Kapitel 2

Zur Ruhe gebracht

Vers 1 lässt uns das Ziel dieses Kapitels erkennen: Boas, den Mann, gewaltig an Vermögen, der Ruth vorzustellen. In den folgenden Versen finden wir das dann zur Ausführung gebracht. Diese Art, eine Sache zu behandeln, finden wir häufig in der Schrift, vor allem in den Psalmen. Der erste Vers gibt einen Zustand wieder oder stellt eine Wahrheit vor, während die folgenden Verse dann angeben, wie der Psalmist in diesen Zustand oder zur Erkenntnis dieser Wahrheit gekommen ist. Die Schrift tut dies, damit wir uns in Bezug auf das, was der Heilige Geist uns in besonderer Weise vorstellen will, nicht irren.

Wenn alles durch den Tod verloren und das Leben infolge des Sterbens alles Männlichen dahin ist, dann kann es Wiederherstellung nur geben in der Kraft der Auferstehung, und das in Verbindung mit jemandem, der das Recht und die Macht der Erlösung hat. Das wird uns in Boas vorgestellt. Er ist ein Vorbild von dem auferstandenen Herrn.

Die Erlösung aus Moab und das Kommen nach Bethlehem in der Zeit der Gerstenernte ist natürlich der Beginn der Erlösung. Aber um die Freude der vollen Erlösung schmecken und ein wahres Zeugnis von dem verherrlichten Herrn im Himmel sein zu können, ist es notwendig, dass die Seele in persönlicher Weise Ihn als den Erlöser kennenlernt. Es ist ein großer Unterschied, ob das Herz auf die Erlösung oder auf den Erlöser gerichtet ist.

Boas bedeutet „in Ihm ist Stärke“. Er wird „ein vermögender Mann“ genannt. Es ist der gleiche Ausdruck, der für Gideon und Jephta, die Befreier Israels, gebraucht wird (Ri 6,11), obwohl das im Deutschen nicht zu erkennen ist. Es ist Er, der sagen konnte: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde“, und auch: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades“ (Mt 28; Off 1,18).

Gott will unser Auge auf einen lebendigen, verherrlichten Menschen im Himmel richten, der als Sohn des Menschen alles empfangen hat, was göttliche Liebe dem Menschen hat geben wollen. Und zudem hat Gott Ihn als Haupt über alle Dinge zu seiner Rechten gesetzt. Nun, diese herrliche Person ist ein Verwandter des Mannes Noomis (Heb 2,11–15), mit dem Recht der (Er)lösung.

Was für ein herrlicher Gedanke – in einer Zeit, wie sie uns hier vorgestellt wird, die Zeit, in der auch wir leben, da die wahre, durch Gott gegebene christliche Stellung praktisch nicht mehr gekannt und genossen wird. Aber wohlgemerkt, Boas war ein Verwandter des Elimelech. Noomi konnte nur durch Ruth, durch den Glauben, den wir in Ruth vorgestellt sahen, Boas in Anspruch nehmen, und zwar auch nur in Verbindung mit der Anerkennung der unbedingten Autorität des Herrn (Elimelech = mein Gott ist König).

Ruth kennt Boas noch nicht. Aber ihr Glaubensinstinkt braucht und sucht als ihren Gegenstand eine Person. Sie sucht Den, „in dessen Augen ich Gnade finden werde“.

Das Gerücht, dass Gott seinem Volk Brot gegeben habe, und der Glaube an dieses Wort brachten Noomi, die völlig Verarmte, und Ruth, die Fremde, nach Bethlehem. Das Wort erwies sich als wahr – der Glaube an Gottes Wort und an Gottes Güte beschämt nie. Es war Erntezeit. Aber wie erlangten die, die ihr Erbteil verloren und auch nicht gepflügt und gesät hatten, teil an dem Brot? Auch dafür hatte Gottes Gnade Vorsorge getroffen.

Es berührt uns im 5. Buch Mose, wie Gott auch für die Fremdlinge sorgt. Und wenn es um die Ernte geht, sagt Gott, die vergessene Garbe sei für den Fremdling, die Waise und die Witwe, so wie Er in 3. Mose 19,9.10; 23,22 das Korn des Randes der Felder und die gefallenen Ähren und Beeren dem Armen gegeben hatte.

Nicht dass die Fremden und die Armen nun ein Recht auf diese Dinge gehabt hätten! Worauf hatte ein Fremder in dem Erbteil des Volkes Gottes ein Recht? Und auch der Arme hatte keine Rechte. Gott hatte jedem Israeliten ein Erbteil gegeben, so dass er nicht arm zu sein brauchte. Armut setzte Schuld voraus und Zucht von Seiten Gottes. Wie konnte da von Recht die Rede sein! Gott gab diese Satzungen denen, die durch seine Güte Äcker und Weinberge besaßen, damit sie seine Gesinnung – eine Gesinnung der Gnade, Barmherzigkeit und Güte – Menschen gegenüber offenbaren möchten, die nicht das geringste Recht hatten.

Es ist bemerkenswert, dass die Initiative für das Ährenlesen nicht von Noomi, sondern von Ruth ausgeht. Ohne Zweifel kannte Noomi das Wort Gottes und die Vorsorge, die Er darin getroffen hatte, besser als Ruth. Aber das Herz der Ruth, das tatsächlich erst wenig von all den guten Dingen kennengelernt hatte, die Gott seinem Volk gegeben hatte, verlangte danach, sie kennenzulernen. Und durch den Eifer, mit dem sie sucht, wird sie Boas begegnen.

Die erste Vorbedingung für geistliches Wachstum in einem Gläubigen ist einfältige Hingabe an die erkannte Wahrheit. Und dieses Kennzeichen finden wir in sehr schöner Weise in Ruth offenbart. Sie hat alle natürliche Hoffnung geopfert, um Noomi und dem, was Noomi für sie vorstellte, anzuhangen. Wenn die Seele die Wahrheit mit jener unnachgiebigen Zähigkeit ergreift, die die Wahrheit wohl kauft, aber niemals verkauft, auch wenn sie nicht einmal weiß, warum sie dies tut, wird es rasch großes Wachstum geben. Wer da hat, dem wird gegeben werden. Hingabe an einen würdigen Gegenstand erhebt eine Frau und ist geziemend für sie. Fehlt sie ihr, so ist sie der höchsten Tugend ihrer Stellung beraubt. Versagt sie darin oder denkt sie an sich selbst, wie Eva dem Adam gegenüber und die Versammlung Christus gegenüber, dann wird große Unordnung die Folge sein.

Hingabe an Wahrheit, an das, was wir als wirklich wahr und gut kennen, ist das erste große Kennzeichen einer Seele, die für Dienst und Zeugnis zubereitet und fähig ist. Wenn wir dieses Kennzeichen nicht besitzen, wie unvollkommen müssen alle unsere Handlungen und Äußerungen sein, denn wir haben keinen bestimmten Mittelpunkt. Die Menschen haben einer Lüge über Gott geglaubt und darin gewandelt, sich selbst verherrlichend, während sie in Feindschaft gegen Ihn ihren Weg gingen. Um in ihrer Mitte ein Zeuge für Gott zu sein, müssen wir zuallererst und vor allem tapfer für die Wahrheit sein. Wenn wir darin zu kurz kommen, ist es klar, dass unsere Fähigkeit, ein Zeuge zu sein, sehr mangelhaft ist. Nein, noch mehr, während wir versuchen, ein Zeugnis zu sein, verunehren wir gerade den Namen, dem wir zu dienen vorgeben. Wir haben kein Herz, das ungeteilt nur die erste Bedingung für den Dienst festhalten möchte. Wir mögen ein gewisses Maß von Zuneigung besitzen, wie dies in dem Kuss der Orpa ausgedrückt wird, aber unsere Gefühle ruhen nicht auf dem, was allein wahr ist; wir werden bald auf unsere eigenen Wege abweichen. Man kann auf die Wichtigkeit einfältiger Hingabe an die Wahrheit nicht genug Nachdruck legen.

Es ist herrlich, bei jungen Gläubigen das Verlangen zu sehen, im Erntefeld Ähren zu lesen. Und was für ein Erntefeld haben wir in dem Wort Gottes! Wir können die Jungen nicht genug ermuntern. Hinter den Schnittern werden sie viele Ähren finden, die die Schnitter – Gläubige, die in der Wahrheit weiter fortgeschritten sind – haben liegen lassen, die aber für sie „Speise zu rechter Zeit“ sein werden, einfache, deutliche Wahrheiten.

Nimm diese Wahrheiten in einfältigem Glauben mit dem Herzen an! Wir wissen genug von Gott, um auf seine Gunst rechnen zu können. Ruth dachte nicht: „Ich bin unwürdig, und darum darf ich mir nicht anmaßen, in dem Erbteil des Volkes Gottes Ähren zu lesen“. Sie rechnete auf Gottes Gunst und Gnade, obwohl sie sich ihrer eigenen Unwürdigkeit bewusst war. Und darin verherrlichte sie Gott, denn Er wird verherrlicht, wenn wir von seiner Liebe und Gnade sehr hoch denken. Aber wie wenige junge Gläubige sind mit dem einfachen Platz eines Ährenlesers zufrieden. Zu häufig versuchen sie, den Platz der Schnitter (Lehrer und Evangelisten) einzunehmen, ehe sie „infolge der Gewöhnung geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen“ (Heb 5,13–14). Aber auf diesem Weg lernen sie den Herrn Jesus nicht wirklich kennen. Er, der von Herzen demütig ist, fordert uns auf, von Ihm zu lernen (Mt 11,29). Er wird die Sanftmütigen seinen Weg lehren (Ps 25,9).

Eine zweite Vorbedingung für geistliches Wachstum sehen wir ebenfalls in besonderer Weise in Ruths Geschichte vorgestellt. Es ist einfältiger, bedingungsloser Gehorsam. Sie sah, dass es zu dem Segen keinen Zugang gab als nur durch das Ährenlesen, und deshalb wollte sie es tun. Aber wie niedrig dieses Werk auch war und wie deutlich der einzige Weg, sie wollte diesen Weg nicht in Unabhängigkeit von derjenigen gehen, die göttliche und geistliche Einflüsse in ihr Leben hineingebracht hatte. Es gibt keinen klareren Beweis für ein Werk Gottes als einen Geist der Unterwürfigkeit. Und Gehorsam ist nicht schwer, wo Liebe regiert.

Wenn diese zwei Dinge – Hingabe an die erkannte Wahrheit und Gehorsam – bei einem Gläubigen gefunden werden, kann Gott Wachstum geben. Dann bringt Er uns unter die persönliche Aufmerksamkeit des Herrn Jesus.

Ruth kam „zufällig“ auf ein Feld des Boas. Die Vorsehung Gottes ist für uns tätig. Es ist nicht Gottes Absicht, dass wir uns allein durch seine Vorsehung leiten lassen (Ps 32,8.9). Er will uns durch sein Auge leiten, so dass wir mit bewusster Einsicht unseren Weg gehen. Aber wenn wir im Glauben unseren Weg gehen, wirkt seine Vorsehung in Übereinstimmung mit unserem Glauben. Und wenn wir – da wir jung sind im Glauben – seine Person, sein Wort und die Leitung seines Geistes noch nicht recht kennen, dann wirkt seine Vorsehung in Übereinstimmung mit dem Zustand unserer Herzen. Da bei Ruth die im vorigen Absatz genannten Vorbedingungen vorhanden waren, leitete die Vorsehung Gottes sie auf ein Feld des Boas, damit dort die Wünsche ihres Glaubens befriedigt würden.

Was ist der Unterschied zwischen einem Feld des Boas und einem anderen Feld in Bethlehem? Es ist die Anerkennung der Rechte des Boas. Auf seinem Feld sind die Arbeiter seine Knechte. Wenn jemand einen Auftrag von dem Herrn empfangen hat, um in sein Werk zu gehen, so hat er den Auftrag in Gehorsam gegenüber seinem Herrn, der den Auftrag erteilt hat, zu erfüllen. Er steht in seinem Dienst. Und darin unterscheidet er sich von jedem Knecht, der einen Auftrag von Menschen angenommen hat und sich darum nach Anweisungen von Menschen richten und die Aufgabe erfüllen muss, die diese Menschen ihm aufgetragen haben.

Ein Feld des Boas ist also ein Feld, wo die Rechte des Boas, alles zu regeln, anerkannt werden und wo man also in allem fragt: „Herr, was willst du, dass wir tun sollen, und wie sollen wir es tun?“ Da ist stets „sein Knecht, der über die Schnitter bestellt war“. 1. Korinther 12,1–11 und Galater 5,17 machen uns deutlich, was Gottes Gedanken hierüber sind. In Apostelgschichte 16,6–10 finden wir ein praktisches Vorbild, was das Werk von Arbeitern betrifft.

Ja, der Herr Jesus hat Recht auf die Herrschaft. Einmal wird alles seinen Füßen unterworfen sein, jede Zunge wird bekennen, dass Er Herr ist, und jedes Knie wird sich vor Ihm niederbeugen (Phil 2). Aber Gott will, dass das Recht durch die, die den Herrn nun schon als Herrn angenommen haben, auch jetzt schon anerkannt wird. „Damit er in allen Dingen den Vorrang habe“, hat Gott Ihm alle Macht gegeben und Ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben (Eph 1,22; Kol 1,18). Und in der Versammlung übt der Herr die Leitung durch den Heiligen Geist aus. Da wo Gläubige als Glieder des Leibes Christi in Abhängigkeit von Ihm zusammenkommen, in Anerkennung seiner Rechte zur Ordnung und Regelung aller Dinge, wie Er will, da ist ein Feld des Boas.

Welch ein wunderbares Verhältnis wird zwischen dem Herrn und den Seinen auf seinen Feldern sein! Wir sehen es hier in Vers 4. Wer erfahren hat, was es ist, so auf einem Feld des Boas zu arbeiten, der weiß, wie herrlich das ist. Da lernt man alle seine Güte, seine Weisheit, seine Hilfe, sein Mitgefühl, seinen Trost kennen, wie sonst nirgends.

Es ist schon Jahre her, dass ich mit einem anderen Bruder aus dem Ausland zurückkehrte, wo wir einige Wochen tätig gewesen waren. Wir hatten uns mit vielen Schwierigkeiten beschäftigen müssen und waren leiblich und geistlich todmüde. Auf der Rückreise seufzte er: „Wenn man es bequem haben will, dann darf man nicht in das Werk des Herrn gehen. Wir hätten unsere Zeit eigentlich besser anlegen können.“ „Du hast recht“, antwortete ich, „aber andere Arbeit bringt auch einen anderen Arbeitgeber.“ Darauf sagte er sofort: „Nein, nein, lass uns lieber nicht wechseln!“ Die Person des Arbeitgebers wog die Schwierigkeiten der Arbeit doppelt und dreifach auf.

Boas kommt auf sein eigenes Feld, in die Mitte seiner Knechte und Mägde und segnet sie: „Der Herr sei mit euch!“ Denken wir dabei nicht unmittelbar an Johannes 20,19–23? Der wahre Boas, der auferstandene Herr, kommt in die Mitte der Seinen, die als solche beisammen sind, abgesondert von allen, die Ihm nicht angehören. „Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen da, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und stand in der Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch! Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.“

Kennen wir dies nicht aus Erfahrung, wenn wir um den Herrn versammelt waren? Zuerst zeigte Er uns seine Hände und seine Seite, in dem gebrochenen Brot und dem ausgegossenen Wein, wenn wir an seinem Tisch Platz nahmen. Denn das ist stets das Erste. Freuten wir uns nicht, als wir Ihn sahen? Und war nicht die Antwort auf sein „Friede euch!“ und auf das Anschauen seiner für uns durchbohrten Hände und für uns durchstochenen Seite, dass wir Ihn priesen und Ihm den Dank unserer Herzen brachten (Rt 2,4)? Und dann war Er in unserer Mitte, um uns zu geben, zu unterweisen, Macht zu geben und auszusenden für sein Werk (Joh 20,21–23). Wer sich mit dem Volk des Herrn, das zu seinem Namen versammelt ist, eins macht (Mt 18,20), wird die Freude kennenlernen, mit dem rechtmäßigen Eigentümer des Feldes Gemeinschaft zu haben, und erfahren, dass Ihm alles, was ihn betrifft, wichtig ist.

Wir haben gesehen, dass „der Knecht, der über die Schnitter bestellt war“, ein Vorbild von dem Heiligen Geist ist. Der Heilige Geist ist durch den Herrn aus dem Himmel gesandt, um die Welt zu überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht und uns in die ganze Wahrheit zu leiten (Joh 15,26; 16,7–14). Er ist der wahre Stellvertreter des Herrn auf der Erde. Er übt die Autorität des Herrn Jesus in den Zusammenkünften der Versammlung und auch über die Knechte des Herrn aus (1. Kor 12,4–11; Gal 5,17; Apg 16,6–10). Wir sahen Ihn in 1. Mose 24 schon in demselben Vorbild.

Wenn wir daran denken, wie wunderbar ist dann das, was uns hier vorgestellt wird! Ein Gespräch zwischen göttlichen Personen, und wir sind der Gegenstand dieses Gespräches.

Dies ist nicht die einzige Stelle in der Schrift, wo wir diesen Gedanken finden. In 1. Mose 1,26 ist die Erschaffung des Menschen der Gegenstand eines Gespräches innerhalb der Gottheit, in Hebräer 10,5–10 die Erlösung, in Sacharja 6,13 die Segnung im Tausendjährigen Reiches. In Johannes 17 spricht der Sohn über uns zum Vater. Und im Vorbild finden wir in 1. Mose 24,66, wie der Heilige Geist dem Herrn Jesus, wenn die Versammlung in das Haus des Vaters aufgenommen ist, all die Dinge erzählt, die Er ausgerichtet hat, bei der Berufung der Braut, ihrer Vorbereitung für den Bräutigam und ihrem Zug durch die Wüste hin zu dem Bräutigam.

Aber hier finden wir ein Gespräch über eine einzelne Person, über eine junge Gläubige. Boas fragt nicht, wer, sondern wem diese junge Frau ist. Der Herr Jesus kennt jeden, auch den jüngsten Gläubigen (V. 11). Aber seine Frage ist, w e m wir angehören. Gehören wir der Welt an oder uns selbst oder Ihm? Es geht hier nicht darum, ob wir bekehrt sind. Wer wirklich bekehrt ist, gehört dem Herrn Jesus an, ist sein Eigentum (1. Kor 6,20). Aber ist das auch praktisch so? In Römer 8,9 steht: „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“. Das heißt also, dass man ein Christ im Sinn der Schrift erst ist, wenn man den Heiligen Geist empfangen hat. Und gleich werden wir sehen, dass es tatsächliche bewusste Einsmachung mit Christus bedeutet, sowohl in seinem Tod als in seiner Auferstehung.

Der Herr Jesus hat Interesse an dem geistlichen Wachstum jedes Gläubigen, selbst des jüngsten. Und vor allem ist es Ihm wichtig, w e m wir angehören. Stellen wir uns selbst wohl auch einmal diese Frage? Wenn die Dinge der Welt unser Leben beherrschen, wem gehören wir dann an? Wenn wir unser eigenes Leben führen wollen und so tun, was uns das Beste scheint und wozu wir die meiste Lust haben, gehören wir dann nicht uns selbst? Wenn wir praktisch dem Herrn angehören, dann fragen wir Ihn, was wir tun sollen, und dann ist unser Leben Ihm geweiht. Danach verlangt sein Herz. Und es ist das Bestreben des Heiligen Geistes, das in uns zu bewirken. Denn Er sucht die Ehre des Herrn Jesus (Joh 16,14). Was für eine wunderbare Antwort gibt „der Knecht“. Er spricht nicht von seinem Werk mit Ruth, wie er sie geleitet hat. Er spricht nur von ihr und gibt einen getreuen Bericht von ihrem Auftreten, ihrem Tun und Lassen. Gewiss, er muss sie noch das moabitische Mädchen nennen. Er kann sagen, dass sie aus Moab weggegangen ist, um nach Bethlehem zu kommen. Er kann erzählen, dass sie sich mit Noomi verbunden hat, dem schwachen Zeugnis. Aber sie ist noch nicht mit Boas eins gemacht und also noch die Moabitin.

Wenn jemand wirklich bekehrt ist, ist er durch die Wiedergeburt „geheiligt“, abgesondert von der Welt (1. Pet 1,2–3; 2. Thes 2,13). Er ist nicht mehr im Fleisch (Röm 7,5). Aber dadurch ist er noch nicht im Geist (Röm 8,9), geistlich (1. Kor 2,15). Er kann fleischlich sein (Röm 7,14; 1. Kor 3,3), d.h., er ist wohl wiedergeboren, aber nicht von der Macht der Sünde befreit (Röm 7,14; 1. Kor 3,1), oder das Fleisch hat noch Anziehendes für ihn, wie menschliche Weisheit, Fähigkeit usw., was einen fleischlichen Willen voraussetzt.

Die Israeliten hatten hinter dem Blut des Lammes Schutz gesucht und waren durch das Rote Meer gezogen. Das Rote Meer stellt den Tod und die Auferstehung Christi für uns vor. Im Vorbild hatten sie also teil an all den herrlichen Folgen des Werkes Christi. Gott erkennt sie auch am Horeb als sein Volk an. Und doch sind sie in den Augen Gottes noch mit der Schande Ägyptens bedeckt (Jos 5,9). Diese wird erst von ihnen abgewälzt, als sie freiwillig mit der Lade in den Jordan hinein- und an der anderen Seite wieder hinausgehen, d.h., als sie den Tod und die Auferstehung Christi bewusst für sich in Anspruch nehmen, so dass sie sagen können: „Ich bin mit Christus gestorben und auferstanden“, und als sie danach beschnitten werden, d.h., dass sie den Tod Christi praktisch in ihrem eigenen Leben anwenden (2. Kor 4,10–12).

Das ist der Punkt, wohin der Heilige Geist jeden Gläubigen bringen will. Es ist der Standpunkt des Briefes an die Epheser, auferweckt mit Christus und in Ihm versetzt in die himmlischen Örter (Eph 2,6). Und das setzt Einsmachung mit Ihm, dem verherrlichten Menschen im Himmel, voraus (Eph 1,23). Dazu soll auch Ruth gebracht werden. Aber solange sie sich Boas nicht ganz übergibt, um mit ihm vereinigt zu werden (Rt 3,9), trägt sie noch den Charakter ihrer Abstammung. Sie ist noch die moabitische Ruth.

Aber obwohl sie also noch nicht erwachsen (vollkommen) ist, welch ein gutes Zeugnis wird ihr doch ausgestellt. Sie ist mit Noomi aus den Gefilden Moabs zurückgekehrt. Hier heißt es wieder zuückgekehrt, wie schon in Kapitel 1,22. Es ist, als ob dargelegt werden müsste, dass sie eigentlich nicht zu Moab gehörte, wenn sie auch eine Moabitin war. Sie hat den hochmütigen, unabhängigen Geist Moabs (Jes 16,6) verloren. Sie fühlt, dass alles Gnade ist, und hat deshalb ehrerbietig gefragt, ob sie Ähren lesen dürfe. Diese Demut ist für den Heiligen Geist so kostbar, dass es hier noch einmal angeführt wird, obwohl es in Vers 2 bereits gesagt ist. Aber hier heißt es, dass sie nicht allein bat, auflesen zu dürfen, sondern auch fragte, ob sie unter den Garben sammeln dürfe. Auflesen ist das erste, das Schätzen der Speise Bethlehems. Sammeln geht weiter. Es ist noch nicht das Binden in Garben, aber es geht doch in diese Richtung. Die Seele will bleibendes Gut haben und den Zusammenhang, die Verbindung zwischen all dem, was Gott gibt, sehen. Das erfordert Einsicht in die Segensgedanken Gottes. Und sie fühlt, dass dies gefunden wird, wo die Garben sind, hinter den Schnittern, wo sie, die in der Erkenntnis des Herrn Jesus und der Gedanken Gottes weiter fortgeschritten sind, als Knechte des wahren Boas mit weiten Schlägen das Korn mähen. Der Heilige Geist gibt Acht darauf, ob der junge Gläubige nach dem Wort Gottes Verlangen hat und die Orte besucht, wo dieses Verlangen gestillt werden kann. Es ist das Zeichen gesunden Lebens. Wo gesundes Leben ist, da ist Hunger. Und wenn bei Gläubigen, und speziell bei jungen Gläubigen, kein Verlangen nach dem Wort Gottes vorhanden ist, dann zeugt das von einem schwachen geistlichen Leben. Bei Ruth war dieses Verlangen. Es war so stark, dass sie von morgens früh – wir könnten sagen von ihrer Bekehrung an – voller Eifer auflas und sammelte: Was sie zu Hause saß, war wenig. Der Heilige Geist berichtet dem Herrn, wie unser Leben ist in Verbindung mit seinen Dingen, Er teilt Ihm das wahre Maß unseres Interesses und unseres Eifers mit. Finden wir dasselbe nicht an vielen Stellen in Gottes Wort? Z.B. in 1. Thessalonicher 1,3: „ …„unablässig gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus“.

Boas beginnt nun mit Ruth zu sprechen (V. 8). Achten wir darauf, dass, nachdem Ruth die Initiative ergriffen hat, Ähren zu lesen, und dabei durch die Vorsehung Gottes in Übereinstimmung mit dem Zustand ihres Herzens auf das Feld des Boas gekommen ist, die Initiative ganz durch Boas übernommen wird. Er ermutigt die, die auf seinem Feld sind, und bringt sie weiter, Schritt für Schritt, bis sie den Platz des vollen Segens erreicht haben. Wie könnten sie selber sich dorthin bringen, arm, wie sie sind? Aber er, der Mann, gewaltig an Vermögen, kann und will es tun. Sein Herz verlangt danach, dass jedes der Seinen völlig auf Ihn vertraut, damit Er geben kann, nach dem Reichtum seiner Liebe und Macht.

In welch freundlicher Weise, die sie sofort fühlen lässt, dass Er in Gunst an sie denkt, spricht Er zu ihr. Ein herrliches Vorbild für uns. Geben auch wir geistlich Acht auf die jungen Gläubigen, die in unserer Mitte sind oder in unsere Mitte kommen, und ermuntern wir sie, damit sie geistlich wachsen? Dieses Ermuntern ist nicht allein das Werk alter Gläubiger. Auch der jüngste kann diesen Dienst tun! „Kummer im Herzen des Mannes beugt es nieder, aber ein gutes Wort erfreut es“ (Spr 12,25). Die Welt ist voll bekümmerter Menschen, und auch unter Gläubigen werden sie noch oft gefunden. Nach der Sparsamkeit, mit der wir freundliche Worte gebrauchen, möchte man annehmen, dass sie mindestens 25 Euro das Stück kosten.

Haben wir wohl einmal über die Früchte nachgedacht, sowohl der Wunder und Zeichen des Herrn, als auch seiner Worte? Der Herr hat viele Wunder und Zeichen getan. Aber wie viele Bekehrungen finden wir als Folge davon? In Johannes 2,23 lesen wir: „… glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat.“ Aber es folgt darauf: „Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte“. Wunder und Zeichen können das Gefühl und sogar den Verstand überzeugen. Das Gewissen jedoch wird selten dadurch getroffen. Aber wie viele Millionen sind zur Bekehrung gekommen und wie viele Millionen sind getröstet worden durch die Worte des Herrn! Und Er wünscht, dass wir auch darin seine Nachfolger sind.

In Jesaja 50,4 lesen wir, dass der Herr Jesus sagt: „Der Herr, Herr, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre wie solche, die belehrt werden.“

Ich fürchte, wir besäßen vielfach gern eine Zunge der Belehrten, um zeigen zu können, wie viel wir wissen und wie intelligent wir sind. Dafür hatte der Herr Jesus sie nicht. Aber deshalb sangen die Kinder Korahs auch von Ihm: „Du bist schöner als die Menschensöhne, Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen; darum hat Gott dich gesegnet in Ewigkeit“ (Ps 45,3).

Ist uns schon einmal aufgefallen, dass in Kolosser 3,17 steht: „Alles, was immer ihr tut im Wort oder im Werk“? Wir betrachten Worte gewöhnlich nicht als Taten. Aber Gottes Wort tut es manchmal wohl. Wir können mit Worten viel tun, viel Böses und viel Gutes. Um zu lernen, Gutes zu tun, müssen wir bei dem Herrn Jesus sein. Er sagt: „Lernt von mir!“, als wenn Er hinzufügen wollte: „wie ich auch lernte, als ich auf der Erde war“ (Jes 50,4b).

„Geh nicht, um auf einem anderen Feld aufzulesen“. Der Herr Jesus wünscht nicht, dass wir auf Felder gehen, die nicht die Seinen sind, wo seine Autorität also nicht völlig anerkannt und die Leitung nicht gänzlich dem Heiligen Geist gegeben wird. Er ist ein „Mann, gewaltig an Vermögen“. Alle Felder rundum sind Sein. Er hat Überfluss, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Aber auf seinem Feld regelt Er alles, und da ist kein Platz für menschlichen Willen. Da gilt der Grundsatz: „Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts.“ Ein fleischlicher Gläubiger will davon nichts wissen. „Von da an gingen viele von seinen Jüngern zurück und wandelten nicht mehr mit ihm „ (Joh 6,60–69). Und der Herr fragte die Zwölf: „Wollt ihr etwa auch weggehen?“ Wir wollen nicht vergessen, dass es Jünger waren, die weggingen. Sie blieben Jünger, wollten aber nicht mehr mit Ihm wandeln. Gar nicht mitreden dürfen, nur gehorchen, das ist für das Fleisch zu viel. Wie muss es dem Herzen des Herrn wohl getan haben, dass Petrus antwortete: „Herr, zu w e m sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“. Hier waren Herzen, die an Ihm genug hatten, die fühlten, dass wahrer Segen und wirkliches Leben einzig und allein in einem Leben in Gemeinschaft mit Ihm zu finden waren, in einem Leben, das nur durch seine Weisheit, Liebe und Macht regiert wurde.

„Kein Hausknecht kann zwei Herren dienen ... Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Lk 16,13). Wir können nicht dem Herrn Jesus dienen und der Welt oder uns selbst. Weil wir das versuchen, sind so viele kalte, so viele öde, so viele traurige Herzen in unserer Mitte. Als die Israeliten zum ersten Mal weinten, nachdem sie aus Ägypten erlöst waren, geschah das, weil sie in schlechter Gesellschaft waren, mit dem Mischvolk in ihrer Mitte (4. Mo 11,4).

In Nehemia 13,23.24 lesen wir: „Auch besuchte ich in jenen Tagen die Juden, die asdoditische, ammonitische und moabitische Frauen heimgeführt hatten. Und die Hälfte ihrer Kinder redete asdoditisch und wusste nicht jüdisch zu reden.“ Bei wie vielen Gläubigen sehen wir dasselbe Bild? Die ersten fünf Minuten denkt man, sie seien auf dem Feld des Boas. Aber die folgenden fünf Minuten sprechen sie die Sprache anderer Felder. Und bei ihren Kindern merkt man gewöhnlich sehr rasch, dass sie die Sprache „des Landes“ nicht sprechen.

Wenn wir öffentlich den Platz der Absonderung einnehmen, auf dem Feld sind, wo Boas allein Autorität besitzt und „sein Knecht“ allein alles leitet, und dann auch auf andere Felder gehen, wo nicht a11ein nach dem Willen des Herrn gefragt und dem Heiligen Geist allein die freie Leitung gegeben wird, dann beweist das nur, dass wir zum Herrn und zu seiner Liebe und Macht, uns alles zu geben, was wir brauchen, kein Vertrauen haben und dass wir nicht bereit sind, keinen eigenen Willen zu haben und allein zu fragen: „Herr –, was willst du, dass ich tun soll?“. Gott wünscht, dass wir abgesondert sind, „Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt“ (4. Mo 23,9). „Seid heilig (abgesondert), denn ich bin heilig“ (l. Pet 1,15–17). Und Er wünscht Wahrheit im Herzen. Wenn wir öffentlich den Platz der Absonderung einnehmen, lasst es uns dann auch praktisch tun, so dass Gott auch von uns sagen kann: „Dies sind die, die dem Lamm folgen, wohin irgend es geht“ (Off 14,4).

Vielleicht könnte jemand einwenden, er habe bei denen, die sich so abgesondert versammeln, nicht viel Kraft gesehen. In gewissem Sinn hat er recht, denn die Kraft ist nicht von Menschen, sondern von Gott. Und wie sollten wir äußere Kraft erwarten können, wo der Herr Selbst von ihnen sagt: „Du hast eine kleine Kraft“ (Off 3,8).

Aber haben wir einen rechten Begriff davon, was Gottes Kraft ist? In 1. Könige 19 können wir es lernen. Elia war auch nicht zufrieden mit der Offenbarung der Kraft Gottes. Da sprach Gott zu ihm: „Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr ging vorüber, und ein Wind, groß und stark, zerriss die Berge und zerschmetterte die Felsen vor dem Herrn her; der Herr war nicht in dem Wind. Und nach dem Wind ein Erdbeben; der Herr war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben ein Feuer; der Herr war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer der Ton eines leisen Säuselns. Und es geschah, als Elia es hörte, da verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel und ging hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Und siehe, eine Stimme erging an ihn, die sprach: Was tust du hier, Elia?“

Der natürliche Mensch oder der fleischliche Gläubige würde bei dem Orkan, dem Erdbeben, dem Feuer, gesagt haben: „Wie mächtig, wie ehrfurchtgebietend, wie verzehrend ist die Kraft, die so über die Elemente verfügen kann.“ Aber der Herr war nicht in diesen Dingen, obwohl Er über sie verfügte. Von dem leisen Säuseln würde der Mensch gesagt haben: „Wie schwach“. Aber Gott war darin. Und dieses leise Säuseln bewirkte, dass Elia aus der Höhle hinausging und sein Angesicht mit seinem Mantel verhüllte. Es demütigte ihn und machte ihn in Wahrheit unterwürfig, so dass der Herr ihn über seinen zukünftigen Weg unterrichten konnte. „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen“ (Sach 4,6). Siehe auch 1. Korinther 2,1–5; 2. Korinther 12,9.10.

„Und geh auch nicht weg, sondern halte dich hier zu meinen Jungfrauen“ (Engl. Übersetzung von J.N.Darby und holländische Übersetzung). Oberflächlich betrachtet scheint es, als sagten diese Worte dasselbe wie der vorhergehende Satz. Aber es ist nicht so. Hier geht es um die Gesellschaft, die wir auf dem Feld des Boas suchen sollen. Leider sind die, die sich auf diesem Feld befinden, nicht alle gleich, was den geistlichen Zustand betrifft.

Wir haben bereits bemerkt, dass in den Bildern der Schrift das Weibliche gewöhnlich mit der Stellung und das Männliche mit dem praktischen Zustand in Verbindung steht. Die Schnitter stellen die dar, die das Wort und die Gedanken Gottes objektiv den Gläubigen vorstellen, also die Gaben, die uns das Wort Gottes erklären. Die Jungfrauen werden hier zum ersten Mal genannt. Ihre Arbeit war, die Garben zu binden, also das gemähte Korn aufzusammeln. Aber angesichts der Bedeutung des Weiblichen müssen wir in ihnen hier also die äußere Stellung nach der Wahrheit Gottes sehen, wie die Schnitter sie objektiv aus dem Wort Gottes vorstellen. Sie werden hier jedoch nicht Binderinnen genannt, sondern Jungfrauen (holl. Übersetzung). Das ist von großer Bedeutung.

Von Rebekka, dem Vorbild der Versammlung, wird in 1. Mose 24,16 ausdrücklich gesagt, dass sie eine Jungfrau war und kein Mann sie erkannt hatte. Das war eine Vorbedingung, um die Frau Isaaks zu werden. Der Hohepriester durfte nur eine Jungfrau zur Frau nehmen (3. Mo 21,13.14). In 2. Korinther 11,2 schreibt der Apostel: „Ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen.“ Und in Offenbarung 14 wird von den 144 000 gesagt: „Dies sind die, die sich mit Frauen nicht befleckt haben, denn sie sind Jungfrauen.“ In Hesekiel 16,26–29 wird uns klar gemacht, was Hurerei in den Bildern der Schrift vorstellt: die Absonderung verlassen und Gemeinschaft haben mit etwas anderem als Christus, mit der Welt.

Wenn es um den praktischen Zustand bei denen geht, die auf dem Feld des Boas sind, dann gibt es dort leider auch solche, die ihre Jungfrauschaft nicht bewahrt haben, die nicht allein für den Herrn Jesus sind, sondern auch mit der Welt Gemeinschaft haben. „Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes des Christus sind“, „… des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt“ (Phil 3,18; Gal 6,14).

Der Herr rät uns, geistliche Gesellschaft und geistlichen Umgang zu suchen. „Die jugendlichen Begierden aber fliehe; strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2. Tim 2,22). Und das wird denen gesagt, die sich äußerlich gereinigt und abgesondert haben. Es ist also möglich, äußerlich den Platz der Absonderung einzunehmen – und innerlich nicht rein zu sein und nicht nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden zu streben. Durch Umgang mit fleischlichen, weltlich gesinnten und unwissenden Gläubigen wachsen wir nicht in der Gnade. Wer zunehmen will, muss die Gesellschaft von geistlichen Gläubigen suchen, von solchen, die praktisch verwirklichen, was ihnen aus Gottes Wort vorgestellt wird, und die ein ungeteiltes Herz für den Herrn Jesus haben. Dann kann der Herr segnen und Wachstum geben.

„Deine Augen seien auf das Feld gerichtet, das man schneidet, und geh hinter ihnen her“ (V. 9). Auf dem Feld des Boas wird fortwährend gemäht. Wollen wir von allem ein Teil bekommen – wollen wir nicht zurückbleiben in der Gnade – dann muss unser Auge auf das Feld gerichtet sein und nicht abirren. Dann müssen wir hinter den Schnittern hergehen, damit wir von a l l e m etwas bekommen und in uns kein Gebrechen ist dadurch, dass wir schief gewachsen sind. „Rede zu Aaron und sprich: Jemand von deinem Nachkommen bei ihren Geschlechtern, an dem ein Gebrechen ist, soll nicht herzutreten …,, es sei ein blinder Mann oder ein Lahmer oder ein Spaltnasiger oder der ein Glied zu lang hat oder ein Mann, der einen Bruch am Fuß oder einen Bruch an der Hand hat, oder ein Buckliger oder ein Zwerg oder der einen Flecken an seinem Auge hat usw.“ (3. Mo 21,17–23; 2. Pet 1,9.10; Phil 3,3.15). Der Herr Jesus wünscht keine geistlichen Zwerge oder missgebildete Christen. Er wünscht, dass wir alle vollkommen werden (das Wort „vollkommen“ im Neuen Testament bedeutet „erwachsen“), das heißt, dass wir wachsen zur wirklichen christlichen Stellung, so wie sie uns vor allem im Brief an die Epheser vorgestellt wird. Aber dazu müssen wir die Wahrheit der anderen Briefe, wie die des Römerbriefes, des Korintherbriefes usw. praktisch gelernt haben.

,Habe ich nicht den Knaben geboten, dich nicht anzutasten?“ Hier werden die Schnitter „Knaben“ genannt. Sie werden hier vorgestellt in ihrer männlichen Kraft, wie wir sie in 1. Johannes 2,14 beschrieben finden. Sie sind stark, haben den Bösen überwunden, und das Wort Gottes bleibt in ihnen. Aber dann liegt die Gefahr oft nahe, dass sie vergessen, dass sie selbst auch kleine Kinder, Babies in Christus, gewesen sind, und dass sie nun Babies nicht mehr begreifen und nicht ertragen können. Sehen wir davon nicht Vorbilder z.B. in Matthäus 15,23; Lukas 9,55; 18,15? Wie können wir erwarten, dass Neubekehrte oder solche, die aus Kreisen kommen, wo sie keine Belehrung aus dem Wort empfangen haben, die Dinge richtig sehen und richtig tun? Wir haben Geduld mit ihnen nötig. Wir müssen sie erziehen, damit sie zu Jünglingen heranwachsen und danach, wenn möglich, zu Vätern in Christus. Wie oft sind wir darin zu kurz gekommen. Aber wie freundlich von Boas, Ruth so zu ermutigen und auf diese Weise ihre Furcht wegzunehmen.

„Und wenn du durstig bist, so geh zu den Gefäßen und trink von dem, was die Knaben schöpfen“ (V. 9b). Das Mähen stellt den mündlichen Dienst vor, wie wir gesehen haben. Hier dagegen haben wir einen Dienst, der schon früher stattgefunden hat, wovon das Resultat jedoch zu unserer Verfügung steht. Unser Boas hat durch seine Knechte Fässer voll lebendiger Erfrischung bereitstellen lassen, damit wir davon trinken können, sobald und solange wir Durst haben (Joh 7,38).

In erster Linie haben wir darin das Wort Gottes zu sehen, die durch den Heiligen Geist gegebenen geistlichen Worte, die geistliche Dinge mitteilen (1. Kor 2,9–13). Aber daneben besitzen wir doch auch die großen Schätze in den Betrachtungen der „Knaben“, die stark waren, den Bösen überwunden hatten und in denen das Wort Gottes blieb (1. Joh 2,14). Ermessen wir, welch großen Schatz der Herr damit in unsere Hände gelegt hat? Wenn wir sehen, wie wenig danach gefragt und wie bitter wenig Gebrauch davon gemacht wird, dann müssen wir wohl zu dem Schluss kommen, dass kein Durst vorhanden ist, kein Interesse für die wunderbare Wahrheit Gottes und die Gnadengaben des Herrn Jesus. Aber der Herr hat sie zur Verfügung gestellt. Und Er sagt zu jedem demütigen Ährenleser: „Wenn du durstig bist, so geh zu den Gefäßen und trink von dem, was die Knaben schöpfen.“ Gebe der Herr, dass wir durstige Herzen haben, vor allem die jungen Gläubigen, damit wir mit vollen Zügen trinken von dem, was Er in seiner vorsorgenden Liebe für uns hat bereiten lassen.

Ruth fiel auf ihr Angesicht und beugte sich zur Erde nieder und sprach zu Boas: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Ausländerin bin?“

Wie wenig ist die Seele auf Gottes unerwartete Barmherzigkeiten vorbereitet! Und wie wenig und klein waren diese noch im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte! Aber wie schön ist es, dass sie die Güte des Boas anerkennt und ihre eigene Unwürdigkeit fühlt. Wir finden dasselbe, als Mephiboseth vor dem Urenkel des Boas steht: „Was ist dein Knecht, dass du dich zu einem toten Hund gewandt hast, wie ich einer bin?“ (2. Sam 9,8).

Diese Demut ist immer die Folge, wenn die Seele in die Gegenwart des Herrn kommt. Der gerechte Hiob, der Mann, von dem Gott sagte: „Denn seinesgleichen ist kein Mann auf der Erde, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend“ (Hiob 1,8), sagte von sich selber: „Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42,5.6).

Wie sollten wir uns selbst etwas einbilden können, wenn wir in der Gegenwart dieser herrlichen Person sind? Wenn Hochmut bei uns vorhanden ist, wenn wir von uns selbst etwas denken, so deswegen, weil wir Ihn im Augenblick nicht sehen.

Und gerade seine Gnade und seine Barmherzigkeit sind es, die uns demütig machen. Wenn wir in seiner Gegenwart uns selbst sehen, fragen wir verwirrt: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen?“ Die Antwort finden wir nur in der Erkenntnis seiner Person.

Wenn ich durch unendliche Gnade von dem Herrn Jesus sagen darf: Er ist „der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20), dann kann ich nichts davon begreifen, solange ich auf mich selbst sehe. In mir kann ich nichts finden, das seine Liebe erwecken könnte, im Gegenteil nur Dinge, die Ihn mit Abscheu und Zorn erfüllen müssten.

Aber wenn ich auf Ihn sehe, Ihn besser kennenlerne, dann kann ich es begreifen. Dann begreife ich, dass diese wunderbare Person mich so lieben konnte, dass Er für mich ans Kreuz ging, um dort an meiner Stelle das Gericht eines heiligen Gottes zu tragen, der die Sünde nicht schonen kann. Denn alles in Ihm ist unendlich und vollkommen. Er hat nicht nur lieb, sondern Er ist Liebe.

Wie groß wird Er dann vor meinen Augen. Aber wie klein werde ich im Vergleich zu Ihm. Gerade seine Gnade, seine Barmherzigkeiten machen mich klein und demütig.

„Und Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir alles genau berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tod deines Mannes, und dass du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gezogen bist, das du früher nicht kanntest“ (V. 11).

In Vers 6 und 7 haben wir das Zeugnis des „Knechtes, der über die Schnitter bestellt war“ (des Heiligen Geistes) gehört. Hier finden wir das Zeugnis des Herrn, aber der Person selbst gegenüber ausgesprochen. Wenn wir von uns kein Zeugnis geben als nur, dass alles, was wir getan haben, Gnade ist, gibt der Herr Zeugnis von uns.

Der Herr fordert uns nie auf, von unserer Arbeit zu zeugen oder uns zu verteidigen. Wir müssen von Ihm zeugen und von seinem Werk und für Ihn kämpfen. Wenn wir das tun, wird Er für uns zeugen und uns verteidigen. Und Er kann das unendlich viel besser, als wir es können. Und Er wird uns auch Selbst sagen, was Er über uns denkt.

Welch eine Ermunterung für Ruth! Wie hätte sie denken können, dass die Geschichte einer so armen und fremden Frau einem so mächtigen Mann zu Ohren kommen und dass er alles so anerkennen würde!

Ich denke nicht, dass sie es je als ein Opfer von ihrer Seite betrachtet hat, dass sie Moab verließ, um mit Noomi nach Bethlehem zu gehen. Hat je ein Kind Gottes es als eine gute Tat von sich angesehen, dass es mit seinen Sünden und seiner Schuld zum Herrn ging und Ihn als Herrn und Heiland annahm? Jeder Gläubige fühlt, dass es nur unendliche Gnade war, dass er das tun durfte. Aber Gott in seiner wunderbaren Gnade rechnet es uns als eine große, gute Tat an, dass wir den Herrn Jesus in der Zeit seiner Verwerfung durch die Welt angenommen haben. Und Er hat uns eine große Belohnung gegeben und wird uns bald noch mehr geben, so dass wir schon jetzt und noch mehr bald in der Ewigkeit einen Platz haben über dem Platz und den Segnungen aller Gläubigen vor dem Kreuz und nach der Aufnahme der Versammlung.

Welch eine Ermunterung auch, dass Er alles von uns weiß, auch was die Arbeit für Ihn betrifft. Es kann sein, dass kein Mensch etwas davon sieht oder darüber spricht, ja, dass wir immer im Schatten anderer stehen. Aber Er sieht alles und vergisst nichts. Und ist sein Beifall und sein Lächeln nicht mehr wert als aller Beifall und alles Lob, von welchen Menschen es auch immer sei? Es ist ein kostbarer Augenblick, wenn die Seele sich zum ersten Mal bewusst wird, dass der Herr sie kennt und alles von ihr weiß. Und die Kostbarkeit wird nur umso größer, je mehr wir uns dessen bewusst werden.

Und wie vollkommen weiß der Herr alles von uns und würdigt es! Boas weiß, dass Ruth so viel für ihre Schwiegermutter getan hat, nachdem ihr Mann, die natürliche Verbindung zu Noomi, gestorben war. Wie sie Noomis wegen ihren Vater verlassen hat, den einzigen Mann, mit dem sie noch in Verbindung stand, der – im Vorbild – der Einzige war, der sie in männlicher Energie beschützte. Wie sie ihrer Schwiegermutter wegen sogar ihre Mutter verließ, den Mittelpunkt ihrer natürlichen Liebe und Zuneigungen, und wie sie das Land ihrer Geburt verlassen hat, um zu einem Volk zu gehen, das sie nicht kannte, weil es das Volk Noomis war. Und er sagt es in Worten, die sie mit Abraham, dem Vater der Gläubigen, in Verbindung bringen (1. Mo 12,1; Heb 11,8). Der Herr kennt alle unsere Umstände und alle unsere Schwierigkeiten und alle Gefahren, denen wir ausgesetzt sind. Und Er kann uns in allem verstehen, weil Er in Gnaden für uns in den gleichen Umständen gewesen ist (Heb 2,10.14.18; 4,15). Wovor sollten wir uns denn fürchten?

Wir sehen hier auch, dass, wenn das Herz einfältig und das Auge auf den Herrn gerichtet ist, Er weiß, wie Er den Weg eines armen, schwachen Gläubigen zu einem Zeugnis für Sich selbst machen kann. Wir irren häufig darin, dass wir es uns zum Ziel stecken, ein Zeuge zu sein. Aber das bewirkt gerade, dass wir kein wahres Zeugnis ablegen, als nur vielleicht in den Augen derer, die es nicht beurteilen können. Die wahre Quelle und die wahre Kraft eines Zeugnisses ist, nicht an sich zu denken, sondern nur mit dem Herrn Jesus beschäftigt zu sein. Ruth versuchte nicht, ein Zeuge zu sein. Sie ging den Weg einfacher Pflichterfüllung. Aber dies war verbunden mit wahrer Liebe zu Noomi, und dadurch war es in ihren Gedanken von der Herrlichkeit des wahren Gottes nicht getrennt. Wenn wir in einfältigem Gehorsam unseren Weg gehen – aus Liebe zu dem Herrn Jesus – so macht uns das zu wahren Zeugen von Ihm. Indem wir tun, was Er uns aufträgt, wird Er durch unser Leben der Welt offenbart. Und aus der Hingebung, mit der wir es tun, sieht die Welt, was für eine herrliche Person Er sein muss, dass Er in uns eine solche Hingabe bewirken kann.

Beachten wir wohl, dass sie mehr für ihre Hingabe als für ihr Werk belohnt wird. Wenn sie einfach Ähren gelesen hätte wie andere Frauen, dann würde sie empfangen haben, was ihre Arbeit einbrachte, mehr jedoch nicht. Nun aber Hingebung an eine Person die Triebfeder und Kraft all ihrer Handlungen war, empfängt sie viel mehr, wie wir in den folgenden Versen sehen werden. Und das ist moralisch immer so. Wie groß die Belohnung für treuen Dienst auch sein mag, wenn der Dienst mit Hingabe an den Herrn verbunden ist, wird die Belohnung unendlich viel größer. Und das nicht allein, sondern die Hingabe wird – wie bei Ruth – Schritt für Schritt weiter geleitet zur vollen Ruhe und Ehre und am Ende zum vollkommenen Einswerden mit dem Gegenstand der Hingabe.

„Der Herr vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von dem Herrn, dem Gott Israels, unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist!“ (V. 12)!

Boas segnete sie; es ist ein Segen, den er später mit ihr teilen wird, wie es das Teil eines jeden ist, der segnet. Er wünscht, dass der Herr ihr Werk vergelten möge, und der Herr hat es getan. Sein Auge war auf ihr, als sie sich weigerte, nach Moab zurückzukehren. Er hörte ihre feierliche Versicherung, dass sie durch die offene Tür gehen wolle, als Noomi sie überreden wollte, zurückzukehren. Er rechnete alles das als Werk, das für Ihn getan war. Und Boas, der diesen Segen aussprach, ließ sie bereits erfahren, dass es keine leere Form ist, unter den Flügeln des Gottes Israels Zuflucht zu suchen. Und hier bringt er sie aufs Neue durch seine Worte in Verbindung mit Abraham (1. Mo 15,1).

Welch ein schönes Bild gebraucht Boas für die Sorge Gottes für die Seinen! Es ist das Bild, das Gott Selbst gebraucht. Siehe z.B. 2. Mose 19,4; 5. Mose 32,11. Und auch der Herr Jesus gebraucht das Bild, als Er sagt, wie Er für Jerusalem habe sorgen wollen (Mt 23,37). Sind die Küken unter den Flügeln der Henne nicht vollkommen sicher? Sind Adlerflügel nicht stark genug, um die Jungen sicher zu tragen? Warum sollten wir je für uns selbst sorgen? Wenn Ruth ihre eigenen Dinge gesucht hätte, würde sie sie nie so rasch und so leicht gefunden haben.

„Und sie sprach: Möge ich Gnade finden in deinen Augen, mein Herr! Denn du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet, und doch bin ich nicht wie eine deiner Mägde“ (V. 13).

Welch eine Ermunterung die Worte des Boas für Ruth waren, sehen wir in diesem Vers. Lohn ist nicht das Ziel des Glaubens, aber der Glaube wird dadurch ermutigt. Dabei bleibt ihm bewusst, daß es allein Gnade ist, und er wünscht, noch mehr Gnade zu empfangen. Das ist der Charakter des Glaubens.

Das Fleisch will keine Gnade, weil Gnade empfangen zu müssen, es erniedrigt. Und wenn es weiß, dass nur Gnade Hilfe bringen kann, lehnt es sie als zu groß ab oder schlägt sie aus, indem es sich als zu unwürdig für die Gnade vorstellt. Aber in Wirklichkeit ist auch das Hochmut. Das eigene Ich steht im Mittelpunkt der Gedanken, und es misst die Gnade des Herrn nach dem, was es selbst ist.

Gnade ermutigt die Seele zu freudigem Vertrauen und entspricht ihm dann. Glaube überwindet die Welt und wendet sich dann ganz und mit vollem Vertrauen zu Gott. Er zweifelt nicht an der Gnade Gottes. Er vertraut vollkommen auf Gott und nimmt jedes seiner Worte der Gnade an. Aber dann verlangt er noch mehr Gnade. Und darin verherrlicht er Gott, denn Er ist der Gott aller Gnade. Der Glaube zeigt dadurch, dass er Gott als den großen Geber kennt.

Wir sehen die Gnade des Boas und den Glauben der Ruth hier zusammengehen. Ruth glaubt den Worten des Boas – wenn sie auch weiß und anerkennt, dass es nur Gnade ist – und weiß nun, dass sie in der Gunst des Boas steht. So wissen auch wir, dass wir in der Gunst (oder Gnade) Gottes stehen (Röm 5, 2), seit wir an Den glauben, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat, der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist (Röm 4,24.25). Dieses Bewusstsein macht sie glücklich, aber nicht hochmütig. Sie erkennt seine Autorität über sich an und nennt sich seine Magd.

Beachten wir wohl, dass Boas zum Herzen Ruths sprach. Das tut der Herr auch stets. Er spricht nicht viel zum Verstand, Er spricht zum Herzen und zum Gewissen, zum Herzen, um die Gefühle zu wecken, und zum Gewissen, um es zur Erkenntnis seines Zustandes zu bringen. Das ist eine gute Lektion für uns. Es hat keinen Wert, dass der Verstand bekehrt wird. Das Gewissen muss in das Licht Gottes kommen, und die Gefühle des Herzens müssen aufwachen.

Ruth erkennt die Autorität des Boas über sich an und nennt sich seine Magd. Aber sie fügt hinzu, dass sie nicht ist wie eine seiner Mägde. Sie hatte immer die Mädchen von Moab miterlebt – und wusste, wie sie waren. Sie war eine von ihnen. Und nun sieht sie die Töchter Bethlehems, die Boas dienten und Jungfrauen waren, also keine Gemeinschaft mit der Welt hatten. Nun sieht sie den Unterschied.

Eine Schwester erzählte mir einmal, was sie gedacht habe, als sie, gerade aus der Welt bekehrt, zum ersten Mal in die Sonntagmorgenzusammenkunft kam. Sie sah, dass alle Schwestern langes Haar und alle das Haupt bedeckt hatten. Sie sah ihr Äußeres und ihr Verhalten beim Mahl des Herrn, und sie dachte: „Das sind so heilige Menschen, da gehöre ich nicht dazwischen.“ Aber genau wie Ruth konnte sie doch nicht weggehen, denn sie fühlte, dass unser Boas gegenwärtig war. Und bei Ihm wollte sie sein.

Eine Schwester, die dem Herrn dient und allein für Ihn – also seine Magd – sein will, wird das auch in ihrem Äußeren zur Schau tragen. Sie wird auch darin fragen, wie sie dem Herrn wohlgefällig sein und Ihm dienen kann. Sie wird „in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit sich schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern – Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen – durch gute Werke“ (1. Tim 2,9.10).

Die große Zartheit und Freundlichkeit dieses vermögenden Mannes von Bethlehem ist für die arme moabitische Frau in allen seinen Worten und Taten sichtbar. Seine ganze Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet, und seine unerwartete Gnade spricht zu ihrem Herzen, wie sie sagt. Doch missbraucht sie seine Güte nicht. Da ist keine Vertrautheit, keine Dreistigkeit in Wort oder Tat. Er hat sich in Gnaden zu ihr herabgelassen, aber das führt sie nur dazu, sich selbstzu erniedrigen und ihn zu erhöhen. Sie beugt sich vor ihm zur Erde nieder und erkennt ihre Unwürdigkeit. Sie ist „eine Ausländerin“ und nicht wie eine seiner Mägde. Doch nimmt sie in Demut und staunender Bewunderung alles hin, was er für sie tut – eine würdige Schwester so vieler Frauen in den Evangelien.

„Und zur Essenszeit sprach Boas zu ihr: Tritt hierher und iss vom Brot und tauche deinen Bissen in den Essig. Da setzte sie sich zur Seite der Schnitter; und er reichte ihr geröstete Körner, und sie aß und wurde satt und ließ übrig“ (V. 14).

Wie wir sahen, ging Ruth in einfacher Pflichterfüllung in Demut ihren Weg. Aber Boas dachte an sie und wollte, dass auch andere erführen, was seine Gnade in diesem moabitischen Mädchen und für sie gewirkt hatte. Darum lädt er sie zu einer Mahlzeit ein. Welch eine Gunstbezeigung für diese arme Ausländerin!

Ruth lehnt nicht ab. Sie tat stets, was er ihr sagte, und infolgedessen erlangte sie so viele Segnungen. Sie sagte nicht, sie sei zu gering oder ihre Kleider seien nicht gut genug und sie könne deshalb die Einladung nicht annehmen. Das Geheimnis, um Segen zu empfangen und in der Gnade zu wachsen, ist, stets zu tun, was der Herr sagt. Er sagt uns nichts, von dem Er nicht wünscht, dass wir es tun. Und Er will uns stets Kraft geben, gehorsam zu sein.

Ruth war eine eifrige Ährenleserin. Aber der Herr wünscht nicht, dass wir immerfort arbeiten. Er will, dass wir uns auch die Zeit nehmen, zu essen und mit Ihm zusammen zu sein. Als die Jünger zu Ihm kamen, um Ihm zu berichten „alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten“ (Mk 6,30), sagte Er zu ihnen: „Kommt ihr selbst her an einen öden Ort für euch allein und ruht ein wenig aus“. Wir sind oft so mit unseren Worten und Taten beschäftigt, dass wir geneigt sind zu denken, die Kraft und Allgenugsamkeit des Werkes sei von uns selber und nicht von Ihm. Dann haben wir nötig, eine Weile mit Ihm allein zu sein und zu ruhen. Je häufiger wir zu seinen Füßen sitzen, um Ihm zu lauschen und Gemeinschaft mit Ihm zu haben, und dann aus dieser Stellung heraus ans Werk gehen, umso gesegneter und fruchtbringender wird unser Dienst sein. Ruth hatte am Ende nicht weniger Ähren gesammelt, als wenn sie die Essenszeit hindurch an der Arbeit geblieben wäre. Im Gegenteil, weil Boas so gut für sie sorgte, hatte sie jetzt viel mehr. Und dabei war sie gesättigt durch das, was Boas ihr gegeben hatte, und sie hatte davon übrig behalten, um es Noomi zu bringen.

Im täglichen Leben wird es niemandem einfallen, sechs Tage nur zu arbeiten und allein sonntags zu essen. Aber mit den geistlichen Dingen tun das viele Christen. Sie meinen, es reiche hin, sonntags zu den Füßen des Herrn zu sitzen und geistliche Speise zu sich zu nehmen. Darum gibt es so viele schwache, kraftlose Christen. Das neue geistliche Leben, das wir in der Wiedergeburt empfangen haben, braucht tägliche Nahrung und passende Nahrung. Christus ist das Brot für dieses Leben (Joh 6,35). Für die Erhaltung dieses Lebens ist es nötig, täglich – durch den Glauben – zu würdigen, was Christus ist und was Er getan hat (Joh 6,56). Tag für Tag müssen wir unser Maß von dem Manna, unser Teil1 sammeln und essen (Joh 6,27; Jos 5,11).

Ruth hatte schon bei ihrem Ährenlesen Speise eingesammelt. Wir können in einem biblischen Vortrag, einer Ansprache, dem Lesen einer Betrachtung oder beim Lesen des Wortes Gottes selbst viel empfangen. Aber hier geht es weiter. Sie wird eingeladen, am Tisch des Boas Platz zu nehmen und mit Ihm zusammen zu essen. Es ist die gleiche Speise, aber sie empfängt sie jetzt – direkt aus seiner Hand, und sie isst sie zusammen mit Ihm. Das ist Gemeinschaft, Teilhaberschaft. Und das ist auch der Gedanke, den die Schrift gewöhnlich mit einem „Tisch“ verbindet.

Da sieht sie, wie Boas für seine Knaben und seine Mägde sorgt. Welch einen Überfluss an kostbarem Essen und Trinken empfangen sie aus der Hand ihres Meisters, dieses Mannes, gewaltig an Vermögen. Haben wir es nicht auch erfahren?

Aber alles, was jene empfangen, ist auch für sie! Sein Herz und seine Hände sind für sie so offen, wie für die, die Ihm schon länger gedient haben, wie unwürdig sie sich hierfür auch fühlen mag. Sie darf an der Seite der Schnitter sitzen, dieser großen Arbeiter in seiner Ernte, und zusammen mit ihnen alles genießen, was seine Güte ihnen schenkt. Eine Mahlzeit aller, die mit Boas in Verbindung stehen. Und Er ist das Haupt des Tisches. Denken wir hierbei nicht an das Dankopfer in 3. Mose 3 und 7? Da sehen wir die ganze Familie Gottes rund um den Altar, von dem geschlachteten Opfer essend, die Söhne Aarons, der Opfernde, jeder von dem Volk, der rein ist. Aber auch Gott hat sein Teil, in 3. Mose 3,11.16, seine Speise, sein Brot genannt. Und auch Aaron, als Vorbild des Herrn Jesus, hat ein Teil (3. Mo 7,31).

In Johannes 6,27–35 sehen wir, dass das Brot, das unser Boas uns gibt, das Manna ist, die Erinnerung an den auf der Erde lebenden Herrn Jesus. Das ist unsere Nahrung für die Wüste, diese Welt, durch die wir zu gehen haben. Er was als Mensch auf der Erde und ging durch alle Umstände, durch die wir als Gläubige hier auf der Erde gehen können. Er wurde versucht wie wir, ausgenommen die Sünde. Er war hungrig, durstig, müde (Joh 4). Er stand am Grab eines Geliebten und weinte (Joh 11). Er war einsam (Ps 102,6.7) und suchte nach Mitleid und Tröstern (Ps 69). Ja, in all unserer Bedrängnis war Er bedrängt (Jes 63,9; Heb 2,10.14.18). Indem wir Ihn so sehen und bewundern, werden wir gespeist. Es ist das Brot der Starken, nämlich der Engel, durch das diese mächtigen Knechte Gottes die Kraft zu ihrem Dienst empfangen (Ps 78,23–25), und durch das auch wir Kraft empfangen, um in einer Welt, in der Satan regiert und der Herr Jesus verworfen ist, Gott zu dienen und seinen Willen zu vollbringen. Das ist das Erste, was wir als Gläubige hier in der Welt brauchen und was Gott jedem gibt.

Aber dann darf Ruth ihr Brot in den Essig tauchen. Das hebräische und griechische Wort für Essig kommt außer hier nur vor in 4. Mose 6,3; Sprüche 10,26; 25,20; Psalm 69,22; Matthäus 27,48 und vielleicht Vers 34; Markus 15,36; Lukas 23,36; Johannes 19,29.30. Alle Stellen im Neuen Testament und in Psalm 69,22 stehen in Verbindung mit dem Leiden des Herrn am Kreuz und besonders mit seinem Ertragen des Gerichts Gottes, als der Herr für uns zur Sünde gemacht wurde. Nun, Ruth darf ihren Bissen in den Essig tauchen. Bringt uns das nicht zu dem Zug durch den Jordan und zu der Beschneidung des Volkes (Jos 4.5)? Das Rote Meer stellt uns im Vorbild den Tod und die Auferstehung des Herrn f ü r  u n s vor. Dadurch kommen wir in die Wüste. Der Jordan stellt uns den Tod und die Auferstehung des Herrn vor und unseren Tod und unsere Auferstehung mit Ihm. Dadurch kommen wir in das Land. Und sobald das Volk im Land ist, muss es beschnitten werden, was in der Wüste nicht geschehen war. Wenn wir den Tod und die Auferstehung des Herrn für uns selbst in Anspruch nehmen, dann müssen wir beschnitten werden. Das ist die praktische Anwendung unseres Gestorbenseins mit Christus.

Wenn wir im Land sind und beschnitten sind, bekommen wir jedoch andere Speise. Da hört das Manna auf, und wir erhalten das vorjährige Korn, ungesäuertes Brot und geröstete Körner (Jos 5,11–12). Das gibt Boas jetzt auch Ruth. Es stellt den verherrlichten Herrn im Himmel vor, der die Speise ist für die, die in Ihm in die himmlischen Örter versetzt sind. Natürlich ist jeder Gläubige jetzt in Christus in die himmlischen Örter versetzt (Eph 2, 6). Aber wie wenige wissen das und verwirklichen es in ihren Herzen. Viele kommen über das Passah (2. Mo 12) nicht hinaus. Sie haben ihre Sünden gesehen und suchen hinter dem Blut Zuflucht, um nicht durch das Gericht Gottes getroffen zu werden. Sie sehen Gott als den schrecklichen Richter und hoffen, dass das Gericht sie nicht trifft. Sie meinen aber häufig, dass sie es erst sicher wissen werden, wenn der Tag des Gerichts vorbei sein wird. Andere sind weitergegangen zum Roten Meer. Sie wissen, dass sie vor dem Gericht sicher sind und haben gesehen, dass Gott für ihre Feinde ein Richter ist, aber ihr Freund. Er Selbst gab den Herrn Jesus für sie hin. Das ist die Stellung von Römer 8. Es ist die Stellung in der Wüste, jedoch in der Gunst Gottes, wie wir es in 2. Mose 15–18 finden. Wie wenige jedoch verwirklichen die Wahrheit des Briefes an die Epheser in ihren Herzen, nämlich dass sie gestorben sind, aber mit Christus auferweckt und in Ihm in den Himmel versetzt, dass sie nun also bereits im Glauben im Himmel leben und all die himmlischen Schätze in Besitz nehmen können (Eph 1,3). Das ist die wahre christliche Stellung. Dazu will der Herr auch uns bringen. Und dazu gibt Boas der Ruth geröstete Körner, die Speise für die, die in den himmlischen Örtern sind. Wenn wir diese herrliche Speise schmecken – den verherrlichten Christus im Himmel, dann verlangen wir danach, weiterzukommen, um diese Stellung praktisch zu kennen und einzunehmen.

Es gibt ein Teil, das alle Gläubigen gemeinsam haben, weil es für jeden bereitet ist. Das ist alles, was mit der christlichen Stellung in Verbindung steht. Jeder Gläubige kann sich von dem Manna nähren, kann den Tod und die Auferstehung Christi für sich in Anspruch nehmen, kann von dem vorjährigen Korn, dem gerösteten Korn, essen. Jeder hat einen Platz am Tisch des Herrn und kann am Abendmahl des Herrn teilnehmen, es sei denn, dass bei ihm selbst Hindernisse vorliegen. Aber es gibt auch persönliche Segnungen und persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn. Das steht mehr mit unserem praktischen Zustand in Verbindung. „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,23). Das sind die Segnungen, die wir empfangen, und die Gemeinschaft, die wir genießen über das allgemeine Teil aller Gläubigen hinaus. Dem Überwinder in Pergamus sagt der Herr: „Ich werde ihm von dem verborgenen Manna geben; und ich werde ihm ' einen weißen Stein geben, und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur der, der ihn empfängt“ (Off 2,17). Das ist ein persönliches Geheimnis zwischen dem Herrn und dem Empfänger, ein persönlicher Gunstbeweis des Herrn. Wir finden davon verschiedene Vorbilder in der Schrift, ebenso von persönlicher Zucht in den Erziehungswegen des Vaters. Wir sind nicht nur Teile eines großen Ganzen. Es gibt auch eine persönliche Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn und eine persönliche Leitung und Erziehung. Siehe z.B. Apostelgeschichte 23,11; 2. Korinther 12,2–9; 2. Timotheus 4,17.

Aber wenn unser Herz praktisch mit dem Herrn verbunden ist, dann empfangen wir oft auch die allgemeinen Dinge persönlich aus seiner Hand – als einen persönlichen Gunstbeweis. Das sehen wir hier auch bei Ruth. Boas reicht ihr mit eigener Hand das geröstete Korn. Machte das den Wert nicht doppelt groß? Kennen wir das auch aus Erfahrung?

Der Herr gibt so reichlich, dass es nicht allein für uns selber genug ist, sondern dass wir davon anderen geben können. Ruth aß, wurde satt und ließ übrig. Das konnte sie später Noomi geben. Gerade was wir in der persönlichen Gemeinschaft mit dem Herrn empfangen, macht uns zu einer Quelle des Segens und der Ermunterung für andere.

„Und sie stand auf, um aufzulesen; und Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und ihr sollt sogar aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten“ (V. 15–16).

Ruth erfährt nun, dass das Resultat ihres Ährenlesens nicht allein von ihrem Eifer abhängig ist. „Der Segen des Herrn, er macht reich“. In Apostelgeschichte 14,1 wird gesagt, dass Paulus und Barnabas so sprachen, dass eine große Menge glaubte. Aber fünf Verse vorher steht, dass so viele glaubten, wie zum ewigen Leben verordnet waren. Gott gibt das Wachstum (l. Kor 3,5–8). Ruth war eifrig. Darum steht sie auch unmittelbar nach der Mahlzeit auf und arbeitet bis zum Abend. Aber all ihr eifriges Arbeiten hätte ihr nicht solch ein Resultat eingebracht, wie sie es jetzt durch die Güte des Boas hat. Und Boas kann ihr seine Güte erzeigen, weil sie in allem tut, was er ihr sagt, auch als er sie auffordert, nun ein Weilchen zu ruhen und zu essen.

Und beachten wir wohl, dass Ruth nicht langsamer arbeitete oder innehielt, als sie so unerwartet viel auflas. Sie war eine Frau des Glaubens. Jede Handvoll, die sie auflas, machte ihr Begehren größer, von dem kostbaren Korn des Feldes des Boas noch mehr zu empfangen.

Welch eine Güte, aber auch welche Weisheit und welchen Takt offenbarte Boas Ruth gegenüber! Er ließ ihr nicht auf einmal einige Garben geben. Das hätte für seine Knechte und für Ruth ein ganzes Teil weniger Arbeit bedeutet. Aber Boas wusste, dass das, was wir durch eigene Arbeit uns zu eigen machen, für uns viel mehr Wert besitzt, als das, was wir geschenkt bekommen. So handelt der Herr auch. Er gibt die Wahrheit nicht in Abrissen, die so gedrängt wie möglich alles darlegen. Er beginnt damit, einen Grundsatz vorzustellen, manchmal in Verbindung mit einem Ereignis oder einer Person. Dann gibt Er an einer anderen Stelle wieder eine Seite der Wahrheit usw. So lernen wir durch eifriges Suchen und Forschen in seinem Wort die Wahrheit kennen, aber nur, wenn wir die Wahrheit so kostbar finden, dass wir Zeit und Mühe darauf verwenden, Gottes Gedanken kennenzulernen.

So ist es auch im Dienst. Hat der Herr einen jeden von uns nicht oft solch eine Handvoll finden lassen? Manchmal, wenn wir es ganz und gar nicht erwarteten. Und Er hat auch uns den Auftrag gegeben, hin und wieder so eine Handvoll für andere fallen zu lassen. „Wir aber, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen“ (Röm 15,1). „Einer trage des anderen Lasten“ (Gal 6,2). Siehe auch 1. Thessalonicher 5,14.15. Wenn die Brüder, die in den Zusammenkünften sprechen, auch an die Neubekehrten und Schwachen denken, wird das in ihrem Dienst zum Ausdruck kommen. Sie kennen bisweilen besondere Bedürfnisse und können dann und wann einmal eine Handvoll fallen lassen.

Aber sie dürfen sich darin Boas zum Vorbild nehmen. Er gab nicht direkt und öffentlich. Er ließ es fallen, so dass Ruth es aufnehmen konnte. Weder die infrage kommende Person noch die anderen Anwesenden sollten merken, dass die Handvoll für eine bestimmte Person fallen gelassen wurde. Es darf nicht persönlich werden oder Aufsehen erregen.

„Und sie las auf dem Feld auf bis zum Abend, und sie schlug aus, was sie aufgelesen hatte, und es war etwa ein Epha Gerste“ (V. 17).

Wir haben bereits gesehen, dass Ruth durch einen großen Eifer gekennzeichnet wurde, alles das in Besitz zu nehmen, was Gnade zur Verfügung stellte. Das sehen wir hier aufs Neue; sie las auf bis zum Abend. Wird dieser Eifer auch bei uns gefunden?

Junge Menschen denken häufig, ernsthaftes Bibelstudium sei besonders etwas für ältere Brüder und Schwestern. Aber das ist ein großer Irrtum. Die beste Zeit liegt zwischen dem fünfzehnten und dem fünfunddreißigsten Lebensjahr. Wenn wir jung sind, ist für uns alles noch frisch, und wir genießen doppelt von all den Segnungen, die Gottes Wort uns vorstellt. Unser Leben wird dann geformt, und die Gedanken Gottes können noch ihren Stempel auf unser Leben drücken. Aber daneben ist unser Gedächtnis dann noch viel besser imstande, das, was wir lesen, festzuhalten. Es wird nicht viele ältere Brüder geben, die das Wort lieb haben, denen es nicht leidtut, dass sie in ihren jungen Jahren nicht eifriger die Schriften erforscht haben.

Ruth schlug die Ähren, die sie aufgelesen hatte, auch aus. Sie wollte wissen, was sie wirklich gesammelt hatte. Korn kann ohne Stroh nicht wachsen. Aber im Stroh ist keine Nahrung für den Menschen. In Ansprachen und Betrachtungen muss es manchmal auch Stroh geben: Bilder, um eine Wahrheit deutlich zu machen, zwei- oder dreimalige Wiederholungen, damit die Dinge begriffen und behalten werden. Dazu kommt noch die Schwachheit des Ausdrucks, die jedem Menschen eigen ist. Und manchmal gibt es viel Stroh, ja, da muss man nach Korn suchen, wenn der Redner versucht, interessant zu sprechen, wenn er gewollt populär ist, die Dinge anders sagen will als die anderen, neue Dinge bringen will und dergleichen. Das einzige Mittel, viel Korn geben zu können, finden wir in 1. Petrus 4,11: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche (oder Orakel) Gottes“. Das griechische Wort für „Aussprüche“ kommt nur hier und in Apostelgeschichte 7,38, Römer 3,2 und Hebräer 5,12 vor. Im klassischen Griechisch wurde es für die Aussprüche der Götter gebraucht, wenn man ihre Meinung befragte, z.B. in dem bekannten Orakel von Delphi. Es will also nicht nur sagen, dass das, was der Redner sagt, in Übereinstimmung mit Gottes Wort sein muss, sondern dass er die Worte reden muss, von denen Gott unter den betreffenden Umständen in diesem betreffenden Augenblick will, dass er sie ausspricht: „Es spricht, der die Worte Gottes hört, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht“ (4. Mo 24,4, vergl. 1. Kor 2,13). Das ist nur möglich, wenn man sich durch den Heiligen Geist gebrauchen lässt und nicht selbst etwas tun will.

Wir nehmen oft nur das Stroh mit nach Hause, wenn wir in einer Zusammenkunft gewesen sind. Wir behalten die Mängel im Vortrag, in der Wortwahl, oder gerade die schöne äußere Form, in der etwas gebracht wurde. Aber Ruth hatte kein Interesse für das Stroh. Sie schlug die Gerste aus, um sie mit nach Hause zu nehmen. Nur darin ist Nahrung enthalten. Sie beschäftigte sich aufs Neue mit den Ähren, um zu sehen, was wirklich Gerste war, und das nahm sie mit. In 3. Mose 11 sind nur die Tiere rein, die wiederkäuen, nur sie dürfen gegessen werden. Und in 5. Mose 18,3 wird unter dem Anteil, den der Priester von den Opfern bekam, der Magen genannt; der Priester musste lernen, wiederzukäuen, die empfangene Speise zu verarbeiten. Tun wir es auch mit dem, was wir für uns selbst in der Schrift oder in Betrachtungen lesen oder was wir in den Zusammenkünften hören? Und werfen wir dann das Stroh fort, so dass wir nur das Korn übrig behalten? Von Isaak wird gesagt, dass er ausging, um auf dem Feld zu sinnen (1. Mo 24,63).

Nun weiß Ruth auch den wirklichen Wert von dem, was sie eingesammelt hat. Sie hat ein Epha Gerste, nach 2. Mose 16,16 und 36 Nahrung für zehn Tage, aber auch hinreichend als Speisopfer für die Weihung von zehn Priestern. Nun kann sie nach Hause gehen, um auch Noomi an ihrem Überfluss teilhaben zu lassen. Wenn wir wissen, was wir empfangen haben, und das selber verarbeitet haben, indem wir darüber nachgedacht haben, können wir andere an unserem Überfluss teilnehmen lassen.

„Und sie nahm es auf und kam in die Stadt, und ihre Schwiegermutter sah, was sie aufgelesen hatte; und sie zog hervor und gab ihr, was sie übrig gelassen, nachdem sie sich gesättigt hatte“ (V. 18).

Römer 14,7 sagt: „Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst“. Ruth hatte eingesammelt, und sie schämt sich nicht, es öffentlich in die Stadt mitzunehmen, so dass jeder sehen kann, was ein Ährenleser auf den Feldern des Boas sammeln kann. Sie bringt Speise in die Stadt, damit dort kein Hunger ist. Es ist das Gegenteil von dem, was die bösen und nichtswürdigen Männer von 1. Samuel 30,22 wollten. Sie waren bei David gewesen, als er die Amalekiter schlug und hatten Beute gemacht. Aber sie wollten denen nichts abgeben, die aus Mangel an Kraft für den Kampf nicht mitgezogen waren. Das war nicht die Gesinnung Davids. Er gab allen das gleiche Teil. Diese Gesinnung hatte auch Ruth.

Aber in der Stadt brachte Ruth alles in das Haus der Noomi, denn dort wohnte sie. Bei der Betrachtung von Kapitel 1,5 haben wir gesehen, dass Noomi ein Bild von dem Zeugnis ist in seiner wahren Stellung. Dorthin brachte Ruth alles, was sie gesammelt hatte. Sie dachte nicht nur an sich selbst, sondern an das Zeugnis. Und alles, was sie in geistlicher Kraft auf einem geistlichen Weg empfangen hatte, war für das Zeugnis, für die ganze Gemeinde (die Stadt), aber gebracht zu Noomi, dem Zeugnis, mit dem sie sich einsgemacht hatte.

Das ist der Wille des Herrn, wie Gottes Wort es uns so deutlich sagt, siehe z.B. Kolosser 2,19; Epheser 4,11–16; 1. Korinther 12,14–27. „Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maße jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.“ Gebe Gott, dass wir alle hiervon tief durchdrungen sind, damit alles, was wir an geistlichen Gütern empfangen, von uns zur Nahrung für alle in das Zeugnis mitgebracht wird.

Das soll nicht heißen, dass alles öffentlich in die Zusammenkünfte gebracht werden müsste. Das würde bedeuten, dass keine der Schwestern und nur die wenigsten Brüder diesen Dienst tun könnten. Aber Epheser 4,16 spricht von jedem! In unseren persönlichen Gesprächen, während unserer gegenseitigen Besuche, ja bei jeder Gelegenheit können wir mitteilen, was wir selbst empfangen haben, so dass alle Segen davon haben und in der Gnade wachsen. Das wird auch auf den Dienst in den Zusammenkünften Einfluss haben, so dass die ganze Sphäre eine Sphäre des geistlichen Überflusses werden wird.

Sogar unsere persönlichen Erfahrungen mit dem Herrn, unsere persönliche Gemeinschaft, seine persönlichen Gunstbezeigungen gegen uns können Nahrung für andere sein: Ruth gab Noomi, was sie übrig behalten hatte, nachdem sie gesättigt war, also von dem gerösteten Korn, das sie von Boas empfangen hatte.

Ich meine damit gewiss nicht, dass wir über unsere Gefühle sprechen müssen und von allen wirklichen oder auch vermeintlichen Erfahrungen immer wieder aufs Neue erzählen sollen. Aber unsere persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn und unsere Erfahrungen mit Ihm drücken ihren Stempel auf unsere ganze Äußerungsart in Wort und Wandel und auf unseren Dienst. Und in gewissen Fällen wird der Herr eine gewisse Erfahrung gebrauchen können, um andere dadurch zu ermuntern. Hat Gott nicht durch Paulus bestimmte Gunstbezeigungen in seinem Wort niederschreiben lassen, um uns dadurch zu ermuntern? Denken wir nur an die bei Vers 14 genannten Stellen, Apostelgeschichte 23,11; 2. Korinther 12,2–9 und 2. Timotheus 4, 17.

„Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich beachtet hat! Und sie teilte ihrer Schwiegermutter mit, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Name des Mannes, bei dem ich heue gearbeitet habe, ist Boas“ (V. 19).

Der Apostel Paulus konnte an die Thessalonicher schreiben: „Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1. Thes 1,8–10). Die Welt verkündigte ihre Bekehrung und die Folgen dieser Bekehrung.

So war es auch mit Ruth. Sie hatte noch nichts gesagt oder erzählt, als Noomi sie fragte; die Früchte, die sie mitbrachte, waren Zeugnis genug. Wenn jemand den ganzen Tag auf dem Feld des Boas Ähren gelesen und solche persönlichen Begegnungen mit ihm gehabt hat, wird das von anderen gesehen werden. Der Gesichtsausdruck, die Kleidung, die Haltung, der geistliche Reichtum zeugen davon, ob jemand mit dem Herrn Umgang hat und auf seinem Feld Nahrung und Reichtum sucht. „Warum wiegt ihr Geld ab für das, was nicht Brot ist, und euren Erwerb für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich und esst das Gute, und eure Seele labe sich an Fettem!“ (Jes 55,2). Ohne dass Ruth ein Wort gesagt hat, weiß Noomi, dass eine Person da sein muss, die Ruth wohlgetan hat, und dass es eine wunderbare Person sein muss. Sie segnet ihn.

Ruth wusste, was sie gesammelt hatte (V. 17), aber sie wusste auch, bei wem sie gearbeitet hatte. Noomi fragt, wo sie aufgelesen und gearbeitet habe, Ruth dagegen erzählt, bei wem sie gearbeitet hat. Nicht der Ort, sondern die Person ist das Wichtigste für sie geworden. Dadurch hat der Ort nichts von seiner Kostbarkeit verloren. Nein, er ist unendlich kostbar, weil sie ihn da finden kann und es sein Feld ist. Der Ort, an dem der Herr Jesus die Seinen um Sich versammelt (Mt 18,20), ist für das Herz, das diesen Platz wirklich kennt, so kostbar, nicht weil man dort so viele Segnungen empfängt – obwohl das wahr ist, – sondern weil Er da ist und weil wir dort bei Ihm sein dürfen, schon jetzt auf der Erde.

Es zeigt sich, dass Ruth nicht wusste, dass Noomi Boas kannte, und dass Noomi also nie mit Ruth über ihn gesprochen hatte. Was für ein trauriges Zeugnis! Boas hatte im Herzen und Leben Noomis nie einen großen und alles beherrschenden Platz eingenommen. Sie hatte noch nie in Wahrheit von Herzen singen können:

Mein Jesus, Du bist meine Freude, mein Gold, mein Schatz, mein schönstes Bild, nur Du bist meine Lust und Weide und was mein Herz für ewig stillt.

Wissen die, die mit uns in Berührung kommen, dass wir den Herrn Jesus kennen? Und haben sie einen Eindruck bekommen, wer Er ist, dadurch, dass sie sahen, wer Er für uns ist?

Ruth hatte Boas nun in den Erfahrungen dieses Tages persönlich kennengelernt. Sie wusste nun auch seinen Namen. Der Name Boas bedeutet: In ihm ist Stärke. Welch ein Trost, welch eine Ermunterung und Freude für eine arme, schwache Witwe, die nichts hatte, worauf sie sich lehnen konnte, in der Gunst eines solchen Mannes zu stehen und seine Fürsorge und Güte zu erfahren. Voller Freude nennt sie Noomi seinen Namen.

„Ein ausgegossenes Salböl ist dein Name, darum lieben dich die Jungfrauen“, sagt die Braut im Hohenlied prophetisch über den Herrn Jesus (Kap. 1,3). Und die Söhne Korahs singen in Psalm 45: „Du bist schöner als die Menschensöhne, Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen.“ (V. 3)

Wer kann ermessen, was der Name „Jesus“ einschließt? Wer kann beschreiben, was in dem Herzen eines Menschen vorgeht, der Ihn wirklich kennengelernt hat? Nicht allein als seinen Heiland, so wunderbar das schon ist, sondern auch, wer Er in allen Umständen des Lebens für uns ist, in allen Schwierigkeiten und Leiden, allen Gefahren, aller Untreue, aller Freude. Und noch mehr, was Er persönlich ist, die Herrlichkeiten seiner Person und seines Werkes auf dem Kreuz, wie sie der Vater uns in offenen Worten und in den Tausenden von Schatten und Vorbildern in seinem Wort kundtut. Der Apostel Johannes ruft voller Entzücken aus: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Und Gott hat Johannes und andere niederschreiben lassen, was sie gesehen haben, damit auch wir es sehen könnten. Haben wir es gesehen? Sehen wir es auch heute?

Die große Linie im Buch Ruth ist, dass die Gnade im Herzen Gefühle weckt – Zuneigungen, die nach Befriedigung verlangen. Wenn diese Liebe da ist, ergreift der Glaube die Gnade, um befriedigt zu werden. Und die Gnade tut nichts lieber, als dem Glauben zu entsprechen. Aber das finden wir in den Kapiteln 3 und 4. Hier haben wir nur die Liebe, die durch Boas in dem Herzen Ruths geweckt wird.

„Da sprach Noomi zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er von dem Herrn, dessen Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten! Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann ist nah verwandt mit uns, er ist einer von unseren Blutsverwandten [Eig. Lösern]“(V. 20).

Dass Ruth Boas getroffen und so seine Hilfe erfahren hat, lässt Noomi erkennen, dass dies die Hand Gottes ist. In Kapitel 1,20.21 hatte sie gesagt, der Allmächtige habe es ihr sehr bitter gemacht und ihr Übles getan. Nun sieht sie, dass der Herr demütigt und prüft, „damit er dir Gutes tue an deinem Ende“ (5. Mo 8,16). Boas, der Ruth so viel Gutes getan hat, ist ein Familienglied und überdies einer von den Lösern.

Das hebräische Wort, das hier und in den Kapiteln 3 und 4 durch „Löser“ oder „lösen“ übersetzt ist, wird an anderen Stellen mit „Erlöser“, „erlöst“ oder „Bluträcher“ wiedergegeben. Der Hauptgedanke all dieser Worte ist also der gleiche. Die Anordnungen Gottes in Bezug auf den Löser finden wir hauptsächlich in 3. Mose 25; 4. Mose 35 (Bluträcher) und 5. Mose 25. Der Löser musste das Erbteil, das infolge Armut verkauft war, zurückkaufen und ebenso den Israeliten selbst, wenn dieser – durch Armut gezwungen – sich als Knecht einem Fremden verkauft hatte (3. Mo 25,25.48.49). Er musste auch das Blut dessen rächen, der durch einen Totschläger getötet worden war (4. Mo 35,16–27). Und er musste die Frau dessen, der ohne Söhne gestorben war, heiraten, um dem Verstorbenen einen Erben zu erwecken, damit dessen Name nicht aus Israel ausgelöscht werde und sein Erbteil nicht Fremden anheimfalle (5. Mo 25,5.6). Der Löser war der Bruder, der Onkel, der Neffe oder einer aus der weiteren Familie des Verarmten oder Gestorbenen (3. Mo 25,48.49).

Der Herr Jesus ist der Löser für Israel. Er wird das Erbteil zurückkaufen, Israel erlösen, einen neuen Nachkommen erwecken und die Totschläger Israels durch das Gericht vernichten. Bis auf das Letzte finden wir dies prophetisch in der Geschichte von Ruth und Boas vorgestellt.

Aber Er ist auch unser (Er)löser. In Hebräer 2,14.15 sehen wir Ihn als unseren Bluträcher: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den zunichtemachte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren.“ In Hebräer 10 und in 1. Petrus 1,18–20 sehen wir Ihn als den Erlöser, der den Preis für unsere Freiheit bezahlt hat. Und in Epheser 1,14 und Kolosser 1,20 finden wir die Erlösung des Erbteils. Und sehen wir in 1. Korinther 15,45 usw. und Römer 5,12 usw. nicht den Bruder, der einen Erben erweckt, der das Erbteil des ersten Adam (der tot ist in Sünden und Übertretungen) in Besitz nehmen kann?

In Offenbarung 2 und 3 finden wir den Herrn aber auch als den Löser der Versammlung in ihrem Verfall. Die Versammlung hat ihre erste Liebe verlassen und ist auf diese Weise arm geworden. Sie hat ihr Erbteil verkauft und wohnt, wo der Thron des Satans ist (Kap. 2,13). Sie hat den Namen, dass sie lebt, aber sie ist tot (Kap. 3,1). Dann aber kommt der Löser, der wahre Boas (= in ihm ist Kraft): Der den Schlüssel des David hat, der öffnet, und niemand wird schließen, und schließt, und niemand wird öffnen“. Er hat anstelle des toten Sardes einen neuen Erben erweckt. Er hat eine geöffnete Tür zum Erbteil gegeben und verbindet Philadelphia mit Sich selbst und mit seinem Wort. Und Er tritt als der Bluträcher gegen die Synagoge des Satans auf, gegen die, die aufgrund einer angemaßten Stellung behaupten, das wahre Volk Gottes zu sein. Das sehen wir, glaube ich, in der Geschichte Ruths geistlich vorgestellt, und darauf will ich mich auch beschränken.

Noomi hat früher von der Löserschaft gehört, aber ihr keinen Wert beigelegt. Sonst hätte sie wohl eher daran gedacht und Gebrauch davon gemacht. Nun sie durch die Prüfungen und die Zucht auf einem Weg des Abweichens geläutert wurde und überdies bemerkt, wie gut Boas ist, erinnert sie sich seiner wieder und zugleich der Löserschaft. Ihre Gedanken sind noch unklar. Wenn jemand eigene Wege geht und die Wahrheit Gottes preisgibt, geht das Licht verloren. Und bei der Rückkehr kommt es nur langsam wieder, wenn es überhaupt ganz zurückkehrt. Sie sagt, Boas sei einer der Löser. Es ist ihr noch nicht klar, dass nur er helfen kann, aber dass er es auch in allen Umständen und allen Dingen kann. „Und Ruth, die Moabiterin, sprach: Er hat auch zu mir gesagt: Du sollst dich zu meinen Knechten halten, bis sie meine ganze Ernte beendet haben.“

Der Nachdruck liegt auf „meine Knechte“ und „meine Ernte“. Die Knechte und die Ernte sind nur deswegen von Belang, weil sie Boas gehören. Weiter wird Ruth hier wieder die Moabiterin genannt, weil gerade aus ihren Worten hervorgeht, dass sie noch nicht erwachsen ist, noch nicht (im Bild) die wirkliche christliche Stellung erreicht hat.

Ruth kannte den – Reichtum der Gedanken Gottes in Verbindung mit der Erlösung nicht, denn das Wort Gottes war ihr noch zu fremd. Und da sie die Person des Boas in all ihrer Fülle noch zu wenig kannte, erfasste sie auch nicht die Tragweite der Worte: Er ist einer von unseren Lösern. Alle Segnungen, die Gott Menschen gegeben hat und geben will, sind in dem Herrn Jesus, siehe z.B. Epheser 1,3–11. Unsere Einsicht in den Wert dieser Segnungen entspricht unserer Kenntnis der Herrlichkeit Dessen, in dem wir diese Segnungen besitzen. Erst wenn wir seine Herrlichkeit sehen, erkennen wir, dass die Segnungen kostbar sind. So sollte auch Ruth die Bedeutung der Tatsache, dass Boas der Löser war, erst begreifen lernen, wenn sie Gottes Gedanken über die Löserschaft und, vor allem Boas selbst besser kennenlernte. Darum geht sie nicht auf das ein, was Noomi sagt, sondern spricht weiter von dem, was ihr Herz bewegt: Die Worte und Gunsterweisungen des Boas. Und das ist auch der Weg, ihn besser kennenzulernen und so verstehen zu lernen, was es heißt, dass er der Löser ist.

Im Anfang hatte Boas zu Ruth gesagt (Kap. 2,8): „Halte dich.hier zu meinen Mägden“. Nun, am Ende des Tages, sagt er: „Du sollst dich zu meinen Knechten halten, bis sie meine ganze Ernte beendrt haben.“ Es darf im geistlichen Leben keinen Stillstand geben, bis die wahre christliche Stellung gekannt und in geistlicher Energie verwirklicht wird.

Bei Vers 8 und 9 haben wir gesehen, was in dem Bild von den Jungfrauen und den Knaben vorgestellt wird. Das Weibliche steht gewöhnlich mit der Stellung und das Männliche mit der praktischen Verwirklichung der Stellung in Verbindung. Das Wort „Mägde“ weist dabei auf Absonderung von der Welt und Hingabe an den Herrn hin. Aber Hohelied 1 verbindet damit noch andere Gedanken. „Lieblich an Geruch sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen.“ „Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo weidest du, wo lässt du lagern am Mittag? Denn warum sollte ich wie eine Verschleierte sein bei den Herden deiner Genossen?“ Die Jungfrauen lieben um des Geruchs seiner Salben willen und folgen ihm deswegen. Das ist etwas sehr Gutes. Aber es ist nicht das Höchste, es ist nicht Einssein mit Christus und Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn (1. Joh 1,3).

Die Knechte zeigen den Zustand, jedoch gekennzeichnet durch männliche Kraft, wie wir sie in 1. Johannes 2,14 beschrieben finden: Sie sind stark, das Wort Gottes bleibt in ihnen, und sie haben den Bösen überwunden. Sie mähen das Korn mit festen Schlägen, so dass die volle Ernte Gottes eingesammelt wird, während sie doch für Ährenleser noch Händevoll fallen lassen können. Das ist der Platz und die Gesellschaft, die Boas Ruth für die ganze weitere Dauer der Ernte anweist. Was für ein Vorrecht!

„Und Noomi sprach zu Ruth, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, dass du mit seinen Mägden ausgehst, damit man dich nicht auf einem anderen Feld anfalle. . Und so hielt sie sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet waren. Und sie wohnte bei ihrer Schwiegermutter“ (Kap. 2,22.23).

Ruth sah wahrscheinlich den Unterschied zwischen den Mägden und den Knechten nicht genau. Sie hatten auch viel Gemeinsames: Beide gehörten dem Boas und waren auf seinen Feldern und in seiner Ernte tätig. Aber Boas wusste den Unterschied sehr wohl. Wie gut, wenn Ruth nur auf die Stimme des Boas gehört hätte. Gehorsam dem Herrn gegenüber führt immer zu dem gesegnetsten Platz und erfreut sein Herz. Aber Ruth lauschte mehr auf die Stimme und den Rat Noomis. Noomi begriff den Unterschied auch nicht. Wie sollte sie, die so lange von Bethlehem fort gewesen war und die ganze Zeit keine Verbindung mit Boas gehabt hatte, seine Gedanken beurteilen können? Nach ihren Gedanken war das Gehen mit den Mägden das beste, denn wie reich war Ruth an diesem Tag in dieser Gesellschaft gesegnet worden. Aber wenn die Versammlung sich im Verfall befindet, ist ihre Stimme für uns nicht mehr maßgebend. Dann sagt das Wort Gottes: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt!“ (Off 2,7.11.17.29; 3,6.13.22). Und wie gut es für Jüngere auch ist, auf die Stimme Älterer, die mehr Erfahrung haben, zu hören, wenn der Rat Älterer dem Wort des Herrn entgegen ist, darf es nur eine Folgerung geben: Gehorsam gegen den Herrn geht über alles.

Ruth hört auf Noomi, statt zu tun, was Boas ihr sagt. Er hatte gesagt: „Freund, rücke höher hinauf!“ (Lk 14,10). Aber sie blieb an ihrem alten Platz: Sie las Ähren bei den Mägden und wohnte bei Noomi. Glücklicherweise ist sie in anderer Weise wohl gehorsam. Sie macht die ganze Gerstenernte und die Weizenernte bis zum Ende mit. Und wenn es auch nicht an dem gesegneten Platz ist, den Boas ihr geben wollte, so lernt sie doch die ganze Ernte Gottes kennen.

Bei Kapitel 1,22 haben wir gesehen, dass die Garbe der Erstlinge der Beginn der Gerstenernte war, direkt nach dem Passah. Sie spricht von der Auferstehung des Herrn, so wie das Passah von seinem Sterben spricht. Zu diesem Zeitpunkt kamen Noomi und Ruth aus Moab nach Bethlehem. Es ist klar, dass diese Rückkehr allein aufgrund des Sterbens und der Auferstehung des Herrn möglich war.

Kapitel 2 schließt mit dem Ende der Weizenernte. Das war das Pfingstfest, sieben Wochen nach der Garbe der Erstlinge (2. Mo 34,22; 3. Mo 23,15–21; 5. Mo 16,9–12). Ich nehme an, dass das Pfingstfest da s Ende der Weizenernte war, weil kein ungedroschenes Korn geopfert wurde, wie bei der Garbe der Erstlinge, sondern Brot. Es musste also schon gedroschen sein. Und überdies musste jeder Männliche dann nach Jerusalem gehen, um das Fest der Wochen zu feiern. Das würde der Herr doch wohl nicht mitten in der Erntezeit befohlen haben. Kapitel 2 des Buches Ruth umfasst also die sieben Wochen zwischen dem Passah und Pfingsten, zwischen dem Werk des Herrn am Kreuz und seiner Auferstehung einerseits und der Ausgießung des Heiligen Geistes in Apostelgeschichte 2 andererseits, wo die Versammlung gebildet (l. Kor 12,13) und mit ihrem himmlischen Haupt vereinigt wurde (Eph 1,20–23).

Jeder Israelit musste diese sieben Wochen zählen (5. Mo 16 9), und in den letzten Kapiteln der Evangelien und in Apostelgeschichte 1 finden wir das Zählen der Jünger. Wie sind sie in diesen Wochen geistlich gewachsen! Denken wir nur an Lukas 24,26–27.45–49; Johannes 20,17–23 und Apostelgeschichte 1,2–4.9–11. So wurden sie durch den Herrn nach Apostelgeschichte 2 geführt. Der Herr will jeden Gläubigen durch dieses Zählen leiten, damit er von seiner Bekehrung an weiter geführt wird zur vollen christlichen Stellung, die durch folgende zwei Dinge gekennzeichnet wird: Der Gläubige ist vereinigt mit dem verherrlichten Menschen im Himmel, und Gott, der Heilige Geist, ist hier auf der Erde, wohnend in der Versammlung und in jedem einzelnen Gläubigen. Natürlich ist das das Teil eines jeden, der dem Evangelium geglaubt hat. Aber er kann diesen Platz erst bewusst einnehmen und genießen, wenn er ihn wirklich kennt und ihn in geistlicher Weise in Besitz genommen hat.

Die Kenntnis dieses Platzes war in der Christenheit auch verloren gegangen. In Thyatira hat Isebel den Platz der Versammlung eingenommen, und in Sardes ist der wahre Charakter der Versammlung als Leib des himmlischen Menschen und als Wohnstätte des Heiligen Geistes völlig verloren gegangen. Für einen wahren Gläubigen darin war es schon das Höchste, dass er wusste, dass seine Sünden vergeben waren. Und es gab nicht viele, die das sagen konnten.

In Philadelphia finden wir das Werk des Heiligen Geistes, um einen Überrest in der Versammlung nach Pfingsten zurückzuführen, zur wahren Stellung der Versammlung. In Ruth 2,1–21 finden wir die Gerstenernte: Christus kennenzulernen als den auferstandenen, verherrlichten Menschen im Himmel, direkt von Ihm zu empfangen und die himmlischen Segnungen kennenzulernen. In Vers 23 haben wir die Weizenernte. Darin lernen wir, die Heiligen als solche zu sehen, die von der gleichen Wesensart sind, wie der Herr Jesus (Joh 12,24; 1. Kor 15,48). Das legt den Grund für Einheit, den wahren und höchsten Charakter der Versammlung: eins mit dem verherrlichten Menschen im Himmel. Danach kommt in den folgenden Kapiteln Pfingsten.

Fußnoten

  • 1 Von dem vorjährigen Korn, siehe holländische und englische Übersetzung von J.N. Darby
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