Elia, der Tisbiter

Der Gott der Auferstehung

Elia, der Tisbiter

Nach einiger Zeit überschattete eine dunkle Wolke das Haus in Zarpat, in dem die Menschen die Güte Gottes täglich erfuhren, in dem das Wort Gottes geehrt wurde und in dem zweifellos auch jeden Tag gebetet wurde. Das einzige Kind der Witwe wurde krank und starb! Es handelte sich nicht um einen plötzlichen Tod, folglich gab es Tage schwerer Sorgen für die Mutter und ihren Gast, den Propheten. Bemerkenswerterweise war es auch der einzige Sohn einer Witwe, den der Herr Jesus im Tor Nains auferweckte (Lk 7,12), das Kind, das Er im Haus des Jairus auferweckte, war ebenfalls das einzige (Lk 8,42), und Lazarus, den Er aus der Gruft zu Bethanien herausrief, war der einzige Bruder (Joh 11).

Diese Art der Erprobung, die dem Haus das Kostbarste zu rauben scheint, ist immer besonders schmerzhaft. Doch solange wir hier noch zurückgelassen sind, sind Krankheit und Tod den Heiligen Gottes genauso nahe wie den übrigen Menschen. Wenn der Herr Jesus wiederkommt, wird sich alles wenden. Martha hatte ganz recht, als sie sagte: „Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11,21), denn in seiner Gegenwart kann der Tod nicht bestehen. Er ist der Herr über den Tod. Wie herrlich ist die Hoffnung der Christen! „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“, sagt der Apostel in 1. Korinther 15,51. Dies bedeutet, dass er seinen Lesern etwas mitteilen wollte, was bis dahin noch nicht bekannt war: „Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn posaunen wird es, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden“ (1. Kor 15,51.52). Dann ist der Tod verschlungen in Sieg, und im Licht dieser Hoffnung können wir in den zweifachen Ruf ausbrechen: „Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel?“ (1. Kor 15,55).

Der Herr Jesus stellte Martha die in Ihm wohnende Macht vor: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (Joh 11,25.26). Ob Ihn die trauernde Frau, an die Er sich wandte, verstand oder nicht, im Licht der Offenbarung aus 1. Korinther 15 wird die Bedeutung klar. Als die Auferstehung wird Er alle entschlafenen Heiligen bei seinem Herabkommen aus dem Himmel auferwecken. Und als das Leben wird Er die sterblichen und verweslichen Leiber der Seinen verwandeln und wird sie umgestalten „zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit“ (Phil 3,21). Diese verwandelten Leiber werden nie sterben.

Römer 8,11 spricht von Menschen, die der Herr bei seiner Rückkehr als Wartende finden wird: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes.“ Aus diesem wunderbaren Vers lernen wir, dass die Tatsache, dass unsere sterblichen Leiber die Wohnung des Heiligen Geistes sind, ein Grund dafür ist, dass die Gläubigen beim Kommen des Herrn verwandelt werden. Sie haben dadurch in den Augen Gottes einen geheiligten Charakter. Der Tod sollte kein Gegenstand der Furcht für Christen sein. Für diejenigen Heiligen, die vor dem großen Sieg unseres Herrn lebten, hatte er jedoch einen anderen Aspekt, sie waren „durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen“ (Heb 2,15). Unsere Stellung unterscheidet sich von der der alttestamentlichen Gläubigen darin, dass wir in der Lage sind, auf die leere Gruft des Sohnes Gottes zurückzuschauen und dann auf den Thron zu blicken, wo wir Ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt sitzen sehen. Der Herr sagte auf der Insel Patmos zu seinem zitternden Knecht Johannes, als Er seine Rechte auf ihn legte: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades“ (Off 1,17.18). Da wir zu dieser herrlichen Person gehören, stehen wir bewusst auf der Seite des Siegers. „Es sei Welt oder Leben oder Tod ...: Alles ist euer“ schreibt der Apostel frohlockend den Korinthern (1. Kor 3,22). Den Römern schreibt er, dass uns nichts zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes – auch nicht der Tod (Röm 8,38.39)!

Das Haus in Zarpat befand sich wahrscheinlich über viele Wochen hinweg in Ruhe und Frieden. Es war dort alles ausreichend vorhanden, und die drei Personen lebten in der Gewissheit der besonderen Fürsorge und des Interesses des Herrn. Dann plötzlich erschien diese dunkle Wolke. Krankheit trat in das Haus und sie endete mit dem Tod des einzigen Sohnes der Witwe. Wie viele Häuser von Gläubigen haben die gleichen schmerzlichen Erfahrungen gemacht! Wie oft haben wir vor dem Thron der Gnade gesagt: „Herr, siehe, der, den du lieb hast, ist krank“ (Joh 11,3), und vielleicht waren wir dann später auch gezwungen, unter Tränen zu sagen: „Herr, wenn du hier gewesen wärest ...“ (Joh 11,21.32).

Häufig gebraucht der Herr Krankheiten und Todesfälle in einer erzieherischen Art. Vielleicht haben sie sogar häufiger diese Absicht, als unsere trägen Herzen es sich vorstellen können. Sicherlich haben auch einige der Heiligen von Korinth diese Erfahrung gemacht. Wegen ihrer sorglosen Wege kam die Hand des Herrn über sie: „Deshalb sind viele unter euch schwach und krank, und ein gut Teil sind entschlafen“ (1. Kor 11,30). Da dies auch heute noch wahr ist, benötigen wir geistliches Urteilsvermögen, wenn wir für kranke Geschwister Fürbitte tun wollen. „Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, so wird er bitten, und er wird ihm das Leben geben, denen, die nicht zum Tod sündigen. Es gibt Sünde zum Tod; nicht für diese sage ich, dass er bitten solle. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; und es gibt Sünde, die nicht zum Tod ist“ (1. Joh 5,16.17). Manchmal fragen verblüffte Seelen, was das für Sünden sind, die Sünden zum Tod. Es gibt keine spezielle Sünde zum Tod. Zwei Brüder mögen auf die gleiche Weise versagen, doch der Herr, der alle Umstände berücksichtigt, mag den einen auf das Krankenbett legen und den anderen von dieser Erde wegnehmen. Es handelt sich dabei nicht um eine Frage der Errettung der Seele, sondern um die göttliche Zucht. „Wenn wir uns aber selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (1. Kor 11,31.32). Das Gericht über die Welt ist ewige Verdammnis, die niemals das Teil selbst des fehlerhaftesten Gläubigen sein wird.

Was Krankheit betrifft, müssen wir uns vielleicht mehr üben, als wir es bisher tun. Wenn Schwierigkeiten auftreten, sind wir zu schnell dazu bereit, nach dem Arzt zu rufen. Ebenso sind wir zu schnell dabei, den Herrn um Heilung zu bitten, wenn ein Mitgläubiger krank wird. Sollten wir nicht zuerst unsere Herzen und Gewissen vor Gott prüfen und uns bei Ihm erkundigen, warum diese Dinge über uns gekommen sind? Manchmal sind Menschen, die uns nahestehen, aus moralischen Gründen erkrankt. Diese Übungen mögen vorbeugenden Charakter haben, wie bei Hiob, oder zurechtbringenden Charakter. Auf jeden Fall aber sind Herzens- und Gewissensübungen vor Gott gut und werden gesegnete Ergebnisse hervorbringen. Es hat einmal jemand gesagt: „Solange unser Leben ruhig verläuft und unsere täglichen Bedürfnisse befriedigt werden, sind wir zu wenig geübt in Bezug auf das, was aus Gottes Sicht in unserem Leben das Selbstgericht erfordert. Doch durch besondere Prüfungen erwacht das Gewissen, der Blick wird klar, und vieles, was wir in der Vergangenheit in unseren Gedanken, Worten, Gewohnheiten und Wegen verkehrt gemacht haben, wird erkannt, bekannt und vor Gott gerichtet.“

Dies beschreibt genau das, was sich in Zarpat ereignete. Die schwer geprüfte Mutter hatte anscheinend sofort erkannt, dass hinter der Krankheit und dem Tod ihres Kindes die Hand Gottes wirksam war. „Da sprach sie zu Elia: Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Du bist zu mir gekommen, um meine Ungerechtigkeit ins Gedächtnis zu bringen und meinen Sohn zu töten!“ (1. Kön 17,18). Zarpat bedeutet „Schmelzhütte, Schmelzofen“, und die Witwe erlebte hier ihre Hitze. Aber wie bei Sadrach, Mesach und Abednego, die durch das Feuer von den Fesseln befreit wurden, die sie behinderten (Dan 3,19–27), ging auch diese Frau aus ihrem Leiden mit einer glücklichen Seele und einer tieferen Erkenntnis Gottes hervor. Offensichtlich gab es in ihrem Leben oder im tiefsten Innern ihrer Seele etwas, das sie eigentlich verbergen wollte. Doch Gott brachte es in seiner Güte auf seine Weise ans Licht.

„Wenn dein Weg durch feurige Drangsale führt,
wird meine allgenügsame Gnade für dich sorgen;
die Flamme wird dich nicht verbrennen:
Ich möchte nur deine Schlacken entfernen und dein Gold reinigen.“

(Richard Keen: How firm a foundation, dt. durch den Übersetzer)

Elia fühlte und erkannte die Lage. Es war ihm bewusst, dass es etwas mit diesem Schicksalsschlag zu tun haben musste, dass er in dieses Haus gekommen war. Er sagte zu der Mutter: „Gib mir deinen Sohn her. Und er nahm ihn von ihrem Schoß und brachte ihn hinauf in das Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett“ (1. Kön 17,19). Sein Gebet zu Gott vermittelt einen Eindruck von seinen zarten Empfindungen. Dieser ernste und strenge Mann, der einem zornigen König und einer gottlosen Nation zur Ankündigung des Gerichts entgegentreten konnte, hatte tiefes Mitgefühl mit dieser armen Frau, die er kennengelernt hatte und deren Herz nun so sehr verwundet war. Zweimal wandte sich der Prophet an den Herrn. In dem ersten Ausspruch, in welchem wir sein Mitgefühl erkennen können, sagte er: „HERR, mein Gott, hast du gar an der Witwe, bei der ich mich aufhalte, übel getan, ihren Sohn zu töten?“ (1. Kön 17,20). Dann streckte er sich dreimal über das Kind aus, als wollte er anerkennen, dass er in sich selbst so schwach war wie der tote Knabe. Danach sprach er das zweite Mal zu dem Herrn. Es fällt auf, dass es beide Male heißt (in V. 20 und V. 21): „Und er rief zu dem HERRN“. An dem Wort „rief“ sollten wir beim Lesen der Heiligen Schrift nicht leichtfertig vorübergehen, denn es drückt ein äußerstes Sehnen aus. So stand auch unser Herr an dem Laubhüttenfest in Jerusalem auf und „rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke!“ (Joh 7,37). Wie sehnte Er sich nach unseren armen und bedürftigen Seelen!

Ein solches Gebet, wie es Elia über dem toten Kind aussprach, war wohl noch nie zuvor zum Himmel aufgestiegen: „HERR, mein Gott, lass doch die Seele dieses Kindes wieder in sein Inneres zurückkehren!“ (1. Kön 17,21). Wunderbar! In der Heiligen Schrift gibt es keinen früheren Bericht darüber, dass irgendein Mensch, Jude oder Heide, alt oder jung, jemals aus dem Tod zurückgekehrt ist. Und doch betete der Prophet dafür! Sein Glaube stand auf der gleichen Höhe wie der Glaube Abrahams auf dem Berg Morija, als er Isaak auf den Altar legte, „wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing“ (Heb 11,19). Abraham und Elia glaubten beide, dass für Gott kein Ding unmöglich ist (Jer 32,17.27; Mk 10,27; Lk 1,37) und dass sogar der Tod keine Schwierigkeit für Ihn bedeuten würde. Doch es war eine Sache für Abraham, damit zu rechnen, dass Gott einen Knaben vom Tod auferwecken würde, und eine andere Sache für Elia, ausdrücklich darum zu bitten, dass Gott dieses große Wunder bewirken möchte.

Es fällt auf, wie kurz und bestimmt das Gebet Elias war. Sollten wir daraus nicht auch etwas für uns lernen? Gehen wir mit einem bestimmten Anliegen zu unseren Gebetsversammlungen? Oder besuchen wir sie aus bloßer Macht der Gewohnheit (zugegebenermaßen einer guten Gewohnheit) mit ungeübten und unvorbereiteten Herzen? Wenn dem so ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die eintönige Aneinanderreihung von Worten, denen wir manchmal zuhören müssen, kein eigentliches Ziel hat und deshalb auch zu nichts führt. Das Gebet ist eine dringende Notwendigkeit – sollten wir nicht danach trachten, richtiges Beten zu lernen?

Der Herr hörte und antwortete auf das kurze Gebet Elias, „und die Seele des Kindes kehrte wieder in sein Inneres zurück, und es wurde lebendig“ (1. Kön 17,22). Mit ruhiger Würde führte Elia den Jungen aus dem Obergemach herunter und sprach zu der Mutter: „Siehe, dein Sohn lebt!“ (1. Kön 17,23). Die Erwiderung der Frau ist erstaunlich: „Jetzt erkenne ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass das Wort des HERRN in deinem Mund Wahrheit ist“ (1. Kön 17,24). Über Elisa sagte die Sunamitin zu ihrem Ehemann: „Sieh doch, ich merke, dass dieser ein heiliger Mann Gottes ist, der ständig bei uns durchzieht“ (2. Kön 4,9). Elisa war auf seinen Reisen einige Male in ihr Haus zum Essen eingeladen gewesen, und sein Verhalten war der Anlass zu der Bemerkung dieser Frau. Doch die Sunamitin stand geistlich auf einer höheren Ebene als die Sidonierin, denn sie erkannte in ihrem Besucher einen Mann Gottes, bevor dieser irgendein Wunder bewirkt hatte. Die Sidonierin brauchte ein Wunder, um zu dieser Schlussfolgerung geführt zu werden. Und doch sind beide Frauen miteingeschlossen in die Galerie der Glaubenshelden Gottes in den Worten: „Frauen erhielten ihre Toten wieder durch Auferstehung“ (Heb 11,35).

Wir dürfen Gott heute ausdrücklich als den Gott der Auferstehung kennen. Er hat Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt, „der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25). Dies ist die Sicherheit für jede Segnung eines jeden Glaubenden. Und es erinnert uns auch daran, dass unsere Segnungen ganz und gar außerhalb dieser Welt liegen. Wir kennen Christus nicht nach dem Fleisch (2. Kor 5,16), wir kennen Ihn als auferstanden und erhöht zur Rechten Gottes. Gott sieht uns als mit Christus auferweckt und möchte nun von uns, dass wir auf das sinnen, „was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist“ (Kol 3,2). Der Apostel Paulus war davon so tief beeindruckt, dass er sich danach sehnte, die Kraft seiner Auferstehung zu erkennen (Phil 3,10). Wahrscheinlich hat niemals jemand mehr davon erkannt als Paulus, und doch sehnte er sich so danach, einen sicheren Halt in dem zu erlangen, was die Auferstehung Christi für ihn bewirkt hatte, dass es ihn Tag für Tag völlig beeinflusste.

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