Der erste Petrusbrief

Kapitel 4,7-5,14

Kapitel 4 Verse 7 bis 9: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller (Dinge). Seid nun besonnen und seid nüchtern zu (den) Gebeten. Vor allen (Dingen) aber habt zueinander eine inbrünstige Liebe, denn Liebe bedeckt eine Menge von Sünden. (Seid) gastfrei gegeneinander ohne Murren.“

Im Allgemeinen gebraucht Gottes Wort zwei Mittel, um uns von dieser Erde zu lösen. Zuerst weckt es unsere geistlichen Gefühle, indem es unser Auge richtet auf das nahe Kommen des Herrn Jesus, um uns in das Vaterhaus zu bringen. Die Stimme des Herrn: „Siehe, ich komme bald“ richtet unsere Augen auf den glänzenden Morgenstern. Dessen Anziehungskraft lässt das Herz verlangen nach der Herrlichkeit, wo Er ist: „Amen, komm Herr Jesus“ (Off 3,11; 22,7+17+20)! Das löst uns von den Dingen auf der Erde.

Das zweite Mittel, das Gottes Wort gebraucht, ist, dass es die Vergänglichkeit aller Dinge auf der Erde sehen lässt. „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller (Dinge)“ (Heb 12,27). Nicht nur wird jeder einmal von seinen Werken Rechenschaft ablegen müssen, sondern alles, worauf das Fleisch vertrauen kann, hat ein Ende (im Griechischen liegt der Nachdruck auf „alle“). Das Ende ist nun nahe gekommen. Das Bewusstsein dieser Tatsache erschüttert das Vertrauen des Fleisches.

Noch immer spricht der Apostel über die Regierung Gottes in Verbindung mit dem großen Grundsatz der Verantwortlichkeit in Bezug auf das Zeugnis Gottes. Für den Christen ist diese Regierung die Regierung des Vaters. Aber auch als solcher sieht Gott auf die Welt. Seine Kinder sollen Ihn darin verherrlichen. Tun sie das nicht, dann muss Er Sich Selbst verherrlichen, aber auf ihre Kosten. Das Feuer der Verfolgung ist der Beweis, dass das Gericht begonnen hat bei dem Haus Gottes (Vers 12). In diesem Leiden sind sie Teilhaber des Leidens Christi, aber zugleich Gegenstände der Erziehung des Vaters (Heb 12,2–11). Gott weiß diese Dinge immer zu vereinigen.

Hinsichtlich der Verbindung der Regierung Gottes mit der Welt war die Zerstörung Jerusalems, die einige Jahre nach dem Schreiben dieses Briefes stattfand, von großer Bedeutung. Es war die Stadt des großen Königs, wo der Messias regieren wird (Ps 48,3). Ihre Zerstörung war die Vernichtung des Ortes, von dem aus einst Gottes Regierung unmittelbar ausgeübt worden war, wo der Messias regiert hätte, wenn Er angenommen worden wäre, und wo Er einst auch regieren wird (Jer 3,17). Jetzt hat Er Seinen himmlischen Platz in Auferstehung eingenommen. Das ist gerade der große Gegenstand dieses Briefes. Die Regierung Gottes hatte sich also geändert, nicht was die Grundsätze angeht, aber sie war jetzt allgemein geworden. Da der Herr Jesus auf der Erde gelitten hat, lässt Gottes Regierung zu, dass auch die Seinen hier leiden. Bis zu der Zeit des Gerichts werden die Gerechten verfolgt werden und müssen daher Geduld haben.

Die Zerstörung Jerusalems vernichtete das Vertrauen des ungläubigen jüdischen Volkes. Für die Christen war sie der Beweis, dass das Ende aller Dinge nahe gekommen war. In Gottes Wort wird nichts genannt, das vor den Gerichten stattfinden müsste, die in Verbindung stehen mit der Ankunft des Herrn, um die Feinde zu vernichten und das Gericht auszuüben. Aber Petrus geht bis auf den Grund: nicht nur bis zum Friedensreich, sondern bis zum neuen Himmel und der neuen Erde, denn das Ende aller Dinge kommt durch Gericht (2. Pet 3,7–13). Aber danach kommt der Segen. Das Gericht ist notwendig, um den Ort des Segens herzustellen.

Der Unglaube sagt: „Wo ist die Verheißung Seiner Ankunft“ (2. Pet 3,4)? Aber der Glaube sagt: „Wenn damals schon das Ende nahe gekommen war, wie nahe muss es dann jetzt sein“. „Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe“ (Röm 13,11–13).

Im Hinblick auf das Ende alles dessen was wir sehen, sollen wir „nüchtern“ oder „von gesundem Verstand“ sein (Kap 5,8), d. h. alles sehen, wie es wirklich ist, und nichts von den Dingen hier auf der Erde erwarten, die ja in Kürze gerichtet werden. Unser Vertrauen muss auf Gott gerichtet sein, Der Sich nicht verändert, Der ewig ist (Heb 13,8) und Der uns bewahren wird in allen Schwierigkeiten und Versuchungen, durch die wir hier in dieser Welt zu gehen haben bis der Tag der Befreiung anbricht.

Dazu müssen wir nüchtern sein zu Gebeten (siehe die Fußnote in der Elberfelder Übersetzung. Die besseren Handschriften lassen „den“ aus.). Paulus schreibt an die  neubekehrten Thessalonicher: „Betet unablässig“ (1. Thes 5,17). An die auf dem höchsten geistlichen Niveau stehenden Epheser schreibt er, dass sie „zu aller Zeit betend mit allem Gebet und Flehen in dem Geist, und eben hierzu wachend in allem Anhalten und Flehen“ (Eph 6,18) sein sollten.

Das Gebet ist der Ausdruck der eigenen Ohnmacht und der Abhängigkeit von Gott. Aber im Gebet haben wir Gemeinschaft mit Ihm, und Seine Macht wird zu unseren Gunsten ausgeübt. Jemand hat gesagt: „Das Gebet ist die Macht, die den Arm des Allmächtigen, Der das Weltall durch Sein Wort schuf, in Bewegung setzt“.

Gott, unser Vater, lauscht mit inniger Freude unserer Stimme, wenn wir zu Ihm beten. Wir sind ja Seine Kinder. Er sagt zu uns: „In allem lasset durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6f). Auch wenn wir um Dinge bitten, die Er uns nicht geben kann, weil Seine Liebe weiß, dass es schlecht für uns wäre, wird „der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, [...] unsere Herzen und unseren Sinn bewahren in Christo Jesu“.

Im Evangelium nach Lukas wird von dem Herrn Jesus siebenmal gesagt, dass Er im Gebet war, zuweilen ganze Nächte und einmal in Seinem Sterben. Der große Apostel Paulus bittet Neubekehrte, für ihn zu beten (1. Thes 5,25). Sehen wir daran nicht, welchen Wert das Wort Gottes dem Gebet beimisst? Wie wenig noch haben wir das gelernt!

Wenn wir so durch das Gebet Zugang erhalten haben zu den unendlichen Schätzen, die Gott uns bereitet hat, dann sind wir fähig, das zu tun, von dem der Apostel sagt, dass wir es vor allen Dingen nötig haben: eine inbrünstige Liebe zueinander zu haben. Wo sonst könnten wir die inbrünstige Liebe zueinander bekommen als im Umgang mit Dem, Der der Gott der Liebe ist, und das bewiesen hat, indem Er Seinen Sohn für Sünder hingab (1. Joh 4,8–10)?

Das Neue Testament kennt zwei Wörter für „lieben“ (und „Liebe“): ‚phileo' und ‚agapao' (mit dem Hauptwort ‚agape'). Das erste Wort bezeichnet mehr die Freundschaft. Die anderen beiden werden - außer in Titus 3,4 - überall gebraucht für die Liebe Gottes zum Menschen und für die Liebe des Menschen zu Gott. Sie werden auch gebraucht für die Liebe des Vaters zum Sohn, mit Ausnahme von Joh 5,20, und für die Liebe des Vaters zu den Jüngern, mit Ausnahme von Joh 16,27. ‚Phileo' ist eine Gemütsbewegung, die durch etwas in dem Gegenstand der Liebe, das anziehend ist und Freude schenkt, angeregt wird. ‚Agape' deutet auf einen vorhandenen Zustand in einer Person hin, der sie notwendig zum Handeln bringt. Der Ausgangspunkt ist hier also mehr die Person, die liebt, obwohl eine Verbindung mit der Kostbarkeit des Gegenstandes der Liebe besteht. „Gott ist Liebe“ ist der eigentliche Ausgangspunkt dieser Liebe, auch da, wo es sich um die Liebe des Menschen zu Gott handelt.

Wo in der Schrift über die Liebe zu den Brüdern gesprochen wird, werden beide Worte abwechselnd gebraucht. In 1. Pet 1,22 wird z. B. beim ersten Mal ‚phileo' und beim zweiten Mal ‚agapao' gebraucht; in Kap 3,8 ‚phileo'. Aber hier in Kap 4,8 wird ‚agape' verwendet, das Wort für die göttliche Liebe. Es ist die Liebe, die Gott darin gegen uns bewies, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8+5). Diese Liebe ist nun in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, Der uns gegeben worden ist. Wir sind Teilhaber der göttlichen Natur geworden (2. Pet 1,4). Darum lieben wir, weil Er uns zuerst geliebt hat (1. Joh 4,19)!

Aber diese Liebe muss sich offenbaren. Sie tut es in der Liebe zu den Brüdern (1. Joh 4,20). Wo diese inbrünstige Liebe zueinander gefunden wird, da wird die göttliche Gegenwart und Wirksamkeit geoffenbart.

Diese Liebe muss „vor allen Dingen“ sein. Das bedeutet, dass sie vorangehen muss. Nichts hat Wert, wenn diese Liebe nicht die Triebfeder ist. „Wenn ich mit den Sprachen der Menschen und der Engel rede, aber nicht Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz geworden oder eine schallende Zimbel. Und wenn ich Prophezeiung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß, und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetze, aber nicht Liebe habe, so bin ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeilen werde, und wenn ich meinen Leib hingebe, auf dass ich verbrannt werde, aber nicht Liebe habe, so ist es mir nichts nütze“ (1. Kor 13). Es ist dieselbe ‚agape'-Liebe, von der in unserem Vers gesprochen wird.

Diese Liebe bedeckt eine Menge von Sünden (Spr 10,12). Sie ist der Gegensatz zu Hass, der Zänkereien hervorruft (Jak 5,20).

Der Apostel spricht hier nicht über das Verhältnis der Seele zu Gott, und der endgültigen Beseitigung der Sünden vor Gott oder dem Vater (1. Joh 1,9). Er spricht über die Verbindung zwischen Gott und Seinem Volk in Seiner Regierung. Wenn wenig Liebe zwischen den Brüdern ist, wenn Schwierigkeiten vorhanden und die Herzen einander entfremdet sind, dann ist das bestehende Böse vor Gottes Augen (Gal 5,13–15). Aber wenn Liebe vorhanden ist, die nichts Böses denkt und sich nicht erbittern lässt, sondern im Gegenteil in dem Bösen einen Anlass sieht, sich zu offenbaren (1. Kor 13,5), dann ruht Gottes Auge auf der Liebe und nicht auf dem Bösen.

Wir sind von Natur aus geneigt, böse zu werden, wenn man uns Böses antut. Liebe, die göttliche Liebe, wird durch das von einem anderen verübte Böse nur veranlasst, sich zu offenbaren. Sie wird sich mit dem Bösen beschäftigen - nicht im Blick auf sich selbst (sie erduldet alles), sondern aus Liebe zu dem Bruder, der das Böse verübt hat (3. Mo 19,17). Sie weiß, dass seine Gemeinschaft mit dem Herrn jetzt unterbrochen ist und er nicht glücklich ist. Sie wird nicht mit anderen darüber sprechen, außer wenn ein guter Grund dafür vorhanden ist, sondern sie wird sich mit ihm selbst beschäftigen, um seine Füße zu waschen und ihn so zu gewinnen (Joh 13,8b). Wir haben ein Recht, die Füße unserer Brüder zu waschen und ihre Sünden zu vergeben. Die Liebe hat das Recht, die Dinge zu begraben, so dass sie nicht mehr gesehen werden (Mt 18,14+15; Jak 5,15; 1. Joh 5,16).

Natürlich berührt dies nicht die Pflicht der Versammlung, heilige Zucht auszuüben (1. Kor 5,13). Die Liebe kann das Böse, das Gott offenbar gemacht hat, nicht verbergen. Aber sie kann oft die Notwendigkeit einer solchen Offenbarung verhüten, indem sie sich von Anfang an in Gnade mit dem Bruder oder der Schwester beschäftigt.

Gastfreundschaft ist eine andere Form der Liebe. Das griechische Wort hierfür bedeutet ursprünglich: „freundlich gegenüber Fremden“. Es ist also die praktische Ausübung der Liebe gegenüber anderen, nicht weil wir sie gut kennen und sie unsere Freunde sind, sondern weil sie Kinder Gottes sind und unsere Hilfe nötig haben. Wenn es wirklich aus Liebe geschieht und nicht aus einem gewissen Pflichtgefühl oder weil man sich dem nicht entziehen kann, dann wird es sicher ohne Murren sein. Dann wird auch gerade Gemeinschaft und Stärkung der Bruderliebe daraus hervorkommen, weil wir einander kennen lernen.

Kapitel 4 Vers 10: „Je nachdem ein jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dienet einander damit als gute Verwalter der mancherlei Gnade Gottes.“

Das Wort „Gnadengabe“ (‚charisma') wird in der Schrift in zwei Bedeutungen gebraucht: in Röm 1,11; 5,15+16; 6,23; 11,29  und 2. Kor 1,11 für Segnungen, die wir aus Gnade empfangen; in Röm 12,6; 1. Kor 1,7; 7,7; 12,4+9+28+30+31; 1. Tim 4,14; 2. Tim 1,6  und im obigen Vers bedeutet es eine durch die Gnade gegebene Fähigkeit oder ein Talent („Gabe“).

Jeder Gläubige hat eine Gnadengabe empfangen. Gott hat den Apostel Paulus benutzt, diesen Grundsatz deutlich zu machen. Jeder hat einen Platz im Leibe des Christus und zugleich als Gnadengabe die Fähigkeit, diesen Platz in der richtigen Weise einzunehmen, so dass der Leib gut funktioniert (1. Kor 12,14–27). „[...] Christus, aus welchem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maße jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe“ (Eph 4,16). „[...] aus welchem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bande Darreichung empfangend und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,19).

Petrus ist hier mehr mit dem Praktischen beschäftigt. Jeder soll seine Gabe gebrauchen, um anderen damit zu dienen. Wir sind nicht die Besitzer dessen, was die Gnade uns gegeben hat, sondern „Verwalter“. Gott hat diese verschiedenen Gnadengaben gegeben, um dadurch die vielen verschiedenen Bedürfnisse, die es gibt, zu stillen. „Mancherlei“ oder „vielerlei“ will nicht auf eine große Anzahl hinweisen, sondern auf die Verschiedenheit der Gaben, durch die alle Bedürfnisse der Gläubigen befriedigt werden können. Jeder soll dem anderen mit seiner Gabe dienen.

Alles was Gott dem Menschen gegeben hat, muss der Mensch als Verwalter verwalten. Der Herr Jesus zeigt, dass der Mensch - und vor allem Israel - untreu gewesen ist und dass Gott ihm daher die Herrschaft über die irdischen Güter wegnehmen wird (Lk 16,1–13). Wir leben in der Zeit, in der Gott schon gesagt hat: „Lege die Rechnung von deiner Verwaltung ab“. Aber der Mensch ist praktisch noch im Besitz der Erde und all dessen was dazu gehört. Der Herr stellt nun den ungerechten Verwalter als unser Vorbild hin: er verwendete die Güter seines Herrn nicht mehr für sich selbst, sondern zum Nutzen der anderen Schuldner seines Herrn. So haben wir die irdischen Besitztümer zum Nutzen der Gläubigen und für die Menschen im Allgemeinen zu gebrauchen (Gal 6,10).

Auch hinsichtlich der geistlichen Gaben sind wir Verwalter. Die göttliche Fülle hat uns alles gegeben, was wir für den uns aufgetragenen Dienst brauchen (Lk 12,42; 1. Chr 29,11–17). Welch eine Fähigkeit besitzen wir also! Aber auch welche Verantwortung! Übrigens sucht man hier an den Verwaltern, dass einer treu erfunden werde (1. Kor 4,1–5)!

Die Schrift sagt wiederholt mit Nachdruck, dass jeder Dienst in direkter Verantwortung gegenüber dem Herrn Christus ausgeübt werden muss. Er hat die Gabe gegeben, und Er wird Rechenschaft darüber fordern, wie wir sie verwendet haben (1. Kor 12,5; Mt 24,45  usw.; Mt 25,14–30; Eph 4,11). Wie traurig, wenn Menschen sich eine Autorität anmaßen, die allein dem Herrn zusteht, wenn sich Menschen zwischen den Herrn und Seine Diener stellen. Wie traurig, wenn ein Diener nicht mehr nur auf die Leitung des Herrn acht gibt und sich seiner direkten Verantwortung Ihm gegenüber nicht mehr bewusst ist - einer Verantwortung, der uns keine menschliche Verbindung entheben kann.

Epheser 4,7–16 (in Verbindung mit Psalm 68,18) und 1. Korinther 12  geben die Grundsätze des Dienstes deutlich an. Es sind Gaben Gottes, die Gott Christo gegeben hat und die der Herr Menschen zuteilt. Diese müssen sie ausüben in Abhängigkeit vom Herrn und in direkter Verantwortung Ihm gegenüber (1. Kor 4,1–5). Der Heilige Geist gibt die Kraft zur Ausübung des Dienstes. Im Namen des Herrn hat Er dabei die Leitung, so dass der Diener sich in der Ausübung seines Dienstes ganz von Ihm leiten lassen muss (1. Kor 12,7–11; Apg 16,6–10). Der Herr wird einmal Rechenschaft fordern (Lk 19,12–26)!

Das Wort ‚oikonomos' („Verwalter“) kommt vor in Lk 12,42; 16,1+8; Röm 16,23; 1. Kor 4,1+2; Gal 4,2; Tit 1,7 und an dieser Stelle. Im Titusbrief wird der Aufseher ein Verwalter Gottes genannt. Wo es sich um die Ausübung von Gaben handelt, sagt unsere Stelle und 1. Kor 4 wohl, dass wir Verwalter der Geheimnisse und der mancherlei Gnade Gottes, aber nicht, dass wir Verwalter Gottes sind. Wir sind Dienstknechte Christi.

Wir sind also Verwalter der mancherlei Gnade Gottes. Gottes Gnade ist so groß und so vielseitig, dass sie jedes Bedürfnis jedes Menschen stillen kann. „Mancherlei“ weist daher auch nicht auf die Größe der Gnade Gottes hin, sondern auf die vielen verschiedenen Arten, in denen die Gnade sich offenbart. Gott in Seiner Güte will nun Menschen gebrauchen, diese Gnade praktisch zu den Menschen zu bringen. Er will alle Bedürfnisse aller Menschen stillen, sowohl die materiellen als auch die geistlichen. Dazu gibt Er Seine Gnade sozusagen als einen Schatz den Gläubigen in die Hände, damit sie diesen als Verwalter verwalten (d. h. dorthin bringen, wo Gnade nötig ist), ein jeder nach der Gnadengabe, die er empfangen hat.

So hatten die Propheten über die Gnade, die jetzt unser Teil geworden ist, geweissagt (Kap 1,10-12). So verlangte Paulus danach, nach Rom zu gehen, um den Gläubigen dort etwas geistliche Gnadengabe mitzuteilen (Röm 1,11; 15,29). So gab der auferstandene Herr Seinen Jüngern den Auftrag, aufzubrechen und verlorenen Menschen Vergebung der Sünden zu bringen (Joh 20,21–23). So kommt „Gottes Gerechtigkeit durch Glauben an Jesum Christum zu allen“ (Röm 3,22), obwohl nur diejenigen, die sie annehmen, daran teilhaben. So bringt jeder Lehrer aus seinem Schatz Neues und Altes hervor (Mt 13,52), das alles zu der „mancherlei Gnade Gottes“ gehört. So sollen wir Gutes wirken in Bezug auf alle Menschen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens (Gal 6,10). So war Dorkas eine treue Verwalterin (Apg 9,36). So werden wir auch ermahnt, „Gutes zu tun, reich zu sein in guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam“ (1. Tim 6,18).

Kapitel 4 Vers 11a: „Wenn jemand redet, - als Aussprüche Gottes;…“

Die Gnadengaben werden hier in der einfachen Aufteilung genannt, die die Apostel schon im Anfang der Versammlung gebrauchten: der Dienst des Wortes und die Bedienung der Tische (Apg 6,2–4).

Das erste ist also an jeden gerichtet, der am Wort Gottes dient, sowohl für den Hirten als auch für den Lehrer und den Evangelisten (Eph 4,11). Das griechische Wort für „Aussprüche“ oder „Worte“ oder „Orakel“ (‚logia') wurde im klassischen Griechisch gebraucht für die Aussprüche der Götzen, wenn man ihren Rat erfragte, wie z. B. bei dem bekannten Orakel von Delphi, wo die Zukunft vorausgesagt wurde. Dies Wort kommt in der Bibel nur in Apg 7,38 („lebendige Aussprüche“), Röm 3,2; Heb 5,12  und an dieser Stelle vor. Es bedeutet also nicht nur, dass die Worte des Sprechers in Übereinstimmung mit Gottes Wort sein müssen, was selbstverständlich auch wahr ist. Was er sagt, müssen die Worte sein, die Gott in den Umständen und in dem Augenblick durch den Sprechenden sagen will. „Es spricht, der da hört die Worte Gottes, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht“ (4. Mo 24,4).

Selbstverständlich wird alles, was „als Aussprüche Gottes“ gesprochen wird, in Übereinstimmung mit der Schrift sein. Gott widerspricht Sich Selbst nie. Aber jemand, der die Schrift anwendet, kann sie falsch anwenden. Es kann vorkommen, dass jemand ermahnt, während Trost nötig ist, oder dass jemand mit Worten der Schrift bestraft, während Belehrung nötig ist, usw. Welcher Diener Gottes kann beurteilen, was die Seelen, zu denen er spricht, in diesem Augenblick nötig haben? Oft wissen diese es selbst nicht. Aber Gott weiß es. Deshalb muss der Diener so nahe bei Gott sein, dass er aus der Gegenwart Gottes spricht, also die Gedanken Gottes in diesem bestimmten Augenblick ausdrückt, wie es bei Bileam war - obwohl es gegen dessen eigenen Willen war.

Die höchste Ehre und die größte Verpflichtung eines Dieners ist es, gehorsam zu sein und zu tun, was ihm aufgetragen wird. Nicht ihm gebührt die Ehre, sondern seinem Herrn. Darum wird gesagt: „aus der Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allem Gott verherrlicht werde“. „Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9+10)! Darum darf er nicht seine eigenen Worte sagen, sondern „Aussprüche Gottes“.

Wer ist zu diesen Dingen fähig? Wir haben den Heiligen Geist empfangen. Sollte Er, Der Paulus und allen anderen Schreibern des Neuen Testaments die Gedanken Gottes offenbarte, und ihnen danach geistliche Worte gab, durch die sie diese geistlichen Dinge „getrieben vom Heiligen Geist“ niederschreiben konnten (1. Kor 2,10–13; 2. Pet 1,21), nicht imstande sein, uns zu diesen Dingen fähig zu machen? Er Selbst nimmt freiwillig diesen Platz der Unterordnung ein. Er redet nicht aus Sich Selbst heraus (Joh 16,13 f.). Das bedeutet nicht, dass Er nicht über Sich Selbst redet, obwohl das auch wahr ist. Aber Er redet im Auftrag des Vaters und des Sohnes. „Was irgend er hören wird, wird Er reden“. „Von dem Meinen wird er empfangen und euch verkündigen“. Sollte Er uns mit Seiner göttlichen Kraft nicht in dieselbe Stellung leiten können und uns dazu die Kraft und die Fähigkeit geben?

Wie wenig Gebrauch wissen wir oft von der göttlichen Kraft zu machen! Oder besser gesagt, wie wenig lassen wir uns ganz von Gott gebrauchen. Wenn wir wirklich dem Geist Jesu unterworfen wären (Apg 16,7) und zum Herrn aufsähen, wie wären wir dann befähigt, anderen mitzuteilen, was Gott ihnen als Gnade geben will. Es wäre dann nicht nur schriftgemäßer Dienst, sondern der lebendige Dienst des Heiligen Geistes, durch den jedes Bedürfnis gestillt wird. Das ist der prophetische Dienst, der immer erbaut, und durch den Fremde und Unkundige überzeugt werden, „dass Gott wirklich unter euch ist“ (1. Kor 14,4+24+25). Es ist ein Reden, wie es die alten Propheten taten: „So spricht der HERR“ (Hes 2,3–8; 3,10+11)! Der Dienst eines Propheten ist nicht so sehr, Vorhersagen zu äußern (d. h. die Zukunft voraussagen), sondern vielmehr der Mund Gottes zu sein, d. h. zu reden, was Gott in einem bestimmten Augenblick unter bestimmten Umständen zu bestimmten Personen sagen will (Jer 2,1+2). Das kann bedeuten, dass Zukünftiges vorhergesagt wird, aber ebenso gut auch nicht. Im Buch Jona, einer der kleinen Propheten, stehen keine Vorhersagen über die Zukunft, d. h. Dinge, die noch nicht erfüllt waren, als das Buch geschrieben wurde. Finden wir in der Weissagung Haggais außer in den letzten Versen der Kapitel 2 und 3 Zukünftiges vorausgesagt? Selbst das ist noch sehr allgemein gehalten.

Es ist notwendig, praktische Gemeinschaft mit Gott zu haben, um so dienen zu können. Wenn wir uns nicht in Seiner Nähe aufhalten, hören wir die Worte nicht, die wir weitergeben sollen. Aber dennoch wird uns die Verantwortung vorgehalten, so zu dienen. Wenn wir nicht durch die Kraft unserer Gemeinschaft mit Gott „Aussprüche Gottes“ reden können, müssen wir schweigen, nicht um unseren Dienst dem Herrn Jesus aufzukündigen - welcher Diener würde das wollen; ja, wir haben nicht einmal das Recht dazu - sondern um uns in das Licht Gottes zu stellen, um dort alles zu sehen und zu richten, was unsere Gemeinschaft mit Gott unterbricht.

Kapitel 4 Vers 11b: „…wenn jemand dient, - als aus (der) Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allen (Dingen) Gott verherrlicht werde durch Jesum Christum, welchem die Herrlichkeit ist und die Macht in die Zeitalter der Zeitalter. Amen.“

„Dienen“ ist hier (im Unterschied zum Reden) das, was die Apostel das „Bedienen der Tische“ nennen (Apg 6,2). Wir können es vergleichen mit „Dienen, Mitteilen, Barmherzigkeit üben“ und mit „Hilfeleistungen“ (1. Kor 12,28; Röm 12,7+8).

Sogar dieser Dienst, der sich also nicht mit dem Wort, sondern mit den zeitlichen Dingen beschäftigt, kann nicht auf Grund menschlicher Fähigkeit, Stellung oder menschlichen Reichtums getan werden. Irdische Fähigkeiten oder Vorrechte könnten sowohl für den, der den Dienst ausübt als auch für den, an dem der Dienst getan wird, zum Fallstrick werden. Es ist daher auch nicht so, dass wir aus uns selbst irgendein Anrecht hätten. Wir müssen lernen, den Überfluss zu gebrauchen, den Gott für uns hat.

Darin unterweist der Herr Jesus die Jünger, im Blick auf die Bedürfnisse der großen Volksmenge an dem öden Ort (Mt 14,16). Es war klar, dass sie selbst nichts hatten, was diese Bedürfnisse stillen konnte. Dennoch sagt der Herr: „Sie haben nicht nötig wegzugehen; gebet ihr ihnen zu essen.“ Dann teilen sie aus Seiner Fülle der Volksmenge soviel aus, dass zwölf Körbe voll Brocken übrig bleiben, also mehr, als sie zu Anfang hatten!

Ganz sicher wäre das auch in unserem Dienst so, wenn wir mehr von dem „Glauben, der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,6) hätten. Dieser Glaube zählt auf den Überfluss Gottes, und er wird nie enttäuscht. Wir können diesen Glauben nicht nachmachen; wenn das Fleisch den Glauben nachahmt, ist das Ergebnis Fleisch, und daher zur Unehre Gottes. Wir müssen in unmittelbarer Nähe Gottes, in ungestörter Gemeinschaft sein. Dann wird unser Glaube im Umgang mit Ihm gestärkt, und wir bekommen Einsicht, diesen Glauben in Weisheit auszuüben. Dies ist auch sehr nötig.

Wir haben nicht einen großen Schatz zur Bewahrung erhalten, um ihn nach eigenem Ermessen zu gebrauchen. Wie viel Schaden haben wir schon dadurch angerichtet, dass wir in diesem Dienst nicht richtig gehandelt haben, z. B. indem wir mit Geld etwas unterstützt haben, wo das nicht gut war, oder dass wir keine Unterstützung gegeben haben, wo es wohl nötig war. Wie in allen Dingen haben wir auch hierin göttliche Leitung nötig. Wahrer Glaube wird nur dort und dann handeln, wo und wann es nach Gottes Gedanken ist.

Wenn wir uns dieser Dinge bewusst sind, wird uns das demütig bewahren. Wir fühlen dann, dass es nur Gnade ist, dass der Herr uns für diesen Dienst gebrauchen will; nichts von uns selbst ist dabei. Das werden auch diejenigen fühlen, denen gedient wird. So werden sowohl sie als auch wir Gott verherrlichen und ihm danken. Da, wie wir bei Vers 10 gesehen haben, jeder Dienst für Jesus Christus ist (1. Kor 12,5), wird so „in allem Gott verherrlicht [...] durch Jesum Christum“ (Joh 17,4). Das ist immer die Absicht des Herrn Jesus! Und es ist immer die Absicht Gottes, den Herrn zu verherrlichen. Er hat Ihm die Herrlichkeit und die Macht bis in alle Ewigkeit gegeben. Welch ein mächtiger Anreiz für unser Herz ist dies Verlangen Gottes und des Herrn Jesus, um auch in unserem Dienst Gott und den Herrn zu verherrlichen. Welch eine Ermutigung ist es zugleich, dass Seine Macht dieselbe bleibt, wie die Umstände hier auf der Erde auch sein mögen und welche Feinde uns auch gegenüberstehen.

Aus dem Text wird nicht ganz deutlich, ob die Worte „welchem die Herrlichkeit ist und die Macht“ sich auf Gott oder den Herrn Jesus beziehen. Das Wort „ist“ anstatt „sei“ (wie in Kapitel 5,11) unterstützt den Gedanken, dass es sich hier auf den Herrn Jesus bezieht. Ihm ist jetzt schon alle Macht gegeben (Mt 28,18; vergleiche Röm 9,5).

Kapitel 4 Verse 12 bis 14: „Geliebte, lasst euch das Feuer (der Verfolgung) unter euch, das euch zur Versuchung [oder: Prüfung] geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes, sondern insoweit ihr der Leiden des Christus teilhaftig seid, freuet euch, auf dass ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit frohlocken euch freuet.

Wenn ihr in (dem) Namen Christi geschmäht werdet, glückselig (seid ihr)! denn der (Geist) der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch. [Bei ihnen freilich wird er verlästert, bei euch aber wird er verherrlicht.]“

Der Apostel kommt jetzt wieder auf das Leiden der Gläubigen in dieser Welt zurück: wir könnten fast sagen, auf das Hauptthema dieses Briefes. Schon in den Kapiteln 2 und 3 hat er darüber gesprochen. Ich denke, dass es hier in Zusammenhang steht mit: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge“, dem Anfang dieses Abschnitts des Briefes (Vers 7).

Die ganze Zeit des Christentums, die Zeit der Versammlung auf der Erde, trägt praktisch den Charakter der „letzten Stunde“ (Um es ganz richtig zu sagen: von dem Augenblick an, da der Verfall begann und die vielen Antichristen sich in der Mitte der Gläubigen offenbarten. Aber das war schon kurz nach dem Anfang der Fall [1. Joh 2,18]). Es ist die Zeit der vollständigen Verwerfung Gottes in der Verwerfung des Herrn Jesus. Es kommt kein anderer Zeitabschnitt mehr, in dem der Mensch erprobt wird, es sei denn vielleicht in den letzten Augenblicken des tausendjährigen Reiches, in denen den dann lebenden Menschen auf der Erde für kurze Zeit Gelegenheit gegeben wird zu zeigen, welches Ergebnis die tausendjährige segensreiche Regierung des Herrn Jesus auf den Zustand ihrer Herzen gehabt hat (Off 20,7–9). Aber das ist keine Prüfung im eigentlichen Sinne des Wortes. Hier wird ihnen nur Gelegenheit gegeben, den Zustand ihrer Herzen zu offenbaren, nachdem sie tausend Jahre lang gezwungen gewesen sind, sich zu unterwerfen, weil jeder öffentliche Ungehorsam sofort mit dem Tod bestraft wurde (Ps 101,4–8; Jes 66,24).

Aber obwohl also fast die ganze Zeit des Christentums diesen Charakter des „Endes“ trägt, gibt es doch eine Abstufung. „Geliebte, gedenket an die von den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus zuvor gesprochenen Worte, dass sie euch sagten, dass am Ende (der) Zeit Spötter sein werden, die nach ihren eigenen Lüsten der Gottlosigkeit wandeln“ (Jud V. 17). Die letzte Zeit des Christentums würde die schlimmste sein, nicht nur was den Zustand der Welt betrifft, sondern in der Christenheit selbst würde sich der Abfall von Gott offenbaren (1. Tim 4; 2. Tim 3). Zwar kann er sich erst völlig offenbaren, wenn das, was ihn zurückhält, weggenommen sein wird (2. Thes 2,2–7), also erst nach der Entrückung der Versammlung. Aber der vollkommene Abfall wird schon leben, um sich völlig zu offenbaren, wenn das was zurückhält, weggenommen ist.

Das bedeutet auch, dass das Gericht Gottes, das dann endgültig ausgeführt werden wird, jetzt schon dem Grundsatz nach in der Regierung Gottes ausgeführt wird. „Die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes“ (Vers 17). Die große Ankündigung davon, die Zerstörung Jerusalems, sollte damals in wenigen Jahren stattfinden, und die gläubigen Juden, an die Petrus schreibt, sollten gerade weil sie gläubige Juden waren und weil das Christentum in jener Zeit von den Heiden größtenteils noch als eine jüdische Sekte betrachtet wurde, in größerem Maße an den Folgen des Gerichts Gottes über das ungläubige Volk als solches teilhaben.

Das natürliche Herz kann es schwer verstehen, dass diejenigen, die mit Dem verbunden sind, Dem „gegeben (ist) alle Macht im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18) leiden müssen. Wie schwer war es schon für diese jüdischen Gläubigen, zu verstehen, dass Jerusalem und der Tempel durch das Gericht Gottes vernichtet werden würden. Viele von ihnen, wenn nicht gar die meisten, waren nicht gelöst vom Judentum, sondern Eiferer fürs Gesetz (Apg 21,20). Dass sie, die den Herrn wohl angenommen hatten als den von Gott gegebenen Messias, mitleiden, ja sogar besonders leiden mussten, weil sie Ihn angenommen hatten, das war für ihre armen Herzen schwer zu verstehen. Wer konnte sie darin besser verstehen als Petrus! Hatte er nicht selbst zum Herrn gesagt: „Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren“, als der Herr den Aposteln sagte, dass Er leiden und getötet werden müsste (Mt 16,22)? Ob er in diesem Augenblick nicht daran zurückgedacht hat? Und auch an die strafenden Worte, die der Herr ihm damals gesagt hatte? Er hatte jetzt seine Lektion gelernt, und er wünschte sie weiterzugeben.

Zwar hat Christus alle Macht im Himmel und auf Erden empfangen; Er ist König und Priester! Aber noch übt Er nur Sein Priestertum aus. Er sitzt noch nicht auf Seinem eigenen Thron (Mt 25,31), sondern auf dem Thron Seines Vaters (Off 3,21). Obwohl Er Priester ist nach der Ordnung Melchisedeks (Heb 7,21), übt Er das Priestertum Aarons aus, und zwar für Hilfsbedürftige in einer Welt, die mit einer Wüste verglichen wird (Heb 4,16).

Wer daher Christus angenommen hat, hat teil an dem Platz, den Er hier auf der Erde hatte und noch hat - dem Platz der Verwerfung. Er wird daher auch teilhaben an allen Folgen davon - an dem Leiden, das der Herr hier auf der Erde erduldete (Phil 3,10).

Natürlich hat er nicht teil an Seinem Leiden für unsere Sünden und unsere Sünde. Das war einzig und allein eine Angelegenheit zwischen Gott und Ihm. Im Allgemeinen kommt alles Leiden aus der Hand Gottes. Ohne Seine Zustimmung hätte es kein Leiden für den Herrn gegeben und gibt es kein Leiden für uns. Aber das Leiden für unsere Sünden kam unmittelbar von Gott. Daran können wir nicht teilnehmen - es würde für uns die Hölle bedeuten.

Der Herr litt jedoch auch für die Gerechtigkeit, und daran können wir nicht nur teilnehmen, sondern wir tun es auch (2. Tim 3,12). Der Apostel hat darüber in den Kapiteln 2 und 3 gesprochen. Der Herr litt auch durch die Feindschaft und Seine Verwerfung auf Grund dessen, was Er war. Auch daran können wir teilhaben. Wenn wir uns in einer Welt, die Ihn kreuzigte, öffentlich mit Ihm verbinden, dann werden auch wir Feindschaft erfahren und verworfen werden. Darüber spricht der Apostel hier. Dieses Leiden stellt den Glauben viel mehr auf die Probe als das Leiden für die Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit widerstreitet den Gefühlen unserer neuen Natur und selbst den natürlichen Gefühlen aufrichtiger Menschen. Aber das Leiden für den Herrn ist die Folge, wenn wir öffentlich den Platz mit Ihm einnehmen und öffentlich von Ihm zeugen. Es steht in Verbindung mit unserer Liebe zu Ihm und praktischer Gemeinschaft mit Ihm. Zunächst erinnert der Apostel sie daher daran, dass sie geliebt werden. Sie werden geliebt mit einer göttlichen Liebe, die ihren Ursprung in Sich Selbst findet. Es ist hier nämlich wieder ‚agape'; siehe die Bemerkungen zu Vers 8 und Kapitel 2,11.

Nachdem jetzt ihr Blick auf die Liebe Gottes gerichtet ist, kann er ihnen erklären, warum Gott die Verfolgungen für sie zuließ. Zwar kommen sie in der Tat von Seiten der Welt, die Christus hasst, aber diese wäre nicht imstande, etwas zu tun, wenn Gott es nicht erlauben würde. Wir sehen das sehr deutlich bei dem Herrn Jesus. Wie groß die Feindschaft und die Wut Seiner Feinde auch sein mochten, sie konnten nichts tun, bevor „die Stunde“ gekommen war (Mk 14,41). Daher sagt der Herr auch zu der Menge, die kommt, um Ihn gefangen zu nehmen: „Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53).

Gott ließ die schrecklichen Verfolgungen zu „euch zur Versuchung (oder „Prüfung“, s. Anm. Elberfelder Übersetzung)“. Es waren nicht nur Kleinigkeiten, sondern wie das Wort „Feuer“ angibt, schwere Verfolgungen. Das griechische Wort kommt im Neuen Testament nur hier und in Off 18,9+18 vor. In der Septuaginta wird es zweimal gebraucht, und zwar für den Schmelzofen, in dem Gold und Silber geschmolzen werden, um es zu reinigen (Ps 66,10; Spr 27,21). So verwendet der Heilige Geist es auch hier durch Petrus. Die Verfolgungen hatten den Zweck, die Gläubigen zu prüfen, um sie zu reinigen. Ein sehr deutliches Beispiel dafür finden wir in der Offenbarung (Off 2,4+10). Als die Versammlung ihre erste Liebe verlassen hat, lässt der Herr eine Drangsal von zehn Tagen durch den Teufel zu, um sie zurückzubringen.

In der Geschichte Hiobs sehen wir, wie Gott Satan gebraucht, um Seine Absicht mit Hiob zu erreichen. So lässt der Herr auch zu, dass die Feindschaft Satans und der Welt, die von ihm regiert wird, Verfolgungen über die Gläubigen bringt, damit Seine Absicht mit ihnen erreicht wird. In den Schwierigkeiten werden sie von der Welt und den Dingen der Erde gelöst und näher zum Herrn getrieben, weil sie ihre Abhängigkeit stärker fühlen.

Deshalb sagt Gottes Wort: „Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen fallet, da ihr wisset, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk, [...]. Glückselig der Mann, der die Versuchung erduldet! Denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche er denen verheißen hat, die ihn lieben.“ „Von dem Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist“ (Jak 1,2+12; Jak 5,10 f.; Röm 5,3–5). Je schwerer die Versuchung (Prüfung) ist, desto gesegneter für den, der ausharrt!

Petrus wusste aus Erfahrung, dass nicht die Prüfung an sich gefährlich ist, sondern wenn wir in die Versuchung eintreten! Der Herr hatte ihn davor gewarnt, aber leider ohne Wirkung (Lk 22,40). Petrus vertraute auf seine eigene Kraft und auf seine Liebe zum Herrn. Indem er sich darauf stützte, suchte er selbst den Ort der Versuchung auf, um sein Wort wahr zu machen, dass, wenn auch alle den Herrn verlassen würden, er es nicht tun würde. Das Ergebnis war, dass er den Herrn dreimal verleugnete, sogar mit einem Eid.

Wenn der Herr uns in die Versuchung führt, können wir in Seiner Kraft standhaft bleiben und Ihn verherrlichen. Aber wir selbst haben keine Kraft. Wie sollte der Herr uns auch bewahren auf einem Weg des Eigenwillens und Vertrauens auf eigene Stärke? Dann muss Er zulassen, dass unsere Kurzsichtigkeit offenbar wird, und wir so lernen, was unser Fleisch ist. „Glückselig der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in deren Herzen gebahnte Wege sind! Durch das Tränental gehend, machen sie es zu einem Quellenort [...] Sie gehen von Kraft zu Kraft; sie erscheinen vor Gott in Zion“ (Ps 84,6–8).

Aber wie groß ist die Gnade, die wiederherstellt, wenn wir gefallen sind! Der Herr geht mit Petrus den ganzen Weg der Wiederherstellung, wie tief Er auch schneiden muss (Lk 22,32+34+61). Dann stellt Er ihn öffentlich vor seinen Brüdern wieder her, indem Er ihm Seine Schafe und Lämmer anvertraut (Joh 21,15–19). Sein Gewissen war jetzt durch das Erlösungswerk Christi so vollkommen gereinigt (Heb 10,2 f.), dass er die Juden freimütig anklagt, dass sie den Heiligen und Gerechten verleugnet hätten (Apg 3,14).

Aber darüber hinaus war dieses Leiden durch die Verfolgung eine Teilnahme am Leiden Christi. Das bringt uns in Gemeinschaft (Teilhaberschaft) mit Christus Selbst! Als Folge gibt dies dem Herzen eine besondere Freude, nicht nur in der Ewigkeit, sondern jetzt schon auf der Erde.

Gewiss, der Herr Selbst hatte gesagt: „Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten“ (Mt 5,10). Petrus hatte das nicht vergessen und hatte ihnen schon geschrieben: „Wenn ihr aber ausharret, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist wohlgefällig bei Gott. Denn hierzu seid ihr berufen worden“ (Kap 2,19-21). „Wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr“ (Kap 3,14)!

Aber der Herr hatte weiter gesagt: „Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und jedes böse Wort lügnerisch wider euch reden werden um meinetwillen. Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn also haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren“ (Mt 5,11 f.; Lk 6,22 f.). Und Petrus erklärt den Gläubigen, an die er schreibt (und uns), dass am Leiden Christi teilnehmen - für den Namen Christi zu leiden - einen besonderen Segen zur Folge hat; hauptsächlich in der Herrlichkeit, aber auch schon auf der Erde.

Es wird wohl mal gesagt, dass Teilnehmen an den Leiden Christi (Vers 13) und das Erleiden von Schmähungen im (oder: für den) Namen Christi (Vers 14) nicht dasselbe sei. Vers 13 würde dann mehr auf das Leiden um der Gerechtigkeit willen, um derentwillen auch Christus litt, und Vers 14 auf das eigentliche Leiden für Ihn hinweisen.

Es ist gewiss wahr, dass wir Gemeinschaft mit Ihm haben können im Leiden für die Gerechtigkeit. Aber meines Erachtens ist es aus dem Zusammenhang vollkommen klar, dass Vers 14 hier eine Erläuterung zu Vers 13 ist. Vers 12 spricht schon über Verfolgung, und die Verse 13 und 14 setzen das fort. Außerdem ist Leiden für die Gerechtigkeit gewöhnlich eine persönliche Angelegenheit, während Verfolgung meistens die Gläubigen gemeinsam trifft. Und hier bedeutet es offensichtlich ein Leiden für alle: „das Feuer unter euch“!

Wie schon gesagt, ist Leiden um der Gerechtigkeit willen die Folge unserer neuen Natur, die recht tun will und die Gesinnung des Herrn Jesus Selbst offenbart, weil Er das neue Leben ist (Kol 3,4)! Aber Leiden für den Namen des Herrn bringt uns mit Ihm persönlich in Verbindung. Es ist eine Folge unserer Verbindung mit Ihm und unserer Liebe und Treue zu Ihm, und es ist offenbar, dass es einen besonderen Wert für den Herrn hat, und uns in besondere Gemeinschaft mit Ihm bringt, weil es sich hierbei um Ihn persönlich handelt. Das sehen wir schon in den zitierten Worten des Herrn. In Verbindung mit dem Leiden für die Gerechtigkeit spricht Er über „die“, aber bei dem Leiden für Ihn sagt Er „ihr, euch“ (Mt 5,10–12). Das Leiden für Ihn spricht von dem Preis, der für das Leben mit Ihm bezahlt werden muss.

Das Wort „sondern“ (Vers 13) gibt einen scharfen Gegensatz an. Statt das Leiden für Christus als etwas Fremdes zu sehen, sollten sie sich darin freuen! Das Wort deutet auch an, dass das Leiden jetzt in einem bestimmten Verhältnis zu der Freude steht, die einmal ihr Teil sein wird. Das finden wir wiederholt in der Schrift. „Die Leiden der Jetztzeit sind nicht wert, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit“. „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen; wenn wir verleugnen, so wird auch er uns verleugnen“. „Wenn es anders bei Gott gerecht ist, Drangsal zu vergelten denen, die euch bedrängen, und euch, die ihr bedrängt werdet, Ruhe mit uns bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel usw.“ „Ein jeder nun, der mich vor den Menschen bekennen wird, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist“ (Röm 8,18; 2. Tim 2,12; 2. Thes 1,6; Mt 10,32).

Der Herr fühlt das Leiden, das die Seinen für Ihn erdulden, als Sein eigenes Leiden. Wir sehen das deutlich im Fall der Prediger des Evangeliums des Reiches aus dem Überrest Judas in der Zeit der großen Drangsal (Mt 25,40). Aber bei uns geht es noch viel weiter! Wir sind mit Ihm einsgemacht, wie der Herr ausdrücklich zu Paulus sagte, als Er Sich ihm auf dem Weg nach Damaskus entgegenstellte (Eph 5,30; Apg 9,4+5).

Ja, welch ein Grund ist dies, sich nicht durch das Leiden befremden zu lassen und nicht davor zurückzuschrecken, wenn es für den Namen des Herrn geschieht, sondern im Gegenteil sich darin zu freuen. Wie wir gesehen haben, werden wir ja dadurch geläutert. Aber außerdem vereinigt es uns in praktischer Weise mit Christus: jetzt in Seiner Verwerfung (Phil 3,10), aber dadurch auch bald in Seiner Verherrlichung. Diese Herrlichkeit wird schon bald geoffenbart werden. Sie wird ewig sein, im Gegensatz zu dem kurzen Leiden hier. Die Worte „freuet euch“ stehen im Imperativ Präsens (Befehlsform der Gegenwart). Es ist also ein Befehl, sich beständig zu freuen. Das wird zur Folge haben, dass wir uns bald bei der Offenbarung Christi mit Frohlocken freuen. Denn dann wird der Herr unsere Treue vollkommen anerkennen. Unsere Freude wird dann auch nicht verringert werden durch die Erinnerung an unsere Untreue und an unsere geringe Neigung, der Leiden des Herrn teilhaftig zu sein.

Vers 14 gibt einen weiteren Segen an, der mit dem Leiden für Christus verbunden ist. Dies Leiden wird hier genannt: „geschmäht werden in (dem) Namen Christi“. Der Herr Selbst sagt, was die Worte „in Seinem Namen“ bedeuten: „weil ihr Christi seid“ (Mk 9,41). Wie wir bei Saulus sahen, betrachtet der Herr es, wenn wir verfolgt werden, weil wir Ihn anerkennen, so als ob Er Selbst verfolgt würde (Apg 9,4+5). Wir sind Seine Vertreter und Zeugen auf der Erde. Wenn wir als solche verfolgt werden, ist die Verfolgung in Wirklichkeit gegen den Herrn gerichtet. Aber diese Verfolgung beweist auch, dass wir uns als Seine Vertreter und Zeugen offenbaren! Weltlich gesinnte Gläubige, die Christus in ihrem Leben nicht offenbaren, werden nicht verfolgt! Dann sind wir glückselig. Im Griechischen stehen die Worte „seid ihr“ nicht. Dadurch wird noch mehr der Nachdruck auf „glückselig“ gelegt.

Paulus ermahnt uns: „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13). Von Mose sagt die Schrift: „Indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung“ (Heb 11,26). Er hielt nicht den Reichtum Christi für größer als den Ägyptens, sondern er hielt die Schmach Christi für größer als die Schätze Ägyptens. Er war nicht so töricht, wie wir es oft sind, indem wir nur an die Gegenwart denken. Er dachte auch an die Zukunft. Und nicht nur das. Wer kann das Glück beschreiben, wenn man Gemeinschaft mit dem Herrn hat, selbst in den größten Schwierigkeiten? Sind alle Reichtümer der Erde damit zu vergleichen? Der Herr Selbst hat es gesagt (Mt 5,11), und der Heilige Geist wiederholt es hier, dass mit dem Leiden für Ihn ein besonderes Glück verbunden ist. Die Apostel waren „voll Freude, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Schmach zu leiden“ (Apg 5,41). Den Philippern war es aus Gnade geschenkt worden, „in Bezug auf Christum [...] nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden“ (Phil 1,29)! Ist das nicht auch unsere persönliche Erfahrung? Ist unser Herz nicht oft am glücklichsten, wenn wir für den Namen des Herrn verspottet werden, z. B. wenn wir Traktate verteilen und man sich nicht nur weigert, sie anzunehmen, sondern auch noch eine verächtliche Bemerkung dazu gibt? Wie ist das möglich? Die Antwort wird hier gegeben: „Der (Geist) der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch!“

Der Name Christi bringt Schmach über Seine Zeugen hier in der Welt. Christus ist nicht mehr in der Welt, sondern in der Herrlichkeit. Von dort aus hat Er von Seinem Vater (Joh 15,26) - und der Vater in Seinem Namen (Joh 14,26) - den Heiligen Geist gesandt, damit Er in uns und bei uns „sei in Ewigkeit. Dieser ist das Siegel auf unserer vollbrachten Erlösung, das Unterpfand unseres Erbes (Eph 1,14) und der Erstling (oder die Erstlingsfrucht; Röm 8,23) der kommenden Herrlichkeit. Er ist gekommen, um den Herrn zu verherrlichen (Joh 16,24). So bewirkt Er in uns, dass wir Christus offenbaren. Wenn wir dann geschmäht werden, macht Er Sich eins mit unseren Gefühlen, damit unsere Seufzer einen göttlichen und unselbstsüchtigen Charakter haben (Röm 8,26), und stärkt uns mit aller Kraft Seiner Herrlichkeit. Er bewirkt in uns auch eine Fülle der Freude jetzt und bis in Ewigkeit, dadurch dass Er die göttliche Kraft in uns ist, die uns befähigt, die persönliche Herrlichkeit des Herrn Jesus in unserer Gemeinschaft mit Ihm zu genießen (Joh 4,14), und im Voraus schon die Segnungen des Himmels (Joh 7,38).

Das Wohnen des Heiligen Geistes in den Gläubigen und alles was damit verbunden ist, ist jetzt, nachdem die Erlösung vollbracht ist, natürlich das Teil jedes Christen. Aber dies wird hier in besonderer Weise denen vor Augen gestellt, die schwere Verfolgungen zu erdulden haben, damit dadurch ihre Herzen ermutigt würden. Gewiss wirkt der Heilige Geist in besonderer Weise im Herzen, wenn es sich in derartigen Umständen befindet. Christus kann die nicht zu kurz kommen lassen und wird denen überschwänglich geben, die ohne Rücksicht auf die Folgen Ihn nicht zu kurz kommen lassen wollen und sich ganz Ihm weihen.

Bei Stephanus sehen wir, wie dies auch äußerlich sichtbar wird. „Alle, die in dem Synedrium saßen, schauten unverwandt auf ihn und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.“ Als sie später mit den Zähnen gegen ihn knirschten und ihn steinigten, heißt es von ihm: „Als er aber, voll Heiligen Geistes, unverwandt gen Himmel schaute, sah er die Herrlichkeit Gottes, und Jesus zur Rechten Gottes stehen; und er sprach: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet, und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 6,15; 7,54–60 )!

Lasst uns nicht denken, dass dies eine große Ausnahme war. Es ist uns als eine Illustration von dem, was Petrus hier schreibt, gegeben worden, und das gilt für alle von uns. Von vielen Märtyrern ist dasselbe Zeugnis ausgegangen, nicht nur bei ihrem Sterben.

Der letzte Satz von Vers 14 steht in Klammern, weil viele und gute Handschriften ihn nicht haben. Es ist also zweifelhaft, ob er ursprünglich dazu gehört hat. Sein Inhalt ist jedoch sicher in Übereinstimmung mit dem Inhalt der Heiligen Schrift (Jak 2,7). Wenn Christen verfolgt werden, werden der Herr Jesus und auch der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes von den Verfolgern gelästert. Aber durch die Verfolgten wird er verherrlicht. Sie zeigen, welch eine herrliche Person der Herr ist, indem sie das alles für Ihn erdulden wollen (Apg 23,9). Was sie offenbaren, zeigt auch, was der Heilige Geist in schwachen Geschöpfen, wie es wir sind, bewirken kann.

Kapitel 4 Verse 15 und 16: „…dass doch niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter, oder als einer, der sich in fremde Sachen mischt [eigentlich: als Aufseher über Angelegenheiten anderer]; wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern verherrliche Gott in diesem Namen.“

Die Tätigkeitswörter „leiden, schämen, verherrlichen“ sind Imperative (Befehlsform). Es sind also nicht bloß Wünsche, deren Verwirklichung dem Belieben jedes einzelnen überlassen wird, sondern es sind Befehle (1. Kor 5,9–13; Eph 4,28)!

Wie ernst, dass so etwas zu Gläubigen gesagt werden muss. Aber wissen wir nicht von uns selbst, dass wir zu allen Dingen fähig sind, wenn wir nicht in Gemeinschaft mit dem Herrn sind, so dass Er uns bewahrt (Röm 7,18; 2. Sam 12,9)?

Es ist wahr, dass der Herr unter die Übeltäter gerechnet worden ist. Er wurde zwischen zwei Räubern und Missetätern gekreuzigt, und die Juden konnten zwischen Ihm und dem Mörder Barabbas wählen (Mk 15,28; Mt 27,38; Lk 23,25+33). Aber Er war der Heilige und Gerechte (Apg 3,14)! Er war kein Mörder, sondern Derjenige, Der jedem, der an Ihn glaubte, das Leben gab. Er war kein Dieb, sondern der große Geber, Der alles was Er hatte hingab, um uns zu erlösen, und Der uns danach alle Schätze Gottes gibt! Wie unvereinbar ist es doch, wenn jemand, der Seinen Namen (Christ) trägt, ein Mörder, ein Dieb oder ein Täter irgendwelches Bösen ist! Gebe es der Herr, dass wir nie stehlen, auch nicht von dem, was dem Herrn zusteht - Geld, aber auch unsere Gefühle, unsere Zeit, unsere Kräfte; und dass wir nie morden, nicht nur körperlich, sondern auch geistlich, dass wir keine Übeltäter sind, d. h. Dinge tun, die nicht gut sind.

Das Wort „als“ steht nur zweimal in diesem Vers: erst vor „Mörder, Dieb, Übeltäter“ zusammen, und dann vor „einer, der sich in fremde Sachen mischt“. Das zeigt, dass das letzte einen anderen Charakter trägt als die ersten drei. Das griechische Wort ist ‚allotri-episkopos' und kommt im Neuen Testament nur hier vor. Das Wort ‚episkopos' kommt außer an dieser Stelle noch in Apg 20,28; Phil 1,1; 1. Tim 3,2; Tit 1,7; 1. Pet 2,25  vor.

Es bedeutet „Aufseher“ und ist auch an allen Stellen so übersetzt. Von diesem Wort ist der Titel „Bischof“ abgeleitet. ‚Allotria' bedeutet „fremde Dinge“. Zusammen bedeuten diese Worte „jemand, der sich aufwirft als Aufseher über Dinge, die ihn nichts angehen“. Weil man dachte, dass dies nicht so schlimm wäre wie Morden, Stehlen und Übel tun, und es daher nicht damit zusammen genannt werden würde, hat man nach allen möglichen anderen Bedeutungen gesucht, und einige haben es auch durch „lästiger Eindringling, Aufrührer, jemand, der eines anderen Gut begehrt, Revolutionär, jemand, der sich überall einmischt“ übersetzt. Die einfache Bedeutung ist jedoch die, die ich angegeben habe, und ich sehe keinen Grund, warum man davon abgehen sollte.

Kennen wir dies Übel nicht alle aus Erfahrung? Wie leicht beschäftigen wir uns mit den Angelegenheiten anderer, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben. Bei einigen von uns, und oft auch bei Schwestern, kommt dies sehr stark zum Vorschein (1. Thes 4,11; 2. Thes 3,11; 1. Tim 5,13). Alles das, was sich von dem unterscheidet, was sie selbst für richtig erachten, ist falsch. Sie glauben das Recht zu besitzen, alles beurteilen und kritisieren zu dürfen. Wie viel Elend ist daraus schon hervorgekommen! Wir dürfen nie versuchen, das Leben eines anderen zu bestimmen. Wir haben genug mit uns selbst, unserer eigenen Familie und unseren eigenen Geschäften zu tun. Gewöhnlich ist jemand, der sich hauptsächlich mit den Dingen anderer beschäftigt, in seinen eigenen Angelegenheiten nachlässig.

Das Wort „Christ“ kommt außer in diesem Vers nur noch an zwei Stellen in der Apostelgeschichte (Apg 11,26; 26,28) vor. Es ist ein Name, den die Heiden den Gläubigen gaben. Die Tatsache, dass Agrippa ihn gebraucht, zeigt, dass er schon bald eingebürgert war, und hier übernimmt ihn der Heilige Geist.

Der Ursprung war wahrscheinlich folgender: Wie fast immer in allen Zeiten bei despotischen Regierungsformen (Dan 3,6), war es auch im römischen Reich das Bestreben des Staates, dem Kaiser göttliche Ehren erweisen zu lassen. Dadurch wurde der Gehorsam gegenüber den Gesetzen nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Pflicht, und so wurde es viel leichter, die Ordnung aufrechtzuerhalten. „Kaiser“ ist im Griechischen ‚kaisar' (Mt 22,17), und diejenigen, die den Kaiser anbeteten, wurden ‚kaisarianos' genannt. In Übereinstimmung damit wurden nun diejenigen, die Christus anbeteten, ‚christianos' genannt. Welch eine Ehre war es für die Gläubigen in Antiochien, dass ihre Verbindung mit Christus so auffiel, dass sie von den Heiden nach Ihm benannt wurden.

Wie schon gesagt, hat der Heilige Geist diesen Namen übernommen, aber nicht in der entwertenden Bedeutung, die er gegenwärtig hat. Jeder, der kein Jude oder Heide ist, wird heute Christ genannt. Aber die Schrift versteht unter Christ nur jemand, der das volle Evangelium glaubt und daher auf Christus und Seinem Werk am Kreuz ruht, sowohl bezüglich seiner Sünden als auch bezüglich seiner alten bösen Natur. Ein solcher ist versiegelt mit dem Heiligen Geist und wird von der Schrift als Christ anerkannt (Röm 8,9).

In der Zeit, in der Petrus schrieb, war es gefährlich, ein Christ zu sein. Die Christen waren - zu Recht - dafür bekannt, dass sie einen anderen König hatten als den Kaiser (Apg 17,7). Sie bekannten Christus als Denjenigen, Der alle Macht hatte, und Der wiederkommen würde, um die Herrschaft über die Welt in die Hand zu nehmen! Kein Wunder, dass die Römer sie als Staatsfeinde betrachteten, obwohl es unnötig war und nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Kein Wunder auch, dass die Juden dies bereitwillig zum Anlass nahmen, um den Pöbel und die Regierung gegen die Gläubigen aufzuhetzen.

Die Ungläubigen betrachteten das Bekenntnis zu Christus also als eine Art Landesverrat. Und diejenigen, die von sich meinten, dass sie großzügig dachten, nannten es dumm und rückständig: „Man kann seine Überzeugung doch für sich behalten, wenn man sieht, dass man andere damit ärgert, und sie es doch nicht verstehen!“ Ist das nicht auch heute die Reaktion, wenn jemand freimütig von Christus zeugt?

Aber die Schrift sagt, dass wir nicht beschämt werden sollen, wenn wir als Christen leiden, weil wir uns dadurch offenbaren als Eigentum des Herrn Jesus und weil wir Seine Autorität über uns und über alles anerkennen. Es ist nicht die geringste Ursache da, uns zu schämen (Phil 1,29). Er ist nicht nur die höchste Person im Weltall, sondern auch die herrlichste (Eph 1,20–22)! Die mächtigen Engel beten Ihn an und empfinden es als die höchste Ehre, Ihm zu dienen (Heb 1,6). Der Tag ist nahe, an dem jedes Knie sich vor Ihm beugen und jede Zunge bekennen wird, dass Er Herr ist (Phil 2,9).

Je freimütiger wir Ihn bekennen und für Ihn leiden, und dadurch zum Ausdruck bringen, wie hoch wir Ihn schätzen, desto mehr wird Gott darin verherrlicht. Gott hat von Ihm gesagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn höret“. Er hat Ihn uns gegeben, damit wir auch unser ganzes Vertrauen auf Ihn setzen möchten, und zwar für dieses Leben und für die Ewigkeit. Wenn wir Ihn freimütig bekennen, dann beweisen wir, dass wir das Wort Gottes geglaubt haben, auch in dem, was es über den Herrn sagt. Darin wird Gott verherrlicht. Er wird verherrlicht, wenn offenbar wird, dass wir Seinem Wort glauben!

Außerdem sagt uns die Schrift, dass wir Gott danken dürfen, wenn wir würdig geachtet werden, für Christus leiden zu dürfen (Phil 1,29). Das kann das Fleisch nicht nachsprechen. Aber wenn unser Herz von der Herrlichkeit des Herrn erfüllt ist, dann können wir es (Phil 3,7–11). Von den Aposteln wird gesagt, dass sie sich freuten, gewürdigt worden zu sein, für den Namen Christi Schmach zu leiden, als sie gegeißelt worden waren (Apg 5,41)!

Kapitel 4 Vers 17a: „Denn die Zeit (ist gekommen), dass das Gericht von dem Haus Gottes an anfange;…“

Der Apostel kommt jetzt zurück auf den Grundsatz, den er schon genannt hat: obwohl die Verfolgungen von den Feinden kommen, sind sie doch Prüfungen, Mittel der Erziehung von Seiten Gottes (Vers 12). Alles im Weltall muss von Gott gerichtet werden, und selbstverständlich beginnt Sein Gericht bei dem, was Ihm am nächsten ist: Sein Haus, in dem Er wohnt.

Gott ist Licht, und gar keine Finsternis ist in Ihm (1. Joh 1,5). Wie langmütig und gnädig Er auch ist, schließlich muss alles in Übereinstimmung sein mit dem was Er ist. Um das zu erreichen, sendet Er in Seiner Regierung Seine Prüfungen und Seine durch Vorsehung geleiteten Gerichte. Schließlich wird alles, was nicht mit Ihm in Übereinstimmung ist, beseitigt werden müssen. Es wird eingeschlossen werden in den Feuersee, die Hölle, wo es ewig unter der Strafe des Gerichts sein wird. Aber das ist kein Vorsehungsgericht mehr, sondern ein direktes und endgültiges.

Es ist ein fortlaufender Grundsatz in der Schrift, den wir gut verstehen können, dass das Gericht bei dem beginnt, was Gott am nächsten gebracht wurde. Er muss in denen, die Ihm nahen, geheiligt werden! Jeder Mensch verlangt, dass sein Haus in Übereinstimmung ist mit dem, was er selbst ist. Eine auf Sauberkeit bedachte Frau kann nicht damit zufrieden sein, in einem schmutzigen Haus zu wohnen. Gott, Der Licht ist, kann es ganz gewiss nicht. Er muss alles gemäß Seiner heiligen Natur richten und es damit in Übereinstimmung bringen.

Das sehen wir in der Geschichte Israels. Als der Götzendienst trotz der Gerichte Gottes in Seiner Vorsehung und trotz Seiner liebevollen Warnungen sogar bis in den Tempel eingedrungen war, wich die Herrlichkeit des HERRN aus ihm, und das Gericht begann bei den alten Männern, die vor dem Haus waren (Hes 9,6). Gott sagte: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt: darum werde ich alle eure Missetaten an euch heimsuchen. Wandeln wohl zwei mit einander, es sei denn, dass sie übereingekommen sind“ (Amos 3,2f; Joh 2,13–16)? Aber zu den anderen Völkern sagte Er: „Denn siehe, bei der Stadt, welche nach meinem Namen genannt ist, beginne ich Übles zu tun, und ihr solltet etwa ungestraft bleiben? Ihr werdet nicht ungestraft bleiben; denn ich rufe das Schwert über alle Bewohner der Erde, spricht der HERR der Heerscharen“ (Jer 25,15–29).

Es ist klar, dass Petrus das „Haus Gottes“ etwas anders sieht als in Kapitel 2,5. Dort ist es das Bauwerk des Herrn Jesus, das noch nicht fertig ist, und das in die Herrlichkeit aufgenommen werden wird, sobald es fertig ist; es ist „der heilige Tempel im Herrn“, von dem Paulus spricht (Eph 2,21). Aber das Werk des Herrn wird nicht gerichtet, denn das ist vollkommen gut. Sobald über Gericht gesprochen wird, handelt es sich um das Werk von Menschen. Vielleicht wurde der Anfang wohl von Gott gemacht! Aber danach ist es der Verantwortung der Menschen übertragen worden. So werden die Versammlungen in Offenbarung 2 und 3 gesehen. Das ist die „Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,22). In seinen vollen Konsequenzen wird dies in 1. Kor 3,10–17 vorgestellt.

Petrus geht in diesem Brief nicht davon aus, dass Ungläubige in das Haus hineingekommen sind. Aber im zweiten Brief kündigt er es ausdrücklich an (2. Pet 2,3). Paulus schreibt in einem der ersten Briefe des Neuen Testaments, dass das Geheimnis der Gottlosigkeit schon wirksam sei (2. Thes 2,7).

Johannes und Judas sind nicht weniger deutlich (1. Joh 2,18). Hatte nicht schon der Herr angekündigt, dass der Feind Unkraut zwischen den Weizen säen würde, wenn die Menschen schliefen (Mt 13,25)? Der Heilige Geist ist zwar gekommen, um in dem Haus zu wohnen, und zwar für das Evangelium (Kap 1,12), für die Gläubigen (Joh 14,17) und für die Versammlung (1. Kor 12,13 1-11), aber nicht, um das Böse durch Gericht zu entfernen. Das bleibt dem Herrn Jesus vorbehalten, Der bei Seiner Ankunft alle Dinge wiederherstellen wird, wie die Propheten angekündigt haben (Mt 13,30; Apg 3,21).

Aber obwohl Petrus hier das Haus als noch aus wahren Gläubigen bestehend sieht, haben wir es nicht auch oft nötig, geprüft zu werden? Gericht ist für Gott etwas Fremdes. Aber wenn in Seinem Haus Zustände eingetreten sind, die ein Gericht notwendig machen, dann lässt Er das Gericht zu. Wie wir gesehen haben, gebraucht Er Satan und die Welt, um Seine Erziehung auszuüben (Hiob 1,2). Diese Erziehung ist immer in Übereinstimmung mit der Ordnung, die Er Selbst eingesetzt hat. So war es bei Israel, so ist es in der Welt, und so ist es auch im Haus Gottes. Alles was nicht mit der von Gott in Seinem Hause eingerichteten Ordnung in Übereinstimmung ist, verursacht Erziehung. Und Gott kennt uns besser als wir selbst. Wir können blind sein für eigene Sünden, weil wir nicht nahe genug beim Herrn sind und vergessen haben, uns in Seinem Licht zu richten. Wenn alle Gläubigen in wahrem Selbstgericht ihren Weg gingen, würde es für Gott wenig Notwendigkeit zum Gericht geben. Aber wenn den menschlichen Begierden Raum gegeben wird, muss Gott handeln.

Aber das Gericht Gottes ist für uns die Erziehung des Vaters. Daher werden wir nicht immer auf Grund von vorhandenem Bösen gestraft, sondern manchmal auch, um das Böse zu verhüten. Daher kann das Leiden für den Einzelnen Herrlichkeit sein, worin Gott verherrlicht wird, wie es z. B. auch bei Hiob der Fall war (Hiob 1,2). So kann sogar die Hinwegnahme eines Gläubigen in einer Verfolgung oder auf andere Weise für den Betroffenen nur eine Bewahrung vor zukünftigem Bösen sein (und es ist in jedem Fall ein Weg in den Himmel), aber es ist immer eine Prüfung für die Zurückbleibenden. Es ist eine Lücke entstanden; die Herzen werden auf die Kürze und Ungewissheit des Lebens hingewiesen; die Welt wird in ihrem wahren Charakter gesehen; unsere Gefühle werden mehr auf den Himmel gelenkt, wo der Entschlafene jetzt ist; sein Dienst und sein Genuss fehlt uns.

Die Versammlung ist ein himmlischer Körper, und ihr Teil ist im Himmel (Kol 3,1–4; Phil 3,19). Wenn ihre Gesinnung irdisch wird - und natürlich noch mehr, wenn ihre Gesinnung weltlich wird - lässt der Vater es zu, dass der Feind ihre Ruhe stört. Dann fühlt sie, dass nicht die Erde ihr Teil ist. Aber wie oft erkennen wir die Verbindungen erst, wenn sie zerbrochen werden! Wie viel Dinge gibt es bei uns, die Seiner Person nicht würdig sind, obwohl wir uns dessen nicht bewusst sind. Manchmal bemerken wir es in der Prüfung, manchmal verschwinden sie dann auch ungemerkt von uns selbst. Wie viel Ursache haben wir, mit David zu bitten: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist, und leite mich auf ewigem Wege“ (Ps 139,23)! „Von verborgenen Sünden reinige mich! Auch von Übermütigen halte deinen Knecht zurück, [...]. Lass die Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens wohlgefällig vor dir sein, HERR, mein Fels und mein Erlöser“ (Ps 19)!

Keine Gnade, kein Vorrecht ändert die heiligen Forderungen der Natur Gottes. Alles muss mit ihr in Übereinstimmung gebracht oder schließlich aus Seiner Gegenwart beseitigt werden. Gnade hat uns die göttliche Natur gegeben (2. Pet 1,4), so dass grundsätzlich vollkommene Gleichförmigkeit mit Gott besteht. Aber sie muss bei uns auch zu praktischer Gleichförmigkeit in Gedanken und Taten führen. Dazu müssen Gewissen und Gefühle geübt werden, damit alles in uns in Übereinstimmung mit dem Wort und auf Gott gerichtet ist. Wenn es nicht so ist, so dass das Zeugnis Gottes erniedrigt wird, dann muss Gott das richten. Er tut es durch die Prüfungen, die Bestandteil Seiner Erziehung sind. Weil es nun das Gericht des Vaters ist, ist das Ergebnis immer ein vermehrter Segen für uns. Aber deshalb ist es nicht weniger ernst. Wir dürfen unter der Erziehung nicht ermatten, aber wir dürfen sie ebenso wenig gering schätzen (Heb 12,5). Sie ist das Zeugnis einer Heiligkeit, die bei uns gefunden werden muss, weil wir in die unmittelbare Nähe des heiligen Gottes gebracht worden sind, Der jedoch unser Vater ist. Das lernen wir im Heiligtum verstehen. So finden wir auch die Antwort auf die Frage, warum Gläubige hier auf der Erde oft mehr Schwierigkeiten haben als Ungläubige. Jene empfangen ihr Gericht später (Ps 73)!

Wie schon gesagt, nimmt Petrus hier noch an, dass alle im Haus Gottes wahre Gläubige sind. Aber in seinem zweiten Brief prophezeit er schon, dass es anders werden wird. Wie sehr sind seine Worte - und die der anderen Apostel und Schreiber des Neuen Testaments (Jud V. 17-19) - in Erfüllung gegangen! Wenn wir uns umschauen, sehen wir, dass praktisch alle großen Kirchen in der Welt von „Modernen“ (Hes 33,34; d. h. solchen, die nicht mehr an der wörtlichen Inspiration und der göttlichen Autorität der Heiligen Schrift festhalten und die Gottheit des Herrn Jesus leugnen) beherrscht werden, und viele kleinere Gruppen folgen ihnen darin. Man kann kaum noch eine Gruppe Menschen finden, die als Ganzes noch an der völligen Inspiration des Wortes und an der Gottheit und der wahrhaftigen Menschheit des Herrn Jesus festhält. Und wo ist die Ordnung Gottes im Haus Gottes zu finden? Wo wird der himmlische Charakter noch gefunden, und wo die Absonderung von der Welt?

In Offenbarung 2 und 3 sehen wir prophetisch die Geschichte der Versammlung auf der Erde in ihrer Verantwortlichkeit. Die durchdringenden Augen des Herrn Jesus als Richter sehen schon im Anfang das Abweichen: das Verlassen der ersten Liebe. Die Abweichung schreitet trotz der Prüfung von zehn Tagen, die der Herr zulässt, fort über das Wohnen an dem Ort, wo der Thron des Satans ist, bis hin nach Thyatira, wo Jesabel herrscht. Dort sehen wir das Gericht über die Versammlung in ihrem Charakter als Versammlung, obwohl es erst in Kapitel 17 und 18 ausgeführt werden wird. Danach finden wir in Kapitel 3 die Geschichte des Protestantismus, der mit dem Ausspeien Laodicäas enden wird, wenn der Herr hinausgegangen sein wird, weil drinnen nichts mehr für Ihn ist.

Aber es wird ebenso sein wie bei Israel: wenn das Gericht vor der Tür steht, denkt man, dass man davon nicht betroffen werden kann: „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts“ (Off 3,17)! Ich las vor einigen Monaten in Kanada, dass ein holländischer Professor in Vorträgen in Amerika gesagt hatte, dass die Theologie in Holland sich zurzeit in einer Blütezeit befände. Und das bei dem furchtbaren Rückgang, den man überall, sogar mit geschlossenen Augen sehen muss! Machen der wunderbare Platz, den Gott der Versammlung in Seiner Gnade gegeben hat, und ihre wunderbaren Vorrechte sie für das Gericht Gottes unangreifbar, wenn sie die Gnade verschmäht und sie zur Zügellosigkeit gebraucht (Jud V. 4)? Und wenn unser alleiniger Herr und Meister Jesus Christus verleugnet wird, indem man leugnet, dass Er Gott ist, und man vor allem Seine Autorität und die Autorität Seines Wortes völlig verwirft? Wie verblendet der Parteigeist sogar wahre Gläubige!

Wie geziemt es sich da für uns, dass wir Selbstgericht üben und vor Gott diesen Zustand vollkommenen Verfalls bekennen! Aber wo findet man das, selbst dort, wo man gegen gewisse Missstände protestiert? Gewiss hat das Wort Gottes einen reinen Weg für den Glauben, auch in diesen letzten Tagen vor dem Gericht (2. Tim 2,21). Aber wenn damit nicht ein gebrochener Geist verbunden ist und Buße vor Gott über den Zustand des Ganzen, von dem doch jeder Gläubige einen Teil bildet, welchen Wert hat es dann für Gott? Es offenbart dann nur einen harten, selbstgerechten Geist, das Schlimmste, was es in Gottes Augen gibt. Leidet nicht der ganze Leib, jedes Glied, wenn ein Glied leidet (1. Kor 12,26)? Es ist ein Zeichen von Selbstsucht und Herzlosigkeit, wenn man nur das Böse fühlt, das man selbst getan hat, oder nur das Böse derer, mit denen ich praktisch denselben Weg gehe. Können wir nichts von Daniel, Esra, Nehemia und Jeremia lernen (Dan 9; Esra 9 + 10; Neh 1 + 5; Klgl)? Sollten wir im Richten des Bösen und der Demütigung darüber vor Gott nicht viel tiefer gehen als diese Männer, weil wir viel mehr Gnade und viel mehr Licht empfangen haben?

Dann dürfen wir in unserem Kummer und in unserer Niedergeschlagenheit eine wunderbare Tatsache bemerken. Nachdem wir in Off 2 und 3 gesehen haben, dass der Zustand der Versammlung so geworden ist, dass sie gerichtet werden muss, dass der Leuchter weggenommen werden musste und aufhörte, auch nur das geringste bisschen Licht Gottes zu sein, sehen wir dann, wie sie aus dem Himmel kommt, bekleidet mit der Herrlichkeit Gottes. Und „Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr kostbaren Edelstein, wie ein kristallheller Jaspisstein“ (Off 21,11)! Aus Offenbahrung 4 sehen wir, dass der Jaspisstein von der Herrlichkeit Gottes spricht. Dort sehen wir vor unseren erstaunten Augen das Werk des Herrn. „Auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16). Gott sei Dank, wir können das Werk des Herrn nicht verderben!

Kapitel 4, Verse 17b bis 19: „…wenn aber zuerst von uns an, was (wird) das Ende derer (sein), die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn der Gerechte mit Mühe errettet wird, wo wird der Gottlose und Sünder erscheinen? Daher sollen auch die, welche nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seelen befehlen im Gutestun.“

Aber wie ernst ist der Gedanke an das Gericht für Ungläubige, für diejenigen, die die frohe Botschaft von Gott nicht annehmen! Es wird hier das Evangelium Gottes genannt. Ich denke, dass es geschieht, um mit größerem Nachdruck zu zeigen, wie ernst es ist, die Botschaft abzuweisen! Gott ist es, der darin zu Seinen schuldigen Geschöpfen redet! Er gebietet ihnen, sich zu bekehren, gerade im Blick auf Sein kommendes Gericht (Apg 17,30). Er verheißt ihnen Vergebung von aller Schuld und außerdem den ewigen Aufenthalt in Seiner Gegenwart (Apg 3,19; Lk 24,47) als Folge der Bekehrung und des Glaubens an den Herrn Jesus und Sein Werk - an Seinen Sohn, Den Er Selbst gegeben hat (2. Kor 5,20+21), damit Er diese frohe Botschaft Sündern verkündigen kann. Wie furchtbar ist es, wenn ein Geschöpf neben all seinen anderen Sünden sich weigert, diesem Gebot und diesem flehenden Bitten Seines Schöpfers zu gehorchen.

Die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes sind so groß, dass Er sogar bei denen, die dem Evangelium gehorsam gewesen sind und dadurch an allem, was Seine Gnade gewirkt hat, teilhaben und Seine eigenen Kinder geworden sind, keinen Ungehorsam ertragen kann, sondern alles richten muss, was nicht in Übereinstimmung mit Seiner heiligen Natur ist. Was muss dann das Ende derer sein, die nur als ungehorsame, aufsässige Geschöpfe mit Gott in Verbindung stehen? Die sogar Seine Gnade und die unermessliche Gabe Seines Sohnes verschmähen? Für die Gläubigen endet das Gericht in dem Augenblick, da sie die Erde verlassen (Joh 5,24). Sie sind nur den erzieherischen Gerichten des Vaters unterworfen. Wenn sie diese Erde verlassen, bleibt ihre alte sündige Natur, ebenso wie die Welt, zurück. Auch Satan geht nicht mit zu dem Platz beim Herrn Jesus. Dort ist also keine Berichtigung mehr nötig.

Aber für die Ungläubigen kommt danach erst das endgültige Gericht. Sie kommen schon in die Pein, sobald sie sterben (Lk 16,23)! Wenn die Geschichte des Menschen in seiner Verantwortlichkeit dann abgeschlossen wird, werden sie vor dem großen weißen Thron stehen, und sie werden gerichtet „nach dem, was in den Büchern (Gottes) geschrieben war, nach ihren Werken“. Dann werden sie in den Feuersee geworfen, in den kurz zuvor der Teufel, der Antichrist und der letzte römische Kaiser, das Tier, geworfen wurden, an den Ort, von dem der Herr Jesus sagt, dass dort das Weinen und das Zähneknirschen sein wird, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt (Mt 13,50; Mt 9,46)! Dort werden sie ewig sein! Wer kann ihren Zustand dort beschreiben?

„Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31)! Paulus schreibt: „...bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel, mit den Engeln seiner Macht, in flammenden Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen; welche Strafe leiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2. Thes 1,7).

Ja, „wenn der Gerechte mit Not errettet wird, wo will der Gottlose und Sünder erscheinen?“ Es ist klar, dass mit „der Gerechte“ (Röm 5,19) der Gläubige gemeint ist. Er hat Leben aus Gott empfangen und ist gerechtfertigt. Das griechische Wort ‚molis', das in der Elberfelder Übersetzung durch „mit Not“ übersetzt ist, ist eine Ableitung von ‚molos' (= Arbeit, Mühe, Streit). Es kommt vor in Apg 14,18; 27,7+8+16; Röm 5,7 und an dieser Stelle. „Mit Mühe“ scheint mir daher auch eine bessere Übersetzung zu sein als „kaum“ oder „mit knapper Not“. Diese Worte erwecken den Eindruck, dass die Errettung auf Messers Schneide stünde, dass nicht viel fehlte, und der Gläubige ginge noch verloren. Aber das ist sicher nicht der Sinn dieser Stelle. Hier wird gesagt, dass Gott viel Mühe hat, uns als Errettete bis zum Ende durchzubringen. Dabei ist es natürlich ausgeschlossen, dass Gott versagen sollte. Wie wir schon mehrmals gesehen haben, sieht Petrus die Errettung am Ende. Damit ist also nicht nur die Errettung der Seele gemeint, sondern auch die Errettung des Leibes (Kap 1,9), d. h. wenn der Herr kommt, und wir mit Ihm hier auf der Erde geoffenbart werden (Kap 1,5+13).

Um uns retten zu können, hat Gott erst Seinen Sohn in das Gericht über unsere Sünden und unsere Sünde geben müssen. Aber ich denke nicht, dass unser Vers sich darauf bezieht. Das stand in Verbindung mit unserem Zustand bevor wir „Gerechte“ waren. Hier handelt es sich um die Versuchungen, die Prüfungen und die Gefahren in unserem Leben als Gläubige auf der Erde. Es gibt so viele Hindernisse, und wir selbst haben keine Kraft, standhaft zu bleiben.

Satan wird alle seine Mittel anwenden, um uns auf dem Wege umkommen zu lassen. Er hat mächtige Waffen! Seine Kraft ist groß, obwohl sie nicht das Gefährlichste ist, seit der Herr Jesus ihn besiegt hat. „Widerstehet dem Teufel, und er wird von euch fliehen!“ Aber wie viel Listen stehen ihm zur Verfügung! Oft verkleiden er und auch seine Knechte sich als Engel des Lichts (2. Kor 11,14). Er besitzt feurige Pfeile, die nur mit dem Schild des Glaubens, dem festen Vertrauen auf den Vater und den Herrn, ausgelöscht werden können (Eph 6,16).

Was für mächtige Bundesgenossen hat er darüber hinaus! Die Welt steht ganz zu seiner Verfügung, denn er ist der Gott dieses Zeitlaufs und der Fürst dieser Welt (2. Kor 4,4; Joh 12,31; 1. Joh 5,19). Hinzu kommt unsere alte Natur, das Fleisch, das nichts lieber tut als ihm gehorchen.

Wer kann da standhaft bleiben? Und wenn wir fallen, ist Satan schon da, um uns bei Gott zu verklagen. Er ist „der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagt“ (Off 12,10)! Wie wir gesehen haben, kann Gott gerade bei Seinen Kindern die Sünde durchaus nicht dulden. Er kann Sich Selbst nicht verleugnen, auch nicht um unsertwillen vor Satan! Er kann nicht zu Satan sagen: „Das finde ich nicht schlimm.“ Er muss Sein Gericht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen über Gut und Böse in Seiner Regierung über die Erde ausüben. Wenn wir bedenken, wer wir sind, und wer Gott ist, und dass wir in Seine unmittelbare Nähe gebracht worden sind und mit Ihm leben müssen, dann möchten wir mit den Jüngern ausrufen: „Wer kann dann errettet werden?“ Aber wir kennen die Antwort des Herrn. Was bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. Unser Glaube weiß: „Sie erscheinen vor Gott in Zion“ (Ps 84,7).

Wir haben gesehen, wie Gott es macht. Als Satan den Hohenpriester Josua wegen seiner schmutzigen Kleider verklagte (Sach 3), sagt Gott nicht: „Die Kleider sind aber nicht sehr schmutzig!“ Er lässt diejenigen, die vor Seinem Angesicht stehen, Josua die schmutzigen Kleider aus- und ihm reine Kleider anziehen und lässt ihm einen reinen Kopfbund aufsetzen. Dann sagt Er: „Ich habe deine Ungerechtigkeit von dir weggenommen!“ Im vierten Buch Mose finden wir die diesbezüglichen Wege Gottes mit Israel. Das Neue Testament sagt uns: „Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf welche das Ende der Zeitalter gekommen ist“ (1. Kor 10,11). Und was ist das Ergebnis der Wege Gottes mit Israel? Trotz aller ihrer Untreue und ihres Versagens und trotz des heiligen Gerichtes Gottes in ihrer Mitte war die Zahl der Israeliten praktisch gleich geblieben. Aber die Leviten hatten sich am Ende um fast tausend vermehrt (4. Mo 2,32; 26,51)!

Ja, die Allmacht Gottes gelenkt durch die göttliche Weisheit und väterliche Liebe eines Gottes, Der Liebe ist, ist notwendig, um uns sicher durch die Welt, in der Satan regiert, zu führen. Wir wissen auch, dass Gott das nicht durch direkte Machtausübung tut, sondern durch sittliche Mittel: durch die Stärkung unseres Glaubens. Aber aus dem Wort Gottes wissen wir auch, dass wir bewahrt werden zur Errettung (Kap 1,5). Wenn die Prüfungen auch so viel schwerer sind, weil wir so nahe zu Ihm gebracht worden sind, dann ist das zugleich der Beweis unserer Gewissheit und Seiner unendlichen Vaterliebe zu uns. „Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so dass ihr sie ertragen könnt“ (1. Kor 10,13). „Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen“ (Ps 23,3).

Aber wo wird dann der Gottlose und Sünder erscheinen, der kein Teil an den wunderbaren Folgen des Werkes des Herrn Jesus hat, der sich nicht mit Gott hat versöhnen lassen wollen (2. Kor 5,20) und daher nicht Liebe und Hilfe, sondern nur Rache und Gericht von Gott zu erwarten hat (2. Thes 1,8), und der sich freiwillig gänzlich der Macht und Bosheit des Teufels übergeben hat?

Der Teufel versucht immer wieder, uns weiszumachen, dass es viel verständiger ist, ein wenig mit der Welt mitzumachen - jedenfalls nicht so öffentlich unser Christsein zu zeigen - weil wir dann den Verfolgungen größtenteils oder sogar ganz entgehen. Aber wir haben gesehen, dass die Verfolgungen in Wirklichkeit Gerichte und Prüfungen von Gott sind. Wie kurzsichtig ist es dann, das zu tun, was Satan sagt. Es verbindet uns nur mit denen, die unendlich viel schwerere Gerichte zu erwarten haben (1. Mo 14,11+121. Mo 19). Gott muss das Böse richten. Wenn es nicht auf diese Weise geschieht, dann auf die andere, die aber schwerer sein muss, weil die Abweichung beweist, wie weit das Herz vom Herrn abgewichen ist. Wenn wir versuchen, der Erziehung Gottes zu entlaufen, werden wir nur in noch viel größere Schwierigkeiten kommen!

„Der Gottlose und Sünder“ bezieht sich, wie ich glaube, auf eine und dieselbe Person. Vor beiden Worten steht nur ein Geschlechtswort, und außerdem steht das Tätigkeitswort in der Einzahl. Das griechische Wort für „Gottloser“ (‚asebes') ist das Gegenteil zu „ehren, Respekt bezeigen usw.“ (‚sebesthai'). Es zeigt also, dass der unbekehrte Mensch Gott nicht ehrt und Ihm keine Ehrerbietung entgegenbringt. Außerdem ist er ein Sünder, jemand, der den Zweck seines Lebens verfehlt hat, weil er seinen Weg in Ungehorsam gegen Gott geht. Der Lebenszweck eines Geschöpfes ist, seinem Schöpfer zu dienen und Ihn zu lieben (1. Joh 3,4; 5. Mo 6,5).

Vers 19 ist eine Schlussfolgerung, die aus den vorhergehenden Versen gezogen wird: „Daher sollen auch die, welche nach dem Willen Gottes leiden, einem treuen Schöpfer ihre Seele befehlen im Gutestun.“

Dies gilt also nur für diejenigen, die „nach dem Willen Gottes leiden“, und nicht, wenn wir für unsere eigenen Fehler leiden. Jene sollen ihre Seelen Gott als dem treuen Schöpfer anbefehlen. Das Wort „befehlen“ kommt u. a. auch in 1. Tim 1,18 und 2. Tim 2,2; Lk 12,48 usw. vor.

Gott wird hier als Schöpfer gesehen, also in Verbindung mit der Welt, die Er geschaffen hat. Wir wissen, dass Er das Werk Seiner Hände nicht lassen wird. Er ist ein treuer Schöpfer.

Gerade all die Leiden, die Er über die Seinen kommen lässt, zeigen das. Von Anfang an war es Seine Absicht, den von Ihm geschaffenen Menschen in Seine Gemeinschaft zu bringen. Wie wir gesehen haben, ist das auch der Zweck des Leidens. Wenn wir uns in solchem Leiden befinden, können wir voll Vertrauen unsere Seelen Ihm befehlen. Er wird sie sicher bewahren, wenigstens, wenn wir es in Gutestun tun (1. Thes 5,23+24). Anderenfalls wird Er sogar noch mehr Erziehung ausüben müssen. Er sorgt für Seine Geschöpfe, wie viel mehr für Seine Kinder! In Christo haben wir Ihn kennen gelernt und haben gelernt, auf Ihn zu vertrauen.

Aber dadurch wissen wir jetzt auch, dass Er als Schöpfer treu und voll Liebe mit Seinen Geschöpfen umgeht. Er ist nicht so, wie es die Ungläubigen von Ihm meinen: hartherzig und fordernd! Er ist der große Geber (Joh 4,10; 2. Kor 9,15). Wir sehen hier also nicht nur Gottes Regierung und Gottes Handlungen in Seiner Regierung, sondern Gott auch als Schöpfer in Verbindung mit der ersten Schöpfung. Das ist jüdischer Boden und nicht das eigentliche christliche Verhältnis zu Gott. Aber doch ist dies für uns in unserem Charakter als Pilger auf der Erde wertvoll.

Kapitel 5 Vers 1: „(Die) Ältesten, (die) unter euch (sind), ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden des Christus der auch Teilhaber (ist) der Herrlichkeit, die geoffenbart werden soll,…“

Im Griechischen steht kein Geschlechtswort vor „Ältesten“ (‚presbyteros'), womit angezeigt wird, dass hier nicht so sehr eine bestimmte Personengruppe angesprochen wird, sondern vielmehr Brüder, die einen bestimmten Charakter tragen (in diesem Falle, dass sie älter sind). Die Bedeutung wird aus Vers 5 deutlich: es handelt sich um die älteren Brüder im Gegensatz zu den jüngeren (‚neoteroi').

Das Wort ‚presbyteros' („Ältester“) bedeutet normalerweise „ein Älterer“. Siehe z. B. „ältester Sohn, „alter Mann“ und „alte Frau“ (Lk 15,25; 1. Tim 5,1+2). Das Wort kommt ungefähr siebzig Mal im Neuen Testament vor, aber wahrscheinlich bedeutet es nur an folgenden Stellen das „Amt“ des Ältesten, also einen ausdrücklich und persönlich aufgetragenen Dienst: Apg 14,23; 20,17; 1. Tim 5,17+19 und Tit 1,5. Fest steht das auch nur bei der ersten und der letzten dieser Stellen! Die anderen drei Stellen lassen mich aus dem Zusammenhang zu der Überzeugung kommen, dass es sich auch da um das „Amt“ handelt, aber beweisen lässt sich dies nicht.

In Israel nahmen die älteren Männer auf Grund ihrer Erfahrung einen ehrenvollen Platz ein (2. Mo 4,29; 24,1+9; Spr 31,23; vergleiche auch die vielen Stellen in den Evangelien, wo über die „Alten“ gesprochen wird). Da dies nun offensichtlich mit Gottes Gedanken in Übereinstimmung war, fand es bei den jüdischen Christen Eingang. Es war dort also keine Rede von einer Anstellung oder dergleichen. Auf Grund ihrer Erfahrung in den Wegen Gottes und im Leben der Versammlung gehörten die älteren Brüder zu den „Ältesten“. So steht z. B. in Apg 15,23 in den ältesten Handschriften: „Die Apostel und die ältesten Brüder usw.“, so dass dort diejenigen, die in den Versen 2, 4, 6 und 22 „Älteste“ genannt werden, „älteste Brüder“ heißen (siehe Neues Testament in Griechisch von Nestle und z. B. die Übersetzung von Weizsäcker oder von Prof. Brouwer [holländisch]).

Als den Heiden das Evangelium verkündigt wurde und unter diesen Versammlungen entstanden, waren natürlich nicht sofort Brüder vorhanden, die jahrelange Erfahrung hatten und durch jahrelanges Auftreten in Weisheit usw. sittliche Autorität als „Älteste“ erlangt hatten. Der Herr half auch hierbei und gab Gaben für „Regierungen“, „Wort der Weisheit“ und den, „der da vorsteht“ (1. Kor 12,28+8; Röm 12,8). Dazu gab er Apostel, die solch ein geistliches Unterscheidungsvermögen besaßen, dass sie bei solchen, die noch nicht lange bekehrt waren, die Gaben und den dazu passenden geistlichen Zustand sahen (Apg 14,23). Außerdem besaßen sie die Autorität, sie offiziell als „Älteste“ anzustellen, wodurch diese auch öffentlich Autorität erhielten. Wenn die Apostel selbst in dem Augenblick nicht an einem Ort sein konnten, von dem sie wussten, dass es notwendig war, dort Älteste anzustellen, konnten sie jemand anders, von dem sie wussten, dass er vom Herrn dazu befähigt war, als ihren Bevollmächtigten dahin senden, um als solcher es zu tun (Tit 1,5). Nirgends in der Schrift finden wir, dass die Versammlung selbst oder auch die anderen Ältesten etwas damit zu tun hatten. Das ist auch vollkommen erklärlich. Autorität kommt immer von oben, und nie von unten. Der demokratische Grundsatz, seine eigenen Autoritätsträger selbst zu wählen, steht in vollkommenem Widerspruch zu Gottes Gedanken. Er ist auch in sich widersprüchlich. Jemand, der von mir angestellt wird, steht in Wirklichkeit unter mir, und kann jederzeit wieder von mir abgesetzt werden. Er hat keine wirkliche Autorität über mich!

Mit Sicherheit wissen wir nur, dass in Lystra, Ikonium, Antiochien, Kreta und wahrscheinlich Ephesus und Philippi angestellte Älteste waren (Apg 14,23; Tit 1,5; 1. Tim 3; Phil 1,1). In den Briefen an die Korinther, den einzigen Briefen, die an eine Versammlung als solche geschrieben sind, und in denen die Ordnung in der Versammlung so ausführlich beschrieben wird, werden sie nicht erwähnt. Auf jeden Fall gibt es auch nicht die geringste Möglichkeit, zu erkennen, dass sie in der Mitte der aus den Juden hervorgekommenen Gläubigen vorhanden waren.

Auf Grund der folgenden Punkte glaube ich daher auch, dass es ganz offensichtlich ist, dass Petrus hier nicht über „angestellte“ Älteste spricht:

  1. Weil er an jüdische Gläubige schreibt.
  2. Das Geschlechtswort vor „Ältesten“ fehlt, wodurch der Nachdruck mehr auf dem Charakteristischen, Kennzeichnenden als auf einer bestimmten Gruppe liegt.
  3. Petrus nennt sich selbst „Mitältester“. Apostolische Autorität ist aber fundamental und reicht über die gesamte Versammlung. Die Autorität eines „Ältesten“ gilt nur örtlich und steht außerdem weit unter der eines Apostels. Er wurde ja durch einen Apostel oder durch einen von diesem Bevollmächtigten angestellt. Petrus konnte daher auch unmöglich offiziell das Amt eines „Ältesten“ innehaben, aber wohl war er ein alter Bruder, obgleich er Apostel war. Dasselbe sehen wir bei Johannes und Paulus, wo an allen drei Stellen das gleiche griechische Wort verwendet wird (2. Joh V. 1+3; Joh V. 1).
  4. Vers 5 zeigt deutlich, dass das Wort „Älteste“ (siehe Anm. zu Vers 5 in der Elberfelder Übersetzung) hier im Gegensatz zu dem Wort „Jüngere“ gebraucht wird. Wie Petrus die Gläubigen in den vorigen Kapiteln in Untertanen, Hausknechte, Frauen und Männer einteilte und sie dann in dem Wort „alle“ zusammenfasste (Kap 3,8), sieht er sie hier hinsichtlich ihres (geistlichen) Alters in zwei Gruppen: die Älteren und die Jüngeren. In Vers 5b fasst er sie in dem Wort „alle“ wieder zusammen.
  5. Petrus sieht die Ältesten als einen Teil der Herde: „(Die) Ältesten, (die) unter euch (sind)“ und „die Herde Gottes, (die) bei euch (ist)“. Das deutet mehr auf die Führer in der Mitte der Gläubigen (diejenigen, die die Gabe des Regierens haben) hin, als auf offiziell angestellte Aufseher. Aufseher stehen als solche über und außerhalb der Herde!

Petrus will diese Ältesten ermahnen. Als Apostel hat er vollkommene Autorität, das zu tun; er kann sogar befehlen. Aber wie Paulus und Johannes gebraucht er seine offizielle Autorität nur, wenn es unbedingt nötig ist. Hier nimmt er, soweit das möglich ist, denselben Platz ein wie diejenigen, die er ermahnen will. Er nennt sich „der Mitälteste und Zeuge der Leiden des Christus“. Die Gnade gibt gerne Stellung und Rechte preis, wenn sie dadurch ihr Ziel eher erreichen kann. Wahrer Dienst gründet sich auf Liebe, auch wenn dieser Dienst im Regieren besteht. Welch ein Beispiel davon sehen wir in unserem Herrn!

Welch eine Kraft und welch eine sittliche Autorität erhält die Ermahnung durch eine solche Gesinnung! Petrus ist auch ein Gläubiger wie sie, und wenn Erfahrung das Kennzeichen eines Ältesten ist, wer hat dann soviel Erfahrung wie Petrus? Seine Erfahrung reicht bis in den Anfang zurück, bis in die Jahre, als der Herr Jesus Selbst noch Seinen Dienst auf der Erde ausübte. Wie wenige lebten noch, die eine so lange „Dienstzeit“ hinter sich hatten! Wer außer Johannes war in jenen Jahren so nahe beim Herrn gewesen und hatte danach so von Anfang an im Mittelpunkt der Versammlung gestanden? Wer außer Johannes hatte auch das Leiden des Christus so mit eigenen Augen gesehen?

Vor „Mitälteste und Zeuge usw.“ steht nur ein Geschlechtswort. Das bedeutet, dass diese Worte zusammengehören. Seine Erfahrung im Dienst hatte Petrus durch das Zeugnis von dem Leiden Christi erlangt. Das griechische Wort für „Zeuge“ ist hier ‚martys', von dem unser Wort „Märtyrer“ abgeleitet ist. Daraus folgt, dass Petrus nicht nur sagen will, dass er Augenzeuge des Leidens Christi gewesen ist, sondern auch, dass er in seinem Dienst davon zeugt. Wenn er sich nur „Augenzeuge“ nennt, gebraucht er ein anderes Wort (2. Pet 1,16). Welch eine Kraft gibt diese Erinnerung an das Leiden Christi, das Er für Seine Schafe erduldete, zu denen auch sie gehörten, der Ermahnung des Petrus betreffs des Dienstes unter den Schafen Christi! Sollte der Gedanke an den Preis, den die Liebe des Herrn für ihre Sicherheit und ihren Segen bezahlte, nicht auch unsere Herzen willig machen, dieselbe Gesinnung für diese Schafe zu hegen?

Aber wir sehen hier zugleich den besonderen Charakter des Dienstes des Petrus im Unterschied zu dem des Paulus. Petrus war der Apostel der Beschneidung, der Juden (Apg 1,22; Joh 15,27; Gal 2,7–9). Diese erwarteten den Messias in Herrlichkeit. Es war nun der Dienst des Petrus, den Juden das zu verkündigen, was der Herr Selbst nach der Auferstehung den Emmausjüngern erklärte: „Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen“ (Lk 24,26)? Er selbst hatte dies auf einem erniedrigenden Wege gelernt (Mt 16,21–28). Jetzt wusste er, dass die Propheten diese Reihenfolge zuvor angekündigt hatten (1. Pet 1,11). Sein Dienst bestand nun darin, von den Leiden Christi und den Herrlichkeiten danach zu zeugen. Das haben wir auch in diesem gesamten Brief gefunden. In der gegenwärtigen Zeit gibt es für die Gläubigen Leiden (Kap 1,6), aber das Auge wird auf den Tag gerichtet, an dem der Herr auf die Erde kommen wird, um hier Seine Herrlichkeit zu offenbaren und die Prophezeiungen zu erfüllen (Kap 1,5+7; 4,5+13; 2. Pet 1,12–21).

Paulus war der Apostel der Nationen (Apg 26,13–19), die keine Verheißungen besaßen. Er sah am Anfang nicht den leidenden Christus, sondern den verherrlichten Herrn im Himmel (1. Kor 15,8). Er predigte das Evangelium der Herrlichkeit des Christus, den Dienst des Geistes, der in Herrlichkeit besteht. Denn der Geist, Der von dem verherrlichten Herrn im Himmel herabgesandt wurde, sollte von der Herrlichkeit Christi im Himmel zeugen (2. Kor 4,4; 3,8+18; Joh 15,26; 7,39; Apg 5,32). In der Ausübung seines Dienstes wurde Paulus Teilhaber der Leiden Christi (Phil 3,10; Kol 1,24). Obgleich er nach der Erscheinung des Herrn zur Befreiung der Schöpfung verlangte (Röm 8,21), war das nicht seine Hoffnung. Die Freude seines Herzens war, zu seinem Herrn zu gehen, um allezeit bei Ihm zu sein, obwohl er danach auch mit Ihm auf diese Erde kommen würde (1. Thes 4,17; 1. Kor 15,52). Er zeugte von der Herrlichkeit und war Teilhaber der Leiden Christi. Petrus war ein Zeuge des Leidens Christi und Teilhaber der Herrlichkeit, wenn diese auf der Erde geoffenbart werden wird (Mt 19,28 f.). Als Apostel der Beschneidung sieht er Christus in Verbindung mit Israel und der Erde. Was er schreibt, gilt für uns, und Paulus bestätigt das auch. Aber es ist nicht das, was für das Christentum kennzeichnend ist. Das finden wir in den Schriften des Paulus. Der Dienst des Petrus und der anderen elf Apostel endete auch mit ihrem Tod (Joh 15,27). Jetzt haben wir also nur noch den Dienst des Heiligen Geistes, wie er im Dienst des Paulus zum Ausdruck kam (Joh 15,26).

Kapitel 5 Verse 2 und 3: „Hütet die Herde Gottes, (die) unter euch (ist), indem ihr die Aufsicht nicht gezwungenermaßen führet, sondern freiwillig, auch nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig, nicht als über eure Erbteile herrschend, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid.“

Das griechische Wort für „hütet“ (‚poimaino', hier im Imperativ des Aorist I) deutet eigentlich die ganze Arbeit eines Hirten an: füttern, beschützen, führen usw. Die Ältesten müssen in ihrem ganzen Dienst diesen Hirtencharakter offenbaren, und auch selbst dadurch gekennzeichnet sein. Wir könnten es also auch mit den Worten umschreiben: „Seid wirklich Hirten“.

Die Gläubigen insgesamt werden als „Herde“ bezeichnet, wie auch an anderen Stellen in der Schrift (Joh 10,15). Darin liegt der Gedanke, dass jeder einzelne Gläubige ein Schaf ist, und so nennt ihn die Schrift auch mehrmals ausdrücklich (Kap 2,25). Das Wort „Herde“ steht immer in der Einzahl, denn es gibt keine zwei Herden! Es ist auch die Herde Gottes (Apg 20,28 f.)! Wie werden die Rechte Gottes verletzt, wenn jemand von seiner Herde, seiner Gemeinde spricht! „Unter euch“ ist derselbe Ausdruck wie in Vers 1 und in Kap 4,12. Daraus folgt, dass hiermit nicht ein niedrigerer Platz angedeutet wird, als ob die Ältesten über der Herde stehen, sondern es ist eine Beschränkung auf den Teil der Herde, der sich dort befindet, wo die Ältesten wohnen und arbeiten. Der Ältestendienst ist mehr örtlich, im Gegensatz zu den Gaben, die dem ganzen Leib Christi gegeben wurden und deren Dienst daher nicht auf einen Ort beschränkt ist (Eph 4,11–14). Wenn eine Rangordnung angegeben werden sollte, dann würde meiner Ansicht nach auch ein Tätigkeitswort dabeistehen.

Der Apostel sieht die Ältesten und die Herde als ein Ganzes. Dadurch werden die Gedanken auf eine Sphäre gegenseitiger Liebe und Verbindung gerichtet. Wie fruchtbar und gesegnet kann der Dienst sein, wenn eine solche Sphäre vorhanden ist. Ein Beispiel davon sehen wir bei Paulus und den Ältesten von Ephesus (Apg 20,17–37). Er spricht über die Herde Gottes zu ihnen und erinnert sie daran, wie er selbst in ihrer Mitte gewesen war.

Entgegen der großen Mehrheit der Handschriften und alten Übersetzungen haben einige sonst sehr gute alte Handschriften (Sinaiticus und Vaticanus) die Worte „indem ihr die Aufsicht führet“ nicht. Es ist leicht verständlich, warum die Schreiber sie ausgelassen haben. Die Schrift nennt die Ältesten auch Aufseher (Apg 20,28). In Bezug auf ihr Lebensalter und ihre geistliche Erfahrung sind sie Älteste, während der Name „Aufseher“ auf den Charakter ihres Dienstes hinweist (1. Tim 3,1+2; vergleiche Apg 20,17+28, Titus 1,5+6 mit Vers 7 und alle vorgenannten mit 2. Tim 3,1–7). Aber im zweiten Jahrhundert fing man an, einen Unterschied zu machen und stellte den Bischof (eine Ableitung von dem griechischen Wort für „Aufseher“: ‚episkopos') über die Ältesten. Zunächst machte man ihn zum Führer über eine ganze örtliche Versammlung, und später, als die schriftgemäße Ordnung noch mehr verloren ging, zum Führer über ein größeres Gebiet. Darüber hinaus stellte man einen Erzbischof über ein noch größeres Gebiet. Der Bischof als einzelne Person (während die Schrift immer über „Älteste“ in der Mehrzahl spricht), der von den Ältesten unterschieden wird und über diesen steht, ist wahrscheinlich eine Erfindung von Ignatius gewesen. In seinen Briefen finden wir sie jedenfalls zum ersten Mal genannt, und darin wird ihnen schon eine Stellung zuerkannt, die völlig gegen alle schriftgemäße Ordnung ist. Der Hochmut des menschlichen Herzens nahm diese Dinge bald und gerne an. Aber der Auftrag des Petrus an die Ältesten, den Dienst von „Aufsehern“ (griechisch: ‚episkopos') zu versehen, zerstörte natürlich diese ganze Praxis und war daher sehr lästig für sie. Wir wissen, wie gerne der Mensch „vergisst“, was ihm nicht passt!

Hinter „freiwillig“ fügen einige Handschriften die Worte „Gott gemäß“ ein. Im Blick auf den Zusammenhang und die wenigen Textzeugen sind die meisten Gelehrten jedoch der Überzeugung, dass sie nicht ursprünglich sind, sondern eine spätere menschliche Hinzufügung. Ich habe sie daher weggelassen, obwohl einige Übersetzungen sie doch in den Text aufgenommen haben.

„Nicht aus Zwang, sondern freiwillig“! Ja, wenn wir eine Gabe oder einen Platz in der Versammlung haben (und das hat jeder Gläubige; 1. Kor 12), wehe uns, wenn wir unsere Gabe nicht ausüben und unseren Platz nicht einnehmen (Mt 25,26–30)! Aber der Herr möchte, dass wir es mit einem willigen Herzen tun, dass wir es für ein Vorrecht halten, Ihm an den Seinen zu dienen. Dann werden wir Lohn empfangen und es ist deutlich, dass wir es nur dann mit unserem Herzen und allen unseren Kräften tun (1. Kor 9,17; 1. Tim 3,1).

Wie prophetisch sind die Worte: „nicht um schändlichen Gewinn, sondern bereitwillig“! Ist das Christentum praktisch nicht großenteils dahin gekommen, dass es heißt: „Nichts für nichts“ (Hes 34; Tit 1,7; 2. Mo 35)? In der römischen Kirche ist das sehr deutlich. Alles, was der „Älteste“ (in der römischen Übersetzung: „Priester“) tut, muss bezahlt werden. Man empfängt in dem Maße, wie man bezahlt, sogar wenn es sich darum handelt, Seelen aus dem von der römischen Kirche erfundenen „Fegefeuer“, das viel Geld einbringt, zu retten. Wer reich ist und viel bezahlt, bekommt mehr und bessere Messen als der, der wenig bezahlen kann. Wer nichts bezahlen kann, erhält nichts.

Sehen wir das gleiche nicht im Protestantismus, wenn auch nicht in so grober Form? Ist für viele das Pastoren- oder Predigeramt nicht wenig mehr oder nichts mehr als eine ehrenvolle Verdienstmöglichkeit in der Gesellschaft? Wie selten weigern sie sich, „ihre Gemeinde“ zu wechseln, wenn damit beträchtliche finanzielle oder andere irdische Vorteile verbunden sind! Ohne Zweifel sagt uns das Wort Gottes, dass der Arbeiter seines Lohnes wert ist (Lk 10,7; 1. Kor 9,12+14+18). Aber wenn er seinen Lohn von seinem Auftraggeber, dem Herrn, erwartet, wird das keinen Einfluss auf die Art und Weise, den Ort und die Art der Arbeit, die er tut, ausüben. Im anderen Fall aber offenbart er den Charakter eines Mietlings (Joh 10,13)! Ist das nicht auch so, wenn er seine Belohnung von Menschen erwartet, sei es nun Geld oder Ehre oder Dank? Siehe 2. Kor 12,14+15. Wie anders war der Herr Jesus, der gute Hirte, Der Sein Leben ließ für Seine Schafe, und arm wurde, um sie reich zu machen (2. Kor 8,9).

Wie prophetisch sind auch die Worte: „als die da herrschen über eure Erbteile“! In welchem Widerspruch stehen sie zu den Worten des Herrn: „Die Könige der Nationen herrschen über dieselben [...] Ihr aber nicht also; sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Leiter wie der Dienende [...] Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“ (Mt 20,27; Lk 22,25; Mk 10,43). Wie hat der Herr versucht, die Seinen vor diesem Übel zu bewahren und es durch den Grundsatz der Gnade zu ersetzen! Er diente den Seinen auf der Erde (Joh 13,1–17), Er dient ihnen jetzt im Himmel (Heb 7,25), und Er wird es in Ewigkeit in der Herrlichkeit tun (Lk 12,37)!

Wie fremd ist einem solchen Geist der Machtkampf, der seit dem Anfang in der Christenheit besteht. Wie unschriftgemäß ist die absolute Macht, die die römische Geistlichkeit ausübt. Ist nicht auch die holländische Bezeichnung „Domine“ für einen Pastor (= Herr) gerade das, was die Schrift hier ausdrücklich verbietet? Der englische Titel „reverend“ ist noch schlimmer. Im Grunde fordert dieser eine Ehrfurcht, die an Anbetung grenzt. Wie sehr werden die Rechte des Herrn durch solche Bezeichnungen verletzt! Die Namen sind Bezeichnungen für Funktionen. Ist die Eifersucht zwischen Brüder und Schwestern um die Gabe oder die Stellung der anderen nicht dasselbe? Die Sucht und das Streben, einen einflussreichen Platz inmitten der Gläubigen zu bekommen? Wie anders war es bei Paulus (2. Kor 4,5)!

Wenn der Gläubige weiß, dass er nicht einmal unbeschränkter Herrscher über seine irdischen Besitztümer ist - ob er sie nun geerbt oder „selbst“ verdient hat - sondern nur ihr Verwalter (Lk 16,1–13; 12,42; 1. Tim 6,17), wie viel mehr dann im Hinblick auf die Herde Gottes! Der Herr hat erlaubt, dass dieser Herrschergeist sich schon zur Zeit der Apostel offenbarte. Diotrephes wird uns als ein warnendes Beispiel genannt (3.Joh). Sein Name hat eine tiefe Bedeutung, denn er bedeutet: „von Zeus genährt“, oder „von Gott genährt oder erzogen“. Zeus ist der Göttervater in der griechischen Götterlehre, und da nach der Schrift hinter den Götzen die Dämonen verborgen sind (1. Kor 10,19 f.; 5. Mo 32,15–18), ist Zeus also das Bild des Teufels selbst. Welch ein Bild gibt auch die zweite Bedeutung („von Gott genährt oder erzogen“) von der Anmaßung der Geistlichkeit, dass ihre Autorität göttlichen Ursprungs sei!

Die Ältesten sollen im Gegenteil wahre Wegbereiter und Vorbilder der Herde sein. Die Schafe müssen an den Hirten sehen können, wie sie sich selbst zu verhalten haben, und dass das Herz wahre Befriedigung und Freude nur im Dienst für den Herrn und in der daraus hervorgehenden Gemeinschaft mit Ihm findet (Tit 2,7; 1. Tim 4,12; 1. Thes 1,7). Paulus konnte sich selbst als Vorbild hinstellen. „Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi“ (Phil 3,17; 1. Kor 11,1)! Er fordert die Gläubigen nicht auf, ihm zu folgen, sondern ebenso zu tun wie er, der Christus nachfolgte. So richtet auch Petrus hier die Augen und Herzen der Ältesten nicht auf sich selbst, sondern auf Christus, den Erzhirten. Nur das gibt uns Kraft und verwandelt uns (2. Kor 3,18)!

Beim Schreiben der ersten Verse von Kap. 2 hat der Apostel sicherlich mit großer Freude und Dankbarkeit an den wunderbaren Augenblick zurückgedacht, als er zum ersten Mal zum Herrn kam, und der Herr ihm den neuen Namen „Stein“ gab (Joh 1,43). Sicher hat er auch an die Stunde in Cäsarea-Philippi gedacht, als der Herr in Verbindung mit diesem neuen Namen ihm und den anderen Aposteln das wunderbare Geheimnis Gottes offenbarte: ein lebendiges Haus Gottes auf der Erde, erbaut von Christus als dem Sohn des lebendigen Gottes, außerhalb des Bereichs von Tod und Verderben, weil ein Auferstandener, Der die Quelle des Lebens ist, seine Grundlage ist (Mt 16,18).

Wie mag sein Herz auch geschlagen haben, als er diese ersten Verse von Kapitel 5 schrieb. Ob er nicht zurückgedacht hat an den Augenblick, als der von den Juden verworfene Herr Sich als der gute Hirte vorstellte, Der Sein Leben für Seine Schafe lassen würde (Joh 10); Der ihnen sagte, dass Er alle zerstreuten Schafe aus Israel und den Nationen in einer Herde, unter Ihm als dem einen Hirten, vereinen würde, und Der ihnen dabei versicherte, dass niemand eines Seiner Schafe aus Seiner Hand und der Hand des Vaters rauben könnte?

Wie mag er auch zurückgedacht haben an die Tage, als der Hirte des HERRN geschlagen wurde und die Schafe zerstreut wurden (Joh 18; Sach 13,7). Wie mag er auch daran gedacht haben, dass er trotz seiner hohen Treuebekundigungen den Herrn so verleugnet hatte! Wie hatte er danach verspürt, was Hirtentreue für ein verirrtes Schaf bedeutet (Lk 24,34). Wie hatte sich auch die treue Sorge des Herrn mit ihm beschäftigt, bis er mit sich selbst zu Ende gekommen war und erkannt hatte, dass nur der Allwissende wissen konnte, dass er den Herrn liebte. Aber wie hatte der große Hirte der Schafe ihn dann wiederhergestellt und ihm einen Platz als Unterhirten gegeben: „Weide meine Lämmlein, hüte meine Schafe, weide meine Schafe“! Der Herr wusste nämlich, dass Petrus Ihn doch innig liebte, wenn seine Liebe auch tief unter seinem Selbstvertrauen verborgen gewesen war; denn wahrer Dienst ist auf die Liebe zum Herrn gegründet.

Der Herr liebt Seine Schafe und möchte, dass sie geweidet werden. Er wurde „innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36; Mk 6,34). In Seiner Gnade will Er uns als Seine Unterhirten gebrauchen. Er wünscht, dass auf Seine Schafe geachtet wird. Das finden diejenigen, die abweichen, oft nicht angenehm. Sie lieben es nicht, dass man sie auf ihre falschen Verbindungen hinweist und mit ihnen über ihren schwachen Zustand spricht. Aber es ist der Gedanke Gottes, dass Aufsicht vorhanden sein soll. Der Mangel an geistlicher Hirtensorge und -aufsicht ist eine der großen Ursachen des schwachen geistlichen Zustandes unter den gläubigen Christen.

Aber wie anders wird alles, wenn wir die Gläubigen als Gottes eigene Herde sehen (Vers 2)! Dann suchen wir nur das Wohl der Schafe, ohne zu fragen, ob sie uns dankbar sein werden oder nicht, und ohne zu fragen, ob es uns viel Mühe und Sorge kosten wird - und vielleicht kein Ergebnis sichtbar wird. Wir werden sie lieben als Schafe des Herrn und für sie sorgen aus Liebe und Gehorsam zu Ihm. Wenn wir dann auch von Seiten der Schafe keinen Dank empfangen - der Erzhirte wird erscheinen und uns die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit geben. Bei Paulus sehen wir diesen Hirtengeist. „Ich will aber sehr gern alles verwenden und völlig verwendet werden für eure Seelen, wenn ich auch, je überschwänglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde“ (2. Kor 12,15).

„Weiden“ bedeutet viel mehr als nur Nahrung geben. Es bedeutet, den Schafen nachzugehen, auch in die Dornen, die sie vielleicht verwundeten. Aber noch viel wichtiger ist es, zu verhindern, dass sie dahin kommen! Jeder Gläubige benötigt persönliche Aufsicht und Sorge. Neubekehrten muss mit Nahrung und Rat geholfen werden. Viele sind nach ihrer Bekehrung kaum gewachsen, weil keine Hirtensorge für sie da war. Zu jeder Zeit des geistlichen Lebens besteht die Gefahr, zu erkalten und danach weiter abzuweichen. Wie viele benötigen auch Trost. Wie oft wären große Schwierigkeiten inmitten der Gläubigen vermieden worden, wenn am Anfang, als die Dinge noch schwach entwickelt waren, Hirtensorge ausgeübt worden wäre. Kommen nicht auch in jeder Familie manchmal Schwierigkeiten vor, bei denen ein treuer Hirte eine große Hilfe sein kann? Hinzu kommt noch der Schutz gegen die Feinde von außen, nicht nur gegen die gottlose Welt und ihren Fürsten, den Teufel, sondern auch gegen die christliche Welt, in der Satan sich als Engel des Lichts verkleidet hat, und gegen die vielen Irrlehren usw., die es in dieser Zeit gibt.

Christus liebt Seine Schafe und ist noch immer der Erzhirte, wenn Er auch nicht auf der Erde ist. Er wird für die Herde Gottes sorgen. Er bewirkt in den Herzen einiger die Sorge für die Herde und gibt ihnen oft besondere Gaben dafür. Dabei sagt Er: „Ich werde deine Sorge und deinen Dienst nicht vergessen. Der Tag kommt, an dem Ich Meine Belohnung geben werde!“ Aber obwohl es besondere Hirtengaben gibt, kann jeder Gläubige einen Teil dieses Dienstes tun.

Welch wichtige Lehren können wir aus dem Auftrag des Herrn für den Hirtendienst des Petrus ziehen: „Weide meine Lämmlein, hüte meine Schafe, weide meine Schafe“ (Joh 21)!

Wir denken oft, dass bei jungen Gläubigen die Gefahr des Abweichens am größten ist, und dass sie deshalb mehr Aufsicht nötig hätten als die älteren Gläubigen. Aber der Herr gibt hinsichtlich der Lämmlein nur den Auftrag, sie zu weiden, d. h. ihnen Nahrung zu geben, und bezüglich der Schafe gibt er erst den Auftrag sie zu hüten, ehe Er über das Weiden spricht. Bei den Jüngeren ist die Hauptsache, dass sie die gute, richtige Nahrung erhalten. Wenn sie diese empfangen und so in ihrem geistlichen Leben wachsen, ist die Gefahr, dass sie abweichen, nicht so groß. Wenn sie dennoch weggehen, dann war gewöhnlich doch nichts daran zu ändern.

Bei den Schafen ist die Gefahr des Abweichens viel größer, wenn auch nicht äußerlich, so doch in ihrem innerlichen geistlichen Leben. Sie haben einen viel größeren Bedarf im Hinblick auf Aufsicht und Sorge. Es ist gut, daran zu denken. Wir sind so geneigt, das Falsche bei den Lämmern zu sehen, wenn sie abweichen. Aber was ist die wahre Ursache? Haben die Älteren sie geweidet? Haben sie ihnen ausreichende und gute Nahrung gegeben, sowohl für ihr Gewissen als auch für ihr Herz? Jedes Fortgehen eines Jüngers ist eine Anklage gegen die Älteren. Hirtensorge verhütet Abweichen!

Und wie ist es mit den Schafen? Es ist viel leichter, Jüngere zu ermahnen als Ältere. Als Mitältester konnte Petrus das tun. Aber es erfordert viel mehr geistliche Kraft. Dennoch geht aus den Worten des Herrn hervor, dass die Älteren es nötiger haben als die „Lämmer“. Gewiss, es muss in der richtigen Weise geschehen. „Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn als einen Vater, Jüngere als Brüder; ältere Frauen als Mütter, Jüngere als Schwestern, in aller Keuschheit“ (1. Tim 5,1+2). Wir müssen die Wahrheit Gottes um jeden Preis festhalten. Aber wir müssen immer versuchen, die Brüder und Schwestern in der Wahrheit zu bewahren. Die Worte „Väter“ und „Mütter“ reden von Liebe und Ehrerbietung. In diesem Geist müssen wir Ältere ermahnen. „Der Kinder Schmuck sind ihre Väter“ (Spr 20,29; 16,31; 17,6).

In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig zu sehen, was der Herr mit Seinem Auftrag für Petrus verbindet. Petrus nennt sich selbst Zeuge der Leiden Christi (Vers 1), und der Herr verbindet seine Hirtenarbeit mit dem Tod als Märtyrer! „Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und hinbringen, wohin du nicht willst. Dies aber sagte er, andeutend, mit welchem Tod er Gott verherrlichen sollte. Und als er dies gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach“ (Joh 21,18–19).

Es ist gut für jeden von uns, besonders auch für die Jüngeren, über diese Worte nachzudenken. Wir alle sind geneigt, uns von unserem eigenen Willen lenken zu lassen. So war es auch bei Petrus, als er jung war. Aber um dem Herrn in der Herde Gottes dienen, und die Lämmer und Schafe des Herrn weiden und hüten zu können, müssen wir unseren eigenen Willen aufgeben und nur dem Herrn folgen. Das aber ist hier auf der Erde ein Weg des Leidens. Wenn Petrus alt sein würde, würde er so willig sein, zu folgen, dass er seine Hände ausstrecken würde, um dahin gebracht zu werden, wohin er nicht gehen wollte. Er würde seinen eigenen Willen dann ganz für den Gehorsam gegenüber Christus aufgegeben haben. Das sollte durch das Anschauen der Leiden Christi bewirkt werden. Wie wichtig ist es daher, ein „Zeuge der Leiden des Christus“ zu sein, wenn auch nicht in der direkten Weise wie bei Petrus. Wie wir sahen, ist das griechische Wort für „Zeuge“ ‚martys', von dem unser Wort „Märtyrer“ abgeleitet ist. Dadurch war Petrus befähigt, Älteste zu ermahnen!

Kapitel 5 Vers 4: „Und wenn der Oberhirte geoffenbart sein wird, werdet ihr die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“

Der Herr nennt Sich Selbst den guten Hirten, Der Sein Leben lässt für Seine Schafe (Joh 10). Das war Er, als Er ans Kreuz ging, um das Erlösungswerk zu vollbringen (Ps 22). Aber in Seiner Auferstehung nennt die Schrift Ihn den großen Hirten der Schafe (Heb 13,20; Ps 23). Wie aus dem Zusammenhang deutlich hervorgeht, bezieht sich das auf die gegenwärtige Zeit. In Ps 23 wird uns dieser Dienst des Herrn vorgestellt, während wir in Ps 22 sehen, wie Er als der gute Hirte leidet. Durch die Auferstehung und die Verherrlichung befindet der Herr Sich jetzt außerhalb des Bereiches jedes Feindes. Außerdem hat Gott Ihn aber über jede Gewalt und alle Autoritäten gesetzt (Eph 1,21). „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!“ „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,18; Heb 7,25). Er kann Sich nun ungestört mit Seinen Schafen beschäftigen, und durch Seine Allmacht sind sie sicher geschützt (Röm 8,34). „Niemand wird sie aus meiner Hand rauben!“

Aber wie wir sahen, hat der Herr auch Unterhirten. In Verbindung mit ihnen ist Er der oberste oder Erzhirte. Dieser Charakter tritt besonders in den Vordergrund in Verbindung mit Seinem Erscheinen auf der Erde, wenn Er an Seinen Knechten das Gericht ausüben wird, wenn Er sie belohnen oder bestrafen wird (Ps 24; Mt 25,19; Lk 19,15). Darüber schreibt Petrus hier. Er sagt gewissermaßen: „Tue still deine Arbeit. Sei ein Vorbild für die Herde. Sei ein Führer für die Schafe, und warte dann auf die Erscheinung des Erzhirten, Der dir eine Krone geben wird, die nicht verwelkt. Hier wirst du wahrscheinlich verachtet und wenig geschätzt werden - aber zwischen dem Erzhirten und den Unterhirten muss Übereinstimmung herrschen im Blick auf die Leiden bei ihrer Sorge für die Schafe! So arbeite still weiter und warte, bis der Erzhirte mit deiner Belohnung kommen wird!“ Wie wir immer wieder bemerkt haben, sieht Petrus das Leben des Gläubigen auf der Erde als den Abschnitt zwischen dem Kreuz und der Wiederkunft des Herrn auf die Erde (Kap 1,7+11). Als Apostel der Beschneidung schreibt er über die Regierung Gottes (Kap 4,13). Dazu gehört aber nicht die Entrückung der Versammlung, worüber Paulus schreibt (1. Kor 15,51; 1. Thes 4,15). Sie ist ein Akt reiner Gnade und hat demnach nichts mit Verantwortung oder mit Israel zu tun.

„Wer ist nun der treue und kluge Sklave, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, um ihnen die Speise zu geben zur rechten Zeit? Glückselig jener Sklave, den sein Herr, wenn er kommt, also tuend finden wird! Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen“ (Mt 24,45; Lk 12,42).

Der Herr liebt Seine Schafe und trägt Sorge für sie. Wer nun Sorge trägt für die Gegenstände der Sorge des Herrn und darin seine Liebe zum Herrn beweist, wird eine Krone empfangen. Er hat in der Zeit der Abwesenheit des Herrn Gemeinschaft mit Seinem Herzen, und hat dieses Herz befriedigt. Er ist treu gewesen! Nie wird uns die Belohnung vorgestellt als der Zweck oder der Grund, weshalb wir dienen sollten, aber wohl als Ermutigung für den Dienst. Die Belohnung ist auch nicht eine Krone der Gerechtigkeit, sondern der Herrlichkeit. Die Gerechtigkeit wird ihre eigene Belohnung empfangen (2. Tim 4,8). Aber die Liebe und Herzenshingabe für die Schafe des Herrn, der Geist der Selbstaufopferung um des Segens derer willen, die so kostbar sind für Sein Herz, muss aus Seiner eigenen Hand eine Krone der Herrlichkeit empfangen. Diese Krone wird ihre Frische in Ewigkeit behalten. Sie wird nicht - wie jede irdische Krone - verwelken. Wer mit dem Herrn die Dornenkrone getragen hat (Joh 19,2), und sei es nur in ganz geringem Maße, der wird auch mit Ihm die Krone der Herrlichkeit tragen. Alle, die dem Erzhirten folgen, teilen notwendigerweise auch Seine Stellung (Heb 2,9).

Aber leider ging die gesegnete Hoffnung auf das Kommen des Herrn bald verloren und Seine Sklaven fingen an, in ihren Herzen zu sagen: „Mein Herr verzieht zu kommen“. Das Ergebnis war, wie der Herr es gesagt hatte: „…und anfängt seine Mitsklaven zu schlagen, und isst und trinkt mit den Trunkenen...“ (Mt 24,48; Lk 12,45). Welch ein Gegensatz zu den Worten des Petrus! Der Knecht wurde ein Herrscher, und der Dienst, den er nicht des schnöden Gewinns wegen ausüben sollte, wurde eine Quelle großer Einkünfte.

Kapitel 5 Vers 5: „Gleicherweise (ihr) Jüngeren, seid (den) Ältesten unterworfen, und bindet alle die Demut gegeneinander an, denn Gott widersteht Hochmütigen, Demütigen aber gibt er Gnade.“

Wie schon gesagt, zeigt dieser Vers, dass in den vorangehenden Versen nicht über eine offiziell angestellte Ältestenschaft, sondern über die älteren Brüder im allgemeinen gesprochen wird; denn hier werden die jüngeren Brüder im Gegensatz zu den Ältesten oder Älteren genannt. Die jüngeren sollen das höhere Alter und die auf Grund der Erfahrung größere Weisheit der Älteren anerkennen und deshalb deren Urteil höher schätzen als ihr eigenes. Außerdem sollen sie sie um ihres Werkes willen hoch achten (Kap 2,13+18; 3,1). Sie müssen ihnen unterworfen sein (1. Thes 5,12+13)!

Die Kirchengeschichte und der gegenwärtige Zustand in der Christenheit beweisen, wie nötig auch diese Ermahnung war. Wie die Ältesten die Vorschriften verwarfen, dass sie das Werk nicht schändlichen Gewinns wegen und als solche, die über ihre Besitztümer herrschen, ausüben sollten, so verwarfen die jüngeren ihren wahren Platz, der Unterwerfung. Schon sehr bald nach dem Tod der Apostel begannen sie unter dem Vorwand, dass die Jünger Männer voll Weisheit und Heiligen Geistes für die Diakonenarbeit hatten wählen dürfen (Apg 6), ihre eigenen Ältesten zu wählen, die obendrein oft gar keine „Ältesten“, sondern Jüngere waren. Während die damals von der Versammlung Gewählten in Wirklichkeit von den Aposteln bestätigt wurden, hatten doch die Gläubigen wirklich Anteil an der Berufung. Da die Gewählten die materiellen Güter, die die Versammlung zusammenbrachte, verwalten mussten, wurde der Versammlung erlaubt, dazu die Männer zu bestimmen, die ihr Vertrauen besaßen (2. Kor 8,19).

Aber sobald es sich um Älteste oder Aufseher handelte, also um geistliche Führung, hatte die Versammlung nicht eine einzige Stimme. Solche Älteste oder Aufseher wurden von den Aposteln oder von den durch sie Bevollmächtigten gewählt (Apg 14,23; Tit 1,5). Gott kennt keine Demokratie (Volksregierung). Autorität kann nur von oben kommen. Nicht die Versammlung, sondern die Apostel hatten das geistliche Unterscheidungsvermögen, zu sehen, wer die zum Lenken und Regieren nötigen Eigenschaften besaß (1. Tim 3). Daneben gab es die Gaben Christi, wie Evangelisten, Hirten, Lehrer usw., denen Christus Selbst die Gaben gab, und die dadurch befugt waren, ihre Gaben in der Versammlung auszuüben, wie der Heilige Geist sie leitete. Dabei hatte die Versammlung nichts weiter zu tun, als sie anzuerkennen!

Wie nötig ist es, sich bedingungslos vor der Autorität Gottes in Seinem Wort zu beugen. Die Ältesten dürfen nie vergessen, dass das Volk Gottes nicht ihre, sondern Gottes Herde ist. Die Jüngeren sollen den Älteren grundsätzlich unterworfen sein, anstatt ihren eigenen Willen zu tun, wie es der Jugend eigen ist. Natürlich kann dies nur im Herrn sein. Die persönliche Verantwortung gegenüber dem Herrn steht über allem. Keine Autorität kann zwischen dem Gewissen und dem Herrn stehen. Aber christliche Leitung ist Leitung in Unterwürfigkeit unter den Herrn und Sein Wort, d. h. dass Auge und Herz auf Ihn gerichtet sind. Wo das Auge einfältig ist, wird das Gewissen die Richtigkeit dieser Leitung fühlen.

In Elihu sehen wir ein schönes Beispiel von einem jungen Mann, der seinen Platz kennt und einnimmt (Hiob 32,1–11). Er lässt zuerst die Älteren sprechen. Aber als diese nichts mehr zu sagen hatten, stellte er die Gedanken Gottes vor. Unterwürfigkeit bedeutet nicht, dass man keine Verantwortung mehr fühlt! Wenn ein junger Gläubiger Verantwortungsgefühl für die Angelegenheiten der Versammlung hat, wird man das bald an seinen Taten und Worten bemerken. Wenn man darin ein vernünftiges Urteil und eine gute Fähigkeit zur geistlichen Führung erkennen kann, dann werden die Brüder ihn schon bald respektieren. Auf diese Weise wird er Erfahrung sammeln und zu einem Ältesten heranwachsen.

Josua hatte den Platz des Dieners Moses inne (2. Mo 33,11). Dort erfuhr er, dass sein Urteil aus Mangel an Erfahrung nicht immer richtig war (2. Mo 32,17). Er merkte auch, dass es beeinflusst wurde durch Freundschaftsbande (4. Mo 11,28). Menschen nachzufolgen ist eine große Gefahr für alle, aber besonders für jüngere. Aber in diesen Erfahrungen lernte er von Mose. Und als Mose sterben sollte, sagte Gott zu ihm: „Nimm dir Josua, den Sohn Nuns, einen Mann, in dem der Geist ist, und lege deine Hand auf ihn“ (4. Mo 27,18). Er wurde jetzt nicht mehr ein junger Mann genannt, denn er hatte vierzig Jahre Wüstenerfahrung hinter sich. Und was waren das für Erfahrungen!

Das gleiche sehen wir bei Elisa, der erst Elias Diener war. So können die jüngeren Brüder von den Älteren lernen, wenn diese wirklich Vorbilder für die Herde sind (Vers 3).

In Joseph sehen wir einen Jüngling, der schon jung tiefe Erfahrungen machte (Ps 105,17–22), so dass, als er dreißig Jahre alt ist, Pharao zu ihm sagt: „Keiner ist so verständig und weise wie du“ (1. Mo 41,39). Und Joseph kann sagen: „Gott [...] hat mich zum Vater des Pharao gemacht“ (1. Mo 45,8) - ein junger Mann, der von Gott Selbst zum Vater gemacht wird (1. Tim 5,1)! „Um seine Fürsten zu fesseln nach seiner Lust, und dass er seine Ältesten Weisheit lehre“ (Ps 105,22). Dasselbe sehen wir bei Timotheus, Er wird berufen, Älteste zu ermahnen (dasselbe Wort wie in 1. Pet 5,1). Aber der Apostel schreibt ihm, dass er dafür sorgen muss, dass niemand seine Jugend verachtet. Das konnte er erreichen, indem er ein Vorbild für die Gläubigen war in Wort, Wandel, Liebe, Glauben und Keuschheit. Sein Wachstum sollte allen offenbar sein (1. Tim 4,11–16; Tit 2,6–8).

Das griechische Wort für „anbinden“ kommt im Neuen Testament nur hier, und außerhalb desselben nur sehr selten vor. Die Übersetzung „bekleiden“, wie sie in einigen Bibeln zu finden ist, ist m. E. ungenau. Das Tätigkeitswort ist abgeleitet von einem Hauptwort für einen Schurz, den ein Sklave sich umband, um seine Arbeit gut verrichten zu können, ohne seine Kleider zu beschmutzen, weil seine anderen Kleidungsstücke dadurch zusammengehalten wurden.

Ohne Zweifel hat Petrus hier an die letzte Nacht vor dem Kreuz gedacht, als der Herr in Seiner Sich Selbst erniedrigenden Güte und Liebe Sich umgürtete und die Füße der Jünger wusch (Joh 13). Aber der Herr band das leinene Tuch nicht um, um Seine Kleider vor Verunreinigung zu schützen, sondern um die Füße der Jünger zu reinigen. Es war heilige Liebe, die Ihn dazu trieb, und sie allein kann auch uns dazu bringen, Demut anzulegen. Der Apostel hatte nicht vergessen, dass keiner von ihnen bereit war, diesen niedrigen Dienst zu tun! Er hatte gelernt, wie wenig Demut in unseren Herzen zu finden ist. Darum sagt er: „Bindet an“!  Etwas, das angebunden ist, fällt nicht so schnell ab.

Demut allein hält alle unsere Eigenschaften an ihrem richtigen Platz, so wie der umgebundene Schurz die Kleidung. So befähigt sie uns zu dem Werk, zu dem wir gerufen sind. Freundlichkeit, Gerechtigkeit, Mitteilsamkeit usw. verlieren ihren Wert, wenn sie mit Hochmut verbunden sind. Außerdem ist Demut eine mächtige Hilfe gegen die Entmutigung in den Schwierigkeiten des Lebens, besonders wenn diese Schwierigkeiten uns erniedrigen und so unseren inneren Hochmut vor uns selbst bloßlegen (Hiob).

„Demut“ und „niedrig“ sind verwandte Worte. Das griechische Wort für „Demut“ ist z.B. in Kol 2,18+23 in den älteren Ausgaben der Elberfelder Übersetzung durch „Niedriggesinntheit“ übersetzt. Welch ein Vorbild haben wir durch den Herrn Jesus, Der sagen konnte: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“ (Mt 11,29). Er, für Den es kein Raub war, Sich Gott gleich zu achten, hat Sich Selbst zu nichts gemacht, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm. In Gestalt wie ein Mensch erfunden, hat Er Sich erniedrigt und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,5–11)!

Wie wird unser Herz demütig und niedrig, wenn wir auf Ihn sehen (Mk 10,42–45)! Das ist der einzige Weg, Demut zu lernen. Wir werden nicht demütig, wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen, nicht einmal, wenn wir auf unsere Sünden sehen. Nur wenn wir Ihn anschauen - Seine wunderbare Liebe und Gnade, Sein Werk am Kreuz mit all seinen wunderbaren Folgen, die Herrlichkeit Seiner Person - dann fällt unsere eigene Person ganz weg, so dass Er allein übrig bleibt. Demut und Niedriggesinntheit ist nicht, wenn man schlecht von sich selbst denkt oder sich mit seinen Sünden und seinem sündigen Zustand beschäftigt, sondern wenn wir in dem Bewusstsein, dass Christi Werk uns vollkommen gereinigt hat (Heb 10,14), uns selbst keines Gedankens mehr wert erachten und darum nur noch an Ihn denken! Das Geschlechtswort vor „Demut“ gibt an, dass die bekannte, wahre Demut gemeint ist.

Wie verdorben ist das Fleisch in uns! Paulus benötigte einen Dorn im Fleisch, damit er nicht hochmütig würde wegen der wunderbaren Gnade, die ihm zuteil geworden war, nämlich bis in den dritten Himmel, das Paradies Gottes, entrückt gewesen zu sein (2. Kor 12,7). Unser Fleisch nimmt das, was wir aus Gnade empfangen haben und was daher nicht unser eigener Verdienst ist, zum Anlass, hochmütig zu sein. Wie stolz können wir sogar sein auf die Kenntnis der Gedanken Gottes, das Vorhandensein von Licht oder Einsicht, oder die Einnahme der richtigen Stellung in Bezug auf die Versammlung. Aber es ist eine Sache, sich auf dem richtigen Platz zu befinden, und eine andere, dort im richtigen Zustand zu sein; und ein dritter Punkt ist, die richtige Stellung zu bewahren (Off 3,17)! Unsere einzige Sicherheit ist das tiefe Bewusstsein, dass alles Gnade ist, dass wir uns selbst auch nicht bewahren können und daher uns ganz dem Herrn übergeben müssen.

Der Geist Gottes führt in der Versammlung alles auf Gegenseitigkeit zurück! Jeder Gläubige muss gegenüber jedem anderen Gläubigen demütig sein: der Älteste dem Jüngsten gegenüber, und der Jüngste dem Ältesten gegenüber! „In Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst“ (Phil 2,3). Wenn ich mich im Licht Gottes befinde, sehe ich bei mir mehr Fehler als bei anderen. Das bedeutet nicht, dass ich über das Böse bei den anderen hinwegsehe. Das darf ich dort ebenso wenig tun wie bei mir selbst. Aber ich werde es in tiefer Demut behandeln, in dem Bewusstsein, dass es nur Gnade ist, dass ich in derselben Sünde nicht viel tiefer gefallen bin.

Nur wenn wir demütig sind, können wir lernen (Ps 25,9). Der Selbstbewusste glaubt, alles selbst zu wissen. Aber auch nur in der Demut können wir andere so unterweisen, dass es auch angenommen wird. Belehrung stößt ab. Auch können die jüngeren den Älteren nur unterworfen sein, wenn sie demütig sind.

Wie wenig kennen wir diese Demut! Dennoch ist sie der wahre Schmuck des Christen im Gegensatz zu dem, was der natürliche Mensch denkt. Sie bringt uns in die Gesellschaft des Herrn (Mt 11,29). Er brachte sie aus dem Himmel auf die Erde; sie ist ein himmlischer Schmuck. Aber im praktischen Umgang mit den Brüdern und Schwestern wird offenbar, ob wir die Demut angebunden haben, ob wir wirklich nach unserem vollkommenem Vorbild gebildet sind (Phil 2,5)!

Wenn das aber nicht so ist? „Gott widersteht Hochmütigen, Demütigen aber gibt er Gnade“ (Spr 3,34; Jak 4,6; Röm 12,16). Das sind die Grundsätze Seiner Regierung. Wenn wir auch Seine Kinder sind, sind wir doch, solange wir auf der Erde sind, dieser Regierung unterworfen. Wie ernst ist es für ein Kind Gottes, wenn es sich in einem Zustand befindet, dass Gott ihm widerstehen muss! Wie furchtbar ist es, den Herrn gegen uns zu haben, weil wir Hochmut in unserem Herzen nähren! Aber Demütigen, die nichts von sich selbst denken, gibt Er Gnade (oder Gunst). Welch ein Unterschied, Gott gegen uns zu haben oder in Seiner Gunst (Gnade) zu stehen!

Kapitel 5 Verse 6 und 7: „Demütiget euch nun unter die mächtige Hand Gottes, auf dass er euch zu (rechter) Zeit erhöhe, indem ihr alle eure Sorge auf ihn geworfen habt, denn er sorgt für euch.“

„Demütigt euch“ (Jak 4,10) könnte auch durch „Seid gedemütigt“ übersetzt werden. Das griechische Wort steht im Aorist Passiv. Das bedeutet also: „Habet Gott erlaubt, euch zu demütigen (oder: zu erniedrigen)“. Aber es ist in der Befehlsform. Durch die Reihenfolge im Griechischen liegt einiger Nachdruck auf „Gott“. Seine Hand war in den Umständen, die sie demütigten. Sie hatten es in Wirklichkeit also nicht mit Menschen oder Umständen zu tun. Wenn sie sich nicht unter Seine Hand demütigten, würde für Gott kein Raum sein, sie zu erheben (Spr 15,33).

Wenn wir daran denken, dass die gleiche mächtige Hand einst den Herrn Jesus für uns zur Sünde machte und Ihn an unserer Statt schlug, wodurch wir eine ewige Erlösung empfangen haben, und dass die gleiche mächtige Hand uns bald in die Herrlichkeit, ins Vaterhaus bringen wird (Joh 14), sind unsere Herzen dann nicht willig und bereit, sich jetzt von Ihm demütigen zu lassen? Verstehen wir dann nicht, dass auch dieses Werk der Hand Gottes Liebe sein muss? Wenn wir mit einem verworfenen Christus verbunden sind, müssen wir auch Seine Verwerfung teilen, um bald Seine Herrlichkeit zu teilen (Joh 17,22). „Denn ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll“ (Röm 8,18). Darauf warten wir!

Wie viel gesegneter ist es, Gott zu erlauben, uns zu demütigen, so dass Er uns erheben kann, als uns selbst zu erheben, so dass Er uns demütigen muss (Lk 14,11; 18,14)! Selbsterhöhung ist das Wesen der Sünde! Adam versuchte, sich selbst zu Gott zu machen (1. Mo 3,5), wie es auch Satan getan hatte (Hes 28,11–17; Jes 14,12–15) und wurde dadurch der Sklave Satans. Der letzte Adam, Der Selbst Gott war, machte Sich Selbst zu nichts, und Gott hat Ihn über die Maßen erhöht und Ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist (Phil 2,9–11)!

Gott kann in Seinem Volk keine Selbsterhöhung erlauben. Er wird deshalb immer jedem Hochmütigen widerstehen, und dem Demütigen Gnade geben. Wie wenig denken wir daran! Dann muss Gott uns demütigen. Er tut es, indem Er uns durch die äußeren Umstände unsere Ohnmacht fühlen lässt, oder indem Er erlaubt, dass wir dem Willen unseres Fleisches folgen und dadurch zu einem tiefen Fall kommen. So lernen wir, wer wir sind. Aber es ist demütigend und eine Ursache tiefen Kummers, wenn wir es auf diese Weise lernen müssen. Wir hätten es auch in der Gegenwart des Herrn lernen können, indem wir angeschaut hätten, was Er für uns leiden musste und was Er ist.

Vor „Sorge“ (Vers 7) steht im Griechischen ein Geschlechtswort, das angibt, dass es sich um alle Sorgen als Ganzes handelt, also nicht jede Sorge einzeln gesehen, sondern alles in eins zusammengefasst (Mt 6,26; Phil 4,6). „Geworfen“ (siehe die Anm. in der Elberfelder Übersetzung) steht im Aorist, das bedeutet, dass wir es ein für allemal getan haben sollen. Wenn wir das getan haben, können keine neuen Sorgen kommen, denn wir haben alles, was uns besorgt machen könnte, schon auf Gott geworfen (Ps 55,22; Ps 37,5)! Wenn wir gesehen haben, dass Seine mächtige Hand in allen Umständen ist, und dass Er alles steuert und lenkt, weshalb sollen wir uns dann Sorgen machen? Dann können wir Ihm alles übergeben, „denn er sorgt für euch“! Der griechische Ausdruck ist eigentlich noch stärker, er bedeutet: „Eure Sorgen gehen Ihm zu Herzen, weil sie euch betreffen! Er sorgt mit zärtlicher, liebevoller Sorge für euch!“ Genügt uns das nicht? Wollen wir sie Ihm dann aus der Hand nehmen, um sie selbst zu tragen?

Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass wir die Sorgen erst auf Gott werfen können, nachdem wir sie aus Seiner Hand angenommen haben, indem wir uns unter Seine mächtige Hand gedemütigt haben. Eher können wir es auch nicht tun. Kommt jede unserer Sorgen nicht den Worten gleich: „Herr, liegt dir nichts daran, dass wir umkommen“ (Mk 4,38)? Es ist die Sprache des Unglaubens, der Ihm nicht vertraut, Ihm, Der danach verlangt, alles, was für Seine schwachen Kinder zu schwer ist, auf Sich zu nehmen. Ist Sein Wort nicht sicher und gewiss? Sollte Er, Der doch Seinen Sohn für uns hingab, uns mit Ihm nicht alles schenken? Ist Seine Fürsorge, die die Haare unseres Hauptes gezählt hat und nicht zulässt, dass eines von ihnen ohne Seinen Willen verloren gehen wird, nicht groß genug?

Er möchte alle Gefahren, alle Nöte, alles was wir nötig haben, auf Sich nehmen, denn Er hat uns Freuden gegeben, die wir nur genießen können, wenn unser Geist frei von Sorge ist. Der Herr hat uns ja gesagt, dass die täglichen Dinge des Lebens Hindernisse für das geistliche Leben sein können (Mt 11,22). Wie lähmend wirkt die Sorge auch auf den Dienst für den Herrn, den wir tun müssen (2. Kor 2,12)!

Es gibt keine noch so geringe Kleinigkeit in unserem Leben, die Gott nicht interessiert, weder in unserem persönlichen Leben, in unserer Familie, in unserer Arbeit oder unseren Geschäften, noch in Bezug auf unseren Platz und unsere Tätigkeit in der geistlichen Arbeit - sowohl inmitten der Gläubigen als Gottes Zeugnis auf der Erde als auch in Verbindung mit der Verkündigung des Evangeliums an Ungläubige. Welch eine Ermutigung ist es, zu wissen: „Er ist besorgt für euch“!

Kapitel 5 Verse 8 und 9: „Seid nüchtern, wachet. Eure Gegenpartei, (der) Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlinge. Dem widersteht standhaft (in) dem Glauben, da ihr wisset, dass dasselbe der Leiden sich vollzieht an eurer Brüderschaft, die in der Welt (ist).“

Das griechische Wort für „nüchtern sein“ (‚nephein') kommt außerdem noch in Kap 1, 13; 4,7; 1. Thes 5,6+8 und 2. Tim 4,5 vor. Ein verwandtes Wort (‚nephalios' = „nüchtern“) wird in 1. Tim 3,2+11 und Tit 2,2 gebraucht. Es bedeutet, dass man klare Gedanken hat, da man nicht von falschen Einflüssen beeinflusst oder betäubt ist. Es weist also darauf hin, dass man die Dinge so sieht, wie sie in Wirklichkeit sind. „Wachen“ (Lk 21,34–36; Mt 24,42–44) bedeutet „aufmerksam, vorsichtig sein, auf der Hut sein, frei von Schläfrigkeit sein“. Beide Worte stehen im Aorist, und das bedeutet, dass dies ein bleibender Zustand sein muss, etwas das uns kennzeichnet! Die Tatsache, dass Gott für uns sorgt und wir uns daher nicht zu beunruhigen brauchen, bedeutet nicht, dass wir jetzt schlafen können!

Warum nicht? Weil es einen Feind und einen Kampf gibt. In jenen Tagen der Verfolgung war er ein brüllender Löwe. Heute schleicht er mehr wie ein Engel des Lichts verkleidet umher (2. Kor 11,14), und führt sittliches Verderben ein, wie wir es im zweiten Petrusbrief finden. jetzt wird die Versammlung nicht mehr verfolgt. Sie hat sich eins gemacht mit der Welt, deren Fürst Satan ist. Er hat keine Veranlassung, sie davon durch Verfolgung zu lösen. Da der Zustand der Versammlung unverbesserlich ist, sendet auch Gott ihr keine Verfolgungen mehr mit der Absicht, wie Er es in Smyrna noch getan hat (Off 2,10). Damals bestand noch die Hoffnung, dass sie zu ihrer ersten Liebe (Off 2,4) zurückkehren würde, jetzt aber nicht mehr. Wenn die Versammlung entrückt sein wird, wird der Teufel in der Zeit der großen Drangsal gegenüber dem treuen Überrest aus den zwei Stämmen noch einmal die Gestalt eines brüllenden Löwen annehmen (Off 12,13–17). In unserer Zeit widmet er sich mehr dem Verderben der Wahrheit Gottes. Dennoch kann er sich gegenüber Gläubigen, die sich von der Kirche, welche sich mit der Welt verbunden hat, absondern, mitunter auch in seinem alten Charakter zeigen.

Wir müssen die Art der Gefahren und die Wirklichkeit mit offenen Augen sehen. Wir dürfen auch die Welt und ihren Fürsten nicht schöner und unschuldiger sehen als sie sind. Durch fleischliche und weltliche Gesinnung werden wir unfähig zum Kampf und der Teufel besiegt uns dann leicht. Die Frage ist, ob wir fähig sind, seine Wirksamkeit zu erkennen. Wir dürfen nicht angreifen; Petrus sieht uns immer in der Welt, in der Wüste, und da haben wir uns nur zu verteidigen. Wir dürfen nur insoweit angreifen, soweit es sich auf das „Land“, wo wir das Erbteil in Besitz nehmen sollen, bezieht, und das ist in den himmlischen Örtern (Eph 6). Aber erkennen wir seine Angriffe auf uns, und werden wir nicht irregeführt? Wir müssen wachsam sein und uns in der Mitte der Gläubigen aufhalten! Je mehr wir zurückfallen und dadurch vom Mittelpunkt entfernt werden, umso schwächer sind wir gegenüber dem Feind, und so viel mehr auch der Erziehung Gottes ausgesetzt (5. Mo 25,18; 4. Mo 11,1).

Das griechische Wort für „Widersacher“ (‚antidikos') bedeutet auch „Gegenpartei in einer Rechtssache“. Es kommt ferner noch in Mt 5,25; Lk 12,58; 18,3 vor. Aus diesen Stellen geht die Bedeutung auch hervor. Im Griechischen steht hier ein Geschlechtswort davor, um anzugeben, dass es sich um den großen und wohlbekannten Widersacher handelt. „Teufel“ bedeutet „Verleumder“, jemand, der aus Feindschaft falsche Anschuldigungen vorbringt (Sach 3,1). Der Ausdruck „wie ein brüllender Löwe“ weist auf seine große Kraft, seinen Hunger und seine Raubgier hin (Off 12,10)! Welch ein schrecklicher Feind! Unterschätzen wir ihn nicht allzu oft?

Dieser schreckliche Feind geht umher, und sucht, wen er verschlinge! Das Wort „suchend“ weist auf Verlangen, Versuchen und Absicht hin (Hiob 1,7; 2,2). Die Zeitform, in der es steht (Partizip Präsens; Mittelwort der Gegenwart), sagt, dass er immerzu damit beschäftigt ist. „Wen“ zeigt, dass er niemand übersieht oder vor dem Verschlingen verschont. Hier wird uns das Bild eines reißenden Raubtieres gezeigt, das des Zerreißens und des Verschlingens nie satt wird. Der Infinitiv des Aorists zeigt, dass er einen nach dem anderen verschlingen kann, weil er nicht viel Arbeit damit hat.

Dieser Feind steht hinter den feindlichen Menschen, von denen in diesem Brief mehrmals die Rede ist, und er gebraucht sie als seine Werkzeuge. Als Teufel ist er in der Lage, die Menschen durch falsche Anklagen zur Verfolgung der Gläubigen anzustacheln. Aber seine Absicht geht viel weiter. Er kann die Christen nicht mehr in seinen ewigen Aufenthaltsort, den Feuersee, mitreißen. Aber wohl kann er versuchen, sie in Widerspruch zu Gott zu bringen, so dass Gott ihnen widerstehen muss (Sach 3,1–3; Off 12,10+11). Das bedeutet aber Unehre für den Namen Gottes, und für sie selbst Verlust alles Glücks. Petrus ist einmal beinahe von ihm verschlungen worden. Satan sichtete ihn. Aber die Fürbitte des Herrn bewahrte ihn vor der Handlungsweise eines Judas; sein Glaube hörte nicht auf (Lk 22,31–33; Mt 27,5). Dies zeigt uns, wie unser Vers mit den vorhergehenden zusammenhängt. Petrus geriet unter die Macht Satans, weil er nicht demütig war, sondern auf sich selbst vertraute.

Es ist sehr wichtig, dass wir den Zweck, den Satan mit soviel Kraft und solcher Ausdauer verfolgt, nie aus dem Auge verlieren, und dass wir auch imstande sind, seine Waffen zu erkennen. Wie viel Nüchternheit und Wachsamkeit ist dazu notwendig, vor allem heute, da er und seine Knechte sich als Engel des Lichts verkleiden (2. Kor 11,14+15)! Der Apostel Paulus konnte schreiben: „Seine Gedanken sind uns nicht unbekannt“ (2. Kor 2,11). Er kann sich als Engel des Lichts verkleiden. Aber seine Absicht, seine Kraft und seine Wut, mit der er sie zu verwirklichen sucht, bleiben dieselben, bis er in den Feuersee geworfen wird (Off 20,10).

Es ist vielleicht gut, einmal zu verfolgen, wie der Teufel in den Briefen dargestellt wird. Den Gläubigen in Rom schreibt Paulus: „Ich will aber, dass ihr weise seid zum Guten, aber einfältig zum Bösen. Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter eure Füße zertreten. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch“ (Röm 16,20)! Ist das nicht genug für solche, die gelernt hatten, dass im Menschen nichts Gutes wohnt, aber dass der Gläubige mit Christus gestorben ist (Röm 3,12; 7,18; 6,8)? Leider sind sie nicht darin geblieben, so dass sie später die einfachen Gläubigen verachteten, weil sie, wie sie sagen, die Tiefen Satans nicht erkannt haben (Off 2,24). Der Apostel Johannes muss die römische Kirche prophetisch eine Hure nennen, die trunken ist vom Blut der Heiligen und „eine Behausung von Dämonen [...] und ein Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels“ (Off 18,2+24; 17,2–6)!

Die Korinther, die fleischlich (‚sarkikos') waren, weil sie menschlicher Weisheit und Beredsamkeit noch Wert beimaßen (1. Kor 3,3; 2,5), werden vor den Versuchungen des Teufels, bei denen er die Gestalt eines Engels des Lichts annimmt (2. Kor 2,10ff), gewarnt: „Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, also auch euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegen den Christus“ (2. Kor 11,3+14+15; 12,7).

Die Gläubigen in Ephesus, die bis zu den Ratschlüssen Gottes hinaufgeführt worden und jetzt schon in Christus in die himmlischen Örter versetzt sind (Eph 1,3–5; 2,2–6), werden an ihre Errettung aus dem Bereich des Fürsten der Gewalt der Luft erinnert. Aber dann werden sie gewarnt vor seinen Listen, die ihnen den Besitz der himmlischen Örter streitig machen wollen und gegen die sie die ganze Waffenrüstung Gottes benötigen (Eph 6,10–18).

Im Kolosserbrief, in dem Christus, der Auferstandene, in Seiner ganzen Herrlichkeit und mit der ganzen Tragweite Seines Werkes vorgestellt wird (Kol 1,13–22), finden wir nur in kurzen Worten Seinen vollkommenen Sieg über Satan (Kol 2,15).

Im ersten Thessalonicherbrief sehen wir, dass Satan Paulus hindert, diese jungen Gläubigen zu besuchen, um sie weiter zu belehren (1. Thes 2,18). Im zweiten Brief, der über den großen Abfall nach der Entrückung der Versammlung spricht, finden wir die ganze schreckliche Beschreibung seiner zukünftigen Macht auf der Erde, nachdem das, was bislang zurückhält, weggenommen sein wird (2. Thes 2,9).

Im ersten Timotheusbrief sehen wir, dass für einen Ältesten die Gefahr besteht, in den Fallstrick des Teufels zu fallen (1. Tim 3,6+7). Aber wir finden hier auch, dass die apostolische Macht Satan gebraucht, um über diejenigen, die betreffs der Wahrheit Gottes Schiffbruch gelitten haben, erzieherische Zucht auszuüben (1. Tim 1,20). Im zweiten Timotheusbrief sehen wir die Möglichkeit der Wiederherstellung (2. Tim 2,26).

Der Hebräerbrief zeigt den Teufel als den, der die Macht des Todes hat, wodurch alle seiner Sklaverei unterworfen waren. Aber er ist durch den Tod des Heilands vernichtet worden (Heb 2,14+15).

Im Jakobusbrief ist er der besiegte Feind (Jak 4,7; 5,8+9). Im ersten Petrusbrief haben wir ihn als den brüllenden Löwen gesehen, der die Pilger in der Wüste zu verschlingen sucht. In der Offenbarung schließlich finden wir ihn sowohl als Satan als auch als Teufel in seinem ganzen Werk in der Versammlung, in der Welt und gegenüber Israel in den letzten Tagen. Letztendlich wird er aus dem Himmel auf die Erde geworfen, danach während des tausendjährigen Reiches im Abgrund gebunden, und schließlich für ewig in den Feuersee geworfen, um als Lohn für sein Werk Tag und Nacht bis in alle Ewigkeit gepeinigt zu werden (Off 2,9+10+13+24; 3,9; 12,9+12; 20,2+7+10).

Aber mag der Teufel sich auch als ein brüllender Löwe zeigen, der sucht, wen er verschlinge - der Glaube weiß, dass er ein besiegter Feind ist. Wir sind berechtigt, ihm zu widerstehen, wie auch Jakobus vorschreibt (Jak 4,7). Der Name Dessen, Der ihn besiegt hat, genügt, um ihn in die Flucht zu schlagen. In eigener Kraft und im Vertrauen auf eigene Weisheit und Gerechtigkeit sind wir machtlos. Dann ist die Niederlage sicher, wie auch Petrus aus eigener, trauriger Erfahrung wusste. Unsere Kraft ist Christus. Seine Kraft wird in Schwachheit vollbracht (2. Kor 12,9), und Seine Gnade genügt uns. Darum müssen wir dem Teufel standhaft im Glauben widerstehen.

„Widerstehen“ heißt nicht angreifen, sondern verteidigen. In der Wüste greifen wir nicht an. Auch dieses Wort steht in der Befehlsform des Aorists. Der Befehl sagt also, dass wir dadurch gekennzeichnet sein sollen, dem Teufel zu widerstehen. Das griechische Wort für „standhaft“ (‚stereos') kommt außer an dieser Stelle in 2. Tim 2,19 und Heb 5,12+14 vor. Aus diesen Stellen geht wohl hervor, dass es neben „unbeweglich“ auch „stark“ und „kräftig“ bedeutet. Wir sollen also geistlich stark und kräftig sein, damit wir den Kampf aushalten können, ohne eine Niederlage zu erleiden.

Aber es heißt weiter: „standhaft in dem (oder: durch den) Glauben“. Wir müssen die geoffenbarte Wahrheit Gottes unbeweglich festhalten. Wenn wir das nicht tun, können wir nicht standhaft bleiben. Wenn das Wort Gottes nicht mehr mein fester Halt ist, worauf kann ich mich dann stützen? Heute scheinen die Gedanken auch der Gläubigen erfüllt zu sein mit Ideen über Wissenschaft usw. Die Folge ist, dass der Glaube unterhöhlt wird. Wenn wir eine inspirierte Offenbarung Gottes haben, so ist deutlich, dass das Wort Gottes nicht aufgelöst werden kann, wie der Herr Jesus sagte (Joh 10,35). Es kann auch nicht dem, was vom Menschen ist, angepasst werden. Wer das tut, leugnet praktisch, dass es eine Offenbarung ist. Tatsachen können niemals im Widerspruch zu der Offenbarung des allwissenden Gottes stehen. Aber die Schlussfolgerungen, die aus den Tatsachen gezogen werden, stammen vom Menschen mit seinem verfinsterten Verstand. Wo diese vom Wort abweichen, sind sie falsch! In der heutigen Zeit scheinen die Worte von Gelehrten oder Scheingelehrten mehr Wert zu haben als die Worte der Bibel. Dann versucht man, die Worte der Bibel so zu drehen, dass sie mit den menschlichen Worten übereinstimmen. Aber „Offenbarung“ kann nie mit den Meinungen und Schlussfolgerungen des Menschen in Übereinstimmung gebracht werden.

Der Herr Jesus antwortete dem Satan immer mit den Worten: „Es steht geschrieben“ (Mt 4)! Er zitierte immer wieder aus dem fünften Buch Mose, dem Buch, das die Bibelkritik am meisten kritisiert und dem sie am schärfsten den Offenbarungscharakter abspricht. Aber jedes Zitat aus diesem Buch genügte, um Satan zum Schweigen zu bringen. Das Schwert des Geistes, welches Gottes Wort ist, ist noch immer die einzige Angriffswaffe und die beste Verteidigungswaffe gegen den Teufel (Eph 6,17). Wer das aufgegeben hat, ist rettungslos verloren.

Natürlich ist in unserem Vers die geistliche Energie, die auf dem Wort Gottes beruht, also der persönliche Glaube, in dem Ausdruck „der Glaube“, der die geoffenbarte Wahrheit bezeichnet, mit inbegriffen. Ich bin nicht standhaft im Glauben, wenn das nicht so ist.

Es ist bemerkenswert, dass Petrus wörtlich schreibt: „dasselbe der Leiden“ (nicht „dieselben Leiden“ wie in der Elberfelder Übersetzung.). Warum fügt er das Wörtchen „der“ ein? Ich glaube, dass er so beiläufig darauf hinweisen will, dass Leiden durch Verfolgung nicht das einzige Leiden ist. Wir sind geneigt, unser Leiden als das allerschwerste zu betrachten. Aber es gibt noch mehr Leiden, und vielleicht ist das noch schlimmer als das unsrige (Heb 12,6). Aber im Leiden um des Namens des Herrn Jesus willen, also durch Verfolgungen, dürfen wir wissen, dass wir nicht allein sind. Es ist das Teil aller Gläubigen hier auf der Erde. Sie alle haben dieselbe Verbindung zu Gott und tragen wie wir den kostbaren Namen „Christ“, der uns mit dem Sohn Gottes verbindet. So haben sie teil an der Feindschaft Satans gegen Christus (Joh 16,33; 2. Tim 3,12; 1. Kor 10,13). Welch ein Trost, dass wir im Leiden nicht allein sind, sondern mit allen Gläubigen - der ganzen Brüderschaft (Kap 2,17), also mit allen Kindern Gottes auf der ganzen Erde - verbunden sind.

Kapitel 5 Verse 10 und 11: „Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, nachdem ihr eine kleine Zeit gelitten habt, er selbst wird (euch) vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen. Ihm sei [oder: ist] [die Herrlichkeit und] die Macht in die Zeitalter der Zeitalter. Amen.“

Unsere Gegenpartei mag mächtig und stark sein und umhergehen wie ein brüllender Löwe, um uns zu verschlingen, aber Gott ist für uns. Er ist der Gott aller Gnade! Wenn Gott für uns ist, wer wider uns (2. Kor 1,3; Jak 1,17; Röm 8,31; 15,5)? Das ist das Vertrauen des Christen. Die Gnade ist der Anfang und die Grundlage unseres Heils, sie erhält und vollendet es auch (Kap 1,10; 3,7; 1,2+13). Sie ist auch der Grund und der Zweck alles Dienstes (Kap 4,10). Es gibt keine Gnade außer bei Gott (2. Kor 9,8)! Er ist der Gott aller Gnade: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden“ (Joh 1,17). Aber das bedeutet auch, dass die Gnade für alle Umstände vorhanden ist (Heb 4,16).

Nach der Beschreibung aller Gefahren auf dem Weg, der Macht und der Wut Satans würden wir ein Gebet um Hilfe und Bewahrung erwarten. Aber der Apostel hat Gott kennen gelernt, wie Er in dem Herrn Jesus, dem von Ihm vollbrachten Werk der Erlösung und Seiner Auferstehung geoffenbart ist. Deshalb konnte er seinen Brief beginnen mit der Gewissheit, dass wir alle, wie schwach wir auch sein mögen, bewahrt werden zur Errettung, die in der letzten Zeit geoffenbart werden wird (Kap 1,5). Nachdem er dann alle Gefahren, unsere ganze Schwachheit und die große Macht und Wut unseres Feindes behandelt hat, ist er noch immer vollkommen gewiss, dass wir sicher in dem ankommen werden, was Gott für uns bereitet hat (Ps 84,7). Wie Paulus wusste er, dass Der, Welcher ein gutes Werk in uns angefangen hat, es vollführen wird bis auf den Tag Jesu Christi (Phil 1,6). „Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13)!

Welch ein wunderbarer Ausdruck: „Der Gott aller Gnade“! Wie wenig verstehen wir oft, was Gnade ist, und wie groß die Gnade Gottes ist. Gnade setzt voraus, dass wir Sünder sind. Wenn wir keine Sünder wären, dann hätten wir keine Gnade nötig, sondern Gerechtigkeit. Gott wusste aber, wer wir sein würden, ja, Er kannte jeden Gedanken, den wir haben, jedes Wort, das wir sagen, und jede Tat, die wir tun werden, denn Er ist der Allwissende. „Das Wort ist noch nicht auf meiner Zunge, siehe, HERR, du weißt es ganz“. „Du verstehst meine Gedanken von ferne“ (Ps 139). „Der ich von Anfang an das Ende verkünde, und von alters her was noch nicht geschehen ist“ (Jes 46,10). Er kennt uns und kannte uns von Ewigkeit her besser als wir uns selbst auf der Erde jemals erkennen werden. Er kennt uns auch besser als Satan uns kennen wird. Dennoch wollte Er uns retten, zu Seinen Kindern machen und mit dem Herrn Jesus ins Vaterhaus bringen. Und das, obwohl Er wusste, was dazu notwendig war! Nicht nur musste Er dazu Seinen Sohn hingeben, sondern Er wusste auch, wer wir sein und was wir nötig haben würden auf dem Weg zur Herrlichkeit. Wenn wir das in unseren Herzen überlegen, bekommen wir eine schwache Vorstellung von dem, was Gnade ist. Dann wissen wir auch, dass wir sicher sind, wenn wir uns Ihm ganz anvertrauen.

Wenn der Gott aller Gnade uns zu Seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, dann wissen wir, dass wir dort ankommen werden (1. Thes 2,12; 2. Thes 2,14), und das um so mehr, da es in Christus Jesus ist (Eph 1,3–5). Sollte es möglich sein, dass Er nicht in die Herrlichkeit eingeht? Aber Er ist schon dort (Eph 1,19–23)! Dann ist es also auch für uns gewiss.

Aber das ist noch nicht alles. Gottes Herrlichkeit ist in Christo geoffenbart. Gott in Seiner absoluten Gottheit wohnt in einem unzugänglichen Licht, und kein Mensch hat Ihn je gesehen oder kann Ihn sehen (1. Tim 6,16). In Christo ist Gott geoffenbart, und so ist Christus der Mittelpunkt der göttlichen Herrlichkeit, denn nur in Ihm ist sie zu sehen. Wer also in Christo ist, ist in der Herrlichkeit, soweit sie geoffenbart ist. Das ist schon jetzt so, aber es wird erst vollständig gesehen werden, wenn Er Seine Herrlichkeit vollkommen offenbaren wird, und wir mit Leib und Seele bei Ihm sind, dort wo alles Ihn offenbart.

Wie wunderbar ist es, die ewige Herrlichkeit Gottes und Jesu Christi zu sehen und darüber nachzudenken, alles, was in sittlicher Hinsicht von Gott ausstrahlt, die vollkommene Darstellung der sittlichen Herrlichkeit in Christus zu sehen (Heb 1,3)! Gott geoffenbart in allem was Er ist! Wir befinden uns bei dieser Offenbarung und sind fähig, darin zu bleiben (Kol 1,12). Es ist einem Menschen möglich, in der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes zu bleiben!

Wir sind schon zu dieser Herrlichkeit berufen (Kap 1,2+15). Es ist hier nicht der Ruf des Wunsches Gottes, sondern der Ruf Seines Willens, dem niemand widerstehen kann (Röm 8,30). So wie Petrus es sieht, werden wir erst in der Zukunft in die Herrlichkeit eingehen, denn er sieht uns da, wo unser Leib ist, d. h. auf der Erde, in der gottesfeindlichen Welt, die Christus verworfen hat. Seine Briefe sind echte Wüstenbriefe. Er geht für den Augenblick nicht weiter als bis zur Errettung der Seele (Kap 1,9).

Dennoch sehen wir, dass er hier am Ende seines Briefes weitergeht als in seinen Reden in der Apostelgeschichte und auch weiter als im ganzen sonstigen Inhalt des Briefes. Zwar zeigt der Anfang des Briefes große Übereinstimmung mit dem Anfang des Epheserbriefes (Kap 1,3), aber er geht nicht weiter als bis zur Auferstehung Christi, während Paulus Christus im Himmel sieht. Folglich sieht Petrus uns hier auf der Erde, während Paulus uns in Christo in den himmlischen Örtern sieht (Eph 2,6). Aber während Petrus im ganzen Brief unsere Aufmerksamkeit auf die zukünftige Herrlichkeit des Herrn auf der Erde, d. h. im Reich, lenkt (Kap 1,4+5+7+13; 5,1+4), weist er uns hier jetzt auf die ewige Herrlichkeit hin. Das geht weiter als das tausendjährige Reich, denn es ist im Himmel und in der Ewigkeit! Er folgt hier also dem Apostel Paulus, obwohl er nicht zu derselben Höhe aufsteigt. Er spricht nicht über die Vereinigung des Leibes Christi (der Versammlung) mit seinem Haupt, als dem Haupt über alles im Himmel und auf der Erde (Eph 1,20–23; Kol 1,18–20). Paulus war es geschenkt worden, die ewigen und unendlichen Ratschlüsse Gottes zu offenbaren. Aber beide wurden vom Heiligen Geist geleitet, alle Segnungen zu ihrer Quelle zurückzuführen: dem Gott und Vater des Herrn Jesus, dem Gott aller Gnade!

Wir können hierin auch die Weisheit des Heiligen Geistes sehen. Wir haben im ersten Vers (Kap 1,1) gesehen, dass der Brief an Gläubige in den Gebieten gerichtet war, in denen der Apostel Paulus soviel gearbeitet und wohin er verschiedene seiner Briefe gesandt hatte. Da Petrus nun nach der Weisheit Gottes eine so andere Seite der Wahrheit behandelt, hätte bei den Empfängern leicht der Gedanke aufkommen können, dass er die Lehre des Paulus verwarf. Er war der Apostel der Beschneidung und besaß daher apostolische Autorität und (verdientermaßen) einen großen Namen bei den jüdischen Gläubigen, an die der Brief gerichtet war. In diesem Vers erkennt er jedoch die Lehre des Paulus als göttliche Wahrheit an. Er bestätigt dies auch dadurch, dass er Silas, den bekannten Reisegefährten des Paulus, mit Ehren erwähnt und ihn in das Schreiben und (wahrscheinlich) in das Überbringen des Briefes einbezieht.

Der Gott aller Gnade ist wahrhaftig die vollkommene Sicherheit gegenüber allem, was uns Geschöpfe, seien es Menschen oder sei es Satan, antun können, und das um so mehr, weil Er als Vater beständig eine wachsame, gerechte Regierung über uns ausübt (Kap 1,13-17).

Zwar müssen wir leiden, solange wir auf der Erde sind (Kap 1,6). Wir sind mit einem verworfenen Christus verbunden. Auch haben wir die Errettung unseres Leibes noch nicht empfangen (Röm 8,23). Die Gefahr bestand, dass die Empfänger dieses Briefes als ehemalige Juden dies vergessen könnten. Es stand so sehr in Widerspruch zu ihren alten jüdischen Auffassungen, die den Messias nur als den herrlichen Besieger aller Seiner irdischen Feinde sahen. Wir müssen teilnehmen an Seinem Leiden für Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe (Röm 8,17 f.). Wir müssen auch für Seinen Namen leiden. Aber es ist nur für kurze Zeit; danach folgt die Herrlichkeit (Heb 10,32–39; 2. Kor 4,17).

Durch die Zeitform, in der das Wort „gelitten“ steht (Partizip Aorist), bringt der Apostel zum Ausdruck, dass er es als vergangen ansieht in dem Augenblick, den er meint.

Er Selbst, der Gott aller Gnade, wird vollkommen machen, befestigen, kräftigen, gründen. Das griechische Wort für „vollkommen machen“ wird auch für die Reparatur von Fischernetzen gebraucht (Mt 4,21; Mk 1,19). In 1. Kor 1,10 wird es durch „völlig zusammengefügt“ übersetzt, in Gal 6,1 durch „zurechtbringen“ (siehe auch 1. Thes 3,10). Daraus folgt die Bedeutung: „zurechtbringen, wiederherstellen, vollkommen zubereiten, so dass nichts mehr fehlt“. Das Wort für „befestigen“ (2. Thes 2,17) gehört zur gleichen Familie wie „standhaft“ in Vers 9. Es bedeutet also: „fest stehen lassen“. „Kräftigen“ heißt „Kraft geben“; „gründen“: auf ein festes Fundament stellen, so dass wir nicht mehr fallen können. Wenn wir dann zu sinken glauben, werden wir bald den Felsen spüren, der unter uns ist.

Petrus selbst hatte in den aussichtslosesten Umständen erfahren, dass es wahr war, was er schrieb: als der Herr in der Macht der Feinde war und getötet wurde, und er selbst Ihn mit einem Eid verleugnet hatte. Welch ein Trost waren diese ermutigenden Worte für die Empfänger dieses Briefes in ihren schwierigen, gefährlichen Umständen. Und sind sie es nicht auch für uns? Es sind keine Wünsche, sondern feste Zusicherungen, dass Gott es tun wird. Lasst uns sie in ihrem vollen Wert annehmen als das Wort Gottes selbst!

Er wird diejenigen, die in sich selbst nichts haben und voller Mängel sind, wiederherstellen, vollkommen zubereiten. Er wird diejenigen stärken, die nicht die geringste Kraft haben und deren einzige Rettung es ist, sich auf Seinen mächtigen Arm zu stützen, und die doch so kurzsichtig sind, immer wieder auf sich selbst zu vertrauen und in eigener Kraft den Weg gehen zu wollen. Er wird sie befestigen, so dass sie dem Feind gegenüber standhaft im Glauben bleiben. Er wird diejenigen auf den Felsen gründen, die nichts sind und keinen anderen Grund haben!

Stimmen wir da nicht mit ein in den Lobpreis des Apostels: „Ihm ist und sei die Macht in die Zeitalter der Zeitalter! Amen“.

Im Griechischen fehlt das Satzband „ist“ oder „sei“. Ist dies vielleicht deshalb so, um beide Möglichkeiten offen zu lassen? Weil Gott alle Macht hat, sind wir sicher, dass Er das in Vers 10 Genannte tun wird. Aber der Gläubige, der Ihn auch in Seiner Allmacht anbetet, möchte, dass diese völlig offenbar werde bis in alle Ewigkeit! Das griechische Wort für „Macht“ (‚kratos') bedeutet Macht in Verbindung mit der Kraft, wodurch sie mächtig ist. Darum wird es auch wohl mit „Kraft“ übersetzt. Es kommt im Neuen Testament vor in Lk 1,51; Apg 19,20; Eph 1,19; 6,10; Kol 1,11; 1. Tim 6,16; Heb 2,14; 1. Pet 4,11; 5,11 ; Jud V. 25 und Off 1,6; 5,13. In Heb 2,14 ist es die Macht des Teufels, an allen anderen Stellen aber die Macht Gottes oder des Herrn Jesus.

Die große Mehrheit von Handschriften hat: „Ihm (sei) die Herrlichkeit und die Macht usw.“. Einige (darunter auch der Codex Vaticanus und der Codex Alexandrinus) haben die kursiv gedruckten Worte nicht. Obwohl diejenigen, die sie auslassen, weitaus in der Minderheit sind, könnte man im Blick auf den Zusammenhang aber sagen, dass sie Recht haben. Im Hinblick auf den ersten Teil des Satzes passt „die Macht“, die das vollbringen würde, aber „die Herrlichkeit“ passt nicht so gut. Es ist leicht zu verstehen, dass diese Worte später eingefügt worden sind, weil sie in verschiedenen anderen Doxologien (Lobpreis Gottes; 1. Tim 6,16; Jud V. 25; Off 1,6) zusammen mit „Macht oder Kraft“ vorkommen (Kap 4,11).

Kapitel 5 Verse 12 bis 14: „Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich dafür halte, habe ich euch mit wenigen (Worten) geschrieben, ermahnend und bezeugend, dass dies (die) wahre Gnade Gottes ist, in welcher ihr stehet. Es grüßt euch die Miterwählte in Babylon und Markus, mein Sohn. Grüßet einander mit einem Kuss der Liebe. Friede euch allen, die (ihr) in Christo (seid)!“

Ziemlich allgemein wird angenommen, dass der hier genannte Silvanus mit dem an anderen Stellen erwähnten (2. Kor 1,19; 1. Thes 1,1; 2. Thes 1,1) identisch ist, außerdem mit dem Silas in Apg 15; 16; 17 und 18. Dafür gibt es auch gute Gründe. Es ist in der Schrift nicht die Gewohnheit, eine zweite Person gleichen Namens ohne nähere Kennzeichnung einzuführen, wenn die erste allgemein bekannt ist (Joh 14,22); und dieser Silvanus oder Silas war allgemein bekannt. Er kam ursprünglich aus Jerusalem und war dort ein Führer unter den Brüdern (Apg 15,22). Petrus kannte ihn aus jener Zeit also gut. Später begleitete er Paulus auf seinen Reisen (Apg 1518), auch in den Landstrichen, wohin Petrus seinen Brief sandte (Kap 1,1). Die Empfänger kannten ihn also als solchen. Die Worte des Petrus machen auch den Eindruck, als hätte er Silvanus jetzt lange Zeit nicht gesehen. Er nennt ihn einen „treuen Bruder, wie ich dafür halte“. Er gibt seinen Eindruck wieder, aber doch mit einem gewissen Vorbehalt.

Diesen Silvanus gebraucht Petrus, um seinen Brief zu überbringen und vielleicht auch, um ihn zu schreiben. Das Wort kann beides bedeuten. Aber aus der Empfehlung: „den treuen Bruder“ kann man wohl mit Sicherheit entnehmen, dass er der Überbringer war (vergleiche 1. Kor 16,10+11; 2. Kor 8,23; Phil 2,25; Kol 4,7–10; Eph 6,21).

Wir sehen darin die Weisheit Gottes und auch die gute, liebevolle Gesinnung, die unter den Aposteln herrschte. Einst war Petrus selbst sehr untreu gewesen gegenüber der Wahrheit über die Freiheit des Christen - sowohl derer aus den Nationen als auch derer aus den Juden - die er einst so gut gelernt und verteidigt hatte (Gal 2,11–17; Apg 10; 11; 15). Paulus, der jüngere und später hinzugekommene, hatte ihn deshalb öffentlich ermahnt. Aber wir sehen, dass Petrus ihn ohne jeglichen Groll „unseren geliebten Bruder Paulus“ nennt. Er erkennt auch die Briefe des Paulus als „Schriften“, d. h. als das Wort Gottes an (2. Pet 3,15+16). Hier schreibt Petrus jetzt an die Gläubigen aus den Juden in den Gebieten, in denen Paulus das volle Evangelium der Gnade gepredigt hatte, einen Brief, in dem er allen Nachdruck legt auf die „wahre Gnade Gottes [...], in welcher ihr stehet“. Er vereint sich darin mit Silvanus, dem bekannten Mitarbeiter des Paulus, der sicher auch selbst die Gnade bei ihnen verkündigt hatte. Dadurch erkennt er vollkommen an, dass das, was Paulus gepredigt hat, Gottes Gedanken sind. Gott wollte nicht, dass jüdische „Eiferer fürs Gesetz“ (Apg 21,17–24) Petrus gegen Paulus ausspielen könnten. Deshalb lässt Er Petrus, den Apostel der Beschneidung, eine Säule unter den jüdischen Gläubigen (Gal 2,7–9), in besonders nachdrücklicher Weise über die Gnade schreiben - nachdrücklicher als irgendeiner der anderen Schreiber des Wortes Gottes. Es ist nur ein kurzer Brief, aber er wird geschrieben, um zu ermahnen und zu bezeugen, dass „dies die wahre Gnade Gottes ist, in welcher ihr stehet“! Einige Handschriften haben: „in welcher ihr stehen sollt“. Wenn das richtig sein sollte, dann würde noch mehr Nachdruck darauf liegen. Wie sehen wir hier wieder den alten Petrus, der dieselbe Wahrheit in Jerusalem so feurig verteidigt hatte, als sie angegriffen wurde (Apg 15,11).

Wie geeignet war Silvanus auch als Überbringer dieses Briefes über die Leiden! Er hatte mit einem von Rutenschlägen verwundeten Rücken und mit in den Stock gepressten Füßen zusammen mit Paulus im Gefängnis von Philippi gesessen und dort Loblieder gesungen (Apg 16,23). Auch sonst hatte er viele von den Verfolgungen, die der Apostel Paulus erduldet hatte, mitgemacht. Er wusste was es bedeutete, für die Gerechtigkeit und für den Namen des Herrn zu leiden. Er konnte mit den Brüdern Mitgefühl haben.

Die Verse 13 und 14, so einfach sie sind, haben zu viel Schreibereien und Mutmaßungen - ja, wir können ruhig sagen: Phantasien - Anlass gegeben. Der Grund dafür ist, dass schon früh das Streben einsetzte, der Versammlung zu Rom die führende Stellung einzuräumen - oder besser ausgedrückt, dem, der sich selbst zum Bischof („Aufseher“) von Rom aufgeworfen hatte. Zu diesem Zweck verbreitete man zuerst das Gerücht, dass Petrus 25 Jahre lang Bischof von Rom gewesen sei. Man wählte Petrus, weil man annahm, dass der Herr ihm die Hauptmacht in der Versammlung gegeben habe (Mt 16,19). Aberglaube und Unglaube sind immer dumm. Es handelt sich in Mt 16 nämlich nicht um die Versammlung, sondern um das Reich der Himmel. Die Macht, in der Versammlung zu binden und zu lösen, gab der Herr den zweien oder dreien, die in Seinem Namen versammelt sind (Mt 18,18). Außerdem sagt die Schrift ausdrücklich, dass der Dienst des Petrus und der anderen elf Apostel enden würde, nicht nur hinsichtlich der Personen, sondern auch hinsichtlich seines Charakters (Joh 15,26; 21,19; 14,17), während der Dienst des Apostels Paulus weiter bestehen würde. Die zwölf Jünger zeugten von dem auf der Erde lebenden Herrn und Seiner Auferstehung. Deshalb mussten sie von Anfang an bei dem Herrn gewesen sein (Apg 1,22; 15,27). Außerdem war ihr Dienst speziell für die Beschneidung, die Juden bestimmt (Gal 2,8+9). Daher finden wir sie nach Apg 15, wo die Stellung der Gläubigen aus den Nationen gegenüber dem Gesetz festgestellt wird (2. Kor 3,3–18), praktisch nicht mehr genannt. Auch sind alle Briefe, die die wahre christliche Stellung und die Versammlung in ihrer Ordnung behandeln, von Paulus. Weder Petrus noch Jakobus oder Johannes sprechen in ihren Briefen über die Versammlung. Sie sehen die Gläubigen als einen Teil der zwölf Stämme (Jakobus), als zerstreute Gläubige, die zusammen die Brüderschaft bilden (Petrus), oder als die Familie Gottes (Johannes), aber nie als den Leib Christi, und nicht einmal als das Haus Gottes, mit Ausnahme des besonderen Charakters, unter dem es in 1. Pet 2 gesehen wird. Die Schrift gibt auch nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Petrus jemals in Rom gewesen ist. Sie führt im Gegenteil starke Gründe zur Annahme des Gegenteils an. Zunächst lag sein Dienst als Apostel der Beschneidung da, wo die meisten Juden wohnten, und das war nicht in Rom. Sodann beweist der Brief an die Römer, dass er in Rom nicht das Evangelium gepredigt hatte. Sein Name wird in diesem Brief nicht einmal genannt, auch nicht in den Grüßen. Ebenso wenig finden wir seinen Namen in den diesbezüglichen Kapiteln der Apostelgeschichte und den Briefen, die Paulus aus Rom geschrieben hat. Auch im letzten Brief, den Paulus kurz vor seinem Märtyrertod aus Rom geschrieben hat (2.Tim), wird Petrus nicht genannt, obwohl die Überlieferungen sagen, dass Paulus und Petrus ungefähr gleichzeitig in Rom dem Märtyrertod gestorben seien. Wäre Petrus zu der Zeit in Rom gewesen, dann würden auch auf ihn die wenig ehrenvollen Worte: „alle verließen mich“ (2. Tim 4,16) zutreffen. Das können wir aber nicht von ihm annehmen.

Auch die Worte, die Petrus hier schreibt, sind ein starkes Zeugnis gegen die erwähnten Behauptungen. Aus dem Brief geht deutlich hervor, dass er ziemlich spät geschrieben wurde. Das beweist also, dass Petrus damals nicht in Rom, sondern in Babylon war. Zugleich macht es diese Tatsache unwahrscheinlich, dass er später noch in Rom gewesen ist. Es liegt also auf der Hand, dass man versuchte, dieses Zeugnis zu beseitigen. Man kam auf diese Art dahin, zu behaupten, dass unter „Babylon“ Rom zu verstehen sei. Das hatte sogar einen gewissen Schein von Wahrheit, weil in der späteren prophetischen Beschreibung der zukünftigen abgefallenen Kirche und Gottes Gericht darüber die römische Kirche die Hure, das große Babylon, genannt wird (Off 14,8; 17,5).

Es gibt nicht einen einzigen Beweis für die Behauptung, dass in der Geheimsprache der Christen der ersten Zeit Rom „Babylon“ genannt worden sei. Erstens finden wir im gesamten Neuen Testament mit Ausnahme des gänzlich prophetischen Buches der Offenbarung Rom bei ihrem eigentlichen Namen genannt. Zweitens gab es auch keine Veranlassung, sie anders zu nennen, denn zu der Zeit gab es noch keine Verfolgung seitens der römischen Regierung. Die entstand erst geraume Zeit später. Sogar die Verfolgung unter Nero ging nicht über die Grenzen Roms hinaus. Außerdem gab man als Grund dafür nicht die Tatsache an, dass sie Christen waren, sondern dass sie den Brand Roms verursacht hätten. Auch erwartet man in einem so einfachen und eindringlichen Brief, in dem die Tatsachen ohne Umschweife mit Namen genannt werden (auch die Orte, wo die Empfänger wohnten), keine derartige Bildersprache.

Die in der ganzen Schrift bekannte Landschaft Babylon und die Stadt gleichen Namens befanden sich in jener Zeit sicher in einem Zustand des Verfalls. Aber Babylon war noch sehr bevölkert, eigenartig genug auch besonders von Juden. Noch Jahrhunderte später war sie bekannt durch ihre berühmte Rabbinerschule, deren Talmud (eine Sammlung von Aussprüchen bekannter Rabbiner über die Auslegung des Alten Testaments) in seiner großen Anzahl von Bänden uns davon den Beweis liefert. Es ist leicht verständlich, dass der Apostel der Juden diesen zahlreichen Juden das Evangelium verkündigen wollte. Am Pfingsttag waren schon einige von ihnen in Jerusalem gewesen und hatten es dort gehört (Apg 2).

Sodann teilt Petrus die Grüße der „Miterwählten“ in Babylon mit. Es liegt auf der Hand, dass damit die Frau des Petrus gemeint ist. Die Schrift teilt uns mit, dass Petrus sie auf seinen Reisen mitnahm (1. Kor 9,5).

In einem Brief, in dem die Gläubigen gesehen und angeredet werden als durch Auserwählung gekennzeichnet (Kap 1,2), und in dem besonders die gläubigen Frauen „Miterben der Gnade des Lebens“ (Kap 3,7) genannt werden, ist diese Bezeichnung nichts Sonderbares. Die Annahme, dass hiermit die örtliche Versammlung gemeint ist, entbehrt meines Erachtens jeder Grundlage. Ich glaube, dass sie auch hauptsächlich auf denselben Wunsch zurückgeht, den wir bei Babylon sahen: Rom einzuführen. Aber wie schon gesagt, behandelt Petrus nicht die Versammlung, sondern sieht die Gläubigen als einzelne Fremdlinge, die zusammen eine Brüderschaft bilden. Höchstens könnte er diese Brüderschaft meinen. Aber auch das ist unwahrscheinlich, weil er die Brüderschaft nicht auf einen Ort beschränkt. Dann wäre es auch höchst seltsam, den Bruder Markus in einem Atemzug damit zu nennen. Auch finden wir nirgends, dass von einer Versammlung in Babylon gesprochen wird (vergleiche 2. Johannes 1,1+13).

Wie herrlich ist es, zu sehen, in welch liebevoller Weise Petrus über Markus spricht. Sicher hat er ihn schon in jungen Jahren gekannt (Apg 12,12) und war sein geistlicher Vater. Die Schrift gibt mehrere Beispiele für ein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Gläubigen. Wir brauchen nur an Paulus und Timotheus und Titus und Philemon zu denken (1. Kor 4,17; Gal 4,19; 1. Tim 1,2; 2. Tim 1,2; 2,1; Tit 1,3; Philemon V. 10). So sehen wir auch hier von Seiten des Petrus väterliche Liebe und väterlichen Einfluss, wie auch bei Paulus gegenüber Timotheus und Titus. Auf der anderen Seite steht kindliche Abhängigkeit. Wie schön ist es, so ein liebevolles geistliches Verhältnis zwischen alten und jungen Gläubigen zu sehen! Petrus nennt Silvanus „den treuen Bruder“; darin sehen wir mehr den Gedanken der Gleichheit, nicht den der Sohnschaft.

Wir sehen, dass das Haus der Mutter des Markus ein geistlicher Mittelpunkt für die Gläubigen in Jerusalem war (Apg 12,12). War sein Vater vielleicht gestorben? Markus war ein Neffe des Barnabas (Kol 4,10). Das erklärt vielleicht, warum Barnabas und Paulus ihn auf ihre erste Missionsreise mitnahmen (Apg 13,13). Aber die Schwierigkeiten waren zu groß für den Glauben von Markus. Familienbande haben in geistlichen Verhältnissen schon viel Unheil angerichtet. Offensichtlich machten sie ihren Einfluss auch bei Barnabas geltend (Apg 15,37), obwohl die Schrift es nötig erachtet, uns mitzuteilen, dass sein Name „Sohn des Trostes“ bedeutet und dass er ein „guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“ war (Apg 11,24). Die Folge für Barnabas war, dass er von dem großen Werk, das der Herr durch Paulus zustande bringen wollte, ausgeschlossen wurde. Sein Name wird nicht mehr dabei genannt.

Glücklicherweise ist Johannes Markus geistlich gewachsen. Er gewann wieder das Vertrauen des Paulus, so dass dieser ihn wieder empfehlen konnte (Kol 4,10). Am Ende seines Lebens erklärt er dann, dass Markus ihm nützlich zum Dienst ist (2. Tim 4,11). Hier im Petrusbrief finden wir ihn bei seinem väterlichen Freund und dessen Frau, sicher um ihnen in ihrem hohen Alter auf einer langen Reise in einem fremden Land behilflich zu sein. Später gebraucht der Heilige Geist ihn, um das Evangelium nach Markus zu schreiben, in dem wir den Herrn als den treuen Diener sehen. Es ist bemerkenswert, Silas (Silvanus) und Markus, die beide an dem Konflikt zwischen Paulus und Barnabas beteiligt waren, hier zusammen zu finden.

Wie Paulus sagt auch Petrus den Gläubigen, sie sollen einander küssen (Röm 16,16). Aber er spricht von einem Kuss der Liebe, während Paulus von einem heiligen Kuss schreibt (1. Kor 16,20; 2. Kor 13,12; 1. Thes 5,26), Beides ist wichtig! Es muss ein Kuss der Liebe sein. Aber wir wissen, wie das Fleisch den Begriff der Liebe verunglimpft hat. Deshalb schreibt Paulus, dass der Kuss der Gläubigen heilig sein soll. Petrus gebraucht das Wort für die göttliche Liebe (‚agape'), das wir in den Büchern der alten Griechen vergeblich suchen, das aber Gottes Wort mit Vorliebe gebraucht. Wir haben in Kap 4,8 gesehen, dass diese Liebe ihren Ursprung in Gott hat und daher nicht unheilig sein kann.

Wie unwürdig sind der Streit und die Parteisucht der Gläubigen untereinander. Wie kostbar ist aber der letzte Wunsch, dass alle, die wir in Christus sind, Frieden haben werden (Joh 20,20). Frieden für unser Gewissen besitzen wir, indem wir auf das geschlachtete Lamm blicken. Den Frieden Gottes werden wir haben, wenn wir Vers 10 und 11 in unserem Herzen verwirklichen.

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