Elia, der Tisbiter

Das Mehl und das Öl

Elia, der Tisbiter

Wo der Bach Krith auch gewesen sein mag (die genaue Lage ist nicht bekannt), Elia musste sicherlich viele Kilometer auf Landstraßen gehen, bevor er Zarpat erreichte. Auf diesem Weg wird er auch selbst einige der verheerenden Folgen der großen Dürre gesehen haben. Er konnte nicht mit dem Psalmisten sagen: „Die Weidegründe bekleiden sich mit Herden, und die Täler bedecken sich mit Korn; sie jauchzen, ja, sie singen“ (Ps 65,14). Er wird stattdessen fruchtlose Felder, kahle Bäume und ausgetrocknete Wasserläufe gesehen haben. Er hätte mit dem Propheten Joel sagen können: „Wie stöhnt das Vieh! Die Rinderherden sind bestürzt, weil sie keine Weide haben; auch die Kleinviehherden büßen“ (Joel 1,18). Als einer, der das Volk liebte, konnte Elia nicht anders, als diesen Zustand zu beklagen. Es handelte sich schließlich um das von dem Herrn auserwählte Land, von dem Er kurz vor der Eroberung noch gesagt hatte: „[Es] ist ein Land mit Bergen und Tälern; vom Regen des Himmels trinkt es Wasser; ein Land, auf das der HERR, dein Gott, achthat: Beständig sind die Augen des HERRN, deines Gottes, darauf gerichtet, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres“ (5. Mo 11,11.12). Die Sünde bringt jedoch immer bittere Folgen hervor. Mögen wir uns in Acht nehmen, damit wir nicht in irgendeiner Hinsicht unter die züchtigende Hand Gottes kommen.

Als Elia sich Zarpat näherte, wird er sich natürlich gefragt haben, bei wem er wohl Unterkunft finden sollte. Wie sollte er die richtige Witwe finden? Bald sah er eine Frau, die Holz auflas. Sprach er nun im stummen Gebet mit Gott, wie es auch Nehemia tat (Neh 2,4)? Diese heilige Angewohnheit sollten wir alle auf jedem Schritt unserer Wüstenwanderung pflegen (ein schönes Beispiel hierfür finden wir in 1. Mo 24,42–48). Gab der Herr Elia seinen Willen zu erkennen, wie Er es bei Samuel im Haus Isais tat? Samuel war dorthin gesandt worden, um einen König über Israel zu salben. Sieben Söhne Isais waren vor ihm vorübergegangen, doch der Prophet konnte jedes Mal nur sagen: „Auch diesen hat der HERR nicht erwählt“ (1. Sam 16,8.9). Nachdem dann aber der vorher unberücksichtigt gebliebene David vom Feld hereingeholt worden war, sprach der HERR: „Auf, salbe ihn; denn dieser ist es!“ (1. Sam 16,12).

Als Elia nun der Witwe, von welcher der Herr zu ihm geredet hatte, Auge in Auge gegenüberstand, bat er sie um einen Schluck Wasser. Auf die gleiche Weise bat auch der Herr Jesus die samaritische Frau um Wasser. Als die Witwe sich umwandte, um das Wasser zu holen, rief Elia ihr zu und sprach: „Hole mir doch einen Bissen Brot in deiner Hand!“ (1. Kön 17,11). Dieses Begehren brachte den mittellosen Zustand der Frau ans Licht. Sie sagte: „So wahr der HERR, dein Gott, lebt, wenn ich etwas Gebackenes habe, außer einer Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug! Und siehe, ich lese ein paar Holzstücke auf und will hineingehen und es mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir es essen und dann sterben“ (1. Kön 17,12). Wahrhaftig, eine mitleiderregende Geschichte! Es fällt dabei auf, dass sie den Namen des Herrn in die Angelegenheit hineinbringt. Das ist wunderbar! Während das törichte Volk Israel dem einen wahren Gott seinen Rücken zukehrte und Ihm die falschen Götter der Sidonier vorzog, war hier eine Frau, die trotz der sie umgebenden unheiligen Einflüsse glaubte, dass der Gott Israels der wahre Gott ist! Hierin erinnert sie uns an Rahab (Jos 2,9–11).

Es ist wichtig, uns daran zu erinnern, dass Gott, obwohl Er zu keiner Zeit eine Bündnis-Beziehung zu irgendeiner Nation außer Israel eingegangen ist, doch immer auch anderswo einzelne wahre Heilige gehabt hat. Als Petrus das Haus des Kornelius betrat, musste er dies anerkennen (Apg 10,34.35). Der Glaube der Witwe beim Zusammentreffen mit Elia war jedoch auf einem niedrigen Stand. Sie sprach nicht von „meinem Gott“, wie Paulus in Philipper 4,19. Ihr Herz war durchaus dem Herrn zugewandt, ein anderer Gott hatte darin keinen Raum, aber vielleicht dachte sie, dass Er sie vergessen hätte. Ihre Sprache zeugt von Verzweiflung. Sie stand im Begriff, ihren letzten Kuchen zuzubereiten, danach wollten sie und ihr Sohn sich hinlegen, um zu sterben!

Wenn die Hand Gottes in seinen Regierungswegen auf irgendeiner Nation liegt, müssen seine Heiligen diese Situation der Gottlosen, deren böse Taten das Gericht herbeigerufen haben, wenigstens in einem gewissen Maß teilen. Aber die Heiligen haben zu jeder Zeit die tröstliche Zuversicht, dass Er für sie sorgt, dass seine Augen auf einem jeden Einzelnen ruhen, und dass Er es nicht zulassen wird, dass eines seiner Kinder über sein Vermögen versucht wird (1. Kor 10,13). Auf diese Weise lernen die geprüften Kinder Gottes kostbare Lektionen und empfangen aus der Not sogar reiche Segnungen, während andere sich möglicherweise unter der Hand Gottes krümmen und sie vielleicht verfluchen.

Wie wahr ist doch der Ausspruch: „Die Verlegenheiten des Menschen sind die Gelegenheiten Gottes.“ In dem Haus der Witwe konnten nun große Segnungen genossen werden. In alle Ewigkeiten wird sie sich an die Handlungen des Herrn mit ihr erinnern. Und der Bericht dieser Handlungen ist seit nahezu dreitausend Jahren ein Ansporn für den Glauben der Heiligen Gottes.

Elia sprach zu ihr: „Fürchte dich nicht! Geh hinein, tu nach deinem Wort; doch bereite mir zuerst einen kleinen Kuchen davon und bring ihn mir heraus; und dir und deinem Sohn bereite danach zu“ (1. Kön 17,13). O wie segensreich sind Gottes „Fürchte dich nicht“! Wenn Elia nun nichts weiter gesagt hätte, hätten seine Worte herzlos und selbstsüchtig geklungen. Obwohl die Witwe gerade noch genug Mehl für einen einzigen Kuchen hatte, verlangte Elia von ihr, dass sie ihm zuerst einen Kuchen zubereiten sollte! Das Wort „zuerst“ muss deshalb gut beachtet werden. Elia stand vor der Frau als ein Repräsentant des großen Gottes und sein Begehren bedeutete deshalb im Grunde genommen, dass die Witwe zuerst Gott etwas bringen musste – sogar in dieser großen Krise ihres Lebens. Der Herr Jesus lehrte dies in Matthäus 6,33. Als Ihn einmal ein Mensch um die Erlaubnis bat, zuerst hingehen zu dürfen, um seinen Vater zu begraben, wies Er eine solche Gesinnung seiner Berufung gegenüber zurück (Lk 9,59.60). Bei jedem Einzelnen von uns muss Gott an erster Stelle stehen. Wo Er den rechtmäßigen Platz in den Herzen und im Leben seiner Heiligen einnehmen kann, ist reicher Segen die Folge!

Worauf gründete sich die anscheinend harte Forderung Elias? Er überbrachte der Witwe eine direkte und deutliche Botschaft von Gott: „Denn so spricht der HERR, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht ausgehen und das Öl im Krug nicht abnehmen bis auf den Tag, da der HERR Regen geben wird auf den Erdboden“ (1. Kön 17,14). Er hatte das Wort des Herrn bezüglich des Gerichts über Ahab zugesichert und sicherte es nun hinsichtlich der Segnungen für die Witwe zu. Ihr Glaube reagierte sofort „und sie ging hin und tat nach dem Wort Elias“ (1. Kön 17,15), das heißt also, dass sie zuerst einen Kuchen für Elia zubereitete und dann zu ihrem Entzücken feststellte, dass noch ausreichend Mehl im Topf war, um einen weiteren Kuchen für sich und ihren Sohn zuzubereiten. Sie erkannte, dass Gott treu zu seinem Wort steht. Für die ganze Zeit der Trockenheit wurden diese drei Personen durch Gott versorgt und ernährt. In der Bibel steht nicht, dass der Krug oder der Topf je bis oben hin aufgefüllt worden wäre, aber Tag für Tag war ausreichend für alle vorhanden.

Auf dem Grundsatz von Hebräer 13,5.6 sind wir berechtigt, unsere eigenen Erwartungen auf dieses Wort des Herrn an die Witwe zu Zarpat zu gründen. In Hebräer 13,5 führt der Schreiber Worte an, die an Josua gerichtet waren (vgl. Jos 1,5): „Ich will dich nicht versäumen und dich nicht verlassen“ – er gibt diese Worte wieder, als wären sie direkt an uns gerichtet. Und dann ermutigt er die Gläubigen dazu, kühn zu sagen: „Der Herr ist mein Helfer, und ich will mich nicht fürchten; was wird mir ein Mensch tun?“ Wir können darauf vertrauen, dass der Gott, der dem militärischen Befehlshaber Josua, auf dem große Verantwortung ruhte, gegenüber genauso treu war wie der Witwe und ihrem Sohn gegenüber, auch uns gegenüber treu ist!

Ein einziger Ausspruch von Gott war ausreichend in Zarpat. Ohne zu zögern, handelte die Witwe auf diesen Ausspruch hin. Sie stellte unter Beweis, dass das Wort Gottes wahr ist – und es ist zu allen Zeiten wahr! Wir aber besitzen etwas, das die Witwe nicht besaß: das ganze Wort Gottes. Was für ein geistlicher Reichtum! In jedem Abschnitt finden wir Botschaften Gottes für unsere Seelen. Aber haben wir sie uns schon zu eigen gemacht? Weiden wir uns an Treue, wie es in Psalm 37,3 heißt?

Die Heiligen früherer Zeiten können uns darin tatsächlich beschämen. Sie hatten nur so wenige Worte Gottes, doch wie viel haben diese ihnen bedeutet! Als Beweis dafür sollte der ganze Psalm 119 erwogen werden. Die Witwe zu Zarpat gab ihre ganze Habe auf einen einzigen Vers von Gott hin; Abraham baute alle seine Hoffnungen auf die Worte Gottes: „So wird deine Nachkommenschaft sein!“ (1. Mose 15,5.6). Matthäus gab aufgrund eines kurzen Befehls alles auf: „Folge mir nach!“ (Mt 9,9). Und Petrus setzte nach dem Erklingen eines einzelnen Wortes sein Leben aufs Spiel: „Komm!“ (Mt 14,29). Er stieg aus dem Boot und wandelte auf dem See – er fühlte sich dabei so sicher, wie auf der Kaimauer in Kapernaum. Hätte er seine Augen nicht von dem Herrn weggewendet und auf den Wind und die Wellen geblickt, so hätte er nie begonnen zu sinken.

Wie schmerzlich begrenzen wir unseren Gott! Es ist wahr, dass Er „über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als was wir erbitten oder erdenken“ (Eph 3,20). Dabei sollten wir niemals dem Beispiel gedankenloser und oberflächlicher Menschen folgen, die in diesen Vers ein „können“ einfügen. Wir „könnten“ größere Dinge erbitten, als wir es tun, und wir „könnten“ höhere Gedanken haben, als es bei uns der Fall ist, wenn nur unser Glaube einfacher und lebendiger wäre. Aber so sehr dies alles wahr ist, müssen wir doch im Umgang mit dem Wort Gottes sorgfältig die Unterschiede beachten. Als ein himmlisches Volk können wir nicht einfach Aussprüche auf uns anwenden, die eigentlich und richtig nur auf ein irdisches Volk angewandt werden können. Zum Beispiel lesen wir in Psalm 37,11: „Die Sanftmütigen werden das Land besitzen.“ Dies ist eine gesegnete Wahrheit für treue Israeliten, aber keiner, der Christus in seiner Verwerfung nachfolgt, braucht damit zu rechnen, ein großer Landeigentümer zu werden, wenn er in seinem Leben die Sanftmut pflegt – dies wird einfach nicht geschehen!

Wir können uns das Bild jenes glücklichen und zufriedenen Haushalts in Zarpat vor Augen malen. Das Mehl und das Öl hörten nicht auf, und die Frau und ihr Sohn zogen viel Nutzen aus den nützlichen Unterredungen mit Elia und aus seinen Gebeten. Zu diesem Zeitpunkt gab es wohl kein Haus auf der Erde, welches von Gott mehr begünstigt gewesen wäre. Die Speise deutet auf das hin, was die Seelen der Heiligen heute ernährt – das Mehl spricht von Christus und das Öl von dem Heiligen Geist. Das Wirken des Geistes Christi durch die Heilige Schrift gibt den Heiligen Gottes ausreichend Nahrung und bewahrt sie glücklich inmitten einer unzufriedenen und unglücklichen Welt.

Die Aufnahme der geistlichen Nahrung darf wie die natürliche Ernährung nicht vernachlässigt werden. Durch das Äußere wird dann sichtbar, dass der Wille Gottes gut ist und seine Resultate mehr als zufriedenstellend sind, wie bei Daniel und seinen drei Freunden. Deutlich und unmissverständlich wird gezeigt, dass Menschen, die mit Gott wandeln, ein unendlich besseres Teil besitzen, als Menschen, welche die gegenwärtige Welt lieben.

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