Einführender Vortrag zum 1. Petrusbrief

1. Petrus 5

Einführender Vortrag zum 1. Petrusbrief

Wieder finden wir eine Ermahnung an die Ältesten. …1

Den Ältesten wird gesagt, die Herde Gottes bei ihnen zu nähren und zu hüten, indem sie die Aufsicht nicht aus Zwang, sondern freiwillig ausüben – nicht für schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig usw. Zunächst hatten sie im Gedächtnis zu behalten, daß die Herde Gott gehört. Falls ein Mann in seiner Seele nicht die Überzeugung trägt, daß es sich um Gottes Herde handelt, glaube ich nicht, daß er geeignet ist, ein Ältester zu sein oder irgendein anderes Amt von geistlicher Vertrauenswürdigkeit auszuüben. Er ist weit von der richtigen Grundlage entfernt, um ein Segen zu sein für das, was letzten Endes Gottes Herde ist. Kurz gesagt: Wir finden hier auch eine Warnung, welche die Bedeutung dieser Stelle noch weiter unterstreicht. „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führet, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als die da herrschen über ihre Besitztümer.“ [V. 2–3] ...

Die Ältesten sollen die Herde nicht behandeln, als gehöre sie ihnen. Genau das, denken die heutigen „Presbyter“ [das griechische Wort für „Ältester“; Übs.], sei ihr Recht und darum seien sie verpflichtet, an jedem Tag in ihrem Leben dementsprechend zu handeln. Gerade in diese Schlinge führte der Unglaube die Menschen in der Christenheit. In ihr liegt eine Quelle unaufhörlicher und offenkundiger Schwierigkeiten, mit denen man ständig zu kämpfen hat, weil eine solche falsche Grundlage zu so manchen Emotionen führt: Alle Arten von Eifersüchteleien und verwundeten Gefühlen werden von einer so falschen Überzeugung hervorgerufen. Kurz gesagt finden wir in dieser Stellung hier und dort wirklich ausgezeichnete Männer, und, wir setzten voraus, auch eine Anzahl gottesfürchtiger Personen. Trotzdem handelt es sich dann um „ihre Gemeinde“. Sie denken so; und selbst ein gottesfürchtiger Mann glaubt es. Er denkt, es sei seine Versammlung, und dasselbe glaubt seine Herde. Als Folge davon entstehen alle Arten von Schwierigkeiten, wenn möglicherweise die Herzen einzelner Mitglieder seiner Herde wegen ihrer [geistlichen] Stellung beunruhigt werden. Dadurch fühlt ein solcher „Hirte“ sich außerordentlich gekränkt und wird dir, wie es häufig geschieht, sagen: „Er ist einer der Besten meiner Leute. Ich habe die Creme meiner Versammlung verloren.“ Folglich ist er sehr verärgert, wenn einer der geistlichsten Glieder seiner Versammlung weggeht, auch wenn es darum geht, dem Wort Gottes treuer zu folgen; und zweifellos gibt es auch sehr viel Kummer und Mitgefühl auf seiten jenes Gemeindeglieds, das seinen „Hirten“ verläßt.

Dieses alles wird hier verurteilt und als falsch beiseite gesetzt. Die Ältesten werden ermahnt und gewarnt. Es gibt solche, die führen; und das ist auch durchaus angemessen. Zur Zeit der Abfassung dieses Briefes bestand diese Ordnung rechtmäßig. Nun brauche ich dir wohl kaum zu sagen, daß die Dinge [heutzutage] in einem gewissen Maß außer Ordnung geraten sind. Du magst das wahre Wesen der Wahrheit erfassen und dennoch zur gegenwärtigen Zeit nicht in all seiner offiziellen Angemessenheit besitzen können. Ich möchte heute Abend nicht weiter auf dieses Thema eingehen. Aber eines ist hier besonders beachtenswert: Sogar als alles noch in der apostolischen Ordnung bestand und als es Hirten, Lehrer, Propheten usw. gab und außerdem die Ältesten in der richtigen Weise von den Aposteln selbst oder apostolischen Männern eingesetzt wurden – selbst dort und zu jener Zeit wurden sie ermahnt, nicht zu meinen: „Das ist meine Gemeinde; und dieser ist euer Leiter.“ Nichts dieser Art wird irgendwo im Wort Gottes gesagt, sondern nur das, was solche Gedanken ausschließt.

Sie werden angewiesen: „Hütet die Herde Gottes!“ Ich wiederhole: Es ist Gottes Herde, nicht die deinige; und du sollst nicht über sie herrschen, als gehörte sie dir! Wenn sie dein Besitz wäre, dann hättest du gewisse Rechte. In Wirklichkeit hat aber der, welcher die Stellung eines Ältesten einnimmt, keine geringe Verantwortung. Gewißlich soll er die Herde hüten, und zwar als Gottes Herde und nicht seine eigene. Wo diese Verpflichtung in rechter Weise erwogen wird – welch ein wunderbarer Wechsel in den Gedanken, im Umgangston und in den Gefühlsstimmungen tritt dann auf, und zwar sowohl in denen, welche die Herde führen, als auch in denen, die versorgt werden! Denn unter solchen Umständen blickt man auf Gott und empfindet nicht das geringfügigste Verlangen, die Rechte eines Menschen in der einen oder anderen Form zu verletzen. Es geht dann nicht um Verwundung; denn warum sollte es dich kränken, wenn ich eine besondere Wahrheit erkenne, entsprechend der ich handeln muß? Warum sollte dieses Grund zu einer Verärgerung werden? In Wahrheit ist das Voraussetzen des Grundsatzes von „meine Herde“ und „deine Herde“ die Wurzel endlosen Schadens. Es ist Gottes Herde; und wenn eine Person vom Herrn beauftragt wird, Seine Herde zu hüten – wie gesegnet ist dieses Vertrauen!

Der Rest des Kapitels besteht aus Ermahnungen an die jüngeren und zuletzt an alle Geschwister, begleitet von einem Gebet: „Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, nachdem ihr eine kleine Zeit gelitten habt, er selbst wird euch vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich dafür halte, habe ich euch mit wenigem geschrieben, euch ermahnend und bezeugend, daß dies die wahre Gnade Gottes ist, in welcher ihr stehet. Es grüßt euch die Miterwählte in Babylon und Markus, mein Sohn. Grüßet einander mit dem Kuß der Liebe. Friede euch allen, die ihr in Christo seid!“ [V. 10–14].

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: Hier folgen wieder einige oben im laufenden Text weggelassene Sätze Kellys zur englischen „King-James-Bible“, die für unsere gängigen Bibeln nicht gelten: „Es ist schmerzlich, wieder einmal gezwungen zu sein, eine tadelnde Bemerkung zu unserer gewöhnlichen englischen Bibel machen zu müssen. Tatsächlich ist sie eine überzeugende und im allgemeinen texttreue Version. Trotzdem versagt sie nicht selten in der Genauigkeit ... [Es folgt der oben gegebene zweite Absatz zur Auslegung dieses Kapitels. Es geht dann weiter:] „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führet, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als die da herrschen über Gottes Besitztum.“ Wir bemerken, daß der Ausdruck „Gottes“ kursiv eingefügt ist. Es gibt kein Zögern bei der Erklärung, daß der Satz in keinster Weise von Gottes Besitz spricht, sondern einen vollkommen anderen Gedanken enthält. Letzterer geht in die Richtung: „…nicht als die da Oberherrschaft ausüben über ihre Besitztümer.““
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