Betrachtung über den Propheten Micha (Synopsis)

Kapitel 4-5

Betrachtung über den Propheten Micha (Synopsis)

Wiederum aber schließt der Prophet im Geist Jesajas seine Anklagen, die er wegen der Sünde erhebt, sowie seine Weissagungen von Gericht und Verwüstung damit, dass er die völlige Wiederherstellung der Segnung und Herrlichkeit Zions ankündigt. Da keine Veranlassung vorlag, sich anders auszudrücken, so wiederholt der Geist hier die bereits in Jesaja 2 gegebene Beschreibung von der Herrlichkeit Zions in den letzten Tagen. Die vorliegende Weissagung ist indessen lange nicht so ausführlich wie jene, und so schließt sich die erwähnte Beschreibung hier unmittelbar an die Schilderung der Ereignisse in den letzten Tagen an. Wenn Gott den mächtigen Nationen Recht gesprochen und zwischen den Völkern gerichtet haben wird, dann wird Israel in vollkommenem Frieden wohnen (V. 3. 4), und der HERR wird von ihnen hoch erhoben werden. „Jede Nation“, werden sie dann sagen, „wird sich ihres Gottes rühmen, doch unser Gott ist der HERR immer und ewiglich.“ Dann ist der HERR die Herrlichkeit seines Volkes. An jenem Tag wird sich der HERR des Überrestes seines Volkes annehmen; Er wird das Arme, Schwache, Hinkende von Jakob sammeln und das, was Er zerstreut und dem Er Übles getan hatte, wieder vereinigen. Das wird dann der Überrest sein, nach dem Ihn verlangt; was Er weit entfernt hatte, wird dann eine gewaltige Nation sein. Der HERR wird selbst für immer König über sie sein in Zion.

Obgleich die Weissagung, wie gesagt, weniger ausführlich ist als bei Jesaja, tritt doch die Reihenfolge alles dessen, was sich mit dem Volk ereignen sollte, gerade infolge der Kürze der Weissagung um so deutlicher hervor, so dass wir hier den Schlüssel zu den weitläufigeren Ausführungen Jesajas finden. Der Prophet kündigt an, dass „die frühere Herrschaft“, das Königtum Davids und Salomos, wieder an Jerusalem zurückgelangen werde; und mit dieser Erklärung schließt die unmittelbare Ankündigung des im 1000-jährigen Reiche zu erwarten den Segenszustandes.

Inzwischen musste jedoch die königliche Herrschaft, mit der die Herrlichkeit Jerusalems verbunden war, beseitigt werden (V. 9), und hieran knüpfte sich ein doppeltes Gericht über Jerusalem. Die Tochter Jerusalem musste bis nach Babel kommen und dort durch die Macht Gottes aus der Hand ihrer Feinde errettet und erlöst werden. Sie sollte also, weit weg von Zion, die Gefangene jener sein. Damit wird die Gefangenschaft angekündigt, in der sich Jerusalem inmitten der Reiche der Nationen befinden würde. Während sie in dieser Lage wäre, würde ihr Errettung zuteil werden. Indessen sollte diesen letzten Tagen ihrer Geschichte noch ein anderes Ereignis zum Kennzeichen dienen. Viele Nationen würden sich wider sie versammeln, in der Absicht, sie zu entweihen und in frecher Weise ihre Augen an ihr zu weiden. Aber die, die gegen sie heraufziehen werden, kennen nicht die Gedanken des HERRN. Er hat sie versammelt, wie man Garben auf die Tenne sammelt. Die Tochter Zion wird mit Füßen auf sie treten und sie zermalmen und wird ihren Raub dem HERRN weihen, der an jenem Tag seinen Namen, als Gott der ganzen Erde, groß machen wird (vgl. Jes 17, 12–14; Sach 14, 2; 12, 2. 3   sowie Ps 83).

Indessen musste noch eine mehr ins einzelne gehende Mitteilung gemacht werden, indem der hauptsächliche Feind der letzten Tage besonders erwähnt werden sollte, und zwar in Verbindung mit einer anderen verhängnisvollen Sünde Jerusalems und des Volkes. Der Messias und seine Verwerfung werden nämlich hier eingeführt. Die Tochter des Gedränges, d. h. das Heer der Assyrer, schart oder drängt sich zusammen, um Jerusalem zu belagern (vgl. Mich 5, 4). Indessen handelt es sich hier um etwas, das von dem Angriff Sanheribs ganz verschieden ist. Juda war jetzt viel tiefer in Sünde und Empörung hineingeraten. Der wahre Richter Israels würde mit dem Stab auf den Backen geschlagen werden. Der Christus würde verhöhnt und verwundet werden.

Kapitel 5, 1 beschreibt Ihn in treffender Weise. Auf diesen Vers stützten sich die Schriftgelehrten und Hohenpriester, als sie dem Herodes die Auskunft gaben, Christus würde zu Bethlehem geboren werden. Der Messias wird hier dargestellt als Der, der in Bethlehem geboren worden ist, zugleich aber auch als ewig und als der wahre Herrscher über Israel.

Der eben genannte Vers bildet eine Einschaltung. Er zeigt den Geburtsort an, aus dem Der, der für den HERRN über Israel herrschen würde, hervorgehen sollte, und offenbart gleichzeitig die ewige Herrlichkeit seiner Person.

Vers 2 steht mit dem letzten Vers des vorigen Kapitels in Verbindung, indem er uns zeigt, welche Folgen die dort erwähnte Sünde haben würde. Israel, ganz besonders aber Juda, wird dahingegeben, doch nur für eine bestimmte Zeit, deren Dauer in treffender und lehrreicher Weise mit den Worten bezeichnet wird: „Bis eine Gebärende geboren hat.“ Israel, das sich in mancherlei Übungen, gleichsam in Geburtswehen befindet, das lange Zeit vorgezogen hat, die Stellung der Hagar einzunehmen statt derjenigen der Sara: Israel muss durch all die Bedrängnisse, die Angst, die Gerichte, die Züchtigungen hindurchgehen, welche Gott ihm sendet, und die notwendig sind, um es dahin zu führen, dass es die Strafe, die es mit seinen bösen Wegen verdient hat, für gerecht anerkennt. Endlich aber wird es durch die Wirksamkeit seiner Gnade völlig davon überzeugt werden, dass es jener Gnade bedarf, und dass Gott barmherzig ist; und auf diesem Weg wird es in den geeigneten Zustand kommen, um das Gefäß der Offenbarung des Sohnes zu sein, der ihm geboren werden soll. Mit anderen Worten. Israel wird dann die Naomi sein, welche durch die Gnade zurückgeführt ist und die dafür geachtet wird, dass der König (was seine Offenbarung in dieser Welt anbelangt) ihr geboren worden sei. In Jesaja 9  sehen wir, wie dieser Gedanke in Verbindung mit Israel zum Ausdruck kommt, indem es dort heißt: „Ein Kind ist uns geboren“; und in Offenbarung 12  wird das geschichtliche Ereignis der Geburt Christi mit der Bedeutung verknüpft, welche dasselbe in den letzten Tagen für Israel haben wird.

Im vorliegenden Vers wird noch ein anderer sehr bedeutungsvoller Zug, welcher den Schlussabschnitt des gegenwärtigen Zeitalters kennzeichnet, erwähnt. Israel wird dem Gericht übergeben und um deswillen, weil es den Christus, den Herrn, verworfen hat, in gewissem Sinn von Gott verlassen. Nun aber hat die Gebärende geboren. Danach kehrt – dies ist der Zug, den ich meine – der Rest der Brüder dieses erstgeborenen Sohnes, statt zu der Versammlung hinzugetan zu werden (Apg 2), zu den Kindern Israel zurück. Der Christus schämt sich nicht, sie seine Brüder zu nennen, indes werden diese zu jener Zeit nicht mehr Glieder seines Leibes sein. Sie nehmen teil an den Beziehungen, in welchen Israel zu Ihm steht. Das ist die Stellung, in die sie vor Gott gebracht werden.

Hierauf wird Er, der verworfen worden war, zum Hirten Israels, und zwar ausgerüstet mit der Kraft des HERRN, in der Hoheit des Namens des HERRN, Seines Gottes. Israel wohnt in Sicherheit, denn sein König wird groß bis an die Enden der Erde. Durch Ihn wird der Assyrer niedergeworfen und sein Land von eben dem Israel abgeweidet werden, welches er niederzuwerfen getrachtet hatte.

An jenem Tag nimmt Israel eine Doppelstellung ein. Zunächst ist der Überrest Jakobs das Werkzeug, vermittels dessen Erquickung dargereicht wird, und zwar entsprechend der kostbaren Gnade, die von Gott herfließt und nicht auf die mannigfaltigen, mühseligen Anstrengungen des Menschen wartet. Sie werden sein wie Regenschauer auf das Kraut, die nicht auf Menschen warten und nicht auf Menschenkinder harren. Andererseits aber wird Israel sich auch unter den Nationen erheben wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, von welchem niemand errettet. Es wird das Werkzeug sein, vermittels dessen sich die Kraft Gottes wirksam erweist, und wird als Zeugnis für diese Kraft dienen. Sowohl der Segen als auch die Macht des HERRN werden mit ihm sein. Der Prophet kündigt an, dass alle Feinde Israels ausgerottet werden und umkommen würden. Gleichzeitig wird der HERR aus der Mitte Israels all seine verkehrten menschlichen Stützen ausrotten, seine Wagen, seine befestigten Städte: alles das, was dem Hochmut des Menschen dient und ihn veranlasst, auf sich selbst zu vertrauen. Er wird alle seine Götzenbilder ausrotten. Israel wird sich nicht länger vor den Werken seiner eigenen Hände niederwerfen; jede Spur von Götzendienst wird verschwinden. Zugleich wird an den Nationen unerhörte, grimmige Rache geübt werden.

Hier endet dieser Teil der Weissagung, während der erste mit Kapitel 2 schloss. In Kapitel 4, 9 – 13 werden in allgemeinen Zügen die beiden schlimmen Dinge angedeutet, mit denen es das unter dem Gericht befindliche Jerusalem zu tun haben würde, nämlich Babel und die Versammlung der Nationen in späteren Tagen, worauf die herrliche Befreiung Jerusalems erwähnt wird. Von Kapitel 4, 14 an sehen wir, wie der Messias sowohl mit dem Gericht als auch mit der Befreiung von dem zweiten jener beiden Dinge in Verbindung steht, und wie die Segnung zur Tatsache wird, die in Kapitel 4, 1 – 8 als Vorsatz des HERRN beschrieben worden war. Soweit es sich um die Offenbarung des letzteren handelt, schließt Kapitel 4, 8 den zweiten Teil; was von da an bis zum Ende von Kapitel 5 noch folgt, sind gewissermaßen zwei Nachträge, in welchen das zweifache Ungemach, welches Jerusalem trifft, zur Darstellung gelangt und auf die Verbindung hingewiesen wird, in welcher das Gericht, von dem das Volk betroffen wird, zu dem steht, welches über seinen Erretter erging, worauf dann schließlich die Errettung folgt.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht