Der Sühnungstag
Kommentar zu 3. Mose 16

Das Räucherwerk und der Stier

Der Sühnungstag

Die ersten Handlungen Aarons, die jetzt unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind das Darbringen von Räucherwerk und das Opfern des Stieres zum Sündopfer. Das war ausdrücklich für ihn selbst und für sein Haus bestimmt. Aber es ist hier wie anderswo bedeutsam, den Umfang und Charakter sowie die Grenzen der symbolischen Einrichtung im Gedächtnis zu halten. Es besteht eine Analogie, weil es sich sonst nicht um ein Bild handeln kann; aber es gibt Grenzen, weil es eben nur ein Bild ist und „nicht das Ebenbild selbst“. Das Sühnungswerk konnte entsprechend der vollen Absicht und dem Ratschluss Gottes nur einmal vollbracht werden, und nur durch den wahren Hohenpriester, nämlich Christus. Ein Schattenbild davon war alles das, was es vor alters geben konnte, denn Aaron war ebenso sündig wie das Volk. Aber der Herr Jesus, den Aaron versinnbildlichte, hatte für sich selbst kein Sündopfer nötig, und doch wurde Er selbst zur Sünde für uns gemacht. Es ist gut, den Unterschied und in einigen Fällen sogar den Gegensatz zu begreifen, nicht bloß in den Fällen, wo es wie hier klar ist, sondern auch da, wo es Punkte zu beachten gibt, die nicht so klar zu sein scheinen, wo aber nichtsdestoweniger der Grundsatz derselbe ist. Wir dürfen nicht nachlassen, das Bild stets in dem Licht Christi zu betrachten, anstatt Christus auf den Maßstab des Bildes zu reduzieren.

Seit dem ersten Jahrhundert (wenn nicht sogar im ersten Jahrhundert) sind große Fehler durch die Vernachlässigung der rechten Kenntnis Christi, so wie Er jetzt voll offenbart ist, gemacht worden. So war es, wie ich selbst erfahren habe, sogar unter Christen vor mindestens 50 Jahren, die mehr als andere in der Schrift erfahren waren. So ist es bis heute geblieben, und so mag es jederzeit sein. Verschiedene Teile des Wortes Gottes scheinen besonders geeignet zu sein für eine ähnliche Art von falscher Auslegung, und man könnte drei besonders herausstellen. Das erste sind die Bilder des levitischen Gottesdienstes. Als nächstes kommen die Psalmen, wo das Herz in seinen ganz verschiedenen Gefühlen über die Bedürfnisse und Versuchungen des Menschen oder die von Gott gegebenen Vorhersagen redet. Aber Christi Geist ist da, und deshalb ist es nötig, den ersten Menschen nicht mit dem zweiten zu verwechseln. Drittens ist da das prophetische Wort, das so leicht Anlass zu Vorurteilen und Irrtümern gibt, wo Christus nicht gebührend gesehen wird und wo sein Reich nicht so deutlich von der Versammlung unterschieden wird. Wer ist in diesen drei Teilen der göttlichen Wahrheit (und sie nehmen einen großen Raum im Alten Testament ein) für diese Dinge genügend bewandert? Wie haben wir die Abhängigkeit von Gott und die Wachsamkeit gegenüber unseren eigenen Gedanken nötig, damit wir göttliche Leitung erfahren können!

Es gibt hier, wie überall, nur eine Richtschnur. Menschliche Regeln können uns nicht bewahren. Ganz gewiss ist die Wahrheit auch nicht menschlicher Tradition unterworfen, sondern Christus, der durch den Geist vor unsere Seele gestellt wird. Er allein ist es, „der uns geworden ist Weisheit von Gott“ (1. Kor 1,30); und niemals kann es anders sein. So wie Er das Leben des Christen ist, so ist Er auch das wahre Licht, das jetzt leuchtet, der Eine, der immer erleuchtete und der es in vollem Maß tut. Deshalb sind wir nur sicher, wenn wir Ihm durch Gottes Wort folgen, besonders bei den Abschnitten, die ohne Ihn gewiss dunkel bleiben. Aber da es „keine Finsternis“ in Gott gibt, so gibt es auch keine Finsternis, die Christus nicht gnädig vertreibt, mit Ausnahme dessen, was der Unglaube sich selbst zuzuschreiben hat, wenn er sein Wort vernachlässigt oder ihm Gewalt antut. Wenn wir sein Wort hastig lesen, kann es sein, dass wir besondere Schwierigkeiten finden, wo es nicht um unsere eigene Stellung geht. Zum Beispiel kommen wir in Berührung mit dem, was den Status oder Bereich des Juden betrifft; aber wir sind Christen und sollten niemals unseren eigenen Platz vergessen. Außerdem gibt es Tiefen der Gnade und Herrlichkeit in Christus, wo es uns geziemt, unser Haupt zu neigen und anzubeten, anstatt über solche heiligen Dinge rasch hinwegzugehen. Aber es besteht keine Gefahr, wenn wir dicht hinter und bei Christus bleiben; es liegt jeder mögliche Segen im Hören seiner Stimme. Bemühen wir uns, dieser einzig richtigen, wahren und vollkommenen Regel für die Auslegung des Wortes Gottes zu entsprechen! An diesem Punkt wird es besonders nötig, weil wir uns bei diesem Thema in der besonderen Nähe der Gegenwart Gottes befinden.

Wir haben ein wenig das Los des HERRN hinsichtlich des Bockes betrachtet, der geschlachtet wurde und dessen Blut auch hineingetragen wurde. Wir sind jetzt aufgerufen, die Bedeutung und Anwendung des Opfers für Aaron und für sein Haus zu prüfen. Hier stellt uns der Stier einen besonderen Grundsatz vor. Die Schrift fügt niemals Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, wie die Menschen es manchmal tun. Der Stier hat zwar ein allgemeines Ziel mit dem ersten Bock gemeinsam, aber es gibt bei ihm auch deutliche Unterschiede. Auf den ersten Blick fällt uns auf, dass es nur einen Stier gab, obwohl zwei Böcke da waren. Da es die größte Art von Opfer war, so hat es auch hier im Zusammenhang eine höhere Bedeutung. Der Stier wurde nur für das priesterliche Haus geopfert. Es gab keinen zweiten Stier, auf den die Sünden bekannt und gelegt wurden und der dann hinausgetrieben wurde, wie bei dem zweiten Bock, der dem ersten mit einem gewissen Abstand folgte. Der Stier und der erste Bock wurden ungefähr gleichzeitig geschlachtet, der Stier zuerst (Vers 11), der Bock danach (Vers 15).

Aber ein beachtenswertes Bild tritt dazwischen, bevor das Blut von beiden innerhalb des Vorhangs getragen wird. Und Aaron „nehme eine Pfanne voll Feuerkohlen vom Altar, vor dem HERRN, und seine beiden Hände voll wohlriechenden, klein gestoßenen Räucherwerks, und bringe es innerhalb des Vorhangs. Und er lege das Räucherwerk auf das Feuer vor den HERRN, damit die Wolke des Räucherwerks den Deckel bedecke, der auf dem Zeugnis ist, und er nicht sterbe“ (Verse 12.13). Was bedeutet das? Der traditionelle Gedanke ist, dass das Räucherwerk die Gebete der Heiligen darstellt; doch das ist sicher hier nicht der Sinn, weder in der Anwendung auf das Bild vor uns, noch im Hinblick auf all das, was uns im dritten Buch Mose und überall da, wo Räucherwerk unter dem Gesetz dargebracht wird, vorgestellt wird. Unter den besonderen Umständen von Offenbarung 5 finden wir, dass die Gebete der Heiligen durch Räucherwerk symbolisiert werden (Vers 8); aber in dem gleichen Buch (Off 8,3) lesen wir, dass dem Engel „viel Räucherwerk“ gegeben wurde, damit er Kraft gebe den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar, der vor dem Thron war. Hier wird es unbestreitbar deutlich, dass Räucherwerk und Gebete nicht ein und dasselbe sind.

Aus diesen und einer Vielzahl weiteren Stellen geht hervor, dass Räucherwerk nicht so verstanden werden darf, als ob es einzig und allein die Gebete der Heiligen symbolisiere. Die königlichen Priester in Offenbarung 5 bringen die Gebete der Heiligen als Räucherwerk dar. Der Engel-Hohepriester in Offenbarung 8 fügt den Gebeten aller Heiligen viel Räucherwerk hinzu, was kein Geschöpf tun konnte, nur er allein. Wo wäre hier der Sinn, wenn dem Gebet der Heiligen das Gebet der Heiligen hinzugefügt würde? Wir müssen deshalb nach einer befriedigenderen Wahrheit in der Auslegung suchen; aber wir brauchen nicht weit zu suchen. Schon vorher im dritten Buch Mose und besonders auch im zweiten Buch Mose können wir Anhaltspunkte finden, die uns helfen.

So haben wir in 2. Mose 30 die detaillierte Zusammenstellung des heiligen Räucherwerks für den HERRN, an dem kein Mensch unter Androhung der Todesstrafe riechen durfte. Dieses Räucherwerk sollte zu Pulver zerstoßen und vor das Zeugnis in dem Zelt der Zusammenkunft gelegt werden. Es stellte die wohlriechende Annehmlichkeit Christi dar, der, je mehr Er versucht wurde, umso kostbarer für Gott war. Dies war es, was Gott besonders an Christus schätzte. Hier geht es überhaupt nicht um die Gebete der Heiligen. Es ist ein Bild für die persönliche Annehmlichkeit Christi, der bis zum Äußersten versucht wurde, aber in den kleinsten, wie auch in den größten Dingen für Gott, der allein den Wert derselben in vollem Maße beurteilen konnte, angenehm war.

In 3. Mose 2 haben wir es auch nicht mit den Gebeten der Heiligen zu tun, sondern mit einem lebenden Christus, der angenehm für Gott ist. Deshalb ist das Räucherwerk ein wichtiger Bestandteil des Speisopfers. Dieses setzte sich aus Feinmehl, damit vermengtem oder darauf gegossenem Öl oder beidem und Salz zusammen. Ebenso konnte auch ein Speisopfer von den ersten Früchten dargebracht werden. Das besondere Recht auf reinen Weihrauch ist immer Gott vorbehalten. Nachdem der Priester eine Handvoll von dem Opfer als Gedächtnisteil genommen hatte, um es als Feueropfer lieblichen Geruchs dem HERRN zu räuchern, wurde der verbleibende Rest Aaron und seinen Söhnen zugesprochen; aber aller Weihrauch wurde auf dem Altar geräuchert. Dies war der Ausdruck der persönlichen Annehmlichkeit Christi in ihrer unaussprechlichen Kostbarkeit für Gott. Hier geht es also nicht im Geringsten um unsere Gebete. Sprechen nicht all diese Opfer am Anfang des dritten Buches Mose ausschließlich von Christus? Wenn anmaßende Menschen die Bedeutung des Brandopfers, des Friedensopfers, des Sünd- und Schuldopfers in Frage stellen, sollte nicht daran gezweifelt werden, dass das Speisopfer mindestens ebenso viel von Christus, der sich selbst Gott geopfert hat, sehen lässt wie irgendein anderes Opfer. Sie spiegeln alle Christus und sein Werk wieder, jedes auf eine bestimmte Weise.

Ganz gewiss hat das Räucherwerk in 3. Mose 16 gar nichts mit den Gebeten der Heiligen zu tun. Ist es nicht die wohlriechende Annehmlichkeit der Gegenwart Christi, die Gott allein an Ihm schätzen konnte, und nur an Ihm? Alles davon stieg auf zu Gott. Anderswo in der Schrift ist es seine vermittelnde Annehmlichkeit, die die Gebete der Heiligen vor Gott angenehm macht. 2. Mose 30,34-38 gibt uns, wie wir gesehen haben, einen noch klareren Beweis des Bezuges auf Christus, wo unsere Gebete ganz fehl am Platz wären. Aber es fehlt uns die Zeit, um weiter bei diesem interessanten Bild zu bleiben, das die Lieblichkeit der persönlichen Annehmlichkeit Christi vor Gott bezeugt und das sich in keiner Weise auf die Gebete der Heiligen beziehen kann, wie auch immer seine Annehmlichkeit diese Gebete angenehm machen mag.

Bevor dann das Blut (nicht bloß das des Bockes, sondern auch das des Stieres) hineingetragen und auf den Deckel und davor gesprengt wurde, stieg das Räucherwerk zu Gott auf. Darin lag das Zeugnis von der vortrefflichen Annehmlichkeit Christi vor Gott, von seinem persönlichen lieblichen Geruch, als Er durch das Feuer bis zum Äußersten geprüft wurde. Es geht hier also nicht um die Seite des Werkes Christi, welche das Blutvergießen und die dadurch bewirkte Sühnung der Sünden beinhaltet, sondern um das Feuer des prüfenden Gerichts von Seiten Gottes, dem der Herr ausgesetzt war. Das Blut war noch nicht gesprengt worden; das Räucherwerk ging voraus. Aber wie stieg das Räucherwerk auf? Wurde es nicht von dem heiligen Feuer Gottes angezündet? Und dieses Feuer war eng mit dem Brandopfer verbunden. Das Feuer fiel auf dieses Opfer und entzündete von dort das Räucherwerk, das wie eine Wolke vor Gott aufstieg und das Allerheiligste erfüllte. Es war das Feuer seines verzehrenden Gerichts; denn dies ist immer das Symbol dafür, wie die Lieblichkeit seiner Annehmlichkeit nur noch mehr zum Vorschein kam, als der Herr in jeder Weise und in vollstem Maß geprüft wurde. Das Ziel des Sühnungswerks war es, eine Grundlage für die göttliche Gerechtigkeit zu legen. So konnte Gott mit seiner Fülle des Segens in Übereinstimmung mit dem handeln, was sich aus Christus und seinem Werk ergab, durch welches Er sogar im Gericht über die Sünde verherrlicht worden war. Doch bevor diese Grundlage gelegt war, war das Räucherwerk  das Zeugnis für die unaussprechlich liebliche Annehmlichkeit des Christus vor Gott. Das ist die Bedeutung des Räucherwerks, das der Hohepriester am allerheiligsten Ort darbrachte.

Danach „nehme (er) vom Blut des Stieres und sprenge mit seinem Finger auf die Vorderseite des Deckels nach Osten; und vor den Deckel soll er von dem Blut siebenmal sprengen mit seinem Finger. Und er schlachte den Bock des Sündopfers, der für das Volk ist, und bringe sein Blut innerhalb des Vorhangs und tue mit seinem Blut, so wie er mit dem Blut des Stieres getan hat“ (Verse 14.15). Es ist nicht so, als ob es zwei Opfer unseres gelobten Herrn Jesus gäbe oder zwei Opferhandlungen; aber es standen hier zumindest zwei verschiedene Aspekte seines Werkes vor Gottes Augen. Um das Sühnungswerk für das Volk vollständig zu machen, musste der zweite Bock für dieses Werk herangezogen werden, wenn er auch im Bild erst erscheint, wenn der Hohepriester aus dem Heiligtum heraustritt (Verse 20.32.33). Doch das größte Schattenbild, das jetzt vor uns steht, ist das Blut des Stieres, welches auf und vor den Deckel gesprengt wird, und zwar einmal auf und siebenmal vor den Deckel. Für Gott genügte im Hinblick auf den Zugang zu Ihm das eine Mal, der Mensch brauchte ein siebenfaches Zeugnis. Ach! Wie schwerfällig hat sich der Mensch erwiesen, die größte Ermutigung von Seiten Gottes zu erfassen! Denn Er war es, der auf diese Weise in dem Bild alles bereitstellte; Er achtet kein Mittel gering.

Aber warum der Stier und warum der Bock? Das Blut des Stieres wurde hineingetragen zu Gunsten der priesterlichen Familie, d. h. für Aaron und für sein Haus. Hier zeigt der Brief an die Hebräer einen Gegensatz auf. Während Aaron in das Sühnungswerk eingeschlossen werden musste, so konnte dies in Bezug auf Christus nicht der Fall sein. Es wäre Gotteslästerung zu behaupten, dass der Sohn Gottes irgendetwas Derartiges nötig hätte. Vielleicht glaubst du, dass solch eine Warnung ganz unnötig ist. Ach! Ich erinnere mich an einen ehemaligen kanadischen Pastor, der sich mit den kleinsten Einzelheiten dieser Bilder beschäftigte und dem es dann wirklich schwer fiel, die hier bewahrte Herrlichkeit des wahren Hohenpriesters zu sehen. Er verfiel dann in diesen schrecklichen Irrtum und wurde aus unserer Mitte weggetan, weil er unserem Herrn solch eine Unehre bereitet hatte. Diejenigen, die meinen, dass solch ein Gedanke kaum möglich sei, vergessen, dass wir einen aktiven, spitzfindigen und tödlichen Feind haben. Lasst uns lernen, uns selbst zu misstrauen und unser Vertrauen allein auf den lebendigen Gott und auf sein Wort zu setzen.

Trotzdem bleibt es bestehen, dass das Blut des Stieres für die priesterliche Familie ist, so wie das des Bockes für das Volk war. Gibt es im Neuen Testament einen Hinweis, der uns hierbei helfen kann? Sehr viele sogar. Nehmen wir eine Schriftstelle - eine sehr bekannte - aus dem Evangelium Johannes (Joh 11,49-52). Der Ausspruch kam aus einem bösen Mund; aber Gott gab ihn. Kajaphas sprach aus Bosheit, aber Gott weissagte durch ihn, wie in alten Zeiten durch Bileam. Es ist nicht so, dass sein Herz, das die Weissagung aussprach, in der Wahrheit stand. Aber wenn der skrupellose Hohepriester hier weissagte, dass es besser sei, wenn ein Mensch für das Volk sterbe, so ist es ganz klar der Geist Gottes, der hier kommentiert, dass Er nicht für jenes Volk allein starb, sondern dass Er auch die Kinder Gottes, die zerstreut waren, in eins versammeln würde. Dort haben wir den Tod unseres Herrn unter zwei verschiedenen Aspekten. Es ist unschwer zu erkennen, dass der Begriff „Kinder Gottes“ weiter geht als „das Volk“. In der Tat zeigt keiner so sehr wie Johannes durch das ganze Evangelium hindurch, dass das Volk verworfen war. Niemals war ein Volk ungläubiger und rebellischer. Dies wird schon im ersten Kapitel deutlich: „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Das vierte Evangelium zeigt uns also von Beginn an, dass die Juden, die den Herrn verwarfen, selbst von Gott verworfen wurden. Die anderen Evangelien kommen stufenweise zu derselben Feststellung, die sich aus dem jüdischen Unglauben ergibt. Johannes jedoch stellt diese direkt an den Anfang. Ausgehend davon berichtet er, wie der Herr den Tempel dieser bösen Menschen reinigte, noch bevor sein öffentlicher Dienst begann. Die synoptischen Evangelien hingegen setzen die Tempelreinigung eher an das Ende. Was konnte besser als diese Reinigung beweisen, dass die Juden trotz ihrer hohen Anmaßungen die Unreinen waren? Und ein solcher Hochmut wird immer dann noch größer, wenn das Gericht vor der Tür steht. Ein bevorrechtigtes Volk wird am hochmütigsten, wenn es jedes wahre Gefühl für die Gemeinschaft mit Gott verloren hat.

Somit wird die Wahrheit verdeutlicht, dass der Tod Christi nicht bloß für das jüdische Volk geschah, sondern auch, um die Kinder Gottes, die zerstreut waren, in eins zu versammeln. Ohne Zweifel schloss diese Absicht, seine Kinder in eins zu versammeln, noch eine andere Wahrheit von großer Bedeutung ein. Denn es konnte von Gottes Seite aus kein Versammeln dieser Art stattfinden, ohne dass ihre Sünden gemäß der Gerechtigkeit Gottes entfernt würden. Also ist die Sühnung notwendigerweise eingeschlossen, wenn dies auch in den Worten selbst nicht zum Ausdruck kommt. Das Sühnungswerk ist die nötige Voraussetzung  für eine solche Segnung wie das Versammeln der zerstreuten Kinder Gottes, da Er nicht über seine eigene Entehrung und ihre unbedeckte Schuld hinwegsehen konnte. Und darin liegt einer der hauptsächlichen sittlichen Gründe, warum die Versammlung niemals einen Platz auf der Erde hatte und niemals zu ihrem himmlischen Erbteil berufen werden konnte, bevor der Herr Jesus das dazu Notwendige tat. Das Sühnungswerk war noch keine vollendete Tatsache vor Gott, der in Übereinstimmung mit seiner Herrlichkeit ohne das Sühnungswerk nicht in eins versammeln konnte.

Lasst uns jetzt ein wenig genauer den Hebräerbrief untersuchen, der, wie bereits bemerkt, als göttlicher Kommentar zu diesen Bildern aus dem 3. Buch Mose betrachtet werden kann. Wir haben hier letzten Endes auch keine Vermutungen auszusprechen oder Beweisführungen zu geben; es ist genug, und es ist das Beste von allem, wenn wir glauben.

In Hebräer 2,13 wird im Hinblick auf die Heiligen, die jetzt berufen sind, auf Jesaja 8,18 hingewiesen. Sie sind die Kinder, die Gott Christus gegeben hat. Dann lesen wir in Hebräer 3,6: „... dessen Haus wir sind“. Christus ist kurz vorher „der Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses“ genannt worden. Am Anfang des Kapitels, nach seiner Einführung in sein Hohenpriesteramt, wird uns gesagt, dass er ein Haus hat, über das er mit göttlichem Recht bestimmt, nicht bloß als ein Diener: „... dessen Haus wir sind“. Es besteht kein Zweifel, auf wen das „wir“ in diesem Brief zu beziehen ist. Es umfasst nicht bloß Hebräer, sondern solche unter ihnen, die den Namen Christi tragen, die durch sein Blut geheiligt und vom irdischen Heiligtum gelöst worden sind - die Kinder, die Ihm gegeben wurden. Nimmt irgendjemand an, dass diese Beziehung allein für Judenchristen gilt? Soll das Vorrecht jenen abgesprochen werden, die jetzt im Allgemeinen glauben? Es ist für jeden Christen nicht weniger gültig, obwohl es in erster Linie an gläubige Hebräer geschrieben war, wie wir gerne zugeben. Aber es ist das gemeinsame und hohe Vorrecht jedes Christen.

Auch kann man die einseitige Unbesonnenheit nicht bewundern, welche die Abhandlung über die Bilder des Alten Testament (wenn man sie nicht Brief nennen will), den inspirierten Kommentar an diese Hebräer, wie ein Kinderbuch behandelt hat. Vielmehr ist jede solcher Herabwürdigungen eine kindische Äußerung. Die hebräischen Heiligen, denen das Alte Testament ausgelegt wurde, waren ohne Zweifel Kinder im Glauben, wenn sie auch der Zeit nach jetzt Lehrer hätten sein müssen. Aber wer erkennt nicht durch das ganze Buch hindurch die Stimme dessen, der vom Himmel redet? Es war das Ziel der Lehre (Heb 5; 6), diese Hebräer ausgehend von dem Wort von dem Anfang des Christus, was eine elementare Lehre war, zu dem vollen Wuchs, also zur Vollkommenheit, zu führen, die sich aus der Kenntnis dessen ergibt, der erhöht im Himmel ist, nachdem Er die Reinigung der Sünden vollbracht hatte. Nennst du das etwa ein Bilderbuch für den Kindergarten? Dann sprich eben von den Bildern des Alten Testament, wie du willst. Sie gehörten zu den Grundlagen der Welt, an die Israel gebunden war; und sie waren alle nur fragmentarische Bilder.

Aber der Brief an die Hebräer ist keineswegs ein Kinderbuch, sondern er ist eine tiefe und sehr lehrreiche Mitteilung des Heiligen Geistes, um die Juden, die sich zu Christus bekannten, in die gegenwärtige erhebende und himmlische Stellung in Verbindung mit dem verherrlichten Christus einzuführen. Auf der anderen Seite machte dieser Brief nicht weniger klar und deutlich, dass diejenigen, die Ihn verschmähen, und noch mehr die, die Ihn wieder verlassen, in Ewigkeit verloren gehen. Sie sind träge geworden im Hören. Das ist immer so bei Menschen, die stolz sind auf ihre alte Religion. Nichts hindert so sehr das Wachstum in der Wahrheit. Es gibt keinen Schleier über den Augen, der so undurchdringlich ist wie religiöse Gewohnheit oder Tradition. Nehmen wir an, dass sich zwei Personen bekehren: einer einfach aus der Welt heraus, der andere vielleicht aus einer angesehenen Stellung in der bekennenden Kirche. Wer von den beiden wächst normalerweise stetig in der Wahrheit? Nicht der Mann, der sich dem Studium der Theologie in den vergangenen letzten zehn oder zwanzig Jahren gewidmet hatte. Er ist im Allgemeinen ein ungeeigneter Schüler, wenn er sich ernsthaft mit der Schrift beschäftigt. Das ist die Folge der alten religiösen Vorurteile. Er muss ebenso viel verlernen, wie er lernen muss. Das macht das Wachstum schwierig und langsam.

Die hebräischen Gläubigen werden hier als solche gesehen, die sich nur schwer zu der Höhe des Christentums erheben konnten, weil sie nur in schwachem Maße in seine Tiefen einzudringen vermochten. Es fiel ihnen schwer zu lernen, weil sie so viel verlernen mussten. Sie sind nicht die einzigen Personen, die so umstrickt sind. Da die Christenheit älter geworden ist, wiederholt sich dieselbe Schwierigkeit, obwohl sie für die Christen heute weniger entschuldbar ist als für die gläubig gewordenen Juden. Die vollständig offenbarte Wahrheit gibt den Schatten des Alten Testamentes die tiefer gehende Bedeutung. Sie hatten den Stoff vor sich, aber sie brauchten die Lehre des Geistes Gottes, der Christus verherrlicht. Dennoch sind Worte des Alten Testamentes nicht nur für die Bekehrung, sondern auch für die Weiterhilfe und den Segen von Seelen rund 1500 Jahre lang verwendet worden, ohne darauf einzugehen, welche Wirkung diese Worte in der Zeit davor hatten. Aber dies waren die Leute, die sich als so schwerfällig im geistlichen Verständnis erwiesen. Deshalb ist es umso mehr die Pflicht aller, die in religiösen Gewohnheiten erzogen und an feste Formen und Ausdrucksweisen gewöhnt sind, sich vor dieser Gefahr zu hüten, vor der die Schrift uns ernstlich warnt.

Der Brief an die Hebräer, das reichhaltigste Beispiel für eine Schriftauslegung in der Bibel (denn der Hebräerbrief trägt tatsächlich vornehmlich diesen Charakter), sollte die gläubigen Hebräer zu der wahren Bedeutung der alten Bilder führen. Aber wenn man das Licht oder die Vorrechte, die dort offenbart werden, nur auf die Hebräer beschränken und sagen würde, dass sie und sie allein das Haus Christi seien, so würde dies von äußerster Unwissenheit zeugen und ein unerträgliches Übel darstellen. „Dessen Haus wir sind“ ist ein Grundsatz, der heute wie damals ebenso wahr angewandt werden kann und der auf Heidenchristen nicht weniger als auf Judenchristen zutrifft. Vermutlich hat aber niemand hier, was diesen Punkt angeht, Schwierigkeiten und stimmt zu, dass die Wahrheit jetzt in all ihren Formen auf die Gläubigen angewandt werden kann, und dass dem immer so sein wird, solange Christen den Sohn Gottes, aus dem Himmel kommend, erwarten. Der Stier war ohne Zweifel für das Haus Aarons, was ein Bild von uns ist, und nicht für das Volk. Und wir werden finden, dass dies, sowohl im Hinblick auf die Lehre als auch für die Praxis von großer Bedeutung ist. Man muss beachten, dass das Blut des Stieres ausschließlich mit denen zu tun hat, die das Heiligtum Gottes betreten. Das Blut des Bockes wurde ebenfalls dorthin gebracht, denn Gott musste in der Versöhnung von Israel oder irgendwelchen anderen Menschen verherrlicht werden. Aber der erste Bock kann nicht von dem zweiten getrennt werden. Sie vereinigen in sich das notwendige Sühnungswerk für das Volk, das auf das Hervortreten des großen Hohenpriesters wartet. Das ist nicht so bei denen, auf die sich der Stier bezieht. Sie warten nicht auf seine Erscheinung zu ihrer Annahme. Hierbei gibt es auch kein neues Bild und kein zukünftiges Handeln in Bezug auf die Erde, wie es ohne Frage bei dem zweiten Bock historisch gesehen der Fall ist. Der Stier hat einzig und allein mit der Gegenwart Gottes für die zu tun, die berechtigt sind, dort durch Gnade hinzuzutreten.

Andererseits, wenn wir die zwei Böcke betrachten, sehen wir, dass sich das Gegenstück zu ihnen beiden in unmissverständlicher Weise auf die Erde und das irdische Volk bezieht. Wie viel war hierbei sichtbar für die Augen des Volkes! Gott ordnete es so an, um ihnen das sichtbare Zeichen zu geben, dass ihre Sünden weggetan waren und dass Er ihrer nie mehr gedenken wollte. So etwas war für die priesterliche Familie nicht notwendig und auch nicht passend.

Aber verstehe, was gemeint ist. Es gibt eine Zeit, in der sich Seelen, die zwar wirklich bekehrt sind, doch nicht auf der Höhe der christlichen Stellung befinden. Fragst du: Wer befindet sich in einem so unnormalen Zustand und warum?, so lautet die Antwort, dass du und ich uns einmal dort befanden, wenn wir es nicht jetzt noch tun. Dies war eine Zeit, in der sich uns eine Frage - eine große Frage - stellte, nämlich ob wir aus Gott geboren waren, weil wir noch nicht wussten, dass unsere Sünden vergeben waren. Es macht uns traurig zu sehen, dass manch ein Gläubiger auf der Erde denkt, dass er auf die Vergebung seiner Sünden auf der Erde keinen Anspruch erheben darf und dass es eine sehr zweifelhafte Sache ist, ob er die Sündenvergebung sein Eigen nennen kann. Denkst du auch so? Dann lass dir sagen, dass du kaum über den Bereich eines frommen Juden oder Heiden vor der Erlösung hinausgekommen bist. Wenn das so ist, stehst du dann wirklich auf christlichem Boden? Man leugnet nicht, dass du ein Christ bist, aber wie viele Bekehrte finden sich auf jüdischem Boden, soweit es ihren seelischen Zustand oder ihre Erfahrung betrifft.

Wer allein auf Christus schaut, in der Hoffnung, dass er wohl am Ende in den Himmel kommen wird und nicht verloren geht, wenn er ins Gericht kommt, hat das christliche Alphabet nur unvollkommen im Glauben gelernt. Ist dies das Evangelium? Je früher er in Christus mehr von Gott zu verstehen lernt, umso besser. Selbst dieses Kapitel ist wunderbar geeignet, zu zeigen, wo und wie weit er zurückgeblieben ist, wenn es im Licht dieses Briefes gelesen wird. Das Opfer des Stieres, bei dem wie erwähnt im Vergleich zu den beiden Böcken etwas weggelassen wird, zeigt uns genau genug (wenn auch im Bild) den Platz, auf den sich der junge Gläubige stellen soll. Es ist wahrscheinlich, dass die Hebräer zu der Zeit nicht viel weiter waren als die Menschen, von denen wir eben gesprochen haben. Und der Apostel schrieb ihnen, damit sie Christen in der Tat und in der Wahrheit sein könnten. Deshalb kann man die große Betonung beobachten, die der Brief nicht nur darauf legt, dass Christus persönlich durch die Himmel gegangen ist, sondern auch dass Er sich an dem höchsten Ort in der ganzen Kraft seines Werkes für uns befindet, damit wir jetzt durch den Glauben in das Allerheiligste nahen dürfen. Natürlich geschieht dies nur im Geist; wir sind nicht persönlich dort; wir sind noch auf der Erde, und noch nicht im Himmel. Aber haben wir durch den Glauben nicht Zutritt zu der Gnade Gottes, weit über die Erde hinaus? Oder schauen wir bloß zum Himmel auf als der zukünftigen Heimat unserer Herzen? Das wahre Heiligtum steht uns jetzt im Geist offen, oder etwa nicht?

Allgemein wird von vielen, die bekanntermaßen recht schriftgemäß denken, vorgebracht, dass es nur einen Priester gibt, nämlich Christus droben, und dass deshalb die priesterliche Anmaßung einer gewissen Richtung in der Christenheit einfach der Abfall des Papsttums ist. Dem stimmen wir von ganzem Herzen zu. Wenn das Evangelium wahr ist, dann ist die Ansicht, dass irgendwer auf der Erde für die übrigen Christen Priester ist, ein offensichtlicher und verderblicher Irrtum. Es ist ein Wiederaufleben jüdischer Prinzipien, die im Bild ans Kreuz Christi genagelt wurden, die tot und in seinem Grab begraben sind. Aber wenn das alles sein soll, dann trittst du nicht in den vollen und positiven Stand des Christen ein. Sei nicht damit zufrieden zu sagen, dass es unter den Christen keine Priester für andere auf der Erde gibt, weil Christus der einzige große Priester in der Gegenwart Gottes ist. Es liegt vielmehr als dieses in dem, was jetzt offenbar ist. Was ist noch nötig, um das zu ergänzen, fragst du? Wessen Haus sind wir? Warum glauben, predigen und leben bibeltreue Menschen dies nicht aus? Warum sagen sie den Heiligen auf der Erde nicht, dass sie alle und gleicherweise Priester sind? Sie sollen das nicht erst im Himmel sein. Ohne Zweifel wird ihr Zustand dort vollendet werden, und sie werden Priester Gottes und Christi in der Auferstehung sein (Off 20,6); aber hat Gott uns nicht jetzt schon zu Priestern gemacht (Off 1,6)? Warum glauben wir dann nicht daran?

Wenn jemand Bedenken hat, an die Offenbarung zu glauben, muss er dann auch über den Brief an die Hebräer hinwegsehen? Sagt nicht auch Petrus, dass Christen ein königliches Priestertum und, was noch mehr und noch besser ist, ein heiliges Priestertum darstellen (1. Pet 2,5-9)? Das königliche Priestertum soll sich vor der Welt offenbaren; das heilige Priestertum soll in die Gegenwart Gottes führen. Das letztere ist das vertraulichere der beiden. Wenn das königliche Priestertum mehr vor den Menschen hervorleuchtet, sollte es dann nicht trotzdem einem gläubigen Herzen kostbarer sein, mit Preis und Dank Gott zu nahen? Johannes spricht von dem, der uns liebt und uns gewaschen (oder befreit) hat von unseren Sünden durch sein Blut und uns Gott zu Königen und Priestern gemacht hat. Legt man nicht das Wort Gottes falsch aus, wenn man folgert, dass, während Christus uns jetzt liebt und es durch sein sühnendes Blut bewiesen hat, Er nur im Begriff steht, uns zu Königen und Priestern zu machen?

Meine Brüder, seid nicht so schwach im Glauben und in Wirklichkeit so tollkühn, dass ihr die heilige Schrift verbessern wollt. Wäre es nicht besser, einfach an sie zu glauben? Lasst den Unglauben den unerleuchteten und schwerfälligen Gelehrten, die euch sagen, wie schwer es sei, die Schrift zu verstehen. Gewiss ist es schwer für die, welche von Unglauben oder Anmaßung gekennzeichnet sind und das vollkommene Wort Gottes verbessern möchten. Ohne Glauben wird man niemals die Schrift verstehen. Der wahre Weg, um sie zu verstehen, ist, einfach zu glauben. Sei damit zufrieden, die Schrift als von Gott zu empfangen, ohne sie zuerst zu verstehen. Geistliches Verständnis folgt dem Glauben. Habe Vertrauen zu Gott, dass sein Wort nur richtig sein kann. Christus ist der Schlüssel in der Hand des Heiligen Geistes, der vom Himmel herab gesandt wurde. Dann öffnet sich das Herz, und was erst schwierig erschien, wird ein ewiges Vorrecht, das man in steigendem Maß genießt.

Warum lehren dann bestimmte Christen, dass Christus allein Priester ist und dass es jetzt überhaupt keine richtigen Priester gibt? Die Schrift bekräftigt, dass die, derer Christus sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen, Priester sind, und dass sie jetzt berufen sind, dieses höchste Amt auszuüben und innerhalb des zerrissenen Vorhangs herzu zu treten. Das soll nicht heißen, dass jeder Christ ein Diener am Wort ist. Weit gefehlt. Aber man muss wiederholen, dass jeder Christ, ob Mann oder Frau, wirklich und wahrhaftig ein Priester Gottes ist. Die Bedeutung dieser Wahrheit ist nicht weniger groß als ihre sichere Berechtigung.

Man könnte nun wohl fragen: Kannst du für einen Augenblick in Zweifel ziehen, was die Schrift über diesen Punkt offenbart? Man muss sicher nicht nur die Worte berücksichtigen, die diese Wahrheit explizit ausdrücken, wenn sie auch von Paulus, Petrus und Johannes geschrieben sind, von drei unvergleichlichen Zeugen in der Schrift. Es mag hinzugefügt werden, dass, wenn das Evangelium besser verstanden würde, es keinen Zweifel über das geben würde, was jetzt geltend gemacht wird - dass Christen das priesterliche Haus Christi sind, die wahren Söhne des wahren Aarons. Sie allein entsprechen jenem Bild, über das die meisten unwissend hinweggehen, als wenn es nichts zu bedeuten hätte. Welches Vorrecht des Priesters übersteigt sein Vorrecht, in das Heiligtum eintreten zu können? Wir haben gesehen, dass selbst Aaron es in sehr geringem Maß besaß.

Wie ist das jetzt bei den Christen? Der Christ hat nicht nur die Freiheit zum Zutritt in das Heiligtum, sondern sogar zum Zutritt in das Allerheiligste. Durch Christi Blut gibt es jetzt Freimütigkeit zu jeder Zeit und für alle Heiligen. Dagegen trat Aaron nur einmal im Jahr zitternd mit stets neuem Räucherwerk und Blut in das ein, was bloß ein Bild des wahren Heiligtums war. So weit übersteigt das Evangelium das höchste Vorrecht des alten Priestertums, ja, des Hohenpriesters selbst. Doch es wäre falsch, für einen Augenblick anzunehmen, dass Christen Hohepriester sind. Gott bewahre! Als Mensch für sich das Recht zu fordern, Hoherpriester zu sein, würde ein ebenso großer Irrtum sein, wie wenn man Christus unseren älteren Bruder nennen würde, so wie es die Moravianer und ähnliche Gruppen tun. Es ist etwas anderes, ob Christus uns Brüder nennt, oder ob wir Ihn unseren Bruder nennen. Es ist Gnade von Seiten des Königs, sich zu dir oder zu mir herabzulassen. Aber es ist deshalb für uns ganz und gar unpassend, seine Majestät zu vergessen und über seine königliche Stellung hinwegzugehen. Es geziemt sich für uns Ehrerbietung, insbesondere wenn wir uns neben der unverdienten Gnade die unendliche persönliche Herrlichkeit des Heilandes vor Augen führen, was den Segen für Menschen, wie wir es sind, so unermesslich macht.

Es geht nicht um Worte, sondern durch göttliche Gnade um die bedeutsame Tatsache, dass, wenn ein Mensch das Evangelium Gottes durch Glauben annimmt, er berechtigt ist, von dem Augenblick an zu wissen, dass er auf Grund des Kreuzes Christi in die Gegenwart vor Gott gebracht ist. Kannst du mir irgendein Vorrecht nennen, das noch kostbarer ist, als so versöhnt und nahe gebracht zu sein? War es nicht offensichtlich, dass nur Priester in das Heiligtum eintreten konnten? Das Volk stand draußen und betete. Und der Priester ging hinein, um das Räucherwerk darzubringen. Solange der Tempel und das Gesetz bestanden, konnte das Volk nur draußen stehen. Ist das nach dem Evangelium die gegenwärtige Stellung eines Christen? Es gab ohne Zweifel eine Zeit, wo alle draußen standen; und es war eine reiche und notwendige Gnade, die Wahrheit des zweiten und des ersten Bockes zu erfahren. Aber wenn wir auf dem nahen und richtigen Boden christlicher Vorrechte stehen, was sehen wir dann? Wir befinden uns im offensichtlichen und wichtigen Gegensatz zu Israel, das den Segen noch nicht hat. Israel bleibt im Unglauben draußen, und nur draußen. Ist das der Platz, wo wir jetzt stehen? Ist es nicht wahr, dass die Gnade uns beruft, im Glauben Christus innerhalb des Vorhangs zu folgen? Es ist nicht nur so, dass wir dort eine Hoffnung haben, die wir als einen sicheren und festen Anker der Seelen haben, der bis in das Innere des Vorhangs hineingeht (Heb 6,19), sondern wir haben auch die volle Glaubensgewissheit und bekommen so die Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch sein Blut.

Da ist ein neuer und lebendiger Weg für uns eingeweiht worden - für alle, die an Ihn glauben. Alle, die mit Ihm verbunden sind, sind ebenso sehr berufen, seine Schmach vor der Welt zu tragen, wie auch dort zu nahen, wo Er in der Gegenwart Gottes verherrlicht ist. Das ist nicht und wird niemals das Teil des Juden sein. Christus wird kommen und über Israel hier auf der Erde herrschen. Wenn wir jetzt glauben, werden wir himmlisch. In dem Augenblick, wo ein Jude Christus als sein Teil empfängt, hört er auf, ein Jude zu sein. Er wird ein Christ. Und Christus im Himmel ist das gemeinsame Teil aller Christen, seien es Juden oder nicht. Sie empfangen so das Recht, durch das Blut Jesu in das Allerheiligste hineinzugehen. Deshalb brauchen die Gläubigen, um die Kraft christlicher Anbetung und christlichen Wandels zu besitzen, nicht die Verneinung, sondern die Anerkennung der Wahrheit, dass Christen jetzt Priester Gottes sind. Sie sind Gottes Haus, und Christus ist der wahre Aaron (ohne hier von der Anbetung des Vaters zu reden, wovon wir in Joh 4,23 lesen).

Dieser uns zugedachte priesterliche Platz bildet die unbestreitbare Lehre des Neuen Testamentes - und nicht bloß da, wo das Wort „Priester“ gebraucht wird oder das Heiligtum im Blickpunkt steht. Die Nähe des Zugangs zu Gott durch den Glauben an Christus auf Grund seines Blutes ist überall als Wahrheit des Evangeliums zu finden, beginnend bei dem fundamentalen Brief an die Römer bis hin zu dem ganzen Bereich des Neuen Testamentes. Gibt es irgendeinen Teil, (mit Ausnahme des Briefes des Jakobus, der, ohne die Erlösung aufzugreifen, mehr das neue Leben derer betrachtet, die aus Gott geboren sind), der nicht den Inhalt der Wahrheit darstellt, die jetzt vor uns liegt? - Dass wir nämlich angesichts des Stieres und des Räucherwerks herzutreten, um in der Sprache des dritten Buches Mose zu sprechen? Wir haben deshalb besondere Vorrechte, die bei Aaron und seiner priesterlichen Familie flüchtig angedeutet waren, und tatsächlich haben wir noch viel mehr.

Beachte diesen Unterschied: Wenn auch das Blut des Bockes in das Innere des Vorhangs hineinkam, so kam Israel doch niemals über den ehernen Altar hinaus. Wir haben auf der anderen Seite Zutritt in das Heiligtum bis zum Sühndeckel. Wir können sogar mit Freimütigkeit herzutreten zum Thron der Gnade. Wir haben das Recht, die Herrlichkeit Gottes dort im Angesicht Jesu Christi zu schauen. Man wird vielleicht merken, dass andere Schriftstellen hier mit diesem Bild, das vor uns steht, vermischt sind. Denn es ist kaum wünschenswert, eine Wahrheit zu streng von der anderen zu trennen. Diese werden nur gebraucht, um die Fülle des christlichen Segens zu zeigen. Wie kommt es, dass unsere Vorrechte nicht nur von den Söhnen Aarons versinnbildlicht werden, sondern auch von Aaron selbst? Und dass diese Vorrechte nur von Christus droben wirklich dargestellt werden können? Weil wir, wie wir aus anderen Teilen der Schrift wissen, eins mit Christus gemacht sind. Doch die Einheit ist nicht die Lehre des Briefes an die Hebräer, einfach deswegen nicht, weil es hier nicht Gottes Thema ist. Aber der, welcher an die Hebräer schrieb, ist kein anderer als der Apostel, der das Geheimnis in Bezug auf Christus und die Versammlung offenbarte, wie kein anderer Mensch es vorher oder nachher konnte.

Es war hier genug, den besonderen und himmlischen Platz des Christen auf Grund des Werkes und des Priestertums Christi darzulegen. Er ist mit Christus in vollkommener Nähe zu Gott verbunden. Denn wer könnte an Christus denken als einen, der von Gott trennt? Er ist der eine, der uns nahe gebracht hat. Auf Grund seiner eigenen Person, die umso angenehmer vor Gott war, weil sie in der Abhängigkeit und Heiligkeit als Mensch hier auf der Erde offenbart wurde, hatte Christus das Recht, seinen Platz in der Gegenwart Gottes einzunehmen. Aber Er wollte nicht allein dorthin gehen. „Er liebte seinen Herrn, er liebte seine Frau, er liebte seine Kinder“, Er war der wahre hebräische Knecht und wollte ewig dienen. Er legte sein Leben nieder, um es in der Auferstehung wieder zu nehmen. Er war das Weizenkorn, das in die Erde fiel und das sterbend viel Frucht brachte. Er gab sich selbst für uns, die Er liebte und bis ans Ende liebte.

Mit uns würde es völlig anders stehen, wenn Er nicht das Leben für uns niedergelegt hätte, damit wir sein Leben besitzen könnten. Wir haben zu dem ersten Menschen gehört, wie wir jetzt auf ewig zu dem zweiten, dem letzten Adam, gehören. Was bedeutet das? Gott lehrt seine Kinder und demnach auch uns, was wir hier als von Christus gegeben genießen dürfen. Wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen. Er drückt den Stempel seines eigenen Wesens, seiner eigenen Verbindungen, seiner eigenen Beziehungen dem Christen so weit wie möglich auf. Ist dies denn das Los oder der Erwerb von nur einigen? Seine Gnade gibt Er allen. Es gibt keinen Christen, der nicht in dieser besonderen Stellung steht. Es bleibt uns in keinem Fall überlassen, unseren eigenen Platz vor Gott zu wählen. Es ist Gott, der uns auserwählt und Christus für uns gegeben hat. Gott will nichts Geringeres als Maßstab und Charakter des Segens für uns nehmen als den Maßstab seines eigenen geliebten Sohnes, des Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8,29). Hier kann man wiederum einen anderen Ausdruck finden, welcher dem Bereich des Römerbriefes entspricht. Aber fast überall wird die gleiche segensvolle Verbindung mit Christus dargestellt.

Dies ist in kurzem die Wahrheit, die der Geist gewöhnlich mit Nachdruck vorstellt: „Christus alles und in allen“ (Kol 3,11). Haben wir den Wunsch, nicht bloß zu wissen, was Christus später sein wird, sondern auch, was Christus jetzt ist? So ist Er entsprechend der Absicht Gottes nicht nur „alles“, sondern „in allen“, d. h. in allen Christen. Er selbst ist die ganze Quelle und das Wesen christlicher Lebensführung. Er ist unser Leben. Es ist vergeblich, danach zu trachten, auf christlichen Wegen zu wandeln, wenn man nicht in der Gemeinschaft mit Christus steht und daran glaubt. Unsere Wege sind in Übereinstimmung mit dem Platz, den wir einnehmen. Unsere Pflichten strömen aus dem hervor, was wir demzufolge sind. Es geht nicht nur um gut oder schlecht, und um das, was wir tun sollten oder nicht tun sollten. Das war das Gesetz. Aber jetzt geht es darum, in Übereinstimmung mit Christus zu sein, der für uns alles und in allen ist. Das ist das, was wir als Christen haben. Und was ist dann der Maßstab für unseren Zustand? Christus, und zwar so, wie Er in der Gegenwart Gottes ist.

So sehen wir, wie alles immer mehr und immer deutlicher die Bedeutung dieses lehrreichen Bildes herausstellt - den Segen, der durch das Räucherwerk und den Stier dargestellt wird, für die, die dem Herrn gehören, während Er jetzt droben ist. Beachte, wie mächtig dies zu uns spricht. Sind wir nicht in Verbindung mit Christus gebracht worden, während Er in dem Heiligtum ist? Eigentlich gab es keinen Christen, bevor Christus das Heiligtum betrat. Es gab vorher Jünger. Ein Jünger konnte Christ sein oder auch nicht. Denn wir lesen nicht bloß in den Evangelien von Jüngern, sondern auch in der Weissagung Jesajas (Kap. 8). So gab es Jünger, die in der Versammlung Gottes aufgingen, wie wir es in der Apostelgeschichte sehen, ebenso wie es Jünger gab, lange bevor die Versammlung begann. Ein Jünger ist deshalb nicht notwendigerweise oder eigentlich ein Christ.

Selbst als die Versammlung begann, konnte es sein, dass ein Jünger noch nicht den vollen christlichen Charakter hatte, wenn er ihn auch natürlich haben sollte. Diejenigen, die noch zum Tempel hinaufgingen, um unter dem Gesetz zu opfern, hätten die jüdische Stellung zu Gunsten der christlichen verlassen sollen. Auf welcher Grundlage? Auf der des Todes Christi am Kreuz, der im Glauben erfasst wurde, und der Gabe des Heiligen Geistes, die auf sein Blutvergießen folgte. Christus droben drückt uns den Stempel des vollen und eigentlichen christlichen Wesens auf. Aber das ist in deutlicher Übereinstimmung mit unserer Beziehung zu Christus als Gottes Haus; und wir sehen in der Tat, dass der ganze Segen, der jetzt unser Teil ist, mit dem Platz zusammenhängt, den Er jetzt zur Rechten Gottes auf Grund seines Sühnungswerkes einnimmt. Wir konnten natürlich nur durch seinen Tod Anspruch darauf haben, dort zu sein. Deshalb müssen wir alle durch die schmale Pforte seines Kreuzes hineinkommen. Niemand wird sich so tief bücken können, wenn er nicht von neuem geboren wird. Es gibt kein anderes Mittel, um mit Gott versöhnt zu werden. Und zu seinem Haus gehören wir nur, wenn unsere Sünden weggetan sind. Aber der Bock der Stellvertretung, der den der Sühnung ergänzt (denn sie stellen das Sühnungswerk für das Volk dar), gibt nicht das volle Maß des Segens für den Christen an. Es ist die notwendige Grundlage für die Schuldigen, die draußen sind. Ohne dieses Fundament könnte es keine Vergebung der Sünden geben und selbstverständlich auch nicht die reichen Vorrechte des Christentums. Aber es gibt Vorrechte, die darüber hinausgehen und die durch den Stier und das Räucherwerk dargestellt werden.

Nehmen wir als Illustration das erste Zeichen christlichen Glaubens. Wir wissen alle, dass das die Taufe ist, wobei wir die Streitpunkte über die Art und Weise der Taufe beiseite lassen wollen. Was bedeutet die Taufe? Ist sie ein Zeichen des Lebens? Die Katholiken werden uns das sagen, und andere denken ebenso wie sie. Das ist nicht richtig. Die Taufe ist im Gegenteil ein Zeichen des Todes Christi. Deshalb setzte der Herr die richtige christliche Taufe nach und nicht vor seiner Auferstehung aus den Toten ein. Was wird dann wirklich in dieser ersten Einrichtung gelehrt? Dass man mit Christus begraben ist. Ist das Leben? Ist es nicht deutlich, dass man mit Christus an den Platz des Todes gestellt worden ist? Wie also könnte es richtig sein, dass man sagt, man sei mit Ihm durch die Taufe zum „Leben“ begraben? Wenn es ein Zeichen dafür wäre, dass einer Seele das Leben, das ihr bisher gefehlt hat, gegeben wird, dann könnte man sich das Bild von dem Mutterschoß der Mutterkirche vorstellen; aber wie wenig stimmt das überein mit dem Tod Christi und mit dem Begrabensein? Die allgemeine Lehre, welche die Taufe mit der Wiedergeburt verbindet, ist ein völliger Irrtum des Papsttums oder vielmehr schon die Täuschung der Kirchenväter vor dem Papsttum. Die Taufe ist also nicht das Zeichen (und noch weniger das Mittel) des Lebens, sondern des Todes und des Begrabenseins mit Christus. Die Heiligen des Alten Testamentes hatten Leben, viele Jahre vor der Taufe oder sogar vor der Beschneidung. Die christliche Taufe ist das Zeichen für ein neues und ausgesprochen christliches Vorrecht, das niemand genießen konnte, bevor unser Herr starb und auferstand.

Die Heiligen des Alten Testamentes standen auf dem Boden der Verheißungen Gottes; und es ist möglich, dass auch jetzt einige Gläubige „die Verheißungen von fern sehen“. Gebe Gott, dass sie alle bessere Erkenntnis hätten! Man nehme nicht an, das etwas Unehrerbietiges gegenüber den alten Heiligen oder Unfreundliches gegenüber irgendjemand hier oder anderswo gesagt werden sollte. Gebe Gott, dass ihr davon ablasst weiter nur an dem zu hängen, was damals den Glauben ausmachte, was nach Gottes Willen recht und gut war, als es nicht mehr gab! Aber warum klebt ihr Gläubigen jetzt, wo etwas unvergleichlich „Besseres“ offenbart ist, so hartnäckig an dem, was nicht die volle Gnade Gottes gegenüber eurer Seele ausdrücken kann? Es ist nicht nur ein verheißener Messias, sondern der verworfene und gekreuzigte Sohn des Menschen, der tot war und auferstanden sowie im Himmel verherrlicht ist. Hat das, was Er bewirkt hat, keinen Unterschied hervorgebracht? Das Sühnungswerk ist geschehen. Es ist nicht mehr eine Verheißung, sondern eine vollendete Tatsache. Das hat einen gewaltigen Unterschied vor Gott bewirkt; sicherlich sollte es zumindest einen ebenso großen Unterschied für euch bedeuten, und das würde auch der Fall sein, wenn ihr durch Glauben das Evangelium verstehen würdet. Uns sind noch verhältnismäßig viel größere Vorrechte geschenkt.

Das Werk, das der Vater dem Sohn zu tun aufgetragen hat, ist zu seiner Ehre vollbracht worden. Deshalb verherrlichte Er seinen Sohn und gibt uns nun jeden Segen, bevor wir zu seinem himmlischen Reich auferstehen. Er lässt uns sogar mitsitzen in den himmlischen Örtern in Christus (Eph 2,6), obwohl wir noch nicht aufgenommen sind, um dort dem Leib nach mit Ihm im Himmel zu sein. Wie kraftvoll und heilig ist die große Grundlage des Christentums, so wie sie 2. Korinther 5,21 offenbart: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ In was für einem gesegneten Charakter von Gerechtigkeit stehen wir so vor Gott! Das ist es, zu was Christus für uns von Gott gemacht wurde.

Als der Heilige Geist gegeben wurde, geschah das, wie unser Herr sagte, um die Welt von drei Dingen zu überführen: von Sünde, von Gerechtigkeit und von Gericht (Joh 16,8). Warum von Sünde? Weil sie das Gesetz übertraten? Nein, auch nicht, weil ihr Gewissen sie anklagte, sondern „weil sie nicht an mich glauben“. Ein Heide denkt nur an sich, der Jude vielleicht an das Gesetz, so wie einige andere es nicht besser zu wissen scheinen, wenn sie es auch eigentlich sollten; aber die Schrift setzt den richtigen Maßstab. Christus hat ihn gebracht. „Das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht“ (Heb 7,19). Es wird jetzt eine bessere Hoffnung offenbart; und die Verwerfung Christi wird deshalb eine größere Sünde. Wenn Er nicht gekommen wäre und nicht erhabener als alle anderen geredet und gehandelt hätte, hätten sie keine Sünde gehabt; aber jetzt gab es keine Entschuldigung für ihre Sünde. Sie hatten Ihn gesehen und hatten Ihn und seinen Vater gehasst - ja, sie hassten Ihn ohne Ursache. Der Prüfstein ist deshalb, ob man an Ihn glaubt oder nicht. Was auch immer die Leute in den Vordergrund stellen mögen, Christus ist Gottes gegenwärtiger und voller Maßstab.

Doch wie wird die Welt von der „Gerechtigkeit“ überführt? So wie der Geist beweist, dass die Welt ungerecht ist, weil sie den Heiligen verworfen hat, so hat Gott der Vater seine Gerechtigkeit bewiesen, weil Er den verworfenen Christus zu seiner eigenen Rechten droben aufgenommen hat; „Weil ich zu meinem Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht“ (Joh 16,10). Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist Christus für die Welt verloren. Wenn Er wiederkommt, wird Er sich nicht in Gnade offenbaren und auch nicht, um das Reich zu predigen. Er wird kommen, um die Lebendigen und die Toten zu richten; Er wird den Erdkreis in Gerechtigkeit richten. Dann wird nicht, wie jetzt, der Tag der Gnade sein, damit die Menschen an Ihn glauben. Das wird dann alles vorbei sein. Die Welt hat ihre Ungerechtigkeit bewiesen, indem sie Christus gekreuzigt hat; aber der Vater hat den verworfenen Sohn aufgenommen, sodass Er von der Welt nicht mehr gesehen wird. Die Gerechtigkeit ist in Christus bewiesen, der zum Vater gegangen ist zur Rechten Gottes droben. Und deshalb sind wir, die wir glauben, Gottes Gerechtigkeit in Ihm geworden. Wir sind mit Christus zur Rechten Gottes verbunden. Welch ein hoher Charakter von Gerechtigkeit ist dies! Es ist wirklich die Gerechtigkeit Gottes, obwohl junge Gläubige das vielleicht noch nicht richtig verstanden haben mögen. Was für ein segensvolles Vorrecht! Es ist nicht bloß ein vollkommenes Leben des Gehorsams unter dem Gesetz auf der Erde, und auch nicht eine Wiedergutmachung zahlloser Verfehlungen seines Volkes in all den Besonderheiten ihres individuellen Lebens; sondern so wie Gott seine Gerechtigkeit zeigte, indem Er den Verworfenen auferweckte und verherrlichte, so werden wir auch durch Gnade Gottes Gerechtigkeit in Ihm. Dass der Mensch in Christus in Gottes Herrlichkeit droben sein sollte, ist seine Gerechtigkeit. Dass wir, die wir glauben, in einer ungläubigen Welt mit Ihm in jener Herrlichkeit auf Grund seines Erlösungswerkes vereint werden sollten, ist ein anderes wunderbares Ergebnis derselben Gerechtigkeit Gottes.

Dies ist, wie man sehen kann, in der engsten Weise mit dem Sündopfer verbunden, mit dem Stier, der für Aaron und sein Haus geschlachtet wurde. Ohne Zweifel warteten die Gläubigen Israels auf den Messias, der zur bestimmten Zeit kommen sollte, um sein Volk zu segnen. Aber wenn der Sohn des Menschen kommt, wird Er nach ernstem Gericht, wie ausdrücklich gesagt wird, in Zion über die Erde herrschen (Ps 2; Sach 14). Außerdem wird es wieder einen Tempel, einen Vorhang und eine Priesterschaft geben. Jetzt verschmelzen die Gläubigen aus den Juden ihre irdische Erwartung mit der besseren und himmlischen Hoffnung in Übereinstimmung damit, dass sie Christus droben wissen und nicht in Verbindung mit der Erde sehen. Denn es gibt jetzt wirklich nur „einen Leib und einen Geist“. Deshalb (wenn wir unsere Berufung verstehen, obwohl wir ursprünglich arme Sünder waren) können wir doch jetzt, da der Geist gesandt ist, in das Heiligtum hineingehen, während Christus dort ist, um uns mit sich zu vereinen. Wo Christus ist, verborgen vor den Menschen, verborgen in Gott, da erkennen wir (ob Juden oder Heiden) Ihn jetzt. Anstatt dass Er vom Heiligtum kommt, um uns die Vergebung der Sünden zu geben, wie es sich durch Gnade an dem wartenden Israel später erfüllen wird, ist der Heilige Geist von dem Vater und dem Sohn ausgesandt worden, um uns mit Christus in der Herrlichkeit, wo Er jetzt sitzt, zu verbinden. Das ist das Wesen des Christentums. Gebe Gott, dass jeder von uns sich dieser so besonderen Vorrechte bewusst werde! Es wird uns jetzt nicht als eine bloß interessante Lehre dargelegt, sondern als eine Wahrheit, die mit Christi Herrlichkeit verbunden ist und deshalb für den Geist, der unsere Seelen segnet, indem Er verherrlicht wird, von tiefster Bedeutung ist.

Damit verbunden ist die dritte Wahrheit, die der Geist der Welt zeigt, nämlich das Gericht, „weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist“ (Joh 16,11). Es war Satan, der die sonst unvereinbaren Feinde, die Juden und die Heiden, zu einer Gott hassenden Welt vereinigte, als sie seinen Sohn, den Herrn der Herrlichkeit, kreuzigten. Indem Satan selbst als Urheber dieses schrecklichen Fehlurteils vorgestellt wurde, offenbarte sich seine Position als Herrscher dieser Welt, der gegen den Vater und den Sohn in kühner Rebellion auftrat. Der Heilige Geist ist jetzt hier, weil der Bruch so völlig und endgültig ist, und vollführt jetzt zur Ehre Gottes die göttlichen Pläne, die ganz außerhalb und über dem Bereich der Welt liegen.

So wie der Jude damals in Gefahr war, die Beziehungen und die Pflichten Israels zu übersehen, so sind wir jetzt besonders der Gefahr ausgesetzt, unseren eigenen Platz und unsere eigene Verantwortung zu vergessen. Ein unermüdlicher und listiger Feind möchte immer Gott entehren, sei es heute durch unser Versagen oder damals durch das Versagen Israels. Wir müssen deshalb wachsam sein, dass wir das nicht vernachlässigen, was am meisten die Verherrlichung Gottes durch uns betrifft. Und so wie Christus wirklich die Wahrheit ist, so ist Er auch der Einzige, der durch den Heiligen Geist und durch das Wort wirkt, um uns vor allen Irrtümern zu bewahren und uns in die ganze Wahrheit zu leiten. Wir wären gar nicht fähig für irgendeine solche Berufung der Gnade, wenn wir nicht Leben in dem Sohn und Frieden durch das Blut des Kreuzes Christi hätten. Aber als Gläubige haben wir ewiges Leben in Ihm - dasselbe Leben, das sich in Christus auf der Erde in seiner ganzen Vollkommenheit zeigte und erwies. Und unser Gewissen ist durch das Blut gereinigt, das den Vorhang zerriss, wodurch der Weg ins Heiligtum frei wurde und wodurch Gott in seinem ganzen moralischen Wesen und seiner Majestät in Ewigkeit verherrlicht wurde. Weil Christus im Allerheiligsten ist und wir Ihn durch den Glauben dort wissen, konnte der Heilige Geist herab gesandt werden. Und zwar nicht nur damit wir die segensvolle Frucht des Werkes Christi genießen können, sondern auch damit wir freimütig im Geist dorthin kommen können, wo Er ist. Wenn der Herr zu dem Volk kommt, wird das ein ganz anderer Zustand sein.

Aber man sollte kurz darauf hinweisen, wie wir, bevor Er den Himmel verlässt, in Vers 16 die Versöhnung des Heiligtums und des Altars vor uns haben. Es ist dort keiner außer dem Hohenpriester, der für diese Dinge Sühnung tut, bevor er herauskommt (Verse 17-19). Das Gegenstück dazu lesen wir in Heb 9,23: „... die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Schlachtopfer als diese“. Hier sehen wir Gottes besondere Fürsorge für seine Wohnung, was wir nur nebenbei erwähnen möchten. Kein Mensch sollte während dieser unaussprechlich feierlichen Handlung bei dem Hohenpriester sein. Er tat das ganz allein. Er war zu diesem Zweck allein mit Gott. Nichts vermischte sich mit dem Sühnungswerk Christi. Damit das Werk absolut würdig sei für die göttliche Herrlichkeit und damit die Seinen es in der höchsten Vollkommenheit genießen könnten, vollbrachte Er das Werk persönlich ganz allein. Das machte alles so sicher. Wie kostbar ist es für Gott den Vater und wie segensvoll für uns, deren Seelen nicht nur Freude haben sollten an dem Werk, sondern auch an Ihm, der vollkommen zur Ehre Gottes alles vollbrachte und alles erlitt, damit alles auf Grund des Glaubens und entsprechend der Gnade sein könnte!

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