Die Welt der Engel

Engeldienste in den Evangelien

Die Welt der Engel

Ein weiterer Gerichtstag im Himmel. - Vierhundert Jahre des Schweigens. ‑ Zacharias und der Engel. ‑ Sendung Gabriels zu der Jungfrau von Nazareth. - Josephs Gesicht. - Warum die Engel in den Evangelien und im letzten Buche der Bibel so oft vorkommen. - Joseph wird durch einen Engel gewarnt. - Die Engel dienten dem Herrn während Seines ganzen Lebens. - Der Engel in Gethsemane. - Die Zeugen Seines Leidens und Todes. - Ihre Gegenwart bei Seiner Auferstehung und Himmelfahrt.

Endlich war die bestimmte Zeit gekommen. Vielleicht wurde im Himmel ein weiterer großer Gerichtstag abgehalten, größer als irgendeiner der vorhergehenden. - Die himmlischen Scharen umgaben den Thron in heiliger Ehrfurcht und tiefster Ehrerbietung, als für Ihn die Stunde anbrach, die Gestalt eines Menschen anzunehmen, der ein wenig unter die Engel erniedrigt werden sollte. O Wunder aller Wunder! Der Herr, der sie geschaffen hatte, durch den und für den alle Dinge gemacht wurden, den sie anbeten und verehren - Er ist im Begriff, den Himmel zu verlassen, und auf die Erde zu kommen, um alles zu erfüllen, was die Propheten über Ihn geredet hatten. Welch ein Tag muss das gewesen sein, als Gott Seinen Sohn aussandte, um Mensch zu werden! Vier Jahrhunderte des Schweigens waren vergangen, seit Maleachi die letzte Botschaft überbracht und auch seinerseits das Kommen des Herrn und Seinen Tag verkündigt hatte. Vierhundert Jahre lang hatte der Herr nicht mehr geredet, waren keine Engel erschienen. Wir wissen, dass in den so genannten Apokryphen zahlreiche Hinweise auf Engel enthalten sind; aber es bedarf keiner großen Unterscheidungsgabe, um zu sehen, dass das keine wahren Engel, und dass sie sehr verschieden von denjenigen sind, die in den reinen und ehrwürdigen Berichten des Wortes Gottes erwähnt werden 1. Diese apokryphischen Bücher sind von der wahren Kirche als nicht inspiriert verworfen worden, während die Römische Kirche sie gelten ließ, weil sie ihre schriftwidrigen Lehren und Gebräuche unterstützten. Im besten Fall stellen die in diesen Schriften beschriebenen Engelsoffenbarungen Berichte über den Aberglauben jener Jahrhunderte dar, in denen Gott nicht redete. Nun aber war der Augenblick gekommen, das Schweigen zu brechen.

Ein betagter Priester, ein gerechter Mann, einer von jenen, die dem Herrn vertrauten und in Glauben und Geduld des Trostes Israels, des Kommens des Messias, warteten, räucherte eines Tages im Tempel, während die Menge draußen wartete. Sein Name war Zacharias, d. h. „Der Herr gedenkt“. Und seine ebenfalls betagte Frau hieß Elisabeth, auf Deutsch „Gottes Eid“. Die Zeit war gekommen, da Gott Seines durch einen Eid bestätigten Bundes gedachte. Das Ehepaar hatte kein Kind, denn „Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren in ihren Tagen weit vorgerückt“ (Lk 1,7). Plötzlich, während Zacharias seines Amtes waltete, erschien an der rechten Seite des Altars ein Engel des Herrn. Der Engel spricht! Das vierhundertjährige Schweigen ist gebrochen. Vom Thron Gottes her brachte der Engel eine Botschaft: er verkündet die Geburt dessen, der vor dem fleischgewordenen Herrn der Herrlichkeit „in dem Geist und der Kraft des Elias“ hergehen werde, „um der Väter Herzen zu bekehren zu den Kindern und Ungehorsame zur Einsicht von Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten“ (Lk 1,17). Einige Monate später wurde Gabriel mit einer noch größeren Botschaft beauftragt. Er, der etwa sechs Jahrhunderte zuvor vom Himmel herabgesandt worden war, um klar zu verkündigen, wann Christus leiden sollte (Dan 9,24‑27), wird nun von dem Gerichtshof des Himmels in das arme Städtchen Nazareth gesandt. Dort wohnte jene Jungfrau, von der Jesaja sagt, „die Jungfrau wird schwanger werden, und einen Sohn gebären, und wird Seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14). Eine bedeutungsvollere Botschaft war nie vom Himmel auf die Erde gelangt. Wir können uns wohl vorstellen, mit welch tiefer Ergriffenheit die Engelwelt an diesen Vorgängen teilnahm und den Erdentagen des Sohnes Gottes entgegenblickte.

Gleich dem Engel, der zu Zacharias redete, sprach auch Gabriel: „Fürchte dich nicht!“ Die ersten Worte, die er an Maria von Nazareth richtete, waren Worte der Seligpreisung: „Sei gegrüßt, Begnadigte! der Herr ist mit dir; gesegnet bist du unter den Weibern!“ 2 Dann folgt die große, herrliche Ankündigung: „Siehe, du wirst im Leibe empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst Seinen Namen Jesus heißen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird Ihm den Thron Seines Vaters David geben; und Er wird über das Haus Jakobs herrschen ewiglich, und Seines Reiches wird kein Ende sein“ (Lk 1,31-33). Als Antwort auf ihre Frage: „Wie wird dies sein?“ sprach der Engel zu ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden.“ Wie einfach und doch wie tief ist diese Engelbotschaft, wie übersteigt sie alles menschliche Begriffsvermögen! Gabriel selbst wird diese kostbaren Worte in heiliger Ehrfurcht geäußert haben.

Die Engel waren Zeugen gewesen, als der dreieinige Gott den Menschen aus dem Staub des Erdbodens bildete. Der zweite Mensch bedurfte nicht der Erschaffung, denn Er ist der Herr; „Seine Ausgänge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her“ (Micha 5,1). Er kommt, um den menschlichen Leib anzulegen, und dieser Leib wurde durch das Wirken der dritten Person der Heiligen Dreieinheit ins Dasein gerufen. Die Kraft des Höchsten überschattete die Jungfrau. Dies ist das große Geheimnis, darein sich die unzählbaren Engelscharen in heiliger Ehrfurcht vertieften. Was mögen sie empfinden, wenn sie sehen, wie der Mensch, der Staubgeborene, für den Gott Seinen eingeborenen, geliebten Sohn sandte, sich mit verdunkeltem Geist und ungläubigem Herzen von dem Geheimnis der Gottseligkeit (1. Tim 3,16) wegwendet und sich weigert, an den zu glauben, den der Vater gesandt hat! Wir meinen, die Engel schaudern und zittern, wenn sie hören, wie häufig die jungfräuliche Geburt von der heutigen, religiösen Welt geleugnet wird.

Ein Engel des Herrn erschien Joseph, dem Maria, die Jungfrau, verlobt war. Er ist ein gerechter und zartfühlender Mann von vortrefflichem Charakter; als Maria schwanger erfunden wurde von dem Heiligen Geiste, wollte er sie nicht öffentlich zur Schau stellen, gedachte aber, sie heimlich zu entlassen. „Indem er aber solches bei sich überlegte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geiste.“ Joseph gehorchte der Weisung des Engels: „Joseph aber, vom Schlaf erwacht, tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm sein Weib zu sich; und er erkannte sie nicht, bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte; und er hieß Seinen Namen Jesus“ (Mt 1,18-25).

Die denkwürdige Nacht ist da; das lang erwartete Kind liegt in der Krippe zu Bethlehem, der Weibessame ist gekommen. In jener Nacht waren alle Himmel, ja das ganze Weltall in Bewegung von den Engeln Gottes, denen bewusst war, was vor sich ging. Die Erde allein weiß nichts von dem großen Ereignis. Hirten, die des Nachts auf freiem Felde Wache hielten über ihre Herde, wurden plötzlich durch das Erscheinen eines Engels des Herrn in Schrecken versetzt 3. Diese Hirten gehörten zu den Frommen in Israel, die auf den verheißenen Erlöser-König warteten. Vielleicht hatten sie gerade in jener Nacht über dies alles gesprochen und, wie alle frommen Juden, für das Kommen des Sohnes Davids gebetet. Die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie, und in dieser Herrlichkeit erblickten sie einen Engel, den Boten Gottes. Kein Wunder, dass sie tief erschraken, bevor der Engel seine Botschaft ausrichtete. „Fürchte dich nicht“, hatten Zacharias und Maria von Nazareth vernommen, und auch dieser Engel sprach: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn euch ist heute ein Erretter geboren in Davids Stadt, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,10.11). Welch eine herrliche Nachricht brachte dieser himmlische Bote zur Erde hernieder! O dass die Menschen sie hören und glauben möchten! „Und plötzlich war bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen, welche Gott lobten und sprachen: Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Es muss eine gewaltig große Schar gewesen sein, deren Lobpreisungen und Freudenrufe nicht nur zu den Hirten drangen, sondern auch emporstiegen, und überall, wo Engel wohnen, mag derselbe Jubel ertönt sein. Die himmlischen Heerscharen hatten seit viertausend Jahren die Vorbereitung zur Erlösung beobachtet, waren vom Herrn in Seinem Dienst und in den Kämpfen auf Erden verwendet worden; sie hatten die ganze Zeit hindurch auf die Stimme der Propheten gelauscht und immer begehrt, in diese Dinge hineinzuschauen. Manche Geheimnisse der erlösenden Liebe Gottes waren ihnen kundgeworden, und sie wussten: Gott würde schließlich in der Höhe verherrlicht werden. Die arme, leidende, blutgetränkte Erde mit ihren rastlosen, einem ungestümen Meer gleichenden Völkern würde Frieden haben, da nun in Ihm, der vom Himmel auf die Erde herabgekommen war, der liebreiche, gegen den verlorenen Menschen so gütige Gotteswille völlig geoffenbart werden sollte.

Auch in den weiteren Berichten der Evangelien werden die Engel begreiflicherweise oft erwähnt. Der sie geschaffen hatte, und den sie als Herrn anbeten, der nach wenigen Jahren als verherrlichter Mensch in den Himmel zurückkehren sollte, um über alle Engel erhoben zu werden, war nun auf Erden, „ein wenig unter die Engel erniedrigt“. Während Er hier weilte, waren auch die Engel gegenwärtig, und sie dienten Ihm. Doch auch, nachdem Er die Erde verlassen hatte, blieben sie noch wahrnehmbar im Zusammenhang mit dem Beginn der Kirche, dem Leib Christi, diesem großen Geheimnis, das den Engeln völlig neu war; denn es war in den vergangenen Zeitaltern in Gott verborgen und nicht offenbart worden.

In der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel, gelangen die Engel zu noch größerer Bedeutung; denn dieses Buch handelt hauptsächlich vom Kommen des Herrn, Seiner Wiederkunft auf die Erde. An jenem Tag wird diese Erde der Schauplatz einer vorher nie geschauten Herrlichkeit werden. Dann werden die Engel offenbar und in ihrer himmlischen Herrlichkeit erblickt werden. Das Unsichtbare wird sichtbar sein. Dies ist der Grund, warum den Engeln im Anfang des Neuen Testamentes, sowie auch im letzten Buche desselben eine so große Bedeutung beigelegt wird.

Nachdem die himmlischen Heerscharen den Hirten erschienen waren, wurde die nächste Erscheinung der Engel wieder Joseph zuteil. Sie erscheinen ihm immer im Traume. So war es, als er erfahren hatte, dass seine jungfräuliche Braut schwanger war; und als Herodes den Befehl erließ, alle bethlehemitischen Knaben zu töten, „da erscheint ein Engel des Herrn dem Joseph im Traum und spricht: Stehe auf, nimm das Kindlein und Seine Mutter zu dir und fliehe nach Ägypten, und sei daselbst bis ich es dir sage, denn Herodes wird das Kindlein suchen, um es umzubringen“ (Mt 2,13). Es war Satan, der versuchte, durch Herodes das Kindlein zu töten; aber es gelang ihm nicht. Dieses Kind war nicht gleich anderen Kindern der Krankheit oder dem Tod unterworfen. Es war nicht nur ein unschuldiges, sondern ein heiliges Kind; keine Sünde war in Ihm, und wo keine Sünde ist, da hat der Tod kein Anrecht. Gott benutzt des Herodes Wüten gegen das Kind als Gelegenheit, Seine eigenen Absichten auszuführen. Dieses Kind ist der wahre Israel Gottes. Das Volk Israel war als der erstgeborene Sohn in seiner Jugend aus Ägypten gerufen worden. Christus musste den gleichen Weg des völligen Gehorsams gehen. Herodes konnte das Leben des Kindes nicht antasten; wohl trachtete er danach, es zu vernichten, aber kein römischer Soldat hätte das Schwert in Seine kleine Brust stoßen können. Und als Herodes tot war, erschien der Engel dem Joseph wiederum und befahl ihm, in das Land Israel zurückzukehren. Einige der alten Meister, die die Flucht nach Ägypten gemalt haben, stellen das Kind, Seine Mutter und Joseph in Begleitung eines oder mehrerer Engel dar. Sicherlich haben diese himmlischen Wesen das Kindlein umgeben und bewacht. Nach einer interessanten jüdischen Überlieferung hatte Adam, der erste Mensch, in seinem ungefallenen Zustand Engel zu Dienern und besaß Macht und Recht, ihnen zu befehlen. Vielleicht ist dies wahr. Von dem zweiten Menschen aber, dem letzten Adam, unserem herrlichen Herrn, wissen wir sicher, dass Engel Seine Diener waren. Es hat dem Heiligen Geist nicht gefallen, uns über die Jahre der Kindheit und Jugend Jesu nähere Auskunft zu geben, ausgenommen jene eine Begebenheit, als Er in Seinem zwölften Jahre nach Jerusalem ging. Doch zweifeln wir nicht daran, dass Er während aller dieser Jahre von Engeln umgeben war.

Die erstmalige Erwähnung von Engeln während des öffentlichen Erdenlebens Jesu finden wir im vierten Kapitel des Matthäusevangeliums. Nachdem am Jordanufer des Vaters Stimme die Sohnschaft Jesu kundgetan hatte, wurde Er vom Geist in die Wüste geführt, um von dem Teufel versucht zu werden. Wie bereits erwähnt, führte der Teufel bei dieser Gelegenheit einige Schriftstellen an. Er wusste, dass der 91. Psalm vom Geiste Gottes verfasst war und prophetisch den zweiten Menschen und Seinen Wandel auf Erden in Gehorsam und Gottvertrauen zum Gegenstand hat. Er, der Mensch gewordene Gottessohn, blieb unter dem Schatten des Allmächtigen und sprach zu Ihm: „Mein Gott, auf Ihn will ich vertrauen“. Und darum galt Ihm die Verheißung: „Er wird Seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Satan wusste dies und versuchte, den Herrn Jesus zu eigenmächtigem Handeln zu bewegen. Nachdem dieser Sein majestätisches: „Geh hinweg, Satan! denn es steht geschrieben...“ gesprochen hatte, erschienen nach den Berichten der Evangelien Engel auf dem Schauplatz. „Dann verlässt Ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herzu und dienten Ihm“ (Mt. 4, 11). Markus fügt noch hinzu: „Und Er war vierzig Tage in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und Er war unter den wilden Tieren, und die Engel dienten Ihm“ (Mk. 1, 13). Worin dieser Dienst der Engel bestand, wissen wir nicht; vermutlich betraf er die irdischen Bedürfnisse des Herrn. Er war in der Wüste, und Ihn hungerte. Der Teufel hatte Ihm zugemutet, Steine in Brot zu verwandeln. Wohl hatte Er die Macht, dies zu tun, aber dann würde Er nach eigenem Ermessen gehandelt haben. Und nun, nachdem der Sieg errungen war und der Teufel Ihn verlassen hatte, war den Bedürfnissen Seines Leibes noch nicht entsprochen. Das mag die Ursache für die Erscheinung der Engel und für ihren Dienst gewesen sein. Obwohl wir in den Evangelien außer hier und in Gethsemane an keiner anderen Stelle etwas über den Dienst der Engel lesen, haben sie dem Sohn Gottes während Seines Erdenlebens ohne Zweifel noch bei vielen anderen Gelegenheiten gedient. Sie waren Seine Begleiter, Seine heiligen Diener. Wenn sie jetzt, wie wir später sehen werden, die unsichtbaren Zeugen beim Gottesdienst der Christen sind (1. Kor. 11, 10), wie viel mehr werden sie Ihn während Seines segensreichen Wandelns hier auf Erden gesehen und umgeben haben. Diese Tatsache wird durch eine Schriftstelle bestätigt; Paulus schreibt: „Gott ist geoffenbart im Fleisch... gesehen von den Engeln“ (1. Tim. 3, 16). Zu jeder Zeit Seines irdischen Lebens, bei Seiner Geburt, bei Seinem Leiden, Seinem Tod, wie bei Seiner Auferstehung und bei Seiner Himmelfahrt richteten Engel ihre Blicke auf Ihn. Engel blickten auf Ihn, als Er umherzog und Gutes tat; sie sahen Seine Taten der Barmherzigkeit und Macht, wenn Er die Kranken heilte und die Aussätzigen reinigte. Sie mögen gejubelt haben, wenn Er mit Seiner allmächtigen Kraft die Dämonen austrieb und deren Opfer von der Besessenheit befreite. Sie lauschten Seinen Worten, sie umschwebten Ihn in den Nächten, die Er auf Bergesgipfeln, an öden Stätten, im Gebet und in Gemeinschaft mit Seinem Vater verbrachte. Sie waren die schweigenden Zeugen der geheimen Beratungen und Anschläge Seiner Feinde.

Wie mögen Seine Leiden auf Seine heiligen Diener gewirkt haben? Sie wussten, dass Er auf die Erde gekommen war, um als das Lamm Gottes zu leiden und zu sterben. Sie waren Zeugen Seiner Seelennot im Garten Gethsemane, Seine Gebete, Seines starken Geschreis und Seiner Tränen. „Es erschien Ihm aber ein Engel vom Himmel, der Ihn stärkte“ (Lk. 22, 43). Auch hier wird uns nicht mitgeteilt, auf welche Weise er Ihn stärkte. Es wird manchmal die Ansicht vertreten, Satan sei dort zugegen gewesen und habe eine so große Macht ausgeübt, dass Christus befürchtet habe, dieser Macht zu erliegen und in Gethsemane zu sterben, so dass Er dann nicht imstande gewesen wäre, das Werk am Kreuze zu vollbringen. Durch eine solche Lehre aber, die unseren Herrn verunehrt, wird dem Teufel eine Macht über Christus zugeschrieben, die er nicht besaß. Die Seelennot des Herrn wurde nicht durch Satans Macht hervorgerufen, sondern sie war das Vorgefühl dessen, der heilig war, der Sünde nicht kannte und nun für uns zur Sünde gemacht werden sollte. Davor schrak Seine heilige Seele zurück. Vielleicht überbrachte der Engel dem Sohn eine Botschaft des Vaters. Gethsemane und seine tiefe Herzenspein bleiben eines der mit Jesu Leiden verbundenen Geheimnisse.

Legionen von Engeln waren in Seiner Nähe und sahen es mit an, als Er verspottet, grausam gegeißelt, ins Angesicht gespieen und mit Fäusten geschlagen wurde. Er hätte nur Seinen Vater bitten können, und mehr als zwölf Legionen Engel wären Ihm zu Hilfe gekommen (Mt. 26, 53). Doch als Er hiervon zu Petrus sprach, der sein Schwert zu des Meisters Verteidigung gezogen hatte, fügte Er hinzu: „Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es also geschehen muss?“ Die Engel wussten, dass die Schriften erfüllt, Seine Hände und Füße durchbohrt und Er von Gott geschlagen und niedergebeugt werden musste. gewiss haben sie ihr Antlitz verhüllt, als sie die Schande des Kreuzes, deren Er nicht achtete, und Sein so geduldig ertragenes Leiden sahen. Dann kamen die drei Stunden der Finsternis. Was in jenem kleinen Land, auf einem der kleinsten Planeten des Weltalls, vor sich ging, das brachte sicher den ganzen Himmel in Bewegung. Der Schöpfung Herr starb für des Geschöpfes Sünde; der Gerechte und Heilige für den Ungerechten! Das tiefste Geheimnis Seines Versöhnungswerkes, der Schrei am Kreuze: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ war auch für die Engel in Dunkel, in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Aber wie mögen sie gestaunt haben über Gottes große Liebe, wie auch über Seine Gerechtigkeit und Weisheit, geoffenbart am Kreuz von Golgatha!

Das Werk war getan! „Es ist vollbracht!“ ertönte triumphierend Sein Siegesruf. Nicht nur die unter dem Kreuze standen, vernahmen Ihn, sondern auch die Engel; und von Stern zu Stern erklang es im Weltenraum, bis der Himmel Himmel davon widerhallte: „Es ist vollbracht! Es ist vollbracht!“

„Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten.“ Tun wir unrecht, wenn wir nach allem, was wir nun wissen, fragen: War es ein Engel, der, von Gott beauftragt, den Vorhang zerriss, so dass es augenblicklich kund wurde, dass nun durch Sein kostbares Blut der neue und lebendige Weg in das Allerheiligste, in die Gegenwart Gottes, gebahnt worden war?

Die römischen Soldaten bewachten das versiegelte Grab, aber sie waren nicht die alleinigen Wächter. Der erste Tag der Woche dämmerte heran, als „Maria Magdalena und die andere Maria kamen, um das Grab zu besehen. Und siehe, da geschah ein großes Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam aus dem Himmel hernieder, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Ansehen aber war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie Schnee“ (Mt. 28, 2-3). Das Erdbeben wurde durch den hernieder steigenden Engel bewirkt, und der so sorgfältig versiegelte Stein wurde durch Engelskraft fortgewälzt. Allein die Auferstehung des Herrn geschah nicht erst nach dem Beiseiterollen des Steines. Es bedurfte weder der Engel noch ihrer Kraft um Ihm den Weg aus dem Grabe freizumachen. Gott war es, der Ihn aus den Toten auferweckte; aber ebenso wahr ist es, dass Er in der Macht des in Ihm wohnenden Lebens auferstand. Nur um zu zeigen, dass das Grab leer war, wurde der Stein weggewälzt. Mit welch himmlischer Freude mag der Engel den beiden Frauen die frohe Botschaft zugerufen haben. „Fürchtet ihr euch nicht, den ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier, denn Er ist auferstanden, wie Er gesagt hat. Kommet her, seht die Stätte, wo der Herr gelegen hat; und geht eilends hin und saget Seinen Jüngern, dass Er von den Toten auferstanden ist; und siehe, Er geht vor euch hin nach Galiläa, daselbst werdet ihr Ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt“ (Mt 28, 5-7). Und Markus berichtet uns: „Und sehr früh am ersten Wochentag kommen sie zur Gruft, als die Sonne aufgegangen war. Und sie sprachen zueinander: Wer wird uns den Stein von der Tür der Gruft wälzen? Und als sie aufblickten, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist; denn er war sehr groß. Und als sie in die Gruft eintraten, sahen sie einen Jüngling zur Rechten sitzen, angetan mit einem weißen Gewande, und sie entsetzten sich“ (Mk 16, 2-5). Lukas erzählt uns: „Sie fanden aber den Stein von der Gruft weggewälzt; und als sie hineingingen, fanden sie den Leib des Herrn Jesu nicht. Und es geschah, als sie darüber in Verlegenheit waren, siehe, da standen zwei Männer in strahlenden Kleidern bei ihnen. Als sie aber von Furcht erfüllt wurden und das Angesicht zur Erde neigten, sprachen sie zu ihnen: Was suchet ihr den Lebendigen unter den Toten? Er ist nicht hier, sondern ist auferstanden. Gedenket daran, wie Er zu euch geredet hat, als Er noch in Galiläa war, indem er sagte: der Sohn des Menschen muss in die Hände sündiger Menschen überliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen“ (Lk 24, 2-7). Und Johannes berichtet über diese Engel: „Maria aber stand bei der Gruft draußen, und weinte. Als sie nun weinte, bückte sie sich vornüber in die Gruft und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu dem Haupte und einen zu den Füßen, wo der Leib Jesu gelegen hatte. Und jene sagten zu ihr: Weib, was weinst du? (Joh 20, 11‑15). Bei Seiner Auferstehung wurde Er von Engeln gesehen; sie waren die Boten am leeren Grab und verkündigten die herrliche Nachricht, dass Er auferstanden war, wie sie auch Seine Geburt verkündigt hatten. Sie erwiesen auch Seinen bestürzten Jüngern liebreiche Teilnahme. Aus alledem ersehen wir ihre innige Verbindung mit dem Leben und dem Werk unseres verherrlichten, anbetungswürdigen Herrn.

Sie, die Engel, waren gegenwärtig, als Er gen Himmel fuhr. Eine Wolke hatte Ihn aufgenommen vor ihren Augen weg, „und wie sie unverwandt gen Himmel schauten, als Er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer in weißem Kleide bei ihnen, welche auch sprachen: Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet hinauf gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird also kommen, wie ihr Ihn gen Himmel habt auffahren sehen“ (Apg 1,10.11). Manche meinen, diese zwei Männer seien Mose und Elia gewesen. Wir glauben dies nicht. Die zwei Männer in weißem Kleide waren Engel.

„Von Engeln gesehen“ gilt gleicherweise von Seiner glorreichen Himmelfahrt, da Er als der verherrlichte Mensch, der machtvolle Sieger über Sünde, Tod und Grab, gen Himmel fuhr. Es muss ein unbeschreiblich großer Triumphzug gewesen sein. Er selbst führte ihn an, und die Heere der Himmel folgten. Im 68. Psalm finden wir einen Hinweis hierauf; „Der Wagen Gottes sind zwei Zehntausende, Tausende und aber Tausende; der Herr ist unter ihnen: - ein Sinai an Heiligkeit. Du bist aufgefahren in die Höhe, du hast die Gefangenschaft gefangen geführt; du hast Gaben empfangen im Menschen, und selbst für Widerspenstige, damit Jehova, Gott, eine Wohnstätte habe“ (Ps 68, 17.18).

Bevor wir dem Auferstandenen und Verherrlichten an die Stätte Seiner Erhöhung folgen; bevor wir uns darüber verbreiten, um wie viel besser als die Engel Er geworden ist, wollen wir ein Kapitel den Worten widmen, die unser Herr über die Engel und ihr Wirken gesprochen hat.

Fußnoten

  • 1 So befindet sich z.B. im Buche Tobias die Geschichte eines Engels, namens Raphael. Der Jüngling, den dieser Engel geleitete, war in Gefahr von einem großen Fisch verschlungen zu werden. Der Engel rettete ihn und wies ihn dann an, Herz und Leber des Fisches gegen die Einflüsse böser Geister und seine Galle gegen Augenkrankheiten usw. zu verwenden. Das ist keine Offenbarung, sondern ein kindisches Märchen. Andere Geschichten in den Apokryphen sind ebenso lächerlich.
  • 2 „Sei gegrüßt“ heißt wörtlich „O Freude!“
  • 3 der Grundtext sagt nicht „der“ sondern „ein Engel des Herrn“.
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