Die Gnade Gottes

Die Offenbarung der Gnade

Zweimal im Neuen Testament wird von der Erscheinung oder Offenbarung der Gnade Gottes in Seinem Sohn gesprochen. In 2. Timotheus 1,9 10 heißt es: „ .. der uns errettet hat und berufen mit heiligem Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben, jetzt aber offenbart worden ist durch die Erscheinung unseres Heilandes Jesus Christus“, und in Titus 2,11 lesen wir: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen". Beide Stellen beziehen sich auf den Herrn Jesus. In der Menschwerdung des ewigen Sohnes nimmt die Gnade Gottes sichtbare Gestalt an, indem sie sich in für uns unbegreiflicher Weise zu verlorenen Geschöpfen herabläßt. Jetzt wird das Wesen und die Fülle dieser Gnade erkennbar.

Die Gnade Gottes ist ewig. Gott ist der Gott aller Gnade (1. Pet 5,10), und Er, der vor der Schöpfung wußte, wie Seine Geschöpfe sich gegen Ihn stellen und zu Sündern werden wurden, hatte auch vor ewigen Zeiten Seine Gnade für uns im Herzen (2. Tim 1,9), ebenso wie Er Seinen geliebten Sohn als das Lamm zuvorerkannte und uns in Ihm vor Grundlegung der Welt auserwählte.

Von dieser Gnade Gottes haben die Propheten in der Zeit des Alten Testaments bereits geweissagt, wenn auch hauptsächlich im Blick auf das Volk Israel (1. Pet 1,10). Denken wir nur an Jesaja, den „Evangelisten“ unter den Propheten, der Israel zurief: „Neigt euer Ohr und kommt zu mir; hört, und eure Seele wird leben. Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen: die gewissen Gnaden Davids“ (Jes 55,3; vgl. Apg 13,34). Den ersten Bund unter dem Gesetz hatte Israel gebrochen, Seinen Messias würde es verwerfen, und trotzdem verheißt Gott Seinem Volk in einem neuen Bund „die gewissen Gnaden Davids“, die sichere und unwandelbare Barmherzigkeit oder Gnade, die durch das Kommen und das Erlösungswerk Christi offenbart werden sollte (vgl. 2. Chr 6,42; Ps 89,49)

Die Gnade Gottes ist allumfassend. In der Person des Sohnes Gottes ist sie heilbringend für alle Menschen erschienen (Tit 2,11), also nicht nur für das Volk der Juden, sondern für die gesamte Menschheit. Ein großer Teil des Alten Testaments handelt von der Liebe Gottes zum Volk Israel, das Er sich aus allen Völkern auserwählt hatte, und das trotz aller Vorrechte versagte. Als der Herr Jesus auf die Erde kam, war Er zwar in erster Linie der verheißene Messias für Sein irdisches Volk, aber darüber hinaus galt Sein Kommen allen Menschen. Die allumfassende, universale Gültigkeit des Evangeliums der Gnade – „sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“ -wird besonders von Paulus immer wieder betont (Röm 1,16; vgl. Eph 2,11–17). Auch Petrus sagt einmal: „Wir [d.h. die Juden] glauben, durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene [d.h. die Nationen]“ (Apg 15,11).

Die Gnade Gottes ist unvergleichlich. In Seiner Gnade wurde der ewig reiche Sohn Gottes unsertwegen arm, damit wir durch Seine Armut reich würden (2. Kor 8,9). Können wir uns eine Vorstellung von der ewigen Existenz, der Allmacht, der Allwissenheit, der Allgegenwärtigkeit und Herrlichkeit des dreieinen Gottes machen? Das ist wohl unmöglich. Schon der König David stellte anbetend fest: „Dein, Jehova, ist die Größe und die Stärke und der Ruhm und der Glanz und die Pracht; denn alles im Himmel und auf Erden ist dein. Dein, Jehova, ist das Königreich, und du bist über alles erhaben als Haupt; ... und du bist Herrscher über alles“ (1. Chr 29,11.12). Was für einen Reichtum an Herrlichkeit und Liebe genoß der Sohn im Schoß des Vaters im ewigen Vaterhaus – Dinge, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und die in keines Menschen Herz aufgekommen sind! Aus diesem unergründlichen göttlichen Reichtum kam Er in die größte Armut herab, stellte sich in Demut auf den Platz Seiner Geschöpfe und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz! Ein größerer Abstand als zwischen der Herrlichkeit des Vaterhauses und dem Platz der Verachtung und Verwerfung am Kreuz von Golgatha ist undenkbar.

Die Gnade Gottes ist vollkommen. Der Evangelist Johannes schreibt im Rückblick auf das Leben des Herrn auf der Erde: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns ... voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Der Sohn kam nicht nur „mit“ oder „in“, sondern „voller Gnade und Wahrheit“. Gnade ist die Ausstrahlung der Liebe Gottes gegenüber den verlorenen Menschen, und Wahrheit ist ein Charakterzug des Lichtes Gottes. Auch das durch Mose gegebene Gesetz enthielt Wahrheit, denn es kam ja von Gott. Aber es zeigte den Menschen nur, daß sie unfähig waren, Seinen heiligen Anforderungen zu genügen. Doch als der Sohn Mensch wurde, wurde nicht nur Gottes Wahrheit, sondern auch Seine Gnade offenbart: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Hier sehen wir sowohl die Vollkommenheit der Offenbarung als auch die Untrennbarkeit der göttlichen Wesensmerkmale Liebe und Licht.

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