Botschafter des Heils in Christo 1864

Betrachtungen über das erste Buch Mose - Teil 2/3

Dieses Kapitel leitet unsere Betrachtung auf zwei wichtige Gegenstände, nämlich auf den „siebenten Tag“ und auf den „Strom“. Ersteres verdient eine ganz besondere Beachtung.

Es gibt wohl wenige Punkte, über welche so viel Missverständnis und Widerspruch herrscht, als über die Lehre vom „Sabbat“. Nicht als ob dazu der geringste Grund vorhanden wäre; nein, vielmehr ist dieser Gegenstand in dem Wort in der möglichsten Einfachheit dargestellt. Das bestimmte Gebot, den „Sabbat heilig zu halten“, wird uns, so es der Herr erlaubt, in unserer Betrachtung des zweiten Buches Mose beschäftigen. In dem uns jetzt vorliegenden Kapitel ist jedoch dem Menschen kein Gebot gegeben, sondern nur die Mitteilung gemacht, dass „Gott ruhte am siebenten Tage“. – Wir lesen: „Also wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer; und also vollendete Gott am siebenten Tage sein Werk, das Er machte; und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die Er machte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, darum, dass Er an demselben geruht hatte von allen seinen Werken, die Gott schuf und machte“ (V 1–3). – Hier finden wir kein Gebot; es wird uns einfach mitgeteilt, dass Gott seine Ruhe genoss, weil alles, insofern es sich um die Schöpfung handelte, vollendet war. Es gab nichts mehr zu tun; und deshalb stellte der eine, welcher sechs Tage gearbeitet hatte. Sein Wirken ein und genoss seine Ruhe. Alles war vollendet; alles war sehr gut; alles war gerade so, wie Er selbst es gemacht hatte; und Er ruhte darin. „Die Morgensterne lobten mit einander, und alle Kinder jauchzten“ (Hiob 38,7). das Werk der Schöpfung war vollendet; und Gott feierte einen Sabbat.

Und in der Tat, dieses ist der wahre Charakter eines Sabbats. Es war der einzige Sabbat, der, soweit uns das Wort darüber belehrt, von Gott je gefeiert wurde. Später lesen wir, dass Gott dem Menschen die Heiligung des Sabbats gebot und der Mensch es gänzlich zu tun versäumte; aber nirgends lesen wir wieder die Worte: „Gott ruhte“; – sondern im Gegenteil heißt es: „Mein Vater wirkt bis jetzt und ich wirke“ (Joh 5,17). Der Sabbat konnte im strengen und eigentlichen Sinne des Wortes nur dann gefeiert werden, wenn es nichts mehr zu tun gab. Er konnte nur gefeiert werden inmitten einer makellosen Schöpfung – einer Schöpfung, auf welcher kein Flecken von Sünde zu entdecken war. Gott kann nicht ruhen, wo Sünde ist; und nur ein einziger Blick um uns her wird uns überzeugen, dass es Gott unmöglich ist, in der jetzigen Schöpfung eine Ruhe zu genießen. Der Dorn und die Distel, verbunden mit tausend anderen traurigen und erniedrigenden Früchten einer seufzenden Kreatur, erheben sich vor unseren Blicken und erklären, dass Gott jetzt wirken und nicht ruhen muss. Sollte Er ruhen können inmitten der Dornen und verkrüppelten Sträucher? Sollte Er ruhen können mitten unter den Seufzern und Tränen, unter den Mühen und Sorgen, unter der Krankheit und dem Tod, unter dem Verderben und der Schuld einer ruinierten Welt? Sollte Er wie einst sich niederlassen und inmitten solcher Umstände einen Sabbat feiern können?

Wie man auch diese Fragen beantworten mag – die heilige Schrift lehrt uns, dass Gott bis jetzt, außer dem im 2. Kapitel des 1. Buches Mose aufgezeichneten, keinen Sabbat gefeiert hat. Der „siebente Tag“ und kein anderer war der Sabbat. Derselbe bezeugt die Vollendung des Schöpfungswerkes; aber das Schöpfungswerk ist verdorben und die Sabbatruhe unterbrochen; und darum hat Gott vom Sündenfall an gewirkt. „Mein Vater wirkt bis jetzt“, sagt der Herr, „und ich wirke“; – und ebenso wirkt der Heilige Geist.

Gewiss hatte Christus keinen Sabbat, als Er auf dieser Erde war. In der Tat, Er vollendete sein Werk; Er vollendete gesegnet und glorreich; aber wo brachte Er den Sabbat zu? Wo anders als im Grab? Ja, geliebter Leser, der Herr Jesus – Gott offenbart im Fleisch – der Herr des Sabbats – der Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde – brachte den siebenten Tag in dem finsteren, schweigenden Grab zu. Will uns dieses nichts sagen? Liegt für uns darin keine Unterweisung? Hätte der Sohn Gottes im Grab liegen können, wenn dieser Tag der Ruhe und dem Frieden gewidmet und wenn, in vollem Sinn des Wortes, jedes Wirken beendet war? Unmöglich. – Wir bedürfen in der Tat keines weiteren Beweises für die Unmöglichkeit einer Sabbatsfeier, als der uns durch das Grab Jesu geboten wird. Wir mögen uns neben dieses Grab stellen und mit Staunen sehen, dass dasselbe am siebenten Tage durch einen solchen eingenommen ist, aber ach! die Ursache ist unverkennbar. Der Mensch ist ein gefallenes, verderbtes, schuldbeladenes Geschöpf. Auf der höchsten Stufe seiner Missetat hat er den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt und nach vollbrachter Tat einen großen Stein gewälzt vor die Öffnung des Grabes, um Ihn, wenn möglich, zu verhindern, dasselbe zu verlassen. Und was tat der Mensch, während der Sohn Gottes im Grab ruhte? Er feierte den Sabbat. Welch ein Gedanke! Christus liegt im Grab um den gebrochenen Sabbat wiederherzustellen; und der Mensch versucht, den Sabbat zu halten, als wäre er nimmer völlig gebrochen worden. Gewiss, es war des Menschen Sabbat, und nicht Gottes. Es war ein Sabbat ohne Christus, und darum, weil getrennt von Christus und von Gott – eine leere, kraftlose, wertlose Form.

Manche sagen, dass der Tag verändert sei, während die ihm zugehörigen Grundsätze dieselben geblieben seien. Ich glaube nicht, dass die Schrift zu einer solchen Idee irgendwelchen Grund liefert. Oder wo ist das göttliche Zeugnis für diese Behauptung? Ist ein Schriftzeugnis vorhanden, so kann nichts leichter sein, als es vorzulegen. Doch es ist keins vorhanden; während im Gegenteil die Unterscheidung im Neuen Testament auf das Bestimmteste beibehalten wird. Zum Beweis führe ich die bemerkenswerte Stelle an: „Am Ende des Sabbats, als es anfing zu dämmern gegen den ersten Tag der Woche“ (Mt 28,1). Hier geschieht offenbar keine Erwähnung von dem siebenten Tage, als sei er in den ersten Tag umgewandelt, noch irgendeine Erwähnung von einer Verlegung des Sabbats auf einen anderen Tag. Der erste Tag der Woche ist nicht in den Sabbat verwandelt, sondern bildet durchaus einen neuen Tag. Er ist der erste Tag einer neuen Periode, und nicht der letzte Tag einer alten. Der siebente Tag steht mit der Erde und der irdischen Ruhe in Verbindung, während im Gegenteil der erste Tag der Woche zum Himmel und zur himmlischen Ruhe führt.

Dieser Unterschied ist ein Grundsatz von großer Bedeutung und, wenn wir die Sache von praktischer Seite betrachten, von höchster Wichtigkeit. Feiere ich den siebenten Tag, so bezeichne ich mich dadurch als einen irdischen Menschen, da dieser Tag offenbar die Ruhe der Erde, oder die Schöpfungsruhe ausdrückt; bin ich aber durch das Wort und den Geist Gottes belehrt, die Bedeutung des ersten Tages der Woche zu verstehen, so werde ich sogleich dessen unmittelbare Verbindung mit jener neuen und himmlischen Ordnung der Dinge begreifen, wovon der Tod und die Auferstehung Christi die ewige Grundlage bilden. Der siebente Tag gehört Israel und der Erde der erste Tag der Woche gehört der Kirche und dem Himmel an. Israel hatte das Gebot, den siebenten Tag zu feiern; die Kirche besitzt das Vorrecht, sich des ersten Tages der Woche zu erfreuen. Der Erstere war der Prüfstein des moralischen Zustandes Israels; der Letztere ist der Beweis der ewigen Annahme der Kirche. Jener Tag macht offenbar, was Israel für Gott tun konnte, und dieser stellt vollkommen ins Licht, was Gott für uns getan hat.

Es ist unmöglich, den Wert und die Wichtigkeit des „Tages des Herrn“, wie der erste Tag der Woche im 1. Kapitel der Offenbarung genannt ist, zu überschätzen. Dieser Tag, an welchem Christus aus den Toten auferstand, stellt uns nicht die Vollendung der Schöpfung, sondern den vollkommenen und herrlichen Triumph der Erlösung vor Augen. Nimmer sollen wir die Feier des ersten Tages der Woche als eine Sache der Verpflichtung, als ein auf den Nacken eines Christen gelegtes Joch betrachten; nein, es ist die Freude des Christen, diesen Tag zu feiern. Daher finden wir, dass der erste Tag der Woche vorzugsweise der Tag war, an welchem die ersten Christen zusammenkamen und das Brot brachen; und in jener Periode der kirchlichen Geschichte wurde die Unterscheidung zwischen dem Sabbat und dem ersten Tage der Woche völlig beibehalten. Die Juden feierten den Ersteren durch ihre Zusammenkunft in ihren Synagogen, um das „Gesetz und die Propheten“ zu lesen; die Christen feierten den Letzteren durch ihr zusammenkommen in den Häusern, um das Brot zu brechen. Und dagegen findet man nicht eine einzige Stelle der Schrift, in welcher der erste Tag der Woche als der Sabbat bezeichnet wird, während doch die deutlichsten Beweise für die Verschiedenheit der beiden Tage vorhanden sind.

Warum nun streiten über etwas, wozu im Wort der Grund fehlt? Liebt, ehrt und feiert den Tag des Herrn so viel als möglich; sucht, gleich dem Apostel, „im Geist“ gegenwärtig zu sein; lasst euer Zurückziehen von weltlichen Geschäften so ernstlich sein, wie ihr es nur immer vermögt; aber nennt diesen Tag, während ihr dieses alles tut, bei seinem eigentlichen Namen, weist ihm seinen rechten Platz an, versteht seine ihm zugehörigen Grundsätze, und, vor allem zwingt nicht, wie mit einer eisernen Rute, den Christen, den siebenten Tag zu halten, da es sein hohes und heiliges Vorrecht ist, den ersten zu feiern. Ach! stoßt ihn nicht aus dem Himmel, wo er rühm kann, auf eine verfluchte, blutbefleckte Erde hernieder, wo es keine Ruhe für ihn gibt. Verlangt nicht von ihm, einen Tag, den sein Meister im Grab zubrachte, anstatt jenes gesegneten Tages zu feiern, an welchen dieser Meister das Grab verließ (vgl. sorgfältig: Mt 28,1–6; Mk 16,1–2; Lk 24,1; Joh 20,1 19.26; Apg 20,7; 1. Kor 16,2; Off 1,10; Apg 13,14; 17,2; Kol 2,16).

Verlieren wir indessen nicht jene wichtige Wahrheit aus dem Auge, dass der Sabbat in dem Land Israel und in der ganzen Schöpfung einmal gewiss wieder gefeiert werden wird. „Es bleibt also noch eine Sabbatruhe für das Volk Gottes“ (Heb 4,9). Wenn der Sohn Abrahams, der Sohn Davids, der Sohn des Menschen seine regierende Stellung über die ganze Erde einnehmen wird, dann ist ein herrlicher Sabbat angebrochen – eine Ruhe, welche nimmer durch die Sünde gestört werden kann. Doch jetzt ist Er verworfen; und alle, die Ihn kennen und lieben, sind berufen, mit Ihm ihren Platz in seiner Verwerfung zu nehmen; sie sind berufen, „auszugehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13). Könnte die Erde einen Sabbat feiern, dann würde keine Schmach mehr vorhanden sein; und die Tatsache, dass die bekennende Kirche den ersten Tag der Woche in den Sabbat umzuwandeln sucht, offenbart nur zu deutlich einen verborgenen Grundsatz; – es ist die Anstrengung, zurückzukehren zu einer irdischen Stellung, und zu irdischen Moral–Vorschriften.

Viele mögen dieses nicht erkennen. Viele wahre Christen mögen mit aller Gewissenhaftigkeit den „Sabbat“ als solchen beobachten; und wir halten es für unsere Pflicht, ihre Gewissen zu ehren, wünschen auch nicht im Geringsten, sie zu verwunden; aber wir sind doch völlig berechtigt, die Vorlegung einer biblischen Grundlage für ihre gewissenhaften Überzeugungen zu verlangen. Indes sind wir jetzt nicht mit dem Gewissen oder dessen Überzeugungen, sondern vielmehr mit dem Grundsatz beschäftigt, der in der so genannten Sabbatsfrage seinen Boden hat; und ich möchte an den christlichen Leser nur die Frage stellen, was mit dem ganzen Inhalt und dem Geist des Neuen Testaments übereinstimmender sei: die Feier des siebenten Tages, des Sabbats, oder die Feier des ersten Tages der Woche, des Tages des Herrn? {Dieser Gegenstand wird uns, so es der Herr erlaubt, im 20. Kapitel des 2. Buches Mose noch einmal beschäftigen. Ich wollte hier nur bemerken, dass das Ärgernis und das Missverständnis, welches mit dem wichtigen Gegenstand des Sabbats verbunden ist, viel zu dem gleichgültigen und unverständigen Betragen derer beigetragen hat, welche in ihrem Eifer für das, was sie, betreffs des Sabbats, als christliche Freiheit bezeichnen, weder die Ansprüche eines guten Gewissens, noch jene Stellung beachten, welche der Tag des Herrn im Neuen Testamente einnimmt. Etliche haben an diesem Tag ihre wöchentlichen Geschäfte einfach darum fortgesetzt, um ihre christliche Freiheit zu zeigen, und verursachen dadurch viel nutzloses Ärgernis. Ein solch Verhalten aber kann nimmer durch den Geist Gottes eingegeben sein. Wenn ich in meiner Seele noch so klar und so frei bin, so sollte ich doch das Gewissen meiner Brüder berücksichtigen. Dann aber auch glaube ich nicht, dass jene, welche sich also betragen, wirklich die wahren und köstlichen Vorrechte verstehen, welche an den Tag des Herrn geknüpft sind. Es sollte uns vielmehr mit Dank erfüllen, wenn wir los sind von aller weltlichen Beschäftigung und Zerstreuung, als dass wir dieselben gebrauchen, um unsere Freiheit zu zeigen. In mehreren Ländern verbietet das Gesetz des Staates die Arbeiten am Sonntag, und wir glauben, dass dies durch eine Wirkung der Vorsehung Gottes geschehen ist, und dass wir es als eine Gnade für die Christen zu betrachten haben; denn wir sind hinreichend überzeugt, dass, wenn es nicht so geordnet wäre, das habsüchtige Herz des Menschen den Christen, wenn möglich, das süße Vorrecht rauben würde, sich am Tag des Herrn zu versammeln. Und wer kann ausmessen, wie sehr ein solch ununterbrochener, weltlicher Verkehr die Herzen schwächen würde? Jene Christen, welche vom Montagmorgen bis zum Samstagabend die schwüle Atmosphäre des Marktplatzes oder der Fabrik einatmen, werden sich eine Vorstellung davon machen können.

Etliche sind der Meinung, dass des Herrn Tag in Offenbarung 1 gleichbedeutend sei mit dem „Tage des Herrn“ in 1. Thessalonicher 5,2 und 2. Petrus 3,10, während doch im Grundtext ganz verschiedene Ausdruck gebraucht werden. Das macht die Sache klar, wobei noch besonders hervorzuheben ist, dass der größte Teil der Offenbarung sich nicht mit dem Tag des Herrn, sondern mit Begebenheiten beschäftigt, die vor demselben stattfinden.}

Jetzt werden wir der Verbindung zwischen dem Sabbat und dem aus Eden fließenden Strom unsere Betrachtung widmen. Es liegt darin viel Anziehendes. Wir erhalten in diesem Kapitel die erste Kunde von dem „Strom Gottes“, welcher hier in Verbindung mit der Ruhe Gottes eingeführt ist. Als Gott von seinen Werken ruhte, da fühlte die ganze Schöpfung die Segnung und Erquickung dieser Ruhe. Es war für Gott eine Unmöglichkeit, einen Sabbat zu feiern, ohne dass die Erde dessen heiligen Einfluss gefühlt hätte. Aber ach! die Ströme, welche von Eden, dem Schauplatz der irdischen Ruhe ausflössen, wurden bald unterbrochen, weil die Ruhe der Schöpfung gestört ward durch die Sünde.

Doch – gepriesen sei Gott! – die Sünde setzte seine Wirksamkeit nicht in Stillstand, sondern wies ihr nur eine neue Bahn an; und wo man Ihn wirken sieht, da gewahrt man auch das Fließen des „Stromes“. Wenn wir Ihn mit starker Hand und ausgestrecktem Arm seine erlösten Scharen durch den unfruchtbaren Sand der Wüste sicheren sehen, so erblicken wir, wie der Strom sich nicht aus Eden, sondern aus dem geschlagenen Felsen ergießt, worin wir eine passende und schöne Darstellung des Grundes erblicken, von welchem aus die freie Gnade dem Bedürfnis des Sünders entspricht. Es war dieses die Erlösung und nicht die bloße Schöpfung. „Dieser Fels war Christus“ – Christus, geschlagen, um dem Bedürfnis seines Volkes zu begegnen. Der geschlagene Felsen stand in Verbindung mit dem Platz Jehovas in der Stiftshütte; und in dieser Verbindung lag wahrlich Schönheit. Gott, wohnend hinter Vorhängen, und Israel, trinkend aus dem geschienen Felsen, – welch eine Sprache für jedes offene Ohr und welch eine ernste Unterweisung für jedes beschnittene Herz! (2. Mo 17,6)

Wenn wir nun die Geschichte der Wege Gottes weiterverfolgen, so finden wir, dass der Strom in einem anderen Kanal dahinfließt. „Aber am letzten, dem großen Tage des Festes, stand Jesus und rief und sagte: Wenn jemand dürstet, der komme zu mir und trinke; wer an mich glaubt, gleich wie die Schrift gesagt hat, ans dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7,37–38). Hier sehen wir mm den Strom aus einer anderen Quelle hervorkommen und durch einen anderen Kanal sich ergießen; und obwohl in einem Sinn die Quelle des Stromes stets dieselbe, nämlich Gott selbst blieb, so ward doch Gott erkannt in einer neuen Beziehung und auf einem neuen Grund. So nahm in der soeben angeführten Stelle der Herr Jesus, außerhalb der existierenden Ordnung der Dinge, seinen Platz im Geist ein und stellte sich als die Quelle des Stromes des lebendigen Wassers, und die Person des Gläubigen als den Kanal dieses Stromes dar. Eden war von alters her, als Schuldner der ganzen Erde, bestimmt, die befruchtenden Ströme von sich ausgehen zu lassen. In der Wüste ward der Felsen, nachdem er geschlagen, ein Schuldner der dürstenden Scharen Israels; und jetzt ist ein jeder, welcher an Jesus glaubt, ein Schuldner, um auf dem ihn umgebenden Schauplatz die Ströme der Erquickung von sich ausstießen zu lassen.

Stets sollte sich daher der Christ als den Kanal betrachten, durch welchen sich die mannigfaltige Gnade Christi zum Besten einer hilfsbedürftigen Welt ergießen will. Je reichlicher er austeilt, desto reichlicher wird er empfangen. „Einer teilt aus und hat immer mehr; ein anderer karget, da er nicht soll, und wird doch ärmer“ (Spr 11,24). dieses stellt den Gläubigen auf einen Platz des süßesten Vorrechts, zu gleicher Zeit aber auch auf den der ernstesten Verantwortlichkeit. Er ist berufen, das beständige Zeugnis und der Darsteller der Gnade dessen zu sein, an den er glaubt.

Je mehr er aber in das Vorrecht eindringt, desto mehr entspricht er der Verantwortlichkeit. Wenn er gewohnt ist, sich von Christus zu ernähren, so kann er sich nicht weigern, Ihn darzustellen. Je mehr der Heilige Geist das Auge des Christen auf Jesus gerichtet hält, desto mehr wird sein Herz mit der anbetungswürdigen Person des Herrn beschäftigt sein, und desto mehr wird sein Leben und sein Charakter das Gepräge eines unzweideutigen Zeugnisses seiner Gnade an sich tragen. Der Glaube ist die Kraft des Dienstes, und Zugleich die Kraft des Zeugnisses und die Kraft der Anbetung. Wenn wir nicht leben „durch den Glaubendes Sohnes Gottes, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat“, so werden wir weder kräftige Diener, noch treue Zeugen, noch wahre Anbeter sein. Wir mögen dann viel wirken, aber es ist kein Dienst für Christus; wir mögen viel reden, aber es ist kein Zeugnis für Christus; wir mögen viel Gottseligkeit und Demut zur Schau tragen, aber nimmer wird es eine Anbetung im Geist und in der Wahrheit genannt werden können.

Endlich sehen wir den Strom Gottes in dem letzten Kapitel der Offenbarung vor unsere Augen gestellt: „Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, glänzend wie Kristall, welcher aus dem Thron Gottes und des Lammes ging“ (Off 22,1). „Ein Strom, – seine Bäche erfreuen die Stadt Gottes, das Heiligtum der Wohnungen des Höchsten“ (Ps 46,5). – dieses ist die letzte Stelle, in welcher wir den Strom finden. Seine Quelle kann nimmer wieder getrübt, und sein Kanal nimmer wieder zerstört werden. Der „Thron Gottes“ drückt ewige Dauerhaftigkeit aus, und die Gegenwart des Lammes bezeichnet ihn als gegründet auf den unmittelbaren Grund der vollbrachten Erlösung. Es ist nicht der Thron Gottes in der Schöpfung, in der Vorsehung; es ist der Thron Gottes in der Erlösung. Wenn ich „das Lamm“ sehe, so erkenne ich dessen Verbindung mit mir, als einem Sünder. Der „Thron Gottes“ als solcher würde mich erschrecken; aber wenn Gott sich in der Person des Lammes offenbart, so ist das Herz angezogen und das Gewissen gestillt.

Das Blut des Lammes reinigt das Gewissen von jedem Makel und Flecken der Sünde und stellt es mit völliger Freimütigkeit in die Gegenwart einer Heiligkeit, welche nicht die Sünde dulden kann. Ans dem Kreuz sind alle Forderungen der göttlichen Herrlichkeit auf das Vollkommenste befriedigt worden, so dass ich, je mehr ich die Letztere verstehe, desto mehr das Erstere schätzen werde. Je höher unsere Würdigung der Heiligkeit ist, desto höher wird auch unsere Würdigung des Werkes des Kreuzes sein. „Die Gnade herrscht durch die Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Darum fordert der Psalmist die Heiligen auf, dem Gedächtnis der Heiligkeit Gottes Dank zu opfern. Es ist die köstliche Frucht der vollkommenen Erlösung. Bevor ein Christ dem Gedächtnis der Heiligkeit Gottes die Opfer des Dankes darbringen kann, muss er fähig sein, durch Glauben das Kreuz zu betrachten – nicht nur von Seiten des Menschen und des Todes, sondern auch von Seiten Gottes und der Auferstehung.

Nachdem wir nun den „Strom“ vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung verfolgt haben, wollen wir noch auf die Stellung Adams in Eden einen flüchtigen Blick richten. Wir haben ihn als ein Vorbild von Christus gesehen; jedoch haben wir ihn nicht nur vorbildlich, sondern auch persönlich, nicht nur als vollkommen abbildend den „zweiten Adam, den Herrn vom Himmel“, sondern auch als stehend in der Stellung persönlicher Verantwortlichkeit zu betrachten. Inmitten der Schöpfungsscene richtete Gott der Herr ein Zeugnis auf; und dieses Zeugnis war Zugleich ein Probierstein für das Geschöpf. Er redete vom Tod inmitten des Lebens. – „An dem Tag, wo du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ – Es war eine ernste, aber notwendige Stimme. Das Leben Adams war abhängig gemacht von seinem pünktlichen Gehorsam. Das Band, welches ihn an Gott den Herrn knüpfte, 1 war der Gehorsam, gegründet auf das Vertrauen zu dem einen, der ihn zu seiner hohen Würde erhoben hatte, – auf das Vertrauen zu seiner Wahrheit – auf das Vertrauen zu seiner Liebe. Wir werden die Wahrheit und die Kraft davon deutlicher im nächsten Kapitel sehen.

Hier möchte ich meinen Lesern den bemerkenswerten Kontrast zeigen zwischen dem Zeugnis, welches in Eden, und demjenigen, welches jetzt aufgerichtet ist. Damals als sich überall das Leben zeigte, redete Gott vom Tod; und jetzt, wo im Gegenteil alles den Tod zur Schau trägt, spricht Gott vom Leben. Damals galt das Wort: „Welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben“; und jetzt heißt es: „Glaube und lebe!“ Und sowie in Eden der Feind das Zeugnis Gottes in Betreff der Folgen des Essens der Frucht ungültig zu machen suchte, so trachtet er jetzt, das Zeugnis Gottes in Betreff der Folgen des Glaubens an das Evangelium hinweg zu räumen. Denn hatte Gott einst gesagt: „Welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben“, so erhob die Schlange die Stimme und sagte: „Ihr werdet mit Nichten des Todes sterben;“ – und hat jetzt das Wort Gottes einfach erklärt, dass „Der, welcher an den Sohn glaubt, das ewige Leben hat“ (Joh 3,36), so sucht dieselbe Schlange die Menschen zu überreden, dass sie weder das ewige Leben haben, noch sich erkühnen dürfen, solches zu denken, bevor sie allerlei getan, gefühlt und erfahren haben.

Wenn du, mein gläubiger Leser, dem göttlichen Zeugnisse noch nicht von Herzen glaubst, so lass dich dringend bitten, die „Stimme des Herrn“ über das Gezisch der Schlange zu stellen. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod in das Leben hinübergegangen“ (Joh 5,24).

Fußnoten

  • 1 Der Leser wird im 2. Kapitel den Ausdruck „Gott“ in „Gott der Herr“ umgeändert finden. Diese Unterscheidung ist von Bedeutung. Wenn Gott dem Menschen gegenüber in Wirksamkeit tritt, so nimmt Er den Titel: „Gott der Herr“ (Jehova Elohim) an; aber bevor der Mensch auf dem Schauplatz erscheint, wird der Ausdruck „Herr“ nicht gebraucht. Ich will ans den vielen Stellen nur drei hervorheben. „Und waren Männlein von allerlei Fleisch, die hineingingen, wie denn Gott (Elohim) ihm geboten hatte: und der Herr (Jehova) schloss hinter ihm zu“ (1. Mo 7,16). Gott (Elohim) war im Begriff, die Welt, die Er gemacht, zu zerstören: aber Gott der Herr (Jehova) trug Sorge für den Menschen, mit dem Er in Beziehung stand. Dann lesen wir: „Dass alles Land innewerde, dass Israel einen Gott (Elohim) hat, und dass diese ganze Gemeinde wisse, dass der Herr (Jehova) errettet“ usw (1. Sam 17,46–47). Die ganze Erde sollte erkennen die Gegenwart Elohims, während Israel berufen war, die Handlungen Jehovas zu erfahren, mit welchem es in Verbindung stand. Endlich wird uns gesagt: „Joschafat schrie, und der Herr–(Jehova) half ihm, und Gott (Elohim) wandte sie von ihm“ (2. Chr 18,31). Jehova trug Sorge für seinen armen, schreienden Knecht; aber Elohim, obgleich nicht gekannt, wirkte auf die Herzen der unbeschnittenen Syrer.
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