Der Sühnungstag
Kommentar zu 3. Mose 16

Der allgemeine Grundsatz

Der Sühnungstag

Die Anfangsverse von 3. Mose 16 bilden die Einleitung zum großen Sühnungstag. Das ist wirklich ein Kapitel, das in allen seinen Vorschriften besonders lehrreich ist. Es zeigt im Licht des Neuen Testamentes (d. h. im Licht Christi selbst und des mächtigen Werkes, das Er vollbracht hat), was die Bedeutung von „Sühnung“ tatsächlich ist. Aber der Schleier des Alten Testamentes wurde aufrechterhalten.

Im Laufe der Betrachtung werden Beweise auftauchen, dass in diesem Bild Gott nicht nur alles vor seinen Augen hatte (wie jeder, der Ihn kennt, empfinden muss), sondern dass es Ihm hier gefallen hat, es vor uns zu enthüllen. In wunderbarer Weise hat Er mit einer Weisheit, die nur göttlich sein kann, ersonnen, einem irdischen Volk vorübergehende Opfer und äußere Reinigungen zu bieten (oder das, was in Hebräer 9,13 die „Reinheit des Fleisches“ genannt wird). Aber gerade in diesen Riten lag Gnade und Wahrheit verborgen, bis das Licht Christi sie beleuchtete. Es konnte zwar nicht das Ebenbild selbst gesehen werden, aber ein Schatten der zukünftigen Güter (Heb 10,1). Einige davon waren schon erfüllt, andere aber noch nicht. Aber auch diese würden sich ebenso sicher dem Wort und dem Ratschluss Gottes entsprechend erfüllen.

Die Tatsache, dass Gott noch Pläne hat, die bis jetzt noch nicht erfüllt sind, wie gerade dieses Kapitel uns bezeugt, können wir sehen (was für die Schrift im Allgemeinen zutrifft), denn dieses Kapitel hat prophetischen Charakter. Kann irgendetwas ein deutlicheres Zeugnis für Gott ablegen, als dass sein Wort so treffend ist? Ist nicht die Weissagung ein beständigeres und tiefer gehendes Zeugnis als das Wunder? Ein Wunder offenbart Gottes Macht und Güte, während die Welt ihren gewöhnlichen Lauf nimmt; aber die Weissagung gibt einen lebendigen Beweis für seine Wahrheit. Nur ein gedankenloser oder oberflächlicher Mensch kann annehmen, dass Macht dasselbe ist wie Verstand. Doch will dies noch mehr sagen. Moralisches Licht und Liebe werden bekannt gemacht, die Aufrechterhaltung von Gottes Wesen, Wille und Gnade, was ganz klar nicht nur über das Materielle hinausgeht, sondern auch über den Verstand. Ein großer Franzose hat einmal gesagt: „Der geringste Geist steht über allem Materiellen, und alles Verstandesmäßige steht unter der Barmherzigkeit oder der göttlichen Liebe“.

Hier finden wir die wahre Quelle von Sühnung. Die Liebe Gottes vollzog es in einer Weise, die Gnade und Gerechtigkeit, den schuldigen Menschen und einen heiligen Gott vereinen sollte. So triumphiert die Gnade über das Gericht. Nirgendwo wird Gott so hoch erhöht, nirgendwo wird der Mensch so wirklich gedemütigt, nirgendwo redet das Blut Christi so einfach und doch so tief von der Sünde wie hier. Aber dies wird auf unsere vollständige Unwürdigkeit angewandt. Der Mensch wird genommen, so wie er ist, um ihn aus all seinen Ungerechtigkeiten zu Gott zu bringen, so wie Gott ist. Das und nichts Geringeres ist die Absicht von Sühnung. Göttliche Gerechtigkeit auf der Grundlage des Werkes Christi ist ihr Wesen, während der Mensch sich als ungerecht erwies. So wie sie gemäß der Gnade Gottes geschah, so kann sie im Glauben in Anspruch genommen werden, und deshalb steht sie jedem Glaubenden, sei er Jude oder Grieche, offen.

Aber der große Sühnungstag hatte notwendigerweise zuerst einmal einen zeitlich begrenzten und unvollkommenen Charakter: „... das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht“ (Heb 7,19). Das war ohne Zweifel der feierlichste Ritus im ganzen jüdischen Jahr; aber seine ständige alljährliche Wiederholung ist, wie der Brief an die Hebräer lehrt, der überzeugende Beweis dafür, dass er für das Gewissen des Menschen und für Gottes Gericht im Hinblick auf die Ewigkeit unwirksam war. Er war deshalb vorläufig, wie alle Einrichtungen des Gesetzes. Ist das eine Anklage gegen das Gesetz Gottes? Nein, denn sein eigenes Wort sagt dies. Wenn das sein eigenes Wort sagt, dann wollen wir nicht darüber streiten: Gott ist ein besserer Richter als du oder ich oder alle Menschen. Wenn Gott sagt, dass das Gesetz nichts zur Vollendung gebracht hat - und so sagt Er es ausdrücklich und unwiderruflich (Heb 7,19) - wer sollte dann so unehrerbietig sein und das für einen Augenblick in Frage stellen? Die Sühnung, die Jahr für Jahr für Israel geschah, offenbarte deshalb deutlich, dass sie sich nicht zu der Vollkommenheit der Natur und des Geistes Gottes erhob. Bestenfalls konnte sie ein Bild von der Gnade und Wahrheit, die durch Jesus Christus kamen, sein. Man kann leicht verstehen, dass, nur wenn ein vollkommenes Wesen kommt, das Ergebnis vollkommen sein kann.

Adam war, wenn wir der Schrift glauben, eine wunderbare Schöpfung, als ein unschuldiger Mensch auf einer nicht gefallenen Erde. Trotzdem ist es Fakt, dass das erste, was uns von seinem Tun berichtet wird, als er versucht wurde, das ist, dass er sündigte. Man kann sich ständig und ernsthaft anstrengen, der moralischen Folgerung zu entfliehen, man kann aber die Sünde des Menschen nicht ernsthaft ableugnen. Diese überwältigende Tatsache ist von Anfang an deutlich. Soll die Sünde geduldet oder ignoriert werden, weil sie allumfassend ist?

Insofern verheißt Gottes Gnade in dem Samen der Frau einen verwundeten Sieger, der die Schlange besiegen würde. Dies bestimmte bald den Unterschied zwischen den beiden Söhnen Adams. Der HERR sah Abel und sein Opfer an. Warum blickte Er nur auf Abel und nicht auf Kain? Weil Abel „durch Glauben“ ein vorzüglicheres Opfer darbrachte. Der Glaube unterwirft sich dem Wort Gottes, er nimmt es an und ruht darin. Es war keine bloße Tatsache oder eine Sache menschlicher Gefühle. Es ging nicht darum, wer von den beiden das wertvollere Opfer brachte. Durch Glauben brachte Abel ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain. Woran lag das? In Kain steckt nicht mehr als eine natürliche Religiosität; er nahm von der Sünde keine Notiz. Als Pflicht gegenüber dem HERRN opferte er von den Früchten des Feldes - von dem Boden, der unter dem Fluch stand. Das war der Ausdruck ungläubiger Huldigung, wo das Gefühl für die Sünde auf der einen Seite und für die Gnade auf der anderen vollständig fehlte. Der Glaube rechnet immer mit der Sünde im Menschen, und er erhebt sich mehr oder weniger zur Gnade in Gott. Wie groß auch immer die Sünde des Menschen ist, die Gnade Gottes ist noch größer. Eines der Ergebnisse des Unglaubens ist Verzweiflung, ein anderes mag die kühnere Form der Rebellion gegen Gott in der offenen Verwerfung seines Wortes sein. Auch wenn die Seele nicht immer so gottlos sein mag, kann sie dennoch schuldig sein, indem sie anzweifelt, dass die Gnade in Gott die Sünde vergeben kann, wie groß diese auch sei. Der Glaube erkennt die Sünde an, so wie sie ist, aber er rechnet mit der Gnade, die Gott offenbart.

Die Hilfsmittel des Menschen, um seine Sünde zu bedecken, versagen immer. Gott bekleidete Adam und Eva nach dem Sündenfall mit Kleidern aus Fell. Dies war eine Maßnahme, die angesichts der Sünde vom Tod sprach, aber durch denselben auch von Gnade gegenüber dem Menschen. Dies wäre dem menschlichen Geist niemals eingefallen. Natürlich war das Opfer von Kain dem Anschein nach vernünftiger. Welcher Mensch würde im Unglauben jemals an ein Opfer gedacht haben, das für Gott angenehm ist? Abel brachte von den Erstlingen der Herde und von ihrem Fett. Wenn getötete Tiere die Kleidung lieferten, die Gott seinen Eltern gab, dann schlachtet Abel ein Lamm als Opfer für Gott. Das war ein Opfer im Glauben: für einen Sünder besteht der Zugang zu Gott nur durch Tod. Es ist klar, dass mehr hinter diesem allen steckte und dass es noch tiefere Hintergründe gab, als Abel oder irgendein Gläubiger des Alten Testamentes wusste. Man kann nicht sagen, dass Abel an das Opfer des Samens der Frau dachte, aber Gott dachte daran, und der Glaube erntete den Segen. Deshalb wurde von Abel bezeugt, dass er gerecht war, „wobei Gott Zeugnis gab zu seinen Gaben; und durch diesen redet er noch, obgleich er gestorben ist“ (Heb 11,4). Abel wartete auf den Einen, der die Macht des Bösen hier unten zerstören sollte; entgegen seiner menschlichen Natur brachte er durch Glauben Gott ein Opfer dar, dessen Vorzüglichkeit in dem „Fett“ zum Ausdruck kommt. Gott segnet entsprechend dem, was Er in dem Opfer sieht; ein Grundsatz, der in dem Blut des Passahlamms deutlich wird (2. Mo 12,13).

Ohne Zweifel warteten alle Gläubigen des Alten Testamentes auf den Erlöser (wie wir in Hiob 19,25-29 sehen). Sie warteten auf den, der den Tod vernichten sollte und auch den Teufel, der die Macht des Todes hatte, besiegen sollte. Sie stellten nicht in Frage, dass zur bestimmten Zeit der Messias sowohl die Ansprüche Gottes als auch die Hoffnungen der Menschen vollkommen befriedigen würde. Aber wenn man annimmt, dass sie verstanden, wie das geschehen sollte, geht man über die Schrift weit hinaus. Nicht einmal die Jünger konnten in den Tagen unseres Herrn diese beiden Dinge richtig vereinen. Wussten die persönlichen Boten des Herrn, die den Meister von der Taufe des Johannes bis zu seiner Himmelfahrt begleiteten, wussten die Apostel denn nicht mehr als ihre Vorgänger? Dies in Frage zu stellen, würde der Lehre des gerechten Knechtes des HERRN (Jes 53,11) keine Ehre bereiten. Selbst seine Feinde urteilten: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch“ (Joh 7,46); und niemals empfingen Menschen auf der Erde solch eine Fülle von heiliger und vollkommener Belehrung wie die Zwölf aus dem Mund des Sohnes Gottes.

Die große Frage ist deshalb nicht, was die Heiligen im Alten Testament verstanden, sondern was Gott in Wort und Tat aufgerichtet hat und was seine Bedeutung im Hinblick auf das Sühnungswerk ist, jetzt, da Christus gekommen ist und das Werk vollendet hat, das Ihm zu tun aufgetragen war. Es geht hier um die wahre Bedeutung des Sühnungswerkes. Hier kommt uns das Neue Testament in machtvoller Weise zur Hilfe. Was kann man sich Klareres vorstellen als den göttlichen Kommentar, den der Brief an die Hebräer (oder Judenchristen) gibt, die ihn nötig hatten, so wie sie ihn eigentlich auch am meisten hätten schätzen müssen? Wir hören oft von Auslegungen und Auslegern; darin offenbaren die Besten ihre vorgefassten Meinungen und Vorurteile. Es ist schade, dass sie den Brief an die Hebräer nicht ein bisschen öfter und mit besserer Absicht gebrauchen. Hier ist die größte aller Auslegungen, die Auslegung, die am unmittelbarsten die Wahrheit trifft, mit der wir uns hier beschäftigen. Nicht nur der inspirierte Text liegt in dem Kapitel vor uns, sondern wir haben auch die inspirierte Auslegung in jenem Brief. Kein Gläubiger, der Hebräer 9 liest, kann das bezweifeln. Und was sehen wir darin? Dass Aaron, der Hohepriester, Christus versinnbildlicht und dass das Werk, das Dieser bewirkte, keinem vorübergehenden Zweck diente, sondern eine „ewige Erlösung“ darstellte.

In den alten Zeiten waren nur Satzungen des Fleisches auferlegt bis zur Zeit der Zurechtbringung. „Christus aber - gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut - ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte“ (Heb 9,12). Sein Opfer ist im wahrsten Sinne von ewiger Wirksamkeit. Das Wort „ewig“ taucht im Brief an die Hebräer oft mit einer besonderen Betonung auf. Warum? Um den Gegensatz zu dem zeitlichen Charakter dessen zu verdeutlichen, was mit den Kindern Israel in Verbindung stand. So finden wir nicht nur die ewige Erlösung, sondern auch das ewige Heil, das ewige Erbe, den ewigen Bund. Alle diese Worte zielen bewusst darauf ab, die gläubigen Hebräer mit dem vertraut zu machen, was über das Zeitliche hinausging. Der gestorbene, auferstandene und sich im Himmel befindende Christus konfrontiert den Gläubigen mit dem Unsichtbaren und Ewigen. Gerade weil sie als Juden an das gewöhnt waren, was sich auf der Erde offenbarte, hatten sie es nötig, ihre Augen aufzuheben und innerhalb des Vorhangs das zu sehen, was niemals vergehen kann. Wenn die Hebräer in ihre alte Gedankenwelt abglitten, würden sie das Evangelium abschwächen, und dies vielleicht zu ihrem Verderben, wie sie in Kapitel 6 und anderswo gewarnt werden.

Aber nicht allein die Hebräer hatten dies nötig, sondern auch wir. Das inspirierte Wort hat die oberste Autorität Gottes und die tiefste Bedeutung für uns alle, die wir glauben. Für den Glauben geht es nicht darum, das Gesetz zu lesen und einfach darauf zu schließen, dass wir dort nur das haben, was zeitlich ist, während wir von dem Neuen Testament sagen, dass wir dort ewige Dinge vor uns haben. Das ist nicht die richtige Art, die Bibel zu lesen, und es bringt der Seele keinen Nutzen. Was Gott durch sein kostbares Wort beabsichtigt, ist, dass wir über die Wolken der Unruhe, des Zweifels und der Schwierigkeiten emporgehoben werden, besonders während dieser wechselvollen Zeiten, durch die wir jetzt gehen; und dass wir sogar jetzt gestärkt werden in der Gewissheit einer neuen, ewigen und himmlischen Gemeinschaft mit Gott durch die Sühnung unseres Herrn Jesus.

Es ist also so, dass der große Sühnungstag aller Not begegnen sollte, die durch all die Sünden, Übertretungen und Ungerechtigkeiten der Kinder Israel entstanden war. Was war die Absicht des Werkes Christi? Nicht nur die vollständige, gegenwärtige und ewige Entfernung aller unserer Ungerechtigkeiten vor Gott, sondern auch seine Verherrlichung, sogar was die Sünde betrifft, auf Grund des Sühnungstodes Christi. Nichts Geringeres als dieses Werk kann angesichts der Sündennot helfen. Gott wird sicherlich niemals den Wert der Leiden seines Sohnes gering achten oder vergessen, dass Er seine Verherrlichung seinem Kreuze verdankt. Selbst wenn wir eine niedrigere aber wahre Grundlage nehmen - was ist der Wert eines Sühnungswerkes, das für eine einzige Sünde nicht reicht? Nehmen wir an, dass so etwas möglich wäre - wenn einem Menschen 999 Sünden vergeben sind, aber nicht die tausendste, so ist er ebenso unglücklich, als wenn ihm keine vergeben worden wäre. Denn durch die eine unvergebene Sünde ist er absolut unwürdig für die Gegenwart Gottes. Keine Sünde kann dort eindringen; und wenn droben nicht unser Platz ist, wohin müssen wir dann gebracht werden?

Auch muss das Sühnungswerk nicht als ein Mittel betrachtet werden, das der Not begegnen soll, die sich erhebt, wenn wir sterben oder vor dem Richterstuhl Christi erscheinen. Der Leser wird anhand von 3. Mose 16 zugeben, dass ein Jude mit Recht auf die wirksame Anwendung des Opfers dieses Tages für seine augenblicklichen Bedürfnisse, für seine dringende Not und für die Ungerechtigkeiten, die seinen Geist belasteten und ihn mit Furcht vor dem Gericht erfüllten, wartete. Aber die Wirkung hielt nur für eine gewisse Zeit an.

Was hat denn das Kommen unseres Herrn bewirkt? Hat es nicht Leben, Liebe und Licht in die Welt gebracht? Es hat Gott in der tatsächlichen Gegenwart seines eigenen Sohnes offenbart, der doch ein Mensch war und der ein für alle Mal für die Sünden litt, der Gerechte für die Ungerechten, um uns zu Gott zu bringen. Für den Gläubigen ist das die Erlösung seiner Seele, so wie die Erlösung seines Leibes bei der Wiederkunft Christi stattfindet. Gewisse Unvollkommenheiten waren in den alten Zeiten zugelassen, wie kein Gläubiger leugnen kann. Unser Herr hat das so gedeutet: „... wegen eurer Herzenshärtigkeit“ (Mk 10,5). Wir finden, dass David und Salomo und auch andere Dinge tun, an die kein Christ denken würde. Wie kommt es dann, dass Dinge, die bekanntlich unter dem Gesetz zugelassen waren, jetzt unmöglich sind? Weil Christus gekommen ist und „das wahrhaftige Licht schon leuchtet“. Ohne Zweifel blies der Mensch es aus, soweit es ihm möglich war, aber er konnte sich nicht davon befreien. Der verworfene Christus ist im Himmel; aber das Licht, das sich keineswegs zurückgezogen hat, leuchtet heller als je zuvor. Im ersten Johannesbrief wird eindringlich darauf hingewiesen, dass die Finsternis vergeht und dass das wahrhaftige Licht schon leuchtet (1. Joh 2,8). Jetzt, da Er auferstanden und im Himmel ist, vergeht die Finsternis. Aber wenn sie auch noch nicht ganz beseitigt ist, so vergeht sie doch mehr und mehr, weil jeder Gläubige das Licht empfängt. Jetzt, da die Erlösung vollbracht ist, ist der, der das Licht empfängt, Licht in dem Herrn. Und jeder, für den Christus nicht nur das Licht, sondern auch das Leben ist, ist durch sein Blut gereinigt und von seiner Sünde befreit, um für Gott zu leben.

Was ist die äußere Wirkung der Erlösung? Dass Menschen sich jetzt dessen schämen, was sie, bevor Christus kam, für nur allzu natürlich und richtig hielten. Denn einerseits wissen wenige, wie viel sie dem Licht Christi schulden, das durch das Evangelium alles offenbar macht und so die Menschen von ihren vermessenen und abscheulichen Ungerechtigkeiten abhält. Auf der anderen Seite werden aus demselben Grund für den, dessen Gewissen durch das Wort vor Gott erweckt ist, die Sünden verhasst und abschreckend. Die erste Wirkung des Lichtes Gottes in Christus ist also die, dass das Böse mehr denn je offenbar gemacht wird.

Wo immer deshalb das Wort Gottes lebendig an der Seele wirkt, folgt Buße vor Gott. Dabei darf allerdings der Glaube nicht fehlen, damit die Buße göttlichen Charakter trägt. Die Seele hat noch keinen bleibenden Trost, noch keinen festen Frieden und keine wirkliche Erleichterung. Man kann sogar sagen, dass die Last durch das Wirken des Heiligen Geistes größer wird und als noch drückender empfunden wird. Gott sei Dank dafür! Es gibt nichts Gefährlicheres, als über unsere Sünden leichtfertig hinwegzugehen, weil Christus gepredigt wird. Wie schwächt es danach die Seele, wenn wir sozusagen über das Grab unserer Sünden hinweg springen, anstatt ständig darauf hinab zu sehen, um uns selbst so zu richten, wie wir sind! Der Mensch wird sonst eines Tages erschreckt, wenn er das Böse, dass er am Anfang so leicht hinter sich ließ, wieder findet; und er steht in der Gefahr, anzufangen zu fragen, ob er wirklich, wie er es nennt, Teil an Christus und seiner Gnade haben kann. Wenn er am Anfang seinem eigenen Bösen ins Auge geschaut hätte, hätte er nicht nur besser gewusst, was er selbst ist, sondern auch, wie der Heiland alles auf sich nahm, als er gläubig wurde, und wie er ihn von jeder Sünde durch sein kostbares Blut reinigte.

Entsprechend dem klaren Zeugnis des Neuen Testamentes hat das Kommen Christi die Sünde in ihrem vollen Widerstand gegen Gott, in ihrem Bösen gegenüber dem Menschen, in all ihren geheimen Tiefen, so wie sie niemals zuvor erkannt worden waren, bloßgelegt. Ohne Zweifel wirkte das Gesetz in einer wunderbaren Weise, denn das Gebot ist heilig, gerecht und gut (Röm 7,12). Aber trotz allem ist das Gesetz nicht Christus. Und Christus offenbarte Gott in seiner Gnade, anstatt bloß die Riten weiterzuführen, die sich dem gefallenen Menschen anpassten. Doch hatte Gott in dem Gesetz den bösen Zustand des Menschen vor sich. Am Sinai gebot Er: „Ihr sollt das Böse nicht tun, ihr sollt es nicht tun“. Es hatte keinen Zweck, von den Kindern Israel zu verlangen, was nur bei Christus gefunden werden konnte. Was das Gesetz tat, war genau das, was der Mensch damals nötig hatte; es verbot, das Böse zu tun, das da war. Es verdammte, was das böse Herz erlaubte. Der Mensch war schon ein Sünder, bevor das Gesetz gegeben wurde. Ohne Zweifel hatte Adam ein Gesetz; aber das ist etwas ganz anderes als das Gesetz. Denn das Gesetz setzt voraus, dass der Mensch gefallen ist und dass er ständig dazu neigt, böse Dinge zu tun, die durch das Gesetz verboten und angeprangert werden. Neben den zehn Geboten war die feierlichste Einrichtung, die damit verbunden war, der große Sühnungstag, der zusammen mit anderen gnädigen Vorkehrungen später hinzugefügt wurde.

Aber jetzt, da Christus gekommen ist, hat Er einen unvergleichlich tieferen und schärferen Maßstab für die Sünde gebracht. Der böse und elende Zustand des Menschen wird durch nichts vollständiger, gründlicher und stärker offenbar als durch den Wert der Erlösung Christi. Kein Wunder, dass der Heilige Geist großartige Worte gebraucht, denn keine geringeren könnten dem wahren Charakter dessen gerecht werden, was uns im Brief an die Hebräer offenbart ist. Das Gesetz forderte Werke von dem Menschen. Christus vollbrachte im höchsten Sinn den Willen Gottes. „Siehe, ich komme (…), um deinen Willen, o Gott zu tun“ (Heb 10,7). Das Sühnungswerk besagt, dass Gott selbst durch und in Christus die Frage der Sünde in seiner eigenen Gnade und zu seiner eigenen Ehre aufgreift und regelt, damit Gläubige jetzt voll und für ewig gesegnet werden können. Es wird die gegenwärtige Gemeinschaft mit dem Himmel vor Augen gestellt, weil das direkte Ziel darin bestand, die Hebräer davon abzubringen, irdischen Hoffnungen nachzujagen. Doch auch die Zukunft wird nicht vergessen; für den Christen ist sie ohne Frage „ewig“, wie auch die Erfüllung der irdischen Verheißungen mit der Zeit aussehen mag. Aber es ist mehr zu beachten als dies. Die Kraft des Geistes schenkt gegenwärtigen Genuss dieses ewigen Charakters. Es ist die Absicht, den Gläubigen jetzt mit gereinigtem Gewissen in Gottes Gegenwart zu bringen, oder, wie Petrus es sagt, „uns zu Gott (zu) führe(n)“ (1. Pet 3,18), denn Gott wird jetzt und in der Zukunft in dem Licht erkannt.

Was ist das für eine segensvolle Wirklichkeit: Ist diese unser Eigentum oder ist sie es nicht? Der Herr teilt sie sogar im Evangelium nach Lukas mit. Der verlorene Sohn kommt nicht allein „zu sich selbst“, sondern zu dem Vater, und der Vater begegnet ihm nicht nur mit Liebe, sondern mit noch viel mehr. Er legt ihm das beste Kleid an, nicht in dem Augenblick, wo er es verdiente (wenn das überhaupt jemals der Fall sein konnte), sondern bevor überhaupt von etwas anderem die Rede war als von seiner Reue über die Sünde. Es ist die Liebe seines Vaters. Gott handelt aus dem heraus und für das, was Er selbst ist, und für das, was Er gerechterweise auch für den schlimmsten der Sünder durch die Erlösung, die in Christus ist, tun kann. Solcher Art und so wirksam ist seine Liebe, die sich in dem Sühnungswerk des Herrn Jesus offenbart. Lukas wurde, wie gewöhnlich, angeleitet, uns so die Gnade Gottes in Christus und durch seinen Tod in der Anwendung auf den Unwürdigsten, der Buße tut, darzustellen. Matthäus 22,2-14 stellt die Gnade in dem wohlbekannten Gleichnis vom Reich der Himmel dar; und der Bekenner, der die Gnade verachtete, wird persönlich gerichtet.

Ach! Sogar die, die seinen Namen lieben, verachten das Fest, das der Vater uns hier genießen lassen möchte, bis wir in den Himmel kommen. Sie denken, dass solche Freude und Wonne nicht möglich ist inmitten der irdischen Schwachheit. Sie denken, dass das Versammeln, um sich dieser Dinge zu erfreuen, erst am Ende der Tage im Himmel geschehen wird, wenn wir „allezeit bei dem Herrn“ sein werden (1. Thes 4,17). Sie tun damit Gottes Gnade unwissentlich großes Unrecht, und sie berauben sich selbst der übergroßen Freude in dem Geist. Sie verlieren praktisch die Lieblichkeit und die Kraft seiner Freude, die gerade hier auf der Erde ihre Stärke ist. Es ist nicht nur so, dass der einst schuldige Sohn seinem Vater begegnet und dass der Vater sich dem Sohn nur mit Liebe naht, ohne einen einzigen Tadel, wodurch er bei ihm noch viel größere Selbstvorwürfe hervorruft (o, was ist es für ein ungeheurer Schaden für die Seele, wenn sie sich selbst vor Gott oberflächlich beurteilt!). Dadurch wird er aber bewusst für die Gegenwart seines Vaters würdig gemacht, für die frohe Gemeinschaft mit dem Vater. Das beste Kleid wird ihm angelegt. Niemals hatte er solch ein Kleid getragen, bevor Leichtsinn und Eigenwille ihn dazu verleiteten, seines Vaters Haus zu verlassen. Die Gnade geht über Wiederherstellung weit hinaus.

Adam hatte nicht das schöne Kleid des Christus, als er im unschuldigen Zustand im Garten Eden wandelte. Die Erlösung ist nicht eine bloße Wiederherstellung des gefallenen Menschen, wie Menschen oft zu Unrecht sagen. Der Gläubige zieht Christus an und wird durch sein Blut weißer als Schnee. Der Heiland nimmt sich nichts Geringeres vor, als den Gläubigen für die Gegenwart des Vaters würdig zu machen. Es ist keineswegs die Rede von einem Zurückversetzen in den Zustand der Unschuld. Der letzte Adam entscheidet alles; Jesus sorgt für alles und erfüllt alles. Gott der Vater ist die Quelle; Jesus ist das Mittel und der Kanal der Liebe. Und der Heilige Geist nimmt seinen gesegneten Anteil daran, indem Er das geschriebene Wort in der Seele lebendig und wirksam werden lässt. Das Kleid muss deshalb das beste Kleid sein, das Kalb muss das gemästete Kalb sein; die Schuhe, der Ring, das Fest, alles ist in Übereinstimmung mit der Person Christi und mit seinem Werk. Am Ende steht die Gemeinschaft der Freude, die alles überragt; Gott selbst muss seine eigene tiefe Freude an dem Fest haben, denn es konnte wirklich nichts ohne Ihn gut sein.

Wissen die Christen im Allgemeinen, was all dies bedeutet? Genau das möchte Gott jetzt im Christentum bewirken. Lasst uns hoffen, dass wir jetzt wenigstens ein wenig von dieser göttlichen Quelle der Gemeinschaft in Freude und Freiheit genießen. Keiner zweifelt die baldige Fülle der Freude an; dann wird sie ewig sein und in aller Vollkommenheit. Doch es ist ein großer Fehler anzunehmen, dass die Szene, die der Herr beschreibt, dem Himmel vorbehalten ist. Ist es notwendig zu erklären, warum das falsch ist? Im Himmel wird es keinen älteren Sohn geben, und auch wird der Vater nicht hinausgehen, um mit ihm zu reden. Nein, es gibt keine undankbar Murrenden im Himmel! Aber es gibt viele auf der Erde. Es ist deshalb klar, dass man sich das Fest hier und jetzt auf der Erde vorstellen muss, wenn auch alle Quellen der Freude himmlisch und göttlich sind.

Der Grund, warum die Leute das Fest in den Himmel verlegen, mag vielleicht der sein, dass sie insgeheim diese Freude selbst nicht kennen. Sogar die Gerechten neigen von Natur aus dazu, anderen das zu missgönnen, was sie selbst nicht haben. Ach! Möchte dieser Mangel lieber eine ernsthafte Suche des Herzens zur Folge haben, dadurch zu fragen: „Wie kommt es, dass meine Seele nicht die Liebe, Freude und Freiheit genießt, die hier beschrieben wird? Wie kommt es, dass das beste Kleid oder das gemästete Kalb bei mir nicht verwirklicht ist? Wie kommt es, dass ich die Gemeinschaft der Freude Gottes vermisse?“ „Der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Durch das Werk ist Gott in Ihm verherrlicht worden, so wie Gott sofort Ihn in sich verherrlichte und möchte, dass wir jetzt diese Frucht genießen.

Die Vergebung ist nicht alles, was das Evangelium beinhaltet, und es sollte auch nicht für uns alles sein, die Vergebung der Sünde zu kennen oder bekannt zu machen. Die Errettung wird völlig falsch verstanden, wenn man ihre Bedeutung nur darauf beschränkt, dass wir die Vergebung erlangen. Gottes Ziel ist nichts Geringeres - und kann nichts anderes sein -, als uns in die Erkenntnis des Vaters und des Sohnes zu bringen, in die Freude und Freiheit der Gnade jetzt, während wir auf die Herrlichkeit Gottes warten, in deren Hoffnung wir uns freuen. In dieser Erkenntnis von unserem Gott und Vater liegt die wirksamste Kraft gegen die weltlichen Fallen, die uns von jeder Seite umgeben. Es ist niemals der Auftrag des Evangeliums, uns heilig zu machen, damit wir glücklich vor Gott sind; das ist eine Anstrengung, die oft gemacht wird, aber die immer vergeblich bleibt. Um in der Praxis heilig zu sein, macht die Gnade uns zuerst glücklich. Er, der allein der Heilige war, starb für uns, die wir in Unheiligkeit und im Bösen lebten, um uns Frieden und Freude im Glauben zu schenken. Durch seinen Tod hat Christus das für uns erworben, und die Gnade Gottes segnet uns gerechterweise im Glauben an Ihn. Das ist vollkommen in Übereinstimmung mit Gottes Herz, mit seinen Gedanken und seinem Wort; denn sein Wort war für uns geschrieben, damit wir als Gläubige teilhaben sollten an seiner Freude in der Liebe.

Haben wir uns von dem Text und der Auslegung entfernt? Von keinem von beiden. 3. Mose 16 hielt uns das Bild von dem Sühnungswerk vor Augen, Hebräer 9 erklärt, dass, nachdem Christus gekommen ist und sein Blut als Sühnung vergossen hat, jetzt durch Glauben ewig andauernder Segen empfangen werden kann. Was Aaron verboten war, sehen wir von einigen Augenblicken im Jahr ab, steht jetzt immer für jeden Christen offen, der Weg zum Heiligtum ist offenbart worden. Deshalb steht in Hebräer 10,19-22: „Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, und einen großen Priester haben über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens.“ So sind wir dort immer willkommen.

Aber es gibt noch eine andere Frucht des vollbrachten Werkes. Sein Blut hat auch die Kraft, unser Gewissen von toten Werken zu reinigen, um dem lebendigen Gott zu dienen (Heb 9,14). Die beiden Vorrechte gehen zusammen; wenn der Weg ins Heiligtum, wo Christus ist, offenbart worden ist, dann sind die Seinen jetzt willkommen, sich zu nahen, aber nur als solche, die gereinigt sind in ihrem Gewissen, nicht nur von den bösen, sondern auch von den toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen. Wie weit übertrifft unser Vorrecht das von Israel, von den Söhnen Aarons, ja, von Aaron selbst! Es gilt nicht nur zu sehen, dass der Weg offen ist und die Sünden getragen worden sind; vielmehr wird das Gewissen durch dasselbe Blut Christi, das alles Übrige vollbrachte, gereinigt. So macht das Licht Gottes umso klarer, was jenes Blut bewirkt hat.

Das Gewissen des Gläubigen, der in Liebe und Freiheit gestellt ist, um dem lebendigen Gott zu dienen, wird durch nichts getrübt. Das Werk Christi, das die toten Werke des Menschen ersetzt, behält immer seinen unveränderlichen Wert als unsere Grundlage vor Gott. Dasselbe wirksame Opfer Christi hat diese unschätzbaren Segnungen als Ganzes vollbracht. Solange die jüdische Hütte bestand, gab es nicht die Vergebung der Sünden für immer, sondern man wurde an sie erinnert, das Gewissen war vor Gott nicht gereinigt, und die Barriere zwischen Gott und Menschen hatte Bestand. Das Blut Christi hat alles für uns, die wir glauben, verändert. Und das ist kein Wunder. Das Gesetz hatte zum Ziel, die, die unter dem Gesetz standen, abzusondern, bis der Glaube kam; aber die Erfüllung von Gottes Willen durch Christus rückte all die leblosen Ersatzeinrichtungen und nutzlosen Bemühungen des Menschen beiseite. Dann kommt der Gläubige, der in seinem Gewissen und von seinen Sünden gereinigt ist, freimütig zu Gott ins Heiligtum.

Diese Nähe zu Gott wurde beim Tod Christi deutlich, so wie der Tod der Söhne Aarons der Zeitpunkt war, als sogar Aaron aus Gottes Gegenwart entfernt wurde. Warum das? Weil seine Söhne schwer gesündigt hatten. Gott hatte sein Feuer vom Himmel geschickt, um das Brandopfer zu verzehren. Sie verachteten dieses Feuer und damit den Geber selbst. Sie glaubten, dass jedes Feuer den gleichen Zweck erfüllen würde; normales Feuer könnte ebenso Weihrauch verbrennen wie sein Feuer. O, wie ist der Mensch doch geneigt, die Gnade Gottes für nichts zu achten, wie reich sie auch sei. Gott hatte das Siegel göttlicher Annahme festgesetzt; aber das gab Nadab und Abihu nur die Gelegenheit zu beweisen, wie ihre Herzen gänzlich gefühllos waren für seine Herrlichkeit und für seine Gnade. Der HERR hatte sich in Gnade herabgelassen, das Feuer von sich aus zu schicken, um das Brandopfer und das Fett zu verzehren. Deshalb war es ihre Aufgabe, das heilige Feuer zu bewahren. Aber diese beiden Söhne Aarons nahmen schamlos gewöhnliches Feuer; und wenn Gott dies hätte durchgehen lassen, hätte Er sozusagen seine eigene Verunehrung geheiligt und besiegelt. Konnte Gott das? Unmöglich. Gott richtete sie. Sie sündigten zum Tod. Nicht jeder Sünder sündigt auf diese Weise zum Tod. Es gab damals und es gibt heute Sünde zum Tod (1. Joh 5,16). Das ist Sünde, die unter besonderen Umständen zur Verunehrung Gottes beiträgt. Gott hatte gerade ein besonderes Werk der Gnade aufgerichtet und zeichnete darin Israel als sein Volk aus; und sofort verachteten die beiden Söhne Aarons seine Gnade und starben dafür sofort, auf ernste Weise und vor aller Augen.

Wie deutlich war es für Israel auch am großen Sühnungstag, dass Gottes auserwähltes Volk sich nicht zu Gott im Heiligtum nahen konnte! Sogar der Priester konnte nicht innerhalb des Vorhangs gehen. Nein, nur der Hohepriester Aaron konnte allein an diesem Tag im Jahr für kurze Augenblicke den allerheiligsten Ort betreten, und das nur mit Weihrauch und Blut. Was bedeutete all dies? Dass der Weg zum Heiligtum noch nicht offenbart worden war. Jetzt ist er offenbart. So zerriss, als Christus starb, der Vorhang des Tempels von oben bis unten. Könnte man sich einen deutlicheren Beweis vorstellen? Für die, welche Augen hatten zu sehen, war es klar, dass die levitische Einrichtung abgeschafft und dass etwas Neues von Seiten Gottes durch Christi Tod gekommen war. Das trifft in der Tat den Kern des Christentums. Der Weg zum Heiligtum ist offenbart worden.

Mein Bruder, genießt du jetzt diese friedvolle Freude? Genießt du bewusst die gegenwärtige Nähe zu Gott? Wozu ist es gut zu wissen, dass der Weg zum Heiligtum offenbart worden ist, wenn du nicht durch Glauben Tag für Tag hineingehst und dir dadurch die unendlichen Reichtümer der Gnade Gottes dir gegenüber zu Eigen machst? Das gilt für jeden, der teilhat an der himmlischen Berufung. Der Vorhang, den Gott zerriss, war das Todesurteil des Judentums. Natürlich konnte der Mensch den Vorhang wiederherstellen - aber nur der Mensch ohne Gott. Der Vorhang wurde durch kein Wort von Gott wieder aufgerichtet. Für den Christen ist er für ewig beseitigt, ebenso wie das irdische Opfer, der Altar und der Priester. Dies dient deshalb dazu, um in der anschaulichsten Weise den wesentlichen Unterschied zwischen der jüdischen Form der Sühnung und dem zu zeigen, was der Christ in Christi Tod besitzt.

Wer kann leugnen, dass bei der jüdischen Einrichtung die Schranke sogar für Aaron mit Ausnahme von wenigen Augenblicken unüberwindbar blieb? Es tut nichts zur Sache, ob es ein Samuel oder ein David, ein Jesaja oder ein Daniel war - es gab keinen freien Zugang zum Heiligtum. Der Glaube oder heilige Charakter des Hohenpriesters machte, was dies betrifft, keinen Unterschied. Der HERR erschien in der Wolke über dem Deckel, und sogar Aaron durfte nicht zu jeder Zeit innerhalb des Vorhangs treten, sonst wäre er gestorben. An jenem einen Tag gab es ein besonderes Sündopfer zur Sühnung; nur dann durfte er unter genauester Beachtung der Vorschriften Gottes eintreten, um für sich und sein Haus und für das Volk Sühnung zu tun. Der Weg dahin war ansonsten immer verschlossen.

Was finden wir bei der Geburt und in dem Leben unseres gelobten Herrn Jesus? Gott kam in der Person Christi zu den Menschen. Und was wurde im Tod des Herrn offenbar? Dass der Mensch, der gläubige Mensch, jetzt freimütig zu Gott kommen kann. Der Ungläubige ist für all diese unübertrefflichen Segnungen blind. Gott kam in Christus zu den Menschen, den Gläubigen und den Ungläubigen; aber die ungläubigen Menschen erhoben sich gegen Ihn, ja sie verstießen und kreuzigten Ihn. Aber gerade in dem Kreuz unseres Herrn Jesus wurde ein neuer und lebendiger Weg von Gott eingeweiht. Derjenige, der jetzt an seinen Namen glaubt, hat die Freimütigkeit, zu Gott hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, durch den Vorhang hin. Und Er hat Christus als den großen Priester über das Haus Gottes. In der Erfüllung der levitischen Bilder sind unsere Herzen besprengt und gereinigt von einem bösen Gewissen, und unser Leib ist mit seinem Wasser gewaschen. Der Christ hat das als eine feste und bleibende Wirklichkeit, was der Jude nur der Form nach hatte. Das Wort Gottes hat sein Herz durch den Glauben gereinigt. Da ist nur einer, dessen Tod die Grundlage für dieses Recht des Hinzutretens zu Gott gelegt hat; und diese Grundlage bleibt unangefochten und lebendig, bis der letzte an unseren Herrn Gläubige hingeht, um für ewig bei Ihm zu sein. Wir werden Ihm alle persönlich dort begegnen, wohin unser Glaube jetzt eindringt. Das ist das Christentum, und das ist unsere sichere Hoffnung.

Lieber Leser, stützt du dich bewusst auf das Sühnungswerk Christi? Es ist sicherlich mehr in dieser Person zu finden als das, was wir im Brief an die Hebräer lesen. So kann man nicht an Christus glauben, ohne das Leben in seinem Namen zu empfangen. Der Gläubige braucht göttliches Leben, um Gefühle zu haben, die in Übereinstimmung mit Gott sind, - Gefühle, die das Böse hassen und die lieben, was gut ist. Christus ist für jeden, der an Ihn glaubt, ewiges Leben. Er ist ihr Leben, ebenso wie Adam das Haupt des natürlichen Lebens für die Menschheit im großen und ganzen war; und es ist gut zu beachten, dass Adam erst praktisch jenes Haupt und die Quelle des Lebens wurde, als er ein Sünder war. So wird Christus der Geber des ewigen Lebens, nachdem sein ununterbrochenes Werk des Gehorsams bis zum Tod vollbracht war. Der Gerechtigkeit wurde vollkommen Genüge getan und Gott in Ihm völlig verherrlicht.

Christus steht deshalb im gesegneten Gegensatz zu Adam. Als der Herr von den Toten auferstand, hauchte Er in seine Jünger den Odem neuen Lebens in Auferstehungskraft, des Lebens, das für den Christen kennzeichnend ist. Aber das ist ebenso wenig das Thema des Hebräerbriefes wie die Taufe mit dem Geist, wodurch der Leib Christi gebildet wird; doch jeder kann die beiden Dinge sehen, die notwendig waren, nicht allein seinen Tod, sondern auch das Leben, das Er ist und das Er uns gibt. Welch eine Vermessenheit wäre es, wenn wir annehmen würden, dass das gesegnete Leben Christi auch einem Menschen gegeben werden könnte, der noch gegen seine unvergebenen Sünden kämpft! Wie passend ist es dagegen, dass das auferstandene Leben da ist, wo die Sünden durch sein Blut ausgelöscht sind! Diese beiden Vorrechte der Gnade sind unbedingt nötig, und beide werden zugleich dem Christen gegeben. Deshalb, wenn Christus durch Glauben angenommen wird, erhält der Gläubige beide. Welch eine Barmherzigkeit, dass die Gaben der Gnade so vereint sind! Denn sie werden dem Einfachsten durch den Glauben an Christus gegeben; sogar jemandem, der weder lesen noch schreiben kann, einem alten armen Mann oder einer alten Frau, einem kleinen Kind, wenn nur der Geist Gottes die Unterwerfung des Herzens gegenüber Christus, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, hervorbringt. Wenn du fragst, ob das ausreichend ist, dann ist die Antwort: für alle Ewigkeit. Denn „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Heb 13,8).

Für den Juden gab es einen Turnus von täglichen, monatlichen, jährlichen und anlassbedingten Opfern. Aber eines der charakteristischen Merkmale des Christentums ist es, dass es nur ein Opfer gibt, das Gegenbild, das allen Vorbildern entspricht und noch unendlich viel mehr ist alle zusammen. Geopferte Tiere konnten nur Schatten sein; das Werk Christi ist die göttliche Wirklichkeit. In dem Opfer Christi ließ Gott uns sehen, worauf Er ruhen konnte, eine Vollkommenheit, die in der Erprobungszeit des Alten Testamentes unmöglich war. Christus ließ nicht nur die Notwendigkeit dieser Vollkommenheit empfinden, sondern Er allein verschaffte sie auch zur Ehre Gottes und zum Segen des Menschen; und der Heilige Geist ist persönlich vom Himmel herab gesandt worden, um die Kraft und Freude von diesem allem in das Herz, die Seele, die Anbetung und den Gottesdienst des Christen zu bringen.

Wer das Evangelium annimmt, ist berechtigt, den Segen sofort zu empfangen. Sollte es doch irgendein Hindernis geben, so hat dies menschliches Denken und oft krankhaftes Empfinden zur Ursache; es ist nicht Gott, der die Seele abhält. Was diese Schwierigkeit betrifft, so ist der Herr geduldig und mitfühlend, aber es besteht auf seiner Seite keine Schwierigkeit; diese liegt einzig und allein auf der Seite dessen, der das Wort nicht richtig hört. Alte Gewohnheiten oder Gedanken oder auch Eigenwille wirken auf die eine oder andere Weise. Diese Dinge können die Ursache für ein Hindernis sein; aber Er ist treu und unveränderlich.

Denke an das schöne Beispiel von der syro-phönizischen Frau! Der Herr war für ihren Ruf bereit, sobald sie kam, aber war sie schon für den Herrn bereit? Sie hatte sich nicht vergegenwärtigt, wie weit sie von Ihm entfernt war. Aber der Herr brachte sie bis an diesen Punkt. Er war für die verlorenen Schafe aus dem Haus Israel allein gesandt. Als ihr Schreien inniger wurde, wie von jemandem, der dringend seine Hilfe braucht, gab Er ihr den Hinweis, dass es nicht schön sei, das Brot der Kinder den Hunden vorzusetzen. Das Licht leuchtete in ihre Seele hinein, die jetzt wahrhaft gedemütigt war; sie sieht in einem Augenblick die Notwendigkeit der Gnade. Indem sie ihren Fehler durch sein Wort korrigiert, nimmt sie nicht mehr einen Platz unter den Schafen ein, sondern nennt sich im Grunde nur einen kleinen Hund. Sie hatte keinen Anspruch zu erheben, sondern klammerte sich an souveräne Gnade, und sie fand weit mehr, als sie gesucht hatte. Wenn sie auch wirklich nicht ein verlorenes Schaf des Hauses Israel war, so wurde sie doch ein gerettetes Schaf des Herrn Jesus für alle Ewigkeit. Hier war ein Fall, der nicht so sehr ein Wunder, wie bei ihrer Tochter, sehen ließ, sondern das zukünftige Werk souveräner Gnade. Gott wollte all die Nachsicht, die Er in der Vergangenheit bewiesen hatte, rechtfertigen; aber Er ließ jetzt tiefere Ratschlüsse und Wege ans Licht kommen, als der Mensch sie vorher erkannt hatte oder erkennen konnte.

Deshalb zeigt das Evangelium uns nicht nur, dass Gott in dem Kreuz Christi gerechtfertigt oder, in der Sprache der Theologen gesprochen, befriedigt worden ist. Sicherlich sagt die Tatsache, dass Gott verherrlicht worden ist, viel mehr aus. „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm“ (Joh 13,31). Geht das nicht weit über jede Befriedigung hinaus? Selbst ein Mensch ist befriedigt, wenn er das bekommt, was er sich wünscht. Aber Gott wurde in Christi Tod verherrlicht. Und warum? Weil Gott an der ganzen Wirklichkeit, Tiefe, Höhe und Umfang des Werkes Christi in der Erlösung teilnahm. Alles, was in Gott und in den Menschen ist, wurde dadurch angesprochen und vollkommen entfaltet: Majestät und Erniedrigung, Gnade und Gerechtigkeit, Heiligkeit und Leiden für Sünden, Gehorsam und moralische Herrlichkeit. „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, so wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und sogleich wird er ihn verherrlichen“ (Joh 13,31.32). Gott als solcher wurde in dem verworfenen Christus, dem gedemütigten und gekreuzigten Sohn des Menschen verherrlicht. Jedes Attribut göttlicher Natur, jede Äußerung seines Wortes leuchtet am Kreuz zur Ehre Gottes. Deshalb setzte Gott sofort den auferstandenen Sohn des Menschen auf seinen eigenen Thron, nicht auf den Thron Davids, sondern zu seiner Rechten auf seinen eigenen Thron.

Während des ganzen Lebens Christi und seines Dienstes war der Vater vorher durch den in jeder Hinsicht und unter allen Umständen unerschütterlichen Gehorsam des Sohnes verherrlicht worden. Warum hören wir jetzt davon, dass „Gott“ verherrlicht worden ist und nicht der „Vater“? Weil die Sünde „Gott“ als den Richter über die Sünde in den Vordergrund bringt; denn die Sünde berührt das Gewissen des Menschen und zwingt ihn dann, an Gott zu denken. Denn trotz der bösen Gewohnheiten und der Härte des Menschen berührt Gott das Gewissen eines Sünders, der gewöhnlich zittert bei dem Gedanken an Tod oder Gericht. Aber wenn die Sünde bei dem Gewissen so wirkt, was empfand dann Gott über das selbstaufopfernde Werk des Herrn Jesus unter seinen eigenem Gericht über die Sünde und zu Gunsten der Sünder? Gott wurde sogar hinsichtlich der Sünde verherrlicht durch die Vollkommenheit, mit der Christus alle ihre Folgen in der Hand Gottes ertrug. Und was ist die Auswirkung von all diesem? Wenn Gott so und nur so verherrlicht wurde, wie Er es durch keine andere Person und auf keine andere Weise hätte werden können, wie zeigt Er dann sein Empfinden über den Wert des Sühnungstodes seines Sohnes?

Dieser Wert wäre wirklich sehr geschmälert worden, wenn nur die Weissagungen des Alten Testamentes für die Erde und das irdische Volk, selbst wenn dies bewusst geschehen wäre, erfüllt worden wären. Das Kreuz verkündigte, dass die Menschheit böse und verloren war, am allermeisten Israel. Und Gott nimmt den Sohn des Menschen „sogleich“ in seine eigene Herrlichkeit droben auf als einzige angemessene Antwort auf das Kreuz (Ps 8; 110). Der heilige Hügel Zion ist nicht heilig oder hoch genug für den Sohn des Menschen. Der „Beschluss“ (Ps 2) wird sicherlich zur rechten Zeit noch erfüllt werden. Aber was hat Gott jetzt getan? Er hat den auferstandenen Herrn zu seiner eigenen Rechten gesetzt. Der Mensch ist in seiner Person erhöht und teilt den Thron Gottes; das Alte Testament und das Neue Testament zeigen das.

Viele Könige hatten auf Davids Thron gesessen, und Gott wird diesem Thron noch mehr Ehre und Würde verschaffen, wenn Christus sich herablässt, um sich darauf zu setzen, und die Nationen zum Erbteil und die Enden der Erde zum Besitztum fordert und empfängt. Aber dies wird das zukünftige Reich sein und nicht die heutige Zeit des Christentums betreffen. Das Christentum gründet sich auf den gestorbenen, auferstandenen und durch Gottes Willen verherrlichten Christus. Und es stellt den Gläubigen in das Licht der himmlischen Gnade und Herrlichkeit in Christus und bringt die Seele in lebendige Gemeinschaft mit Gott dem Vater auf dem Boden der Erlösung entsprechend der Wirksamkeit des Blutes Christi, das ewig seine Kraft behalten wird. O, liebe Brüder, möchten wir doch nur unser eigenes Christentum erkennen. Wie viel mehr würden wir dann Christus kennen lernen und wie würden wir dann sein Werk besser schätzen!

Der Tod der unheiligen Söhne Aarons wurde der Anlass, um zu zeigen, wie unwürdig der Mensch war, sich dem HERRN zu nahen. Sogar Aaron durfte nicht zu allen Zeiten innerhalb des Vorhangs treten. Sonst hätte er sterben müssen (Verse 1 und 2). Aaron musste mit einem jungen Stier oder Kalb zum Sündopfer kommen. Er musste einen Widder zum Brandopfer bringen (Vers 3). Aaron musste den heiligen Rock aus Leinen anziehen. Er musste die Beinkleider von Leinen tragen und mit dem Gürtel von Leinen umgürtet sein, und er musste den Kopfbund von Leinen haben. Sein Fleisch musste er im Wasser baden, bevor er diese Gewänder anlegte (Vers 4). All dies sprach von innerlicher Unvollkommenheit und Unsauberkeit. Er war, so wie er dort stand, keineswegs würdig zum Zutritt zu Gott; und wenn er dorthin eintrat, hatte er Weihrauch und Blut bei sich.

Der Hohepriester erscheint nicht in seinem Amtsgewand, sondern in der Kleidung, die von unbefleckter Gerechtigkeit sprach, in den besonders heiligen Gewändern. Das war nicht seine gewöhnliche oder normale Kleidung. Der Hohepriester war durch reiche Gewänder ausgezeichnet, an denen Gold und Edelsteine ihren Platz hatten. Die heiligen „Kleider aus Leinen“ waren für das Sühnungswerk jenes Tages erforderlich.

Wir können hier beobachten, dass dieses besondere Auftreten des Hohenpriesters am großen Sühnungstag uns das Verständnis eines Verses erleichtert, der vielen, die sonst in der Schrift bewandert sind, zum Verhängnis geworden ist. In Hebräer 2,17 lesen wir: „Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen“.

Sünder mit Gott zu versöhnen ist genau die Wahrheit, die uns das Evangelium vorstellt. Aber Sünden zu versöhnen ist eine unglückliche Ausdrucksweise. In der englischen Authorised Version sollte auch nicht ausgedrückt werden, dass Gott jemals mit den Sünden versöhnt werden kann oder, dass Gott uns je mit unseren Sünden versöhnen wollte. „Versöhnung für Sünden“ ist eine dieser verbalen Versehen, die in dieser ansonsten bewunderungswürdigen Übersetzung vorkommen.

Die Ausdrucksweise der Schrift wenn es um Versöhnung geht, ist völlig anders, als wenn sie von Sühnung redet. Sühnung bedeutet in Bezug auf Sünden das Hinwegtun aus Gottes Gegenwart und in Bezug auf Gott Verherrlichung wegen der Verunehrung durch Sünden. Gott ist durch die Sünden beleidigt worden und gerechterweise empört über das, was eine direkte Verletzung seines Willens und seiner Natur durch den Menschen ist, der es wagt, sich seiner Autorität und seinen Geboten zu widersetzen. Sühnung ist die Maßnahme Gottes in seiner Gnade durch den Tod Christi, um auf einer gerechten Grundlage die Sünden zu sühnen und dem Schuldigen, der glaubt, zu vergeben. Deshalb ist es der einzige Weg, auf dem Er den Sünder mit sich rechtmäßig versöhnen kann. Darin wurde Gott ebenso wahrhaftig verherrlicht, wie die bußfertige Seele Ihm in Frieden nahe gebracht worden ist. Durch dieses Werk wurde das Angesicht Gottes dem Sünder gegenüber günstig gestimmt, sodass seine Sünden, die an Christus gerichtet wurden, für immer weggeschickt worden sind und nie wieder gefunden werden können. „Um die Sünden des Volkes zu sühnen“ ist hier also der richtige Sinn.

An dieser Stelle stolpern manche über den Text in Hebräer 2,17, weil der Hohepriester erst in seiner offiziellen Position in der Höhe ist, nachdem das Werk vollbracht ist. Seine eigentliche Sphäre ist im Himmel. Sie behaupten deshalb, dass die Sühnung erst nach seinem Tod, als Er in das Heiligtum droben einging, stattfand. Aber das untergräbt das Zeugnis Gottes über den Tod seines Sohnes. Es wird Ihm so ein imaginäres Werk zugeschrieben, als Er sich im Grab befand und in seinem körperlosen Zustand als Hoherpriester wirksam wurde. Es löscht den sühnenden Charakter seines Werkes, das am Kreuz vollbracht wurde, aus und setzt ein anderes Werk an dessen Stelle, was kein anderes ist. Es setzt die Versöhnung durch seinen Tod beiseite, außer wenn man in Erwägung zieht, dass Er uns durch ihn versöhnte, bevor diese erfundene und fremdartige Sühnung geschah, die im Himmel stattgefunden haben soll. „Euch... hat er aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod“ (Kol 1,22), sagt der Apostel - nicht durch ein späteres Werk im Himmel. Hier starb Er, hier wurde Er ohne Zweifel von der Erde auf das Kreuz erhöht - und nicht in den Himmel - jedoch war die Kraft seines Blutes sofort unbegrenzt und ewig gültig vorhanden. Kann man sich ein wunderbareres Schattenbild vorstellen als das, was Gott in der Kleidung und dem Handeln des Hohenpriesters gab? Der Hohepriester hatte an jenem Tag das Sühnungswerk für die Sünden zu vollbringen, was ebenso notwendig wie wirksam war. Trotzdem trug er nicht seine offizielle Amtstracht, sondern besondere Kleider.

Stimmt nicht dieses lehrreiche Bild ganz besonders mit den Tatsachen überein? Der Herr nahm die eigentlichen Funktionen seines Priestertums wahr, nachdem Er durch Leiden vollkommen gemacht worden war und gen Himmel aufgefahren war. Aber vorher war das Sühnungswerk vollbracht und angenommen worden. „Nachdem er durch sich selbst die Reinigung von den Sünden bewirkt, (hat) er sich gesetzt (…) zur Rechten der Majestät in der Höhe“ (Heb 1,3); ja, noch mehr: „Mit seinem eigenen Blut ist (er) ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte“ (Heb 9,12) - gerade dieser Text wird missbraucht, um den Irrtum zu bestärken, dass die Sühnung nur dann und dort geschah. Er erlangte jene Erlösung eigentlich weder im Himmel noch auf der Erde, sondern als am Kreuz „erhöht“. Da machte Gott Ihn, der keine Sünde kannte, zur Sünde; aber wenn das Sühnungswerk so vollbracht wurde, so drang seine Wirkung in jenem Augenblick in das Allerheiligste. „Es ist vollbracht“, sagte Er, der seine Seele in den Tod gab. Das Blut war für Gott im Heiligtum und für die Sünden des Menschen auf der Erde.

Die Wirklichkeit übertraf in jeder Hinsicht das Bild. Zu diesem Zweck wurde Er „von der Erde erhöht“. So zieht Er alle Menschen zu sich, nicht ausschließlich die Söhne Israels, sondern alle Menschen (Joh 12,32). Denn so wie das Kreuz jede Hoffnung von einem lebendigen Messias begrub, so liegt jede Hoffnung für den sündigen Menschen in einem gekreuzigten Heiland. Am Kreuz ertrug Er Gottes Gericht über die Sünde, während sich die Kraft seines Blutes unmittelbar ins Heiligtum erstreckte. Erst nach seiner Himmelfahrt und nachdem Er den Geist herab gesandt hatte, wurde das den Menschen auf der Erde gepredigt. Im Bild handelte der Hohepriester allein, und zwar nicht als normaler Vermittler, sondern in der außergewöhnlichen Stellung als der eine große Vertreter im Gericht über die Sünde vor Gott, sowohl für die himmlische Familie als auch für das irdische Volk. Er war noch nicht von Gott begrüßt worden, um seine hohenpriesterlichen Funktionen im Himmel auszuüben. Man könnte denken, dass, wenn der Hohepriester in seinem eigentlichen priesterlichen Gewand in das Heiligtum hineingegangen wäre, Christus im Himmel noch etwas Neues vollbrachte hätte, um die Folge von Handlungen, die den verschiedenen Teilen des Bildes entsprechen, zu erfüllen. Aber dieser Gedanke ist nicht richtig.

Aber sogar das Bild, wie es vor uns steht und wir es erfassen, sagt deutlich genug, dass, bevor der Hohepriester seine gewöhnliche Kleidung annimmt, er noch mit dem heiligen Leinen bekleidet etwas von tiefster Bedeutung vollzieht, und zwar nachdem er das Heiligtum verlassen hat. Denn erst dann bekennt er die Sünden auf den Bock, der sie fort trägt, damit ihrer nicht mehr gedacht wird. Wenn die Gläubigen auch nicht auf die Wiederkunft Christi vom Himmel zu warten haben, um dieses große Vorrecht aus seiner Stellvertretung zu genießen, so müssen wir uns doch vor einer zu technischen Behandlung des Bildes hüten. Diese Reihenfolge war für das Schattenbild nötig, um die Verheißung für Israel am Ende der Zeitalter deutlich zu machen. Im Gegensatz zu Aaron hatte Christus eine ewige Erlösung bewirkt, als Er in das Heiligtum hineinging. Das wirkliche Bild, die Wahrheit, hat eine unmittelbare Vollständigkeit und Einheit, die das Schattenbild nicht geben konnte. Denn das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht (Heb 7,19). Aaron stand unermesslich weit unter dem Heiland und seinem Werk am Kreuz.

Die Mittel aus der Schöpfung nützen nur für einen Augenblick als ein bloßes Zeugnis für die ewige Annahme der Person Christi und für die Wirksamkeit seines Blutes für uns. Das Opfer unseres Herrn war endgültig und vollständig. Wir brauchen an kein neues Opfer zu denken. In Ihm ist auch ewiges Leben, ebenso wie durch Ihn ewige Erlösung geschieht. Dadurch ist das Gewissen vollkommen von Sünden gereinigt. Wenn Er es nicht durch sein Blut, das einmal vergossen worden ist, gereinigt hat, was kann es dann reinigen? Christus leidet und stirbt nicht noch einmal.

Kommt jetzt der Einwurf, dass man im Lauf des Tages Unrecht tun kann, dass man in Sünde geraten kann? Hierfür hat Gott eine göttliche Vorkehrung getroffen, die die Seele wieder zu Recht bringt, indem sie sie in tiefer Demut daran denken lässt, was die Sünde Christus gekostet hat. Die Seele beugt sich Gott unter dem Gefühl der Unehre, die sie der Gnade solch eines Heilands bereitet hat. Das Werk Gottes wird durch den Geist angewandt, um den Beschmutzten zurechtzuweisen und in das Bekenntnis vor Gott zu bringen. Das „Waschen mit Wasser durch das Wort“ ist das markante Bild des Apostels, das dem Wasser der Reinigung von Übertretungen in 4. Mose 19 entspricht. Dies wird so oft angewandt, wie es nötig ist, aber warum kein Opfer? Weil das Opfer absolut vollkommen, ja, vollkommen machend bleibt. Das würde seine Wiederholung entsprechend der Argumentation des Hebräerbriefes einschränken. Doch muss etwas geschehen; und „wenn jemand gesündigt hat“, so „haben wir einen Sachwalter bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten“ (1. Joh 2,1).

Aber die Wahrheit, die vor uns im Mittelpunkt steht, ist die, dass das Sühnungswerk Christi, das die Sünden des Gläubigen auslöscht und sein Gewissen reinigt, für ewig vor Gott bleibt und dass eine Erneuerung ausgeschlossen ist. Das ist die reine und unwiderlegbare Lehre, die die Inspiration niedergelegt hat. Dieses Urteil des Heiligen Geistes kann nicht angefochten werden. Jede Form oder jede Maßnahme, Gott jetzt für unsere Sünden ein Opfer darzubringen, ist ein schamloser und gotteslästerlicher Angriff gegen das einmal durch Christus bewirkte Opfer. Das ist der größte Unglaube gegenüber seiner ewig bleibenden Wirksamkeit. Nicht nur ist das Opfer dem Wert nach ewig, sondern auch ohne Unterbrechung, was viel mehr ist. Christus hat sich für ewig zur Rechten Gottes niedergesetzt, denn durch ein Opfer hat Er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden. Ritualismus wie beim Katholizismus ist eine abtrünnige Verdrehung der Wahrheit des Evangeliums und eine vergebliche und böse Anstrengung, irdische Priester und natürliche Opfer wiederaufleben zu lassen.

Weil die Menschen die wahre Reinigung von Sünden, die durch Christus bewirkt wurde (Heb 1,2) nicht kannten, griffen sie die Fabel vom Fegefeuer auf. So nimmt sich Kardinal Bellermin nicht nur Mohammedaner zur Hilfe, sondern auch Plato, Cicero und Virgil, als ob natürliches Licht oder vielmehr heidnische Finsternis für das, was über das Grab hinausgeht, möglicherweise ein Zeugnis geben könnte. So bezieht sich unser Landsmann Dr. Milner in seinem Werk „Ende des Streites“ auf dieselben Zeugnisse; denn moderne katholische Lehrer wiederholen nur dieselbe alte, traurige und verfälschende Torheit. Sie kennen alle das Wort der Wahrheit nicht, das Evangelium unserer Errettung, und ziehen sich wie Nachtvögel in die passende Finsternis des alten Heidentums oder des abtrünnigen Islams zurück. Sie setzen alles daran, sich dem Licht und der Liebe Gottes in Christus und seiner Erlösung zu entziehen, dass es nicht mehr ist als ein totes Dogma. Lebendige Seelen sollen seit dem Konzil von Trient unter Androhung des Bannfluches nicht auf die Liebe Gottes vertrauen.

Der Leser sollte sich bei diesem ernsten Thema vor den Historikern hüten. Selbst Hallam schreibt mit philosophischer Ruhe über das, was nicht nur Gottes Wahrheit und Herrlichkeit betrifft, sondern auch (was dem näher kommt) die ewigen Interessen jedes Menschen. Er bildet sich etwas darauf ein, alles Gute, was es nur gibt, über die tridentinischen Väter zu sagen und Luther frei genug zu beschimpfen. Aber wo ist der Glaube der Auserwählten Gottes angesichts dieser herzlosen Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit, die wahrscheinlich eher echt als geheuchelt ist? Ohne Zweifel ist auch der beste Mensch nicht frei von Fehlern, besonders in Zeiten der Erregung oder Gefahr. „Es ist aber gut, allezeit im Guten zu eifern“, sagt eine Autorität, die kein Philosoph ungestraft verachten kann. Auch ließ es der barmherzige Herr der Herrlichkeit nicht an einem Wehruf über die fehlen, die den Schlüssel der Erkenntnis wegnehmen und selbst nicht eingehen, sowie andere daran hindern, einzugehen.

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