Leben in Weisheit
Das Buch der Sprüche - Vers für Vers praxisnah erklärt

Sprüche Salomos Teil 1

Leben in Weisheit

Der erste große Teil des Buches der Sprüche enthält nach einer kurzen Einführung (Spr 1,1–6) fünf zum Teil längere Unterweisungen. Es sind Unterweisungen des weisen Vaters an den „Sohn“. Sie lassen sich bemerkenswerterweise den fünf Büchern Moses zuordnen.

  1. Die Furcht des Herrn (Spr 1,7): Die erste Unterweisung fasst die Belehrungen der sechs einführenden Verse zusammen. Sie zeigt uns mit einem einzigen Satz den Grundgedanken des Buches der Sprüche. Es geht um die Grundlage der Beziehungen zwischen Gott und Menschen. Eine Parallele dazu ist das 1. Buch Mose, wo ebenfalls grundlegende Elemente der Beziehung zwischen Gott und Menschen vorgestellt werden.
  2. Persönliches Verhalten (Spr 1,8–2): In dieser Unterweisung geht es um die praktische Auswirkung der Weisheit. Vater und Mutter zeigen dem Sohn die richtigen Wege und ermuntern ihn, ihren Geboten zu folgen. Ähnliches haben wir im 2. Buch Mose: Der erste Teil beschreibt die Erlösung, was im weitesten Sinn eine Begegnung mit der Weisheit Gottes ist, der zweite Teil behandelt das Gesetz, auf dessen Basis Gott dann im Zelt der Zusammenkunft die Gemeinschaft mit seinem Volk sucht. Letzteres führt uns schon zur nächsten Unterweisung.
  3. Beziehungen zu Gott und Menschen (Spr 3): Die dritte Unterweisung belehrt uns zunächst über die Einzelheiten der Beziehungen zwischen Gott und demjenigen, der auf die Weisheit hört. Im weiteren Verlauf erhalten wir dann Belehrungen über das rechte Verhalten gegenüber unserem Nächsten. Entsprechend finden wir im 3. Buch Mose zunächst den Opferdienst, der die Beziehungen zu Gott regelt, und dann Gebote über den Umgang miteinander.
  4. Gefahren auf dem Weg (Spr 4–7): In dieser vierten Unterweisung geht es um verschiedene Lebensbereiche, die Gefahren in sich bergen: erstens um das Verhältnis zum anderen Geschlecht, zweitens um gewisse schlechte Gewohnheiten und drittens um boshaftes Verhalten gegenüber Mitmenschen. Ebenso beschreibt das 4. Buch Mose den gefahrvollen, aber oft auch bösen Weg des Volkes Israel durch die Wüste. Wir sollen aus ihren Irrwegen und Erfahrungen lernen.
  5. Der Weg der Weisheit (Spr 8–9): Die fünfte Unterweisung hat in besonderer Weise das Wesen der Weisheit zum Thema. Manche der vorher behandelten Gedanken werden wiederholt und vertieft. Ebenso stellt auch das 5. Buch Mose eine Zusammenfassung und Vertiefung der Gebote und Gedanken Gottes dar.

Einführung (Kapitel 1,1–6)

Dieser erste Abschnitt belehrt uns über den Zweck dieses Buches: Es geht um das Erkennen der Weisheit Gottes.

1,1 „Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel“

Salomo regierte 40 Jahre über das Großreich Israel, das er von seinem Vater David übernommen hatte. Er war „größer an Reichtum und an Weisheit als alle Könige der Erde“ (1. Kön 10,23). Sein Reich war durch Gerechtigkeit und Frieden gekennzeichnet (Ps 72,2.3). So ist er ein deutliches Vorausbild auf unseren Herrn Jesus Christus: Dieser wird ebenfalls „Sohn Davids“ genannt (Mt 1,1) und wird einst in Macht und Herrlichkeit regieren (Mk 13,26). Diese Regierung wird Er ebenfalls in Weisheit – und zwar in absoluter Weisheit! – führen: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes“ (Jes 11,2). Und auch sein Reich wird – in vollendeter Form! – durch Gerechtigkeit und Frieden gekennzeichnet sein (Jes 9,6; 32,1.17). Es ist das so genannte „Tausendjährige Reich“ (Off 20,6).

Aber nicht nur als König weist die Person Salomos auf Christus hin. Auch als weiser Lehrer, wie er in diesem Buch vornehmlich auftritt1, ist er ein Vorausbild auf den vor 2000 Jahren hier lebenden Menschen Jesus Christus, der schon als Kind „erfüllt mit Weisheit“ war (Lk 2,40). Der Herr weist selbst darauf hin, dass die Weisheit Salomos nur ein schwaches Bild seiner eigenen Weisheit ist: „Sie [die Königin von Scheba] kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören; und siehe, mehr als Salomo ist hier“ (Mt 12,42).

Salomo spricht von der Weisheit, der Herr Jesus ist die Weisheit. In 1. Korinther 1,24 wird Christus „Gottes Weisheit“ genannt. Dass Er Weisheit nicht nur besitzt, sondern in Person „die Weisheit Gottes“ ist, wird auch durch eine Gegenüberstellung von Lukas 11,49 und der Parallelstelle Matthäus 23,34 bewiesen: Bei Lukas heißt es, dass die Weisheit Gottes sagt: „Ich sende euch Propheten …“, wogegen bei Matthäus der Herr Jesus selbst sagt: „Ich sende euch Propheten …“

1,2 „… um Weisheit und Unterweisung zu kennen, um Worte des Verstandes zu verstehen, …“

Weisheit zu kennen, ist das erste Ziel der Sprüche. Wir sollen die Fähigkeit erhalten, alles in richtiger, Gott wohlgefälliger Weise zu tun. Dazu benötigen wir Weisheit. Eine gute Illustration davon gibt es in 2. Mose 28,3, wo weise Leute, „mit dem Geist der Weisheit erfüllt“, die heiligen Kleider Aarons machten, oder in 2. Mose 35,25, wo „Frauen, die weisen Herzens waren“, die kostbaren Stoffe für die Stiftshütte herstellten.

Wir sehen: Die Weisheit muss uns erfüllen, wir müssen sie ins Herz aufnehmen, sie innerlich „kennen“ (lernen). Dort wächst sie mit der Erfahrung, die ein Leben in Gottesfurcht mit sich bringt. Sie ist eben nicht einfach eine theoretische Kenntnis, ein bloßes „Kopfwissen“.

Echte Weisheit wird nur durch Gottes Wort gelernt. Das wird besonders deutlich in Jeremia 8,9: „Die Weisen werden beschämt, bestürzt und gefangen werden; siehe, das Wort des Herrn haben sie verschmäht, und welcherlei Weisheit haben sie?“ (vgl. auch Jer 18,18).

Ein weiteres Ziel der Sprüche ist, „Unterweisung zu kennen“. Unterweisung ist das Einprägen biblischer Grundsätze. Der erste Unterricht geschieht durch Vater und Mutter (Spr 1,8). Gottesfürchtige Eltern legen bei ihren Kindern ein geistliches Fundament. Dies geschieht anhand der Bibel und durch ihr eigenes Vorbild. Doch unser ganzes Leben lang benötigen wir die Unterweisung durch Gottes Wort.

■ Vollkommene Unterweisung erhalten wir durch den Herrn Jesus. Er ist nicht nur der beste Lehrer, sondern auch das beste Vorbild.

Zur richtigen Unterweisung gehört auch die „Zucht“ (Spr 3,11; FußEÜ zu Spr 19,20). Zucht in ihrer „milden“ Form bedeutet „ziehen“ oder „erziehen“. Das Ziel ist, dem „Zögling“ den richtigen Weg zu weisen, und zwar mit Autorität. Wenn dies nicht gelingt und er vom Weg abweicht, muss eine strengere Form der Zucht, die „Zurechtweisung“ (Spr 6,23) oder gar die körperliche Züchtigung erfolgen (Spr 13,24).

► Wenn du Eltern hast, die dich „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4) erziehen oder erzogen haben – hast du schon einmal dafür gedankt?

Nicht zuletzt will das Buch der Sprüche Voraussetzungen dafür schaffen, im täglichen Leben richtige Entscheidungen zu treffen. Eine dieser Voraussetzungen ist, unterscheiden zu können zwischen menschlichen Worten und „Worten des Verstandes“, die Ausdruck der Gedanken Gottes sind. Wir sollen sie „verstehen“, also mit Kopf und Herz nachvollziehen. Dazu gehört auch, dass man eigenen Gedanken kritisch gegenübersteht, sozusagen von der eigenen Klugheit „ablässt“ (Spr 23,42).

1,3 „… um zu empfangen einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit; …“

Gott möchte, dass wir ein umsichtiges Verhalten an den Tag legen, zum Nutzen für unsere Umgebung. Dazu notwendig sind:

  • Gerechtigkeit: Sie spricht von der Tat. Wir sollen als „Kinder des Lichts“ wandeln (Eph 5,8), unter den Augen des gerechten Gottes.
  • Recht: Dies spricht mehr von der Norm. Es soll alles gerecht beurteilt werden, nach Gottes Gedanken, seinem Wesen gemäß.
  • Geradheit: Sie ist das Kennzeichen eines Aufrichtigen, der auf dem geraden Weg des Herrn wandelt, ohne nach rechts oder links abzuweichen (Spr 8,20; Jes 30,21; 33,15.16).

David gibt hierzu ein schönes Beispiel ab. Als er daran dachte, wie Saul ihn mit tödlichem Hass verfolgte, betete er: „Höre, Herr, die Gerechtigkeit …! Von deiner Gegenwart gehe mein Recht aus; lass deine Augen Aufrichtigkeit anschauen!“ (Ps 17,1.2).

Wir haben hier drei Tugenden vor uns, die auch Gott kennzeichnen: „Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er!“ (5. Mo 32,4) und: „Du stellst fest die Geradheit, du übst Recht und Gerechtigkeit in Jakob“ (Ps 99,4).

► Durch das Lesen der Sprüche werden wir darin unterwiesen, alles aus unserem Herzen zu verbannen, was uns daran hindert, Gott wohlgefällig zu leben.

1,4 „… um Einfältigen Klugheit zu geben, dem Jüngling Erkenntnis und Besonnenheit.“

In diesem und den folgenden Versen werden uns drei Personengruppen vorgestellt, für die die Sprüche segensreich sein werden. Die erste Gruppe sind die „Einfältigen“. Das sind Unerfahrene oder Unverständige (FußEÜ). Sie haben keine Urteilsfähigkeit. Daher brauchen sie Belehrung durch die Weisheit, um durch „Klugheit“ wachsam zu werden und keinen bösen Weg zu betreten (Spr 7,7). Sie sollen schließlich selbstständig zu guten Entscheidungen finden und nicht „jedem Wort“ glauben (Spr 14,15).

Die zweite Gruppe sind die „Jünglinge“. Die Sprüche wenden sich auch an Menschen, die noch am Anfang ihres Lebens, aber bereits unter eigener Verantwortung stehen. Sie sind noch unwissend und benötigen daher „Erkenntnis“. Erkenntnis über Gott und über sich selbst. Sie sind oft leichtsinnig oder überschätzen ihre Kraft. Erkenntnis soll verhindern, dass sie durch mögliche Folgen einer schweren (Jugend-)Sünde lebenslang belastet werden.

Die Sprüche lehren auch „Besonnenheit“ oder Vorsicht. Wir – und insbesondere die Jüngeren – müssen lernen, unsere Entscheidungen nicht übereilt zu treffen, sondern mit Überlegung zu handeln. Wir müssen lernen, abzuwägen, die Umstände aufmerksam zu beobachten und auch schwierigen Situationen mit Ruhe entgegenzutreten. Auch sollen wir uns nicht zu unbedachten Worten hinreißen lassen. Aber diese Vorsicht muss mit der Furcht des Herrn gepaart sein. Sonst kann sie leicht in Böses ausarten. Man kann sich nämlich auch einen bösen Plan gut (mit Bedacht) überlegen! Das wird z. B. deutlich in Sprüche 12,2 und Sprüche 24,8, wo das hebräische Wort für „Besonnenheit“ mit „tückisch“ bzw. mit „Ränke“ oder „Anschläge“ übersetzt wird.

► Als „Jünglinge“ benötigen wir also vor allem deswegen Erkenntnis und Besonnenheit, damit wir unsere von Gott gegebenen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften nicht zum Bösen gebrauchen.

1,5 „Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben; …“

Nun wird die dritte Gruppe angesprochen, die „Weisen“ und „Verständigen“. Auch sie benötigen Unterweisung. Wer schon weise ist, weil er die Weisheit gefunden hat und sich von den „Torheiten“ dieser Welt fernhält, der wird gern hören. Ein weiser Mensch möchte immer mehr dazulernen.

Mit Hören beginnt jeder Unterricht. Das Ziel davon ist, an „Kenntnis zuzunehmen“. Das hebräische Wort für „Kenntnis“ wird oft auch mit „Lehre“ übersetzt (z. B. in Spr 4,2; 16,23). In Sprüche 7,21 wird das gleiche Wort negativ gebraucht und mit verführerischem „Zureden“ übersetzt. Es gibt also – ähnlich wie bei dem Ausdruck „Besonnenheit“ – eine positive und eine negative Seite von Kenntnis bzw. Lehre. Die Unterweisung durch gute Lehre kommt von Gott, die Verführung durch böse Lehre vom Teufel. Auf wen „hören“ wir?

Der „Verständige“ entgeht der Gefahr, auf unweisen oder gar bösen Rat zu hören. Er erwirbt sich „weisen Rat“. In Sprüche 11,14 wird das hier mit „Rat“ übersetzte hebräische Wort mit „Führung“ wiedergegeben, und zwar im guten Sinn. In Sprüche 12,5 wird es mit „Überlegungen“ übersetzt, jedoch sind es da böse Überlegungen gottloser Menschen. Auch hier wieder die Frage: Lassen wir uns durch weisen Rat führen oder leiten uns die Überlegungen ungläubiger Menschen? Stichwort: Zeitschriften, Bücher, elektronische Medien …

► Wir möchten doch sicher zu den „Verständigen“ gehören, die sich öffnen, um noch mehr göttliche Unterweisung zu hören, „denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben“ (Mt 13,12).

1,6 „… um einen Spruch zu verstehen und verschlungene Rede, Worte der Weisen und ihre Rätsel.“

Der Weise und Verständige hat den Wunsch, die nun folgenden Sprüche zu verstehen. Er weiß um die Gefahr, die „verschlungene Rede“ falsch zu deuten.3 Einfach sind die Sprüche nicht. Es sind „Rätsel“. Aber durch die Weisheit, die von Gott kommt, lassen sich alle Schwierigkeiten lösen. Wir müssen nur bereit sein, auf die „Worte der Weisen“ zu hören und sie ins Herz aufzunehmen. Dabei sollte uns stets bewusst sein, dass wir es mit lebendigen Aussprüchen göttlicher Wahrheit zu tun haben. „Worte der Weisen, in Ruhe gehört, sind mehr wert als das Geschrei des Herrschers unter den Toren“ und sie „sind wie Treibstacheln und wie eingeschlagene Nägel“ (Pred 9,17; 12,11).

Zusammenfassung

Die sechs einleitenden Verse der Sprüche zeigen uns, nach welchen Grundsätzen wir unser Leben ausrichten sollen. Die genannten Merkmale treffen auf eine Person völlig zu: auf den Menschen Jesus Christus. Er, der Messias, wird in Jesaja 11,2–4 mit ganz ähnlichen Worten beschrieben: „Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn, und sein Wohlgefallen wird sein an der Furcht des Herrn. … Er wird die Geringen richten in Gerechtigkeit und den Sanftmütigen des Landes Recht sprechen in Geradheit.“

► Ich höre also in diesen Versen die Stimme dessen, der jede dieser positiven Eigenschaften selbst in seinem Leben verwirklicht hat. Er ist mein großes Vorbild. Er ist der Weise und will auch mich unterweisen, Er, der mehr ist als Salomo. Er ist der große Lehrer, der mir Unterricht mit Ewigkeitswert erteilt.

Die Furcht des Herrn (Kapitel 1,7)

Diese Unterweisung führt uns zusammen mit den sechs Einleitungsversen in die großen Grundsätze des Buches der Sprüche ein. Sie behandelt die Grundlage der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen und teilt die Menschheit in zwei konträre Gruppen: Gottesfürchtige und Gottlose, die hier „Narren“ genannt werden. Diese Gegenüberstellung zieht sich durch das ganze Buch der Sprüche.

Die „Furcht des Herrn“ ist ein Kennzeichen des neuen Lebens; ein nicht wiedergeborener Mensch besitzt keine Gottesfurcht. Aber auch bei einem wiedergeborenen Christen kann sie fehlen: nämlich wenn er im Eigenwillen seinen Weg geht. Ohne die „Furcht des Herrn“ kann

man jedoch das Buch der Sprüche nicht wirklich verstehen.4 Sie ist das einzige Fundament, auf dem man sicher stehen kann.

Doch was bedeutet es überhaupt, den Herrn zu fürchten? Zunächst einmal sei betont, dass es nicht darum geht, „Angst“ vor Gott zu haben. Nein, wer den Herrn fürchtet, hat „Furcht“, etwas zu tun, was Ihm missfällt. Wir fürchten uns oft mehr vor den zu erwartenden Folgen einer Sünde. Wenn uns aber lediglich diese Furcht vom Begehen einer Sünde abhält, ist es mit unserer Gottesfurcht nicht weit her. Den Herrn fürchten bedeutet, Ehrfurcht und Respekt vor Ihm, dem heiligen Gott, zu haben und sich unter seine Autorität zu beugen. Es bedeutet, sich stets dessen bewusst zu sein, dass sein prüfendes Auge uns beobachtet.

Wer gottesfürchtig ist, hat einen tiefen Eindruck von der Größe Gottes. Von seiner Autorität und Gewalt, von seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, aber auch von seiner Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Durch die Furcht des Herrn glauben wir, dass Er die einzige Quelle von Leben, Weisheit und allem Erstrebenswerten ist. Ohne sie können wir Gott, unseren Vater, nicht wirklich erkennen. Das gilt auch für alle geistlichen Segnungen, die uns in dem Herrn Jesus geschenkt sind.

► Im Neuen Testament kommt der Ausdruck „Furcht des Herrn“ ein einziges Mal vor (Apg 9,31). Es war ein Kennzeichen der ersten Christen. – Tragen wir dieses Merkmal immer noch?

Gottesfurcht ist mehr als bloße Gesetzestreue, wie etwa das Halten der Zehn Gebote. Das Befolgen göttlicher Vorschriften wird für den, der keine Gottesfurcht besitzt, nur eine lästige Pflicht sein. Aber mit der Furcht des Herrn im Herzen werden wir dem Psalmdichter beipflichten, der sagt: „Ich werde meine Wonne haben an deinen Geboten, die ich liebe“ (Ps 119,47).

Wo wahre Furcht des Herrn ist, da ist auch Abhängigkeit. Da sucht man den Rat Gottes in seinem Wort. Da weiß man, dass man in sich selbst unfähig ist, richtige Entscheidungen zu treffen. Darum hört man auf Gott, der wie ein beratender Vater zu seinen Kindern spricht.

Es gibt auch unter den Ungläubigen manche, die sich ordentlich verhalten, die solide Ansichten haben und die sehr liebenswürdig sind. Es gibt unter ihnen sogar solche, die – aus menschlicher Sicht – wirklich weise und verständig sind. Aber da bei ihnen das richtige Fundament, die „Furcht des Herrn“ fehlt, hat das alles keinen Bestand und am Ende keinen Wert für Gott.

Zehn Stellen in den Sprüchen zeigen, welche Auswirkungen die „Furcht des Herrn“ hat und welchen großartigen Nutzen sie bringt5:

  • Sie ist der „Anfang der Erkenntnis“ (Spr 1,7).
  • Sie ist: „das Böse hassen“, also hassen, was Gott hasst (Spr 8,13).
  • Sie ist „der Weisheit Anfang“, also die Basis dafür, Erkenntnis zu gebrauchen (Spr 9,10).
  • Sie „mehrt die Tage“ (Spr 10,27).
  • Sie bewirkt ein „starkes Vertrauen“ (Spr 14,26).
  • Sie ist eine „Quelle des Lebens“, also Basis für ein Leben mit Gott (Spr 14,27).
  • Sie ist „Unterweisung zur Weisheit“ (Spr 15,33).
  • Sie bewahrt „vor Bösem“ (Spr 16,6).
  • Sie ist „zum Leben“, d. h., sie bewirkt bleibende Zufriedenheit (Spr 19,23).
  • Sie gibt „Reichtum, Ehre und Leben“ (Spr 22,4).

Gottesfurcht wird also reichlich belohnt. „Die Güte des Herrn aber ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten“ (Ps 103,17). Wie ganz anders ist es bei den ungläubigen Menschen: „Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen“ (Röm 3,16–18).

Nach diesen einleitenden Bemerkungen kommen wir jetzt zu den Einzelheiten dieses bedeutsamen Verses.

1,7 „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung.“ (Spr 9,10; Ps 111,10)

Wie schon in der Einleitung erwähnt, nennt Gott sich in diesem Buch fast ausschließlich „HERR“, der Bundesgott Israels. So auch hier. Er spricht als Einer, der eine Beziehung zum Menschen hat. Und Er spricht zu solchen, die eine Beziehung zu Ihm haben. Sie kennen ihren Gott.

► Wir kennen Gott als unseren Vater, der uns liebt und uns auf dem Weg des Glaubens nur segnen will. Daher ist es „logisch“, dass wir Ihn willig fürchten. Und unsere Gottesfurcht wird in dem Maß zunehmen, wie wir seine Liebe erkennen und genießen.

Auf allen Gebieten hat der Mensch erstaunliche Erkenntnisse erlangt. Und doch ist der Wert aller menschlichen Erkenntnis relativ. Zwar ist sie nicht unbrauchbar, sondern im Gegenteil oft sehr nützlich. Aber der „Anfang“ aller Erkenntnis, d. h., ihr Beginn als auch das Wesentliche, die eigentliche Grundlage aller Erkenntnisse, ist die „Furcht des Herrn“. Das ist ein wichtiger Grundsatz für jeden Gläubigen. Alle Erkenntnis, auch jede irdische Erkenntnis, muss überprüft werden, ob sie mit den göttlichen Grundsätzen übereinstimmt.

Was versteht die Bibel unter einem „Narren“? Dieser Vers gibt die Definition: Ein Narr ist ein Mensch, der „Weisheit verachtet“ und sich daher auch nicht unterweisen lassen will. Göttliche Weisheit ist ihm „zu hoch“ (Spr 24,7), da ihm alles Göttliche fremd ist und ihm jegliche Gottesfurcht fehlt. Er hat „Mangel an Verstand“ (Spr 10,21). Dabei kommt er sich selbst sehr weise vor. Eigensinnig und hochmütig geht er seinen Weg. „Der Weg des Narren ist richtig in seinen Augen“ (Spr 12,15). Paulus schreibt über solche Menschen, dass sie „in ihren Überlegungen in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie sich für Weise ausgaben, sind sie zu Toren [Narren] geworden“ (Röm 1,21.22).

Übrigens kann es sich hier durchaus um einen intelligenten Menschen handeln. Wenn er aber göttliche Weisheit und Zucht (FußEÜ) missachtet, nennt Gott ihn einen Narren. Mancher Hochgebildete stand am Ende seines Lebens vor einem Scherbenhaufen, weil er sich wie ein „Narr“ verhalten hat. Er musste dann bekennen: „Wie habe ich die Unterweisung gehasst, und mein Herz hat die Zucht verschmäht!“ (Spr 5,12).

Persönliches Verhalten (Kapitel 1,8–2)

Die zweite Unterweisung erinnert an das 2. Buch Mose. Dort steht zunächst die Erlösung des Volkes Gottes im Vordergrund. Dann bezeugt Gott durch das Gesetz vom Sinai, wie sich das Volk verhalten soll, damit Er in ihrer Mitte wohnen kann. Er gibt ihnen die „zwei Tafeln des Zeugnisses“ (2. Mo 31,18). Es ist das zweite Buch der Bibel, und bekanntermaßen ist Zwei in der Bibel die Zahl des Zeugnisses6.

Entsprechend wird hier der „Sohn“ als Bild eines erlösten Menschen7 eingeführt. Sein Vater bezeugt ihm das richtige Verhalten, um das „Land bewohnen“ zu können (Spr 2,21). Zwei Möglichkeiten stehen dem Sohn zur Auswahl: der Weg Gottes – der Weg der Sünder.

Wir finden in diesen Abschnitten dieselben Grundsätze, die Gott schon in den Zehn Geboten niederlegte. Nachdem die ersten vier Gebote bereits im Aufruf zur „Furcht des Herrn“ (V. 7) zusammengefasst wurden8, geht es hier nun im Wesentlichen um die Gebote, die das tägliche Leben regeln (2. Mo 20,12–17). Wir erkennen folgende Zusammenhänge:

  1. Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“: Sprüche 1,8.9.
  2. Gebot „Du sollst nicht töten“: Sprüche 1,11.16.
  3. Gebot „Du sollst nicht ehebrechen“: Sprüche 2,16.17.
  4. Gebot „Du sollst nicht stehlen“: Sprüche 1,13.
  5. Gebot „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen“: Sprüche 2,12.
  6. Gebot „Du sollst nicht begehren …“: Sprüche 1,19.

Wenn wir nun in die Betrachtung der einzelnen Verse dieser zweiten Unterweisung eintreten, können wir drei Themenbereiche erkennen:

  1. Warnung vor Gewalttat (Spr 1,8–19)
  2. Ansprache der Weisheit (Spr 1,20–33)
  3. Weisheit schützt vor Unmoral (Spr 2)
  4. Warnung vor Gewalttat (Kap. 1,8–19)

In dieser ersten Ansprache des Vaters wird der „Sohn“ vor dem verführerischen Einfluss der Sünder gewarnt. Wesentliche Kennzeichen dieser gottlosen Menschen werden in Römer 3,13–18 aufgelistet: „Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch. Schlangengift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voller Fluchen und Bitterkeit. Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend ist auf ihren Wegen. … Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.“ Es handelt sich hier um Menschen, die von Gewalttat gekennzeichnet sind, wogegen bei der zweiten Ansprache des Vaters (Spr 2) mehr die Verdorbenheit (speziell Unmoral) in den Vordergrund tritt.

Diese beiden Formen des Bösen werden schon im 1. Buch Mose geschildert: Die Gewalttat beim Brudermord Kains (1. Mo 4) und die Verdorbenheit bei der sexuellen Verbindung von Engeln mit Menschen (1. Mo 6,1.2). „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat“ (1. Mo 6,11).

Die vorliegende Ansprache an den Sohn lässt sich wie folgt gliedern:

Spr 1,8–9: Der Wert der Unterweisung des Vaters
Spr 1,10–14: Beschreibung der Verlockungen
Spr 1,15–19: Das Ende des bösen Weges

1,8–9: Diese beiden Verse können wir als Überschrift zu allen folgenden Ansprachen des Vaters nehmen. Jedes Mal wird die liebevolle Anrede „mein Sohn“ verwendet. Der Vater meint es gut mit ihm. Er soll auf den Vater hören, weil es zu seinem Segen gereichen wird.

1,8 „Höre, mein Sohn, die Unterweisung deines Vaters, und verlass nicht die Belehrung deiner Mutter!“ (Spr 6,20; 4,1)

Eltern haben ihre Autorität von Gott erhalten. Sie sind sozusagen Vertreter der Autorität Gottes. Jede sittliche Ordnung gründet sich auf das, was Gott gesagt hat; und den Grundsatz der Autorität der Eltern hat Er im 5. Gebot festgelegt. Wer die Autorität der Eltern nicht akzeptiert, kann nicht „gottselig“, d. h. nicht zu Gottes Wohlgefallen, leben.

► Wir finden in der Bibel nicht weniger als neun Stellen über das Ehren der Eltern.9 Offenbar haben wir diese Ermahnung dringend nötig!

Es geht in den Sprüchen sehr oft um das Hören. Wir sollten uns hüten, große Redner sein zu wollen. „Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden“ (Jak 1,19). „Hören“ bedeutet für uns in erster Linie Bibellesen. Das Wort Gottes spricht jeden persönlich an. Dann aber sollen wir auch auf die Unterweisungen unserer (leiblichen wie geistlichen) Väter hören, die sie uns auf der Basis des Wortes Gottes erteilen oder in der Vergangenheit erteilt haben (Stichwort: Biblische Betrachtungen).

Die Belehrung der Mutter ergänzt die Unterweisung des Vaters. Sie ist es, die das Kind vor allem in den ersten Lebensjahren am meisten umsorgt und daher seine Neigungen und Bedürfnisse am besten kennt. Christliche Mütter können ihre Kinder schon früh mit der Liebe des Herrn Jesus vertraut machen. Diese Belehrungen aus dem Wort Gottes soll der „Sohn“ dann ein Leben lang bewahren, er soll sie „nicht verlassen“.

► Möchtest du gerne glücklich sein? Der Herr Jesus hat versichert: „Glückselig die, die das Wort Gottes hören und bewahren!“ (Lk 11,28; vgl. Spr 8,32).

■ In diesem Vers wird auch deutlich, dass Eltern eine Verantwortung ihren Kindern gegenüber haben. Wenn sie zum Beispiel die Belehrung ihrer Kinder den Sonntagschullehrern überlassen, dann haben sie ihre von Gott erhaltene Aufgabe nicht verstanden. Unser Vers macht auch deutlich, dass sowohl der Vater als auch die Mutter in der Erziehung der Kinder tätig sein müssen. Wenn man dies beachtet, wird der Herr „segnen, die den Herrn fürchten, die Kleinen mit den Großen“ (Ps 115,13).

1,9 „Denn sie werden ein anmutiger Kranz für dein Haupt und ein Geschmeide für deinen Hals sein.“

Gott lässt Gehorsam nicht unbelohnt. Es ist eine Zierde („anmutiger Kranz“) für jeden Christen, wenn er die Autorität seiner Eltern anerkennt. Man merkt es seinem Verständnis („Haupt“) und seiner inneren Haltung („Hals“10) an. Das beste Beispiel hierfür ist der Knabe Jesus. Er war seinen Eltern vollkommen untertan, und schon als Zwölfjähriger erstaunte Er die im Tempel anwesenden Schriftgelehrten durch sein Verständnis (Lk 2,46–51).

In Kolosser 3,20 wird betont, dass der Gehorsam gegenüber den Eltern Gott wohlgefällig ist. Es ist „das erste Gebot mit Verheißung“ (Eph 6,1.2; vgl. 2. Mo 20,12). Ein gehorsames Kind wird von Gott gesegnet und man sieht ihm an, dass es glücklich ist.

1,10–14: Der Vater beginnt nun mit einer Beschreibung der einzelnen Verlockungen. Die Verführer schieben die Gebote Gottes beiseite und machen das Land durch ihre Gewalttat unsicher (Hos 6,7–9).

1,10 „Mein Sohn, wenn Sünder dich locken, so willige nicht ein.“

Der weise Vater weiß, womit ein sündiger Weg oft beginnt: Gottlose Menschen „locken“ mit freundlichen Versprechungen. Doch ehe man sich’s versieht, ist man gefangen. Selbst ein gut behüteter junger Mensch kann durch die Ansichten und Gepflogenheiten der bösen Welt verführt werden, wenn er sich nicht rechtzeitig davor verschließt.

Hier können wir von David lernen. Er hatte den Wunsch, nicht mit Sündern und Blutmenschen „in einen Topf geworfen“ zu werden, und hielt sich fern von ihnen (Ps 26,9.4.5). Fliehen ist tatsächlich der beste Schutz vor bösen Versuchungen. Joseph floh vor den sündigen Verlockungen der Frau Potiphars (1. Mo 39,7–12).

Ein Beispiel eines Verführers ist der König Jerobeam, der Salomo auf dem Thron Israels folgte. 22-mal wird von ihm gesagt, dass er (durch den Altar in Bethel) Israel veranlasst hatte zu sündigen (z. B. 1. Kön 14,16). Es kann uns also passieren, dass selbst Vorgesetzte, Lehrer oder sogar die Regierung uns zum Sündigen verleiten.

Man kann auf verschiedene Weise auf den Weg der Sünde kommen:

  • Verführung: „… wenn Sünder dich locken“ (Spr 1,10).
  • Böses Reden: „In der Übertretung der Lippen ist ein böser Fallstrick“ (Spr 12,13).
  • Unbesonnenheit: „Wer mit den Füßen hastig ist, tritt fehl“ (Spr 19,2).
  • Hochmut: „Stolz der Augen und Überheblichkeit des Herzens … sind Sünde“ (Spr 21,4).
  • Not: „Für einen Bissen Brot kann ein Mann übertreten“ (Spr 28,21).

1,11 „Wenn sie sagen: Geh mit uns! Wir wollen auf Blut lauern, wollen den Unschuldigen nachstellen ohne Ursache; …“

Diese Verführer verstoßen gegen das 6. Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Jonathan musste seinen Vater Saul vorwurfsvoll fragen: „Warum willst du dich an unschuldigem Blut versündigen, indem du David ohne Ursache tötest?“ (1. Sam 19,5). Und was musste unser Herr erleben? „Sie belauerten ihn …, um ihn anklagen zu können.“ „Und obschon sie keine Todesschuld fanden, baten sie Pilatus, dass er umgebracht würde“ (Mk 3,2; Apg 13,28).

Wir stehen wohl nicht in Gefahr, jemand zu ermorden. Doch gibt es ja auch „Rufmord“ (Mt 5,21.22). Auch kann man jemand (z. B. durch Mobbing) so „fertigmachen“, dass er am Leben verzweifelt. Bedenken wir auch: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder“ (1. Joh 3,15). Eine solche Handlungsweise ist besonders abscheulich, wenn sie – wie hier – ganz bewusst „ohne Ursache“ geschieht.

1,12 „… wir wollen sie lebendig verschlingen wie der Scheol, und unverletzt, gleich denen, die plötzlich in die Grube hinabfahren; …“

Der Vergleich mit dem Scheol und der Grube11 erinnert in Verbindung mit dem Vers „Scheol und Abgrund sind unersättlich“ (Spr 27,20) an die unbändige Gier dieser Menschen. Ihre Pläne sind sehr konkret. Und sie glauben, alle Spuren verbergen zu können („unverletzt“).

Jedoch übersehen diese Verbrecher, dass Gott seinerseits mit derart bösen Menschen ebenso handelt. Als Er Korah und seine Rotte bestrafte, „öffnete die Erde … ihren Mund und verschlang sie und ihre Familien und alle Menschen, die Korah angehörten“ (4. Mo 16,32).

Es mag sein, dass wir uns über solche Sünder entrüsten. Aber in Titus 3,3 lesen wir, was auch uns einst kennzeichnete: Wir waren „unverständig, ungehorsam, irregehend, dienten mancherlei Begierden

und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend“. Wir sehen: Das Böse steckt in jedem von uns.

1,13 „… wir werden allerlei kostbares Gut erlangen, werden unsere Häuser mit Beute füllen; …“

Oft wird die Sünde attraktiv dargestellt. „Gestohlene Wasser sind süß“ (Spr 9,17). Aber das 8. Gebot lautet: „Du sollst nicht stehlen.“ Stehlen ist eine Folge der Habsucht (V. 19). Es ist beschämend, dass Gott auch uns ermahnen muss: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr“ (Eph 4,28). Die Verlockung ist groß, sich an fremdem Eigentum zu bereichern.

► Auch wenn wir anderen etwas vorenthalten, was ihnen zusteht, ist das nichts anderes als Stehlen: private Nutzung der Arbeitszeit, Steuerhinterziehung usw.

1,14 „… du sollst dein Los mitten unter uns werfen, wir alle werden einen Beutel haben: …“

Hier kommt nun eine weitere Verlockung, falls der Sohn noch zögern sollte, mitzumachen. Dem „Anfänger“ wird dasselbe versprochen wie den „Profis“. Doch der Sohn wird in dieser üblen Gesellschaft die Erfahrung machen, dass er am Ende selbst der Geschädigte ist. Mancher ist schon in eine solche Falle getappt und gehörte dann einer Clique an, die ihn nicht mehr losließ.

Das Beispiel Lots ist hier sehr lehrreich. Er hatte die saftigen Weiden Sodoms vor Augen und erwählte sich diese Gegend als Wohnort, obwohl die Menschen dort „große Sünder“ waren (1. Mo 13,10–13). Er „warf sein Los mitten unter ihnen“. Bald wandelte er im „Rat der Gottlosen“, stand auf dem „Weg der Sünder“ und saß schließlich im Tor Sodoms, sozusagen im „Kreis der Spötter“ (Ps 1,1; 1. Mo 19,1).

1,15–19: Nachdem der Vater seinem Sohn geschildert hat, wie gefährlich und geschickt Verführer oft auftreten, richtet er nun einen warnenden Appell an ihn. Er beschreibt ihm das böse Ende ihres Weges.

1,15 „Mein Sohn, geh nicht mit ihnen auf dem Weg, halte deinen Fuß zurück von ihrem Pfad; …“

Aus diesen Worten spürt man die Besorgtheit eines weisen und liebenden Vaters. Es ist ihm wichtig, dass der Sohn nicht in den Sog des Bösen gerät und dann sein Ende mit dem der Mörder teilt. Mit den Ausdrücken „Weg“ und „Pfad“ meint er die Lebensführung des Sohnes. Der „Fuß“ deutet darauf hin, dass sich der Sohn selbst entscheiden muss und sich von dem ersten verkehrten Schritt „zurückhalten“ soll.

► Wir sollten immer wieder beten: „Deine Wege, Herr, tu mir kund, deine Pfade lehre mich!“ (Ps 25,4).

1,16 „… denn ihre Füße laufen dem Bösen zu, und sie eilen, Blut zu vergießen.“ (Spr 6,18)

In den Versen 16 und 18 nennt der Vater zwei Gründe, warum er so dringend davon abrät, sich mit diesen Menschen zu verbinden. Erstens sind es Mörder, und zweitens bereiten sie sich ihr eigenes Verderben.

Sie eilen, Blut zu vergießen. In Daniel 6 ist auffällig, dass die Vorsteher immer wieder eilen, wenn sie Daniel vor dem König anklagen. Ähnlich heißt es in Römer 3,15: „Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen“. Ja, zum Sündigen sind wir Menschen leider immer sehr schnell bereit!

► Als Gläubige sollten wir „laufen“, den Willen Gottes auszuführen und das Evangelium zu verbreiten. Der Psalmdichter sagt: „Den Weg deiner Gebote werde ich laufen“ (Ps 119,32).

1,17 „Denn vergeblich wird das Netz ausgespannt vor den Augen alles Geflügelten; …“

Die Belehrung dieses Verses ist: Mach es wie die Vögel, flieh vor der Gefahr, flieh vor der Versuchung! Wer sich nicht auf Böses einlässt, der entrinnt dem Feind, auch wenn dieser wie ein Vogelfänger „Netze ausspannt“. Aber dazu muss der Blick für das, was Gott gefällt, geschärft sein. Sünder dagegen rennen mit geöffneten Augen in ihr eigenes Verderben (Hiob 33,18; 36,12).

1,18 „… sie aber lauern auf ihr eigenes Blut, stellen ihren eigenen Seelen nach.“

Der zweite Grund für die Warnung des Vaters ist, dass böse Menschen letztendlich selbst in die von ihnen aufgestellten Fallen geraten. „Den Gottlosen wird das Böse töten“ (Ps 34,22), sagt der gejagte David. Sie beschwören über sich sogar ein schwereres und sichereres Verderben herauf als das, was sie über andere planten. Räuber, die gemeinsame Sache machen, „lauern“ oft nach der Tat gegenseitig auf ihr Blut, weil jeder die Beute für sich haben möchte.

1,19 „So sind die Pfade all derer, die der Habsucht frönen: Sie nimmt ihrem eigenen Herrn das Leben.“

In der Bibel wird die Habsucht oft zusammen mit den „größten“ Sünden genannt (1. Kor 5,10; 6,10; Eph 5,3). Da sie schwerer zu entdecken ist – auch in meinem eigenen Herzen! –, wird sie oft verharmlost. Aber dieser Vers sagt, dass sie ebenso „tödlich“ ist wie andere Sünden. Und niemand kann sich von dieser Sünde wirklich freisprechen. Man hat gesagt, dass das 10. Gebot „Du sollst nicht begehren …“ eines der schwersten ist.

Da das sündige Fleisch immer noch in uns ist, warnt uns der Heilige Geist eindringlich vor der Geldliebe. Sie „ist eine Wurzel alles Bösen, der nachstrebend einige von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben“ (1. Tim 6,10). Auch Jakobus beschreibt die Folgen der Habsucht sehr plastisch, wenn er sich an die wendet, die sich auf Kosten anderer bereichern: „Wohlan nun, ihr Reichen, weint und heult über euer Elend, das über euch kommt! Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind von Motten zerfressen worden“ (Jak 5,1.2).

► Der Herr Jesus warnt: „Gebt acht und hütet euch vor aller Habsucht, denn auch wenn jemand Überfluss hat, besteht sein Leben nicht durch seine Habe“ (Lk 12,15).

Die speziellen Warnungen des Vaters sind nun vorerst beendet. Dreimal hat er die Anrede „mein Sohn“ verwendet:

  • Vers 8: Vergiss nicht, was du zu Hause gelernt hast!
  • Vers 10: Pass auf, wenn Sünder dich locken!
  • Vers 15: Lass dich nicht mit Sündern ein!

b) Ansprache der Weisheit (Kap. 1,20–33)

Nun spricht die Weisheit selbst. Wie einleitend bereits bemerkt, wird sie im Buch der Sprüche oft personifiziert. Das beginnt schon hier im ersten Kapitel: Sie „schreit“, sie „ruft“, sie „lacht“, sie „spottet“, was man eigentlich nur von einer Person sagen kann. Und ist es nicht letztlich der Herr Jesus, der hier spricht?

Wir können in der Ansprache der Weisheit deutlich zwei Teile erkennen:

Spr 1,20–23: Allgemeiner Appell der Weisheit
Spr 1,24–33: Konsequenzen der Ablehnung dieses Appells

1,20–23: Diese Verse haben große Ähnlichkeit mit den einleitenden Versen des 8. Kapitels. Ebenso wie dort, „schreit“ hier die Weisheit, damit sie von jedermann gehört wird.

1,20 „Die Weisheit schreit draußen, sie lässt auf den Straßen ihre Stimme erschallen.“ (Spr 8,1)

Die Weisheit flüstert ihre Belehrungen nicht ins Ohr, sondern sie „schreit“. Auch der Herr Jesus „rief und sprach“ (Joh 7,28.37; 12,44). Die Stimme Gottes soll weithin gehört werden.

Die Weisheit redet nicht nur im (gläubigen) Elternhaus (Spr 1,8–19), sondern sie lässt ihre Stimme auch öffentlich („draußen“), inmitten unseres gesellschaftlichen Umfelds („Straßen“) erschallen. Es geschieht dort, wo viele sie hören können (Joh 18,20) – „damit sie ohne Entschuldigung seien“ (Röm 1,20).

1,21 „Sie ruft an der Ecke lärmender Plätze; an den Eingängen der Tore, in der Stadt redet sie ihre Worte: …“

Auch da, wo allerlei Ablenkung ist, versucht die Weisheit, sich Gehör zu verschaffen, ebenso wo Recht gesprochen („Tore“) und Handel getrieben wird („Stadt“). Dort befinden sich die hochgestellten Menschen dieser Welt, die meinen, alles selbst im Griff zu haben. Aber auch sie brauchen die Belehrung der göttlichen Weisheit.

■ Ein Evangelist muss die Menschen da suchen, wo sie sich aufhalten. Auch Jesus zog gezielt in das verachtete Samaria oder in das Gebiet von Tyrus und Sidon, um dort einzelne Personen aufzusuchen (Joh 4,4–7; Mk 7,24–30).

1,22 „Bis wann, ihr Einfältigen, wollt ihr Einfältigkeit lieben und werden Spötter ihre Lust an Spott haben und Toren Erkenntnis hassen?“

Die Frage „Bis wann?“ zeigt die Geduld Gottes. Er ist langmütig, redet aber doch gleichzeitig mit energischem und eindringlichem Ton. Drei Gruppen spricht Er an:

  1. Die Einfältigen, die keine Einsicht und Urteilsfähigkeit haben, aber doch verantwortlich sind für ihr Tun (Spr 1,4).
  2. Die Spötter, die alle Appelle an das Gewissen verwerfen. Sie machen sich in frivoler Weise über die Worte der Weisheit lustig. Im Gegensatz zu den Einfältigen besteht bei ihnen nur geringe Hoffnung auf Besserung (Spr 19,25; 13,1).
  3. Die Toren, die Erkenntnis hassen. Ihre Unvernunft liegt darin, dass sie gottlos leben oder sogar sagen: „Es ist kein Gott“ (Ps 14,1). Der Tor ist ein Mensch, der ungeniert „gegen den Allmächtigen trotzt“ (Hiob 15,25), d. h. Ihm widersteht. In Vers 29 wird „Erkenntnis hassen“ in einem Atemzug mit fehlender Furcht des Herrn

► Die Weisheit spricht jeden gezielt an. Auch bei uns zögert sie nicht, uns genau zu sagen, was wir sind. „Du bist der Mann“, musste David vom Propheten Nathan hören (2. Sam 12,7).

Bis heute appelliert Gott noch an Einfältige, Spötter und Toren, dass sie von ihrem verderblichen Weg umkehren. Aber Er lässt sie frei entscheiden – wie sie „wollen“.

1,23 „Kehrt um zu meiner Zucht! Siehe, ich will euch meinen Geist hervorströmen lassen, will euch kundtun meine Reden.“

Wie bereits bei Vers 4 erläutert, wendet Gott „Zucht“ an, wenn sich jemand auf einem falschen Weg befindet. Zucht ist nicht angenehm (Heb 12,11). Deshalb besteht die Gefahr, sich ihr irgendwie zu entziehen. Daher der Ruf: „Kehrt um zu meiner Zucht!“ Hier geht es also nicht um den Ruf des Evangeliums, sondern um die Aufforderung, Gottes Regierungswege zu erkennen und anzuerkennen.

► Denke nach, ob Gott dir vielleicht durch eine Krankheit, ein Unglück oder irgendein Missgeschick etwas sagen will!

Gott möchte segnen. Er möchte seinen „Geist hervorströmen lassen“. Dabei geht es hier natürlich nicht um die Verheißung des Heiligen Geistes, den jeder, der an Jesus Christus glaubt, empfängt. Es geht einfach um das Wirken des Geistes Gottes in einem Menschen, der sich unter Gottes Zucht beugt. Er versteht dann in seinem Herzen das „Reden“ Gottes und wird sein Leben in Gemeinschaft mit Ihm führen.

1,24–33: Nach den eindringlichen Appellen der Weisheit beschreibt sie nun die fatalen Folgen für den, der nicht auf sie hört.

1,24 „Weil ich gerufen habe und ihr euch geweigert habt, meine Hand ausgestreckt habe und niemand zugehört hat, …“

Gott will nicht, dass jemand verloren geht: „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen?, spricht der Herr, Herr, nicht vielmehr daran, dass er von seinen Wegen umkehre und lebe?“ (Hes 18,23; vgl. Hes 33,11). Gott ist gnädig und langmütig. Deswegen hat Er immer wieder gerufen, aber man hat sich geweigert, zu hören. „Am Ende der Tage“ hat Gott in der Person seines Sohnes geredet (Heb 1,1; Gal 4,4), aber „die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Er hat seine „Hand ausgestreckt“, aber „niemand hat zugehört“: „Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbar geworden?“ (Jes 53,1).

Gott nimmt durchaus Notiz davon, wenn jemand Ihm nicht zuhört oder seine Worte in den Wind schlägt. Wenn man achtlos seine eigenen Wege weitergeht, „der eine auf seinen Acker, der andere an seinen Handel“ (Mt 22,5). Das ist eine Beleidigung Gottes.

Besondere Verantwortung trifft hierbei das Volk der Juden und die Menschen, die in christlichen Ländern leben. Sie können das Wort Gottes lesen im Gegensatz zu den vielen Menschen aus der Heidenwelt, die den Willen Gottes nur durch ihr Gewissen erkennen können (Röm 2,15).

1,25 „… und ihr all meinen Rat verworfen und meine Zucht nicht gewollt habt, …“ (Spr 1,30)

Der Mensch ist von sich aus nicht an dem „Rat“ Gottes interessiert. Wer einen guten Rat verwirft, meint, es besser zu wissen. Das ist nicht nur Unabhängigkeit und Hochmut, sondern auch eine Beleidigung gegenüber dem Ratgeber und eine Missachtung der angebotenen Hilfe.

Wer göttliche „Zucht“ ablehnt, meint, dass in seinem Leben alles in Ordnung sei und er keine Korrektur benötige. Wie leicht können auch wir zu einer solchen Ansicht kommen.

Diese Verse zeigen, dass Menschen, die die göttliche Weisheit ablehnen, aus zweierlei Gründen besondere Schuld trifft:

  1. Wegen der Vielseitigkeit der Bemühungen Gottes:
  • Er hat gerufen. Das war ein Appell, nicht nur eine Mitteilung der Wahrheit (V. 20.21.24).
  • Er hat seine Hand einladend ausgestreckt (V. 24).
  • Er hat unterwiesen mit „Rat“ und „Zucht“ (V. 23.25).
  • Er hat Verheißungen gegeben (V. 23.33).
  • Er hat gewarnt (V. 26–33).
  1. Wegen des Charakters ihrer Ablehnung:
  • Sie „liebten“ die Einfältigkeit und hatten Freude an Spott (V. 22).
  • Sie weigerten sich hartnäckig (V. 24).
  • Sie hörten einfach nicht zu (V. 24).
  • Sie verwarfen Rat und Zucht (V. 25).

1,26 „… so werde auch ich bei eurem Unglück lachen, werde spotten, wenn der Schrecken über euch kommt; …“

Gott zeigt dem Menschen seine Grenzen auf. Einmal ist das Maß voll (Mt 23,32). Ständige Weigerung, auf Ihn zu hören, führt schließlich zum Gericht. Derselbe Gott, der langsam zum Zorn und groß an Güte ist, „lacht“ dann nur noch. Es ist ein „Lachen des Gerichts“ (Ps 2,4). Dieses Lachen und Spotten Gottes unterstreicht einerseits die Absurdität der Torheit und andererseits die Überlegenheit der Weisheit.

In 5. Mose 28,63 steht eine ähnliche, schreckliche Prophezeiung: „Und es wird geschehen: So wie der Herr sich über euch freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird der Herr sich über euch freuen, euch zugrunde zu richten und euch zu vertilgen.“ Auch andere Verse zeigen, dass Gottes Geduld einmal zu Ende sein wird. Hosea schreibt über das 10-Stämme-Reich: „Ephraim ist mit Götzen verbündet; lass ihn gewähren“ (Hos 4,17), und Stephanus stellt in Bezug auf Israel in der Wüste fest: „Gott aber wandte sich ab und gab sie hin“ (Apg 7,42). Über die Heiden schreibt Paulus: „Deswegen hat Gott sie hingegeben in schändliche Leidenschaften“ (Röm 1,26). Wenn ein Mensch sich bewusst für die Sünde entscheidet, dann lässt Gott ihn sozusagen gehen. Er lässt ihn allein. Das ist ein schreckliches Los!

1,27 „… wenn der Schrecken über euch kommt wie ein Unwetter, und euer Unglück hereinbricht wie ein Sturm, wenn Bedrängnis und Angst über euch kommen.“

Wenn Gott das Unglück (die Züchtigung) bringt, wird dies verheerende Auswirkungen haben. Mit den Ausdrücken „Unwetter“ und „Sturm“ betont der Heilige Geist die Plötzlichkeit und Gewalt, mit der das Gericht den trifft, der die Weisheit verachtet hat.

Bei dieser Beschreibung werden unsere Gedanken auch auf das zukünftige Gericht über die gottlose Menschheit vor Beginn des Tausendjährigen Reiches gelenkt. Paulus schreibt, dass es „wie ein Dieb in der Nacht“ und „wie die Geburtswehen über die Schwangere“ hereinbricht (1. Thes 5,2.3). Auch Zephanja gibt eine sehr ernste Beschreibung dieses Gerichtstages: „Ich werde alles von der Fläche des Erdbodens ganz und gar wegraffen …“ (Zeph 1,2–3.15–18). Wer dieses furchtbare Gericht nicht fürchtet, beweist, dass er auch den Herrn nicht fürchtet.

1,28 „Dann werden sie zu mir rufen, und ich werde nicht antworten; sie werden mich eifrig suchen und mich nicht finden, …“

Hier ist der Moment gekommen, wo Gott nicht (mehr) hört. „Wie er gerufen hatte und sie nicht gehört hatten, so riefen sie, und ich hörte nicht, spricht der Herr der Heerscharen“ (Sach 7,13). „Sie werden umherlaufen, um das Wort des Herrn zu suchen, und werden es nicht finden“ (Amos 8,12).

Die Weisheit versichert: „Die mich früh suchen, werden mich finden“ (Spr 8,17). Der Herr ist treu im Blick auf diejenigen, die Ihn früh (oder eifrig12) suchen. Er liebt sie und lässt sich von ihnen finden. Aber Er ist auch „treu“ in seinem Verhalten gegenüber denen, die Ihn in der „wohlangenehmen Zeit“ ablehnen (2. Kor 6,2). Wer Ihn nicht finden wollte, wird Ihn auch später nicht finden, selbst wenn er dann den Segen wie Esau „mit Tränen eifrig sucht“ (Heb 12,17). Denselben Gedanken äußert der Herr in Lukas 13,24–28, wenn Er von der „engen Tür“ spricht, die einmal verschlossen sein wird.

1,29 „… weil sie Erkenntnis gehasst und die Furcht des Herrn nicht erwählt, …“

Das ist der Kern der Sache und der Grund, warum Gott nicht mehr hört. Er lässt sich nicht spotten. Er hat es den Toren gesagt, hat es ihnen bewusst gemacht, dass sie „Erkenntnis hassen“ und ihnen das zum Schaden sein würde (V. 22). Sie hätten über dieses Urteil nachdenken sollen und ihre Einstellung ändern sollen. Aber sie haben ihre Wahl getroffen – und sich bewusst gegen die „Furcht des Herrn“ entschieden.

1,30 „… nicht eingewilligt haben in meinen Rat, verschmäht haben all meine Zucht.“ (Spr 1,25)

Der Heilige Geist wiederholt die Worte aus Vers 25, um zu zeigen, wie schwerwiegend es ist, den Rat und die Zucht Gottes zu ignorieren. Als vor etwa 2000 Jahren Gott „zu uns im Sohn geredet hat“ (Heb 1,2), wollte Er den Menschen helfen, ihnen raten. Aber sein Sohn wurde abgelehnt. Sein „Rat“, sein Aufruf zur Buße und seine Worte der Gnade verhallten ungehört. Und wenn Er ihr Gewissen bloßstellte und deutliche Worte des Gerichts aussprach, „verschmähten“ sie diese Zucht.

1,31 „Und sie werden essen von der Frucht ihres Weges und von ihren Plänen sich sättigen.“

Gott urteilt nach dem, was ein Mensch in seinem Leben tut, es sei Gutes oder Böses. Jeremia sagt, dass Gottes „Augen über alle Wege der Menschenkinder offen sind, um jedem zu geben nach seinen Wegen und nach der Frucht seiner Handlungen“ (Jer 32,19; vgl. Jer 21,14; Jes 3,10). Er wird nichts übersehen oder vergessen.

Die „Frucht des Weges“ ist hier die Strafe für böses Handeln. Sie ist unabdingbar. Wer sündigt, muss diese Frucht „essen“. „Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten. Denn wer für sein eigenes Fleisch sät, wird von dem Fleisch Verderben ernten“ (Gal 6,8).

► Vielleicht hast du eine deiner Sünden ganz vergessen – aber die Frucht davon wirst du irgendwann „essen“.

Sogar wer eine böse Tat noch nicht ausgeführt, aber bereits „geplant“ hat, wird bestraft. Denn es waren sündige Gedanken. Diesen Grundsatz hatte David schon erkannt: „Sie denken Schlechtigkeiten aus:,Wir haben es fertig, der Plan ist ausgedacht!’ … Aber Gott schießt auf sie – plötzlich kommt ein Pfeil“ (Ps 64,7.8).

In den beiden letzten Versen bringt die Weisheit ihre Ansprache gewissermaßen „auf den Punkt“. Einfältige und Toren werden umkommen, die Gehorsamen aber werden sicher wohnen und ruhig sein.

1,32 „Denn die Abtrünnigkeit der Einfältigen wird sie töten, und die Sorglosigkeit der Toren wird sie umbringen; …“

Die Wahrheit dieser Aussage mussten manche Personen in der Bibel an ihrem eigenen Leib erfahren. Man denke nur an Herodes (Apg 12,23) oder an Belsazar (Dan 5). Der eine war „abtrünnig“, indem er sich vergöttern ließ, der andere „sorglos“, indem er ausschweifend lebte. Doch ihr törichtes Handeln brachte ihnen den Tod (Spr 1,19; 5,23).

■ Einfältige oder Toren sind nicht immer sofort als solche erkennbar, besonders wenn sie in der Welt gut gestellt sind. „Nichts verbirgt einen Makel besser als ein Kleid von Gold.“ Aber ihr Ende ist Verderben.

1,33 „… wer aber auf mich hört, wird sicher wohnen und wird ruhig sein vor des Unglücks Schrecken.“

Der letzte Vers dieses Kapitels zeigt den „Ausweg“: den Weg der Sicherheit und der Ruhe. Alle, die auf Gott hören, brauchen keine Angst vor seinem Gericht zu haben. „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht“ (Joh 5,24).

„Sicher wohnen“ bedeutet, sich ständig an der Gegenwart Gottes zu erfreuen. Wenn wir auf Ihn hören, wird uns nichts treffen, was uns schaden könnte. Und auch für die Zukunft wissen wir: „Mein Fleisch wird in Sicherheit ruhen“ (Ps 16,9).

„Ruhig sein“ bedeutet, sich keine sorgenvollen Gedanken über die Zukunft zu machen. Solche Gedanken können leicht aufkommen, wenn uns ein „Unglück schreckt“. Aber in allen Schwierigkeiten versichert uns Gott, dass Er „alle Dinge zum Guten mitwirken“ lässt (Röm 8,28). Im Übrigen ist Er auch in der Lage, Unglücke von uns abzuwenden, so dass wir erst gar nichts von der Gefahr bemerken. Dieses Wissen macht uns ruhig.

c) Weisheit schützt vor Unmoral (Kap. 2)

Nachdem der „Vater“ in seiner ersten Ansprache (Spr 1,10–19) vor der Sünde der Gewalttat gewarnt hat, gibt er nun dem Sohn in Kapitel 2 Ratschläge, um ihn vor der Unmoral, hier Verkehrtheit und Unsittlichkeit, zu bewahren. Sie ist ein Charakterzug der Verdorbenheit des Menschen.

Man kann diese zweite Ansprache des Vaters folgendermaßen gliedern:

Spr 2,1–4: Bedingungen zur Erlangung der Weisheit
Spr 2,5–11: Vielfache Auswirkungen der Weisheit
Spr 2,12–15: Warnung vor Verkehrtheit
Spr 2,16–19: Warnung vor Unsittlichkeit
Spr 2,20–22: Das Endziel

2,1–4: Weisheit kommt nicht „von selbst“. Wir müssen sie begehren, auf sie hören und sie ins Herz aufnehmen. Daher werden uns nun zunächst die Bedingungen genannt, unter denen wir sie erlangen.

2,1 „Mein Sohn, wenn du meine Reden annimmst und meine Gebote bei dir verwahrst, …“

Zunächst ist es erforderlich, die Worte des Vaters bereitwillig „anzunehmen“, innerlich zu akzeptieren. Es gibt Menschen, die sofort eine ablehnende Haltung einnehmen, wenn ihnen jemand einen guten Rat geben will – meistens zu ihrem eigenen Schaden.

Dann aber müssen die Gebote auch „verwahrt“ werden. Was ich verwahre, schütze ich dauerhaft. Dann bin ich in der Lage, das Gehörte zur rechten Zeit anzuwenden.

Gebote sind klar festgelegte Anweisungen Gottes, über die nicht zu diskutieren ist. Gebote im Neuen Testament richten sich an das neue Leben in uns. Wir halten sie aus Liebe zu unserem Herrn (Joh 14,15). Andererseits beweisen wir unsere Liebe zu Ihm durch das Halten seiner Gebote (Joh 14,21).

2,2 „… so dass du dein Ohr aufmerksam auf Weisheit hören lässt, dein Herz neigst zum Verständnis; …“ (Spr 5,1)

Aufnahmefähigkeit allein reicht nicht, wenn Gott zu uns redet. Wir müssen auch aufnahmebereit sein. Dazu gehört zunächst das aufmerksame Hören. Dann aber muss auch das Herz „geneigt“ sein, das Gehörte verstehen zu wollen. Gott möchte, dass wir sein Wort erfassen. Dazu benötigen wir Glauben, ein reines Herz und Hingabe an Gott.

■ In Lukas 10 lesen wir von Maria, die großes Interesse an den Worten des Herrn hatte. Sie setzte sich deswegen zu seinen Füßen und ließ ihr „Ohr aufmerksam auf Weisheit hören“. Unmittelbar darauf wird uns in Lukas 11 der Wert des Gebets vorgestellt. Wenn wir Gott in seinem Wort gehört haben, sollten wir Ihn auch um Verständnis darüber bitten.

2,3 „… ja, wenn du dem Verstand rufst, deine Stimme erhebst zum Verständnis, …“

„Verstand“ ist Voraussetzung dafür, zwischen Gut und Böse und zwischen Richtig und Falsch unterscheiden zu können. Und ohne „Verständnis“ geht man in die Irre.

Wenn wir Verständnis über irgendeine Sache erlangen möchten, müssen wir ernsthaft „rufen“. Dies wird noch durch das „ja, wenn“ unterstrichen. Wir sollen unsere Stimme zu Gott „erheben“. Ein solches Gebet um Verständnis wird erhört: „Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen willig gibt und nichts vorwirft, und sie wird ihm gegeben werden“ (Jak 1,5).

► Wenn du eine Bibelstelle nicht verstehst: Rufe zu Gott! Wenn du ein Problem nicht lösen kannst: Rufe zu Gott! Wenn du deine Situation nicht begreifst: Rufe zu Gott!

2,4 „… wenn du ihn suchst wie Silber und ihm nachspürst wie nach verborgenen Schätzen, …“

Jetzt wird uns der unermessliche Wert des Verstandes vor die Blicke gestellt (Spr 16,16). Das soll uns motivieren, ihm regelrecht „nachzuspüren“. Dazu brauchen wir Energie. Wir müssen „suchen“, intensiv nachdenken: „Bedenke, was ich sage; denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen“ (2. Tim 2,7). Als Gläubige wissen wir, dass in Christus „alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ verborgen sind (Kol 2,3).

► In „Gottes Schule“ muss Mühe aufgewandt werden. Wir müssen aufpassen, Verständnis suchen, Fragen stellen.

2,5–11: Nachdem der Vater die Bedingungen zur Erlangung der Weisheit genannt hat, zeigt er nun die Auswirkungen der Weisheit.

2,5 „… dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden.“

Das Ziel ist nicht, Wissen anzuhäufen, sondern die „Furcht des Herrn“ zu „verstehen“. Das bedeutet, unterscheiden zu können zwischen dem, was Ihm gefällt, und dem, was unserem eigenen Willen entspringt. Dazu benötigen wir Weisheit, Verstand und Verständnis (V. 2–4).

„Erkenntnis Gottes“ finden wir nur im vertrauten Umgang mit Ihm. Es kann bedeuten, Gottes Erkenntnis, also die Erkenntnis, die von Gott kommt. Es kann aber auch bedeuten, Gott erkennen. Egal, welche Art von Erkenntnis gemeint ist – sie kann nur über die Weisheit und den Verstand (V. 3) gefunden werden. Und sie wird unserer Seele Freude bringen!

■ Gott wirklich erkennen kann nur, wer ewiges Leben besitzt, denn der Herr Jesus sagt: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3).

2,6 „Denn der Herr gibt Weisheit; aus seinem Mund kommen Erkenntnis und Verständnis.“

Wenn wir seinen „Mund nicht befragen“ (Jos 9,14), fehlt uns die Weisheit. Dann geht es uns wie dem Volk Israel, das von den Gibeonitern betrogen wurde und dadurch Jahrhunderte lang Probleme hatte (Jos 9). Eliphas, der Temaniter, gibt hierzu einen guten Rat: „Empfange doch Belehrung aus seinem Mund, und nimm dir seine Worte zu Herzen“ (Hiob 22,22).

Wie viel Weisheit hat der Herr Jesus seinen Jüngern im Laufe der dreieinhalb Jahre mit auf den Weg gegeben! Und als sie nach seiner Auferstehung im Obersaal zusammen waren, „öffnete er ihnen das Verständnis, die Schriften zu verstehen“ (Lk 24,45).

2,7 „Er bewahrt klugen Rat auf für die Aufrichtigen; er ist ein Schild denen, die in Lauterkeit wandeln, …“

Gott „bewahrt klugen Rat auf“. Das heißt, Er hat für jede Situation einen passenden Rat bereit und schenkt bei dessen Befolgung auch Gelingen (FußEÜ). Voraussetzung dafür ist, dass wir erstens „aufrichtig“ sind, also geradlinig unseren Weg gehen, und zweitens in „Lauterkeit wandeln“, so dass man uns nichts nachsagen kann, „als unbescholtene Kinder Gottes“ (Phil 2,15).

Wenn wir diese beiden Voraussetzungen erfüllen, wird Gott uns „ein Schild“13 sein. Er wird über unseren Weg wachen und uns vor Fehlern bewahren.

2,8 „… indem er die Pfade des Rechts behütet und den Weg seiner Frommen bewahrt.“

Wer diese umfassende Bewahrung auf seinem Weg erfahren möchte, muss sich im täglichen Leben nach der Bibel richten. Gott behütet „die Pfade des Rechts“, d. h. diejenigen, die den Wunsch haben, seine Rechte anzuerkennen und sich gerecht zu verhalten. „Denn der Herr liebt das Recht und wird seine Frommen nicht verlassen; ewig werden sie bewahrt“ (Ps 37,28). Und Hanna bestätigt: „Die Füße seiner Frommen bewahrt er“ (1. Sam 2,9). Der Fromme zeichnet sich durch seine Liebe zum Herrn aus: „Die ihr den Herrn liebt, hasst das Böse! Er bewahrt die Seelen seiner Frommen“ (Ps 97,10).

► Die Wege des Herrn Jesus waren zu aller Zeit „Pfade des Rechts“. Wenn wir auf seine wiederholt ausgesprochene Aufforderung „Folge mir nach!“ hören14, befinden wir uns ebenfalls auf diesem Pfad und werden folglich bewahrt.

Oft gehen wir auf einem „Weg der Mühsal“ (Ps 139,24). Das ist dann unsere eigene Schuld, weil wir offensichtlich sein Wort vernachlässigt haben. Unser Motto sollte sein: „Nicht bin ich von deinen Rechten gewichen, denn du hast mich unterwiesen“ (Ps 119,102).

2,9 „Dann wirst du Gerechtigkeit verstehen und Recht und Geradheit, jede Bahn des Guten.“

Eine weitere Folge des aufmerksamen Hörens auf die Weisheit (V. 1–4) ist, dass man „Gerechtigkeit, Recht und Geradheit“ versteht. Schon in Sprüche 1,3 werden diese drei Tugenden zusammen genannt. Dort ging es um das Empfangen dieser Tugenden, hier um das Verstehen. Das bedeutet, zu erkennen, dass sie ihren Ursprung in Gott haben und „gut“ sind. Das bedeutet aber auch, zu wissen, wie man sie praktisch auslebt.

► Wir Christen sollten diese Tugenden noch besser und einsichtsvoller verstehen, als es einem Israeliten überhaupt möglich war, weil wir den Heiligen Geist besitzen.

Außer den drei genannten Tugenden gibt es noch viele andere. Sie alle werden in dem Ausdruck „jede Bahn des Guten“ zusammengefasst. In Galater 5,22.23 werden einige Tugenden genannt: „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“. In Psalm 23,3 wird das für „Bahn“ verwendete Wort mit „Pfad“ übersetzt: „Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.“ Auf dieser „Bahn des Guten“ ist Er der alleinige Führer. Wie ein Zug, der unweigerlich dem Verlauf des „Gleises“ (FußEÜ) folgt, werden wir in die richtige Richtung gelenkt.

■ Jesaja klagt über sein Volk: „Das Recht ist zurückgedrängt, und die Gerechtigkeit steht von fern; … die Geradheit findet keinen Einlass“ (Jes 59,14). So etwas kann es leider auch unter Christen geben.

2,10 „Denn Weisheit wird in dein Herz kommen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein.“

Gott gibt von dem, was von Natur aus in unseren Herzen ist, eine erschütternde Beschreibung. Kurz vor der Sintflut urteilte Er, „dass die Bosheit des Menschen groß war auf der Erde, und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag“ (1. Mo 6,5). Dies hat sich leider auch nach der Sintflut nicht geändert. Deswegen muss „Weisheit in unser Herz kommen“.

Wenn das der Fall ist, dann ist die Weisheit nicht wie ein Fremder auf Besuch, sondern wie ein geliebter Freund, dem man vertraut. Das Herz wird zu Recht der „Geburtsort der Gedanken“ genannt. Insofern ist es sehr wichtig, Weisheit im Herzen zu haben.

Wenn wir bedenken, dass Christus die Weisheit ist, bekommt dieser Vers noch eine ganz andere Dimension: Es geht darum, im Herzen mit dem Herrn beschäftigt zu sein! Ein solches Herz wird vor böser Versuchung bewahrt. Wer den Herrn Jesus liebt, wird sein Wort halten, und der Vater und der Sohn werden „zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,23).

► Um Sünde aus dem Herzen zu verbannen oder sie gar nicht erst hereinzulassen, muss es mit reinen Gedanken und Zuneigungen gefüllt sein. Ein leeres Herz steht immer in Gefahr, dass der Teufel es füllt. Die beste Sicherheit gegen jede Art von Versuchung ist Christus.

In 1. Korinther 8,1.2 weist der Apostel Paulus auf Gefahren hin, die durch bloße „Erkenntnis“ aufkommen können; sie „bläht auf“. Es kann nämlich sein, dass wir Gottes Wort sehr gut kennen und auch in der Lage sind, darüber zu reden und es auszulegen. Aber diese – prinzipiell wünschenswerte – Kenntnis kann zu einer Quelle geistlichen Hochmuts (Aufgeblasenheit) werden.

Vor Aufgeblasenheit bleiben wir bewahrt, wenn wir das Wort immer zuerst auf unser eigenes Gewissen anwenden, bevor wir darüber zu anderen reden. Dann bleibt die Erkenntnis nicht im Kopf hängen, sondern geht ins Herz. Sie ist dann unserer „Seele lieblich“. Wir erfreuen uns an ihr, weil wir merken, dass sie unser Leben positiv beeinflusst.

► Echte christliche Erkenntnis zeigt uns, wer Gott ist und was Gott gibt. Je mehr wir Gottes Größe erkennen, desto kleiner werden wir selbst.

2,11 „Besonnenheit wird über dich wachen, Verständnis dich behüten: …“

Zur wahren Erkenntnis gehört auch Besonnenheit. Wenn wir besonnen sind, werden wir nicht vorschnell eine Entscheidung treffen. Wir werden keine unbedachten Worte reden. Wir werden ein feines Empfinden für die aktuelle Situation haben. Das durch die Weisheit vermittelte Verständnis „behütet“ uns vor der Sünde. Wir fragen dann nicht, „wie weit wir noch gehen können“, denn wir kennen die Gedanken Gottes.

Unbesonnen handelt man auch, wenn man aus dem biblischen Text gewisse „Schlagworte“ entnimmt und sie kurzerhand für die Bedürfnisse eines bestimmten Falles zurechtbiegt. Das zeugt weder von Besonnenheit noch von Verständnis. Wir sollen über die Unterweisungen des Wortes Gottes nachdenken. Dann werden wir durch das Wirken des Heiligen Geistes richtige Anwendungen machen, passend zu den aktuellen Umständen, und nichts „Verkehrtes reden“ (V. 12).

2,12–15: In dem nun beginnenden zweiten Teil des Kapitels übt die Weisheit eine vorbeugende Wirkung aus. Sie will uns vor unmoralischen Auswüchsen der Verdorbenheit bewahren. Zunächst geht es um die Verkehrtheit böser Männer. Sie reden nicht nur Verkehrtes, sondern ihr ganzes Sinnen ist darauf gerichtet, göttliche Grundsätze zu verdrehen.

2,12 „… um dich zu erretten von dem bösen Weg, von dem Mann, der Verkehrtes redet; …“

Wer auf die Reden des Vaters hört und sein „Ohr aufmerksam auf Weisheit hören lässt“ (Spr 2,1.2), wird vor Leuten, die „Verkehrtes reden“, errettet. Er wird ihnen nicht zuhören, weil er das „Bild gesunder Worte“ (2. Tim 1,13) kennengelernt hat. Und er wird seinerseits nichts Verkehrtes reden, sondern vor der Übertretung des 9. Gebots zurückschrecken: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten“ (2. Mo 20,16).

Auch wird er ganz allgemein vor jedem „bösen Weg“ bewahrt, weil er „jede Bahn des Guten“ erkannt hat (V. 9). Ein böser Weg kann unter anderem gekennzeichnet sein durch Gewalttat (Spr 1,10–19), durch Unsittlichkeit (Spr 2,16–19) oder wie hier durch Verkehrtheit.

2,13 „… die die Pfade der Geradheit verlassen, um auf den Wegen der Finsternis zu wandeln; …“

Wer die „Pfade der Geradheit“ verlässt, ist jemand, der unlautere Schritte unternimmt. Er tut es, „um auf den Wegen der Finsternis zu wandeln“. Warum sucht er die Finsternis? Weil er Sünde in seinem Leben duldet, die er gerne verbergen möchte: „Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden“ (Joh 3,20). Man wählt den Weg der Finsternis, weil man meint, sich dadurch vor Gott und Menschen verstecken zu können.15 Auf diesem Weg kann man „ungeniert“ weiter sündigen. Es ist ein Weg, wo man sich bewusst der Wirkung des Wortes Gottes entzieht, damit das Gewissen nicht beunruhigt wird.

► Gottes Wort fordert uns mehrfach auf, im Licht zu wandeln und die Finsternis zu meiden (Röm 13,13; Eph 5,8; 1. Thes 5,5).

2,14 „… die sich freuen, Böses zu tun, über boshafte Verkehrtheit frohlocken; …“

Wahre Kinder Gottes haben Freude daran, Gutes zu tun. Doch hier haben wir Menschen vor uns, die eine ganz andere, schreckliche Art von Freude kennen: die Freude, Böses zu tun! So ist das Herz des natürlichen Menschen. Es kehrt göttliche Grundsätze ins Gegenteil um (Jes 5,20).

Hinzu kommt, dass solche Menschen auch noch über die Verkehrtheit (s. Auslegung zu Spr 4,24) anderer „frohlocken“. „Obwohl sie Gottes gerechtes Urteil erkennen, dass die, die so etwas tun, des Todes würdig sind, es nicht allein ausüben, sondern auch Wohlgefallen an denen haben, die es tun“ (Röm 1,32). Offenbar finden sie auch ihre Freude darin, andere zum Bösen zu verführen. Das ist eine teuflische Freude!

► Stattdessen freut sich die Liebe „nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit“ (1. Kor 13,6).

Man könnte hier auf den Gedanken kommen, dass mit der Sünde eine gewisse Freiheit verbunden ist. Das ist nur insoweit wahr, als der „breite Weg“ mehr „Möglichkeiten“ bietet als der „schmale“ (Mt 7,13.14). Dort kann sich der natürliche Mensch frei entfalten. Doch in Wahrheit ist er ein „Knecht der Sünde“ (Joh 8,34), also alles andere als frei!

Bei einer Verführung zum Bösen geht es Stufe um Stufe abwärts:

  1. Zuerst ist es noch schmerzlich: Eine schwache Seele, die der Versuchung nachgegeben hat, wird sich unwohl fühlen.
  2. Die nächste Stufe ist erreicht, wenn man gleichgültig gegenüber dem Bösen wird und gedankenlos sündigt.
  3. Auf der niedrigsten Stufe steht man, wenn man beim Sündigen sogar Freude empfindet. Wenn dieses Niveau erreicht ist, „muss“ man immer schrecklichere Sünden tun, um Befriedigung zu finden.

2,15 „… deren Pfade krumm sind und die abbiegen in ihren Bahnen: …“

Die Bibel zeigt uns an vielen Stellen, wie sich Menschen aller Epochen durch die Sünde auf Abwege treiben ließen (z. B. 2. Pet 2). Das wird sich auch in der Zukunft nicht ändern. Ihr Los wird schrecklich sein: „Die aber auf ihre krummen Wege abbiegen, die wird der Herr dahinfahren lassen mit denen, die Frevel tun“ (Ps 125,5).

Die „krummen Pfade“ weisen darauf hin, dass man das Verlockende nicht weiter prüft. Man lässt sich einfach treiben. Wer sich nur durch zeitliche Vorteile lenken lässt, wird seinen Weg nach und nach auf einem Zickzackkurs führen. Krumme Pfade weisen auch auf einen Mangel an guten Grundsätzen hin. Sie werden von Menschen beschritten, die sich vor der Gerechtigkeit verstecken wollen. Sie biegen sozusagen von allem ab, was rein und weise ist, und wollen die gerade „Bahn“ Gottes bewusst nicht gehen. Dadurch kennen sie auch keinen inneren Frieden: „Ihre Pfade machen sie krumm – wer irgend sie betritt, kennt keinen Frieden“ (Jes 59,8).

2,16–19: Jetzt geht es um Unsittlichkeit, ein weiterer Aspekt der Unmoral. Das Thema der „fremden Frau“ finden wir noch öfters, denn es ist wichtig und aktuell (Spr 5,3.20; 6,24; 7,5; 31,3).

2,16 „… um dich zu erretten von der fremden Frau, von der Fremden, die ihre Worte glättet – „ (Spr 6,24; 7,5)

„Fremd“ ist oft ein Hinweis auf Verbotenes. So ist auch die „fremde Frau“ verboten, weil sie die Ehefrau eines anderen ist (FußEÜ; s. Auslegung zu Spr 5,3).

Mit schmeichelhaften, „glatten“ Worten der Verführung versucht diese fremde Frau, den „Sohn“ zu fangen. Sie macht auch vor gläubigen Männern nicht halt. Es geht um jedes unsittliche Verhalten. Vor solchen Verfehlungen warnt Gott auch im Neuen Testament mit Nachdruck (z. B. Kol 3,5). Von den bisher behandelten Sünden sind diese vielleicht die gefährlichsten. Es ist selten, dass gläubige Männer zu Räubern oder Mördern werden, aber die Gefahr, vom anderen Geschlecht verführt zu werden, ist überall gegenwärtig.

■ Die „listige Schlange“ hat oft da Erfolg, wo der „brüllende Löwe“ nicht zum Ziel kommt (vgl. 1. Mo 3,1; 1. Pet 5,8). Die verführerische Delila überwand den Mann, den kein Kämpfer aus den Philistern besiegen konnte (Simson; Ri 16,15–17).

Selbst Salomo ließ sich verführen. Auch wenn es nicht direkt um Hurerei ging, liebte er doch „viele fremde Frauen“ (1. Kön 11,1). Die Auswirkung dieser Verbindungen wird dann in 1. Könige 11,4 beschrieben: „Als Salomo alt war, da neigten seine Frauen sein Herz anderen Göttern nach; und sein Herz war nicht ungeteilt mit dem Herrn, seinem Gott.“ Dasselbe Problem beschreibt auch Esra 10,10 und Nehemia 13,23–28, wo speziell Salomo als abschreckendes Beispiel genannt wird. Er hat seinen eigenen Rat nicht befolgt!

► Jede Verführung lenkt vom Dienst für Gott ab.

2,17 „… die den Vertrauten ihrer Jugend verlässt und den Bund ihres Gottes vergisst.“

Der „Vertraute ihrer Jugend“ ist der Ehemann, mit dem sie als junge Frau verheiratet war. Die Ehe ist der festeste Bund, der zwischen zwei Menschen geschlossen werden kann. Dies erfolgt vor Gott und von Gott (Mt 19,6), wie der Ausdruck „Bund ihres Gottes“ zeigt. Die fremde Frau aber verlässt ihren Ehemann und damit gewissermaßen Gott selbst, der den Bund der Ehe, den sie jetzt „vergisst“, auf Lebenszeit gegeben hat. Sie „vergisst“ den Bund ja nicht einfach, wie man beispielsweise einen Namen vergisst, sondern sie will von dem geschlossenen Bund nichts mehr wissen. Insofern handelt sie bewusst gegen besseres Wissen und verstößt damit gegen das 7. Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“

Der Ausdruck „Bund ihres Gottes“ zeigt uns außerdem, dass die Eheschließung auch damals schon ein feierlicher Akt war. In Maleachi 2,14 lesen wir, dass Gott der Zeuge zwischen dem Mann und „der Frau deiner Jugend“ ist. Gott wacht über diesen Bund.

2,18 „Denn zum Tod sinkt ihr Haus hinab und ihre Bahnen zu den Schatten; …“

Weil diese Frau „verlässt“ und „vergisst“, „sinkt ihr Haus zum Tod hinab“. Das bedeutet, dass sie nicht mehr in geordneten Verhältnissen lebt. Sie lässt ihren Mann, vielleicht auch ihre Familie im Stich und gibt sie damit sozusagen dem Tod preis. Auch sie selbst geht auf ihren „Bahnen“ zu den „Schatten“, d. h. dem (ewigen) Tod entgegen (FußEÜ).

■ Diese Frau ist auch ein Bild des Volkes Israel, das den Bund mit seinem Gott brach und anderen Göttern „nachhurte“ (5. Mo 31,16). Diese Treulosigkeit führte zu Niedergang und geistlichem „Tod“. Leider verläuft es mit der Christenheit kaum anders (vgl. Off 17).

2,19 „… alle, die zu ihr eingehen, kehren nicht wieder und erreichen nicht die Pfade des Lebens –, …“

„… die zu ihr eingehen“ (oder „gehen“) bedeutet hier, dass man sich mit dieser Frau auf irgendeine Weise einlässt. Man strebt eine sexuelle Beziehung zu ihr an. Das Ergebnis dieser nicht von Gott herbeigeführten Bindung ist immer dasselbe: Der „Pfad des Lebens“ wird nicht „erreicht“ (vgl. Spr 5,6).

Wer einer solchen Verführung nachgibt, stumpft im geistlichen Leben ab. Er wird gefühllos für die göttlichen Normen. Er ist auf einem Weg, der nicht zum Leben, sondern zum Tod führt. Das kann ein Tod im moralischen Sinn sein oder auch der vorzeitige leibliche Tod – und bei einem Ungläubigen schließlich der ewige Tod (vgl. Auslegung zu Spr 7,23).

► Wer vor dieser Sünde bewahrt bleiben will, sollte jede verführerische Situation meiden. Es fängt ja oft mit schlechter Gesellschaft, schlechter Literatur oder schlechten Filmen an. Prüfe deine Gewohnheiten! Gibt es da etwas zu korrigieren? Unter Umständen musst du sofort und radikal handeln. Nimm dir Joseph zum Vorbild!

2,20–22: Diese Verse zeigen uns das Endziel dieser Unterweisung über das persönliche Verhalten: Ein sicheres Leben in guter Gesellschaft.

2,20 „… damit du wandelst auf dem Weg der Guten und die Pfade der Gerechten einhältst.“

Die bisherigen Warnungen dieses Kapitels sollten uns Klarheit über den guten und richtigen Weg geschenkt haben. Die Weisheit befähigt uns, diesen Weg in der rechten Gesellschaft zu gehen, mit „Guten“ und „Gerechten“. „Wer mit Weisen umgeht, wird weise; aber wer sich zu Toren gesellt, dem wird es schlecht ergehen“ (Spr 13,20).

Der Herr Jesus war der absolut Gute und Gerechte. Nur wenn wir an seiner Hand gehen, befinden wir uns auf dem Weg des Guten und Gerechten – zusammen mit den anderen „Guten“ und „Gerechten“, „die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2. Tim 2,22). Wer den Herrn Jesus liebt, wird diesen Weg finden.

Der „Gerechte“ wird in diesem Buch sehr oft erwähnt; hier zum ersten Mal. Ein Gerechter ist ein Mensch, der sich Gott und seinem Wort unterordnet. Dazu muss er neues Leben empfangen haben. Ohne neues Leben kann ein Mensch nicht gerecht handeln. Es geht also nicht um eine „Werk-Gerechtigkeit“, mit der sich jemand den Himmel verdienen will. Nein, die Gerechtigkeit hier ist das Ringen darum, als Gläubiger mit Gott in Übereinstimmung zu sein.

► Einige Männer der Bibel erhalten ausdrücklich das Prädikat, „gerecht“ gewesen zu sein: Abel, Noah, Joseph, der Mann von Maria, Simeon, Johannes der Täufer, Joseph von Arimathia.16 An dieser Stelle muss ich mich fragen: Könnte Gott das auch von mir bezeugen?

2,21 „Denn die Aufrichtigen werden das Land bewohnen und die Vollkommenen darin übrig bleiben; …“

Was ist das für ein Land? Es ist Kanaan, das Gott selbst mit den Worten beschreibt: „… ein Land, das ich für sie erspäht hatte, das von Milch und Honig fließt17; die Zierde ist es von allen Ländern“ (Hes 20,6). Wer darin wohnen darf, leidet niemals Mangel. Es ist den „Aufrichtigen“ und „Vollkommenen“ als Belohnung verheißen.

Das Volk Israel hat dieses Land nie vollständig in Besitz genommen. Daher findet diese Verheißung ihre eigentliche Erfüllung erst im Tausendjährigen Reich.

Doch auch heute schon gilt sie denen, die den Pfad der Weisheit gehen. Das sind die „Aufrichtigen“ und „Vollkommenen“, die an das Evangelium geglaubt haben. Sie haben – nicht als Belohnung, sondern aus reiner Gnade! – eine sichere Zukunft in einem noch herrlicheren Land: dem Himmel!

2,22 „… aber die Gottlosen werden aus dem Land ausgerottet und die Treulosen daraus weggerissen werden.“

Dieser Vers steht in völligem Kontrast zu dem vorigen. Dabei ist es bezeichnend, dass es nicht heißt, dass die Gottlosen nicht in das Land hineinkommen, sondern dass sie daraus „ausgerottet“ und „weggerissen“ werden, wogegen „die Vollkommenen darin übrig bleiben“ (V. 21; vgl. 5. Mo 28,63). Die Gottlosen sind also im Land und konnten bereits dessen Segnungen schmecken. Doch dann zeigte sich, dass sie das Land sozusagen unberechtigterweise betreten haben. Sie „bewohnten“ es nicht, denn „die Gottlosen werden das Land nicht bewohnen“ (Spr 10,30).

Sie gleichen den zum Christentum übergetretenen Hebräern, die kein Leben aus Gott hatten: „Es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben … und abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern“ (Heb 6,4.6).

Die „Gottlosen“ werden in den Sprüchen häufig erwähnt; hier erstmalig. Gottlose sind nicht unbedingt Gottesleugner, aber sie leben gleichgültig dahin, als gäbe es keinen Gott. Sie kümmern sich nicht um seine Ansprüche und erkennen seine Autorität über sich nicht an. Leider stellen sie einen großen Teil der heutigen Gesellschaft dar.

Beziehung zu Gott und Menschen (Kapitel 3)

Diese Unterweisung enthält zwei Teile: Zunächst wird die Beziehung zwischen Gott und demjenigen behandelt, der auf die Weisheit zu hören bereit ist (Spr 3,1–26). Er soll Gott gehorchen, Ihm vertrauen, Ihn erkennen und Ihn ehren. Dann wird Gott ihn in jeder Hinsicht bewahren. Im zweiten Teil wird er unterwiesen, wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen zu verhalten hat (Spr 3,27–35).

Entsprechend finden wir im 3. Buch Mose zunächst den Opferdienst, der die Beziehungen zu Gott regelt, und dann Gebote über den Umgang miteinander. Dabei ist es bezeichnend, dass die Zahl Drei in der Bibel die Zahl des Heiligtums und der göttlichen Vollkommenheit ist.18

Dieses Kapitel erinnert wieder an die Zehn Gebote (2. Mo 20,1–17): Der erste Teil enthält Belehrungen, die den ersten vier Geboten entsprechen, denn diese befassen sich ja ebenfalls mit dem Verhältnis zwischen Gott und Menschen. Der zweite hat Bezug auf die letzten sechs Gebote, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen.

a) Beziehung zu Gott (Kap. 3,1–26)

Dieser Abschnitt enthält drei weitere Ansprachen des Vaters an den Sohn und grundsätzliche Aussagen über die Weisheit.

Spr 3,1–10: Fünf weise Ratschläge des Vaters
Spr 3,11–12: Die Zucht des Vaters
Spr 3,13–18: Die Unübertrefflichkeit der Weisheit
Spr 3,19–20: Die Weisheit des Schöpfers
Spr 3,21–26: Bewahrung und Schutz durch die Weisheit

3,1–10: Salomo gibt in diesen Versen fünf Ratschläge. Demjenigen, der auf sie hört, wird danach jeweils ein besonderer Segen verheißen.

3,1 „Mein Sohn, vergiss nicht meine Belehrung, und dein Herz bewahre meine Gebote.“

Dies ist der erste, grundlegende Rat. Wir sollen das, was wir kennen, nicht vergessen, sondern bewahren. Schon die ersten beiden Kapitel begannen mit je einer dieser beiden Ermahnungen (Spr 1,8; 2,1).

Jakobus preist den glückselig, der nicht ein vergesslicher Hörer ist (Jak 1,25). Natürlich ist hier nicht die Vergesslichkeit unseres Gedächtnisses gemeint, sondern die unseres Herzens. Es geht um Gehorsam. Wir sollen die gehörten Belehrungen und Gebote Gottes nicht ignorieren.

Die Bibel soll auch eine bleibende Wirkung in uns ausüben. Der Herr warnt im Gleichnis vom Sämann: „Die in die Dornen gesät werden … sind solche, die das Wort gehört haben, und die Sorgen der Welt und der Betrug des Reichtums und die Begierden nach den übrigen Dingen kommen hinein und ersticken das Wort, und es bringt keine Frucht“ (Mk 4,18.19). Und kurz vor seiner Himmelfahrt befiehlt Er den Aposteln: „Lehrt sie, alles zu bewahren“ (Mt 28,20). Darauf kommt es an!

► Was einem wertvoll ist, vergisst man nicht so leicht. Deswegen müssen wir zuerst die Belehrungen der Bibel wertschätzen, um sie dann im Herzen, dem Sitz der Zuneigungen, dauerhaft bewahren zu können.

3,2 „Denn Länge der Tage und Jahre des Lebens und Frieden werden sie dir mehren.“

Auf den guten Rat folgt jetzt die erste Verheißung eines besonderen Segens. Es lohnt sich, „nicht zu vergessen“ und „zu bewahren“. Es lohnt sich, Gott gehorsam zu sein. Er schenkt uns dann „Länge des Lebens“ (Spr 3,16; 4,10). Salomo bekam dieselbe Verheißung: „Und wenn du auf meinen Wegen wandeln wirst, indem du meine Satzungen und meine Gebote hältst …, so werde ich deine Tage verlängern“ (1. Kön 3,14). „Länge der Tage“ muss nicht unbedingt zeitlich gesehen werden. Für uns bedeutet es eher ein „erfülltes“ Leben. Wir genießen dann die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn (1. Joh 1,3.4). Es ist die Gemeinschaft mit dem, der nicht „altert“ (Ps 102,27.28).

Zudem wird sich in diesem Leben „Frieden mehren“. „Großen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben“ (Ps 119,165). Es ist der Frieden des Herzens, die „Ruhe für unsere Seelen“ (Mt 11,29).

■ Der spezielle Gehorsam gegen die Eltern wird in gleicher Weise belohnt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“ (2. Mo 20,12).

3,3 „Güte und Wahrheit mögen dich nicht verlassen; binde sie um deinen Hals, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens; …“ (Spr 6,21)

Dieser zweite Ratschlag weist uns auf die rechte Ausgewogenheit hin. Güte (oder Gnade) und Wahrheit sind eher gegensätzliche Tugenden. Beide sind kennzeichnend für den Herrn Jesus: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Bei Ihm war alles vollkommen ausgewogen. So sollte es auch bei uns sein. Wie leicht üben wir Gnade auf Kosten der Wahrheit, oder wir pochen auf die Wahrheit, ohne Güte walten zu lassen. „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt“ (Kol 4,6). Beide Tugenden wirken sich sowohl in unserem Verhältnis zu Gott als auch zu Menschen aus (V. 4).

► Wenn wir Gottes Wort vernachlässigen, dann verlassen wir selbst nach und nach die Wahrheit, denn „dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17).

Güte und Wahrheit sollen den inneren Menschen wie ein „Hals“-Geschmeide schmücken. Wenn wir beide Tugenden ausgewogen praktizieren, wird Gott sich daran erfreuen, weil Er Eigenschaften seines Sohnes bei uns sieht.

Was wir uns „auf die Tafel des Herzens“ schreiben, kann nicht mehr so leicht daraus gelöscht werden. Wir haben es verinnerlicht. Denselben Ausdruck verwendet der Apostel Paulus in 2. Korinther 3,3: „Von euch ist offenbar, dass ihr ein Brief Christi seid …, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens.“ Wir lernen, dass die Kombination „Güte und Wahrheit“ nichts mit starrer Gesetzlichkeit („steinerne Tafeln“) zu tun hat. Güte und Wahrheit müssen im Herzen gebildet werden. Das ist bei Gesetzlichkeit nicht der Fall.

■ Auf die „Tafeln von Stein“ hatte Gott seine Forderungen mit seinem Finger geschrieben (2. Mo 31,18). Das hatte nicht in erster Linie etwas mit Güte zu tun.

3,4 „… so wirst du Gunst finden und gute Einsicht in den Augen Gottes und der Menschen.“

Wenn wir Güte und Wahrheit nicht verlassen, finden wir „Gunst“ bei Gott. Von dem „gerechten und vollkommenen“ Noah lesen wir: „Noah aber fand Gnade in den Augen des Herrn“ (1. Mo 6,8). Ein solcher findet auch „gute Einsicht“19 in den Augen Gottes. Paulus drückt es so aus: „Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt“ (1. Kor 8,3; vgl. auch Gal 4,9).

Aber auch unsere Mitmenschen schätzen ein korrektes Verhalten – wenn auch nicht immer20. Grundsätzlich kommt ein Mensch „gut an“, wenn sein Leben durch Güte und Wahrheit gekennzeichnet ist. Das sehen wir bei Samuel, bei Esther, bei den ersten Christen21 und vor allem bei dem Knaben Jesus: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52).

3,5 „Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand.“

Das ist der dritte Rat des weisen Vaters. Der Sohn steht vielleicht in der Gefahr, seinen (scharfen) Verstand höher zu bewerten als die Macht Gottes (Jer 9,22.23). Auf den Herrn vertrauen ist eben keine Sache des Kopfes, sondern des „ganzen Herzens“. Dann sind alle Erwartungen auf Gott gerichtet statt auf das eigene Herz: „Wer auf sein Herz vertraut, der ist ein Tor“ (Spr 28,26).

► Echtes Vertrauen auf den Herrn und Misstrauen gegen dich selbst wird sich in deinem Gebetsleben zeigen. Du wirst Ihn dann auch bei „kleinen“ Problemen um Hilfe bitten und nicht meinen, sie selbst lösen zu können.

Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir ihn eifrig gebrauchen. Aber wir sollen uns nicht auf unseren Verstand stützen. Der wirklich Weise kennt die Begrenztheit aller menschlichen Überlegungen. Wir dürfen nie vergessen, dass der Herr „klüger“ ist als wir und über allem steht. Er weiß am besten, was gut für uns ist. Manchmal will Er unseren Glauben durch schwere Umstände erproben, die wir mithilfe unseres Verstandes lieber vermieden hätten. Aber wenn wir die Erprobung anerkennen, gehen wir gesegnet und gestärkt daraus hervor.

► Unser Verstand stellt uns auf eine höhere Ebene als die Tiere. Aber damit haben wir auch das „gefährliche“ Vorrecht einer größeren Freiheit. Wir können Gottes Führung annehmen – oder sie ablehnen!

3,6 „Erkenne ihn auf allen deinen Wegen, und er wird gerade machen deine Pfade.“

Wenn wir unser Vertrauen auf den Herrn und nicht auf den eigenen Verstand setzen, werden wir auf „allen unseren Wegen“ nur Ihn sehen. Wir werden „erkennen“, dass Er stets bei uns ist und alles für uns wirkt.

Aber wir werden Ihn auch als Führer erkennen. Er hat uns ein Beispiel hinterlassen, damit wir seinen Fußstapfen folgen (1. Pet 2,21). Wenn wir Ihm wirklich nachfolgen und seinen Willen tun, offenbart Er uns seinen und damit unseren Weg. Dann können wir Kolosser 3,17 verwirklichen, nämlich alles „im Namen des Herrn“ tun. Das bedeutet, dass wir bereits im Voraus ganz klar wissen, was in seinen Augen gut ist.

► Es ist töricht, erst im Nachhinein prüfen zu wollen, ob unser Weg in Übereinstimmung mit seinen Geboten war.

Daher sollten wir rechtzeitig und ernsthaft um seine göttliche Führung beten. „Deine Wege, Herr, tu mir kund, deine Pfade lehre mich“ (Ps 25,4; vgl. Ps 86,11). Dann werden unsere Augen geöffnet, um Ihn, bewundernd und dankbar, auf allen unseren Wegen zu erkennen.

Wenn wir den dritten Rat beachten und alle unsere Wege mit Ihm besprechen, wird Er – und nur Er allein – alle Wege „gerade machen“ und ebnen (Spr 16,3). In der Ausbildung, im Beruf, in der Familie, ja in allen Bereichen unseres Lebens. Viele Gläubige haben dies sogar in aussichtslos erscheinenden Situationen erfahren (2. Kor 4,8).

3,7 „Sei nicht weise in deinen Augen, fürchte den Herrn und weiche vom Bösen: …“

Dieser vierte Rat fordert uns zur Demut auf – eine Tugend, zu der wir auch im Neuen Testament mehrfach aufgerufen werden. „Sinnt nicht auf hohe Dinge, sondern haltet euch zu den Niedrigen; seid nicht klug bei euch selbst“ (Röm 12,16).22 Auch Jesaja warnt davor: „Wehe denen, die in ihren Augen weise und bei sich selbst verständig sind!“ (Jes 5,21). Wie leicht überschätzen wir uns selbst! „Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst“ (Gal 6,3). Hiervor werden wir nur bewahrt, wenn wir gelernt haben, dass wir ohne Gott nichts vermögen und ausschließlich Ihm vertrauen müssen (V. 5).

Wer weise in seinen Augen ist, handelt unabhängig von Gott. Er fürchtet Gott nicht und wird leicht in Sünde fallen. Wir aber sollen den Herrn fürchten und – dadurch bedingt – „vom Bösen weichen“. Die Belohnung finden wir im nächsten Vers.

3,8 „Es wird Heilung sein für deinen Nabel und Erquickung für deine Gebeine.“

Es geht hier natürlich in erster Linie um geistliche „Heilung“. Der Nabel spricht von einer Trennung der natürlichen Verbindung. Die „Heilung des Nabels“ kann dann als praktizierte Trennung von der Welt verstanden werden: „Weiche vom Bösen“ (V. 7). Es ist ein dauerhafter, segensreicher Prozess. Die Bibel nennt das „Heiligung“ (1. Thes 5,23).23 Sie hat zwei Seiten: Absonderung vom Bösen weg und zu Gott hin. Nur wer die Voraussetzungen des vorigen Verses erfüllt, kann in der praktischen Heiligung Fortschritte machen. „Lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes“ (2. Kor 7,1).

■ Der Apostel Johannes schreibt an Gajus: „Geliebter, ich wünsche, dass es dir in allem wohl geht und du gesund bist, wie es deiner Seele wohl geht“. Gajus war ein Mann, der insbesondere die Verse 1 und 3 in seinem Leben verwirklichte (3. Joh 2–4).

Die „Gebeine“ (Knochen) stützen den ganzen Körper. Wenn sie krank sind, ist keine Kraft da, sich aufrecht zu bewegen und richtig zu handeln. Aber wenn wir den Herrn fürchten und vom Bösen weichen, dann wird der ganze Körper „erquickt“, also aufgerichtet und gekräftigt. Dann kann

  • der Mund reden, wie er soll,
  • der Fuß gehen, wohin er soll,
  • die Hand tun, was sie soll.

Diese Erquickung schützt übrigens auch vor depressiven Gedanken.

3,9 „Ehre den Herrn von deinem Vermögen und von den Erstlingen all deines Ertrags; …“

Wenn wir diesen fünften Rat befolgen und Gott „von unserem Vermögen“ geben, dann nicht, weil Er es nötig hätte. Er ist ja „Gott, der Höchste, der Himmel und Erde besitzt“ (1. Mo 14,19). Nein, wir tun es aus Dankbarkeit und weil wir Ihn dadurch „ehren“ (Lk 8,3). Zusätzlich wollen wir dokumentieren, dass Er alle Rechte über unser Vermögen hat. Er hat es uns nur zur Verwaltung anvertraut. Ist es dann nicht geziemend, wenn wir Ihm davon zurückgeben – und zwar ohne uns etwas darauf einzubilden? David bekannte: „Denn wer bin ich, und was ist mein Volk, dass wir vermögen, auf solche Weise freigebig zu sein? Denn von dir kommt alles, und aus deiner Hand haben wir dir gegeben“ (1. Chr 29,14; vgl. 5. Mo 16,17).

Dieser Rat ist für uns, die wir in äußerem Wohlstand leben, von besonderer Bedeutung. Die Gläubigen in Mazedonien waren sehr arm. Aber Paulus bescheinigt ihnen, „dass bei großer Drangsalsprüfung das Übermaß ihrer Freude und ihre tiefe Armut übergeströmt sind in den Reichtum ihrer Freigebigkeit. Denn nach Vermögen, ich bezeuge es, und über Vermögen waren sie von sich aus willig“ (2. Kor 8,2.3). Welch ein Vorbild für uns!

► Frage dich: Wie kann ich Gott mit dem dienen, was Er mir anvertraut hat? Denke dabei nicht nur an den materiellen, sondern auch an den geistlichen Bereich. In beidem erwartet Er Verantwortungsbewusstsein und Treue.

Gott erwartet die „Erstlinge“, das Beste unseres Ertrags. Er will nicht unsere „Reste“ bekommen, nachdem wir alle eigenen Wünsche befriedigt haben. Den Israeliten hatte Gott befohlen: „Das Erste der Erstlinge deines Landes sollst du in das Haus des Herrn, deines Gottes, bringen“ (2. Mo 23,19; vgl. 3. Mo 23,10; 5. Mo 26,1–3). Bei ihnen war es ein Gebot, bei uns wünscht Gott Freiwilligkeit. „Ein jeder, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat: nicht mit Verdruss oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber liebt Gott“ (2. Kor 9,7).

3,10 „… so werden deine Speicher sich füllen mit Überfluss, und deine Fässer werden von Most überfließen.“

Gott lässt sich nichts „schenken“. Er gibt viel mehr zurück, als wir Ihm gegeben haben. Der Gewinn wird nicht unbedingt in Euro und Cent gerechnet, sondern liegt meistens auf einer anderen Ebene. Er wird in dem Bereich ausbezahlt, wo „Motte und Rost“ nicht zerstören (Mt 6,19). Gott sorgt in überreichem Maß für unsere (geistlichen) Grundbedürfnisse („Speicher“) und gibt uns obendrein noch „Fülle von Freuden“ („Most“; Ps 16,11). In Sprüche 11,25 wird es so ausgedrückt: „Die segnende Seele wird reichlich gesättigt, und der Tränkende wird auch selbst getränkt.“ Ebenso belehrt uns der Herr Jesus: „Gebt, und es wird euch gegeben werden: Ein gutes, gedrücktes, gerütteltes und überlaufendes Maß wird man in euren Schoß geben“ (Lk 6,38; vgl. 2. Kor 9,8).

► Es geht um dein Herz! Wenn du dich Gott völlig übergeben hast, fällt es dir leicht, Ihm auch deine materiellen Güter, deine Zeit und deine Kräfte zu übergeben.

■ Wenn Gott Segen verheißt, dann gibt Er auch seine Bedingungen bekannt, unter denen dieser Segen zu erlangen ist. Hier ist die Bedingung unsere Freigebigkeit, woanders unser Fleiß: „Die Hand der Fleißigen macht reich“ (Spr 10,4). In beiden Fällen unterliegt es unserer Verantwortung.

3,11–12: In diesen beiden Versen geht es um die weise Zucht des Vaters. Sie werden im Neuen Testament aufgegriffen, woran wir erkennen können, dass sie für alle Zeiten eine herausragende Bedeutung haben.

3,11 „Mein Sohn, verwirf nicht die Unterweisung des Herrn, und lass seine Zucht dich nicht verdrießen.“ (Heb 12,5)

Gott kennt uns durch und durch. Er ist weise und souverän. Um uns zu „unterweisen“ (oder zu erziehen, zurechtzuweisen), benutzt Er oft das Mittel der „Zucht“ (s. Auslegung zu Spr 1,2). Wenn Er uns züchtigt, dann stets zu unserem Nutzen. Auch Eliphas hatte dies erkannt, wenn er zu Hiob sagt: „Siehe, glückselig der Mensch, den Gott straft [oder zurechtweist; FußEÜ]! So verwirf denn nicht die Züchtigung des Allmächtigen. Denn er bereitet Schmerz und verbindet, er zerschlägt, und seine Hände heilen“ (Hiob 5,17.18; vgl. Ps 94,12). Wir können sagen, dass Vers 11 das Problem Hiobs ausdrückt, während Vers 12 die Lösung bietet.

In den Erziehungswegen mit seinen Kindern züchtigt Er sie aus verschiedenen Gründen und zu unterschiedlichen Zwecken, die sich auch überschneiden können:

  • zur Vorbeugung (wie bei Paulus in 2. Kor 12,7),
  • zur Korrektur (wie bei Hiob),
  • als Strafe (wie bei David in 2. Sam 12,14; auch 1. Kor 11,30),
  • zum Vermehren der Frucht (Joh 15,2–8),
  • zum Trost für andere Leidende (2. Kor 1,6),
  • zur Verherrlichung Gottes (wie bei Lazarus in Joh 11,4).

Es bestehen nun zwei Gefahren: Wir können die Unterweisung „verwerfen“ (Spr 1,25.30), oder die Zucht kann uns „verdrießen“. Jemand illustrierte dies einmal mit dem Verhalten verschiedener Vögel bei Regen:

  1. Einer Ente macht Regen gar nichts aus. Sie schaukelt auf dem Wasser auf und ab und nimmt sozusagen gar keine Notiz von der „Prüfung“. Sie gleicht einem Menschen, der die Unterweisung „verwirft“ und die Züchtigung des Herrn gering achtet. Dieser Mensch meint, alles „von sich abschütteln“ zu können. Er ignoriert, dass Gott durch die Schwierigkeiten mit ihm reden will. Durch seine Gleichgültigkeit kann Gott das gewünschte Ziel nicht erreichen.
  2. Ein Huhn ist im Regen ein erbärmlicher Anblick. Es steht mit seinen nassen Federn da und macht den Eindruck, als wenn diese „Prüfung“ unerträglich wäre. In einer solch verdrießlichen Weise sollten wir nicht auf Gottes Züchtigung reagieren. Wir sind ja nicht einfach unglückliche Opfer von unglücklichen Umständen!
  3. Die Amsel macht es richtig. Der Regen macht ihr zwar zu schaffen, aber sie sitzt dennoch auf dem Baum und singt ein Lied. Das ist auch für uns nachahmenswert. Wir sollten die Zucht bewusst aus der Hand unseres liebenden Gottes und Vaters annehmen und im Vertrauen auf seine Güte auch in Prüfungen sein Lob singen.

3,12 „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er, und zwar wie ein Vater den Sohn, an dem er Wohlgefallen hat.“ (Heb 12,6)

Gott liebt uns und möchte uns helfen. Er allein weiß, welche Prüfungen dazu nützlich sind. Wir wissen nicht, was aus uns geworden wäre, wenn Er nicht immer wieder eingegriffen hätte. Es ist gut, dazu die Verse 5–11 aus Hebräer 12 zu lesen (auch Ps 118,18; Klgl 3,31–33). Sie zeigen uns, dass seine Züchtigung das Ziel hat, uns in der Gemeinschaft mit Ihm zu bewahren. Die Liebe Gottes gibt dem Leiden einen Sinn.

► Ein Wort an Eltern: Eure Kinder brauchen Zucht, aber diese muss aus Liebe und in Liebe geschehen (Spr 19,18).

Kindschaft (bzw. Sohnschaft) und Züchtigung schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Gott züchtigt uns, weil wir Söhne sind. Seine Erziehungswege sind ein Ausdruck der besonderen Beziehung, in der wir zu Ihm stehen. Wir sind eben keine „Bastarde“, sondern Söhne (Heb 12,8; 5. Mo 8,5). Gott hat Interesse an uns, Er hat „Wohlgefallen“ an uns.

■ In den Evangelien bezeugt Gott mehrfach, dass Er Wohlgefallen an seinem geliebten Sohn gefunden hat. Das war ein vollkommenes Wohlgefallen, weil der Herr Jesus stets den Willen seines Vaters tat. Mit uns ist es anders. Gott hat an uns einfach nur deswegen Wohlgefallen, weil wir seine Söhne sind, und nicht etwa, weil wir stets seinen Willen täten. Daher müssen wir – ganz im Gegensatz zu dem Herrn Jesus! – immer wieder gezüchtigt werden.

3,13–18: Diese Verse beschreiben die Unübertrefflichkeit der Weisheit. Sie beginnen und enden mit dem Wort „Glückselig“.

3,13 „Glückselig der Mensch, der Weisheit gefunden hat, und der Mensch, der Verständnis erlangt!“

Wer Weisheit gefunden hat, muss zuvor danach gesucht haben. Sie kommt nicht von selbst. Aber, sagt die Weisheit, „die mich früh [eifrig; FußEÜ] suchen, werden mich finden“ (Spr 8,17). Es ist eine Frage von Einsatz und geistlicher Aktivität (Spr 2,2). Finden können wir Weisheit und Verständnis letztendlich nur in Christus. Und wenn wir sie gefunden haben, sind wir „glückselig“. Kein Glück auf der Erde kommt an dieses Glück heran.

„Weisheit“ benötigen wir, um richtige Entscheidungen zu treffen, „Verständnis“ befähigt uns, Einsicht in die Gedanken Gottes zu gewinnen.

3,14 „Denn ihr Erwerb ist besser als der Erwerb von Silber und ihr Gewinn besser als feines Gold; …“ (Spr 8,19; 16,16)

Hier kommt zum ersten Mal in den Sprüchen dieses „Besser als“ vor, der „komparative Parallelismus“24. Silber und Gold gehören zu den wertvollsten Materialien – aber die Weisheit ist noch wertvoller. Salomo hatte unschätzbare Reichtümer (2. Chr 9,20–22), aber den Wert der Weisheit schätzte er höher ein. Der Psalmist sagt: „Besser ist mir das Gesetz deines Mundes als Tausende von Gold und Silber“ (Ps 119,72).

► Gott fordert uns auf, zu prüfen, „was das Vorzüglichere ist“ (Phil 1,10). Wir sollten niemals mit Gutem zufrieden sein, wenn es Besseres gibt.

Papiergeld ist wertlos, wenn es nicht für etwas eingetauscht werden kann. Goldmünzen dagegen haben einen Wert in sich selbst. Auch wenn sie ungültig geworden sind und man nicht mehr mit ihnen bezahlen kann, behalten sie doch immerhin den Goldwert. Doch die Weisheit hat nicht nur einen hohen Wert in sich selbst, sondern kann auch immer und überall nützlich eingesetzt werden.

■ „Geld allein macht nicht glücklich“, sagt ein Sprichwort. Doch wir können mit Vers 13 ergänzend korrigieren: „Nur der Besitz göttlicher Weisheit macht wirklich glücklich.“

3,15 „… kostbarer ist sie als Korallen, und alles, was du begehren magst, kommt ihr an Wert nicht gleich.“ (Spr 8,11)

Der Vergleich wird hier fortgesetzt. Korallen sind koloniebildende Nesseltiere. Hier geht es um die kalkhaltigen Steinkorallen, die schon im Altertum wegen ihrer außerordentlich schönen Farben und Formen sehr begehrt waren. Gott hat ihnen ihre Schönheit verliehen. Aber sie sind doch nur ein Teil dieser Schöpfung. Die Weisheit dagegen ist ewig (Spr 8,22–31). Wie wertvoll sie ist, beschreibt auch Hiob in beeindruckender Weise in seiner letzten Rede (Hiob 28).

Weisheit ist eine sichere Anlage für die Zukunft. Die Beschäftigung mit Gottes Wort, mit Gott selbst und mit der Person des Herrn Jesus wird für uns ein ewiger Besitz sein.

■ Paulus hatte alles für Verlust und Dreck geachtet „wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu“. Er wollte „Christus gewinnen“ (Phil 3,7.8) – und „begehrte“ keine irdischen Güter.

3,16 „Länge des Lebens ist in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre.“

Beide „Hände“ der Weisheit sind mit Segnungen gefüllt. „Länge des Lebens“ war für einen Israeliten ein großer Segen. Doch wir haben mehr. Der Herr Jesus, die wahre Weisheit, gibt unserem Leben Sinn und Wert. „Länge“ des Lebens bezieht sich für uns auf die Tage, die es sich lohnt zu zählen. Dies sind nur diejenigen Lebensabschnitte, in denen wir geistliche Ziele angestrebt haben (vgl. Spr 3,2).

„Reichtum und Ehre“ waren für einen Israeliten ebenfalls von hohem Wert. Wir jedoch müssen auch diese Begriffe mit Christus in Verbindung bringen. In Ihm haben wir einen „unergründlichen Reichtum“ (Eph 3,8). Es sind unsere himmlischen Segnungen. Wir dürfen sie genießen und uns ihrer rühmen (1. Kor 1,30.31), sie gereichen uns zur „Ehre“. Sie sind uns aus Gnaden geschenkt. Daher ist klar, dass es sich nicht um selbst verdiente Ehre handelt.

3,17 „Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Pfade sind Frieden.“

Die Weisheit bahnt uns den Weg und macht ihn für uns „lieblich“, weil dieser Weg frei von Streit und Schrecken ist. Stattdessen ist er gekennzeichnet von Frieden, „der allen Verstand übersteigt“ (Phil 4,7).

► Streit unter Christen weist auf Mangel an Weisheit hin.

3,18 „Ein Baum des Lebens ist sie denen, die sie ergreifen, und wer sie festhält, ist glückselig.“

Der „Baum des Lebens“ steht nach 1. Mose 2,9 im Garten Eden und nach Offenbarung 22,2.14 im himmlischen Jerusalem. Es ist bemerkenswert, dass dieser Ausdruck (außer hier) nur in dem ersten und letzten Buch der Bibel vorkommt. Er ist ein bildlicher Hinweis auf das, was der Herr Jesus, der „das Leben“ ist (Joh 11,25), zur Nahrung des ewigen Lebens schenkt. Wer Ihn, der die Weisheit ist, im Glauben „ergreift“, hat ewiges Leben und wird von diesem Baum genährt. Das ist wirkliches Leben und beinhaltet wirkliches Glück.

Der plötzliche Wechsel vom Plural (Mehrzahl) im ersten Teil zum Singular (Einzahl) im zweiten Teil des Verses zeigt, dass „Glückseligkeit“ ein ganz persönlicher Besitz des Herzens ist. Aber dazu muss man die Weisheit auch ganz persönlich „festhalten“.

■ Der andere Baum in Eden, der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (1. Mo 2,9), wurde für den Menschen sozusagen ein „Baum des Todes“. Die durch ihn erlangte Erkenntnis war nicht die göttliche Weisheit. Sie zeigte Adam und Eva nur, dass sie nackt waren und jetzt den Tod verdient hatten.

Die Verse 13–18 können wir folgendermaßen zusammenfassen:

  • Weisheit ist mit den kostbarsten Dingen nicht zu vergleichen.
  • Weisheit ist die beste Investition im Leben.
  • Weisheit macht glückselig.

3,19–20: Hier haben wir ein Intermezzo über die Weisheit des Schöpfers. Es gibt einen kurzen Blick frei auf das, was ausführlich in Sprüche 8,22–31 gezeigt wird.

3,19 „Der Herr hat durch Weisheit die Erde gegründet und durch Einsicht die Himmel festgestellt.“

Weisheit hat ja ihren Ursprung in Gott selbst. Und immer, wenn Er handelt, tut Er es in Weisheit. So auch – und in besonderer Weise – bei der Erschaffung der Welt25. Mit welch einer Weisheit hat Er sowohl das Weltall („die Himmel“) als auch die Position und Stabilität unseres Planeten („die Erde“) aufeinander abgestimmt! Gemäß seiner „Einsicht“ erfüllt auch alles seinen bestimmten Zweck. Kein Mensch hätte so etwas planen, geschweige denn ausführen können. Wo Wissenschaftler lediglich von Naturgesetzen sprechen, beugt sich der Gläubige vor dem weisen Schöpfer-Gott nieder.

3,20 „Durch seine Erkenntnis sind die Tiefen hervorgebrochen, und die Wolken träufelten Tau herab.“

Der ganze Wasserhaushalt der Erde – die wohl wichtigste Grundlage irdischen Lebens – wurde durch Gottes „Erkenntnis“ in Gang gesetzt und bis heute durch Ihn gesteuert. Sehr deutlich zeigte sich dies bei der Sintflut, wo „alle Quellen der großen Tiefe“ aufbrachen (1. Mo 7,11). Andererseits schenkt Er auch den „Tau“, die erfrischenden „Tropfen der Nacht“ (Hld 5,2). Er allein weiß, wann und wo es auf der Erde regnen soll, damit Pflanzen wachsen und Tiere trinken können. Seiner Erkenntnis verdanken wir es, dass bis heute nicht aufgehört haben „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mo 8,22).

3,21–26: Nun wird uns Bewahrung und Schutz durch die Weisheit versprochen, sofern wir sie bewahren und anwenden.

3,21 „Mein Sohn, lass sie nicht von deinen Augen weichen, bewahre klugen Rat und Besonnenheit; …“

Die Weisheit, die Gott in der Schöpfung offenbart hat, kann von jedem gesehen werden (Röm 1,19.20). Doch jemand, der sich beispielsweise dem Gedanken der Evolution öffnet, verschließt seine Augen vor dieser offensichtlichen Weisheit Gottes. In dieser Gefahr stehen besonders unsere Kinder und Jugendlichen. Ihr Lernstoff ist quasi in allen Bereichen durchsetzt vom Gedanken der Evolution.

Daher die Aufforderung Gottes, die Augen fest auf seine Weisheit zu richten. Wie ein Seefahrer, der seinen Blick in der Nacht auf den Leitstern fixiert. Natürlich geht es dabei nicht nur um das Betrachten der Weisheit in der Schöpfung. Das zeigt der zweite Teil dieses Verses.

Die Weisheit Gottes wird in allen Lebensumständen benötigt. Zwar können auch Menschen einen Rat geben – aber ist es immer ein kluger? Wollen wir Sicherheit, müssen wir uns an Gott wenden. Nur bei Ihm gibt es absolute Weisheit und Einsicht, und daher auch „klugen Rat“.

Wer „Besonnenheit bewahrt“, tut nichts Übereiltes, tut nichts ohne weise Überlegung. Er wartet, bis Gott ihm seinen guten Rat deutlich macht. Dazu muss er seine Augen stets auf Ihn richten – so wie ein Autofahrer sich im Nebel auf die weiße Mittellinie konzentriert.

3,22 „… so werden sie Leben sein für deine Seele und Anmut für deinen Hals.“

Der kluge Rat und die Besonnenheit werden nicht Leben bewirken, sondern „Leben sein“! Sie beleben unsere Seele. Sie bewahren uns vor Wegen des Todes. Und sie sind gewissermaßen ein Schmuck („Anmut“) für unseren Charakter (Spr 3,3; 1,9).

3,23 „Dann wirst du in Sicherheit deinen Weg gehen, und dein Fuß wird nicht anstoßen.“

Wer den klugen Rat der Weisheit Gottes bewahrt, hat einen sicheren Tritt auf seinem Lebensweg. Er stolpert nicht, er eckt nicht an. Auch zögert er nicht ängstlich, den nächsten Schritt zu tun. Er verschließt seine Augen nicht vor den Gefahren, doch er weiß, dass Gott ihm in jeder Gefahr beistehen wird. Er sieht, was gegen ihn ist, aber er weiß auch, wer für ihn ist (Röm 8,31).

■ Als Satan den Herrn Jesus aufforderte, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen, führte er diese Zusage Gottes an, und zwar aus der ganz ähnlichen Stelle in Psalm 91,11.12: „Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren;“ und „sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.“ Die Entgegnung des Herrn ist für uns richtungsweisend: „Es ist gesagt:,Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen‘“ (Lk 4,10–12). Wir können die Zusage unseres Verses also nur dann für uns in Anspruch nehmen, wenn wir keinen eigenwilligen Weg beschreiten.

3,24 „Wenn du dich niederlegst, wirst du nicht erschrecken; und liegst du, so wird dein Schlaf süß sein.“

Der Herr Jesus konnte im schweren Sturm tief und fest schlafen (Mk 4,38). Das Wüten des Sturms „erschreckte“ Ihn nicht. Auch David war sich der göttlichen Bewahrung sicher, wenn er in Psalm 4,9 sagt: „In Frieden werde ich sowohl mich niederlegen als auch schlafen; denn du, Herr, allein lässt mich in Sicherheit wohnen.“

Der „süße Schlaf“ beruht auf einem Gefühl von Sicherheit. Das haben wir aber nur, wenn wir einerseits auf Gott vertrauen und andererseits nicht durch ein schlechtes Gewissen geplagt werden.

3,25 „Fürchte dich nicht vor plötzlichem Schrecken noch vor der Verwüstung der Gottlosen, wenn sie kommt; …“

Plötzliche Ereignisse können auch die Lebenssituation eines Gläubigen grundlegend verändern. Die Diagnose eines Arztes, die Kündigung der Arbeitsstelle, ein tragischer Unfall oder eine Naturkatastrophe sind in der Lage, uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Wie soll es weiter gehen? Doch der allmächtige Gott ruft uns zu: „Fürchte dich nicht!“ Über den Gerechten wird gesagt: „Er wird sich nicht fürchten vor schlechter Nachricht; fest ist sein Herz, es vertraut auf den Herrn“ (Ps 112,7).

Vor allem aber brauchen wir uns nicht vor den Gerichten („der Verwüstung“) zu fürchten, die über die Gottlosen in der Drangsalszeit kommen werden! Wir haben die Verheißung: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird“ (Off 3,10).

3,26 „… denn der Herr wird deine Zuversicht sein und wird deinen Fuß vor dem Fang bewahren.“

Alles was geschieht, trifft uns nur in dem Maß, wie seine Weisheit es zulässt. Daher können wir zuversichtlich zu Ihm aufblicken. Auch wenn unsere Zukunft dunkel vor uns liegt.

Der Herr ist unser Schutz, wenn Satan uns allerlei Fallen auf den Weg stellt, um uns zu „fangen“. Wenn wir beten: „Bewahre mich, Gott, denn ich suche Zuflucht bei dir!“ (Ps 16,1), erhalten wir die Antwort: „Er wird nicht zulassen, dass dein Fuß wanke“ (Ps 121,3). Das gibt Sicherheit!

b) Verhalten gegenüber Mitmenschen (Kap. 3,27–35)

Die Weisheit regelt nicht zuletzt auch unser Verhalten gegenüber unserem Nächsten. Dieser Abschnitt enthält zwei Teile:

Spr 3,27–31: Fünf Verhaltensregeln
Spr 3,32–35: Gegenüberstellung: gutes – schlechtes Verhalten

3,27–31: Hier finden wir fünf Regeln für das Verhalten gegenüber Mitmenschen. Sie werden alle negativ dargestellt, d. h., es wird stets gesagt, was wir nicht tun sollen. Diese Vorgehensweise finden wir auch im Neuen Testament: „Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind: Hurerei, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust und Habsucht“ (Kol 3,5; vgl. Eph 4,31). Ist es nicht traurig, dass Gott uns so oft die Neigungen unserer alten Natur vorhalten muss, damit wir seine Ermahnungen begreifen?

In der Welt sind die Verhaltensweisen, vor denen hier gewarnt wird, an der Tagesordnung. Wir aber haben uns deutlich davon abzugrenzen. Daher ermahnt uns Römer 12,2: „Seid nicht gleichförmig dieser Welt“ – eine Ermahnung, die wir am Ende jeder der nun folgenden fünf Auslegungen aufgreifen werden.

3,27 „Enthalte kein Gutes dem vor, dem es zukommt, wenn es in der Macht deiner Hand steht, es zu tun.“

Zunächst werden wir aufgefordert, niemand etwas vorzuenthalten, auf das er Anspruch hat. Das können materielle Dinge sein, es kann aber auch um praktische Unterstützung oder um ideelle Werte gehen.

  • Materiell: Bezahle ich meine Rechnungen pünktlich (Röm 13,8)? Gebe ich „dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Mt 22,21)? Bin ich bereit, Brüder und Schwestern, die im Werk des Herrn arbeiten, zu unterstützen (1. Kor 9,9–11)?
  • Praktisch: Bin ich bereit, meiner alten Mutter ihren Einkauf zu erledigen? Sie hat einen Anspruch auf Hilfe (1. Tim 5,8)! Nehme ich einen Bruder, der für das Werk des Herrn auf Reisen ist, gern in mein Haus auf, wenn ich die Möglichkeit dazu habe (3. Joh 8)?
  • Ideell: Gewähre ich als Arbeitgeber meinen Angestellten die ihnen zustehende Freizeit (Kol 4,1)? Ehre ich meine Eltern (Eph 6,1)? Ehre ich die regierenden Personen oder äußere ich mich abfällig über sie (1. Pet 2,17)?

Gott selbst ist unser Vorbild, denn Er wird „kein Gutes vorenthalten denen, die in Lauterkeit wandeln“ (Ps 84,12). – „Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegenüber allen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens“ (Gal 6,10).

► Wir sind gleichförmig dieser Welt, wenn wir jemandem bewusst etwas vorenthalten.

3,28 „Sage nicht zu deinem Nächsten:,Geh hin und komm wieder, und morgen will ich geben!’, da du es doch hast.“

Im Gegensatz zum vorigen Vers geht es hier nicht nur um das, was jemand rechtmäßig zusteht, sondern auch um das, worum jemand bittet. Der Nachdruck liegt hier auf dem Sagen. „Geh hin und komm wieder!“ Wie muss es die bittende Person schmerzen, solche abweisenden Worte zu hören! Die Vertröstung „morgen will ich geben“ ist zudem oft reine Heuchelei. Jemand hat gesagt: „Eine Wohltat verliert an Wert, wenn sie lange zwischen den Händen des Gebers hängen bleibt.“

Jakobus wird in dieser Hinsicht sehr deutlich: „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“ (Jak 4,17; vgl. Jak 2,15.16). Der Herr Jesus fordert uns auf: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will“ (Mt 5,42) – selbst wenn es „um Mitternacht“ geschieht (Lk 11,5–8). Wer dieses Wort nicht praktiziert, dem fehlt es an echtem Mitleid.

► Wir sind gleichförmig dieser Welt, wenn wir uns vor der Not eines anderen verschließen.

3,29 „Schmiede nichts Böses gegen deinen Nächsten, während er vertrauensvoll bei dir wohnt.“

Hier geht es um böse Gedanken. Wir machen es uns wohl kaum bewusst, wie viel böse Pläne wir in Gedanken „schmieden“. Freundschaft und Vertrauen missbrauchen ist eine gemeine Sache. Vor Gott ist ein solch hinterlistiges Verhalten verwerflich (Jer 9,4–7). Hat nicht auch Judas, der Verräter, so gehandelt? Der Herr Jesus hat es tief empfunden: „Sogar der Mann meines Friedens, auf den ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben“ (Ps 41,10).

► Wir sind gleichförmig dieser Welt, wenn wir das Vertrauen eines anderen missbrauchen.

3,30 „Streite nicht mit einem Menschen ohne Ursache, wenn er dir nichts Böses angetan hat.“

Das hier verwendete hebräische Wort für „streiten“ bedeutet: „einen Rechtsstreit führen“, „rechten“ (wie z. B. Spr 25,9; Ps 103,9). Aber was könnte jemand dazu veranlassen, „ohne Ursache“ mit einem Menschen zu rechten oder sogar vor Gericht zu ziehen?

Oft beginnt es im Kleinen. Man ärgert sich im Stillen über sein Wesen, seine Ansichten oder Gewohnheiten. Man findet ihn unsympathisch. Schließlich lässt man es ihn fühlen und „streitet“ mit ihm über jede Kleinigkeit.

Eine weitere Ursache kann (religiöser) Fanatismus, Gesetzlichkeit oder einfach nur Rechthaberei sein. Nicht selten spielt auch Neid eine Rolle. Man gönnt dem anderen seinen Wohlstand oder seine gute Stellung nicht und versucht daher, ihm irgendwie zu schaden. Obwohl er einem „nichts Böses angetan hat“! So ist es Daniel ergangen. Aus Neid „suchten die Vorsteher und die Satrapen einen Anklagegrund gegen Daniel … zu finden; aber sie konnten keinen Anklagegrund und keine schlechte Handlung finden, weil er treu war“ (Dan 6,5). Nur durch List schafften sie es, ihn anklagen zu können – aber letztlich „ohne Ursache“.

Auch die Anklage gegen den Herrn Jesus erfolgte im Wesentlichen aus Hass, Fanatismus und Neid (Joh 15,24; 19,7; Mt 27,18). Er musste klagen: „Mit Worten des Hasses haben sie mich umgeben und haben gegen mich gekämpft ohne Ursache“ (Ps 109,3).

Und was ist, wenn der andere mir doch Böses angetan hat? Darf ich dann „streiten“? Darauf gibt uns 1. Korinther 6,7 eine Antwort: „Es ist nun schon überhaupt ein Fehler an euch, dass ihr Rechtshändel miteinander habt. Warum lasst ihr euch nicht lieber unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?“

► Wir sind gleichförmig dieser Welt, wenn wir mit jemandem (grundlos oder „begründet“) streiten oder vor Gericht ziehen.

3,31 „Beneide nicht den Mann der Gewalttat, und erwähle keinen von seinen Wegen.“

Wozu Neid führen kann, haben wir eben gesehen. Jakobus schreibt: „Denn wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat“ (Jak 3,16). Neid ist nichts anderes als Unzufriedenheit mit Gott: „Begnügt euch mit dem, was vorhanden ist, denn er hat gesagt:,Ich will dich nicht versäumen’“ (Heb 13,5). Wenn wir neiden, sagen wir damit, dass Gott uns doch versäumt hat.

Selbst gottesfürchtige Menschen können auf trübe Gedanken kommen, wenn sie das Wohlergehen böser Menschen mit ihrer eigenen Situation vergleichen. Von diesen Problemen berichtet z. B. Asaph in Psalm 73, und auch David warnt: „Erzürne dich nicht über die Übeltäter, beneide nicht die, die Unrecht tun!“ (Ps 37,1; vgl. Hiob 21,7; Pred 7,15).

Weiter sagt er in Vers 8 desselben Psalms: „Erzürne dich nicht! Nur zum Bösestun verleitet es.“ Man steht nämlich in Gefahr, es diesem „Mann der Gewalttat“ gleichzutun, weil er offensichtlich Erfolg mit seinen Gewalttaten hat. Daher die Warnung: „Erwähle keinen von seinen Wegen.“

► Wir sind gleichförmig dieser Welt, wenn wir auf Menschen neidisch sind, die bei unrechtmäßigem Verhalten auch noch Erfolg haben.

3,32–35: Diese Verse beschließen das Kapitel mit vier bemerkenswerten Gegenüberstellungen.

3,32 „Denn der Verkehrte ist dem Herrn ein Gräuel, aber sein Geheimnis ist bei den Aufrichtigen.“

Dieser Vers beginnt mit „Denn“ und ist also eine Begründung für die vorigen fünf Ermahnungen. Wer Gutes vorenthält, Bedürftige auf morgen vertröstet, gegen den Nächsten Böses schmiedet, ohne Ursache streitet oder die Sünder beneidet, ist in den Augen Gottes ein „Verkehrter“. Solche sind Ihm ein „Gräuel“. Dabei geht es weniger um Gottlose als um selbstsüchtige und unaufrichtige Bekenner.

Dagegen ist „das Geheimnis des Herrn … für die, die ihn fürchten, und sein Bund, um ihnen denselben kundzutun“ (Ps 25,14). Der Herr wünscht Aufrichtigkeit. Er sucht Wahrheit im Innern. Nur dann kann Er vertrauten Umgang (FußEÜ) mit uns haben und uns seine „Geheimnisse“ offenbaren. Beispiele dazu finden wir bei Abraham (1. Mo 18,17), Mose (Ps 103,7), Daniel (Dan 2,19) und bei den Propheten im Allgemeinen: „Denn der Herr, Herr, tut nichts, es sei denn, dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, offenbart habe“ (Amos 3,7).

■ Heute offenbart Gott uns „sein Geheimnis“, indem Er uns durch den Heiligen Geist in die Wahrheit seines Wortes leitet (Joh 16,13).

3,33 „Der Fluch des Herrn ist im Haus des Gottlosen, aber er segnet die Wohnung der Gerechten.“

Wir haben schon gesehen, dass die Gottlosen ausgerottet werden (Spr 2,22) und dass ihre Verwüstung kommt (Spr 3,25). Hier nun werden sie verflucht. Der Fluch „ruht“ auf ihnen (5. Mo 29,19) und der Zorn Gottes „bleibt“ auf ihnen (Joh 3,36). Dabei liegt dieser Fluch nicht nur auf der Person des Gottlosen, sondern er ist auch in seinem „Haus“. Der Gottlose schadet seiner ganzen Umgebung.

■ Dieser Vers zeigt uns, dass es falsch ist, Unbekehrte nur auf Gottes Liebe hinzuweisen. Der Apostel Paulus tat es nicht. Er predigte das Evangelium der Gnade Gottes, kündigte aber dann denen, die nicht glauben würden, das kommende Gericht an (Apg 17,30.31).

In Verbindung mit dem Gottlosen wird von einem „Haus“ gesprochen, der Gerechte aber hat eine „Wohnung“. Dies ist persönlicher, intimer. Gott selbst wohnt dort mit seinem Segen. In einer solchen Wohnung ist Licht (2. Mo 10,23). Wohl schließt das nicht aus, dass es dort Not geben kann, aber bei den Gerechten ist eine Not eben kein „Fluch“, sondern immer „Segen“. „Wenn sie durchs Tränental gehen, machen sie es zu einem Quellenort; ja, mit Segnungen bedeckt es der Frühregen“ (Ps 84,7).

Als „Gerechte“ stehen wir prinzipiell unter Gottes Segen, weil wir „gerechtfertigt worden sind aus Glauben“ (Röm 5,1). Um ihn praktisch zu erlangen, müssen wir dann aber auch täglich Gerechtigkeit praktizieren.

► Verhalte ich mich wirklich in allem gerecht, so dass Gott meine Wohnung segnen kann? Es geht ja nicht nur um mein eigenes Wohl, sondern auch um das meines Ehepartners und meiner Kinder!

Die Sprüche beziehen den Segen Gottes auf vielerlei Bereiche, und zwar …

  • … auf die ganze Familie des Gerechten: „Er segnet die Wohnung der Gerechten“,
  • … auf den Einzelnen persönlich: „Dem Haupt des Gerechten werden Segnungen zuteil“ (Spr 10,6),
  • … auf den Nachruf des Gerechten: „Das Gedächtnis des Gerechten ist zum Segen“ (Spr 10,7),
  • … als Einfluss auf die Umgebung des Gerechten: „Die Stadt frohlockt beim Wohl der Gerechten“, denn „durch den Segen der Aufrichtigen kommt eine Stadt empor“ (Spr 11,10.11).

3,34 „Die Spötter verspottet auch er, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ (Jak 4,6; 1. Pet 5,5)

Spötter werden in Sprüche 21,24 als übermütig und stolz charakterisiert. In der Septuaginta, nach der diese Stelle im Neuen Testament zitiert wird, werden sie „Hochmütige“ genannt. Nie war dieses Übel mehr verbreitet als in unseren letzten Tagen (2. Pet 3,3). Der Spott steht Gottes Weisheit gegenüber, die er lächerlich zu machen sucht. Im Spott drückt sich auch Feindschaft gegenüber Gott aus. In diesem Zustand ist jeder unbekehrte Mensch. Aber es kommt der Augenblick, wo der Allmächtige sie „verspotten“ wird. Dann wird Er zeigen, wer der Stärkere ist (Ps 2,3–6).

Auch jeder von uns muss sich davor hüten, ein Spötter zu werden. Dabei geht es nicht nur um spottende Bemerkungen. „Gott spotten“ tut man vor allem dann, wenn man im Vertrauen auf Gottes Gnade ein Leben in der Sünde führt (Gal 6,7.8; Röm 6,1).

Demut ist eine der Tugenden, die wir von dem Herrn Jesus lernen sollen (Phil 2,5–8). Er hat gesagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,29). Der Demütige beugt sich unter den Willen Gottes. Er hält sich zu den Niedrigen (Röm 12,16). Er hat die wunderbare Verheißung, „Gnade“ zu empfangen, indem Gott seine Wege gelingen lässt und seiner Seele Belebung und Ruhe gibt (Jes 57,15).

Demut ist nach der Gerechtigkeit (V. 33) ein zweites wichtiges Kennzeichen eines Gläubigen. Fünfmal werden wir im Neuen Testament aufgefordert, demütig zu sein26. Wenn uns Demut mangelt, kann Gott uns auch „demütigen“, damit wir unsere Unzulänglichkeiten demütig anerkennen.

► Bedenke: Demut kann auch geheuchelt sein (Kol 2,18.23)!

3,35 „Die Weisen erben Ehre, aber die Toren erhöht die Schande.“

Zwischen Ehre und Schande liegen Welten. Ebenso groß ist der Abstand zwischen Weisen und Toren. In unserer Gesellschaft mögen manchmal die Toren Ehre erlangen und die Weisen verachtet werden. Gott aber wird stets nach dem Grundsatz handeln, den Er auch schon dem Priester Eli deutlich machte: „Denn die, die mich ehren, werde ich ehren, und die, die mich verachten, werden gering geachtet werden“ (1. Sam 2,30).

Dieser Vers ist eng mit dem vorigen verknüpft. Denn ist es nicht Spotten vonseiten Gottes, wenn Er sagt, dass die Toren „erhöht“ werden durch ihre Schande? Und was die positive Seite angeht, so lernen wir aus Sprüche 15,33: „Der Ehre geht Demut voraus.“

Weisheit ist ein drittes wichtiges Kennzeichen eines Gläubigen. Wir erlangen sie, wenn unser Leben von der Furcht des Herrn geprägt ist. „Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit“ (Spr 15,33; vgl. Spr 9,10).

Gefahren auf dem Weg (Kapitel 4–7)

In diesen Kapiteln werden wir vor verschiedenen Versuchungen gewarnt, in die wir auf unserem Lebensweg fallen können. Das erinnert an den Charakter des 4. Buches Mose, wo die Wüstenreise des Volkes Israel mit all ihren Höhen und Tiefen beschrieben wird. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Vier die Zahl der Erde ist.27 So wie Israel durch die gefahrvolle Wüste ziehen musste, leben auch wir noch in dieser gefahrvollen Welt.

An uns ist es nun, von den Erfahrungen zu profitieren, die Israel und auch der weise Salomo mit Gott gemacht haben. Dieser Gott wird auch heute jedem Glaubenden den richtigen Weg durch die „Wüste“ weisen: „Die Gnade … unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf“ (Tit 2,11.12).

Wir können diese Unterweisung in sechs Bereiche unterteilen:

  1. Unterweisungen Davids (Spr 4,1–9)
  2. Der Weg der Weisheit (Spr 4,10–27)
  3. Das Verhältnis zum anderen Geschlecht (Spr 5)
  4. Schädliche Handlungsweisen (Spr 6,1–11)
  5. Bosheit gegenüber Mitmenschen (Spr 6,12–19)
  6. Ehebruch und Hurerei (Spr 6,20–7)

a) Unterweisungen Davids (Kap. 4,1–9)

Zu Beginn des 4. Kapitels teilt uns Salomo mit, was er von seinem Vater David gelernt hat. Gott möchte, dass seine Weisheit von Generation zu Generation weitergegeben wird. Das betrifft jeden, der Kinder oder Enkel hat, aber auch geistliche Väter und Mütter unter den Gläubigen.

Dieser Abschnitt enthält zwei Teile:

Spr 4,1–3: Salomos Aufruf an seine Söhne
Spr 4,4–9: Der Erwerb der Weisheit

4,1–3: Hier spricht Salomo zum ersten Mal die Söhne28 an. Alle sollen zuhören, wenn er berichtet, was sein Vater ihm hinsichtlich der Weisheit beigebracht hat.

4,1 „Hört, Söhne, die Unterweisung des Vaters, und hört zu, um Verstand zu kennen!“ (Spr 1,8)

Wahrscheinlich hatte Salomo viele Kinder und auch viele Söhne29, die er hier anspricht, doch es ist klar, dass wir den Ausdruck „Söhne“ einfach auf die gesamte junge Generation anwenden müssen. Salomo folgt hier dem Beispiel seines Vaters, der ganz Ähnliches gesagt hat: „Kommt, ihr Söhne, hört mir zu: Die Furcht des Herrn will ich euch lehren“ (Ps 34,12).

Glücklich, wer in einer gläubigen Familie heranwächst, wo Gottes Weisheit an die Kinder weitergegeben wird! Ein Beispiel dafür ist die Familie von Timotheus. Seine Großmutter Lois und seine Mutter Eunike lebten ihm einen ungeheuchelten Glauben vor, der dann schließlich auch ihn kennzeichnete (2. Tim 1,5).

■ Leider gibt es in der Bibel aber auch Fälle, wo Söhne gottesfürchtiger Väter böse Wege gegangen sind. Traurige Beispiele sind Söhne von Samuel, David und Hiskia.30 Ja, sogar Salomo selbst „tat, was böse war in den Augen des Herrn, und er folgte dem Herrn nicht völlig nach wie sein Vater David“ (1. Kön 11,6).

Die verschiedenen Arten von „Unterweisung“ wurden schon bei Sprüche 1,2 angegeben. An dieser Stelle bietet es sich nun an, über weitere Grundsätze einer guten Erziehung nachzudenken. Sie besteht im Wesentlichen aus drei Elementen:

  1. Unterweisung: Aktive und gezielte Belehrung ist unbedingt nötig. Der allgemeine Einfluss einer christlichen Atmosphäre im Haus oder in der Gemeinde reicht nicht aus – so wichtig er auch ist! Wir dürfen auch nicht meinen, gelegentliche erzieherische Hinweise würden bereits genügen. Schon in Israel wurden die Eltern aufgefordert, ihre Kinder intensiv in den Geboten Gottes zu unterweisen: „Lehrt sie eure Kinder, indem ihr davon redet, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“ (5. Mo 11,19). Es ist also sehr wichtig, dass die Grundelemente der christlichen Wahrheit von den Kindern gelernt und verstanden werden, „um Verstand zu kennen“.

Gott sagt über Abraham: „Denn ich habe ihn erkannt, dass er seinen Kindern und seinem Haus nach ihm befehle, damit sie den Weg des Herrn bewahren, Gerechtigkeit und Recht auszuüben“ (1. Mo 18,19). Befehlen – ein bemerkenswerter Ausdruck in diesem Zusammenhang!

  1. Vorbild: Ohne ein positives Vorbild ist allerdings die beste Unterweisung relativ nutzlos. Unterweisung ist das Licht, das den richtigen Weg zeigt; Vorbild ist der Antrieb, diesen Weg dann auch zu gehen. Wenn beides gleichermaßen vorhanden ist, wird es Gott schenken, dass die Kinder den Eltern auf dem Weg der Gottesfurcht folgen. Ein weiser Bruder sagte einmal zu jungen Vätern: „Ich gebe euch drei Empfehlungen für die Erziehung eurer Kinder mit auf den Weg: Erstens: Vorbild. Zweitens: Vorbild. Drittens: Vorbild.“
  2. Züchtigung: Dieses Thema behandeln wir näher bei Sprüche 13,24.

4,2 „Denn gute Lehre gebe ich euch: Verlasst meine Belehrung nicht.“

Salomo hatte von seinem Vater „gute Lehre“ erhalten (V. 4). Diese gab er nun an die jüngere Generation weiter. Ähnlich war es bei Timotheus. Paulus schreibt ihm: „Wenn du dies den Brüdern vorstellst, so wirst du ein guter Diener Christi Jesu sein, auferzogen durch die Worte des Glaubens und der guten Lehre, der du genau gefolgt bist“ (1. Tim 4,6).

Doch die Gefahr besteht, dass man die erhaltene Belehrung eines Tages „verlässt“ – vielleicht, weil man sie nie wirklich ins Herz aufgenommen hat (Spr 3,1). In seinem zweiten Brief an Timotheus ermahnt Paulus ihn daher: „Halte fest das Bild gesunder Worte, die du von mir gehört hast. … Bewahre das schöne, anvertraute Gut!“ (2. Tim 1,13.14).

■ Gott hatte Salomo zu Beginn seiner Regierungszeit davor gewarnt, vom Weg der Weisheit abzuweichen. Mehr als zwanzig Jahre später musste Er diese Warnung in schärferer Form wiederholen, offenbar weil Er bei Salomo schon eine Abwärtsentwicklung wahrnahm (1. Kön 3,14; 9,1–9).

4,3 „Denn ein Sohn bin ich meinem Vater gewesen, ein zarter und einziger vor meiner Mutter.“

Die Redewendung „ich bin meinem Vater ein Sohn gewesen“ deutet darauf hin, dass Salomo ein Sohn war, an dem der Vater Wohlgefallen hatte. Er hatte offensichtlich Gemeinschaft mit seinem Vater, indem er dessen Belehrungen und Grundsätze annahm und befolgte. Deshalb war er auch in der Lage, sie an seine Söhne weiterzugeben – ein allgemeiner Grundsatz für jeden, der die Aufgabe hat, andere zu belehren.

■ In vollkommener Weise ist nur Jesus „seinem Vater ein Sohn gewesen“. Deswegen konnte Er sagen: „Wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich“ (Joh 8,28).

Man spürt, dass Salomo seinen Vater geschätzt hat. Tatsächlich gibt es keine Bibelstelle, in der er dessen Sünden irgendwie erwähnt. Auch können wir vermuten, dass David bei der Erziehung seines Sohnes Salomo nicht mehr die Fehler wiederholt hat, die er bei seinen älteren Söhnen begangen hat (z. B. 1. Kön 1,6). Für Salomo war er ein Vorbild.

Salomo erwähnt hier auch seine Mutter, was darauf schließen lässt, dass beide Elternteile in seiner Erziehung „an einem Strang“ zogen. Wenn das in einer Familie nicht der Fall ist, kann sich dies zu einem bleibenden Schaden für die Kinder auswirken. Weiter ist auffallend, dass Salomo es hier so ausdrückt, als sei er der einzige Sohn Bathsebas gewesen, was eindeutig nicht der Fall war (1. Chr 3,5). Salomo, zu Deutsch der „Friedliche“, hatte wohl bei seiner Mutter einen besonderen, „einzigartigen“ Stand. Er war ja der Geliebte des Herrn („Jedidjah“; 2. Sam 12,25 mit FußEÜ), der für den Thron Israels vorgesehen war.

4,4–9: Nun zählt Salomo auf, was sein Vater ihn gelehrt hatte. Er tut es mit dem Ziel, dass auch seine Söhne darauf hören. Es geht dabei im Wesentlichen um den Erwerb der Weisheit.

4,4 „Und er lehrte mich und sprach zu mir: Dein Herz halte meine Worte fest; beachte meine Gebote und lebe.“

Wenn David seinem Sohn Belehrungen erteilte, hatte dies ein besonderes Gewicht, denn Gott nannte David „einen Mann nach seinem Herzen“ (1. Sam 13,14). Davids Herz war auf Gottes Herz ausgerichtet. Er bemühte sich, nach Gottes Gedanken zu handeln (Ps 139,17; 18,22.23). Gleiches wünschte er nun auch von seinem Sohn (1. Chr 28,9).

Das gute, geistliche Erbe der Väter kann nur dann weiter bestehen, wenn wir das Wort Gottes „festhalten“ und „beachten“. Festhalten betrifft die Lehre, Beachten die Praxis. Die Folge davon ist „Leben“, ein gesegnetes Leben in Gemeinschaft mit Gott.

4,5 „Erwirb Weisheit, erwirb Verstand; vergiss nicht und weiche nicht ab von den Reden meines Mundes.“ (Spr 4,7)

Es geht um den Kauf von Weisheit und Verstand. Wir müssen etwas aufwenden, und zwar ist es die Energie, Gottes Wort zu studieren. Das zweimalige „Erwirb“ zeigt, wie wichtig dem Vater diese Ermahnung ist.

Man darf „Weisheit und Verstand“ nicht mit „Kenntnis und Wissen“ verwechseln. Jemand mag die ganze Bibel auswendig gelernt haben oder sehr versiert in der Prophetie sein und doch überhaupt keine Weisheit besitzen. Der wirklich Weise hat die Fähigkeit, eine Situation nach göttlichen Grundsätzen zu prüfen und entsprechend zu handeln.

Nun gibt es zwei Gefahren: Ich kann alles wieder „vergessen“ oder aber von dem Gelernten „abweichen“ (vgl. Spr 3,1; 4,27). Vergessen bezieht sich wieder auf die Lehre; sie muss – wie in der Schule – immer wiederholt werden. Abweichen bezieht sich auf die Praxis. Es ist die Folge davon, dass ich nicht genau zugehört habe oder das Gehörte nicht tun will.

4,6 „Verlass sie nicht, und sie wird dich behüten; liebe sie, und sie wird dich bewahren.“

Insgesamt sechs Mal hören wir in diesen Versen die Aufforderung, die Belehrungen zur Weisheit nicht fahren zu lassen:

  • „Verlasst meine Belehrung nicht!“ (V. 2)
  • „Halte meine Worte fest!“ (V. 4)
  • „Beachte meine Gebote!“ (V. 4)
  • „Vergiss nicht“ die „Reden meines Mundes!“ (V. 5)
  • „Weiche nicht ab von den Reden meines Mundes!“ (V. 5)
  • „Verlass sie [die Weisheit] nicht!“ (V. 6)

Offenbar haben wir solche Ermahnungen immer wieder nötig. Doch wir wissen: Was man liebt, lässt man nicht los. Daher ist es wichtig, die Weisheit zu „lieben“. Wir sollen sie begehren, sie wertschätzen (Spr 8,17.21). Dann werden wir sie nicht „verlassen“.

Ohne die göttliche Weisheit sind wir dem Feind schutzlos ausgeliefert und werden in Sünde fallen. Mit ihr aber wird unser „ganzer Geist, Seele und Leib … untadelig bewahrt“ (1. Thes 5,23).

4,7 „Der Weisheit Anfang ist: Erwirb Weisheit; und mit allem, was du erworben hast, erwirb Verstand.“ (Spr 4,5)

Schon in Sprüche 1,7 wurde eine Voraussetzung für das Erlangen der Weisheit genannt: die „Furcht des Herrn“. Hier lernen wir eine weitere Bedingung kennen: Fleiß und Einsatz. Fang an, dich mit der Weisheit zu beschäftigen, und du wirst weise! „Der Appetit kommt beim Essen.“ Es kostet Eifer, Geld (z. B. für hilfreiche Bücher), Zeit und Mühe. Ohne diesen Aufwand geht es nicht. Andererseits sollen wir auch im Vertrauen auf Gott um Weisheit bitten – und werden sie bekommen (Jak 1,5.6)!

Mit Nachdruck betont Salomo, dass zum Erwerb von Weisheit und Verstand kein Preis zu hoch und kein Opfer zu groß ist. Alles, was man erworben haben mag, sollte man für sie hingeben. Sie haben mehr Wert als alle sichtbaren Dinge, die uns oft so anziehend erscheinen.

4,8 „Halte sie hoch, und sie wird dich erhöhen; sie wird dich zu Ehren bringen, wenn du sie umarmst.“

Was man hochhält, schätzt man über alles, und was man umarmt, das liebt man. So sollen wir es mit der Weisheit machen. Und sie – also der Herr Jesus selbst! – wird uns dafür belohnen: Ein weiser Mensch wird „erhöht“, er wird allgemein geschätzt, er hat eine gewisse Würde und erlangt „Ehre“ (vgl. Spr 3,35).

4,9 „Sie wird deinem Haupt einen anmutigen Kranz verleihen, wird dir darreichen eine prächtige Krone.“

Kranz und Krone sind äußere Zeichen für Ehre und Würde. Die Aussage von Vers 8 wird hier also bildlich wiederholt. Auf Salomo traf dies in besonderem Maße zu, nicht weil er als König gekrönt wurde, sondern weil er die Weisheit liebte und praktizierte wie kein anderer.

■ Weitere in den Sprüchen erwähnte „Kronen“ sind: Eine tüchtige Frau, Reichtum, graues Haar und Kindeskinder (Spr 12,4; 14,24; 16,31; 17,6).

Auch im Neuen Testament werden manche Kronen genannt31. Es sind Belohnungen für Treue, Kampf und Ausharren. Diese Tugenden können wir nur mithilfe der göttlichen Weisheit ausüben. Es ist Gnade, wenn wir eine Krone erhalten. Und sie gereicht auch nicht zu unserer eigenen Ehre, sondern zur Verherrlichung des Herrn Jesus. Denn wenn wir bei Ihm in der Herrlichkeit sind, werden wir unsere Kronen vor seinem Thron niederwerfen (Off 4,10).

b) Der Weg der Weisheit (Kap. 4,10–27)

Im zweiten Teil des 4. Kapitels wird wieder der Sohn persönlich angesprochen. Er soll den guten Weg erkennen, betreten und darauf bleiben. Wenn uns das Leben als Weg vorgestellt wird, sollen wir an den Ausgangspunkt, die Richtung und das Ziel unseres Lebens denken. Der Ausgangspunkt ist der Erwerb der Weisheit (V. 5.7), die Richtung wird durch Geradheit und Gerechtigkeit vorgegeben (V. 11.18), und das Ziel ist wahres Leben und hell leuchtendes Licht (V. 13.18).

Wir können diese Verse folgendermaßen gliedern:

Spr 4,10–13: Der Weg der Weisheit
Spr 4,14–19: Der Weg der Gottlosen
Spr 4,20–27: Ermahnungen zum Einhalten des rechten Weges

4,10–13: Zuerst wird der Weg der Weisheit beschrieben. Er hat einen großen Vorzug: Er führt zum Leben.

4,10 „Höre, mein Sohn, und nimm meine Reden an, und die Jahre des Lebens werden sich dir mehren.“

Zum zweiten Mal wird der Sohn explizit zum Hören aufgefordert (Spr 1,8), und zum zweiten Mal wird ihm für den Fall, dass er die Belehrungen des Vaters „annimmt“ und bewahrt, ein langes (und erfülltes!) Leben verheißen (Spr 3,1.2).

■ Hören – Annehmen – Leben: Diese Abfolge ist ein immer wiederkehrendes Prinzip Gottes, das auch der Herr Jesus verkündete: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben“ (Joh 5,24).

4,11 „Ich unterweise dich im Weg der Weisheit, leite dich auf Bahnen der Geradheit.“

Unterweisung ist eine persönliche Belehrung, die auf die Praxis ausgerichtet ist und den richtigen Weg weist. Leitung ist die führende Hand auf diesem Weg und bewahrt vor Um- und Irrwegen. Sie beinhaltet auch Korrektur und Zurechtweisung.

Wir haben sozusagen zwei Schienenstränge auf unserer „Bahn“, die den Weg klar vorgeben: Gottes Wort und Gottes Geist. Sie unterweisen uns und leiten uns, damit wir nicht „entgleisen“. Paulus schreibt: „Alle Schrift ist … nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,16.17).

Die „Bahn der Geradheit“ ist zugleich ein Weg der Absonderung vom Bösen in der Nachfolge des Herrn Jesus (Spr 2,9).

4,12 „Wenn du gehst, wird dein Schritt nicht beengt werden, und wenn du läufst, wirst du nicht straucheln.“

„Wenn du gehst“ – das lässt uns an den normalen Tagesablauf inmitten der gewöhnlichen Ereignisse und Umstände denken. Wer seinen von Gott gewiesenen Weg in Treue geht, wird nicht „beengt“. Es ist kein gesetzlicher Weg, sondern – im neutestamentlichen Sinn – ein Weg christlicher Freiheit (Gal 5,1.13). Dies ist eine „Freiheit des Gehorsams“, d. h., man findet seine Freude darin, den Willen Gottes zu tun – ohne Beklemmung oder Angst.

► Der Herr Jesus sagt: „Schmal [ist] der Weg, der zum Leben führt“ (Mt 7,14). Trotzdem fühlt sich ein Christ auf diesem Weg nicht beengt.

Wenn wir Gottes Zustimmung haben, gibt es keine „Mauer“, die uns einengt und am Fortkommen hindert, wie es bei Bileam geschah (4. Mo 22,24–26). Er war auf einem eigenwilligen Weg, und deswegen „beengte“ Gott seinen Schritt. Ähnliches sagt auch Bildad über den Gottlosen: „Die Schritte seiner Kraft werden eingeengt werden“ (Hiob 18,7).

Oft treten Situationen in unserem Leben ein, bei denen wir „laufen“, also schnell handeln müssen. Wie leicht kann man dabei eine Fehlentscheidung treffen und „straucheln“. Jakobus schreibt: „Wir alle straucheln oft“ (Jak 3,2). Aber andererseits gilt: „Großen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben, und kein Fallen gibt es für sie“ (Ps 119,165). Wenn wir den vor uns liegenden Wettlauf „hinschauend auf Jesus“ laufen (Heb 12,2), werden wir nicht stolpern oder gar fallen. Dann gehen wir einen sicheren Weg, auf dem Er uns „ohne Straucheln zu bewahren … vermag“ (Jud 24).

4,13 „Halte fest an der Unterweisung, lass sie nicht los; bewahre sie, denn sie ist dein Leben.“

Immer wieder müssen wir ermahnt werden, dass wir das, was wir einmal gelernt haben, bewusst festhalten (V. 2.4.5.6). Wer gleichgültig dahinlebt, verliert nach und nach das Licht, das er einmal über göttliche Wahrheiten gehabt haben mag. Auch im Neuen Testament werden wir vor dieser Gefahr gewarnt: „Deswegen sollen wir umso mehr auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht etwa abgleiten“ (Heb 2,1).

► Regelmäßiges Bibellesen ist nicht nur nötig, um neue Erkenntnisse zu sammeln. Du brauchst es auch, um dir bereits bekannte Wahrheiten einzuprägen und sie zu beleben. Wichtig ist, dass du jede verstandene Wahrheit in der Praxis auslebst. Sonst wirst du sie schnell vergessen.

Die Unterweisung „ist dein Leben“. Gott will wahres, wirkliches Leben schenken (Spr 3,18). Das tut Er durch sein Wort. Der Herr Jesus bezeugte: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 6,63). Inwieweit beeinflusst Gottes Wort tatsächlich unser Leben?

4,14–19: Diese Verse warnen uns zum vierten Mal vor dem Weg der Gottlosen (Spr 1,15; 2,12; 3,31). Zum Abschluss wird dann dieser Weg dem guten Weg der Weisheit mit klaren Worten gegenübergestellt (V. 18.19).

4,14 „Begib dich nicht auf den Pfad der Gottlosen und beschreite nicht den Weg der Bösen.“

Der „Pfad der Gottlosen“ ist gleichzeitig ein „Weg der Bösen“. Wer ohne Gott lebt, kann nur Böses tun, kann nur sündigen. Das ist der Zustand des natürlichen Menschen. Wollen wir solchen Menschen nachlaufen? Wer die im Folgenden beschriebenen Auswüchse der Sünde sieht, wird davor zurückschrecken.

Jeder von uns wird – mehr oder weniger unbewusst – durch die uns umgebende Gesellschaft beeinflusst. Eine besondere Gefahr besteht für junge, unverheiratete Christen, die wegen ihrer Ausbildung oder ihrer Arbeitsstelle das schützende Elternhaus verlassen müssen. Ein solcher Schritt muss gut überlegt werden. In der Einsamkeit einer fremden Umgebung kann man sehr leicht in schlechte Gesellschaft geraten.

4,15 „Lass ihn fahren, geh nicht darauf; wende dich von ihm ab und geh vorbei.“

Sechs Warnungen spricht Salomo in den Versen 14 und 15 aus.

  1. „Begib dich nicht …“: Wichtig ist, dass wir uns erst gar nicht auf den bösen Weg begeben. Er soll für uns tabu sein!
  2. „Beschreite nicht …“: Sollte es aber doch passiert sein, dass wir uns auf diesen Pfad begeben haben, d. h., dass wir in eine Sünde gefallen sind, müssen wir uns hüten, damit weiterzumachen. Beschreiten ist die bewusste Benutzung eines Weges.
  3. „Lass fahren …“: Diesen falschen Weg müssen wir schleunigst wieder verlassen, bevor uns die Sünde so fesselt, dass wir sie nicht mehr fahren lassen können. Noch haben wir „die Zügel in der Hand“.
  4. „Geh nicht …“: Gehen ist unbewusster als Beschreiten. Die Gefahr ist, dass man sich an das Böse gewöhnt.
  5. „Wende dich ab …“: Das beste Rezept ist, sich das Böse erst gar nicht anzugucken, sich innerlich gar nicht damit zu beschäftigen und jeden Kontakt mit der Sünde zu vermeiden. „Wende meine Augen ab, dass sie Eitles nicht sehen“ (Ps 119,37).
  6. „Geh vorbei“: Erst wenn man vorbeigegangen ist, ist auch die Gefahr vorbei. Vorher nicht. Deswegen muss man konsequent handeln und den größtmöglichen Abstand zum Bösen halten, um nicht doch noch verführt zu werden.

► Doch bedenke: Wenn du vorbeigegangen bist, kann schnell die nächste Verführung auf dich zukommen!

■ Die Pharisäer klagten Jesus an, Er würde schlechten Umgang pflegen. „Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen“ (Lk 15,2). Doch der Herr tat das mit dem Motiv, solche Menschen zur Buße zu führen, und es ging keineswegs darum, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Falls wir Kontakte zu Ungläubigen aufnehmen, müssen wir uns fragen, ob es ebenfalls aus diesem Grund geschieht. Der Auftrag dazu muss vom Herrn kommen. Dann können wir mit seiner Hilfe ein Wegweiser zu Ihm sein. Aber selbst dann sollten wir uns der Gefahr bewusst sein, die von ungläubigen Menschen ausgeht.

4,16 „Denn sie schlafen nicht, wenn sie nichts Böses getan haben, und ihr Schlaf wird ihnen geraubt, wenn sie nicht jemand zu Fall gebracht haben.“

Salomo begründet nun seine Warnung. Gottlose Menschen haben einen regelrechten Drang, das Böse zu verüben, so verderbt ist ihre Natur. Ihre Sünden sind nicht etwa nur eine „moralische Schwäche“, nein, sie sündigen bewusst und geplant. Sie finden keine Ruhe, wenn sie einmal nicht aktiv waren und niemanden „zu Fall gebracht haben“. Sie sind unglücklich, wenn sie nicht jemand anderen unglücklich gemacht haben.

Dagegen haben wir in Sprüche 3,24 gesehen, dass der Gottesfürchtige in Ruhe schlafen kann. Wenn er sich aber nun auf den „Pfad der Gottlosen“ begeben würde, wäre es mit dieser Ruhe vorbei.

4,17 „Denn sie essen Brot der Gottlosigkeit und trinken Wein der Gewalttaten.“

Die Gottlosen ernähren sich quasi von ihren sündigen Taten. Für manche ist es tatsächlich ihr Lebensinhalt. Alles, woran sie sich erfreuen („Wein“), haben sie sich durch Gewalttat angeeignet (Amos 2,8).

Welch ein Kontrast zu dem, „der keine Sünde tat“ (1. Pet 2,22). Seine Speise war es, immer und ausschließlich den Willen Gottes zu tun (Joh 4,34). Uns gab Er die Verheißung: „Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden“ (Mt 5,6).

4,18 „Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe.“

Salomo schließt die Beschreibung der beiden Wege jetzt mit einer klaren Gegenüberstellung ab: Der Pfad der Gerechten ist Licht, der Weg der Gottlosen Finsternis (V. 19).

Er vergleicht den Pfad des Gerechten mit dem Licht der Sonne. Von ihrem Aufgang an scheint sie stets heller, bis sie mittags im Zenit steht. Von einem Wieder-Abnehmen des Lichtes ist bezeichnenderweise keine Rede. So ist (nicht: soll sein) der Weg des Gerechten. Jedes Kind Gottes „wandelt im Licht“ (1. Joh 1,7). Das ist seine unwiderrufliche Stellung. Aber in der Praxis soll dieses Licht zunehmen. Wir sollen in der Weisheit wachsen, so wie der Knabe Jesus an Weisheit zunahm (Lk 2,52). Dann wird unser Pfad immer heller und leuchtender. Dabei kann man vier Aspekte unterscheiden:

  • Das Licht erleuchtet unseren Weg, so dass wir weder irregehen noch straucheln (V. 11.12). In diesem Sinn bewirkt das Licht Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Wahrheit und Reinheit, und es gibt uns Frieden und Sicherheit.
  • Das Licht schenkt uns eine ständig zunehmende Erkenntnis des Herrn. Das bewirkt Anbetung, Dankbarkeit, Freude und Kraft. Die Söhne Korahs drücken dies so aus: „Sie gehen von Kraft zu Kraft; sie erscheinen vor Gott in Zion“ (Ps 84,8).
  • Das Licht geht von unserem Weg aus und erleuchtet unsere Umgebung. Wir sind als Jünger des Herrn „das Licht der Welt“ (Mt 5,14). Das Licht strahlt, weil es göttliches Licht reflektiert, und unsere Aufgabe ist, dass wir es nicht verdecken (Mk 4,21). Die Menschen sollen es sehen und von diesem Licht angezogen werden, um dann im Licht Gottes ihr sündiges Leben zu erkennen.
  • Das Licht beleuchtet die Zukunft. Den Weg zum Vaterhaus empfinden wir manchmal als recht dunkel. Und tatsächlich spricht die Bibel ja auch vom Wandern „im Tal des Todesschattens“ (Ps 23,4). Doch dieses Tal hat einen Ausgang, und an seinem Ende sehen wir schon Licht. Es wird mit jedem Schritt größer, und je mehr wir die Nähe unseres Herrn verspüren („denn du bist bei mir“!), desto heller scheint uns dieses Licht. Wenn wir endlich in der Herrlichkeit angekommen sein werden, sind alle Hindernisse weggetan. Dann kann das Licht der „Tageshöhe“ ungehindert leuchten. „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43).

► Wenn wir auf unseren persönlichen Lebensweg zurückblicken, können wir dann sagen, dass er „stets heller leuchtete“? Haben wir geistliche Fortschritte auf dem Glaubensweg gemacht? Kennen wir die Gedanken des Herrn besser als vor einiger Zeit?

Das Lied von Debora und Barak endet mit den Worten: „Die ihn lieben, seien, wie die Sonne aufgeht in ihrer Kraft!“ (Ri 5,31).

4,19 „Der Weg der Gottlosen ist dem Dunkel gleich; sie erkennen nicht, worüber sie straucheln.“

Der Weg der Sünde hat einen dunklen Ursprung, einen dunklen Verlauf, und führt ins Dunkel. Wer ihn beschreitet, strauchelt. „Wenn jemand in der Nacht wandelt, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist“ (Joh 11,10). Der Weg der Gottlosen wird beherrscht von Unwissenheit, Sinnlosigkeit, Unrecht, und daher auch von Unruhe, Angst und Unsicherheit. Dieser dunkle Weg ist viel schlimmer als das „Tal des Todesschattens“, wie es der Gläubige kennt, denn es gibt da keinen göttlichen Beistand, keinen beschützenden Stecken und keinen leitenden Stab (Ps 23,4). Im Gegensatz zum Gerechten straucheln die Gottlosen ständig (Spr 4,12; 11,5) – und wissen noch nicht einmal warum!

Vor der Sintflut sagte Gott: „Mein Geist soll nicht ewig mit dem Menschen rechten“ (1. Mo 6,3). Es wird also für jeden verstockten Sünder eine Zeit kommen, wo Gott ihn sich selbst überlassen wird. Dann wird das Dunkel undurchdringlich sein, und der Weg endet unweigerlich in der „äußersten Finsternis“ des ewigen Todes (Mt 8,12; 22,13; 25,30). Deswegen mahnte der Herr: „Wandelt, während ihr das Licht habt, damit nicht Finsternis euch ergreife!“ (Joh 12,35).

4,20–27: In den letzten Versen dieses Kapitels empfängt der Sohn spezifische Ermahnungen zum Einhalten des rechten Weges.

4,20 „Mein Sohn, höre aufmerksam auf meine Worte, neige dein Ohr zu meinen Reden.“ (Spr 5,1)

Weil wir unseren Weg durch eine böse Welt gehen müssen, hat Gott uns sein Wort gegeben, damit wir dort den richtigen Weg finden (Joh 17,11–17). Was wir allerdings mit seinem Wort machen, liegt in unserer Verantwortung. Hören wir „aufmerksam“ zu? „Neigen“ wir unser Ohr, wenn das Wort zu uns redet? Der Herr Jesus sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme … und sie folgen mir“ (Joh 10,27).

Sechsmal ermahnt uns die Bibel: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ (z. B. Mt 11,15). Praktisch bedeutet das, sich Zeit zu nehmen, Gottes Wort zu lesen und es auf Herz und Gewissen einwirken zu lassen. Das geschieht sowohl beim persönlichen Bibelstudium als auch in den Gemeindestunden, wo Gott durch sein Wort zu uns redet.

4,21 „Lass sie nicht von deinen Augen weichen, bewahre sie im Innern deines Herzens.“

Nicht nur unsere Ohren, sondern auch unsere Augen sollen mit den Worten Gottes beschäftigt sein. Sie „nicht von unseren Augen weichen“ lassen bedeutet erstens ganz praktisch, regelmäßig in der Bibel zu lesen. Dann aber bedeutet es auch, das Gelesene stets „im Blick“ zu haben. In jeder Situation unseres Lebens sollen wir es parat haben.

Doch dazu müssen wir es tief ins Herz (in seinem „Innern“) aufgenommen haben und dort „bewahren“. „In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige“ (Ps 119,11). Im Herzen werden unsere Gedanken gebildet (1. Mo 6,5). Es ist der Sitz unseres Willens (1. Kor 7,37). Dort treffen wir unsere Entscheidungen (Ri 5,16; V. 23). Wenn wir das Wort im Herzen bewahren, entsprechen unsere Gedanken, unser Wille und unsere Entscheidungen den Grundsätzen des Wortes Gottes.

► Fast alles, was in unser Herz kommt, nimmt den Weg über das Ohr oder über das Auge. Deshalb müssen wir uns stets fragen: „Was höre ich?“ – „Was sehe ich mir an?“

4,22 „Denn Leben sind sie denen, die sie finden, und Gesundheit ihrem ganzen Fleisch.“

Bevor nun jemand sagt, dass ein so absolutes Festhalten an Gottes Wort zu einem verkrampften Leben führen wird, dementiert Gott dies vorsorglich in diesem Vers. Ein verkrampftes Leben wäre in der Tat ungesund. Hier aber wird deutlich gesagt, dass die Worte Gottes ein durch und durch „gesundes“ Leben bewirken. Schon früher haben wir gesehen (Spr 3,8), dass damit nicht nur ein gesunder Körper, sondern vor allem auch ein gesunder Geist gemeint ist.

► Wenn du Gottes Wort aufmerksam hörst (V. 20) und es im Innern deines Herzens bewahrst (V. 21), wird dich das zu einem „gesunden“ geistlichen Unterscheidungsvermögen führen (Heb 5,14).

Körperliche Gesundheit ist ein großes Geschenk Gottes. Die Bibel zeigt uns, dass Leib, Seele und Geist ein Ganzes bilden, und dass die Gesundheit des Leibes die der Seele und des Geistes beeinflusst und umgekehrt. „Ein gelassenes Herz ist das Leben des Leibes, aber Ereiferung ist Fäulnis der Gebeine“ (Spr 14,30). Auch im Neuen Testament finden wir diesen Grundsatz: Paulus schreibt an Timotheus, dass die Gottseligkeit „die Verheißung des Lebens hat, des jetzigen und des zukünftigen“ (1. Tim 4,8).

4,23 „Behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist; denn von ihm aus sind die Ausgänge des Lebens.“

In Bezug auf das Herz als Körperorgan sind wir im Allgemeinen sorgsam darauf bedacht, dass es gesund bleibt. Wenn das Herz nicht gut funktioniert, leidet der ganze Körper. Aber wenn es um unser Herz als Sitz der Gefühle und des Willens geht, sind wir oft recht sorglos. Dabei ist es das wichtigste Element unseres Lebens überhaupt. Es ist „mehr als alles“ zu behüten.

Wie können wir unser Herz behüten? Indem wir darüber wachen, was wir mit den Ohren und Augen aufnehmen, aber auch wohin wir gehen (V. 20.21.25–27). In dieser Welt wollen viele Dinge unser Herz beschlagnahmen und vom Herrn abziehen. Es können böse Einflüsse sein, aber auch die ganz normalen Beschäftigungen des Lebens. Befassen wir uns viel mit dem Herrn Jesus, wird Er unser Herz erfüllen. Er bittet: „Gib mir, mein Sohn, dein Herz“ (Spr 23,26). Denn nur Er kann es letztlich bewahren.

► Es geht um deine Zuneigungen. Du lebst, was du tief im Herzen liebst, „denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Mt 6,21).

Von einem gut behüteten Herzen geht lohnenswertes Leben aus („Ausgänge des Lebens“). Es sind Tugenden wie: reine Gedanken, Freundlichkeit, Friedfertigkeit, Sanftmut, Demut, Enthaltsamkeit. Aus dem natürlichen, bösen Herzen aber „kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt 15,19).

■ Der weise Salomo kannte die Schwächen und Neigungen seines Herzens. Daher betete er: „So gib denn deinem Knecht ein verständiges Herz, um … zu unterscheiden zwischen Gutem und Bösem“ (1. Kön 3,9). Doch leider hat er sein Herz nicht bewahrt, „und seine Frauen neigten sein Herz“ (1. Kön 11,3).

4,24 „Tu von dir die Verkehrtheit des Mundes, und die Verdrehtheit der Lippen entferne von dir.“

Jesus sagte einmal den Pharisäern: „Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34). Wenn wir also unser Herz behüten (V. 23), werden wir keine verkehrten oder verdrehten Worte sagen.

► Wir sollten mit David beten: „Lass die Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens wohlgefällig vor dir sein“ (Ps 19,15).

Weil wir „inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“ leben (Phil 2,15), das vom „Vater der Lüge“ regiert wird (Joh 8,44), stehen wir in Gefahr, es mit der Wahrheit ebenfalls nicht so genau zu nehmen. Wie leicht täuschen wir jemand durch unsere Worte! Hier einige Beispiele für „Verdrehtheit der Lippen“:

  • Wir drücken uns bewusst zweideutig aus, um die Wahrheit zu verschleiern.
  • Wir bringen durch gezieltes Verschweigen einzelner Sachverhalte nur Halbwahrheiten hervor.
  • Wir machen schöne Worte, denken aber etwas ganz anderes.

Oder wir lügen unserem Gegenüber voll ins Gesicht. Das ist „Verkehrtheit des Mundes“. In jedem Fall bezeugen wir dadurch, dass wir nicht in praktischer Gemeinschaft mit Gott leben, denn Er ist ein „Gott, der nicht lügen kann“ (Tit 1,2). In den Worten der göttlichen Weisheit „ist nichts Verdrehtes und Verkehrtes“ (Spr 8,8).

► Sehen wir auf den Herrn Jesus, unser vollkommenes Vorbild, der durch den Mund Davids sagte: „Mein Gedanke geht nicht weiter als mein Mund“ (Ps 17,3).

Gottes Wort warnt uns an vielen Stellen vor Lüge und Betrug32. Besonders drastisch wird die Verkehrtheit der Zunge von Jakobus beschrieben (Jak 3,2–12). Denken wir daran, dass unsere Worte immer eine Wirkung haben! Sie sollten stets zu Gottes Ehre, zur Erbauung der Gläubigen und zum Zeugnis für unsere Mitmenschen sein.

4,25 „Lass deine Augen geradeaus blicken und deine Wimpern gerade vor dich hinschauen.“

Schon in Vers 21 wurden wir aufgefordert, die Worte Gottes nicht von unseren Augen weichen zu lassen. Das kann man nur, wenn man seine Augen nicht umherschweifen lässt. Man muss „geradeaus blicken“. Die Welt bietet unseren Augen einiges. „Das Auge wird des Sehens nicht satt“ (Pred 1,8). Überall gibt es Zerstreuung: Illustrierte, Fernsehen, Internet, aber auch Kino und andere Events. Deswegen sollten wir über Hiobs Ausspruch nachdenken: „Ich habe mit meinen Augen einen Bund geschlossen, und wie hätte ich auf eine Jungfrau geblickt!“ (Hiob 31,1).

Die Attraktionen dieser Welt lenken uns nur ab von dem einen, lohnenswerten Zielpunkt: dem Herr Jesus! Wenn wir unser Auge auf Ihn fixieren, wird sich Lukas 11,34 bewahrheiten: „Die Lampe des Leibes ist dein Auge; wenn dein Auge einfältig ist [d. h. nur eine einzige Blickrichtung hat], so ist auch dein ganzer Leib licht.“

Ein geistlich gesinnter Christ schaut nicht das an, „was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das, was man sieht, ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht, ewig“ (2. Kor 4,18).

► Wir werden kein Problem damit haben, einem anderen „gerade“ in die Augen zu schauen, wenn wir den vorigen Vers 24 beachtet haben.

4,26 „Ebne die Bahn deines Fußes, und alle deine Wege seien gerade; …“ (Heb 12,13)

Die Bahn des Fußes „ebnen“ bedeutet, alle Schlaglöcher und Hindernisse beseitigen. Das geschieht, indem wir unseren Weg mit dem Herrn abstimmen. Es ist fahrlässig, „einfach so“ eine Entscheidung zu treffen. Eigene Wege mögen auf den ersten Blick glatt und gerade aussehen. Doch letztendlich gleichen sie den Wegen der Bösen, „deren Pfade krumm sind und die abbiegen in ihren Bahnen“ (Spr 2,15). Daher müssen wir Gott um Rat bitten. Er hat verheißen: „Ich werde vor dir herziehen und werde das Höckerige eben machen“ (Jes 45,2).

Es genügt auch nicht, unseren Weg nur dann und wann nach der Bibel auszurichten. Nein, „alle“ unsere Wege sollen gerade sein.

■ Die Anwendung dieses Verses in Hebräer 12,13 zeigt die Folgen eines krummen Weges. Man wird „lahm“ und läuft Gefahr, vom Weg abzukommen. Auch die Galater hatten gut begonnen, sich aber dann durch Irrlehrer auf dem Weg der Wahrheit behindern lassen. Paulus ruft ihnen daher zu: „Ihr lieft gut; wer hat euch aufgehalten?“ (Gal 5,7).

4,27 „… biege nicht ab zur Rechten noch zur Linken, wende deinen Fuß ab vom Bösen.“

Mose ermahnte das Volk Israel: „So achtet nun darauf, zu tun, wie der Herr, euer Gott, euch geboten hat; weicht weder zur Rechten noch zur Linken ab. Auf dem ganzen Weg, den der Herr, euer Gott, euch geboten hat, sollt ihr wandeln“ (5. Mo 5,32.33; vgl. Jos 1,7). Es gibt also Gefahren auf beiden Seiten des Weges. Die Abweichung „zur Rechten“ kann bedeuten, das Wort Gottes „enger“ auszulegen, als Er es gemeint hat. Die Abweichung „zur Linken“ zeigt dann die Gefahr, sein Wort „liberal“ auszulegen. Daher wies Mose das Volk ein wenig später an: „Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr halten, es zu tun; du sollst nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen“ (5. Mo 13,1).

Wenn unsere „Augen geradeaus blicken“ (V. 25), indem wir Christus nicht aus den Augen verlieren, werden wir nicht vom Weg abkommen. Das ist dann echte Nachfolge, echte Jüngerschaft. Wie betrübt wäre Er, wenn Er sehen müsste, dass wir immer wieder zur Seite ausbiegen! Dann müsste Er, der große Hirte, nach uns suchen – bis Er uns findet (Lk 15,4). Es wäre schön, wenn wir am Ende unseres Lebens wie Hiob sagen könnten: „Seinen Weg habe ich bewahrt und bin nicht abgebogen“ (Hiob 23,11).

Sobald wir etwas als Böse erkennen, sollen wir unseren Fuß davon „abwenden“. Von den Sündern wird gesagt, dass ihre Füße dem Bösen zulaufen (Spr 1,16). Aber Sprüche 4,15 hat uns belehrt, uns von ihrem Weg abzuwenden.

► Du musst dein Herz behüten, damit dein Mund, deine Augen und deine Füße sich dem Willen Gottes entsprechend benehmen. Es geht immer zuerst um dein Herz (Spr 23,19)!

c) Das Verhältnis zum anderen Geschlecht (Kap. 5)

Kapitel 5 beschäftigt sich mit einer weiteren Gefahr: der sexuellen Verführung durch die „Fremde“ (V. 3). Solche Verführungen können jedoch, wie wir wissen, nicht nur von Frauen ausgehen, sondern auch von Männern. Und nicht nur Männer können verführt werden, sondern auch Frauen. Außerdem darf niemand denken, dass diese Gefahr für ihn nicht besteht. Gott hielt es für notwendig, dieses Thema allein im Buch der Sprüche 7-mal zu behandeln, 3-mal davon sehr ausführlich.33 Unzucht war also schon immer ein Problem, doch mit schwindender Gottesfurcht greift sie in der heutigen Zeit immer schneller um sich.34

Im Gesetz hatte Gott dem Volk Israel seine Prinzipien zur Sexualmoral ausführlich mitgeteilt. Am bekanntesten ist das 7. Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“ (2. Mo 20,14). Hier haben wir nun einen eindrucksvollen Kommentar zu diesem Gebot.

Damit wir uns erst gar nicht in die Gefahrenzone der „Fremden“ begeben, belehrt und warnt uns Gott jetzt auf vielfältige Weise. Am Ende stellt Er uns als Gegenpol das beglückende Verhältnis in einer Ehe vor.

Das Kapitel lässt sich klar in folgende Abschnitte gliedern:

Spr 5,1–2: Aufruf des Vaters zum Hören
Spr 5,3–6: Beschreibung des Wesens der fremden Frau
Spr 5,7–14: Warnung vor den Folgen sexueller Abschweifung
Spr 5,15–20: Die reine Beziehung in der Ehe
Spr 5,21–23: Göttliche Vergeltung für böse Wege

5,1–2: So wie bisher jedes Kapitel, wird auch dieses durch den feierlichen Aufruf des Vaters eingeleitet, aufmerksam auf die folgenden Belehrungen zu hören.

5,1 „Mein Sohn, höre aufmerksam auf meine Weisheit, neige dein Ohr zu meiner Einsicht, …“ (Spr 4,20)

Es fällt auf, dass Salomo (nur) hier sagt: „meine Weisheit“. Es ist die speziell ihm von Gott gegebene Weisheit. Aber es klingt auch an, dass er sie sich durch Erfahrung erworben hat. Hier spricht nicht jemand, der keine Ahnung von diesem Thema hat.

Der Sohn soll „aufmerksam“ zuhören, weil es ein Thema ist, das auch ihn etwas angeht. Und wie bereits gesagt: Es geht jeden etwas an.

5,2 „… um Besonnenheit zu bewahren und damit deine Lippen Erkenntnis hüten.“

Besonnenheit ist das Gegenteil von emotionalem, unüberlegtem Handeln. Gerade das ist so gefährlich bei unserem Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht. Stattdessen sollen wir uns auf den Willen des Herrn „besinnen“.

Nicht selten beginnt eine unsittliche Verbindung mit unbedacht geredeten Worten – heutzutage oft auf elektronischem Weg. Deshalb werden hier die „Lippen“ erwähnt. David sagt in Psalm 141,3: „Setze, Herr, meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen.“

Die Lippen sollen „Erkenntnis hüten“. Unsere Worte dürfen nicht im Widerspruch stehen zu der Erkenntnis, die wir durch die göttliche Weisheit erlangt haben. Durch besonnenes Reden pflegen bzw. konservieren wir die Erkenntnis. Sie wird dann weder verwässert noch verfälscht. Sind wir dagegen gewohnt, Schlechtes zu sagen, nimmt unsere Erkenntnis immer mehr ab – wir haben sie nicht „gehütet“.

5,3–6: Als Erstes beschreibt Salomo das Wesen der fremden Frau. Diese „Fremde“ muss nicht immer eine leibhaftige Frau sein, sondern wir können hier an die Quelle jeder sexuellen Versuchung denken.

Darüber hinaus können wir diese Ermahnungen auch auf jede Art von weltlichen Verbindungen anwenden. In 2. Korinther 6,14 werden wir gewarnt: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen.“ Ein Ungläubiger hat nicht dieselben Empfindungen und Prinzipien wie ein Gläubiger. Deshalb kann eine solche Verbindung nicht glücklich machen, ja sie ist sogar zum größten Schaden.

Nicht zuletzt ist die „Fremde“ auch ein Bild von der Welt als einem von Satan regierten System. Die Welt steht im Widerspruch zu den göttlichen Grundsätzen und will uns Christen in vielerlei Hinsicht verführen.

5,3 „Denn Honigseim träufeln die Lippen der Fremden, und glatter als Öl ist ihr Gaumen; …“

In völligem Gegensatz zu Lippen, die „Erkenntnis hüten“ (V. 2), stehen hier die „Lippen der Fremden“ (vgl. Spr 2,16). Honigseim ist das Süßeste vom Honig – und so ist ihre Verführungstaktik. Der „glatte Gaumen“ deutet auf ihre schmeichelhaften Worte hin.

Das „Fremde“ wird vom Herrn scharf verurteilt. Die Bibel zeigt uns vier Dinge oder Personen, vor denen wir uns hüten müssen: 35

  • Fremde Götter rauben Ihm die Ihm allein zustehende Ehre.
  • Fremdes Feuer greift das vollgültige Opfer des Herrn Jesus an.
  • Fremde Hirten sind (Ver-)Führer, die uns von Christus wegziehen.
  • Die fremde Frau zerstört das herrliche Bild von Christus und seiner Braut, der Versammlung (Gemeinde).

Alles Fremde bedeutet für uns Gefahr. Der gute Hirte dagegen sagt: „Ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen“ (Joh 10,14). Da ist Vertrautheit, Nähe und Sicherheit.

► David beschreibt den Verrat seines Freundes mit ähnlichen Worten: „Geschmeidiger sind seine Worte als Öl“ (Ps 55,22). Und ist sittliche Unreinheit nicht auch „Verrat“ an der Liebe unseres Erlösers?

5,4 „… aber ihr Letztes ist bitter wie Wermut, scharf wie ein zweischneidiges Schwert.“

Mit eindrucksvollen Bildern beschreibt Salomo den Kontrast zwischen den süßen Versprechungen der Fremden und deren bitteren Folgen. Falsche Verbindungen – egal ob körperlicher, geistiger oder geistlicher Art – führen immer zu einem tragischen Ende. Was am Anfang süß wie Honig schmeckt, ist am Ende „bitter wie Wermut“. Was glatt wie Öl ist, wird zu einem scharfen, „zweischneidigen Schwert“.36 Man bekommt Gewissensbisse, gerät vielleicht in finanzielle Schwierigkeiten, zermartert sich durch Selbstvorwürfe oder verfällt in Depressionen (V. 9–11).

5,5 „Ihre Füße steigen hinab zum Tod, am Scheol haften ihre Schritte.“

Die Wege der Fremden führen nicht nur sie selbst in den Tod, sondern auch ihre Opfer. Da gibt es kein Zurück mehr, die Schritte „haften“ am Scheol. Salomo beschreibt seine Beobachtungen dazu in Prediger 7,26: „Und ich fand, was bitterer ist als der Tod: Die Frau, die Netzen gleicht und deren Herz Fangarme, deren Hände Fesseln sind.“

► Hier geht es letztlich um den leiblichen Tod, aber viel schlimmer ist der dann folgende ewige Tod als Strafe für ein sündiges Leben.

Manche wollen ihr Leben zunächst in vollen Zügen genießen und hoffen, am Ende noch gut davonzukommen. Ein Beispiel dafür ist Bileam. Er sagte: „Meine Seele sterbe den Tod der Rechtschaffenen, und mein Ende sei gleich dem ihren“. Dabei bedachte er nicht, dass sein Weg „ins Verderben“ stürzte (4. Mo 23,10; 22,32). Über solche Menschen sagt Paulus: „… deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen“ (Phil 3,19).

5,6 „Damit sie nicht den Weg des Lebens einschlägt, schweifen ihre Bahnen ab, ohne dass sie es weiß.“

Als Kontrast zu den Wegen, die zum Tod führen, wird hier der „Weg des Lebens“ zum zweiten Mal in den Sprüchen erwähnt (Spr 2,19). Gott wird ihn uns kundtun, wenn wir bereit sind, auf seine Stimme zu hören.

Diese Frau jedoch will diesen Weg bewusst nicht gehen, wie das Wort „damit“ erkennen lässt. Ein wirkliches Ziel hat sie andererseits aber auch nicht. Nur von ihren Trieben geleitet, lebt sie dahin – völlig gedankenlos, „ohne dass sie es weiß“.

► Verläuft dein Leben vielleicht manchmal ebenso planlos?

5,7–14: Nun warnt Salomo die Söhne vor der Fremden, indem er ihnen die schlimmen Folgen sexueller Abschweifung vor Augen führt.

5,7 „Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich und weicht nicht ab von den Worten meines Mundes!“ (Spr 7,24; 8,32)

Salomo kannte die Macht der fleischlichen Lust und appelliert hier eindringlich an alle jungen Männer („Söhne“), auf ihn zu hören. Aber wie schon gesagt, richtet sich dieser Aufruf ebenso an älter gewordene Männer und auch an die Frauen (vgl. Joh 8,3–11). Außerdem sei daran erinnert, dass wir diese Ermahnungen auf jede Art von Verbindung mit der Welt anwenden können.

► Wenn wir die Warnungen zu diesem Thema ignorieren, wird der Herr uns nicht bewahren.

5,8 „Halte fern von ihr deinen Weg und nähere dich nicht der Tür ihres Hauses; …“

Der Weg des Lebens verläuft nicht an der Tür der fremden Frau vorbei, sondern „fern von ihr“. Die Frau und ihr Haus sollen gemieden werden, als ob eine gefährliche, ansteckende Krankheit von dort ausginge. Und so ist es ja im übertragenen Sinn auch. Wer seine Selbstbeherrschung überschätzt und „mit dem Feuer spielt“, wird früher oder später zu Fall

kommen. Weil Paulus um diese immense Gefahr wusste, gab er den Korinthern den Rat: „Flieht die Hurerei!“ (1. Kor 6,18).

Man muss sich jedoch nicht nur äußerlich, sondern auch mit dem Herzen „fernhalten“. Das heißt, dass man gewohnt sein muss, in Gemeinschaft mit Gott und in ständigem Selbstgericht zu leben. Daher schreibt Salomo an anderer Stelle: „Wer Gott wohlgefällig ist, wird ihr entkommen; aber der Sünder wird durch sie gefangen werden“ (Pred 7,26). Das Wirkprinzip der Sünde steckt in jedem von uns!

► In der Praxis sieht die Verwirklichung dieses Verses heute beispielsweise so aus:

  • Benutze das Internet verantwortlich und surfe nicht zum Zeitvertreib; richte dir eine Sperre von gefährlichen Seiten ein oder betreibe andere vorbeugende Maßnahmen.
  • Vermeide in der Stadt Straßenzüge, von denen du weißt, dass sich dort z. B. ein Sexshop befindet.
  • Halte dich von Personen fern, die gern unanständige Witze erzählen oder anzügliche Bemerkungen machen.
  • Vermeide lockere oder vertrauliche Gespräche (auch auf elektronischem Weg) mit (attraktiven) Kolleg(inn)en des anderen Geschlechts.

5,9 „… damit du nicht anderen deine Blüte gibst, und deine Jahre dem Grausamen; …“

Wer sich in den Bann sexueller Leidenschaften hineinziehen ließ, hat später auf ein verpfuschtes Leben zurückblicken müssen. „Welche Frucht hattet ihr denn damals von den Dingen, über die ihr euch jetzt schämt? Denn ihr Ende ist der Tod“ (Röm 6,21).

► Deine „Blüte“, die ganze Energie deines jungen Lebens, gehört Gott – und niemand anders! Wie kannst du „Frucht“ für Gott bringen, wenn du schon deine „Blüte“ verderben lässt?

Die „grausame“ Welt wird gefühllos zuschauen, wenn ein junger Mann durch ihre Verführung verdirbt. Vielleicht ist der „Grausame“ auch ein Rächer im Sinne von Sprüche 6,34.35, also der betrogene

Ehemann. Es kann sich aber auch auf den folgenden Vers beziehen, also auf solche, die den Verführten ausnutzen.

5,10 „… damit nicht Fremde sich sättigen an deinem Vermögen und dein mühsam Erworbenes nicht in das Haus eines Ausländers kommt …“

Wer sein Leben in Unreinheit führt, verliert nach und nach sein ganzes Vermögen an andere. Alles, was er sich durch Anstrengung und Fleiß „mühsam erworben“ hat, gelangt in fremde Hände – nur weil er seine Energie nicht mehr positiv, sondern für eine fremde Frau eingesetzt hat. Von Ephraim wird gesagt: „Fremde haben seine Kraft verzehrt, und er weiß es nicht“ (Hos 7,9).

■ Der so genannte verlorene Sohn ist hierfür ein beredtes Beispiel. Er hatte sein Erbe „mit Huren verprasst“ – wahrscheinlich ohne es ursprünglich zu wollen – und war am Ende bettelarm (Lk 15,13–15.30).

5,11 „… und du nicht stöhnst bei deinem Ende, wenn dein Fleisch und dein Leib dahinschwinden, …“

Nicht nur der Verlust des gesamten Besitzes, sondern auch der Verlust der Gesundheit wird zu beklagen sein. Der weise Vater möchte seinen Sohn sowohl vor körperlichen Krankheiten („Fleisch“), nicht zuletzt Geschlechtskrankheiten, als auch vor seelischen und psychischen Problemen („Leib“) bewahren. Das würde nämlich sein gesamtes Leben schließlich zur Qual machen. Gott möchte, dass unser „ganzer Geist, Seele und Leib … untadelig bewahrt“ werden (1. Thes 5,23).

5,12 „… und sagst: Wie habe ich die Unterweisung gehasst, und mein Herz hat die Zucht verschmäht!“

Zuerst gibt Gott Unterweisung. Wenn man diese „hasst“ und nicht befolgt, versucht es Gott mit vorbeugender Zucht. Wenn man auch das „verschmäht“, fällt man in Sünde, und wenn man darin verharrt, kommt schließlich die Strafe.

Diese drei Stufen lassen sich sehr gut im Leben Bileams erkennen. Zuerst gebot Gott ihm ganz klar, nicht mit den Boten Balaks zu gehen, um das Volk Israel zu verfluchen (= Unterweisung; 4. Mo 22,12). Als Bileam darauf nicht hörte, stellte Er sich ihm dreimal mit einem Schwert in den Weg (= vorbeugende Zucht; 4. Mo 22,22–26). Doch Bileam verschmähte diese Zucht und wurde später getötet (= Strafe; 4. Mo 31,8).

Die Folgen einer Sünde kann man durch ein „Klagelied“ wie in unserem Vers nicht ungeschehen machen. Wer warnende Worte in den Wind schlägt, kommt irgendwann zu solchen Selbstvorwürfen. Das ist dann letzten Endes der „Wurm, der nicht stirbt“ (Mk 9,46).

5,13 „Und ich habe nicht gehört auf die Stimme meiner Unterweiser und mein Ohr nicht zugeneigt meinen Lehrern.“

Das Wort „Unterweiser“ hat dieselbe Wurzel wie „Thora“ und ist dadurch ein Hinweis auf das Wort Gottes. Es ist schrecklich, wenn ein Mensch vielleicht am Ende seines Lebens bekennen muss, dass er weder auf Gottes Wort noch auf die „Lehrer“, die ihm das Wort gepredigt haben, gehört hat – obwohl er sie hören konnte!

► Vielleicht hast auch du die Sonntagschule absolviert, Vorträge über Gottes Wort gehört, Bibelkonferenzen besucht – und doch nicht wirklich auf Gottes Stimme gehört?

5,14 „Wenig fehlte, so wäre ich in allem Bösen gewesen, inmitten der Versammlung und der Gemeinde.“

Die vorigen drei Verse beschreiben eine gewisse Reue, die jemand am Ende eines verpfuschten Lebens empfindet. In diesem Fall kann Gott in seiner Gnade eingreifen, um ihn vor noch Schlimmerem zu bewahren. Das drückt dieser Vers aus. Wäre dieser Mensch nicht umgekehrt, wäre er „in allem Bösen“ gewesen. Und das Beschämende dabei wäre gewesen, dass er dieses Böse ausgeübt hätte als einer, der zum Volk Gottes gehört. Sozusagen unter den Augen der Glaubensgeschwister!

Die „Versammlung“ oder „Gemeinde“ ist hier natürlich das Volk Israel. Aber wir können und müssen dies übertragen auf die christliche Zeit, wo die Versammlung (Gemeinde) aus allen wahren Kindern Gottes verschiedener Nationen besteht. Wie tragisch ist es, wenn ein Gläubiger da in der Sünde lebt, wo das göttliche Licht am hellsten scheint!

5,15–20: Nach der Warnung vor der fremden Frau wird uns jetzt die Freude einer reinen Beziehung in der Ehe vorgestellt. Die Ehe ist ein Schutz gegen Unzucht. „Aber um der Hurerei willen habe ein jeder seine eigene Frau, und eine jede habe ihren eigenen Mann“ (1. Kor 7,2).

In der Ehe sind zwei sich liebende Menschen unterschiedlichen Geschlechts für ihr ganzes Leben miteinander verbunden. Die Ehe beginnt mit der öffentlichen Bekundung, von jetzt an ein gemeinsames Leben zu führen. In vielen Ländern geschieht dies vor einem Standesbeamten.

Hier einige Empfehlungen für eine glückliche und gesegnete Ehe:

  • Betet regelmäßig zusammen!
  • Lest gemeinsam Gottes Wort und tauscht euch darüber aus!
  • Liebt und achtet einander auch bei Meinungsverschiedenheiten!
  • Bekennt und vergebt einander eure Verfehlungen!
  • Nehmt gemeinsame Aufgaben im Volk Gottes wahr!
  • Seid euch bewusst, dass alles von Gott kommt: Gesundheit, Kinder, der Arbeitsplatz oder anderer Segen!

5,15 „Trink Wasser aus deiner Zisterne und Fließendes aus deinem Brunnen.“

Die Ehefrau wird hier mit einer „Zisterne“37 und einem „Brunnen“ verglichen. Sie ist eine Erquickung für ihren Mann, sowohl in körperlicher als auch in geistiger und geistlicher Hinsicht. Zisternen und Brunnen waren hoch geschätzte Besitztümer in den trockenen Gegenden des Orients. So soll auch der Mann seine Ehefrau stets wertschätzen (1. Pet 3,7).

Im Lied der Lieder beschreibt Salomo das Glück der intimen Begegnung ebenfalls als ein „Trinken“ (Hld 8,2), und als Prediger schreibt er: „Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, alle Tage deines eitlen Lebens, das er dir unter der Sonne gegeben hat“ (Pred 9,9).

Bereits vor dem Sündenfall schenkte Gott uns Menschen die Ehe. Sie ist sozusagen ein Relikt aus dem Paradies. Dort erfreuten sich Adam und Eva aneinander, ohne dass eine Verführung durch eine Fremde möglich war. Das war eine Ehe in Reinheit. So wie Gott es gewollt hat. Seine Gedanken über die Ehe hat Er seitdem nicht verändert. „Die Ehe sei geehrt in allem und das Ehebett unbefleckt“ (Heb 13,4). Nur wer dies beachtet, wird Freude und Erfüllung in der Ehe finden.

5,16 „Mögen nach außen sich ergießen deine Quellen, deine Wasserbäche auf die Straßen.“

Die Quellen und Wasserbäche sind – wie der vorige Vers zeigt – hier ein Bild des Eheglücks. Sie sollen sich „nach außen“ und „auf die Straßen“ ergießen. Unsere Ehen sollen zum Vorbild und Segen für andere sein, für Gläubige und Ungläubige, vor allem aber für die eigenen Kinder. Indem man heutzutage lockere Verbindungen eingeht, wird die Ehe immer mehr infrage gestellt. Daher sollten wir Christen auch auf diesem Gebiet „Salz der Erde“ sein und ein vorbildliches Eheleben führen.

5,17 „Dir allein sollen sie gehören, und nicht Fremden mit dir.“

Auf der anderen Seite darf das, worin die Ehefrau ihren Mann erfreut („Quellen“ und „Wasserbäche“), nicht von anderen missbraucht werden. In der Praxis kann dies heißen, dass die Ehefrau sich nicht derart „herausputzt“, dass sie andere Männer sexuell erregt. Und was dieser Vers erst recht klar macht: Ein „Partnertausch“, wie er heute in der Welt bisweilen praktiziert wird, ist eine schreckliche Sünde.

Es gibt Übersetzer, die Vers 16 als rhetorische Frage verstehen: „Sollen deine Quellen sich auf die Straße ergießen, deine Wasserbäche auf die Plätze?“38 In diesem Fall wäre Vers 17 die Antwort auf Vers 16 und der Zusammenhang beider Verse wäre einfacher zu verstehen.

5,18 „Deine Quelle sei gesegnet, und erfreue dich an der Frau deiner Jugend, …“

Die Sexualität ist eine kostbare Gabe des Schöpfers, die uns (nicht nur körperliche) Freude und Befriedigung gibt. Es ist eine Freude, auf der Gottes Segen ruht – aber nur, wenn man sie in der Ehe genießt.

► Außerhalb der Ehe – also auch in der Verlobungszeit – ausgeübte Sexualität ist Sünde. Dann wird „deine Quelle“ nicht gesegnet sein!

Der Ausdruck „Frau deiner Jugend“ zeigt zweierlei. Erstens darf man sich von der Frau, die man einmal geheiratet hat, niemals trennen. Eine Ehescheidung ist völlig gegen Gottes Gedanken (z. B. Mt 19,6). Zweitens soll man seine Frau auch im Alter noch in gleichem Maß lieben wie in jungen Jahren und sich an ihr erfreuen. Dabei kann es hilfreich sein, sich öfter einmal an die Zeit der „ersten Liebe“ zu erinnern.

■ Wenn wir das Verhältnis umdrehen, müssen wir beschämt feststellen: Die Braut Christi, die Versammlung, hat leider hierin versagt, indem sie die „erste Liebe“ gegenüber ihrem Bräutigam verlassen hat (Off 2,4).

5,19 „… der lieblichen Hirschkuh und anmutigen Gämse – ihre Brüste mögen dich berauschen zu aller Zeit, taumle stets in ihrer Liebe.“

Die Frau darf und soll der Gegenstand der Liebe und Hingabe ihres Mannes sein. Je inniger die geistige und geistliche Einheit zwischen Mann und Frau ist, desto intensiver und schöner wird auch die körperliche Vereinigung sein. Die Liebe der Frau darf den Mann erfrischen und befriedigen, und umgekehrt soll es genauso sein! Und es ist durchaus gottgewollt, dass dabei äußere Reize ihren Einfluss haben und in tiefer Zuneigung und Liebe zu einem Gefühl überreichlichen Glücks führen.

5,20 „Und warum solltest du, mein Sohn, an einer Fremden taumeln und den Busen einer Unbekannten umarmen?“

Wenn nun alles so schön sein kann – warum sollten dann die Gedanken zu einer anderen Frau hingehen? Warum sollte dann die Sexualität auf tiefstem Niveau und ohne wahre Liebe ausgelebt werden? Ehebruch geschieht nie in der Ge-borgenheit, sondern in der Ver-borgenheit. Man muss es heimlich tun, weil das Gewissen sagt: Es ist böse!

Durch einen „Seitensprung“ kann eine Ehe zerstört werden. Das ist kein Kavaliersdelikt. Es ist Ehebruch! Wenn ein Gläubiger diese Sünde begeht, muss er von der Gemeinschaft der Kinder Gottes (sowohl am Tisch des Herrn als auch im persönlichen Umgang) ausgeschlossen werden (1. Kor 5). Heilung und Vergebung können nur erfolgen durch ein aufrichtiges Bekenntnis vor Gott und Menschen, vor allem vor dem Ehepartner. Dann kann die Ehe gerettet und ein neues Vertrauensverhältnis aufgebaut werden.

■ Der Heilige Geist stellt nicht selten solche „Warum-Fragen“. Meistens sind es rhetorische Fragen, deren Antwort offensichtlich ist. Gott bezweckt dadurch, dass wir uns über die Motive unseres Denkens, Redens und Handelns klar werden. Er will uns zeigen, dass wir besser anders gehandelt hätten. Hier einige Beispiele:

  • Zu Kain: „Warum bist du ergrimmt?“ (1. Mo 4,6)
  • Zu Saul: „Warum hast du denn der Stimme des Herrn nicht gehorcht?“ (1. Sam 15,19)
  • Zu den Jüngern: „Warum seid ihr um Kleidung besorgt?“ (Mt 6,28)
  • Zu Petrus: „Warum hast du gezweifelt?“ (Mt 14,31)
  • Zu den Emmaus-Jüngern: „Warum steigen Gedanken auf in eurem Herzen?“ (Lk 24,38)

5,21–23: Die letzten Verse dieses Kapitels weisen darauf hin, dass Gott alles sieht und das Böse richten wird.

5,21 „Denn vor den Augen des Herrn sind eines jeden Wege, und alle seine Bahnen wägt er ab.“

Sind wir uns dessen immer bewusst? „Die Augen des Herrn durchlaufen die ganze Erde“ (2. Chr 16,9). Menschen mögen schon mal denken, dass „niemand es gesehen hat“, aber vor Gott kann man nichts verbergen. Er sieht jede im Geheimen geschehene Tat. Er nimmt sogar Kenntnis von jedem unreinen Gedanken. „Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?“ ist Hiobs rhetorische Frage, und Elihu bestätigt: „Denn seine Augen sind auf die Wege des Menschen gerichtet, und er sieht alle seine Schritte“ (Hiob 31,4; 34,21).

5,22 „Seine eigenen Ungerechtigkeiten werden ihn, den Gottlosen, fangen, und in den Fesseln seiner Sünde wird er festgehalten werden.“

Kein Mensch – auch nicht ein Gläubiger – kann sich den Folgen seiner ungerechten Taten entziehen. Eine Entschuldigung, wie Adam sie vorbrachte, akzeptiert Gott nicht: „Die Frau, die du mir beigegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß“ (1. Mo 3,12). Sein Fehler war: „ich aß.“ Das war „seine eigene Ungerechtigkeit“, und dafür wurde er bestraft („gefangen“). Gott ist vollkommen gerecht. Er richtet jeden „nach seinen Werken“ (Off 20,13). Auch ein Mann, der Ehebruch getrieben hat, kann sich nicht damit entschuldigen, die Frau habe ihn verführt.

Jeder Mensch ist von Natur aus ein „Sklave der Sünde“ (Röm 6,17). Er wird in den „Fesseln seiner Sünde festgehalten“. „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh 8,34). Die Fesseln der Sünde empfindet ein Mensch deutlich, wenn er versucht, sich davon zu befreien. Alleine schafft er es nie. Nur der Glaube an den Herrn Jesus kann diese Fesseln lösen. „Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gott zu Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit“ (Röm 6,22). Dann muss man nicht mehr sündigen.

► Wenn wir uns gehen lassen, fallen wir leicht immer wieder in dieselbe Sünde. Obwohl „wir der Sünde gestorben sind“ (Röm 6,2).

Simson ist ein warnendes Beispiel. Dreimal sorgte die verführerische Delila dafür, dass man ihn fesselte, doch ohne Erfolg. Beim vierten Mal „wachte er auf von seinem Schlaf und dachte: Ich werde davonkommen wie die anderen Male und mich freischütteln. Er wusste aber nicht, dass der Herr von ihm gewichen war“ (Ri 16,20). Seine Sünde, die Leichtfertigkeit im Umgang mit Frauen, hatte ihn buchstäblich gefesselt!

► „Seile der Liebe“ (Hos 11,4) sind stärker als die „Fesseln der Sünde“.

5,23 „Sterben wird er, weil ihm Zucht mangelt, und in der Größe seiner Torheit wird er dahintaumeln.“

Der Gottlose wird sterben, „weil ihm Zucht mangelt“. Das ist aber nicht die Schuld seiner „Unterweiser“, als hätten sie ihm zu wenig Zucht erteilt, sondern er selbst hat ja die empfangene Zucht „verschmäht“ (Spr 5,12.13). Das ist die Torheit seines Lebens. Und „in der Größe seiner Torheit“ taumelt er dem ewigen Gericht zu.

d) Schädliche Handlungsweisen (Kap. 6,1–11)

Im ersten Teil des 6. Kapitels werden zwei Problemkreise behandelt:

Spr 6,1–5: Die Bürgschaft
Spr 6,6–11: Die Faulheit

Beide Themen liegen auf den ersten Blick weit auseinander, denn eine Bürgschaft kann durchaus positiv gesehen werden, wogegen Faulheit in jedem Fall verwerflich ist. Doch haben sie gemeinsam, dass beide zu Armut und dem Verlust der Würde führen können.

6,1–5: Eine Bürgschaft ist ein einseitig verpflichtender Vertrag, durch den sich der „Bürge“ verpflichtet, die Schulden des „Schuldners“ zu begleichen, falls dieser zahlungsunfähig werden sollte. Aus verschiedenen Versen des Alten Testaments ist zu entnehmen, dass die Praxis des Bürgens bekannt war und nicht selten ausgeübt wurde.

Bei einer Bürgschaft vertraut man im Grunde genommen auf Menschen. Denn erstens vertraut der Schuldner auf den Bürgen, dass dieser die Mittel zum Aushelfen hat. Er übersieht dabei aber leicht, was Gottes Wort dazu sagt: „Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht“ (Jer 17,5).

Zweitens vertraut auch der Bürge in gewisser Weise auf den Schuldner, nämlich dass dieser sich verantwortungsvoll verhält und nicht zahlungsunfähig wird. Auch können andere unvorhersehbare Ereignisse eintreten (z. B. der Tod des Schuldners), die es erforderlich machen, die Bürgschaft zu bedienen. Weiß der Bürge denn überhaupt, ob er dann die nötigen Mittel zur Begleichung der Schuld noch hat? Er weiß ja noch nicht einmal, „was der morgige Tag bringen wird“ (Jak 4,14)!

Bei einer Bürgschaft stützen sich also beide Parteien auf eine zukünftige Entwicklung, die sie nicht beeinflussen können. In den Sprüchen – und nicht nur dort – wird daher mehrfach vor dem Eingehen einer Bürgschaft gewarnt:

  • Nicht einmal für seinen Nächsten soll man bürgen (Spr 6,1.2),
  • geschweige denn für einen Fremden (Spr 20,16);
  • Bürgschaft führt zu Problemen und manchmal sogar bis an den Bettelstab (Spr 11,15; 20,16),
  • daher sollte man eine Bürgschaft grundsätzlich erst gar nicht eingehen (Spr 22,26.27) und
  • sich aus einer bestehenden Bürgschaft schnellstens befreien (Spr 6,3–5).

Die Bibel zeigt allerdings auch, dass eine Bürgschaft durchaus Menschen helfen kann, die sozusagen „am Ende“ sind:

  • Der Psalmist bittet: „Sei Bürge für deinen Knecht zum Guten!“ (Ps 119,122).
  • In seiner Not betete Hiskia: „O Herr, mir ist bange! Tritt als Bürge für mich ein!“ (Jes 38,14).
  • Der Herr Jesus ist „Bürge eines besseren Bundes“ (Heb 7,22).
  • Paulus bot sich Philemon als Bürge für Onesimus an (Phlm 19).

In Verbindung mit der göttlichen Aufforderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, könnte man fragen, ob eine Bürgschaft als „Akt von Nächstenliebe“ wirklich absolut verboten ist. Der Bibelausleger William Kelly (1820–1906) empfiehlt, sich dazu folgende Fragen zu stellen:

  • Bin ich überzeugt, dass es Gottes Wille ist?
  • Bin ich vor Gott bereit, alles zu verlieren, was ich hier einsetze?
  • Bin ich mir völlig klar, dass ich nur Verwalter des mir von Gott anvertrauten Besitzes bin?
  • Bin ich sicher, dass die Angelegenheit göttliches Licht verträgt?
  • Bin ich sicher, dass es nicht für spekulative Transaktionen erfolgt?

6,1.2 „Mein Sohn, wenn du Bürge geworden bist für deinen Nächsten, für einen anderen deine Hand eingeschlagen hast; bist du verstrickt durch die Worte deines Mundes, gefangen durch die Worte deines Mundes: …“

Der Vater geht jetzt von der Möglichkeit aus, dass sein Sohn eine Bürgschaft übernommen hat. Bevor er ihn belehrt, wie er damit nun umzugehen hat (V. 3–5), verdeutlicht er ihm, welche schlimmen Konsequenzen dieses „Handeinschlagen“ hat (Spr 11,15). Durch das Einschlagen der Hand wird das gegenseitige Versprechen in Bezug auf die Bürgschaft rechtlich besiegelt. Über die Problematik eines solchen Versprechens haben wir schon nachgedacht. Man ist dann „verstrickt“ und „gefangen“. Das zweimalige „durch die Worte deines Mundes“ betont die persönliche Verantwortung in dieser Sache. Nun ist es geschehen und man kann es nur schwer wieder rückgängig machen.

► Ganz allgemein müssen wir uns davor hüten, irgendetwas leichtfertig zu versprechen. Petrus versicherte dem Herrn, im Ernstfall sein Leben für Ihn lassen zu wollen (Joh 13,37). Wir kennen den Ausgang.

6,3 „Tu dann dies, mein Sohn, und reiß dich los, da du in die Hand deines Nächsten gekommen bist; geh hin, wirf dich nieder und bestürme deinen Nächsten; …“

Aus einer solchen „Verstrickung“ kommt der Bürge nicht so leicht wieder frei. Es braucht viel Energie und er muss demütig zugeben, unachtsam und sorglos gehandelt zu haben. Suchte vorher der Schuldner Gnade bei ihm, dem Bürgen, so ist es jetzt genau umgekehrt. Wie beschämend für ihn! Er kann nur hoffen, dass sein „Nächster“ ebenfalls einsieht, dass diese Bürgschaft nicht gut war.

6,4.5 „… gestatte deinen Augen keinen Schlaf und keinen Schlummer deinen Wimpern; reiß dich los wie eine Gazelle aus der Hand, und wie ein Vogel aus der Hand des Vogelfängers.“

Dieser Vers geht noch einen Schritt weiter. Wenn der Freund beim ersten Versuch nicht auf die Bitte eingeht, darf der Bürge nicht resigniert aufgeben. Beharrlich und ununterbrochen, sozusagen Tag und Nacht, soll er das Problem bearbeiten. Merken wir, wie wichtig es Gott ist, uns vor leichtfertigen Versprechungen zu warnen? Mit plastischen Bildern und auf dramatisierende Weise wird der Bürge aufgefordert, einen Weg aus dieser Verstrickung zu suchen. Es ist ein demütigender Weg, aber er ist nicht etwa unehrenhaft.

6,6–11: Jetzt tritt die Kehrseite vor unsere Augen: Wie kann jemand in eine solche Notlage kommen, dass er nur noch den Ausweg einer Bürgschaft sieht? Ein Grund dafür kann Faulheit sein39. Auch dieses Thema wird in den Sprüchen mehrfach behandelt (z. B. Spr 24,30–34; 26,13–16).

6,6 „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege und werde weise.“

Manch einer kommt sich vielleicht besonders klug vor, mit „minimalem Aufwand“ durchs Leben zu kommen. „Der Faule ist weiser in seinen Augen als sieben, die verständig antworten“ (Spr 26,16). Aber die Aufforderung „werde weise“ zeigt, dass Faulheit in Wirklichkeit von mangelnder Weisheit zeugt. Ein echter Christ hat die Weisheit in Person kennengelernt und wird deshalb nicht faul sein. Er möchte ein Nachfolger dessen sein, der während seines ganzen Lebens unermüdlich tätig war (vgl. z. B. Mk 1,21–39).

Um in dieser Hinsicht weise zu werden, schickt Gott uns hier in die Natur. Wie demütigend ist es, von diesen kleinen Ameisen lernen zu müssen!

Ameisen sind auf der ganzen Erde verbreitet. Daher ist jeder Mensch in der Lage, dieses Bild zu verstehen. Durch die Anrede wird jeder persönlich zum Nachdenken aufgefordert: „Du Fauler“. Du fühlst dich nicht angesprochen? Egal, geh trotzdem „zur Ameise“. Vorbeugend. Schau dir eine einzelne Ameise an. Welch einen Eifer kannst du da entdecken! Sie sammelt und schleppt und ist immer in Bewegung. Vor allem lässt sie sich auf „ihren Wegen“ durch kein Hindernis aufhalten. Der Faule dagegen spricht: „Der Brüller ist auf dem Weg, ein Löwe inmitten der Straßen“ (Spr 26,13). Wenn wir einmal einen Weg als richtig erkannt haben, sollen wir ihn mit Eifer und Fleiß bis zum Ende verfolgen.

■ „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Wie wahr dieses Sprichwort ist, sehen wir im Leben Davids. Als seine Männer in den Krieg zogen, blieb er in Jerusalem. Zur Abendzeit, als er „von seinem Lager aufstand und auf dem Dach des Königshauses umherging“, sah er Bathseba. Wie wir wissen, führte ihn seine Trägheit schließlich zu Ehebruch und Mord (1. Sam 11; s. auch Spr 7,7–10).

6,7 „Sie, die keinen Richter, Vorsteher und Gebieter hat, …“

Scheinbar wimmelt es in einem Ameisenhaufen völlig ungeordnet. Und doch funktioniert alles problemlos. Der Schöpfer hat in jedes einzelne dieser winzigen Insekten eine erstaunliche Weisheit hineingelegt. Jede Ameise hat im Nest ihre Aufgabe, die sie selbstlos für alle ausübt.

Es gibt keinen „Richter“, der die Arbeit beurteilt, weil jede Ameise offenbar ihre Arbeit korrekt und zuverlässig ausführt. Es gibt keinen „Vorsteher“, der die Arbeit regelt, weil alle miteinander kommunizieren und sich gegenseitig informieren. Es gibt keinen „Gebieter“, der zur Arbeit zwingt, weil alle aus der ihnen vom Schöpfer gegebenen „Einsicht“ freiwillig arbeiten. Korrekt, zuverlässig, gemeinschaftlich und freiwillig: so sollte auch jeder von uns seinen täglichen Pflichten nachkommen. Wer nur dann etwas tut, wenn er dazu gezwungen wird oder bei seiner Arbeit kontrolliert wird, ist im Grunde genommen faul.

■ Die Versammlung des lebendigen Gottes hat in ihren Reihen auch keine Richter, Vorsteher40 oder Gebieter. Diese Funktionen stehen allein dem Herrn Jesus und dem Heiligen Geist zu.

6,8 „… sie bereitet im Sommer ihr Brot, sammelt in der Ernte ihre Nahrung ein.“

Der von Gott gegebene Instinkt bringt die Ameise dazu, bei all ihrer Emsigkeit ein Ziel zu verfolgen. Es geht ihr nämlich darum, Vorsorge für den Winter zu treffen (Spr 10,5; 30,25).

Dies ist auch in unserem Leben ein wichtiger Aspekt. Die meisten Menschen sind keineswegs untätig. Manche führen sogar ein geradezu hektisches Leben. Doch die Frage bleibt, ob sie dabei ein Ziel verfolgen, das ihnen für die Zukunft von Nutzen ist.

Glücklich, wer früh mit dem Studium des Wortes Gottes beginnt. Es ist ja die Nahrung für unseren inneren Menschen. Es stellt uns den Herrn Jesus vor, der als das „wahrhaftige Brot aus dem Himmel“ herabgekommen ist (Joh 6,32). Die Bibel unter Gebet lesen, darüber nachdenken und mithilfe guter Betrachtungen studieren, all das ist eine Arbeit, die vorzugsweise im „Sommer“ der Jugend geschehen sollte. Das ist die passende Zeit der „Ernte“. Gott möchte uns ein erfülltes Leben schenken, aber dieser Segen muss erarbeitet werden. Viele Gläubige, die wegen Krankheit oder Alter nicht mehr lesen können, erinnern sich immer noch an früher gelernte Bibelverse. Dadurch empfangen sie Trost und Kraft im „Tal des Todesschattens“.

6,9 „Bis wann willst du liegen, du Fauler? Wann willst du von deinem Schlaf aufstehen?“

Obwohl Gott den Schlaf als notwendige Erholung für unseren Körper vorgesehen hat (Mk 6,31), wird er in der Bibel fast nur negativ gesehen. Oft ist er ein Bild fehlender Wachsamkeit und geistlicher Untätigkeit: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten!“ (Eph 5,14)41.

„Bis wann?“ – das rüttelt uns auf: Inwieweit haben wir bisher die „gelegene Zeit“ ausgekauft (Kol 4,5)? Ist da vielleicht eine grundsätzliche Korrektur nötig? Das betrifft unseren geistlichen Einsatz ebenso wie unsere rein irdischen Gewohnheiten. Nehmen wir die Frage doch einmal wörtlich: „Bis wann willst du [morgen früh im Bett] liegen, du Fauler?“

► Wer in der Ausübung seiner täglichen Pflichten nicht fleißig ist, ist auch nicht tauglich für einen Dienst im Volk Gottes.

6,10 „Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händefalten, um auszuruhen – …“ (= Spr 24,33)

Ist dies etwa die Antwort des Faulen auf die vorhergehende Frage? Auf jeden Fall wird uns hier in einer leicht ironischen Weise gezeigt, wie man – vielleicht unbewusst – seine Trägheit entschuldigt: „Ich kann doch nicht ununterbrochen arbeiten, ich muss doch auch ein wenig ausruhen!“ „Ich fühle mich heute so müde, ich will ein wenig ausspannen.“ Immer nur „ein wenig“ – so wird die mangelnde Aktivität verharmlost. Dabei fehlt uns oft das nötige Durchhaltevermögen. Deswegen werden wir in Gottes Wort oft zum Ausharren ermahnt.

6,11 „… und deine Armut wird kommen wie ein Draufgänger und deine Not wie ein gewappneter Mann.“ (Spr 24,34)

Über kurz oder lang wird Faulheit unweigerlich zu Armut führen. Dies gilt für das irdischen Leben genauso wie für das geistliche.

Gefährlich und drohend kommt die Armut immer näher auf den Faulen zu, wie ein „gewappneter Mann“. Irgendwann gibt es kein Entrinnen mehr. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, ein bequemes Leben zu führen, wird bald die Folgen davon zu spüren bekommen. Es ist Verderben für Leib und Seele.

■ Im Gleichnis von den Talenten nennt der Herr den Knecht, der sein Talent vergraben hatte, „böse und faul“ (Mt 25,26), und bei dem Gleichnis von den 10 Pfunden sagt der böse Knecht, dass er das Pfund seines Herrn „in einem Schweißtuch verwahrt hielt“ (Lk 19,20). Offenbar benötigte er sein Schweißtuch nicht, weil er ja zu faul zum Arbeiten war. Beide Knechte wurden für ihre Nachlässigkeit schwer bestraft. Das sollte uns im Hinblick auf unseren Einsatz für den Herrn nachdenklich stimmen.

e) Bosheit gegenüber Mitmenschen (Kap. 6,12–19)

In diesem Abschnitt geht es vornehmlich um Lüge, Intrige, Verleumdung, Zwietracht bis hin zu Mord. Während Faulheit und die Übernahme einer Bürgschaft mehr der Person selbst schaden, sind die Sünden, die jetzt vor unsere Blicke kommen, hauptsächlich zum Schaden anderer.

Wir erkennen zwei Teile:

Spr 6,12–15: Sieben Eigenschaften des Belialsmenschen
Spr 6,16–19: Sieben Eigenschaften, die Gott ein Gräuel sind

Die Sieben ist in der Bibel die Zahl der Vollendung. Hier wird sozusagen zweimal die Vollendung des Bösen dargestellt. Einige dieser bösen Eigenschaften werden sogar doppelt erwähnt.

6,12–15: Ein Belialsmensch ist zu Deutsch ein „Nichtswürdiger“. In 2. Korinther 6,15 ist Belial sogar eine Bezeichnung für den Teufel42. Es handelt sich um einen durch Satan beherrschten Menschen, bei dem sich das im Herzen wohnende Böse ungehemmt und auf jede erdenkliche Weise nach außen hin offenbart.

6,12 „Ein Belialsmensch, ein heilloser Mann, ist, wer umhergeht mit Verkehrtheit des Mundes, …“

Der Belialsmensch ist ein „heilloser Mann“. Das hier verwendete hebräische Wort bedeutet ursprünglich „sich (vergeblich) anstrengend“, und erhielt dann auch die Bedeutung „schadend“ oder „Unheil stiftend“. Der Belialsmensch tut das, indem er überall „umhergeht mit Verkehrtheit des Mundes“ (vgl. 1. Kön 21,10). Er ist ein Betrüger (s. Auslegung zu Spr 4,24). Ähnliches wird in den Psalmen über den Gottlosen ausgedrückt: „Sein Mund ist voller Fluch und Trug und Bedrückung; unter seiner Zunge ist Mühsal und Unheil“ (Ps 10,7).

6,13 „… wer mit seinen Augen zwinkert, mit seinen Füßen scharrt, mit seinen Fingern deutet.“

Der Belialsmensch redet nicht nur Verkehrtheiten, sondern bringt seine Falschheit auch durch seine gesamte Körpersprache zum Ausdruck. Drei verschiedene „Techniken“ wendet er an: Er „zwinkert mit seinen Augen“ und „scharrt mit den Füßen“, d. h., er verständigt sich mit einem anderen auf geheime Weise, um einem Dritten Schaden zuzufügen (Ps 35,19). Zusätzlich „deutet er mit seinen Fingern“, d. h., er verhöhnt andere Personen (FußEÜ bei Jes 58,9).

Vielleicht will er mit diesen Aktivitäten auch signalisieren, dass seine gleichzeitig ausgesprochenen Worte anders zu verstehen sind (V. 12).

► Lasst uns stets offen miteinander umgehen!

6,14 „Verkehrtheiten sind in seinem Herzen; er schmiedet Böses zu aller Zeit, streut Zwietracht aus.“

Hier wird deutlich, dass jede Verkehrtheit letztlich aus dem Herzen hervorkommt (Spr 4,23.24). Dort wird sie sorgfältig geplant. Das ganze Sinnen und Trachten des Belialsmenschen zielt darauf ab, seinen Nächsten zu betrügen. Unentwegt und überall „schmiedet er Böses“. Doch damit nicht genug: Er „streut Zwietracht aus“ (vgl. Spr 16,28). Er will auch seine Mitmenschen dahin bringen, sich untereinander zu bekämpfen und einander Schaden zuzufügen.

6,15 „Darum wird plötzlich sein Verderben kommen; in einem Augenblick wird er zerschmettert werden ohne Heilung.“

Spätestens am Tag des Gerichts wird alles offenbar. Nichts von den geheimen Machenschaften bleibt verborgen. Aber auch schon zu ihren Lebzeiten müssen manche erfahren, wie sich plötzlich das Blatt wendet.

Auffällige Beispiele von Menschen, die durch Verkehrtheiten wie Hinterlist, Intrigen oder Verrat gekennzeichnet waren, sind der Pharao zur Zeit Moses, Absalom und Judas Iskariot. Auch ihr Gericht kam „plötzlich“ und „ohne Heilung“.

Dieser Abschnitt soll uns zur rechtzeitigen Warnung dienen, denn „ein Mann, der, oft zurechtgewiesen, den Nacken verhärtet, wird plötzlich zerschmettert werden, ohne Heilung“ (Spr 29,1; vgl. Ps 64,8).

6,16–19: Hier haben wir den ersten „Zahlenspruch“43 in diesem Buch. Bei solchen Zahlensprüchen ist die größere Zahl die eigentlich maßgebliche, während die kleinere dazu eine phrasenhafte Parallele darstellt.

6,16 „Sechs sind es, die der Herr hasst, und sieben sind seiner Seele ein Gräuel: …“

Alle jetzt folgenden sieben Eigenschaften sind Gott ein Gräuel, auch wenn wir vielleicht rasch geneigt sind, Abstufungen zu machen. Egal ob Hochmut, Lüge oder Mord – für Gott sind sie alle abscheulich.

In den Sprüchen begegnet uns häufig der Ausdruck „… dem Herrn ein Gräuel“. Damit wird eine Handlungsweise beschrieben, die dem Wesen Gottes völlig entgegengesetzt ist. Das gilt für alle Zeiten und ist ein Hinweis für alle Menschen, sich niemals in diesen Dingen zu versündigen.

Schon in Sprüche 4,23–27 wurden das Herz, der Mund, die Augen und der Fuß vor falschem Tun gewarnt. Hier geht es wieder um diese wichtigen Teile unseres Körpers und zusätzlich um die Hände. Doch liegt der Schwerpunkt jetzt mehr darauf, wie sehr Gott die beschriebenen Sünden hasst. Das trifft unser Gewissen, denn was Gott hasst, sollten auch wir hassen: „Hasst das Böse und liebt das Gute“ (Amos 5,15)!

Obwohl wir als Gläubige das neue Leben besitzen, sind wir doch noch zu allem Bösen fähig. Wir werden davor bewahrt, wenn wir die acht Ermahnungen in Philipper 4,8 beachten: „Übrigens Brüder, alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was lieblich ist, alles, was wohllautet, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, dieses erwägt.“

Es beginnt in Vers 17 mit den drei charakteristischen Sünden der Menschheit: Hochmut, Lüge und Gewalttat. Genau dasselbe kennzeichnet auch Satan. Er überhob sich (Hes 28,1744), ist „ein Lügner“ und „ein Menschenmörder von Anfang“ (Joh 8,44).

6,17a „… hohe Augen, …“

Die hohen Augen sind ein Hinweis auf Stolz und Hochmut. Daraus entspringen Widerstand und Ungehorsam gegen Gottes Gebote. Deshalb stehen sie am Anfang dieser Liste.

Stolz ist das Gegenteil von Demut, die der Apostel Paulus in Epheser 4,2 sozusagen als die Basis aller Tugenden darstellt. Ein stolzer Mensch ist hochmütig und meint, besser, intelligenter oder geistlicher als andere zu sein. Vielleicht redet er sehr „demütig“. Vielleicht betont er, wie schlecht er doch ist, hofft aber gleichzeitig auf Widerspruch.

Stolz wird selbst in der Welt nicht gern gesehen, wie viel weniger hat er seinen Platz in der Versammlung Gottes. „Stolz der Augen und Überheblichkeit des Herzens, die Leuchte der Gottlosen, sind Sünde“ (Spr 21,4).

■ Ganz anders verhielt sich der Herr Jesus. Er ist der Schöpfer der Welten, aber Er erniedrigte sich selbst und machte sich zu nichts (Phil 2,6–8). Er war gehorsam und von Herzen demütig (Mt 11,29).

6,17b „… eine Lügenzunge, …“

Lüge ist die bewusste Verdrehung von Wahrheit. Viele haben überhaupt kein Problem damit. Sie sprechen von „Notlüge“ oder von einer „kleinen Ungenauigkeit“. Wie leicht geraten auch Christen in dieses Fahrwasser! Doch wie Gott darüber denkt, wird klar, wenn wir die Bibel auf dieses Thema hin untersuchen. Sehr oft musste Gott über sein irdisches Volk klagen, dass sie Lügen redeten45, und allein im Buch der Sprüche gibt es über 30 Stellen zum Thema Lüge, Verkehrtheit und Trug.46

Der Begriff „Lügenzunge“ weist darauf hin, dass es hier um gewohnheitsmäßiges Lügen geht. So jemand kommt in dasselbe Gericht wie die (in unseren Augen) schlimmsten Sünder: „Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut“ (Off 22,15; vgl. Ps 5,7).

■ Der Herr Jesus konnte von sich sagen, dass Er die Wahrheit ist. Seine Worte stimmten mit seinem heiligen Leben hundertprozentig überein (Joh 8,25). Und selbst sein Gedanke ging nicht weiter als sein Mund (Ps 17,3). Müssen wir da nicht beschämt unsere Augen niedersenken?

Für uns Christen gibt es zwei neue Beweggründe, stets die Wahrheit zu sagen: „Da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander“ (Eph 4,25). Erstens haben wir also durch den Empfang des neuen Lebens „die Lüge abgelegt“, und zweitens sind wir „Glieder voneinander“. Wie könnte es sein, dass die Glieder in einem Leib sich gegenseitig betrügen? Was würde passieren, wenn beispielsweise unser Auge eine falsche Information an unsere Hand liefern würde? Unser Körper könnte nicht funktionieren.

6,17c „… und Hände, die unschuldiges Blut vergießen; …“

Bereits in Sprüche 1,11–16 stand diese Sünde vor unseren Blicken. Kain ist das erste Beispiel eines solchen Menschen. Er war „aus dem Bösen“ und verübte einen Mord, „weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht“ (1. Joh 3,12). Ein Mörder ignoriert die Rechte Gottes und der Menschen. Aber Gott ignoriert ihn und seine Sünde natürlich nicht. Er sagte zu Kain: „Das Blut deines Bruders schreit zu mir von dem Erdboden her“ (1. Mo 4,10).

■ Als der Heilige Geist diesen Vers inspirierte, hat Er sicher auch die Situation des Herrn Jesus im Blick gehabt. Die Hände von Juden und Heiden vergossen sein „unschuldiges Blut“. Welch eine Gräueltat! Aber Er betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34).

6,18a „… ein Herz, das böse Pläne schmiedet, …“

Hier wird der Gedanke von Vers 14 wiederholt. Gott verurteilt nicht allein die böse Tat, sondern bereits den bösen Plan im Herzen. „Sinnt keiner auf das Unglück des anderen in euren Herzen, und falschen Eid liebt nicht [vgl. V. 19]; denn dies alles hasse ich, spricht der Herr“ (Sach 8,17).

■ Ganz andere „Pläne“ hat Gott in seinem Herzen: „Denn ich weiß ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht zum Unglück“ (Jer 29,11).

6,18b „… Füße, die schnell zum Bösen hinlaufen; …“ (Spr 1,16)

Wer böse Pläne schmiedet, hat ein Interesse an aller Art des Bösen. „Ihre Füße laufen zum Bösen und eilen, unschuldiges Blut zu vergießen; ihre Gedanken sind Gedanken des Unheils, Verwüstung und Zertrümmerung ist auf ihren Bahnen“ (Jes 59,7).

Die Bibel berichtet von mehreren Personen, die eilig handelten, um ihr böses Ziel zu erreichen, so z. B. Gehasi, der Diener Elisas; die Feinde der aus Babel zurückgekehrten Juden; Haman, der Widersacher der Juden; die Konkurrenten Daniels.47

Andererseits warnt dieser Vers auch vor einer gewissen Sensationslust (Lk 23,48). Die Medien überschütten uns mit Nachrichten über kriminelle Taten. Gehören wir zu denen, die solches begierig aufnehmen?

6,19a „… wer Lügen ausspricht als falscher Zeuge, …“ (Spr 19,5.9)

Dies ist keine bloße Wiederholung des Begriffs „Lügenzunge“ (V. 18), sondern hier geht es speziell um Verleumdungen, Verunglimpfungen und üble Nachrede. „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten“ (2. Mo 20,16). Dadurch würde der Ruf einer Person zerstört, die nichts von dem getan hat, was über sie berichtet wird.

■ Wir können sogar noch weiter gehen. Es gibt auch üble Nachrede, die sich auf böse Dinge bezieht, die wohl wahr sind, aber nicht verbreitet werden sollten. Hier ist jemand gefordert, der solche Dinge unter vier Augen anspricht und in Ordnung bringt (Jak 5,19.20).

Falsche Zeugen traten auch gegen den Herrn Jesus auf (Mt 26,60.61). Aus seinem Verhalten können wir die Kehrseite lernen: Er hat zu diesen Verleumdungen geschwiegen!

6,19b „… und wer Zwietracht ausstreut zwischen Brüdern.“

Auch der Belialsmensch streut Zwietracht aus (V. 14). Doch hier ist die Tat wesentlich gemeiner: Es wird Zwietracht gesät „zwischen Brüdern“. In Gottes Augen ist es „gut und lieblich …, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“ (Ps 133,1). Aber der Teufel versucht immer, gerade diejenigen auseinanderzubringen, die Christus um sich versammelt.

Das ist auch die Devise derer, die andere beherrschen wollen. Sie arbeiten nach dem Motto, „zerteile, um zu herrschen“. Wir sehen dies sehr deutlich bei Diotrephes (3. Joh 9.10), aber auch bei autoritären weltlichen Systemen, die gegen die Christen gekämpft haben und kämpfen.

Besonders traurig ist es, wenn ein Gläubiger Zwietracht ausstreut. Oft geschieht dies durch Verleumdungen, böse Verdächtigungen, Reden „hinter dem Rücken“ oder einfach durch „Tratschen“. Und meistens hat man dabei den eigenen Vorteil im Blick. Dagegen werden wir aufgefordert: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15; 1. Pet 3,11).

■ Das Kommen des Herrn Jesus auf die Erde hat die Menschheit entzweit (Mt 10,35). Die Gläubigen stehen auf der einen Seite, die Ungläubigen auf der anderen. Das kann sogar quer durch eine Familie gehen. Diese Entzweiung hat ihre Ursache darin, dass die Welt die Nachfolger des Herrn Jesus hasst. Er hat es so vorausgesagt. Aber den Seinen will Er „seinen Frieden“ geben (Joh 14,27), und es schmerzt Ihn sehr, wenn dieser Frieden durch ausgestreute Zwietracht gestört wird.

f) Ehebruch und Hurerei (Kap. 6,20–7)

Zum dritten Mal wird in den Sprüchen vor der „fremden Frau“ gewarnt. Dies geschieht jetzt sehr ausführlich und in mehreren Schritten:

Spr 6,20–23: Aufruf zum Bewahren der Belehrungen
Spr 6,24–29: Verführung durch die böse Frau und ihre Folgen
Spr 6,30–35: Vergleich zwischen Dieb und Ehebrecher
Spr 7,1–5: Erneuter Aufruf zum Bewahren der Belehrungen
Spr 7,6–23: Sexuelle Verführung des einfältigen Jünglings
Spr 7,24–27: Abschließende Ermahnung

6,20–23: Einleitend zu diesem großen Thema wird der „Sohn“ dringend ermahnt, auf die folgenden Belehrungen des Vaters zu hören.

6,20 „Mein Sohn, bewahre das Gebot deines Vaters, und verlass nicht die Belehrung deiner Mutter; …“ (Spr 1,8)

Gott hat beiden Elternteilen Autorität gegeben, insbesondere aber dem Vater als Oberhaupt der Familie. Er gebietet. Wer sich zu dem Herrn Jesus bekennt, wird dies anerkennen und auf das „Gebot seines Vaters“ hören. Er wird es „bewahren“, d. h. sein ganzes Leben lang darauf achten. Das bezieht sich natürlich nur auf solche Gebote, die in Übereinstimmung mit Gottes Wort sind.

Ebenso ist es mit den Belehrungen, die seine Mutter ihm gibt. Die Mutter hat ja gerade in jungen Jahren den größeren Anteil an der Erziehung. Wenn David seinen Gott um Hilfe anruft, dann beruft er sich auf seine gottesfürchtige Mutter, indem er sich „Sohn deiner Magd“ nennt (Ps 86,16). Das zeigt, wie sehr er seine Mutter schätzte.

► Welche Belehrungen hast du von deiner Mutter empfangen? Es ist gut, einmal darüber nachzudenken und sie sich aufzuschreiben.

6,21 „… binde sie stets auf dein Herz, knüpfe sie um deinen Hals.“

Wir sollten uns nicht damit zufriedengeben, geistliche Unterweisung einfach nur anzuhören, zu verstehen oder ihr beizupflichten. Sie sollte stets in unserem Herzen sein. Dort wird unser Wille gebildet. Dort ist auch der Sitz unserer Zuneigungen. Wir zeigen unsere Liebe zu unseren Eltern dadurch, dass wir auf sie hören.

Der Begriff „Hals“ lässt außerdem daran denken, dass Gehorchen für uns ein Schmuck darstellt (Spr 3,3). Es adelt unseren Charakter.

6,22 „Wenn du umhergehst, wird sie dich leiten; wenn du dich niederlegst, wird sie über dich wachen; und erwachst du, so wird sie mit dir reden.“

Bei unseren täglichen Aufgaben („umhergehen“) müssen wir geleitet werden. Wenn wir uns „niederlegen“, brauchen wir Bewahrung, denn gerade vor dem Einschlafen steigen leicht schlechte Gedanken in uns auf. Morgens soll die empfangene Belehrung dann das Erste sein, was vor unseren Blicken steht, und wird – wie eine Person – mit uns „reden“.

► Wenn du deinen Tag mit Gebet und Gottes Wort beginnst, wirst du die Erfahrung dieses Verses machen. Das Wort spricht zu dir! Dann wirst du vor Fehltritten bewahrt.

6,23 „Denn das Gebot ist eine Leuchte, und die Belehrung ein Licht; und die Zurechtweisungen der Zucht sind der Weg des Lebens: …“

In der Welt ist es dunkel. Daher benötigen wir das Licht biblischer Gebote und Belehrungen. Dieses Licht bewahrt uns einerseits vor Sünden und zeigt uns andererseits den Willen Gottes. „Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad“ (Ps 119,105). Jeder einzelne Schritt wird beleuchtet, aber auch der vor uns liegende Weg.

■ Eine besondere Art der Belehrung gibt die Prophetie. Petrus ermahnt uns, darauf zu achten „als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet“ (2. Pet 1,19).

► Als Gläubige sind wir immer im Licht (1. Joh 1,7). Wenn wir sündigen, dann sündigen wir „im Licht“! Daher werden wir ermahnt, „als Kinder des Lichts“, d. h. dem Licht gemäß, zu wandeln (Eph 5,8).

Durch sein Wort weist Gott uns auch „zurecht“, wenn wir in die Irre gehen. Er übt seine Zucht aus, damit wir wieder auf den „Weg des Lebens“ zurückkommen. Das tat Er auch bei Salomo. Zu dessen Vater David hatte Er gesagt: „Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein, so dass, wenn er verkehrt handelt, ich ihn züchtigen werde“ (2. Sam 7,14).

6,24–29: Nach den eindringlichen Appellen, auf das Gebot und die Belehrung der Eltern zu achten, kommt Salomo jetzt auf sein spezielles Anliegen zu sprechen. Zunächst warnt er mit kurzen Worten vor den Verführungen der bösen Frau und beschreibt ihre gefährlichen Folgen.

6,24 „… um dich zu bewahren vor der bösen Frau, vor der Glätte der Zunge einer Fremden.“ (Spr 2,16; 7,5)

Es ist eine „böse“ Frau, eine Frau mit moralisch verdorbenem Charakter, die sich als „Fremde“ und sogar verheiratete Frau (V. 26) an den Sohn heranmacht. Sie will ihn mit den Schmeicheleien ihrer „glatten Zunge“ umgarnen (Spr 5,3; 7,21). Aber nicht nur ihre Worte, sondern auch ihr äußeres Erscheinungsbild sind verführerisch:

6,25 „Begehre nicht in deinem Herzen ihre Schönheit, und sie fange dich nicht mit ihren Wimpern!“

Wie schon oft betont, hat jede Sünde ihren Ursprung im Herzen. Daher „behüte dein Herz mehr als alles, was zu bewahren ist“ (Spr 4,23). Ist es nicht mit Christus erfüllt, sucht es sich andere Erfüllung.

Die Begierde nach verbotenen Dingen war der Anlass zur ersten Übertretung (1. Mo 3,6). Und Jakobus stellt fest: „Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“ (Jak 1,15). Daher müssen wir eine im Herzen aufkommende sexuelle Lust sofort unterdrücken, es Gott bekennen und Ihn um Bewahrung bitten.

Die Wimpern verleihen dem Auge Ausdruckskraft. Und das Auge ist es, das die Seele des anderen anspricht. Ein einziger Blick kann mehr sagen als tausend Worte. Blicke können faszinieren. Wenn man sich „tief in die Augen schaut“, kann ein Funke überspringen, der ein Feuer auslöst, das nicht mehr zu löschen ist. Man ist „gefangen“.

► Auch schon das Betrachten unzüchtiger Filme oder Bilder schöner Frauen wird unweigerlich ein Fallstrick für dich werden.

6,26 „Denn wegen einer hurerischen Frau kommt man bis auf einen Laib Brot, und eines Mannes Frau stellt einer kostbaren Seele nach.“

Wie klar spricht Gottes Wort! Ein moralischer Fehltritt ruiniert das ganze Leben (Spr 5,9–11). Wie zuvor bei der Faulheit ist auch hier die materielle und die geistliche Not eine unausweichliche Folge.

Der zweite Teil des Verses zeigt, dass schlussendlich die Seele verdorben wird. Sie ist „kostbar“ in Gottes Augen, aber dieser hurerischen Frau ist das natürlich egal. So wird auch heute aus Gewinnsucht durch die Medien eine regelrechte Jagd auf die Seelen gemacht, indem es von Erotik nur so wimmelt.

6,27 „Sollte jemand Feuer in seinen Gewandbausch nehmen, ohne dass seine Kleider verbrannt würden?“

Diese Illustration ist leicht zu verstehen. Das Sprichwort „Nicht mit dem Feuer spielen!“ geht in dieselbe Richtung. Hurerei ist (wie) Feuer. Feuer ist enorm heiß, breitet sich gefährlich aus und hinterlässt nur Asche. Solche verheerenden Auswirkungen kann die Sünde haben, wenn sie aktiv wird. Sie bricht von innen her aus („Gewandbausch“).

„Kleider“ sind ein Bild unseres Zeugnisses, das wir nach außen abgeben. Dieses Zeugnis wird durch Unzucht und Hurerei beschmutzt. Kann man dann noch ein brauchbarer „Brief Christi“ sein, „gekannt und gelesen von allen Menschen“ (2. Kor 3,2.3)?

6,28 „Oder sollte jemand über glühende Kohlen gehen, ohne dass seine Füße versengt würden?“

Auch dieser Vergleich ist einleuchtend. „Glühende Kohlen“ weisen auf das Gericht hin (Ps 18,9; 120,4), das auf Ehebruch folgt. Die Strafe wird auf jeden Fall kommen (V. 29)! Das kann zunächst menschliche Rache sein (V. 34.35), dann aber vor allem das Gericht Gottes: „Hurer und Ehebrecher wird Gott richten“ (Heb 13,4). Die „versengten Füße“ sprechen davon, dass der ganze Wandel, das gesamte Leben, von den Folgen der Sünde gekennzeichnet und beeinträchtigt wird.

Jeremia beschreibt die schrecklichen Folgen des Ehebruchs mit ähnlichen Worten: „Der Herr mache dich wie Zedekia und wie Ahab, die der König von Babel im Feuer braten ließ!, weil sie eine Schandtat in Israel begangen und Ehebruch getrieben haben mit den Frauen ihrer Nächsten“ (Jer 29,22.23).

6,29 „So derjenige, der zu der Frau seines Nächsten eingeht: Keiner, der sie berührt, wird ungestraft bleiben.“

In unserem Sprachgebrauch ist eine „unberührte Frau“ eine, die noch nie eine geschlechtliche Beziehung hatte. Um geschlechtlichen Verkehr geht es auch hier. „Zu der Frau seines Nächsten eingehen“ und „sie berühren“ bedeutet also, sexuellen Kontakt mit ihr zu haben. In demselben Sinn schreibt Paulus: „… so ist es gut für einen Menschen, keine Frau zu berühren“. Er meint damit, dass es gut ist, unverheiratet zu bleiben und daher auch keinerlei sexuelle Beziehungen zu haben (1. Kor 7,1.27.28.32). Der zweite Versteil bedeutet also nicht, dass wir eine Frau noch nicht einmal anfassen dürften.

► Beachte dabei, was der Herr Jesus zu diesem Thema gesagt hat: „Jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen“ (Mt 5,28).

Gott wird jeden bestrafen, der eine Frau „berührt“, ohne mit ihr verheiratet zu sein. Es ist Hurerei. Doch leider ist dies mittlerweile gesellschaftsfähig geworden. Die Prominenz geht mit schlechtem Beispiel voran. Das ist nicht neu, fiel doch bereits der König David in diese Sünde. Nathan stellte ihm dann seine Verfehlung vor, indem er bezeichnenderweise das Beispiel eines Diebstahls erzählte (2. Sam 12,1–4). Denn ein Ehebrecher ist tatsächlich auch ein Dieb: Er stiehlt seinem Nächsten die Frau.

6,30–35: Diese Verse stellen heraus, dass die Sünde des Diebstahls weit weniger tragisch ist als Ehebruch.

6,30.31 „Man verachtet den Dieb nicht, wenn er stiehlt, um seine Gier zu stillen, weil er hungrig ist; und wenn er gefunden wird, kann er siebenfach erstatten, kann alles Gut seines Hauses hingeben.“

Wer aus einer Not heraus stiehlt, findet bei den Menschen meist ein gewisses Verständnis, obwohl er natürlich für seine Tat verantwortlich ist und dafür bestraft werden muss. Aber bei einem Ehebrecher gibt es keine derartigen mildernden Umstände. Im Gegensatz zu Essen und Trinken ist nämlich die Befriedigung des Sexualtriebes keinesfalls lebensnotwendig. Deshalb ist das „Stehlen“ einer Frau besonders verachtungswürdig.

Der Dieb kann (und muss) seine Tat wiedergutmachen, indem er notfalls seinen ganzen Besitz hergibt. Bei einem Ehebrecher ist dies unmöglich. Selbst die größte Sühne (V. 35) kann den angerichteten Schaden nicht beseitigen.

6,32 „Wer mit einer Frau Ehebruch begeht, ist unsinnig; wer seine Seele verderben will, der tut so etwas.“

Der Mann, der aus Hunger stiehlt, hat ein einigermaßen „sinnvolles“ Motiv für seine Tat. Ein Ehebrecher aber „ist unsinnig“. Seine Tat ist mit nichts zu entschuldigen. Sie geschah ohne Sinn und Verstand. Sie entsprang nur seinen bösen Trieben und Gefühlen. Und gerade die Seele, der Sitz seiner Gefühle, wird dabei „verdorben“! So jemand ist später oft nicht fähig, eine erfüllte Liebesbeziehung in einer Ehe einzugehen. Bedenke dies, wenn du noch jung bist! Willst du „deine Seele verderben“?

Es kann sein, dass jemand behauptet, seine Tat sei nicht „unsinnig“ gewesen, weil er die betreffende Frau wirklich liebe. Dem kann man entgegnen, dass wahre Liebe den Partner nie zum Sündigen verleitet hätte – denn jede Form der Unzucht ist Sünde!

6,33 „Plage und Schande wird er finden, und seine Schmach wird nicht ausgelöscht werden.“

Nach einer solchen Tat kommt der Ehebrecher nicht zur Ruhe. Sein Ruf ist ruiniert, und vielleicht ist auch eine Schwangerschaft die Folge. Er wird ständig „geplagt“: Von seinem Gewissen, von Menschen, die unter den Folgen seiner Tat zu leiden haben, und nicht zuletzt von Gott, der diese Sünde richten wird. Für Ehebruch sah das Gesetz die Todesstrafe für beide Beteiligten vor (3. Mo 20,10). Das beweist, wie schrecklich diese Sünde in den Augen Gottes ist.

Außerdem führt eine solche Tat zu „Schande“ und „Schmach“, nicht nur für die Zwei, sondern auch für ihre Familien. Schließlich verabscheut man sich sogar selbst – und das vielleicht ein Leben lang!

6,34 „Denn Eifersucht ist eines Mannes Grimm, und am Tag der Rache schont er nicht.“

Außer der im vorigen Vers beschriebenen Strafe und dem Verlust der Ehre gibt es noch eine dritte schmerzhafte Folge des Ehebruchs: die Eifersucht des betrogenen Ehemanns (der betrogenen Ehefrau). Wie viel Feindschaft, wie viel Streit, ja sogar Gerichtsverfahren gibt es wegen dieser Sünde!

■ Die Bibel redet oft auch von geistlicher Hurerei. Darunter versteht sie jede Form von Götzendienst (z. B. Hes 23). Dabei ist Gott der „betrogene Ehemann“, der eifersüchtig über seine Ehre wacht (2. Kor 11,2; 1. Kor 10,21.22). Auch Er wird einmal am „Tag der Rache“ seinen „Grimm“ hierüber ausschütten.

6,35 „Er nimmt keine Rücksicht auf alles Sühngeld und willigt nicht ein, magst du auch das Geschenk vergrößern.“

Wir befinden uns hier auf dem Boden des Gesetzes und nicht der Gnade. Durch Gesetzeswerke kann man den angerichteten Schaden tatsächlich niemals gutmachen. Da hilft kein „Vergrößern des Geschenks“.

Aber Gott sei Dank: Weil wir es nicht konnten, hat Er in seiner Gnade das „Sühngeld“ bezahlt! Er gab seinen Sohn „als eine Sühnung für unsere Sünden“ (1. Joh 4,10). Jeder, der seine Verfehlung mit tiefer Trauer einsieht und aufrichtig vor Gott und Menschen bekennt, erhält Vergebung (1. Joh 1,9). So war es schon bei David und Bathseba, und so steht auch heute dieser Weg jedem offen.

Kapitel 7: Dieses Kapitel führt die Warnung vor der fremden Frau fort. Es beschreibt eindrucksvoll, wie sie einen jungen, neugierigen Mann durch ihren Charme und ihre List verführt. In den „letzten Tagen“, in denen wir ja leben, wird diese Gefahr immer größer. „Die Menschen werden selbstsüchtig sein …, unheilig, ohne natürliche Liebe, unenthaltsam, mehr das Vergnügen liebend als Gott“ (2. Tim 3,1–4).

Als Kinder Gottes sind wir nicht mehr „im Fleisch“, sondern sind „der Sünde gestorben“ (Röm 8,9; 6,2). Doch ist die alte, sündige Natur immer noch in uns. Sie ist jederzeit bereit, auf die Einflüsse Satans und der Welt zu reagieren. Daher müssen wir die Ermahnungen des Wortes Gottes ernst nehmen.

► Denke stets an deinen Heiland, der dich geliebt und sich selbst für dich hingegeben hat (Gal 2,20). Das bewahrt dich vor falscher „Liebe“.

Bedenken wir auch, dass unsere „Leiber Christi Glieder“ sind. „Jede Sünde, die ein Mensch begehen mag, ist außerhalb des Leibes; wer aber hurt, sündigt gegen seinen eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid?“ (1. Kor 6,15.18.19).

7,1–5: Zu Beginn des Kapitels wird der Sohn nun schon zum vierten Mal aufgefordert, sich diese Belehrungen und Warnungen auch wirklich zu Herzen zu nehmen (Spr 2,1; 5,1; 6,20). Muss noch einmal erwähnt werden, dass dieses Kapitel auch „Töchtern“ etwas zu sagen hat? Auch sie können verführt werden – oder aber selbst verführen!

7,1 „Mein Sohn, bewahre meine Worte, und birg bei dir meine Gebote; …“

Wie wir schon mehrfach gesehen haben, geht die Aufforderung, die Worte des Vaters zu „bewahren“, weiter, als sich diese Worte lediglich anzuhören (vgl. Spr 3,1.21; 4,13.21; 6,20). Der hinzugefügte Ausdruck „birg bei dir meine Gebote“ verstärkt diesen Gedanken. Was man bergen muss, steht in Gefahr, zu verderben oder sogar völlig verloren zu gehen. Man schützt („birgt“) es, weil es einen großen Wert hat. Genau das trifft auf das Wort Gottes zu.

7,2 „… bewahre meine Gebote und lebe, und meine Belehrung wie deinen Augapfel.“

Die Gebote bewahren ist Leben. Als Jesus von Satan versucht wurde, zitierte Er aus 5. Mose 8,3: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort Gottes“ (Lk 4,4).

Was Gottes Wort uns lehrt, müssen wir ebenso aufmerksam wie unseren Augapfel bewahren. Wir können im Auge nicht das kleinste Sandkörnchen, nicht die kleinste Wunde ertragen. Ebenso wenig dürfen wir der kleinsten Ungerechtigkeit erlauben, unser Gewissen zu verletzen.

■ Gott „behütete“ sein Volk „wie seinen Augapfel“ (5. Mo 32,10; Ps 17,8; Sach 2,12). Es ist ein Ausdruck seiner ständigen und intensiven Wachsamkeit über uns. Ebenso sollen auch wir seine Belehrungen bewahren.

Bei einem gesunden Menschen wird der Augapfel allein schon durch die Reflexe des Augenlids geschützt. Wenn wir unser Leben mit dem Herrn Jesus führen, werden wir geistliche „Reflexe“ entwickeln, die uns davor bewahren, von seinen Geboten abzuweichen.

► „Zuckst“ du (noch) zurück, wenn du von einer Sünde versucht wirst?

7,3 „Binde sie um deine Finger, schreibe sie auf die Tafel deines Herzens.“

An das, was man um seinen Finger gebunden hat, erinnert man sich ständig. Und ein Text, den man aufgeschrieben hat, bleibt besser im Gedächtnis haften – das weiß schon jeder Schüler! Aus demselben Grund sollten die Israeliten eine Quaste an ihre Kleidung anbringen (4. Mo 15,38.39). Es ist nutzlos, wenn wir Gottes Wort nur im Bücherschrank aufbewahren. Es muss mit uns gehen. Wir müssen es auf unser Herz binden (Spr 6,21) und um unsere Finger. Das heißt, wir sollen sowohl bei allen Entscheidungen („Herz“) als auch bei allen Handlungen („Finger“) daran denken, die Weisheit seiner Worte zu Rate zu ziehen.

■ Bei Vielen erreicht ihr christliches Bekenntnis nie die „Finger“. Menschen mit schlechter Durchblutung bekommen kalte Extremitäten. Der Grund liegt in mangelnder Aktivität des Herzens. So ist auch im geistlichen Bereich alles „kalt“, was herzlos getan wird. Gott möchte, dass sich sein Wort vom Herzen aus bis in die „Fingerspitzen“ hinein auswirkt.

7,4 „Sprich zur Weisheit:,Du bist meine Schwester!’, und nenne den Verstand deinen Verwandten, …“

Das normale Verhältnis unter Verwandten ist durch Liebe geprägt. Man hat denselben Ursprung, man vertraut einander und kennt sich gut. Ebenso soll es mit uns und der Weisheit sein. Der Ursprung des neuen Lebens in uns ist ja Christus, die Weisheit in Person. Er ist unser nächster „Verwandter“, „denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mt 12,50). Ihm sollen wir vertrauen, Ihn sollen wir kennen und lieben. Zugleich ist diese Liebe ein guter Schutz vor der Versuchung, eine fremde Frau zu lieben.

■ Diese verwandtschaftliche Beziehung zur Weisheit und zum Verstand basiert auf Gottes Wort. So wurde auch das neue Leben in uns durch das Wort Gottes hervorgebracht: „Die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1. Pet 1,23).

7,5 „… damit sie dich vor der fremden Frau bewahre, vor der Fremden, die ihre Worte glättet.“ (Spr 2,16; 6,24)

Wir Männer haben es offenbar nötig, immer wieder vor den verführerischen Worten einer Frau gewarnt zu werden. Doch wenn wir die Worte der Weisheit bewahren, wird sie uns bewahren (Spr 4,6).

7,6–23: Nun folgt die anschauliche Beschreibung einer Katastrophe. Ein einfältiger junger Mann gerät in die Fangarme einer hurerischen Frau. Wenn wir diese Verse auf unser Gewissen anwenden, wollen wir nicht nur eine tatsächliche Hure im Blick haben, sondern auch an jede „gemäßigtere“ Form von sexuellen Kontakten zwischen zwei nicht miteinander verheirateten Personen denken. Niemand möge also bei den folgenden Ausführungen denken: „Klar, mit einer Hure würde ich mich niemals einlassen – aber mit meinem Mädchen ist das doch etwas anderes!“

7,6 „Denn am Fenster meines Hauses schaute ich durch mein Gitter hinaus; …“

Salomo betrachtet es aus sicherer Position: Er ist im Haus und durch ein Gitter geschützt. Genauso müssen auch wir diese Verse betrachten. Das Thema ist nämlich so schmutzig, dass uns allein schon die Beschäftigung damit verunreinigen kann. Daher muss jeder – egal ob Schreiber oder Leser der folgenden Ausführungen – auf der Hut sein, jetzt irgendwelche unreinen Gedanken in sich aufkommen zu lassen.

■ In Epheser 5,3 wird gesagt: „Hurerei aber und alle Unreinheit … werde nicht einmal unter euch genannt, wie es Heiligen geziemt.“ Das bedeutet nicht, dass man hierüber niemals sprechen darf, sondern dass es nicht nötig sein sollte, diese Dinge anzusprechen.

7,7 „… und ich sah unter den Einfältigen, bemerkte unter den Söhnen einen unverständigen Jüngling, …“

Dieser junge Mann ist nicht direkt boshaft. Aber er ist „einfältig“ und „unverständig“. Er nennt also weder die Weisheit seine „Schwester“ noch den Verstand seinen „Verwandten“ (V. 4). Dabei ist er aber doch ein „Sohn“. Im übertragenen Sinn sehen wir daran, dass auch Kinder Gottes keineswegs vor sexuellen Sünden gefeit sind.

7,8 „… der auf der Straße hin und her ging, neben ihrer Ecke, und den Weg zu ihrem Haus schritt, …“

Die Straße ist ein Bild des uns umgebenden weltlichen Systems. Dort befindet sich der junge Mann. Er geht „hin und her“, schaut sich dies und jenes an, ist unentschlossen. Schlägt vielleicht sein Gewissen? Er weiß doch offenbar, wo er sich befindet: „neben ihrer Ecke“! Dort will er nicht gesehen werden. Deswegen tut er es in der Dunkelheit (V. 9). – Dann geht er schließlich zielsicher zu ihrem Haus …

► Ist das nicht ein typischer Verlauf? Wenn du dich mit weltlichen Dingen beschäftigst, wenn du keine klaren Grundsätze mehr hast, wenn du dich unbeobachtet glaubst, wenn deine Gedanken immer nur um „das Eine“ kreisen – dann bist du auf dem besten Weg, in Sünde zu fallen! So ein Verhalten ist fahrlässig, es ist ein Spiel mit dem Feuer.

7,9 „… in der Dämmerung, am Abend des Tages, in der Mitte der Nacht und in der Dunkelheit.“

Die Finsternis wird hier in vierfacher Weise beschrieben, und zwar mit einer deutlichen Steigerung. So wird es auch in unserem Herzen immer dunkler, je länger wir unseren Begierden freien Lauf lassen. Sünde meidet das Licht und liebt die Finsternis (Spr 4,19). „Die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse (Joh 3,19).

Schon Hiob sagte: „Und das Auge des Ehebrechers lauert auf die Dämmerung, indem er spricht: Kein Auge wird mich erblicken; und er verhüllt sein Angesicht“ (Hiob 24,15). Und Paulus mahnt: „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, vielmehr aber straft sie auch; denn das, was heimlich von ihnen geschieht, ist schändlich auch nur zu sagen“ (Eph 5,11.12).

7,10 „Und siehe, eine Frau kam ihm entgegen in Hurenkleidung und mit verstecktem Herzen. – „

Der junge Mann näherte sich leichtfertig ihrem Haus, und schon kommt diese Frau ihm entgegen. Hätte er sich doch gar nicht erst in diese Gefahr begeben! Jetzt ist es für eine Flucht (fast) zu spät. Schon allein durch ihre äußere Aufmachung will diese Frau seine Fantasie anregen. So nutzt sie die bekannte Schwachstelle von Männern aus, sich durch visuelle Reize verführen zu lassen.

In der Welt verwendet man in diesem Zusammenhang gerne das Wort „Liebe“. Man fragt scheinheilig: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Aber bei ehrlichem Nachdenken müsste man zugeben, dass es sich mehr um Egoismus als um Liebe handelt. Auch hier wird deutlich, dass diese Frau echte Empfindungen des Herzens bewusst vermeidet. Sie kommt mit „verstecktem Herzen“.

7,11.12 „Sie ist leidenschaftlich und unbändig, ihre Füße bleiben nicht in ihrem Haus; bald ist sie draußen, bald auf den Straßen, und neben jeder Ecke lauert sie. – „

Es handelt sich in diesen beiden Versen nicht um das aktuell beobachtete Verhalten der Frau, sondern um die Beschreibung ihres Charakters und ihres allgemein bekannten Auftretens. Das will sagen: Diese Merkmale tragen alle Verführer(innen).

Diese Frau folgt nur „leidenschaftlich“ ihren Trieben – fast schon wie ein Tier, das sich nicht zügeln lassen will („unbändig“). Sie ist alles andere als „besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig“; sie liebt weder ihren Mann noch ihre Kinder (Tit 2,4.5). Ihr Haus ist kein Heim, und so lenkt sie ihre Füße nach draußen, von ihrer Begierde getrieben.

Dort hat sie das Ziel, ein Opfer zu finden, um es zu verführen. Aber wer sich nicht „draußen“ oder „auf den Straßen“ oder „in den Ecken“ aufhält, bleibt vor ihr bewahrt.

► Vielleicht befinden sich auch in deinem Umfeld derartige Verführer/-innen. Das müssen nicht direkt Prostituierte sein, sondern es kann eine – ansonsten vielleicht durchaus achtbare – Person in deinem schulischen oder beruflichen Umfeld sein.

7,13 „Und sie ergriff ihn und küsste ihn, und mit unverschämtem Angesicht sprach sie zu ihm: …“

In den folgenden 9 Versen nimmt das Unheil seinen Lauf. Die gesamte Initiative geht von der Frau aus. Sie gaukelt ihm Liebe vor, will aber nur Sex (V. 18). Genauso war es damals bei Joseph. Auch ihn „ergriff“ die lüsterne Frau Potiphars. Auch ihm wurde geschmeichelt. Doch Joseph floh (1. Mo 39,12). Hätte unser Jüngling dazu nicht ebenfalls Gelegenheit gehabt? Aber er ist völlig untätig. Er befreit sich weder aus ihren Armen, noch wehrt er ihren Kuss ab.

► Wenn du die erste zärtliche Berührung und den ersten Kuss gestattest, wird es kaum noch ein Zurück geben. Deshalb brich den Kontakt rechtzeitig ab, wenn du merkst, dass ein junges Mädchen/ein junger Mann mit dir flirten möchte!

Ein Kennzeichen von Huren ist ihre „Unverschämtheit“, wie Jeremia feststellt: „Aber du hattest die Stirn eines Hurenweibes, weigertest dich, dich zu schämen“ (Jer 3,3). Sie schämt sich nicht, ihren Körper herzugeben. Sie schämt sich nicht, einen jungen Mann zu verführen. Und sie schämt sich nicht, dabei auch noch fromme Reden zu führen:

7,14 „Friedensopfer oblagen mir, heute habe ich meine Gelübde bezahlt; …“

Offenbar will sie mit dieser Bemerkung das Gewissen des Jünglings beruhigen. Sie ist ja so fromm! Hört man nicht heute auch bisweilen: „Sie/Er geht mit in die Gemeinde und ist vielleicht gläubig. Was spricht dann gegen eine Freundschaft?“ Das ist ein gefährlicher Ansatz!

Wenn es wirklich stimmte, dass diese Frau ein Gelübde abgelegt hatte, war es durchaus richtig, dieses mit einem Friedensopfer zu bezahlen (3. Mo 22,21). Aber welch eine Verhöhnung Gottes, wenn ein Friedensopfer – das doch ein Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott ist – mit Sünde verbunden wird! Ein derartiges Verhalten war bei den Heiden üblich, die in ihren Götzentempeln Hurerei trieben. Solche Opfer sind Gott ein Gräuel. „Die Seele, die Fleisch von dem Friedensopfer isst, das dem Herrn gehört, und ihre Unreinheit ist an ihr, diese Seele soll ausgerottet werden aus ihren Völkern“ (3. Mo 7,20; vgl. Spr 21,27).

■ Dem Friedensopfer entspricht neutestamentlich das Mahl am Tisch des Herrn (1. Kor 10,18–21). Und genauso wie damals duldet der Herr auch heute keine Verunreinigung seines Tisches. Daher musste der Hurer von der Versammlung in Korinth von der Teilnahme am Tisch des Herrn ausgeschlossen werden (1. Kor 5,1–5.13).

7,15 „… darum bin ich ausgegangen, dir entgegen, um dein Angesicht zu suchen, und ich habe dich gefunden.“

Aus diesen Worten geht hervor, dass dies wohl nicht die erste Begegnung zwischen den beiden ist. Nun streben sie ganz bewusst eine Vertiefung ihrer Beziehung an, nicht nur der Mann (V. 8), sondern insbesondere auch die Frau. So etwas schmeichelt natürlich.

Es sieht nach Zuneigung aus – aber zeugt es wirklich von Liebe, wenn man gern außerhalb der Ehe mit einer Person intim sein möchte? Wenn man sie zu einer Sünde verführt? Wenn man ihrer Seele schadet und sie in Gewissensnöte bringt? Wo wirkliche Liebe ist, geht man den biblischen Weg: den Weg über Verlobung und Heirat.

7,16.17 „Mit Teppichen habe ich mein Bett bereitet, mit bunten Decken von ägyptischem Garn; ich habe mein Lager benetzt mit Myrrhe, Aloe und Zimt.“

Die Frau hat alles gut vorbereitet. Ihr Bett sieht wunderbar aus und duftet. Die Sinne sollen angesprochen werden. So etwas kann leicht von der Sündhaftigkeit eines Vorhabens ablenken. Manche meinen sogar, wenn alles angenehm verläuft, wäre das ein Zeichen des Segens Gottes. Aber oft ist das Gegenteil der Fall.

Die bunten Decken kommen aus Ägypten, einem Bild der gottfeindlichen Welt, die sich durch eigene Anstrengung ein angenehmes Leben erarbeiten will (5. Mo 11,10; Hes 29,3). Myrrhe und Zimt waren Bestandteile des Öls „der heiligen Salbung“, das mit keinem Unbefugten in Berührung kommen durfte (2. Mo 30,23.31–33). Wieder bedient sich diese schamlose Frau heiliger Dinge, um damit ihr unreines, unsittliches Vorhaben zu vertuschen (V. 14).

7,18 „Komm, wir wollen uns in Liebe berauschen bis zum Morgen, an Liebkosungen uns ergötzen.“

Da die beiden nicht miteinander verheiratet sind, ist dies nichts anderes als Unzucht (Hurerei). Hier wird die „Liebe“ im wahrsten Sinne des Wortes prostituiert48. Sie wird zum „Götzen“.

7,19.20 „Denn der Mann ist nicht zu Hause, er ist auf eine weite Reise gegangen; er hat den Geldbeutel mit sich genommen, am Tag des Vollmonds wird er heimkehren.“

Nun zeigt sich, dass die Frau sogar verheiratet ist und damit zu einer Ehebrecherin wird. Wahrscheinlich wusste das der junge Mann. Doch sie vergisst nicht, ihm die Furcht vor einer möglichen Entdeckung zu nehmen. Keiner der beiden scheint daran zu denken, dass es Einen gibt, der von allem, was auf der Erde geschieht, Kenntnis nimmt.

Da ihr Mann genug Geld bei sich hat, wird er nicht so schnell zurückkommen. Dadurch haben die beiden die Möglichkeit, ihr unzüchtiges Treiben ungestört auszuführen.

7,21 „Sie verleitete ihn durch ihr vieles Zureden, riss ihn fort durch die Glätte ihrer Lippen.“

Das mit „Zureden“ übersetzte Wort kann auch „Lehren“ bedeuten. Es ist „böse Lehre“! Durch ihr Zu-reden gewinnt sie die Zu-neigung des jungen Mannes. Er hat jetzt keine Kraft mehr, ihrer Verführung zu widerstehen. Auch über Salomo lesen wir: „Seine Frauen neigten [= verleiteten] sein Herz“ (1. Kön 11,3). Wohin? Zu den fremden Göttern, weg von Gott.

Die Frau verführt den jungen Mann also durch ihr Äußeres (V. 10), durch ihre Zärtlichkeit (V. 13), aber vor allem durch ihre Worte (V. 14–20). Es sind ihr „vieles“ Zureden und die „Glätte“ ihrer Lippen, die ihn schließlich fortreißen.

Heutzutage verläuft die Kommunikation sehr bequem: Man schreibt sich am Tag zigmal eine elektronische Nachricht, man chattet stundenlang am PC oder man präsentiert sich in sozialen Netzwerken. Dabei läuft man Gefahr, Intimitäten auszutauschen, ohne sich dabei in die Augen zu sehen. Schon manche böse Tat ist dadurch entstanden.

7,22 „Auf einmal ging er ihr nach, wie ein Ochse zur Schlachtbank geht und wie Fußfesseln zur Züchtigung des Narren dienen, …“

Sehr drastisch schildert Gottes Wort nun, wie der junge Mann schließlich seiner Verführerin hinterhertrottelt. Das war abzusehen, denn wer eine solche Unentschlossenheit an den Tag legt (V. 8), geht automatisch den Weg des geringsten Widerstands. Er denkt nicht an die Ermahnungen der Eltern, nicht an die Gebote Gottes, nicht an die schlimmen Folgen und auch nicht an die eigene Würde. Er verhält sich wie ein Tier, wie ein „Narr“. Nun ist er „gefesselt“ und kann nicht mehr fliehen.

7,23 „… bis ein Pfeil seine Leber zerspaltet; wie ein Vogel zur Schlinge eilt und nicht weiß, dass es sein Leben gilt.“

In der Antike galt die Leber (wie das Herz) als Sitz der Lebenskraft. Vielleicht sollte deswegen bei den Opfern der Israeliten „das Netz über der Leber“ zusammen mit dem Fett des Tieres ganz für Gott geräuchert werden (z. B. 3. Mo 3,4.5). Hier aber gibt der Jüngling seine ganze Lebenskraft nicht Gott, sondern der verführerischen Frau hin.

Er ist wie ein „Vogel zur Schlinge“ geeilt. Das bestätigt, dass er selbst durchaus aktiv war, die Gefahr aber völlig unterschätzte. Es geht hier nicht um den vorzeitigen leiblichen Tod (obwohl das auch eine Folge von Hurerei sein kann), sondern um den Tod im moralischen Sinn, um das Verderben der Seele. Wir können im Licht des Neuen Testaments auch an den zweiten Tod denken, wohin der Weg der Sünde letztlich führt.

7,24–27: Wem es bei dieser Beschreibung nicht eiskalt über den Rücken gelaufen ist, muss schon sehr abgebrüht sein. Der wird auch durch die jetzt folgenden abschließenden Ermahnungen kaum erreicht werden. Trotzdem erfolgt noch einmal der Aufruf zum Hören.

► Wenn wir nicht hören – wie soll Gott dann unser Herz und Gewissen erreichen? Er kann es nur noch durch züchtigende Maßnahmen tun!

7,24 „Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich, und horcht auf die Worte meines Mundes!“ (Spr 5,7; 8,32)

Der junge Mann „wusste nicht, dass es sein Leben gilt“ (V. 23). Er war ahnungslos. Jeder aber, der diesen Bericht gelesen hat, ist spätestens ab heute vorgewarnt!

Noch einmal wollen wir an den 17-jährigen Joseph denken. Er war weit weg vom Elternhaus, als die Frau Potiphars ihn verführen wollte. Aber er verwirklichte, was er zu Hause gelernt hatte, und entgegnete: „Wie sollte ich diese große Bosheit tun und gegen Gott sündigen?“ (1. Mo 39,9). Das war echte Gottesfurcht (Spr 8,13).

7,25 „Dein Herz wende sich nicht ab nach ihren Wegen, und verirre dich nicht auf ihre Pfade!“

Obwohl Salomo eben noch die „Söhne“ anredete, wird er hier doch wieder ganz persönlich. Verirrungen durch „abwegige“ Gedanken beginnen im eigenen Herzen. „Leite dein Herz geradeaus auf dem Weg“ (Spr 23,19).

► Die Wege dieser Frau führten ins Verderben, der gute Hirte aber „leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit“ (Ps 23,3).

7,26 „Denn viele Erschlagene hat sie niedergestreckt, und zahlreich sind alle ihre Ermordeten.“

Schon in Vers 23 wurde sinnbildlich der Tod als Folge des Ehebruchs genannt. Wie viele sind durch unerlaubte sexuelle Beziehungen „erschlagen“ und „ermordet“ worden! Im buchstäblichen Sinn können wir das bei Simson sehen (Ri 16,1.2.4.30), im übertragenen Sinn bei David (2. Sam 12,10–12).

7,27 „Ihr Haus sind Wege zum Scheol, die hinabführen zu den Kammern des Todes.“

Auch wenn ein Gläubiger nie mehr verloren gehen kann (Joh 10,28), kann es doch sein, dass er sich auf einen Weg begibt, der ins ewige Verderben führt. Gott kann ihn dann in seiner Gnade wieder zurechtbringen, aber manchmal bestraft Er einen solchen auch mit dem leiblichen Tod (Apg 5,1–11; 1. Kor 11,30; 1. Joh 5,16). Er ist souverän in seinen Regierungswegen mit seinen Kindern. Ungläubige dagegen werden einmal mit dem zweiten Tod, dem Feuersee, bestraft werden (Off 20,12–15).

Die Weisheit (Kapitel 8–9)

In Kapitel 8 hören wir erneut einen Appell der Weisheit, gefolgt von einer beeindruckenden Charakterisierung ihrer selbst. Vor allem erfahren wir etwas über ihre ewige Existenz. Kapitel 9 stellt abschließend noch einmal die Gegensätzlichkeit von Weisheit und Torheit heraus.

Wir finden hier manche Aspekte der ersten sieben Kapitel wieder. In ähnlicher Weise werden auch im 5. Buch Mose viele früher erteilte Vorschriften wiederholt und vertieft. Wir schwachen, vergesslichen Menschen benötigen derartige Wiederholungen. Sie erhöhen aber auch unsere diesbezügliche Verantwortung. Dabei ist es bemerkenswert, dass die Zahl Fünf auf die Abhängigkeit des schwachen Menschen von Gott und der sich daraus ergebenden Verantwortung hinweist.49

a) Charakterisierung der Weisheit (Kap. 8)

Hier redet die Weisheit wieder selbst und wird dadurch personifiziert. Wie schon oft erwähnt, hören wir letztendlich die Stimme des Sohnes Gottes, „der uns geworden ist Weisheit von Gott“ (1. Kor 1,30) – wenn auch der Schreiber dies damals nicht wissen konnte (1. Pet 1,10.11).

Wir erkennen leicht folgende Einteilung dieses Kapitels:

Spr 8,1–11: Die Worte der Weisheit
Spr 8,12–21: Der Nutzen der Weisheit
Spr 8,22–31: Die ewige Existenz der Weisheit
Spr 8,32–36: Abschließende Ermahnungen

8,1–11: Einleitend führt Salomo erneut die Weisheit ein (V. 1–3), worauf sie dann die Beschreibung der Vorzüglichkeit ihrer Worte selbst übernimmt.

8,1 „Ruft nicht die Weisheit, und lässt nicht die Einsicht ihre Stimme erschallen?“ (Spr 1,20)

Die Weisheit ergreift die Initiative. Das wurde schon in Sprüche 1,20.21 deutlich, wo ganz ähnliche Worte gebraucht werden. Sie redet nichts „Verkehrtes“ (Spr 2,12) und „glättet“ auch nicht ihre Worte wie „die fremde Frau“ (Spr 2,16). Ihr Ruf ist nicht zu überhören, es sei denn, ein Mensch will nicht hören.

8,2 „Oben auf den Erhöhungen am Weg, da, wo Pfade zusammenstoßen, hat sie sich aufgestellt.“

Die Weisheit redet nicht heimlich und im Verborgenen. Das, was sie zu sagen hat, kann und soll von allen gehört werden. Sie stellt sich nicht in dunkle Ecken wie die hurerische Frau (Spr 7,9–12), sondern an die Wegkreuzungen außerhalb der Stadt. Da trifft sie – bildlich gesprochen – Menschen, die ihre Wege nach ihren eigenen Gedanken gehen, ohne groß nach Gesetz und Ordnung zu fragen.

8,3 „Zur Seite der Tore, wo die Stadt sich öffnet, am Eingang der Pforten schreit sie: …“

Im Gegensatz zu Vers 2 sehen wir in der Stadt ein geordnetes System mit Vorschriften und Regeln (Spr 1,21). Hier können wir an Menschen denken, die bemüht sind, ein korrektes und tadelloses Leben zu führen.

Die Weisheit wendet sich also an alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Bildung, Kultur oder sozialen Stellung.

► In ähnlicher Weise sollen auch wir heute das Evangelium verbreiten, indem wir, wie der Apostel Paulus, „allen alles“ werden, damit wir „auf alle Weise einige erretten“ (1. Kor 9,20–22).

■ Als Jesus durch den Hohenpriester über seine Lehre befragt wurde, antwortete Er: „Ich habe öffentlich zu der Welt geredet, ich habe allezeit in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen, und im Verborgenen habe ich nichts geredet“ (Joh 18,20).

8,4 „An euch, ihr Männer, ergeht mein Ruf, und meine Stimme an die Menschenkinder.“

Die gesamte Bibel ist durchzogen von dem Gedanken, dass Gott sich in seiner Güte um uns Menschen kümmert. Deswegen sandte Er uns das „Wort“, den Herrn Jesus selbst (Joh 1,1.14), und redete zu uns durch Ihn und in Ihm (Heb 1,1).

Der Ausdruck „Männer“ weist auf solche hin, die, im Gegensatz zu den Jünglingen, schon etwas an Weisheit und Erfahrung gesammelt haben. Sie tragen Verantwortung. „Menschenkinder“ ist ein weitergehender Begriff und umfasst alle Menschen. Viele von ihnen begnügen sich mit materiellen Dingen. Die göttliche Weisheit ist ihnen fremd. Manche haben auch gar kein Interesse an ihr. Doch egal, wie jemand steht: Die Weisheit wendet sich an jeden, denn jeder braucht ihre Botschaft. Gott will, „dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4).

8,5 „Lernt Klugheit, ihr Einfältigen, und ihr Toren, lernt Verstand!“

Als Erstes verkündet die Weisheit, worum es überhaupt geht. Die Einfältigen und Toren, wozu jeder von Geburt an gehört, sollen Einsicht in (FußEÜ) Klugheit und Verstand bekommen (Spr 1,4). Sie sollen lernen, umsichtige Entscheidungen zu treffen. Das bewahrt sie vor einem falschen und daher für sie schädlichen Weg. Zur Klugheit gehört auch, dass man seine eigenen Schwächen erkennt und berücksichtigt. Drohende Gefahren werden rechtzeitig erkannt und vermieden (Spr 13,16; 22,3).

8,6 „Hört, denn Vortreffliches will ich reden, und das Auftun meiner Lippen soll Geradheit sein!“

Was die Weisheit zu sagen hat, ist einzigartig gut („vortrefflich“) und vollkommen richtig („gerade“). Kein Mensch, auch Salomo nicht, konnte das für sich beanspruchen. Nur der Herr Jesus war vollkommen in seinen Worten. Selbst seine Gegner bescheinigten Ihm: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch“ (Joh 7,46). Er redete das, was Er von seinem Vater gehört hatte (Joh 8,26). Alle seine Worte waren in Übereinstimmung mit Gott und daher „vortrefflich“ und „gerade“. Aber seine Worte waren auch sehr schön und voll lebendiger Illustrationen.

8,7 „Denn mein Gaumen spricht Wahrheit aus, und Gottlosigkeit ist meinen Lippen ein Gräuel.“

Christus ist selbst „die Wahrheit“, und so waren auch seine Worte stets Wahrheit (Joh 14,6; 8,45). Zu Pilatus sagte Er: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“ (Joh 18,37).

► Ist es auch dir ein „Gräuel“, etwas in Unabhängigkeit von Gott („gottlos“) zu sagen?

8,8 „Alle Worte meines Mundes sind in Gerechtigkeit; es ist nichts Verdrehtes und Verkehrtes in ihnen.“

Die Worte der Weisheit sind aber nicht nur frei von Lüge und Gottlosigkeit, sondern auch gerecht. Sie stellen jeden und alles an seinen richtigen Platz. Sie berücksichtigen jeden Aspekt und sind zum Segen und Nutzen für die Menschen. Und das gilt für „alle Worte“ aus dem Mund der Weisheit, also aus dem Mund des Herrn Jesus.

In seinen Worten gab es auch nichts „Verdrehtes und Verkehrtes“, keine halben Wahrheiten oder Aussagen, die man hätte missverstehen können. Alles war klar formuliert. Es gibt das ironische Sprichwort: „Worte sind erfunden worden, um damit die Gedanken zu verbergen.“ Doch so war es nicht bei Ihm. Seine Zuhörer waren es, die seine „Worte verdrehten“ (Ps 56,6)!

► Dieser Vers regt zur Selbstreflexion an: „Tu von dir die Verkehrtheit des Mundes, und die Verdrehtheit der Lippen entferne von dir“ (Spr 4,24).

8,9 „Sie alle sind richtig für den Verständigen und gerade für die, die Erkenntnis erlangt haben.“

Wer verständig ist und eine gewisse Erkenntnis erlangt hat, wird weiter von der Weisheit lernen wollen. Denn so jemand hat erkannt, dass ihre Worte „richtig“ und „gerade“ sind.

Für den gläubigen Christen ist die göttliche Weisheit der Bibel verständlich, nachvollziehbar und richtungsweisend. Das bewirkt der Heilige Geist, der in ihm wohnt (Joh 16,13).

■ Wenn der Herr Jesus sprach, gab es – je nach Herzenszustand der Zuhörer – unterschiedliche Reaktionen.50 Heute redet Er vom Himmel aus durch sein Wort und seinen Geist. Seine Botschaft ist für jeden verständlich, der aufrichtig Gottes Gedanken kennenlernen will. „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist“ (Joh 7,17).

8,10 „Nehmt meine Unterweisung an und nicht Silber, und Erkenntnis lieber als auserlesenes, feines Gold.“

Schon Hiob beschreibt in Kapitel 28 die bunten Aktivitäten des Menschen rund um den Abbau von Gold, Silber und Eisen (s. Auslegung zu Spr 3,14.15). Aber so kostbar diese Metalle auch sind – die Weisheit ist unvergleichlich kostbarer.

Das Einzige, wodurch man Weisheit erlangen kann, ist, ihre Unterweisung anzunehmen. Diese Unterweisung geschieht durch den Sohn Gottes, der alle anderen Lehrer in den Schatten stellt: „Er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,29).

8,11 „Denn Weisheit ist besser als Korallen, und alles, was man begehren mag, kommt ihr nicht gleich.“ (Spr 3,15)

Für vieles, was dem Menschen wertvoll erscheint, tut er alles, um es zu erlangen. Oft begehrt man materielle Dinge: Schmuck, ein tolles Auto, das neueste Smartphone oder auch eine Villa am Stadtrand. Vielen geht es aber auch um Immaterielles wie Ansehen, Liebe, Gesundheit, ein intaktes Familienleben und Sicherheit.

Das ist verständlich – aber es gibt Besseres: göttliche Weisheit. Einerseits brauchen wir sie, um dem verführerischen Geist dieser Welt zu widerstehen. Andererseits kann nur ein Leben, das den göttlichen Maßstäben entspricht, von Zufriedenheit, Glück und innerem Frieden geprägt sein.

8,12–21: Nach der Beschreibung ihrer Worte charakterisiert die Weisheit nun sich selbst und bezeugt ihren Nutzen für die, die sie lieben.

8,12 „Ich, Weisheit, bewohne die Klugheit und finde die Erkenntnis der Besonnenheit.“

Die Weisheit bewohnt die Klugheit. Was bedeutet das? Mein Haus, in dem ich wohne, wird durch meine Gegenwart geprägt. Ebenso wird die Klugheit – das ist zweckmäßiges und umsichtiges Handeln – durch die göttliche Weisheit geprägt. Weiterhin findet die Weisheit „die Erkenntnis der Besonnenheit“. Übereiltes, vorschnelles Handeln ist ihr fremd.

■ Weisheit beinhaltet grundsätzliche Erkenntnis der Gedanken und Wege Gottes; sie kennt „die Tiefen Gottes“ (1. Kor 2,10). Klugheit ist dagegen mehr die Anwendung von Weisheit.

8,13 „Die Furcht des Herrn ist: das Böse hassen. Stolz und Hochmut und den Weg des Bösen und den Mund der Verkehrtheit hasse ich.“

Petrus fordert uns auf: „Wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“ (1. Pet 1,17). Hier lernen wir, dass diese „Furcht des Herrn“ darin besteht, das Böse zu hassen. Man fürchtet sich, etwas zu tun oder gutzuheißen, was im Widerspruch zu Gott steht.51 Dabei geht es nicht nur um unser äußeres Verhalten, sondern wir müssen das Böse an sich aus tiefstem Herzen hassen. Wer Gott fürchtet, hasst das, was auch Er hasst: den „Weg des Bösen“. Es kann keine Gemeinschaft zwischen Licht und Finsternis geben (2. Kor 6,14). Die Weisheit hilft uns, dies zu praktizieren. Wir sollen „weise … zum Guten, aber einfältig zum Bösen“ sein (Röm 16,19).

Insbesondere hasst Gott Stolz und Hochmut. Stolz ist ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das zu einem überheblichen Verhalten (Hochmut) führt (Spr 21,24). Nicht den Hochmütigen, sondern „den Armen im Geist“ ist das Reich der Himmel verheißen (Mt 5,3). Wer hochmütig und stolz ist, meint, die Weisheit Gottes nicht nötig zu haben. Doch Gott „widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“ (1. Pet 5,5).

► Stolz und Hochmut zu hassen ist ganz einfach – wenn wir ihn bei anderen entdecken …

Auch den „Mund der Verkehrtheit“, also die Lüge, verabscheut Gott. Er „kann nicht lügen“ und sein „Wort ist Wahrheit“ (Tit 1,2; Joh 17,17).

8,14 „Mein sind Rat und Einsicht; ich bin der Verstand, mein ist die Stärke.“

Nachdem die Weisheit gezeigt hat, was sie hasst, sagt sie nun, welche hohen Werte sie stattdessen geben will. Wir finden sie in dem Herrn Jesus: Rat, Einsicht, Verstand und Stärke. Auch Hiob sagt: „Bei ihm ist Weisheit und Macht, sein ist Rat und Einsicht“ (Hiob 12,13).

Wenn wir Gottes Willen tun wollen und auf seinen „Rat“ warten, erhalten wir „Einsicht“, um uns jeweils für den richtigen Weg zu entscheiden und diesen dann mit „Verstand“ und Tatkraft („Stärke“) zu gehen.

■ Über den kommenden Messias wurde prophezeit: „Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn“ (Jes 11,2).

8,15 „Durch mich regieren Könige, und Fürsten treffen gerechte Entscheidungen; …“

Keiner braucht wohl mehr Weisheit als der, der in einer gewissen Führungsposition steht. Das gilt nicht nur für Staatsoberhäupter, sondern auch z. B. für Abteilungsleiter, Lehrer, Eltern oder solche, denen der Herr einen Aufseherdienst in seinem Volk anvertraut hat (1. Tim 3,1–7). In solchen „Positionen“ müssen oft wichtige Entscheidungen getroffen werden. Nur Gott kann helfen, dass sie gerecht ausfallen.

■ Als Gläubige warten wir darauf, mit Christus zu herrschen, während wir bis dahin mit Ihm leiden. Macht in der Politik auszuüben, ist daher nicht unsere Aufgabe, denn Christus ist hier verworfen, und wir mit Ihm.

8,16 „… durch mich herrschen Herrscher und Edle, alle Richter der Erde.“

Dies ist ein göttlicher Grundsatz, der auch im Neuen Testament bestätigt wird: „Es gibt keine Obrigkeit, außer von Gott“ (Röm 13,1). Dass Gott Menschen Macht über Menschen überträgt, ist eine Folge der Sünde. Jemand hat einmal dazu gesagt: „Die Obrigkeit ist wie ein Gipsverband um ein gebrochenes Bein. Er heilt das Bein nicht, aber er schützt und stützt es.“

■ Auch der König Salomo war sich der Abhängigkeit von Gott tief bewusst und betete: „Ich bin ein kleiner Knabe, ich weiß nicht aus- und einzugehen; … So gib denn deinem Knecht ein verständiges Herz, um dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gutem und Bösem; denn wer könnte dieses dein zahlreiches Volk richten?“ (1. Kön 3,7.9).

8,17a „Ich liebe, die mich lieben; …“

Noch deutlicher als vorher sehen wir jetzt in der Weisheit eine Person, denn eigentlich kann nur eine Person „lieben“. Wie wir wissen, ist es unser Herr Jesus Christus. Ihn sollen wir lieben, Ihn sollen wir suchen.

Lieben kann man nur, was man zuvor kennengelernt hat. Wir können die Weisheit nur lieben, wenn wir sie zuvor aufgenommen haben. Und wir können auch den Herrn Jesus nur wirklich lieben, wenn wir Ihn in seinem Wort betrachtet und uns mit Ihm beschäftigt haben. Vor allem der Gedanke daran, dass Er uns geliebt und sein Leben für uns gegeben hat (1. Joh 3,16), wird unsere Liebe zu Ihm immer mehr anfachen. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh 4,19).

Wenn Er dann sieht, dass Ihn einer seiner Erlösten von Herzen liebt, wird Er sich darüber freuen und sich ihm in besonderer Weise liebend zuwenden.52 Das erkennen wir an den Worten des Herrn Jesus in Johannes 14: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,23). Sein Wort ist die Offenbarung seiner Gedanken, und wer Ihn liebt, erfasst seine Gedanken und handelt entsprechend. So jemand erfährt in besonderem Maße die Zuwendung Gottes.

Natürlich liebt der Herr Jesus jeden seiner Erlösten mit derselben göttlichen Liebe. Aber hier wird gezeigt, dass es darüber hinaus noch eine besondere Liebe zu Einzelnen gibt. Auch der Herr Jesus hat durch seine Hingabe eine besondere Liebe des Vaters auf sich herabgezogen: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse“ (Joh 10,17).

■ Den Ausdruck „die mich [Gott] lieben“ finden wir öfter in Gottes Wort. Jede dieser Stellen regt zum Nachdenken an.53

8,17b „… und die mich früh suchen, werden mich finden.“

Den Ausdruck „früh suchen“ können wir sicherlich auf dreierlei Weise deuten:

  1. Früh im Leben: Gott möchte, dass Menschen errettet werden und mit Ihm durchs Leben gehen. Und je früher, desto besser! Ältere Menschen haben im Allgemeinen viel mehr Mühe, überhaupt die Suche nach echter Weisheit zu beginnen. Aber wer sie aufrichtig sucht, wird sie in dem Herrn Jesus finden. „Sucht den Herrn, während er sich finden lässt“ (Jes 55,6).
  2. Früh am Tag: Wenn wir morgens einen Abschnitt aus der Bibel lesen und beten, empfangen wir Weisheit. Das beinhaltet Leitung, Kraft und Bewahrung für den ganzen Tag. Dies haben wir in der uns umgebenden Gott feindlichen Welt dringend nötig. Darum wollen wir es uns zur Gewohnheit machen: „Früh [am Morgen] wirst du, Herr, meine Stimme hören, früh werde ich dir mein Anliegen vorstellen und harren“ (Ps 5,4).
  3. Früh beim Auftreten eines Problems: Oft versuchen wir, mit unseren Problemen erst einmal selbst fertigzuwerden. Doch besser ist es, von Anfang an die benötigte Weisheit bei Gott zu suchen. „Sucht, und ihr werdet finden“ (Mt 7,7; vgl. Ps 63,2; 1. Chr 28,9). Dann wird es gelingen!

► Wenn du nicht früh beginnst, den Herrn zu suchen, wird es einmal zu spät sein: „Sie werden mich eifrig suchen und mich nicht finden“ (Spr 1,28).

8,18 „Reichtum und Ehre sind bei mir, bleibendes Gut und Gerechtigkeit.“

Weisheit von Gott bringt Reichtum und Ehre, und zwar nicht unbedingt im materiellen Bereich, sondern eher als einen unvergänglichen Segen im geistlichen Bereich (s. Auslegung zu Spr 3,16). Gott möchte unser Leben durch seine Weisheit „bereichern“. Das ist kein vorübergehender Reichtum, der durch äußere Umstände verloren gehen kann, sondern „bleibendes Gut“. Davon können wir ein Leben lang zehren.

Es ist ein erhebender Gedanke, dass nicht nur wir Gott ehren sollen, sondern dass Er auch uns „ehren“ möchte. Der Herr Jesus sagt in Johannes 12,26: „Wenn jemand mir dient, so wird der Vater ihn ehren.“ Die Weisheit leitet uns zu einem Leben in praktischer Gerechtigkeit, und ein solches Leben gereicht uns zur „Ehre“ (vgl. Spr 21,21).

■ Alles, was in diesem Vers verheißen wird, haben wir der Stellung nach schon aus lauter Gnade von Gott empfangen. Welchen „Reichtum“ haben wir in geistlicher Hinsicht durch den Herrn Jesus erlangt (2. Kor 8,9)! Das „bleibende Gut“ erinnert an das „unverwesliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch“ (1. Pet 1,4). Außerdem haben wir durch Ihn, der die Weisheit ist, „Gerechtigkeit“ erlangt: „Ihr seid in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit“ (1. Kor 1,30).

8,19 „Meine Frucht ist besser als feines Gold und gediegenes Gold und mein Ertrag besser als auserlesenes Silber.“ (Spr 3,14; 16,16)

Nicht nur die Weisheit selbst, sondern auch ihre „Frucht“ und ihr „Ertrag“ stehen weit über allem, was die Erde oder die Welt an Kostbarkeiten zu bieten hat. Jakobus zählt einige ihrer Früchte auf: „Die Weisheit von oben aber ist erstens rein, dann friedsam, milde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt“ (Jak 3,17).

8,20 „Ich wandle auf dem Pfad der Gerechtigkeit, mitten auf den Steigen des Rechts, …“

Die Weisheit macht es uns vor und möchte, dass auch jeder von uns auf dem „Pfad der Gerechtigkeit“ wandelt. Unser Herr sagt: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6), und Ihm sollen wir folgen, unter allen Umständen.

Das hier mit „Steig“ übersetzte Wort bedeutet „gebahnter Weg“54. Die Weisheit besitzt und erfüllt also festgelegte Normen des „Rechts“.

► Frage dich: Gehe ich mitten auf den Steigen des Rechts? Verhalte ich mich immer und ganz eindeutig gerecht? Oder befinde ich mich manchmal ganz knapp an der Grenze zwischen Gut und Böse? Das wäre sehr gefährlich!

8,21 „… um die, die mich lieben, beständiges Gut erben zu lassen und um ihre Vorratskammern zu füllen.“

Wer den Herrn Jesus liebt und seinen Weg mit Ihm geht, wird gesegnet. Er hat immer genug „Vorrat“, denn „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Ps 23,1). Und dieses Gut ist „beständig“ (vgl. V. 18): „Nur Güte und Huld werden mir folgen alle Tage meines Lebens; und ich werde wohnen im Haus des Herrn auf immerdar“ (Ps 23,6).

8,22–31: Jetzt gibt uns der Heilige Geist eine wunderbare Beschreibung von der ewigen Existenz der Weisheit. Im Verlauf dieser Verse wird es immer deutlicher, dass es nicht allein um die Weisheit als eine Qualität Gottes geht, sondern um die personifizierte Weisheit. Es geht um den, der von Ewigkeit her Gott ist und bei Gott war (Joh 1,1). Wir dürfen einen Blick in die „zeitlose Zeit“ vor Beginn der Schöpfung tun. Dabei lernen wir indirekt, wie die Weisheit tätig war, diese wunderbare und gewaltige Schöpfung ins Dasein zu rufen. Weiter erfahren wir etwas über die ewigen Beziehungen zwischen Gott und seinem Sohn. Aber auch wir Menschen waren bereits Gegenstände der Wonne des Sohnes.

8,22 „Der Herr besaß mich im Anfang seines Weges, vor seinen Werken von jeher.“

Gott hat seine große Weisheit nicht irgendwann bekommen oder vergrößert, sondern Er besaß sie schon immer in Vollkommenheit, „von jeher“. Und angewandt auf seinen Sohn bedeutet das: Dieser „war im Anfang bei Gott“ (Joh 1,2). Bevor Gott in irgendeiner Weise schöpferisch tätig wurde, besaß Er die Weisheit, „besaß“ Er seinen Sohn.

8,23 „Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde.“

In der Schöpfung können wir die Weisheit Gottes wahrnehmen (Röm 1,20), aber die Weisheit existierte, bevor irgendetwas geschaffen war. Der göttliche Plan zur Erschaffung aller Dinge stand bereits fest, die Weisheit war „eingesetzt“ – und trat dann in Aktion.

8,24 „Ich war geboren, als die Tiefen noch nicht waren, als noch keine Quellen waren, reich an Wasser.“

Bevor eine „Finsternis über der Tiefe“55 war und erst recht vor der Sammlung der Wasser „an einen Ort“ (1. Mo 1,2.9), war die im Sohn offenbarte Weisheit bereits da.

„Ich war geboren“: Hieraus könnte man schließen, der Herr Jesus habe doch einen Anfang gehabt. Aber Er ist kein Geschöpf, wie dies lästernd behauptet wird. Er ist Gott von Ewigkeit, Gott, der Sohn, wie es die Bibel deutlich bezeugt (z. B. Joh 1,34; Kol 1,15.16).

Was ist also hier gemeint? Auf seine Menschwerdung kann es sich jedenfalls nicht beziehen, denn da gab es die Schöpfung bereits seit Jahrtausenden. Der Ausdruck „geboren“ kann also nur bildlich gemeint sein. Die Erklärung liegt darin, dass hier nicht steht „Ich wurde geboren“. Es geht also nicht um den Vorgang einer Geburt, sondern nur darum, dass Er schon da war, bevor irgendetwas anderes existierte. Entsprechend steht in Johannes 1,1 auch nicht: „Im Anfang wurde …“, sondern: „Im Anfang war das Wort“.

■ Hier noch einige Worte zu seiner Menschwerdung (die wie gesagt in diesem Vers nicht gemeint ist). Der dreieine Gott hat dem Sohn einen Leib bereitet (Heb 10,5), damit die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig in Ihm wohnen konnte (Kol 1,19; 2,9). Der Herr Jesus war uns als Mensch in einer gewissen Hinsicht ähnlicher als Adam, denn Er wurde von einer Frau geboren. Andererseits war Er nicht von einem Menschen gezeugt, sondern von Gott, dem Heiligen Geist (Lk 1,35). Er war von jeher Gott, der ewige Sohn (Joh 1,18), aber auch als Mensch „Sohn Gottes“ (Ps 2,7; Heb 1,5). Er ist wahrhaftig Mensch und zugleich der ewige Gott – ein Geheimnis, das wir weder untersuchen noch begreifen können. „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater“ (Mt 11,27).

8,25.26 „Bevor die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln war ich geboren; als er die Erde und die Fluren noch nicht gemacht hatte, und den Beginn der Schollen des Erdkreises.“

Nachdem in Vers 24 die Weltmeere und Wasserquellen angeführt wurden, geht es hier um die Landmasse der Erde. Aus 1. Mose 1,9 erfahren wir, dass die Berge aus den Wassern hervortraten. Ihre Gründung ist also in großen Tiefen („eingesenkt“). Dieser Vers wird bestätigt in Psalm 90,2: „Ehe geboren waren die Berge und du die Erde und den Erdkreis erschaffen hattest – ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott.“

8,27 „Als er die Himmel feststellte, war ich da, als er einen Kreis abmaß über der Fläche der Tiefe; …“

Wir lernen hier, dass der Weltraum „fixiert“ wurde und die Atmosphäre sich gleichmäßig über den Meeren („Tiefe“) der kugelförmigen („Kreis“) Erde verteilte. David schreibt: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündet seiner Hände Werk“ (Ps 19,2). Es sind die Hände des Sohnes Gottes! Hiob 22,14 sagt: „Er durchwandelt den Kreis des Himmels“, und in Jesaja 40,22 steht: „Er ist es, der da thront über dem Kreis der Erde …, der die Himmel ausgespannt hat wie einen Schleier und sie ausgebreitet hat wie ein Zelt zum Wohnen.“

8,28 „… als er die Wolken droben befestigte, als er Festigkeit gab den Quellen der Tiefe; …“

Gott machte die einzelnen Luftschichten (FußEÜ) fähig, Wasser zu speichern. Aber auch die riesigen Wasserspeicher unter der Erde entstammen seiner Weisheit. Was wären wir ohne das frische Wasser aus den unzähligen Quellen der Erde? Und wie wichtig es ist, dass Er diesen Quellen „Festigkeit“ gab, sehen wir an den schrecklichen Ausmaßen der Sintflut. Damals hob Er diese Festigkeit für eine Weile auf: „An diesem Tag brachen auf alle Quellen der großen Tiefe“ (1. Mo 7,11).

8,29 „… als er dem Meer seine Schranke setzte, dass die Wasser seinen Befehl nicht überschritten, als er die Grundfesten der Erde feststellte – …“

Den Wolken, dem Meer, den Quellen, der ganzen Erde – allem hat Er seine Grenzen zugewiesen. Mit den Elementen hat Er auch die Naturgesetze geschaffen, nach denen alles „funktioniert“. Jeremia schreibt: „Der ich dem Meer Sand zur Grenze gesetzt habe, eine ewige Schranke, die es nicht überschreiten wird“ (Jer 5,22; vgl. Hiob 38,8).

Das Meer ist groß, aber Gott ist größer. Das Meer hat Macht, wir erleben Sturmfluten und Überschwemmungen – aber Gott steht darüber. Er sprach: „Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, und hier sei eine Schranke gesetzt dem Trotz deiner Wellen“ (Hiob 38,11). Gott hat die „Wasser in ein Tuch gebunden“, wie Agur es bildlich ausdrückt (Spr 30,4). Wir brauchen uns also nicht vor den Mächten der Natur zu fürchten, denn diese Mächte stehen unter seiner göttlichen Macht.

In Verbindung mit den „Grundfesten der Erde“ stellte Gott Hiob die Frage: „Wo warst du, als ich die Erde gründete? … In was wurden ihre Grundfesten eingesenkt?“ (Hiob 38,4.6). Hiob blieb die Antwort schuldig.

8,30 „… da war ich Werkmeister bei ihm und war Tag für Tag seine Wonne, vor ihm mich ergötzend allezeit, …“

Am Ende dieser Beschreibung wird uns dreierlei mitgeteilt, was wir mit Anbetung zur Kenntnis nehmen:

Erstens wird bestätigt, dass die Weisheit, der ewige Sohn, nicht nur vor der Erschaffung der Welten existierte (das war das Thema der Verse 22–29), sondern dass der Sohn da auch schon als „Werkmeister“ feststand. Durch Ihn hat Gott die Welten gemacht (Heb 1,2). Die ewige Weisheit war in Ihm, der das Leben ist und der alles ins Leben gerufen hat (Joh 11,25; 1,3).

Zweitens sehen wir, dass, schon bevor irgendetwas erschaffen war, der Sohn der Gegenstand der Liebe des Vaters war: „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24). Er war und ist stets „im Schoß des Vaters“ (Joh 1,18). Wenn es für Gott diese „Wonne“ bereits vor Grundlegung der Welt gab, dann war sie demnach völlig unabhängig von der Erde und dem Menschen. Diese Wonne fand Gott von jeher ausschließlich und vollständig in seinem eingeborenen Sohn, und zwar „Tag für Tag“56 – ununterbrochen!

Drittens erfreute sich auch der Sohn an dem Vater und an seiner Liebe. Er „ergötzte“ sich allezeit vor Ihm.

Zwischen dem Vater und dem Sohn bestand und besteht also eine uneingeschränkte Harmonie. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Auch das wunderbare Schöpfungswerk geschah in dieser völligen Übereinstimmung zwischen dem Vater und seinem Sohn. Die Schönheiten der Schöpfung sind nicht nur für uns Menschen eine Quelle von Freude, sondern auch für den Schöpfer eine Quelle der Befriedigung. Er befand: „… und siehe, es war sehr gut“ (1. Mo 1,31). Vielleicht können wir sagen, dass der „Werkmeister“ auch deshalb zur Wonne Gottes war.

■ Als der Auferstandene ist Jesus das Haupt einer neuen Schöpfung. Diese besteht aus den Erlösten, die Er sich durch seinen Tod erworben hat (2. Kor 5,17). Dadurch hat Er seinem Vater einen neuen Beweggrund gegeben, „seine Wonne“ zu sein (Joh 10,17). „Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben“ (Phil 2,9). Er sitzt jetzt zur Rechten Gottes und ist nun in noch viel höherem Maß „Tag für Tag seine Wonne“.

8,31 „… mich ergötzend auf dem bewohnten Teil seiner Erde; und meine Wonne war bei den Menschenkindern.“

Beachten wir, dass es nicht heißt „Die Menschenkinder waren meine Wonne“ (wie Er selbst die Wonne Gottes war), sondern seine Wonne war „bei den Menschenkindern“. Das ist weniger, aber doch überwältigend. Schon vor Erschaffung der Erde, als noch keiner von uns existierte, hat Gott uns „zuvor erkannt“ (Röm 8,29) und mit „Wonne“ an uns gedacht. Er hatte Interesse an uns. Er liebte uns, obwohl Er wusste, dass wir verdorbene, sündige Menschen sein würden. Als der Sohn dann auf die Erde kam und für uns sein Leben in den Tod gab, hatte diese Wonne bei den Menschenkindern ihr Ziel und ihr Ergebnis völlig erreicht.

■ Als Jesus geboren wurde, riefen die Engel: „Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lk 2,14). Damals war Er der einzige Mensch, an dem Gott seine Wonne, sein Wohlgefallen, haben konnte. Doch seit seiner Auferstehung gibt es Scharen von Menschen, an denen Gott nun gleichfalls seine Wonne hat.

8,32–36: Die letzten Verse dieses Kapitels enthalten die abschließende Ermahnung, nun auf diese wunderbare Weisheit auch zu hören. Das wird nicht weniger als dreimal wiederholt (V. 32.33.34).

8,32 „Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich: Glückselig sind, die meine Wege bewahren!“ (Spr 5,7; 7,24)

Das „Nun denn“ bezieht sich offensichtlich auf die großartige Entfaltung der Weisheit in den vorigen Versen. Wenn die Weisheit derart gewaltig und ewig ist – sollten wir dann nicht auf sie hören?

Der Herr, die Weisheit in Person, kam als Mensch auf die Erde und ruft uns nun auf, Ihm nachzufolgen, indem wir „seine Wege bewahren“. Dazu müssen wir sein Leben betrachten und uns gut merken („hören“), wie Er in den verschiedenen Situationen gehandelt hat. Das bringt Segen und macht „glückselig“ (vgl. Lk 11,28).

8,33 „Hört Unterweisung und werdet weise, und verwerft sie nicht!“

Es besteht offenbar die Gefahr, dass wir die göttliche Unterweisung verwerfen (Spr 3,11; 13,18). Vor allem dann, wenn wir merken, dass wir unser Verhalten korrigieren müssten. Wie schnell sagen wir dann vielleicht: „Ich sehe das anders!“ oder: „Das gilt nicht für mich!“ Solche Einwände zeugen nicht von Weisheit.

8,34 „Glückselig der Mensch, der auf mich hört, indem er an meinen Türen wacht Tag für Tag, die Pfosten meiner Tore hütet!“

Dies könnte sich auf Vers 3 beziehen. Die Weisheit hat sich an den Pforten der Stadt aufgestellt und ruft. Wer sich dort aufhält, dort „wacht“, bekommt alles mit, was sie sagt. Die Söhne Korahs hatten das verstanden: „Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes, als wohnen in den Zelten der Gottlosen“ (Ps 84,11). Für uns ist es das Hören biblischer Vorträge oder der Besuch von Bibelkonferenzen. Ähnlich hat sich auch Maria verhalten, „die sich auch zu den Füßen Jesu niedersetzte und seinem Wort zuhörte“ (Lk 10,39).

Die „Pfosten meiner Tore hüten“ geht vielleicht noch weiter. Im Haus Gottes gibt es den Dienst von Aufsehern und Ältesten, deren Aufgabe es ist, auf die Gläubigen – die ja das Haus Gottes bilden – und auf die Lehre achtzuhaben (Apg 20,28; 1. Tim 4,16). Aber man kann es sicher auch anwenden auf Väter, die mithilfe der Worte der Weisheit darauf achten sollen, dass sich nichts Böses in ihre Familie einschleicht (5. Mo 6,6–9).

8,35 „Denn wer mich findet, hat das Leben gefunden und Wohlgefallen erlangt von dem Herrn.“

Wer die Weisheit eifrig sucht, wird sie finden (Spr 8,17), und wer sie findet, „hat das Leben gefunden“. In seinen Abschiedsreden ermahnt Mose das Volk Israel, auf die Stimme Gottes zu hören und schließt dann mit den Worten: „Denn das ist dein Leben und die Länge deiner Tage“ (5. Mo 30,20). Weisheit macht das Leben erst lebenswert. Leben und göttliche Gunst findet man nur in der ewigen Weisheit (Spr 3,18). Die Weisheit ist die „Wonne“ Gottes (V. 30) und nun erlangt jeder, der sie findet, ebenfalls „Wohlgefallen von dem Herrn“.

■ Vom christlichen Standpunkt aus betrachtet, geht dieser Vers aber noch viel weiter und weist auf etwas viel Grundsätzlicheres hin: Wer den Herrn Jesus im Glauben gefunden hat, kommt in den Besitz des ewigen Lebens, denn Er ist selbst „das ewige Leben“ (Joh 3,16; 1. Joh 5,20). Und in Ihm haben wir jetzt bei Gott auch „Wohlgefallen erlangt“, denn Er liebt uns, wie Er seinen Sohn geliebt hat (Joh 17,23).

8,36 „Wer aber an mir sündigt, tut seiner Seele Gewalt an; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“

Ein Mensch, der nicht auf die Weisheit hört, versündigt sich an ihr. Er zeigt, dass er sie „hasst“. Wer seine Ohren vor Gottes Wort verschließt, beraubt sich aller Segnungen. Er tut auf diese Weise „seiner Seele Gewalt an“. Er hat weder Frieden noch echte Freude. Er genießt weder die göttliche Liebe noch eine lebendige Hoffnung. Sein Leben ist trostlos.

Aber mehr noch: Er geht letztendlich dem zweiten Tod entgegen! Ob sich jeder, der Christus ablehnt, der Tatsache bewusst ist, dass er den Tod liebt?

► Denke bitte nicht: „Das betrifft mich nicht; ich bin ja ein gläubiger Christ.“ Auch ein echter Gläubiger kann sein Ohr dem Wort Gottes verschließen und einen Weg des Verderbens gehen. Gott ruft ihm dann zu: „Du liebst den Tod!“ Denn wenn er auch nicht den zweiten Tod erleiden wird, so können die schlimmen Folgen der Sünde für ihn doch schon während seines Lebens zu „Todesqualen“ werden – ganz abgesehen davon, dass Gott ihn auch den vorzeitigen leiblichen Tod erleiden lassen kann.

b) Gegensätzlichkeit von Weisheit und Torheit (Kap. 9)

Zum Abschluss dieses ersten großen Teils der Sprüche ruft Kapitel 9 nun zu einer Entscheidung auf. Es werden uns zwei Häuser vorgestellt: das Haus der Weisheit und das der Torheit. Beide laden zum Mahl ein. Dazwischen werden die Spötter (die sich für die Torheit entscheiden) den Weisen (die sich für mehr Weisheit entscheiden) gegenübergestellt:

Spr 9,1–6: Das Haus der Weisheit
Spr 9,7–12: Gegensatz zwischen dem Spötter und dem Weisen
Spr 9,13–18: Das Haus von „Frau Torheit“

Auch Mose stellt sein Volk kurz vor Eintritt in das Land Kanaan vor die Entscheidung: „Das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebest“ und: „So haltet sie [die Gebote] und tut sie! Denn das wird eure Weisheit und euer Verstand sein vor den Augen der Völker, die alle diese Satzungen hören und sagen werden: Diese große Nation ist ein wahrhaft weises und verständiges Volk“ (5. Mo 30,19; 4,6). Dann aber zeigt die Geschichte Israels leider das Gegenteil. Sie wurden „zum Sprichwort und zur Spottrede unter allen Völkern“ (1. Kön 9,7).

► Bewundert man an deinem konsequent christlichen Verhalten die Weisheit Gottes, oder wird man dich wegen deiner inkonsequenten Haltung verspotten?

9,1–6: Zuerst lädt die Weisheit zu ihrem Mahl ein. Gott stellt im Allgemeinen erst das Gute vor, bevor Er vor dem Schlechten warnt.

9,1 „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen; …“

Nachdem die Weisheit in Kapitel 8 draußen ihre Stimme hat hören lassen, lädt sie jetzt in ihr Haus ein. Salomo war dazu prädestiniert, dieses Bild zu verwenden, denn er, der „weiser als alle Menschen“ war (1. Kön 5,11), bekam von Gott den Auftrag, Ihm ein Haus zu bauen.

Säulen sind in der Bibel einerseits ein Bild von Standfestigkeit und Unterstützung, andererseits von Schmuck (1. Kön 7,2.6.15–22). Hier sind es „sieben Säulen“. Wir finden also in der Weisheit eine Vollkommenheit an Unterstützung und Beistand. Und wer in ihr Haus eintritt, indem er sich mit der Bibel beschäftigt, wird alles schön und herrlich finden.

■ Die sieben Säulen erinnern auch an die siebenfältige Gabe des Geistes, die auf Christus ruhte (Jes 11,2).

9,2 „… sie hat ihr Schlachtvieh geschlachtet, ihren Wein gemischt, auch ihren Tisch gedeckt; …“

Es gibt kaum ein schöneres Bild von Gemeinschaft als eine gemeinsame Mahlzeit. Im Haus der Weisheit gibt es keinen Mangel, sondern genug für alle, und zwar in bester Qualität. „Schlachtvieh“ spricht von geistlicher Nahrung, „Wein“ von geistlicher Freude (Ri 9,13). Es ist alles bereit. Der Tisch wartet sozusagen auf Gäste. Wir müssen nur zugreifen.

■ Wir können hier auch an die zukünftigen Segnungen im Tausendjährigen Reich denken. Davon sagt Gott prophetisch bei den Anordnungen zum Laubhüttenfest: „… und du sollst nur fröhlich sein“ (5. Mo 16,15).

9,3 „… sie hat ihre Mägde ausgesandt, lädt ein auf den Höhen der Stadt: …“

Als Jesus auf der Erde lebte, rief Er: „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben“ (Mt 11,28). Heute benutzt Er zur Verbreitung dieser Einladung seine Boten.

Die Einladung wird auf den „Höhen der Stadt“ ausgerufen, damit sie weithin gehört wird: „Was ihr hört ins Ohr, verkündet auf den Dächern“ (Mt 10,27). Es erstaunt, dass die Botschaft von Frauen hinausgetragen wird. Soll das vielleicht darauf hinweisen, dass wir uns immer unserer Abhängigkeit bewusst sein sollen, wenn wir das Evangelium verbreiten?

► Auch der Herr Jesus benutzt das Bild eines Gastmahls, zu dem Gott einlädt (Mt 22,1–14; Lk 14,16–24). Leider haben viele seine Einladung ausgeschlagen. Was sagst du zu der Einladung der Weisheit?

■ In der Zukunft wird auch dem Volk Israel eine gute Botschaft verkündigt werden. Bis heute ist es ja unter die Völker zerstreut. Aber Gottes Barmherzigkeit wird sich ihnen nach der Entrückung wieder zuwenden. Das prophezeite bereits Jesaja. Nach einem dreifachen „Hört auf mich“ (Jes 51,1.4.7) und „Wache auf“ (Jes 51,9.17; 52,1) lesen wir dann den Ausruf: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt“ (Jes 52,7).

9,4a „Wer ist einfältig? Er wende sich hierher!“ (Spr 9,16)

Der Aufruf erfolgt an die Einfältigen. Sie sind es, die Hilfe nötig haben. Deshalb sagt Jesus: „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Mt 5,3). Paulus bestätigt, dass „die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte …, sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er die Weisen zuschanden mache“ (1. Kor 1,21.27).

Leider gibt es aber unter den Einfältigen solche, die sich nicht „einfältig“, sondern sehr weise vorkommen. Folglich werden sie diese Einladung nicht auf sich beziehen – zu ihrem eigenen Schaden!

9,4b.5 „Zu den Unverständigen spricht sie:,Kommt, esst von meinem Brot und trinkt von dem Wein, den ich gemischt habe!“

In einer Welt, wo (fast) jeder nur an sich denkt, gibt es so ein Angebot nicht. Aber Gott ist freigebig. Wie das Fleisch, so ist auch das Brot ein Bild von geistlicher Nahrung (5. Mo 8,3). Christus selbst ist das „Brot des Lebens“ (Joh 6,35). Der Wein wurde gemischt. Daran sehen wir, wie vielfältig geistliche Freude ist. „Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht“ (Ps 16,11).

■ Dieser Vers erinnert an das Mahl, das der Herr Jesus uns „zu seinem Gedächtnis“ hinterlassen hat. Wir haben das Brot als „Gemeinschaft des Leibes des Christus“ und „den Kelch der Segnung“ als „Gemeinschaft des Blutes des Christus“ Das sagt Paulus allerdings zu „Verständigen“ (1. Kor 10,15.16)!

9,6 „Lasst ab von der Einfältigkeit und lebt, und beschreitet den Weg des Verstandes!’“

Wenn meine Denkweise von irdischen Dingen geprägt ist, bin ich einfältig. Dann lasse ich Gott aus dem Spiel. Wie kann ich dann „von der Einfältigkeit ablassen“? Dazu muss ich zunächst erkennen, dass meine bisherige Denkweise falsch ist. Dann muss ich bereit sein, eine neue, richtige Denkweise anzunehmen. Wenn ich dann die Worte der Weisheit höre und auch noch befolge, werde ich meine bisherige Einfältigkeit fahren lassen. Dann „lebe“ ich (vgl. Spr 8,35).

Es geht darum, inmitten einer Welt zu leben, wo überall Tod ist. Aber es gibt da einen „Weg des Verstandes“: „Vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28). Wenn wir mit Verstand zu Gott aufblicken – und nicht wie unverständige Tiere zur Erde hinab –, werden wir geführt und bewahrt.

9,7–12: Diese Verse behandeln den Gegensatz zwischen dem Spötter und dem Weisen.

9,7 „Wer den Spötter zurechtweist, zieht sich Schande zu; und wer den Gottlosen straft, sein Schandfleck ist es.“

Der Spötter stellt sich über andere, indem er ihre Worte, ihr Verhalten oder ihre ganze Person belächelt und verunglimpft. Er lässt sich durch Worte der Weisheit nicht beeindrucken (Spr 1,22; 13,1; 15,12), sondern verspottet auch diese. Zurechtweisung ist zwecklos, im Gegenteil: Durch sein Gespött „zieht man sich Schande zu“. Wie ist das zu verstehen?

Manchmal treffen wir auf Menschen, deren Herz derart verhärtet ist, dass sie nur noch lästernd über das Evangelium herziehen. Das bringt „Schande“ über uns und das Wort Gottes. Judas hat bereits gewarnt, „dass am Ende der Zeit Spötter sein werden, die nach ihren eigenen Begierden der Gottlosigkeit wandeln“ (Jud 18). Sie sind unbelehrbar und wir sollen uns von ihnen abwenden (Spr 22,10). Deswegen warnt auch der Herr Jesus davor, heilige Dinge den Schweinen vorzuwerfen (Mt 7,6). Der Prophet Amos lebte in einer gottlosen Zeit und sagt: „Darum schweigt der Einsichtige in dieser Zeit, denn es ist eine böse Zeit“ (Amos 5,13). Die göttliche Weisheit wird uns zeigen, wann wir besser schweigen sollten, bevor ein „Schandfleck“ auf unser Zeugnis kommt (Pred 3,7).

9,8 „Strafe den Spötter nicht, dass er dich nicht hasse; strafe den Weisen, und er wird dich lieben.“

Es geht hier wohl um die Strafe der Zurechtweisung. Dies ist eine der schwersten Aufgaben, und sie muss feinfühlig geschehen. Einfach nur Protest zu äußern, ist schlimmer als nutzlos. Zurechtweisung erfordert Weisheit und Takt. Bei einem Spötter aber müssen wir damit rechnen, dass er so nicht erreicht wird, weil ihm offensichtlich die Einsicht fehlt.

Auch ein Weiser benötigt hin und wieder Korrektur und Tadel. Wenn er feststellt, dass der Tadel gerechtfertigt ist, wird er dem Tadler danken und ihn lieben (Spr 25,12). Aber auch wenn er glaubt, die Ermahnung sei unangebracht, wird er dennoch in Ruhe darüber nachdenken und die Angelegenheit im Gebet mit Gott besprechen. Dieser wird ihm zeigen, ob und wo eine Korrektur nötig ist.

► Wie verhalte ich mich, wenn mich jemand zurechtweist? Brause ich auf? Versuche ich, mich zu verteidigen? Zahle ich etwa mit gleicher Münze heim?

9,9 „Gib dem Weisen, so wird er noch weiser; belehre den Gerechten, so wird er an Kenntnis zunehmen. – „

Wirkliche Weisheit besteht darin, Belehrung anzunehmen. Insofern sind Kinder oft „weiser“ als Erwachsene, denn sie halten sich nicht für klug und sind wissbegierig (Mt 18,3.4). Je weiser jemand ist, desto leichter wird er an Erkenntnis zunehmen (Spr 12,15). Daniel pries seinen Gott, denn „er gibt den Weisen Weisheit, und Verstand den Verständigen“ (Dan 2,21).

Der Gerechte hat den Wunsch, alles nach Gottes Gedanken zu beurteilen und zu tun. Daher wird er sich gerne belehren lassen, um Gottes Willen noch besser kennenzulernen („an Kenntnis zunehmen“).

9,10 „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.“ (Spr 1,7; Ps 111,10)

Diese wichtige, grundlegende Aussage umrahmt quasi den ersten großen Teil des Buches der Sprüche (Spr 1–9). Sie enthält das tiefe Geheimnis, wie göttliche Weisheit erlangt werden kann. Es gelingt nur auf der Basis der „Furcht des Herrn“, dieser Ehrfurcht vor dem Heiligen, dem Gerechten, dem Ewigen. Er blickt auf den, „der da zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2).

Ohne die „Erkenntnis des Heiligen“ ist jede Kenntnis im Grunde wertlos – auch im praktischen Leben. Und nur „durch die Erkenntnis Gottes“ können wir innerlich wachsen und an „Verstand“ zunehmen (Kol 1,10).

■ Jeder (gesunde) Mensch hat von Gott einen Verstand bekommen. Unter der Furcht des Herrn vollbringt er damit großartige Taten. Aber fern von Gott, „verfinstert am Verstand“ (Eph 4,18), denkt er sich alles mögliche Schlechte und Verkehrte aus.

9,11 „Denn durch mich werden deine Tage sich mehren, und Lebensjahre werden dir hinzugefügt werden.“

Gott verhieß dem treuen Israeliten ein langes Leben (5. Mo 11,21). Das wird sich im Tausendjährigen Reich buchstäblich erfüllen.

Aber schon bei der Betrachtung von Sprüche 3,2 sahen wir, dass es hier für uns nicht unbedingt um die Dauer, sondern eher um die Qualität des Lebens geht. Nur wer gemäß der göttlichen Weisheit lebt, hat ein wirklich erfülltes Leben.

■ Im Neuen Testament wird ein Leben gemäß der Weisheit Gottes und in Übereinstimmung mit Ihm oft mit dem Ausdruck „Gottseligkeit“ umschrieben. Was Paulus dazu schreibt, deckt sich mit unserem Vers: „Die Gottseligkeit aber ist zu allen Dingen nützlich, da sie die Verheißung des Lebens hat, des jetzigen und des zukünftigen“ (1. Tim 4,8).

9,12 „Wenn du weise bist, so bist du weise für dich; und spottest du, so wirst du allein es tragen.“

Abschließend wird hier noch einmal der Weise dem Spötter gegenübergestellt. Beide haben ihre persönliche Verantwortung. Beide stellen sich selbst die Weichen für die Zukunft.

In erster Linie hat der Mensch selbst Nutzen davon, die Weisheit – den Herrn Jesus! – angenommen zu haben. Er wird in allen Lebenslagen und auch im Hinblick auf die Ewigkeit davon profitieren. Umgekehrt trägt er auch ganz alleine den Schaden – in letzter Konsequenz die ewige Verdammnis –, wenn er Ihn ablehnt. „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten. Denn wer für sein eigenes Fleisch sät, wird von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber für den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten“ (Gal 6,7.8).

9,13–18: Sozusagen als letzte Warnung stellt Salomo jetzt ausführlich den schädigenden Einfluss der Torheit dar. Wir stellen fest, dass sie überall gegenwärtig ist und wir uns leicht von ihr einfangen lassen.

9,13 „Frau Torheit ist leidenschaftlich; sie ist lauter Einfältigkeit und weiß gar nichts.“

Wir haben bereits gesehen, dass es beim Begriff „Torheit“ nicht um eine geringe Intelligenz geht, sondern um das bewusste Ablehnen göttlicher Autorität: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“ (Ps 14,1). Torheit ist Sünde. Das sagt der Herr Jesus deutlich in Markus 7,21.22: „Denn von innen aus dem Herzen der Menschen gehen hervor die schlechten Gedanken: Hurerei, Dieberei, Mord, Ehebruch …, Torheit.“

Die Torheit wird als Frau dargestellt. Das heißt natürlich nicht, dass Frauen törichter sind als Männer. Doch sie üben oft einen verführerischen Einfluss aus (Spr 7; vgl. auch Eva). Gott will nicht, dass Frauen öffentlich lehren (1. Tim 2,12), aber „Frau Torheit“ kümmert das nicht. Sie ergreift jetzt das Wort!

Sie ist sozusagen die Rivalin der Weisheit. Sie hat keinerlei Kenntnis von Gott. Sie ist so „einfältig“, dass sie nicht in der Lage ist, Gut und Böse zu unterscheiden. Dennoch beharrt sie „leidenschaftlich“ auf ihrer Meinung.

9,14 „Und sie sitzt am Eingang ihres Hauses, auf einem Sitz an hochgelegenen Stellen der Stadt, …“

Es fällt auf, dass der Heilige Geist fast dasselbe auch von der Weisheit berichtet (Spr 9,3). Frau Torheit imitiert also die Weisheit. Das ist besonders gefährlich. Auch Satan verkleidet sich als „Engel des Lichts“ oder als „listige Schlange“ (2. Kor 11,14.3). Ähnlich wird später der Antichrist „gleich einem Lamm“ (Off 13,11) reden und viele verführen.

9,15 „… um einzuladen, die auf dem Weg vorübergehen, die ihre Pfade gerade halten: …“

Die Torheit lädt ein – ebenso wie auch die Weisheit (Spr 9,1–3). Doch hat sie kein Haus mit „sieben Säulen“. Wie Vers 17 zeigt, besitzt sie auch weder Schlachtvieh noch Wein noch einen gedeckten Tisch.

Ihre Einladung richtet sich ausgerechnet an solche, „die ihre Pfade gerade halten“ (vgl. Spr 28,10). Genauso verhält sich der Teufel: Er will besonders die treuen Gläubigen zur Sünde verleiten. Bei Jesus hat er es vergeblich versucht (Mt 4,1–11). Welchen Erfolg hat er bei uns?

Wir sollten bei den Verführungen der Torheit nicht nur an moralische Sünden denken. Die Gefahr vor falschen Lehren ist ebenso groß. Viele Irrlehrer sind bemüht, ihre Gedanken in Zeitschriften, Büchern oder durch das Internet zu verbreiten. Das mahnt uns zur Vorsicht!

9,16a „Wer ist einfältig? Er wende sich hierher!“ (Spr 9,4)

Es ist erschreckend: Exakt dieselben Worte verwendet die Weisheit! Daher ist es enorm wichtig, dass wir genau nachforschen, welchen Ursprung eine an uns herangetragene Botschaft hat.

► Der Einfältige – und wer von uns will behaupten, dass er nicht (manchmal) dazugehört? – wird von beiden Seiten bedrängt: Weisheit kontra Torheit. Nun muss er sich entscheiden!

9,16b.17 „Und zum Unverständigen spricht sie:,Gestohlene Wasser sind süß, und heimliches Brot ist lieblich.’“

Die Weisheit bietet ihren gemischten Wein und ihr Brot an. Das sind Segnungen, die Gott uns gibt und die gut für uns sind. Dagegen verleitet uns Frau Torheit, Dinge zu genießen, die Gott uns verbietet. Hat sie das nicht schon bei Adam und Eva erfolgreich praktiziert? Die Lust treibt immer zu verbotenen Dingen – gerade weil sie verboten sind. „Die Kraft der Sünde ist das Gesetz“ (1. Kor 15,56; vgl. Röm 7,8). Wenn eine Werbebotschaft den Satz enthält: „Lesen Sie dies nicht“, dann will man es erst recht lesen.

■ In gleichem Maß, wie der natürliche Mensch das Verbotene begehrt, misstraut er dem, was ihm umsonst angeboten wird, was er nicht „stehlen“ muss. Daher wird Gottes Gnade von vielen Menschen abgelehnt.

9,18 „Und er weiß nicht, dass dort die Schatten sind, in den Tiefen des Scheols ihre Geladenen.“

Der Einfältige ahnt nicht, was auf ihn zukommt, wenn er auf die verlockenden Angebote von Frau Torheit hört. Alle, die sich vor ihm auf die Torheit der Sünde eingelassen haben („ihre Geladenen“), befinden sich bei den Toten („Schatten“; Spr 2,18), also im Totenreich („Scheol“) – oder jedenfalls auf dem Weg dorthin. „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23).

Welch ein Gegensatz zu den Abschlussversen des 8. Kapitels. Dort wird derjenige, der auf die Stimme der Weisheit hört, glückselig genannt.

Fußnoten

  • 1 Zwar wird er in diesem Vers als „König von Israel“ vorgestellt, doch geht es im Buch der Sprüche weniger um die Ausübung von Regierungsgeschäften.
  • 2 In Spr 23,4 steht dasselbe hebr. Wort für „Klugheit“ wie hier für „Verstand“.
  • 3 Man denke nur an die jeweils gleichen hebräischen Worte für die konträren Begriffe: Besonnenheit – Ränke; Kenntnis/Lehre – böses Zureden; weiser Rat – gottlose Überlegungen.
  • 4 Das heißt nicht, dass ein Ungläubiger nicht auch Nutzen aus dem Buch der Sprüche ziehen kann. Er wird ja auch immer wieder direkt angesprochen.
  • 5 Der Ausdruck „Furcht des Herrn“ findet sich außerhalb der Sprüche nur in folgenden acht Versen: 2. Chr 19,9; Ps 19,10; 34,12; 111,10; Hiob 28,28; Jes 11,2.3; 33,6.
  • 6 Vgl. z. B. 2. Mo 25,22; 5. Mo 17,6; 2. Kor 13,1; 1. Tim 5,19.
  • 7 Dabei sollten wir bedenken, dass die Erlösung selbst kein Thema des Buches der Sprüche ist.
  • 8 1. Keine anderen Götter; 2. Kein geschnitztes Bild; 3. Gottes Namen nicht zu Eitlem aussprechen; 4. Sabbat heiligen (2. Mo 20,2–11).
  • 9 2. Mo 20,12; 5. Mo 5,16; Mal 1,6; Mt 15,4; 19,19; Mk 7,10; 10,19; Lk 18,20; Eph 6,1.
  • 10 Das hebr. Wort für „Hals“ kann auch mit „Nacken“ übersetzt werden. Der Nacken ist oft ein Symbol für den menschlichen Willen, der sich entweder beugt oder nicht beugen will.
  • 11 „Scheol“ (wörtlich: „Grube“) bezeichnet den Aufenthaltsort der Seelen der Gestorbenen.
  • 12 FußEÜ; in Spr 8,17 steht dasselbe hebr. Wort.
  • 13 D. h. ein Schutzschild, vgl. auch 1. Mo 15,1; Ps 33,20; 84,12; 144,2.
  • 14 Mt 8,22; 9,9; 10,38; 16,24; 19,21; Joh 1,43; 8,12; 12,26; 21,19.22; 1. Pet 2,21.
  • 15 Vor Gott: z. B. 2. Kön 17,9; Jes 29,15; vor Menschen: z. B. Hiob 24,15; Eph 5,12.
  • 16 Abel: Heb 11,4; Noah: 1. Mo 6,9; Joseph: Mt 1,19; Simeon: Lk 2,25; Johannes: Mk 6,20; Joseph von Arimathia: Lk 23,50.
  • 17 Dies wird 19-mal gesagt – und einmal vom murrenden Volk über Ägypten (4. Mo 16,13).
  • 18 Das Allerheiligste war in allen drei Dimensionen gleich, also würfelförmig (je 10 Ellen im Zelt der Zusammenkunft, je 20 Ellen im Tempel), ebenso das neue Jerusalem (Off 21,16). Man denke auch an die drei Personen der Gottheit.
  • 19 Menge übersetzt „Beifall“, F. E. Schlachter übersetzt „Wohlgefallen“.
  • 20 Es gibt leider Ausnahmen, was besonders unser Herr erfahren musste (z. B. Ps 38,21; Lk 4,22.28).
  • 21 Samuel: 1. Sam 2,26; Esther: Est 2,17; Christen: Apg 2,47.
  • 22 Siehe auch Spr 26,12; Phil 2,3; Kol 3,12; 1. Pet 5,5.
  • 23 Jeder wiedergeborene Christ ist der Stellung nach bereits „geheiligt“ (z. B. Kol 1,22; 1. Pet 1,2), d. h. aus der Welt für Gott abgesondert. Infolgedessen sollte er auch in praktischer Hinsicht „heilig“ sein – und darum geht es hier.
  • 24 Siehe Einleitung: Die äußere Form der Sprüche.
  • 25 Vgl. Ps 102,26; Heb 1,10; Röm 1,20; Hiob 37,14; 38,4–7.
  • 26 Eph 4,2; Phil 2,3; Kol 3,12; 1. Pet 3,8; 5,5.
  • 27 4 Himmelsrichtungen; 4 Flüsse in Eden; 4 Evangelien (Jesus auf der Erde).
  • 28 Der Plural wird auch in Spr 5,7 und beim Abschluss dieser Unterweisung in Spr 7,24 verwendet.
  • 29 Die Schrift erwähnt allerdings nur 2 Töchter (1. Kön 4,11.15) und den Sohn Rehabeam.
  • 30 Joel u. Abija: 1. Sam 8,1–3; Amnon u. Absalom: 2. Sam 13; Manasse: 2. Kön 21,1–18.
  • 31 2. Tim 4,8; Jak 1,12; 1. Pet 5,4; Off 2,10; 3,11; 4,4.
  • 32 Z. B. Eph 4,29; Kol 3,8.9; 1. Pet 3,10; Ps 34,14.
  • 33 Siehe Stichwortverzeichnis, Thema „Frauen“.
  • 34 In der Geschichte Abrahams und Isaaks sieht man, dass in alter Zeit sogar Heiden noch ein Empfinden für sexuelle Reinheit hatten (1. Mo 20,9; 26,10.11).
  • 35 Fremde Götter: 1. Mo 35,2; Jos 24,23; Feuer: 3. Mo 10,1; Hirten: Joh 10,5.
  • 36 Wermut ist ein Bitterkraut, dessen Genuss tatsächlich einem zweischneidigen Schwert gleicht: Es fördert nicht nur die Verdauung, sondern seine ätherischen Öle wirken bei hochdosiertem Langzeitgebrauch auch sinnverwirrend. Das wusste natürlich auch Salomo.
  • 37 Ein Sammelbehälter für (Regen-)Wasser.
  • 38 F. E. Schlachter und H. Menge.
  • 39 Selbstverständlich kann jemand auch unverschuldet in große Not geraten.
  • 40 Personen mit einer amtlichen Autorität (Apostel und Älteste) gab es nur zu Beginn des Christentums. Heute gibt es zwar noch „Führer“ (Apg 15,22; Heb 13,7.24) und solche, die „vorstehen“ (1. Thes 5,12), doch haben sie keine amtliche Autorität. Sie werden aufgrund ihrer Arbeit, in der der Heilige Geist sie leitet, als solche erkannt.
  • 41 Vgl. auch die Jünger (Mt 26,40); die Jungfrauen (Mt 25,5); Eutychus (Apg 20,9).
  • 42 Vgl. Worterklärungen in der „Elberfelder Übersetzung“.
  • 43 Siehe Einleitung: Die äußere Form der Sprüche; Spr 30,10–33.
  • 44 In Hesekiel 28,12–19 wird der Teufel im Bild des Königs von Tyrus beschrieben.
  • 45 Z. B. Ps 52,5; Jes 59,3; Hos 4,1.2; 7,3.13; 12,1; Amos 2,4; Micha 6,12; Nah 3,1
  • 46 Z. B. Spr 4,24, wo das Thema Lüge und ihre verschiedenen Formen beleuchtet wird.
  • 47 Gehasi: 2. Kön 5,21; Feinde: Esra 4,23; Haman: Est 3,15; bei Daniel: Dan 6,7.12.16.
  • 48 Prostituieren = öffentlich preisgeben, herabwürdigen (Duden: Fremdwörterbuch).
  • 49 5 Finger an einer Hand; 5 Gebote auf jeder Gesetzestafel; 5 Talente (Mt 25,14–16).
  • 50 Vgl. dazu Mt 7,28; Mk 12,37; Lk 2,47; 4,22.28; Joh 7,46; 8,58.59.
  • 51 Vgl. Auslegung zu Spr 1,7; siehe auch Spr 16,6; Ps 34,12–15.
  • 52 Es geht hier also nicht in erster Linie um die Liebe Gottes zum Sünder.
  • 53 5. Mo 7,9; 11,13–15; Ri 5,31; Ps 145,20; Röm 8,28; 1. Kor 2,9; Jak 1,12; 2,5.
  • 54 So wird es auch in Spr 12,28 übersetzt, sonst jedoch im Buch der Sprüche stets mit „Pfad“.
  • 55 Eig. tiefe, rauschende Wassermenge (FußEÜ).
  • 56 Auch dies ist offensichtlich Bildersprache, da es vor der Schöpfung noch keine „Tage“ gab (1. Mo 1,4).
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel