Biblische Betrachtungen über das Buch Ruth

Kapitel 2

Ruths Dienst (Ruth 2,1-3)

Noomi erinnert sich verwandtschaftlicher Beziehungen, die im weiteren Verlauf dieses Buches eine wichtige Rolle spielen. Boas, ein vermögender Mann, war der Verwandte von Noomis Mann, aus dem Geschlecht Elimelechs. Der große Gott lenkte es so, dass Ruth „zufällig“ auf das Feld des Boas kam, um Ähren zu lesen. Sie vertraut auf die Gnade, die sie zu finden hofft. Sie folgt dem Trieb ihres eigenen Herzens, es bedurfte dazu keines Anstoßes von Seiten Noomis. Ihre Worte sind von erlesener Schönheit: „Lass mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen hinter dem her, in dessen Augen ich Gnade finden werde.“ Der Gott Israels, der nun auch ihr Gott war, würde sie nicht enttäuschen, sondern den Mann finden lassen, der ihr Gnade zuwenden würde. Sie war arm und ohne Rechte in Bethlehem, aber sie geht den Weg des Glaubens. Wer diesen Weg einschlägt, stützt sich nicht auf eigene Fähigkeiten, Rechte und dergleichen, sondern ganz allein auf den großen, allmächtigen Gott. Er belohnt den Glauben und die Abhängigkeit und führt alles herrlich hinaus.

Es war kein Weg des Eigenwillens, denn sie „bat“ ihre Schwiegermutter: „Lass mich doch... “ Noomi sagte: „Gehe hin meine Tochter.“ Wird nicht erschreckend viel Eigenwille unter Kindern Gottes gefunden? Bitteres Leid und viele Tränen sind oft die Folgen eigener Wege. Besonders wichtig ist dies auch für unsere jungen Freunde, die bekennen ein Eigentum des Herrn JESUS zu sein. Fragt man die Eltern um ihr Einverständnis, oder übergeht man sie, wie es heute in der Welt üblich ist? Besonders in entscheidenden Fragen sollte man den Rat der Eltern oder erfahrener Brüder einholen. Manche traurigen Folgen wären dadurch vermieden worden. Wie viel Schmach ist durch eigenwilliges Handeln auf den Namen des Herrn gekommen.

Ebenso bedeutsam sind die rechten Beweggründe bezüglich eines Dienstes für den Herrn. Nur Er selbst kann einen Diener beauftragen, diesen oder jenen Dienst für Ihn zu tun. Und dann geht es darum, ob der Diener in Abhängigkeit von seinem Herrn den Dienst ausübt. Seine geistlich gesinnten Mitgeschwister werden sehr wohl zu beurteilen wissen, ob der Dienst nach Gottes Gedanken und in Abhängigkeit geschieht oder eigenwillig aus Geltungsbedürfnis. Jeder wahre Dienst ist immer zum Segen und zur Ehre des Herrn.

Aber es gibt auch manche Dienste, die nicht in Erscheinung treten und doch wertvoll und notwendig sind, z. B. Witwen und Waisen in ihrer Drangsal besuchen, Barmherzigkeit üben mit Freudigkeit, mitteilen in Einfalt, Gastfreundschaft üben ohne Murren. Wie viel Dienste können getan werden zum Nutzen der Kinder Gottes oder auch, um unbekehrten Menschen den Weg zum Heiland zu zeigen. So schrieb ein zwölfjähriges Mädchen, die erst seit einem halben Jahr ein Eigentum des Herrn Jesus war, dass sie jeden Morgen besonders für die Errettung ihrer Lehrer und Mitschüler betet. Sie verteilt Traktate in der Schule. Ein unscheinbarer Dienst, und doch - wie wertvoll!

Es ist heute, am Ende der Gnadenzeit, besonders wichtig, uns zu fragen, wozu wir noch in dieser Welt sind. Nicht jeder kann eine Predigt halten. Auch im Umgang mit anderen kann nicht jeder so reden, wie er es gerne möchte. Aber wir sollten doch davon zeugen, was wir persönlich mit dem Herrn Jesus erlebt haben. Der Herr sagte zu dem geheilten Besessenen: „Gehe hin... und verkündige ihnen, wie viel der Herr an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat“ (Markus 5,19).

Viele liebe Kinder Gottes „sitzen im bequemen Sessel der Erkenntnis und Tradition“, reden vom Kommen des Herrn, aber tun nichts zur Rettung Verlorener. Aus ihren Reihen kommt oft die härteste Kritik in Bezug auf die Arbeit derer, die sich in selbstloser Weise für den Herrn verwenden lassen. Doch dem Herrn sei Dank, dass es auch solche gibt, die nicht nur selbst arbeiten, sondern auch andere zur Arbeit anspornen. Der Herr Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte“ (Matthäus 9,38).

Er selbst ist der „vermögende Mann“, der wahre Boas. Die beiden großen Säulen im salomonischen Tempel hießen Jakin und Boas. Jakin bedeutet: „Er wird feststellen“ und Boas: „In ihm ist Stärke“, Er wird das, was Er gewirkt hat, auch feststellen oder befestigen durch Seine Stärke, denn in uns ist keine Kraft. Er wird uns weiterführen auf dem Wege des Glaubens, damit wir erstarken und zunehmen am inneren Menschen. Wie nötig ist es deshalb, Ähren zu sammeln, um sich davon zu nähren. Im Lande Israel gab es wieder Brot, aber zunächst mussten die Ähren gesammelt werden. Ruth war willigen Herzens. Sie trachtete nicht in fleischlichem Eifer nach großen Dingen. Aber es drängte sie, das Nächstliegende zu tun: Ähren zu lesen.

Ist es nicht auch für uns notwendig, zunächst einmal „Ähren zu lesen“, d. h. Speise zu sammeln für unsere Seele? Wenn wir uns nicht selbst von dem Korn des Landes nähren, wie wollen wir wachsen oder gar anderen mitteilen können? Aber es war eine schwere Arbeit, stets in gebückter Haltung hinter den Schnittern herzugehen und aufzulesen. Wir können nur dann einen Segen haben, wenn wir das Wort Gottes in uns aufnehmen und uns in Unterwürfigkeit und Demut unter Seine Autorität beugen. Nur dann wird es uns zum Nutzen und zum inneren Gewinn gereichen.

„Gehe hin meine Tochter“, so hatte Noomi gesagt. „Und sie traf zufällig das Feldstück des Boas.“ Gibt es wirklich den blinden Zufall? Ungläubigen Menschen erscheint vieles „rein zufällig“, selbst manche Gotteskinder schließen sich solcher Annahme an. Wenn wir diesem „zufällig“ im Buche Ruth einmal nachgehen, gibt es für uns keinen Zufall mehr. Außer im Buche Ruth finden wir den Ausdruck in 5. Mose 22,6, in 2. Samuel 1,6 und in Kap. 20,1. Der Herr Jesus sagt in Matthäus 6,33: „Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes... und alles andere wird euch hinzugefügt werden.“ In anderen Übersetzungen heißt es: „...so wird euch solches alles zufallen“. Zufallen? Von wem und woher? Von Gott selbst, von oben her.

Alle Ereignisse unseres Lebens werden durch den großen Gott gelenkt und von Seinem Willen bestimmt. Es gibt eben keinen Zufall im Leben des Menschen, auch nicht bei Ungläubigen. Gott geht ihnen nach, um sie zu retten. Oft benutzt er Umstände, Ereignisse und Personen, um sie zum Nachdenken zu bringen. Er möchte sie zur Buße leiten und retten.

Zufallen! Von dem Gott Israels geleitet kam Ruth auf das Feld des Boas. Es fiel ihr von oben zu. Gott will aufrichtige Seelen geradewegs dahin führen, wo Er sie haben will. Deshalb gibt es keinen Zufall, und erst recht nicht bei Gotteskindern.

Gott lässt jeden Erlösten, der aufrichtig die Wahrheit und den Platz des Zusammenkommens nach Gottes Gedanken sucht, nicht auf halbem Wege stehen. Er wird ihn auf „das Feld des Boas“ führen. Von Gott gewollt, von Gott bewirkt, von Gott geleitet, von oben zugefallen!

Das Feld des Boas (Ruth 2,4-8)

Gott führt immer dahin, wo der Herr JESUS der alleinige Mittelpunkt ist (Mt 18,20). Wie leicht lassen wir uns durch Betriebsamkeit anziehen und dorthin leiten, wo „viel getan“ wird. Jugendarbeit, Männer- und Frauenkreise, Dienst am Nächsten und an Gestrauchelten sind sicher gute und hilfreiche Arbeiten und nützliche Einrichtungen Es geht hier aber um die Frage, inwieweit in alledem der Herr JESUS einen Platz hat, oder ob alles nur aus einer gewissen Religiosität oder gar zum eigenen Ruhm geschieht. Wenn in diesem allen der Herr nicht die Oberhand hat, der wahre Boas, dann regiert der Eigenwille des Menschen. Der Herr JESUS will und muss in allen unseren Bemühungen verherrlicht werden. Er muss der Zentralpunkt jeden Dienstes sein, wenn Frucht für Gott daraus hervorgehen soll.

Wie wenig spricht man heute in der Christenheit von dem Sohne Gottes als unserem „Herrn Jesus“. Es ist unehrerbietig, Ihn nur Jesus oder einfach Christus zu nennen. Er ist unser Herr. Darum sollte es wiedergeborenen Christen ein Bedürfnis sein, nicht nur „Herr Jesus“ zu sagen, sondern Ihn auch in jeder Hinsicht als Herrn anzuerkennen. Als dem Herrn sind wir Ihm Gehorsam schuldig. Das bezieht sich auf alle Gebiete unseres Lebens und im besonderen auf die schriftgemäße Ausführung unseres Gottesdienstes.

Boas, der vermögende Mann, kam von Bethlehem her zu seinen Schnittern. Er kümmert sich persönlich um seine Arbeiter und sucht sie auf dem Felde auf. Welch ein liebliches Verhältnis bestand zwischen ihm und seinen Leuten! Besteht nicht ein noch innigeres Verhältnis zwischen dem wahren Boas, unserem geliebten Herrn, und uns? Die Frage ist nur, ob wir dies zu schätzen wissen und die Gemeinschaft mit IHM pflegen. Er ist besorgt für uns und möchte dieses Verhältnis vertiefen und festigen. Er möchte uns ganz nahe an Seinem Herzen haben, ruhend in Seiner Liebe. Dadurch genießen wir auch die Gemeinschaft mit dem Vater, deren erhabenste Form in der Betrachtung des Herrn Jesus besteht, an welchem Gott Sein ganzes Wohlgefallen hat.

Das schöne Verhältnis zwischen Boas und seinen Schnittern wird in dem gegenseitigen Gruß offenbar. Boas sagt: „Der Herr sei mit euch!“ Die Schnitter sagen: „Der Herr segne dich!“ (Kap. 2,4) Der Name „Herr“ (Jahwe) in diesen Grüßen weist auf die Bundesbeziehungen Gottes zu Seinem irdischen Volke hin, auf denen dessen Segen beruhte. Es kommen aber auch darin die Beziehungen der Schnitter zu dem Herrn, dem Gott Israels, zum Ausdruck. In dem Herrn JESUS hat Gott uns in weit höhere Beziehungen eingeführt, mit denen geistliche und himmlische Segnungen verknüpft sind. Uns gilt ein ähnlicher Gruß: „Der Gott des Friedens wird mit euch sein!“ (Phil 4,9; Römer 15,33;1. Thes 5,23; Heb 13,20-21)

Praktisch betrachtet, bewegten Boas und seine Knechte sich in ihrem gegenseitigen Verhältnis nach neutestamentlichen Grundsätzen. Die schwierigere Seite ist wohl meist bei den Untergebenen. Mögen daher alle, die in dienender Stellung sind, ihre Herzen in Acht nehmen, damit keine unguten Gefühle aufkommen. Neid ist eine schlimme Wurzel. Wenn auch andere mehr verdienen und besitzen als wir, sollten wir immer daran denken, dass Gott sowohl den Reichen als den Armen gemacht hat. Letzteren gilt Seine besondere Fürsorge. Es geht darum, dass wir treu erfunden werden in dem, was Gott uns anvertraut hat, es sei viel oder wenig.

Die Knechte des Boas arbeiteten mit frohen Herzen, ohne Neid und Missgunst. Der „vermögende Mann“ war ihr Herr. Sie wünschten ihm noch mehr Segen von Gott, obwohl er schon reich gesegnet war.

Wenn gläubige Herren und Knechte (in unseren Tagen sagt man Arbeitgeber und Arbeitnehmer) den Herrn mitgehen lassen in ihre täglichen Pflichten, wird sich dies segensreich auswirken. Leider ist das nicht immer der Fall. Deshalb auch die ernsten Ermahnungen an Herren und Knechte (Eph 6,5-9; Kol 3,22-25; 4,1). Außerdem haben wir zu wachen, dass wir uns durch die Bestrebungen und Parolen der Welt nicht anstecken lassen. Wir leben in der Endzeit. Diese ist gekennzeichnet durch Unzufriedenheit, Auflehnung und Machtkampf. Wenn wir uns nach den göttlichen Richtlinien Seines Wortes verhalten, dann sind wir auch an unserem Arbeitsplatz ein Zeugnis für unseren Herrn (Phil 2,15).

Den alles überblickenden Augen des Boas war Ruth, die Ährenleserin, nicht entgangen. Er wendet sich an den Knecht, der über die Schnitter gestellt war, und fragt: „Wem gehört dieses Mädchen?“ Der Knecht gibt ausführlich Auskunft über ihre Herkunft, Verwandtschaft, die Art ihrer Arbeit und über ihren auffallenden Fleiß. Vom frühen Morgen an hatte sie fast ununterbrochen gearbeitet. War das nicht ein schönes Zeugnis?

Ein solches konnte auch der Apostel Paulus den neubekehrten Gläubigen in Thessalonich ausstellen (1.Thess. 1,3). Es waren Werke des Glaubens und Bemühungen der Liebe sowie das Ausharren des Glaubens vorhanden. Könnte der Heilige Geist, von dem der Knecht, der über die Schnitter bestellt war, ein Bild ist, auch uns ein so wunderbares Zeugnis ausstellen? Wie steht es mit unserem Fleiß bezüglich der Arbeit auf dem Felde des wahren Boas? Vielleicht waren wir kurz nach unserer Bekehrung eifrig und versuchten, mit glücklichem Herzen unsere Zeit für IHN produktiv zu machen. Aber wie steht es jetzt, wo wir schon lange in Seiner Nachfolge stehen? Vielleicht gilt auch uns das ernste Wort des Herrn JESUS: „Aber ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast!“ (Off 2,4) Wohl kann noch manches Anerkennenswerte bei uns gefunden werden, wie es auch in einigen Sendschreiben der Fall ist. Aber die Liebe zum Herrn JESUS ist ausschlaggebend. Sie muss die Triebfeder unserer Arbeit und unseres Dienstes für Ihn sein.

Nun wendet sich Boas an Ruth mit den Worten: „Hörst du, meine Tochter?“ War sie nicht eine Fremde, eine Ausländerin? Boas betrachtet sie als zum Volke Gottes gehörend. Wie lieblich sind seine Worte, er nennt sie „meine Tochter“. Sicher wurden die Saiten im Herzen Ruths zum Klingen gebracht. Gefühle der Dankbarkeit wurden wach gegen diesen Mann, der ihr väterlicher Beschützer sein wollte. „Gehe nicht, um auf einem anderen Felde aufzulesen, und gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich zu meinen Mägden.“ Gerade auf seinem Felde wollte er sie haben, und da sollte sie bleiben. Er reiht sie ein in die Geborgenheit seiner Schnitterinnen.

„Hörst du, mein Sohn? Hörst du, meine Tochter?“ so ruft der Herr es auch dir und mir zu. Hören wir auf Seine Stimme? Befinden wir uns auf Seinem Felde? Dort wo ER der Herr ist, der allein Autorität hat, aber wo ER auch der allein Segnende ist? Gibt es nicht viele „Felder“ in der Christenheit? Auf welchem Felde bist du?

Gehe nicht auf ein anderes Feld

„Hörst du, meine Tochter?“ - mein Sohn? (Ruth 2,8) Wie lieblich klingen diese Worte, die aus dem Herzen des Boas kommen. Eine Fremde nennt er seine Tochter. Er legt ihr nahe, nicht auf ein anderes Feld zu gehen, um aufzulesen. Sie soll sich zu seinen Mägden halten. Aus seinen Worten spricht eine gewisse Besorgnis.

Auf dem Feld des Boas ist der Herr JESUS der Gegenstand derer, die Ihm angehören und dienen. Sein Wort ist für sie allein maßgebend, denn es bewahrt vor Irrtümern und bösen Lehren. Es ist ein Schutz, und alle die sich ihm unterstellen, sind sicher vor den Angriffen des Feindes. Die Gemeinschaft mit dem Herrn ist das Bewahrungsmittel. Deshalb: „Bleibe hier, gehe nicht auf ein anderes Feld...“

Ob jung oder alt, alle Gläubigen finden dort volles Genüge, überströmende Freude für ihre Herzen. Das lässt die Freuden und Genüsse dieser Welt vergessen. Die Freude an Ihm ist ihre Stärke. Wie wertvoll ist es gerade für junge Gotteskinder, glücklich im Herrn ihren Lebensweg zu gehen. Die Jugend ist der Frühling des Lebens, auch die Zeit der Aussaat. Je früher man sich dem wahren Boas übergeben hat, umso besser.

Hast du dich früh dem Herrn geweiht,
wird schön dein Leben sein;
denn die versäumte Jugendzeit,
holt man nie wieder ein.

Dort bleibt man vor den Verlockungen der Sünde bewahrt. Man sucht Gleichgesinnte als Freunde, die auch begehren, dem Herrn wohlgefällig zu sein. Wie Daniel und seine Freunde sich in ihren Herzen vornahmen, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Weine, den er trank, zu verunreinigen, so möchten auch sie ihren Herrn ehren. „Wodurch wird ein Jüngling seinen Pfad in Reinheit wandeln? Indem er sich bewahrt nach deinem Worte“ (Psalm 119,9).

Dort gibt es keine modernen, verwässernden Auffassungen über das heilige Wort Gottes und den Glauben. Toleranz, Nachgeben oder Aufgeben bezüglich göttlicher Wahrheiten kommen nicht in Frage. „Halte fest das Bild gesunder Worte..., bewahre das schöne, anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt“ (2. Timotheus 1,13-14). „Halte fest, was du hast, auf dass niemand deine Krone nehme“ (Offenbarung 3,11).

Hat die Christenheit nicht sehr viel von dem, was der Herr ihr ursprünglich anvertraut hatte, aufgegeben? Ja, wir alle sind mitschuldig und trauern über unser Versagen. Umso mehr sollten wir für uns persönlich begehren, festzuhalten und Überwinder zu werden (Offenbarung 2,8.11.17.26; 3,5.12.21).

Wie schnell man die Wahrheit aufgeben und Irrtümern anheimfallen kann, zeigt folgende Begebenheit: Ein älterer Bruder ließ sich von einem Irrlehrer beeinflussen. Entschiedene Brüder versuchten, ihn von dem Irrtum zu überführen, aber alles schien vergebens. Der Herr benutzte den Dienst eines auswärtigen Bruders, um ihm die Augen zu öffnen. Er sprach über unseren vorliegenden Abschnitt.

Immer wieder wiederholte er die Worte: „Hörst du, meine Tochter? gehe nicht auf ein anderes Feld.“ Nach der Zusammenkunft bekannte der irregeleitete Bruder unter Tränen, dass der Herr ihm durch dieses Wort gezeigt habe, dass er das „Feld des Boas“ verlassen hatte. Er bekannte dem Herrn seine Untreue und wurde wieder glücklich. Hüten wir uns vor „anderen Feldern“, vor „mancherlei und fremden Lehren“ (Heb 13,9). Denn wo die Person des Herrn JESUS nicht der Mittelpunkt ist, sondern Menschen, da wird auch Irrtum gelehrt und praktiziert, und dort kann niemals das Feld des wahren Boas sein.

„Gehe nicht von hinnen, halte dich zu meinen Mägden.“ Nach der Schöpfungsordnung ist der Frau ein Platz der Unterwürfigkeit gegeben. Sie ist im Worte Gottes ein Symbol der Schwachheit. In der heutigen Zeit, in der alle göttlichen Grundsätze umgestoßen werden, soll dies nicht mehr gelten. Man spricht von Emanzipation, Gleichberechtigung. Diese und andere Dinge, die der Mensch entgegen den Gedanken Gottes eingeführt hat, kennzeichnen den fortschreitenden Verfall und den Abfall von Gott, Selbstverständlich ist die Frau nach der Heiligen Schrift keine Sklavin, wie es oft fälschlich behauptet wird, sondern Gott schuf sie dem Adam als seine „Gehilfin“. Wo diese göttlichen Einsetzungen beachtet werden, ist die Ehe schon ein „Stück Himmel“ auf dieser unheilen Welt. Es ist zum Segen für die ganze Familie, wenn gläubige Männer sich nach dem Wort Gottes verhalten, aber auch die gläubigen Frauen. Selbst die Kinder finden ihre Verhaltensregeln darin (Epheser 5,22-6,4).

So ist auch das Feld des Boas äußerlich durch Schwachheit und Unscheinbarkeit gekennzeichnet (Mägde!). Der Herr sagt den Gläubigen in Philadelphia: „...denn du hast eine kleine Kraft!“ (Offenbarung 3,8) Aber wenn diese „Schwachen“ den aufrichtigen Wunsch haben, Sein Wort zu bewahren und Seinen Namen nicht zu verleugnen, stellt Er ihnen wunderbare Belohnungen in Aussicht. Der große Apostel Paulus war in seinen eigenen Augen ein schwaches Gefäß. Aber zu ihm sagte der Herr: „Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht. Daher will ich mich am allerliebsten meiner Schwachheiten rühmen, auf dass die Kraft des Christus über mir wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten für Christum; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Korinther 12,9-10).

Du weißt es ja, wie schwach ich bin,
und Du verstehst mein Flehen.
Du stärkest mich, Dein treuer Sinn
lässt nie mich hilflos stehen.
Ja, immer wieder sehe ich,
wie sehr, o Gott, Du liebest mich,
mein Schutz, mein Trost, mein Leben.

Die Fürsorge des Boas I

„Deine Augen seien auf das Feld gerichtet, welches man schneidet...“ Bildlich gesprochen sind unsere Augen für das Bleiben auf dem „Felde des Boas“ von großem Nutzen. Sie sollten auf das Feld gerichtet sein. Wie im Natürlichen, so sind unsere Augen auch in geistlicher Hinsicht besonders geeignet, sowohl Gutes als Böses aufzunehmen, wodurch in jedem Fall unsere Seelen beeindruckt werden. Hiob sagt: „Ich habe mit meinen Augen einen Bund gemacht, und wie hätte ich auf eine Jungfrau geblickt!“ (Hiob 31,1) Er kannte die Gefahr der „Lust der Augen“. Wie schnell können wir durch Blicke und Bilder verunreinigt werden. Denken wir daran, dass viele Sendungen im Fernsehen den Charakter und die Seele verderben. Viel christliche Literatur enthält falsche Lehren. Die Bücher werden gelesen und manches bleibt hängen, besonders bei unbefestigten Seelen. Vielfach ist Wahrheit mit Irrtum vermischt.

Lasst uns unsere Augen auch nicht auf andere Felder richten, damit es uns nicht ergeht wie jenem Bruder, der durch falsche Lehre irregeleitet wurde. Wie segensreich ist es, wenn unsere Augen auf die Wahrheit der Lehre des Wortes Gottes gerichtet sind. Darin finden wir Antwort und Belehrung über jede Frage, die auf unserem Glaubensweg auftauchen kann. Beschäftigen wir uns mehr mit Seinem Wort, und versäumen wir keine Gelegenheit, zugegen zu sein, wo „man schneidet“, um ein gutes Teil mitzunehmen. Dann werden unsere Seelen keinen Mangel leiden und wir werden „fortfahren zum vollen Wuchse“, „zu dem erwachsenen Manne“ (Hebräer 6,1; Epheser 4,13). Nur so bekommen wir „Fundament“ unter die Füße und werden nicht wie schwankende Rohre von jedem Wind der Lehre hin und her bewegt.

Es geht nicht darum, was dieser oder jener große Lehrer gesagt oder geschrieben hat, es geht darum: Was sagt Gottes Wort? So wertvoll geistliches Schrifttum in Gestalt von Auslegungen des Wortes Gottes sein kann, es ersetzt nie das persönliche Lesen und Erforschen der Bibel selbst (Apg 17,11b).

„...und gehe hinter ihnen her“ (Vers 9). Es sind die Schnitter, die fleißig arbeiten, hinter denen man hergehen muss. Die Mägde lasen eifrig die Ähren auf, um sie zu Garben zu binden. Nach der Ernte wurde die Frucht eingebracht, und das wertvolle Korn seiner Bestimmung zugeführt. Jedoch nährte man sich auch schon in den Pausen „zur Zeit des Essens“ (Vers 14) von gerösteten Körnern. Ob es sich um Weizen- oder Gerstenkorn handelt, beide stellen uns den Herrn JESUS vor. In Johannes 12,24 sagt Er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Auch Gerste ist ein Bild von dem Herrn Jesus. Gideon hörte im Lager Midians einen Soldaten seinen Traum erzählen. Ein Laib Gerstenbrot war in das Lager gerollt und hatte das Zeit des Heerobersten umgeworfen, das Unterste zuoberst (Richter 7,13). Geschah das nicht wirklich am Kreuz auf Golgatha, wo der Herr den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel? (Heb 2,14) Der Mann von Baal-Schalischa brachte den hungernden Prophetensöhnen Gartenkorn und zwanzig Gerstenbrote in seinem Sack: Alle wurden satt und ließen übrig. Sie befanden sich da, wo auch der „Mann Gottes“ war. Wo Er ist, ist immer genug, selbst zur Zeit des Hungers (2. Könige 4,42-44; Matthäus 18,20).

Aber es ist nötig, hinter den Schnittern herzugehen und aufzulesen. Denn wer auf dem Felde des Boas Mangel leidet, ist es selbst schuld. Leider gibt es solche, die im geistlichen Wachstum zurückgeblieben sind. Sie waren mit anderen Dingen beschäftigt und hatten keine Zeit und kein Interesse, aufzulesen und sich zu nähren von dem Worte Gottes. Beschäftigen wir uns viel mit dem leidenden, gestorbenen und siegreich auferstandenen Christus. Dann werden wir wachsen „zum vollen Wuchse“ und zunehmen „in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn“.

„Habe ich nicht den Knaben geboten, dich nicht anzutasten?“ Auf dem Felde des Boas weiß man, was sich geziemt. Das Wort Gottes gibt allen Verhaltensregeln. Die Knechte, hier Knaben genannt, wissen sich auch der Schwachen anzunehmen und sie zu beschützen. Sie werden sie nicht „antasten“, d. h. ihnen durch ihr Verhalten oder Reden Schaden zufügen. Leider waren unter den Korinthern etliche, die das schwache Gewissen ihrer Mitgeschwister verletzten (1. Kor 8,12). Ebenso können wir bei Neubekehrten nicht viel Erkenntnis voraussetzen. Es ist viel Liebe und Geduld nötig, um ihnen in der rechten Weise zu begegnen und den zarten Keim des neuen Lebens zu fördern.

Der Feind macht sich gerade an die Schwachen heran, um ihnen Angst zu machen und Schaden zuzufügen. Auch die Knaben - wir dürfen wohl starke, gereifte Männer darunter verstehen (1. Johannes 2,14) - waren einmal „Kindlein“ in Christo. Darum haben sie Verständnis für solche, die noch mit allerlei Anfechtungen zu kämpfen haben. Vielleicht befinden sich manche noch in Römer 7 und werden durch den Dienst der „Knaben“ weitergeführt zum vollen Genuss des Heils in IHM, dem wahren Boas.

Nachdem die Christenheit allgemein das Feld des Boas verlassen hat und in Irr- und Aberglauben verfallen ist, hat ein schreckliches „Anfallen“ der Schwachen stattgefunden. Die Geschichte beweist das zur Genüge bis zum jetzigen Augenblick. In unseren Tagen sind es besonders falsche Lehren, die Unbefestigte in ihre Netze ziehen wollen. „Denn aus diesen sind, die sich in die Häuser schleichen und Weiblein (die Schwachen) gefangen nehmen, welche, mit Sünden beladen, von mancherlei Lüsten getrieben werden, die immerdar lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können. Gleicherweise aber wie Jannes und Jambres Mose widerstanden, widerstehen auch diese der Wahrheit, Menschen, verderbt in der Gesinnung, unbewährt hinsichtlich des Glaubens“ (2. Timotheus 3,6-8).

„Wir ermahnen euch aber, Brüder: Weiset die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmet euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle“ (1. Thessalonicher 5,14).

Die Fürsorge des Boas II

„Und wenn dich dürstet, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was die Knaben schöpfen.“ Auf dem Feld des Boas kennt jeder seine bestimmte Aufgabe. Da ist der Knecht, der über die Schnitter bestellt ist (2,5.6), da sind die Schnitter (2,4), die Mägde (2,8) und die Knaben. Die Hauptperson aber ist Boas selbst. Obwohl Ruth den niedrigen Platz einer Ährenleserin einnimmt, ist sie dennoch ein Gegenstand der besonderen Fürsorge Boas. Möchten wir mehr bereit sein, Ährenleser - Zeichen der Bedürftigkeit - auf dem Feld des Boas zu sein. Der Herr Jesus, unser Boas, hat ein liebendes Augenmerk auf solche, die im Bewusstsein ihrer Bedürftigkeit auf Sein Feld kommen, um „Ähren zu lesen“. Leider hat die Christenheit allgemein dieses Vorrecht wenig geschätzt. Bis heute ist man viel eher geneigt, nach 2. Timotheus 4,3 zu handeln, indem man das gerne hört, was „in den Ohren kitzelt“ und „sich selbst Lehrer aufhäuft“. Viele Christen können die „gesunde Lehre“ (2. Tim 4,3) nicht ertragen. Infolgedessen kehren sie ihre Ohren von der Wahrheit ab und wenden sich zu den „Fabeln“ hin. Kann da noch von geistlicher Erfrischung und Befriedigung für die Herzen die Rede sein? Unmöglich!

„Schnitter“ stellen Diener des Wortes dar, die befähigt sind, mit der Wahrheit der Heiligen Schrift zu dienen. Sie stehen unter der Aufsicht des Knechtes, der über die Schnitter bestellt ist - ein Bild des Heiligen Geistes. Sie möchten sich von IHM leiten lassen. Mägde sind ein Bild von Gläubigen, die in ihrem Wandel in Unterwürfigkeit unter die Autorität des Wortes Gottes göttlichen Grundsätzen zu entsprechen begehren. Statt „Mägde“ kann auch „Jungfrauen“ übersetzt werden. Sie sind durch Reinheit gekennzeichnet. Halte dich zu ihnen. Auf dem Felde des Boas ist also Speise, Sicherheit und Befriedigung. „Wenn dich dürstet, so gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was die Knaben schöpfen.“ Die Schnitter, die hier Knaben genannt werden, sorgen für geistliche Erfrischung, indem sie die göttliche Wahrheit, durch die Kraft des Heiligen Geistes lebendig gemacht, den Seelen nahe bringen. Es ist das kostbare Wort Gottes, das sie „schöpfen“, um es anderen weiterzugeben. Natürlich sollte jeder Erlöste täglich persönlich das Wort lesen und es auf Herz und Gewissen anwenden. Ohne das gibt es kein gesundes Wachstum im Glauben und in der Erkenntnis Jesu Christi. Aber bei den „Gefäßen“ ist wohl an das Schrifttum zu denken, das der wahre Boas, der Herr Jesus, uns durch gottesfürchtige Brüder gegeben hat. Sie sind ein Hilfsmittel, um den Durst der Ährenleser zu stillen.

Möchten wir reichlich von dem Gebrauch machen, was die Knaben geschöpft haben. „Schnitter“ oder „Knaben“ brauchen keine studierten Leute zu sein, oft sind es einfache Brüder. Sie sind keine Kindlein im Glauben, sondern in geistlicher Hinsicht gereifte und erfahrene Männer.

Mit einem solchen „Knaben“, der von Beruf Landwirt war, unterhielt sich einmal ein hochgebildeter Theologe über das Wort Gottes. Wie erstaunt war dieser, als er jenes einfachen Bruders Weisheit und Einsicht in die Gedanken Gottes erkannte, der er selbst sich nicht gewachsen fühlte. Auf seine Frage: „An welcher Universität haben sie Theologie studiert?“ erhielt er die Antwort: „Ich habe an der Universität meines Gottes studiert, diese war für mich der Kuhstall und auf dem Feld hinter dem Pflug.“ Das war einer von den „Knaben“. Vor den Menschen dieser Welt unscheinbar, aber ein „Großer im Reiche Gottes“.

Solche „Knaben“ lernen im verborgenen Umgang mit ihrem Herrn aus Dessen nie versiegenden Brunnen zu schöpfen. Dazu muss man hinabsteigen, denn an der Oberfläche liegen die Reichtümer der Schätze göttlicher Wahrheit nicht. Man muss sich tief hinabbücken und zuerst für sich selbst das Wort Gottes erforschen. „Knaben“ müssen in Demut vor dem Herrn sein und Sein Wort zunächst auf sich selbst anwenden. Dadurch kann der Herr sie befähigen, einen gesegneten Dienst für andere zu tun. So ist auf dem Feld des Boas immer etwas zur Erfrischung vorhanden, was „die Knaben geschöpft“ haben. Er sorgt stets dafür, dass „Knaben“ da sind, die schöpfen, wodurch sie selbst und andere erquickt werden (Eph 4,11-15).

Der Herr gibt über Bitten und Verstehen. Wir sollten aber auch im Glauben bitten, dass ER Seiner Versammlung (Gemeinde) noch mehr Gaben gibt, damit sie erbaut wird, wie wir es in 1. Korinther 14 lesen. Sollte es nicht auch treuen Schwestern ein Herzensanliegen sein, ernstlich dafür zu beten? Neben ihrer Beschäftigung mit häuslichen Arbeiten denken gottesfürchtige Frauen auch an die Dinge und Bedürfnisse der Versammlung.

Als Ruth die gütigen Worte des Boas hörte, warf sie sich ihm zu Füßen. „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin?“ Hast du, lieber gläubiger Leser, diese Frage nicht auch schon gestellt, angesichts der „alle Erkenntnis übersteigenden Liebe des Christus“ und deiner eigenen Unwürdigkeit? Ja, wir beugen uns in Dankbarkeit vor IHM nieder und rühmen Seine nie endende Liebe und Gnade.

Je mehr wir Seine herrliche Person betrachten, umso mehr erhalten wir Antwort auf obige Frage. Denn Er hat sich selbst für dich und mich hingegeben. „Größere Liebe hat niemand, als diese, dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (Johannes 15,13). Waren wir Seine Freunde? Nein, wir waren Seine Feinde (Römer 5,10); für solche litt und starb ER am Kreuz auf Golgatha, um uns für ewig glücklich zu machen.

„Und Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir alles wohl berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tode deines Mannes, indem du deinen Vater und deine Mutter verlassen hast und zu einem Volke gezogen bist, das du früher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von dem Herrn, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist!“ Boas stellt ihr ein wunderbares Zeugnis aus! Es übertrifft bei weitem das des „Knechtes, der über die Schnitter bestellt war“ (Vers 5-6). Er vergisst nicht eines von dem, was sie getan hat, seit dem Tode ihres Mannes, besonders an ihrer Schwiegermutter. Ebenfalls, dass sie ihr Land verlassen hat, um diesem armen, gezüchtigten Volke anzugehören. Er stellt die Frucht ihres Glaubens und die Bemühungen der Liebe heraus. Nicht sie rühmt sich dessen, was sie getan hat, nein, er selbst redet davon. So wird der Herr alles, was aus Liebe zu IHM getan wurde, anerkennen und belohnen.

Auch wir durften Zuflucht nehmen unter den Schatten Seiner Flügel (Psalm 36,7). Dort sind wir geborgen, von Seiner Gnade umgeben und getröstet.

Gnade und Trost von Boas (Ruth 2,13)

Und Ruth sprach: „Möge ich Gnade finden in deinen Augen, mein Herr! denn du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet, und doch bin ich nicht wie eine deiner Mägde.“

Es ist etwas Wunderbares, Gnade zu erfahren. „Möge ich Gnade finden...“, so sagt Ruth. Hatte sie nicht schon Gnade gefunden? War Boas ihr nicht in Gnade begegnet? Alles, was sie auf dem Felde des Boas erfuhr, war Gnade. Aber ihr sollte noch größere Gnade widerfahren.

So ist es mit jedem Menschen, der den wahren Boas kennen lernt. Zuerst erfährt er die „rettende Gnade“. Auf dem Wege der Nachfolge lernt er die „bewahrende Gnade“ kennen. Bei besonderen Geschehnissen kommt die „zuvorkommende (präventive) Gnade“ zu Hilfe. Am Beispiel des Petrus bei der Verleugnung des Herrn Jesus lässt sich diese Art der Gnade in sehr schöner Weise betrachten. Bevor dieser Jünger in den tiefen Fall verstrickt wurde, hatte der Herr ihm alles vorhergesagt, doch auch jene kostbaren Worte gesprochen: Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre“ (Lk 22,32). Und später war es die „zurechtbringende Gnade“, die den Jünger wiederherstellte.

Ruth hatte nicht nur Gnade gefunden, sondern Boas hatte auch zu ihrem Herzen geredet. So wendet sich der Herr Jesus nicht nur an unseren Verstand, weit mehr möchte Er das Herz erreichen. Es ist der Inbegriff der Liebe und der Gefühle. Gerade die Liebe zu Ihm sucht Er anzufachen. Leider ist sie oftmals so schwach. Im Sendschreiben an Ephesus sagt der Herr: „Aber ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Off 2,4). Trifft diese Feststellung auch auf uns zu? Ruth empfand die wohltuende Sprache des Boas als Trost, besonders deshalb, weil sie eine „Fremde“ war. Auch der Herr Jesus ermuntert in Seiner Liebe gerade verzagte, mutlose und traurige Herzen. Zu aller Zeit und in jeder Lage weiß Er zu trösten und aufzurichten.

„...denn du hast mich getröstet und hast zu dem Herzen deiner Magd geredet.“ Haben wir nicht auch oft Seinen göttlichen Trost erfahren? Ein gläubiges Elternpaar verlor im Krieg kurz nacheinander vier Söhne und einen Schwiegersohn. Der Vater sagte zu einem Freund: „Wir wären fast verzweifelt, besonders meine liebe Frau. Aber wir haben den göttlichen Trost unseres Herrn erfahren, und Seine Kraft hat uns aufgerichtet.“ Auch von Seiten der Menschen ist wirklicher Trost wohltuend, schade nur, dass manche Menschen sich - den Freunden Hiobs gleich - als „leidige Tröster“ erweisen. Wenn sie nicht selbst in leidvollen Prüfungen von Gott getröstet worden sind, werden sie wahren Trost kaum spenden können (vgl. auch 2. Kor 1,4). Boas Worte waren Balsam für das Herz der Ruth. Gerade als Fremde, die ihre moabitische Herkunft nicht vergessen hatte, konnte sie die gesegnete Stellung der Mägde auf dem Felde des Boas von der ihrer Geschlechtsgenossinnen im früheren Heimatland sehr wohl unterscheiden. Es galt „abzulegen“ und „anzuziehen“, um die sittlichen Vorzüge zu gewinnen, die einem Dienst auf dem Felde des Boas angemessen waren.

Die Starverkäuferin einer Kosmetikfirma kam zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus. Als sie zum erstenmal die Versammlung besuchte, entdeckte sie den großen Unterschied zwischen den anwesenden Schwestern und sich. An ihr war vieles zu sehen, was an „Moab“ erinnerte. Aber der Herr redete zu ihrem Herzen und gab ihr die Kraft „abzulegen“, was Ihm nicht gefiel. Sie war nun auch bereit, jenen „Mägden“ zu gleichen, „die in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit sich schmücken, nicht mit Haarflechten und kostbarer Kleidung, sondern was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke“ (1. Tim 2,9-10). Die herablassende Gnade und Liebe des Boas bewirkt, dass Ruth sich zu ihm hingezogen fühlt. Sie anerkennt seine Autorität und unterstellt sich ihr.

Es ist ein großes Vorrecht, mit dem wahren Boas, dem Herrn Jesus, verbunden zu sein. Es gilt, Ihn nicht allein als Heiland und Erretter zu erkennen, sondern Ihm auch als dem Herrn unterwürfig zu sein. Er ist ganz persönlich der Herr und Gebieter eines jeden Erlösten. Er ist auch das Haupt des Leibes, der Versammlung, als der Gesamtheit aller Erlösten (Kol 1,18). Einzeln und gemeinsam sind wir Ihm daher Gehorsam schuldig. Unterwürfigkeit unter Sein heiliges Wort und unter die Leitung des Heiligen Geistes führt zum „Feld des Boas“. Dort erfahren Seine Geliebten die besondere Gemeinschaft und Fürsorge ihres Herrn. Inwieweit jeder einzelne dieses Vorrecht kennt und schätzt, ist seine eigene Verantwortlichkeit. Den Juden der damaligen Zeit sagte der Herr Jesus gleichsam: „Der Mittelpunkt des Zusammenkommens ist von jetzt ab nicht mehr der Tempel, sondern da, wo zwei oder drei zu meinem Namen hin versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte.“ Dort nimmt Er den Platz ein, wie es Boas für sein Feld tat. Deshalb ist es eine besondere Gnade, auf das „Feld des Boas“ geführt zu sein.

Gott ist ein „Heiland-Gott, welcher will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4). Dazu gehört auch die Erkenntnis jenes Teils der Wahrheit, dass Christus und Seine Versammlung (Gemeinde) eins sind. Alle Erlösten bilden den einen (geistlichen) Leib des Christus (1. Kor 12,13). Wie die Glieder unseres Körpers innig miteinander verbunden sind, so auch alle Gotteskinder als Glieder des Leibes Christi. Ist das nicht eine wunderbare Wahrheit? Ebenso ist jeder Erlöste auch ein lebendiger Stein an dem Hause Gottes, an dem „geistlichen Hause“ (1. Pet 2,4-5). Gott fügt zu diesem Bau immer noch lebendige Steine hinzu. So wächst er nach Epheser 2,21 zu einem heiligen Tempel im Herrn. Es fehlen nur noch wenige Steine, das heißt: Nur noch wenige Menschen müssen sich bekehren, und dann wird das Haus vollendet sein. In dem Augenblick wird der Herr Jesus wiederkommen, um alle Erlösten (Seine Versammlung, Gemeinde, Kirche, Ecclesia, das unsichtbare Haus) von diesem Schauplatz der Sünde und des Todes hinweg zu entrücken, Sich selbst entgegen in die Herrlichkeit des himmlischen Vaterhauses (1. Thes 4,16-18).

Für alle unbekehrten Menschen, die hier auf der Erde zurückbleiben, auch die unbekehrten Kinder gläubiger Eltern, wird es dann keine Möglichkeit zur Bekehrung mehr geben, ewig verloren, ewige Verdammnis, ewige Nacht und Grauen bei dem Teufel und seinen Engeln, das wird ihr schreckliches Los für immer sein. Willst du nicht heute einmal ernstlich über das Heil deiner unsterblichen Seele nachdenken? Du weißt nicht, ob du morgen noch Zeit und Gelegenheit hast. Lass dich warnen und komme heute in Buße und Glauben zu dem Herrn Jesus, damit du Ihm dereinst nicht als deinem Richter begegnen musst, denn dann wärest du besser nie geboren.

Lieber arm, als ohne Jesus reich an Pracht und Herrlichkeit;
Lieber krank, als fern vom Heiland für die ganze Lebenszeit;
Ja, viel lieber nie geboren,
als von diesem Herrn getrennt.
Eine Welt, um Ihn verloren,
ist Gewinn, wenn man Ihn kennt.

Göttliche Grundsätze

Es ist die zukünftige Bestimmung der Versammlung (Gemeinde) Gottes, den Herrn Jesus in der Herrlichkeit des himmlischen Vaterhauses zu umgeben. Er hat ihr eine Stätte bereitet (Joh 14,2). Dieses Teil unaussprechlicher Glückseligkeit besitzen Gotteskinder schon jetzt im Glauben, und sehr bald wird ihre lebendige Hoffnung durch Schauen sichtbare Realität. Bis zu diesem Augenblick stellen die lebendigen Gläubigen auf der Erde eine organische Einheit dar. Sie sind keine Organisation im üblichen Sinne.

„Da ist ein Leib“ (Eph 4,4), alle Erlösten sind „in einem Geiste ... zu einem Leibe getauft worden“ (1. Kor 12,13). Das ist die göttliche, unzerstörbare Seite dieser Wahrheit. Doch eine andere Seite ist die unserer Verantwortlichkeit. Ach, wenn es doch heute noch wie im Anfang der Apostelgeschichte wäre, als die Versammlung durch das Herabkommen des Heiligen Geistes gebildet und diese Einheit auch sichtbar dargestellt wurde: „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg 2,42). Leider ist es durch unsere Untreue nicht so geblieben. Wir müssen uns dieserhalb vor dem Herrn tief beugen und schämen.

Ganz zertrennt die Heil'gen stehen,
Herr Jesu, komm!
Einheit ist nicht mehr zu sehen,
Herr Jesu, komm!

Wie sind die Worte des Apostels Paulus an die Ältesten von Ephesus in so trauriger Weise in Erfüllung gegangen: „Denn ich weiß dieses, dass nach meinem Abschiede verderbliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die der Herde nicht schonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,29-30). Auf diese Weise sind an die Stelle der Lehre der Apostel (Apg 2,42) oder der Lehre des Christus (2. Joh 9) Lehren von Menschen gebracht worden. Heute, nach fast zweitausendjähriger Geschichte der Christenheit, besteht eine Unzahl an „Lehren von Menschen“ und Irrlehren, „Lehren von Dämonen und betrügerischen Geistern“ (1. Tim 4,1-3). Viele Männer sind aufgestanden und haben Spaltungen hervorgerufen, Gruppen, Grüppchen und religiöse Systeme gebildet. Die äußere Einheit der Versammlung Gottes, in ihrer praktischen Darstellung, ist verlorengegangen. Aus menschlicher Sicht ist sie hoffnungslos zertrennt. Wir bekennen es mit tiefer Beugung und Demütigung, dass durch unsere Schuld das Licht der göttlichen Wahrheit verdunkelt und unser Zeugnis vor der Welt in seiner Glaubwürdigkeit beeinträchtigt ist.

Und doch, der Herr sei dafür gepriesen, Er hat bis heute eine geöffnete Tür (Off 3,8) gegeben, um Seine Gedanken über die Versammlung des lebendigen Gottes praktisch darzustellen und die göttlichen Grundsätze, die das Haus Gottes von jeher kennzeichneten, wenn auch in Schwachheit, zu verwirklichen und sich nur zu dem Namen Jesu hin zu versammeln (Mt 18,20), wie es auch die ersten Christen taten. Das hat jedoch eine wichtige Voraussetzung, nämlich: Absonderung von der Ungerechtigkeit im Sinne von 2. Timotheus 2,19. Ungerechtigkeit ist der Sammelbegriff für alles sittlich-moralisch Böse, aber auch für falsche Lehren und Auffassungen über göttliche Wahrheiten sowie die menschlichen Einrichtungen auf gottesdienstlichem Boden. Ohne Trennung davon kann das, was die Gedanken der Schrift über die Versammlung Gottes sind, nicht dargestellt und verwirklicht werden. Absonderung ist ein unbeliebtes Wort. Es bezieht sich nicht nur auf sittlich-moralisch Böses, sondern an dieser Stelle hauptsächlich auf das religiös Böse. Leider können viele Christen nicht verstehen, dass es so etwas gibt. Alle Einrichtungen des Menschen auf religiösem Boden, die nicht in der Schrift begründet sind, sowie alle Lehren, die nicht nach der Wahrheit sind, stellen das religiös Böse dar, weil Gott das nicht anerkennen kann. Abstehen von dieser Ungerechtigkeit, Gehorsam gegen Gottes Wort und Abhängigkeit von Christus sind die Voraussetzungen, um ausschließlich zu Seinem gepriesenen Namen hin versammelt zu sein. Das bringt die Herzen zu jener geöffneten Tür, um bewusst auf dem Felde des Boas zu sein.

In der heutigen Zeit gibt es mancherlei Dinge, die geeignet sind, selbst wahren Gotteskindern bestimmte göttliche Begriffe als überholt erscheinen zu lassen. Was den großen Systemen der Namenchristenheit die Ökumene bedeutet, ist für manche wahre Gläubige das vermeintlich gute Bestreben, alle Gotteskinder zu vereinigen. In Verbindung mit der geöffneten Tür halten wir jedoch die Wahrheit fest, dass alle Erlösten in Christus eins sind. Diese Wahrheit ist im Glauben unseren Herzen eine geistliche Wirklichkeit. Alle Vereinigungsbestrebungen aber gehen von der Tatsache aus, dass die Heiligen zertrennt sind. Dass es leider äußerlich so ist, bekennen wir mit tiefem Schmerz. Das Heilmittel dafür besteht jedoch nicht in der Vereinigung unter Anerkennung vieler Besonderheiten, sondern in der Rückkehr zur Wahrheit. Dem inneren Wesen nach sind die Heiligen eins, wie sie es inniger nicht sein könnten. Alle anderen Bemühungen sind eine Leugnung der Vollgültigkeit des Werkes Christi und der dadurch geschaffenen Einheit.

Schon in der Apostelgeschichte (Kap. 6) begegnen wir einer anderen Erscheinung, dem Hellenismus, der dem heutigen Modernismus gleicht. Darin haben wir es weniger mit einer bestimmten Lehre über göttliche Wahrheit zu tun, sondern ganz allgemein mit modernen Auffassungen über den Pfad des Glaubens überhaupt. Man ist aufgeschlossen, gebildet und fortschrittlich, ohne irgendeine Schriftwahrheit direkt aufzugeben. Unter den Hellenisten im Apostelzeitalter gab es solche Leute, die zwar Christen waren, die aber diesen Geist in die junge Versammlung brachten (Apg 6 und Kol 2). Hellenismus ist eine Mischung von Orientalismus und Griechentum in Kultur und Sprache, die natürlicherweise „modernistisches Denken“ althergebrachten Begriffen gegenüber hervorrief. Die Auffassungen über die Stellung der Frauen in Familie und Gemeinde, Haartracht von Mann und Frau, Kleidung und Tragen von Mannszeug bei den Frauen sowie die Beziehungen der Jugend zu der älteren Generation haben leider eine Wendung genommen, die zwar modern, aber schon von der Schöpfungsordnung her von den göttlichen Anordnungen abweicht. Damit nicht genug, die Grundlagen der persönlichen Heilserfahrung wie Bekehrung, Taufe und Teilnahme am Abendmahl (Tisch des Herrn) werden im Zug dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer bloßen Form ohne Wahrheit im Innern. Darin haben wir den endzeitlichen Übergang zu Laodicäa, das der Herr Jesus aus Seinem Munde ausspeien wird.

Die Zeit des Essens (Ruth 2,14)

Wie gut, dass es auch in den Tagen des Verfalls und der Zersplitterung der Christenheit noch ein „Feld des Boas“ gibt. Da bemühen sich solche, die Ihn, den Herrn Jesus als den wahren Boas, lieben, in Abhängigkeit und Gehorsam nach Seinem Worte zu leben und zu wirken. Schwachheit und Unvollkommenheit sind zwar vorhanden, aber der Wunsch ist im Herzen, Ihn zu ehren und Seinem Worte zu folgen. Hierzu bekennt sich der Herr und kann ungehindert durch den Heiligen Geist die Leitung übernehmen. Er kennt alle Bedürfnisse und weiß allein, sie zu befriedigen. Der Herr anerkennt jeden Zug wahrer Herzenstreue. Obwohl Er selbst durch den Geist alles in uns bewirkt, so liebt Er es, uns dies als unsere Treue anzurechnen.

Boas hatte genaue Kenntnis von der Vergangenheit Ruths und ihrem Verhalten Noomi gegenüber, Er spricht ihr Lob und Anerkennung aus. So wird der Herr auch das, was die Seinen aus Liebe zu Ihm getan haben, einmal belohnen. Erforschen wir uns immer wieder im Lichte Gottes, ob der Herr JESUS die erste Person in unserem Leben ist. „Es ist mir wohl berichtet worden.“ „Des Herrn Augen durchlaufen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist“ (2. Chr 16,9). Möge der Herr auch einmal zu dir und mir sagen können: „Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen...“ (Mt 25,21).

„Und Boas sprach zu ihr zur Zeit des Essens...“

Auf dem Felde des Boas wird weder im Akkord noch pausenlos gearbeitet. Da gibt es auch eine „Zeit des Essens“, um sich zu erquicken und auszuruhen. Nicht nur Brüder, die vollzeitig dem Herrn dienen, brauchen dies, sondern jedes Kind Gottes. Wie leicht können Diener des Herrn „religiöse Handwerker“ werden, Es ist gefährlich, wenn die Arbeit für den Herrn zur „Routine“ wird. Zwar können große Aktivität und Betriebsamkeit viele täuschen, aber die Kraft des Heiligen Geistes ist nicht vorhanden. Die Gemeinschaft und die Abhängigkeit vom Herrn sind getrübt oder ganz verloren gegangen. Deshalb sind Augenblicke der Stille sehr wichtig. Die Zeit am Morgen, in der Frühe, ist besonders geeignet, Sein Wort aufzunehmen. Man ist noch unbelastet von den Ereignissen des Tages. Sein Wort fällt wie Himmelstau in die Seele. Nicht jeder kann es so einrichten, am Morgen seine „stille Zeit“ zu nehmen, möge es dann aber noch Augenblicke im Laufe des Tages oder am Abend geben, wo Er zu uns reden kann. Sicher werden wir dann auch die Knie beugen zu ernstlichem Gebet!

Der Herr führte Seine Jünger auch einmal aus der Hektik hinaus und sagte: „Kommet ihr selbst her an einen öden Ort besonders und ruhet ein wenig aus. Denn derer, die da kamen und gingen, waren viele, und sie fanden nicht einmal Zeit, um zu essen. Und sie gingen hin in einem Schiffe an einen öden Ort besonders“ (Mk 6,31-32). Vielleicht benutzt Er auch eine Krankheit oder andere dem Fleische unangenehme Dinge, um uns in die Stille zu führen. Vielen sind gerade solche Wege des Herrn zum reichen Segen geworden.

Auch werden wir ermahnt, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen (Heb 10,25). Wir können die Stunden nicht genug schätzen, wo wir zu den Füßen des Herrn sitzen dürfen, um durch Sein heiliges Wort Seelenspeise zu empfangen. Das ist die „Zeit des Essens“. „Tritt hierher, und iss von dem Brote und tunke deinen Bissen in den Essig.“ Wunderbare Szene! Boas ist die Hauptperson. Ruth darf auf sein Wort hin in seiner Nähe und zur Seite der Schnitter ihren Platz einnehmen. Er ist der Austeilende. Alle werden gesättigt, niemand leidet Mangel.

Ist dies nicht ein schönes Vorbild unseres Zusammenkommens zur Wortverkündigung? „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Der Herr selbst teilt aus, indem Er jedem das gibt, was gerade nötig ist. Alle „essen“ mit Freude das Wort Gottes und werden gestärkt, ermuntert, belebt und - wenn nötig - auch ermahnt.

Selbst in den Gebetsstunden werden wir reich gesegnet, obwohl wir kommen, um unsere Anliegen IHM kundzutun. Es kann eben nicht anders sein, als dass, wenn wir uns bei IHM niederlassen zur Zeit des Essens, ER uns immer reichlich darreicht. Wir werden dann die wunderbare Verheißung, die mit dem Gebet verbunden ist, erfahren: „... und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christo Jesu“ (Phil 4,7).

Doch das höchste aller Vorrechte ist die gemeinsame Anbetung der Kinder Gottes als Versammlung, die sie Gott, dem Vater, darbringen am Tische des Herrn (Joh 4,23-24). Dort verkündigen sie den Tod des Herrn (1. Kor 11,23-26). Ebenfalls bringen sie die Wahrheit von der Einheit aller Erlösten zum Ausdruck (1. Kor 10,16-17). Das ist der Platz, wo wir gemäß dem Vorbild in 5. Mose 26 Gott etwas darbringen dürfen, nämlich das, was ER selbst durch den Heiligen Geist an Wertschätzung des Opfers Christi mittelst der Beschäftigung mit IHM in unseren Herzen gewirkt hat, um als ein duftender Wohlgeruch zu Gott emporzusteigen. Wir dürfen also jetzt und hier schon mit dem beginnen, was in der Ewigkeit in verherrlichter und vollkommener Weise fortgesetzt wird: nämlich Gott, den Vater, und den Sohn anzubeten. Herrliche Wahrheit! Wunderbares Vorrecht! - Obwohl wir kommen, um Anbetung zu bringen, werden wir doch durch das Betrachten Seiner Leiden und Seines Erlösungswerkes sowie Seines vollkommenen Gehorsams Seinem Gott und Vater gegenüber zugleich gesegnet! Der wahre Boas lässt uns nie leer ausgehen.

Ihr lieben jungen Brüder und Schwestern! Setzt euch zu den Füßen des Herrn Jesus und an die Seite derer, von denen ihr lernen könnt. Wie viel kann man z. B. von alten, treuen und erfahrenen Brüdern lernen.

Der Jüngling Josua weilte im Zelt Moses, des alten, bewährten Dieners. Das Lager Israels war durch das goldene Kalb verunreinigt. Mose konnte sich nicht mit Götzendienst einsmachen. Darum brach er sein Zelt ab und schlug es außerhalb des Lagers auf. Gott bekannte sich zu ihm, indem die Wolkensäule ihm dorthin folgte und am Eingang seines Zeltes stand. Eine bedeutsame, wichtige Tatsache. Wäre es im Lager für den jungen Mann nicht schöner gewesen, wo Musik und Reigen war? Aber er „wich nicht aus dem Innern des Zeltes“ (2. Mose 33,11). Der vertraute Umgang mit dem Manne Gottes diente sicher auch der Vorbereitung für seinen späteren Dienst. Er durfte das Volk in das verheißene Land einführen.

Bedenke was ich sage; denn der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen. Halte im Gedächtnis Jesum Christum.... strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. (2. Tim 2,7-8a.22b).

Boas gibt aus seiner Fülle (Ruth 2,14)

„Und er reichte ihr geröstete Körner, und sie aß und wurde satt und ließ übrig.“ Während des Essens teilt Boas aus - der Herr Jesus selbst gibt aus Seiner Fülle. „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende (Lk 22,27). Das ist auch heute in der Versammlung noch so. Ruth sollte von dem Brote essen und ihren Bissen in den Essig tunken. Hier ist das Brot ein Bild von Christus, dem verherrlichten Menschen im Himmel. Das Manna, das Brot in der Wüste, redet von dem auf Erden lebenden Christus, wie Er in all den Umständen, durch die auch wir als Menschen hier zu gehen haben, den Gedanken Gottes als der vollkommene Mensch vollkommenen Ausdruck verliehen hat. Ihn so zu betrachten ist Speise für unsere Seelen und gibt Kraft für den Wandel. Die Gläubigen, wenn sie als im Lande befindlich gesehen werden, nähren sich nun von einem verherrlichten Christus. Der Essig redet in dieser Verbindung davon, dass Christus zuvor gelitten und das Gericht wegen der Heiligkeit Gottes getragen hat.

Den Bissen in den Essig tunken weist hin auf ein bestimmtes Maß an geistlichen Empfindungen darüber, dass Christus nicht nur unserer Sünden wegen im Tode war, sondern dass wir auch als Menschen im Fleische in Seinem Tode zu Ende gekommen, mit ihm gestorben, begraben und auferweckt sind (Kol 2). Das bringt uns auf den himmlischen Boden Kanaans, wo es das Brot des Landes gibt, von dem Ruth nun genießen durfte. Kanaan ist nicht der Himmel, sondern ein Bild der gegenwärtigen himmlischen Stellung der Erlösten „in Christo“ nach Epheser 2. Leider verstehen nicht alle Gotteskinder dieses herrliche Teil, das ihnen „in Christo“ gehört. Der Herr Jesus möchte alle Seine Geliebten diese geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern genießen lassen. Das sehen wir darin, dass Boas der Ruth geröstete Körner reichte. Geröstete Körner stellen besondere, erlesene Kostbarkeiten dar, die mit der Wahrheit verknüpft sind, dass der Herr Jesus als der verherrlichte Mensch im Himmel ist. In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und wir sind vollendet in Ihm. Um in dieser Weise Speise für uns zu sein, war er, wie die gerösteten Körner, der Hitze des Feuers der Leiden ausgesetzt, wodurch Seine heilige, fleckenlose Menschheit zur Befriedigung Gottes erprobt und bewährt worden ist, so dass Er jetzt als verherrlichter Mensch zum ewigen Wohlgefallen Gottes ist und gleichzeitig allen, die ihre himmlische Stellung genießen möchten, Gegenstand der Freude und Bewunderung für ihre Herzen ist. Boas gab und Ruth nahm. Auch wir dürfen „geröstete Körner“ aus der Hand des wahren Boas, die für uns am Kreuz durchbohrt wurde, nehmen. Bedenken wir, was die gerösteten Körner darstellen! Wir sind nicht nur vom Gericht errettet und haben nicht nur Vergebung der Sünden empfangen. Nein, alle Heiligen sind mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern gesegnet, und das nur deshalb, weil der Herr Jesus durch das Feuer der Leiden hindurchgegangen und nun als verherrlichter Mensch im Himmel ist. Alle Segnungen, die Er als Mensch - nicht als Gott - im Himmel besitzt, darf jedes Gotteskind im Glauben besitzen und genießen. Gibt es, außer Ihm selbst, etwas Größeres und Herrlicheres? Unmöglich!

Geröstete Körner sind nur für den vertrauten Umgang mit dem Herrn Jesus, auf dem Platz zur Seite der Schnitter. Freude an den Dingen der Welt, Leckerbissen, die Satan den Menschen darbietet, verderben den Geschmack an himmlischen Dingen. Aber auch vieles andere kann uns hindern, himmlische Segnungen zu genießen: Familie, Beruf, Geschäft, Hobbys und besonders der Mangel an geistlichem Wachstum. Nur zu oft gibt man sich mit dem „Errettetsein“ zufrieden und lässt sich in religiösen Formen nieder. Das verhindert jede Freude an den himmlischen Ergebnissen des Werkes Christi. Schade!

Essen von gerösteten Körnern ist von Zuneigungen getragen, wie sie ein Dichter zum Ausdruck bringt:

Liebe, ach, wie liebst Du mich,
lehr' mich ganz erkennen Dich.

Ruth wurde satt. Das bedeutet Befriedigung des Herzens. Wie kann das anders sein! Wo der wahre Boas der Austeilende ist, da ist nicht nur volles Genüge, da ist Überfluss. Reichliches Geben ist die Freude des Herrn Jesus. Selbst wenn es nur Gerstenbrot, das Brot der Armut, gibt, ist Überfluss vorhanden, wie es in 2. Könige 4,42-44 der Fall war. Hungersnot ist wohl immer eine Folge von Tiefstand im Volke Gottes. Auf die Gegenwart bezogen bedeutet das, den Herrn Jesus als Haupt des Leibes der Versammlung aus dem Blickfeld verloren zu haben. Das ist die Folge davon, dass Ihm weder der Platz als Mittelpunkt, noch die Autorität in der Versammlung eingeräumt wird, indem der Mensch diesen Platz einzunehmen gedenkt. Wir haben uns schon bei Erwähnung der Gerstenernte daran erinnert, dass Gerste den Herrn Jesus als den Menschen in Niedrigkeit darstellt, der unseres Zustandes wegen im Tode war und alles auf sich genommen hat, wozu wir verpflichtet waren. Das bezieht sich auch auf Untreue, wie sie sich auf dem persönlichen Pfad eines Gläubigen und auf dem gemeinsamen Weg der Gläubigen als Zeugnis Gottes auf der Erde findet. Sobald Empfindungen dafür in unseren Herzen aufkommen, ist Gott zum Vergeben bereit. Und doch bekommen wir zunächst „Gerstenbrot“, um uns auf diese Weise Christus zur Speise dienen zu lassen, Der solcher Untreue wegen durch das Gericht der Heiligkeit Gottes zu gehen hatte. Dadurch werden wir zubereitet, um uns aufs Neue von Christo als dem verherrlichten Herrn zu nähren. Jener Mann in 2. Könige 4 hätte ebenso gut Brot aus Feinmehl bringen können. Es war aber Gerstenbrot. Was sonst auch könnte uns helfen, Untreue abzulegen, als das Anschauen dessen, was unser geliebter Herr eben deswegen zu leiden hatte. Untreue oder Sünde auf dem Weg eines Gläubigen wiegt viel schwerer als dieselbe Sache vor seiner Bekehrung. Wenn der Herr uns, im Bilde gesprochen, Gerstenbrot gibt, so ist das überströmende Gnade, um unsere volle Zurechtbringung zu bewirken, gleichwie der Überrest Israels zukünftig seine Zubereitung und Erneuerung erfahren wird. Auch in 2. Könige 4 wurden alle befriedigt und ließen übrig, wie auch bei der Speisung der Volksmengen durch den Herrn Jesus.

Boas bedeutet: „in ihm ist Stärke“ oder „der Mann gewaltigen Reichtums“. Der Herr Jesus gibt stets im Überfluss. „Ich bin gekommen, auf dass sie Leben haben und es in Überfluss haben“ (Joh 10,10b). Dass es heute so viele geistlicherweise „unterernährte“ Christen gibt, liegt nicht an ihrem „guten Hirten“. Sie haben Mangel, weil sie den Herrn Jesus weder als das „Manna“ noch als „Gerstenbrot“, geschweige denn als „das Brot des Landes“ kennen, von „gerösteten Körnern“ gar nicht zu sprechen. Das ist ein sehr bedenklicher Zustand. Solche Christen mögen sich wohl inmitten der Gläubigen bewegen, aber sie haben dann nicht mehr als einen äußeren Schein, sie sind Hülsen ohne Kern, bloße Namenchristen.

Die Nahrung der Seele (Ruth 2,15-17)

Es ist wichtig, ein gewisses Verständnis über die verschiedenen Gesichtspunkte zu haben, unter denen uns Christus in mannigfaltigen Bildern als Nahrung für unsere Seelen und das neue Leben vorgestellt wird. Die Reihe dieser Bilder beginnt mit dem Essen des Passahs und wird in dem Fest der ungesäuerten Brote fortgesetzt. Wir haben schon über das Manna, die Speise in der Wüste, gesprochen. Im Lande Kanaan gab es dann das Brot des Landes und die gerösteten Körner (Jos 5,11), die beide von dem verherrlichten Christus als Mensch im Himmel reden.

Er selbst ist jetzt die Speise derer, die mitauferweckt sind und mitsitzen dürfen in den himmlischen Örtern (Eph 2,6). Leider verstehen viele Gotteskinder diese Wahrheit nicht. Sie freuen sich zwar ihrer Errettung, aber sie bleiben oft ihr ganzes Leben am Kreuz stehen. Obwohl das Kreuz die Grundlage unserer Errettung ist, möchte der Herr uns weiterführen zum Genuss der vollen, himmlischen Segnungen (Eph 1,3-14). Wir dürfen jetzt schon „in den himmlischen Örtern“ weilen, dort die Speise des Landes genießen - Ihn selbst, unseren geliebten Herrn. Möge Er wirklich die Nahrung unserer Seelen sein. Dann werden wir mit freudigem Herzen mit dem Dichter singen:

„Mein Jesus, Du bist meine Freude,
Mein Gold, mein Schatz, mein schönstes Bild.
Nur Du bist meine Lust und Weide,
Und was mein Herz auf ewig stillt.“

Ruth hatte aus der Hand des Boas die Speise empfangen, was deren Wert in ihren Augen erhöhte. So dürfen auch wir die persönliche Gemeinschaft mit Ihm, dem Herrn Jesus, haben und aus Seiner Hand empfangen. Wir sollten nicht nur das Teil kennen, das Er allen Gläubigen geschenkt hat, sondern im verborgenen, persönlichen Umgang und im Lauschen auf Sein Wort die Herrlichkeiten Seiner Person genießen. Ist das nicht in Wahrheit „das gute Teil“, das auch Maria erwählt hatte (Lk 10,42)? Das Herz ist dann so glücklich und mit Seiner Liebe erfüllt, dass wir anderen mitteilen können. Dies ist nur möglich, wenn man selbst Überfluss hat.

So war es bei Ruth: sie wurde nicht nur völlig befriedigt, sondern sie ließ übrig und brachte es ihrer Schwiegermutter (2,18). Nach der Speisung der Fünftausend sagte der Herr Jesus: „Sammelt die übriggebliebenen Brocken, auf das nichts umkomme“ (Joh 6,12). Das ist ein wichtiges Wort, besonders für unsere Zeit des Wohllebens. Wie viel Lebensmittel verderben oder werden weggeworfen. Sollten wir nicht auch unsere Kinder darauf aufmerksam machen, dass nichts umkommen darf? Es ist eine Sünde, Brot und andere Nahrungsmittel wegzuwerfen, während in anderen Ländern viele Menschen hungern, ja sogar den Hungertod sterben.

Dies gilt umso mehr für das, was wir in geistlicher Hinsicht an Speise empfangen. Nicht nur was wir im persönlichen Umgang mit dem Herrn bekommen, sondern auch was wir von Ihm in unseren Zusammenkünften erhalten, dürfen wir weitergeben. Wie viele alte, kranke und anderweitig verhinderte Geschwister gibt es, die nicht die Versammlungen besuchen können, denen wir aber aus dem Korb mit „übriggebliebenen Brocken“ bringen dürfen. Sind nicht oft im eigenen Haus solche, die auf „Mitgebrachtes“ warten?

Eine liebe, alte Schwester klagte mir einmal, dass Tochter und Schwiegersohn ihr niemals ein Wort aus der Versammlung mitbrächten. Leider gingen die jungen Leute gewohnheitsmäßig an den Ort, wo der wahre Boas die Speise austeilt. Ihre Herzen waren aber mit anderen Dingen erfüllt, so dass sie selbst nichts mitnahmen. Ist das nicht schade? Zum Dienst des Mitbringens gehört die persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn und die Bereitschaft, ein Segen für andere zu sein.

Wer das Auflesen auf dem Feld des Boas nicht täglich übt, kann unmöglich in der Stunde der Wortverkündigung den Segen empfangen, den der Herr jedem geben möchte. Ein Wort mag sein Gewissen aufrütteln, aber das ist, obwohl auch Gnade, nicht der Segen, den der Herr uns schenken will. Herzen, die mit den irdischen Dingen erfüllt sind, können die himmlische Speise nicht aufnehmen. Möge der Herr uns vor solchem Zustand bewahren.

„Und sie stand auf, um aufzulesen; und Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und auch sollt ihr selbst aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten“ (Verse 15-16).

Die Zeit des Essens ist zu Ende. Ruth hat neue Kraft gewonnen. Die Ruhe und die Speise sind ihr wohlbekommen. Die Gegenwart des Boas hat ihr Herz mit Freude erfüllt. Obwohl sie nichts von dem wusste, was Boas seinen Knaben gesagt hatte, verspürt sie einen vermehrten Segen. Uns aber ist es mitgeteilt, um zu erkennen, dass nicht nur unser Eifer, sondern der Segen des Herrn reiche Ergebnisse bewirkt. Ein Herz, das für den wahren Boas schlägt, darf auch „zwischen den Garben“ auflesen. Ist es nicht so, dass wir oft Verse und Abschnitte im Worte Gottes nicht verstanden? Wie oft lasen wir darüber hin, bis der Heilige Geist uns die Wahrheiten zeigte, die dazwischen lagen. Es sind nicht nur Interesse und Eifer nötig, um das Wort Gottes kennen zu lernen, sondern die aufrichtige Liebe und der Gehorsam zu IHM. Dann öffnet Er uns die Schatzkammern in Seiner Güte. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“ (1. Kor 2,9). Wir rufen aus: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute findet“ (Ps 119,162).

Selbst aus den Bündeln sollten die Knaben Ähren herausziehen und für Ruth liegen lassen. Das würde man normalerweise nie getan haben. Aber Boas hatte es befohlen. Er wollte seine Magd überaus reichlich segnen. Oft finden wir „Hände-voll“ Segen in Seinem Wort oder durch den Dienst treuer Brüder in Wort und Schrift.

Der Herr hätte uns nach unserer Bekehrung ja alles auf einmal geben können, in bezug auf die Erkenntnis Seines Wortes. Er hätte ganze Garben oder zentnerweise Getreide hinstellen können, aber dann wäre es nicht durch uns erarbeitet worden. Er sieht gerne den Eifer, den Er, als der treue Knecht vollkommen offenbarte. Er konnte sagen: „Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt“ (Ps 69,9). Boas erkannte im Herzen der Ruth Aufrichtigkeit, Fleiß und ihre Wertschätzung des Segens des Herrn und lohnte ihr das in reichem Maße.

„Und sie las auf dem Felde auf bis zum Abend, und sie schlug aus, was sie aufgelesen hatte, und es war bei einem Epha Gerste“ (Vers 17). Die Israeliten mussten in der Wüste das Manna sammeln und zwar „ein jeder nach dem Maße seines Essens“, einen Ghomer für den Kopf. Das ist 2,01 Liter. Ein Epha aber ist zehnmal soviel, nämlich 20,1 Liter. Wie überströmend war Ruth gesegnet! Schnell eilte sie nach Hause, um es ihrer Schwiegermutter zu bringen, So reichlich möchte der Herr Jesus auch uns segnen. Aber bedenken wir wohl, dass mit dem Vielen, was wir empfangen, auch unsere Verantwortung wächst. Mögen wir es nicht selbstsüchtig für uns behalten, sondern, nachdem wir selbst gesättigt sind, anderen von dem Guten mitteilen. Der treue Diener Paulus sehnte sich danach, die Gläubigen in Rom zu sehen, um ihnen „etwas geistliche Gnadengabe mitzuteilen“ (Römer 1,11).

Dank für Seine unendliche Gnade

„Von Deiner Gnade will ich singen, die mich erfüllt mit sel'ger Ruh',
Anbetung Deiner Liebe bringen. Wer liebt, o Gott, wer liebt wie Du?
Die Gnade führt von bösen Wegen den Sünder, den Verlorenen, aus,
Die Liebe eilt ihm froh entgegen, als käm der einz'ge Sohn nach Haus.“

Mit welcher Inbrunst würde Ruth nach aller erfahrenen Gnade dieses Lied gesungen haben. Wie schon gesagt: das Buch Ruth ist das Buch der Gnade. Wir wollen uns noch einmal, bevor wir weitergehen, an die rettende, führende und bewahrende Gnade Gottes, die wir auf dem Wege Ruths finden, erinnern.

Die einst Fremde wurde aus Moab herausgeführt und gehört nun dem Volke Gottes an. Solch einen Wechsel muss man persönlich erlebt haben. Sie war eine Begnadigte, und jeder, der aus der Finsternis ins Licht gekommen ist, hat die rettende Gnade erfahren.

Was aber im eigentlichen Sinn „Gnade Gottes“ bedeutet, lässt sich anhand menschlicher Beispiele kaum erklären. Sie stellt nicht einen einfachen Gnadenerlass dar, aufgrund dessen Strafgefangenen ein Teil ihrer Strafe, vielleicht auch die gesamte, erlassen wird. Die Erlösten sind aufgrund der göttlichen Barmherzigkeit, aber auch aufgrund der göttlichen Gerechtigkeit begnadigt. Gott ist durch das vergossene Blut und den Tod Seines geliebten Sohnes am Kreuz vollkommen befriedigt worden im Blick auf die Sünde. Die Erlösten stehen in Christo als Gerechtfertigte vor Gott, als ob nie ein Makel an ihnen gewesen wäre. „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). Gott hat den Herrn Jesus zu dem gemacht, was wir als natürliche, sündige Menschen waren, und hat uns zu dem gemacht, was Er ist. Das ist Gnade in göttlicher Vollkommenheit.

Haben alle Leser diese Gnade persönlich erlebt? Sind alle einmal mit ihrer Schuld zu Gott gekommen und haben in Seinem Licht, wegen des persönlichen Zustandes und ihrer Sünden, Buße getan? War je in unseren Herzen ein aufrichtiges Erkennen des Verlorenseins und die Überzeugung, dass der heilige Gott uns mit Recht verdammen musste? Haben wir alle, jeder persönlich, in Wahrheit Zuflucht genommen zu dem Herrn Jesus, als unserem Heiland und Erretter? Er ist der alleinige Mittler zwischen Gott und Menschen. Sein Erlösungswerk von Golgatha ist die alleinige Grundlage der Errettung. Es ist eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen einer Seele und dem Herrn Jesus, Ihn im kindlichem Glauben als Den zu ergreifen, Der für elende Sünder alles gut gemacht hat.

Je länger wir auf dem Wege des Glaubens mit dem Herrn Jesus gewandelt sind, umso mehr sollten wir ein vertieftes Verständnis über die Größe der uns vergebenen Schuld erlangen. Dazu zählen auch alle Sünden nach unserer Bekehrung, und leider sündigen wir noch jeden Tag.

Das setzt uns zwar nicht in den Zustand des Verlorenseins zurück - Gott sei dafür gepriesen, denn unsere Stellung als Gerechtfertigte ist ewig unveränderlich - doch sollte unsere Wertschätzung der überschwänglichen Gnade dadurch vergrößert werden.

Leider kennen viele Erlöste diese Gnade Gottes nur unvollkommen. Sie scheuen keine Mühe sich zu bessern, zumeist durch eigene, gesetzliche Anstrengung. Dazu ist aber niemand imstande, und Gott verlangt dies auch nicht. Dadurch kommen sie in Übungen wie sie in Römer 7 beschrieben sind. Ihre zwar aufrichtigen, aber nutzlosen Anstrengungen führen dahin, dass sie schließlich, anstatt sich ihres Heils zu erfreuen, ausrufen: „Ich elender Mensch ...!“ Es ist eine wunderbare Seite der Gnade Gottes, die solche Seelen letztendlich dahin bringt, nicht in sich hineinzuschauen, sondern ihr ganzes Vertrauen ausschließlich auf den Herrn Jesus zu setzen. In uns selbst entdecken wir nichts Gutes, aber der Herr hat unserer ganzen Verantwortlichkeit vor Gott vollkommen entsprochen. Überströmende Freude erfüllt jede gequälte Seele, wenn sie ihre vollständige Befreiung von jeder gesetzlichen Forderung verstehen lernt und erkennt, dass das Fleisch unverbesserlich böse ist und bleibt. Wir tragen es zeitlebens in uns, es kann aber eine Sünde, die deshalb noch geschehen kann, unsere Stellung als Gerechtfertigte vor Gott nicht mehr verändern. Das ist der große Augenblick einer Seele, wo sie jubelnd erfasst, dass sie von der Sünde, dem Gesetz und auch von ihrem Fleische, der alten Natur, befreit ist. „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Römer 8,1).

Das ist die Grundlage, auf welcher der Geist Gottes in diesem wunderbaren Kapitel (Römer 8) herrliche Wahrheiten entfaltet. Gerade diese sind für unseren Glaubensweg von großer Bedeutung, da sie die Grundlage unseres Friedens sind. Gott ist für uns! Weder sichtbare noch unsichtbare Mächte oder Gewalten sind imstande, uns von der Liebe Gottes zu trennen. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind. Das sind wunderbare, herrliche Tatsachen, die unseren Herzen Vertrauen und Frieden gewähren und so recht geeignet sind, auch die führende und bewahrende Gnade in unserem Leben zu erkennen und zu verherrlichen.

Die Gnade hat auch noch eine besondere Seite in dem Priestertum Christi. Darin geht es nicht um Vergebung der Sünden, noch um Bewahrung vor Sünde oder um Wiederherstellung, auch nicht um frühzeitige Warnung bei einem drohenden Fehltritt (wie bei Petrus), sie hat es vielmehr mit unseren Schwachheiten zu tun. Diese haben ihre Ursache in der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur und den Schwierigkeiten auf dem Glaubenswege. Darum vermögen wir nicht immer auf der Höhe des Glaubens zu wandeln. Wie schnell sind wir mutlos und neigen zum Aufgeben.

In diesen Übungen hat der Herr Jesus als unser Hohepriester Mitleid mit uns, weil Er sie selbst als Mensch auf dieser Erde kennen gelernt hat (Hebräer 4,14-15). Jedoch werden wir aufgefordert: „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe“ (Heb 4,16). Das ist die Gnade der Vorsorge Gottes für unseren Glaubensweg. Zwei Hilfsmittel hat Er uns gegeben: 1. das Wort Gottes (Heb 4,12-13) und 2. das Priestertum Christi (Vers 14-16). Welche Liebe, der Herr Jesus betet jetzt droben - auch für uns!

Ja, Du betest für die Deinen. Welch Vertrauen gibt uns dies!
Was uns bitter mag erscheinen, wird durch dies Bewusstsein süß.
Jeden Schmerz hilfst Du uns tragen, jedes Leid kannst Du verstehn,
Und Du willst in allen Lagen stets zum Vater für uns flehn.

Wenn wir bei Jesu, unserem geliebten Herrn, in der Herrlichkeit sind, werden wir Ihn in Vollkommenheit für Seine Liebe und Gnade rühmen und Ihn in alle Ewigkeit preisen.

Das „Auflesen“ in der Gegenwart des Herrn

Ruth hatte das Zehnfache gesammelt, verglichen mit dem Sammeln des Mannas in der Wüste, wo der Israelit einen Ghomer für jeden Kopf in seinem Zelte rechnen sollte (2. Mose 16,16). Noch einmal sei hervorgehoben, dass unsere Verantwortung größer wird, je mehr wir vom Herrn bekommen. Wenn wir auch persönlich „auflesen“ müssen, kommt alles letztlich doch von IHM. Sie hatte das Zehnfache gesammelt, und die Zahl 10 hat, wie alle Zahlen in der Heiligen Schrift, eine symbolische Bedeutung. Sie ist die Zahl, mit der meist Verantwortung verbunden ist (2. Mo 20,1-17; 5. Mo 4,13; Mt 25,1-2; Lk 19,13; u. a.). Möchten wir uns alle dieser Verantwortung nach dem Maße unserer Erkenntnis bewusst sein und ihr entsprechen.

„Und sie nahm es auf und kam in die Stadt, und ihre Schwiegermutter sah, was sie aufgelesen hatte; und sie zog hervor und gab ihr, was sie übrig gelassen, nachdem sie sich gesättigt hatte“ (Vers 18).

Wir haben uns schon daran erinnert, wie nötig es ist, persönlich zu „essen“, aber nachdem wir selbst gesättigt sind, anderen davon mitzuteilen. Wie schön ist es, auch an die Bedürfnisse der Heiligen und Geliebten zu denken. Wie viel geistliche Armut und Unterernährung finden wir leider bei Kindern Gottes. Wir sollten solche sein, von denen der Herr Jesus in Johannes 7,38 sagt: „Wer an mich glaubt, gleichwie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Alles, was wir durch die persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn empfangen, sollte den Kindern Gottes zugute kommen. Im Brief des Judas lesen wir: „Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, betend im Heiligen Geiste, erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben“ (Vers 20-21). Ist es so, dass wir uns selbst und einander erbauen? Wie ist es, wenn wir uns gegenseitig besuchen, in Bezug auf den Inhalt und die Art unserer Unterhaltungen? Wenn wir fleißige Aufleser auf dem Felde des Boas sind, so werden auch unsere Herzen mit Ihm und Seinen Segnungen erfüllt sein. Der Heilige Geist kann dann „Ströme lebendigen Wassers“ durch uns fließen lassen. Aber darüber hinaus wird das Herz brennend und damit fähig, auch Ungläubigen von dem wahren Boas zu sagen. Wie unwissend sind viele Menschen über die Liebe Gottes und den Herrn Jesus, Möge uns die Liebe des Christus drängen, ihnen zu sagen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Ein Herz, das von IHM erfüllt ist, wird auch nicht nur von seinen eigenen Erfahrungen erzählen, so nützlich dies auch zur gegebenen Zeit sein kann, sondern von IHM sprechen, der auf Golgatha alles vollbracht hat.

„Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich beachtet hat! Und sie tat ihrer Schwiegermutter kund, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Name des Mannes, bei dem ich heute gearbeitet habe, ist Boas“ (Vers 19).

Es ist in der Tat eine wichtige Frage: „Wo hast du heute aufgelesen?“ Wer bei dem wahren Boas arbeitet und sich auf Seinem Felde bei Seinen Knaben und Mägden aufhält, der wird reich gesegnet. Die Begegnung mit Ihm hinterlässt starke Eindrücke. Man wird geprägt und verändert, verwandelt in Sein Bild. „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bilde von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (2. Kor 3,18).

Noomi merkt, dass Ruth bei jemand gearbeitet hat, der ihr Gutes erwiesen und von dem sie besonders beeindruckt worden ist. Als der treue Diener Mose 40 Tage und 40 Nächte in der Gegenwart Gottes gewesen war, strahlte sein Angesicht, „weil Gott mit ihm geredet hatte“ (2. Mo 34,29).

Eine alte, kranke Schwester sagte von einem Bruder, der sie regelmäßig besuchte: „Ich habe oft den Eindruck, als ob er gerade aus der Gegenwart des Herrn käme.“ Dieser Bruder führte ein Leben mit seinem Herrn, und andere sahen es ihm an. Wie ist es bei uns?

Obwohl Ruth noch nicht gesagt hat, wo und bei wem sie aufgelesen hat, segnet Noomi diese Person. Wir haben uns schon damit beschäftigt, dass es zunächst die Person des wahren Boas sein muss, die unsere Herzen anzieht und ausfüllt. Aber auch das „Wo“, der Ort, ist wichtig. So ein Feld (Mt 18,20) muss es sein, wo die Seinen um Ihn versammelt sind.

Dann nennt Ruth den Namen des Mannes: Boas - „in IHM ist Stärke“. Selig jeder, der den Herrn Jesus kennen gelernt hat. Wird der wunderbare Name Jesus ausgesprochen, werden Saiten in den Herzen der Seinen angerührt, und herrliche Akkorde ertönen zu Seiner Freude.

Jesus, Jesus, Jesus, schönster Name mein,
bist all meine Wonne,
füllst mein Herz mit Sonnenschein.

Was wäre das Leben ohne Ihn, in dem verborgen sind alle „Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“. In Ihm besitzen wir die himmlischen Segnungen und dürfen Seine Herrlichkeit anschauen. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Auch auf dem heiligen Berge sahen Seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes Seine Herrlichkeit, „als sie völlig aufgewacht waren“. Ein schlafender Christ kann sie nicht sehen. Sind wir wach in Seiner Gemeinschaft, wird auch von uns gesagt werden können: Sie sahen Seine Herrlichkeit (Lk 9,32)?

Ruhe für die Seele

„Da sprach Noomi zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom Herrn, dessen Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten! Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann ist uns nahe verwandt, er ist einer von unseren Blutsverwandten“ (Vers 20).

Noomi erkennt, dass der große Gott alles wunderbar geführt hat. Ihr Herz ist voll Dankbarkeit, denn sie erinnert sich, dass Boas einer der Verwandten ist, der als Löser in Frage kommen kann. Das Wort „Blutsverwandter“ in der hebräischen Sprache kann auch mit „Löser“, „Erlöser“ und auch mit „Bluträcher“ übersetzt werden.

In 3. Mose 25,25 finden wir den „Löser“, der das verkaufte Eigentum seines verarmten Bruders zurückkaufen (lösen) musste. Hatte ein Israelit sich selbst einem Fremden infolge von Armut verkauft, musste sein Löser auch ihn freikaufen (Vers 47-49). Außerdem musste er auch die Frau eines Mannes, der keine Söhne hatte und gestorben war, ehelichen. Gott wollte, dass einem Verstorbenen ein Erbe erweckt würde und dadurch sein Name erhalten blieb und sein Erbteil nicht in fremde Hände kam.

Die Seite des Bluträchers finden wir in 4. Mose 35,16-28. Gott konnte das Blut, das durch einen Totschläger vergossen war, nicht ungesühnt lassen.

Der Herr Jesus wird sowohl „Löser“ als auch „Bluträcher“ für Sein irdisches Volk sein. Er wird Sein Volk erlösen aus der Hand ihrer Feinde, ihm sein von Gott geschenktes Erbteil zurückgeben und alle Feinde (Totschläger) auslöschen.

Wie wunderbar ist das Wort Gottes, auch wenn wir die prophetischen Linien betrachten, wie wir sie im Buche Ruth finden.

Ist ER nicht auch beides für alle Erlösten? Ja, ER hat uns erlöst durch Sein kostbares Blut, das Blut „eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken“ (1. Pet 1,19), aber Er hat auch den zunichte gemacht, „der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel...“ (Heb 2,14-15). Er hat den „Totschläger“, Satan, besiegt und uns freigemacht. Wunderbarer Herr! IHM sei Dank in alle Ewigkeit!

„Und Ruth, die Moabitin, sprach: Er hat auch zu mir gesagt: Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie meine ganze Ernte beendigt haben. Und Noomi sprach zu Ruth, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, dass du mit seinen Mägden ausgehst, dass man dich nicht anfalle auf einem anderen Felde“ (Vers 21 - 22).

Ruth geht nicht auf die Worte Noomis ein (Vers 20). Wie konnte sie auch, sie kannte die Gedanken Gottes noch nicht in Bezug auf diese Dinge. Sie war noch nicht lange auf dem Wege des Glaubens. Aber für sie war es wichtig, was Boas zu ihr gesagt hatte, sich zu seinen Leuten zu halten, bis die ganze Ernte beendigt sei. Noomi wiederholt fast dieselben Worte, die Boas zu Ruth geredet hatte (Kap. 2,8).

„Und so hielt sie sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendigt waren. Und sie wohnte bei ihrer Schwiegermutter“ (Vers 23).

Gab es nicht viele Felder in Bethlehem, wo sie hätte auflesen können? Schon, aber es war die Person des Boas, die sie anzog, dessen Gnade und Güte sie erfahren hatte. Auf sein Feld, da wo er war, zog es sie hin, und bei seinen Leuten, dort wollte sie bleiben.

„Und Noomi, ihre Schwiegermutter, sprach zu ihr: Meine Tochter, sollte ich dir nicht Ruhe suchen, dass es dir wohl gehe?“ (Kap. 3, 1).

Von jeher war es Gottes Absicht für den Menschen, ihn zu Seiner eigenen Ruhe zu bringen. Der Herr Jesus spricht in Matthäus 11,28-30 von einer zweifachen Ruhe: „Kommet her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Noomi hatte ihren Schwiegertöchtern gegenüber auch von einer Ruhe gesprochen: „Kehret um, eine jede zum Hause ihrer Mutter. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in dem Hause ihres Mannes“ (Ruth 1,8-9). Da wäre nie die Ruhe zu finden gewesen, die der Herr allein geben will und geben kann. Zahllose Menschen haben sich in einer falschen Ruhe niedergelassen, sogar auch bekennende Christen. Der Herr Jesus meint eine ganz andere Ruhe. Er sagt: „Kommet her zu mir!“ Zunächst spricht Er von der Ruhe des Gewissens, die Ruth durch den Glauben an den Gott Israels besaß. Auf neutestamentlichem Boden stehend, kennen und genießen wir diese Ruhe mit größerer Sicherheit als die Gläubigen des Alten Testamentes.

Ruhe fand hier mein Gewissen,
denn Sein Blut - o reicher Quell! -
hat von allen meinen Sünden
mich gewaschen rein und hell.

Noomi dachte sinngemäß an die Ruhe, von der der Herr Jesus in Matthäus 11,29 spricht: „Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Hier handelt es sich nicht um Ruhe für „eure Gewissen“, sondern um Ruhe für „eure Seelen“. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ruhe des Gewissens hat jeder Gläubige mit der Vergebung seiner Sünden empfangen. Aber nicht alle Gläubigen genießen die „Ruhe der Seele“.

Das Geheimnis der Ruhe für die Seele ist Gehorsam, Abhängigkeit und Ergebenheit in den Willen Gottes. Darin bestand das Joch des Herrn Jesus als Mensch auf der Erde. Er war sanftmütig und von Herzen demütig. Er genoss diese Ruhe auf Seinem ganzen Pfade in ungestörter Vollkommenheit. Unser Begehren, von Ihm zu lernen, bringt uns unter Sein Joch, in wahre Lebensgemeinschaft mit Ihm. Er tat stets das dem Vater Wohlgefällige. Obwohl wir nie Seine Vollkommenheit darin erreichen können, so lasst uns doch aufrichtig begehren, von Ihm Sanftmut und Herzensdemut zu lernen, um die Ruhe für unsere Seelen in dem zu finden, was das Wohlgefallen des Vaters ist.

Dann wird der Herr Jesus beständig vor unseren Blicken sein, und wir werden begehren, mit Ihm in Seinem Joch zu gehen. Er sagt: „Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Sobald unsere Gedanken und Blicke von Ihm abgelenkt sind, wird das Joch schwer und drückend. Dann genießen wir nicht diese Ruhe für die Seele. Der Herr Jesus war der einzige Mensch, der in Seinem ganzen Erdenleben die Ruhe der Seele auch nicht für den Bruchteil einer Sekunde entbehrt hat. Trotz aller Versuchungen und Leiden inmitten der Feindschaft des Menschen genoss Er diese Ruhe in beständiger Vollkommenheit. Möchten wir von Ihm lernen, damit wir in Wahrheit mit dem Dichter sagen können:

„Und mit süßer Ruh' im Herzen
geh' ich hier durch Kampf und Leid.
Ew'ge Ruhe find' ich droben,
in des Lammes Herrlichkeit.“

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