Einführende Vorträge zur Apostelgeschichte

Kapitel 7

Einführende Vorträge zur Apostelgeschichte

Folglich beantwortete Stephanus, nachdem er auf diese Weise angeklagt worden war, die Frage des Hohenpriesters: „Ist denn dieses also?“ (V. 1) mit einer wunderbaren Rede. Diese kann ich hier nur berühren. Er stellte ihnen die herausragenden Ereignisse ihrer Geschichte vor, die sich auf das Problem bezogen, welches Gott jetzt mit den Juden behandeln musste. Gott hatte ihren Vorvater Abraham herausgeführt,  ihm jedoch nie wirklich das verheißene Land zum Besitztum gegeben. Warum rühmten  sie sich dessen so? Sie, die laut damit prahlten, dass sie dem Fleisch nach mit Abraham und Gottes Wegen mit ihm in Verbindung standen, befanden sich eindeutig nicht in Gemeinschaft mit Gott oder mit Abraham. Obwohl Gott ihre Vorväter liebte und ehrte, besaß Abraham nie das verheißene Land. Warum legten sie dann diesem Land soviel Bedeutung bei?

Das ist noch nicht alles! Einer der Nachkommen der Väter ragte besonders unter den Gliedern der Familie Abrahams im 1. Buch Mose hervor – ein Mann, der mehr als alle anderen ein Vorbild auf den Messias darstellt. Muss ich sagen, dass dies Joseph war? Wie erging es ihm? Seine Brüder verkauften ihn an Heiden. Die Anwendung war nicht schwer. Sie wussten, wie sie Jesus von Nazareth behandelt hatten. Ihre Gewissen mussten sie ganz unmissverständlich daran erinnern, wie die Heiden Jesus gerne losgelassen hätten und wie ihre Stimmen und ihr Wille sogar über den verhärteten Landpfleger Judäas, Pontius Pilatus, die Oberhand behielten. So wurden eindeutig die herausragenden Einzelheiten der Geschichte Josephs in der Bosheit der Juden gegen Jesus von Nazareth und seinem Verkauf an die Heiden wiederholt.

Im weiteren Verlauf ihrer Volksgeschichte erfüllt das Leben eines weiteren Mannes sowohl das zweite Buch der Bibel als auch die ganzen übrigen Bücher des Pentateuch. Es ist Mose. Was sagt die Bibel über ihn? Dem Wesen nach dieselbe Geschichte! Er wurde von Israel verworfen. Der Stolz des Volkes wollte nicht auf ihn hören, als er zwischen einem streitenden Israeliten und seinem Bedränger Frieden stiften wollte. Gezwungenermaßen musste Mose Israel verlassen, um dann einen Bergungsort unter den Heiden zu finden. Inwiefern Stephanus bewusst in die Bedeutungsinhalte dieser Vorbilder eindrang, können wir nicht sagen. Wir erkennen hingegen leicht die Weisheit Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes, durch den Stephanus sprach.

Er führt noch einen anderen Bestandteil des jüdischen Lebens an, nämlich ihren Tempel. Auch dieser Punkt war wichtig. Stephanus hatte nicht nur von Jesus von Nazareth gesprochen, sondern er wurde auch des Hinweises angeklagt, dass Jesus diesen Ort vernichten und ihre Gebräuche ändern würde. Was sagten ihre Propheten? „Salomon aber baute ihm ein Haus. Aber der Höchste wohnt nicht in Wohnungen, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht: Der Himmel ist mein Thron, und die Erde der Schemel meiner Füße. Was für ein Haus wollt ihr mir bauen, spricht der Herr, oder welches ist der Ort meiner Ruhe? Hat nicht meine Hand dies alles gemacht?“ (V. 47–50). Kurz gesagt: Stephanus zeigt auf, dass Israel auf jeder Grundlage seines Verhältnisses zu Gott gegen Ihn gesündigt hat. Das Volk hatte das Gesetz gebrochen, die Propheten erschlagen, ihren Messias ermordet und ständig dem Heiligen Geist widerstanden. Wie schrecklich! Umso schrecklicher, weil es die reine Wahrheit war.

Dies entfesselte die wahnsinnige Wut Israels; und sie knirschten mit den Zähnen gegen ihn. Er, der sie angeklagt hatte, dass sie wie ihre Väter allezeit dem Heiligen Geist widerstanden, schaute voll Heiligen Geistes in den Himmel und sah den Sohn des Menschen. Er legte Zeugnis davon ab, dass er Ihn zur Rechten Gottes stehen sehe. Jetzt befinden wir uns wieder dort, wo wir begonnen haben: Bei der Offenbarung des wahren Wesens des Christentums und dem Bewusstsein von seiner Macht sowie der Wirkung auf den, der sie zu schätzen weiß. Wir wissen nicht nur, dass Jesus in den Himmel gegangen ist, sondern lesen auch von seinem Knecht, der den Himmel offen sah und Jesus, den Sohn des Menschen, zur Rechten Gottes stehen.

Das ist immer noch nicht alles. Sie stürmten vorwärts, um den Mund dessen zum Schweigen zu bringen, der so vollständig die gewohnheitsmäßige Sünde ihrer Nation gegen den Heiligen Geist aufgezeigt hatte. Ja, sie steinigten ihn. Aber während sie ihn steinigten, betete er, indem er sprach: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ (V. 59). Sie konnten jene Worte nicht aufhalten, welche bezeugten, wie sehr er von der Gnade des Herrn Jesus getrunken hatte. Sie konnten sein Vertrauen nicht zerstören, seinen friedevollen Eingang an jenen Ort bei Christus, mit dem er sich schon damals in bewusster Gemeinschaft befand, nicht verhindern. Danach erfahren wir (ohne dass Stephanus vielleicht daran dachte), wie die Gnade seine Worte denen des Herrn Jesus am Kreuz anglich. Dies war ganz gewiss keine Nachahmung, sondern im Gegenteil ein umso offensichtlicheres Zeichen der Macht Gottes. Nur Jesus konnte sagen – nur Er konnte zu Recht sagen: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!“ (Lk 23, 46). Ausschließlich Jesus konnte sagen: „Ich  übergebe meinen Geist!“ Er, der sein Leben lassen und wiedernehmen konnte, vermochte so zum Vater zu sprechen. Aber dem Knecht des Herrn stand es nur zu, jene rechtmäßigen und gesegneten Worte auszusprechen: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ Das genügte jedoch nicht. Dasselbe Herz, welches so unumschränkt auf den Herrn vertraute und sein eigenes himmlisches Teil bei Jesus kannte, kniete nieder und rief mit lauter Stimme. Sein Ruf war nicht nur an Jesus gerichtet. Dazu benötigte er keine laute Stimme; ein Seufzer hätte genügt. Der laute Ruf erging an Menschen, an ihre tauben Ohren und gefühllosen Herzen. Mit lauter Stimme rief er: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“ (V. 60). Welche Schlichtheit, aber auch welche Fülle der Gemeinschaft mit Jesus! Er, der einst für dieses Volk gebetet hatte, erweckte seine eigenen Gefühle im Herzen seines Knechtes.

Ich kann auf diesen Gegenstand nicht ausführlicher eingehen als auf andere Szenen ähnlicher Bedeutung. Stattdessen möchte ich allen Anwesenden hier dieses schöne Zeugnis von der wahren Stellung, der Macht und der Gnade eines Christen zur Betrachtung anbefehlen.

Wir haben jetzt einen Wendepunkt in der Apostelgeschichte erreicht, und zwar nicht nur in Hinsicht auf die Kirche (Versammlung), sondern auch auf die Entfaltung der Wahrheit Gottes und die Offenbarung seiner Wege. Stephanus' Tod hat folglich in mehr als einer Hinsicht eine große Bedeutung. Und kein Wunder! Sein Geist war der erste, welcher von der Erde schied, um bei Christus zu sein, nachdem der Heilige Geist gegeben worden war 1. Doch wir sehen in ihm nicht einfach einen Menschen, der starb, um bei dem Herrn zu sein, was weit besser ist. Er war zudem in einem Geist rasender Verfolgung von den Juden umgebracht worden. Dies geschah durch jenes Volk, welches kurz vorher durch die höchste Gunst die Wahrheit bzw. die Gnade Gottes, welche stets mit seiner Wahrheit zusammengeht, erfahren hatte. Außerdem hatten sie einen gewaltigen Eindruck von dieser Gnade sowie der Wahrheit bekommen; denn beide hatten in einem Menschen eine ungewohnte Herzensgröße und Selbstlosigkeit des Geistes sowie Freude und Freiheit hervorgerufen, so dass die Juden, vertraut mit der Kälte des Todes in ihrem eigenen System, außerordentlich betroffen sein mussten.

Jetzt war indessen alles verändert. Was am lieblichsten war, wurde – wie häufig in den Angelegenheiten Gottes – bitter. Die Juden konnten nun die Tragweite des Geschehens verstehen, das Gott unter ihnen bewirkt hatte, nämlich

  • dass es den Menschen richtet.
  • dass es der Religiosität, derer sie sich rühmten, kein Ansehen gibt.
  • dass es in überzeugendster und daher bitterster Weise nachweist, wie Gott in all seinem früheren Zeugnis an sie durch die Propheten sowie die Vorbilder des Gesetzes nachdrücklich dargestellt hat, dass Er erhabenere Absichten verfolgt.
  • dass nichts auf der Erde Ihn zufriedenstellen kann.
  • dass Gott nach seinen Ratschlüssen als Ergebnis des eindeutigen Versagens Israels schon hier auf der Erde für ein himmlisches Volk den Himmel und seine Dinge einführen will.

Diese Wahrheiten waren nun vor allem bekannt gemacht worden durch das Zeugnis des Stephanus über jenen Menschen, welchen sie verworfen und gekreuzigt hatten. Sein Anblick in Herrlichkeit zur Rechten Gottes war für sie untragbar. Konnte es anders sein, wenn sie trotz ihres überheblichen Unglaubens und ihres Stolzes auf besondere Vorrechte erfahren mussten, dass sie nichtsdestoweniger fortwährend wie ihre Väter dem Heiligen Geist widerstanden? Letztere waren selbst schuldig und hatten infolgedessen ihre Demütigung vonseiten der Nationen zu ertragen. Aber auch die Zuhörer des Stephanus waren nicht besser als ihre Väter, sondern vielmehr schlechter. In ihnen offenbarte derselbe Unglaube seine Früchte, nur noch schrecklicher. Sie waren des Blutes ihres Messias schuldig, der auferweckt und auf den höchsten Platz im Himmel gesetzt worden war. All dieses stellte Stephanus ihnen eindringlich vor. Dabei habe ich nur einen kleinen Teil seiner außerordentlich vielsagenden Rede angeführt.

Doch das Ende des 7. Kapitels zeigt uns noch viel mehr. Christus im Himmel ist jetzt der Gegenstand der Betrachtung des Christen. Diese Offenbarung liegt völlig außerhalb der engen Grenzen des Judentums. Stephanus bezeichnet Ihn als „Sohn des Menschen.“ Dieser Titel ist ein wesentliches Kennzeichen des Christentums. Anders als das Gesetz wendet letzteres sich an alle Menschen. In einem auf der Erde verworfenen, aber nun himmlischen Christus gibt es keine Einschränkung. Der Heilige Geist hat uns die ganze Kraft eines göttlichen Bandes und all die Intimität einer wirklichen lebendigen Beziehung engster Natur mitgeteilt. Gleichzeitig und sie begleitend erkennen wir, wie allumfassend sowohl die Wahrheit Gottes als auch seine Gnade ausströmen. Das musste dem Gesetz gänzlich fremd bleiben. Diese Universalität sollte noch mehr durch einen anderen und weit größeren Zeugen der göttlichen Dinge herausgestellt werden, welcher sich noch in der Blindheit des jüdischen Unglaubens befand und in diesem Augenblick seine elende Rolle in dem Tod des Stephanus spielte – und dabei ein gutes Gewissen hatte. Alles das wirkte machtvoll auf die Juden, verletzte jedoch ihre Gefühle bis zum Äußersten.

Fußnoten

  • 1 Was ist mit Ananias und Saphira? (Apg. 5) (Übs.)
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