricht ab Vers 27 von seinem Kommen, um das Königreich in Macht und Herrlichkeit aufzurichten. Dazu kommt Er nach Offenbarung 19,11 zusammen mit denjenigen, die Er nach 1. Thessalonicher 4 zu sich in den Himmel entrückt haben wird.

Wenn Er in Vers 37.39 die Ankunft (Gegenwart) des Sohnes des Menschen vorstellt, geht es um seine Gegenwart als Herrscher im künftigen Königreich auf der Erde. Zu diesem Zeitpunkt leben Menschen aus den Juden und aus den Nationen hier auf der Erde. Einer wird genommen, ein anderer gelassen. „Genommen“ werden kann nicht meinen, entrückt zu dem Herrn – denn es geht um die Einführung in das Reich in machtvoller Weise. Zwar benutzt der Herr hier nicht den Ausdruck von Vers 39 (wegraffen). Aber durch den Bezug auf seine Ankunft wird deutlich, dass diejenigen, die genommen werden, offensichtlich nicht ins Königreich eingehen. Dasselbe galt für diejenigen, die zur Zeit Noahs genommen wurden und starben. Gelassen wurden damals nur Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren Ehefrauen.

Diejenigen, die „gelassen“ werden, bleiben somit zurück. Sie sind diejenigen, die in den Segen der künftigen Tage eingehen. Noah blieb und wurde nicht gerichtet, seine ungläubigen Zeitgenossen dagegen wurden „genommen“, und zwar im Gericht. So ist es auch in diesen Versen 40 und 41. Es werden Menschen an demselben Ort und in denselben Umständen sein. Einer wird durch Gericht hinweggenommen. Der andere wird gelassen, weil er ein gläubiger Jude ist und daher in den Segen des ewigen Königreichs des Sohnes des Menschen eingeht.

Dass der Herr Jesus hier von alltäglichen Umständen spricht wie dem Feld und dem Mühlstein, soll einfach verdeutlichen, dass es ein plötzliches Gericht ist. Dieses wird die Ungläubigen treffen, wo auch immer sie sich befinden werden. Diese Örtlichkeiten und diese scheinbare Ruhe sind kein Widerspruch zu den in den vorherigen Versen genannten Drangsalen, die es in Israel geben wird. Denn es geht dem Herrn in den Versen 32–44 nicht um bestimmte historische Vorgänge. Es handelt sich um einen Aufruf zur Wachsamkeit für die Jünger (Verse 42–44). Um diese Aufmerksamkeit zu erreichen, verwendet Er für die Juden verständliche alltägliche Umstände, die seine Botschaft verdeutlichen.

Der Herr spricht hier also weder von der Versammlung noch von den damals lebenden Aposteln. Auch von ihnen erlebten praktisch alle Verfolgungen. Wahrscheinlich mussten alle den Märtyrertod erleiden. Aber genau davon spricht Christus an dieser Stelle nicht. Er nimmt vielmehr, wie in Vers 34 und auch in Kapitel 23 zwei Personen bzw. Personengruppen als Repräsentanten für zwei Klassen von Juden: solche, die an den Messias glauben und auf Ihn warten, sowie solche, die sich mit dem Antichristen und damit gegen Gott verbunden haben. Diejenigen Juden, die treu waren, werden dann die Erlösung von diesem ungläubigen Volk erleben. Sie dürfen sich von jetzt an der Segnungen erfreuen, die daraus sogar für die ganze Erde hervorkommen werden (vgl. Jes 65.66.; Dan 1012).

Verse 42–44: Der Aufruf zur Wachsamkeit

In diesen drei Schlussversen des ersten großen Abschnitts dieser Rede wendet der Herr prophetische Gegebenheiten auf das Verhalten seiner Jünger an. Das ist immer das Ziel biblischer Weissagung. Wenn man diese drei Verse mit dem folgenden Abschnitt vergleicht, könnte man vielleicht geneigt sein, beides miteinander zu verbinden. Denn auch dort geht es um Wachsamkeit. Aber während diese drei Verse von der Wachsamkeit der gläubigen Juden sprechen, kommt ab Vers 45 eine ganze andere Personengruppe vor uns. Beide müssen wachen – aber jeweils in ihrer Zeit und in ihren konkreten Umständen.

Der Teil der prophetischen Endzeitrede des Herrn, der sich mit Israel beschäftigt, endet mit der Befreiung der Gerechten. Sie werden aus der Mitte eines abtrünnigen und ungläubigen Volkes gerettet. Dieser Abschnitt enthält sowohl das Gericht der Selbstsicheren in Israel als auch der Gleichgültigen dieser Welt.

Man hat den Eindruck, dass diese Übergangsverse über die engere Botschaft an Juden ein stückweit hinausgehen. Sie sind eine Anspielung auf eine weitergehende Sphäre als die der Juden in Judäa oder in Israel. Das Ziel ist offenbar eine praktische Warnung an die Gottesfürchtigen auf der Erde, wo und wann auch immer sie leben mögen. Sie sollen sich als Jünger des Herrn „bereit“ halten für die Ankunft des Sohnes des Menschen. Sie sind gewarnt und ermuntert worden. Jetzt werden sie abschließend ermahnt zur Wachsamkeit im Blick auf den kommenden Herrn. Nur so werden sie den Verführern entkommen. Zugleich dürfen sie dann voller Vertrauen vor dem Sohn des Menschen stehen, wenn Er kommen wird. Der Herr wiederholt noch einmal, dass sie den Tag seines Kommens nicht wissen (können). Deshalb sollten sie sich grundsätzlich bereithalten. Wachsamkeit muss mit Ausdauer verbunden sein.

Das Gleichnis vom Dieb

Vers 43 enthält ein Gleichnis. Denn für Gläubige kommt der Herr Jesus nicht im eigentlichen Sinne wie ein Dieb. Das wird an keiner Stelle des Neuen Testaments so gesagt. Ein Dieb kommt nämlich sowohl unerwartet als auch unerwünscht. So kommt der Herr für die ungläubigen Menschen. Sie wollen Ihn nicht und sie rechnen auch nicht mit Ihm. Sie wohnen auf der Erde und suchen ihre Erfüllung auf dieser.

Doch für die gläubigen Juden kommt Christus weder unerwartet noch unerwünscht. Im Gegenteil: Sie werden sein Kommen geradezu herbeisehnen, da es sie aus größten Nöten befreien wird. Und doch kommt Er für sie in einer Hinsicht unerwartet. Sie kennen nämlich den Tag seiner Ankunft nicht genau (obwohl sie auf Ihn warten). Nur das will der Herr seinen Jüngern hier zeigen. Ein Hausherr weiß nie, wann ein Dieb kommt. Er kann in der ersten Nachtwache von 18–21 Uhr kommen, genauso aber auch in der zweiten, der dritten oder erst in der vierten. Daher ist ein Hausherr aufgerufen zu wachen. Er soll dem Dieb keine Möglichkeit lassen, ein unbewachtes Haus vorzufinden. Das ist die Deutung dieses Gleichnisses.

Die Zeit mag für die Jünger sehr lang sein. Dennoch sollen sie wachsam bleiben. Sie sollen immer und dauerhaft auf ihren Herrn, den Sohn des Menschen warten. Nur dann sind sie wirklich bereit für Ihn. Und allein darauf kommt es für sie an.

Außerdem sind diese Worte des Herrn natürlich auch ein Aufruf an ungläubige Menschen, umzukehren und sich zu Ihm, dem Messias Gottes, zu wenden. Denn bis zu seinem Kommen haben auch die ungläubigen Juden noch die Möglichkeit, sich zu ihrem Messias zu bekehren.

Die Endzeitrede über den christlichen Bereich (Mt 24,4525,30)

In den nächsten drei Abschnitten verlässt der Herr Jesus den jüdischen Bereich und wendet sich dem christlichen zu. Nur in Matthäus finden wir diese drei Gleichnisse – übrigens auch das erste, auch wenn Lukas ein ähnliches in einer anderen Situation erzählt. Denn nur unser Evangelist spricht überhaupt in dieser Weise vom christlichen Bereich und später von dem der Nationen. Wir haben schon gesehen, dass Er damit dieselbe Reihenfolge wählt wie im dritten Teil der Gleichnisse in Matthäus 13.8

Das Kommen des Herrn

Ein zentrales Thema aller drei Teile der Endzeitrede ist das Kommen des Herrn. Nicht immer ist allerdings dasselbe Ereignis, dieselbe Phase des zweiten Kommens Jesu gemeint. Denn sowohl für die Juden im ersten Teil als auch für die Nationen im dritten Teil handelt es sich um das Kommen des Sohnes des Menschen zur Aufrichtung des Königreichs. Das wird jeweils sehr deutlich erklärt und betrifft die zweite Phase des zweiten Kommens Christi auf diese Erde. Das ist in unserem christlichen Teil durchaus nicht so. Dort geht es – jedenfalls für die wahren Bekenner – um das Kommen Jesu in allgemeiner Weise, wobei die Entrückung und seine Erscheinung zusammengefasst werden. Die Entrückung (vgl. 1. Thes 4,13–18) als solche ist in den Evangelien bis auf eine Andeutung in Johannes 14 noch nicht weiter erklärt worden. Daher benutzt Jesus hier auch nicht den Ausdruck „Entrückung“. Sie ist aber gemeint und kann von Christen, die das Neue Testament kennen, in diesen Versen erkannt werden.

Auffallend ist, dass bei allen drei Gleichnissen das Wiederkommen Christi als sehr nahe bevorstehend gezeigt wird. Nie geht der Herr von langen Zeiträumen bis zu seinem Wiederkommen aus. Daher ist im ersten Gleichnis nur von einem Knecht die Rede, der erst gut war und dann offenbar böse wurde. Im Gleichnis der Jungfrauen ist von Anfang an immer von denselben Jungfrauen die Rede, bis zum Kommen des Bräutigams. Dasselbe gilt für das dritte Gleichnis. Die Knechte, die zur Zeit des Verreisens ihres Herrn lebten, leben auch bei seiner Rückkehr noch immer.

Die Naherwartung des Wiederkommens Christi finden wir auch in den neutestamentlichen Briefen bestätigt. Paulus spricht in 1. Thessalonicher 4 davon, dass „wir, die Lebenden“ entrückt werden. Paulus erwartete den Herrn täglich – das sollte auch uns kennzeichnen, auch wenn seit diesem Zeitpunkt schon mehr als 1.900 Jahre vergangen sind. Der Anfang und das Ende der Gnadenzeit werden nie zeitlich auseinandergezogen. Denn das Kommen des Herrn ist immer nahe (vgl. Phil 4,5)!

Der Herr benutzt für die christliche Zeit die Gleichnisform

Der Herr hat seinen Jüngern im ersten Abschnitt (Verse 1–44) gezeigt, was sie bzw. ihre Nachkommen als (jüdische) Jünger des Königreichs erwarten wird. Nachdem Er das getan hat und sie zur Wachsamkeit aufgerufen hat, wendet Er sich seinen Jüngern mit einer anderen Belehrung zu. Er zeigt ihnen, dass es zwischen der Zeit des ersten Kommens und der angekündigten Drangsalszeit eine Epoche gibt, die Er zunächst überschlagen hat. Das ist die christliche Zeit. Der Herr spricht hier nicht von der Versammlung. Diese hat Er zwar in den Kapiteln 16 und 18 angekündigt. Deren weitere Offenbarung hat Er aber für den Apostel Paulus vorgesehen. Bevor die Versammlung überhaupt entstanden war, wollte der Herr keine weiteren Offenbarungen über diesen wunderbaren Organismus verbreiten.

Aber die Versammlung gehört zu der christlichen Zeit, in der das Königreich der Himmel seinen Verlauf nehmen würde (vgl. Mt 13). Und da der Herr in Matthäus 24.25 besonders die Verantwortung der Jünger hier auf der Erde betont, passt sein Appell an Christen in diesen Zusammenhang wunderbar hinein.

Der Herr benutzt jetzt eine ganz andere Form in seiner Rede als im jüdischen Bereich. Er spricht in drei Gleichnissen zu den Jüngern, die alle drei das Kommen des Herrn zum Thema haben.

1. Im ersten zeigt Er, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Die einen sind kluge Diener und führen ihre vom Herrn übertragene Aufgabe im inneren Bereich in Treue aus. Die anderen denken nur an sich, leben für ihren eigenen Genuss und herrschen daher über andere Knechte. Diese zweite Gruppe sind Bekenner, die kein Leben aus Gott besitzen. Außerdem geht es in diesem ersten Gleichnis besonders um die zeitliche Gesamtentwicklung. Denn der Herr teilt die christliche Zeit in zwei Phasen ein. Am Anfang war der geistliche Zustand der Christen (im Allgemeinen) gut. Diese Periode wird durch den treuen Knecht dargestellt. Aber am Ende der christlichen Zeit, in der wir heute leben, ist er schlecht, was durch den bösen Knecht vorgestellt wird.

2. Im zweiten Gleichnis spricht der Herr Jesus im Blick auf die beiden Typen von Menschen direkt von einer Mehrzahl: Es gibt fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen. Damit wird unterstrichen, dass es im ersten Gleichnis nicht nur um zwei Einzelpersonen geht, sondern dass der treue Knecht und der böse Knecht Repräsentanten einer größeren Gruppe von Christen sind

Hier steht nicht der Dienst im Vordergrund, sondern das Zeugnis, das sie auf der Erde ablegen sollen, sowie die Erwartung des Herrn. Hier lernen wir zudem, dass auch die klugen, also die wahren Bekenner, untreu und gleichgültig geworden sind. Aber der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass nur die Klugen beim Kommen des Herrn Öl in ihren Lampen besitzen. Sie haben Leben, was die törichten Jungfrauen nicht besitzen. Während man im ersten Gleichnis eine globale Tendenz erkennt, lernen wir in diesem Gleichnis, dass zu jeder Zeit das Gute und das Böse nebeneinander bestehen. Das gilt auch für den Zeitpunkt des Kommens des Herrn, wo beides nebeneinander existieren wird.

3. Im dritten Gleichnis lernen wir dann, dass die Ausübung des Dienstes einer jeden Person, sei sie ein wahrer oder falscher Bekenner, unterschiedlich ist. Alle Christen haben die Aufgabe, entsprechend ihrer geistlichen Begabung einen Dienst auszuführen. Die Begabungen sind unterschiedlich, die Aufgaben unterscheiden sich. Aber eines bleibt gleich: Es kommt auf die Treue für den Herrn an. Diese wird vom Herrn bei seinem Kommen beurteilt. Es gibt also nicht nur Gruppen von wahren und falschen Bekennern nebeneinander. Es gibt auch eine ganz persönliche Verantwortung für jeden von uns. Jeder einzelne Jünger ist für sich selbst verantwortlich und besitzt eine persönliche Aufgabe. Man arbeitet nicht uniform, sondern individuell.

Verschiedene Arten von Verantwortung

Vor dem Hintergrund der soeben vorgenommenen Unterscheidung der drei Gleichnisse kann man die Verantwortung, unter die wir Christen gestellt werden, folgendermaßen beschreiben:

  1. Das erste Gleichnis vom treuen und bösen Knecht zeigt die gemeinschaftliche Verantwortung der Christen. Es zeigt uns, dass nur ganz am Anfang der christlichen Zeit das Zeugnis ein gutes war. Sehr schnell war der Charakter der Christenheit zu einem bösen geworden.
  2. Das Gleichnis der zehn Jungfrauen betont mehr die persönliche Verantwortung. Vor allem zeigt es, dass zu jeder Zeit treue und untreue, kluge und törichte, wahre und falsche Bekenner vorhanden waren und sind.
  3. Das Gleichnis der Talente betont besonders die weltweite und universale Verantwortung der Knechte.

Es gibt noch eine weitere Unterscheidung:

  1. Man kann sagen, dass es im ersten Gleichnis um den Dienst nach innen geht.
  2. Im zweiten Gleichnis zeigt uns der Herr das Bekenntnis nach außen.
  3. Im dritten Gleichnis wird uns stärker der Dienst nach außen vorgestellt.

Verschiedene Arten von Belohnung und Strafe

Die drei Gleichnisse unterscheiden sich auch unter dem Blickwinkel der Belohnung für Treue und Bestrafung für Falschheit

  1. Die Belohnung im ersten Gleichnis besteht darin, dass der Knecht über die ganze Habe des Meisters gesetzt wird. Das zeugt davon, dass hier die Gläubigen kollektiv gesehen werden und als Treue über den gesamten Besitz des Herrn gesetzt werden. Tatsächlich lesen wir im Neuen Testament, dass sich Christus mit den Erlösten verbindet und zusammen mit ihnen über das gesamte Universum regieren wird (vgl. Eph 1,10.11).
  2. Die Belohnung für die 5 Jungfrauen besteht darin, dass sie zusammen mit dem Bräutigam zur Hochzeit eingehen. Sie werden in diesen Versen nicht als Braut gesehen, haben aber zusammen Anteil an der Freude des Bräutigams über seine Hochzeit. Auch hier haben wir es also mit einer gemeinschaftlichen Belohnung zu tun.
  3. Im Unterschied dazu ist die Belohnung im Gleichnis der Talente persönlich. Auch wenn die Belohnung selbst für diejenigen, die treu dienen, gleich ist, wird sie jedem persönlich überreicht: das Lob, das Setzen über vieles im Reich, das in Macht aufgerichtet wird, sowie das Anteilhaben an der Freude des Herrn.

Auch bei der Strafe für Bosheit und Unglaube finden wir Unterschiede. Letztlich werden uns jeweils unterschiedliche Seiten der ewigen Verwerfung vorgestellt:

  1. Der böse Knecht wird entzweigeschnitten. Das spricht von der Intensität und Gewalt der Strafe. Sein Teil ist mit den Heuchlern, die ein Bild von sich geben, das nicht wahr ist. Der böse Knecht wird am Ort ewiger Qual sein, wo Weinen und Zähneknirschen dauerhafte Kennzeichen sind.
  2. Die fünf törichten Jungfrauen stehen vor der verschlossenen Tür. Ihnen wird Gemeinschaft mit denen verwehrt, die in der Glückseligkeit sind. Der Herr sagt ihnen, dass Er sie nicht kennt, das heißt, sie werden keine noch so geringe Beziehung zu Ihm besitzen.
  3. Der unnütze Knecht im dritten Gleichnis wird in die äußerste Finsternis geworfen, wo es totale Isolation und damit ewige Einsamkeit gibt. Auch seine ewige Existenz ist von übermäßiger, stetiger Angst geprägt: Weinen und Zähneknirschen.

Das schönste ist zweifellos, den Herrn zu betrachten, wie Er in diesen Gleichnissen dargestellt wird:

  1. Im ersten Gleichnis wird Er als Herr von Knechten gesehen.
  2. Im zweiten Gleichnis ist Er Bräutigam und Herr.
  3. Im dritten Gleichnis wird hervorgehoben, dass Er ein Mensch ist, aber zugleich auch der Herr von Knechten.

Warum kann man sicher sein, dass dieser Teil die christliche Seite behandelt?

Natürlich stellt sich die Frage, woran man erkennen kann, dass es ab Vers 45 um den christlichen Bereich geht. Denn an und für sich gibt es keinen direkten Bruch im Text. Wir haben sogar die Fortführung des Gedankens der Wachsamkeit. Umso mehr stellt sich die Frage nach Erkennungsmerkmalen dafür, dass es jetzt um einen ganz anderen Bereich geht als in den ersten Versen des Kapitels.

In dem vorhergehenden Überblick über die drei folgenden Gleichnisse haben wir schon gesehen, dass der Stil sich ändert. Zwar kommt eine Art Gleichnis auch schon in Vers 32 und in Vers 43 vor, aber dort haben wir es nicht mit der normalen, bisher bekannten Form eines direkten Gleichnisses zu tun, sondern nur mit einem einfachen Vergleich. Jetzt aber kommen auf einmal drei typische Gleichnisse, wogegen der Herr vorher und nachher direkte, wörtlich zu verstehende Prophezeiungen gab. In diesen Gleichnissen geht es auch nicht um äußere Entwicklungen, sondern insbesondere um moralische Werte, um eine innere Haltung.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir gerade in diesem zweiten Abschnitt keine Verbindung zum Alten Testament finden. Im jüdischen Teil haben wir den Bezug zu Daniel gesehen. Darauf baut der Herr Jesus auch im dritten Teil auf. Dort ist ebenfalls besonders im Propheten Daniel (Kapitel 2 und 7) vom Kommen des Sohnes des Menschen in Herrlichkeit die Rede. Solche Bezüge fehlen im christlichen Teil vollständig, denn das Alte Testament hat uns nichts über die christliche Zeitperiode zu sagen.

Zudem finden wir den Ausdruck „Sohn des Menschen“ in diesem Teil nicht. Dieser Titel des Herrn hängt mit der zweiten Phase seines zweiten Kommens zusammen. Das unterstreicht noch einmal, dass wir in diesem zweiten Teil eher an die Entrückung denken müssen. Allerdings geht es in allen drei Gleichnissen nicht so sehr um den Akt der Entrückung, als vielmehr um das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dieser steht immer mit der Verantwortung der Christen in Verbindung. Die Entrückung als solche dagegen ist ein Akt reiner Gnade.

Darüber hinaus gibt es im Unterschied zum ersten großen Teil in diesen drei Gleichnissen auch keine „jüdischen Stichworte“. Sabbat, Gesetz, Judäa etc. fehlen vollständig. Wenn dieser Teil einen jüdischen Charakter trüge, wären solche Hinweise wenigstens vereinzelt zu erwarten gewesen.

In diesen Gleichnissen behandelt der Herr zudem ein Thema, was im Blick auf das Judentum nicht behandelt wird: das Weggehen des Herrn. Das aber ist typisch christlich. Der Herr, der am Kreuz für uns starb, ist in den Himmel weggegangen, um einmal wiederzukommen.

Weiterhin sehen wir, dass im ersten und im dritten Teil dieser prophetischen Rede sehr viele äußere Abläufe eine wichtige Rolle spielen. Diese werden im christlichen Bereich nicht behandelt. Der Herr zeigt im Neuen Testament auch immer wieder, dass Er zu dem Herzen redet und dass Ihm an geistlichem, innerem Wachstum von Gläubigen gelegen ist.

Schließlich lesen wir hier von Entwicklungen, die im Neuen Testament im Blick auf Christen wiederholt angesprochen werden. Die Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn wird von Paulus (1. Thes 4), von Johannes (Off 22) und Judas (Jud 21) betont. Das Aufgeben der Erwartung, wie es in den Gleichnissen jetzt thematisiert wird, betont unter anderem Petrus (.2. Pet 3,4). Der Dienst der Christen, wie er im dritten Gleichnis behandelt wird, hat einen wichtigen Platz bei Paulus (Röm 12; 1. Kor 12; Eph 4) und Petrus (1. Pet 4,10).

Die Jünger des Herrn werden somit in den drei folgenden Gleichnissen in einer anderen Position gesehen als in den ersten 44 Versen von Kapitel 24. Sie waren einerseits Repräsentanten der jüdischen Gläubigen, die in einer Zeit an den Herrn Jesus als Messias glauben, in der Er der Verworfene ist. So sind sie die passenden Vertreter der gläubigen Übriggebliebenen, die auch in der Endzeit im jüdischen Bereich zum Herrn Jesus stehen werden. Andererseits aber waren sie auch die Keimzelle der Versammlung in einer ganz neuen Zeit, die hier noch nicht begonnen hatte. Denn als der Heilige Geist auf diese Erde kam (vgl. Apg 2), da waren es gerade diese Jünger, aus denen die Versammlung Gottes am Anfang bestand. Sie waren die ersten Christen, die hier auf der Erde lebten. Als solche kommen sie jetzt in den nächsten Abschnitten vor uns.

Eines aber bleibt in allen drei großen Teilen der Rede in Kapitel 24 und 25 gleich: Es handelt sich um Jünger des Herrn. Zu dieser Gruppe gehören auch wir, die wir in der christlichen Zeit leben. Wir sind nicht Jünger des Messias. Aber wir sind Jünger im Königreich der Himmel. Und insofern haben uns alle drei Teile etwas zu sagen.

Verse 45–51: Das Gleichnis vom treuen und bösen Knecht (K. 24)

Dieses erste der drei Gleichnisse bringt uns also in einen neuen Bereich. Denn der Judaismus kennt von dieser Art des Dienstes nichts. Er ist dem Wesen nach christlich. Wie bereits geschildert lässt Jesus jeden Hinweis auf Judäa, den Tempel, die Propheten und den Sabbat fallen, um jetzt über die christliche Zeit zu sprechen. Damit sind die Gleichnisse, die jetzt kommen, im Blick auf Hamburg genauso wahr wie auf Jerusalem, England oder Kenia.

Im ersten Gleichnis geht es um Dienst in einem „Haushalt“. Der Herr Jesus spricht von „seinem“ Gesinde – sie gehören zu seinem Haushalt. Es sind alle, die des Christus sind. Der Herr möchte, dass der Haushalt, der Ihm gehört, zur rechten Zeit Nahrung erhalten soll. Dafür hat Er einen Knecht angestellt. Denn der Herr, der große Hirte der Schafe, für die Er starb und die Er liebt, ruft seine eigenen Knechte zu sich, um die Herde zu nähren. Sie sollen dem Gesinde zu essen geben. Das ist dem Herrn wichtig und zeigt, wie nah Ihm die Seinen stehen.

Vers 45: Der Dienst des treuen und klugen Knechtes

„Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Nahrung zu geben zur rechten Zeit?“ (Vers 45).

Offenbar ist der Herr des Hauses in der Zeit, in der sein Knecht die Aufgabe des Ernährens dieser Menschen erhält, abwesend. Und in der Zeit der Abwesenheit des Herrn sollen seine Jünger durch Treue im Dienst für Ihn gekennzeichnet sein. Der Dienst für Ihn bedeutet nichts anderes als Dienst an den Seinen und für sie. Der Herr Jesus spricht sofort davon, dass der Herr kommt (Vers 46). Daher geschieht der Dienst in der Erwartung seiner baldigen Wiederkehr.

Das macht den Dienst auf Seiten des Dieners frisch, erfrischend und wertvoll. Ein treuer Knecht wird eine Belohnung erhalten und sogar – wie wir noch sehen werden – einen höheren Dienst anvertraut bekommen. Denn der Dienst ist nicht auf das irdische Leben beschränkt. Auch nach dem Tod gibt es noch eine Art Dienst. Treuer Dienst heute macht passend für einen höheren Dienst in der Zukunft, in der Gegenwart des Herrn auf der Erde. Natürlich wird der Dienst dann einen ganz anderen Charakter tragen.

So kommt es auf die gegenwärtige Treue an. Davon spricht auch Paulus an mehreren Stellen: „Im Übrigen sucht man hier an den Verwaltern, dass einer für treu befunden werde“ (1. Kor 4,2). Sowohl der Herr als auch Paulus sprechen somit unsere Verantwortung an. Das ist auch im Blick auf das Kommen des Herrn von Bedeutung. Denn dieses hat für den Christen einen zweifachen Charakter.

Das zweite Kommen des Herrn für Christen

Wir haben schon gesehen, dass das zweite Kommen Christi in zwei Phasen ablaufen wird. Zunächst gibt es die Entrückung unter anderem der Versammlung Gottes. Mindestens sieben Jahre später wird der Herr Jesus zusammen mit allen Gläubigen, die Er entrückt oder auferweckt hat, auf diese Erde zurückkommen. Beide Phasen gehören letztlich zusammen. Das wird daraus deutlich, dass immer wieder von seinem (zweiten) Kommen die Rede ist und zum Teil dieselben oder sehr ähnliche Begriffe dafür verwendet werden. Wir müssen also – wie so oft – zwar unterscheiden, dürfen aber diese beiden Phasen des Kommens Jesu nicht voneinander trennen.

Für die Christen geht es um die erste Phase. Aber auch sie hat zwei Seiten. Zuerst gibt es die Entrückung. Das ist sein Kommen in voller Gnade, unabhängig von der Frage unseres Dienstes, unserer Verantwortung oder einer Belohnung in seinem Königreich. Dieses Kommen in reiner Gnade ist sicherlich die erhabenere Seite seines Kommens. Dann aber gibt es auch sein Kommen in Verbindung mit dem Richterstuhl und dem Offenbarwerden. Das hat Bezug auf unsere Verantwortung. Paulus spricht in seinem Brief an die Philipper von dieser Seite: „Ich bin guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6). Dann geht es auch um eine Belohnung, die sichtbar werden wird, wenn wir zusammen mit Christus auf diese Erde kommen werden (zweite Phase).

Der Herr Jesus benutzt jetzt ein Gleichnis, weil Er unsere Herzen und Gewissen erreichen möchte. Aus diesem Grund spricht Er auch nicht einfach beschreibend von einem treuen und klugen Knecht, wie Er das später beim bösen Knecht tut (Vers 48). Nein, Er fragt: „Wer ist nun der treue und kluge Knecht?“ Das spricht jeden von uns persönlich an. Wir müssen uns fragen, ob wir uns Ihm als treue Knechte zur Verfügung stellen (wollen).

Der Herr hat heute ein „Gesinde“, das Ihm gehört: alle Christen, denn sie alle gehören Ihm und haben in dieser Welt Aufgaben für Ihn zu übernehmen. Darüber hinaus hat Er Knechte und Mägde, die Ihm in besonderer Weise dienen und Verantwortung übernehmen. Ohne das an dieser Stelle weiter zu vertiefen, sollten wir erkennen, dass das Gesinde und die Knechte an und für sich dieselben Personengruppen sind, nur von unterschiedlichen Seiten betrachtet. Denn der Dienst, den wir hier finden, ist nach innen gerichtet. Es geht nicht um einen evangelistischen Dienst, so wichtig und unabdingbar dieser ist (und auch im dritten Gleichnis zur Sprache kommen wird). Zunächst hat die Beschäftigung mit denen, die drinnen sind, Vorrang.

Die Verantwortung des Dieners

Der Herr ist für die Seinen besorgt, damit sie immer zur rechten Zeit die rechte Nahrung erhalten. Wen hat der Herr dafür eingesetzt? Aus Bibelstellen wie Epheser 4,11 lernen wir, dass Er dafür Brüder benutzt, denen Er eine besondere Gabe inmitten des Volkes Gottes übertragen hat. Sie haben die Aufgabe, durch ihren Dienst die Versammlung aufzuerbauen und zur geistlichen Vollendung der Gläubigen beizutragen. Und wenn der Herr jemand begabt, dann stellt Er diesen auch unter eine erhöhte Verantwortung, wie der Herr das hier bei dem Knecht tut.

Wir bedenken, dass es der Herr ist, der seine Diener anstellt, kein Gläubiger und auch kein Amtsträger. Diese gibt es heute sowieso nicht, wenn man Gottes Wort als Maßstab nimmt. Erst recht hat auch die Versammlung keine Autorität für eine solche Anstellung. Aus Epheser 4,11.12 lernen wir, dass es der verherrlichte Christus ist, der seine Diener der Versammlung schenkt. Daher ist der Knecht keinem Menschen, sondern allein seinem Herrn verantwortlich.

Die Art des Dienstes: Das Wort als Mittelpunkt

Wir müssen diese Belehrung des Herrn allerdings nicht auf einige wenige Führer beschränken, obwohl sie zweifellos im Mittelpunkt dieses Gleichnisses stehen. Es geht ja um einen Dienst, der nach innen auf die Christen gerichtet ist. Aus 1. Petrus 4,10 wissen wir, dass jeder eine Gnadengabe für eine Aufgabe empfangen hat. Diese soll er benutzen, um den anderen damit als guter Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes zu dienen. Dieser Gedanke wird unterstrichen durch Paulus in Epheser 4,7: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“ Das heißt mit anderen Worten: Jeder Christ hat eine Aufgabe erhalten, um den anderen Christen zu dienen. So sind wir alle Teil des in diesem Gleichnis genannten Hausgesindes, dem gedient wird. Wir sind sein Haus (vgl. Heb 3,6). Und wir alle können uns ebenso in diesem Knecht wiederfinden.

Aus anderen Stellen wissen wir, dass der Herr den Dienst des einen von dem des anderen unterscheidet und dass Er uns unterschiedliche Aufgaben und Begabungen schenkt (vgl. z.B. das dritte christliche Gleichnis in Matthäus 25,14 ff.). Hier aber geht es um einen anderen Punkt – den der Verantwortung, die für uns alle dieselbe ist. Herrlich zu sehen ist, dass der Herr sich um die Seinen und ihre Nahrung kümmert. In Epheser 5,29 lesen wir sogar, dass Christus selbst die Versammlung „nährt und pflegt“. Ihm sind die Seinen so wichtig, dass Er sich ständig um sie kümmert. Wie tut Er das? Unter anderem dadurch, dass Er seine Knechte beauftragt, Nahrung zu besorgen.

Wie kann man sich diesen Dienst nun vorstellen? Der Geist Gottes nimmt von dem, was dem Herrn Jesus gehört, und gibt es uns (Joh 16,12–15). Das ist wahrhaft nahrhafte, geistliche Speise. Dienst kann in diesem Sinn nur durch das Wort Gottes geschehen. Selbst wenn es ein direkt praktischer und äußerlicher Dienst ist, muss er auf das Wort gegründet sein. Immer sollte er mit zum Beispiel ermutigenden Worten einhergehen, bewirkt durch den Geist Gottes und sein Wort. Es geht also im weitesten Sinn um den Dienst des Wortes unter Gläubigen.

Wir wollen uns gegenseitig ermuntern, diesen Dienst (weiter) zu tun. Denn der Auftrag des Herrn an seinen Knecht gilt so lange, wie Er noch nicht gekommen ist. So lange ist „gelegene und ungelegene Zeit“ (2. Tim 4,2), in der wir immer bereitstehen sollen, um anderen zu helfen mit Gottes Wort. Es ist ein schöner Dienst. Und dann passt dazu, dass der Dienst der Weissagung (vgl. 1. Kor 12,4.5; 14,3.29) genau dann geschieht, wenn jemand ein ganz spezielles Wort für sein Leben nötig hat. Das kann sich auf Trost, auf Ermahnung oder Ermunterung beziehen. Manchmal bedeutet es auch Belehrung und Unterweisung, oder auch Zurechtweisung (1. Thes 5,12).

Wir werden von unserem Herrn dafür eingesetzt, die Nahrung des Wortes zu verteilen (vgl. Apg 20,28; 1. Tim 1,12). Entscheidend ist, ob wir „treu und klug“ sind. Treue hat mit Gehorsam und Hingabe zu tun, Klugheit mit Einsicht und Weitsicht. Bis heute gibt es solche treuen Diener – auch wenn dieses Gleichnis deutlich macht, dass am Ende der christlichen Zeit schwerpunktmäßig Untreue und Bosheit vorherrschen. In der Schrift finden wir positive Beispiele für den treuen Knecht. Wir dürfen uns Menschen und Familien wie Stephanas und sein Haus zum Vorbild nehmen (1. Kor 16,15; vgl. auch Heb 13,7.17.)

Man kann sich fragen, was das Motiv des Dienstes sein muss, damit auch in schweren Tagen äußerer und innerer Anfeindungen am Dienst festgehalten wird. Es ist die Hoffnung, dass der Herr Jesus wiederkommt und dass es Lohn für die Mühe gibt: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir“ (Off 22,12).

Wir sehen also in diesen Versen die bekennende Kirche – das ist ein anderer Ausdruck für Christen bzw. das Gesinde oder die Knechte in diesem Gleichnis. Sie wird hier während der Abwesenheit des Königs, des Herrn, gesehen. In dieser Zeit gibt es wahre und falsche Bekenner. Letztere sind Christen, die dies nur vorgeben zu sein. Es gibt Gerettete und nicht Gerettete, auch solche, die Leben haben und solche, die einen Namen haben zu leben, aber in Wirklichkeit tot sind (Off 3,1). In Kapitel 13 haben wir den Beginn, die äußere und innere Entwicklung und den wahren Kern des Königreichs vor uns. Hier dagegen lernen wir etwas über die moralische Sicht derer, die Teil der bekennenden Kirche sind. Das Kommen des Herrn wird offenbaren, wer ein wahrer und wer ein falscher Knecht war. Es bringt die Trennung der Guten von den Schlechten.

So lernen wir hier, dass der Zustand der verantwortlichen Versammlung und auch jedes einzelnen Christen davon abhängt, ob sie bzw. er auf Christus wartet. Wenn das nicht der Fall ist, wird die Gesinnung eines solchen und der Christen gemeinsam durch folgende Äußerung charakterisiert: Mein Herr bleibt noch aus!

Vers 46: Eine erste Belohnung für treuen Dienst: die ewige Anerkennung des Herrn

„Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, damit beschäftigt finden wird!“ (Vers 46).

Wenn der Herr kommt, wird Er seinen treuen und klugen Knecht belohnen. Der Lohn in diesem Gleichnis ist die Anerkennung des Herrn für treuen Dienst. Er nennt ihn glückselig. Selbst wenn andere abschätzig von ihm gedacht haben mögen (vgl. Mt 26,8.9), war ihm doch die Anerkennung des Herrn sicher. Ist das nicht Anreiz genug, dem Herrn treu zu dienen?

Wir sollten allerdings bedenken, dass derjenige, der beim Kommen des Herrn Jesus treu erfunden werden will, jeden Tag treu dienen muss. Denn wir wissen nicht, wann der Herr wiederkommen wird. Wir können uns auf sein Wort verlassen: Er wird wiederkommen, weil Er es uns in der Bibel etliche Male versprochen hat. Und wir wissen noch etwas: Die Folgen der Treue in dieser Zeit haben eine ewige Auswirkung. Denn die Anerkennung des Herrn bleibt nicht auf dieses eine Wort der Glückseligpreisung beschränkt. Dieses Wort drückt die dauerhafte Anerkennung des Meisters aus.

Dazu ist es aber nötig, auf den Herrn zu warten. Nur wer das tut, wird auch weiter treu dienen. Ein Psalmist drückt das einmal so aus: „Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen“ (Ps 130,6). Wer den Herrn Jesus liebt, wartet auf Ihn. Denn man freut sich darauf, Ihn zu sehen. Wenn man länger warten muss, als man das ursprünglich vielleicht angenommen hat, bleibt man wachsam und wartend. Denn diese (scheinbare) Verspätung hat ihren Grund (vgl. 2. Pet 3,9). Vor allem prüft sie mein Ausharren und meine Geduld. Der Herr sucht eine dauerhafte Treue!

Vers 47: Eine zweite Belohnung: Verantwortungsvoller Dienst

„Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen“ (Vers 47).

Der Herr des Knechtes hatte diesen über sein Gesinde gesetzt. Als Belohnung für Treue in diesem Dienst wird der Knecht über die gesamte Habe seines Herrn gesetzt. Das ist eine weit verantwortungsvollere Aufgabe als der frühere Dienst. Denn der Herr hat mehr als nur diesen einen Haushalt. Er hat viele Familien im Himmel und auf der Erde (vgl. Eph 3,15). Über sie alle setzt der Herr die Seinen, wenn sie sich als treu erweisen.

Diese Belohnung erinnert an die Überwinderverheißung an die Treuen in Thyatira: „Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben“ (Off 2,26). Paulus schreibt an anderer Stelle: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Wer auf der Erde heute bereit ist, den unteren Platz des Dienstes einzunehmen, wird in der Zukunft einen Platz des Regierens und Herrschens erhalten. Davon spricht Paulus in seinem Brief an die Korinther (1. Kor 4).

Eigentlich ist der Platz der Autorität und des Herrschens dem Herrn Jesus vorbehalten. Denn es ist seine Habe. Aber schon ein Vergleich der Stelle in Offenbarung 2,26 mit Psalm 2 zeigt, dass der Herr diesen Platz gerne mit uns teilen wird. Der Vater hat alles seinem Sohn übergeben – damit ist der Herr Jesus als Mensch gemeint. Als solcher teilt Er sein Recht mit uns (vgl. Joh 3,35; 13,3; Heb 2,7). Was für eine Herablassung unseres vollkommenen Meisters!

Vers 48: Der Charakter des bösen Knechtes

„Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus“ (Vers 48).

Plötzlich ändert sich der Ton in diesem Gleichnis. Der Herr beginnt mit einem „wenn“. Er sieht die verhängnisvolle Veränderung der Diener im christlichen Bereich voraus. Die Form, die der Herr verwendet, bedeutet, dass dieser Knecht nicht zu einem bösen werden müsste. Aber es ist möglich. Wir wissen heute, dass es genau so gekommen ist.

Der Herr spricht hier übrigens nicht von einer veränderten Stellung. Denn der Diener wird weiter Knecht genannt, sieht sich selbst so an und bleibt dies auch, so untreu er geworden sein mag. Verändert hat sich aber der Charakter des Dieners. Er gibt die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn auf und wird gerade dadurch böse. Der Herr erkennt also das Bekenntnis des Knechtes erst einmal an. Aber wir sind verantwortlich, in Übereinstimmung mit unserem Bekenntnis auch zu handeln. Daher auch das später beschriebene harte Gericht.

Es ist auffallend, dass der Herr Jesus von „jenem bösen Knecht“ spricht. Es handelt sich also offenbar um denselben Knecht, der vorher auch schon im Blickfeld stand. Nur dass dieser Knecht veränderte Kennzeichen trägt. Das ist immer wieder die Weise, in welcher der Herr in den Evangelien, aber auch später in den Briefen spricht. Wie wir gesehen haben gab es von Anfang an eine Naherwartung des Wiederkommens Christi.

Dann fällt auf, dass der Herr nicht von seinen Knechten als Einzelpersonen spricht. Er sieht in dem Knecht den Repräsentanten der gesamten Christenheit und Dienerschaft, man könnte auch sagen, der bekennenden Kirche. Denn der Herr möchte in diesem ersten Gleichnis eine Art Kirchengeschichte in Kurzform schildern. Der treue und kluge Knecht versinnbildlicht die Gruppe der treuen Diener des Herrn besonders in der Anfangszeit des Christentums. Der böse Knecht weist auf die Gruppe der untreuen, nichtswürdigen Diener hin, welche die Endzeit der christlichen Epoche kennzeichnen. Davon schreibt der Apostel Petrus. Es würde Menschen geben, die „sagen: Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an“ (2. Pet 3,4).

Es ist äußerst ernst, wenn wir bedenken, dass der Herr bereits vor Beginn der Christenheit diese Entwicklung vorhergesagt hat. Wir Christen haben uns das nicht zu Herzen genommen. Im Gegenteil: Wie immer fängt das Böse im Herzen an (vgl. Apg 7,39). Unser Herz hat sich sehr schnell von dem Herrn entfernt und sein Wiederkommen aufgegeben. Kirchengeschichtlich gehört das Erwarten des Herrn zur Entrückung zu den ersten Teilen der Wahrheit, die den Gläubigen verlorengegangen sind.

Die Aufgabe der himmlischen Hoffnung

Dass der Herr Jesus wiederkommen wird, war immer klar, auch während der gesamten christlichen Zeitperiode. Aber dass Er zuerst kommen wird, um die Gläubigen von Adam an in den Himmel zu entrücken, bevor Er kommen wird, um sein Königreich in Herrlichkeit aufzurichten, ist außerordentlich schnell aufgegeben worden. Dabei ist dies eine Belehrung, die gerade den – vielleicht – ersten von Paulus überhaupt geschriebenen Brief (an die Thessalonicher) kennzeichnet. Bei den Thessalonichern war diese Nah-Erwartung noch lebendig (vgl. 1. Thes 1,9.10; 2. Thes 2,1). Wir sollten uns bewusst werden, dass nur diese Naherwartung des Herrn uns davor bewahrt, im Sinn unseres Gleichnisses böse zu werden. Denn sogar Gläubige können eine Gesinnung annehmen, die der dieses bösen Knechtes gleicht. Wir können nicht dieser böse Knecht sein. Denn das Urteil in Vers 51 zeigt, dass er ungläubige Menschen charakterisiert. Aber seine Sprache können wir doch sprechen.

Wer die Hoffnung auf das baldige Kommen Jesu zur Entrückung aufgibt, gibt die himmlische Hoffnung auf. Denn dann käme der Herr „nur“ auf diese Erde, so dass wir zusammen mit Ihm in ein irdisches Reich eintreten würden. Dieses wird kommen, und wir werden sogar daran Anteil haben. Aber wir werden vom Himmel her mit Christus kommen. Alles andere macht uns zu irdischen Christen, die nicht mehr erkennen, dass ihre Herkunft und Zukunft, ihr Charakter und ihre Kennzeichen himmlischer Natur sind. Damit wird letztlich auch die himmlische Stellung aufgegeben.

Genau das ist mit den Christen sehr schnell nach dem Ableben der Apostel passiert. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts liest man praktisch an keiner Stelle vom himmlischen Wesen der Versammlung (von dem der Herr hier noch nicht direkt spricht). Auch sucht man vergeblich Hinweise auf die Erwartung seines Kommens zur Entrückung. Erst vor knapp 200 Jahren wurde diese zentrale Wahrheit der ersten Christen wiedererkannt. Und wir stehen in Gefahr, diese Hoffnung wieder zu begraben. Damit bewegen wir uns in Richtung des bösen Knechtes. Darüber sollten wir uns keine Illusion machen.

Alles Abweichen fängt mit einer falschen Gesinnung an. Dabei geht es dem Herrn nicht um einen speziellen Fehler. Er rügt auch nicht einmal ein lehrmäßiges Versagen, sondern eine Herzenshaltung. Wenn wir etwas Großes für uns auf der Erde suchen oder groß unter den Menschen sein wollen wie dieser Knecht, wie könnten wir dann sagen: „Komm!“? Denn mit seinem Kommen hört unsere Herrschaft über andere Christen definitiv auf.

Der Herr schaut auf unser Herz, nicht in erster Linie auf das, was wir sagen oder wie wir erscheinen. Es reicht nicht, alles zu wissen, wenn es nicht das Herz erfüllt. Dieser böse Knecht mochte wissen, dass der Herr kommen wird. Aber sein Herz war erfüllt von sich selbst. So wünschte er, dass der Herr noch nicht kommt. Denn so konnte er das tun, was er selbst wollte.

Vers 49: Der Knecht reißt Autorität an sich

„Und [der böse Knecht] anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und isst und trinkt mit den Betrunkenen“ (Vers 49).

Der böse Knecht beruft sich also auf den Namen Christi, wenn er von „meinem Herrn“ spricht. Er behauptet, Diener seines Herrn zu sein. Aber in seinem Herzen sagt er: Mein Herr bleibt aus (und wird noch länger nicht kommen). Das nimmt er zum Anlass, den Platz der Autorität, der allein dem Herrn zusteht, an sich zu reißen, statt in Sanftmut zu dienen.

Die Folge einer falschen Gesinnung im Herzen ist hier die Anmaßung einer falschen Position. Statt zu dienen meint er, herrschen zu dürfen. Das führt dazu, dass er sich mit der Welt, die seinen Herrn und Retter ablehnt, verbindet. Er pflegt Gemeinschaft mit ihr (er isst und trinkt mit den Betrunkenen). Es heißt nicht einmal, dass er selbst betrunken wäre. Es ist noch schlimmer: Obwohl er nüchtern ist, verbindet er sich mit den Betrunkenen und nimmt an ihren Wegen und Gelagen teil, obwohl er weiß, dass diese falsch und böse sind. Das erinnert uns an die Worte des Apostels Paulus, der uns ermahnt, keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis zu haben. Stattdessen sollen wir sie strafen (vgl. Eph 5,11).

Dieser Knecht kommt nicht durch Zufall in die falsche Gemeinschaft hinein. Dies alles offenbart nur seinen Willen. Er möchte herrschen und sucht sich den Weg aus, auf dem er diese Absicht am besten verwirklichen kann. Dazu sind ihm alle Mittel recht. So gehört er zu denen, die „bei Nacht betrunken sind“, wie Paulus an die Thessalonicher schreibt (vgl. 1. Thes 5,7). Das heißt, er gehört zu dem Bereich der moralischen Nacht, in dem es für Christus und Gott keinen Platz gibt.

Auf die falsche Gesinnung und falsche Stellung folgt also auch eine falsche Praxis. So ist es immer. Der Weg im Herzen führt dazu, dass man seine alte Stellung verlässt – im Guten wie im Schlechten. Und eine veränderte Stellung zeigt sich im Lebenswandel. Bei diesem Knecht ist es so, dass er anfängt, andere zu schlagen. Das ist eine Verkehrung des wahren Dienstes (vgl. Mt 19,29.30). Denn wahrer Dienst geschieht aus Liebe (um seines Namens willen) und aus Demut. Man ist also bereit, den letzten Platz einzunehmen, um dem Herrn zu dienen. Das ist wahre Größe. Hier dagegen finden wir Erhebung des Ichs (das ist Selbstliebe, Egoismus) und die Bedrückung anderer.

Dass ein solches Verhalten schon sehr früh aufgetreten ist, können wir an der Beschreibung von Diotrephes (3. Joh 9) erkennen. Zudem warnt Petrus in seinem ersten Brief die Ältesten ausdrücklich davor, ihre Aufgabe als solche auszuüben, die über ihre Besitztümer herrschen (vgl. 1. Pet 5,3).

Der Knecht als Repräsentant des klerikalen Systems

Wir haben gesehen, dass es beim Knecht nicht um einen einzelnen Diener geht, sondern dass er der Vertreter eines gesamten Systems ist. Nun stellt sich die Frage, um was für ein System es sich handelt. Die Kennzeichen dieses Knechtes sind:

  1. Er ist böse in den Augen des Herrn. Das heißt, er offenbart nicht die Kennzeichen seines Meisters.
  2. Er wartet nicht auf das Kommen des Herrn (zur Entrückung und zur Belohnung).
  3. Er herrscht, anstatt zu dienen.
  4. Er misshandelt seine Mitknechte, die in derselben Verantwortung vor dem Herrn stehen.
  5. Er pflegt Gemeinschaft mit der Welt, mit denen, die betrunken, also nicht nüchtern sind.

Angesichts dieser Beschreibung kommt man wohl nicht umhin, heute in dem Knecht einen Repräsentanten der großen Kirche der Welt – der Römisch-Katholischen Kirche – zu erkennen.

  1. Sie ist böse und wird nach Offenbarung 2,22.23; 17.18 ein schweres Gericht des Herrn erleiden.
  2. Die Entrückung ist kein Thema in dieser Kirche.
  3. Sie herrscht auf dieser Erde im religiösen und politischen Bereich. Der Höhepunkt ihrer Macht liegt zwar hinter ihr, als sie im frühen Mittelalter teilweise wie ein Kaiser regierte. Aber sie hat noch einen weiteren Höhepunkt vor sich. Denn sie wird auf dem Tier, dem römischen Herrscher, sitzen und ihn zumindest in Teilen beherrschen (vgl. Off 17,3), bevor sie von diesem zertreten wird (vgl. Off 17,16). Ihre Zerstörung steht also bevor.
  4. Wie viele wahren Gläubigen sind von dieser Kirche verfolgt und getötet und ermordet worden (man denke an die Verfolgung der Hugenotten). Zwar werden heute kaum noch Menschen auf direkte Weise durch dieses System verfolgt. Aber moralisch verfolgt diese sogenannte Kirche auch heute noch viele wahren Christen und stellt sie in die Ecke von Fundamentalisten. Bis in unsere Zeit hinein gibt es in bestimmten Gegenden Gläubige, die verfolgt und beschimpft werden, weil sie diese Kirche verlassen haben.
  5. Diese Kirche pflegt die Gemeinschaft mit dieser Welt. Ihr Papst sieht sich als Regent auf Augenhöhe mit den weltlichen Herrschern und vertritt mit dem Vatikan auch ein weltliches Königreich. Offenbarung 18 ist eine lebendige Beschreibung der Gemeinschaft, die diese Macht mit der Welt und den „Betrunkenen“ erlebt hat und weiter pflegen wird.

Man kann sicher auch sagen, dass der Knecht – ganz allgemein gesprochen – ein Repräsentant des klerikalen Systems ist. In Offenbarung 2,6.15 wird dieses durch den Namen der „Nikolaiten“ symbolisiert. Nikolaiten heißt übersetzt: Volksbeherrscher. Genau das ist die Stellung dieses Knechtes. Schon sehr früh ist das klerikale System entstanden. Bereits im Brief an Ephesus ist davon die Rede. Es verleugnet die allgemeine Priesterschaft der Gläubigen (vgl. 1. Pet 2,5.9) und setzte die freie Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Anbetung und in der Verkündigung des Wortes Gottes beiseite. So entstand die Trennung von Geistlichkeit und Laien, wobei die zweite Gruppe von der ersten beherrscht wurde.

Das Beispiel von Ignatius, einem Freund des Apostels Johannes

Es ist geradezu erschütternd, bereits in sehr frühen Schriften aus dem Anfang des zweiten Jahrhunderts von derartigen Strömungen und Missbräuchen zu lesen. Ein wichtiger Zeitzeuge dazu ist Ignatius, wohl ein Schüler und Freund des Apostels Johannes. Er wird zu den sogenannten apostolischen Vätern, den Kirchenvätern, gerechnet. Er starb wahrscheinlich rund 7 Jahre nach Johannes (107–110 nach Christus). Was man angesichts seiner Freundschaft mit Johannes nicht glauben mag: Er war Bischof von Antiochien und Erzbischof von Syrien. Das sind Titel, die wir so nicht aus der Schrift kennen, wohl aber aus der genannten großen Kirche, die bis heute existiert. Er schrieb um das Jahr 107 nach Christus am Vorabend seiner Hinrichtung sieben Briefe an einzelne Versammlungen bzw. Einzelpersonen. Darin spricht er von der Unterwerfung der Gläubigen unter den Bischof. Sie sollten auf den Bischof sehen wie auf den Herrn selbst. Hört auf den Bischof und auf das Presbyterium!

Beispiele aus seinen Schriften sind: „Seid bestrebt, alles in Gottes Eintracht zu tun, wobei der Bischof an Gottes Stelle und die Presbyter an Stelle der Ratsversammlung der Apostel den Vorsitz führen ... bildet eine Einheit mit dem Bischof und den Vorsitzenden ...“ (Brief an die Magnesier, Abschnitt 6,1.2). „Denn wenn ihr euch dem Bischof wie Jesus Christus unterordnet, scheint ihr mir nicht nach Menschenart zu leben, sondern nach Jesus Christus ... Darum ist es notwendig, wie ihr ja tut, dass ihr nichts ohne den Bischof unternehmt, vielmehr euch auch dem Presbyterium unterordnet wie den Aposteln“ (Brief an die Trallianer, Abschnitt 2,1.2).

„Desgleichen sollen alle die Diakone achten wie Jesus Christus, ebenso den Bischof als Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie eine Vereinigung von Aposteln. Ohne diese ist von Kirche nicht die Rede (Brief an die Trallianer, Abschnitt 3,1). „Lebt wohl in Jesus Christus, untertan dem Bischof wie dem Gebot [Gottes], ebenso auch dem Presbyterium!“ (Brief an die Trallianer, Abschnitt 13,2). „Alle nämlich, die Gottes und Jesu Christi sind, diese sind mit dem Bischof“ (Brief an die Philadelphier, Abschnitt 3,2).

„Folgt alle dem Bischof wie Jesus Christus dem Vater, und dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakone aber achtet wie Gottes Gebot! Keiner soll ohne Bischof etwas, was die Kirche betrifft, tun. Jene Eucharistiefeier gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist. Ohne Bischof darf man weder taufen, noch das Liebesmahl halten“ (Brief an die Smyrnäer, Abschnitt 8,1.2).

Es ist kaum zu fassen, dass ein Mann, der mit dem Apostel Johannes befreundet war, solche falsche Lehren verbreitet hat. Er war zweifellos ein hingebungsvoller Mann für Christus, der nur wenige Jahre nach Johannes als Märtyrer für Christus starb. Es besteht kein Zweifel, dass wir ihn in der Herrlichkeit wiedersehen werden. Umso mehr fragt man sich, wie ein vom Apostel belehrter Mann solch eine Lehre über den Bischof verbreiten kann. Er stellt einen Bischof der Kirche als Haupt voran, ohne den es keine örtliche Versammlung gebe. Wenn man zudem sieht, dass sich dieser Mann selbst als Bischof anstellte oder anstellen ließ, erkennt man, wie schnell aus dem treuen und klugen Knecht ein böser Knecht werden kann.

Man mag die Frage hinzufügen: Wo gibt es heute noch solche Knechte und kirchliche Zusammenkommen, die nicht eines oder mehrere der Kennzeichen des bösen Knechtes tragen? Gott sei Dank – es gibt sie. Wir müssen uns dafür Zeit nehmen und fleißig suchen. Prägend aber ist heute etwas anderes. Der böse Knecht ist wirklich die Charakterisierung unserer Zeit.

Vers 50: Das unerwartete Kommen des Herrn

„So wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß“ (Vers 50).

Wir haben schon gesehen, dass es in diesen Versen nicht um einen guten Knecht geht, der in der einen oder anderen Situation versagt hat. Nein, dieser Knecht, dieses System von Knechten, ist durch und durch falsch. Er ist ein Heuchler, der vorgibt, auf der Seite des Herrn zu stehen. In Wirklichkeit aber steht er auf der Seite des Bösen. Das Gericht verbannt ihn zu seinesgleichen.

Wenn nun hier vom Kommen des Herrn die Rede ist, müssen wir erkennen, dass es sich nicht um dasselbe Kommen wie in Vers 46 handelt. Für den bösen Knecht ist das Kommen sowohl unerwartet als auch unerwünscht. Er gehört nämlich zu der Welt der Ungläubigen, für die das Kommen Jesu Gericht bedeutet. Für sie kommt der Herr wie ein Dieb in der Nacht (1. Thes 5,2.3). Ein Dieb kommt für den Hausherrn sowohl unerwartet als auch unerwünscht. Allerdings wird hier – wie in den Versen 43.44 – besonders die Seite des unerwarteten Kommens des Herrn betont. So aber kommt Er nicht für die Seinen. Denn sie warten auf Ihn und sie freuen sich auf Ihn. Er ist für sie kein Dieb! Für sie kommt Er mit der Belohnung, die Er am Richterstuhl verteilen wird (2. Kor 5,10). Sichtbar wird sie dann tatsächlich in Verbindung mit dem sichtbaren Erscheinen zur Aufrichtung des Königreiches. Das ist zugleich das Kommen wie ein Dieb für den bösen Knecht – wobei sicher auch schon die Entrückung für solche Menschen ein jähes Erwachen darstellen wird.

Diese Verse richten sich jedoch nicht nur an Ungläubige, die den Herrn wie einen Dieb erfahren müssen. Sie stellen eine feierliche Warnung an alle dar, denen der Herr geistliche Aufgaben gegeben hat. Das sind wir alle! Es ist ein Appell an uns, sich während seiner Abwesenheit um die Seinen zu kümmern. Die Knechte sollen ohne Unterbrechung die Rückkehr des Herrn erwarten, damit Er sie bei seinem Kommen so findet, wie Er es wünscht: treu und auf Ihn wartend. Das ist sein Anspruch an uns!

Vers 51: Das Gericht an dem bösen Knecht

„Und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil geben mit den Heuchlern: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Vers 51).

In dem abschließenden Vers dieses Gleichnisses spricht der Herr Jesus das Gericht über den bösen Knecht aus. Er wird in zwei Teile zerschnitten wie mit einer Säge, die schrecklicher ist als die von David, mit der dieser einst die Kinder Ammon zerschnitt (vgl. 1. Chr 20,3). Natürlich handelt es sich hier um ein Symbol, ein Bild. Wir wissen nicht, wie wir uns diese Szene konkret vorstellen sollen. Auf jeden Fall handelt es sich um einen äußerst schmerzhaften Vorgang des Gerichts. Diese Schmerzen reichen in die Ewigkeit hinein und werden nie aufhören.

Der böse Knecht war ein Heuchler, denn er gab vor, ein Knecht des Herrn zu sein. Er wollte etwas darstellen, was er nicht war. Das sind Menschen, die im Haus Gottes den Platz von Dienern einnehmen, ohne Leben aus Gott zu besitzen. Ihr Herz hängt nicht an Dem, dem sie zu dienen äußerlich bekennen. Sie lieben weder Ihn noch die Seinen. Ihr einziges Ziel ist es, aus ihrer Stellung auf fleischliche Weise Vorteile zu erzielen. Das tun sie, indem sie – wie die Römisch-Katholische Kirche – eine ungöttliche Herrschaft an sich reißen. Sie nennen sich Diener des Herrn. In Wirklichkeit erkennen sie aber ihren Herrn gar nicht als solchen an. So handelt es sich um böse, falsche Bekenner. Das Gerichtsurteil nun sieht vor, dass er dauerhaft bei dieser Gruppe von Menschen sein wird: Er war ein Heuchler und wird deren Zukunft teilen. Darüber hatte der Herr schon früher durch sein siebenfaches Wehe gesprochen (vgl. Mt 23). Ihr Gericht bedeutet, dass ihr Teil das Weinen und Zähneknirschen sein wird.

Wie oft am Ende seiner Gleichnisse bricht der Herr Jesus an dieser Stelle die gleichnishafte Sprache ab. Wenn Er von der Hölle spricht, verwendet Er zwar eine bildhafte Sprache. Aber die Hölle ist kein Gleichnis. Weil wir heute von unserer Empfindungswelt nicht in der Lage sind, uns den Schrecken der Hölle vorzustellen, benutzt der Herr Elemente aus unserem natürlichen Leben. Die Hölle ist eine furchtbare und ewige Realität für diejenigen, die Jesus Christus nicht als Retter in ihrem Leben angenommen haben.

So wird auch das Gericht an der christuslosen Kirche auf der Erde sein. Ihr Gericht wird dramatisch und vernichtend sein – so wie bei diesem bösen Knecht. Genauso wie das Gericht des Herrn über den bösen Knecht ein plötzliches und unerwartetes sein wird, wird auch das Gericht an der bekennenden, falschen Kirche sein: „Denn in einer Stunde ist der so große Reichtum verwüstet worden“ (Off 18,17).

Das ewige Gerichtsurteil – die Hölle – im Matthäusevangelium

Es ist auffallend, wie oft der Herr Jesus gerade in diesem Evangelium von den ewigen Qualen spricht – insgesamt 20 Mal. Diese Zahl spricht von doppelter Verantwortung (2x10), wie auch die falsche Kirche doppelt nach ihren Werken gerichtet wird (Off 18,6).

  1. K. 3,10: Johannes spricht davon, dass jeder Baum, der keine Frucht bringt, abgehauen und „ins Feuer geworfen wird“. Damit hören wir in diesem Evangelium das erste Mal von dem ewigen Gericht. Gott wird es über Menschen bringen, die in ihrem Leben keinen Wert für Ihn haben, weil sie Ihm keine Frucht gebracht haben.
  2. K. 3,12: Der Herr Jesus wird in seinem Gericht, wenn Er auf diese Erde wiederkommen wird, „die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennen“. Es wird ein ewiges Gericht sein.
  3. K. 5,22: Der „Hölle9 des Feuers“ ist der verfallen, der „Du Narr!“ zu seinem Bruder sagt. Das ist die Intensität des Gerichts.
  4. K. 5,29 und
  5. K. 5.30 (zweimal): Es ist besser, heute Selbstgericht zu üben, selbst wenn es schmerzlich ist, als dass „dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“. Hier sehen wir, dass das Gericht umfänglich ist und den ganzen Menschen trifft (seinen Leib).
  6. K. 7,13: „Der Weg zum Verderben“ spricht vom Charakter des Gerichtes: Es ist ein Umkommen des Menschen, er ist für ewig verloren.
  7. K. 7,19: Der Baum ohne Frucht wird „abgehauen und ins Feuer geworfen“. Es geht um die Handlung des Gerichts. Es ist ein Abhauen und Trennen von jeder Beziehung des Lebens, um ewig in Qualen zu sein.
  8. K. 8,12: Die Söhne des Reiches, die nicht glauben wollten, „werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis. Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen10 sein“. Das zeigt, dass es in der Hölle keine Ahnung mehr von Licht und Hoffnung geben wird. Es ist die totale Isolation des verlorenen Menschen.
  9. K. 10,28: Wir sollen den fürchten, der „sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle“. Hier geht es um den Richter, der die Macht hat, ungläubige Menschen in die Hölle zu werfen.
  10. K. 13,42: Der Sohn des Menschen benutzt in der Vollendung des Zeitalters Engel, um die falschen Bekenner „in den Feuerofen zu werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“.
  11. K. 13,50: Auch hier sind es die Engel, welche „die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“. Hier sehen wir, dass es ein selektives Gericht ist. Die Bösen und nur sie werden in dieses ewige Gericht kommen. Gott ist gerecht.
  12. K. 18,8 und
  13. K. 18.9 (zweimal): Noch einmal geht es um Selbstgericht. Lieber heute die Schmerzen des Selbstgerichts auf sich nehmen, als „mit zwei Händen oder mit zwei Füßen [oder mit zwei Augen] in das ewige Feuer geworfen zu werden“. Hier erkennen wir, was der Anlass für das ewige Gericht des Feuers ist: die bösen Handlungen des Menschen mit seinen Händen, Füßen und Augen, die stellvertretend für alle ausführenden Organe des Menschen stehen.
  14. K. 22,13: Mit dieser Stelle haben wir uns ausführlich beschäftigt. Der Mensch ohne Hochzeitskleid, der meinte, in eigener Gerechtigkeit vor Gott stehen zu können, wird gerichtet. Er wird gebunden an Händen und Füßen und hinaus „in die äußerste Finsternis geworfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Hier lernen wir, dass die Hölle eine Ewigkeit ohne Freiheit und ohne Aktivität sein wird. Es wird ein ewiges unveränderbares Teil der Verlorenen dort sein.
  15. K. 23,15: Die Pharisäer machten ihre Jünger, ihre Proselyten, zu Söhnen „der Hölle“. Dieser Vers zeigt, dass der Charakter der Menschen heute – ihre Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit – auch der Charakter der Hölle selbst ist. Dort werden diese Menschen ohne Gott und ohne ein festes Fundament in Ewigkeit existieren.
  16. K. 23,33: Der Herr spricht über die Schriftgelehrten und Pharisäer das Gericht aus: „Ihr Schlangen! Ihr Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?“ Dieser Vers zeigt uns, dass diejenigen, die in der Hölle sein werden, den Charakter Satans tragen. Sie sind dem nachgefolgt, für den die Hölle bereitet worden ist (Mt 25,41). Zudem lernen wir, dass Hölle ein Gericht Gottes ist, dem niemand entfliehen kann, der dazu verurteilt worden ist.
  17. K. 24,51: In unserem Vers sehen wir etwas von der Ausführung des Gerichts, das Entzweischneiden, um dem bösen Menschen seinen ewigen Aufenthaltsort bei den Heuchlern zu geben: „Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“. Gott schneidet entzwei und offenbart damit die ganze Heuchelei des bösen Menschen, der sich äußerlich zu Gott bekannt hat, innerlich aber weit entfernt von Gott war.
  18. K. 25,30: Im Gleichnis von den Talenten wird der unnütze Knecht in die „äußerste Finsternis hinausgeworfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ In diesem Vers wird noch einmal die Ursache für das Gericht betont: Frucht- und Nutzlosigkeit des Menschen für Gott, der den Menschen geschaffen hatte, damit dieser nützlich für Ihn sei.
  19. K. 25,41: Hier lesen wir vom Gericht an Menschen aus den Nationen, welche die Boten aus Juda nicht angenommen haben: „Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“ Hier sehen wir, für wen Gott die Hölle eigentlich bereitet hat. Zudem ist dieses ewige Gericht ein Fluch für die Menschen, die dieses erleiden müssen. Gott weist sie von sich.
  20. K. 25,46: Diese letzte Erwähnung der Hölle in unserem Evangelium zeugt noch einmal davon, dass es eine Wahl des Menschen gab: „Diese werden hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben.“ Beide Zielorte des Menschen sind ewig. Entweder ewige Pein oder ewiges Leben. Es liegt an uns selbst! In der Hölle gibt es in diesem Sinn nur „Freiwillige“.

Verse 1–13: Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (K. 25)

„Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf von ihnen aber waren töricht und fünf klug. Denn die Törichten nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; die Klugen aber nahmen Öl mit in den Gefäßen, zusammen mit ihren Lampen. Als aber der Bräutigam noch ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich ein lauter Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen! Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen. Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen erlöschen. Die Klugen aber antworteten und sagten: Keineswegs, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst. Als sie aber hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam, und die, die bereit waren, gingen mit ihm ein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen. Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, tu uns auf! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. – Wacht also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Verse 1–13).

In den ersten 13 Versen von Matthäus 25 finden wir das zweite Gleichnis der Dreierserie, die sich mit der christlichen Zeit beschäftigt. Das Gleichnis der zehn Jungfrauen betont die persönliche Verantwortung und offenbart, dass zu jeder Zeit wahre und falsche Bekenner gelebt haben. Was die Belohnung betrifft, wird in diesem Gleichnis die Echtheit des Bekenntnisses und nicht so sehr der Dienst als solcher belohnt.

Wenn man das 25. Kapitel insgesamt mit seinen drei Teilen betrachtet, kann man erkennen, dass der Herr in dem ersten Gleichnis kommt, um das Bekenntnis der Christen zu prüfen. Im zweiten Gleichnis von den Talenten kommt der Herr, um den Dienst der christlichen Jünger zu prüfen. In dem letzten Abschnitt, der sich mit den Nationen zukünftiger Tage beschäftigt, kommt der Herr, um die einzelnen Völker zu prüfen.

Das Gleichnis der zehn Jungfrauen ist das zehnte und letzte Gleichnis des Königreichs der Himmel. Von den drei Gleichnissen hier in der Endzeitrede ist nur dieses ein solches Gleichnis, weil es stärker als die beiden anderen den Charakter des Königreiches durch die Mischung von gut und böse aufzeigt. Damit schließt es an die anderen Gleichnisse vom Königreich der Himmel in Matthäus 13 an. Der wahre Zustand unter den bekennenden Christen auf der Erde, während Christus im Himmel ist, wird offenbart. Der Herr sagt hier nämlich den moralischen Zustand der Christenheit für den Zeitpunkt voraus, an dem die Wahrheit über das Kommen Christi wieder neu entdeckt wird.

Dieser Moment ist nicht der Beginn der christlichen Epoche, auch wenn natürlich dort das Kommen Christi durch die Apostel verkündigt worden ist (Apg 3; 1. Thes 4). Aus diesem Grund ist es wohl auch das einzige dieser Gleichnisse vom „Reich der Himmel“, das direkt mit der Zukunftsform beginnt: Es „wird ... gleich werden“. Es geht um einen Zeitpunkt in der Geschichte und die danach folgenden Jahre (und Jahrzehnte), als das Kommen Christi wieder neu ins Bewusstsein trat und öffentlich bekannt gemacht wurde. Der Herr hatte seinen Jüngern in dem ersten Gleichnis (Ende Matthäus 24) gezeigt, dass die Treue des Knechtes verbunden ist mit dem Warten auf das Wiederkommen seines Meisters. Hier nun unterstreicht Er, dass der Zustand des Herzens beim Warten auf das Kommen des Bräutigams eine entscheidende Rolle spielt. Nur wer den Bräutigam wertschätzt, geht Ihm entgegen.

Wie in Kapitel 22 beim Hochzeitsfest des Königssohnes geht es jedoch nicht um die Braut, die Versammlung. Sie wird in diesem Gleichnis in Matthäus 25 nicht einmal erwähnt. In Matthäus 22 stehen die Gäste bzw. ihr Einsammeln im Blickpunkt. Im Gleichnis der 10 Jungfrauen geht es besonders um das Treffen mit dem Bräutigam. Der Fokus liegt somit auf der Haltung der Christen im Blick auf diese Begegnung mit dem Herrn Jesus.

Das Bild des Gleichnisses

Das Bild, das der Herr in diesem Gleichnis verwendet, ist wie immer einfach und schlicht. Es geht um den Ablauf einer Hochzeitsfeier, wie er im Orient alltäglich war und zum Teil auch heute noch üblich ist. Den Abschluss der Verlobungszeit, die allerdings schon verbindlichen Charakter für die Eheleute trug, bildete das großartige Hochzeitsfest. Dieses fand, – gerade in der Sommerzeit – in der Kühle der Dunkelheit statt. Wenn dann der Bräutigam kam, gingen ihm die Jungfrauen – es müssen damals wohl tatsächlich üblicherweise 10 Jungfrauen gewesen sein – mit brennenden Fackeln entgegen. Sie sollten ihm den Weg zum Hochzeitssaal erleuchten, wo die Braut auf ihn wartete. Das war ihre Aufgabe und nur das gab ihnen das Vorrecht, mit dem Bräutigam einzutreten und mitzufeiern.

Wir haben schon früher gesehen, dass nicht alle Einzelheiten eines Gleichnisses erklärt und angewendet werden dürfen. Genau das ist auch für dieses Gleichnis charakteristisch. Es geht um einen wichtigen Grundsatz, den der Herr vorstellen möchte. Wenn man diesen erfasst hat, wird man die Belehrung des Gleichnisses gut verstehen und auch die wesentlichen Einzelheiten richtig einordnen können.

Es stellt sich also die Frage, welche Hauptlinie der Geist Gottes mit diesem Gleichnis verfolgt. Wir werden im Einzelnen noch sehen, dass es um das Bild des christlichen Bekenntnisses (10 Jungfrauen) geht. Dieses Bekenntnis, dargestellt durch die Lampen, kann wahr oder falsch sein. In der Christenheit liegt leider diese Vermischung vor, wie wir schon in Matthäus 13 gesehen haben. Es gibt sowohl wahre als auch falsche Christen. Aber was ihr Bekenntnis betrifft, gehen sie gemeinsam aus, um Christus bei seinem Wiederkommen zu begegnen.

Diese Bekenner werden als Jungfrauen dargestellt. Hier ist Christus nicht der Bräutigam der Versammlung (Gemeinde, Kirche). Und es geht auch nicht im engsten Sinn um die Entrückung. Zu dieser gehen wir dem Herrn Jesus nicht entgegen. Der Herr Jesus kommt aus dem Himmel, um die Versammlung in einem Nu zu sich zu rufen und zu holen (1. Kor 15,52; 1. Thes 4,16). Er ist es, der sie ruft, nicht sie, die von sich aus kommt.

Wir haben schon gesehen, dass es in diesem Bild überhaupt nicht um die Braut geht.11 Sie wird nicht erwähnt und stellt daher weder die irdische Braut Jesu (Israel) noch die himmlische Braut (die Versammlung) dar. Die Jungfrauen werden auch nicht zur Braut. Das wäre eine falsche Interpretation dieses Gleichnisses. Es geht nämlich nicht um die Versammlung, sondern um die Christen im Königreich. Sie stehen als Bekenner unter der Verantwortung, auf den Herrn Jesus zu warten. Das zeigt, dass es nicht um die Vorrechte der Versammlung, sondern um die Verantwortung von christlichen Bekennern geht.

Vers 1: Jungfrauen gehen mit ihren Lampen aus, dem Bräutigam entgegen

Der erste Vers beginnt mit dem schon angesprochenen „dann“. Augenscheinlich bezieht sich der Herr auf den vorherigen Abschnitt. Es geht dabei nicht um den konkreten Zeitpunkt von Vers 51, wo das Gericht über den bösen Knecht ausgesprochen und vollzogen wird. Auch dieses Gleichnis umfasst den gesamten Zeitraum des vorherigen Gleichnisses. Dann – wenn die Dinge, von denen im ersten Gleichnis schon die Rede waren, zu ihrem eigentlichen Abschluss gebracht werden müssen, wird das Reich der Himmel gleich werden ...

Auch wenn der Herr also die gesamte christliche Zeit vor Augen hat, legt Er doch das Schwergewicht auf eine bestimmte Entwicklung. Die hier benutzte Zukunftsform „wird gleich werden“ deutet nämlich eine bestimmte spätere Zeit dieser Epoche an, die der Herr besonders im Auge hat. Dann nämlich würde das Königreich gewisse Charakterzüge annehmen, die im Fokus dieses Gleichnisses liegen. Es geht also nicht so sehr um den Anfang der Zeitperiode, wie zunächst einmal im ersten Gleichnis, sondern um das Ende der Epoche.

Was die Gläubigen in der Anfangszeit des Christentums kennzeichnete ist ihr Ausgehen aus der Welt. Für die Juden bedeutete das in erster Linie, aus dem Judentum hinauszugehen und das jüdische Lager zu verlassen (vgl. Heb 13,13). Für die Heiden ging es mit ihrer Bekehrung darum, den heidnischen, götzendienerischen Bereich zu verlassen. Sie mussten also auch aus allem hinausgehen, was mit der moralisch bösen Welt sowie der mit ihr verbundenen Religion zu tun hatte. Nur so konnten sie dem kommenden Herrn entgegengehen: „Wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1. Thes 1,9.10).

Wir sehen also, dass für die ersten Christen das Trennen von der Welt und ihren Einrichtungen unmittelbar mit der Erwartung des Herrn verbunden war. Die Jungfrauen gingen aus, um dem Bräutigam entgegenzugehen. Dem Bräutigam geht nur derjenige entgegen, der ihn auch erwartet. Und derjenige nimmt dann auch das mit, was wichtig ist: Licht und Öl, um dem Bräutigam den Weg leuchten zu können. Wem das Kommen des Bräutigams nicht wichtig ist, wird sich damit zufriedengeben, in der Gesellschaft von Bekennern zu sein. Er mag eine Lampe dabeihaben. Aber er hat sich nicht darum gekümmert, ob diese Lampe auch funktionsfähig ist. Das heißt, ob auch Öl vorhanden ist, um sie zum Brennen zu bekommen.

Gingen auch die törichten Jungfrauen mit aus?

Nun mag man fragen: „Gingen denn die törichten Jungfrauen wirklich aus, dem Bräutigam entgegen? Das passt doch gar nicht zu falschen Bekennern!“ Ja, es passt nicht dazu. Dennoch zeigt dieses Gleichnis, dass es ihre Verantwortung als Christen ist, auf Christus zu warten. Daher werden sie zunächst zusammen mit den fünf klugen Jungfrauen betrachtet.

Das aber ist nicht alles. Denn es war am Anfang so und ist es auch bis heute, dass Christen bekennen, Christen zu sein. Das tun sie zum Beispiel durch die Taufe und die Teilnahme am Abendmahl. Beides ist ein Hinweis auf den Tod Christi. Aber Paulus verbindet das Abendmahl mit dem Kommen des Herrn (1. Kor 11,26). Dadurch bekennen auch Namenschristen, nicht nur zu Christus zu gehören, sondern auch auf Ihn zu warten. Aber ein Bekenntnis macht niemanden zu einer geretteten Person, wenn dieses Zeugnis nur ein Lippenbekenntnis ist. Doch ein Bekenntnis bleibt es dennoch.

Immer wieder erlebt man es, dass bei einer Erweckung alle möglichen Menschen mitgezogen werden. Das war in der Zeit Hiskias und Josias so, wenn man einmal die Propheten ihrer Zeit (z.B. Hosea und Micha) liest. In den Büchern der Könige und Chronika hat man den Eindruck, dass das gesamte Volk diese Erweckung aktiv verwirklichte. Äußerlich mitgegangen sind auch damals viele. Aber innerlich blieben viele in ihren Herzen verhärtet und kehrten nicht von ihren bösen Wegen um. In der christlichen Zeit haben sich solche, die falsche Bekenner waren, ebenfalls äußerlich von der Welt distanziert und sind in christliche Zusammenkünfte gekommen. Äußerlich bekannten auch sie, auf Christus zu warten. Sie haben manches verlassen, um auszugehen und den Bräutigam zu treffen. Sie gehen mit den wahren Gläubigen. Aber sie tun es nur äußerlich.

Jungfrauen und Lampen

Man kann sich die Frage stellen, warum der Herr das Bild von Jungfrauen verwendet. Jungfrauen erinnern uns an Unberührtheit. Offensichtlich geht es dem Herrn in diesem Vergleich nicht buchstäblich um „Jungfrauen“, sondern um einen übertragenen Sinn. Die Jungfrauen stellen Menschen dar, die das Evangelium gehört haben und sich zum Christentum bekennen. Sie haben, das Juden- oder Heidentum verlassen, um den in den Himmel aufgefahrenen Herrn zu erwarten. Sie beflecken sich nicht mit Bösem – weder moralisch (Welt) noch lehrmäßig (Religion). Das erwartet der Herr von allen, die sich zu Ihm bekennen.

Es geht also um eine Trennung, um Absonderung von der Welt und von allem, was dem wahren Bräutigam, dem Herrn Jesus, nicht entspricht. Auch 2. Korinther 11,2 unterstreicht diesen Gedanken: Paulus hatte die Korinther mit einem Mann verlobt, um sie als eine keusche Jungfrau darzustellen. Sie sollten sich von allem Weltlichen trennen, um sich ganz dem Bräutigam zu widmen, dem Christus12.

Die Jungfrauen nahmen ihre Lampen. Das können wir sicher als ein Bild davon verstehen, dass der Christ in der Dunkelheit dieser Welt sein Licht scheinen lassen soll. Er ist ein Zeuge des Herrn und seiner Botschaft hier auf der Erde. Diesen Gedanken hatte der Herr schon in der Bergpredigt geäußert (Mt 5,14), dort noch besonders auf seine Jünger aus dem Judentum bezogen. Diesen Gedanken finden wir jedoch immer wieder im Neuen Testament. Den Philippern schreibt Paulus, dass sie als Himmelslichter leuchten und damit Orientierung in dieser Welt geben sollen (Phil 2,15). Den Ephesern schreibt er, dass sie Licht im Herrn sind und daher als Kinder des Lichts ihr Leben führen sollen (Eph 5,8).

Der erste Vers dieses Gleichnisses gibt uns somit in wenigen Worten das an, was für den Gläubigen in der christlichen Zeit und Berufung grundsätzlich charakteristisch ist und von jedem Bekenner gefordert wird. Damit haben wir zugleich eine Beschreibung dessen, was Christen am Anfang kennzeichnete:

  • Trennung von allem, was Christus entgegenstand;
  • Offenbarung und Zeugnis der christlichen Wahrheit;
  • Erwartung des Herrn Jesus, des Bräutigams, aus den Himmeln.

Das sind die Kennzeichen wahren Christentums. Wir tun gut daran, uns zu prüfen, ob wir durch diese drei Kennzeichen heute geprägt sind.

Der himmlische Charakter von Christen

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal der Christen, das man erst auf den zweiten Blick erkennt: ihr himmlischer Charakter. Wir haben schon gesehen, dass es in diesem Gleichnis nicht um die Versammlung als Leib Christi geht. Dieser wurde erst durch den Apostel Paulus offenbart. Der Herr spricht vom Ausgehen der Jungfrauen, um dem zur Hochzeit kommenden Bräutigam entgegenzugehen.

Wenn der Herr Jesus wiederkommen wird, beginnt die Zeit der Gerichte für diese Erde. Dann wird das Königreich der Himmel sozusagen den Charakter von Personen annehmen, die mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben wollen. Sie sind dann von ihr und mehr noch vom Judentum getrennt. Alles das, was mit religiösen Formen und Anziehendem für das Fleisch im Gläubigen zu tun hat, wird sie nicht mehr beschäftigen. Sie gehen Christus entgegen, um in Ewigkeit bei Ihm zu sein.

Warum haben sich die ersten Christen von all diesem Unflat und Bösen getrennt? Weil sie verstanden, dass der Platz des auf der Erde verworfenen Christus zur Rechten Gottes im Himmel auch ihr Platz ist. So sind sie zu Ihm hin ausgegangen.

  • So wie Christus, der Himmlische, ist, so auch sie.
  • So wie Christus sein Ziel, den Himmel erreicht hatte, würden auch sie dieses Ziel erreichen.
  • Der Ort, wo Christus jetzt wohnte, war auch ihr eigentlicher Wohnort.

Daher hatten sie mit der Welt und der Religion des irdischen Menschen nichts zu tun. Das verstanden die Christen am Anfang der christlichen Zeitperiode, und sie waren bereit, die Verwerfung des Herrn zu teilen.

Unser Vers zeigt im Übrigen, dass die Jungfrauen von selbst ausgingen. Sie bedurften keiner Ermahnung dazu, sondern handelten in Übereinstimmung mit ihren von Gott bewirkten Überzeugungen. Das ist insofern auffallend, als es von der damaligen Praxis abweicht, denn die Jungfrauen wurden üblicherweise „bestellt“, um dem Bräutigam zu leuchten. Deutet der Herr damit nicht an, dass zu Beginn ein wirkliches Verständnis über die christliche Stellung vorhanden war, ein Leben nach seinen Gedanken? Wir werden sehen, dass dieses Verständnis sehr schnell wieder verdunkelt worden und damit verlorengegangen ist.

Wenn hier vom Ausgehen der Jungfrauen gesprochen wird, geht es ist nicht so sehr um das Kommen Jesu, um die Christen zu sich zu nehmen. Hier steht die Verantwortung der Christen im Vordergrund. Deshalb ist auch von zehn Jungfrauen die Rede. Schon die Zahl „fünf“ spricht immer wieder von Verantwortung in der Schrift. Sie ist zunächst ein Hinweis auf die Abhängigkeit des schwachen Menschen von Gott. Daraus ergibt sich seine Verantwortung, Gott gehorsam zu sein. Wir haben fünf Finger an jeder Hand, um für Gott zu wirken. Vor dem Tempel in Jerusalem gab es fünf Becken zur Linken und fünf Becken zur Rechten (2. Chr 4,8). Die Zahl „zehn“ unterstreicht den Gedanken der Verantwortung. Es ist sozusagen das Zeugnis (zwei) der Verantwortung (mal fünf). So haben wir beispielsweise zehn Gesetzesgebote in 2. Mose 20.

Die Verantwortung der Christen war es von Anfang an, zu dem „Ort“ zu gehen, an dem die Begegnung mit dem Bräutigam stattfinden sollte. Das war kein geographischer Ort, sondern eine geistliche Haltung. Um auszugehen, muss man verlassen, wie Abraham die Umgebung verließ, wo er wohnte: Land, Familie, Verwandtschaft, usw. Auch das zeigt noch einmal den Gedanken der Absonderung, der durch die Jungfrauen vorgestellt wird.

Der Königin wird in Psalm 45 – ähnlich wie Abraham – gesagt: „Vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters. Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr: So huldige ihm!“ (Ps 45,11.12). Wie kann das, was wir verlassen, irgendeinen Wert für uns haben, eine Kraft ausüben oder uns zurückhalten, wenn es darum geht, zum Bräutigam zu gehen? Wir lesen hier nicht von der Braut. Aber bereits der Hinweis auf den Bräutigam zeugt von der Liebe und Zuneigung, die auch die Jungfrauen erfüllen soll.

Wir lesen noch, dass die Jungfrauen ihre Lampen mitnehmen. Mit diesen sollen sie ja dem Bräutigam leuchten, wenn er zur Hochzeit geht. Er stattet sie mit Lampen oder Fackeln aus, die mit Öl betrieben sind; dazu gab es offensichtlich noch zusätzlich Ölgefäße. Wozu wären die Jungfrauen in der Nacht dienlich gewesen, wenn sie keine brennenden Fackeln gehabt hätten? Sollte der Bräutigam nicht vor der geladenen Menge in dem Licht derjenigen erstrahlen, die ihn begleiteten?

Verse 2–5: Töricht und klug – eine Frage des Öls!

Auf den ersten Blick konnte man keinen Unterschied inmitten der zehn Jungfrauen erkennen. Sie alle hatten Lampen, sie alle nahmen diese Lampen mit, sie alle gingen aus und sie alle gingen dem Bräutigam entgegen. Nach außen hin also sah diese Gruppe homogen aus. In Wirklichkeit bestand sie jedoch aus zwei Parteien, die sehr gegensätzlich waren. Sie trugen einander entgegengesetzte moralische Kennzeichen.

Der Bereich des Christentums ist der menschlichen Verantwortung anvertraut worden (10 Jungfrauen). Und wo immer es um die Verantwortung von Menschen geht, finden wir Schwachheit und Versagen. Nicht zuletzt deshalb lesen wir von zweimal fünf Jungfrauen. Das fängt bei Adam und Eva an. Aber das hört nicht auf, bis Gott uns aus einem Leben der Verantwortung in das ewige Leben des Segens und der bleibenden Gnade Gottes einführt.

Aber der Mensch verdirbt nicht nur alles, was ihm überlassen worden ist. Fast von Anfang an ist es im Bereich des christlichen Zeugnisses auf der Erde zu einer Mischung von wahren und falschen Bekennern gekommen. Wie schon gesagt, werden die wahren Bekenner in diesem Gleichnis als kluge Jungfrauen bezeichnet, die falschen Bekenner als törichte.

Wir sollten nicht meinen, dass „in der Wirklichkeit“ beide Gruppen gleich groß sind (fünf und fünf). Am Anfang überwog die Zahl der wahren Bekenner. Vielleicht war Simon, der Zauberer, der erste falsche Bekenner, der sich inmitten des christlichen Zeugnisses auf der Erde eingeschlichen hat (vgl. Apg 8,18–23). Nach und nach nahm diese Zahl falscher Bekenner jedoch zu. So ist aus dem christlichen Zeugnis auf der Erde sehr schnell ein Bereich gemischter Grundsätze geworden. Das gilt in Matthäus 24 und 25 für alle drei Gleichnisse. Der Herr Jesus hatte dies bereits in den Gleichnissen in Matthäus 13 vorgestellt, insbesondere bei den Gleichnissen vom Weizen und Lolch, vom Feinmehl und Sauerteil und vom Netz, das ins Meer geworfen wurde.

Das Kennzeichen des wahren Bekenntnisses

Nun stellt sich die Frage, wodurch sich wahre und falsche Bekenner, kluge und törichte Jungfrauen „auszeichnen“. Das Kennzeichen, das der Herr in dem Gleichnis nennt, ist das Öl. Die törichten Jungfrauen nahmen zwar ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit sich, so dass ihre Lampen nicht leuchten konnten. Die klugen dagegen nahmen sowohl die Lampen als auch Öl in den Gefäßen mit. Der Unterschied liegt also in dem Besitz oder Nicht-Besitz des Öls. Die entscheidende Frage ist somit: Wovon spricht das Öl? Ein Studium der Bibel zeigt sehr schnell, dass Öl ein Symbol für den Heiligen Geist ist. Mit Öl wurden Könige, Propheten und Priester gesalbt. Im Neuen Testament lesen wir, dass die Gläubigen mit dem Geist Gottes gesalbt (und versiegelt) werden. In 1. Johannes wird von den Kindern, den kleinen Kindern im Glauben gesagt: „Und ihr habt die Salbung [den Heiligen Geist] von dem Heiligen [dem Herrn Jesus] und wisst alles“ (1. Joh 2,20; vgl. 2,27). Also nicht erst die „Väter“, sondern schon die kleinen Kinder im Glauben besitzen den Heiligen Geist. Aus 2. Korinther 1,21.22 lernen wir, dass diese Salbung den Besitz des Heiligen Geistes meint.

Auch aus dem Alten Testament wissen wir, dass das Öl direkt mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht wird. In Sacharja 4 wird über die zwei Ölbäume gesagt: „Nicht durch Macht, nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen“ (Vers 6). Und in Jesaja 61,1 lesen wir von der Salbung des Messias mit Öl: „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen.“ Und als David mit Öl gesalbt wurde, lesen wir, dass unmittelbar in Verbindung damit der Geist Gottes auf ihn kam (1. Sam 16,13).

Wahre Bekenner, die klugen Jungfrauen, sind somit solche Menschen, die den Geist Gottes in sich wohnend besitzen (Eph 1,13; 1. Kor 6,19). Sie sind, um den Herrn in seinem Gespräch mit Nikodemus zu zitieren, aus Wasser und Geist geboren (Joh 3,5.6). Weil sie an den Herrn Jesus, den Sohn Gottes, geglaubt haben, hat Gott ihnen neues, ewiges Leben geschenkt. Jeder, dessen Glaube auf dem gekreuzigten und auferstandenen Retter, auf seinem vergossenen Blut, das heißt auf seinem dahingegebenen Leben beruht, ist eine solche kluge Jungfrau.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob diese Gläubigen auch ein geistliches, entschiedenes Leben führen. Gottes Wort setzt das immer voraus. Aber wir dürfen festhalten, dass der Heilige Geist in dem schwächsten Gläubigen und dem am wenigsten belehrten Christen wohnt. Insofern deutet der Herr durch dieses Gleichnis fast nebenbei an, dass jeder Gläubige, was er auch vom Werk Jesu verstehen mag, den Heiligen Geist besitzt. Die Versiegelung hängt nämlich nicht vom Menschen ab, seinem Tun und Verständnis, sondern vom Werk Gottes, das Er in einem Menschen tut. Das Einzige, was wir Menschen tun können, ist an den Herrn Jesus und sein Werk zu glauben und in aufrichtiger Buße unsere Sünden bekennen.

Das Öl zeigt uns also die göttliche Gnade, die dazu führt, dass wir als Christen unsere Lampen leuchten lassen können. Es ist der Geist Gottes, der uns diese Kraft schenkt, als Zeugen von Christus auf dieser Erde zu zeugen. Davon ist die erleuchtete Lampe ein Bild. Schon in Matthäus 10,32 hatte der Herr dies betont. Paulus spricht in seinen Briefen verschiedentlich davon, dass der Glaube dann als wahr sichtbar wird, wenn er mit einem Bekenntnis verbunden ist (vgl. Röm 10,9; Eph 4,15; Heb 13,15).

Das Problem der törichten Jungfrauen

Was ist nun das Problem der törichten Jungfrauen? Sie haben kein Öl. Der Geist Gottes wohnt nicht in ihnen, weil sie sich nicht vor dem Herrn Jesus gebeugt und daher auch kein neues Leben empfangen haben. Sie bekennen zwar mit ihren Lampen, vielleicht mit ihrem Namen, mit ihrer Kirchenzugehörigkeit, mit ihren Gewohnheiten, Christen zu sein. Aber sie besitzen nicht die Kraft Gottes und den Geist Gottes. „Die eine Form der Gottseligkeit [Lampen] haben, deren Kraft [Öl] aber verleugnen“ (2. Tim 3,5), sagt Paulus von solchen Menschen. „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8,9). So geben sie vor, Zeugen Christi zu sein. In Wahrheit können sie aber nicht von Ihm zeugen, weil sie Ihn gar nicht kennen (vgl. Vers 12). Sie nehmen zwar den Namen des Herrn Jesus an und nennen sich Christen. Aber es gibt nichts, was sie für die Gegenwart und das Kommen Christi passend macht. Sie sind solche, von denen der Herr Jesus einmal sagen musste: „Du hast den Namen, dass du lebst [die Lampe], und du bist tot [kein Öl]“ (Off 3,1).

Wie schon weiter oben bemerkt, wird dieser Unterschied nicht von Anfang an sichtbar. Denn das Gleichnis beschäftigt sich besonders mit der Endzeit der christlichen Zeit. Zu Beginn lesen wir noch nichts vom Leuchten der Lampe, auch wenn der Herr von Anfang an wusste, wer echt und wer falsch war. Denn: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19). Aber für die meisten Menschen und selbst für wahre Christen ist oft nicht ersichtlich, ob sie es mit echten oder unechten Bekennern zu tun haben. Auch Philippus erkannte nicht, dass Simon ein falscher Bekenner war (Apg 8,9 ff.). Erst das Entlarven Simons durch den Heiligen Geist und das geistliche Unterscheidungsvermögen von Petrus machten diese Lüge offenbar.

Bis zum Augenblick, an dem die Fackeln angezündet werden mussten, konnte also niemand erkennen, dass die Törichten kein Öl besaßen. Dieser Zustand wahrer Torheit wird im Gleichnis also erst mit dem Mitternachtsruf offenbar. Dadurch wird noch einmal das Kennzeichen von Gleichnissen deutlich. Natürlich haben Christen von Anfang an vom Herrn Jesus gezeugt. Und natürlich wurde, jedenfalls teilweise, von Beginn an deutlich, wer eine Lampe mit oder wer eine Lampe ohne Öl hatte. Aber darum geht es dem Herrn in dieser Belehrung nicht. Er zeigt, dass von Anfang an sowohl wahre als auch falsche Bekenner zusammen auf der Erde sein werden. Das wird bis zu dem Zeitpunkt der Fall sein, an dem Christus (wieder-) kommen wird, um zur Hochzeit zu gehen.

Was für eine Torheit aber ist es, sich unter die zu mischen, deren Aufgabe es ist, nachts zu leuchten, ohne das dafür nötige Öl mitzunehmen. Da es ungewiss war, in welcher Stunde der Bräutigam kommen würde, gebot es die Vernunft, ausreichend Öl vorzuhalten. Hätten diese Jungfrauen nicht wissen müssen, dass der Zeitpunkt irgendwann kommen wird, wo ihr Mangel auffallen wird? So ist es auch heute mit manchen Christen. Im Innersten sind sich wohl auch die meisten Namenschristen bewusst, dass ihnen etwas fehlt. Aber entweder überspielen sie dies, oder sie sind zu stolz, ihr Problem zuzugeben. Denn solange die Fackeln nicht angezündet werden müssen, kann niemand sie entlarven. Solange der Herr nicht gekommen ist, kann man ein falsches Bekenntnis verbergen. So geben sie vor, Jungfrauen zu sein und sich für den Herrn Jesus abzusondern. Hinter dieser Fassade des Bekenntnisses fehlt aber dessen Wirklichkeit. Denn Lampen haben keinen Wert, wenn sie nicht angezündet werden und leuchten können.

Die Jungfrauen schlafen ein (V. 5)

In Vers 5 lesen wir, dass der Bräutigam ausblieb. Rückblickend wissen wir heute, dass der Herr Jesus nicht in der ersten Generation der Christen zurückkam, um die Gläubigen in den Himmel zu entrücken. Ausbleiben heißt aber nicht verziehen, verzögern, oder gar, was böse Menschen behaupten, Wortbruch! Sie sagen: „Hat er nicht zugesagt, bald zu kommen (vgl. Off 22,20)? Das hat er nicht eingelöst“ – so die Worte des Unglaubens. Der Apostel Petrus aber sagt uns dazu: „Der Herr zögert die Verheißung nicht hinaus, wie es einige für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig gegen euch, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen“ (2. Pet 3,9). Aus diesen Worten lernen wir, dass Gott einen Plan hat, wenn der Herr Jesus noch nicht wiedergekommen ist. Er verzieht nicht!

Er hat zugesichert: „Ich komme bald!“ Das wird Er auch einhalten. In keinem Gleichnis spricht der Herr davon, dass sein Kommen hinausgezögert würde. Dieselbe Menschengruppe, von denen der Herr am Anfang des Gleichnisses spricht, sieht Er auch am Ende vor sich. Denn Er möchte nicht, dass wir uns auf eine lange Abwesenheit einstellen. Für den Herrn sind die jetzt abgelaufenen fast 2.000 Jahre ohnehin keine lange Zeit. Aber sie sind ein Beweis seiner Barmherzigkeit uns Menschen gegenüber, da Er nicht will, dass ein Mensch verloren geht. Sein Wunsch ist, dass sich jeder Mensch bekehrt und zur Buße kommt.

Zugleich stellt das Ausbleiben des Herrn eine Prüfung für diejenigen dar, die sich zu seinem Namen bekennen. Ihre Treue und ihre Zuneigungen werden getestet. Ist ihr Bekenntnis echt? Bleiben sie dabei, oder geben sie den Glaubensweg auf? Es macht im Übrigen noch einmal deutlich, dass es in diesen Gleichnissen um die Verantwortung der Christen geht. Mit anderen Worten: Diese Verse behandeln nicht die Entrückung als solche, denn diese ist in der Schrift immer ein Akt reiner Gnade. Der Herr spricht vom Dienst, dem Zeugnis und damit von der Belohnung des Christen. Das hat mit dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10) zu tun, der uns unsere Verantwortung vorstellt.

Ich betone noch einmal, dass es nicht die Versammlung als Braut ist, die uns in diesen Versen vorgestellt wird. Denn bei der Entrückung wird Christus seine Braut zu sich nehmen, indem Er das Werk seiner Gnade mit göttlicher Macht krönt. Das sehen wir in 1. Thessalonicher 4 und auch am Ende des Judasbriefes. Hier aber spricht der Herr nicht von der Entrückung und unterscheidet die beiden Phasen seines zweiten Kommens, die Entrückung und die Erscheinung, nicht. Beides fasst Er in diesem Gleichnis gewissermaßen zusammen: Einerseits kommt Er und führt zur Hochzeit ein – das erinnert uns an die Entrückung. Andererseits aber steht sein Kommen mit Gericht in Verbindung, das erinnert uns an seine Erscheinung. In diesem Gleichnis handelt es sich besonders um die Betonung des Gerichts für die Ungläubigen und um Verantwortung und Lohn für Gläubige.

Die Folgen des Ausbleibens des Herrn

Leider hat das Ausbleiben des Wiederkommens des Herrn zu dramatischen Folgen unter den Christen geführt. Alle Jungfrauen – die fünf klugen genauso wie die fünf törichten – wurden schläfrig und schliefen ein. Nachdem der Bräutigam ausblieb, erwarteten sie ihn nicht länger. Alle wurden vom Schlaf übermannt.

Zu Beginn der Zeit der christlichen Kirche auf der Erde erwarteten alle Christen das Kommen des Herrn. Aber als die Jahre ins Land gingen, gaben die Christen diese gesegnete Hoffnung auf und hörten auf, nach dem Herrn Ausschau zu halten. Das Schlafen der Jungfrauen steht genau für diese Tatsache.

Wir müssen davon beeindruckt werden, dass die gesamte Christenheit das Bewusstsein des Wiederkommens des Herrn für die Seinen aufgegeben hat: Das gilt auch für die Gläubigen, die den Geist besitzen. Sie haben ebenfalls den Gedanken an seine Wiederkunft verloren. Auch sie sind nach dem Ausgehen irgendwo wieder „eingegangen“, um ruhig schlafen zu können. Sie haben einen Ruheplatz für das Fleisch gesucht und gefunden, da, wo man geistlich schlafen konnte.

Alle haben den wahren Sinn ihrer Berufung vergessen. Manche waren weise im Königreich der Himmel, andere töricht. Manche waren aufrichtig und gottesfürchtig, andere haben sich selbst etwas vorgetäuscht. Aber alle schliefen ein. Die klugen Jungfrauen blieben zwar „lebendige Heilige“, aber was die Verwirklichung ihrer Berufung betraf, haben sie Wesentliches aufgegeben. Die Trennung von der Welt und die lebendige Erwartung des Kommens des Herrn gab es im Allgemeinen nicht mehr. Die Christen gingen entweder zurück zu weltlichen Religionen (das war die weitere Entwicklung der katholischen Kirche), oder in die heidnische Welt. Das war bequem. Viele dachten, dass man auf diese Weise dennoch ein christlicher Bekenner bleiben könne. Aber das war ein großer Irrtum.

Tatsächlich ging dadurch nicht nur die Hoffnung auf die Ankunft Christi völlig verloren, sondern auch die Kenntnis der Wahrheit selbst. Kirchengeschichtlich gibt es keine Hinweise mehr in der Zeit nach 300 n. Chr., dass noch von dem Kommen des Herrn zur Entrückung gesprochen oder geschrieben worden wäre. Natürlich gab es nach wie vor eine allgemeine Lehre über ein jüngstes Gericht. Aber auch hier wurden die verschiedenen Gerichtssitzungen des Herrn, wie wir am Ende des Kapitels sehen werden, miteinander vermischt. Die Entrückung der Versammlung vor der Drangsalszeit (vgl. 1. Thes 4,13–18; Off 3,10) war nahezu unbekannt. Auch das gewaltige Werk Gottes in der Reformation, eine kraftvolle Erweckung, führte zu keiner Bewusstseinsveränderung. Denn auch dort glaubte man weiter an eine allgemeine Auferstehung.

Wach bleiben

Wir wissen, dass es einer ununterbrochenen Energie bedarf, um sich wach zu halten. Das gilt besonders, wenn wir bedenken, dass sich das Gleichnis auf eine Nachtszene bezieht. Denn es ist nicht natürlich, sich während der Nacht wach halten zu können. Man kann sagen, dass es sich bei diesem Gleichnis um ein Bild der geistlichen Nacht in dieser Welt handelt. Um darin geistlich wach zu bleiben, bedarf es eines Gegenstandes, der das Herz fesselt. Wenn nicht Christus dieser Gegenstand ist, wird der Christ bald einschlafen. Auch uns heute wird es nicht besser ergehen, wenn wir nicht auf unseren Retter sehen.

Der vom Herrn hier gebrandmarkte Schlaf ging über viele Jahrhunderte. Die Jungfrauen kehrten an einen Ort zurück, der dem ähnelte, von dem sie am Anfang ausgegangen sind. Denn in Vers 6 heißt es dann: „Geht [wieder] aus!“ Das ist das gleiche Wort wie in Vers 1. Zu Beginn hatten die Christen alles zerbrochen, was sie festhielt, um zur Begegnung mit Jesus zu gehen. Aber die Welt, die Liebe zu Besitz und Vermögen, die 1.000 Attraktionen vieler weltlicher Örter haben den ersten Eifer gedämpft und zur Rückkehr von Christen in ihre alte Umgebung geführt.

So gingen die Liebe und Treue zum Retter verloren. Das Bewusstsein seines Wiederkommens war verschwunden. Der Herr war aus den Augen verloren worden. Der Charakter eines Christen wird gerade durch seine Blickrichtung geformt. Das, was seine Zuneigungen ausmacht, bestimmt sein Leben. Alles war durch Schlaf gekennzeichnet. Das enthält auch eine Botschaft an unsere Herzen. Der Herr fragt uns, inwiefern das Kommen des Herrn und die Liebe zu Ihm unsere Herzen noch erfüllt.

Vers 6: Der Mitternachtsruf

Mit dem sechsten Vers kommen wir zu einer dritten Periode der Kirchengeschichte. Zuerst gab es ein Ausgehen der Christen voller Zuneigung, Energie und Kraft, um für den Herrn zu zeugen und Ihn aus den Himmeln zu erwarten. Dann kam die Phase der Schläfrigkeit und des Einschlafens. Es gab zwar viele Christen. Aber fast keiner von ihnen hielt an der himmlischen Berufung und der Erwartung des Wiederkommens des Herrn fest. Der Gedanke an das Vaterhaus war verlorengegangen. Jetzt auf einmal passiert aber etwas Gewaltiges. Es erhebt sich „ein lauter Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen!“

Von wem kommt dieser Ruf? Das wird uns in diesen Versen nicht mitgeteilt. Wir können nur sagen: Es ist ein Ruf göttlicher Gnade, der Gnade des Bräutigams, der wie aus dem nichts heraus an die Ohren aller Jungfrauen, aller Christen, dringt. Es handelt sich hier also um kein äußerlich sichtbares Zeichen wie für die Juden in Kapitel 24. Das Wirken Gottes durch sein Wort und seinen Geist geschah gewissermaßen in unsichtbarer Weise. Der Herr schreitet in göttlicher Souveränität ein. Der Heilige Geist bewirkte, dass sich die Erlösten von denen trennten, die in der Nacht sind (2. Kor 6,17; 1. Thes 5,4–8). Nun wurden sie erneut ermahnt, wach und wachsam zu bleiben und nicht wieder einzuschlafen (Röm 13,11.12).

Gott sorgte also dafür, dass ihr Schlaf unterbrochen wurde, ohne dass wir sagen können, wie das geschah. Statt „draußen“ zu warten, waren sie zum Schlafen irgendwo hineingegangen. Ob es ihr Ausgangsort war oder ob sie zwischendurch einen neuen religiösen Ort gesucht haben, wird uns nicht berichtet. Jedenfalls haben sie ihre ursprüngliche Stellung verlassen. Sie erwarteten nicht mehr die Rückkehr des Bräutigams und befanden sich auch nicht mehr auf ihrem richtigen Posten.

Was bewirkte nun äußerlich ein solches Umdenken? Es war offenbar die Predigt des Wortes Gottes und in der Folge das Aufleben der Hoffnung auf sein Wiederkommen. Dadurch nahmen Christen erneut ihre rechte Stellung ein. Gelegentlich gab es während der Jahrhunderte, als die bekennende Kirche sich der Verderbnis geöffnet hat, einen Alarm des kommenden Gerichtstages. Das war besonders um das Jahr 1.000, aber auch zu manchen anderen Zeitpunkten wie um das Jahr 600. Aber hierbei ging es nicht darum, mit Freuden auszugehen, um den Bräutigam zu treffen. Im Gegenteil, die Erwartung des Gerichts und des Endes der Welt wurde besonders von Kirchen- und Sektenführern gepredigt, ohne das Wiederkommen im Blick zu haben. Oftmals machten sich diese Führer die Angst von Menschen vor einem furchtbaren Gericht Gottes zunutze. So nahmen sie manchen viel Vermögen ab. Dies irae – der Tag des Zorns – wurde beispielsweise zu einem Instrument des katholischen Terrors, nicht aber zum Anlass einer wirklichen Erweckung.

Was macht eine schriftgemäße Erweckung aus?

Für eine Erweckung ist heute nicht die Angst der richtige Weg, sondern zwei andere moralische Bedingungen:

  • Man demütigt sich wegen des Bösen, das in der Christenheit getan worden ist.
  • Man kehrt zur Verwirklichung der ursprünglichen Stellung zurück. Um mit Johannes zu sprechen: Man kehrt zu dem zurück, was von Anfang ist (vgl. 1. Joh 1,1). Oder, um mit den Worten unseres Gleichnisses zu reden: Man geht wieder aus. Nicht von ungefähr stimmen diese Worte in Vers 6 mit denen in Vers 1 überein. Man geht aus, dem Bräutigam entgegen. Man tut das von Neuem, was man ursprünglich durch Gottes Gnade schon einmal getan hat.

Dazu müssen die Lenden geistlicherweise umgürtet sein (vgl. Lk 12,35). Damit ist gemeint, dass man sich für das bereitet, was den eigentlichen, von Gott gegebenen, Auftrag betrifft. Man übt Selbstgericht und bekennt alles, was nicht mit Ihm in Übereinstimmung ist. Das ist aber nicht alles. Denn Gott möchte, dass wir wieder aktiv sind im Zeugnis für Ihn. Daher sollen die Lampen sozusagen von innen heraus brennen (vgl. Lk 12,36 ff.).

Es ist in diesem Zusammenhang auffallend, was Paulus in 1. Thessalonicher 4,17 bei der Beschreibung des künftigen Ereignisses der Entrückung sagt. Er spricht fast genauso, wie wir es hier in Matthäus 25 finden. Der Herr legt allerdings die Betonung auf unsere Verantwortung (geht aus!), während Paulus von einem Akt göttlicher Gnade spricht (entrückt): „Danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt [entspricht: geht aus] werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft“. Um nicht missverstanden zu werden: Im Gleichnis der Jungfrauen lesen wir nicht direkt etwas von der Entrückung. Hier steht das Kommen des Herrn ganz allgemein vor uns.

Wir lernen in Matthäus 25, dass die Jungfrauen nach dem Einschlafen dasselbe tun müssen wie am Anfang: ausgehen, dem Bräutigam entgegen. Im Unterschied zum Anfang der christlichen Zeit aber haben sie dieses Mal einen Zuruf nötig.

Sie müssen also aufs Neue ausgehen, um dem Bräutigam zu begegnen. Das erste Ausgehen war ein Verlassen der jüdischen und heidnischen Welt. Das zweite könnte noch umfassender sein. Es bezeichnet für viele erneut ein Aufgeben der Gemeinschaft mit Ungläubigen. Das ist die moralische, unter Satans Herrschaft stehende „Welt“. Schwerpunktmäßig jedoch bezieht es sich für viele Christen auf das Verlassen der von Menschen aufgerichteten christlichen Systeme. Es war also nicht in erster Linie ein Ausgehen aus dem System „Welt“, die moralisch durch Tod und Sünde geprägt ist. Der Herr spricht vielmehr davon, dass die Erlösten als aus dem Schlaf christlicher Systeme und Religionen auferstehen sollten. Es handelte sich somit wirklich um eine Erweckung, um das Aufwachen aus einer geistlichen Schläfrigkeit.

Es stellt sich sofort die Frage: Wann war das? Rückblickend können wir sagen, dass sich diese Erweckung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert zugetragen hat. Damals fand man im Wort Gottes die Wahrheit vom Kommen des Herrn wieder. Es war die Mitternacht des zu Ende gehenden Mittelalters, in der dieser Ruf hörbar wurde. Er ist für uns also Vergangenheit und wird vielleicht besonders in Verbindung mit dem Brief an die Versammlung (Gemeinde) in Philadelphia gefunden (vgl. Off 3,7 ff.). Ihnen sagte der Herr: „Ich komme bald“ (Off 3,11). Vor ungefähr 180 Jahren entdeckte man die Lehre der Apostel wieder neu, die an sich alt war. Hier wurde wieder der Unterschied zwischen Entrückung und Tag des Herrn verstanden. Die christliche Hoffnung wurde wiederbelebt. Man begann, wieder neu auf diese erste Phase des zweiten Kommens Jesu zu warten – seine Wiederkunft, um uns in den Himmel zu holen.

Der Mitternachtsruf diente somit der Wiederherstellung des eigentlichen Charakters der Christen. Christus rief dem Gläubigen zu: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!“ (Eph 5,14). Denn zwischen Schlafenden und Toten kann man aus der Entfernung nicht unterscheiden. Jetzt sollte sich erweisen, wer wirklich Leben aus Gott besaß. Daher: Wer diesen Ruf hörte, musste aufstehen und gehen. Das bedeutet

  • eine Rückkehr zu der wahren christlichen Berufung
  • die Trennung von der Welt, von allen, die böse sind und sich nicht von Bösem trennen
  • die Trennung von allem, was falsch und schriftwidrig ist und Christus, unseren wiederkommenden Herrn daher verunehrt.

Seine Person, sein Werk, sein Wort: Das war es, was am Anfang des 19. Jahrhunderts dazu führte, dass die wahren Gläubigen aufgeweckt wurden, um ihre wahre Stellung auch praktisch wieder einzunehmen. Nur auf diesem Weg kann man auch heute das praktisch verwirklichen, was am Anfang gelehrt und vorgelebt wurde.

Auch die törichten Jungfrauen wurden wach

In dieser Erweckungszeit wurde aber auch ganz allgemein religiöse Aktivität erweckt. Das ist das Erstaunliche an diesem Vers: Nicht nur die klugen Jungfrauen wachten auf, sondern auch die törichten. Es ist bereits auffallend, dass schon am Anfang alle 10 Jungfrauen ausgingen. Es ist ebenso bemerkenswert, dass alle 10 Jungfrauen einschliefen. Am eigentümlichsten ist jedoch, dass jetzt erneut alle 10 Jungfrauen aufwachen und ein weiteres Mal ausgehen. Das Geschrei im Zuge des Mitternachtsrufes ist offensichtlich laut genug, um Bekenner verschiedener Bereiche zu emsiger Tätigkeit anzuspornen. Wer könnte leugnen, dass genug törichte Menschen vom Kommen des Herrn gesprochen haben und sprechen? Durch viele Länder und Städte ging eine allgemeine geistige bzw. spirituelle Bewegung.

Was ist die Bedeutung dieser „Aufregung“? Menschen sind übereifrig für ihre religiösen Formen. Das hat oft überhaupt nichts mit wahrem Christentum zu tun. Die Törichten lassen keinen Stein liegen, ohne ihn umgedreht zu haben, um das zu bekommen, was sie nicht haben. Eines aber lehnen sie ab: den Weg Gottes zu gehen. Sie nehmen zwar viele Wege, aber den richtigen wollen sie bewusst nicht gehen. Der Schmuck kirchlicher Häuser, die fantastischen Kostüme der Geistlichen, der moderne Geschmack kirchlicher Musik – alles zeigt, dass die törichten Jungfrauen am Werk sind. Aber dadurch werden sie nicht passend, den Herrn zu treffen. Genau das fürchten sie selbst. Sie sind beunruhigt durch das Gerücht eines Rufes, den sie selbst nicht verstehen und richtig einordnen können.

Aktivität aber war nicht die einzige Folge des Mitternachtsrufs in der Christenheit. Auch die Erwartung des Kommens Jesu breitete sich mehr und mehr aus. Mehr denn je beschäftigte man sich in der Christenheit mit der Prophetie, übrigens bis heute. Und überall kann man hören, dass der Herr Jesus kommen wird. Das Ganze ist keineswegs auf die Kinder Gottes beschränkt.

In dieser Erweckungszeit des 19. Jahrhunderts und schon etwas früher finden wir daher nicht nur Evangelisten wie John Wesley (1703–1791), seinen Bruder, Charles Wesley (1707–1788) und George Whitefield (1714–1770). Diese ließen einen Weckruf durch die Welt hallen, dass man sich zu dem Herrn Jesus Christus bekehren muss. Man findet nicht nur Bibellehrer wie John Nelson Darby (1800–1888), Charles Henry Mackintosh (1820–1896), William Kelly (1821–1906), Carl Friedrich Wilhelm Brockhaus (1822–1899), und viele andere. Sie verkündeten auf der Grundlage der neutestamentlichen Wahrheit des Wortes Gottes das in der Schrift wiederentdeckte Wiederkommen des Herrn Jesus zur Entrückung. Es entstanden auch neue kirchliche Gruppen und Sekten, und die Kirchen entwickelten sich weiter. Beispiele sind die „Zeugen Jehovas“ (Charles Taze Russell, 1852–1916), Siebenten-Tags-Adventisten (Ellen Gould White, 1827–1915) und die Mormonen (Joseph Smith, 1805–1844). Bei allen diesen Sekten ging es nicht zuletzt um das Wiederkommen des Herrn, das teilweise auf den Tag vorhergesagt wurde und dann wieder einkassiert oder umgedeutet werden musste.

Der Mitternachtsruf führte also bei wahren und falschen Bekennern dazu, dass sich Christen von der Welt und christlichen Systemen trennten. Es war kein Ruf zum Mitteilen der Gnade, sondern einer, der das Bekenntnis testete. Und auch wenn es durch dieses göttliche Wirken zu einem wiederkehrenden Bewusstsein des Kommens Jesu kam, spricht der Ruf selbst nicht vom Kommen. Denn es heißt nicht: „Siehe, der Bräutigam kommt!“, sondern: „Siehe, der Bräutigam!“

Mit anderen Worten: Der Herr prüft unsere Herzen, nicht in erster Linie unsere Erkenntnis. Er möchte die Herzen und Gewissen der Christen erreichen. Deshalb spricht Er beim Mitternachtsruf nicht von seinem Kommen, sondern von seiner Person. Das Bewusstsein des Kommens des Herrn muss uns zu seiner Person führen. Ihn müssen wir wertschätzen. An seiner Person entscheidet sich letztlich alles. Der entscheidende Test ist: „Wie stehst du zu Jesus Christus?“ Wessen Herz nicht höher schlägt, wenn von Christus gesprochen wird, hat diesen Mitternachtsruf nicht verstanden, oder er hat eine falsche Haltung zu Christus.

Vom Ruf bis zum Kommen: eine Prüfungszeit

Nun ist dieser „Mitternachtsruf“ schon rund 200 Jahre alt. Aber der Herr Jesus ist noch immer nicht gekommen. Man mag sich fragen: Warum? Zwischen dem mitternächtlichen Rufen und der Ankunft des Bräutigams ist genug Zeit verflossen, um den moralischen Zustand der Einzelnen auf die Probe zu stellen. Und es sollte auch ausreichend Zeit sein, um umzukehren und von einem falschen Bekenner zu einem wahren zu werden. Dass Gott bis heute gewartet hat, ist somit erneut ein Beweis der Gnade Gottes für den Menschen. Er möchte nicht, dass irgendjemand verloren geht. Daher lässt Er den Menschen nach wie vor Zeit. Wie schon gesagt, versuchen Feinde Gottes auch im christlichen Bereich, diese Zeitspanne als Anklage gegen Gott zu benutzen. Davon spricht Petrus in 2. Petrus 3,4. Dort bestätigt der Geist Gottes noch einmal, dass Christus wirklich kommen wird. Dann wird es für diese Zweifler und Ungläubigen für immer zu spät sein.

Zum Schluss möchte ich noch auf eine falsche Zuordnung dieser Verse eingehen: Manche behaupten, dass sich dieser Mitternachtsruf auf den Ruf des Herrn bezöge, wie wir ihn in 1. Thessalonicher 4,13–18 finden. Aber das kann nicht stimmen, denn auch die törichten Jungfrauen machen sich ja nach diesem Ruf „auf den Weg“. Das wird jedoch am Tag der Entrückung nicht so sein. Auch wird es dabei eine Auferstehung aus den Toten geben (vgl. Phil 3,11; „die Toten in Christus“, 1. Thes 4,16). Das heißt, die ungläubig Verstorbenen werden in ihren Gräbern liegen bleiben!

Nein: Es war am Anfang des 18. Jahrhundert, dass dieser Ruf erscholl. Noch immer hören wir den Nachhall dieses Rufs: „Siehe, der Bräutigam.“ Der Feind möchte diese gesegnete Botschaft aus unserem Bewusstsein vertreiben. Er lässt behaupten, dass Gläubige wie John Nelson Darby diese Entrückungslehre erfunden hätten. Das aber ist nicht wahr. Wie wir sahen, hat der Apostel Paulus bereits in seinem ersten oder zweiten Brief von diesem Kommen Jesu geschrieben (1. Thes 4).

Verse 7–9: Der Unterschied zwischen Klugheit und Torheit wird offenbar

Zunächst weise ich noch einmal darauf hin, dass es sich am Ende des Gleichnisses um dieselben Jungfrauen handelt, die ursprünglich ausgingen. Das Ausbleiben des Bräutigams soll nicht den Eindruck erwecken, es müsse sich um Jahrhunderte handeln. Dasselbe Phänomen haben wir auch bei dem einen Knecht (Mt 24.45ff.) und bei den Dienern des dritten Gleichnisses. Daher heißt es auch später in den Briefen des Neuen Testaments: „Wir, die Lebenden, die übrig bleiben“ (1. Thes 4,17). Paulus ging ursprünglich nicht davon aus, dass er die Entrückung nicht erleben würde.

In ähnlicher Weise benutzt der Geist Gottes in Offenbarung 2 und 3 auch damals real existierende Versammlungen, wenn Er die Kirchengeschichte vorstellt. Die Beschreibung ist bewusst so gewählt worden und auf den ersten Blick nicht als Beschreibung von Zuständen verschiedener Zeitepochen erkennbar. Der Abschluss der christlichen Zeit konnte und kann jederzeit sein. Im Nachhinein wissen wir, dass nun schon 2.000 Jahre vergangen sind. Gott hat das aber nicht ausdrücklich in seinem Wort niedergelegt. Denn Er will die Erwartung der Seinen zu jeder Zeit lebendig halten. Wenn Er noch nicht gekommen ist, dann aus Gnade. Aber wir wissen nicht, wie lange das Kommen des Herrn noch ausbleibt. Wir sollten Ihn täglich erwarten. Er kann heute noch kommen.

Wir sehen in diesen Versen, dass der Mitternachtsruf den wahren Zustand der törichten und klugen Jungfrauen offenbart. Die törichten werden durch diesen Ruf beunruhigt. Die klugen dagegen werden angespornt, sofort wieder hinauszugehen, um auf die Rückkehr des Bräutigams zu warten. Beide Gruppen unterscheiden sich somit nicht in der Erwartungshaltung des Kommens des Herrn. Die Andersartigkeit liegt im Besitz oder Fehlen des Öls. Die klugen Frauen besaßen den Heiligen Geist und die Salbung vom Heiligen (1. Joh 2,20), die törichten nicht. Alle bekannten Christus. Aber nur wenige besaßen Christus. Jetzt würde sich erweisen, wer den Heiligen Geist wirklich besitzt und wer nicht: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8,9).

Es reicht eben nicht aus, die Lampen zu schmücken. Das taten alle 10 Jungfrauen. Die Lampen mögen sehr attraktiv aussehen. Darum geht es Gott aber nicht. Entscheidend ist, ob die Lampen Licht produzieren (können). Und dafür brauchen sie Öl, geistlicherweise den Heiligen Geist. Diejenigen, in denen der Geist Gottes wohnt, werden von Ihm und der Liebe zu seiner Erscheinung angezogen. Denn es ist der Geist in ihnen, der rufen lässt: „Komm!“ (Off 22,17). Die anderen dagegen sind reine Bekenner und töricht. Sie mögen wissen, dass Christus kommt. Aber sie sind nicht darauf vorbereitet. Ihr Inneres bleibt kalt, wenn sie von dem Kommen Jesu hören. Sie kennen Ihn nämlich gar nicht in ihren Herzen.

Unter dem Schmücken müssen wir verstehen, dass sich die Christen bereitmachen, um geistlicherweise für die Begegnung mit dem Bräutigam gerüstet zu sein. Wir müssen allerdings bedenken, dass das Schmücken bei den beiden Gruppen nicht dasselbe bedeutet. Die wahren Christen wurden sich durch den Mitternachtsruf wieder ihrer eigentlichen himmlischen Berufung bewusst. Sie wünschten daher, ihre Stellung auch praktisch zu verwirklichen.

Die ungläubigen Christen dagegen entfalteten von da an zwar eine rege Tätigkeit auf politischem, kulturellem und vor allem auf sozialem Gebiet, teilweise sogar im religiösem Bereich. Beispiele dazu sind die Friedensbewegungen, das Engagement auf dem Gebiet von Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Initiativen für das soziale Netz der Menschen. Auch theologische Anstrengungen sind hier zu nennen. Aber die ungläubigen Christen verkennen, dass sie durch diese Bemühungen nicht passend werden für die Begegnung mit Christus.

Um für den Bräutigam passend zu sein ist es nötig, dass die Lampen brennen. Das heißt, diese müssen brennen, bevor der Bräutigam kommt. Sonst gibt es keinen Zutritt zur Hochzeit, keinen Eingang ins ewige Reich (vgl. 2. Pet 1,11). Dies ist aber ausschließlich eine Frage des Öls. Oder anders ausgedrückt: Was für eine Beziehung hat man zu Jesus Christus? Ist man weise geworden zur Errettung durch den Glauben (2. Tim 3,15)? Dann gehört man zu den klugen Jungfrauen und besitzt den Heiligen Geist.

So führt der Mitternachtsruf zu einer zweifachen Aktivität: Der Herr erweckt diejenigen, die Ihn kennen und die durch seine Gnade weise gemacht sind, den Bräutigam zu treffen. Die anderen, sind nicht weniger mächtig und aktiv. Aber sie gehen ihren eigenen Weg. Sie werden zwar durch den Ruf und seine Folgen beeinflusst, sind aber nicht in der Lage, sich über das Natürliche und Irdische zu erheben. Sie kennen die Gnade Gottes nicht. Sie mögen sehr ernsthaft sein. Aber sie wollen es nicht wahrhaben, dass sie weit von Gott entfernt sind. Tot in Sünden und Vergehungen ist ihr Zustand. Sie hoffen und denken, dass ihre Ernsthaftigkeit und ihre „guten Werke“ am Ende ausreichen und von Gott akzeptiert werden. Was für eine Täuschung!

Der Mangel an Öl – kein Leben aus Gott (V. 8)

Dem achten Vers können wir entnehmen, dass sich die törichten Jungfrauen ihres Mangels bewusst werden. Sie erkennen, dass sie kein Öl haben. Deshalb wenden sie sich an die klugen, um von diesen Öl zu erhalten. Bei dem Überdenken dieses Verses ist es wichtig zu verstehen, dass das Gleichnis nicht mehrere Gedankenlinien nebeneinander verfolgt. Das muss grundsätzlich bedacht werden, wenn man Gleichnisse richtig verstehen will.

Natürlich ist es grundsätzlich richtig, dass sich Ungläubige an wahre Christen wenden, um Errettung von ihren Sünden zu erfahren. Es ist richtig, Gläubige zu fragen, was man tun muss, um gerettet zu werden (vgl. Apg 16,30). Aber man kann nicht von ihnen das notwendige „Öl“ bekommen. Den Heiligen Geist und das neue Leben gibt allein Gott.

Auch können Menschen seit dem 19. Jahrhundert natürlich noch Öl kaufen und sich retten lassen. Das Warten des Herrn, bis Er wirklich kommt, ist ja gerade ein Beweis dafür, dass Er diese Gnade noch schenken möchte. Aber darum geht es dem Herrn in diesem Gleichnis eben nicht! Es ist auch nicht Thema dieser Verse, dass etwa nur hingebungsvolle und wachsame Gläubige dem Herrn, wenn Er kommt, entgegengehen werden. Dann würde wohl kaum einer in den Himmel kommen.

Nein, der in diesem Gleichnis wesentliche Punkt ist die Art und Weise, wie das Kommen des Herrn eine vollständig Trennung herbeiführen wird. Diese Scheidung findet statt zwischen solchen, die wirklich des Herrn sind, und solchen, die es nicht sind. Der wesentliche Punkt ist die Unterscheidung, die im Bereich des Bekenntnisses gemacht wird.

Alle Christen „tragen“ mehr oder wenige das Zeugnis der christlichen Wahrheit, auch wenn es bei manchen nur äußerlich sein mag. Die törichten Jungrauen hatten ebenso Lampen wie die klugen. Das Bekenntnis allein aber reicht nicht aus, um für die Person des Bräutigams zu leuchten. Denn sein Kommen zeigt auf tragische Weise, dass ein Bekenntnis als solches letztlich nicht besser ist als die schlimmste (moralische) Finsternis. Das, was dem Bekenntnis seinen wahren Wert gibt, ist das Leben, das es begleitet. Öl ist, wie wir gesehen haben, zunächst ein Bild des Heiligen Geistes. Aber das Leben und der Geist sind untrennbar miteinander verbunden. Nur zusammen bilden das Bekenntnis und das Leben ein wahres Zeugnis. Gott wünscht, dass wir Ihn auf der Erde bekennen. Aber es muss ein echtes Bekenntnis sein.

Es ist ein verhängnisvoller Gedanke und Torheit zu glauben, den Bräutigam am Tag der Hochzeit nur mit einem Anschein von Wirklichkeit begleiten zu können. Nur die Lampe zusammen mit Öl gibt die Berechtigung, Ihn geleiten zu dürfen. Daher ist es entscheidend, Öl zu besitzen. Denn die ganze Maschinerie von Religion und religiösen Bemühungen hat noch nie Öl produziert. Das ist ein Werk Gottes der Gnade, das auf die neue Geburt folgt. Man kann es nicht durch Anstrengungen kaufen, sondern nur nach einer echten Bekehrung als Geschenk Gottes erhalten.

Kann man ewiges Leben wieder verlieren?

In Verbindung mit dem achten Vers kann noch eine Frage aufkommen: Wie ist es möglich, dass die Lampen der Törichten „erlöschen“, wenn sie doch gar kein Öl hatten? Müssen sie dann nicht zuvor geleuchtet haben? Offensichtlich ist das so.

Eine Antwort könnte sein, dass ein Docht tatsächlich für einen kurzen Moment auch ohne Öl brennen kann. Dann wäre dieses Leuchten das aufflackernde Bekenntnis von Christen, das aber sehr schnell wieder erlischt, weil kein wahres Leben dahinter steht. Offensichtlich geht es dem Herrn aber nicht um die Frage, ob der Docht einmal geflackert hat.

Denn wir müssen bedenken, dass wir Gleichnisse nicht überfrachten dürfen. Gleichnisse haben die „Eigenart“, eine Linie zu verfolgen. Die Botschaft ist: Die törichten Jungfrauen nahmen kein Öl mit. So heißt es ausdrücklich. Es geht nicht um die Frage, ob sie möglicherweise in der Lage gewesen wären, für kurze Zeit ihre Lampen zu benutzen. Die Törichten hatten schlicht überhaupt kein Öl. Dem Herrn geht es, wie wir in Verbindung mit Vers 1 gesehen haben, um den Zustand der Christen bei seinem Kommen. Daher ist entscheidend, ob beim Kommen des Herrn Öl vorhanden war. Das war es bei den Törichten offensichtlich nicht. Das war ihr großes Manko.

Diese Verse zeigen also nicht, dass Gläubige doch wieder verloren gehen können. Nein, diese Lehre findet man nicht in Gottes Wort. Es geht um falsche Bekenner, die von Anfang an Ungläubige waren, auch wenn sie sich zu Christus bekennen.

Nur Gott kann Leben schenken

Die Törichten stellen fest, dass sie kein Öl besitzen. Daraufhin gehen sie auf die Klugen zu, um von diesen Öl zu erhalten. Die Klugen aber antworten: „Keineswegs, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst“ (Vers 9). Wie oben schon angedeutet, haben Gläubige bis zum Wiederkommen des Herr Jesus eine Botschaft an ungläubige Bekenner, können diesen aber kein Leben aus Gott vermitteln. Das kann nur Gott selbst. Die Seele des Menschen hat es mit Gott zu tun, nicht mit anderen Christen, mögen sie auch echte Bekenner sein. Die Klugen haben Öl, aber es ist ihnen unmöglich, den anderen etwas davon abzugeben. Menschen können anderen Menschen kein Heil in Christus schenken. Das steht in Übereinstimmung mit den Worten des Psalmisten in Psalm 49,8.9: „Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben (denn kostbar ist die Erlösung ihrer Seele, und er muss davon abstehen auf ewig).“

Daher muss man zu Gott und nicht zu Menschen kommen, um von Ihm Leben zu erhalten. Er gibt dieses sogar umsonst, wenn man sich vor Ihm beugt und Ihm die Sünden bekennt: „He, ihr Durstigen, alle, kommt zu den Wassern! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft ein und esst! Ja kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch!“ (Jes 55,1). Auf diese einzige Hilfsquelle weisen die Gläubigen also hin. Es sollte jedem klar sein, dass man das Heil in Christus nicht für Geld kaufen kann (vgl. Apg 8,20).

In manchen Kirchen und Sekten wird der Eindruck vermittelt, man könnte sich durch das Halten bestimmter Sakramente oder durch das Geben von Geld Rettung verschaffen. Das aber ist eine böse Irrlehre. Doch bis zum Ende gilt: „Wen dürstet, der komme; wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ (Off 22,17). Nicht von ungefähr finden wir diesen letzten Appell an Sünder auf der letzten Seite des Wortes Gottes! Wunderbare Gnade, dass das Heil noch bis zum Ende angeboten wird. Der Herr hätte sein Angebot auch zurückziehen können. Er hat es nicht getan!

Es war schon immer so: Zuerst warnt Gott (z. B. durch Noah, durch Mose und durch viele andere Propheten), bevor Er dann – manchmal erst nach vielen Jahren – das Gericht ausführt. Aber das Gericht kommt bestimmt!

Dieses Gleichnis zeigt nun, dass es ein „Zu spät“ geben wird. Wenn Christen in ihrem Eigenwillen verharren und nicht bereit sind, sich zu Gott zu bekehren, ist es irgendwann zu spät. Dieses „Zu spät“ kann eintreffen, indem das irdische Leben eines Menschen zu Ende geht. Wir alle kennen Beispiele, wo Menschen durch Krankheit oder Unfall mitten aus dem Leben gerissen werden. Die Zeit kann aber auch ablaufen, weil der Herr Jesus wiederkommt – dann ist es für Menschen, die sich nicht bekehrt haben, für immer zu spät. Sehr tragisch ist es, wenn die Gnadenzeit für einen Menschen schon während seines Lebens abgelaufen ist, weil er sich bewusst und dauerhaft gegen Gott und seinen Christus gestellt hat. Wir kennen das Beispiel des Pharao. Er hatte etliche Male sein Herz gegen Gott und sein Wort verhärtet. Eines Tages hat dann Gott sein Herz verhärtet.

Was die törichten Jungfrauen betrifft, lesen wir, dass sie hingehen, um Öl zu kaufen (Vers 10) – doch es ist bereits zu spät! Man hat den Eindruck, dass der Hinweis, der Bräutigam kommt, bei ihnen zu großer Aktivität führt – aber zur falschen. Sie bekehren sich nicht, sondern suchen auf eigene Weise, ihr Problem zu lösen.

Aus den Worten, dass sie versuchen, Öl zu kaufen, darf man nicht zum Fehlschluss kommen, sie wollten sich doch noch bekehren, aber kämen gewissermaßen ein paar Sekunden zu spät. Tatsächlich hätten sie sich ein Leben lang bekehren können. Aber sie haben nicht gewollt! Daher darf man nicht meinen, mit dem Kommen des Herrn würden Menschen auf einmal doch noch „wollen“. Nein, sie haben nie gewollt und werden sich auch dann nicht bekehren wollen. Stattdessen verfallen sie in religiöse Überlegungen – das ist ihre Überzeugung, wie man Öl kaufen kann. Aber es ist nicht Gottes Weg, den sie einschlagen. Der Apostel Paulus lehrt uns im Übrigen, dass Christen, die sich vor dem Kommen des Herrn nicht bekehrt haben, einen Geist des Irrwahns erhalten (2. Thes 2,11). Sie können nicht mehr, aber sie wollen auch nicht.

Es ist im Übrigen auffallend, dass der Herr in den Versen 10 und 11 die Beschreibung der Jungfrauen verändert. Das, was im Leben klug und töricht war in Bezug auf das Kommen des Bräutigams, wird in Verbindung mit seinem Kommen anders genannt. Jetzt ist die Frage, ob sie bereit sind oder nicht.

Diejenigen, die nicht bereit waren, weil sie kein Öl und damit keine Beziehung zum Bräutigam hatten, werden nur noch „die übrigen Jungfrauen“ genannt. Jetzt ist es zu spät, sich noch zuzubereiten. Sie sind jetzt solche, die unbekannt sind und bleiben, die „Übrigen“.

Dass der Herr hier nicht (mehr) von klugen Jungfrauen spricht, sondern von solchen, „die bereit waren“, lässt vielleicht den Gedanken offen, dass es doch noch solche geben mag, die ganz zum Schluss erfasst haben, dass sie sich bekehren und Jesus Christus als Retter annehmen müssen. So haben sie doch noch rechtzeitig bei Ihm das Öl „umsonst“ gekauft. Gott sei Dank! Er ist ein Retter-Gott, der nicht will, dass irgendjemand verloren geht, sondern dass alle zur Buße kommen (2. Pet 3,9). Dieser Weg der Gnade wird aber in diesen Versen höchstens angedeutet, denn wir lesen nichts davon, dass aus törichten Jungfrauen kluge werden. Das geht schon über die Auslegung dieses Gleichnisses hinaus. Der Herr spricht hier einfach von diesen zwei Gruppen und ihren Merkmalen.

Wir lernen hier vor allem: Im Sinne des Gleichnisses gibt es für reine Bekenner einen Zeitpunkt, zu dem für sie keine Möglichkeit mehr besteht, Öl oder ewiges Leben zu empfangen. Diese Verse behandeln die Bekehrung gar nicht. Von dem Versuch, Öl zu kaufen, ist nur deshalb die Rede, um zu zeigen, dass die rechte Zeit abgelaufen war.

Verse 10–12: Der Bräutigam kommt

In diesem Vers lesen wir, dass der Bräutigam kommt. Bevor wir uns damit beschäftigen, möchte ich den Ernst dieser Verse noch einmal unterstreichen: Wir haben gesehen, dass der Mitternachtsruf bereits erfolgt ist. Dadurch ist ein letzter Appell der Gnade Gottes an das Ohr der Christen gedrungen. Einen weiteren, allgemeinen Ruf, einen zweiten „Mitternachtsruf“, wird es nicht geben.

Es ist Tatsache, dass viele besonders kraftvolle Gaben des Anfangs heute nicht mehr vorhanden sind. Dadurch ist das wahre Christentum für die Augen der Mitmenschen nicht mehr so beeindruckend. Aber alles, was der Auferbauung der Versammlung dient und was im Wesen das Christentum ausmacht, ist bis heute vorhanden. So ist es eine Frage des Herzens, wer diesem Mitternachtsruf Folge leistet, nicht allein äußerlich, sondern vor allem innerlich. Denn auch wenn dieser Ruf nur einmal erfolgte, so kann man ihn in Gottes Wort und durch seine Diener bis heute noch nachlesen und hören. Aber wer nicht hören will, muss die Konsequenzen in Ewigkeit tragen.

Was für ein Augenblick wird uns nun in Vers 10 beschrieben! Während die törichten Jungfrauen weggehen, um Öl zu kaufen, kommt der Bräutigam. Dieses Kommen spricht nicht von Gericht. Es bringt den klugen Jungfrauen die Freude der Hochzeit. Es ist wahr, dass diese Freude mit einer furchtbaren Konsequenz verbunden ist für solche, die nicht an dieser Hochzeitsfreude teilhaben. Aber selbst ihnen gegenüber finden wir hier nicht den Vollzug des Gerichts, sondern nur einen Urteilsspruch. Und dieser folgt erst, als die Törichten zur Tür des Hochzeitssaals kommen. Dieser zunächst freudige Charakter wird dadurch unterstrichen, dass nicht der Herr kommt, sondern der Bräutigam.

Der Bräutigam kommt! Was für ein Akt göttlicher Barmherzigkeit. Auch die Christen, die heute meinen, sie müssten durch die Drangsalszeit gehen, werden als Kluge zu diesem Hochzeitsfest eingehen. Denn Gott behandelt uns dann nicht nach dem, was wir in unserem schwachen und oft eigenwilligen Kleinglauben meinen. Er handelt nach seiner unfassbar großen Barmherzigkeit. Alle erlösten Christen gehen mit Christus ins 1.000-jährige Friedensreich ein. Was für eine Freude für diejenigen, die an der Hochzeitsfreude des Bräutigams Anteil nehmen dürfen! Wir werden mit Ihm leben (1. Thes 5,10). Es wird dann kein „Hinausgehen“ mehr geben (Off 3,12). Wir sind für immer bei Christus.

Die Hochzeit selbst wird allerdings nicht weiter beschrieben. Denn darum geht es in diesem Gleichnis nicht. Stattdessen geht es besonders um unsere Verantwortung als Christen. Die Hochzeit ist der Ausdruck von Freude. Diese wird erwähnt, steht aber nicht im Mittelpunkt. Als erlöste Christen bilden wir die Braut Christi. Soweit aber geht dieses Gleichnis nicht. Es zeigt, dass die klugen Jungfrauen zur Hochzeit eingehen, und stellt dann das Urteil des Bräutigams über die törichten Jungfrauen vor.

Die geschlossene Tür – draußen!

Alle törichten Jungfrauen standen vor der verschlossenen Tür. Das heißt für uns heute: Jeder, der Jesus Christus nur als Christ im Namen trägt, sich aber nicht bekehrt hat, muss draußen bleiben. Das bedeutet in letzter Konsequenz Gericht. Und es ist endgültig. Denn es gibt keine zweite Chance, durch die Hochzeitstür einzugehen. In Offenbarung 4,1 wird für die Gläubigen die Tür zum Himmel sozusagen geöffnet. Hier jedoch wird die Tür zum Hochzeitssaal des Bräutigams geschlossen. Was für ein ernster Augenblick! Er erinnert uns daran, dass schon einmal eine Tür verschlossen wurde, und zwar durch Gott selbst. Nachdem Noah mit seiner Familie in die Arche gegangen war, schloss Gott die Tür zu. Keiner konnte mehr in die Arche hineingehen (vgl. 1. Mo 7,16). Für die Zeitgenossen Noahs wurde Gott zum Richter, für die ungläubigen Christen wird der Herr Jesus, der Sohn des Menschen, zum Richter. Er ist der Bräutigam für die Erlösten, aber der Richter für solche, die nur Bekenner waren.

In diesem Gleichnis wird weder das Gericht der Ungläubigen noch die Glückseligkeit der Erlösten beschrieben. Die Frage ist hier: Wer geht mit Ihm, wer ist bei Ihm? Im ersten Gleichnis ging es um die Rückkehr des Herrn auf die Erde und um eine persönliche Belohnung bzw. individuelles Gericht. Das ist dort die Folge des Verhaltens im Königreich während der Abwesenheit des Königs. In unserem Gleichnis sehen wir, dass diejenigen, die kein Öl haben, nicht zur Hochzeit eingehen dürfen. Die Klugen dagegen erhalten eine gemeinsame Segnung durch Christus. Sie gehen mit dem Bräutigam zur Hochzeit ein. Das Kommen des Bräutigams bildet die Erwartung ihres Herzens, und wenn Er kommt, gehen sie mit Ihm in die Glückseligkeit.

Der elfte Vers zeigt uns, dass auch die übrigen fünf Jungfrauen, die törichten, zum Hochzeitssaal kommen. Sie sind die einzigen, die den Bräutigam in diesem Gleichnis als Herrn ansprechen. Das tun sie sogar in gesteigerter Weise, zweimal: „Herr, Herr, tu uns auf!“ Sie geben vor, mit Christus eine Beziehung zu besitzen. Aber es reicht eben nicht aus, das zu sagen. Es muss auch stimmen. Doch ihr Bekenntnis ist nicht wahr. So müssen sie das erleben, was der Herr Jesus schon in der Bergpredigt von Menschen sagen musste, die Ihn ebenfalls zweimal mit Herr ansprechen. Es sind Christen, die sogar in seinem Namen Dämonen ausgetrieben haben. Dort wie auch hier ist seine Antwort: „Ich habe euch niemals gekannt“ (vgl. Mt 7,21–23).

Es ist nicht nur so, dass Er diese Törichten in diesem Augenblick nicht kennen würde. Er hat sie noch nie gekannt. Von wahren Gläubigen lesen wir: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19). In Matthäus 25 und in Matthäus 7 geht es jedoch um Menschen, die vorgeben, Ihn zu kennen und von Ihm gekannt zu sein. Sie haben allerdings versäumt, diese Beziehung in der Realität einzugehen. Zu ihnen kann der Herr nicht sagen: „Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen“ (Joh 10,14). Er hat nie eine Beziehung mit ihnen gehabt – und sie nie mit Ihm.

Dass die Tür geschlossen wird, besiegelt ihre Zurückweisung. Die Törichten sind nicht ein Bild von Rückfälligen, die den Herrn einst kannten und auch von Ihm gekannt waren. Es sind keine Menschen, die sich einmal bekehrt haben und dann irgendwann vom Glauben abgefallen wären. Das finden wir im Blick auf Personen an keiner Stelle in Gottes Wort. Auch Hebräer 6 und 11 sprechen nicht von Kindern Gottes, die abgefallen sind. Dort sind es – wie in Matthäus 25 – Namenschristen, die sich irgendwann wieder von dem christlichen Zeugnis abwenden. Nein, Christus kannte sie nie und auch jetzt nicht.

Es geht also nicht darum, dass beim Kommen des Herrn wahre Christen auf der Erde zurückgelassen werden, weil sie nicht treu genug waren. Alle, die des Christus sind bei seinem Kommen (1. Kor 15,23), nicht einige, die besonders treu waren, werden auferstehen. Sie alle werden das Königreich erben, wenn der Herr Jesus regieren wird. Alle Gläubigen werden in seiner Gegenwart sein. Viele Stellen machen diesen Punkt sehr klar (vgl. z.B. Joh 17,24; Röm 5,17; 1. Kor 15,23; 1. Thes 4,17; Off 22,5).

Der Bräutigam weigert sich, die Törichten anzuerkennen. Was haben sie auch bei Ihm zu suchen? Der Dienst der Jungfrauen bestand darin, für das Fest mit ihren Lampen zu leuchten. Sie haben das aber nicht getan. Was für ein Anrecht haben sie also auf das Fest? Das, was ihnen dort einen Platz verschafft hätte, haben sie unterlassen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass dieses Gleichnis eine Bildersprache darstellt. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass alles buchstäblich so passieren wird. Das Erschrecken und die Ernüchterung dieser ungläubigen Christen allerdings müssen furchtbar sein.

Vers 13: Aufforderung zum Wachen

Der Schlussvers dieses Abschnitts fasst die Botschaft des Gleichnisses noch einmal zusammen und wendet das Gleichnis auf uns an: „Wacht also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Wir wissen nicht, wann der Herr Jesus wiederkommen wird. Eines wissen wir allerdings: Er kommt wieder! Daher sollen wir ein Leben führen, bei dem wir sein Kommen täglich erwarten. So lässt der Herr seine prophetische Belehrung immer wieder auf unsere Lebenshaltung und -führung einwirken. Er gibt uns kein Licht über die kommenden Ereignisse, damit unsere Neugierde befriedigt wird. Er möchte durch diese Weissagungen unser Leben prägen.

Wie verhängnisvoll ist es, mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit zu spielen. Wir wissen nicht, wie lange die Frist ist, die noch zur Verfügung steht. Die Zeit der Gnade geht ihrem Ende entgegen, objektiv und subjektiv. Das heißt, wir wissen, dass wir (objektiv) am Ende der Gnadenzeit leben. Aber auch unser Leben wird – früher oder später – (subjektiv) zu Ende sein. Der Ruf, „siehe der Bräutigam“, ist schon 180 Jahre alt. Sein Kommen steht nahe bevor.

Es fällt auf, dass der Herr hier nicht ermahnt: „Besorgt euch rechtzeitig Öl!“ Das hätten wir eigentlich als Schlussfolgerung erwartet. Aber der Herr ruft zum Wachen auf, nicht zur Bekehrung. Für die Ungläubigen beinhaltet der Appell des Wachens zweifellos den Aufruf zur Bekehrung. Aber durch die Ermahnung des Herrn, zu wachen, können wir uns als erlöste Christen nicht zurücklehnen und sagen: „Wir haben ja Öl, also betrifft uns die Botschaft dieses Gleichnisses nicht.“ Nein, der Herr erreicht mit diesen Versen Gläubige und Ungläubige. Jeder muss sich fragen: Ist mein Leben auf Christus und sein Kommen ausgerichtet. Für den Ungläubigen bedeutet das: Bekehre dich! Für den Gläubigen heißt das: Ist der Herr Jesus das Zentrum deiner Gedanken und Zuneigungen?

Schlussgedanken

Der Herr Jesus wird hier übrigens nicht Sohn des Menschen genannt, wie Er als Richter, der auf die Erde kommt, immer wieder bezeichnet wird. In Kapitel 24,44 kommt Er so für die Juden. Aber hier geht es um sein Kommen für Christen. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass wir keine Beschreibung des Gerichts finden, das über die törichten Jungfrauen kommen wird. Es wird kommen, aber der Herr nennt es hier nicht. Die Ausführung des Gerichts hat nichts mit dem Bräutigam zu tun, auch wenn der Richter niemand anderes ist als dieser Bräutigam, Jesus Christus. Dennoch kann der Geist Gottes auch in diesem Gleichnis nicht verschweigen, dass die Tür zugeschlossen wird.

Der im Textus Receptus zu findende Passus, nach der sich die Schlachter-Übersetzung (Edition 2000; ebenfalls die King James Version im Englischen) an dieser Stelle richtet, ist nicht ursprünglich. Diese Schlussworte: „Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde, in welcher der Sohn des Menschen kommen wird“, sind sicher mit guter Absicht von Abschreibern des Originaltextes eingefügt worden. Vermutlich haben sie diese vermisst, weil das Kommen des Herrn immer wieder mit seinem Titel als Sohn des Menschen verbunden wird (24,44; 25,31). Die Betrachtung des Gleichnisses der zehn Jungrauen hat jedoch deutlich gemacht, dass es hier nicht um den Sohn des Menschen geht. Beispielsweise wird in unserem Gleichnis das Gericht nicht erwähnt. Daher hat der Herr Jesus diesen Satzteil nicht in diesem Gleichnis aufgenommen. Abgesehen davon hat die Aussage Christi ohne diesen Zusatz eine noch stärkere Wirkung. – Wie erkennen wir daraus, dass jede menschliche Hinzufügung den Sinn, den der Geist Gottes geben möchte, zerstört.

Was das Gleichnis nicht lehrt

Bevor wir zum nächsten Gleichnis übergehen, muss ich abschließend noch auf irreführende Auslegungen zu diesem Gleichnis eingehen, die unter Christen kursieren. Dadurch haben sich manche aufrichtige Christen verwirren lassen und sind in innere Nöte gekommen.

Manche haben das „dann“ in Vers 1 auf die Zeit des jüdischen Überrestes bezogen. Daraus zogen sie die Schlussfolgerung, dass auch die wahren Christen durch die jüdische Drangsalszeit hindurchgehen müssten, die in Matthäus 24,15–44 thematisiert wird. Das wäre tatsächlich denkbar gewesen, wenn dieses „dann“ in Vers 45 gestanden hätte. Da aber das Gleichnis der Jungfrauen auf das Gleichnis des treuen und bösen Knechtes folgt, ist diese Überlegung verkehrt. Es wird deutlich, dass sich dieses „dann“ auf die Zeit beziehen muss, von der im ersten Gleichnis die Rede ist. Mit anderen Worten: Auch das Gleichnis der Jungfrauen lehrt nicht, was an keiner Stelle der Schrift zu finden ist, dass die Versammlung durch die Drangsalszeit gehen müsse. Ich komme auf diesen Punkt am Ende von Kapitel 25 noch einmal zurück.

Man kann die fünf weisen Jungfrauen auch nicht auf den jüdischen Überrest künftiger Tage beziehen, die fünf törichten im Unterschied dazu auf das ungläubige Israel. Die Begründung für diese Unmöglichkeit liegt im Einschlafen aller 10 Jungfrauen, wie wir Vers 5 entnehmen können. In den sieben Drangsalsjahren kann von einem Einschlafen der gläubigen Juden keine Rede sein. Denn diese werden das Evangelium des Königreichs in dieser kurzen Zeit auf der ganzen Erde verkündigen (vgl. Mt 24,14). Zum Einschlafen haben sie keine Zeit! Und würden sie einschlafen, wäre es für sie unmöglich, das Evangelium in dieser kurzen Zeit in der ganzen Welt zu verkündigen. Die fünf klugen Jungfrauen werden auch nicht gerufen, um aus ihren Umständen oder aus ihrer Umgebung herauszugehen. Es ist umgekehrt: Christus wird zu ihnen kommen.

Wir können übrigens leicht erkennen, dass es sich bei diesem Gleichnis nicht um Juden handeln kann. Eine wichtige Rolle in diesem Gleichnis spielt das Öl in den Gefäßen, das im Wort Gottes immer wieder mit dem Heiligen Geist verbunden wird. Aber der Geist Gottes wohnte nicht in den Juden (und wird es auch in der Zukunft nicht tun), während wir im Neuen Testament immer wieder lesen, dass Gottes Geist in uns wohnt (vgl. 1. Kor 6,19). Dass Er nicht in Juden wohnt, ist im Gegensatz zur heutigen Zeit kein Zeichen von Torheit, sondern galt für gläubige Juden genauso wie für ungläubige. Denn diese Segnung ist den Erlösten der heutigen Zeit vorbehalten.

Im Blick auf den gläubigen Überrest aus den Juden finden wir keinen einzigen Hinweis, dass der Geist Gottes in ihnen wohnt. Für sie gilt, dass der Geist Gottes über das Volk insgesamt ausgegossen werden wird (vgl. Joel 3,1). Die Juden werden im Übrigen in der künftigen Drangsalszeit auch nicht der Versuchung des Schlafes ausgesetzt sein (Mt 25,5). Im Gegenteil, wir lesen in Kapitel 24, dass sie in Windeseile innerhalb der sieben Drangsalsjahre das Evangelium des Reiches allen Nationen verkündigen werden.

Genauso verkehrt ist es, die fünf weisen Jungrauen als Symbol für mit dem Geist Gottes erfüllte Gläubige zu sehen. Manche meinen, sie erreichten einen höheren Stand an Heiligkeit, da sie sich dem Geist ganz übergeben und sich von der Welt in einem spirituellen Sinn getrennt haben. Nach dieser Auslegung sind die törichten Jungrauen zwar Gläubige, aber solche, die nicht das „höhere Leben“ besitzen. Jeder Bibelleser merkt sofort, dass diese Bezeichnung ein unschriftgemäßer Ausdruck ist. Als Begründung für diese Interpretation wird Psalm 45 zitiert, die Braut und die Jungfrauen (Verse 10 und 15). Aber in diesem Psalm geht es um Israel und die Nationen, nicht um geistliche und ungeistliche Gläubige. Von Christen ist im Alten Testament ohnehin keine Rede, und von einem höheren Leben ebenfalls nichts.

Mit einer solchen Auslegung würde das Werk der Gnade Gottes im Menschen geschmälert und zerstört. Dieses ist allein von Gott abhängig und in keiner Weise von uns. Man versucht mit dieser Auslegung, eine vollkommen unnatürliche Unterscheidung in Psalm 45 zu erzeugen. Die erste Gruppe der klugen Jungfrauen gehörte dann zu den Erstlingen der Gnade. Die törichten Jungfrauen dagegen wären dann „nur“ Gläubige, die zwar gerechtfertigt worden seien, aber eben nicht mehr als das. Sie müssten daher durch die Drangsal hindurchgehen. Diese Auslegung kann nicht stimmen, denn der Herr sagt zu dieser zweiten Gruppe, die angeblich aus schwachen Gläubige besteht: Ich kenne euch nicht. Das ist vollkommen abwegig im Blick auf Erlöste.

Wir wollen uns nicht weiter mit diesen falschen Überlegungen beschäftigen. Weil sie aber so weit verbreitet sind, erscheint es nötig, kurz darauf einzugehen. Nein, in diesem Gleichnis geht es um christliche Bekenner. Sie umfassen wahre, das heißt von neuem geborene Christen genauso wie falsche. Diese nennen sich zwar Christen, in Wirklichkeit aber sind sie nie vor dem Herrn Jesus Christus niedergefallen.

Die entscheidende Frage, die der Herr in diesem Gleichnis stellt, ist: Wer ist bereit für die Ankunft des Bräutigams? Dieser Herausforderung wollen wir uns heute immer noch stellen.

Verse 14–30: Das Gleichnis von den Talenten

Jetzt kommen wir zum dritten und letzten Gleichnis, das die christliche Zeitepoche betrifft. Im Gleichnis der zehn Jungfrauen standen besonders die Seelenzustände der Einzelnen im Blickfeld: Ist das Bekenntnis echt oder unecht? Nun geht es wie im ersten Gleichnis um Dienst. Dazu geht der Herr von dem Punkt der Wachsamkeit aus, der das vorige Gleichnis beendete. Sein Kommen wird alle seine Knechte einer Erprobung unterziehen. Er wird sie fragen, was sie in der Zeit seiner Abwesenheit gemacht haben. Die unnützen Knechte sind letzten Endes ungläubige Menschen. Sie werden hinausgeworfen werden.

Bei allen drei Gleichnissen über die christliche Zeit wird Christus als abwesend gezeigt. Im ersten Gleichnis ist Er Herr, im zweiten Bräutigam, jetzt „ein Mensch“. Dieser wird von den Knechten aber als Herr anerkannt. Im ersten Gleichnis geht es um Dienst nach innen und im zweiten um die Erwartung des Bräutigams. Im dritten Gleichnis spricht Christus vom Dienst, der nach außen gerichtet ist.

Auch wenn es manche Ähnlichkeiten zum ersten Gleichnis gibt, unterscheiden sich sowohl die zentrale Botschaft als auch die Zielrichtung der beiden Bilder deutlich voneinander. Der Herr behandelt jetzt nicht wie am Ende von Kapitel 24 das moralische Verhalten des Knechtes. Es geht auch nicht um die Wahrhaftigkeit des Bekenntnisses wie beim zweiten Gleichnis. In das Blickfeld kommen Einsicht, Aktivität und der gute Wille eines Knechtes. Als Quelle seiner Tätigkeit besitzt er von seinem Herrn nichts weiter als das Zeichen von Vertrauen seines Meisters. Dieses findet seinen Niederschlag darin, dass ihm Dieser seine Güter überträgt. Die zentrale Frage lautet also: Wie gehen die Christen als Diener des Herrn mit den ihnen anvertrauten geistlichen Fähigkeiten und Gütern um.

Dass alle erlösten Christen Diener des Herrn sind, geht aus mehreren Stellen des Neuen Testaments hervor. In Epheser 4,7 heißt es: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“ Und in 1. Petrus 4,10 sagt der Apostel: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“ Es heißt dort nicht: Je nachdem, ob jemand eine Gnadengabe empfangen hat. Nein, jeder hat eine durch die Gnade Gottes übertragen bekommen. Und je nachdem welcher Art sie ist, soll er entsprechend damit handeln. Das ist Gottes Auftrag an uns.

Die Unterscheidung von Lukas 19 und Matthäus 25

Einem aufmerksamen Bibelleser wird es nicht entgehen, dass Lukas in Kapitel 19,11–27 ein sehr ähnliches Gleichnis Jesu wiedergibt. Aber es unterscheidet sich doch gravierend von dem in Matthäus 25. Daher kann man nicht davon ausgehen, dass es sich prinzipiell um dasselbe Gleichnis handelt. Das wird durch ein paar erklärende Hinweise deutlich:

  • Während Matthäus von Talenten spricht, nennt Lukas die anvertrauten Güter Pfunde.
  • Das Gleichnis in Lukas spricht der Herr vor seinem letzten Besuch in Jerusalem (Lk 19,28). Die Allegorie in Matthäus 25 dagegen scheint erst am Ende dieses letzten Besuchs in Jerusalem, vom Herrn weitergegeben worden zu sein. Vermutlich war das am Dienstag vor seiner Kreuzigung, die am Freitag stattfand. Es muss also vermutlich mindestens eine Woche oder noch mehr Zeit zwischen dem Erzählen dieser beiden Gleichnisse vergangen sein. Wir können das nicht sicher behaupten, weil Matthäus manchmal Begebenheiten und Redeteile aus verschiedener Zeit zusammenfasst. Ein Beispiel dafür ist die Bergpredigt.
  • In Lukas 19 geht es besonders um die Verantwortung und Treue des Einzelnen. In Matthäus 25 dagegen stehen in erster Linie die Souveränität und die Weisheit des Herrn im Mittelpunkt.
  • In Lukas 19 sind die übergebenen Pfunde für jeden Diener gleich, jedoch unterscheiden sich die Belohnungen voneinander. In Matthäus 25 ist es umgekehrt: Die Anzahl der anvertrauten Talente ist unterschiedlich, wogegen die Belohnungen für die treuen Knechte übereinstimmen.

In beiden Gleichnissen ist der Herr abwesend. Nicht nur in Lukas 19, sondern auch in Matthäus 25 geht es letztlich um die Verantwortung des Menschen, wie die anvertrauten Gaben genutzt werden. Nur wer mit diesen Gaben gearbeitet hat, empfängt Lohn. Er ist im Besitz von Gaben, die ihm der abwesende Herr verliehen hat. In Matthäus 25 betont der Herr aber besonders das souveräne Geben der Gaben durch den Herrn.

Verse 14.15: Ein Mensch übergibt seinen Knechten seine Habe

„Denn so wie ein Mensch, der außer Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, jedem nach seiner eigenen Fähigkeit; und sogleich reiste er außer Landes“ (Verse 14.15).

Der erste Satz unseres Gleichnisses ist unvollständig. Es fehlt die Fortsetzung von „denn so wie ...“. Die richtige Ergänzung lautet: „Denn es ist so, wie ...“ Durch diese Auslassung wird dieses Gleichnis zu einer Fortsetzung des zweiten. Es handelt sich also nicht um einen Fehler, sondern um eine bewusste Form, die der Herr wählt, um die Zusammengehörigkeit der Gleichnisse zu unterstreichen. Dieses dritte Gleichnis behandelt damit erneut das Thema des Königreichs der Himmel, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird.

Der Mensch, von dem der Herr Jesus seinen Jüngern erzählt, ist niemand anderes als Er selbst. Im ersten christlichen Gleichnis wird Er als Herr über Gesinde, also Sklaven gezeigt. Im zweiten steht Er als Bräutigam vor uns. Hier ist Er ein Mensch, der offensichtlich über viel Vermögen verfügt. Im ersten Gleichnis geht es um Gehorsam. Im zweiten darum, dass die Zuneigungen zu Christus aus uns treue Zeugen machen. Im letzten Gleichnis wiederum überträgt dieser reiche Kaufmann seinen Verwaltern und Bevollmächtigten etwas von seinen Schätzen. Sie werden auch hier Knechte genannt, besitzen aber offensichtlich eine gewisse Freiheit in der Art und Weise, in der sie ihre Aufgaben erledigen. Alle drei Bezeichnungen treffen auf den Herrn Jesus zu. Er ist unser Herr, dem wir gehorsam schuldig sind. Er ist auch der Bräutigam, der auf seine Hochzeit wartet und sich mit denen verbindet, die für Ihn auf der Erde zeugen. Er ist auch der Kaufmann und Reiche, der den Seinen von seinem Reichtum etwas gibt, damit sie diesen in seinem Sinn verwenden.

An dieser Stelle erläutert Jesus nicht, warum Er „außer Landes reiste“, das heißt in den Himmel zurückging. Aus den vorherigen und späteren Kapiteln wissen wir, dass der Grund dafür die Verwerfung vonseiten seines eigenen Volkes war. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Die Juden haben ihren Messias nicht nur nicht angenommen, sondern vertrieben und sogar ermordet.

Der Herr nahm diese Verwerfung an und reiste gewissermaßen außer Landes. Damit einher geht die Bestätigung, dass seine Verwerfung zugleich die Beiseitestellung des Volkes Israel als Volk Gottes war. Das allerdings wird hier nicht weiter erörtert. Klar ist jedenfalls: Der Herr hat diese Welt nur für eine Zeitlang verlassen. Es handelt sich um eine Reise, nicht um ein Wegziehen für immer. An dieser Stelle muss der Herr nicht betonen, dass Er wiederkommen wird. Das wird aus dem weiteren Verlauf des Gleichnisses deutlich. Wie wir gesehen haben, sprechen alle drei „christlichen“ Allegorien von seinem Wiederkommen.

Die Zeit der Abwesenheit

Für die Zeit seiner Abwesenheit hat der Herr seinen Knechten seine Habe anvertraut. Sein Volk – das sind nach der Verwerfung durch die Juden die Christen. Seine Interessen sind sozusagen in unsere Hände gelegt worden. Hierbei geht es nicht um besondere Gläubige, die etwas Besonderes im Unterschied zu anderen empfangen haben. Der Herr spricht von allen Christen. Denn sie sind alle Knechte dieses Herrn. Jeder hat einen Teil der Habe des Meisters empfangen. Wie bereits erwähnt, schreibt Petrus: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1. Pet 4,10). Jeder hat etwas erhalten, jeder ist gemeint!

Seine Habe besteht, wenn wir es einmal ganz allgemein ansehen wollen, aus Segnungen. Diese entspringen seinem Kommen auf diese Erde und seinem Werk am Kreuz. Die Habe symbolisiert also nicht eine Gabe der Vorsehung und schon gar nicht irdische Besitztümer. Es sind Gaben zum Dienst, um für Ihn während seiner Abwesenheit zu arbeiten. Der Arbeiter wird bei dieser Arbeit durch die Kenntnis geleitet, die er von seinem Herrn hat. Wir lesen nichts von einem Auftrag oder einem Vertrag, auf den er sich berufen könnte. Alles, was ihn motiviert, ist seine Kenntnis von seinem Herrn und sein Vertrauen zu seinem Meister. Die Antwort des Knechtes auf die Übertragung der Habe des Meisters sollte sein: „Ich arbeite mit dem, was der Meister mir anvertraut hat.“ Sonst würde er nämlich den Charakter seines Herrn missverstehen, wie wir es beim dritten Knecht sehen. Dem treuen Knecht ist klar, dass ihm die Talente nicht ohne Grund gegeben werden. Sonst hätte der Herr sie auch für sich behalten können. Er versteht gut, dass sie in seine Hände gegeben worden sind, damit er damit für den Herrn während seiner Abwesenheit handelt. Denn Knechte sind zurückgelassen, um dem Herrn zu dienen (vgl. 1. Thes 1,9).

In erstaunlicher Weise vertraut der Herr allen etwas für seine eigene Herrlichkeit an. Er hat offensichtlich Vertrauen zu ihnen, und ihre Herzen wiederum vertrauen Ihm bezüglich des Ergebnisses ihrer Arbeit. Sie haben keine Sorge, dass Er sie unbelohnt lassen wird. Bei seiner Rückkehrt werden ihre Herzen dann mit Ihm in Freude vereint.

Wir haben hier also eine weitere Seite des Verhaltens und der Verantwortlichkeit derer, die den Herrn erwarten. Im 24. Kapitel war es der Dienst und die Aufgabe des Knechtes, diejenigen zu nähren, die mit ihm im Haus wohnen. Bei den Jungfrauen ging es darum, das Licht des göttlichen Lebens im Blick auf die Wiederkunft Christi leuchten zu lassen. In unserem Gleichnis sind es die Güter, die uns der Herr in seiner Gnade gegeben hat, um sie für Ihn in dieser Welt nutzbringend anzuwenden. Während im ersten Gleichnis deutlich der Fokus auf dem Hausgesinde liegt (24,45), gibt es in unserem Gleichnis überhaupt keine Einschränkung.

In Vers 16 ist vom Handeln die Rede. Das lässt darauf schließen, dass es besonders um den äußeren Bereich des Evangeliums geht. Das heißt nicht, dass der innere Bereich der Gläubigen ausgeschlossen wird. Aber der Herr spricht doch besonders von dem Dienst, den wir Christen inmitten dieser Welt ausführen sollen. Ein Diener ist etwas anderes als ein Zeuge. Die 10 Jungfrauen waren Zeugen des Bräutigams bei seinem Kommen. Aber unser Dienst besteht darin, das zu verwalten, was Er uns anvertraut hat, um es für Ihn während seiner Abwesenheit für andere nützlich zu machen. Die Frage für uns lautet: Was machen wir bis zum Wiederkommen des Herrn mit den uns übertragenen Fähigkeiten?

Souveränität des Herrn im Geben

Der Herr ist unumschränkt und vollkommen weise. Er gab jedem eine unterschiedliche Anzahl von Talenten – fünf, zwei, eins –, aber der jeweiligen Fähigkeit des Dieners angepasst. Das zeigt deutlich, dass der Herr seine Knechte gut kannte. Jeder war geeignet für den Dienst, in den er gestellt wurde. Aber auch die zur Erfüllung dieser Aufgaben nötigen Gaben wurden jedem Einzelnen gegeben. Der Herr gab seinen Knechten, wie wir gesehen haben, kein einziges Gesetz und keinen einzigen speziellen Auftrag. Sie erhielten auch keine gesonderte Anweisung über die Art und Weise, wie sie handeln sollten.

Damit sind wir bei der Übertragung dieses Bildes auf den geistlichen Bereich. Der Herr ist unumschränkt, wem Er welche geistliche Gabe geben möchte. Diese hat eine direkte Beziehung zu persönlichen Fähigkeiten, unterscheidet sich aber von diesen. Der Herr Jesus muss sich nicht nach uns richten. Er ist souverän, wann und wie Er jeden Einzelnen von uns benutzen möchte. Wir können sicher sein, dass Er niemanden geistlich überfordert. Aber Er unterfordert auch niemanden. Denn Er möchte an uns Nutzen haben. Sein Vertrauen zu uns fehlerhaften Menschen ist erstaunlich groß. Auch als Gläubige straucheln wir oft. Dennoch hat uns der Herr etwas von seiner gewaltigen Habe übergeben. Es ist ein Vorrecht für uns, damit zu handeln.

Ein Wort zu den anvertrauten „Beträgen“. Manche haben versucht, den heutigen Geldwert von fünf Talenten zu errechnen. Das ist aber nicht ohne weiteres möglich, denn ein Talent ist zunächst einmal eine Gewichtseinheit und entspricht rund 34 Kilogramm. Schon in Kapitel 18,24 sahen wir, dass der Begriff auch für einen Geldbetrag verwendet wurde. Aber wir können nicht genau sagen, wie hoch dieser Betrag war, weil es darauf ankommt, ob es z. B. um ein Talent Gold oder um ein Talent Silber geht. Jedenfalls dürften fünf Talente ein durchaus erheblicher Betrag gewesen sein. So können wir erahnen, wie hoch das Vertrauen des Herrn ist, aber auch, wie „reich“ Er ist. Denn diese fünf Talente machen nur einen kleinen Teil seines Vermögens aus. Ob wir verantwortungsbewusst und treu mit den Gaben umgehen, die der Herr uns anvertraut?

Wir haben kein Gesetz, wie wann zu handeln ist. Aber der Herr vertraut uns, dass wir sein Wort kennen und lesen und entsprechend unsere Aufgaben ausführen. Es geht darum, dass wir Ihn in unserem Dienst verherrlichen und nicht uns selbst suchen. Er wünscht, dass wir für Ihn tätig sind, während Er abwesend ist. Das ist die Herausforderung für jeden Christen an jedem neuen Tag.

Fähigkeiten – Talente

An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, dass wir gut verstehen, was der Herr mit Fähigkeiten und mit Talenten verbindet. Die Talente wurden vergeben in Übereinstimmung mit den Fähigkeiten des Dieners. Der Herr stimmte beides aufeinander ab. Aber Er unterscheidet beides.

Fähigkeiten beziehen sich zunächst auf den natürlichen Bereich, zum Beispiel auf unsere natürlichen Kräfte. Wenn diese nicht sehr groß sind, würden fünf oder zwei Talente an geistlichen Gaben eine große Last für uns sein. Bei den Fähigkeiten geht es um natürliche Eigenschaften wie, der Besitz eines guten Gedächtnisses, logisches Denkvermögen und Konzentrationsfähigkeit, körperliche oder seelische Widerstandsfähigkeit, körperliche Begabungen, Sach- und Sprachkenntnisse oder die Fähigkeit, verständliche Texte abzufassen. Es geht also um Dinge, die wir entweder von Geburt an besitzen oder die wir uns durch Training oder Schulung erworben haben. Diese Fähigkeiten sind übrigens ebenso wie die Talente Gaben Gottes. Wer außer Gott kann Gutes geben? Aber während sie Gaben des Schöpfers sind, gehören die Talente zu den Gaben des verherrlichten Menschen Christus Jesus (vgl. Eph 4,10.11).

Man kann vielleicht sagen, dass die Fähigkeiten den Rahmen oder das Gefäß für die Talente bilden. Dem Herrn gefällt es in seiner Weisheit, in dieses äußere, natürliche Gefäß von Fähigkeiten eine geistliche Gabe hineinzulegen. Genau das ist das Talent. Das Gefäß dazu hat Er längst vor der Bekehrung dessen zubereitet, den Er später zu einem geistlichen Dienst gebrauchen will.

Bestes Beispiel dafür ist Paulus. Der Schöpfer hatte ihn als hochbegabten Menschen zur Welt kommen lassen, der dann auch noch die beste Ausbildung bekam, die man sich vorstellen kann. Er war ein Pharisäer (Phil 3,5) und saß zu den Füßen Gamaliels (Apg 22,3), eines herausragenden jüdischen Lehrers der damaligen Zeit (vgl. Apg 5,34). Aber diese Ausbildung allein befähigte Paulus noch nicht zu einem geistlichen Dienst. Erst das Geschenk geistlicher Gaben nach seiner Bekehrung befähigte ihn dazu. Die menschliche Begabung wurde durch die höher stehende geistliche Gabe zur Ehre des Herrn und zum Nutzen der Gläubigen und Ungläubigen einsetzbar.

Talente sind also keine menschlichen Fähigkeiten, sondern geistliche Segnungen und Gaben Gottes. Das heißt auch, dass es ohne geistliche Gabe keinen wahren christlichen Dienst gibt. Diese Gaben werden in unserem Gleichnis mit der Tätigkeit der Gnade verbunden, die in die Welt hinausgeht, um die Wahrheit zu verbreiten, denn die Knechte handelten nicht untereinander mit den Talenten, sondern in der Welt. Sie arbeiten für einen verworfenen und abwesenden Herrn.

Dienst – Talente

Der Herr beruft niemanden in einen Dienst, den Er nicht zuvor mit der Fähigkeit hierfür ausgestattet hat. Der Diener muss daher neben der Macht des Geistes Gottes natürliche und erworbene Qualifikationen besitzen. Die fünf, zwei und ein Talente sind dann letztlich die Energie des Heiligen Geistes, die den erlösten Menschen befähigt, die geistliche Aufgabe auszuführen. Sie sind Gottes Kraft.

Zeitlich kann man das sich vielleicht wie folgt vorstellen: Zunächst hat der Mensch eine angeborene Begabung, die sich dann mit der Erziehung und Ausbildung zu einer natürlichen Fähigkeit verbindet. Dann gibt ihm der Herr nach seiner Bekehrung eine Gabe, die er nie vorher besessen hat. Drittens muss er diese geistliche Gabe für den Herrn benutzen. Wenn er sie nicht benutzt, wird es eine Schwächung, wenn nicht sogar den Verlust der Gabe geben. Wenn er andererseits die Gabe zum Dienst einsetzt, kann die Kraft erhöht werden. Im Gleichnis entspricht das der Vermehrung der Talente.

Um das Zusammenspiel von Fähigkeit und Gabe praktisch zu illustrieren, sei an einen Evangelisten erinnert. Er muss das Wort Gottes in zu Herzen gehender Weise Ungläubigen predigen. Daher wird der Herr einem solchen Diener zuvor die Fähigkeit des Redens und Überzeugens geben. Dazu kann auch ein stückweit die Begabung gehören, logisch argumentieren zu können. Jemanden, der stottert, wird der Herr wohl kaum zu einem Predigtdienst einsetzen. Er kann für den Herrn viele andere Aufgaben wahrnehmen. Aber ein Prediger muss reden können, auch wenn er, wie Paulus, nicht in Redeweisheit spricht.

Andererseits ist jemand, der gut reden kann, dadurch noch lange kein Diener, den der Herr als Prediger begabt hat. Denn Reden ist eine menschliche Fähigkeit, die Aufgabe als Prediger des Evangeliums dagegen eine geistliche Gabe. Und dies muss der verherrlichte Herr zusätzlich schenken.

In ähnlicher Weise wird der Herr nur jemanden als Seelsorger begaben, der auch die menschliche, von demselben Herrn und Schöpfer geschenkte Fähigkeit besitzt, zuzuhören. Ein Hirte muss auf die Gedanken und Probleme anderer eingehen können. Dazu sind ein empfindsames Ohr und Einfühlungsvermögen unabdingbar. Aber nicht jeder, der gut zuhören kann, ist automatisch ein Hirte.

Erst die Kraft des Heiligen Geistes, die Saulus verliehen wurde, befähigte ihn, die Wahrheit Gottes zu erfassen. Sie war es, die ihn in die Lage versetzte, das Evangelium anderen so vorzustellen, dass sie davon ergriffen wurden. Genauso ist es bei uns. Dabei bleibt bestehen: Keiner kann sagen, der Herr habe ihm nichts anvertraut (vgl. auch Eph 4,7). Jeder Gläubige hat eine geistliche Begabung, die der Herr ihm deutlich machen wird.

Eine Reihe dieser geistlichen Gaben finden wir in Epheser 4,11, Römer 12,3–8 und in 1. Korinther 12,4–11.28 aufgelistet. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um abgeschlossene Aufzählungen. Gerade die Tatsache, dass keine der drei Listen dieselben Gaben nennt, unterstreicht das. Die uns anvertraute Gabe mag groß oder klein sein – fünf, zwei und ein Talente sind nur Beispiele. Am Ende kommt es unserem Herr darauf an, sie fleißig zu gebrauchen.

Wichtig ist, dass der Herr Jesus die Talente selbst verteilt. Das steht im Gegensatz zur gängigen Praxis der meisten Kirchen und Gemeinden. Wenn jemand in einer solchen Kirche beginnen würde zu predigen, ohne eine menschliche oder kirchliche Legitimation zu haben, würden dies viele als Anmaßung bezeichnen. In Wahrheit ist es jedoch eine Anmaßung, wenn man zum Predigen oder Dienst für den Herrn die Autorisierung durch eine Kirche verlangt. Denn jede Anstellung von Menschen für einen solchen Zweck ist gerade nicht von Gott autorisiert und im Widerspruch zu den Gedanken Christi. Geistlicher Dienst ist eine Frage zwischen Christus und seinen eigenen Dienern. Er ist es, der den einen als Propheten gibt, einen anderen als Evangelisten, einen anderen als Pastor und Lehrer (Eph 4,11). Niemand anders kann dies tun. Das heißt nicht, dass man für einen solchen Dienst nicht die Übereinstimmung mit den Gläubigen der örtlichen Versammlung (Gemeinde) suchen sollte. Die Propheten Antiochiens legten Paulus und Barnabas die Hände auf, als diese ihre erste Missionsreise begannen. Und doch war es ausschließlich der Heilige Geist, der ihnen diesen Auftrag klarmachte (vgl. Apg 13,1–4).

Verse 16–18: Handeln oder vergraben

„Der die fünf Talente empfangen hatte, ging hin und handelte damit und gewann weitere fünf. Ebenso gewann der mit den zweien weitere zwei. Der aber das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn.“ (Verse 16–18).

Wir haben schon weiter oben gesehen, dass die Knechte mit den ihnen übergebenen Talenten handelten, ohne einen konkreten Hinweis auf die Aufgaben erhalten zu haben. Das, was für sie Befehl genug war, war das Anvertrauen der Gaben und das damit verbundene Vertrauen des Herrn. Zwei der genannten drei Knechte arbeiteten treu mit diesen Gaben, der dritte vergräbt das eine Talent, das er erhalten hat. Zwei sind treu, einer offensichtlich untreu.

Was die Treuen von dem Untreuen unterscheidet, ist das Vertrauen zu ihrem Herrn. Das kann man dem weiteren Verlauf des Gleichnisses entnehmen. Sie vertrauen in ihrer Arbeit auf seine Güte und Liebe, ohne eine Sicherheit und Bevollmächtigung zu besitzen. Das, was sie haben, ist die Kenntnis seines persönlichen Charakters. Aus diesem Vertrauen und aus dieser Erkenntnis heraus schöpften sie ihre Zuversicht und ihren Eifer.

Die Gesinnung der Herzen wird schnell offenbar. Die treuen Sklaven ordnen sich ihrem Herrn unter. Wenn Er sie nicht liebte, würde Er ihnen dann ein solches Vertrauen geben und ihnen seine Habe anvertraut haben? Wie könnte man dann an seiner Liebe auch nur einen Moment zweifeln? Sie taten alles, um diese Liebe zu beantworten. Sie kamen nicht auf den Gedanken, dass die Talente ihnen persönlich gehörten. Denn sie wussten, dass diese Güter ihrem Herrn zustanden. Warum gab Er sie ihnen? Damit sie diese vermehrten. Sie wollten, dass Er zufrieden wäre, wenn Er zurückkommt.

Vier Gründe für das Handeln mit den Talenten

Dieses Handeln kommt aus vier Tatsachen hervor, derer sich ein Knecht des Herrn bewusst bleibt:

  1. Der Herr ist unser Meister, dem wir verantwortlich sind.
  2. Er liebt uns, darum hat Er uns etwas von seinem Reichtum anvertraut.
  3. Wir haben Vertrauen zu Ihm.
  4. Wir erwarten den Herrn zurück. Wir wissen nicht, wann genau Er wiederkommen wird. Aber wir wissen, dass Er kommen wird, selbst wenn seine Abwesenheit länger dauern mag. Wir warten mit Ausharren auf Ihn.

Als weiteres Motiv könnte man die Belohnung nennen, die der Herr bei seinem Wiederkommen verteilt. Aber die Sklaven arbeiten letztlich nicht wegen dieser Belohnung. Sie wünschen sich nur eines: Der Meister soll den Zins seiner Talente erhalten, sich deshalb freuen und verherrlicht werden.

Es ist auffallend, dass die beiden ersten Knechte einen vergleichbaren Fleiß beweisen. Beiden gelang es, das anvertraute Gut zu verdoppeln. Zwar unterscheidet sich das Resultat in der Höhe der dazugewonnenen Talente. Aber das gilt gleichermaßen für die Ausgangssituation. Daher ist nicht die Höhe des Resultats entscheidend, sondern die Treue, die bei beiden gleich war. In diesem Gleichnis liegt der Gegensatz also nicht in dem Mehr oder Weniger an Redlichkeit und Fleiß treuer Knechte, so wesentlich das ist. Der Unterschied zwischen solchen Knechten, die treu waren, und dem einen, der vollkommen untreu war, ist das große Thema. Solange jemand treu für den Herrn tätig ist, spielen unterschiedliche Begabungen keine Rolle.

Treue im Dienst wird gesucht

Aufseiten der Knechte kommt es nach 1. Korinther 4,2 darauf an, treue Verwalter zu sein. Dazu müssen wir fleißig sein und dem Herrn von Herzen dienen wollen (vgl. Röm 12,11). Zuweilen müssen wir uns auch fragen, ob die folgende Ermahnung nicht auch uns gilt: „Sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst“ (Kol 4,17). Wir alle haben eine Aufgabe. Lasst uns diese ausführen. Mit anderen Worten: Wir sollen die Gnadengabe in unserem geistlichen Leben anfachen (2. Tim 1,6).

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass wir verstehen, dass wir für Gaben nicht zu bitten brauchen. Es ist auch unsinnig zu bitten, dass die Gabe in uns vermehrt werde. Sie ist da, denn der Herr hat uns alle in seiner Weisheit begabt. Aber genutzt werden muss sie schon von uns selbst. Daher beten wir darum, dass der Herr uns hilft, Ihm in Treue und Eifer zu dienen. Dann werden die Gnadengaben auch ausgeübt werden.

Vor diesem Hintergrund sollte niemand von uns erwarten, dass der Herr uns gesondert auffordert, die von Ihm verliehene Gabe im Dienst für Ihn zu benutzen. Der Besitz der Gabe ist Aufforderung und Verpflichtung genug. Allerdings dürfen wir uns gegenseitig daran erinnern, dass alles in der Kraft und unter der Leitung des Heiligen Geistes geschehen soll. Das schließt ein, dass wir in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes handeln.

Der unnütze Knecht ist nicht treu. Wie Vers 30 zeigt, stellt Er einen ungläubigen Bekenner dar. Er betrügt sich selbst durch die Idee, die er sich selbst von Gott geformt hat. Das trifft auf alle ungläubigen Herzen zu, dass sie sich selbst ein (falsches) Bild von Gott machen. Dieser untreue Knecht zeigt auch den Unterschied zwischen Gaben und Gnade. Man könnte sich fragen, ob der Herr denn einem Ungläubigen wirklich eine Gabe anvertraut. Die Antwort ist: Ja, in gewisser Weise ist das so.

Wir sehen das Prinzip in 1. Korinther 13,1–3. Man kann große Dinge tun, ohne einen Hauch von Liebe als Motivation zu haben und somit ohne errettet zu sein. Im Alten Testament haben wir Beispiele der Macht des Geistes ohne Bekehrung. Man denke nur an Bileam, Saul oder im Neuen Testament an Judas Iskariot. Diese Männer waren allesamt wirklich geistlich begabt, ohne je bekehrt gewesen zu sein. Auch in der heutigen Zeit gibt es manche Prediger, die offensichtlich von dem Herrn begabt worden sind. Wenn sie jedoch diese Gabe zum Schaden der Versammlung (Gemeinde) bzw. der Ungläubigen ausüben, könnte es sein, dass sie nie Leben aus Gott besessen haben. Früher oder später wird das entlarvt werden.

Kirchengeschichte

Ich habe den Eindruck, dass wir in der Dreier-Verteilung der Talente auch eine zeitliche Komponente finden. Wir haben schon beim ersten Gleichnis gesehen, dass zwei Zeiten unterschieden werden: die Anfangszeit, wo die Christen im Allgemeinen treu und klug waren, und die Endzeit. Wir haben gesehen, dass schon sehr früh der Gedanke an das Herrschen aufkam. Das war kurz nachdem der Herr seinen Knecht Johannes abberufen hat. Bereits damals begann die Zeit des bösen Knechtes.

Im zweiten Gleichnis haben wir vier Phasen unterscheiden können:

  1. die Anfangsphase, als man sich der christlichen Stellung bewusst war und auf den Herrn wartete. Man ging aus der Welt hinaus und freute sich auf das Wiederkommen Jesu.
  2. die Phase des Einschlafens, die spätestens um das Jahr 300 begann. Letztlich findet man bereits ab dem zweiten Jahrhundert in der Literatur keine Hinweise mehr auf das Wiederkommen des Herrn Jesus.
  3. der Mitternachtsruf, als das Wiederkommen des Herrn wieder neu ins Bewusstsein geriet. Das war Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.
  4. das Kommen des Bräutigams. Das ist heute noch zukünftig.

Vielleicht ist in unserem Gleichnis auch eine Art verborgener Hinweis auf die Kirchengeschichte enthalten. Dieser betrifft das Geben der Talente, nicht das, was aus dem Talent gemacht worden ist. Denn ungläubige Bekenner gab es fast von Anfang an der Kirchengeschichte.

Am Anfang der christlichen Zeit hat der Herr ganz besondere Gaben gegeben. Man denke an die Apostel Paulus, Petrus und Johannes. Das entspricht den fünf Talenten. In einer zweiten Phase bei der Erweckung im 19. Jahrhundert hat der Herr noch einmal herausragende Gaben geschenkt, von denen wir heute noch Nutzen haben. Das entspricht den zwei Talenten.

Nunmehr leben wir am Ende der christlichen Zeit. Ist es nicht so, dass wir alle letztlich nur über ein Talent verfügen? Gerade weil das vielleicht so wenig erscheint im Vergleich zu den früheren Gaben, vernachlässigen wir sie oft. Wer das, was er bekommen hat, für wenig hält, steht in Gefahr, es ungenutzt zu lassen. Ist das heute nicht geradezu der Regelfall? Wie wenig sieht man die Bereitschaft, Energie und Zeit für den Herrn einzusetzen. Aber wir wollen uns gegenseitig noch einmal motivieren, das zu verwenden, was der Herr uns anvertraut hat. Er ist es wert!

Verse 19–23: Abrechnung am Richterstuhl des Christus

„Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Und der die fünf Talente empfangen hatte, trat herzu und brachte weitere fünf Talente und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, weitere fünf Talente habe ich gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn. Aber auch der mit den zwei Talenten trat herzu und sprach: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, weitere zwei Talente habe ich gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn“ (Verse 19–23).

Der neue Abschnitt des Gleichnisses beginnt mit den Worten: nach langer Zeit. Wie im Gleichnis der 10 Jungfrauen sehen wir auch hier, dass das Kommen des Herrn „ausblieb“. Aber der Herr kommt wieder, denn Er hat es versprochen. Tatsächlich mögen viele Generationen vergangen sein. Aber wie bei den vorherigen Gleichnissen sind es auch hier dieselben Knechte wie am Anfang. Denn wir sollen den Aufschub nicht von vornherein erwarten. Wir wissen nicht, wann der Herr wiederkommt. Es kann noch heute sein!

Dann findet die Abrechnung statt. Das erinnert uns an den Richterstuhl des Christus. Wir werden vor diesem offenbar werden, „damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10). Die Frage für die Knechte lautete: Was würden sie ihrem Herrn gewissermaßen anzubieten haben? Waren die Talente in ihren Händen gut aufgehoben? Waren sie tätig für ihren Meister? Waren sie treu?

Der erste Knecht tritt zu seinem Herrn: „Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, weitere fünf Talente habe ich gewonnen.“ Was für ein Ergebnis! Der Knecht zeigt dem Meister, dass er nicht tatenlos geblieben ist. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Hier geht es nicht um Errettung, die man sich durch Taten ohnehin nicht erwerben kann. Es handelt sich um solche Menschen, die als Christen Knechte des Herrn sind. Diese Jünger haben ihre Zeit, ihre Energie sowie ihr Herz und Leben für ihren Herrn eingesetzt. Sie haben anderen das Evangelium verkündigt, das Wort Gottes verbreitet, Menschen in ihren Nöten gedient, das Wort Gottes ausgelegt. Sie sind einzelnen Seelen nachgegangen und haben Menschen vor dem Untergang bewahrt. Aber sie bleiben sich bewusst: Die Ehre gehört allein dem Herrn, der ihnen alles gegeben hat. Letztlich ist alles von Ihm und bleibt auch sein Eigentum.

Einen bemerkenswerten Punkt sollten wir in Verbindung mit Vers 20 nicht übersehen: Talente vermehren sich, wenn sie für den Herrn eingesetzt werden. Dabei stellen die hinzu gewonnenen Talente jetzt nicht die äußeren Ergebnisse unserer Arbeit und schon gar nicht materielle Güter dar, sondern weiterhin geistliche Gaben. Denn wenn wir diese für den Herrn einsetzen, erweitert sich der Aufgabenbereich und vertieft sich die Einsicht in die Gedanken Gottes. Dadurch erhöht sich das Vertrauen zum Herrn Jesus, das Verständnis des Wortes Gottes wird größer und es vermehrt sich somit auch die geistliche Gnadengabe. Einerseits ist alles souveräne Gnade des verherrlichten Herrn. Andererseits hängt das Ausmaß der Gabe am Ende eines Lebens auch davon ab, wie wir mit diesem Geschenk des Herrn für Ihn gearbeitet haben.

Der Herr hat jedem von uns persönlich eine Gnadengabe gegeben. Sie ist individuell. Um im Bild des Gleichnisses zu bleiben: Der eine hat fünf Talente, der andere zwei, ein anderer eins. Aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend in den Augen des Herrn ist, was wir daraus machen. Das erkennen wir jetzt in der Belohnung. Jemand, der mit seinem Talent arbeitet, erhält Lohn. Der Herr lässt sich nichts unbeantwortet schenken.

Vers 21: Die Belohnung

Der Knecht wird gespannt gewesen sein, was für eine Antwort er von seinem Herrn erhält. Und wie herrlich fällt diese Antwort aus: Sie beinhaltet sogar eine Belohnung von seinem Meister! Eine solche Antwort wird jedem zuteil, der sich für seinen Herrn mit den Dingen einsetzt, die er von Ihm anvertraut bekommen hat. Der Herr bleibt nicht unser Schuldner (wiewohl Er es ohnehin nie ist!). Letztlich haben die Knechte nur wenig während der Abwesenheit des Herrn tun können. Das, was ihnen der Herr anvertraut hat, ist im Vergleich zu seinem ganzen Vermögen wenig. Dieser Einschätzung des Herrn wollen auch wir uns anschließen. Wie groß mag uns unser eigenes Aufgabengebiet und die geistliche Gabe zuweilen vorkommen. Aber wir sollten uns die Bewertung des Herrn zu unserer eigenen machen: „Über weniges warst du treu.“

Und doch: Wie gewaltig ist die Antwort des Herrn angesichts dieses Wenigen: „Über vieles werde ich dich setzen.“ Uns armseligen Sklaven will Er die größten Segnungen schenken und uns teilnehmen lassen an seiner eigenen Freude. Das, was seine Freude ist, macht Er zu unserer Freude, und das in Ewigkeit. Um diese Belohnung in Umfang, Höhe und Würde richtig zu erfassen, müssen wir diesen herrlichen Moment erleben. Aber das ist für uns alles noch Zukunft.

Eines jedoch wissen wir schon jetzt: Die Belohnung übertrifft die geleisteten Dienste bei weitem. Gott handelt immer in Gnade, auch wenn Er die für Ihn getane Arbeit belohnt. Die Knechte hatten während ihrer Arbeit ein Bewusstsein der Liebe und Zuwendung ihres Herrn, auch wenn Dieser nicht leibhaftig bei ihnen war. Die Erkenntnis seiner Person hatte ihnen die nötige Energie gegeben, um Ihm treu zu dienen. Nun besteht ihre Belohnung nicht nur darin, über vieles gesetzt zu werden. Ihr Glück hat zum Inhalt, in die Freude Dessen einzutreten, der sich selbst an ihrer Gegenwart erfreut. Denn die vor Ihm liegende Freude, um derentwillen Er das Kreuz erduldete, wird Er dann genießen: die Frucht der Mühsal seiner Seele.

Die drei Teile der Belohnung

Wir wollen uns mit der Antwort des Meister beschäftigen. Sie besteht aus drei Teilen:

1) „Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht!“ Was für eine Wertschätzung des Herrn spricht aus diesen Worten! Was will ein Knecht mehr, als dass seine Arbeit von seinem Meister wertgeschätzt wird. „Wohl“ – der Knecht hatte das getan, was in den Augen seines Meisters richtig, angemessen, nützlich war. Ja mehr als das: Seine Arbeit war gut. Aber es ist erstaunlich, dass nicht einmal die Werke im Vordergrund stehen, sondern die Wertschätzung der Person des Knechtes. Er wird auch weiter Knecht genannt – denn das ist er, das sind wir. Und in gewisser Hinsicht bleiben wir das auch (Off 22,3). Aber der Knecht bekommt vom Meister Attribute, die ihm gutgetan haben werden. Es ist wie ein warmherziger Händedruck und ein Blick voller Liebe, den der Knecht erleben und genießen kann. Bislang hat er gearbeitet. Jetzt erntet er die Liebe und direkte Zuwendung seines Herrn.
Er wird guter und treuer Knecht genannt. Was unterscheidet ihn von dem treuen und klugen Knecht im ersten Gleichnis (24,45)? Die Treue steht hier an zweiter Stelle. Und statt der Klugheit wird betont, dass der Knecht gut war. Es handelt es sich um eine Botschaft der Gnade, die der Herr verkündigt. Sie spricht von der Güte Gottes. Was ist die Quelle alles nützlichen Handelns im Diener des Herrn? Es ist die Wertschätzung der Güte Gottes. Genau daran glaubte der ungläubige Knecht nicht. Er zweifelte an der Güte seines Herrn. Denn wer als Diener von der Gerechtigkeit Gottes spricht, kann letztlich nicht einen Augenblick vor dieser bestehen.13 Die Gerechtigkeit Gottes wird jeden Diener davontreiben. Derjenige jedoch, der sich demütig auf die Gnade Gottes beruft, wird inmitten einer bösen gegenwärtigen Welt besonnen, gerecht sowie gottesfürchtig leben und dienen.
Der Knecht im ersten Gleichnis handelte seinem Meister und dessen Auftrag gegenüber treu, indem er so klug war, auf das Ende zu sehen. In unserem Gleichnis sehen wir dagegen, dass der Knecht in seinem Charakter und Wesen gut war. Er tat das, was während der Abwesenheit des Meisters in Übereinstimmung mit dessen Natur und Wesen war. Zugleich zeichnete ihn seine Treue und somit sein Glauben an seinen Herrn aus. Ob der Herr Jesus das von unserem Dienst ebenso sagen kann? Dienen wir Ihm mit allem, was Er uns an geistlicher Begabung geschenkt hat, in dieser Weise?

2) „Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen.“ Im zweiten Schritt geht es um den Dienst, den der Knecht getan hat. Wir sehen noch einmal, dass selbst die größte anvertraute Gabe von 5 Talenten14 letztlich nur wenig ist im Vergleich zu dem, was der Herr besitzt. Er hat viel, viel mehr zu verteilen. Wie demütig sollte uns das machen; wir bleiben auf der Erde immer Diener, denen ein wenig übergeben worden ist.
Dennoch belohnt der Herr das Wenige, was wir tun können. Das ist nicht notwendig, wenn wir an die Worte des Herrn in Lukas 17,10 denken: „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ Der Herr muss uns somit nicht belohnen, aber sein Herz möchte uns belohnen, denn Er befiehlt seinen Knechten nicht nur, was sie tun sollen. Er liebt sie auch mit göttlicher Liebe.
Der Herr unterstreicht hier auch, dass Er die Treue belohnt, nicht die Größe der Gabe. Das wird durch den Vergleich mit dem zweiten Knecht noch deutlicher. Denn auch bei diesem sehen wir, dass der Meister nicht Bezug nimmt auf das, was der Knecht am Anfang erhalten hat. Der Herr spricht von dem, was der Knecht damit gemacht hat.
Die zweite Belohnung steht im Übrigen mit der Regierung im 1.000-jährigen Friedensreich in Verbindung. Wer hier auf er Erde treu dient, wird im Königreich des Sohnes des Menschen mit Ihm herrschen. Dort werden ihm besondere (administrative) Aufgaben als Lohn für seine heutige Treue übertragen. Hier hat er wenig, aber im Gehorsam gedient. Dort werden ihm viele verwaltende Tätigkeiten anvertraut. In diesem Königreich wird er sie unter der Autorität des Messias ausführen (vgl. 1. Kor 6,2.3; 2. Tim 2,12). Das ist dann kein Dienst mehr in Verantwortung, wie er uns hier kennzeichnet. Nein, dann werden wir ein Auferstehungsleben besitzen, das keinen einzigen Moment mehr mit Sünde besudelt werden kann. Wir tun dann alles in vollkommener Übereinstimmung mit unserem Herrn.
Es fällt auf, dass die Talente – auch die hinzugewonnenen! – den Knechten verbleiben. Eigentlich gehörten sie alle dem Herrn. Aber in seiner Gnade und Liebe belässt Er sie bei seinen guten und treuen Knechten. Wie auch immer wir uns das konkret vorstellen sollen: Wir werden es wissen, wenn es soweit sein wird. Aber wir werden die geistlichen Gaben weiter behalten, auch in der Zukunft. Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass der persönliche Genuss des Herrn und der Beziehung zu Ihm im Königreich von unserem Dienst hier auf der Erde abhängt. Diese Regierung mit Ihm ist ewig und endet nicht mit dem Ablauf des 1.000-jährigen Reich. Vielleicht hat dieser Lohn sogar mit dem neuen Himmel und der neuen Erde zu tun, auf der es ja auch noch eine Segensregierung geben wird (vgl. Off 21,1; 22,5). In jedem Fall wird es großartig sein!

3) „Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Was soll man zu diesem dritten Teil der Belohnung sagen? Es fällt uns schwer, das richtig zu erfassen, weil es weit von unserem praktischen Christenleben entfernt ist. Man kann nur ahnen, was diese Zuwendung des Herrn bedeuten wird. Es handelt sich zweifellos um die höchste Belohnung. Es ist großartig, die wertschätzenden Blicke und Worte des Herrn zu erhalten. Es ist gewaltig, durch neue Aufgaben im Königreich des Herr belohnt zu werden. Das höchste dieser drei Belohnungen ist jedoch, in die Freude des Herrn selbst einzugehen, an ihr Anteil zu bekommen. Was für ein Geschenk, nicht nur unter Ihm gesegnet zu werden, sondern das mit Ihm zu teilen und zu erleben. Von der Freude des Herrn lesen wir in Hebräer 12,2. Er wird darin mit uns Gemeinschaft pflegen. Jetzt geht es nicht mehr um uns, sondern allein um Ihn. Zu was für einer Höhe werden wir hier geführt und geadelt. Da hört jedes menschliche Erfassen auf, indem man sich dem Ozean seiner Herrlichkeit und Freude öffnet.
Wenn man die Freude etwas allgemeiner betrachtet, so kann man auch bei diesem Gleichnis an eine Festfreude denken. Der Herr sieht dann vor sich einen Festsaal, der durch seine Freude geprägt ist, die Er mit seinen Jüngern teilen möchte.

Verse 22.23: Die Belohnung für den zweiten Knecht

Es fällt auf, dass die Worte des zweiten Knechtes zum Herrn und die des ersten identisch sind. Das gilt auch für ihre beiden Belohnungen. Die Antwort des Meisters ist dieselbe für den Diener mit den fünf und den mit den zwei Talenten. Wir lesen auch nicht, dass der Herr für den ersten Knecht eine höhere Wertschätzung hätte, obwohl dieser mehr Talente hinzugewonnen hatte. Selbst der höchste Teil der Belohnung, die Einführung in die Freude des Herrn, ist identisch. Es geht also eindeutig nicht um die absolute Höhe dessen, was man vom Herrn erhalten bzw. hinzugewonnen hat. Entscheidend ist nicht die Begabung, sondern die Treue. Unserem Herrn ist wichtig, welchen Nutzen wir aus dem gezogen haben, was Er uns anvertraut hat. Er beurteilt, wie wir die von Ihm verliehenen Gaben für Ihn eingesetzt haben.

Wir können nichts für das, was uns nicht übertragen worden ist. Das ist ein Ergebnis der Souveränität Gottes. Wir sind aber verantwortlich für das, was wir haben (2. Kor 8,12). Treuer Dienst, selbst in der kleinsten Weise, bringt die Anerkennung unseres Herrn. Selbst wenn es nur um die Begabung eines Cents ginge, belohnt der Herr jede Glaubensenergie bei uns, die wir im Dienst für Ihn einsetzen.

Auch wenn beide Knechte vollkommen gleichbehandelt werden, wird ihr Dienst nicht gemeinsam abgehandelt. Denn Dienst ist immer persönlicher Art. Das berücksichtigt unser Meister, wenn Er jeden Knecht persönlich anspricht. Er belohnt persönlich und führt auch individuell in seine Freude ein. In diesem Punkt unterscheidet sich dieses Gleichnis auch von den beiden ersten. Hier ist alles zum ersten Mal rein persönlicher Natur. Es ist unserem Herrn wichtig, jedem persönlich seine Freude auszudrücken. Dafür nimmt Er sich gerne Zeit.

Die Anwendung der Belohnung auf uns heute

Die Belohnung erhalten wir in der Zukunft. Am Richterstuhl des Christus findet diese „Abrechnung“ statt. Aber oftmals haben die Belohnungen in Gottes Wort auch einen Bezug zur Gegenwart. Das gilt beispielsweise für die Überwinderverheißungen in Offenbarung 2 und 3. Das, was der Herr den Überwindern verheißt, genießen diese schon heute, im Unterschied zu den Gläubigen, die im Glauben nicht siegreich sind. Auch die Glückseligpreisungen in Matthäus 5 haben zunächst einen Bezug zur Zukunft. Darüber hinaus aber gelten diese „Verheißungen“ in geistlicher Hinsicht schon heute. Bereits in der jetzigen Zeit können treue Jünger die dort genannten Segnungen genießen.

Das trifft ebenfalls auf die Belohnungen zu, die wir in unseren Versen finden. Wer treu ist, hört auch jetzt schon die Worte des Meisters: „Wohl, du guter und treuer Knecht.“ Das beschränkt sich dann auf die einzelne Aufgabe, die wir für unseren Herrn ausführen. Aber Er lässt sich auch heute nichts unbeantwortet schenken.

Den zweiten Teil der Belohnung, „über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen.“, kann man nicht gut in die heutige Zeit übertragen. Der dritte Teil der Belohnung ist natürlich im Wesentlichen zukünftig: „Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Aber ist es nicht eine großartige Erfahrung der Diener des Herrn, dass sie die Gemeinschaft mit ihrem Meister schon hier auf der Erde genießen dürfen? Er lässt sie Anteil nehmen an seiner Freude, die Ihn im Himmel prägt. Gerade diejenigen, die in innerer Gemeinschaft mit ihrem Meister leben und dienen, kennen schon heute etwas von seiner Freude. Schenke Gott, dass wir das mehr und mehr erleben.

Gibt es nicht auch manche Beispiele dafür, dass Treue zu einer Ausweitung des Arbeitsfeldes führt, so wie die Knechte weitere Talente hinzugewannen? Stephanus und Philippus werden zunächst als Diakone genannt, die für das Bedienen der Tische eingesetzt wurden (Apg 6,2 ff.). Bei dieser Aufgabe ging es um äußerliche Dinge. Sie erwiesen sich als treu in diesem Dienst. Zweifellos war das der Anlass dafür, dass der Herr ihnen weit darüber hinausgehenden Aufgaben übertrug. Stephanus wurde nicht nur zum ersten Märtyrer, sondern auch zu dem Zeugen der himmlischen Herrlichkeit Christi. Philippus wurde von dem Herrn zu einem großen Evangelisten berufen. Wenn wir im Kleinen treu sind, wird der Herr unsere Aufgaben, wenn Er das in seiner Souveränität will, erweitern.

Verse 24–30: Der unnütze Knecht wird in die äußerste Finsternis geworfen

„Aber auch der das eine Talent empfangen hatte, trat herzu und sprach: Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. Und ich fürchtete mich und ging hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? So hättest du nun mein Geld den Wechslern geben sollen, und bei meinem Kommen hätte ich das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Nehmt nun das Talent von ihm weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat; denn jedem, der hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Verse 24–30).

Mit Vers 24 kommen wir zum dritten Knecht. Das ist derjenige, der das ihm anvertraute Talent in der Erde verborgen hat. Er hat es nicht wirken lassen und somit nicht zum Vorschein gebracht. Wir haben gesehen, dass das Talent eine geistliche Begabung darstellt. Diese kann man dadurch verbergen, dass man sie nicht in seinem Leben offenbart. Man benutzt sie nicht zugunsten von anderen.

Was für eine Verwegenheit des dritten Knechtes, von sich aus in seinem Hass gegen den Herrn offen zu dem Meister hinzuzutreten. Man möchte erwarten, dass sich ein solcher schämen und verstecken würde. Aber davon finden wir hier nichts. Er spricht auch noch unverschämte Worte aus. Dennoch wissen wir, dass in Zukunft gelten wird: „Wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott? Wenn er Lust hat, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten“ (Hiob 9,2.3). So wird am Richterstuhl (Off 20,11 ff.) niemand mit dem Herrn Jesus reden. Dessen können wir sicher sein.

Die Worte des bösen Knechtes

Was hat dieser unnütze Mann dem Herrn zu sagen?

  1. Auch er spricht den Menschen, der außer Landes reiste (Vers 14), als Herrn an. Denn nach seinem äußerlichen Bekenntnis ist er Christ. Er gibt vor, Jesus Christus als Herrn zu kennen. Wer aber vorgibt, dass Jesus Christus Herr ist, der müsste sich in seinem Leben auch entsprechend verhalten. Genau das aber tut er nicht.
  2. Der böse Sklave ist der einzige, der sagt, dass er den Herrn kenne. Und doch ist er der einzige, der durch seine Worte beweist (vgl. Tit 1,16), dass er Ihn überhaupt nicht kennt.
  3. Er nennt seinen Meister einen harten Mann. Ist Er das wirklich? War nicht die Tatsache, dass der Herr seinen Knechten die eigene Habe übergab, ein Vertrauensbeweis, dass Er ein guter, liebender und sanftmütiger Mann ist?
  4. „Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast.“ Besaß nicht dieser Herr alles? War es nicht seine Gnade gewesen, die von seinen Gütern den Knechten etwas gegeben hat? Hatte Er daher nötig, von anderen zu ernten und einzusammeln, was Er nicht selbst ausgestreut hatte? Was für eine freche und verkehrte Unterstellung!
  5. „Ich fürchtete mich.“ Hätte der Knecht sich wirklich gefürchtet, hätte er alles getan, um seinen Herrn zufriedenzustellen. Ihm muss bewusst gewesen sein, dass er mit seinem Vorgehen unmöglich seinen Meister zufriedenstellen konnte: mit dem Verbergen und Nichthandeln. So beweist der Sklave, dass er sich gar nicht wirklich fürchtete, sondern dies nur vorgab. Er log.
  6. „Ich verbarg dein Talent in der Erde.“ Dieses Handeln zeigt die Torheit und Dummheit des Sklaven. Gerade weil er meinte, dass der Herr hart sei, hätte er alles daransetzen müssen, diesem angeblich habgierigen Chef zu gefallen. Wie sollte dieser denn jetzt damit zufrieden sein, dass sein Talent nichts eingebracht hatte? Das konnte nur zu einer Verurteilung führen.
  7. „Siehe, da hast du das Deine.“ Das ist wahr – es war das Talent des Herrn. Aber wenn es so war, was war wohl der Grund, dass der Meister ihm das Talent für die Zeit seiner Abwesenheit übergeben hat? Dann hätte der Herr es ja gleich behalten können, wenn der Sklave keine Vervielfältigung vornehmen wollte. Somit gab der Knecht letztlich zu, in einer Weise gehandelt zu haben, die nicht seiner Beziehung zum Meister entsprach: als Knecht.

Die Übertragung der Worte des bösen Knechtes auf die christliche Zeit

Alle diese Punkte haben eine Entsprechung in unserer christlichen Zeit. Auch heute geben viele in ihrem äußeren Bekenntnis vor, Christen zu sein und Jesus Christus als Herrn zu besitzen. Wer das sagt, ist auch verpflichtet, entsprechend zu leben. Das beweist er durch Vertrauen und fleißiges Dienen. Diesen aber findet man nur noch selten. Daher entsprechen viel Christen heute diesem Sklaven.

In Unterhaltungen mit solchen Namenschristen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, sie und sie allein kennten den Herrn. Diesen Eindruck vermittelte der untreue Knecht. Er allein sprach davon, den Herrn zu kennen. Das wirkt so, als ob diejenigen, die wirklich für ihren Meister arbeiten, eine völlig falsche Vorstellung von Ihm hätten. Dass Er Sohn Gottes und Mensch in einer Person ist, wie uns die Schrift das lehrt, lehnen viele Christen ab. Sie geben vor, diese Person viel besser zu kennen. Durch ihre Worte offenbaren sie allerdings nur, dass sie Christus überhaupt nicht kennen. Sie können es auch gar nicht, da sie keine persönliche Beziehung zu Ihm haben. Sie schimpfen über Gott als einen Rächer-Gott, der das Böse in dieser Welt zulässt. Dabei kennen sie Ihn nicht in seiner Gnade. Das Gute in ihrem Leben schreiben sie sich selbst zu und beweisen, dass sie weder sich noch Gott kennen. In ihrem praktischen Leben spielt der Herr höchstens eine Nebenrolle.

Dem Herrn Jesus gehört alles, was es auf dieser Erde gibt. Er hat alles geschaffen und durch seinen Tod noch ein zweites Mal erworben (vgl. 2. Pet 2,1). Er braucht nicht zu ernten, wo Er nicht gesät hat, weil Er der Erbe von allem ist. Ist Er es nicht, der in Gnade den Samen des Evangeliums ausstreut, um die Menschen von dem Tod zu erretten?

Viele Ungläubige geben vor, sich vor Gott zu fürchten. Letztlich ist das ein Beweis, dass ihr Leben noch nicht im Reinen ist mit Gott. Aber anstatt dieses Problem aus dem Weg zu räumen, indem sie sich bekehren, machen sie Gott Vorwürfe. Sie führen ein Leben, dass man als Rebellion gegen Gott verstehen muss. Ist das echte Furcht? Es ist jedenfalls keine Gottesfurcht. Und wahre Furcht würde sich dadurch zeigen, dass sie Gottes Wort suchen und tun. Sie aber handeln in ihrem Eigenwillen.

So verbergen sie ihr Talent. Auch ein ungläubiger Bekenner hat ein Talent, eine geistliche Gnadengabe. Man muss sich davon lösen, dass Gott die Menschheit nur einteilt in Gläubige und Ungläubige. Gerade im Blick auf das Königreich der Himmel finden wir, dass die Menschen auch eingeteilt werden in Bekenner und Nicht-Bekenner. Es gibt viele Christen. Von einer großen Anzahl wissen wir nicht, ob sie wirklich an den Herrn Jesus Christus der Schriften glauben. Sie bekennen es, aber haben sie sich wirklich bekehrt? Manche von ihnen haben zum Teil bemerkenswerte Gaben. Man denke zum Beispiel an Päpste und an (böse) Bibellehrer wie Rudolf Karl Bultmann. Das sind Menschen, die ein Leben gegen Gott geführt haben, aber Massen von Menschen beeindrucken konnten. Haben sie damit für den Herrn gearbeitet? Nein! Sie haben das, was Gott ihnen gegeben hat, insofern verborgen, als sie eigene Überlegungen und Philosophien verwendet haben. Nicht der Herr wurde verherrlicht, sondern sie selbst standen im Mittelpunkt des Interesses. Und mit dem, was sie „hatten“, haben sie darüber hinaus die Menschen verführt.

So geben sie dem Herrn Jesus, dem Herrn seines Königreichs, letztlich das zurück, was Er ihnen für eine Zeit übertragen hat. Sie haben damit nicht gehandelt, sondern es sogar teilweise noch verdorben. Wie schrecklich wird ihr Gericht sein, wenn sie unbekehrt gestorben sind. Eine gewisse Ahnung, wie schrecklich ihr Teil sein wird, erhalten wir durch die folgenden Verse.

Einige Anwendungen aus den Versen 24.25

Wir lernen von diesem Mann, dass der Herr Jesus niemand gebrauchen kann, der keine echte Beziehung zu Ihm hat. Wir wissen, dass Satan von Anfang an Misstrauen in das Herz der Menschen gesät hat. Das fing schon bei Eva an. Er hat sie getäuscht und gesagt, Gott liebe den Menschen nicht. Dieselbe Sprache hören wir von diesem bösen Knecht. Leider hat der Mensch Satan sein Ohr geliehen. So ist er in Sünde gefallen und böse geworden wie Satan. Er kann sich nicht entschuldigen, Satan habe ihn verführt. Denn er hat in eigenmächtiger Weise gehandelt, obwohl er Gottes Wort kannte.

Wenn Gott wirklich so wäre, wie der Unglaube einem weismachen will, wäre jeder Mensch verloren. Wenn man aber seine Autorität erkennt und anerkennt, muss man entsprechend handeln. Das heißt, man muss umso mehr danach fragen, was Gott sagt und will. Nur auf einem solchen Weg könnte man Segen bekommen. Wenn allerdings die Liebe des Herrn unbekannt ist, wird man früher oder später seine Autorität verachten oder gegen diese rebellieren. An Christus, dem Herrn, führt kein Weg vorbei. Denn Gott offenbart sich in Ihm. So kann Er auch nur in Ihm wirklich gekannt sein.

Von diesem Knecht lernen wir auch, dass er das ihm übertragene Talent nie als eigenen Besitz verstanden hat. Er hat sich nie verantwortlich gefühlt, damit etwas zu tun. Natürlich gehörte das Talent dem Herrn. Aber wenn sich der Knecht diese Leihgabe zu eigen gemacht und damit identifiziert hätte, wäre er viel umsichtiger damit umgegangen. So ist es auch bei uns: Nur dann, wenn wir die anvertrauten Gaben des Herrn mit unserer eigenen Verantwortung verbinden, werden wir damit handeln. Wenn sie für uns Dinge eines anderen darstellen, wird es uns wenig interessieren, was damit eigentlich zu machen ist. Wir lassen sie, wo sie sind und kümmern uns nicht darum.

Die Lügen des bösen Knechtes

Aber auch das zeigt noch einmal: Letztlich war alles, was der Knecht vorbrachte, Lüge.

  1. Er behandelte seinen Herrn nicht als Herrn. Sonst hätte er Ihm gedient.
  2. Er kannte den Herr gar nicht, sondern gab dies nur vor. Wenn er Ihn gekannt hätte, hätte er sich Ihm gerne unterworfen.
  3. Der Herr war kein harter Mann, sondern das Gegenteil. Aber der Herr Jesus kann zu einem harten Mann werden, wenn man seine Gnade ablehnt. Dann wird der Retter zum Richter.
  4. Der Herr erntete nicht, wo Er nicht gesät hat. Von unserem Herrn wissen wir, dass Er sich selbst für Sünder hingegeben hat. Gibt es eine größere Saat?
  5. Dieser Knecht fürchtete sich nicht wirklich, sondern redete und handelte in anmaßender Weise. Wenn er sich gefürchtet hätte, hätte er dem Herrn gehorcht.
  6. Ja, die letzten beiden Punkte stimmen: Jetzt gab er das zurück, was ihm nicht gehörte. Er hatte keine Anstrengungen unternommen, es als persönlichen Besitz zu sehen. Das hatte er dadurch gezeigt, dass er es einfach vergraben hatte.
Das Gericht des Knechtes

Ab Vers 26 sehen wir, dass der Herr diesen Knecht aus seinem eigenen Mund richtet (vgl. Lk 19,22). Wir bedenken dabei: Von diesem Knecht hören wir ab diesem Zeitpunkt nichts mehr, kein Wort mehr! Er hatte gesprochen, das war sein Urteil. Er wurde nicht mehr gehört. Was für ein schreckliches Ende!

Sein Herr nahm ihn also beim Wort auf dem Boden der Erkenntnis, die dieser Mann für sich in Anspruch nahm. Sein Meister musste ihm zeigen, dass seine Ausreden seine Schuld nur noch erhöhten. Der böse Knecht hatte keine Kenntnis von seinem Herrn. Er besaß auch keine wirkliche Verbindung zu Ihm. Nun verlor er alles, was ihm anvertraut worden war, und er wurde hinausgeworfen.

Der dritte Knecht verlor nicht nur das Erbteil. Er wurde auch nach draußen in die äußerste Finsternis geworfen. Er hatte seinen Herrn nie gekannt. Er wird Ihn nun nie mehr kennenlernen können. Hier sehen wir sofort, dass das Gleichnis in die Realität übergeht. Denn die äußerste Finsternis ist nichts anderes als ein Hinweis auf die Hölle. Dort wird man den Herrn Jesus nie mehr kennenlernen. Denn die Finsternis hat das Kennzeichen, dass sie der Ort ist, wo Christus nicht ist.

Wenn es um ungläubige Christen geht, fehlt ihnen die Einsicht selbst in die „normalen“ Pflichten. Jemand, der Christus nicht liebt, wird Ihn nur als Richter kennenlernen. Denn ein solcher ist böse und ungehorsam. Er ist faul, weil er nicht mit ganzer Energie tätig ist für Den, der Autorität über ihn besitzt. Ein solcher verliert alles, am Ende sogar sein Bekenntnis. Selbst das eine Talent, das er noch besaß, wurde von dem Knecht genommen. Das erinnert an Hebräer 6,4–8. Dort finden wir Christen aus dem Judentum, welche die gewaltigen christlichen Vorrechte erlebten, ohne einen lebendigen Genuss daran zu haben. Denn sie kannten den Herrn Jesus nicht wirklich. Sie hatten sich nie bekehrt. Daher verloren sie letztlich alles, was sie hatten. Diejenigen dagegen, die dem Licht treu sind, das sie besitzen, erhalten noch mehr (Mt 25,29).

Das mag auf den ersten Blick eigenartig wirken. Aber dies ist ein göttlicher Grundsatz: Derjenige, der hat, weil er die Dinge des Herrn wertschätzt, wird mehr und mehr, ja sogar Überfluss haben. Demjenigen aber, der nichts besitzt, weil er sich nicht vor dem Herrn Jesus beugt und das wertschätzt, was ihm anvertraut worden ist, wird alles aberkannt. Selbst das, was er meint zu haben, wird ihm genommen (Lk 8,18). Es bleibt nichts übrig.

So hat dieser Knecht am Ende gar nichts mehr. Er ist nackt, arm und blind (vgl. Off 3,17). Bis heute kann man diesen Zustand noch verändern. Wer dem Ratschlag des Herrn an die Versammlung in Laodizea folgt und vom Herrn Gold, Kleider und Augensalbe kauft (Off 3,18), wird gerettet. So groß ist die Gnade des Herrn, dass Er diese Gnade bis zu seinem Wiederkommen noch anbietet.

Man mag sich in Verbindung mit Vers 28 fragen, warum der Knecht, der inzwischen 10 Talente hat, auch noch das Talent des bösen Knechtes erhält. Warum bekommt es nicht der Knecht mit den 4 Talenten. Obwohl man den Rahmen eines Gleichnisses nicht sprengen darf, kann man vielleicht sagen, dass es mit zunehmender Verantwortung und Begabung schwerer ist, ihr gerecht zu werden. Das trifft hier auf denjenigen zu, der zu Beginn fünf Talente erhalten hat. Weil er treu war in den für ihn schwierigen Umständen, bekam er dann auch noch das eine Talent des bösen Knechtes hinzu. Das wird ihm der zweite Knecht nicht neiden – beide werden die vollkommene Freude des Meisters teilen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der faule Knecht als unnütz verurteilt wird. Nur das ist in dieser Welt von wahrem Nutzen, was für Christus und in lebendiger Erkenntnis seiner Person getan wird. Wer treu ist, empfängt noch mehr. Je mehr man in der Erkenntnis und im Gehorsam Gott gegenüber wächst, desto mehr Segen wird einem zuteil. Dieser Segen ist sogar ein ewiges Teil in der Gegenwart des Herrn.

Eine Botschaft auch für Kinder Gottes

Auch bei dem ähnlichen Gleichnis in Lukas 19 erleidet der Mensch Schaden. Dort aber wird nicht gesagt, dass er in die äußerste Finsternis hinausgeworfen wird. Das liegt einfach daran, dass Lukas immer wieder die Gnade hervorstrahlen lässt. Dazu passt dieses Werfen in die äußerste Finsternis nicht. Dennoch bedeutet auch dort das Wegnehmen des Pfunds in letzter Konsequenz nichts anderes.

Es fällt auf, dass bei Matthäus das Versagen bei dem Mann vorliegt, der mit dem wenigsten betraut war. Wir wollen es diesem Mann nicht gleichtun, sondern daraus lernen. Wir können sicher sein, dass der Herr den Knecht, der bei geringer Fähigkeit geringe Dinge eifrig und sorgfältig tut, besonders ehren wird.

Das enthält für uns eine wichtige Botschaft. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass je weniger jemand an geistlicher Gabe geschenkt bekommt, er desto gleichgültiger damit umgeht. Dabei möchte der Herr jeden benutzen. Das gilt gerade auch uns, die wir nur wenig im Vergleich zu herausragenden Dienern früherer Zeiten übertragen bekommen haben.

Vielleicht hat jemand den Eindruck, seine Gnadengabe habe sich im Laufe des Lebens verringert, weil er im Alter kein so umfangreiches Pensum mehr leisten kann. Das steht nicht im Widerspruch dazu, dass das Benutzen von Gaben normalerweise dazu führt, dass sich diese Talente vermehren. Es ist nur ein anderer Blickwinkel, was den Einsatz der Gaben zum Beispiel im Alter betrifft.

Ein älterer Christ kann beispielsweise das Haus nicht mehr verlassen, obwohl er früher an 250 Tagen im Jahr im Dienst für den Herrn unterwegs war. Wie auch immer die Umstände sein mögen – eines können wir immer tun: Das Talent zur Bank bringen, um Zinsen zu erhalten. Man hat dieses Bild angewendet auf Geschwister, die nichts mehr anderes tun können als für andere zu beten. Wird es dafür nicht einen gewaltigen Zins geben, den man dem Herrn zurückgeben kann? So bestehen für jeden von uns Aufgaben, die wir tun können. Es liegt nicht am Herrn, sondern an uns!

Leider fehlt wirklichen Christen oft gerade die praktische Kenntnis des Herrn. Denn wenn wir unseren Herrn mehr kennen würden, hätten wir mehr Vertrauen zu Ihm. Der Mangel an der Pflege dieser Beziehung führt nicht dazu, dass ein Kind Gottes wieder verloren gehen kann. Und doch werden wir heute nur dann wirklich treu dienen können, wenn wir Vertrauen zu unserem Meister haben und Ihn mehr und mehr kennenlernen. Deshalb ermahnt uns Petrus am Ende seiner zwei Briefe, die vom Königreich Gottes handeln: „Wachst aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (2. Pet 3,18).

Lasst uns auch bedenken, dass jeder, der etwas empfangen hat, dafür verantwortlich ist, damit zu handeln. Du hast vielleicht mehr empfangen an Licht und Klarheit als viele andere. Daher ist deine Verantwortung entsprechend höher (vgl. Lk 12,48). Der Herr legt aus diesem Grund einen höheren Maßstab an dein Vertrauen zum Herrn als an andere.

Falsche Deutungen des unnützen Knechtes

Was den unnützen und bösen Knecht betrifft, gibt es leider wieder einmal irreführende Auslegungen. Man kann lesen, dass es sich bei ihm um einen Gläubigen und Diener Christi handle, der keinen Nutzen aus seinen Talenten gezogen hätte. Alle gläubigen Christen, die in derselben Weise handeln, müssten sein Schicksal teilen. In Konsequenz dieser Auffassung lehrt man dann: Wenn man zu Treue, Fleiß und Nutzung der anvertrauten Talente ermahnt wird, aber nicht entsprechend handle, wird man in die äußerste Finsternis geworfen werden. Das ist dieselbe falsche Lehre, die wir schon im Blick auf die fünf törichten Jungfrauen besprochen haben. Wir finden keinen einzigen Hinweis auf eine solche Lehre im Neuen Testament. Sie ist unhaltbar, führt zur Verunsicherung der Erlösten und nimmt die Freude am Herrn Jesus weg.

Wenn diese Lehre stimmen würde, beruhte die finale Errettung eines Menschen nicht allein auf dem Erlösungswerk des Herrn am Kreuz. Dann wäre sie von der Treue des Gläubigen und seinem Dienst abhängig. Wenn das stimmen würde, könnte man den Galater- und Römerbrief aus dem Neuen Testament streichen. Alle Hinweise auf die alleinige Grundlage des Werkes Christi wären eine Lüge. Nein, kein von Neuem geborener Christ wird in der äußersten Finsternis sein. Das ist der Ort, an dem neben Satan und seinen Engeln allein die Ungläubigen sein werden.

Andere erweitern den eben geäußerten Gedanken und meinen, dass jeder Mensch ein Talent anvertraut bekommen hat, selbst wenn es nur ein kleines ist. Wenn dieses verwendet und verbessert werde, münde es in die Errettung. Auch das ist vollkommen unbiblisch. Wir haben es mit einem Evangelium der Gnade zu tun und nicht mit einem Evangelium, das auf den Werken der Menschen ruht. Dann wäre Christus umsonst gestorben! Wenn unsere Erlösung von uns und unserem Wirken abhinge, würden wir alle verloren gehen. Denn der Mensch ist von Natur böse und verloren.

Wie schon gesagt offenbaren die Worte des bösen Knechtes und das Gericht, das ihn treffen wird, dass er keine Beziehung zu Gott besitzt. Er stellt einen Ungläubigen, einen falschen Bekenner dar. Das ist die wahre Ursache dafür, dass er sein Talent in der Erde verborgen hat. Er hatte kein Vertrauen zu Gott. Jeder Gläubige hat jedenfalls ein Mindestmaß an Vertrauen!

Wenn auch dieser dritte Knecht einen Ungläubigen darstellt, ist sein Verhalten doch auch eine Mahnung an uns, die wir an den Herrn Jesus glauben. Die meisten von uns werden zugeben, dass sie nur ein Talent anvertraut bekommen haben. Wenn wir sehen, wie Paulus und viele andere vor uns begabt worden sind, können wir zu keinem anderen Schluss kommen. Wenn wir aber so gering im Blick auf unsere Aufgabe denken, gleichen wir diesem Mann und verbergen unser Talent. Wenn wir uns wirklich zum Herrn Jesus bekehrt haben, werden wir nicht in die Hölle geworfen werden. Aber wir erfüllen bei einer solchen Haltung nicht den Dienst, zu dem der Herr uns begabt hat. In den Augen des Herrn wären wir dann – jedenfalls punktuell – unnütze Knechte.

Wir wollen daran festhalten, dass der Dienst derer, die „nur“ ein Talent erhalten haben, genauso wertvoll ist wie der von Menschen, die mehrere besitzen. Der Herr möchte uns alle benutzen. Und auch wir als Christen brauchen alle, sowohl die „Hochbegabten“ wie die „Normalbegabten“! „Denn wer verachtet den Tag kleiner Dinge?“ (Sach 4,10). Gott jedenfalls nicht. Dann sollten auch wir das nicht tun.

Ein Vergleich der drei Gleichnisse über die christliche Zeit

Am Schluss dieses Abschnitts über die drei Gleichnisse, welche die christliche Epoche betreffen, möchte ich in einer Tabelle noch einmal Ähnlichkeiten und Unterschiede zeigen. Sie haben uns bereits während der Betrachtung dieser Verse beschäftigt. In einer solchen Tabelle stehen sie allerdings übersichtlich gegenüber. Sie geben dem flüchtigen Leser einen Überblick über diese wichtigen drei Gleichnisse.

Gleichnisse

Themen

Der treue und böse Knecht Die 10 Jungfrauen Die Talente
Oberthema Kommen des Herrn Kommen des Herrn Kommen des Herrn
Zentrale Frage Gibst du die Nahrung zur rechten Zeit? Erwartest du den Bräutigam? Benutzt du die Talente für den Herrn?
Beschreibung des Herrn Herr Bräutigam Mensch und Herr
Der Herr ist abwesend abwesend abwesend
Das Kommen des Herrn bleibt aus – dann: an jenem Tag, unerwartet bleibt aus – dann: kommt Er nach langer Zeit
Wahre Bekenner der treue und kluge Knecht 5 kluge Jungfrauen die guten und treuen Knechte
Falsche Bekenner der böse Knecht 5 törichte Jungfrauen der faule und böse Knecht
Verantwortung aller Christen zusammen der Bekenner (eher persönlich) jedes Einzelnen
Aufgabe der Christen Nahrung Geben Zeugnis Ablegen Dienen
Richtung der Aktivität nach innen nach außen nach außen und innen
Prüfung Haltung der Jünger Bekenntnis der Jünger Dienst der Jünger
Notwendig für die Belohnung Wachsamkeit Echtheit des Bekenntnisses Nützlichkeit
Der Lohn Setzen über die ganze Habe Eingehen zur Hochzeit Wertschätzung, Aufgaben im Reich, Teilhabe an der Freude des Herrn.
Mangel der falschen Bekenner Schlagen der Knechte, Gemeinschaft mit den Bösen kein Öl Faulheit, Nichtstun; Vortäuschen der Kenntnis des Herrn
Vorwurf Heuchelei keine Beziehung keine Zinsen
Gericht Entzweischneiden, bei den Heuchlern sein, Weinen und Zähneknirschen Verschlossene Tür, „ich kenne euch nicht.“ Wegnahme des Talents, äußerste Finsternis, Weinen und Zähneknirschen

Die Endzeitrede über das Gericht der Nationen (Mt 25,31–46)

Mit Vers 31 nimmt der Herr Jesus wieder den Faden der prophetischen Geschichte von Kapitel 24,30.31 auf. Dort war die Rede davon, dass Er als der Sohn des Menschen mit Macht und großer Herrlichkeit kommt. Er wird seine Auserwählten von den vier Winden der Erde her versammeln. Im Anschluss steht ein ermahnender Teil für die gläubigen Juden (Verse 32–44). In dessen Folge finden wir dann die drei soeben betrachteten Gleichnisse über die christliche Zeit.

In Matthäus 25,31 können wir sofort den Anschluss an Kapitel 24,31 erkennen. Darauf wird Bezug genommen: „Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit“, wie es nämlich in Kapitel 24,30.31 beschrieben worden ist, dann findet das Gericht der Nationen statt (25,31.32).

Die drei Teile der prophetischen Rede

In diesem Zusammenhang möchte ich zum besseren Verständnis gerne noch einmal auf die wichtige Dreiteilung dieser großen Rede des Herrn zurückkommen:

a) Kapitel 24,1- 44: Wir hatten zunächst einen langen Abschnitt über die gläubigen jüdischen Übriggebliebenen vor uns, welche die besonderen christlichen Vorrechte nicht kennen. Der Herr spricht diese Gruppe sozusagen in der Person seiner jüdischen Jünger an. Sie repräsentieren das jüdische Volk bis zum Ende des Zeitalters, also dem Kommen des Messias auf diese Erde. An jenem Tag erscheint Er als Sohn des Menschen. Er befreit nicht nur die gläubigen Juden, sondern alle Auserwählten, die unter die verschiedenen Nationen zerstreut worden sind, damit ganz Israel gerettet werden kann (vgl. Röm 11,26). Diese Befreiung findet sofort nach der beispiellos schrecklichen Drangsalszeit statt.

b) Kapitel 24,45–25,30: Dann geht es im zweiten großen Abschnitt direkt und ausschließlich um das christliche Bekenntnis. Hier gibt es keinen Bezug auf Judäa, die Stadt Jerusalem, den Tempel, auch keine lokale oder zeitliche Bezugnahme. Das Bekenntnis mag wahr oder falsch sein und wird in drei Gleichnissen behandelt. Hier ist kein einziges Mal vom Sohn des Menschen die Rede. Denn für die Christen ist Er der Christus. Sein Titel „Sohn des Menschen“ hat dagegen besonders mit der Erde und mit Israel sowie den Nationen zu tun, nicht jedoch mit uns Christen.
Dieser christliche Teil wird nicht als Erstes behandelt, weil der Anlass für die Rede des Herrn der gewaltige Bau des Tempels war. Dieser hat direkt mit dem Volk Israel zu tun. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass das besondere Interesse des Herrn Jesus als Messias (gerade im Matthäusevangelium) seinem eigenen Volk gilt. Daher finden wir ja auch diese Reihenfolge (bei einer der beiden möglichen Deutungen) in den drei letzten Gleichnissen vom Königreich der Himmel in Matthäus 13: Israel (Schatz), Versammlung (christliche Zeit, Perle), Nationen (Fischfang).
Zudem erläutert der Herr die Einzelheiten dessen, was auf den jüdischen Überrest einmal zukommen sollte, nicht allein vor den Jüngern, die eine besondere Aufgabe in den ersten Tagen der Christenheit haben sollten: Petrus, Johannes, Jakobus. Markus berichtet uns, dass auch Andreas bei den Erläuterungen des Herrn über die jüdischen Drangsale zugegen war. Diese vier Jünger waren die ersten, die der Herr in seine Nachfolge berief (vgl. Mk 1,16–20; Mt 4,18–22). Sie stehen stellvertretend für die jüdischen Übriggebliebenen künftiger Tage. Nach der Beschreibung dieser jüdischen Zeit holt der Herr dann sozusagen nach, was zeitlich am Anfang stand: die zwischenzeitlich stattfindende christliche Zeit.

c) Kapitel 25,31–46: Im dritten und letzten Abschnitt dieser prophetischen Rede erläutert der Herr schließlich, was mit den Nationen geschieht, die sich nicht zum Christentum bekannt haben (vgl. z.B. 1. Kor 10,32) und nach der Entrückung (1. Thes 4,17) mit dem Evangelium des Königreiches bekannt gemacht werden. In Matthäus 24,14 haben wir gelesen, dass das Evangelium des Königreichs in der ganzen Welt gepredigt wird, als ein Zeugnis den Nationen. Darauf nimmt unser dritter Abschnitt Bezug und zeigt, dass die Menschen aus den Nationen auf zwei verschiedene Arten auf das Evangelium reagieren werden. Danach würde das Ende kommen, das heißt, das Wiederkommen des Herrn Jesus.

Das sichtbare Wiederkommen Christi auf diese Erde finden wir in Vers 31. Es leitet eine Gerichtssitzung des Sohnes des Menschen über die Nationen ein. An anderer Stelle werden die Nationen übrigens Griechen (vgl. z.B. Joh 7,35; 12,20) oder Heiden (vgl. Mt 18,17) genannt.

Wir hatten gesehen, dass der Herr als Sohn des Menschen dem abgefallenen Israel gegenüber, das dem Aas gleicht, wie ein Blitz erscheint: plötzlich, unerwartet, in furchtbarem und schnellem Gericht (Mt 24,27.28). In Bezug auf die Nationen ist von Eile und Heftigkeit keine Rede. Hier kommt Er in geradezu feierlicher Weise, um seinen irdischen Platz in Herrlichkeit einzunehmen. Dieses Kommen wird nicht wie ein Blitz vorübergehen. Der Sohn des Menschen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen (Vers 31). Alle Nationen werden Ihn sehen. Sie werden vor Ihm, der diesen Thron des Gerichts feierlich ernst eingenommen hat, versammelt stehen, um gerichtet zu werden. Das entscheidende Kriterium in diesem Gericht wird sein, wie sie die jüdischen Boten behandelt haben, die ihnen das Reich predigten.

Bevor ich auf die dann stattfindenden Vorgänge weiter eingehe, möchte ich zwei Themen voranstellen, die für das Verständnis dieses Abschnitts von großer Bedeutung sind:

  1. die zeitliche Abfolge der Ereignisse in Verbindung mit dem Kommen des Herrn Jesus auf diese Erde
  2. die verschiedenen Gerichtssitzungen, die wir in der Schrift finden.

Da dieser Abschnitt der Schrift oft missverstanden wurde, erscheint es mir nützlich, diese beiden Themen zunächst zu behandeln. Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Jede Schrift ist von Gott und für uns, aber nicht alles ist über uns. Daher ist es wichtig, dass wir zu unterscheiden lernen, was der Geist Gottes uns jeweils an jeder einzelnen Stelle lehren möchte.

Die Chronologie in Verbindung mit dem Kommen des Herrn

1. Die Entrückung: Wir finden im Neuen Testament keinen Hinweis darauf, wann die Entrückung stattfinden wird. Der Herr Jesus hat uns zugesagt: „Ich komme bald“ (Off 22,20). Er hat uns versprochen, uns zu entrücken (1. Thes 4,13–18; Joh 14,1–3). An dieser Entrückung werden alle alt- und neutestamentlichen Gläubigen teilhaben, die bis zu diesem Zeitpunkt entschlafen sind. Hinzu kommen die lebenden Gläubigen, die sich bekehrt haben und an den Herrn Jesus glauben. Sie werden bei der Entrückung verwandelt werden, ohne durch den Tod gehen zu müssen.

2. Stunde der Versuchung: Nach der Entrückung wird sofort oder nach einer gewissen Übergangszeit eine Gerichtsperiode anbrechen. Der Herr Jesus nennt sie in seinem Brief an die Versammlung in Philadelphia „Stunde der Versuchung“. Die gesamte Gerichtsperiode umfasst sieben Jahre. Sie entspricht der sogenannten 70. Jahrwoche Daniels (eine Woche von Jahren = 7 Jahre; vgl. Dan 9,24 ff.).

3. Die große Drangsalszeit: Sie beginnt mit dem Hinauswerfen Satans aus dem Himmel (Off 12,9) und dauert dreieinhalb Jahre (vgl. Dan 12,7; Off 12,14), 42 Monate (vgl. Off 11,2; 13,5) oder 1.260 Tage (Off 12,6). Ihr Anfang ist genau in der Mitte der zuvor genannten sieben Gerichtsjahre. Diese Zeit, auch „Drangsal für Jakob“ genannt (Jer 30,7), betrifft Israel und besonders die in Jerusalem und Judäa wohnenden Juden. Ihr äußerlich sichtbarer Beginn besteht darin, dass das Bild des Römischen Kaisers vom Antichristen in den Tempel gestellt wird (Off 13,14.15). Der Antichrist, den Paulus den Sohn des Verderbens nennt (2. Thes 2,3), wird sich sogar selbst in diesen Tempel setzen (2. Thes 2,4). Der Herr nennt dieses Bild „Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,15) – er wird für das ungläubige Israel Verwüstung bringen.

4. Politischer und religiöser Herrscher: Zu diesem Zeitpunkt werden der Römische Kaiser (das erste Tier aus Off 13,1 ff.; Off 14,9.11; 15,2; 16,2.10.13; 17,3.7.8.11 usw.) und der Antichrist (das zweite Tier aus Off 13,11 ff.) ihre ganze Macht entfalten. Sie werden politische (der Römische Kaiser) sowie religiöse (der Antichrist, der falsche Prophet, Off 16,13; 19,20; 20,10) Machtansprüche stellen. Sie werden sich in ihrer ganzen Bosheit offenbaren und sind von Satan inspiriert (vgl. Off 13,2.11.14).

5. Der Bund Israels mit Europa: Im Nahen Osten braut sich ein großer Krisenherd zusammen. Die Israel umgebenden Nationen sind den Juden feindlich gesonnen und drohen mit einer Invasion. Die Führer Jerusalems beraten daher unter der Herrschaft des Antichristen, wie sie dem Angriff und der Unterdrückung dieser umliegenden Nationen entgehen können. Dabei kommt ihnen zugute, dass der Römische Kaiser zu Beginn der sieben Drangsalsjahre (der 70. Jahrwoche Daniels, vgl. Dan 9,27) einen festen Bund mit dem Land Israel geschlossen hat. Gott nennt diesen Vertrag zwischen Europa und Israel „einen Bund mit dem Tod“ (Jes 28,15). Offenbar sind schon zu diesem Zeitpunkt die bereits heute sichtbaren Kriegskonflikte äußerst brisant und weitreichend. Daher entschließt sich Europa aus strategischen Überlegungen, eine feste Koalition mit Israel zu bilden. Denn der in Daniel 11,40 und anderen Stellen genannte „König des Nordens“ versucht zunehmend, Israel zu destabilisieren und zu vernichten. Dieser Name steht für den im Alten Testament immer wieder herausgehobenen Assyrer (z.B. Nah 1,14; 2,6). Hinter diesem – das Reich umfasste in seiner letzten Blütezeit Teile Ägyptens und der Türkei sowie Israel, Libanon, Syrien und den Irak – steht ein anderer, großer Feind Israels: Russland (Dan 8,24; Hes 38.39). Das ist Gog vom Land Magog, den Fürsten von Rosch, Mesech und Tubal (Hes 38,2), „im äußersten Norden (Hes 38,6.15; 39,2) von Israel aus gesehen. Da Russland für Europa eine große Herausforderung darstellt, versucht der Römische Kaiser, Gegenbündnisse zu schließen, um sein Machtgebiet halten und ausweiten zu können. Israel wiederum sieht in einem solchen Vertrag für sich den Vorteil darin, dass es der Herrschaft des Königs des Nordens entgehen könnte (Jes 28,15; 57,9; Dan 9,27).

6. Flucht der gläubigen Juden: Das Aufstellen dieses Gräuelbildes ist für die treuen Juden in und um Jerusalem der Hinweis, in die Wüste zu fliehen (vgl. Mt 24,15–20). Man kann davon ausgehen, dass besonders Moab der Zufluchtsort der Juden sein wird (Jes 16,1–5; vgl. das Vorbild in 1. Sam 22,3.4). Nur auf diese Weise entgehen sie den furchtbaren Verfolgungen durch das ungläubige Volk Israel und den Tyrannen, den Antichristen.

7. Belagerung Jerusalems durch den Assyrer: In dieser Zeit formieren sich die Feinde Israels, die das Land einnehmen und zerstören wollen. Jerusalem wird so für alle umliegenden Nationen zu einer „Taumelschale“ (vgl. Sach 12,2). Anscheinend am Ende der dreieinhalb Drangsalsjahre erfolgt dann ein erster militärischer Angriff sowohl des Königs des Südens (Ägypten) als auch des mit diesem verfeindeten Königs des Nordens (vgl. Dan 11,40). Gott wird ihn als Rute gegen Israel einsetzen (Jes 10,5), um das Volk zu züchtigen (und der Assyrer wird auch Ägypten marginalisieren, Dan 11,40 ff.). Das Heer der Assyrer wird Israel überschwemmen und überfluten (Jes 8,7.8; vgl. Dan 11,40.41) und Jerusalem belagern (Jes 28,18.19), vielleicht fünf Monate lang (vgl. Off 9,5). Das wird für die gläubigen Juden, die nicht aus Jerusalem und Israel fliehen konnten, eine furchtbare Not sein. Das zweite Psalmbuch beschreibt diese Nöte. Auch das Gebet Jonas im Bauch des Fisches (Jona 2) ist ein prophetischer Hinweis auf diese Zeit.

8. Belagerung Ägyptens durch den Assyrer: Viele ungläubige Juden sind unter dem Druck Assyriens nach Ägypten geflohen (vgl. Jes 30,1–6). Der Assyrer wird sie aber nicht ungestraft gehen lassen. Daher wird er nach Ägypten weiterziehen, um auch Ägypten zu besiegen (Dan 11,42.43) und die Flüchtlinge zu stellen. Um Israel weiter unter Kontrolle zu behalten, hat er eine Besatzungsmacht in Israel zurückgelassen. Vermutlich wird er sich durch eine Koalition mit Nachbarstaaten stärken und einen Bund mit ihnen schließen (vgl. Ps 83,4–10), so dass er nicht isoliert handeln wird, sondern einen Staatenbund anführt. Ägypten selbst scheint in dieser Zeit keine übergeordnete Funktion mehr zu spielen. Denn außer in Daniel 11,40 scheint diese Kriegsmacht an keiner weiteren Stelle prominent im Blick auf die Endzeit genannt zu werden.

9. Die Flucht des Antichristen nach Europa: Durch das plötzliche Hereinbrechen des Assyrers und vielleicht angesichts der politischen Lage in Europa (zum Teil Demokratie) wird das römische Heer aber nicht sofort eingreifen (können). Aus Angst um sein Leben wird der Antichrist daher fliehen und sein Volk zunächst im Stich lassen. Er wird sozusagen ins Exil gehen und bei seinem starken Partner Europa Unterschlupf finden (vgl. Sach 11,16.17). Zugleich wird er den Herrscher des vereinigten Europa anstacheln, möglichst schnell nach Jerusalem zu kommen, um den Assyrer zu vertreiben und zu vernichten. Satan wird das bewirken („Mund des Drachen“, Off 16,13), weil er Israel vernichten will. Tatsächlich ist es Gott, der die Dinge so lenkt, dass die handelnden Personen: der Römische Kaiser, der Antichrist, die europäische Armee und das ungläubige Israel an einem Ort versammelt sein werden (vgl. Off 16,16; Off 19,17).

10. Der Römische Kaiser im Krieg um Israel: Der Herrscher des Römischen Reiches wird daraufhin tatsächlich nach Jerusalem kommen, um seine eigene Macht zu verstärken und auszubreiten (vgl. Off 16,12–16; 19,19). Offenbarung 16,12 scheint darauf hinzudeuten, dass noch weitere Heere aus dem Nahen Osten und vielleicht sogar aus China in diesen Krieg mit eingreifen werden. Sie alle werden sich an dem Ort Harmagedon (Berg von Megiddo) versammeln (Off 16,16). Megiddo befindet sich in der Jisreel-Ebene ungefähr in der Mitte des Landes Israel. Eigentlich wollen alle diese Kriegsheere gegen den Assyrer kämpfen, um ihm die Macht über Israel zu entreißen. Dann aber geschieht etwas Eigenartiges.

11. Der Sieg Christi über den Römischen Kaiser und den Antichristen: Der Herr Jesus kommt mit allen Erlösten, die Er entrückt hat (siehe Punkt 1.) und mit den Engeln aus dem Himmel (Off 19,11–16; 1. Thes 3,13; Jud 14). Wir lesen hier nicht davon, dass der Herr direkt auf die Erde kommt. So hat es den Anschein, dass dieses Kommen seinem späteren, für alle sichtbaren, Wiederkommen auf den Ölberg (Sach 14,4; Off 1,7) vorausgeht. Seine erste Tat wird der Sieg über den Herrscher Europas und den Antichristen mitsamt ihrer Heere sein. Das wird kein längerer Kampf sein, sondern die Erscheinung Christi wird für sie sofort das Ende bedeuten. Diese beiden Anführer werden dann lebendig in den Feuersee, die Hölle, geworfen (Off 19,19.20). Der Antichrist wird durch den Hauch des Mundes des Herrn besiegt (2. Thes 2,8). Dieses Gericht an den beiden Führern der Welt führt nur eine einzige Person aus: der Sohn des Menschen, der Herr der Herren und König der Könige. Wir sind gewürdigt, dabei zu sein, aber handeln wird nur Er! Dass wir, die wir selbst Feinde Gottes waren (Röm 5,10), einmal an der Seite seines Sohnes stehen dürfen im Gericht über seine Feinde, ist letztlich unfassbar.
Vermutlich enden mit diesem ersten Sieg Christi nach seinem zweiten Kommen die 1.260 Tage (Off 12,6; oder 42 Monate oder dreieinhalb Jahre). Bis zum Beginn des Friedensreichs aber müssen noch 30 bzw. 75 Tage vergehen (vgl. Dan 12,11.12). Das könnte die Zeit sein, in der die im Folgenden beschriebenen Ereignisse stattfinden.

12. Die Rückkehr der gläubigen Juden aus Moab: Noch immer hält der Assyrer an der Belagerung Israels und besonders von Jerusalem fest. Aber jetzt kommt eine Aufforderung Gottes an die treuen Juden, die nach Moab in die Wüste geflüchtet waren, nach Jerusalem zurückzukehren (Sach 9,11.12). Daraufhin kehren diese gläubigen Juden nach Israel zurück (vgl. Ps 122). Der Ruf Gottes an seine Treuen bedeutet aber, dass Er ihnen jetzt auch im Land helfen wird, so dass sie diese Völker mit seiner Hilfe besiegen (vgl. Ps 144,1.2).

13. Die zweite Belagerung Jerusalems durch den Assyrer: Dann aber kommt der Assyrer zum zweiten Mal nach Israel. Er hat natürlich mitbekommen, was in und um Palästina passiert ist. Er hört Gerüchte aus dem Osten (die treuen Übriggebliebenen aus den Juden kommen zurück) und aus dem Norden (das wird der Krieg von Europa gegen Christus sein). In großer Eile wird er daher nach Israel zurückkehren (vgl. Dan 11,44.45). Während die erste Belagerung in Jesaja 28 zu finden ist, lesen wir von der zweiten in Jesaja 29. Auch sie wird furchtbar sein („Seufzen und Stöhnen“, Jes 29,2). Auch Psalm 123 gibt uns einen Eindruck, wie schrecklich diese Tage sein müssen.

14. Die Erscheinung Christi: Plötzlich wird der Herr Jesus auf dem Ölberg stehen, der sich in der Mitte spalten wird (Sach 14,4). Jetzt greift der Herr sichtbar und für jeden ersichtlich (Sach 12,10; Off 1,7) in das Kriegsgeschehen ein. Jeder muss Ihm weichen, und Er wird der anerkannte Herrscher und Messias sein. Christus wird kommen auf den Wolken in großer Macht und Herrlichkeit (Mt 24,29.30) und der Tag des Herrn, der mit Gericht beginnt, fängt an.

15. Die Niederlage des Assyrers: In Jesaja 29,5 ist daher von einer plötzlichen Wende die Rede. Sie kommt zweifellos durch das Kommen des Herrn. Wenn die Not der Übriggebliebenen am Größten ist, wird die einzige Hoffnung der gläubigen Juden erscheinen. Das erste Opfer des Herrn wird der Assyrer sein (vgl. Jes 30,30–33). Auch hier ist es der Hauch des Mundes Jahwes, der den Assyrer besiegt (wie den Antichristen). Der Herr Jesus wird hier als Verteidiger seines Volkes mit seinem göttlichen Bundesnamen genannt. Er nimmt sich seines Volkes an. Im Blick auf den Herrscher des vierten Weltreichs tritt Er als Sohn des Menschen auf, der die ewige Herrschaft Gottes hier auf der Erde antreten wird (Dan 7,13.14). Dieses Gericht wird dann nicht nur Assur treffen, sondern alle Länder und Völker, die Israel bedrängt und mit dem Assyrer koaliert haben (vgl. Joel 4,1–4).

16. Die Befreiung Judas und Israels: Damit einher geht die Befreiung Judas in Israel (Sach 12,7–9). Was muss das für ein Augenblick sein, wenn plötzlich, von jetzt auf gleich, die Unterdrückung und die Drangsal vorbei sein werden. Das ist wahrer Friede.

17. Das Gericht an dem ungläubigen Volk Israel: Auf die Befreiung des gläubigen Überrestes folgt sofort das Gericht an den ungläubigen Juden. Sie werden versuchen zu fliehen (Sach 14,5). Aber sie kommen nicht weit. Sehr schnell ereilt sie das Gericht (vgl. Jes 5,25). Jesaja 66,15–17 zeigt, dass nicht das gesamte ungläubige Volk in Israel, das dem Antichristen folgte, in der Drangsalszeit unter den Gerichten Gottes umkommen wird. Der noch lebende Teil der Ungläubigen wird unmittelbar das Gericht des Herrn Jesus erleben, der zu seinem Volk kommt.

18. Der Einzug in Jerusalem: Danach wird sich der Einzug Jesu nach Jerusalem (Mt 21,1 ff.) wiederholen. Er wird nach Sacharja 9,9 auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, nach Jerusalem kommen. Dort regiert Er dann als Messias, Priester und Prophet (vgl. Sach 6,13).

19. Die Rückkehr der zehn Stämme: Dann werden auch die zehn Stämme (außer Juda und Benjamin), welche die ganze Zeit noch nicht im Land gewesen sind, zurückkehren. Stellen wie Jesaja 11,12; 66,20.21; Hesekiel 20,34 zeigen, dass sie aus allen Nationen gesammelt werden (vgl. Mt 24,31). Bis heute ist uns nicht bekannt, wo überall sie wohnen und wie diese ethnische Zuordnung zum Volk Israel auf einmal erkennbar werden wird.

20. Der Sieg über die sonstigen Nachbarvölker: Danach findet der Kampf gegen die Nachbarvölker statt, die bislang von Christus noch verschont worden sind. Das sind vermutlich besonders Ägypten und Edom. Edom hat nach Psalm 83,4 zur Koalition Assyriens gehört. Dennoch scheint es so, dass sich der Herr das Gericht an diesem Volk besonders aufgespart hat (vgl. die Hinweise im Propheten Obadja). Alle Völker, unter die das Volk Israel zerstreut wurde, werden gerichtet werden (vgl. Jer 30,11.16; Ps 9399).

21. Das Binden Satans: Bevor das Friedensreich seinen Anfang nehmen kann, muss noch der große Feind Jesu und der Gläubigen gebunden werden. Er wird die gesamte Zeit des Friedensreiches im Abgrund gefangen sein (Off 20,2).

22. Das Friedensreich: Damit haben wir den lang erwarteten Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs. Nur der Herr sagt uns in der Offenbarung, dass es 1.000 Jahre dauern wird (Off 20,3.7). Das Alte Testament und besonders die Propheten sind voll von Hinweisen über dieses Reich. An dieser Stelle nenne ich nur Jesaja 65,17 ff.; 66,22.23; Ob 21).

23. Die Niederlage Russlands: Es hat den Anschein, dass es nach Beginn des Friedensreichs noch einen letzten Einfall in Israel geben wird. Nachdem in Hesekiel 36 das Volk Israel geistlich und in Hesekiel 37 auch national wiederhergestellt worden ist, finden wir in Hesekiel 38 auf einmal, dass Gog und Magog, Rosch, Mesech und Tubal in Israel einfallen. Das muss bereits zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs sein. Es deutet vieles darauf hin, dass diese Macht für Russland steht, die bislang schon hinter dem König des Nordens bzw. dem Assyrer stand, sich aber nicht offen zu erkennen gegeben hat. Jetzt tritt sie auf, um das Königreich des Herrn zu zerstören. Der Herr wird sie aber vernichtend schlagen (vgl. Hes 38,22.23).

24. Das Gericht der Nationen: Vermutlich im Anschluss an diese Schlacht müssen wir das Gericht einordnen, dass der Herr Jesus in Matthäus 25,31 ff. dann beschreibt. Es dürfte sich nicht um das Gericht an den Nachbarvölkern Israels handeln, weil es jetzt um ein Richten aller Nationen (Vers 32) geht. Es ist übrigens interessant, dass wir in Psalm 24, der von Gott an die Ps 22 und 23 angefügt worden ist, den Herrn Jesus als den „König der Herrlichkeit“ finden. Psalm 22 stellt uns den Herrn Jesus als Sünd- und Schuldopfer vor, als den guten Hirten für sein Volk. In Psalm 23 lernen wir etwas von Ihm als dem großen Hirten für die Seinen, die Ihm auch in Drangsalen vertrauen. Das trifft besonders für den gläubigen Überrest künftiger Tage zu. Und in Psalm 24 ist Er der Erzhirte, der auf diese Erde zurückkommen wird und sein Reich antritt. In den Versen 7–10 wird Er fünfmal „König der Herrlichkeit“ genannt. Es geht dort um seine Herrlichkeit als Herrscher. Der König der Herrlichkeit sitzt auf einem Thron der Herrlichkeit. Und diesen finden wir in unserem Abschnitt.

Die verschiedenen Gerichtssitzungen

Bevor wir aus der Chronologie zu dem vor uns liegenden Abschnitt kommen, beleuchten wir noch die verschiedenen Gerichtssitzungen, von denen die Bibel redet. Ich möchte versuchen, die hier vorgestellte Gerichtssitzung einzuordnen und von den anderen Sitzungen abzugrenzen.

Dazu müssen wir zunächst unterscheiden zwischen einem Sitzungsgericht und einem Kriegsgericht. Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus aus dem Himmel kommen wird, um den Herrscher des Römischen Reiches zu besiegen. Das ist Gericht, und zwar ein Kriegsgericht. Dasselbe gilt für das Überwinden des Antichristen und des Assyrers. Sie werden nämlich nicht vor einem „Hohen Gericht“ verurteilt werden. Ihr Ende kommt in einem Kriegsgericht unseres Herrn, der diese ungöttlichen Menschen und Funktionsträger mit einem gesprochenen Wort überwinden wird. Dennoch spricht die Schrift auch von anderen Arten von Gerichten, zum Beispiel von Sitzungsgerichten. Die verschiedenen Gerichtssitzungen der Schrift, die im Blick auf die Zukunft von Bedeutung sind, möchte ich im Folgenden kurz skizzieren:

1. Der Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10)

„Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10). Zunächst einmal muss man fragen, wer vor diesem Richterstuhl erscheinen wird. Tatsächlich könnte der Gesamtzusammenhang dieses Verses (die vorherigen und die nachfolgenden) darauf hinweisen, dass früher oder später alle Menschen vor diesen Gerichtsstuhl kommen werden. Der Apostel formuliert diese Worte so grundsätzlich, dass sie auf jedes Sitzungsgericht künftiger Tage, das der Herr halten wird, zutreffen.
Andererseits fällt auf, dass das „wir“ zum größten Teil in diesem Kapitel nur auf Gläubige bezogen wird. Jedenfalls bleibt wahr, dass es eine erste Sitzung des Richters geben wird, bei der alle diejenigen erscheinen werden, die an der ersten Auferstehung teilhaben (vgl. Off 20,5.6). Das sind „wir“ – alle Erlösten von Adam an bis zur Entrückung. Diese erste Auferstehung hat mit der Auferstehung des Herrn begonnen. Sie findet ihre Fortsetzung, wenn der Herr Jesus wiederkommen wird, um alle Heiligen und zuerst die Toten in Christus aufzuerwecken (vgl. 1. Thes 4,15–17). Auch die Märtyrer während der großen Drangsal gehören dazu (vgl. Off 20,4.5).
„Wir“ Gläubigen werden nicht gerichtet werden, das hat uns der Herr Jesus versprochen: „Wer an ihn [den Sohn Gottes] glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet“ (Joh 3,18). Ein von neuem geborener Christ wird nicht gerichtet, weil ein anderer, der Herr Jesus, sein Gericht getragen hat.
Aber wir werden vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden. Das heißt, unser ganzes Leben wird zumindest uns persönlich vor diesem Richterstuhl offenbar werden. Der Herr möchte, dass wir erkennen, wie der Herr Jesus uns in allem geführt hat und seine Gnade hat überströmen lassen. Es ist sein Ziel (und wir stimmen darin ein!), dass wir auch in den Punkten, in denen wir noch nicht zu einem konkreten Bekenntnis von Sünden gekommen sind, seine Sicht erhalten. Wir empfangen an diesem Richterstuhl Belohnung, je nachdem, was wir hier getan haben. Wenn wir viel Gutes getan haben, werden wir eine große Belohnung erhalten. Wenn wir jedoch Böses getan haben, das Gott nicht gefallen hat, werden wir dafür keinen Lohn erhalten. Das würde ein großer Verlust sein.
In Römer 14,10 wird dieser Gerichtsstuhl „Richterstuhl Gottes“ genannt, weil das Urteil, das dort gefällt wird, göttlichen Charakter trägt. Es ist nicht menschlich, es ist ein unbestechliches, göttliches Urteil, das dort gefällt wird. Der Richter ist der Herr Jesus. Deshalb nennt Paulus diesen Thron in 2. Korinther 5 „Richterstuhl des Christus“.

2. Das Gericht der Lebendigen (Mt 25,31–46)

„Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christus Jesus, der richten wird Lebende und Tote“ (2. Tim 4,1). „Die dem Rechenschaft geben werden, der bereit ist, Lebende und Tote zu richten“ (1. Pet 4,5; vgl. auch Apg 10,42). Das Wort Gottes unterscheidet deutlich das Gericht an Lebenden und das Gericht an Toten. In Matthäus 25 haben wir es mit einem Sitzungsgericht auf dem Thron der Herrlichkeit über Lebende zu tun. Denn vor dem Sohn des Menschen werden dort keine Toten erscheinen, sondern nur zu der (zukünftigen) Zeit lebende Menschen aus allen Nationen.

3. Das Gericht der Toten (Off 20,11–15)

„Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet“ (Off 20,11.12). Vor dem großen weißen Thron werden keine lebenden Menschen mehr stehen. Hier finden wir nur diejenigen, die nicht teilhatten an der ersten Auferstehung. Sie gehören zur Auferstehung des Gerichts (Joh 5,29). Wer vor diesem Thron steht, wird nach Vollendung des 1.000-jährigen Friedensreichs auferweckt werden, um dann in Ewigkeit im Feuersee, der Hölle, leiden zu müssen. Vor diesem Gerichtsthron werden alle ungläubigen Menschen von Kain an erscheinen. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Der römische Herrscher künftiger Tage und der Antichrist sind nach Offenbarung 19,20 über 1.000 Jahre zuvor in die Hölle geworfen. Es muss schrecklich sein, an diesem Ort ewig existieren zu müssen. Wir lesen sogar, dass Erde und Himmel entfliehen angesichts der Heiligkeit dessen, der hier auf dem Thron sitzt.

In der Christenheit und auch unter vielen Theologen ist über die Endgerichte eine diffuse Vorstellung verbreitet. Viele meinen, es gebe am Ende der Tage ein gemeinsames Gericht „am jüngsten Tag“ vor dem „jüngsten Gericht“. Das wird dann mit allen möglichen Gerichtsberichten der Schrift verbunden. Das hat zu einer regelrechten Irreleitung vieler Menschen geführt. Manche haben auch gemeint, dieser Text in Matthäus 25 sei ein Gleichnis. Ähnliches wird über die Begebenheit von Lazarus und dem reichen Mann in Lukas 16 gesagt. Aber beide Geschehnisse sind keine Gleichnisse, sondern feierliche Beschreibungen realer Ereignisse und Zustände, auch wenn sie gleichnishaft beschrieben werden.

Vermutlich kommt der Ausdruck „jüngster Tag“ aus der Lutherübersetzung, wo in Johannes 6,39.40.44.54; 11,24; 12,48 – nach richtiger Übersetzung – vom „letzten Tag“ die Rede ist. Damit verbindet sich für viele eine Art Sammelgericht, an dem jeder Mensch gerichtet und freigesprochen oder verurteilt wird. Das aber ist eine Vorstellung, die nicht mit den Aussagen der Bibel übereinstimmt. Wir haben schon die verschiedenen Gerichtsarten und -sitzungen gesehen. Um falschen Schlüssen vorzubauen, möchte ich besonders zur Unterscheidung der zwei letzten Gerichtsetappen noch einige Ergänzungen vornehmen.

Gläubige Christen werden nur die „erste Etappe“ der drei genannten erleben: den Richterstuhl des Christus. Sie werden von Christus entrückt werden (1. Thes 4,17) und dann sofort diesen Richterstuhl vor sich haben, um in Ewigkeit in vollkommener Gemeinschaft mit ihrem Retter verbunden zu sein. Wie lange diese Sitzung für uns als Erlöste dauern wird, sagt Gottes Wort nicht. Aus Offenbarung 4 und 5 wissen wir aber, dass sie sicherlich nicht die sieben Jahre der „Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird“ (Off 3,10) andauern wird. Wir werden in dieser „Zeit“ Gott und den Herrn Jesus anbeten.

Christen dagegen, die falsche Bekenner sind und den Herrn Jesus als Retter abgelehnt haben, werden nur das dritte Gericht erleben. Sie werden irgendwann sterben oder durch die Gerichte der sieben Gerichtsjahre, die auf die Entrückung folgen werden, umkommen. Dann werden sie diese schrecklichen Momente vor dem großen weißen Thron vor sich haben – danach eine Ewigkeit in der Gottesferne der Hölle. Sie werden in dieser Zeit „alle gerichtet werden“, weil sie der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit (2. Thes 2,11.12).

Das zeigt deutlich, dass es eine Verdrehung der Belehrung unseres Abschnitts in Matthäus 25 ist, wenn man ihn direkt auf uns Christen angewandt hat. Das mag daran liegen, dass man nicht erkannt hat (oder nicht erkennen will), dass Gott in unserem Evangelium eine grundsätzliche Unterscheidung von Epochen (Haushaltungen, Dispensationen) vornimmt. Die christliche Zeit ist eine besondere Zeit, die man nicht mit der Zeit verwechseln darf, in der Gott mit Juden und Nationen andere Wege geht. Ein Kennzeichen der christlichen Zeit ist, dass Gott durch Glauben erkannt und als Retter angenommen wird. In künftigen Tagen dagegen wird das Gesetz wieder eine wesentliche Rolle spielen. Genau das finden wir in unseren Abschnitten wieder.

Da aber viele Christen der Meinung sind, das Gesetz sei auch unsere Lebensregel, können sie diesen Unterschied nicht erkennen. Sie meinen daher, sich in den Schafen und Böcken erkennen zu können. Sie meinen auch, das Gesetz zur Erlangung der Seligkeit halten zu müssen. Aber es gibt niemanden, der das Gesetz ganz zu halten imstande ist. Solche Menschen lesen von den „Gesegneten des Vaters“ – und meinen, das sei nichts anderes als ihre (christliche) Hoffnung. Sie hören von den Brüdern des Königs und meinen, das beziehe sich auf uns, die Christen. Wir werden im Verlauf der Betrachtung der Verse weiter auf diese Punkte eingehen. Hier sei nur noch einmal bestätigt:

Unterschiede zwischen dem Thron der Herrlichkeit und dem großen weißen Thron

Vor dem in Matthäus 25,31 genannten Thron der Herrlichkeit werden keine Christen stehen, sondern Heiden. Dort werden sich keine Toten befinden, auch keine Auferstandenen, sondern nur Lebende. Dieser Thron wird auf der Erde sein, während der große weiße Thron nicht lokalisiert werden kann, da angesichts seines Richters Himmel und Erde entfliehen. Somit kann der Thron nicht auf der Erde stehen.

Vor dem Thron der Herrlichkeit steht eine gemischte Gruppe von Menschen. Manche werden belohnt und das Königreich erben, andere werden bestraft und in die ewige Pein entlassen. Vor dem großen weißen Thorn steht keine gemischte Gruppe. Jeder, der vor diesem Thron erscheinen muss, ist ein Ungöttlicher, ein Ungläubiger, jemand, der ewig verloren gehen wird. Eines jedoch eint beide Richterstühle:

  • Es wird ein endgültiges Gericht ausgesprochen, auch wenn die Menschen, die nach Matthäus 25 verurteilt werden, mit allen anderen ungläubigen „Toten“ noch vor dem großen weißen Thron stehen werden.
  • Vor beiden Richterstühlen sind die Werke wichtig. Hier wie dort werden die Menschen nach ihren Werken gerichtet.

Vor dem Thron der Herrlichkeit stehen ausschließlich Menschen aus den nicht-christlichen Nationen. Vor dem großen weißen Thron werden sowohl ungläubige Juden als auch ungläubige Christen und ungläubige Heiden stehen. Aber sie erscheinen nicht mehr im Charakter ihrer Herkunft, denn es sind Tote. Im Tod sind alle nationalen und sozialen Unterschiede verschwunden.

Vor dem Thron der Herrlichkeit erscheinen diejenigen Heiden, die in keiner Schlacht ihren Untergang gefunden haben. Vielleicht war ihr Land auch an keinem dieser Endzeitkriege beteiligt. Wir haben schon gesehen, dass es Gerichte gibt, die Christus persönlich unter Verwendung von Kriegsheeren ausüben wird. Ein Beispiel sind die mächtigen Armeen der verschiedenen Könige der Erde, die bei Harmagedon ihren Untergang finden werden. Davon wird der große Teil der Zivilbevölkerung dieser Länder jedoch nicht betroffen sein. Aber alle müssen vor dem prüfenden Blick des Sohnes des Menschen vorübergehen, wenn Er auf dem Thron der Herrlichkeit nach Matthäus 25 sitzen wird. Denn nur Er kann nach seiner unfehlbaren Weisheit unterscheiden und aussondern. Das wird Er gleich dem Hirten tun, der die Schafe von den Böcken scheidet.

Abschließend zu diesem einleitenden Teil möchte ich noch sagen, dass die Intensität des Gerichts in Matthäus 25 nicht verglichen werden kann mit der in Offenbarung 20. Das Gericht der Nationen steht auch nicht auf einer Stufe mit einer solch detaillierten Prüfung, wie man sie in Römer 2 im Blick auf die verborgenen Beweggründe des Menschen lesen kann. So wird es dann aber vor dem großen weißen Thron sein. Dann wird es egal sein, ob jemand ohne Gesetz, unter Gesetz oder unter Gnade gelebt hat. Entscheidend ist, ob er im Buch des Lebens steht (vgl. Off 20,15). Das wird durch die „fehlenden“ Werke bestätigt. Hier in Matthäus 25 jedoch geht es „nur“ um das Verhalten gegenüber den jüdischen Boten des Königs.

Dazu müssen wir bedenken, dass nach Matthäus 25 nur Heiden vor dem Herrn Jesus stehen werden, keine im christlich-biblischen Sinn aufgeklärten Menschen des Volkes Gottes. Manchen dieser Heiden ist vielleicht nie ein Bote mit dem Evangelium begegnet. Gott hat diese Zeit der Unwissenheit in göttlicher Gnade übersehen. Diejenigen, die unter den Nationen als Gerechte bezeichnet werden können, sind zum Teil wenig im Glauben belehrt worden. Aber eines tun sie: die Boten und ihre Botschaften annehmen. Und das offenbart ihr Herz, wie es zu Gott und seiner Botschaft des Königreichs steht.

Es ist im Übrigen nicht ganz leicht zu erkennen, wann genau dieses Sitzungsgericht stattfinden wird. In der Chronologie habe ich versucht, eine Einordnung vorzunehmen. Man kann im Alten Testament, soweit ich das übersehen kann, keinen direkten Hinweis auf dieses Sitzungsgericht der Nationen finden. Daher muss man letztlich offenlassen, ob es sich um eine zeitlich festlegbare Gerichtssitzung handelt, die an einem bestimmten Zeitpunkt nach dem Kommen des Herrn stattfindet. Vielleicht handelt es sich auch um ein Gericht, das über einen längeren Zeitraum hinweg vorgenommen wird.

Offenbarung 20,4 zeigt uns, dass offenbar im Anschluss an das Gericht des Römischen Herrschers und des Antichristen (Off 19,20) am Anfang des 1.000-jährigen Friedensreichs Throne auf der Erde aufgestellt werden. Auf ihnen werden die Nationen gerichtet werden, von denen in Vers 3 die Rede ist. In Jesaja 3,13 ist ebenfalls von dem Gericht der Nationen die Rede: „Der Herr steht da, um zu rechten; und er tritt auf, um die Völker zu richten.“ Manche Bibelausleger denken auch an Joel 4,2.12, wenn sie von dem Gericht aller Nationen sprechen, das wir hier finden. Tatsächlich ist dort in Vers 12 von einem Sitzungsgericht die Rede, das in der Talebene Josaphat stattfinden wird.

Wann und wie man sich diesen Prozess vorstellen soll, der ja die ganze Erde umschließt, bleibt uns heute wohl noch verborgen. Der Herr sagt nicht, wie lange dieses Gericht andauern wird. Es ist auch nicht gesagt, dass alle Nationen zum selben Zeitpunkt vor dem Herrn stehen. Auch die Form des Gerichts ist neu. Aber derartige Unterscheidungsgerichte gibt es schon, seit Menschen auf der Erde leben. Bei Noah gab es Gerechte, die gerettet wurden, und Gottlose, die gerichtet wurden. Dasselbe finden wir bei Sodom und Gomorra und später immer wieder. Auch Johannes der Täufer kündigte den Herrn mit einem solchen unterscheidenden Tennengericht an (Mt 3,12). Daraus schließe ich, dass der Herr in diesen Versen nicht den Prozess vorstellen möchte, in welcher Weise die Nationen kommen und in welcher Zeit sie gerichtet werden, sondern nur, dass auch den Nationen Gerechtigkeit widerfahren wird.

Verse 31–33: Der Sohn des Menschen kommt zum Scheidungsgericht

„Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken“ (Verse 31–33).

Wenn es um das Kommen des Herrn geht, ist in diesen beiden Kapiteln immer vom „Sohn des Menschen“ die Rede, nicht vom Messias. Das gilt übrigens auch in dem Teil, der Israel betrifft (Mt 24,1–44). Der Titel „Messias“ spricht speziell von seiner Beziehung zu Israel. Hier ist jedoch von Ihm als dem Richter und Regenten über die ganze Erde die Rede. Er kommt dazu in der Vollendung des Zeitalters (vgl. Mt 13,39.40.49; 24,3). Dann beginnt das 1.000-jährige Friedensreich.

In den vor uns stehenden Versen sehen wir, dass sich vor dem Thron der Herrlichkeit letztlich vier Parteien versammeln:

  1. der Richter: Jesus Christus, der Sohn des Menschen. Heute noch sitzt der Herr Jesus auf dem Thron seines Vaters (vgl. Off 3,21). Das ist ein Thron der Gnade, wo Er jeden annimmt, der in Buße und mit dem Bekenntnis seiner Sünden zu Ihm kommt. Aber wenn Er als Sohn des Menschen auf die Erde kommen wird, richtet Er seinen eigenen Thron auf. Es wird ein Thron der Herrlichkeit sein. Thron ist im Übrigen nicht nur ein Symbol für seine Regierung – das ist er auch. Aber es geht hier wörtlich darum, dass Er einen Richter- und Regententhron auf der Erde besitzen wird. Er wird zusammen mit den Engeln und mit uns erscheinen und von allen Menschen der Erde gesehen werden (Off 1,7). Auch in Matthäus 19,28 spricht der Herr zu Petrus von diesem Thron der Herrlichkeit, wenn Er auf die Wiedergeburt, das 1.000-jährige Friedensreich, hinweist. Dieses beginnt mit dem zweiten, sichtbaren Kommen des Herrn.
    Der Ausdruck, „wenn der Sohn des Menschen kommt“ bezieht sich im Übrigen immer auf die zweite Phase seines zweiten Kommens. Er wird nie verwendet, wenn es um die Entrückung geht. Darüber hinaus zeigt der Titel „Sohn des Menschen“ sofort, dass es um ein Gericht von Menschen geht, die auf der Erde leben. Natürlich kommt der Sohn des Menschen mit den Wolken des Himmels. Aber Er kommt, um diese Welt und die Völker der Erde zu richten.
  2. die Schafe: Das sind diejenigen Menschen aus den Nationen, die das Königreich erben. Sie haben die Boten aus Juda, die das Evangelium des Königreichs verkündigt haben, unterstützt und ihre Botschaft angenommen. Sie haben die Boten aufgenommen und ihnen in ihren Mühen Beistand geleistet und Mitleid erwiesen. Der Herr Jesus stellt sie zu seiner Rechten – Er genießt die Beziehung zu ihnen. Sie werden durch diese Verbindung mit Ihm gesegnet.
  3. die Böcke: Das sind diejenigen Menschen aus den Nationen, die nicht in das Königreich eingehen werden. Denn sie haben die Boten aus Juda, die das Evangelium verkündigt haben, abgelehnt und gingen an ihnen gleichgültig vorüber. Sie haben die Botschaft des Königs verworfen. Der Herr Jesus wird diese Menschen nicht zu seiner Linken stellen, sondern „zur Linken“. Denn Er hat keine Beziehung zu diesen Menschen.
  4. die Brüder: Das sind die Juden, die der Herr nach Matthäus 24,14 in der Drangsalszeit als Boten aussenden wird. Er konnte sie dazu verwenden, während seiner Abwesenheit das Evangelium des Reiches dem ganzen Erdkreis zu predigen. Sie werden manche Ablehnung und dadurch sogar Verfolgung zu erleiden gehabt haben. Aber der Herr hat sie in ihrem Dienst bewahrt. Denn sie sind seine Jünger. Er hat für sie durch die „Schafe“ gesorgt.

Wir können davon ausgehen, dass weder die Schafe noch die Böcke je das Evangelium der Gnade gehört haben. Denn das Neue Testament macht sehr deutlich, dass es für die Menschen, welche die christliche Botschaft gehört haben, keine zweite Chance geben wird. „Deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit“ (2. Thes 2,11.12). Mit anderen Worten: Die Menschen, die hier vom Herrn als „Schafe“ bezeichnet werden, waren in unserer christlichen Zeit noch Kinder, oder das Evangelium ist nie zu ihnen gekommen.

Die Scheidung, die der Sohn des Menschen hier unter den Nationen vornimmt, ist eine sorgfältige und göttliche Trennung. Sie stellt keinen Akt der Rache dar, bei dem Menschen überwältigt und einem gemeinsamen Ruin zugeführt werden sollen. Wir haben gesehen, dass eine solche Trennung am großen weißen Thron nicht mehr vorgenommen werden muss. Aber hier haben wir eine gemischte Masse vor uns. Es geht um Individuen. Denn es handelt sich in Matthäus 25 nicht um ein Völkergericht, auch wenn vermutlich Nation nach Nation vor den Herrn treten muss. Es ist ein Gericht an den Einzelpersonen dieser Nationen. In einem ruhigen, aber sehr ernsten und feierlichen Gericht, das ewige Folgen hat, werden gemäß der Unterscheidung, die der Herr vornimmt, Lohn und Gericht verteilt. So trennt der Herr die Gottesfürchtigen von den Ungöttlichen inmitten der dann lebenden Nationen.

Wir können davon ausgehen, dass der Sohn des Menschen dabei umringt sein wird von Myriaden von Engeln, den Wolken des Himmels (24,30; 26,64). Das sind diejenigen, die den Herrn in seinen Gerichten begleiten (Off 1,7; Jud 15). Sie führen die Gerichtsurteile aus, die gegen die Ungehorsamen und Ungerechten ausgesprochen worden sind (vgl. Mt 13,41.49; 16,27; 2. Thes 1,7).

Es ist im Übrigen interessant, dass der Herr Jesus hier als Richter nicht nur mit seinem Titel als Sohn des Menschen gesehen wird. Er führt zugleich eine Tätigkeit als Hirte aus. So verbinden sich beide Titel im Gericht, auch wenn seine Tätigkeit als Hirte nach wie vor von ihrem Wesen her schwerpunktmäßig Gnade und Liebe beinhaltet. Aber auch die Hirtentätigkeit kann gerichtliche Elemente enthalten (vgl. Hes 34,17; Off 19,15). Die Ähnlichkeit unserer Verse mit dem Gleichnis der guten und schlechten Fische (Mt 13,47 ff.) ist nicht zu übersehen. Auch das Gericht ist von derselben Art.

In Matthäus 25 lesen wir dann, dass der Herr die Schafe zu seiner Rechten stellen wird, die Böcke aber zur Linken. Rechts – das ist der Platz der Ehre und des Schutzes, wie wir ihn in der Schrift immer wieder finden. Es ist der Platz des Glücks – Benjamin, Sohn meiner Rechten, Sohn meines Glücks (1. Mo 35,18). Auch die Psalmen sprechen von diesem Platz: Was den Schutz betrifft: „Denn er stand zur Rechten des Armen, um ihn zu retten von denen, die seine Seele richten“ (Ps 109,31). „Die Königin steht zu deiner Rechten in Gold von Ophir“ (Ps 45,10).

Der Herr Jesus sitzt heute an diesem Ehrenplatz zur Rechten Gottes. Gott hat Ihn für seine Hingabe bis in den Tod damit belohnt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße!“ (Ps 110,1).

Die Linke ist dagegen der Platz des Gerichtes, des geringeren Segens (vgl. Pred 10,2; 1. Mo 48,13). Hier ist es der Platz echten Gerichtes und Fluches. Wir kennen diese Unterscheidung auch noch bis heute in unserer Sprache: Rechte, recht, Linke, link. Das eine ist positiv, das andere oft negativ. Das ist das Bild, das wir in den nächsten Versen vor uns haben.

Verse 34–40: Die Schafe und ihr Segen

„Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich, oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann aber sahen wir dich als Fremdling und nahmen dich auf, oder nackt und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der Geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan“ (Verse 33–40).

Jetzt bekommt der Sohn des Menschen einen weiteren Titel. Er ist der König. Auch im Blick auf die Nationen wird Er der König sein, der seine Regierungsmacht, ausgehend von Israel, über die ganze Erde ausdehnen wird. Natürlich kommt Er als Messias zu seinem eigenen Volk. Aber in einem allgemeineren Sinn ist Er König und Herrscher über die ganze Erde.

Seine Worte zu den „Schafen“ sind zu Herzen gehend. „Kommt her“, sagt Er zu diesen Menschen aus den Heiden – es sind Gläubige! Aber sie sind sich dessen gar nicht bewusst, jedenfalls nicht des Wohlwollens des Herrn Jesus. Sie kommen nicht von sich aus auf den König zu, wie wir es im letzten Gleichnis der Talente gesehen haben. Christen sind sich ihrer Stellung vor ihrem Meister bewusst und dürfen kühn auf Ihn zugehen. Diese Menschen hier jedoch haben kaum Einsicht, wie wir an diesen Versen sehen können. Sie haben in der schrecklichen Drangsalszeit auch gar keine Möglichkeit wie wir heute, das Wort Gottes intensiv zu studieren. Aber der Herr Jesus ruft sie voller Zuneigung zu sich.

Sie sind Gesegnete seines Vaters. Ob sie mit einem solchen Segen gerechnet haben? Ihre Worte zeigen, dass dies nicht der Fall war. Aber sie haben wahren Glauben durch Werke bewiesen, der zur Folge hat, dass der himmlische Vater sie segnet und belohnt. Ihre Belohnung ist, dass sie in das Königreich eingehen werden, das ihnen von Grundlegung der Welt an bereitet war. Das ist gewaltig! Das Reich war nicht nur allgemein für Menschen bestimmt. Es war gerade für sie bereitet worden, für jeden Einzelnen von ihnen. Da es kein allgemeines Gericht über Nationen ist, wie wir gesehen haben, wird jeder Einzelne gesegnet oder verflucht. Man kann sich das konkret kaum vorstellen. Wie sollen Milliarden von Menschen nach Israel oder an einen anderen Ort kommen? Es wird ein majestätischer Augenblick sein, wenn wir an der Seite des Herrn stehen und erleben dürfen, dass Er diesen Segen aussprechen wird.

Diese Menschen gehen in ein Reich, das ihnen von Grundlegung der Welt an bereitet worden ist. Es war der Vorsatz Gottes von Schöpfungsbeginn an im Blick auf die Erde: Er hatte stets dieses Königreich im Auge. Das hier erwähnte irdische Reich finden wir schon in Daniel 7,13.14. Es darf nicht mit dem himmlischen Erbe verwechselt werden, das die Gläubigen der heutigen Zeit genießen dürfen. Denn es wird nicht im Himmel, sondern auf dieser Erde durch das zweite Kommen unseres Herrn aufgerichtet werden. Er wird als König der Könige und Herr der Herren offenbart werden (1. Tim 6,15). Sein Welt-Königreich wird alle menschlichen Herrschaften ersetzen (Dan 2,44).

Diese Gläubigen aus den Nationen gehen ins ewige Leben ein (Vers 46). Sie bleiben während des Königreich-Zeitalters auf der Erde und gehen dann in den ewigen Zustand über. Ewiges Leben ist hier der Ausdruck des ewigen Segens für sie, der seinen Beginn im Königreich haben und nie enden wird. Für diese Gläubigen ist das der volle Genuss dessen, was Gott für sie vorgesehen hat. Sie werden zusammen mit dem geretteten Israel eine herrliche Stellung im Königreich einnehmen. Sie sind Gläubige. Daher wissen wir, dass sie den Aufstand am Ende der 1000 Jahre, den Satan anzetteln wird, nicht mitmachen werden (vgl. Off 20,7–10). Das ist die Zeit, in der Satan noch einmal für eine kleine Zeit aus der Gefangenschaft gelöst werden wird. Danach wird er ewig an den Ort kommen, den Gott seinetwegen und für ihn bereitet hat: die Hölle.

Der Unterschied zwischen den Christen und den Gläubigen aus den Nationen

Ein aufmerksames Lesen dieser Verse zeigt auch, dass es sich bei diesen Gesegneten nicht um Christen handeln kann. Ich möchte das kurz begründen:

  1. Christen sind längst entrückt: Die Christen sind längst im Himmel und vom Herrn Jesus entrückt worden (vgl. 1. Thes 4,13–17). In der Begebenheit in Matthäus 25,31 ff. finden wir Menschen, die während und nach der Drangsalszeit auf der Erde leben. Die Versammlung ist dagegen vor der Stunde der Versuchung bewahrt worden (vgl. Off 3,11).
  2. kein König für Christen: Wir lesen an keiner Stelle des Neuen Testaments, dass der Herr Jesus für uns König genannt wird. Er ist König, und wir sind heute in seinem Königreich der Himmel. Aber Er wird immer unser Herr (oder Retter, Hirte usw.) genannt, nie jedoch König. Für sie aber ist Er (auch) der König.
  3. Christen sind Kinder des Vaters, nicht nur Gesegnete: Der Herr Jesus nennt diese Gläubigen künftiger Tage „Gesegnete meines Vaters“. Er kann sie nicht Gesegnete ihres Vaters nennen, weil sie Gott nicht als Vater kennen. Für uns ist das anders. Viele Stellen im Neuen Testament zeigen, dass Gott unser Vater ist (vgl. z.B. Eph 1,2). Diese Gläubigen sind Gesegnete des Vaters. Wir sind Kinder dieses Vaters.
  4. Christen haben sogar Gemeinschaft mit dem Vater: Diese Menschen werden den Segen des Vaters geschenkt bekommen. Gläubige Christen dagegen haben sogar Gemeinschaft mit diesem himmlischen Vater (vgl. 1. Joh 1,3).
  5. Christen sind Erben Gottes: Diese Gläubigen erben das Reich. Wir Christen dagegen sind Erben Gottes und Miterben Christi in einem viel umfangreicheren Sinn, der auch himmlische Beziehungen mit einschließt (Röm 8,17).
  6. Christen sind auserwählt vor Grundlegung der Welt: Diese Gläubigen werden ein Reich erben, das von Grundlegung der Welt an bereitet ist. Wir dagegen sind auserwählt vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4).
  7. Christen kommen aus dem Himmel auf die Erde: Diese Gläubigen werden das Reich von der irdischen Seite aus erben. Wir dagegen werden mit dem Herrn Jesus aus dem Himmel kommen (Off 19,11 ff.). Wir werden auch nicht als in dem Königreich auf der Erde lebend beschrieben. Das Teil der Versammlung wird beschrieben als herniederkommend aus dem Himmel (Off 21,10). Wir lesen an keiner Stelle, dass wir auf der Erde leben werden.
  8. Christen bekommen himmlischen Segen geschenkt: Diese Menschen werden einen irdischen Segen erleben. Das wird für sie wunderbar sein. Wir aber sind sogar mit himmlischem und geistlichem Segen gesegnet (vgl. Eph 1,3 ff.).
  9. Christen werden über das Reich regieren: Diese Gläubigen werden in dem Königreich leben. Wir aber werden sogar über dieses Königreich regieren und herrschen (vgl. 1. Kor 6,2.3; Off 22,5.6).
  10. Christen besitzen den Heiligen Geist: Wir lesen nicht davon, dass diese Gläubigen den Heiligen Geist besäßen. Auch von Öl als Symbol für den Geist ist hier keine Rede. In dem gläubigen Christen dagegen wohnt der Heilige Geist (1. Kor 6,19).
  11. Christen sind durch Gottes Gnade Wissende: Die Einsicht dieser Gläubigen ist sehr begrenzt. Sie fragen sich sogar, inwiefern sie dem Herrn Jesus zur Verfügung standen und geholfen haben. Das ist nicht nur Demut, das ist auch ihr wahres Verständnis. Sie wissen es nicht. Das ist im Blick auf Christen anders. „Wir wissen“ heißt es verschiedentlich im Neuen Testament über uns. Es ist nur die Gnade Gottes und die Belehrung seiner Diener über die neutestamentliche Wahrheit, die uns wissen lässt. Aber dieses Bewusstsein macht einen gewaltigen Unterschied. Das darf uns nicht hochmütig, sondern sollte uns dankbar machen! Angesichts dieser Kontraste wäre aber die Antwort eines Christen im Sinne der Verse 37–39 unmöglich – oder er hätte seine christliche Stellung nicht begriffen.

Wir halten also fest: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Segen und der Stellung von uns Christen und dem dieser Gläubigen aus den Nationen. Nichtsdestoweniger werden auch sie einen gewaltigen Segen erhalten. Sie werden in das ewige Leben eingehen. Denn das Wort Gottes haben sie durch Gnade in ihren Herzen aufgenommen. Als solche, die ewiges Leben besitzen, werden sie in einer Welt gesegnet sein, die gleich ihnen gesegnet werden wird. Das Seufzen der Schöpfung, das wir heute kennen, wird dann ein Ende haben (Röm 8,22.23).

Die Begründung der Belohnung

In den Versen 35 und 36 begründet der Herr Jesus, warum diese „Schafe“ aus den Nationen so reich gesegnet werden. Wenn der König ein Urteil fällt, ist Er souverän. Aber Er ist zugleich gerecht und in seinem Urteil transparent. Daher erklärt und begründet Er dieses auch. Diese Gläubigen haben den Herrn Jesus, als Er hungrig und durstig war, unterstützt. Sie haben Ihn aufgenommen, bekleidet und besucht. Das ruft die verwunderte Frage dieser Gläubigen hervor, wann sie den Herrn so gesehen haben, um diese Dienste an Ihm verrichten zu können.

Die Antwort des Königs ist wunderbar: Wann immer dieser Dienst einem der Geringsten seiner Brüder getan worden ist, wurde er damit zugleich und sogar in erster Linie für Ihn selbst vollbracht. Ob der Gläubige aus den Nationen sich dessen bewusst war, ist nicht wichtig. Der Herr schätzt diese Zuwendung an seine Brüder so hoch ein, dass Er ihnen diese großartige Belohnung gibt.

Die Brüder des Königs

Damit stellt sich zunächst die Frage: Wer sind seine Brüder?

  1. Zunächst einmal gibt uns dieses Evangelium selbst dazu eine Antwort. In Kapitel 12,49 hatte der Herr Jesus gesagt: „Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vater tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Das war seine Antwort auf den Hinweis, seine irdische Familie würde Ihn suchen. Der Herr Jesus deutet am Ende von Kapitel 12 bereits den Wechsel seiner Beziehungen an. Nicht einfach der, der mit Ihm blutsverwandt war, gehörte von nun an zu Ihm. Nein, Er könnte nur den als Bruder anerkennen, der auch seinen Willen tut. Daher fallen diejenigen seines Volkes weg, die wie die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht bereit waren, sich Ihm unterzuordnen.
  2. Mit solchen Gläubigen aus den Juden, die Ihm gehorsam sein wollen, verbindet sich der Herr Jesus in besonderer Weise. In Psalm 22 spricht der Herr beispielsweise davon, dass Er seinen Brüdern den Namen seines Gottes verkündigen würde (Vers 23). Sie würden seine Versammlung bilden, heißt es dort. Das ist nicht die christliche Versammlung, sondern sein irdisches, in der Zukunft gläubig gewordenes Volk, in deren Mitte Er den Lobgesang anstimmt, zur Ehre Gottes.
  3. In Matthäus 23,8 weist der Herr Jesus darauf hin, dass seine Jünger „alle Brüder“ sind. Daher sollte sich keiner von ihnen Rabbi oder ähnlich nennen lassen.
  4. In Kapitel 24,14 spricht der Herr davon, dass das Evangelium des Reiches auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden würde, allen Nationen zum Zeugnis. Danach würde das Ende kommen. Wer würde es verkündigen? Es sind seine Brüder, also solche, die als gläubige Juden bereit sind, seine gute Botschaft weiterzutragen.

Wenn wir diese vier Punkte zusammennehmen, können wir sagen, dass der Herr diejenigen Juden seine Brüder nennt, die in der Drangsalszeit das Evangelium des Königreichs auf der ganzen Erde verkündigen werden. Denn nur durch diesen Kraftakt verfolgter Juden sind die Nationen überhaupt mit dem Evangelium in Berührung gekommen. Es geht nicht um die Juden im Allgemeinen, sondern um diejenigen, die sich in besonderer Weise für ihren Meister engagieren. Sie müssen dafür Verfolgungen und Drangsale auf sich nehmen.

Wer diese Missionare nun aufnehmen und ihnen in ihren Schwierigkeiten helfen würde, hätte nicht nur einen guten Dienst getan. Das ist so! Aber der Herr sieht es so an, dass diese Aufnahme persönlichen Glauben unter Beweis stellt. Ja Er nimmt es so an, als ob Er selbst aufgenommen worden wäre. Immer wieder geht das, was der Herr Jesus einem solchen Gläubigen zurechnet, weit über das hinaus, was derjenige selbst wirklich empfunden und getan haben mag. Nur wenige Verse später lesen wir, dass der Herr Jesus von Maria sagt, dass sie seinen Leib zu seinem Begräbnis gesalbt hat (Mt 26,12). Hat sie das so bis ins Letzte empfunden? Wahrscheinlich nicht. Das aber ist nicht entscheidend. Der Herr sieht das so, weil Er ein Herz voller Hingabe erkennt.

Auch Paulus spricht von der scheinbar geringen Gabe der Philipper als von einem großartigen Opfer des Wohlgeruchs (Phil 4,18.19). So gütig ist unser großer Gott zu denen, die sich Ihm zur Verfügung stellen. Und sei es nur mit einem Becher voll Wasser.

Segen auf der Basis von Werken?

Wenn man diesen Segen für die gläubigen Menschen aus den Nationen liest, könnte man meinen, dass es Segen auf der Grundlage von Werken gibt. Aber das ist nicht so. Die Werke sind hier der Beweis, dass Glauben in den Herzen dieser Menschen vorhanden ist.

Der Herr spricht nicht von philanthropischen (menschenliebenden) Beweggründen. Er hat auch keine sozialen Handlungen vor Augen, wie sie im Rahmen von Krankenpflege, Gefängnisarbeit, Hungerhilfe oder Bekleiden der Nackten vorkommen. Es geht ohnehin nicht um die heutige Zeit und dass jemand diese Dinge tut, um dadurch für das Königreich gerettet zu werden. Heute lautet die Botschaft: „Glaube an den Herrn Jesus und du wirst gerettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31). Wenn jemand meint, durch solche Werke gerettet zu werden, hat er auf Sand gebaut – heute wie in der Zukunft. Wie im Alten Testament (siehe Abraham) wird es auch in künftigen Tagen sein: Nur echter, aufrichtiger Glaube zählt vor Gott.

Wir müssen dennoch berücksichtigen, dass Jesus auch hier noch von Handlungen innerhalb der Drangsalszeit spricht. Was tun denn diese Menschen? Es kommen jüdische Prediger in die ganze Welt. Wir können uns heute schon gut vorstellen, wie sie aufgenommen werden: Sie werden meistens gehasst und verfolgt werden, bekommen von vielen die Tür gewiesen und haben daher nichts zu essen. Wir müssen bedenken, dass es sich um eine sehr spezielle Zeit handelt. Nur derjenige wird einkaufen können, der das Zeichen des Römischen Kaisers annimmt und sich daher vor diesem Herrscher niederwerfen wird (Off 13,15–17). Gläubige Menschen, besonders gläubige Juden, werden keine Chance haben, auch nur das Nötigste noch für sich einzukaufen. Viele von ihnen werden daher hungrig sowie durstig sein und ins Gefängnis kommen.

Da aber gibt es auf einmal Menschen in dieser Welt, welche die Botschaft des Evangeliums des Königreichs nicht ablehnen, sondern annehmen. Sie tun also Buße und bekennen ihre Sünden. Sie nehmen den Messias als Herrn und König an. Mit anderen Worten: Sie glauben diesen Boten. Diesen Glauben zeigen sie dadurch, dass sie den jüdischen Boten zu essen geben, sie bekleiden, sie im Gefängnis besuchen und ihnen ihre Liebe zeigen.

Woher haben sie Nahrungsmittel? Vielleicht haben sie die Zeit „genutzt“, als sie noch ungläubig waren, um genügend Lebensmittel zu horten. Durch die Gerichts-Katastrophen ist man vermutlich aufgeschreckt worden und wird Sorge haben, ob man künftig noch etwas einkaufen kann. Es ist aber auch sehr wahrscheinlich, dass sich der Einfluss des Römischen Kaisers nicht auf alle Länder weltweit erstreckt. Das, was sie besitzen, ist vielleicht nur sehr wenig. Aber sie teilen diese Vorräte mit den jüdischen Boten. Nicht die Werke sind der Glaube, aber Werke unter solchen Umständen zeigen, dass eine Veränderung in ihrem Inneren erfolgt ist. Sie ist durch das Werk der Erlösung in ihren Herzen bewirkt worden. Das ist nichts anderen als ein Werk Gottes.

Der Fall von Rahab ist hierfür ein Vorbild. Sie glaubte (Jos 2). Zu einer Zeit, als das Gericht über Jericho kommen sollte, nahm sie unter Lebensgefahr die Boten der Juden auf. Sie gab ihnen Speise sowie Wasser und beschützte sie vor deren Feinden, den Kanaanitern. Sie wurde durch ihre Werke gerechtfertigt (Jak 2,25). Aber was stand hinter diesen Werken? Ihr Glaube (Heb 11,31). Sie zeigte diesen durch ihre Werke. Gnade bekleidete sie, weil sie glaubte. Aber vor den Augen der Menschen wurde sie in ihrem Glauben durch diese Werke gerechtfertigt. Genauso wird es ihren künftigen, „Brüdern und Schwestern“ ergehen, die aus dem Heidentum stammen.

Es geht also nicht einfach um Wohlwollen, soziales Handeln oder moralische Ehrbarkeit. Hinter diesen Werken steht echte, göttliche Liebe. Sie äußert sich auf verschiedenartige Weise Dienern gegenüber, die im Namen des Königs das Evangelium gepredigt haben. Das ist übrigens die gleiche Botschaft, die Christus zu Beginn seines öffentlichen Dienstes gepredigt hat.

Es ist Glaube, der diese Liebe inmitten der Heiden bewirken wird. Sie nehmen die Botschaft als von Gott kommend und nicht einfach als von Menschen stammend an. Sie werden dafür gerettet werden. Zugleich wird ihr Handeln reichlich belohnt werden. Sie haben sich den Brüdern des Herrn gegenüber so verhalten, und der Herr sagt, dass sie Ihm selbst damit auf diese Weise gedient haben. Sie selbst mögen das nicht erkannt haben. Sogar in diesem Augenblick des Gerichts erkennen sie das noch nicht. Denn der Herr muss es ihnen da offenbaren. In seiner Liebe und Barmherzigkeit tut Er es.

Glaube – dann Werke

Wir dürfen also nicht meinen, dass die Errettung dieser Nationen auf der Grundlage von Werken stattfindet. Dass Werke Glauben beweisen, ist ein biblischer Grundsatz. Das erkennen wir zum Beispiel aus den Worten Jesu, die wir in Johannes 5,28.29 lesen. „Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ Auch dort stehen nicht die Werke im Mittelpunkt, aber sie demonstrieren den Zustand der Herzen der Gläubigen. So muss es auch bei uns sein. Der Glaube ist die Grundlage. Aber ohne Werke ist der Glaube tot, wie Jakobus sehr deutlich macht.

Wir haben gesehen, dass sich die Gerechten (Vers 46) solcher „Dienstleistungen“ gegenüber dem König nicht bewusst sind. Wenn der Herr sie Gerechte nennt, dann deutet das an, dass sie eine neue Geburt durch Glauben erlebt haben. Denn unabhängig von dieser gibt es keine Gerechten (vgl. Röm 3,10.22; Joh 3,15.16). Sie haben nicht im Blick auf eine Belohnung gehandelt. Sie wissen, dass sie aus sich selbst nichts für Gott tun können. Aber die Gnade hat diese wunderbaren Handlungen hervorgerufen. Sie haben nicht an die Tragweite ihrer Handlungen gegenüber den Brüdern des Königs gedacht. Aber der Herr vergisst in seiner Güte nichts von dem, was – in welcher Zeit auch immer – für Ihn getan worden ist. Das mag oft unbeachtet von der Welt und im Verborgenen getan werden. Aber Er registriert das alles.

Die Wertschätzung des Meisters für seine Brüder

Wir sind vielleicht erstaunt über die Wertschätzung und die Empfindungen des Herrn seinem Volk Israel gegenüber, wie sie in diesem Kapitel deutlich werden. Er nennt sie hier „meine Brüder“. Zudem finden wir in diesen beiden Kapiteln keinen direkten Hinweis auf das Gericht über das ungläubige Volk. In Lukas, wo es nicht in erster Linie um Israel und die Juden geht, zeigt der Herr das Gericht, das über die Nation kommt. Das aber ist nicht das künftige Gericht, sondern das, was mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus in Verbindung steht. Er selbst ist dort der Richtende (Lk 19,27; 21,24).

Die Wahrheit des Gerichtes als solche wird als Warnung in unserem Evangelium bereits in Kapitel 21,44 vorgestellt. In der prophetischen Rede in Kapitel 24 und 25 jedoch spricht der Herr mehr von Drangsalen als von Gericht. Wenn Er die Auserwählten sammelt, gibt es Züchtigung, und die Drangsal ist eine furchtbare Züchtigung für sein Volk. Aber sie endet in Segen. Denn das Herz des Königs ist beschäftigt mit den Übriggebliebenen seines Volkes. Natürlich, auch hier finden wir das Gericht angedeutet, zum Beispiel in Kapitel 24,28. Auch in Kapitel 24,30 finden wir letztlich das Gericht am ungläubigen Israel. Aber selbst diese Verse sprechen doch in besonderer Weise von seiner Liebe den Seinen in Juda gegenüber.

Wir erkennen auch, dass die Liebe des Herrn zu seinen treuen Knechten sehr groß sein muss. Ihr Wert ist in seinen Augen so hoch, dass Er diejenigen, denen seine Brüder das Evangelium verkündigen werden, nach ihrem Verhalten seinen Knechten gegenüber richtet. Er identifiziert sich sogar mit diesen Boten. Was für eine Ermutigung für seine treuen Zeugen in dieser drangsalsvollen Zeit, in der ihr Glaube im Dienst in großer Weise erprobt wird.

Wir dürfen auch erkennen, dass der Herr sieht, wer hungrig und durstig ist. Ihm entgeht nichts. Die Seinen leiden, nicht nur jetzt, sondern zu jeder Zeit seiner Abwesenheit. Deshalb wacht derjenige, dem der Vater das ganze Gericht übergeben hat (Joh 5,22), über „seine Brüder“. Wir finden übrigens eine Anspielung auf diese „Regelung“, die der Herr hier deutlich anspricht, bereits bei der ersten Aussendung der Jünger (Mt 10,40–42). Damals wurden die Juden noch nach Israel ausgesandt – in Zukunft jedoch werden sie in die ganze Welt ausströmen.

Die „Brüder“ und die Nationen in Offenbarung 7 und 14

Wir finden die beiden Gruppen, von denen der Herr in den Versen 34 bis 40 spricht, übrigens auch in Offenbarung 7 und 14. In Offenbarung 7,9–17 finden wir die Gläubigen aus den Nationen, die in Matthäus 25 gerichtet werden. Es sind die „Schafe“, die mit weißen Gewänder der göttlichen Gerechtigkeit und Reinheit bekleidet sind. Sie tragen Palmen in ihren Händen (ein Hinweis auf die Freude nach dem Erringen eines Sieges, vgl. 2. Mo 15,27; 3. Mo 23,40). Sie kommen nach Vers 14 aus der großen Drangsal und haben ihre Gewänder gewaschen und weiß gemacht in dem Blut des Lammes. Wie ist das geschehen? Indem sie das Evangelium des Reiches angenommen haben, das ihnen von den gläubigen Juden verkündigt worden ist.

Diese gläubigen Juden findet man dann in Offenbarung 14,1–5. Natürlich umfassen diese 144.000 weit mehr als nur die Boten. Durch den Hinweis auf den Berg Zion wird jedenfalls deutlich, dass es sich um jüdische Gläubige handeln muss. Der Herr spricht hier nicht von Gesamt-Israel. Sie waren treu, weil sie rein und für Gott abgesondert gelebt haben (nicht mit Frauen befleckt; Jungfrauen). Und sie sind Erstlinge für Gott und das Lamm. Gerade die Juden werden die Erstlinge für das gesamte irdische Volk Gottes sei, bevor zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs dann auch die 12 Stämme von ganz Israel ins Land zurückgeführt werden. Aus diesen treuen Juden werden die Missionare kommen, die durch die Verkündigung des Evangeliums Menschen aus den Nationen zum Glauben führen werden.

Die Identifikation des Herrn mit den Seinen

Zum Schluss dieses Abschnitts möchte ich noch auf einen Punkt aufmerksam machen. Wir haben gesehen, dass sich der Herr Jesus mit seinen Boten identifiziert. Das ist die letzte Lektion, welche die Gläubigen aus den Nationen lernen werden, bevor sie in die Freude des Reiches eingehen werden (Vers 40).

Für Paulus, gewissermaßen den Prototypen der christlichen Zeitepoche, war es dagegen die erste Lektion, die Er lernen durfte. Er war noch nicht bekehrt, da stellt sich ihm der Herr mit den Worten in den Weg: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Saulus hatte die gläubigen Christen verfolgt. Aber damit verfolgte er zugleich und zuallererst den Herrn Jesus Christus. Paulus hat das sehr schnell gelernt. Er war dann derjenige, der die unauflösbare Verbindung zwischen Christus, dem Haupt, und der Versammlung, seinem Leib, verkünden durfte.

Die Beziehung des Hauptes, Christus, zu seiner Versammlung ist einzigartig. Und obwohl wir hier eine niedrigere Beziehung haben, bleibt doch zu allen Zeiten wahr: Der Herr macht sich mit den Seinen eins, die sich auf seine Seite stellen und in seinem Namen das Evangelium verkündigen. Und wer das tut, stellt sich auf die Seite des Herrn, die Seite Gottes. Das hatte auch Rahab getan und damit gezeigt, dass sie neues Leben besaß.

Letztendlich lernen wir also durch diese Verse noch einmal: Alles hängt davon ab, wie man zu Christus steht. Das ist auch für unsere Tage eine sehr aktuelle Botschaft.

Verse 41–46: Die Böcke und ihre Verfluchung

„Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist; denn ich war hungrig, und ihr gabt mir nicht zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir nicht zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf; nackt, und ihr bekleidetet mich nicht; krank und im Gefängnis, und ihr besuchtet mich nicht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann sahen wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr es auch mir nicht getan. Und diese werden hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben“ (Verse 41–46).

In den letzten Versen dieses Kapitels lesen wir, dass die „Böcke“ zur Linken des Herrn gestellt und dort verflucht werden. Es sind diejenigen, welche die Boten nicht angenommen und die Botschaft des Evangeliums abgelehnt haben. Sie haben den Boten jede Hilfeleistung versagt.

Vers 41: Der Fluch über die ungläubigen Nationen

Was für eine Torheit ist es, die Ewigkeit und das ewige Gericht der Ungerechten und Ungöttlichen zu ignorieren oder hinwegerklären zu wollen. Es gibt dieses ewige Gericht. Gerade Matthäus spricht immer wieder davon. Und er ist bei weitem nicht der Einzige!

Für die Ungerechten heißt es nicht: „Kommt her“, sondern: „Geht von mir.“ Mit ihnen kann und will der König nichts zu tun haben. Mit ihnen kann Er sich nicht identifizieren. Hier heißt es allerdings nicht: „Verfluchte von meinem Vater.“ Denn Gott hat mit diesen Menschen nie eine Beziehung gehabt. Der Titel „Vater“ steht oft für Liebe. Hier aber bleibt nur Gericht übrig. Wenn das furchtbare Gericht unausweichlich ist, muss es ausgesprochen werden. Aber es gibt keine Verbindung zu dem Vater. „Weicht von mir!“ Mehr hat der Herr hier nicht zu sagen. Es ist – menschlich ausgedrückt – die schlimmste Trauer für Gott, Menschen verfluchen zu müssen. Er wirft alle Verantwortung auf diejenigen, deren eigene Sünde es war, seine Liebe, Heiligkeit und Herrlichkeit abgelehnt zu haben.

Wir sehen noch einen zweiten, wichtigen Unterschied zum Urteil über die Schafe. In deren Fall war das Königreich schon immer und gerade für sie bestimmt worden. Deshalb heißt es: von Grundlegung der Welt an. Wir wissen, dass es auch für andere bestimmt ist. Aber der Herr hat es für jede seiner Familien (vgl. Eph 3,15) ganz persönlich bestimmt.

Das ewige Feuer dagegen ist nie für Menschen und schon gar nicht für diese Menschen bestimmt gewesen, sondern für Satan und seine Engel. Gott hat die Hölle nicht gemacht, um Menschen zu verurteilen und zu verdammen. Er ist der Retter-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Tim 2,4). Die Hölle war nicht für schuldige Menschen gemacht worden. Das war nie das Ansinnen Gottes. Gott ist sogar so groß, dass Er „mit vieler Langmut die Gefäße des Zorns“ erträgt (vgl. Röm 9,22). Nicht Er hat sie zum Verderben zubereitet. Das haben sie selbst getan. Und daher verdienen sie nun die Hölle, die eigentlich gar nicht für sie bereitet worden war. Weil sie nicht Gott, sondern dem Teufel gehorcht und gedient haben, kommen sie an den Ort, der für diesen bereitet ist. Sie hören das Urteil: „Geht von mir“, und kommen damit an ihren ewigen Bestimmungsort.

Das heißt nicht, dass sie sofort an diesen ewigen Bestimmungsort gebracht werden. Wir haben es hier eher mit einer Zusammenfassung des Urteils zu tun. Ähnlich war es in Vers 30, wo der falsche Bekenner hinausgeworfen wird in die äußerster Finsternis. Tatsächlich wird er erst noch vor dem großen weißen Thron (Off 20,11 ff.) erscheinen müssen. Aber um das ganze Bild zu zeigen, wird das Urteil sofort genannt. So auch hier. Ein Vergleich mit Jesaja 24,21.22 bestätigt das. Dort wird von diesen Nationen gesagt, dass sie „in die Grube eingesperrt werden“ und „nach vielen Tagen heimgesucht werden“. Auch die „Böcke“, die Ungläubigen aus den Nationen in der Gerichtsperiode, werden zunächst 1.000 Jahre in dem Hades sein. Danach werden sie vor dem großen weißen Thron ihr endgültiges Urteil erhalten, das dann auch vollstreckt werden wird. Wir dürfen das also nicht so verstehen, als ob es zwei grundsätzlich verschiedene Gerichtsurteile über sie geben wird, die dann auch nacheinander oder in anderer Weise vollstreckt werden. Wir müssen letztlich sogar offenlassen, wie genau dieses Nationengericht vonstattengehen wird. Diese Menschen werden aber noch vor das Endgericht, den großen weißen Thron, kommen. Dann beginnt für sie die endlose Ewigkeit – im Feuersee.

Diesen Weg wird es nie für uns Gläubige geben, Gott sei Dank! Aber auch uns Gläubigen gilt die prüfende Frage: „Was denkt ihr von Christus? Glaubt ihr praktisch an Ihn? Ziehe ich Christus der Welt vor? Ziehe ich Christus in meinem täglichen Leben dem eigenen Ich und der Welt vor?“ Davon hängt nicht unser ewiger Aufenthaltsort ab. Der ist im Himmel, wenn wir Jesus Christus als Retter angenommen haben. Aber unser Lohn hängt von unserem Verhalten und unseren Beweggründen ab.

Verse 42–45: Die Begründung des Fluches

Am Richterstuhl des Christus wird unser Herr auch „das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren“ (vgl. 1. Kor 4,5). Das gilt uns Erlösten. Davon ist an dieser Stelle bei den Nationen vor dem Thron der Herrlichkeit keine Rede. Hier offenbaren sie ihren Glauben oder Unglauben durch Taten. Der Herr spricht nicht von ihrem allgemeinen Leben. Zentraler Prüfstein ist ihr Verhalten gegen den Boten des Königs.

Diese Menschen werden also danach beurteilt, wie sie sich zu dem Zeugnis des Königs in der Drangsalszeit gestellt haben. Gerade in der Zeit drastischer Verführungen durch Satan und seine Agenten benötigt man das lebensspendende Werk des Heiligen Geistes, um nicht den Verführungen zu erliegen. Das ist nicht die Innewohnung des Geistes Gottes, die es nur in der christlichen Zeit gibt. Aber ohne eine neue Geburt wird niemand die verachteten und äußerlich unbedeutenden Herolde anerkennen. Das gilt natürlich für die Annahme eines jeden Zeugnisses Gottes.

Es geht also bei den Nationen nicht um positiv Böses. Entscheidend für die Verurteilung sind nicht notwendigerweise direkt böse Handlungen oder eine Auflehnung gegen Gott. Aber diese „Böcke“ haben es unterlassen, etwas Notwendiges und Gutes zu tun: die Boten und ihre Botschaft anzunehmen und die Boten mit Hilfsbereitschaft zu behandeln. Etwas sehr Ähnliches finden wir in der Geschichte des schon angeführten reichen Mannes und Lazarus in Lukas 16. Es gibt bei diesem Mann keinen Hinweis darauf, dass er etwas direkt Böses getan hätte. Es ist von keiner Gewalttat oder keiner Ausschweifung die Rede. Aber eines hat er versäumt: sich des Lazarus zu erbarmen.

Auch bei den Nationen muss man daher nicht notwendigerweise eine Auflehnung gegen Gott annehmen. Aber sie sind geprägt durch eine gelebte Gleichgültigkeit, die einen persönlichen Egoismus offenbart. Damit einher geht natürlich, dass man nicht bereit ist, die Botschaft des Evangeliums anzunehmen. An anderer Stelle vergleicht der Herr Jesus das mit der Zeit Noahs und Lots (24,38.39; Lk 17,26–29). Man interessierte sich einfach nicht für das Zeugnis Gottes und lehnte es dadurch ab.

Der König legt also den Verurteilten nicht zur Last, dass sie seine Diener verfolgt und ins Gefängnis gebracht haben. Das haben andere getan, die zu dieser Zeit bereits gerichtet worden sind. Aber sie haben die Diener des Königs nicht beachtet bzw. geringschätzig behandelt. Zu jeder Zeit gilt: Menschen, die Christus nachlässig begegnen und das zeigen, indem sie seine Diener unbeachtet lassen, werden – wenn sie nicht noch Buße tun – der ewigen Verdammnis anheimfallen. Das zeigt den großen Ernst, der auf dem Verhalten den Dienern des Herrn gegenüber liegt.

Heute wie damals findet das natürliche Herz nichts Anziehendes an der Verkündigung des Evangeliums. Die Welt und ihre irdischen Vorteile veranlassen die Menschen, der guten Botschaft des Heils und ihren Verkündigern aus dem Weg zu gehen. Aber der Tag des Herrn naht heran, wo alles ans Licht kommen wird. Es spricht niemanden frei, dass er sich dieser Gleichgültigkeit nicht bewusst gewesen ist. Denn es gab im Leben jedes Menschen genug Gelegenheiten, zu denen sein Herz und Gewissen von Christus angesprochen wurde. Wer darauf nicht reagiert, muss mit den ewigen Folgen seines Handelns leben.

Es ist im Übrigen erstaunlich, dass wir in diesen Versen von einer Unterhaltung dieser Ungläubigen mit dem Herrn lesen. Denn aus Hiob 9,2.3 wissen wir, dass diese Menschen Gott auf 1.000 Fragen nicht eine einzige Antwort geben können. Letztlich müssen sie stumm vor diesem Richter stehen. Dennoch lässt sich der Herr herab, ihren Einwand zu beantworten. Es sind die letzten Worte, die sie von dem Richter hören werden, bis sie Ihn noch einmal vor dem großen weißen Thron sehen werden. Dort werden sie nach Offenbarung 20 als Tote erscheinen, um ewig gerichtet zu werden.

Vers 46: Die Zusammenfassung des Urteils des Königs

Der König hat sein Urteil gesprochen und fasst es abschließend noch einmal zusammen. Es gibt eine Unterscheidung zwischen

  • den Schafen und den Böcken,
  • den Gerechten und Ungerechten,
  • gläubigen Menschen aus den Nationen und Ungläubigen.

Der ewige Zielort ist zwischen diesen beiden Gruppen so getrennt, wie sich Christus von Satan unterscheidet. Es handelt sich hier sogar um ein endgültiges Gericht, auch wenn die „Böcke“ noch einmal vor dem großen weißen Thron erscheinen müssen.

Damit sind wir am Ende dieses großartigen prophetischen Überblicks über mehr als 3.000 Jahre Geschichte, die zur Zeit des Herrn auf der Erde noch vollständig zukünftig war. Jeder – er sei Jude, Christ oder Heide – wird gemäß der Position gerichtet werden, in welcher der Herr ihn finden wird, wenn Er kommt. Herrlich ist das Teil der wahren Christen, auch wenn dies hier nicht behandelt wird: Sie müssen nicht warten, bis der Herr auf diese Erde wiederkommen wird. Sie werden Ihm in der Luft begegnen, von wo aus Er sie mit zu sich in den Himmel nehmen wird.

Wir selbst gehören zu der christlichen Zeit und müssen uns dem Licht der drei christlichen Gleichnisse aussetzen. Ob der Herr uns wachend finden wird, wenn Er kommt? Es kann heute schon so weit sein.

Exkurs: Erleben Christen die Drangsalszeit?

Einführung

Die aktuelle Gesellschaftspolitik in Deutschland und in einigen anderen Ländern Europas beschäftigt viele Gläubige. Sie stellen sich die Frage: In was für einem Ausmaß können Christen künftig noch öffentlich zu biblischen Überzeugungen stehen? Laufen sie Gefahr, vor Gericht angeklagt zu werden? – In etlichen Ländern dieser Erde werden Christen heute schon ihres Glaubens wegen verfolgt. Das könnte auch in Europa auf uns zukommen.

Selbst im ehemals so genannten christlichen Deutschland kann man für einen klaren biblischen Standpunkt angefeindet werden. Wer zum Beispiel zur biblischen Sexualmoral steht, gilt als homophob und intolerant. Wird die Feindschaft gegenüber bekennenden Nachfolgern Jesu zunehmen? Müssen sie sogar mit Verfolgungen rechnen?

Es gibt Gläubige, die inzwischen eine solche Entwicklung erwarten. Diese Perspektive verbinden sie mit der kommenden „Drangsal“15, von der Gottes Wort immer wieder spricht. Vielen Gläubigen wird im Blick auf diese spezielle Zeitperiode angst und bange. Kommen wir womöglich in diese Drangsalszeit, von der Gottes Wort so Furchtbares berichtet? Denn in Apostelgeschichte 14,22 ist von Drangsalen die Rede. Dort heißt es, „dass wir durch viele Trübsale {o. Drangsale} in das Reich Gottes eingehen müssen“.

In diesem Buch möchte ich versuchen, die Frage zu beantworten, ob von neuem geborene Christen, die heute leben, diese „große Drangsal“ erleben werden. Gibt uns Gott Hinweise, die deutlich machen, dass wir vor diesen Trübsalen bewahrt bleiben?

Es ist für uns ein Trost, dass Gottes Wort zu dieser Frage Antworten gibt. Diese Antworten können dazu beitragen, ängstliche Seelen zu beruhigen. Sie machen Mut, drohende Ablehnung und Ausgrenzung zu ertragen, der wir Christen heute in Deutschland und auch in anderen Ländern ausgesetzt sind, wenn wir dem Herrn in Treue und Hingabe leben.

Unser Retter, der sein Leben für uns hingegeben hat, ist es wert, dass wir für Ihn leben. Ein gottseliges Leben wird Unverständnis, Spott und Ablehnung zur Folge haben. In manchen Ländern kommt sogar direkte Verfolgung noch hinzu (vgl. 2. Tim 3,12). Aber Gott wird uns dafür belohnen, wenn wir in solchen Umständen ausharren und uns zu Ihm bekennen.

Wir wollen dieses Thema in diesem Buch in folgender Weise überdenken:

  1. Zuerst gehen wir der Frage nach, warum dieses Thema überhaupt wichtig ist für uns.
  2. Dann sehen wir uns etwas genauer die zwei Ereignisse an, die Gott uns in Verbindung mit dem Wiederkommen des Herrn Jesus nennt:
    a. die Entrückung des Herrn Jesus
    b. die Erscheinung des Herrn Jesus
  3. Danach untersuchen wir die Unterschiede zwischen diesen beiden Ereignissen. Was sagt uns Gott in seinem Wort über den Zeitpunkt der Entrückung und der Erscheinung?
  4. In weiteren Kapiteln beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Beziehung die Christen zu der Drangsalszeit und zum Tag des Herrn nach den Aussagen der Schrift haben. In diesem Zusammenhang sehen wir uns auch die Verheißungen in der Offenbarung an, die Christen gegeben werden.

Warum ist das Thema Entrückung & Drangsalszeit so bedeutsam?

Der Bibelausleger William Kelly hat seiner lesenswerten Auslegung über die prophetische Rede des Herrn in Matthäus 242516 einen Anhang angefügt. Er ist überschrieben mit: „Die künftige Drangsal“. Die dort geäußerten Gedanken sind Anregung und Ausgangspunkt für diese Ausarbeitung gewesen.

Warum ist dieses Thema eigentlich so wichtig für uns? Weil unsere Überzeugung zu dieser Frage Auswirkungen darauf hat, ob wir die himmlische Hoffnung, dass unser Herr wiederkommen wird, um uns in den Himmel zu holen, noch festhalten. Ob wir auf das Wiederkommen Jesu warten, oder ob wir auf Drangsale auf der Erde warten müssen. Und unser innerer Frieden hängt von dieser Frage ab.

Manche Christen17 fürchten, dass sie noch die große Drangsal (Mt 24,21) erleben müssen. Diese Not bestimmt ihr Leben. Wie kann man innerlich ruhig werden (Mt 11,29; Phil 4,6.9), wenn man damit rechnen muss, dass jederzeit diese unaussprechlichen Drangsale über uns hereinbrechen können? Nicht von ungefähr muss der Herr denen, die kurz vor dieser Trübsal stehen, ausdrücklich zurufen: „Erschreckt nicht!“ (Mt 24,6). Wenn sie nicht auf diese Zeit vorbereitet würden, würden sie sich erschrecken. Wird diese Drangsalszeit vielleicht schon bald beginnen?

Gottes Wort gibt Antworten

Um diese Frage zu klären, müssen wir wissen, ob die Drangsale, die Christen heute erleben, Teil der „großen Drangsal“ sind. Wir müssen in der Schrift nach Hinweisen forschen, auf wen sich die „große Drangsal“ bezieht, von der Jesus Christus sagt, dass diese Drangsal schlimmer sein wird als jede vorherige Trübsal (Mt 24,21). Finden sich in Gottes Wort Fingerzeige, dass die erlösten Christen vor der Drangsalszeit entrückt werden? Schritt für Schritt wollen wir diese Fragen anhand der Bibel beantworten.

Wir starten dazu mit dem Thema „Entrückung“. Ich behandle dieses im Neuen Testament vorgestellte Ereignis vorweg, weil ausdrücklich erwähnt wird, dass die Beschäftigung mit der Entrückung zur Ermutigung der Gläubigen beiträgt: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,18). Wir warten darauf, dass der Herr Jesus wiederkommt, damit wir allezeit bei Ihm sind. Unsere Blicke richten sich auf Den, Der für uns gestorben ist und jetzt im Himmel für uns lebt. Wir sehen auf den, der aus dem Himmel wiederkommen wird.

Genauso wenig aber dürfen wir vergessen, dass Gottes Wort ausdrücklich bezeugt, dass der Herr Jesus wiederkommt, um sein Königreich auf dieser Erde aufzurichten. Immer wieder ist davon schon im Alten Testament die Rede. Und auch der Apostel Paulus zählt sich zu solchen, die diese Erscheinung des Herrn Jesus lieben (2. Tim 4,8). Wir freuen uns von Herzen darauf, dass der Herr Jesus als König und Herr auf dieser Erde anerkannt werden wird; Er, der vor ungefähr 2.000 Jahren hier auf der Erde der Verworfene war, wird dann das „Haupt über alles“ sein (Eph 1,10.22).

Fallen diese beiden Ereignisse, die Entrückung Jesu und seine machtvolle und herrliche Erscheinung bzw. Offenbarung als Messias und Herr zeitlich zusammen? Finden sie kurz hintereinander statt oder haben sie letztlich nicht viel miteinander zu tun? Das wollen wir zu unserer Belehrung und zu unserem Trost aus Gottes Wort klären.

Vorweg aber sehen wir uns einige Bibelstellen an, in denen der Herr Jesus selbst gesagt hat, dass Er wiederkommen wird. Wie großartig, dass Er damals schon seinen Jüngern und durch Johannes, seinen Apostel, uns allen zugerufen hat: „Ich komme bald!“ Wir dürfen uns auch im 21. Jahrhundert noch daran erfreuen.

Ich komme bald

Aus 1. Thessalonicher 4 wissen wir, dass der Herr Jesus die Gläubigen entrücken wird. Von diesem Ereignis hat der Herr selbst gesprochen, als Er mit seinen Jüngern im Obersaal war (Joh 14,1–3). Und das Buch der Offenbarung bestätigt es: Der Herr Jesus wird wiederkommen. Ganz am Ende (des Wortes Gottes) heißt es: „Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald“ (Off 22,20). Das hat uns der Herr am Ende des ersten Jahrhunderts durch seinen Apostel Johannes ausrichten lassen. Es ist ein sicheres Versprechen. Nicht nur das: Er hat auch versprochen, „bald“ zu kommen.

Interessanterweise sagt der Herr Jesus im letzten Kapitel der Bibel gleich dreimal, dass Er bald wiederkommen wird; darüber hinaus auch noch in dem Brief an Philadelphia (Off 3,11). Neben dem bereits zitierten 20. Vers in Offenbarung 22 finden wir diese Zusage auch noch in Vers 7 und Vers 12.

Wie wertvoll ist es für die Gläubigen der heutigen Zeit, dass der Herr Jesus sein Wiederkommen so eindeutig ankündigt. Das befestigt uns im Glauben und macht uns sicher, dass Er kommen wird. Seine Worte machen uns Mut, auszuharren und treu zu leben, bis Er kommt. Er wird wiederkommen, und dann werden wir Ihn sehen, wie Er ist (1. Joh 3,2). Dann wird jede Prüfung endgültig vorbei sein. Dann werden wir nur noch erfüllt sein davon, Denjenigen zu sehen, der hier für uns gestorben und jetzt im Himmel für uns tätig ist. Das ist unsere großartige Zukunft, auf die wir warten. Wir warten auf Ihn!

Obwohl sich die Zusagen des Herrn in Offenbarung 22 gleichen, betont der Herr jeweils einen besonderen Schwerpunkt. Für den Leser, der sich für diese Feinheiten interessiert, füge ich einige kurze Hinweise zu diesen Unterschieden an:

Die Zusage an die Gläubigen: Ich komme wieder und richte mein Königreich auf

  • „Und er sprach zu mir: Diese Worte sind gewiss und wahrhaftig, und der Herr, der Gott der Geister der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss. Und siehe, ich komme bald. Glückselig, der die Worte der Weissagung dieses Buches bewahrt!“ (V. 6.7).

Im Buch der Offenbarung schildert der Geist Gottes ab Kapitel 4 eine große Anzahl an Gerichtsereignissen, die Er über diese Erde und besonders über ungläubige Christen bringen wird. Diese Gerichte finden ihren Höhepunkt, wenn der Herr Jesus selbst aus dem Himmel kommen, die größten Feinde besiegen und seine Königsherrschaft antreten wird (Off 19,1120,15). Mit anderen Worten: Der Herr spricht in Offenbarung 22,7 davon, dass Er bald kommen wird, um Gericht zu üben und um sein Königreich auf der Erde aufzurichten. Er ermutigt diejenigen, die dann auf der Erde als ein Überrest des Glaubens leben werden. Und dann wird Er zu ihrer Rettung kommen, sichtbar für alle Menschen auf diese Erde.

Die Zusage an die Gläubigen: Ich komme wieder und belohne euch

  • „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist“ (V. 12).

An dieser Stelle verbindet der Herr sein Kommen damit, dass Er die Seinen belohnen wird. Wo werden wir von Ihm für unsere Treue und unser Ausharren belohnt werden? Der Apostel Paulus zeigt in 2. Korinther 5,10, dass dies vor dem Richterstuhl des Christus sein wird (vgl. 1. Kor 4,5), wenn wir im Himmel sein werden. Das findet also im Anschluss an die Entrückung statt. Sichtbar wird dieser Lohn, wenn wir mit Christus wieder auf dieser Erde sein werden, um mit Ihm zu regieren (Lk 19,17.19). Diese Regierung findet statt, wenn der Herr Jesus erscheinen wird, also für alle Menschen sichtbar auf die Erde kommen und hier regieren wird. Davon spricht der Apostel Paulus beispielsweise in 2. Thessalonicher 1,10.

So verknüpft der Herr in diesem Vers in Offenbarung 22,12 die Zusage, bald zu kommen, sowohl mit dem Zeitpunkt, dass Er uns in den Himmel holen wird (der Richterstuhl des Christus befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Himmel) als auch mit seiner Erscheinung für alle Menschen.

Die Zusage an die Gläubigen: Ich komme wieder und hole euch zu mir

  • Der bereits zitierte Vers 20 wiederum stellt den Abschluss des Wortes Gottes dar. Der Herr warnt uns in den beiden vorhergehenden Versen davor, das Wort Gottes zu beschneiden oder zu erweitern. Dann würde man die himmlischen Segnungen (den Genuss des Baumes des Lebens und der Gemeinschaft der heiligen Stadt, der Versammlung Gottes18 im Himmel) verlieren. Unser Retter verbindet seine letzte Zusicherung, bald zu kommen, an dieser Stelle mit seinem Kommen, um uns in den Himmel zu führen.

Der Herr Jesus hat somit versprochen wiederzukommen. Er hat es mehrfach versprochen. Das zeigt, wie wichtig Ihm ist, dass wir wissen, dass Er wiederkommen wird. Er wird dieses Versprechen auch einlösen. Denn Er ist die Wahrheit und spricht die Wahrheit. Ihm können wir in allem vertrauen.

Es stellt sich aber die Frage: Wann wird Er wiederkommen? Führt Er uns dann in den Himmel, oder wird Er sofort mit uns über diese Erde regieren? Müssen wir zuvor Trübsale erwarten, oder dürfen wir darauf vertrauen, dass Er uns davor bewahren wird?

Zusammenfassung

Die Antwort auf die Frage, ob Christen die Drangsalszeit erleben werden, hat Auswirkungen auf ihr Glaubensleben. Inneren Frieden und Ruhe im täglichen Leben wird derjenige haben, der weiß, dass der Retter ihn vor der Drangsalszeit entrücken wird. Zudem bestimmt die Antwort auf die Frage, ob wir an der christlichen Hoffnung der Entrückung festhalten, den Charakter unseres Lebens. Wenn wir auf die Entrückung warten, werden wir als Himmelsbürger unser Leben auf der Erde führen. Wenn wir dagegen auf die Drangsalszeit warten, blicken wir nach unten.

Die Entrückung (1. Thes 4,13–18)

In einem ersten Schritt wenden wir uns nun dem Thema „Entrückung“ zu. Von diesem Ereignis schreibt der Apostel Paulus in 1. Thessalonicher 4. Das aber ist nicht das erste Mal, dass dieses Thema berührt wird. In Johannes 14,1–4 spricht der Herr Jesus, wie wir schon gesehen haben, bereits von seinem Wiederkommen für seine Jünger.

Im Obersaal hat Er kurz vor seinem Tod gesagt: „In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,2.3).

Hier weist Jesus Christus darauf hin, dass Gott, sein Vater, über Wohnungen verfügt, die bislang noch kein Mensch betreten hat. Sie befinden sich im Haus des Vaters unseres Herrn Jesus. Dort wohnen Gott, der Vater, und Gott, der Sohn. Es ist der ungeschaffene Himmel, der schon existierte, als es weder Engel noch einen Himmel (das Firmament) noch die Erde gab. Christus Jesus hat diese Stätte bereitet. Dieses Bereiten meint, dass Er selbst, der wahrer Mensch ist, diese Wohnungen betreten hat, nachdem Er sein Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha vollbracht hatte und in den Himmel aufgefahren ist. Die Jünger sahen Ihn auffahren in den Himmel (Lk 24,51). Zu diesem Zeitpunkt betrat das erste Mal ein Mensch das Haus seines Vaters. Damit ist es auch für Menschen zubereitet, für alle, die an Ihn als ihren persönlichen Retter glauben. Wie hätte ein Mensch Zutritt zu diesen ewigen Wohnungen gehabt, wenn nicht zuvor der vollkommene Mensch verherrlicht dort eingezogen wäre?

Seinen Jüngern, und damit auch uns, hat Er nun versprochen, dass dieses Haus seines Vaters eine Stätte ist, in die Er uns einführen wird. Zu diesem Zweck wird Er uns „zu sich nehmen“ (Joh 14,3). Denn Er möchte diejenigen bei sich haben, die heute auf der Erde seine Erlösten sind. Das sind alle, die Ihn als Retter angenommen haben und daher wie Er von den Menschen verworfen werden. Auf diesen Augenblick wartet Er bis heute. Aber Er hat uns versprochen, uns zu Sich zu bringen. Was für eine „glückselige Hoffnung“ (Tit 2,13)! Das ist unsere herrliche, sichere Erwartung. Denn „Hoffnung“ ist im Neuen Testament nichts Unsicheres. Nur der Zeitpunkt, wann diese Hoffnung eintrifft, ist uns Christen nicht bekannt.

Auferstehung und Entrückung

Dem Geist Gottes war es jedoch wichtig, uns weitere Einzelheiten zu diesem Wiederkommen Jesu zu geben. Er benutzt dazu den Apostel Paulus, der das Wiederkommen Jesu „Entrückung“ nennt: „Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,16–18).

Paulus spricht hier von zwei Gruppen von Gläubigen: Die einen sind schon gestorben; die anderen leben noch, wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommen wird. Die erste Gruppe sind die „Toten in Christus“. Zu ihnen gehören alle Gläubigen von Adam an, die schon gestorben sind. Sie haben neues, ewiges Leben bekommen.19 Sie haben sich zu Gott bekehrt und sind nach ihrem Tod ins Paradies20 eingegangen (vgl. Lk 16,22; 23,43).

Die zweite Gruppe sind die lebenden Gläubigen: Christen, die Jesus Christus als Retter angenommen haben, aber nicht durch den Tod gehen (das heißt nicht sterben) müssen. Sie werden entrückt, wenn der Herr Jesus in den Wolken erscheinen wird. In diesem Augenblick werden zuerst die „Toten in Christus“ auferstehen. Die Christen, die dann leben, werden verwandelt werden und zugleich mit den auferstandenen Gläubigen entrückt werden. Ob wir, die wir an den Herrn Jesus glauben und heute leben, dann zur ersten oder zur zweiten Gruppe gehören – wir werden dem Herrn Jesus in den Wolken in der Luft begegnen. Zusammen mit Ihm werden beide Gruppen von Gläubigen in den Himmel auffahren, in das Haus seines Vaters.21 Dann werden wir allezeit bei unserem Retter und Meister und mit Ihm zusammen sein. Das ist ewige Glückseligkeit!

Es ist sehr interessant, dass der Apostel den Gläubigen (in Thessalonich) keine lange Wartezeit bis zur Entrückung ankündigt. Er schreibt: „Wir, die Lebenden“, so als ob das Wiederkommen Jesu unmittelbar bevorsteht. Hat sich Paulus vertan? Nein! Er schrieb ja inspiriert vom Heiligen Geist. Dann hätte Gott sich vertan, was unmöglich ist. Der Apostel sollte so schreiben, weil der Herr Jesus möchte, dass wir sein Wiederkommen, die Entrückung, jeden Tag erwarten und für möglich halten. Kein Gläubiger sollte sich darauf einstellen, dass er eine lange Zeit auf der Erde lebt. Auch wenn schon viele Generationen von Christen gestorben sind, sollten wir nicht denken: Dann werden wohl auch wir sterben, sondern: „Wir, die Lebenden“, wir erwarten unseren Herrn: heute! Glückselige Hoffnung!

Verwandlung

In 1. Korinther 15, im so genannten Auferstehungskapitel, behandelt der Apostel Paulus in den Versen 51–58 das Thema „Verwandlung“. Die Gläubigen, die auf der Erde leben, wenn Christus wiederkommen wird, haben einen Leib, der zur ersten Schöpfung gehört und aufgrund des Sündenfalls vergänglich und verweslich ist. Das spüren wir täglich. Dieser Leib wird bei der Entrückung ersetzt durch den Auferstehungsleib, der passend ist sowohl für die heutigen Himmel und die Erde, zum Beispiel in der Zeit des Friedensreichs, als auch für den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott in Zukunft schaffen wird (Off 21,1). Der Auferstehungsleib gehört der neuen Schöpfung an, und damit wir Teil dieser neuen Schöpfung werden, müssen wir verwandelt werden, da „das Verwesliche Unverweslichkeit anziehen muss“ (1. Kor 15,53). Es ist ein Herrlichkeitsleib, der unverweslich und dem Herrlichkeitsleib unseres Herrn Jesus gleich ist. Damit diese Verwandlung stattfinden kann, muss der Herr Jesus wiederkommen, „der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen“ (Phil 3,21). Das wird eine wunderbare Veränderung sein, die man sich heute noch nicht vorstellen kann. Sie gründet sich auf das Erlösungswerk und die Auferstehung Christi.

Wenn wir diesen Auferstehungsleib, der nicht mehr verfallen und nicht mehr sterben kann, „angezogen“ haben, werden wir ewig bei Christus und mit Christus sein. Auf diesen Augenblick warten wir voller Sehnsucht und Freude. Der Herr Jesus kommt wieder. Er kommt „bald“ (Off 22,20). Dann werden wir Ihn sehen, wie Er ist (1. Joh 3,2), das erste Mal mit unseren leiblichen Augen. Gott möchte, dass diese herrliche Tatsache, dass der Herr Jesus „bald“ kommt, auch in unserem Leben sichtbar wird: Wenn wir wirklich von Herzen auf den Herrn warten, dann führt das dazu, dass wir ein Leben für Ihn und zu seiner Ehre führen (wollen). Uns wird bewusst sein, dass wir zum Himmel gehören und nur vorübergehend auf der Erde leben. Wir werden alles zurücklassen, was keinen Platz im Himmel haben kann. Es lohnt sich nicht, für Irdisches zu kämpfen. Und selbst in unseren irdischen Umständen am Arbeitsplatz, zu Hause, in der Nachbarschaft, in der Familie sollen wir heute „himmlisches Licht“ verbreiten (Mt 5,14). Das ist Motivation und Ermahnung zugleich. Beides haben wir nötig.

Hinweise auf die Entrückung im Neuen Testament

Es scheint mir nützlich zu sein, dass wir uns einmal die Bibelstellen ansehen, in denen der Geist Gottes im Neuen Testament die Entrückung andeutet. Bis auf den Text in 1. Thessalonicher 4 steht allerdings an keiner Stelle das Wort „Entrückung“ oder „entrücken“. Daher erläutere ich bei den einzelnen Stellen kurz, warum sie sich auf dieses Ereignis beziehen.

1. Johannes 14,3: „Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin [im Haus meines Vaters mit den vielen Wohnungen, wo Er den Jüngern eine Stätte bereiten würde, V. 2], auch ihr seiet.“

Wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommen wird, wird Er uns in das Haus seines Vaters bringen. Er spricht hier nicht davon, dass Er Tote auferwecken wird. Wir wissen aus anderen Bibelstellen, dass auch das geschehen wird. Hier spricht Er zu seinen elf Jüngern davon, dass Er kommt, um sie zu sich zu holen.22 Von ihrem Tod ist keine Rede. Und wie können Lebende von der Erde in den Bereich kommen, wo der Herr Jesus heute zu Hause ist? Durch die Entrückung.

2. Römer 8,23: „Auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes.“

Wann wird unser Körper, der heute oft durch Krankheit und sehr früh durch Verfall geprägt ist, „erlöst“ werden? Sicher nicht mit dem Tod. Denn in dem Moment, wenn Gläubige heimgehen, werden Körper und Seele voneinander getrennt (vgl. 2. Kor 5,8: „ausheimisch von dem Leib“). Das ist ein unvollkommener Zustand (vgl. Heb 11,40), der erst mit der Wiedervereinigung von Leib, Seele und Geist beendet wird. Diese Erlösung bezieht sich auf den Augenblick, wenn die Christen den Auferstehungsleib bekommen. Das geschieht nach 1. Korinther 15,52 bei der Auferweckung, also der Auferstehung, die nach 1. Thessalonicher 4,16 mit der Entrückung stattfinden wird. Dann wird für die Erlösten das Elend der ersten Schöpfung, Krankheit und Verfall des Körpers ein für alle Mal beendet sein.

3. 1. Korinther 15,22.23: „In Christus werden alle lebendig gemacht werden ...: der Erstling, Christus; dann die, die des Christus sind bei seiner Ankunft.“ In Verbindung mit 1. Thessalonicher 4,16 haben wir bereits gesehen, dass sich der Ausdruck „die Toten in Christus“ auf alle Gläubigen von Adam an bezieht. So gilt auch der Hinweis auf die, „die des Christus“ sind, für alle Erlösten von Adam an (vgl. den Hinweis auf Adam in Vers 22).

Paulus spricht in Vers 21 von der Auferstehung der Toten. Der Herr Jesus hat auch bei diesem Ereignis den ersten Platz – sowohl zeitlich23 als auch rangmäßig. Aber wenn Er kommen wird, werden die entschlafenen Heiligen bei der Entrückung auferweckt werden (siehe V. 52; 1. Thes 4,16). Sie haben somit Anteil an seiner Auferstehung.

4. 1. Thessalonicher 1,9.10: „... wie ihr euch ... zu Gott bekehrt habt ..., um ... seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten.“

In Thessalonich hatte Paulus anhand der Schriften des Alten Testaments gezeigt, dass Jesus der Christus ist (Apg 17,1–4). Daraufhin hatten sich einige bekehrt. Ihr Leben bekam eine völlig neue Ausrichtung. Waren sie vorher Götzendiener, so dienten sie jetzt dem lebendigen Gott. Hatten sie vorher vage Zukunftsvorstellungen, so erwarteten sie jetzt den Sohn Gottes aus den Himmeln. Ohne jegliche Bedingungen warteten sie auf sein Kommen, wobei sein Wiederkommen für sie nicht mit Zorn oder Rache in Verbindung steht – im Gegenteil, es heißt dort: „Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn.“

5. 1. Thessalonicher 4,15–18: „Denn dieses sagen wir euch im Wort des Herrn, dass wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden. Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. So ermuntert nun einander mit diesen Worten.“

In diesem Abschnitt spricht Paulus von der Ankunft (Gegenwart) des Herrn, dem wir in Wolken in der Luft begegnen werden, wenn Er uns entrücken wird. Hier wird in Vers 17 ausdrücklich der Begriff verwendet, den wir im Allgemeinen für diesen Vorgang benutzen: entrücken. Allezeit werden wir dann beim Herrn Jesus sein.

6. 2. Thessalonicher 2,1: „Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unseres Versammeltwerdens zu ihm hin ...“

Wenn Christus aus dem Himmel zu uns zurückkommen wird, ist Er für uns gegenwärtig. Das ist die Bedeutung des Ausdrucks „Ankunft“. Zugleich werden wir – das sind alle Erlösten – zu Ihm versammelt werden. Der Wortlaut entspricht ganz den Worten des Herrn Jesus in Johannes 14. Denn Er will nicht für immer von den Seinen getrennt sein. Er wartet darauf, sie alle um sich zu versammeln. Was für ein Trost war dieser Gedanke für die Thessalonicher, die in ihrer bisherigen Auffassung erschüttert und in ihren Herzen erschreckt worden waren, weil einige behaupteten, der Tag des Herrn sei bereits gekommen (V. 3). Nein, das konnte nicht sein, denn bestimmte Ereignisse müssen dem vorausgehen (V. 4–8). Zu diesen Ereignissen gehört auch „unser Versammeltwerden zu ihm hin“. Warum kann man das sagen? Weil der Apostel ihnen diesen Punkt im ersten Brief (K. 4,15–18) ausführlich erklärt hat. Er hatte sie nicht vor einer großen Drangsal gewarnt als solche, die Verfolgungen kannten. Nein, er hatte sie ermuntert, auf das Kommen des Herrn zu warten: „Wir, die Lebenden, werden ... entrückt werden“. Das war die sichere Erwartung, die er ihnen vermittelte.

7. Titus 2,13: „Wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus.“

Bei der „glückseligen Hoffnung“ dürfen wir an die Entrückung denken: Die christliche Hoffnung hat die himmlischen Dinge zum Inhalt. In diesem Sinn schreibt der Apostel Paulus an die Römer: „Denn in Hoffnung sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, was hofft er es auch? Wenn wir aber das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir mit Ausharren“ (Kap. 8,24.25; vgl. Kap. 5,2). Wenn diese Hoffnung eintrifft, dann werden die Gläubigen für immer bei dem Herrn sein.

Die „Erscheinung der Herrlichkeit“ dagegen ist die Offenbarung des Herrn in Macht und Herrlichkeit hier auf der Erde. Sie wird im Neuen Testament nicht als „Hoffnung“ bezeichnet. Warum nicht? Weil das, was Christen „hoffen“, mit der Entrückung verbunden ist. Das heißt allerdings nicht, dass Christen nicht die machtvolle Erscheinung ihres Herrn erwarten würden. Sie tun es.

8. Jakobus 5,7.8: „Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn. ... Habt auch ihr Geduld, befestigt eure Herzen, denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen.“

Wie in 1. Thessalonicher 1,10 haben wir auch hier einen sehr allgemeinen Ausdruck vor uns, der sich sowohl auf die Entrückung als auch auf die Erscheinung des Herrn bezieht. Wir brauchen Geduld und Ausharren, bis Er kommt und wir durch die Entrückung am Ziel angekommen sein werden. Zugleich wird die Ankunft des Herrn hier mit einer Ermahnung verbunden. Die Entrückung ist ein Ereignis der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Die Erscheinung aber wird mit unserem Lohn für Treue verbunden (1. Thes 2,19; 3,13). Daher lassen uns die von Jakobus ausgesprochenen Ermahnungen an den Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10) denken, wo unsere Treue und Untreue vor Christus offenbar werden wird, und an die Erscheinung Christi.

9. 1. Johannes 3,2: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Was für ein Moment, wenn wir Ihn, unseren Retter, sehen werden – für immer! Das geschieht bei der Entrückung, wie aus 1. Thessalonicher 4,17 deutlich wird: Der Herr kommt uns in den Wolken entgegen, wo wir dann Ihm entgegenentrückt werden. Dort werden wir Ihn das erste Mal „Auge in Auge“ sehen! Großartiger Augenblick – danach sehnen wir uns!

Andererseits wird in diesem Vers auch gesagt, dass wir einmal von der Welt als Kinder Gottes erkannt werden. Es wird sichtbar werden für alle, dass wir Kinder Gottes sind und nicht Menschen, die einer sonderbaren Idee nachlaufen. Heute ist das für viele Menschen keine Tatsache. Man meint, man es hätte es mit religiös verführten Menschen zu tun. Aber wenn Christus hier auf der Erde erscheinen wird, dann werden auch wir in unserer Beziehung zu Gott für die Menschen offenbar werden, und wir werden Ihm, dem Herrn Jesus, gleich sein.

10. Judas 21: „Erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben.“

Wenn der Herr Jesus zur Entrückung wiederkommen wird, wird dies ein Akt göttlicher Barmherzigkeit sein. Er wird uns aus dem Elend der Lebensumstände und auch des traurigen geistlichen Niedergangs herausretten. 24

Wir sehen, dass die Entrückung kein Nebengedanke Gottes ist. Nein, der Herr Jesus selbst spricht von ihr genauso wie sämtliche inspirierten Briefschreiber, außer Petrus. Und selbst bei ihm finden wir eine Andeutung der Entrückung, wenn er schreibt, dass der Morgenstern aufgeht (2. Pet 1,19). Hinzu kommen noch viele Stellen, in denen die Schreiber des Neuen Testaments von der christlichen „Hoffnung“ sprechen, die unsere himmlische Zukunft beinhaltet, die wir mit der Entrückung werden genießen können.

Die christliche Hoffnung ist auf diese Entrückung gerichtet. Als der Bibelausleger John Nelson Darby sich mit diesem Thema beschäftigte, war er einmal überwältigt davon, dass jeder Schreiber des Neuen Testaments von dem Wiederkommen des Herrn spricht. Gerade durch die intensive Beschäftigung mit diesem Thema hat er erkannt, dass es ein Kommen für die Gläubigen (des Alten Testaments und der christlichen Zeit) und dass es ein Kommen mit diesen Gläubigen zur Erlösung der bedrängten Juden und zur Aufrichtung des Friedensreichs gibt. Woher kommt diese Unterscheidung? Dazu wollen wir uns im Folgenden etliche erklärende Details ansehen.

Zusammenfassung

Wir finden im Neuen Testament an mehreren Stellen Hinweise auf die Entrückung. Schon der Herr Jesus hat von diesem Ereignis gesprochen. Er hat zugesagt, uns zu sich in den Himmel zu holen, wo Er heute ist. Wir warten darauf, dass Er unseren Körper, welcher der Vergänglichkeit unterworfen ist, verwandelt und dem Herrlichkeitsleib Jesu gleichgestaltet wird. Zugleich, ja noch einen Augenblick vorher, werden die Gläubigen, die bis zur Entrückung heimgegangen sind, auferstehen und einen neuen Herrlichkeitskörper erhalten. Der Herr Jesus hat für uns kein Ereignis genannt, das noch vor der Entrückung geschehen muss. Im Blick auf die Entrückung spricht Gottes Wort auch nicht davon, dass die ungläubige Welt den Herrn sehen wird. Nur die Gläubigen, die Er entrücken wird, werden Ihn sehen. Wir werden Ihn sehen, wie Er ist.

Die Erscheinung des Herrn (2. Thes 2,8; 1. Tim 6,13–16)

Wir haben uns in einem ersten Schritt die wertvollen Bibelstellen angesehen, die von der Entrückung sprechen. Nun betrachten wir ein Ereignis, das im Neuen Testament „die Erscheinung des Herrn“, „Offenbarung Jesu Christi“, „Tag des Herrn“ oder „Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus“ genannt wird.

Gott sendet den Herrn Jesus auf die Erde

Der Apostel Paulus ermahnt Timotheus: „Ich gebiete dir vor Gott, der alles am Leben erhält, und vor Christus Jesus, der vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis bezeugt hat, dass du das Gebot unbefleckt, unsträflich bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, die zu seiner Zeit zeigen wird der selige und alleinige Machthaber, der König der Könige und Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat noch sehen kann, dem Ehre sei und ewige Macht! Amen“ (1. Tim 6,13–16).

Timotheus wird von seinem väterlichen Freund aufgefordert, das Wort Gottes in Treue zu bewahren und zu tun. Dieses Wort besitzt Autorität und wird daher Gebot genannt. Für ein treues Bewahren benötigt man Ausharren und Ausdauer bis zur „Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus“. Erscheinung ist ein Wort (epiphaneia), das man mit Offenbarwerden, Erscheinen, Manifestation, Hervortreten übersetzen kann. Es geht also darum, dass der Herr Jesus sichtbar wird auf der Erde. Gott selbst, der ewige, unsterbliche Gott, wird den Herrn Jesus auf dieser Erde zeigen und präsentieren als denjenigen, der Haupt über alles ist. Dieser Zeitpunkt ist für uns, die wir wie Timotheus Diener des Herrn sind, das letztendliche Ziel unseres Dienstes. Darauf warten wir. Auf dieses sichtbare Wiederkommen haben schon die Engel bei der Himmelfahrt Jesu verwiesen: „Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel“ (Apg 1,11).

Dieser Gedanke wird bestätigt in 2. Timotheus 4,8. Paulus spricht dort von der Belohnung für seinen Dienst: „Fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, die der Herr, der gerechte Richter mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag; nicht allein aber mir, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieben.“ Der Herr Jesus wird einmal auf diese Erde zurückkommen und für die Menschen sichtbar werden. Diese seine Erscheinung lieben wir, weil wir den Herrn Jesus lieben und uns darüber freuen, dass Er einmal in Macht über diese Erde regieren wird. Dann – leider erst dann – wird Er als Herr und König auf dieser Erde anerkannt werden.

Christus wird die Ungläubigen richten

In den bislang zitierten Versen bezieht sich die Erscheinung des Herrn auf uns, die wir in der heutigen Zeit an den Herrn Jesus glauben. Es gibt andere Verse, die zeigen, was die Erscheinung des Herrn Jesus für diese Welt bedeuten wird. Und dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft“ (2. Thes 2,8).

Ohne an dieser Stelle auf Einzelheiten dieses Verses einzugehen, sehen wir, dass der Herr Jesus wiederkommen wird. Es wird ein Kommen sein, das für den Gesetzlosen mit Gericht verbunden ist. Dieser Gesetzlose ist eine Persönlichkeit, die hier auf der Erde in der Zukunft große Macht haben wird. Diese künftige, erneute Gegenwart des Herrn auf der Erde wird von den Menschen, die auf der Erde leben, gesehen werden (Ankunft, gr. parousía, bedeutet Gegenwart). Er wird nicht unsichtbar hier sein, sondern sichtbar erscheinen. Und dann wird Er nicht in Demut kommen, wie das vor ungefähr 2.000 Jahren der Fall war. Er wird als Richter und Herrscher regieren.

Einen ähnlichen Gedanken finden wir in 2. Timotheus 4,1: „Ich bezeuge ernstlich vor Gott und Christo Jesus, der Lebende und Tote richten wird, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich“ (2. Tim 4,1). Dort wird die künftige Erscheinung des Herrn mit dem Königreich Gottes auf der Erde verbunden. Das ist das Reich, das schon im Alten Testament vorhergesagt worden war (Dan 2,44; 7,13–27; 1. Mo 49,10). Der Herr Jesus sagte, wie Johannes der Täufer, von diesem Reich, dass es nahe gekommen sei (Mt 3,2.17). Denn als Jesus als demütiger Mensch auf diese Erde kam, wollte Er dieses angekündigte Reich aufrichten. Aber weil Er verworfen wurde, konnte dieses Reich nicht öffentlich beginnen. Stattdessen führte es der Herr damals in einer verborgenen Weise ein (Mt 13,11). Gott wird aber dafür sorgen, dass dieses Reich zukünftig in öffentlicher Weise beginnen wird. Das haben wir in 1. Timotheus 6 gesehen.

Von diesem Augenblick öffentlicher Erscheinung spricht der Herr Jesus auch in Offenbarung 1,7: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben.“ Der Herr kommt nicht unsichtbar für die Menschen, sondern wird von allen gesehen werden. Das gilt auch für sein Volk der Juden, die Ihn vor ungefähr 2.000 Jahren an das Kreuz gebracht haben. Gerade die Juden werden Ihn wiederkommen sehen. Davon sprachen die Engel bei der Himmelfahrt des Herrn (Apg 1,11).

Die Erscheinung in Macht und mit Gericht

Wenn Christus wiederkommen wird, bedeutet das Gericht. Wir haben bereits gesehen, dass sein Kommen einen richterlichen Charakter trägt. Das wird auch deutlich, wenn man einige weitere Verse in 2. Thessalonicher 1 liest: „Wenn es denn bei Gott gerecht ist, denen, die euch bedrängen, mit Drangsal zu vergelten, und euch, die ihr bedrängt werdet, Ruhe mit uns zu geben bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her, mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen“ (2. Thes 1,6–8).

An dieser Stelle benutzt der Apostel Paulus ein anderes Wort für die Erscheinung des Herrn: Offenbarung des Herrn Jesus. Dieser Ausdruck ist dem der Erscheinung sehr nahe. Paulus spricht hier davon, dass der Herr Jesus zusammen mit Engeln aus dem Himmel kommen wird. Sein Kommen trägt den Charakter von Macht und von Feuer. „Macht“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Herr bei seinem zweiten Kommen nicht als unauffälliger Mensch leben wird, auf den man hinweisen muss, wie es vor rund 2.000 Jahren der Fall war (vgl. Joh 1,26). Er wird machtvoll und voller Autorität auftreten. „Feuer“ ist ein deutlicher Hinweis auf das Gericht über die ungläubigen Menschen, das mit seinem Kommen verbunden sein wird. Diese Menschen haben es abgelehnt, Jesus Christus als Retter anzunehmen. Sie werden das Gericht Christi erleben.

Zusammenfassung

Wir freuen uns darauf, dass der Herr Jesus auf dieser Erde den ersten Platz, den Ehrenplatz erhalten wird. Er wurde damals verfolgt, bespuckt, verworfen, drangsaliert und gekreuzigt, getötet. Bei seinem künftigen Wiederkommen werden sich Ihm die Menschen unterwerfen. Sie werden anerkennen, dass Er der rechtmäßige Machthaber ist.

Er wird dann der unumschränkte Herrscher sein. Er wird der König der Könige und der Herr der Herren sein (Off 19,16). Gott wird seinem Sohn diesen Herrscherplatz schenken. Und wir lieben seine Erscheinung, weil wir Ihm diese Ehrerweisung von Herzen wünschen.

Ausdrücke in Verbindung mit dem Kommen des Herrn

Bevor wir die Unterschiede zwischen Entrückung und Erscheinung untersuchen, sehen wir uns einige Begriffe an, die in Gottes Wort zum Kommen des Herrn Jesus verwendet werden. Es erscheint mir daher sinnvoll, diese kurze Begriffserklärung anzufügen, damit der Leser weiß, was der Autor jeweils unter diesen Ausdrücken versteht.

  1. Entrückung (1. Thes 4,17): Die Entrückung der Erlösten bezieht sich auf das Wiederkommen des Herrn für die Gläubigen, um sie in den Himmel zu sich zu holen.
  2. Ankunft (1. Thes 4,15; 1. Thes 2,19; 3,13; 2. Thes 2,1 usw.): Das Wort „Ankunft“ bedeutet eigentlich Gegenwart; es ist der Zustand, der auf das Kommen einer Person folgt. Wenn im Neuen Testament von „Ankunft“ ohne Spezifizierung gesprochen wird, die auf die Offenbarung des Herrn, sein Sichtbarwerden und Regieren hindeutet, dann steht dieser Ausdruck mit der Entrückung in Verbindung, also seiner Gegenwart für die Erlösten. In den anderen Fällen geht es um die Erscheinung des Herrn, wenn Er sein Friedensreich aufrichten wird.
  3. (Wieder)-Kommen (Heb 10,37; Joh 14,3 usw.): Der Herr Jesus wird zurückkommen aus dem Himmel. Er hat auf der Erde gelebt, ist jetzt verherrlicht im Himmel, aber Er kommt wieder. Manchmal bezieht sich das auf die Entrückung (Joh 14,3), manchmal auf seine Erscheinung, die Aufrichtung seines Friedensreiches (Heb 10,37).
  4. Erscheinung (2. Thes 2,8; 1. Tim 6,14; 2. Tim 4,1.8; Tit 2,13 usw.): Der Herr Jesus wird in dieser Welt erscheinen, das heißt, Er wird sichtbar kommen, um sein Friedensreich aufzurichten.
  5. Offenbarung (2. Thes 1,7; 1. Pet 1,7.13): Wie wir bereits gesehen haben, ist mit dem Begriff „Erscheinung“ auch der Ausdruck „Offenbarung“ Jesu Christi verbunden. Er wird erscheinen und damit sichtbar werden, wenn Er wiederkommt, um zu regieren. Dann wird offenbar werden, dass Er der Herr der Herren ist und nicht mehr der demütige Mensch, den man verachten, verspotten und ans Kreuz nageln kann.
  6. Glückselige Hoffnung (Tit 2,13; Röm 8,24): Die Hoffnung des Christen ist das Wiederkommen des Herrn Jesus zur Entrückung. Wenn im Neuen Testament diese Hoffnung vorgestellt wird, meint der Geist Gottes keine unsichere Sache, sondern eine sichere himmlische Erwartung, die aber noch nicht eingetreten ist.
  7. Versammeltwerden zu Ihm hin (2. Thes 2,1): Der Herr Jesus wird, wenn Er zu unserer Entrückung kommen wird, uns zu sich selbst versammeln. Alle, die an Ihn glauben bzw. geglaubt haben, alle, die sich – von Adam an bis zu dem Augenblick der Entrückung – bekehrt haben, werden in diesem Augenblick zu Ihm versammelt werden zur Entrückung.
  8. Tag des Herrn (1. Thes 5,2; 2. Thes 2,2): Gott spricht schon im Alten Testament sehr oft vom Tag des Herrn. Es ist ein „Tag des Grimmes, ein Tag der Drangsal und der Bedrängnis, ein Tag des Verwüstens und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und des Wolkendunkels, ein Tag der Posaune und des Kriegsgeschreis“ (Zeph 1,14–8). Auch viele andere Bibelstellen beschreiben ihn als eine Periode des Gerichts (Jes 2,12–21; 13,6–13; Joel 2,1.2; Mal 3,23; usw.). Die richterliche Erscheinung des Herrn ist der Ausgangspunkt dieses Tages, der dann die gesamte Zeit des 1.000-jährigen Friedensreichs umschließt, die zum Segen für das Volk Israel und die Erde insgesamt sein wird (vgl. Jes 4,2; 11,10; 12,1.4; 19,21; Joel 4,18; Hos 2,18.23 usw.).

Diese Auflistung zeigt, dass die Verwendung eines Begriffs allein nicht immer zeigt, worauf sich der Geist Gottes bezieht: ob auf die Erscheinung Christi zur Aufrichtung des Königreichs in Macht und Herrlichkeit oder auf die Entrückung. Der biblische Kontext macht das deutlich.

In diesem Sinn benutze auch ich diese Ausdrücke manchmal bewusst allgemein, um beide Seiten des Kommens Jesu einzuschließen, die wir gesehen haben: die Entrückung und die Erscheinung. Ansonsten sollte der Zusammenhang deutlich machen, um welches Kommen es geht.

Was unterscheidet die Entrückung von der Erscheinung?

Es fällt auf, dass der Geist Gottes das Ereignis der Entrückung und das Geschehen der Erscheinung des Herrn sehr unterschiedlich charakterisiert. Einige wichtige Unterschiede führe ich im Folgenden an:

Charakterisierung von Entrückung im Unterschied zur Erscheinung

  1. Die Entrückung wird „Geheimnis“ genannt (1. Kor 15,51). Das ist etwas, das im Alten Testament verborgen und durch Gottes Geist den Aposteln und Propheten des Neuen Testaments offenbart worden ist (Röm 16,25.26). In diesem Fall wurde dieses Geheimnis dem Apostel Paulus durch eine Offenbarung und ein „Wort des Herrn“ weitergegeben (1. Thes 4,15).
    Im Blick auf die Erscheinung und den Tag des Herrn wird nicht von Geheimnis oder Wort des Herrn gesprochen. Dieses Thema behandeln schon die alttestamentlichen Schreiber an vielen Stellen.
  2. Bei der Entrückung wird der Herr Jesus diese Erde nicht betreten, sondern uns in Wolken entgegenkommen (1. Thes 4,17).
    Bei seiner Erscheinung dagegen werden seine Füße auf dem Ölberg stehen (Sach 14,4). Das heißt, dass Christus bei der Entrückung in die Luft kommt, bei seiner Erscheinung dagegen auf die Erde.
  3. Die Entrückung der Gläubigen, jedenfalls das Kommen des Herrn zur Entrückung, wird von dieser Welt nicht gesehen. Der Herr kommt uns nach 1. Thessalonicher 4 „nur“ in Wolken in der Luft entgegen.
    Bei seiner Erscheinung auf der Erde dagegen „wird jedes Auge ihn sehen“ (Off 1,7).
  4. Nach der Entrückung findet für die Erlösten das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus im Himmel statt, wo auch die heute verborgenen Motive und Überlegungen von dem Herrn Jesus sichtbar gemacht werden (1. Kor 4,5; 2. Kor 5,10).
    Nach der Erscheinung findet eine öffentliche Gerichtssitzung der Nationen auf der Erde statt (Mt 25,31–46). Zudem wird ein Kriegsgericht an den ungläubigen Juden und vielen Nationen vollzogen, die gegen Christus gekämpft haben (Off 19,11–21).
  5. Bei der Entrückung wird die Versammlung von der Erde in den Himmel geholt (2. Thes 2,1).
    Bei der Erscheinung mit Christus dagegen wird sie mit Ihm auf die Erde zurückkommen (Kol 3,4; 2. Thes 1,10; Off 19,11–16).
  6. Die Entrückung ist das Kommen des Herrn für uns (Joh 14,3).
    Die Erscheinung ist das Kommen Christi mit uns (Kol 3,4).
  7. Die Entrückung ist ein Akt der Barmherzigkeit (Jud 21).
    Die Erscheinung des Herrn dagegen ist ein Tag des Grimms und der Gerechtigkeit (Zeph 1,14–18).
  8. Das Böse bzw. das Gericht über das Böse steht in Verbindung mit der Entrückung nicht im Blickfeld.
    Dieses Gericht ist dagegen ein herausragendes Kennzeichen seiner Erscheinung, mit der dann der Tag des Herrn und seiner Herrschaft beginnt (2. Thes 1,8). Dann werden sofort die satanischen Agenten, das erste und zweite Tier aus Offenbarung 13 – der römische Kaiser und der Antichrist – gerichtet werden (Off 19,19–21).
  9. Christus wird für die heute lebenden Erlösten als Bräutigam und Haupt des Leibes zur Entrückung kommen (Off 22,17.20; Eph 1,22.23; 5,25–27; Kol 1,22)
    Für Israel und die Nationen wird Er dagegen als Sohn des Menschen, Richter und Messias erscheinen (Mt 24,30; 25,31).
  10. Im Blick auf die Entrückung ist der Herr Jesus als Person derjenige, dessen Kommen nahe ist (Off 3,11).
    Was die Erscheinung betrifft, wird von dem Königreich bzw. von der Zeit gesprochen, das bzw. die nahe ist (Mt 3,2; Lk, 21,28; Off 22,10).
  11. Wenn der Herr Jesus uns entrücken wird, bleibt die sichtbare Schöpfung davon unbeeinflusst. Erst die Gerichte, von denen Johannes in Offenbarung 616 berichtet, greifen direkt in die Natur ein. Der Verfall und die Zerstörung innerhalb der ersten Schöpfung bleiben somit auch nach der Entrückung bestehen. Allerdings werden die entrückten Erlösten aus dem Elend der ersten Schöpfung herausgeholt, um für ewig an der Neuschöpfung Anteil zu haben.
    Mit der Erscheinung dagegen wird das sehnliche Warten der gesamten (unintelligenten) Schöpfung auf Befreiung endlich seine Erhörung finden (Röm 8,19). Das heißt, der Niedergang und die äußerliche Degeneration werden ein Ende haben.
  12. Die Entrückung ist für alle Erlösten, ob sie nun aus Juden oder Nationen stammen. So hat sie weder mit Juden noch mit Nationen als solchen zu tun.
    Bei der Erscheinung dagegen werden beide Gruppen voneinander unterschieden (Mt 24.25; Off 7).
  13. Durch die Entrückung wird sich im Blick auf Israel keine Weissagung erfüllen.
    Durch die Erscheinung und sein Kommen für Israel auf dem Ölberg (Sach 14,4) wird Christus die Verheißungen und den Bund mit Abraham erfüllen. Auf dieses Kommen wurde immer wieder im Alten Testament hingewiesen.
  14. Im Blick auf die Entrückung gibt es keine Zeichen und Bedingungen, die zuvor erfüllt werden müssen.
    Vor der Erscheinung des Herrn aber müssen nach 2. Thessalonicher 2 und Offenbarung 619 bestimmte Ereignisse erfüllt werden.
  15. Im Zusammenhang mit der Entrückung redet die Schrift nicht von Zeichen und Wundern.
    Die Erscheinung des Herrn dagegen wird von überaus ernsten und sichtbaren Zeichen flankiert werden (Joel 3,3).
  16. Die Entrückung ist das Ereignis eines Augenblicks (1. Thes 4,16.17).
    Die Erscheinung Christi dagegen hängt mit einer ganzen Epoche zusammen, dem Tag des Herrn, dem 1.000-jährigen Friedensreich (Off 20,4.7).
  17. Der Herr Jesus wird Morgenstern genannt, wenn es um die Entrückung der Erlösten geht (2. Pet 1,19; Off 2,28; 22,16).
    Wenn Gottes Wort von seiner Erscheinung spricht, wird Christus „Sonne der Gerechtigkeit“ genannt (Mal 3,20). Zwischen dem Leuchten des Morgensterns und dem Aufgehen der Sonne vergeht einige Zeit. Dasselbe gilt für die Entrückung und dem Beginn des 1.000-jährigen Reiches.
  18. Sowohl für die Entrückung als auch für die Erscheinung gibt es Vorbilder. Henoch wurde entrückt zu Gott (Heb 11,5), wie auch Elia in den Himmel auffuhr, ohne sterben zu müssen (2. Kön 2,11). Beide „sahen“ ihren Gott, Jahwe, im Himmel.
    Noah dagegen erschien Jahwe auf der Erde (1. Mo 9; Heb 11,7), wie auch dem Elisa (2. Kön 6,17).
  19. Die Entrückung ist das Tor dazu, dass Gott in Christus seine ganze Liebe als Vater den Erlösten in seinem Haus entgegenbringen kann.
    Die Erscheinung dagegen ist das Tor dazu, dass Gott seine Macht und Herrlichkeit in voller Weise auf der Erde entfalten kann.
  20. Die Entrückung führt die Erlösten in die ewige, souveräne Gnade und Liebe Gottes ein (Phil 3,21; Joh 14,2.3).
    Die Erscheinung wiederum führt die Erlösten mit Christus auf die Erde, um dort ihren Lohn für die Treue während ihres Erdenlebens zu genießen (Lk 19,17–19).
  21. Die Entrückung wird den Erlösten vorgestellt (Joh 14,1–4; 1. Thes 4,15–17), nicht den Ungläubigen. Judas Iskariot war bei den Begebenheiten, die ab Johannes 13,30 geschildert werden, bereits abwesend.
    Die Erscheinung dagegen finden wir wiederholt in den Predigten der Apostel auch an Ungläubige (Apg 3,20.21; 17,31; 24,25).

Entrückung oder Erscheinung?

In der folgenden Tabelle habe ich diese Punkte noch einmal in übersichtlicherer Kurzform zusammengestellt.

 Entrückung Erscheinung
1. Geheimnis: im AT nicht bekannt Schon im AT bekannt
2. Christus in den Wolken, nicht auf der Erde Die Füße Jesu stehen auf dem Ölberg.
3. Die Welt sieht Christus und die Entrückung nicht. Alle Menschen werden Christus und die Seinen sehen.
4. Richterstuhl des Christus für die Gläubigen im Himmel Öffentliche Gerichtssitzung mit dem Thron des Sohnes des Menschen auf der Erde
5. Die Gläubigen werden von der Erde in den Himmel geholt. Die Erlösten der AT/NT-Zeit kommen mit Christus auf die Erde.
6. Kommen des Herrn für uns Kommen des Herrn mit uns
7. Akt der Barmherzigkeit Akt der Gerechtigkeit und Herrlichkeit
8. Es geht um die Liebe Christi zu seiner Braut. Es geht um das Richten des und der Bösen.
9. Christus als Bräutigam und Haupt des Leibes Christus als Sohn des Menschen, Richter und Messias
10. Der Bräutigam ist nahe: Ich komme bald. Das Königreich ist nahe – seine Erlösung und seine Regierung
11. Die sichtbare/unsichtbare Schöpfung bleibt weiter dem Niedergang verhaftet. Die sichtbare Schöpfung wird befreit und wiederhergestellt.
12. Kein Bezug zu Juden oder Nationen Unterscheidung von Juden und Heiden
13. Keine Erfüllung von AT-Verheißungen Erfüllung von Sacharja 14,4 und anderen Verheißungen an Abraham und das Volk
14. Keine Bedingungen, die vorher erfüllt sein müssen Etliche Vorbedingungen müssen noch erfüllt werden (z. B. 2. Thes 2).
15. Keine Hinweise auf Zeichen und Bedingungen Furchtbare, sichtbare Zeichen als Begleitung
16. Ereignis eines Augenblicks Zeitperiode von 1.000 Jahren
17. Christus als Morgenstern Christus als Sonne der Gerechtigkeit
18. Die Entrückung von Henoch und Elia als Vorbild Die Erscheinung des Herrn für Noah und Elisa als Vorbild
19. Tor dafür, dass Gott in Christus seins Liebe den Erlösten als Vater in seinem Haus offenbaren kann Tor dafür, dass Gott seine Macht und Herrlichkeit auf der Erde entfalten kann
20. Führt die Erlösten in die ewige, souveräne Gnade und Liebe Gottes im Himmel ein Bringt den Erlösten Lohn für ihre Treue auf der Erde
21. Wird den Erlösten vorgestellt als Ermutigung Wird auch den Ungläubigen gepredigt
22. Ist eine Ermunterung Ist eine Ermahnung und Warnung

Das Kommen des Herrn für die Seinen – sein Kommen mit den Seinen

Gelegentlich verwenden Gläubige den Ausdruck, dass der Herr Jesus „für die Seinen“ kommt. Manchmal sprechen sie im Unterschied dazu davon, dass Er „mit den Seinen“ kommt. Da sich diese Begriffe so nicht in dem Wort Gottes finden, möchte ich sie kurz erklären.

Wenn man vom Kommen des Herrn „für die Seinen“ spricht, meint man sein künftiges Wiederkommen, um die Gläubigen zu sich in den Himmel zu holen. An dieser Stelle erörtern wir nicht, wann das geschieht. Darüber denken wir später nach. Aber die Tatsache selbst, dass der Herr Jesus für die (lebenden) Gläubigen kommt, um sie in den Himmel zu holen, finden wir in Johannes 14,1–4. Dort lesen wir, dass der Herr Jesus zu seinen Jüngern sagt: „In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet.“ Er holt uns zu sich dahin, wo Er jetzt ist: in den Himmel. Das ist das Kommen „für“ uns.

Dann aber gibt es noch das Kommen „mit den Seinen“. Wenn man davon spricht, bezieht man sich darauf, dass Christus aus dem Himmel auf diese Erde zurückkommen wird, um hier zu regieren. Davon ist schon prophetisch im Alten Testament die Rede, wenn Sacharja davon schreibt, dass der Herr (Jahwe) ausziehen und gegen Nationen kämpfen wird. „Und seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem im Osten liegt; und der Ölberg wird sich in der Mitte spalten“ (Sach 14,4).

Das heißt, der Herr Jesus wird kommen, um seine Regierung auf dieser Erde anzutreten. Davon spricht Er im Buch der Offenbarung. In Kapitel 19,11–16 liest man, wie Er als König der Könige und Herr der Herren kommen wird. Er kommt allerdings nicht allein, sondern mit Kriegsheeren, die mit feiner Leinwand bekleidet sind. Zuvor wird der Braut des Lammes diese Bekleidung im Blick auf die Hochzeit Christi mit seiner Braut geschenkt. Die Braut des Lammes ist die Versammlung Gottes (Eph 5,32). Der Apostel Paulus bestätigt in Kolosser 3,4, dass wir, die bekehrten Christen, mit dem Herrn Jesus auf diese Erde kommen werden: „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit.“

Fällt die Erscheinung des Herrn mit der Entrückung zusammen?

Bevor wir uns in weiteren Kapiteln einige Einzelheiten über wesentliche Unterschiede zwischen Erscheinung und Entrückung vornehmen, sehen wir uns den Bibelvers in 2. Thessalonicher 2,8 noch einmal genauer an: „Und dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft.“ Dieser Vers wird uns noch ausführlicher beschäftigen. Hier reicht es zunächst, das „dann“ anzusehen. Es gibt bestimmte Dinge, die geschehen müssen, bevor der Herr Jesus hier erscheinen kann: Der Gesetzlose – gemeint ist der Antichrist, der künftige gottlose König in Israel (Jes 30,33; Dan 11,36), von dem der Herr Jesus bereits gesprochen hat (Joh 5,43) – muss offenbart sein, sonst kann er nicht beim Kommen des Herrn vernichtet werden. Von solchen Ereignissen lesen wir in Verbindung mit der Entrückung in 1. Thessalonicher 4 nichts.

In 2. Thessalonicher 2 lesen wir zudem, dass auch der Gesetzlose (der Antichrist) nicht ohne Weiteres offenbart werden kann. Zuerst muss der Abfall kommen – ein vollständiges Abfallen von der christlichen Wahrheit (2. Thes 2,3). Und noch etwas muss geschehen, bevor dieser Gesetzlose als Regent auftreten kann: Da ist etwas, „was zurückhält“ (V. 6), und da ist der, „der zurückhält“ (V. 7). Erst wenn „das“ und „der“ aus dem Weg geräumt sind (was konkret gemeint ist, erläutert der Apostel an dieser Stelle nicht) kann der Gesetzlose offenbar werden. Und dieser Gesetzlose wird dann durch den Hauch des Mundes des Herrn Jesus vernichtet werden „durch die Erscheinung seiner Ankunft“.

Keine Voraussetzungen für die Entrückung

Solche Voraussetzungen werden im Blick auf die Entrückung in 1. Thessalonicher 4 auch nicht ansatzweise genannt. Dort werden wir vielmehr ermutigt, auf das Ereignis der Entrückung ohne Angst und Betrübnis zu warten. Der Apostel muss die Gläubigen in Thessalonich im ersten Brief nicht darüber belehren, was vor der Entrückung noch alles passieren muss. Vielmehr ermutigt er die Thessalonicher mit dem Hinweis auf die christliche Hoffnung. Die Thessalonicher hatten nämlich große Sorge, dass die gestorbenen Gläubigen, da sie nicht mehr lebten, viel Segen verlieren würden. Paulus aber schreibt ihnen, dass das Gegenteil der Fall ist: Sie werden als Erste bei der Entrückung einen Auferweckungskörper haben, noch vor den lebenden Gläubigen. Und danach würden die lebenden Gläubigen mit ihnen verwandelt werden. Zusammen dürfen beide Gruppen dann den ewigen Segen Gottes genießen.

Paulus rechnete sogar unmittelbar damit, dass dieses Ereignis stattfinden würde. Er kann freudig sagen: „Danach werden wir, die Lebenden, zugleich mit ihnen entrückt werden“ (V. 17). Es gab nichts, was vor dieser Entrückung noch zu geschehen hatte. Paulus rechnete täglich damit. Und er nahm an, dass dieses Ereignis jederzeit, ja noch am selben Tag stattfinden könnte.

Aus diesen Worten wird deutlich, dass die Entrückung vor der Erscheinung und dem Offenbarwerden Jesu Christi erfolgen muss. Und nach der Entrückung? Dann werden Ereignisse stattfinden, von denen der Apostel im zweiten Kapitel des zweiten Briefes ausführlich spricht. Er verbindet sie mit dem Tag des Herrn (V. 2). Damit beschäftigen wir uns im Folgenden noch eingehender. Wir gehen dann auf einige Einzelheiten ein, die wir bislang, der Übersichtlichkeit wegen, übergangen haben.

Zusammenfassung

Zwischen der Entrückung und der Erscheinung des Herrn gibt es viele Unterschiede. Der Charakter der Entrückung ist, dass sie ein Ereignis der Gnade für die Gläubigen ist. Diese Phase des Kommens Jesu wird vor der Welt verborgen bleiben. Die Erscheinung des Herrn Jesus dagegen wird sichtbar sein. Sie ist durch äußere Machtentfaltung geprägt und wird die öffentliche Regierung des Herrn Jesus als König der Könige einleiten. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegen mindestens sieben Jahre, wobei die Entrückung das sein wird, was zuerst kommt.

Was haben Christen mit der Drangsalszeit zu tun?

Wir haben uns einige Einzelheiten zur Entrückung und zur Erscheinung des Herrn angesehen. Nachdem wir auch Gottes unterschiedliche Charakterisierung beider Ereignisse in der Schrift überdacht haben, wenden wir uns im Folgenden der zentralen Frage zu: Werden Christen die „große Drangsal“ erleben? Wie steht diese besondere Drangsal mit den Trübsalen in Verbindung, die wir als Christen mehr oder weniger erleben? Und wie verbinden sich diese Nöte mit der Entrückung und mit der machtvollen Erscheinung des Herrn?

Eine Frage der christlichen Hoffnung und Erwartung des Herrn

Ein zentrales Thema für Christen ist die christliche Hoffnung. Vielfach werden wir darüber im Neuen Testament belehrt (vgl. Röm 5,2–5; 8,24; 1. Kor 13,13; Gal 5,5; Kol 1,5 usw.). Diese Hoffnung bezieht sich auf die Entrückung, auf das Wiederkommen Jesu, um uns in den Himmel zu holen.

Was aber wäre, wenn diese Hoffnung nichts direkt mit dem Himmel zu tun hätte? Was wäre, wenn diese Hoffnung lediglich darauf gerichtet wäre, dass wir mit Ihm auf der Erde regieren? Dann hätten wir keine himmlische Hoffnung, sondern eine irdische. Dann würde uns letztlich kaum noch etwas von anderen Familien Gottes wie Israel oder den Nationen unterscheiden (Eph 3,15).25

Eine solche Auffassung steht im Widerspruch dazu, dass alle, die zur Versammlung Gottes gehören, Gegenstand des ewigen Ratschlusses Gottes sind (vgl. Eph 3,4–19). Das wird weder im Blick auf Israel noch von den Nationen gesagt.

Zur Versammlung Gottes gehören alle, die an den Herrn Jesus Christus und sein Erlösungswerk glauben und mit dem Heiligen Geist versiegelt sind. Das unterscheidet die heute lebenden Gläubigen grundlegend vom Volk Israel und von den Nationen.

Zudem heißt es mehrfach im Neuen Testament, dass Gott uns aus dieser Welt herausgenommen hat, um uns mit dem Himmel zu verbinden (vgl. Gal 1,4; Eph 2,6; Phil 3,13; Heb 3,1). Wir leben heute auf der Erde. Und wir wissen aus Stellen wie Offenbarung 22,5, dass wir im 1000-jährigen Reich über diese Erde regieren werden. Aber unsere eigentliche Bestimmung ist der Himmel. Dorthin wird uns der Herr Jesus nach Johannes 14,2–4 bringen. Würden Christen allerdings ein irdisches Königreich erwarten, so gäben sie ihre himmlische Stellung auf (Phil 3,20.21). Sie würden zu irdischen Gläubigen mit irdischer Zukunft. Diese Überzeugung fesselt Gläubige an diese Erde und Welt. Dabei hat uns Gott aus der Welt herausgenommen. Er möchte, dass wir uns innerlich von dieser Welt lösen, damit wir unserer himmlischen Berufung entsprechend leben.

Eine Frage der Epochen – ist die Versammlung das geistliche Israel?

In Verbindung mit der himmlischen Bestimmung der Versammlung steht ein zweiter Punkt, den wir schon kurz gestreift haben. Die himmlische Hoffnung der Erlösten, die untrennbar zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehört, kennt keine andere Familie Gottes auf der Erde.

Das Volk Israel wartete auf seinen Messias, der sein Königreich auf der Erde aufrichten sollte. Die gläubigen Nationen werden nach der Entrückung durch die Predigt des ewigen Evangeliums ebenfalls auf den Messias-Gott warten, der sie auf dieser Erde als Sohn des Menschen durch das Volk Israel segnen will (Hag 2,7; Mt 25,31). Für die Erlösten, die zur Versammlung Gottes gehören, wird es dagegen keinen Segen durch das Volk Israel geben. Sie ist in Christus direkt mit himmlischem Segen beschenkt.

Wir warten darauf, dass der Herr Jesus uns dahin bringt, wo Er selbst zu Hause ist: in den Himmel und in das Haus seines Vaters (Joh 14,1–3). Das richtet unsere Blicke weg von den irdischen Umständen hin zu dem verherrlichten Christus. Das lässt uns von der Erde wegschauen hin nach oben. Gerade das ist die hohe Würde unserer christlichen Stellung. Die Freude und der Genuss dieser Stellung ginge ohne die Erwartung der Entrückung verloren.26

Die Versammlung ist untrennbar mit der Entrückung verbunden

Die biblische Belehrung über die Versammlung Gottes ist unauflöslich mit der biblischen Lehre über die Entrückung verbunden.27 Darauf haben bereits Gegner der so genannten Vor-Entrückungslehre verwiesen, und das mit Recht. Diese selbst allerdings sind überzeugt, dass die Christen nicht vor der Drangsalszeit entrückt werden, sondern während oder nach dieser Trübsalszeit.

Wer allerdings die Vor-Entrückung ablehnt und damit die Naherwartung des Kommens Jesu zur Entrückung als falsch ansieht, gibt damit – vielleicht unbewusst – in einem wesentlichen Punkt die Einzigartigkeit der Versammlung auf. Dann würde sich die Versammlung nämlich nicht mehr von Juden und Nationen unterscheiden, was die Drangsalszeit betrifft. Denn die Juden und Nationen werden diese Trübsal erleben. Die Versammlung dagegen wartet nicht auf die Drangsal auf der Erde, sondern auf den wiederkommenden Christus, um in den Himmel zu ihrem Bräutigam und Haupt geholt zu werden. Der Himmel ist ihre Bestimmung. Er ist ihr Wohnort, wenn Gott Gericht auf dieser Erde üben wird. Die sichtbare Erscheinung des Herrn in Macht und Herrlichkeit geschieht für Israel und für die Nationen. Sie ist für solche, die ihren Platz hier auf der Erde haben. Und selbst wenn man an eine Entrückung im Verlauf oder nach der Trübsalszeit denkt, wartet der Erlöste nicht zuerst auf das Kommen Christi, sondern auf Trübsale ... Damit schaut man nicht nach oben, sondern nach unten.

Wenn die Versammlung nicht die Entrückung erwarten würde, wäre sie von ihrem Charakter wie Israel und die Nationen. Ihr Wesen wäre dann irdischer und nicht himmlischer Natur. Wer also die Naherwartung des Kommens Jesu zur Entrückung aufgibt, steht in Gefahr, die himmlische Stellung der Erlösten aus dem Auge zu verlieren.

Die Erlösten heute bilden die Versammlung Gottes, die im Neuen Testament als ein Organismus beschrieben wird, dessen „Idee“ in der (vergangenen) Ewigkeit liegt. Die Versammlung ist Teil des Ratschlusses Gottes und untrennbar mit dem verherrlichten Christus verbunden (Eph 3). Der einzigartige Segen der erlösten Christen hängt mit der besonderen Stellung in Christus zusammen:

  1. mit einem verherrlichten Christus im Himmel, nicht mit einem Richter und König auf der Erde;
  2. mit dem Geist Gottes auf der Erde, der in dem Gläubigen persönlich und in der Versammlung wohnt, nicht mit einem Geist, der die Erde verlassen hat (2. Thes 2,6.7);
  3. mit dem vollbrachten Erlösungswerk, auf das wir zurückschauen können, also mit einer erlebten Erlösung (1. Pet 1,18), nicht mit einer Erlösung, auf die wir noch warten müssen (Hos 13,14; Mi 4,10; Lk 21,28).
Angst vor der Drangsal oder freudiges Erwarten des Kommens des Herrn?

Schließlich darf man nicht übersehen, dass diese Frage nach dem Zeitpunkt der Entrückung auch etwas mit dem Empfinden von Angst und Sorge zu tun hat. Wenn ich auf die Entrückung vor der Drangsalszeit warte, um für immer bei dem Herrn Jesus zu sein, freue ich mich auf das, was mich erwartet. Wenn ich dagegen auf die Drangsalszeit warten muss, die der Entrückung vorausgeht, kann ich darauf sicherlich nicht voller Freude warten. Dann werde ich vielmehr Sorge haben müssen, wie ich durch diese Zeit hindurchkomme, ohne zu versagen und den Glauben aufzugeben. Das führt ganz und gar nicht zu Ruhe und innerer Glückseligkeit.

Wir müssen uns also noch mit der Frage beschäftigen: Hat Gott uns im Neuen Testament darauf vorbereitet, eine Drangsalszeit erdulden zu müssen? Oder stellt Er uns das Kommen des Herrn zur Entrückung als glückselige Hoffnung vor, um unsere Herzen für Christus zu erwärmen? Wir wissen, dass der Herr diese Hoffnung immer wieder nennt, um uns zu ermutigen. Dass Christen Sorge haben müssten vor einer Drangsalszeit, lesen wir im Wort Gottes an keiner Stelle. Christen brauchen keine Angst zu haben.

Vor diesem Hintergrund handelt es sich nicht um eine nebensächliche Frage, ob wir noch durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen. Es geht um etwas, was uns als Christen sehr wichtig ist. Es betrifft unser Glaubensleben und unsere Überzeugungen auf direkte Weise.

Ist alle Schrift „über die Christen“ geschrieben?

Was sagt uns Gott in seinem Wort, welche Teile der Schrift für uns Christen von Belang sind? „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,16.17). Mit anderen Worten: Jeder Teil der Schrift ist (auch) für uns geschrieben worden.

Heißt das aber, dass jeder Abschnitt zugleich über uns geschrieben wurde bzw. dass er sich auf Christen bezieht? Natürlich nicht! Wenn Gott über Juden oder Israeliten spricht, dann ist nicht die Versammlung Gottes gemeint. Wenn Gott über Nationen im Alten Testament oder in der zukünftigen Zeit schreibt, dann ist das wieder nicht die Versammlung Gottes.

Gott, der Autor der Bibel, kann von uns erwarten, dass wir geistliches Unterscheidungsvermögen besitzen. Dafür hat Er uns seinen Geist gegeben. Johannes schreibt von der Salbung des Heiligen Geistes, so dass wir alles wissen und in dieser Hinsicht unterscheidungsfähig sind (1. Joh 2,20). Dieser Geist führt uns in die ganze Wahrheit (Joh 16,13).

Als Erlöste kennen wir nicht alle Einzelheiten des Wortes Gottes. Wir sind auch nicht in der Lage, alles zu erklären. Aber wir wissen alles, so heißt es in Gottes Wort. Was bedeutet das? Der Geist Gottes befähigt uns, alles geistlich zu beurteilen. Dazu ist es allerdings nötig, dass wir Gottes Wort unter Gebet lesen und Bibelwort mit Bibelwort vergleichen (vgl. 2. Pet 1,20). Auf diese Weise sind wir fähig zu erkennen, dass die „christlichen Trübsale“ ganz anderer Natur sind als die der „großen Drangsalszeit“. Dann verstehen wir, dass Gott in unterschiedlichen Zeitepochen unterschiedliche Familien hat, mit denen Er jeweils eine andere Beziehung pflegt.

So verstehen wir, dass die Wege Gottes mit den Menschen nicht zu jeder Zeit dieselben sind. Und wir erfassen, dass Israel das Volk Gottes auf der Erde war und in Zukunft wieder sein wird. Die Versammlung dagegen ist nur vorübergehend auf der Erde, da ihr Wesen, ihre Bestimmung und ihre Zukunft himmlischer Natur sind (vgl. Mt 16,18; Röm 16,25.26; Eph 1,22.23; 3,8–11.15; 5,25–27). Wenn Gott über Israel spricht, hat Er etwas anderes vor Augen, als wenn Er über die Versammlung spricht.

Drangsale in der christlichen Zeit

Wir sehen uns nun Bibelstellen an, die mit Leiden und Trübsalen der Erlösten in der christlichen Zeitepoche zu tun haben. Hier geht es somit wirklich um Christen, an die sich der Geist Gottes wendet. Schon der Herr Jesus sprach davon, dass der Lebensweg der Gläubigen nicht einfach ist. Auch die Apostel und Propheten des Neuen Testaments weisen uns darauf hin.

  • Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).
    In Vers 32 dieses Kapitels hatte der Herr Jesus seine Jünger auf die Folgen seiner Gefangennahme und seines Todes hingewiesen. Sie würden zerstreut werden und nach Hause gehen, wenn der Herr seinen letzten Weg ans Kreuz gehen würde. Aber nach seinem Erlösungswerk sollten sie in Ihm Frieden haben: Sie würden in ihrem Glaubensleben den Frieden genießen, den auch Er in seiner Beziehung zu seinem Vater besessen hat. Unabhängig davon, ob ihre Lebensumstände schwer oder leicht wären, könnten sie durch sein Erlösungswerk in innerem Frieden und in Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, leben. Sie sollten kein leichtes Leben erwarten. In der Welt gibt es viele Drangsale. Aber da der Herr die Welt in ihrer Kraft und Bosheit überwunden hat, können sie sich auf Ihn stützen. Die Jünger glaubten an Ihn, sie kannten seine Herrlichkeit und seine Gnade, die für sie die Quelle des Überwindens ist. Auch wir schauen auf zu Ihm, Der uns Kraft für alle Dinge gibt.
  • Und sie „befestigten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22).
    Der Apostel Paulus und seine Mitarbeiter machten den Gläubigen deutlich, dass der Weg durch Leiden in die Herrlichkeit führt. Letzteres ist an dieser Stelle das Reich Gottes, für uns das himmlische Reich, in das wir bei der Entrückung bzw. mit der körperlichen Auferstehung eintreten werden. Darauf freuen sie sich (2. Tim 4,8). Ein Christ sollte allerdings nicht denken, dass er an der Hand seines Meisters ein Leben ohne Trübsale führen kann. Christsein und Trübsale gehören auch heute untrennbar zusammen.
  • Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden“ (Phil 1,29).
    Die Philipper kämpften im Evangelium mit Paulus. Sie waren bereit, in ihrem Dienst für den Herrn Jesus auch Leiden zu erdulden. Das wurde seitdem für jeden Gläubigen, der seinem Meister im Evangelium dient, mehr oder weniger Wirklichkeit. Ein Leben in Hingabe für den Herrn, ein konsequentes Zeugnis für Christus, Dienst für unseren Herrn ohne Leiden gibt es nicht.
  • Das Wort ist gewiss; denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,11.12).
    Um im Zeugnis und Dienst nach außen für Christus zu leiden, muss man sich praktischerweise einsmachen mit Christus und seiner Sache in dieser Welt. Wenn wir aber nicht in unserem täglichen Glaubensleben mit Ihm leiden, wie sollen wir dann erwarten können, mit Ihm verherrlicht zu werden? Paulus spricht in diesen Versen davon, dass das Ausharren in schwierigen Umständen, das geduldige Ertragen von Leiden die Voraussetzung dafür ist, im künftigen Königreich auch mit Christus zu herrschen. Wir gehören heute zu dem verworfenen Christus. Wer sich zu Ihm bekennt, wird unweigerlich leiden müssen. Denn Er ist bis heute der Verworfene und wird von den Menschen abgelehnt; in gleicher Weise auch diejenigen, die zu Ihm gehören.Mit anderen Worten: Wer nicht in der einen oder anderen Form Ablehnung und Widerstand erfährt, mögen diese noch so gering sein, muss sich fragen, ob er überhaupt nach außen erkennbar als Christ lebt.
  • Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir nämlich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden“ (Röm 8,17).
    Das, was der Apostel Paulus in diesem Vers nennt, unterscheidet unsere Stellung heute grundsätzlich von unserer Stellung im 1.000-jährigen Friedensreich. Denn heute werden wir regiert. Dann aber werden wir mit Christus über die dort lebenden Menschen regieren (vgl. Off 20,4; 1. Kor 4,8; 6,3). Und regiert zu werden inmitten einer Gott feindlichen Welt beinhaltet immer auch Leiden.

Wir lernen in diesen und manchen weiteren Bibelstellen, dass Christen nicht die Verheißung haben, dass sie heute ihr Leben in äußerem Glück führen können. Gott lässt uns nicht im Unklaren darüber, dass der Lebensweg eines Christen mit der Ablehnung durch seine Mitmenschen verbunden ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir innerlich unglücklich sein müssen. Paulus ist das beste Beispiel dafür, dass man in innerem Frieden ein glücklicher Christ sein kann, obwohl man äußerlich verfolgt wird, vielleicht sogar bis zum Tod. Wir leben also in einer Zeit, die für die Erlösten von Trübsalen geprägt ist.

Die „große Drangsal“ gilt nur für das Volk Israel (Mt 24,21)

Im Blick auf Christen wird also von persönlichen Nöten, zum Teil auch von Verfolgungen gesprochen. Nun stellt sich die Frage, ob diese Drangsale und Trübsale zu der „großen Drangsal“ gehören, die der Herr Jesus in Matthäus 24,21 anspricht. Jeremia spricht in ähnlicher Weise von dieser Zeit und nennt sie „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7). Mit anderen Worten: Müssen die Erlösten der christlichen Zeit noch durch diese spezielle Drangsal hindurchgehen?

Sehen wir uns zunächst Daniel 12,1.2 an, wo auch von einer Drangsal die Rede ist: „Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird. Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen: diese zu ewigem Leben und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu.“

Das Besondere der großen Drangsal

Gott spricht hier zu seinem Propheten von einer Drangsal, die alle anderen weit in den Schatten stellen wird. Wie wir gesehen haben, gibt es auch heute Drangsale (Joh 16,33). Aber das, was dann auf die Menschen warten wird, ist eine Trübsal, „wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht“. Diese Aussage Gottes durch Daniel deckt sich mit den Worten in Matthäus 24,21: „Dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird.“ Auch in Joel 2,2 spricht Gott von dieser unvergleichlich schrecklichen Zeit.

Wer muss durch diese Drangsal hindurchgehen? Dem Propheten Daniel wird gesagt: „dein Volk“. Das zeigt klar, dass es um das Volk Israel, besonders um das Südreich Juda geht. Das wiederum passt zu der Bedeutung der Verse in Matthäus 24,1–44. Wie weiter hinten ausgeführt, geht es dort ebenfalls um das Volk der Juden. Immer wieder wird auf jüdische Elemente verwiesen, die nichts mit der christlichen Zeit zu tun haben. Auch die Lokalisierung „Judäa“ (V. 16) zeigt, dass es um Israel, Jerusalem und die Juden geht, nicht um Christen.

Nach Daniel 12,2 endet diese Drangsalszeit mit der Auferstehung. Aus Offenbarung 20,4.5 entnehmen wir, dass diese Auferstehung zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreiches stattfinden wird. Zu dieser Zeit werden die gläubigen Juden auferstehen, die in der furchtbaren Drangsal umgekommen waren. Den Zorn selbst, der über das Volk der Juden insgesamt kommen wird, bevor die gläubigen Übriggebliebenen28 „errettet werden“, beschreibt Gott im Alten Testament auf vielfache Weise.

Daniel 12 macht deutlich, wer durch diese Drangsal, die große Drangsal, hindurchgehen muss: das Volk des Propheten, also die Juden. Denn Daniel gehörte zu den zwei Stämmen Juda und Benjamin, die in der Regierungszeit Zedekias endgültig von Nebukadnezar überwunden und in Gefangenschaft geführt worden waren (Dan 1,3.6). Genau von diesen Weggeführten spricht auch der Herr Jesus in Matthäus 24. In Vers 22 nennt Er die Auserwählten, die in Judäa und Jerusalem wohnen.

Nun beschäftigt uns ja die Frage, ob auch wir Christen diese Drangsal erwarten müssen. Die Wortwahl, die wir in den genannten Bibelabschnitten finden, spricht dagegen. Zwar werden auch Christen „Auserwählte“ genannt. Aber sie haben nichts mit Judäa und Jerusalem zu tun. Daher können die in Matthäus 24 genannten Auserwählten nicht diejenigen sein, die nach Epheser 1,4 vor Grundlegung der Welt auserwählt wurden (die Christen). Es kann sich nur um Juden handeln. Denn das prägende Kennzeichen von Christen ist nicht, dass sie in Judäa oder Jerusalem wohnen, auch wenn es dort Christen gab. Im Allgemeinen wohnen sie nicht in Israel oder in einer bestimmten Gegend.

Nicht nur die genannten örtlichen Bezüge, sondern auch der „Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,15) hat nach Daniel 12,11 Bezug zu den jüdischen Opfern, also zum Tempel in Jerusalem. Alles trägt in den genannten Abschnitten in Daniel 12, Matthäus 24, Jesaja, Hesekiel usw. jüdischen Charakter.

In Matthäus 24,31 finden wir dann allerdings eine interessante Erweiterung. Dort lesen wir, dass nicht nur das Zwei-Stämme-Reich, sondern das gesamte Volk Israel gerettet werden wird. Das passt zu Daniel, denn nach Daniel 1,3; 9,7.11.20 gehörte Daniel nicht nur zu Juda, sondern damit auch zu ganz Israel. Er fühlte sich dem gesamten Volk zugehörig.

Drangsal Jakobs

Auch der Ausdruck „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7) ist in einen Kontext eingebettet, der deutlich von Juda und Israel spricht: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, der Gott Israels, da ich die Gefangenschaft meines Volkes Israel und Juda wenden werde, spricht der Herr; und ich werde sie in das Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe, damit sie es besitzen“ (Jer 30,3). Jahwe fährt in seiner Botschaft fort: „Und dies sind die Worte, die der Herr über Israel und über Juda geredet hat“ (V. 4). Auch in den Versen 9 und 10 heißt es: „Sie werden dem Herrn, ihrem Gott, dienen und ihrem König David, den ich ihnen erwecken werde. Und du, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Herr, und erschrick nicht, Israel!“

Das zeigt: Nicht nur in Matthäus 24 bezieht sich „große Drangsal“ auf eine spezielle Trübsal für Juda, sondern in gleicher Weise in Jeremia 30 die „Drangsal Jakobs“. An keiner dieser Stellen geht es um die Nationen oder um die Versammlung.

Vergleich der heutigen Trübsale mit der großen Drangsal

Der Herr Jesus spricht in seinem Brief an die Versammlung in Philadelphia von der „Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird“ (Off 3,10). Er sagt zu, die Versammlung vor dieser Prüfungszeit zu bewahren. Wir werden uns mit dieser Zusage noch ausführlich beschäftigen. Ab Kapitel 4 und besonders in den Kapiteln 6–19 zeigt der Herr im Buch der Offenbarung, dass diese „Stunde der Versuchung“ eine Periode furchtbarer Gerichte ist, die Gott über die Menschen bringen wird, die dann auf der Erde leben werden. Ein Merkmal dieser Zeit besteht darin, dass sich der Antichrist in den Tempel setzen wird. Er wird sich als Gott verehren lassen (2. Thes 2,4). Die Schärfe des daraufhin einsetzenden Gerichtes Gottes wird beispiellos sein. Das haben wir in Matthäus 24 gesehen.

Noch nie gab es zuvor eine solche satanische Dreieinheit. Sie wird aus dem Teufel selbst, dem Oberhaupt des römischen Reiches und dem Antichristen bestehen. Wir lesen davon in Offenbarung 13. Die beiden Tiere (das römische Oberhaupt und der Antichrist) werden in ihrem Hass gegen alle dann lebenden Gläubigen – das werden Gläubige aus den Nationen und aus den Juden sein – vom Drachen (Satan) inspiriert sein. Vereint kämpfen sie gegen den Gott Israels, Jahwe, und seinen Christus. Sie werden aber erleben, dass Gott auch gegen sie kämpft. Dazu benutzt Er zunächst als Agenten seine Engel, die in der Gerichtszeit Qualen auf die Erde bringen werden. Diese Gerichte werden im Buch der Offenbarung unter jeweils sieben Siegel-, Posaunen- und Schalengerichten zusammengefasst (Off 68; 811; 16).

Diese Zeit der Leiden hat nichts mit den Trübsalen zu tun, derer wir heute wertgeachtet werden. Heute geht es nicht um Gericht über eine schuldige Welt, sondern um die Regierung von Seiten Gottes. Sein regierendes Handeln heute betrifft sowohl die Gläubigen als auch die Ungläubigen.

Was bedeutet dieses Handeln Gottes für uns heute? Wir finden zwei Ziele im Handeln Gottes heute:

  1. Gott lässt im Leben der Gläubigen Leiden zu, damit sie ihr Leben mehr nach Gottes Maßstäben ausrichten. Seine aus Liebe züchtigende Hand hat das Ziel, dass wir die Prioritäten in unserem Leben überprüfen und Christus zum Mittelpunkt unseres täglichen Lebens machen sowie das Böse meiden.
  2. Ungläubige führt die Regierung Gottes heute zur Bekehrung und zum Glauben an den Retter Jesus Christus.

In der Trübsal nach der Entrückung finden wir wieder zwei Ziele, die sich davon aber doch unterscheiden:

  1. Es handelt sich dann besonders um Gottes unerbittliches Gericht über ein abtrünniges Volk, das Volk der Juden. Sie sind ungläubig und kommen unter das Gericht Gottes.
  2. Was die gläubigen Juden betrifft, so wird Gott sie reinigen und läutern (Mal 3,2.3). Sein Ziel ist es, dass sie zum Bekenntnis kommen, dass sie ihren eigenen Messias ans Kreuz gebracht haben. Dieses Bekenntnis werden sie aussprechen, wie Jesaja 53 deutlich macht. Und sie sollen dazu gebracht werden, das Evangelium des Königreichs auf der ganzen Erde zu verbreiten (Mt 24,14). Auch das werden sie tun.
Flucht oder Ausharren?

In dieser Zeit sollen die gläubigen Juden fliehen (vgl. Mt 24,16–20). Ein ähnliches Gebot galt den gläubigen Christen in apostolischer Zeit, als Jerusalem wegen des Unglaubens und der Rebellion Israels zerstört wurde (vgl. Lk 21,20–24). Darauf komme ich gleich noch einmal zurück. Wir Christen in der heutigen Zeit dagegen sollen von Herzen bereit sein, für und mit Christus zu leiden (vgl. 2. Tim 2,9.10.12; Phil 1,29.30). Von Fliehen lesen wir für uns Christen in dieser Hinsicht nichts.

Festgelegte oder unbestimmte Zeit?

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen den beiden Trübsalen. Die Zeit, die als große Drangsal über die Juden und die Nationen kommen wird29, ist von ihrer Dauer festgelegt: sieben Prüfungsjahre, dreieinhalb Jahre große Drangsal (vgl. Dan 9,27; 12,11.12; Off 12,6; Mt 24,15–28). Die Zeit, in der wir Christen leiden müssen, wird dagegen nicht nach Tagen, Monaten oder Jahren bestimmt (vgl. Mk 13,32; Mt 24,36; Apg 1,7). Gott weiß genau, wie viel Er uns zumuten kann. Aber Er offenbart uns im Allgemeinen nicht, wie lange der Einzelne jeweils leiden muss.

Assyrien, römischer Kaiser und Antichrist oder Menschen?

In Verbindung mit der Drangsalsperiode Israels, die wir an verschiedenen Stellen des Alten und Neuen Testaments finden, wird ein großer Feind Israels genannt: Assyrien (vgl. Jes 10,5–19; 28,14.15; 29,1–8; 52,4). Er kämpft gegen das Volk Israel und wird Jerusalem zum Teil zertreten, zum Teil belagern. In Verbindung mit der christlichen Zeit gibt es jedoch keine einzige Erwähnung dieses Königs und Volkes. Hier ist von einzelnen, bestimmten Nationen keine Rede.

Gott oder Satan?

Die beiden Trübsale unterscheiden sich noch in anderer Hinsicht. Die Trübsal der Gläubigen heute wird, wie schon gezeigt, durch Satan hervorgerufen (vgl. 1. Pet 5,8) und oft durch Ungläubige bewirkt (vgl. 2. Thes 1,6). Es handelt sich zwar um die Regierung Gottes, das heißt darum, dass Gott über allem steht und alles dazu benutzt, was der Teufel und Ungläubige im eigenen Interesse tun, damit seine Ziele erfüllt werden. Aber es sind Satan und seine Diener sowie Ungläubige, die den Gläubigen übelwollen. Die künftige „Stunde der Versuchung“ und auch die „große Drangsal“ 30 hingegen kommen direkt vom Himmel, von Gott und dem Herrn Jesus (vgl. Off 418). Das heißt nicht, dass sich nicht auch Menschen wie der Assyrer, der römische Kaiser und der Antichrist gegen die gläubigen Juden stellen. Aber Gott hat dieses Gericht als sein Gericht ausdrücklich angekündigt (Jes 40,2; Jer 16,18). Es ist die Folge der Sünden des Volkes Israel und der gottlosen Welt.

Unglaube oder Treue?

Die Trübsale des Christen heute sind eine Konsequenz seiner Treue und Hingabe, seines entschiedenen Glaubenslebens. Die Stunde der Versuchung dagegen kommt über Menschen, weil sie Gott abgelehnt haben und Christus als Retter verwerfen.

Sie ist zugleich eine Folge der Untreue des Volkes Israel in alttestamentlicher Zeit und im Blick auf die Verwerfung ihres eigenen Messias‘ (Jes 40,2; Jer 2,13; 16,18; 17,18). Gott wird diese Drangsale allerdings dazu benutzen, Juden zum Glauben zu führen und zu läutern, um in Treue auf ihren Messias zu warten. Sie werden durch diesen Glauben sogar bereit sein, ihr Leben in diesen Gerichtsprüfungen zu lassen. Denn diese treuen Juden wollen sich dann nicht mehr von Gott lossagen.

Ruhe heute oder Ruhe morgen?

Diejenigen, die heute Trübsale erleiden, werden später Ruhe haben, wenn die Stunde der Versuchung über die Erde kommen wird (2. Thes 1,5–10). Im Gegensatz dazu stehen solche, die heute gläubige Menschen verfolgen und selbst eine vergleichsweise ruhige Lebenssituation genießen. Sie werden dann, wenn sie nach der Entrückung noch leben, in diese Stunde der Versuchung kommen. Es wird für sie eine furchtbare Zeit werden: Sie werden dem Zorn Gottes ausgesetzt werden.

Zusammenfassung

Auch Christen kennen in ihrem Leben Drangsale. Sie müssen leiden, weil sie für den Herrn leben, wofür viele ungläubige Menschen kein Verständnis haben. Diese Ungläubigen lehnen Kinder Gottes ab, die für ihren Herrn eintreten. In vielen Ländern dieser Welt werden Christen um ihres Glaubens willen sogar regelrecht verfolgt. Das aber fasst Gott in seinem Wort nicht unter den Begriff der „großen Drangsal“ oder der „Drangsal Jakobs“ zusammen. Diese besondere Drangsal wird Gott über die Juden bringen, weil sie ihren eigenen Messias ermordet haben. Diese große Drangsal aber bringt der Herr an keiner Stelle mit uns Christen in Verbindung.

Kommen der Zorn Gottes und die Drangsalszeit über Christen?

Im ersten Thessalonicherbrief spricht Paulus mehrfach vom Zorn, der über ungläubige Juden und Nationen kommen wird. Wir müssen uns somit fragen: Ist dieser Zorn, von dem wir eben schon gesprochen haben, mit der Drangsalszeit gleichzusetzen? Kommt der Zorn Gottes (auch) über Christen?

Zorn über Juden (1. Thes 2)

In 1. Thessalonicher 2,16 schreibt der Apostel Paulus, dass die Juden damals nicht nur den Herrn Jesus und die Propheten getötet haben, sondern allen Menschen entgegen sind, „indem sie uns wehren, zu den Nationen zu reden, damit sie errettet werden, um so ihre Sünden allezeit voll zu machen; aber der Zorn ist völlig über sie gekommen.“

Wenn man die verschiedenen Stellen in diesem Brief miteinander vergleicht, wird man feststellen: Das ist das Zornesgericht, das Gott durch den Herrn Jesus als Gericht über Ungläubige bringen wird. Nach 1. Thessalonicher 2,16 ist dieser Zorn die Strafe dafür, dass die Juden Christus sowie seine Propheten und Diener abgelehnt und getötet haben.

Nun mag man einwenden, dass der Apostel schon in der Vergangenheitsform spricht: „Aber der Zorn ist völlig über sie gekommen.“ Tatsächlich hat Gott diesen Zorn schon längst über sein Volk ausgesprochen, wie die vielen Bibelstellen zeigen, die im Alten Testament von dem Gericht Gottes über das Volk der Juden in Verbindung mit dem Tag des Herrn sprechen. Aber ausgeführt worden ist dieses Gericht nur teilweise. Sicherlich ist beispielsweise die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus bereits eine Offenbarung dieses Gerichtsurteils gewesen. Aber vollständig ausgeführt wird dieser Zorn, der über den Juden ist, erst in der großen Drangsal.

Christen sind nicht zum Zorn gesetzt

In 1. Thessalonicher 5,9 lesen wir dann, dass die Erlösten der heutigen Zeit gerade „nicht zum Zorn gesetzt“ sind. Sie werden stattdessen vor diesem Gericht Gottes gerettet werden, das Er über diese Erde bringen wird.

Wie ist das zu verstehen? Die leidenden Christen in Thessalonich dachten vielleicht, dass Gottes Zorn schon angebrochen sei, denn sie mussten harte Verfolgungen und Bedrückungen erleiden. Aber die Zeit des Zorngerichts Gottes war noch nicht da. Dieser Zorn wird einmal über die Ungläubigen kommen. Die Erlösten heute aber sind „nicht zum Zorn gesetzt“. Sie müssen diese Drangsal Jakobs nicht erdulden.

Christen werden von dem kommenden Zorn errettet

Schon ganz am Anfang des Thessalonicherbriefs besteht der Apostel darauf, dass die Christen durch ihre Bekehrung von dem kommenden Zorn errettet werden (1. Thes 1,10). Die Thessalonicher, an die Paulus schrieb, hatten sich von den Götzenbildern zu Gott bekehrt, um dem lebendigen Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den Gott aus den Toten auferweckt hat – „Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn“. Dieser Zorn kann sich nicht auf die Hölle, den ewigen Zorn Gottes beziehen, denn hier steht nicht, dass Jesus uns vor dem kommenden Zorn „errettet hat“ (Vergangenheit), sondern dass Er uns errettet (Gegenwart). Vor der Hölle und der ewigen Ferne Gottes sind wir durch das Erlösungswerk längst errettet worden (Vergangenheit). Diese Errettung erfahren wir bei unserer Bekehrung (für den Erlösten ebenfalls Vergangenheit). Das also kann Paulus an dieser Stelle nicht meinen.

Nein, wir sind nicht nur vor der Hölle gerettet worden, so gewaltig das ist, sondern wir werden auch vor der Drangsalszeit gerettet. Das verdanken wir dem verherrlichten Herrn, der heute für uns im Himmel tätig ist. Er wird dafür sorgen, dass wir den Zorn, den Er in der Drangsalszeit über diese Erde bringen wird, nicht erleben müssen. Er wird uns zuvor entrücken – Ihm sei ewig Dank dafür.

Zorn Gottes

Nicht nur hier bezieht der Geist Gottes den Begriff „Zorn Gottes“ auf die Gerichtszeit vor Beginn des 1.000-jährigen Friedensreiches. Stellen wie Offenbarung 6,16.17; 11,18; 14,10; 16,19; 19,15 und Römer 1,18 machen deutlich, dass sich dieser Ausdruck gerade in prophetischen Schriften (vgl. z. B. auch Jes 10,4.5.25; 13,3.9.13; Jer 7,20; 23,20; Klgl 2,22 usw.) auf die Gerichtsperioden bezieht, die Gott über diese Erde bringen wird.

Kein Geringerer als der Herr Jesus selbst sprach von der Drangsalszeit. Er hat das unter anderem in seiner großen Ölbergrede (Mt 24) getan. Bevor wir uns diese Rede und ihre unterschiedliche Akzentuierung in den drei Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas lesen, nenne ich noch die Bibelstellen, in denen wir einen direkten Hinweis auf die Drangsalszeit finden.

Bibelstellen, in denen die Drangsalszeit vorkommt

Es gibt mindestens acht Bibelabschnitte in Gottes Wort, in denen die Drangsalszeit behandelt wird:

  1. „Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gebt acht, dass euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: ‚Ich bin der Christus!‘, und sie werden viele verführen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. ... Dies alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten ... Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden. ... Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort ...: denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird ...“ (Mt 24,3–29).
  2. „... Ihr aber, gebt acht auf euch selbst: Sie werden euch an Synedrien und an Synagogen überliefern; ihr werdet geschlagen und vor Statthalter und Könige gestellt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis ...; denn jene Tage werden eine Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf, bis jetzt nicht gewesen ist und nicht wieder sein wird. ...“ (Mk 13,4–27).
  3. „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen“ (Off 3,10).31
  4. „Und er sprach zu mir: Dies sind die, die aus der großen Drangsal kommen ...“ (Off 7,14–17).
  5. „In deiner Bedrängnis, und wenn alle diese Dinge dich treffen werden am Ende der Tage, wirst du umkehren zu dem Herrn, deinem Gott ...“ (5. Mo 4,30.31).
  6. „Du Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Bedrängnis ...“ (Jer 14,8).32
  7. „... Denn so spricht der Herr: Eine Stimme des Schreckens haben wir gehört; da ist Furcht und kein Frieden. ... Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch er wird aus ihr gerettet werden“ (Jer 30,4–7).
  8. „Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“ (Dan 12,1).

Es fällt auf, dass keine dieser Bibelstellen von erlösten Christen spricht. Auch die Versammlung wird an keiner der neutestamentlichen Stellen in die Drangsale einbezogen. Es ist jeweils deutlich, dass es nicht um himmlische Gläubige, also um Christen, geht.

Matthäus 2425

Der Herr Jesus selbst hilft uns besonders durch das, was Er während seines Lebens auf der Erde gesagt hat. Sehr wichtige Hinweise finden wir beispielsweise in Matthäus 24 und 2533 in einer seiner ausführlichen Reden. Man hat diese Rede die Ölberg- oder auch Endzeitrede genannt, weil Jesus diese Worte auf dem Ölberg gesprochen hat (Mt 24,3). Dort schildert Er seinen Jüngern die gesamte Zeit der Gläubigen auf der Erde, angefangen von der Himmelfahrt Christi bis zum 1.000-jährigen Friedensreich. Diese Rede teilt sich in drei Abschnitte:

  1. Im ersten Teil (Mt 24,1–44) zeigt der Herr Jesus, was für furchtbare Drangsale der gläubige jüdische Überrest erleben muss. Dieser Überrest bzw. diese Übriggebliebenen sind Juden, die durch das Lesen des Gesetzes und eine von Gott bewirkte Erweckung dazu kommen, zu erkennen, dass Jesus Christus wirklich der im Alten Testament angekündigte Messias ist.
  2. Im zweiten Teil (Mt 24,4525,30) dieser Rede spricht der Herr über die christliche Zeit. Er ermahnt uns, auf sein Wiederkommen zu warten.
  3. Im dritten Teil (Mt 25,31–46) weist der Herr darauf hin, dass auch die Nationen34 in der Zeit der Trübsale leben und eine Rolle spielen werden. Ihr Eingehen in das Friedensreich hängt davon ab, wie sie die von dieser Trübsal besonders betroffenen Juden behandelt haben (V. 35.36.42.43). Dort wird die Trübsal nicht noch einmal namentlich erwähnt, weil der Herr sie bereits in Kapitel 24 genannt und behandelt hat. Die Nationen müssen sich in dieser Zeit für oder gegen den Messias und sein Volk entscheiden, den gläubigen Überrest aus Juda.

In den drei Gleichnissen ab Matthäus 24,45 wendet sich der Herr Jesus nicht direkt an die Jünger. Der Inhalt der beiden ersten Gleichnisse und die Tatsache, dass das dritte ein Gleichnis des Königreichs der Himmel ist, zeigen, dass es weder um Israel noch um die Nationen geht. Auch die unterschiedliche Art der Belehrung (Gleichnisse) im Vergleich zu dem „prophetisch-historischen“ Text in Kapitel 24,1–44 unterstreicht, dass es hier nicht um dieselbe Zielgruppe wie in den beiden anderen großen Teilen geht. Unser geistliches Unterscheidungsvermögen ist gefordert. Man erkennt dann recht leicht, dass es hier um den christlichen Bereich gehen muss; allerdings wird es nicht ausdrücklich gesagt.

Anders verhält es sich im ersten großen Abschnitt. Dort finden wir viele direkte Hinweise auf den jüdischen Bereich. Nach Kapitel 24,15 spricht Er seine Jünger direkt an, die Juden und somit Israeliten waren: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten geredet ist, stehen seht ...“ (V. 15). „Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: ..., so geht nicht hinaus. ...“ (V. 25.26). Es geht um seine Jünger und solche, die wie sie Juden sind.35

Auch im dritten Abschnitt finden wir direkte Hinweise, von wem der Herr hier spricht. Dort spricht Christus in Kapitel 25,31–46 ausdrücklich von „allen Nationen“ (V. 32).

Markus 13

Interessanterweise wird auch in Markus 13, dem Parallelbericht zu Matthäus 24,1–44, deutlich, dass es bei dieser Drangsalszeit um Israel, um Juden, geht. Markus hatte von Gott den Auftrag erhalten, diese prophetische Rede kürzer und allgemeiner aufzuschreiben als Matthäus. Sie ist in ihren Grundsätzen für Diener aller Zeiten gültig (vgl. z. B. die V. 9–12 und 33–37). Dennoch enthält auch dieser kürzere Bericht eindeutig jüdische Elemente, wenn der Herr dort von den Drangsalen spricht, die durch den aufgestellten Gräuel der Verwüstung entstehen. Es ist nämlich ausdrücklich von denen die Rede, „die in Judäa sind“ (V. 14–16). Und von diesen Juden würde kein Fleisch errettet werden, wenn diese Zeit nicht verkürzt würde. Das kann sich nicht auf Christen beziehen. Denn wir haben zu Judäa keine besondere Beziehung. Wir finden diesen Landstrich in den neutestamentlichen Briefen zwar viermal erwähnt. An jeder Stelle macht der Apostel Paulus jedoch deutlich, dass er sich im Gegensatz zu Markus 13 nicht an Juden, sondern an Christen wendet (Röm 15,31; 2. Kor 1,16; Gal 1,22; 1. Thes 2,14). Das wird allein schon daraus deutlich, dass der Großteil der Christen heute (und auch in naher Zukunft) nicht in Judäa, sondern in der westlichen Welt lebt.

Wie im Matthäusevangelium spricht der Herr in Markus 13 von „diesem Geschlecht“ (V. 30). Das sind ungläubige Juden, die es zu jeder Zeit gab und die es auch in der künftigen Drangsalszeit wieder geben wird. Zudem zeigt Er: „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden“ (V. 13). Mit Bezug auf die heutige Zeit dagegen heißt es: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31).

In Blick auf ein Kind Gottes wird nie infrage gestellt, dass es das Ende auch erreichen wird. Ihm wird mit der Bekehrung, die sich allein auf das Werk des Herrn Jesus und nicht auf eigenes Tun stützt, versichert, dass es errettet ist. Wir haben heute schon „die Errettung der Seele“ (1. Pet 1,9) und dürfen wissen, dass wir ewiges Leben besitzen (1. Joh 5,13). In Markus 13 hingegen handelt es sich in diesem Punkt (Ausharren bis ans Ende) erneut ausnahmslos um jüdische Jünger. Sie werden von oben gerettet werden, wenn Christus in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit erscheinen wird (Mk 13,26). Von einer persönlichen Auferstehung und einer Entrückung – wie wir sie im Blick auf Christen im Neuen Testament finden – ist hier keine Rede.

Lukas 21

Anders verhält es sich mit dem Parallelbericht in Lukas 21,5–36. Bis Vers 2436 weist der Herr uns auf für uns vergangene Ereignisse hin. Sie sind in Verbindung mit der Zerstörung Jerusalems erfüllt worden. Hier ist davon die Rede, dass die Nationen Jerusalem zertreten und zerstören werden. Die Juden werden, sagt der Herr, nach seinem Tod in Gefangenschaft unter alle Nationen weggeführt werden. Das ist der Zustand, der damals seinen Anfang nahm und bis heute anhält. Diese Verse 20–24 gibt es weder im Matthäus- noch im Markusevangelium. Bei Lukas findet sich auch kein Hinweis auf den Gräuel der Verwüstung, den der falsche König, der Antichrist, nach 2. Thessalonicher 2 und Offenbarung 13, in künftigen Tagen in den Tempel stellen wird.37 Erst ab Vers 25 wird sehr kurz auf die künftige Endzeit Bezug genommen.

Der Herr spricht ab Vers 24 (Ende) von den „Zeiten der Nationen“. Diese haben mit der Regierung Nebukadnezars begonnen (Dan 2) und werden ihr Ende finden durch das Wiederkommen des Herrn, wenn Er in Macht kommt, um seine Herrschaft in seinem Reich anzutreten. Gott regierte diese Welt bis zur Herrschaft Nebukadnezars durch sein irdisches Volk, das Volk Israel. In Israel hatte Gott seinen Thron (vgl. Hes 43,7). Bis zu diesem Zeitpunkt war Gott „der Herr der ganzen Erde“ (Jos 3,11). In der Zeit des Königtums werden die Jahreszahlen der Bibel nach den Königen Israels und Judas gerechnet. Das aber änderte sich mit Nebukadnezar. Ab dieser Zeit wird nach den heidnischen Königen der Nationen gerechnet (vgl. 2. Kön 24,12; 25,2.8; Dan 1,21; 2,1; 7,1; 9,1; 10,1; 11,1). Es sind die Zeiten der Nationen. Wenn Christus auf die Erde wiederkommen und seine Herrschaft antreten wird, gibt es keinen Platz mehr für Regenten der Nationen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Lukas nicht von der großen Drangsal spricht, denn diese steht bei seinem Bericht nicht im Fokus, sondern die Nationen. Dieser Evangelist hat sein Evangelium in erster Linie für Nicht-Juden geschrieben. Daher spricht er von „Verwüstung“ und von „Tagen der Rache“ (nicht dem Tag der Rache in der Einzahl).

Die besondere Drangsal der Endzeit erwähnt Lukas nicht. Das ist nicht sein Thema, weil er sich auf die Zeit der Nationen konzentriert. Diese Zeit der Nationen hat allerdings ebenfalls mit den Juden zu tun, weil es Gottes Gericht über die Juden ist, dass Er die Regierung auf der Erde nicht mehr seinem Volk Israel (Juda), sondern Nationen übergeben hat. Daher spricht der Herr hier auch von dem „Zorn über dieses Volk“ (V. 23).

Das überrascht uns ebenfalls nicht, denn sein Evangelium ist eine Einführung in die Apostelgeschichte und damit auch in die neutestamentlichen Briefe. In diesen Briefen geht es um die christliche Zeit, nicht um die Drangsal Jakobs.

Ein Zwischenfazit

Die Stellen, die von der „großen Drangsal“ oder von der „Drangsal Jakobs“ sprechen, haben mit Juda und Israel zu tun. Betroffen ist das Volk, aus dem der Herr Jesus geboren wurde. Das ist Israel, das ist Juda. Und betroffen sind solche, die das Evangelium der Gnade bewusst abgelehnt haben bzw. nach der christlichen Zeit das Evangelium des Königreichs Gottes gepredigt bekommen. Das ist das Evangelium, das bereits Johannes der Täufer und auch der Herr Jesus damals verkündigt hat. Es wird wieder gepredigt werden, wenn die bekehrten Christen in den Himmel entrückt sein werden. In diesem Evangelium wird den Menschen gesagt, dass sie Gott und seinen Messias als König annehmen und sich Ihm unterwerfen sollen (Off 14,6.7; Ps 96). Hier geht es aber nicht um die christliche Zeit.

Die Nationen und die Drangsalszeit

Das Buch der Offenbarung ist das neutestamentliche Buch, in dem die Gerichte Gottes über die Menschen am ausführlichsten beschrieben werden. Es stellt sich die Frage: Über wen konkret kommen diese Gerichte? Und wer sind diejenigen, die inmitten dieser Gerichte durch Gottes Gnade bewahrt bleiben? Dazu sehen wir uns einige prägnante Stellen an, die bei der Frage, ob Christen durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, von besonderer Wichtigkeit sind.

Kurze Gliederung der Offenbarung

Zuvor ist es allerdings nützlich, einen Überblick über dieses Bibelbuch zu haben. In Offenbarung 1,3 lesen wir: „Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.“ Dieser einleitende Vers zeigt, dass das ganze Buch Weissagung – ein anderes Wort für Prophetie – zum Inhalt hat. Wir können das Buch in drei Teile gliedern:

  1. In Kapitel 1 sieht der Apostel Johannes den Herrn Jesus als Sohn des Menschen in richterlicher Gestalt.
  2. In den Kapiteln 2 und 3 finden wir sieben Briefe, die der Herr Jesus an sieben örtliche Versammlungen in Kleinasien (heutige Türkei) gesendet hat.
  3. In den Kapiteln 4–22,5 werden uns dann drei Serien von je sieben Gerichtsschlägen beschrieben (Siegel-, Trompeten- und Schalengerichte). Diese Gerichte werden eingeleitet durch zwei erhabene Szenen im Himmel (Kapitel 4 und 5). Teilweise unterbricht der Geist Gottes die Beschreibung einzelner Gerichte. In diesen Einschüben zeigt Gott, dass Er Gläubige in souveräner Gnade bewahrt. An anderen Stellen werden einzelne Akteure der verschiedenen Gerichte ausführlicher beschrieben.

Diese Gliederung in drei Teile (vor einem Ausklang) gibt der Herr selbst in Kapitel 1,19 vor: „Schreibe nun das, was du gesehen hast [1.] und was ist [2.] und was nach diesem geschehen wird [3.].“ Kapitel 1 zeigt somit die Vision des Sehers Johannes: was er gesehen hat. Die Kapitel 2 und 3 zeigen, was sich heute in der christlichen Zeit ereignet. Es ist eine Schau über die Entwicklung der Kirche Gottes auf der Erde in der christlichen Zeit. Und die Gerichtskapitel 4–22 offenbaren, was nach diesem geschehen wird. Das ist die nachchristliche Zeit, die für uns noch zukünftig ist.

144.000 Gläubige aus Israel und die große Volksmenge

In diesem zukünftigen Teil lesen wir in Offenbarung 7,1–8 von 144.000 Versiegelten aus ganz Israel. Es sind offenbar auf der Erde lebende Israeliten. Gott wird sie inmitten der furchtbaren Gerichtsserien, die in den Kapiteln 6 und 8–11 beschrieben werden, verschonen. Es geht um die sieben Siegelgerichte und die darauffolgenden sieben Posaunengerichte.

In den folgenden Versen 9–17 spricht Johannes dann von „einer großen Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen“. Diese Gläubigen werden ausdrücklich unterschieden von den in Kapitel 4,4 eingeführten 24 Ältesten (vgl. Off 7,11.13).

Sind die 24 Ältesten die Nationen?

Wer sind diese 24 Ältesten? Sie werden in Offenbarung 4,4 das erste Mal erwähnt, also im dritten Teil der Offenbarung.38 Um sie richtig zu deuten, müssen wir noch einmal kurz in den zweiten Teil der Offenbarung zurückblenden. Die Kapitel 2 und 3 beinhalten sieben Briefe an sieben Versammlungen. Dabei geht es nicht nur um die damalige Situation an den genannten geografischen Orten, sondern um eine prophetische Sicht der Kirchengeschichte. Diese zwei Kapitel zeigen die Entwicklung der Kirche Gottes auf der Erde. Für diese christliche Zeit, in der wir heute leben, werden sieben aufeinanderfolgende Zeitperioden bzw. geistliche Zustände der Versammlung Gottes auf der Erde unterschieden. Der Herr Jesus charakterisiert dadurch die gesamte Kirchengeschichte von der Zeit an, als Gott die Apostel abgerufen hatte, bis zur Entrückung der Gläubigen (1. Thes 4,15–18).39

Der Abschluss dieser Zeit, also das Ende der christlichen Zeitperiode, wird angedeutet durch die Aufforderung an Johannes: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss“ (Off 4,1). „Nach diesem“ bezieht sich hier und in Kapitel 1,19 offensichtlich auf die Zeit, nachdem die Versammlung keinen Platz mehr auf der Erde einnimmt. Warum gibt es sie dann hier nicht mehr? Weil die Personen, die Erlösten, nicht mehr auf der Erde sind, sondern in den Himmel entrückt worden sind. Solange die Gläubigen, die nach 1. Korinther 1,2 die Versammlung Gottes bilden, noch auf der Erde leben, gibt es die Versammlung noch. Wenn sie aber von der Erde in den Himmel geholt worden sind, gibt es auch keine Versammlung Gottes mehr auf der Erde.

Nach 1. Korinther 15,23 werden dann alle diejenigen im Himmel sein, „die des Christus sind bei seiner Ankunft“.40 Das sind die Gläubigen der alt- und neutestamentlichen Zeit, die beim Kommen des Herrn Jesus als Lebende verwandelt oder als Gestorbene auferweckt werden (1. Thes 4,16.17).

Zurück zu den 24 Ältesten: Von der Versammlung (Kirche) Gottes ist in Offenbarung 418 keine Rede mehr. Stattdessen sehen wir nun 24 Älteste im Himmel, die reden und handeln. Was kann es nun im Himmel für Gläubige geben, nachdem die Zeit der Versammlung auf der Erde zu Ende gegangen ist? Es sind offenbar die Gläubigen des Alten und Neuen Testaments. Offensichtlich werden sie durch diese 24 Ältesten repräsentiert. Denn es werden außer den 24 Ältesten nur noch Engel und vier lebendige Wesen41 genannt, die sich nach Offenbarung 419 in dieser Zeit im Himmel befinden.42

Unterscheidungen

Wir sehen somit: Die Gläubigen im Himmel werden unterschieden von den Gläubigen aus Israel (Off 7,1–8) und von denen aus den Nationen (Off 7,9–17). Die beiden letzten Gruppen befinden sich auf der Erde in schwierigen Umständen, wie der Kontext deutlich macht. Sie haben eine vollkommen andere Stellung als die erlösten Christen.

Die Stellung der auf der Erde lebenden Nationen ist grundverschieden von der Stellung der Christen. Vielleicht war das für Johannes ein Stück weit verwirrend, so dass er sie miteinander verwechseln konnte? Jedenfalls erhält er auf seine Frage, wer diese Gruppe sei (Off 7,13), eine besondere Erklärung: „Dies sind die, die aus der großen Drangsal kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und haben sie weiß gemacht in dem Blut des Lammes“ (Off 7,14).

Bei dieser Volksmenge handelt es sich um Gläubige. Es sind aber keine Christen, sondern solche, die „aus der großen Drangsal kommen“. Nach 2. Thessalonicher 2,11 wird Gott denen, die sich in der christlichen Zeit nicht bekehrt haben, obwohl sie das Evangelium hören konnten, einen Geist des Irrwahns senden. Sie haben keine zweite Chance mehr. Daher muss es sich bei der in Offenbarung 7 genannten Volksmenge um Nationen handeln. Wenn Gott diesen Ausdruck verwendet, unterscheidet Er diese Menschen ausdrücklich von Christen, wie wir schon gesehen haben (siehe S. 70, Fußnote 11). Es sind Menschen, die an das Evangelium des Reiches glauben. Und diese Nationen werden unterschieden von den Gläubigen, die aus Israel kommen (V. 4–8). Sie können kein Symbol für die Versammlung sein, denn die Versammlung ist aus den Nationen und aus Israel herausgenommen (vgl. diese Unterscheidung in Eph 2,1–3: euch – ehemals Nationen; wir – ehemals Juden). Diese Gläubigen aus den Juden und aus den Nationen sind als Versammlung zu einem Leib getauft worden (1. Kor 12,13). Sie bilden eine unzertrennbare Einheit.

Die Gläubigen nach der Entrückung, die durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, bleiben dagegen getrennt in Juden und Nationen, wie das auch schon in alttestamentlicher Zeit war. Beide Gruppen werden im Unterschied zur Versammlung nicht zu einem Organismus zusammengefügt. Sie werden dauerhaft voneinander unterschieden.

Aus diesen Überlegungen können wir schließen, dass wir in Offenbarung 7 eine gesonderte Gruppe von Gläubigen vor uns haben, die aus der großen Drangsal herausgerettet wird. Es sind keine gläubigen Christen, die es nach der Entrückung nicht mehr auf der Erde geben wird, sondern andere Gläubige aus den Nationen. Nach Matthäus 24 und Jeremia 30 scheint es so, dass die große Drangsal in besonderem Ausmaß Jerusalem und seine Umgebung treffen wird. Wir haben gesehen, dass die in diesen beiden Kapiteln genannten Hinweise deutlich mit dem Judentum zu tun haben. Aber offenbar wird es nach der Entrückung eine Trübsalszeit geben, die auch alle Nationen erreichen wird, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Israel. Da die im Buch der Offenbarung genannten Gerichte vielfach keinen direkten Bezug zu dem Volk Israel haben, sondern allgemeiner Natur sind, treffen sie auch die Nationen. Diese Leidenszeit wird hier in Offenbarung 7,14 „die“ große Drangsal genannt. Vielleicht benutzt der Geist Gottes diesen Ausdruck, der an anderer Stelle jüdischen Bezug hat, weil auch Lukas von Drangsalen berichtet und sie „Bedrängnis der Nationen“ nennt (Lk 21,25). Diese Bedrängnis wird nicht in Verbindung gebracht mit den Trübsalen, die wir als Christen heute zu durchleiden haben. Es handelt sich um ganz verschiedene Zeit- und Trübsalsperioden.43

Satan aus dem Himmel geworfen (Off 12,7–17)

Es gibt in der Offenbarung noch eine weitere Stelle, die uns zeigt, dass die große Drangsal nicht in der heutigen Zeit stattfindet. In Kapitel 12,9 lesen wir, dass der Teufel, das ist Satan, auf die Erde geworfen wird. Dies löst dann die furchtbarsten Qualen und Verfolgungen auf der Erde aus (V. 12–17).

Aus Epheser 6,11.12 wissen wir, dass Satan und seine Dämonen heute noch im himmlischen Bereich wohnen und tätig sind, um die Erlösten daran zu hindern, ihre himmlischen Segnungen zu genießen. Schon im Buch Hiob (Kapitel 1–2) lesen wir, dass der Teufel mit den Engeln Gottes vor dem Allmächtigen stehen durfte und mit Ihm im Himmel sprach. Auch in anderen alttestamentlichen Büchern werden wir auf solche Zusammentreffen hingewiesen (2. Chr 18,18; Sach 3,1; 2. Kön 6,17). In diesen „Thronsaal“ Gottes, sozusagen mit einem Regierungssitz vergleichbar, hat der große Widersacher bis heute Zugang. Es ist keine Rede davon, dass Satan in der christlichen Zeit diese himmlischen Örter, den Himmel, verlassen würde.

In der Drangsalszeit aber ist der Teufel auf der Erde ansässig, während er heute im himmlischen Bereich der ersten Schöpfung agiert. Der Wirkungsbereich des Teufels, der ja auch „Gott dieser Welt“ genannt wird (2. Kor 4,4), ist zwar heute die Erde, aber noch darf er sich im Himmel aufhalten und von dort seine bösen Aktivitäten starten. Das wird sich in der Zukunft ändern.

Zusammenfassung

Ein Ausdruck, den das Wort Gottes für die kommende Drangsalszeit benutzt, ist „Zorn Gottes“. Dieser Begriff ist allgemeiner als „Drangsal Jakobs“ oder große Drangsal und umfasst die kommende besondere Drangsal, allerdings nicht beschränkt auf die Juden. Auch im letzten Bibelbuch, der Offenbarung, unterscheidet Gott die Prüfungen in der christlichen Zeit von der Drangsal. Diese Drangsal wird nach der Entrückung über diese Erde und besonders über die Juden kommen.

Welche Verheißung gibt der Herr den Christen in der Offenbarung?

Im Vergleich zu den Juden und zu den Nationen, die durch die große Drangsalszeit hindurchgehen müssen, wird den Gläubigen heute etwas anderes gesagt. Die Ansprache an die Juden und Nationen finden wir, wie gezeigt, beispielsweise in Matthäus 24 und 25. Bei ihnen geht es darum, in dieser furchtbaren Trübsalszeit treu zu sein, sich nicht zu verunreinigen durch Götzendienst, sondern Gott gehorsam zu bleiben.

Was ist die Botschaft an die Christen? In Offenbarung 3,10 lesen wir, dass der Herr Jesus der Versammlung in Philadelphia sagt: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen.“ Er spricht also zunächst einmal Gläubige an, die damals in der Stadt Philadelphia gewohnt haben.

Der Ausdruck „Stunde der Versuchung“ ist sowohl im Deutschen als auch im Griechischen ein anderer als „große Drangsal“ oder „Drangsal Jakobs“. Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Begriffe auf dieselben Ereignisse und auf dieselbe Zeitperiode beziehen. Die Stunde der Versuchung wird nach den Worten des Herrn in Offenbarung 3,10 „über den ganzen Erdkreis kommen“.

Der Ausdruck „Versuchung“ (gr. peirasmos) wird in ganz unterschiedlichem Zusammenhang verwendet. In Lukas 4 beispielsweise steht er für den Versuch Satans, Jesus zum Sündigen zu verführen. In 1. Petrus 1,6 sind damit dagegen äußerliche Erprobungen zum Beispiel durch Verfolgungen gemeint. In 2. Petrus 2,9 macht der Zusammenhang deutlich, dass der Apostel ebenfalls von solchen äußeren Gerichtserprobungen spricht; vor ihnen allerdings werden die gläubigen Christen bewahrt.

Worauf bezieht sich nun dieser Ausdruck in Offenbarung 3,10? Der Herr Jesus spricht von Versuchungen für die Menschen, „die auf der Erde“ wohnen. Dieser Hinweis auf Erdbewohner wird im weiteren Verlauf des Buches wiederholt verwendet. Zum Beispiel erwähnt Kapitel 6,4, dass der Friede von der Erde weggenommen wird. In Kapitel 6,8 wird der vierte Teil der Erde getötet (vgl. auch Off 6,10.13.15; 7,1–3; 8,5.7.13; usw.). Offensichtlich bezieht sich der Herr auf furchtbare Ereignisse auf der Erde. Diese sind Teil künftiger Gerichtsperioden, wozu sicherlich auch die große Drangsal gehören wird. Während die „große Drangsal“ nicht die gesamte Prüfungszeit einschließt, die Gott in Zukunft über diese Erde bringen lässt, sondern dreieinhalb Jahre besonders intensiver Gerichte betrifft, ist die Bezeichnung „Stunde der Versuchung“ im Buch der Offenbarung offenbar allgemeiner zu verstehen. Denn in Offenbarung 619 ist zwar auch von Juda und Israel die Rede, deutlich öfter aber von den Nationen. Sie alle sind Gegenstand dieser Gerichtswellen, die es auf der Erde geben wird.

Diese Gerichtswellen werden somit unter dem Ausdruck „Stunde der Versuchung“ (oder Prüfung) gefasst. An welche konkrete Gerichtsprüfung man auch denken mag: Vor diesen Gerichten werden die Gläubigen aus Philadelphia, an die sich der Herr in diesem Brief wendet, bewahrt. Sie werden also nicht nur vor der dreieinhalbjährigen großen Drangsal bewahrt, sondern werden auch beschützt vor jedem Gericht, das in dieser zukünftigen Zeit ausgeführt werden wird, also vor der gesamten siebenjährigen Periode der so genannten 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27).

„Stunde“ als Erprobungszeit

An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, noch ein Wort über den Ausdruck „Stunde“ einzufügen. „Stunde“ bezieht sich in der Bibel oft auf eine konkrete Stunde von 60 Minuten. Gelegentlich allerdings verwendet der Geist Gottes den Ausdruck auch als einen Hinweis auf eine bestimmte Zeitperiode, deren Umfang uns nicht notwendigerweise konkret genannt wird (vgl. Mk 14,35.41; Lk 12,12; 22,53; Röm 13,11; 1. Joh 2,18; usw.). So ist es auch im Blick auf die „Stunde der Versuchung“. Aus Daniel 9,27 können wir entnehmen, dass diese Prüfungszeit sieben Jahre umfassen wird – eine Woche an Jahren (vgl. die Ausdrucksweise in 3. Mose 25,8).44

Im Blick auf die Erlösten der heutigen Zeit dagegen wird nie von einer „Stunde der Prüfung“ oder einer „Stunde der Drangsal“ gesprochen. Wir haben gesehen, dass Christen Verfolgungen, einzelnen Drangsalen usw. während der gesamten christlichen Zeitepoche ausgesetzt sind. Diese Prüfungen werden aber nicht als eine „Stunde“ oder dergleichen bezeichnet. Christen leben nicht in einer Zeit, die in besonderer Weise durch eine besondere Periode von Drangsalen geprägt ist.

Zuweilen wird im Blick auf uns heute von einer Stunde im allgemeinen Sinn gesprochen. Das aber hat nichts mit Drangsalen zu tun. Beispielsweise wird in 1. Johannes 2,18 deutlich gesagt, dass in der heutigen Zeit ein antichristlicher Geist herrscht. Das bedeutet, dass alles infrage gestellt wird, was Gott uns in Christus offenbart hat. Oder in Römer 13,11 wird davon gesprochen, „dass die Stunde schon da ist, dass wir aus dem Schlaf aufwachen sollen“. Paulus ermahnt uns, geistlich nicht einzuschlafen, sondern aufzuwachen, damit wir ein Leben für Gott führen. Von einer speziellen Prüfungszeit für uns Christen ist in diesen Versen und in diesen Ausdrücken allerdings keine Rede.

Nur eine Zusicherung für damals? Die prophetische Auslegung von Offenbarung 2.3

Nun stellt sich die Frage: An wen wendet sich der Herr Jesus in diesem Brief an die Versammlung in Philadelphia? Müssen wir Offenbarung 3,10 so verstehen, dass „nur“ die wenigen Gläubigen aus Philadelphia, die damals lebten, diese Gerichtszeit nicht erleben werden? Sicherlich nicht! Denn die sieben Briefe in Offenbarung 2 und 3 tragen prophetischen Charakter. Wir haben bereits gesehen, dass durch den dritten Vers des Buches (Off 1,3) auf das gesamte Bibelbuch der Stempel „Weissagung“ gesetzt wird. Das heißt: Nicht erst ab Kapitel 4 oder gar ab Kapitel 6 sind prophetische Dinge gemeint. Schon von Anfang an handelt es sich um ein Weissagungsbuch.

Wie muss man vor diesem Hintergrund die Kapitel 2 und 3 des Buches der Offenbarung verstehen? Anscheinend gibt der Geist Gottes uns dort einen Überblick über die gesamte christliche Zeitperiode. Es ist von sieben Versammlungen die Rede. Das zeigt klar, dass es um unsere heutige, christliche Zeit geht. Nur in dieser Zeit ist von Versammlungen die Rede. So etwas gab es nicht in alttestamentlicher Zeit. Und auch für die Zeit des 1000-jährigen Friedensreichs ist weder im Alten noch im Neuen Testament von Versammlungen die Rede.

Interessanterweise wird die Versammlung ab Offenbarung 4 nicht mehr erwähnt. Das lässt darauf schließen, dass dort die Zeit beginnt, die auf die christliche Zeitepoche folgt. Und die sieben Briefe an die sieben verschiedenen Versammlungen beziehen sich auf unsere heutige Zeit.

Der moralische Zustand dieser Versammlungen stellt den geistlichen Zustand der Versammlung auf dieser Erde in jeweils aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten vor. Der Herr beginnt mit Ephesus. Es gibt keine andere neutestamentliche Versammlung, um die sich der Apostel Paulus mehr gekümmert hätte als um die in Ephesus. Dieser Versammlung konnte der Apostel Paulus die himmlischen Segnungen in Christus vorstellen. Das ist, was die Stellung des Christen betrifft, das Höchste, was Gott uns in seinem Wort mitgeteilt hat. Laodizea dagegen ist der Inbegriff einer Versammlung, die kein Interesse an Jesus Christus hat. So ist die Entwicklung von der nachapostolischen Zeit bis zu dem Zeitpunkt, wenn der Herr die Gläubigen entrücken wird.

Die sieben Briefe zeigen die Zeit der Kirche und ihren jeweiligen geistlichen, aufeinanderfolgenden Zustand. Dabei werden gewisse Charakteristika hervorgehoben, welche die entsprechenden Zeitspannen kennzeichnen.

Beispiel: Sardes kann man als Hinweis auf die Nachreformationszeit verstehen. In dieser Zeit gab es große Aktivitäten innerhalb der Kirchen. Es wirkte alles sehr lebendig. Aber der Herr Jesus muss sagen, dass die Kirche selbst innerlich erstorben war. Äußerliche Aktivität ist nicht immer mit innerer Kraft und wahrer Hingabe für den Herrn verbunden.

Es fällt auf, dass in den vier letzten Briefen in Offenbarung 2 und 3 (an Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea) jeweils vom Kommen des Herrn die Rede ist (Off 2,25; 3,3.11.20). Das heißt, dass der jeweils beschriebene Zustand offensichtlich bis zum Kommen des Herrn existieren wird, selbst wenn er nicht mehr den Hauptcharakter der jeweiligen Zeit darstellen mag.

Der Brief an die Versammlung in Philadelphia weist auf die Erweckungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts hin. Es war die Zeit, als viele Menschen aus den offiziellen Kirchen hinausgingen, um sich bewusst im Namen des Herrn Jesus zu versammeln (vgl. Mt 18,18–20). Es war die Zeit hingebungsvollen Lebens von vielen Gläubigen für ihren Herrn und Meister. Das Wort Gottes wurde wieder ernst genommen und der Herr Jesus zum Mittelpunkt des persönlichen und gemeinsamen Glaubenslebens.

Eine Ermutigung für heute

Die Zusicherung in Kapitel 3,10 – „Ich werde dich bewahren vor der Stunde der Versuchung“ – bekommt vor diesem Hintergrund einen besonderen Wert für die Gläubigen. Sie leben aus „prophetischer“ Sicht kurz vor dem Ende der Zeit der Versammlung auf der Erde, also dem Wiederkommen Jesu. Und ihnen verspricht der Herr Jesus: Ihr werdet vor diesen schrecklichen Gerichten verschont werden, über die ich jetzt in den folgenden Kapiteln vieles zu sagen habe. – Das hat eine ganz besondere Bewandtnis für diejenigen, die kurz vor Beginn dieser Drangsalszeit leben. Denn sie könnten befürchten, dass auch sie diese schreckliche Zeit erleben müssen.

Nun mag man einwenden: Aber der Brief an Philadelphia ist doch nicht der letzte in dieser Reihe und stellt daher nicht die letzte Zeit vor der Entrückung dar. Das ist richtig. Aber wie wir gesehen haben, wird in allen vier letzten Briefen das Kommen des Herrn erwähnt, so dass alle vier Zustände bis zum Kommen des Herrn parallel existieren werden. Das heißt, dass die Zusicherung an die Gläubigen in Philadelphia nicht nur Christen gilt, die im 19. Jahrhundert gelebt haben, sondern bis zur Entrückung Bestand hat.

Die „Philadelphia-Christen“ erkennen, dass der Herr den gottlosen Zustand der Christus-losen Christenheit nur mit Gericht beantworten kann. Müssen sie selbst diese Gerichte erdulden? Nein, sagt ihr Retter und Meister. In göttlicher Gnade nimmt Er sie zuvor zu sich und sagt ihnen das sogar zu. Sie sollen wissen, dass sie nicht durch diese furchtbare Gerichtsperiode hindurchgehen müssen.

Der Geist Gottes belehrt sie über das, was nach der Entrückung über diese Erde kommen wird (Off 619), auch wenn es sie selbst nicht betrifft. Aber Er sichert den erlösten Christen zu: Ihr werdet davor bewahrt werden. Das Bewusstsein, dass der Herr Jesus die Gläubigen vor der Drangsal bewahren wird, gibt Er allerdings nur denen, die das Wort seines Ausharrens bewahren. Jemanden, der dem Wort ungehorsam ist und in weltförmiger Weise lebt, ermuntert und tröstet der Herr nicht. Wenn für solch einen Christen das Leben in Gottesfurcht fremd ist, dann ermahnt ihn der Herr und ruft ihn zur Umkehr auf. Denjenigen jedoch, die Ihm vertrauen und von Herzen gehorsam sind, verspricht Er diese Barmherzigkeit: Er wird sie, wie Henoch vor der Flut, vor dem Beginn der Gerichte zu sich nehmen.

Heißt das, dass untreue Christen, die an den Herrn Jesus glauben, aber in ihrem Leben nicht durch Hingabe und Gehorsam geprägt sind, nicht bewahrt werden? Doch, auch sie müssen nicht durch die Drangsalszeit gehen. Aber der Herr kann sie nicht ermuntern, weil er sie von ihrer Laschheit wegrufen und daher ermahnen muss, wieder zu Ihm umzukehren.

Bewahren „aus heraus“?

Manche haben das griechische Wort ek in Offenbarung 3,10 übersetzen wollen mit: „... werde auch ich dich bewahren aus der Stunde der Versuchung heraus“ oder gar „in der Stunde der Versuchung“. Solche Übersetzungskonstruktionen aber ergeben keinen Sinn, sondern sind der persönlichen Auffassung geschuldet, dass man gerne aus dem Bibeltext begründen möchte, dass die Christen nicht vor, sondern während der Trübsal oder am Ende dieser Zeitperiode entrückt werden.

Zunächst einmal geht es um die Gläubigen in Philadelphia, denen dieser Brief geschrieben wurde. Sie leben längst nicht mehr, und in ihrer Zeit gab es keine „Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis“ gekommen ist. Sie sind somit nicht aus der Gerichtsperiode herausgerettet worden, sondern vor dieser Zeit bewahrt geblieben. Das zeigt auf direkte Weise, dass diese „falsche“ Übersetzungsvariante abwegig ist. Der Gedanke an dieses Bewahren ist zugleich auch für uns eine schöne Ermunterung, dass wir die Sicherheit haben dürfen, vor der Drangsal entrückt zu werden.

Im Übrigen kann man nicht „aus“ etwas bewahrt werden, sondern nur „vor“ etwas. Man kann aus etwas herausgerettet werden. Man kann natürlich auch „in“ einer Situation bewahrt werden – dann jedoch müsste hier eine ganz andere Präposition stehen, die der Herr Jesus aber gerade nicht verwendet. Hier kann daher nur gemeint sein, dass die Gläubigen „vor“ etwas bewahrt werden. Es dürfte für jeden einleuchtend sein, dass man nicht „vor“ etwas bewahrt wird, indem man es ganz oder teilweise miterlebt. Das ist unmöglich und unsinnig.45

Es heißt zudem nicht, dass Philadelphia vor der Versuchung bewahrt wird. Sie werden vielmehr vor der Stunde der Versuchung bewahrt. Sie werden also nicht vor einer einzelnen Versuchung geschützt, sondern vor einer ganz besonderen Gerichtsperiode, die über die Erde kommen wird.

Wie kann man nun „vor der Stunde der Versuchung“ bewahrt werden? Wir haben gesehen, dass der Versammlung in Philadelphia gerade nicht gesagt wird, dass sie in dieser Stunde durch Gottes Macht bewahrt werden, sondern davor. Man kann zum Beispiel durch „Tod“ davor bewahrt werden. So ging es den Gläubigen damals, die zur Versammlung in Philadelphia gehörten. Sie leben alle nicht mehr, sondern sind heimgegangen. In diesem Sinn sind sie vor dieser Stunde der Versuchung bewahrt worden.

Bewahrung durch Entrückung

Aber offenbar hat der Herr mehr im Sinn als ein solches Bewahren durch Tod. Er denkt an etwas Höheres, viel Gewaltigeres. Spricht der Herr für die Gläubigen der Jetztzeit im Neuen Testament von etwas Besonderem, das sie vor einer künftigen Gerichtszeit bewahren könnte? Und tatsächlich: Genau das ist die Entrückung. Gerade dadurch werden Menschen vor den hereinbrechenden Gerichten geschützt.

Die Entrückung hat den Charakter einer solchen (erlösenden) Bewahrung. Wenn man dadurch, dass man in eine schönere, herrliche Szene gebracht wird, nicht diese Stunde durchleben muss, ist das im höchsten Sinn „Bewahrung“.

Die Entrückung dient auch hier dem Trost und der Ermutigung von Gläubigen, die auf die Wiederkunft ihres Retters warten. Wie passend ist es, dann, wie wir schon gesehen haben, in Offenbarung 4,1 zu lesen: „Komm hier herauf!“ Und auf einmal sind erlöste, verherrlichte Menschen im Himmel. Wir können auf der Grundlage der neutestamentlichen Schriften somit sagen: Durch die Entrückung werden diese Gläubigen bewahrt (vgl. 1. Thes 4,15–18). So passt ein Wort des Herrn in wunderbarer Weise zu dem anderen.

Genau dazu passet auch, dass der Herr Jesus in Offenbarung 3,11 erklärt, wodurch Er die Gläubigen in Philadelphia vor der Stunde der Versuchung bewahren wird. Er sagt ihnen nämlich: „Ich komme bald“ (Off 3,11). Das ist nichts anderes als seine Zusicherung, zu ihrer Entrückung zu kommen. So stärkt Er den Glauben und die Hoffnung der Erlösten, denen Er sagen kann, dass sie nicht in die Drangsalszeit kommen werden. Sie brauchen keine Angst vor der Drangsal zu haben, denn Er kommt bald, um sie zu sich zu holen. Solange Er noch nicht zurückgekommen ist, sollen sie treu sein und festhalten, was Er ihnen in seiner Gnade anvertraut hat. Bald ist der Augenblick gekommen, wo Er sie zu sich in das Haus seines Vaters holen wird.46

Zusammenfassung

In Offenbarung 3 lesen wir von einem Brief, den der Herr Jesus an die Versammlung in Philadelphia geschrieben hat. Dieser Brief macht unmissverständlich klar, dass Kinder Gottes vor der „Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird“ bewahrt bleiben. Man kann nicht vor einer solchen Zeit bewahrt werden, wenn man in sie hineinkommt. Nein, der Herr Jesus wird uns vor dieser siebenjährigen Prüfungszeit in den Himmel entrücken. Anders kann man den Vers in Offenbarung 3,10 sowohl sprachlich als auch inhaltlich nicht in Übereinstimmung mit dem Kontext und der Lehre der Schrift erklären.

Was haben Christen mit dem Tag des Herrn zu tun?

Wir haben uns bereits mit der Erscheinung des Herrn beschäftigt und gesehen, dass sie der Ausgangspunkt des Tages des Herrn ist. Im Alten Testament ist vielfach vom „Tag Jahwes“ (des Herrn) die Rede. Dieser Tag ist verbunden mit furchtbaren Gerichten. Die Drangsal Jakobs, diese große Drangsal, wird in Jeremia 30,7 unmittelbar mit diesem Tag verbunden: „Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch er wird aus ihr gerettet werden. Denn es wird geschehen an jenem Tag, spricht der Herr der Heerscharen ...“ (Jer 30,7.8).

Der Tag Jahwes ist von der Drangsal Jakobs, die uns bereits ausführlich beschäftigt hat, nicht zu trennen. In Amos 5,18; Jesaja 2,12; Jeremia 46,10; Hesekiel 13,5; 30,3 und an vielen anderen Stellen ist von diesem furchtbaren Tag die Rede (vgl. auch Joel 3,4; Apg 2,20). Die Drangsalszeit wird die Vorbereitung bzw. der Startpunkt dieses Tages des Herrn sein. Manchmal hat man den Eindruck, dass Gottes Wort diese Drangsalszeit mit einbezieht in den Tag Jahwes (Amos 5,18.20; Joel 2,1.2), manchmal beginnt dieser Tag erst mit dem Erscheinen des Herrn, also nachdem die großen Gerichtsereignisse bereits geschehen sind (Apg 2,20; Joel 3,4).

Den Thessalonichern wird nun ausdrücklich gesagt, dass sie keine Angst haben sollten, dass „der Tag des Herrn da wäre“ (2. Thes 2,2). Sie würden an diesem Tag nämlich verherrlicht sein (Kol 3,4; 2. Thes 1,10; 1. Joh 3,2), wenn Gott das Gericht über die Ungläubigen in dieser schrecklichen Drangsalszeit bringen wird (2. Thes 1,6–9). Mit anderen Worten: Die Christen werden diesen Tag nicht als Menschen auf der Erde erleben, die noch auf das Wiederkommen Jesu warten, sondern sie werden im Himmel sein bzw. bei Christus sein, um mit Ihm auf diese Erde als verherrlichte Menschen zu kommen. Sie müssen also zuvor entrückt worden sein.

Was wird mit den Christen geschehen? Sie werden mit Christus offenbart werden in Herrlichkeit, in einer äußerlich sichtbaren Herrlichkeit, die sie heute nicht besitzen, sondern erst, wenn sie Christus sehen, wie Er ist (Kol 3,4; 1. Joh 3,2). Sie werden Ihn sehen, wenn Er wiederkommen wird, um uns zu sich zu nehmen (Joh 14,3). Und dann, wenn sie die Herrlichkeit dieses Tages des Herrn erleben werden, sind sie mit Christus in verherrlichten Körpern auf diese Erde zurückgekommen.47

Den Herrn freudig erwarten – nach der Drangsal?

Wie wir bereits gesehen haben, wird sowohl in Matthäus 24,21 als auch in Jeremia 30,7 von der großen Drangsal gesprochen. Auch Bibelstellen wie Joel 2,2 zeigen, dass es sich um eine Zeit handelt, die unvergleichlich schrecklich ist. So etwas Furchtbares und Schlimmes ist an Gericht noch nie über diese Erde gekommen. Mit anderen Worten: Selbst das für uns heute bereits wieder Unvorstellbare, was unter dem Hitler-Regime geschah, verblasst angesichts der Schrecklichkeit dieser Drangsale.

Als Christen werden wir ermutigt, auf das Kommen des Herrn zu warten und „einander mit diesen Worten“ zu ermuntern (1. Thes 4,18). Diese Aufforderung zur gegenseitigen Ermunterung wäre geradewegs Zynismus, wenn wir zunächst erwarten müssten, in unvergleichlich schlimme Drangsale zu kommen. Dann brauchte man zwar Ermunterung, um in den Drangsalen auszuharren, doch der Hinweis auf diese Ereignisse wäre keine Ermunterung, wie der Apostel sie aber in diesen Versen vorstellt. Zudem wäre die Gefahr, in solch furchtbaren Prüfungen aufzugeben und das Ende wegen Untreue nicht zu erreichen, sehr groß (vgl. Mt 24,13; Mk 13,13). Daher wäre neben dieser Ermunterung eine sofortige Warnung und Ermahnung mindestens in gleichem Maße nötig. Das unterstreicht ein weiteres Mal, dass die Christen nicht durch die große Drangsal hindurchgehen müssen.

Nein, es ist offenbar, dass wir vor dieser Drangsalszeit entrückt werden. Daran dürfen wir festhalten und uns so gegenseitig ermuntern, auf das Wiederkommen des Herrn Jesus zu warten. Wir brauchen keine Angst vor einer speziellen Drangsalszeit zu haben. Wir erwarten zuvor unseren Retter als Retter des Leibes, der uns aus den irdischen Umständen in die Herrlichkeit bringen wird.

Dem Herrn entgegen

Nun meinen manche Gläubige, die der Auffassung sind, dass wir Christen noch durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, Christus würde bei der Entrückung sofort sein Reich in Macht und Herrlichkeit auf der Erde aufrichten. Das wird teilweise mit der Überlegung verbunden, dass Er uns am Ende der großen Drangsal befreien wird, um dann unmittelbar zusammen mit uns sein Friedensreich aufzurichten. Die Entrückung bringt uns nach dieser Auffassung nicht in den Himmel, sondern nur in die Wolken zu Christus, damit wir sofort mit Ihm auf die Erde zurückkommen. Dann aber hätte sich der Apostel Paulus anders ausgedrückt und nicht davon gesprochen, dass wir „dem Herrn entgegenentrückt“ werden.

Nein, der Apostel betont, dass wir dem Herrn in die Luft entgegenentrückt werden, damit wir so allezeit bei Ihm sein können. Wir werden also an den Ort entrückt, von dem der Herr Jesus in die Wolken gekommen ist: in den Himmel.

Das griechische Wort harpázo (ἁρπάζω) für entrücken hat im Allgemeinen die Bedeutung von rauben, wegreißen, mit Gewalt fortschleppen, entführen. „ἁρπάζω“ betont immer, dass der-, das- oder diejenige(n) mit einer von außen kommenden Macht und Kraft aus dem bisherigen Aufenthaltsort weggenommen wird (werden). Wenn es überhaupt jemals zurückgebracht wird, dann deutlich später:

  • Gewalttuende reißen das Reich an sich (Mt 11,12), natürlich nicht, um es gleich wieder herzugeben!
  • Jemand „raubt“ Hausrat (er reißt ihn weg) (Mt 12,29) und will ihn natürlich nicht sogleich wieder zurückgeben!
  • Der Böse reist das Gesäte aus dem Herzen weg (Mt 13,19). Er möchte es nicht zurückgeben!
  • „Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus; und der Kämmerer sah ihn nicht mehr“ (Apg 8,39.40) Natürlich wurde Philippus nicht gleich wieder zu dem Kämmerer zurückgebracht; vielmehr wurde er „in Asdod gefunden“.
  • Paulus sollte aus der Mitte der tobenden Juden „weggerissen“ werden (Apg 23,10), natürlich nicht, um ihn gleich darauf wieder zurückzubringen!
  • Paulus wurde „entrückt bis in den dritten Himmel“ (2. Kor 12,2.4). Dort musste er erst unaussprechliche Dinge hören, bevor er zurückgebracht wurde.
  • Menschen sollten aus dem Feuer gerissen werden, natürlich nicht, um sie gleich danach wieder hineinzuwerfen! (Jud 23).
  • Das männliche Kind (das ist Christus) „wurde entrückt zu Gott und zu seinem Thron“ (Off 12,5). Dort ist Er nun schon fast 2000 Jahre.

Wenn man diese Bedeutung von „entrücken“ vor Augen hat, wird deutlich, dass das Verwenden dieses Ausdrucks keinen Sinn ergeben würde, wenn die Entrückten sogleich dahin zurückgebracht werden, von wo sie ausgegangen sind. Nein, wir werden aus den irdischen Umständen, aus unserer Umgebung heraus entrückt, um für immer bei dem Herrn zu sein. Wo ist Er heute? Im Himmel. Dorthin wird Er uns mitnehmen, wenn Er uns in die Luft entgegenkommt. Er beabsichtigt, uns zu einem Ausgangspunkt, den nur Gott kennt, in das Haus seines Vaters einzuführen.

In den Himmel

Auch aus anderen Schriftstellen wird deutlich, dass der Herr Jesus die Erlösten nicht trifft, um sofort mit ihnen auf die Erde zu kommen. Die Belehrungen des Herrn an seine Jünger im Obersaal (Joh 14,1–4) bestätigen das. Wir finden dort keinen Hinweis darauf, dass der Herr die Jünger abholt, um mit ihnen sofort auf die Erde zurückzukehren. Im Gegenteil! Er holt sie ab, um sie zu sich zu nehmen, wo Er ist. Wo ist das seit seiner Himmelfahrt? Im Himmel! Das ist für uns der ersehnte, glückselige Zielort. Darauf warten wir, darauf freuen wir uns.

Wenn wir lesen, dass Christus mit den Seinen auf die Erde kommt, um in Herrlichkeit zu erscheinen, heißt es: Er kommt mit ihnen aus dem Himmel. Bibelstellen, die das sehr schön zeigen, sind

  • 2. Thessalonicher 1,7 („vom Himmel her“, nicht aus den Wolken der Luft),
  • Offenbarung 19,11–16 („Ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, genannt ‚Treu und Wahrhaftig‘ ... Und die Kriegsheere48, die in dem Himmel sind, folgten ihm auf weißen Pferden“).

Die Entrückung bedeutet für die Gläubigen also, dass sie mit ihrem Retter in den Himmel auffahren. Dort werden sie, wie lange auch immer, sein, um gemeinsam mit Ihm aus dem Himmel auf die Erde zurückzukommen. Aus anderen Stellen lernen wir, dass sie mindestens sieben Jahre dort sein werden (die 70. Jahrwoche, von der Daniel in Daniel 9 berichtet). Das ist genau die „Stunde der Versuchung“ (Off 3,10), vor der wir bewahrt bleiben.

Dass dieser Trost für die lebenden Gläubigen ermutigend ist, muss nicht weiter betont werden. Daher schließt der Apostel diese Belehrung mit den Worten ab: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,18).49

Zeiten und Zeitpunkte (1. Thes 5,1–11)

Manche Ausleger haben die dann folgenden Verse in 1. Thessalonicher 5 so verstanden: Paulus spricht am Anfang von Kapitel 5 von derselben Sache wie am Ende von Kapitel 4. Dann wären Entrückung und Tag des Herrn mehr oder weniger dasselbe. Nach ihrer Überzeugung sind demnach Zeiten und Zeitpunkte (V. 1), die mit dem Tag des Herrn in Verbindung stehen (V. 2), zugleich mit der Entrückung verbunden.

Sie übersehen aber, dass der Apostel seine Gedanken mit einem „aber“ anschließt. Das dafür im Griechischen benutzte Wort de trägt oft nur eine leicht gegensätzliche Bedeutung bzw. nicht einmal das.50 Tatsächlich benutzt Paulus an dieser Stelle aber zwei Wörter: peri de. Und dieser Ausdruck leitet immer wieder ein neues Thema ein, das nicht in direktem Zusammenhang mit dem unmittelbar zuvor Gesagten steht (vgl. 1. Kor 7,1.25; 8,1; 12,1; 16,1.12; 1. Thes 4,9; 5,1). Wir befinden uns somit auf sicherem Boden, wenn wir die ersten Verse von Kapitel 5 nicht mit den letzten Versen aus Kapitel 4 inhaltlich gleichsetzen. Mir scheint eher, dass Paulus sich in 1. Thessalonicher 5,1 auf Kapitel 4,14 zurückbezieht und die Zeit des Mit-Ihm-Bringens der Heiligen näher ausführt. Die mit dem begründenden „denn“ beginnenden Verse 15–18 sind ein Einschub, der aus diesem Grund in der Bibelausgabe der Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen) in Klammern gesetzt worden ist.

Diese neue Akzentuierung in Kapitel 5,1 wird auch durch den Kontext unterstrichen. Die Entrückung ist für die Erlösten ein trostreicher Gedanke. Das, was in den ersten Versen von Kapitel 5 folgt, ist das Gegenteil. Man spricht von Frieden und Sicherheit, stattdessen aber kommt ein plötzliches Verderben (V. 2). Damit verbunden ist ein Zorn (V. 9), den die Erlösten, an die Paulus sich wendet, gerade nicht erleben werden. Sie erfahren stattdessen eine Errettung vor diesen Gerichten. Sie kommen eben nicht in dieses Gericht, sondern werden „zusammen mit ihm leben“ und können sich deshalb einander ermuntern (V. 11).

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass der Apostel die Beziehung zu der Gruppe wechselt, die er anspricht. Während er im Blick auf die Entrückung von „wir“ gesprochen hat, wechselt er in Kapitel 5 die Perspektive: „Wenn sie sagen: Frieden und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie“ (V. 3). Diejenigen, die hier betroffen sind, können nicht die Gläubigen sein, von denen Paulus zuvor mit „wir“ gesprochen hat. Es sind ganz andere Menschen.

Auch etwas anderes ist noch wichtig: Paulus spricht im Blick auf die Entrückung in Kapitel 4 ausdrücklich von einem „Wort des Herrn“ (V. 15), also einer besonderen Offenbarung. Im Blick auf den Tag des Herrn und die Gerichtszeit kann er den Thessalonichern dagegen sagen, sie seien über diese Zeiten und Zeitpunkte längst belehrt worden (1. Thes 5,1.2). Sie waren nicht nur durch ihn selbst belehrt worden, sondern auch durch das Alte Testament. Denn dort ist sehr oft vom „Tag des Herrn“ die Rede. Wir haben bereits gesehen, dass dies die Zeitperiode ist, in der ausgehend von Gerichten und in Verbindung mit den Gerichten, die Er selbst ausführen wird, die Autorität und die Person des Herrn Jesus als Herrscher anerkannt werden wird.

Drangsale sind nicht gleich Drangsale (2. Thes 2)

Der Apostel Paulus schließt seine Belehrungen für die Thessalonicher nicht mit dem ersten Brief ab. Im zweiten Brief kommt er auf dieses Thema noch einmal zu sprechen. Inzwischen war die Sorge der Thessalonicher nicht mehr, was mit den heimgegangenen Gläubigen passieren würde; ihre Angst war nun, dass der Tag des Herrn sogar schon gekommen sei (2. Thes 2,2).

Paulus kann sie beruhigen. Er zeigt im zweiten Kapitel, dass es Dinge gibt, die diesem Tag vorausgehen müssen. Zunächst müssen die Namens-Christen von Gott und der christlichen Lehre abfallen (2. Thes 2,3). Auch der Mensch der Sünde, der Antichrist, muss auftreten, bevor dieser Tag des Herrn beginnen kann (V. 3.4). Der Apostel kann hinzufügen, dass die Thessalonicher wüssten, dass es etwas gibt, was die volle Entfaltung des Bösen durch den Antichristen als Instrument Satans verhindert (V. 6). Diesen Gedanken führt er allerdings nicht weiter aus. Doch das Neue Testament zeigt, dass der Heilige Geist sowohl in dem einzelnen Gläubigen (1. Kor 6,19) als auch in der Versammlung Gottes (1. Kor 3,16) wohnt. Solange Er in der Versammlung auf der Erde wohnt, gibt es keinen „Platz“, dass der Teufel aus dem Himmel geworfen werden kann (Off 12,9.13), um hier zu „wohnen“.

Satan wird durch den Antichristen Zeichen und Wunder der Lüge vollbringen (2. Thes 2,9). Davon lesen wir im Blick auf die christliche Zeit kein Wort. Das aber heißt nicht, dass das Böse nicht schon wirksam ist (vgl. V. 7). Das Böse hat schon von Anfang an eine solche Gestalt besessen, dass die Christen verfolgt wurden. Deshalb mussten die gläubigen Thessalonicher „Verfolgungen und Drangsale“ erleiden (2. Thes 1,4). Diese waren aber kein Zeichen des Reiches, als ob Gott sein Königreich schon in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet hätte. Vielmehr werden die Drangsale der christlichen Zeitperiode als Beweis dafür genannt, dass die Gläubigen des zukünftigen Reiches würdig seien (V. 5).

In der Zeit der Drangsal und der Stunde der Versuchung werden die Vorzeichen genau umgekehrt sein: Dann werden die ungläubigen Namenschristen, welche die wahren Christen verfolgten, Drangsale erleiden müssen (V. 6). Die verfolgten Christen dagegen dürfen dann die ewige Ruhe im Himmel genießen.

Vom Himmel aus kommen sie mit dem Herrn Jesus auf die Erde zurück. Dann wird Christus als Herr offenbart werden vor den Augen der ganzen Welt. Und auch die Engel werden Ihn begleiten (V. 7). Davon spricht der Apostel auch in Kolosser 3,4, wie auch der Herr Jesus selbst in Matthäus 24,30 sowie 25,31 dieses Thema behandelt.

Es gibt also heute Drangsale für die Christen. In der künftigen Drangsalszeit dagegen wird es furchtbare Leiden für die Namenschristen und die ungläubigen Nationen und Juden geben.

Ein „Gleichnis“ von Emil Dönges

Der Bibelausleger Emil Dönges benutzt zur Erklärung dieser Gedanken aus 2. Thessalonicher 2 eine Art Gleichnis.51 Da ich es gut verständlich finde, gebe ich es hier weiter:

Ein Landesherr muss gegen eine empörerische Stadt, die ihm gehört, zu Felde ziehen. Ehe er sie gewaltsam niederwirft, wartet er eine längere Zeit geduldig. Seine „Botschafter des Friedens“ bieten den einzelnen Bürgern dieser Stadt Versöhnung und Errettung an. Aber die Stadt verharrt in ihrer Empörung; nur einige Treue in der Stadt dienen dem rechtmäßigen Herrn. Dadurch haben sie allerdings von den Rebellen viel zu leiden.

Der Herr hat aber den Seinen verheißen, sie vor der Beschießung der Stadt zu sich zu rufen. Er hat ihnen versprochen, sie mit sich zu vereinigen, um sie so vor der Zeit des Kampfes gegen die Stadt zu bewahren. Sie sollen nicht in die heiße Trübsal seines Gerichts über diese Stadt hineinkommen. Vielmehr werden sie ihn, wenn ihr Herr und Fürst in die feindliche und zu richtende Stadt seinen Einzug hält, in geschmückter Weise und mit Glanz begleiten.

Nun aber dauert das Kommen ihres Herrn, so dass sie noch warten und ausharren müssen. So stehen sie in Gefahr, die Trübsal durch ihre Widersacher für die ernsten Trübsale zu halten, die ihr Fürst an seinem Tag den Feinden bereiten wird. Denn noch immer ist der „gebietende Zuruf“52 ihres Herrn nicht gekommen, das vereinbarte, geheime Zeichen, aufgrund dessen sie sich vor das Weichbild der Stadt53 begeben sollen. Dort sollen sie zu ihm gesammelt werden. Wegen der aktuell zu erleidenden Verfolgungen meinen manche, der „Tag des Herrn“, dieser Tag des Gerichts, sei schon angebrochen.

Der Fürst hört von dieser Bestürzung seiner Getreuen. Daher schreibt er ihnen, sie sollten sich nicht erschüttern lassen, als ob sein Tag (der Rache) schon gekommen sei. An diesem seinem Tag würde ihr Teil ja Ruhe und nicht Bedrängnis sein. Nein, sein Tag sei noch nicht gekommen. Auch könnte dieser nicht kommen, ehe nicht die gesamte Stadt sich ganz von ihm losgesagt habe, „abgefallen sei“. Das aber könnte noch gar nicht der Fall sein, solange sie (die Getreuen) noch darin seien. Sie seien nämlich solche, die diese Entwicklung zurück- und aufhielten.

Darum erinnert sie der Herr noch einmal an sein früher gegebenes klares Versprechen, zuerst für sie zu kommen, um sie aus der Stadt herauszurufen. Sie könnten darauf vertrauen, dass er sie wirklich vor diesem Gerichtskampf zu sich versammeln würde. Dazu würde er selbst auch gar nicht ganz in die Stadt kommen, wie bei dem Gerichtskampf. Er würde ihnen allerdings entgegenrücken bis zum Weichbild der Stadt. Sie sollten sich also „durch nichts erschrecken lassen“.

Entrückung am Ende der Drangsalszeit?

Es gibt noch einen wichtigen Abschnitt, der weiteres Licht auf die Frage wirft, ob die Entrückung vor oder am Ende der Drangsalszeit stattfinden wird. In Lukas 19 lesen wir im ersten Abschnitt (V. 1–10), dass der Herr Jesus dem Haus des Zachäus Errettung gebracht hat. Er war gekommen, „zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (V. 10). Offenbar nahmen manche Zuhörer diese Worte Jesu zum Anlass, um die sofortige Aufrichtung des Königreichs Gottes zu erwarten. Wer so wie der Herr Jesus Wunder tat und Errettung brachte, musste ihrer Ansicht nach sofort das Königreich in Herrlichkeit aufrichten (können). Auch die Tatsache, dass man sich jetzt in der Nähe von Jerusalem befand, nährte offensichtlich diese Erwartung. Denn wo anders als in der Hauptstadt des Landes sollte die Königsherrschaft gefeiert werden?

Daraufhin fügte der Herr ein Gleichnis an, „weil er nahe bei Jerusalem war und sie meinten, dass das Reich Gottes sogleich erscheinen sollte“ (V. 11). Dieses Gleichnis verdeutlicht, dass der Herr Jesus dieses Reich in Jerusalem zwar aufrichten wird, jedoch erst später, und zwar dann, wenn Er auf den Ölberg kommen wird zur Rettung seines Volkes (Sach 14,4.8). Dann wird Er im Namen des Herrn kommen. Aber das ist auch für uns heute noch Zukunft. Genau das kündigt die Begebenheit prophetisch an, die Lukas im Anschluss an das Gleichnis von den Pfunden berichtet (vgl. Lk 19,29–40; Ps 118,26.27).

Zwischenperiode

Dieses Königreich wurde aber damals nicht sofort aufgerichtet. Das war nicht möglich, weil der Herr verworfen wurde. Daher würde zunächst eine Zeit anbrechen, in der der Herr Jesus die Seinen aussenden würde, um sie in seinen Dienst zu stellen. In der Zeit zwischen seinem ersten damaligen Kommen und seinem zweiten zukünftigen Kommen sollten sie mit den ihnen anvertrauten Pfunden zur Ehre Gottes handeln (Lk 19,11–27). Das ist ein Hinweis auf unsere heutige Zeit.

Der Herr wird symbolisch durch den „hochgeborenen Mann“ dargestellt (V. 12). Dieser Mann von gutem, edlem Geschlecht, wie man „hochgeborenen Mann“ auch übersetzen könnte, zog in ein fernes Land. Das können wir als einen Hinweis auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi verstehen (Lk 24; Apg 1). Nach vollbrachtem Werk am Kreuz zog Christus in ein fernes Land (in den Himmel). Dort empfing Er für sich ein Reich (die Herrschaft über die gesamte Erde). Vor seinen Leiden und seinem Tod war Er nicht bereit, diese Regentschaft anzunehmen, schon gar nicht aus der Hand Satans (vgl. Mt 4,5–8). Der Herr fügt in diesem Gleichnis noch hinzu, dass Er wiederkommen würde, nachdem er das Königreich empfangen hat (Lk 19,12). Das können wir als einen Hinweis verstehen, dass es in diesem Gleichnis um die Zeit seiner Abwesenheit nach seiner Auferstehung bis zu seinem Wiedererscheinen geht. Interessanterweise gibt es zehn Gleichnisse, die gerade diese Zeit ins Auge fassen.54 Es wird offengelassen, wie lange diese Zeit andauert. Sicher ist, dass der Herr selbst am Ende dieses für uns unbekannten Zeitraums sein Königreich in Macht aufrichten wird.

Christus empfängt das Reich

In Lukas 19,15 heißt es dann, dass der hochgeborene Mann, also Christus, das Reich empfangen hat. Das geschieht ausdrücklich, bevor Er auf die Erde zurückkommt. Natürlich hat der Herr Jesus dieses Reich bereits „erhalten“, als Er in den Himmel gegangen ist, wie weiter oben bemerkt. Hier wird einfach betont, dass der Hochgeborene es auf jeden Fall erhalten hat, bevor er zurückkommt, um seinen Lohn einzusammeln. Lohn steht im Neuen Testament in Verbindung mit dem sichtbaren Reich, wenn nämlich sichtbar wird, wie groß der Lohn des Einzelnen ist. Geschenkt wird der Lohn am Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10; 1. Kor 4,5), aber offenbar wird diese Belohnung im Königreich auf der Erde. Auf den Herrn Jesus bezogen geht es also um das Kommen in Macht und Herrlichkeit. Den „Knechten“ gab der Herr Jesus zuvor Pfunde, mit denen sie für Ihn handeln sollen.

Für unser Thema ist die zeitliche Perspektive von Interesse, die Er diesem Dienst seiner Knechte gibt: „bis ich komme“ (V. 13). Auch in 1. Korinther 11,26 heißt es „bis“; wir sollen den Tod des Herrn bis zu einem bestimmten Zeitpunkt verkünden: bis Er kommt. Hier in Lukas liegt die Betonung allerdings auf einer Zeitspanne. Das griechische Wörtchen, das der Herr hier benutzt, hat die Hauptbedeutung „während“, also: „während ich komme“. Das heißt: Seine Ankunft wird hier nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt fixiert. Vielmehr betont der Herr an dieser Stelle die Unmittelbarkeit seiner Ankunft. Man könnte vielleicht auch so übersetzen: Handelt, während ich im Kommen unterwegs bin, sozusagen schon auf dem Weg bin. Der Herr möchte, dass seine Knechte Ihn zu jeder Zeit erwarten. Es gibt nichts, was seinem Kommen vorausgehen müsste. Er kann jederzeit zurückkommen und ist gewissermaßen schon auf dem Weg. Er hat gesagt: „Ich komme bald“ (Off 22,20).

Das Aufrichten des Königreichs

Im Gegensatz zur Entrückung muss vor der Aufrichtung des Königreichs in Macht einiges erfüllt werden, wie wir gesehen haben. Der Herr selbst spricht beispielsweise vom Kommen Elias (Mk 9,11.12). Aber seiner Rückkehr für seine Knechte muss nichts vorausgehen. Das gilt uns: Jederzeit kann der Herr Jesus zurückkommen, um uns zu belohnen und dann auch in sein Reich einzuführen.

Die Aufrichtung des Königreichs wird in diesem Gleichnis interessanterweise gar nicht mit der Rückkehr des hochgeborenen Mannes verbunden. Vielmehr gibt es zuerst eine persönliche Begegnung mit den Knechten, denen Er die Pfunde anvertraut hatte. Dann werden die Feinde bestraft, die nicht wollten, dass Er über sie herrschen sollte (Lk 19,27). Und erst im Anschluss daran finden wir die herrliche Einführung des Königs in Jerusalem, damit das Königreich in Macht beginnen konnte (V. 29–40).

Genau das ist auch der Ablauf in der Zukunft:

  1. Der Herr Jesus wird wiederkommen und seine Knechte treffen.
  2. Er wird uns Lohn geben für das, was wir für Ihn getan haben. Nach 2. Korinther 5,10 werden wir am Richterstuhl diesen Lohn empfangen. Sichtbar wird diese Belohnung, wenn der Herr Jesus seine Regierung auf der Erde antreten wird und wir mit Ihm regieren dürfen.
  3. Dann wird der Herr mit seinen Feinden abrechnen. Das wird zum Teil in der Drangsalszeit sein, zum Teil durch die in Offenbarung 19,11–21 beschriebenen Gerichte stattfinden.
  4. Erst danach wird Er nach Sacharja 14,4 und Matthäus 24,30 (Off 1,7) sichtbar für alle Menschen auf diese Erde zurückkommen.

Auch das unterstreicht, dass die Entrückung vor der Drangsalszeit stattfinden wird und von der Aufrichtung des Reiches grundsätzlich zu unterscheiden ist.

Zusammenfassung

Der „Tag des Herrn“ beginnt mit der Erscheinung des Herrn Jesus. Er wird mit seiner Erscheinung furchtbare Gerichte über die Ungläubigen bringen. Danach wird Er in Macht, Herrlichkeit und Gerechtigkeit regieren. Die Erscheinung des Herrn setzt voraus, dass die Gläubigen zu Ihm entrückt worden sind. Denn sie werden mit Ihm bei seiner Erscheinung auf die Erde zurückkommen. Somit muss und wird Er sie vorher zu sich holen. Dann werden wir mit Ihm seinen Tag, den Tag des Herrn, auf der Erde genießen dürfen. Von Drangsal wird es dann keine Spur geben.

Ausklang

Die in diesem Buch genannten Überlegungen zeigen: Als Erlöste, die wir zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehören, werden wir nicht die Drangsalszeit erleben. Wir werden von keinem neutestamentlichen Schreiber vor der großen Trübsal gewarnt. Im Gegenteil, der Apostel Paulus ermuntert uns, dass der Herr uns vor den furchtbaren Entwicklungen, die zur Drangsalszeit gehören, entrücken wird. Der Herr Jesus wird uns vorher aus unseren Lebensumständen herausholen, um uns in Ewigkeit bei sich zu haben. Der Herr selbst bestätigt das in seinem Brief an die Versammlung in Philadelphia: Er wird uns „vor der Stunde der Versuchung“ bewahren.

Das ist die Entrückung, die wir erwarten. Denn wir warten auf unseren Retter, der jederzeit kommen kann, um uns in den Himmel zu sich zu holen. Der Tag seines Kommens ist uns unbekannt. Wir erwarten Ihn jederzeit. Danach kommt auch der Tag, der von Gott festgelegt worden ist: „Er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat“ (Apg 17,31). Das ist seine Erscheinung, wenn Er in Gerechtigkeit und Herrlichkeit regieren wird. Auch darauf freuen wir uns (2. Tim 4,8).

Gott ermuntert uns, in tiefer Überzeugung auf die Entrückung zu warten. Dann werden wir den Herrn Jesus das erste Mal von Angesicht zu Angesicht sehen. Es wird ein Augenblick unendlichen Glücks und großer Freude sein. Das ist unsere Hoffnung. Möge unser Retter noch heute wiederkommen!

Anhang 1: Die Gliederung von Matthäus 2425

Bereits in der Einführung haben wir die große Ölbergrede Jesu Christi gestreift. Wir haben drei große Teile unterschieden:

Gliederung

1. Kapitel 24,1–44: Die Weissagung über Israel
Hier finden wir die große Weissagung über die Zukunft Israels und der treuen Übriggebliebenen in Juda, die auf ihren Messias warten. Es geht in erster Linie um die sieben Jahre größter Drangsale. Deren Ende wird durch das zweite Kommen des Herrn Jesus in Macht und Herrlichkeit bewirkt. In diesem Abschnitt finden wir ab Vers 3 nicht die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus, wie sie von Lukas (Kap. 21,20–23) vorhergesagt wird. Vielmehr weist der Herr Jesus auf eine Zeit hin, die auch für uns noch zukünftig ist.

2. Kapitel 24,45–25,30: Die Weissagungen über die christliche Epoche
Hier lesen wir von Entwicklungen und Merkmalen der heutigen, christlichen Zeit.

3. Kapitel 25,31–46: Das Gericht und die Regierung über die Nationen
In diesem dritten Teil lesen wir von der Erscheinung des Sohnes des Menschen und dem Richten der Nationen künftiger Tage. Das Gericht hängt davon ab, ob die nichtjüdischen Menschen das Evangelium des Königreichs angenommen haben oder nicht. Die einen gehen ein in das herrliche Reich; die anderen werden gerichtet und dem ewigen Feuer, der Hölle, übergeben.

An dieser Stelle ist mir wichtig, diese Gliederung etwas ausführlicher zu begründen. Das ist notwendig, damit wir verstehen, dass die im ersten Teil genannte „große Drangsal“ wirklich mit Israel und nicht mit der Versammlung zu tun hat.

Zunächst einmal fällt auf, dass sich die drei Teile der Ölbergrede in der Art und Weise unterscheiden, in der der Herr Jesus spricht:

  • Beim ersten Teil handelt es sich um eine direkte Weissagung über Ereignisse auf der Erde. Der Herr spricht über historische (künftige) Geschehnisse.
  • Der zweite Teil über die Christenheit ist ganz anders im Stil und Aufbau. Genau wie in der aus Kapitel 13 des Matthäusevangeliums bekannten, geheimnisvolleren Weise benutzt Christus hier Gleichnisse zur Belehrung. Es sind insgesamt drei Gleichnisse. Sie vervollständigen das Bild, das der Herr Jesus in Kapitel 13 durch sieben Gleichnisse über den christlichen Bereich gemalt hat.
  • Im dritten Teil finden wir schließlich die Beschreibung eines Sitzungsgerichts55, das in Verbindung mit dem Wiederkommen Jesu stattfinden wird. Hier schließt der Herr unmittelbar an das Ende des ersten Teils an. Das wird deutlich, wenn man den letzten Vers des ersten Abschnitts und den ersten Vers des letzten Teils hintereinander liest.

Übrigens stimmt die Reihenfolge der drei großen Abschnitte mit der in den drei letzten Gleichnissen aus Matthäus 13,44–50 überein. Dort handelt es sich um drei Gruppen von Gläubigen: um die treuen übrig gebliebenen Juden (der Schatz im Acker), um die Versammlung (also die christliche Zeit, die Perle) und um die Nationen (das Netz im Meer). Genau diese Reihenfolge verwendet der Herr auch hier in Matthäus 2425, wobei Er hier nicht direkt von der Versammlung, sondern von Christen bzw. der christlichen Zeitperiode spricht. Er weist zunächst auf die Juden hin. Die Jünger waren damals aus dem Judentum und in diesem Sinn gehören sie zu dem damaligen jüdischen Überrest, der von der ungläubigen Masse des jüdischen Volkes unterschieden wird. Zugleich können sie damit als ein Bild der gläubigen Juden dienen, die in Zukunft (in der Drangsalszeit und dann auch im 1000-jährigen Reich) auf der Erde leben werden. Die Zeit, die der Herr hier also zunächst übergeht, ist die christliche Zeit. Er behandelt sie dann als Zweites. Zum Schluss spricht Er von den Menschen aus den Heiden, die in der Zeit der kommenden Trübsal nach Matthäus 24,14 durch die Juden zum Glauben geführt werden.

Warum hat der Herr in diesen drei Teilen keine chronologische Reihenfolge gewählt? Das mag daran liegen, dass Er zunächst die Jünger vor sich sieht, die aus dem Judentum stammen. Ihnen (und ihren geistlichen und nationalen Nachkommen) möchte Er notwendige Belehrungen geben. Er tut das getrennt von den beiden anderen Gruppen, weil Er die besonderen Kennzeichen jeder Zeitepoche deutlich erkennbar machen und unterscheiden möchte.

Die Endzeitrede über den jüdischen Bereich (Mt 24,1–44)

In diesem ersten großen Abschnitt geht es um das jüdische Volk. Der Herr spricht hier besonders von dem Zeichen seiner Ankunft, also von seinem Kommen. Und Er weist auf die Vollendung des Zeitalters hin. In diesen Versen spricht der Herr Jesus auf direkte Weise über das, was für das Volk Israel kommen würde. Er geht von der Situation aus, die das Volk damals kannte. Aber Er kommt sehr schnell auf die Endzeit zu sprechen, die auch für uns noch zukünftig ist.

Damit wir diesen Abschnitt richtig verstehen, ist es außerordentlich wichtig, zu erfassen, dass die vom Herrn Jesus genannten Punkte nicht symbolisch gemeint sind. Der Herr spricht nicht von Dingen, die eine Art geistliche Erfüllung finden. Es geht vielmehr direkt um jüdische Elemente und konkrete Ereignisse, die stattfinden werden. Ein Überfliegen des Abschnitts macht das sehr deutlich. Der Herr spricht zum Beispiel

  • vom „Evangelium des Königreichs“ (V. 14),
  • vom „heiligen Ort“ (V. 15),
  • von „Judäa“ (V. 16) und
  • vom „Sabbat“ (V. 20),

um nur einige Beispiele zu nennen. Das verdeutlicht: Es kann sich hier nicht um einen Bezug zu Christen handeln. Für sie gibt es keinen lokalisierbaren heiligen Ort, wie es Jerusalem für das Volk Israel war und sein wird. Judäa hat für uns keine Bedeutung, außer dass es ein Landstrich in Israel ist. Christen sollen den Sabbat gerade nicht halten (Kol 2,16), Juden mussten das dagegen unbedingt; der Sabbat wird für sie auch wieder neu bedeutsam sein. Heute wird das „Evangelium der Gnade“ verkündigt (Apg 20,24; Gal 1,6), nicht das Evangelium des Königreichs.

Man kann somit die Schlussfolgerung ziehen: Es handelt sich in der Zeit, von der Christus nach Matthäus 24,1–44 spricht, nicht um die christliche Zeit. Es ist eine Epoche, die in besonderer Weise für Juden charakteristisch ist.

Die Endzeitrede über den christlichen Bereich (Mt 24,4525,30)

In dem mittleren Teil verlässt der Herr Jesus den jüdischen Bereich und wendet sich dem christlichen zu. Dort finden wir keine Bezugnahme zum jüdischen Bereich (Tempel, Judäa, Sabbat usw.). Nur in Matthäus finden wir diese drei Gleichnisse – übrigens auch das erste, auch wenn Lukas ein ähnliches in einer anderen Situation erzählt. Denn nur Matthäus spricht überhaupt in dieser Weise vom christlichen Bereich und später von dem der Nationen.

In diesem Teil zeigt der Herr Jesus seinen Jüngern, dass es zwischen der Zeit seines ersten Kommens auf diese Erde und der angekündigten Drangsalszeit eine Epoche gibt, die Er zunächst überschlagen hat. Das ist die christliche Zeit. Der Herr benutzt jetzt eine ganz andere Form in seiner Rede als im jüdischen Bereich. Er spricht in drei Gleichnissen zu den Jüngern, die alle drei das Kommen des Herrn zum Thema haben.

1. Im ersten zeigt Er, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Die einen sind kluge Diener und führen ihre vom Herrn übertragene Aufgabe im inneren Bereich in Treue aus. Die anderen denken nur an sich, leben für ihren eigenen Genuss und herrschen daher über andere Knechte. Diese zweite Gruppe sind Bekenner, die kein Leben aus Gott besitzen. Außerdem geht es in diesem ersten Gleichnis besonders um die zeitliche Gesamtentwicklung. Denn der Herr teilt die christliche Zeit in zwei Phasen ein. Am Anfang war der geistliche Zustand der Christen (im Allgemeinen) gut. Diese Periode wird durch den treuen Knecht dargestellt. Aber am Ende der christlichen Zeit, in der wir heute leben, ist der geistliche Zustand schlecht, was durch den bösen Knecht vorgestellt wird.

2. Im zweiten Gleichnis spricht der Herr Jesus im Blick auf die beiden Typen von Menschen direkt von einer Mehrzahl: Es gibt fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen. Damit wird unterstrichen, dass es im ersten Gleichnis nicht nur um zwei Einzelpersonen geht, sondern dass der treue Knecht und der böse Knecht Repräsentanten einer größeren Gruppe von Christen sind.

Hier steht nicht der Dienst im Vordergrund, sondern das Zeugnis, das sie auf der Erde ablegen sollen, sowie die Erwartung des Herrn. Hier lernen wir zudem, dass auch die klugen, also die wahren Bekenner, untreu und gleichgültig geworden sind. Aber der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass nur die Klugen beim Kommen des Herrn Öl in ihren Lampen besitzen. Nur sie haben Leben – die törichten Jungfrauen nicht. Während man im ersten Gleichnis eine globale Tendenz erkennt, lernen wir in diesem Gleichnis, dass zu jeder Zeit das Gute und das Böse nebeneinander bestehen. Das gilt auch für den Zeitpunkt des Kommens des Herrn, wo beides nebeneinander existieren wird.

3. Im dritten Gleichnis lernen wir dann, dass die Ausübung des Dienstes einer jeden Person, sei sie ein wahrer oder falscher Bekenner, unterschiedlich ist. Alle Christen haben die Aufgabe, entsprechend ihrer geistlichen Begabung einen Dienst auszuführen. Die Begabungen sind unterschiedlich, die Aufgaben unterscheiden sich. Aber eines bleibt gleich: Es kommt auf die Treue für den Herrn an. Diese wird vom Herrn bei seinem Kommen beurteilt. Es gibt also nicht nur Gruppen von wahren und falschen Bekennern nebeneinander. Es gibt auch eine ganz persönliche Verantwortung für jeden von uns. Jeder einzelne Jünger ist für sich selbst verantwortlich und besitzt eine persönliche Aufgabe. Man arbeitet nicht uniform, sondern individuell.

Eines bleibt in allen drei großen Teilen der Rede in Kapitel 24 und 25 gleich: Es handelt sich um Jünger des Herrn. Zu dieser Gruppe gehören auch wir, die wir in der christlichen Zeit leben. Wir sind nicht Jünger des Messias. Aber wir sind Jünger im Königreich der Himmel. Und insofern haben uns alle drei Teile etwas zu sagen.

Warum kann man sicher sein, dass dieser Teil die christliche Seite behandelt?

Natürlich stellt sich die Frage, woran man erkennen kann, dass es ab Vers 45 um den christlichen Bereich geht. Denn an und für sich gibt es keinen direkten „Bruch“ im Text.

In dem vorhergehenden Überblick über die drei folgenden Gleichnisse haben wir schon gesehen, dass sich der Stil ändert. Zwar kommt eine Art Gleichnis auch schon in Vers 32 und in Vers 43 vor. Aber dort haben wir es nicht mit der normalen, bisher bekannten Form eines direkten Gleichnisses zu tun. Der Herr benutzt im jüdischen Teil stattdessen einen einfachen Vergleich. Jetzt aber kommen auf einmal drei typische Gleichnisse, nachdem der Herr vorher und nachher direkte, wörtlich zu verstehende Prophezeiungen gab. In diesen Gleichnissen geht es auch nicht um äußere Entwicklungen, sondern insbesondere um moralische Werte, um eine innere Haltung.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir gerade in diesem zweiten Abschnitt keine Verbindung zum Alten Testament finden. Im jüdischen Teil haben wir den Bezug zu Daniel (V. 15). Darauf baut der Herr Jesus auch im dritten Teil auf. Dort ist ebenfalls besonders im Propheten Daniel (Kapitel 2 und 7) vom Kommen des Sohnes des Menschen in Herrlichkeit die Rede. Solche Bezüge fehlen im christlichen Teil vollständig, denn das Alte Testament sagt uns nichts Konkretes über die christliche Zeitperiode.

Zudem finden wir den Ausdruck „Sohn des Menschen“ in diesem Teil nicht. Dieser Titel des Herrn hängt mit der zweiten Phase seines zweiten Kommens zusammen. Das unterstreicht noch einmal, dass wir in diesem zweiten Teil eher an die Entrückung denken müssen. Allerdings geht es in allen drei Gleichnissen nicht so sehr um den Akt der Entrückung, als vielmehr um das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dieser steht immer mit der Verantwortung der Christen in Verbindung. Die Entrückung als solche dagegen ist ein Akt reiner Gnade.

Darüber hinaus gibt es in diesen drei Gleichnissen im Unterschied zum ersten großen Teil auch keine „jüdischen Schlüsselworte“. Hinweise auf Sabbat, Gesetz, Judäa, etc. fehlen vollständig. Wenn dieser Teil einen jüdischen Charakter trüge, wären solche Hinweise wenigstens vereinzelt zu erwarten gewesen. Aber wir finden hier nichts dergleichen.

In diesen Gleichnissen behandelt der Herr zudem ein Thema, was im Blick auf das Judentum nicht behandelt wird: das Weggehen des Herrn. Das aber ist typisch christlich. Der Herr, der am Kreuz für uns starb, ist in den Himmel gegangen, um einmal wiederzukommen.

Weiterhin sehen wir, dass im ersten und im dritten Teil dieser prophetischen Rede sehr viele äußere Abläufe eine wichtige Rolle spielen. Diese werden im christlichen Bereich nicht behandelt. Der Herr zeigt im Neuen Testament auch immer wieder, dass Er zu dem Herzen redet und dass Ihm an geistlichem, innerem Wachstum von Gläubigen gelegen ist.

Schließlich lesen wir hier von Entwicklungen, die im Neuen Testament im Blick auf Christen wiederholt angesprochen werden. Die Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn wird von Paulus (1. Thes 4), von Johannes (Off 22) und Judas (Jud 21) betont. Das Aufgeben der Erwartung, wie es in den Gleichnissen jetzt thematisiert wird, betont unter anderem Petrus (2. Pet 3,4). Der Dienst der Christen, wie er im dritten Gleichnis behandelt wird, hat einen wichtigen Platz bei Paulus (Röm 12; 1. Kor 12; Eph 4) und Petrus (1. Pet 4,10).

Die Jünger des Herrn werden somit in den drei folgenden Gleichnissen in einer anderen Position gesehen als in den ersten 44 Versen von Kapitel 24. Sie waren einerseits Repräsentanten der jüdischen Gläubigen, die in einer Zeit an den Herrn Jesus als Messias glauben, in der Er der Verworfene ist. So sind sie die passenden Vertreter der gläubigen Übriggebliebenen, die auch in der Endzeit im jüdischen Bereich zum Herrn Jesus stehen werden. Andererseits aber waren sie auch die Keimzelle der Versammlung in einer ganz neuen Zeit, die hier noch nicht begonnen hatte. Denn als der Heilige Geist auf diese Erde kam (vgl. Apg 2), da waren es gerade diese Jünger, aus denen die Versammlung Gottes am Anfang bestand. Sie waren die ersten Christen, die hier auf der Erde lebten. Als solche kommen sie jetzt in den nächsten Abschnitten vor uns.

Die Endzeitrede über das Gericht der Nationen (Mt 25,31–46)

Mit Vers 31 nimmt der Herr Jesus wieder den Faden der prophetischen Geschichte von Kapitel 24,30.31 auf. Dort war die Rede davon, dass Er als der Sohn des Menschen mit Macht und großer Herrlichkeit kommt. Er wird seine Auserwählten von den vier Winden der Erde her versammeln. Im Anschluss steht ein ermahnender Teil für die gläubigen Juden (V. 32–44).

In Matthäus 25,31 können wir sofort den Anschluss an Kapitel 24,31 erkennen. Darauf wird Bezug genommen: „Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit“, wie es nämlich in Kapitel 24,30.31 beschrieben worden ist, dann findet das Gericht der Nationen statt (25,31.32).

Das sichtbare Wiederkommen Christi auf diese Erde finden wir in Vers 31. Es leitet eine Gerichtssitzung des Sohnes des Menschen über die Nationen ein. Wir haben hier einen direkten Bezug zu den „Nationen“. Das sind keine Christen, weil diese „aus den Nationen“ genommen und der Versammlung Gottes hinzugefügt worden sind.56 Nationen sind auch keine Juden oder Israeliten, weil sie von diesen ausdrücklich abgegrenzt werden.

Wir hatten gesehen, dass der Herr als Sohn des Menschen dem abgefallenen Israel gegenüber, das dem Aas gleicht, wie ein Blitz erscheint: plötzlich, unerwartet, in furchtbarem und schnellem Gericht (Mt 24,27.28). In Bezug auf die Nationen ist von Eile und Heftigkeit keine Rede. Hier kommt Er in geradezu feierlicher Weise, um seinen irdischen Platz in Herrlichkeit einzunehmen. Dieses Kommen wird nicht wie ein Blitz vorübergehen. Der Sohn des Menschen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen (V. 31). Alle Nationen werden Ihn sehen. Sie werden vor Ihm, der diesen Thron des Gerichts feierlich ernst eingenommen hat, versammelt stehen, um gerichtet zu werden. Das entscheidende Kriterium in diesem Gericht wird sein, wie sie die jüdischen Boten behandelt haben, die ihnen das Evangelium des Reiches gepredigt haben.

Anhang 2: Auflistung der Gründe für die Entrückung vor der Drangsalszeit

In diesem Anhang fasse ich in einer Liste die verschiedenen Begründungen dafür zusammen, dass die Entrückung vor und nicht während oder nach der Drangsalszeit stattfinden wird. Einige Punkte haben uns schon ausführlich beschäftigt. Sie werden jetzt nur noch kurz genannt. Andere Punkte füge ich ergänzend hinzu.

  1. Johannes 14,1–3: Schon der Herr Jesus hat seine Jünger darüber belehrt, dass Er nach seiner Himmelfahrt wiederkommen wird. Sein Kommen gilt nicht der Regierung dieser Erde, sondern um die an Ihn Glaubenden zu sich ins Haus seines Vaters zu holen (vgl. auch Joh 17,24).
  2. Matthäus 24,24–27: Die Gläubigen, die in der großen Drangsal leben, warten nicht darauf, dass der Herr Jesus sie zu sich in den Himmel holt. Ihre Erwartung ist, dass der Herr für alle sichtbar auf die Erde kommen wird (V. 27). Er kommt nicht für die Welt verborgen in den Wolken, wohin die Gläubigen entrückt werden (1. Thes 4,17), sondern sichtbar mit den Wolken (Off 1,7) zu ihnen auf die Erde, wo Er von allen gesehen werden wird (Mt 24,30).
  3. 2. Thessalonicher 2,1: Paulus spricht von der Erwartung des Versammeltwerdens (Entrückung) zu Christus hin. Sie sollten nicht ängstlich werden, „als ob der Tag des Herrn da wäre“ – er ist nicht da. Er bezeichnet die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unser Versammeltwerden zu Ihm hin – also die Entrückung – als den Grund dafür, dass die Thessalonicher sich nicht durch irgendetwas in ihrem Glauben erschüttern lassen mussten. Diese Ankunft konnte nur deshalb der Grund für ihre Sicherheit und ihren Frieden sein, weil die Entrückung eben vor der großen Drangsalszeit stattfinden wird.
  4. Kolosser 3,4; Offenbarung 3,12; 21,2.10: Wenn Christus aus dem Himmel sichtbar auf die Erde kommt, wird Er von den Seinen begleitet (vgl. Off 19,11–16). Sie müssen also vorher in den Himmel aufgefahren sein. Wie kann die Versammlung aus dem Himmel kommen, wenn sie nicht zuvor dorthin gekommen (entrückt) worden ist? Heute ist unser Leben verborgen mit dem Christus in Gott: In Kolosser 3 spricht Paulus offenbar von geistlichen und nicht körperlichen Tatsachen für die Erlösten. Dann aber wird die Herrlichkeit der Verbindung von Christus mit seiner Versammlung auch körperlich offenbar werden. Die Erscheinung kann sich also nicht auf die heutige Zeit beziehen, wo wir hier auf der Erde leben, während Christus im Himmel thront.
  5. 2. Thessalonicher 2,3: Vor dem Tag des Herrn, der nach der Entrückung ist, muss aber der Abfall kommen.
    2. Thessalonicher 2,3: Vor diesem Tag muss zudem der Antichrist offenbar werden.
    2. Thessalonicher 2,7: Weder das totale Abfallen von Gott und der christlichen Wahrheit noch die Offenbarung des Antichristen haben wir in der jetzigen Zeit. Solange wirkt das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“, also das Böse als Wurzel der gegenwärtigen Verhältnisse in dieser Welt. Aber das vollständige und absolute Abfallen von allem Göttlichen und das Erscheinen des Antichristen gibt es nicht in der christlichen Zeit.
  6. 2. Thessalonicher 2,6.7: Der Abfall und das Kommen des Antichristen sind nicht ohne Weiteres möglich, denn es gibt ein unüberwindbares „Hindernis“: das, „was zurückhält“ bzw. der, „der zurückhält“, nämlich der Heilige Geist in der Versammlung. Warum ist Er auf einmal verschwunden? Er kam auf die Erde, als die Versammlung an jenem Pfingsttag entstand (Apg 2; 1. Kor 12). Vorher wirkte Er auf der Erde, wohnte aber nicht dort. Er wird bei der Familie Gottes, der Versammlung, in Ewigkeit bleiben (Joh 14,16), denn Er wohnt in den Erlösten (heute) persönlich und in der Versammlung gemeinschaftlich (1. Kor 6,19; 3,16). Wenn der Geist nicht mehr da ist, kann die Versammlung nicht mehr da sein, denn Er wohnt in ihr. Wenn die Versammlung nicht mehr auf der Erde ist, geht der Geist Gottes mit ihr „zurück“ in den Himmel. Das alles passiert aber erst mit der Entrückung, nicht vorher.
  7. 1. Thessalonicher 4,16.17 (die Entrückung) wird deutlich unterschieden von 1. Thessalonicher 5,1–3 (der Erscheinung des Herrn): Das eine musste offenbart werden (Wort des Herrn, V. 15), das andere kannten sie längst (5,1). So wird die Entrückung unterschieden von dem Tag des Herrn. Beides sind unterschiedliche Ereignisse, die nicht zeitgleich stattfinden. Wenn nun die Gläubigen nach 1. Thessalonicher 5 mit Christus erscheinen, es aber auch eine Entrückung nach 1. Thessalonicher 4 gibt, muss diese notwendigerweise vorher stattfinden.
  8. 2. Thessalonicher 1,5–10: Die Apostel bereiten die Christen auf keine spezielle Drangsalszeit vor. Im Gegenteil: Sie sprechen immer von Verfolgungen etc. Diese einzelnen Verfolgungen stehen im Gegensatz zur „großen Drangsal“, „wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ und die den gläubigen Überrest Judas betreffen wird (Mt 24,21).
    Zudem hat Paulus damals von einer zukünftigen Drangsalszeit gesprochen, nämlich in Verbindung mit dem Tag des Herrn. Diese unterscheidet sich nach seinen Worten von den Verfolgungen, die er und die Thessalonicher damals zu erleiden hatten. Was ergibt es für einen Sinn, wenn sich diese Unterscheidungen auf einmal auflösen, weil die Gläubigen angeblich beides erleben, früher oder später? Diese Unterscheidungen zwischen aktuellen Verfolgungen und einer regelrechten Drangsalszeit gelten auch heute noch. Die Zeit hat sich in dieser Hinsicht nicht seit der des Apostels geändert.
  9. Joel 3,4: Der Tag des Herrn hat jüdischen Charakter – das zeigen die vielen Stellen im Alten Testament. Von christlichen Elementen ist an keiner Stelle die Rede. Er muss also zukünftig sein, nachdem die gläubigen Christen die Erde verlassen haben.
  10. Viele Bibelstellen sprechen vom nahen Kommen des Herrn Jesus, ohne dass irgendeine Bedingung genannt würde (Röm 8,23; Phil 3,20.21; 1. Thes 1,10; Tit 2,13). Das ist die Entrückung. Wenn dennoch zuvor bestimmte Ereignisse geschehen und die Gläubigen bestimmte Dinge erdulden müssten, um an der Entrückung teilnehmen zu können, wäre das eine Irreführung von Seiten Gottes (vgl. 2. Thes 2,3).
  11. Offenbarung 22,17; 3,11: Der Herr Jesus hat gesagt: „Ich komme bald“ – nicht: Ich komme, wenn dies oder jenes geschehen ist (was beispielsweise die Drangsalszeit wäre). Sein Kommen kann jederzeit sein. Noch einmal: Das wäre eine Irreführung, wenn das letzten Endes doch nicht wahr wäre.
  12. 1. Thessalonicher 5,9.10: Den Thessalonichern wird gesagt, dass sie nicht zum Zorn gesetzt sind. Das ist diese Zeit des Zornes Gottes, der in der großen Drangsal über ungläubige Menschen ausgeschüttet werden wird. Stattdessen sind sie bestimmt zur Erlangung der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus, der auch ihren Körper verwandeln und sie in die Herrlichkeit bringen wird (Phil 3,21).
  13. In Römer 11,25 wird davon berichtet, dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist. Offensichtlich bezieht sich der Apostel Paulus auf die Zeit, in der er selbst lebte. Der Herr Jesus hatte schon während seines Lebens auf der Erde mehrfach von der Blindheit der Juden gesprochen (vgl. zum Beispiel Mt 13,13–15). Der Apostel Paulus bestätigt das, indem er darauf hinweist, dass die Juden verhärtet sind und eine Decke auf ihrem Angesicht tragen. Dadurch sind sie nicht in der Lage zu sehen (vgl. 2. Kor 3,14–16). Diese Verhärtung hält an, fügt der Apostel in Römer 11,25 hinzu, „bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist“. Das sind nach Römer 11,12 die Gläubigen aus den Nationen, die es seit dem Pfingsttag gibt, von dem Apostelgeschichte 2 berichtet. Es handelt sich also um die heutige Zeit. Wenn es für Israel aber erst danach eine Wiederherstellung geben kann, wenn die Vollzahl der Nationen „eingegangen“ ist: Wohin sind diese Nationen dann eigentlich eingegangen? Aus anderen Bibelstellen lernen wir: durch Entrückung in den Himmel. Ohne diese Entrückung gäbe es keine Hoffnung für Israel, auf der Erde wieder gesegnet zu werden. Diese Hoffnung aber wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ausdrücklich genannt und beschrieben.
  14. Heute wird das Evangelium der Gnade Gottes und der Herrlichkeit Gottes verkündigt (vgl. Apg 20,24; 1. Tim 1,11). Aus Matthäus 24,14 und Offenbarung 14,6 lernen wir, dass in der Drangsalszeit ein Evangelium verkündigt wird, das einen anderen Charakter trägt. Dort ist es das ewige Evangelium (Off 14,6) bzw. das Evangelium des Reiches (Mt 24,14), das den Nationen gepredigt wird. Während das Evangelium der Gnade Gottes Menschen für den Himmel ruft, bezieht sich das Evangelium des Reiches auf Segnungen auf der Erde. Denn sein Königreich ist auf der Erde, während sich unsere Hoffnung auf den Himmel bezieht (vgl. Kol 1,5; Phil 3,20). Wenn man das Zeugnis der beiden Zeugen in Offenbarung 11 noch hinzunimmt, kann man nur feststellen: Diese beiden Zeitepochen – die christliche und die der Drangsal – gehören und passen nicht zusammen. Sie tragen ganz unterschiedliche Charakterzüge. Damit kann diese Drangsalszeit nicht Teil der christlichen Epoche sein, die christliche wiederum nicht Teil der Stunde der Versuchung, der Trübsalszeit.
  15. Offenbarung 3,10: Der Versammlung in Philadelphia wird ausdrücklich gesagt, dass sie bewahrt wird vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird. Das kann nicht Prüfungen und Verfolgungen in der heutigen Zeit betreffen, denn die hat jeder Gläubige zu erdulden (2. Tim 3,12). Und diese Leiden werden im Brief an die Gläubigen in Philadelphia unter den Begriff „Ausharren“ gefasst.
  16. Das griechische Wort „ek“ (aus heraus) kann verschiedene Bedeutungen haben. In Offenbarung 3,10 kann es nicht mit: „aus der Stunde der Versuchung bewahrt werden“ übersetzt werden. Das ergibt sprachlich und inhaltlich keinen Sinn (ähnlich: Joh 17,15; Apg 15,29). Es muss heißen: bewahren vor. Und genau das passiert bei der Entrückung: Wir werden bei Christus sein, bevor die Prüfungszeit über die Erde kommen wird.
  17. Offenbarung 3,10: Wen betrifft diese Zusage? Der Herr meint alle diejenigen, die zur Versammlung Gottes gehören. Es sind somit alle, die heute Erlöste sind. Das genau macht die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen aus. Der Herr Jesus spricht hier nicht von besonders treuen Gläubigen im Unterschied zu untreuen. Denn Er unterscheidet nicht innerhalb der Gläubigen in Philadelphia. Die Erlösten, die zur Versammlung gehören, werden vor dieser Zeit der Versuchung bewahrt werden. Von den Juden heißt es dagegen ausdrücklich, dass sie in der Bedrängnis sein werden (vgl. Dan 12,1).
  18. Offenbarung 3,11: Direkt mit dieser Bewahrung vor der Drangsalszeit verbindet der Herr interessanterweise sein Kommen zur Entrückung: „Ich komme bald.“ Er kommt, um sie zu bewahren vor der Versuchungszeit, indem Er sie vorher durch sein Kommen entrückt (vgl. 1. Thes 4,16.17).
  19. Das Wiederkommen Jesu zur Entrückung zu erwarten, wenn man zuerst die Drangsalszeit durchleben muss – also bestimmte, in der Schrift konkret genannte Ereignisse –, ergibt keinen Sinn. Dann hätten wir mit dieser Zeit der Trübsal und nicht mit dem Herrn zu rechnen, sondern mit Ihm erst danach. So aber spricht Gottes Wort nicht zu uns.
  20. Offenbarung 3,12; 21,2.10: Wie kann die Versammlung aus dem Himmel kommen, wenn sie nicht zuvor dorthin gekommen (entrückt) worden ist?
  21. Offenbarung 4,1: Dieser Vers bezieht sich zwar zunächst einmal auf Johannes, den Schreiber der Offenbarung. Aber es scheint, dass sein Weg („hier herauf“) eine Andeutung auf die Entrückung der Versammlung enthält, die historisch gesehen zwischen dem Ende von Offenbarung 3 und dem Anfang von Offenbarung 4 stattfinden wird. Auch wenn hier nicht wörtlich von der Entrückung die Rede ist, heißt es: „Komm hier herauf.“ Und von diesem Augenblick an ist von einer Versammlung und Christen auf der Erde keine Rede mehr, wie wir das bis Kapitel 4 deutlich sehen. Im Unterschied dazu lesen wir ab Kapitel 7 von Heiden und Juden/Israeliten auf der Erde, nicht aber von Christen und der Versammlung.
  22. Offenbarung 4,4: Zudem ist auf einmal von „24 Ältesten“ die Rede, nicht aber von Seelen oder einem anderen Zustand heimgegangener Menschen ohne Auferstehungsleib. Diese Ältesten werden unterschieden von Engeln (z. B. in Kap. 5). Es handelt sich somit um Menschen, die im Himmel sind und verherrlicht worden sind. Engel waren dort schon lange. Aber woher kommen diese Menschen? Offenbar von der Erde durch Entrückung. Die 24 Ältesten können im Übrigen schon deshalb keine Seelen von Entschlafenen sein, weil ihre Zahl im Laufe der Offenbarung konstant bei 24 bleibt, obwohl während der Geschehnisse von Offenbarung 619 zahlreiche Heilige sterben werden. Aber die Gruppe der auferstandenen, verherrlichten Gläubigen Alten und Neuen Testaments bleibt im Himmel über die ganze Zeit von Offenbarung 619 gleich.
  23. Offenbarung 5,8; 8,3: Andererseits gibt es Heilige auf der Erde, also ebenfalls gläubige Menschen. Warum gibt es diese Unterscheidung? Weil es auf der Erde dann wieder ein neues Volk Gottes gibt, das offenbar nicht mehr aus Christen besteht. Der Hinweis auf Juden/Israeliten einerseits und Nationen andererseits in Kapitel 7 zeigt, dass es sich um Gläubige aus diesen beiden getrennten „Bereichen“ handelt. In der jetzigen Zeit aber sind sie beide „eins“ (vgl. Eph 2,14). Heute gibt es diese Trennung von Juden und Nationen in der Versammlung nicht.
  24. Offenbarung 6,9–11: Wir finden in der Drangsalszeit getötete Gläubige, die aber nicht Christen genannt werden, auch keine Christen sein können. Wir lesen hier nämlich von „Rache“, die göttlich bestätigt wird. Nach Römer 12 kommt eine solche Haltung allerdings für uns Christen ausdrücklich nicht infrage. Wenn diese Menschen heute leben würden und dieser Bereich eine Zeit beträfe, in der auch Christen auf der Erde lebten, müssten es Christen sein. Denn etwas anderes erkennt Gott heute nicht als gläubig an (vgl. 1. Kor 10,32). Da Christen aber nicht zur Rache aufgefordert werden, muss es sich um Gläubige einer anderen Zeit handeln.
  25. Offenbarung 7,9–17: Obwohl es im Himmel 24 Älteste (und 4 lebendige Wesen) gibt, werden in Offenbarung 7 verschiedene Gruppen von Menschen auf der Erde gesehen. Sie kommen zum Teil aus der Drangsalszeit. Das kann nicht die heutige Zeit sein, denn dann wäre niemand im Himmel außer Christus und den Engeln. Christen gibt es in der Zeit, die in Offenbarung 3 beschrieben wird, auf der Erde, nicht aber im Himmel. Da sie aber in Kapitel 4 als Teil der 24 Ältesten im Himmel gesehen werden, könnten die Gläubigen, von denen man in Offenbarung 7 liest, nicht zur Versammlung gehören. Sie werden vielmehr den Nationen zugerechnet. Es muss sich also um eine andere Zeitepoche handeln.
  26. Daniel 11; Matthäus 24: Beide Kapitel sind deutlich jüdischer Natur. Immer wieder wird mit entsprechenden Symbolen gearbeitet. Darauf nehmen die Hinweise von 2. Thessalonicher 2 unmissverständlich Bezug. Die heutige Zeit hat aber mit Entwicklungen im Judentum nichts zu tun, wie man den neutestamentlichen Briefen entnehmen kann. Dort wird der Fokus weder auf Israel und Jerusalem noch auf ihren Gottesdienst gerichtet. In Offenbarung 13 wird in direkter Weise von den Zeichen der Drangsalszeit gesprochen und auf die Geschehnisse von Daniel 11 und Matthäus 24 Bezug genommen. Dort befinden wir uns offensichtlich mitten in der Drangsalszeit. In Offenbarung 3 nun lesen wir im Blick auf die Versammlung in Philadelphia, dass sie vor der Stunde der Versuchung bewahrt wird. Diese Versuchung schließt die große Trübsal mit ein. Daher muss Offenbarung 3 zeitlich vor der Drangsalszeit liegen, auch die Wegnahme (Bewahrung) der dort angesprochenen Christen.
  27. In mindestens sieben Passagen des Wortes Gottes wird die Drangsalszeit behandelt (Mt 24,3–29; Mk 13,4–24; Off 3,10; 7,14–17; 5. Mo 4,30.31; Jer 30,4–7; Dan 12,1). Aber an keiner dieser Stellen wird die Versammlung Gottes mit dieser Drangsal in Verbindung gebracht. Im Alten Testament ist das ohnehin nicht möglich. Aber auch in den Passagen im Neuen Testament gibt es keinen Hinweis auf die Versammlung Gottes. In Offenbarung 7 sind es die Nationen, in Matthäus 3 und Markus 13 die Juden.
  28. Wenn wir als Erlöste, die wir heute alle zur Versammlung Gottes gehören, durch diese Trübsalszeit hindurchgehen müssten, hätte Gott uns im Blick darauf ermahnt und ermuntert. Die Tatsache, dass Er es nicht getan hat, stärkt die Überzeugung, dass wir diese Zeit nicht erleben müssen.
  29. Warum werden die Christen an keiner Stelle darüber belehrt, wie sie sich in der Drangsalszeit verhalten sollen? Den Juden wird das in Matthäus 24 und in Markus 13 durchaus gesagt. Den erlösten Christen dagegen wird überhaupt keine Verhaltensrichtlinie für diese Drangsalszeit, z. B. in den Briefen, wo man es erwarten würde, gegeben. Warum nicht? Weil sie keine benötigen. Denn sie kommen nicht in diese Zeit. Nach Offenbarung 7,9 werden sich viele zu Christus und Gott im Glauben wenden. Aber an keiner Stelle lesen wir, dass es sich dabei um Christen, Gläubige der Versammlung, handeln würde. Offenbarung 7 zeigt, dass es Nationen sind, nicht Christen.
  30. Daniel 9,25.26: Diese Verse zeigen, dass es ein unbestimmtes Intervall an Zeit nach den 69 Wochen (Jahrwochen) geben wird, die mit dem Hinwegtun des Messias ihren Abschluss finden. Nach Vers 27 setzt die prophetische Zeitrechnung wieder ein an einem Zeitpunkt, der mit dem Abschluss eines Vertrags zwischen dem kommenden Fürsten und den Vielen (der Masse des jüdischen Volkes) verbunden wird. Das ist offensichtlich zukünftig, denn die neutestamentlichen Briefe berichten davon nichts. In Offenbarung 13 dagegen finden wir eine Verbindung der beiden Parteien.
  31. Offenbarung 22,16 nimmt Bezug auf den Morgenstern, den die Christen erwarten. Dieser erscheint deutlich vor dem Aufgehen der Sonne. Als Sonne der Gerechtigkeit aber wird Christus im Blick auf das Volk Israel dargestellt, wenn Er wiederkommen wird, um den Segen des Königreichs einzuführen (vgl. Mal 3,20). Zwischen beiden Ereignissen liegt ein Intervall. Aus Daniel 9 und anderen Schriftstellen (Off 519) wissen wir, dass es die Drangsalszeit ist.
  32. 1. Mose 5 und 6–9: Während Henoch vor der Flut entrückt wurde, musste Noah die Flut erleben und durchleiden. So gab es damals zwei unterschiedliche Wege Gottes für Menschen, wie auch heute: Die Versammlung wird wie Henoch vor der Drangsals-„Flut“ entrückt werden, die gläubigen Übriggebliebenen aus Juda müssen durch diese Drangsals-„Flut“ hindurch, wie Noah. Beides waren (sind) Gläubige, aber sie unterscheiden sich voneinander in dem Handeln Gottes mit ihnen. Das ist natürlich kein Beweis, sondern „nur“ ein Hinweis, wie wunderbar die Lehre der „Vor-Entrückung“ zu den Vorbildern des Alten Testaments passt.
  33. An keiner Stelle lesen wir, dass die Entrückung der Erlösten oder das Versammeltwerden zu Ihm hin ungläubigen Menschen gepredigt wird. Die Apostel sprechen vor den Ungläubigen dagegen mehrfach über die Erscheinung Jesu Christi, die mit Gericht verbunden wird. Wir finden keinen Hinweis, dass sie der Welt die glückselige Hoffnung der Erlösten verkündigt hätten, nämlich dass wir zuvor zu Christus gerufen werden. Das können Ungläubige nicht verstehen. Aber dass Gericht auf sie wartet, kann sie zur Umkehr und Bekehrung führen.

Anhang 3: Die Versammlung – das geistliche Israel?

Es gibt noch ein weiteres Thema, das manche Christen mit der Versammlung verbinden. Gelegentlich hört man, man dürfe keinen Unterschied zwischen der Versammlung und Israel (und den Nationen) machen. Schließlich sei die Versammlung der „Israel Gottes“ (Gal 6,16), also eine Art geistliches Israel in neutestamentlicher Zeit. In der Versammlung würden alle Segnungen und Verheißungen Israels wahr, die im Alten Testament zu finden sind.

Wir wollen uns im Blick auf dieses Argument den Ausdruck „Israel Gottes“ in Galater 6 anschauen. „Und so viele nach dieser Richtschnur wandeln werden – Friede über sie und Barmherzigkeit, und über den Israel Gottes!“ Was ist damit gemeint? Im Galaterbrief hat der Apostel Paulus immer wieder deutlich gemacht, dass das Gesetz vom Sinai nicht Maßstab und Richtschnur des Christen ist. Paulus hat sogar einen Fluch über diejenigen ausgesprochen, die das Evangelium verfälschen und mit jüdischen Geboten vermischen. Christentum und Judentum sind somit unvereinbar. Daher ist es undenkbar, dass der „Israel Gottes“ eine Bezeichnung für die Versammlung Gottes ist.

Nein, der „Israel Gottes“ ist der Teil der Juden, der in der heutigen Zeit das Evangelium der Gnade Gottes angenommen hat. Weil sie diese gute Botschaft geglaubt haben, gehören sie zur Versammlung Gottes. Von ihr sind sie nun in gewisser Weise ein Teil, auch wenn dieser Teil sonst nie unterschieden wird. Sie werden hier angesichts des Themas „Gesetz“ einerseits von den ungläubigen Juden und andererseits von den Gläubigen aus den Nationen unterschieden. Die Gläubigen aus den Nationen haben weniger Probleme, nach den Prinzipien der neuen Schöpfung zu leben (V. 15.16). Sie standen im Gegensatz zu den Juden nie unter Gesetz. Daher standen sie damals auch nicht so sehr in Gefahr, dieses Gesetz zu ihrem Lebensmaßstab zu machen. Das unterscheidet sie von den Gläubigen, die aus dem Judentum stammten.

Der Israel Gottes ist somit ein Überrest der Gnade aus den Juden. Dieser existiert nach Römer 11,5 auch in der heutigen Zeit. Diese Christen haben sich vom Judentum getrennt und gehören somit zur Versammlung Gottes. Sie bilden keine „eigene Kirche“, sondern gehören zu dem einen, untrennbaren Leib, der Versammlung (1. Kor 12,12.13).

Diese Gläubigen aus den Juden sind der einzige Teil aus Israel, den Gott heute anerkennt.57 Deshalb nennt Paulus sie „Israel Gottes“. Sie bilden kein eigenes „Israel“, auch kein „neues Israel“, werden aber von Gott als Erlöste anerkannt, die aus Israel stammen.

Das aber heißt keineswegs, dass die Versammlung heute eine Art geistliches Israel wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Verschiedentlich werden wir im Neuen Testament gewarnt, zu jüdischen Vorschriften zurückzukehren. Neben dem Galaterbrief warnt uns Gott besonders durch den Kolosser- und den Hebräerbrief ausdrücklich davor. Es gibt kein geistliches Israel, sondern nur ein „buchstäbliches“. Wir haben bereits gesehen, dass dieses Israel nach der Entrückung wieder eine wichtige Rolle auf der Erde spielen wird. Das aber liegt noch in der Zukunft.

Auch hierdurch sollte klar werden, dass die Versammlung keineswegs in die Rolle Israels schlüpft. Israel wird einmal durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, nicht aber die Versammlung, die in Stellen wie Epheser 2,11–17 und 1. Korinther 10,32 ausdrücklich von Israel unterschieden wird. Das künftige Volk der Juden muss die große Drangsal erdulden, nicht aber erlöste Christen.

Anhang 4: Die Versammlung in der Drangsalszeit

Bislang haben wir uns in erster Linie mit den einzelnen Gläubigen beschäftigt. Im Folgenden soll der Fokus allerdings noch einmal speziell auf den Organismus gelenkt werden, den Gott in seinem Wort „Versammlung“ (Gemeinde, Kirche) nennt. Was ist mit ihr in der großen Drangsal?

Zunächst noch einmal zur Erinnerung: Die Versammlung besteht aus allen von neuem geborenen Christen, also aus allen Menschen, die Jesus Christus als ihren Retter angenommen haben.

Nun haben wir bereits deutlich gesehen, dass die einzelnen Christen nicht in die Drangsalszeit kommen werden. Manche haben dennoch Sorge, dass aber die Versammlung als Kollektiv (Gemeinschaft) dennoch in diese Trübsalszeit kommen könnte. Das aber ist nicht möglich: Wenn der einzelne Gläubige nicht in die große Drangsal kommen kann, ist es unmöglich, dass die Versammlung als Gesamtheit in diese Prüfungsphase hineinkommt.

Allerdings gibt es noch eine etwas andere Sicht auf dieses Thema. Das hat mit der Unterscheidung von Christen und Namenschristen zu tun. In Gottes Wort ist dann, wenn Gott von der Versammlung spricht, prinzipiell die „wahre“ Versammlung gemeint. Sie besteht nur aus bekehrten Menschen. Diese Versammlung wird an den einzelnen Orten dadurch sichtbar, dass die Gläubigen zum Beispiel zum Brotbrechen zusammenkommen. Inmitten der örtlichen Zusammenkommen kann es allerdings Ungläubige geben, denn letztlich kann kein Mensch in das Herz des Gegenübers sehen. Menschen können heucheln und vorgeben, Christen zu sein, obwohl sie sich nie bekehrt haben. Wenn man nun einen solchen Ungläubigen in die Gemeinschaft der örtlichen Versammlung aufnimmt, hat man bereits eine Mischung von Gläubigen und Ungläubigen.

In dem Buch der Offenbarung wird nun die wahre Versammlung Gottes mit einer reinen Frau verglichen (Off 19,7). So sieht Gott seine Versammlung. Daneben aber beschreibt der Geist Gottes in diesem Bibelbuch auch eine „Versammlung“, die zwar über das äußerliche Bekenntnis verfügt, Versammlung Gottes zu sein. In Wirklichkeit aber ist sie nur ein lebloses System, das der Herr sogar ausspucken wird (Off 3,16). Diese falsche Versammlung vergleicht der Herr mit einer Prostituierten (vgl. Off 17,1–18).

Nach Offenbarung 17,7 wird diese falsche Kirche in der Drangsalszeit sogar eine gewisse Zeit lang Autorität über die Politik(er) besitzen. Aber in dieser Zeit gibt es in diesem System keinen einzigen wahren Gläubigen mehr. Denn die echten Christen sind dann längst im Himmel. Nein, es wird ein totes, antichristliches, Gott feindliches System ohne Christus sein. Vermutlich wird es sich noch immer christliche Kirche nennen, letztlich aber nur noch diesen Namen tragen. Wahres Christentum gibt es dann auf dieser Erde nicht mehr. Noch einmal: Die Erlösten werden längst nach Offenbarung 4,1 entrückt sein.

Die (falsche) Versammlung wird also in einer äußeren Form in der Drangsalszeit noch existieren. Die antichristliche, christuslose Einheitskirche der Endzeit wird Gegenstand der Gerichte Gottes werden und nach Offenbarung 17,16 innerhalb der Drangsalszeit komplett zerstört werden. Von diesem System wird nach diesem Gericht nichts mehr übrig bleiben. Das aber ist nicht die „wirkliche“ Versammlung. Und sie wird in der Zeit nach der Entrückung nur noch aus Ungläubigen bestehen.

Anhang 5: Gibt es vielleicht eine teilweise Entrückung?

Manche haben gelehrt, dass es zwar eine Entrückung gebe, dass an dieser aber nur einige Christen teilnehmen würden. Das sind, so ihre Meinung, die treuen Gläubigen, die wirklich und mit Hingabe auf den Herrn Jesus warten. Aber alle anderen müssten, weil sie nicht ausreichend entschieden gelebt hätten, noch durch die Drangsal hindurchgehen.

Was ist zu diesem Standpunkt aus Sicht des Wortes Gottes zu sagen?

Keine Unterscheidung zwischen Treuen und Untreuen

Zu seinen Jüngern hat der Herr Jesus gesagt, und zwar zu allen Elfen (Judas war bereits weggegangen): „Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, damit wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3). Spricht der Herr hier von einer besonderen Klasse von Gläubigen, von Jüngern, im Unterschied zu anderen? Das ist nicht denkbar, denn Er sagt: „ihr“ und „euch“ und schließt alle ein! Er nennt dafür keine Zusatzbedingung.

Diese Jünger waren Gläubige, die sich bekehrt hatten. Sein Wiederkommen zur Entrückung galt ihnen allen. Der Herr differenziert also nicht zwischen „entschiedenen“ und „weniger entschiedenen“ Jüngern. Er macht auch keinen Unterschied zwischen den drei „ersten“ Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus sowie den übrigen, die mehr im Hintergrund tätig waren. Er schließt alle ein.

Keine Unterscheidung durch den Apostel Johannes

Auch in Offenbarung 3,10 wird die Verheißung, vor der Stunde der Versuchung zu bewahren, der gesamten Versammlung gegeben. Es wird nicht unterschieden zwischen schwachen und starken Gläubigen an diesem Ort. Es ist abwegig zu denken, dass es in Philadelphia ausschließlich treue und hingebungsvolle Christen gab. Der allgemeine Zustand war sehr gut. Aber Gläubige unterscheiden sich immer in ihrer Haltung und in ihrer geistlichen Reife voneinander. Die Verheißung der Vor-Entrückung vor der Drangsalszeit aber wird allen gegeben.

Wie sollte der Herr auch eine Unterscheidung machen? Wie viel Prozent Treue würde ausreichen, um im Unterschied zu anderen vorentrückt zu werden? 100% hat noch kein Christ erreicht, nicht einmal der Apostel Paulus. Damit wären letztlich alle von dieser Verheißung ausgeschlossen, denn Gott schließt nie Kompromisse. Nein, alle sind eingeschlossen, wenn der Herr die Entrückung ankündigt. Denn die Teilnahme an der Entrückung hängt nicht von unserer Treue, sondern allein von der Gnade Gottes ab. Immer dann, wenn etwas von menschliche Treue abhängt, gibt es auf Seiten des Menschen Versagen zu beklagen. Es wäre für uns hoffnungslos.

Keine Unterscheidung durch Paulus

Dasselbe gilt für die Belehrungen in 1. Thessalonicher 4,15–18. In diesen Versen unterweist der Apostel Paulus die junge Versammlung in Thessalonich eingehend über die Entrückung. Auch dort spricht der Geist Gottes ausdrücklich und mehrfach von „wir“. Paulus macht sich eins mit den Gläubigen in Thessalonich. Zweifellos gab es auch an diesem Ort Gläubige, die schwach im Glauben waren. Das zeigen die Warnungen und der Tadel in diesem Brief. Versagende Christen werden aber nicht aussortiert, sondern gehören mit allen anderen Erlösten zu denen, die entrückt werden.

Dasselbe trifft auf 1. Korinther 15,51–57 zu. Auch dort lesen wir mehrfach von „wir“, die verwandelt werden. In Korinth gab es sehr viele fleischliche Christen. Diese aber werden nicht aussortiert, sondern Paulus ist so kühn, auch sie in diesen Akt der Entrückung des Herrn einzubeziehen. Was sagt Er über diejenigen, die entrückt werden? „Die des Christus sind bei seiner Ankunft“ (1. Kor 15,23). Das sind alle, die zu Christus gehören, die sein Eigentum sind. Mit anderen Worten: alle, die sich bekehrt haben. Sie haben von Gott neues Leben bekommen. Er hat sie seinem Sohn geschenkt (vgl. Joh 17,6). Sie werden entrückt werden.

Das führt zu der Frage, was uns überhaupt befähigt, an dieser Entrückung vor der Drangsal teilzunehmen. Die Antwort ist: nicht unser Lebenswandel. Dieser ist bei keinem einzigen vollkommen. Dem absoluten Maßstab Gottes hat kein einziger Christ entsprochen. Nur Christus, unser Retter und Meister, hat Gott in jeder Hinsicht verherrlicht und zufriedengestellt. Bei jedem anderen gibt es Schwachheiten und Versagen, Sünden und Straucheln. Dann wäre niemand berechtigt, an dieser Entrückung teilhaben zu dürfen.

Daher noch einmal: Die Teilnahme an der Verwandlung und Entrückung ist allein das Ergebnis göttlicher Gnade. Es ist „die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben“, die wir erwarten (Jud 21). Wir haben keinerlei Anspruch, sondern Gott schenkt uns diese Entrückung aus seiner Liebe heraus.

Zwei Irrtümer dieser falschen Lehre

Offenbar stammt der Gedanke an eine teilweise Entrückung aus zwei fehlerhaften Ansichten: Zum einen versteht man den Umfang des Evangeliums falsch. Diese gute Botschaft hat uns nicht nur zur Bekehrung geführt, sondern bringt uns durch die Entrückung in den Himmel (Phil 3; 20; 21). Es handelt sich um eine vollständige Errettung nach Geist, Seele und Körper. Die Gnade, die uns neues Leben schenkt, ist die gleiche Gnade, durch die wir den Herrn Jesus Christus als Retter unseres Körpers erwarten.

Zweitens spricht aus dieser irreführenden Überzeugung letztlich Hochmut. Die Auffassung einer teilweisen Entrückung beinhaltet, dass sich manche Christen als geistlicher, entschiedener und treuer ansehen als andere. Im Unterschied zu den anderen nehmen sie für sich in Anspruch, Anteil am Wunder der Entrückung zu haben. Im Neuen Testament aber werden wir aufgefordert, ein Leben in Hingabe für Christus zu führen. Wir sollen Ihm von Herzen dienen. Wir werden ermahnt, dem Wort Gottes gehorsam zu sein. Das alles aber tun wir, ohne uns in dem Sinn mit anderen zu vergleichen, ob wir geistlicher oder hingebungsvoller sind. Der Apostel unterscheidet zwischen solchen, die fleischlich oder geistlich gesonnen waren (1. Kor; Gal). Aber er ermutigt nicht, uns selbst für geistlicher als andere zu halten. Wer anfängt, sich in dieser Hinsicht mit anderen Gläubigen zu vergleichen, wird entweder resignieren oder hochmütig werden. Beides will Gott nicht.

Was uns und unsere Treue betrifft, müssen wir uns alle schämen. Selbst der treueste Christ wird von sich sagen, dass er keinen Lohn verdient hat. „Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). Aber Gottes Gnade ist größer als unser Versagen. Er wird uns ans Ziel bringen und entrücken.

Die Jungfrauen in Matthäus 25

Zur Unterstützung der teilweisen Entrückungslehre wird oft Matthäus 25 angeführt. Aber wir lernen in diesem Gleichnis nicht, dass Gott eine Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Treuegraden bei Gläubigen macht.58 Das Bild, das der Herr in diesem Gleichnis verwendet, ist wie immer einfach und schlicht. Es geht um den Ablauf einer Hochzeitsfeier, wie er im Orient alltäglich war und zum Teil auch heute noch üblich ist. Den Abschluss der Verlobungszeit, die allerdings schon verbindlichen Charakter für die Eheleute trug, bildete das großartige Hochzeitsfest. Dieses fand, gerade in der Sommerzeit, in der Kühle der Dunkelheit statt. Wenn dann der Bräutigam kam, gingen ihm die Jungfrauen – es müssen damals wohl tatsächlich üblicherweise 10 Jungfrauen gewesen sein – mit brennenden Lampen entgegen. Sie sollten ihm den Weg zum Hochzeitssaal erleuchten, wo die Braut auf ihn wartete. Das war ihre Aufgabe und nur das gab ihnen das Vorrecht, mit dem Bräutigam einzutreten und mitzufeiern.

Es ist eine Besonderheit von Gleichnissen, dass nicht alle Einzelheiten erklärt und angewendet werden dürfen. Genau das ist auch für dieses Gleichnis charakteristisch. Es geht um einen wichtigen Grundsatz, den der Herr vorstellen möchte. Wenn man diesen erfasst hat, wird man die Belehrung des Gleichnisses gut verstehen und auch die wesentlichen Einzelheiten richtig einordnen können.

Es stellt sich also die Frage, welche Hauptlinie der Geist Gottes mit diesem Gleichnis verfolgt. Es handelt sich um das Bild des christlichen Bekenntnisses (10 Jungfrauen). Dieses Bekenntnis, dargestellt durch die Lampen, kann wahr oder falsch sein. In der Christenheit liegt leider diese Vermischung vor, wie wir schon in Matthäus 13 gesehen haben. Es gibt sowohl wahre als auch falsche Christen. Aber was ihr Bekenntnis betrifft, gehen sie gemeinsam aus, um Christus bei seinem Wiederkommen zu begegnen. Diese Bekenner werden als Jungfrauen dargestellt. Hier ist Christus nicht der Bräutigam der Versammlung. Und es geht auch nicht im engsten Sinn um die Entrückung. Zu dieser gehen wir dem Herrn Jesus nicht entgegen. Der Herr Jesus kommt aus dem Himmel, um die Versammlung in einem Nu zu sich zu rufen und zu holen (1. Kor 15,52; 1. Thes 4,16). Er ist es, der sie ruft, nicht sie, die von sich aus kommt.

Es geht in diesem Bild überhaupt nicht um die Braut.59 Sie wird nicht erwähnt und stellt daher weder die irdische Braut Jesu (Israel) noch die himmlische Braut (die Versammlung) dar. Die Jungfrauen werden auch nicht zur Braut. Das wäre eine falsche Interpretation dieses Gleichnisses. Es geht nämlich nicht um die Versammlung, sondern um die Christen im Königreich. Sie stehen als Bekenner unter der Verantwortung, auf den Herrn Jesus zu warten. Das zeigt, dass es nicht um die Vorrechte der Versammlung, sondern um die Verantwortung von christlichen Bekennern geht.

Die wichtige Belehrung dieses Gleichnisses ist somit, dass Gott zwischen wahren und falschen Christen unterscheidet, zwischen echten Gläubigen und reinen Bekennern. Dieses Gleichnis kann also nicht für diese falsche Überzeugung angeführt werden, der Herr würde nur einige Treue entrücken.

Das wird im Übrigen auch durch das Wort des Herrn an die übrigen, die törichten Jungfrauen unterstrichen: „Wahrlich, ich sage euch, ich kenne Euch nicht“ (Mt 25,12). Dieses Wort trifft auf keinen einzigen wahren Gläubigen zu, mag er noch so untreu in seinem Lebenswandel gewesen sein. Nein, zu den Ungläubigen wird der Herr diese erschreckenden Worte sagen. So wendet Er sich an niemand, für den Er sein Leben am Kreuz hingegeben hat.

Hebräer 9,28

Ein zweiter Bibelvers, der gerne zur Verteidigung der teilweisen Entrückung angeführt wird, ist Hebräer 9,28. „So wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung.“ Das Argument lautet: Er kommt zur Entrückung nur für diejenigen, die Ihn wirklich erwarten. Alle anderen müssen durch die große Drangsalszeit hindurchgehen.

Aber das ist durchaus nicht die Belehrung dieser Verse. Im Gegenteil. Wir finden in Hebräer 9 einen schönen Parallelismus. Der Herr Jesus ist einmal geopfert worden, um die Sünden von vielen Menschen zu tragen. Das sind nicht wenige, sondern viele. Es handelt sich nämlich um alle diejenigen, die an Ihn und sein Werk glauben. Für sie wird Er noch einmal kommen. Sie alle sind es nämlich, die Ihn erwarten.

Der Hinweis auf die Erwartung ist offenbar keine Ermahnung, sondern eine Kennzeichnung derer, für die Er gestorben ist. Sie erwarten Ihn, weil sie Ihn lieben. Und das gilt grundsätzlich für alle Erlösten. Wer sich bekehrt hat, erwartet seinen Retter, der ihn geliebt und sich selbst für ihn hingegeben hat. Auch wenn man im täglichen Glaubensleben oft versagen mag, hat man eine neue Natur, die sich auf diese himmlische Zukunft freut.

In Hebräer 9,27.28 unterscheidet der Schreiber gerade die Ungläubigen, die nach Vers 27 dem Gericht entgegensehen, von den Gläubigen, die den Herrn erwarten. Sie müssen nämlich kein Gericht mehr fürchten, weil sie Frieden mit Gott haben. Sie sind aus reiner Gnade gerettet worden. Sie werden aus reiner Gnade (und nicht nach Verdienst) am Ende gerettet werden. Mit anderen Worten: Wir haben hier dieselbe Unterscheidung wie im Gleichnis der 10 Jungfrauen in Matthäus 25: Es gibt wahre und falsche Bekenner. Diese werden voneinander unterschieden.

Fußnoten

  • 1 Der entsprechende, sehr ähnliche gehaltene Abschnitt im Markusevangelium ist allgemeiner und nicht so speziell jüdisch gehalten. Das unterstützt den Gedanken, diese Worte des Herrn auch auf Christen anzuwenden.
  • 2 Die Historisch-kritische Methode ist eine vor allem im 19. Jahrhundert entwickelte Methode zur Untersuchung besonders biblischer Texte. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise soll der Bibeltext in seinem damaligen historischen Kontext verstanden und ausgelegt werden. Zu dieser Methode gehört zu überlegen, welche Teile des Bibelbuchs „echt“ sind, welche dagegen später hinzugefügt werden. Man geht also davon aus, dass der Text nicht wörtlich inspiriert (von Gott eingegeben) worden ist. Viele Verse werden auf diese Weise auf eine rein historische oder lokale Bedeutung reduziert, so dass ihnen die Allgemeingültigkeit genommen wird. Diese Vorgehensweise ist angesichts des vielfachen Hinweises auf die Inspiration des biblischen Textes durch Gott als böse und letztlich als Rebellion gegen Gott abzulehnen (vgl. z.B. 2. Tim 3,16; Mt 5,18; 2. Pet 1,21). Mehrfach wird zudem ausdrücklich davor gewarnt, von dem Wort Gottes irgendetwas wegzunehmen oder ihm hinzuzufügen (vgl. Off 22,18.19; 5. Mo 13,1; usw.). Das heißt nicht, dass es keinen Nutzen dadurch gibt zu bedenken, in was für einer Zeit der jeweilige Schreiber geschrieben bzw. an wen er sich ursprünglich gewendet hat. Aber die Aufnahme in das ewige Wort Gottes bedeutet, dass sowohl die historische als auch die lokale Beschränkung überwunden wird.
  • 3 Es ist sehr auffallend, dass gerade die am meisten angezweifelten Ereignisse und Text im Alten Testament durch Hinweise im Neuen Testament bestätigt werden. Dazu gehört neben den Weissagungen Daniels der redende Esel Bileams und der Fisch, der Jona aufnahm (2. Pet 2,16; Mt 12,40).
  • 4 Wer sich mit diesen Einzelheiten einmal beschäftigen möchte, dem seien detaillierte Bibelauslegungen über das Buch Daniel empfohlen.
  • 5 Wir haben verschiedentlich gesehen, dass der Titel „Sohn des Menschen“ von der Erniedrigung, also den Leiden des Herrn Jesus spricht. Zugleich redet er aber auch von seiner Verherrlichung zur Rechten Gottes und von seiner Herrschaft auf dieser Erde im 1.000-jährigen Friedensreich. Hier steht der letzte Punkt im Vordergrund. In den beiden Kapiteln 24 und 25 kommt dieser Titel genau siebenmal vor und zeigt die vollkommene Herrlichkeit dieser Person, der dann seine ewige Herrschaft auf der Erde antreten wird – über Juden und die Nationen: Kapitel 24,27.30 (2x).37.39.44 und Kapitel 25,31.
  • 6 Auch in Matthäus 2,1.2.9 wird dieses Wort verwendet, wenn vom Morgenland die Rede ist.
  • 7 Dort steht in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, das in hebräischer Sprache verfasst worden ist, dasselbe Wort wie hier in Matthäus 24.
  • 8 Das setzt voraus, dass man im Schatz einen Hinweis auf das gläubige künftige Israel sieht, in den Fischen ein Bild der Nationen.
  • 9 Der Ausdruck Hölle kommt genau siebenmal in dem Matthäusevangelium (Mt 5,22.29.30; 10,28; 18,9; 23,15.33) und zwölfmal im Neuen Testament insgesamt vor. Dieser Ausdruck ist mit dem Gedanken der Wehklage verbunden und heißt eigentlich Gehenna. Das ist nichts anderes als die Hölle. Die hebräische Bezeichnung Ge-Hinnom, seltener auch Ge-Ben-Hinnom ((גֵי־הִנֹם beziehungsweise גֵי־בֶּן־הִנֹם)) ist ein Ortsname im biblischen Juda, der in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) teils übersetzt, teils in der gräzisierten Form Gehenna (γαιεννα) oder ähnlich (γαιβενενομ, γαι-βαναι-εννομ) wiedergegeben wurde. Der hebräische Begriff bedeutet wörtlich „Schlucht (Ge) von Hinnom“ oder „Schlucht des Sohnes (Ben) von Hinnom“. Spätestens seit der Zeit des Königs Hiskia (8. Jahrhundert v. Chr.) befand sich in dem Tal eine wichtige Nekropole (Totenstadt, also eine Begräbnisstätte), wie Ausgrabungen seit 1927 gezeigt haben. Heute trägt dieser Ort den Namen „er-Rababi“. Quelle: Wikipedia.
  • 10 Es ist sicher nicht von ungefähr, dass der Ausdruck „das Weinen und das Zähneknirschen“ genau siebenmal in der Bibel vorkommt. (8,12; 13,42.50; 22,13; 25,30; Lk 13,28). Matthäus spricht sechsmal von dieser Charakterisierung der Qualen der Hölle.
  • 11 Es gibt wenige Bibelübersetzungen wie die Vulgata, die in Vers 1 lesen: „die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam und der Braut entgegen“. Aber diese Lesart ist nicht nur äußerst spärlich bezeugt, sondern würde auch gar nicht in den Kontext dieses Gleichnisses passen. Die himmlische Braut, die Versammlung, ist noch nicht bekannt, denn sie wird erst in den Briefen vom Apostel Paulus eingeführt, und auch die irdische Braut, Israel, kommt in diesen drei Gleichnissen überhaupt nicht vor.
  • 12 Noch einmal sei betont: In unserem Gleichnis sind die Jungfrauen jedoch nicht gleichzeitig „Verlobte“ des Herrn wie in 2. Korinther 11.
  • 13 Es geht hier um die Einschätzung von Knechten. Natürlich sehen wir als Erlöste auf das Erlösungswerk des Herrn zurück und wissen, dass wir gerechtfertigt worden sind. Wir brauchen keine Angst mehr vor der Gerechtigkeit Gottes zu haben, weil sie zu unseren Gunsten den Herrn Jesus gerichtet hat. Aber als Diener geht es um unsere Verantwortung vor Gott. Und darin versagen wir oft. Ein Diener wird sich daher nie auf die Gerechtigkeit Gottes beziehen, sondern auf seine Güte und Barmherzigkeit.
  • 14 Die Zahl 5 spricht von der Abhängigkeit des schwachen Menschen von Gott. Aus dieser Abhängigkeit ergibt sich unsere Verantwortung dem Herrn gegenüber. Der Mensch hat fünf Finger an jeder Hand, fünf Zehen an jedem Fuß, fünf Sinne. Mit ihnen ist er verantwortlich, Gott zu dienen.
  • 15 In manchen Bibelübersetzungen wird hier auch mit „Trübsal“ übersetzt.
  • 16 „Prophecy on Olivet“ (1903): Die Prophetie auf dem Ölberg.
  • 17 In diesem Buch benutze ich den Ausdruck „Christen“ für Menschen, die sich in der Zeit nach dem Kreuz Christi und dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde wirklich zu Jesus Christus bekehrt und Ihn als persönlichen Retter angenommen haben. „Namenschristen“ dagegen sind Menschen, die sich zwar Christen nennen, jedoch keine innere Umkehr zu Gott erlebt haben.
  • 18 Wenn in diesem Buch der Ausdruck „Versammlung“ verwendet wird, geht dieser auf das im Neuen Testament verwendete Wort „ekklesia“ (griechisch) zurück. Es handelt sich bei der Versammlung jeweils um die Gesamtheit aller Christen an einem Ort, weltweit oder in ihrer Vollendung (alle von neuem geborenen Christen zwischen Pfingsten und der Entrückung). Gelegentlich werden auch die Zusammenkünfte der Gläubigen so bezeichnet. Heutzutage werden oft anstelle von Versammlung die Begriffe „Gemeinde“ oder „Kirche“ benutzt. Entscheidend ist, dass man die genannte Definition vor Augen hat. Da „Versammlung“ die wörtliche Wiedergabe des griechischen Wortes „ekklesia“ ist, benutze ich in diesem Buch diesen Ausdruck. Keinesfalls darf dieser Ausdruck als Bezeichnung einer Gruppe von Gläubigen in Unterscheidung oder getrennt von anderen Christen verstanden werden.
  • 19 Vielleicht fragen sich manche, wie denn Gläubige alttestamentlicher Zeit „in Christus“ sein können, obwohl sie den Herrn Jesus nie gekannt haben. Die Antwort lautet: Gott sieht sie „in Christus“. Das heißt, Er rechnet ihnen das Erlösungswerk Jesu am Kreuz zu, auch wenn der Herr Jesus noch nicht gestorben war, als diese Gläubigen lebten. Diese Zurechnung erklärt der Apostel Paulus in Römer 3,25.26.
  • 20 Das Paradies ist der Ort der Freude und des Segens, in dem sich die Seele der gestorbenen Gläubigen nach ihrem Tod bis zum Zeitpunkt der Auferstehung, der Entrückung, befinden. Mit der Auferstehung werden Geist, Seele und Leib wieder vereint werden. Das heißt, dass man nicht nur an das Vaterhaus denken darf, wenn man vom Himmel spricht. Der Himmel umfasst mehrere Bereiche. Es gibt den ungeschaffenen Himmel, das Haus des Vaters. Es gibt den geschaffenen Himmel, in dem der Thron Gottes steht, was man als seinen Regierungssitz bezeichnen kann. Dort befinden sich auch die Engel Gottes. Und es gibt das Paradies, wo momentan die entschlafenen Gläubigen sind.
  • 21 Eine ausführliche und empfehlenswerte Erklärung und Ausarbeitung zu der Entrückung findet sich in dem Buch Die Entrückung der Gläubigen von Christian Briem. Das Buch ist erschienen beim Herausgeber dieses Buches, Christliche Schriftenverbreitung Hückeswagen, www.csv-verlag.de.
  • 22 Meint Christus mit diesen Worten, dass Er nach seinem Tod und seiner Auferstehung zu den Jüngern wieder zurückkommen würde, um sie bei seiner Himmelfahrt mitzunehmen? Das kann Er nicht gemeint haben, denn Er ist nach Apostelgeschichte 1,9 und 2,33 ff. allein in den Himmel aufgefahren. Hat Er sich geirrt, wenn Er sagt, dass Er zu den Jüngern zurückkommt, während sie leben? Nein! Wir haben schon gesehen: Der Herr will dadurch, dass Er zu seinen Jüngern von seinem Kommen spricht, als ob es kurz bevorsteht und sie noch leben würden, bei ihnen bewirken, dass sie sein Kommen „bald“ erwarten.
  • 23 Man mag einwenden, dass aber schon im Alten Testament Tote auferweckt worden sind. Der Herr Jesus selbst hat drei Personen, die gestorben waren, aus den Toten auferweckt. Aber im Unterschied zu Ihm sind diese Personen nach der Auferweckung wieder gestorben. Sie wurden also durch die Auferweckung nicht Teil der neuen Schöpfung, sondern wurden wieder in die erste Schöpfung hineingestellt.
  • 24 Viele Leser werden sicher noch andere Stellen als Hinweise auf das Kommen des Herrn zur Entrückung deuten, zum Beispiel in 1. Korinther 11,26; 2. Korinther 5,2; Galater 5,5; Philipper 3,20.21; 4,5; Hebräer 9,28. Es dürfte nicht ganz einfach sein, eine wirklich vollständige Liste aller Bibelstellen zusammenzustellen, die von der Entrückung handeln.
  • 25 Nach Epheser 3,15 hat Gott unterschiedliche Familien. Das sind jeweils Gläubige, die in einer jeweils speziellen Beziehung zu Gott stehen. Israel war das Volk Gottes, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat durch das Gesetz. Die Gläubigen heute hat Gott in einzigartiger Weise mit sich verbunden, indem Er sie zu seinen Kindern gemacht hat, usw. Vielleicht fragt sich jemand, warum es so wichtig ist, zwischen Juden und Nationen einerseits und der Versammlung (Gemeinde) Gottes andererseits zu unterscheiden. Im Alten Testament gab es die Versammlung noch nicht. Dort stellt Gott das Volk Israel als Volk dar, das von den übrigen Nationen abgesondert ist. Die Menschen gehörten entweder zu den Juden oder zu den Nationen. Im Neuen Testament werden die Nationen teilweise auch als „Griechen“ bezeichnet. Das ist dort eine Art Oberbegriff für Nicht-Juden, gerade wenn sich der Apostel Paulus an Versammlungen aus Griechenland oder Mazedonien wendet. Die Versammlung ist erst nach dem Tod, der Auferstehung und Himmelfahrt Christi entstanden, als an Pfingsten der Heilige Geist auf die Erde kam (Apg 2). Sie besteht aus Menschen, die ursprünglich Juden oder Nationen waren (Röm 9,24; Eph 2,11–16; Kol 3,11). Jetzt aber sind sie zu dieser Versammlung „verschmolzen“ und damit keine Juden oder Griechen mehr: „Seid ohne Anstoß, sowohl Juden als Griechen als auch der Versammlung Gottes“ (1. Kor 10,32). Wenn also von „Nationen“ oder „Juden“ die Rede ist, bezieht sich der Geist Gottes nicht auf die Versammlung.
  • 26 Anhang 3 behandelt die Frage nach dem geistlichen Israel etwas ausführlicher.
  • 27 Anhang 4 beantwortet noch einmal die Frage, ob es denkbar ist, dass Christen nicht in die Drangsalszeit kommen, die Versammlung aber doch.
  • 28 Diese Übriggebliebenen, auch Überrest genannt, sind Juden, die Jesus als Messias erkennen und anerkennen. Zu diesem Glauben kommen sie, nachdem die Gläubigen der christlichen Zeit entrückt worden sind. Gott wird eine Erweckung inmitten des jüdischen Volkes bewirken und es wird manche geben, die sich dadurch bekehren. Durch ihren Glauben werden sie vom ungläubigen Israel verfolgt werden. Das wird besonders in der „großen Drangsal“ der Fall sein. Im Alten Testament ist vielfach von dem Überrest oder den Übriggebliebenen die Rede (vgl. Jes 1,9; 7,3; 10,20; Jer 9,3; 23,3; Joel 3,5 usw.).
  • 29 Die „große Drangsal“ wird besonders in Jeremia 30,7 und in Matthäus 24 behandelt. Auch die Nationen werden nach Offenbarung 7,14 durch die „große Drangsal“ gehen müssen. Für sie wird das Gericht einen allgemeineren Charakter tragen, wie die in dem Buch der Offenbarung geschilderten Gerichte zeigen. Aber offenbar wird auch ihr Gericht so schwerwiegend sein, dass der Geist Gottes für beide „Zielgruppen“ denselben Ausdruck benutzt.
  • 30 Es ist wichtig zu verstehen, dass die „große Drangsal“ bzw. die „Drangsal Jakobs“ nicht deckungsgleich ist mit der „Stunde der Versuchung“. Die Stunde der Versuchung ist ein allgemeinerer, mehr umfassender Begriff als die große Drangsal. Sie umfasst alle sieben Gerichtsjahre, die Gott über diese Erde bringen wird, während die große Drangsal, wie wir gesehen haben, nur Juda betrifft und genau dreieinhalb Jahre umfasst.
  • 31 An dieser Stelle wiederhole ich noch einmal die frühere Bemerkung, dass der Begriff „Stunde der Versuchung“ allgemeiner und umfassender ist als der Ausdruck „große Drangsal“, die nur Juda betrifft und nur dreieinhalb Jahre dauern wird.
  • 32 Die beiden Stellen in 5. Mose 4 und Jeremia 14 haben sicher, wie oft Aussagen in den Prophetenbüchern des Alten Testaments, zunächst einmal Bezug zu konkreten historischen Ereignissen, die aus heutiger Perspektive schon in der Vergangenheit liegen. Allerdings finden wir vielfach eine Art Vorerfüllung in alttestamentlicher Zeit, wobei es zu einer endgültigen Erfüllung erst in der Zukunft kommen wird. Das ist in diesem Fall in der Drangsalszeit.
  • 33 Eine detaillierte Kommentierung dieser zwei Kapitel würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Weil es aber wichtig ist, dass der Leser nachvollziehen kann, wie es zu dieser Gliederung in drei Abschnitte kommt, erläutere ich die Aufteilung im Anhang 1. Es gibt zudem eine Reihe von empfehlenswerten Bibelauslegungen über das Matthäusevangelium. Einige sind beim Herausgeber dieses Buches erhältlich. Andere finden sich auf www.bibelkommentare.de.
  • 34 In der Elberfelder Übersetzung (CSV Hückeswagen) wird der griechische Ausdruck „ethnos“ (Mehrzahl: „ethne“) mit Nation(en) übersetzt. Andere Bibelübersetzungen verwenden den Begriff „Heidenvölker“. Manchmal benutzen die neutestamentlichen Schreiber für diese Nationen auch die Bezeichnung „Griechen“.
  • 35 Auch in Johannes 16,33, ein Vers, den wir auf unsere heutige Zeit beziehen, wendet sich der Herr Jesus an seine Jünger. Aber dort spricht Er nicht von prophetischen Ereignissen, wie wir sie in Matthäus 24 finden. Er wendet sich an diejenigen, die nach seinem Tod „in der Welt“ sein würden, während Er selbst zum Vater aufgefahren wäre. Das ist die heutige Zeit.
  • 36 Möglicherweise stellen die Verse 8–11 eine Art Zusammenfassung der Ereignisse dar, die aus heutiger Sicht sowohl in der Vergangenheit als auch noch in der Zukunft liegen. Es handelt sich um die Geschehnisse, die zur Zerstörung des Tempels beitrugen; das ist die Vergangenheit. Und es sind die noch zukünftigen Begebenheiten, die in der kommenden Drangsalszeit stattfinden werden.
  • 37 Manche behaupten, Lukas 21 würde dasselbe bedeuten wie Matthäus 24 und Markus 13. Alle drei Stellen würden sich auf die Vergangenheit, die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 beziehen. Das aber ist nicht möglich. Denn die Eile, zu der die Juden nach Matthäus 24,16–20 angewiesen werden, um aus Jerusalem bzw. Judäa zu fliehen, steht nicht mit den historischen Ereignissen um die Zerstörung Jerusalems im Einklang. Dort gab es in der Zeit des großen jüdischen Krieges zwischen den Juden und Römern (ab dem Jahr 66) nämlich den Wechsel des Statthalters. Gaius Cestius Gallus gab den Staffelstab an Gaius Licinius Mucianus weiter. Dadurch gab es ausreichend Zeit zu fliehen. Dennoch war natürlich auch dieses Weggehen eine Flucht, in der niemand trödeln konnte (vgl. V. 21.23). Das alles zeigt deutlich: Matthäus spricht offensichtlich wie Markus von einer auch für uns noch zukünftigen Zeit. Nur Lukas bezieht sich auf eine Zeit, die für ihn zwar Zukunft war, für uns aber bereits Vergangenheit ist.
  • 38 Die (24) Ältesten werden in der Offenbarung zwölfmal genannt: Kapitel 4,4.10; 5,5.6.8.11.14; 7,11.13; 11,16; 14,3; 19,4.
  • 39 Weiter unten gehe ich auf diesen Punkt noch etwas ausführlicher ein.
  • 40 Wir haben bereits früher gesehen, dass Gläubige alttestamentlicher Zeit „in Christus“ sein können, obwohl sie den Herrn Jesus nie gekannt haben. Gott sieht sie „in Christus“. Das heißt, Er rechnet ihnen das Erlösungswerk Jesu am Kreuz zu, auch wenn der Herr Jesus noch nicht gestorben war, als diese Gläubigen lebten. Diese Zurechnung erklärt der Apostel Paulus in Römer 3,25.26. In diesem Sinn sind sie auch „des Christus“.
  • 41 Die vier lebendigen Wesen kann man als Symbole der Ausführung der Regierung Gottes verstehen. Es handelt sich um vier Wesen, wie es vier Himmelsrichtungen gibt. Das ist ein Hinweis auf die Vollständigkeit der Regierung Gottes. In Offenbarung 4,6 werden sie als „voller Augen vorn und hinten” beschrieben, was auf ein vollkommenes Urteilsvermögen, vollständige Einsicht hinweist. Der Charakter der Gerichte ist kraftvoll wie ein Löwe, ausdauernd wie ein Kalb, weise wie ein Mensch und plötzlich bzw. schnell wie ein Adler. Diese vier lebendigen Wesen kommen ab Offenbarung 4,6–8; 5,6.8.14 usw. vor.
  • 42 Der Geist Gottes bezeichnet die Gläubigen als 24 Älteste. Vermutlich greift Er eine Gruppe von Menschen im Alten Testament als Vorbild auf. In 1. Chronika 24 ist die Rede von 24 Abteilungen der Priester im Heiligtum (1. Chr 24,4). In 1. Chronika 25 ist dann von 24 Chor-Abteilungen die Rede, in 1. Chronika 27 von Abteilungen von je 24.000 Mann, die monatlich den königlichen Dienst verrichteten. Genau das ist der Charakter der verherrlichten Gläubigen im Himmel: Sie sind nach Offenbarung 1,5.6 zu einem Königtum und zu Priestern gemacht worden. Sie werden im Himmel gesehen, während auf der Erde nach Offenbarung 6–18 furchtbare Drangsale stattfinden. Sie dienen als Priester, singen Gott Loblieder und haben königlichen Charakter.
  • 43 Nach Offenbarung 7,15 sind diese Gläubigen aus den Nationen vor dem Thron Gottes und dienen Ihm. Damit ist nicht der Himmel gemeint, denn im Himmel gibt es weder „Tag und Nacht“ (V. 15) noch einen Tempel (vgl. Off 21,22 – die Versammlung Gottes gehört ja nach Offenbarung 21,2 zum Himmel). Diese Gläubigen befinden sich auf der Erde, wo sie im 1.000-jährigen Friedensreich nicht mehr hungern und dürsten müssen (V. 16), wie sie das in der Drangsalszeit erleben mussten (vgl. Jes 49,10, wo von Israel in gleicher Weise die Rede ist). Sie stehen in einer direkten Beziehung zu Gott. Das ist der Grund, warum hier vom Thron Gottes die Rede ist, und nicht, weil sie etwa im Himmel wären.
  • 44 Daniel 12,11.12 deutet an, dass der Herr im Anschluss an sein sichtbares Wiederkommen noch Gerichte ausführen wird, die 75 Tage währen und auch für die gläubigen Juden noch prüfenden Charakter tragen.
  • 45 Die Konstruktion „bewahren vor“ kommt im Neuen Testament noch ein weiteres Mal vor: in Johannes 17,15. Dort wird deutlich, dass „bewahren vor“ nicht bedeuten kann: „bewahren aus heraus“. Dort heißt es: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.“ Im Bösen gibt es keine Bewahrung und kann es auch keine geben. Aber man kann davor bewahrt werden, von dem Bösen angegriffen zu werden. Darum bittet unser Herr seinen Vater. Ähnlich wird man nach Apostelgeschichte 15,29 nicht dadurch vor den Götzenopfern usw. bewahrt, dass man zwar an ihnen teilnimmt, aber irgendwie bewahrt bleibt. Nein, die Bewahrung besteht darin, dass man sich davon fernhält, sie ganz und gar aufgibt.
  • 46 Anhang 2 zeigt eine Reihe von Argumenten, die für eine Entrückung vor der Drangsalszeit sprechen.
  • 47 Mit diesem „Tag des Herrn“ darf man im Übrigen nicht den „Tag Jesu Christi“ oder andere Tage verwechseln, die sich auf die Gläubigen beziehen (vgl. 1. Kor 1,8; 2. Kor 1,14; Phil 2,16; 2. Tim 1,12.18; Heb 10,25). Diese Tage haben nichts mit dem Gericht über Juden und Heiden oder mit dem Tag des Herrn zu tun.
  • 48 Woher können wir wissen, dass es sich bei diesen Kriegsheeren um die Versammlung handelt? In Offenbarung 19,6–8 wird die Hochzeit des Lammes im Himmel beschrieben. Er wird seine Braut heiraten, das ist nach Epheser 5,32 die Versammlung. Diese Versammlung kleidet sich in feine Leinwand (Off 19,8), das ist genau die Kleidung, die in Vers 14 mit den Kriegsheeren verbunden wird.
  • 49 In Anhang 5 beantworte ich noch die Frage, ob die Schrift Raum lässt für den Gedanken an eine teilweise Erlösung, das heißt, ob die treuen Christen vor der Drangsalszeit entrückt werden, untreue Christen dagegen durch die Trübsal hindurchgehen müssen.
  • 50 Grammatikalisch spricht man hier von einem Abtönungspartikel, der die Einstellung des Redenden zum Gesagten ausdrückt: „Das ist aber schön!“ – ein Gegensatz wird hier nicht hergestellt.
  • 51 Entnommen aus: Die Entrückung der Kirche (1. Thes 4,17), Dillenburg, 1906, S. 45–46, von Dr. Emil Dönges. Der Text wurde sprachlich leicht bearbeitet und an die geltende Rechtschreibung angepasst. Das Buch ist abrufbar unter: https://www.cw-archive.org.
  • 52 Das griechische Wort für „Zuruf“ hat eine besondere Bedeutung. Es setzt Zugehörigkeit und ein anerkanntes, bestehendes Verhältnis dessen, der gerufen wird, zu dem Zurufenden voraus. Man benutzte diesen Ausdruck zum Beispiel für den Zuruf auf einem Schiff, wenn der Steuermann seine Mannschaft rief. Der Zuruf gilt nur dieser Mannschaft und nicht den Fremden auf dem Schiff. Es ist ein Wort an solche, zu denen man eine Beziehung pflegt.
  • 53 Silhouette. Rechtshistorisch handelt es sich um den Bezirk, der vor den eigentlichen Stadtmauern lag. Auch er war der städtischen Gerichtsbarkeit unterworfen. 1.
  • 54 Markus 4,26–29 (die wachsende Saat); 2. Matthäus 22,2–14 (der König, der seinem Sohn Hochzeit machte); 3. Lukas 14,16–24 (das große Gastmahl); 4. Lukas 10,30–37 (der barmherzige Samariter); 5. Matthäus 24,45–51 (der treue und der böse Knecht); 6. Markus 13,34–37 (der Knecht, der wachen soll); 7. Matthäus 9,15 (der anwesende Bräutigam); 8. Matthäus 25,1–13 (die zehn Jungfrauen); 9. Matthäus 25,14–30 (die Talente); 10. Lukas 19,12–27 (die Pfunde).
  • 55 Ein Sitzungsgericht steht im Kontrast zu einem Kriegsgericht. Im Buch der Offenbarung lesen wir in Kapitel 19, dass der Herr Jesus als Kriegsherr auf diese Erde zurückkommen wird, um den römischen Kaiser und den Antichristen zu besiegen. Im Unterschied dazu wird in Matthäus 25 eine Gerichtssitzung beschrieben, in der Christus auf einem Thron sitzen und Gericht halten wird.
  • 56 Dieser Punkt wird in dem Abschnitt „Vor-Entrückung vor der Drangsalszeit?“ ausführlicher erklärt.
  • 57 Der Ausdruck „ein auserwähltes Geschlecht“ in 1. Petrus 2,9 weist in dieselbe Richtung.
  • 58 Für eine ausführliche Erklärung dieses Gleichnisses verweise ich auf die schon am Anfang genannten Kommentare zum Matthäusevangelium. Diese gibt es beim Herausgeber dieses Buches bzw. auf www.bibelkommentare.de. Besonders empfehlenswert sind die beiden Bände „Er lehrte sie vieles in Gleichnissen“ von Christian Briem.
  • 59 Es gibt wenige Bibelübersetzungen wie die Vulgata, die in Vers 1 lesen: „die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam und der Braut entgegen“. Aber diese Lesart ist nicht nur äußerst spärlich bezeugt, sondern würde auch gar nicht in den Kontext dieses Gleichnisses passen. Die himmlische Braut, die Versammlung, ist hier noch nicht bekannt. Sie wird erst in den Briefen vom Apostel Paulus eingeführt. Auch die irdische Braut, Israel, kommt in den drei christlichen Gleichnissen in Matthäus 24,45–25,30 überhaupt nicht vor.
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