Er lehrte sie vieles in Gleichnissen (Band 1)

Der anwesende Bräutigam

Er lehrte sie vieles in Gleichnissen (Band 1)

In dem Leben des Herrn Jesus auf der Erde gab es manches, woran sich die Menschen stießen und was besonders den Juden ein Ärgernis war. Die Wurzel dafür lag in ihrem bösen Herzen des Unglaubens. Sie wußten und glaubten einfach nicht, WER da vor ihnen war. Die Herrlichkeit Seiner Person war ihnen verborgen.

Einmal hatte Er sich von einem Zöllner, den Er gerade in Seine Nachfolge berufen hatte, einladen lassen. Levi (Matthäus) hatte Ihm ein großes Mahl in seinem Haus gemacht, und viele Zöllner und Sünder waren mit Ihm an der Tafel gewesen (Mt 9,9ff; Mk 2,14ff; Lk 5,27ff).

Die Schriftgelehrten und Pharisäer verdroß das, aber sie griffen nicht den Herrn direkt an, sondern Seine Jünger: „Warum eßt und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?“ Statt der Jünger antwortete der Herr selbst, sie in Schutz nehmend: „Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.“

Die Jünger des Johannes

Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Begebenheit sich an einem der Tage abspielte, an denen die Jünger des Johannes und die der Pharisäer zu fasten pflegten. Denn in den ersten drei Evangelien folgen auf das Mahl im Hause Levis jeweils die Einwendungen wegen des Fastens. In Matthäus sind es die Jünger Johannes' des Täufers, die mit der Frage zum Herrn Jesus kommen:

„Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht?“ (Kap. 9,14).

Jesus und Seine Jünger kamen gerade von einem Festmahl, sie aber, die Jünger des Johannes und auch die Pharisäer und ihre Jünger, fasteten. Sie fasteten, und die Jünger Jesu – so mochten sie denken – feierten! Wie war das miteinander zu vereinen? Es scheint nicht Feindschaft, sondern eher Verlegenheit gewesen zu sein, die sie zu dieser Frage veranlaßte.

Die Pharisäer brüsteten sich zwar damit, daß sie zweimal in der Woche freiwillig fasteten (Lk 18,12), aber die Grundhaltung der Jünger des Johannes scheint doch ernster gewesen zu sein. Ihr Meister hatte angesichts des kommenden Messias in Israel zur Buße aufgerufen. War es da nicht mehr als angemessen, wenn die Buße durch Fasten begleitet wurde? Er selbst hatte weder gegessen noch getrunken (Mt n, 18). Sollten sie als seine Jünger jetzt, da ihr Lehrer im Gefängnis war (Kap. 4,12), von dieser Gepflogenheit ablassen? Johannes hatte zur Buße auf-gerufen und gefastet. Sie, seine Jünger, hatten Buße getan und fasteten. War nicht Fasten eine der Buße würdige Frucht?

Und waren nicht auch Moses und Elias viele Tage ohne Speise gewesen? Hatte nicht auch der Prophet Joel ausgerufen: „Heiliget ein Fasten, rufet eine Festversammlung aus“ (Kap. 1,14)? War dieses Fasten nicht der Wehklage in Jerusalem, von der Sacharja gesprochen hatte (Kap. 12,10 ff), angemessen? Wie anders konnte der Quell für Sünde und für Unreinigkeit dem Haus Davids geöffnet werden? Das alles mochte das Herz dieser Männer bewegt haben. Dennoch – die Jünger Jesu fasteten nicht! Wie können wir das verstehen? Standen sie nicht in einem gewissen Gegensatz zum Wort Gottes?

Bevor wir auf die liebliche Antwort des Herrn eingehen, ist vielleicht noch ein kurzes Wort über die Stellung der Jünger des Johannes angebracht. Die geschichtlichen Bücher des Neuen Testaments zeigen uns nämlich, daß diese Anhänger des Johannes, selbst während des Dienstes des Herrn und auch später, eine besondere Gruppe bildeten (Mt 11,2; 14,12; Joh 3,25; Apg 19,1–4). Obwohl Johannes der Täufer völlig frei von jeder Eifersucht im Blick auf den nach ihm Kommenden war und dessen Vorrang willig anerkannte (Joh 3,26–31), scheinen sie diese edle Haltung ihres Lehrmeisters nicht ganz geteilt zu haben. Ja, man muß annehmen, daß sie die Person Jesu nicht in Wahrheit erkannt hatten. Sie dachten an das kommende Reich, sahen aber nicht, daß der König dieses Reiches vor ihnen war. Sie waren -zu Recht – von dem Bewußtsein ihrer Sünde erfüllt, waren aber unwissend im Blick auf die Person des Heilandes der Sünder. Dadurch, daß sie sich von den Jüngern des Herrn getrennt hielten, verloren sie viel Segen, wie gerade das Beispiel von Apostelgeschichte 19 zeigt.

Damals jedoch, bei der Gelegenheit, die uns jetzt beschäftigt, taten sie das einzig Richtige: Sie kamen mit ihren Fragen direkt zum Herrn. Ist das nicht auch für uns ein Hinweis zur Nachahmung? Ziehen wir es nicht oft vor, zur Lösung unserer Fragen und Probleme zuerst zu Menschen zu gehen? Sicher kann uns der Herr auch durch den Rat einsichtsvoller Brüder oder Schwestern Licht schenken. Wer wollte das geringachten? Dennoch sollte unser Herz immer zuerst die Nähe des Herrn suchen, der wie kein anderer zu antworten und die Seele zu beschwichtigen vermag. Allein schon das Bewußtsein, mit unserem Problem direkt vor unserem guten Herrn zu stehen, erfüllt uns mit Frieden. Und wenn wir bestimmte Fragen an den Herrn Jesus richten möchten, aber unsicher darüber sind, ob wir sie auch vor Ihn hinlegen dürfen, dann laßt uns an diesem festhalten: Der Wert liegt nicht so sehr in unserer Frage als vielmehr in Seiner Antwort!

Freude statt Klagen

Der Herr antwortet den Fragestellern in Seiner gnadenreichen Art, und zwar mit einem kleinen Gleichnis, dem dann noch zwei weitere Bilder folgen:

„Können etwa die Gefährten (wörtlich: Söhne) des Bräutigams (oder: des Brautgemachs) trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (Mt 9,15).

Dies ist eins der Gleichnisse, in denen der Herr Jesus etwas über die Würde und Stellung Seiner eigenen Person aussagt. Sie verdienen daher unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Person des Herrn und Seine Beziehungen zu Seinem Vater und zu den Menschen sind von nicht zu überschätzender Wichtigkeit und Bedeutung. Sie bilden den zentralen Teil der Offenbarungen Gottes in Seinem Wort, und sie sind auch der Maßstab, an dem wir unsere eigenen, durch unsere Verbindung mit Ihm geschenkten Segnungen abmessen können.

Hier bezeichnet sich der Herr als »Bräutigam«. Wessen Bräutigam – der Kirche, der Versammlung? Die Versammlung Gottes ist zwar auch Seine Braut, Seine himmlische Braut (Off 21,2.9; 22,17), aber damals bestand sie noch nicht. Nein, Er, der in der Mitte Israels anwesende Christus, stellt sich der Tochter Zion als ihr Bräutigam vor. Hatte nicht Johannes selbst in diesem Charakter von Ihm gesprochen und gesagt: „Ich bin nicht der Christus ... Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hoch erfreut über die Stimme des Bräutigams; diese meine Freude nun ist erfüllt“ (Joh 3,28.29)?

Mit der Bezeichnung »Bräutigam« spielt der Herr auf Aussprüche des Alten Testaments an, in denen sich Jehova in Seiner Gnade wieder Seinem schuldigen irdischen Volk zuneigt und sich als den »Mann« und »Bräutigam« dieses Volkes darstellt. Hören wir zwei dieser das Herz berührenden Aussprüche: „Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann - Jehova der Heerscharen ist sein Name –, und der Heilige Israels ist dein Erlöser: Er wird der Gott der ganzen Erde genannt werden. Denn wie ein verlassenes und im Geiste betrübtes Weib ruft dich Jehova, und wie ein Weib der Jugend, wenn sie verstoßen ist, spricht dein Gott. Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln“ (Jes 54,5–7). Nicht minder bewegend ist das folgende Zitat aus demselben Propheten: „Nicht mehr wird man dich »Verlassene« heißen, und dein Land nicht mehr »Wüste« heißen; sondern man wird dich nennen »meine Lust an ihr«, und dein Land »Vermählte«; denn Jehova wird Lust an dir haben, und dein Land wird vermählt werden. Denn wie der Jüngling sich mit der Jungfrau vermählt, so werden deine Kinder sich mit dir vermählen; und wie der Bräutigam sich an der Braut erfreut, so wird dein Gott sich an dir erfreuen“ (Kap. 62,4.5; vgl. auch Hos 2,16–20).

Mit diesen Worten Jehovas vor Augen, wird uns das volle Ausmaß der Gnade Gottes erkennbar, die darin liegt, daß Christus sich dem schuldigen Volk erneut als »Bräutigam« anbietet. „Jesus“, der wahre „Emmanuel“ („Gott mit uns“), war gekommen, um „sein Volk zu erretten von ihren Sünden“ (Mt i, 21–23) und um so wieder in ein bräutliches Verhältnis mit ihm einzutreten! Gewiß waren Buße und Sündenbekenntnis nötig (Kap. 3,2.5.6). Wer wollte das nach all dem, was geschehen war, in Frage stellen? Aber jetzt war Er da, ihr Bräutigam. Die Quelle aller wahren Freude war in ihrer Mitte, die wunderbare Gnade Gottes offenbarend. Wie konnten dann Seine Jünger, die Er als »Gefährten des Brautgemachs« mit Sich verband, trauern und fasten? Er war da, der „Freudenöl statt Trauer“ geben wollte (Jes 61,3). War dann der Lobgesang der Maria (Lk 1,46–55) nicht weit angemessener als die Klagelieder Jeremias? Schon als der Heiland geboren wurde, waren die himmlischen Heerscharen in Lob zu Gott ausgebrochen, und auch die Hirten hatten Gott verherrlicht und gelobt „für alles, was sie gehört und gesehen hatten“ (Kap. 2,13–20).

Und trotzdem gab es solche, die mit Ihm vor Augen weiter trauerten und fasteten! Wie war das möglich? Im Gegensatz zu den Jüngern Jesu erkannten die Jünger des Johannes nicht, wer Jesus wirklich war. Das war das eigentliche Problem. Johannes der Täufer hatte von dem »Lamm Gottes« und dem »Bräutigam« gesprochen. Aber sie hatten offenbar diesem Zeugnis keinen Glauben geschenkt, waren Ihm nicht nachgefolgt. Stattdessen beteten und fasteten sie und hielten sich abseits von Dem, dem Johannes Zeugnis gegeben hatte.

Das alles gibt auch uns zu denken. Liegt nicht auch die Ursache für unser mannigfaches Versagen und unsere geringe Freude darin, daß wir nicht verwirklichen, mit welch einer herrlichen Person wir es zu tun haben? Wir haben gewiß jeden Grund, uns vor Gott zu demütigen und unsere Schuld zu bekennen. Doch sollten wir dabei stehenbleiben? Haben nicht auch wir die Quelle aller Freude und jeden Segens »bei uns«, »in uns«, »in unserer Mitte« (Mt 28,20; Eph 3,17; Mt 18,20)? „Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar“ (Ps 16,11).

Fasten

Doch dann deutet der Herr einen folgenschweren Wechsel der Verhältnisse an:

„Es werden aber Tage kommen, daß der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten“ (Mt 9,15).

Auf das Volk Israel und auf seine Hoffnungen würden sich noch einmal tiefe Schatten legen, bevor die Sonne im Tausendjährigen Reich wieder neu aufgeht: Der Bräutigam würde von ihnen weggenommen werden. Der Herr Jesus, „der alles wußte, was über ihn kommen würde“, spricht hier prophetisch von Seiner Verwerfung und Seinem Tod. Der Messias würde „weggetan werden und nichts haben“ (Dan 9,26). Wenn Er im Grab liegen würde, dann allerdings würden auch Seine Jünger fasten. An anderer Stelle sagt der Herr ihnen im voraus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß ihr weinen und wehklagen werdet, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird zur Freude werden“ (Joh 16,20).

Wir sehen diese Traurigkeit bei den beiden Jüngern, die nach Emmaus gingen. Der auferstandene Herr gesellte sich zu ihnen, weil Er wußte, daß sie „niedergeschlagen“ waren (Lk 24,17). Durch die Offenbarung Seiner selbst brachte Er ihre mutlosen Herzen bald wieder zum Brennen.

So währte die Trauer der Jünger des Herrn nur kurze Zeit. Es bewahrheitete sich, was Er ihnen vorhergesagt hatte: „Auch ihr nun habt jetzt zwar Traurigkeit; aber ich werde euch Wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch“ (Joh 16,22). Wie konnten sie, mit dem auferstandenen Herrn vor Augen, noch trauern und zagen? Selbst als Er dann von ihnen schied und in den Himmel hinaufgetragen wurde, „kehrten sie nach Jerusalem zurück mit großer Freude; und sie waren allezeit im Tempel und lobten und priesen Gott“ (Lk 24,50–53).

Diese Freude, die auch uns in der gegenwärtigen Zeit der Gnade grundsätzlich kennzeichnen darf (Phil 4,4), schließt jedoch ein Fasten bei besonderen Anlässen nicht aus. Nicht, daß uns das als Regel oder Forderung auferlegt ist. Aber die Praxis des Fastens hat der Herr nie verurteilt (Mt 6,16–18; Mk 9,29; vgl. auch Apg 13,3; 14,23; 2. Kor 6,5; 11,27). Es ist auffallend, wie oft Fasten neben Gebet genannt wird. In unserem Gleichnis setzt der Herr es mit Trauern gleich.

Fasten begleitet, wenn es echt ist, die Traurigkeit des Herzens. Wenn das Herz niedergebeugt ist, ist Fasten ein passender Ausdruck dieser Empfindungen. Wer ist schon an Essen und Trinken interessiert, wenn er in tiefer Seelennot ist? Der Geist ist derart intensiv mit geistlichen Dingen und Nöten beschäftigt, daß die leiblichen Bedürfnisse für eine Zeit völlig in den Hintergrund treten. Kennen wir heute noch diesen Geist der Selbstverleugnung, der den Nasiräer im Alten Testament auszeichnete? Jedenfalls rechtfertigt nichts in der Heiligen Schrift, abfällig über das Fasten zu reden oder es ganz als Praxis abzulehnen.

So deutet der Herr in dem Gleichnis vom »anwesenden Bräutigam« einen ernsten, nahe bevorstehenden Wechsel der Haushaltungen an. Die Gegenwart des Messias würde nur vorübergehend sein. Die Berufung Levis und Sein Essen und Trinken mit den Zöllnern und Sündern waren klare Zeichen davon, daß Israel als solches bereits beiseite gesetzt war. Daß der Bräutigam, der damals unter ihnen weilte, „von ihnen weggenommen“ werden würde, war ein deutliches Zeichen der kommenden Katastrophe – nicht einer Katastrophe, die, wie man meinen mochte, über Ihn hereinbrach, sondern ihrer Katastrophe.

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