Kapitel 3

Zur Ruhe gebracht

„Und Noomi, ihre Schwiegermutter, sprach zu ihr: Meine Tochter, sollte ich dir nicht Ruhe suchen, dass es dir wohl gehe? Und nun, ist nicht Boas, bei dessen Mägden du gewesen bist, unser Verwandter? Siehe, er worfelt diese Nacht auf der Gerstentenne“ (Kap. 3,1–2).

Das vorige Kapitel spielte sich ganz in der Erntezeit ab. Aber der letzte Vers schloss mit dem Ende der Weizenernte. Nun blieb nur noch die Weinernte am Ende des Jahres übrig. Aber die gibt keine Nahrung, nur Wein, ein Bild der Freude. Was sollten Noomi und Ruth nun tun? Die „Knechte“ konnten keine Händevoll mehr fallen lassen.

Ohne Zweifel hatte Ruth durch ihr eifriges Ährenlesen einen Vorrat gesammelt. Aber würde der für das ganze Jahr ausreichen? Ich nehme an, die meisten von uns wissen, was es heißt, in Zeiten, da es uns unmöglich war, die Zusammenkünfte zu besuchen, von dem Vorrat zu leben, den wir vorher gesammelt hatten. Denken wir nur an Krankheit oder an Gefangenschaft im Krieg oder durch Verfolgungen. Vom Vorrat zehren? Das geht nicht unbegrenzt; Unterernährung, Erschöpfung und am Ende der Tod würden die Folge sein.

Es ist eine gesegnete Tatsache, dass die Schrift uns lehrt, dass wir nicht von „Mitteln“ abhängig sind, sondern vom Herrn, obwohl Er unter normalen Umständen die von Ihm gegebenen Mittel benutzt. Man hört manchmal Menschen seufzen, sie könnten nicht zu den so genannten „Gnadenmitteln“ gehen. Aber ist diese Zeit nicht manchmal die gesegnetste Zeit, weil sie zwingt, zum Herrn selbst zu gehen, der „voller Gnade und Wahrheit“ ist? Gnade ist viel mehr als „Gnadenmittel“. Nun, Gnade ist bei Ihm stets im Überfluss zu finden. Wenn wir den Weg des Gehorsams gehen, werden wir nie Mangel leiden, wie die Umstände auch sein mögen.

Welch ein Unterschied zwischen der Noomi von Kapitel 1,9 und der Noomi hier! Dort wünschte sie, der Herr möge Ruth und Orpa in der Vereinigung mit – und im Haus von – einem moabitischen Mann Ruhe geben. Und in der Tat, sie hätten da für eine kurze Zeit äußere Ruhe haben können, wenn der Herr es zugelassen hätte. Aber das hätte bedeutet, dass Ruth niemals Boas und Bethlehem kennengelernt und anstelle von dem Herrn den Götzen gedient hätte. Nie wären die wirklichen Bedürfnisse ihres Herzens befriedigt worden. Und was würde das Resultat bei der Offenbarung vor dem Richterstuhl Christi gewesen sein?

Nun war Noomi wieder in Bethlehem, und sie hatte von der Gerste der Felder des Boas gegessen. Wer davon isst, ist nicht mehr derselbe und beurteilt die Dinge nicht mehr in derselben Weise. Nun sucht sie Ruths Ruhe in einer Verbindung mit Boas, in der innigsten Verbindung, die es geben kann. Sie unterweist Ruth, dass der Mann „gewaltig an Vermögen“, auf dessen Feldern sie Ähren gelesen hatte und der so freundlich zu ihr gewesen war, ein Blutsverwandter ist.

Ist es nicht eine gewaltige Entdeckung, wenn Gottes Wort uns lehrt, dass wir aus Gott geboren (1. Joh 5,1) und so Teilhaber der göttlichen Natur geworden sind (2. Pet 1,4) und dass der Herr Sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen (Heb 2,11)? Da wird in unserem Herzen das Verlangen wach, Ihm noch näher zu kommen und Ihn noch besser kennenzulernen. Nun, Gottes Wort weist uns den Weg, wie dieses Verlangen gestillt werden kann. Und ältere Gläubige können uns manchmal helfen, indem sie uns zeigen, was das Wort hierüber sagt. Sie haben ihre Erfahrung, manchmal durch eigenen Schaden erworben.

„Siehe, er (Boas) worfelt diese Nacht auf der Gerstentenne.“ Wir lesen nicht, dass Boas selber säte und mähte, im Gegenteil wird gesagt, dass seine Knechte mähten. Wie wichtig muss in seinen Augen das Worfeln sein, dass er selber es tut! Säen ist das Bringen des Wortes, sei es vor Ungläubigen oder vor Gläubigen. Mähen ist das Einbringen der Frucht, sei es der Menschen, die durch die Verkündigung des Evangeliums bekehrt wurden, sei es der Gedanken Gottes selber, die man durch das Forschen in der Schrift in Gemeinschaft mit dem Herrn kennengelernt hat und die den Gläubigen in der Gnade und der Wahrheit wachsen lassen. Worfeln ist das Entfernen der Spreu. Spreu ist das, wofür Gott nur unauslöschliches Feuer hat. (Mt 3,12).

Worfeln ist nicht dasselbe wie dreschen. Durch das Dreschen werden die Getreidekörner von der Ähre und dem Stroh gelöst. Das ist eine Arbeit, die mit Härte geschehen muss, mit Ochsen oder Dreschschlitten (5. Mo 25,4). Ich denke, dass Dreschen mehr die Seelenübungen von Römer 7 vorstellt oder auch die Zucht des Herrn, wenn wir dem Fleisch in unserem Leben die Führung überlassen. Durch diese Zucht sollen wir dazu kommen, uns selbst als eine neue Schöpfung zu betrachten, wie der Epheserbrief sie uns vorstellt, und den Tod und die Auferstehung des Herrn für uns selbst in Besitz nehmen. Also nicht den Tod und die Auferstehung Christi für uns, wie Römer 4,25 sagt – was im Vorbild im Roten Meer gesehen wird, – sondern unser Gestorbensein in Christus (Kol 3,3; Gal 2,20) und unsere Auferstehung in Ihm (Eph 2,6) – was als Vorbild im Jordan gesehen wird.

Wenn wir durch den Dreschprozess gegangen sind, beginnt das Worfeln, um die Spreu, die noch mit dem Korn vermengt ist, zu entfernen. Zwei sind es, die begehren, uns zu worfeln (oder zu sichten): Satan (Lk 22,31) und der Herr Jesus. Satans Ziel ist, dass das Korn verschwindet und nur die Spreu übrig bleibt. Aber der Herr will das letzte bisschen Spreu, alles, was für Ihn keinen Wert hat, verschwinden lassen, damit nur das Korn bleibt.

Das Worfeln geschieht während der Nacht, wenn der Wind weht. In der Nacht der Verwerfung Christi ist der Heilige Geist auf die Erde gekommen, um in jedem Gläubigen persönlich und in der Versammlung als Ganzes zu wohnen. („Wind“ und „Geist“ ist im Griechischen und Hebräischen ein und dasselbe Wort). „Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Wenn wir nicht mehr tun, was wir wollen, sondern uns vollkommen durch den Heiligen Geist leiten lassen, dann sind wir voll Heiligen Geistes. Dann verschwindet aus unserem Leben alles, was nicht nach Gottes Gedanken ist.

Hier geht es um das Worfeln der Gerste. Wir haben gesehen, dass die Gerste vom Auferstehungsleben spricht. Der Herr Jesus hat als der Auferstandene uns sein eigenes Auferstehungsleben geschenkt (Joh 20,22; Eph 2,6). Und nun möchte Er alles, was von dieser Erde ist und infolgedessen mit jenem himmlischen Auferstehungsleben nicht übereinstimmt, aus unserem Leben entfernen, damit wir völlig dem entsprechen, was Er ist. Das ist es, was uns in Epheser 5,26.27 vorgestellt wird.

Er ist der Mensch aus dem Himmel, und wir sind wie Er (1. Kor 15,48). Leider ist jedoch das Himmlische in uns noch oft mit irdischen Dingen verbunden, das Auferstehungsleben mit Dingen vom natürlichen Menschen. Aber die Dinge des natürlichen Menschen haben keinen Wert für den Himmel, sie passen nicht zum Auferstehungsleben. Obwohl die Spreu kein Unkraut ist und also nicht von positiv Bösem spricht, hat der Herr doch nur unauslöschliches Feuer für sie (Mt 3,12).

Haben wir gelernt, den Unterschied zwischen der Gerste und der Spreu klar zu sehen? Sind wir uns wohl bewusst, dass der Herr uns worfeln will, um alle Spreu wegzutun? Und übergeben wir uns dem Herrn auf der Tenne, damit er uns worfeln kann? Petrus wollte nicht geworfelt werden, obwohl seine Beweggründe unstreitig gut waren. Aber der Herr musste ihm sagen, dass er kein Teil mit Ihm haben könne, wenn er sich nicht worfeln lasse (Joh 13,8). Denn ich denke, dass das Worfeln und das Füßewaschen viel Übereinstimmung haben. – Paulus hatte den Unterschied zwischen Gerste und Spreu klar erkannt. Er wusste auch, was Spreu für den Herrn bedeutete. Darum weint er über die, die auf irdische Dinge sinnen und dadurch als Feinde des Kreuzes Christi wandeln (Phil 3,18). Wenn das Ende der Spreu unauslöschliches Feuer ist, was wird dann das Ende derer sein, deren Leben durch Spreu gekennzeichnet wird?

Wir können mit dem Herrn Jesus keine völlige Gemeinschaft haben, wenn in unserem Leben Dinge sind, an denen Er kein Wohlgefallen hat, oder wenn wir über gewisse Dinge anders denken als Er. Gemeinschaft heißt, die gleichen Gedanken, die gleichen Interessen, dasselbe Teil haben. Darum müssen wir bald vor dem Richterstuhl Christi offenbart werden. Da wird unser ganzes Leben, alles, was wir gedacht, gesagt und getan haben – ja, sogar die Quellen, aus denen unsere Gedanken hervorkamen (Heb 4,12.13) – uns im Licht Gottes vorgestellt werden, so dass wir alles sehen, wie der Herr Jesus es stets gesehen hat. Dann werden wir also alles genau so beurteilen, wie Er es immer beurteilt hat, so dass völlige Gleichheit der Gedanken zwischen dem Herrn und uns ist. Von diesem Augenblick an werden wir vollkommene Gemeinschaft mit Ihm haben. Aber wer aus Erfahrung weiß, was Gemeinschaft mit dem Herrn ist, verlangt es den nicht danach, diese Gemeinschaft auch auf der Erde schon so viel wie möglich zu genießen? Und wer den Herrn Jesus lieb hat, wünscht der nicht, dass sein Herz sich freut, wenn Er auf uns, auf mich persönlich, herniedersieht? Dessen Verlangen wird sein, dass nichts in ihm oder in seinem Leben sei, dass dem Herrn nicht wohlgefällig ist. Den verlangt danach, einmal offenbart zu werden und dort alles so zu sehen, wie der Herr es sieht. Der wünscht, nun auf der Erde schon Ihm wohlgefällig zu sein. Er wird dem Herrn seine Füße hinstrecken, damit Er sie waschen kann. Er will gern zur Tenne hinabgehen, damit der Herr ihn worfeln und die Spreu bei ihm entfernen kann. Und er wird aus Liebe zum Herrn und aus Liebe zu jungen und älteren Gläubigen diese ermuntern, dasselbe zu tun.

„So bade dich und salbe dich und lege deine Kleider an und geh zur Tenne hinab; lass dich nicht von dem Mann bemerken, bis er fertig ist mit Essen und Trinken“ (Kap. 3,3).

Sollte der Wunsch, durch den Herrn geworfelt zu werden, auf unser praktisches Leben nicht schon einen reinigenden Einfluss ausüben? Kann jemand, der das Gebet von Psalm 19,12–14 und Psalm 139,23.24 betet, in Bezug auf sein tägliches Betragen gleichgültig sein? Das ist unmöglich. So wie die Hoffnung auf das baldige Kommen des Herrn Jesus zur Folge hat, dass jeder, der diese Hoffnung hat, sich selbst reinigt (1. Joh 3,3; Off 22,11.12), so wird auch der, der zum Herrn Jesus geht, um gereinigt zu werden, sich selbst reinigen.

Er wird sich baden oder waschen, d.h. das Wort Gottes auf Herz und Gewissen anwenden (Eph 5,26; 1. Pet 1,22; Ps 119,9.11.176; Ps 19,7–11). Prüfen wir unser Leben, unsere Gedanken, unsere Auffassungen an Hand des Wortes? Lesen wir es für uns selbst, aber nicht allein das, wenden wir es auch auf uns selbst an?

Salbung weist hin auf den Besitz des Heiligen Geistes, als in uns wohnend und uns Licht und Einsicht in die Gedanken Gottes gebend (1. Joh 2,20.27; 2. Kor 1,21.22). Es ist das Teil aller, die „das Evangelium eures Heils“ (Eph 1,13; 1. Kor 15,1–4) geglaubt haben. Aber diese innere Salbung ist hier in Ruth natürlich nicht gemeint. Hier geht es um eine äußere Salbung, so dass die innere Salbung im äußeren Verhalten sichtbar ist. Und das ist eine Sache persönlicher Verantwortlichkeit. Den Ephesern wird gesagt: „Seid mit dem Geise erfüllt“ (Eph 5,18), und von Stephanus lesen wir, dass er voll Heiligen Geistes war (Apg 6,5; 7,55). Das heißt, dass sein ganzes Leben mit dem Heiligen Geist erfüllt war, ja dadurch gekennzeichnet wurde. Er tat nichts nach seinem eigenen Willen, sondern ließ sich vollkommen durch den Heiligen Geist leiten (Gal 5,17). Solch ein Leben ist zur Ehre des Herrn Jesus, und darin findet Er seine Freude (Joh 16,14–16).

„Lege deine Kleider an.“ Kleider sind in der Schrift das Bild unserer Gewohnheiten, unserer Lebenshaltung, unseres ganzen Gebarens, kurz gesagt alles, was andere von uns sehen. Haben wir unsere Kleider an, d.h. die wahren Kleider des Christen? Epheser 1,6 gibt uns das Kleid, in dem wir vor Gott stehen: „angenehm gemacht in dem Geliebten“. So wie Gott einst Adam und Eva mit der Haut des Tieres bekleidete, das Er geschlachtet hatte (1. Mo 3,21), so hat Er uns mit der Kostbarkeit Dessen bekleidet, der der Geliebte ist, ja mit Ihm selber.

Aber in Epheser 2,10 finden wir die Kleider, die Gott uns gegeben hat, damit wir sie hier auf der Erde selbst anziehen. „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“ Wir sehen, dass Ruth diese Kleider nicht anhatte, denn Noomi sagt zu ihr, sie solle sie anziehen. Wie oft tragen auch wir Kleider von verschiedenartigem Stoff, Wolle und Leinen zusammen (5. Mo 22,11), einen Wandel von gemischten Grundsätzen, himmlischen und irdischen. In diesen Kleidern können wir jedoch nicht vor dem Herrn auf der Tenne erscheinen, um geworfelt zu werden. Dann würde er uns dreschen müssen. Gebe der Herr, dass von uns gesagt werden kann, was von der großen Schar in weißen Kleidern in Offenbarung 7 gesagt werden kann, nämlich, dass wir unsere Kleider in dem Blut des Lammes weiß gewaschen haben. „Glückselig, die ihre Kleider waschen, damit sie ein Recht haben an dem Baum des Lebens und durch die Tore in die Stadt eingehen!“ (Off 22,14).

Wenn wir uns so gewaschen und gesalbt und unsere Kleider angezogen haben, sind wir bereit, zur Tenne hinabzugehen. Es ist ein Hinabgehen, sich vor den Herrn stellen, um sich von Ihm worfeln zu lassen. Der Hochmut des Menschen will das nicht. Erst wenn wir von Ihm, der von Herzen demütig ist, gelernt haben, sind wir dazu bereit und imstande.

„Lass dich nicht von dem Mann bemerken, bis er fertig ist mit Essen und Trinken. Und es geschehe, wenn er sich niederlegt, so merke dir den Ort, wo er sich hinlegt, und geh und decke zu seinen Füßen auf und lege dich hin; er aber wird dir mitteilen, was du tun sollst“ (Kap. 3,3b-4).

Die wirkliche Bedeutung des Hinabgehens wird erst klar, wenn wir begreifen, was das Essen und Trinken und das Niederlegen des Boas vorstellt. Schriftstellen wie Johannes 4,32–34; Matthäus 28,1.6b; 1. Petrus 1,2b geben uns die Erklärung. Es war die Speise des Herrn, den Willen des Vaters zu tun. Und als Er diesen Willen vollbracht hatte, lag Er gestorben im Grab (Heb 10,5–10). Nach 1. Petrus 1 ist jeder Gläubige zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi gebracht, also zu dem Leben und dem Tod des Herrn. Da, wohin wir nach dem Ratschluss des Vaters durch Heiligung des Geistes gebracht sind, ist der Gehorsam Jesu Christi, damit dieser auch in uns gesehen werde, und ist die Blutbesprengung, so dass es keine Verdammnis gibt. Hier in Ruth finden wir die praktische Seite dieser Wahrheit, das Annehmen für das eigene Herz und Leben. Ruth musste (im Bild) das Leben des Herrn hier auf der Erde sehen, in seinem Gehorsam und dem Erfüllen des Willens des Vaters, damit sie wusste, wie gehorsam sie zu sein hatte. Aber der alte Mensch ist nicht gehorsam. Nur der neue Mensch möchte und kann gehorchen. Es ist also nötig, dass wir unser Gestorbensein mit Christus praktisch verwirklichen, damit das neue Leben frei wirken kann. In Kolosser 3,3 haben wir die Lehre: „Ihr seid gestorben.“ In Römer 6,2–11 werden wir angespornt, diese Stellung praktisch einzunehmen. In 2. Korinther 4 finden wir die Verwirklichung: „Allezeit das Sterben (oder Gestorbensein) Jesu am Leib umhertragend, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde.“ Wenn wir dies begreifen, verstehen wir, dass es ein Hinabgehen zur Tenne ist, ein Zerbrechen des eigenen Willens und das praktische Anerkennen: Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt (Röm 7,18). Darum musste Ruth die Fußdecke des Boas zurückschlagen und sich da zu seinen Füßen niederlegen: Darum müssen wir uns für unser eigenes Herz mit dem gestorbenen Christus einsmachen.

Und was würde das Resultat für Ruth sein? „Er aber wird dir mitteilen, was du tun sollst.“ Das ist in der Tat die herrliche Folge für jenen, der so bewusst den Platz von 1. Petrus 1,2 einnimmt. Nicht nur, dass wir in dem Leben des Herrn dann sehen können, wie gehorsam wir sein müssen, sondern Er wird es uns mitteilen. In persönlicher Gemeinschaft wird Er uns zeigen, wie wir in allem zu handeln haben. Wie kostbar für das Herz, so unterwiesen und so geleitet zu werden! Kennen wir das aus Erfahrung? Es ist die Leitung mit dem Auge, von der David in Psalm 32,8 spricht, Leitung in der persönlichen Gemeinschaft mit Ihm, der Sich selbst für uns in den Tod gab. Es wird hier vorgestellt, als ob der Herr aus dem Grab heraus, in das Er aus Liebe zu uns gekommen ist, uns persönlich leitet. Der Sohn Gottes ist es, der mich geliebt und Sich selbst für mich hingegeben hat, mit dem ich Gemeinschaft haben darf und der in dieser Gemeinschaft mich leiten und führen will. Die Stimme, die zu mir spricht, ist die Stimme, die für mich ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Verlangt es uns nicht, diesen Platz einzunehmen? Konnte unsere Pflicht, gehorsam zu sein, in anziehenderer Weise vorgestellt werden? Kein Wunder, dass Ruth zu Noomi sagt:

„Alles, was du sagst, will ich tun.“ (3,5)

Und doch, welch eine Befriedigung wird es für Noomi gewesen sein, diesen Gehorsam zu hören! Und welch eine Befriedigung wird es für das Herz des Herrn Jesus sein, wenn Er diesen Gehorsam bei uns sieht. Es zeigte sich, dass Noomi gut Bescheid wusste, wo Boas war und was er tat. Und auch, was sich für jemanden schickte, der nahe bei ihm zu sein wünschte, um von ihm zu empfangen. Auch in der Mitte der Gläubigen gibt es solche (Gott gebe, dass es viele sind und dass ich auch dazu gehöre), die so nahe bei dem Herrn sind und eine solche Gemeinschaft mit Ihm haben, dass sie wissen, wo der Herr ist, was Er tut und was sich für seine Gegenwart geziemt, und die uns sagen: „Er wird dir alles sagen, was du tun sollst.“ Wenn dies Letzte das Kennzeichen ihrer Worte ist, nämlich das Bestreben, uns zu Ihm zu bringen, damit wir bei Ihm sind und auf seine Worte hören, dann wissen wir auch, dass es die Gedanken Gottes sind, die sie zu uns reden. Welch eine Freude für den Herrn, wenn junge Gläubige auf diesen Rat hören und antworten: Alles, was du sagst, will ich tun. Und welch eine Freude für die, die diesen Rat geben, wenn sie eine solche Antwort hören (1. Joh 2,28; 2. Joh 4; Heb 13,17).

„Und sie ging zur Tenne hinab und tat nach allem, was ihre Schwiegermutter ihr geboten hatte“ (Kap. 3,6).

Ruth sagt nicht nur, sie werde tun, was Noomi ihr geboten habe, sie tut es auch. Es ist bei ihr nicht eine Gefühlsanwandlung, sondern wirklich der Wunsch ihres Herzens. Und beachten wir wohl, dass ein Ausspruch des geschriebenen Wortes Gottes ihr genug ist.

Aus Schriftstellen wie 2. Mose 17,14; 24,3–7 und 5. Mose 31,24–26 wissen wir, dass die Gesetze und Verordnungen Gottes durch Mose niedergeschrieben wurden. Der Herr Jesus bestätigt dies mit seiner unfehlbaren Autorität in Johannes 5,46.47. Weil nun Noomi nicht mehr unter dem betäubenden Einfluss Moabs steht und an Boas erinnert wird, kommen die Satzungen des Herrn wieder in ihre Gedanken zurück. 3. Mose 25; 4. Mose 35 und 5. Mose 25 versichern ihr, dass Gott in seiner Gnade und Weisheit für ihre Umstände vorgesorgt hat. Und das geschriebene Wort Gottes ist für diese einfache Frau genug, sie braucht nichts anderes. Sie unterrichtet Ruth über die Gedanken Gottes.

Und auch für diese neubekehrte arme Moabitin genügt ein Ausspruch des Wortes Gottes. Sie fragt nicht mehr, sie braucht keine weitere Bestätigung, das Wort gibt ihr göttliche Vollmacht für das, was sie tun will: sofort gehen, sich zu den Füßen des Boas niederlegen, ihn selbst bitten, ihr Erlöser zu sein – mit all den herrlichen Folgen erlösender Liebe und Macht. Die bescheidene Ährenleserin wird in einem Augenblick zur freimütigen Bittstellerin. Es waren große Dinge, um die sie bat, aber gemäß dem offenbarten Willen Gottes war sie gerecht und heilig im Bitten um diese Dinge. Was für eine wunderbare Wahrheit! Es gab keinen Mittler. Das Wort Gottes allein war genug.

Und beachten wir wohl, das Wort Gottes war auch für Boas genug. Er macht keine Einwendungen, braucht nicht erst darüber nachzudenken, sondern entspricht sofort der Bitte Ruths, denn ihr Verlangen gründete sich auf das Wort Gottes. Und so ist es immer. Ein einziger Vers aus den Schriften genügte für unseren Boas, als Er auf der Erde war, um zu handeln. Und ebenso war für Satan ein Vers genug, er hatte keine Antwort mehr (Mt 4,1 ff.).

Was für eine Lehre für uns! Für Gott und für den Herrn Jesus reicht ein Ausspruch des geschriebenen Wortes hin. „In Ewigkeit, Herr, steht dein Wort fest in den Himmeln“ (Ps 119,89). Ist es auch für uns genug? Und sind wir uns auch klar darüber, dass eine Stelle aus dem Wort hinreicht, um Satan zu antworten, wenn er uns versucht? Und dass ebenso ein Zitat aus dem Wort Gottes genügt, um Ungläubigen zu antworten, wenn sie über unser Tun, unsere Haltung usw. Rechenschaft fordern? Wir denken so rasch: Sie glauben nicht an das Wort, und deswegen hat es keinen Sinn, damit zu antworten. Aber Gottes Wort hat eine lebendige Kraft, es überzeugt jeden, der es hört, mögen auch der Teufel und die, die ihm angehören, es nicht zugeben.

Ruth geht zu Ihm, der allein ihre Wünsche erfüllen kann. Aber der Weg zu Ihm geht hinab, hinab zur Tenne. Und Gottes Wort gibt Anweisungen, was für seine Gegenwart geziemend ist. Wir haben bei Vers 4 gesehen, was das Hinabgehen bedeutet: Das Verurteilen des „Ich“ und das Sich-Einsmachen mit dem gestorbenen Christus. Es ist das Hinabsteigen vom Thron, auf den das Fleisch uns setzt, und das Annehmen des Todesurteils, das Gott über uns ausgesprochen hat. Nicht nur das Urteil über unsere Taten, sondern der Tod über alles, was wir aus uns selber sind – über den ganzen Menschen. Ruth nahm das nicht nur als Lehre an, sondern wendete es in ihrem praktischen Leben an. Und das tat sie ebenso mit den praktischen Anweisungen des Wortes Gottes. In denen, die Ihm nahen, muss Er geheiligt werden.

„Und Boas aß und trank, und sein Herz wurde fröhlich; und er kam, um sich am Ende des Getreidehaufens niederzulegen. Da kam sie leise und deckte zu seinen Füßen auf und legte sich hin“ (Kap. 3,7).

Bei Vers 3 haben wir gesehen, dass das Essen und Trinken ein Bild ist von dem Tun des Willens des Vaters durch den Herrn Jesus (Joh 4, 32–34). Hier in Vers 7 steht dabei, dass das Herz des Boas fröhlich wurde. Welch eine Freude muss in dem Herzen des Herrn gewesen sein, als Er das Werk auf dem Kreuz vollbracht hatte.

In Hebräer 12,2 steht, dass Er um der vor Ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und der Schande nicht achtete. Was für eine Freude wird in seinem Herzen gewesen sein, dass die Frage der Sünde nun für ewig gelöst war, dass Gott, der durch den Menschen so verunehrt war, nun vollkommen offenbart und infolgedessen vollkommen verherrlicht war, dass Er für die Versammlung, die Er so liebte, das Werk vollbracht hatte (Eph 5,25), und sie nun Sein werden konnte, dass seine ganze Schöpfung wieder zu Gott in vollkommene Harmonie zurückgebracht werden konnte (Kol 1,20). Nachdem in Psalm 22 die Gefühle des Herrn in seinem tiefsten Leiden auf dem Kreuz vorgestellt sind – während Er von Gott verlassen war, als Er unsere Sünden trug und für uns zur Sünde gemacht wurde – finden wir in Vers 23 „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben“, und in Vers 26 „Von dir kommt mein Lobgesang in der großen Versammlung.“ Wenn wir wirklich, wie Ruth, allein mit Ihm in der Nacht auf der Tenne sind, so dass wir nur Ihn in seinem Werk sehen, dann werden wir auch seine Freude sehen. Wenn wir das Werk des Herrn nur von unserer Seite betrachten, das, was wir dadurch empfangen haben, dann werden wir nie so weit kommen. Wie egoistisch sind unsere Herzen!

Aber wir können hier auch etwas anderes sehen. Boas hatte das Dreschen beendet, die Gerste war von der Spreu gereinigt. Wird der Herr nicht fröhlich sein, wenn Er uns ohne Spreu sieht? Sein Ziel ist es, die Versammlung – wenn sie verherrlicht, ohne Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen, sondern heilig und tadellos ist – Sich Selbst darzustellen. Dazu hat Er Sich Selbst für sie hingegeben, damit Er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort (Eph 5,25–27). Was für eine Freude wird es für Ihn sein, die Versammlung bald in der Herrlichkeit so zu sehen. Aber sollte es nicht eine Freude für sein Herz sein, wenn Er sie hier auf der Erde auch schon so sähe? Und wenn es nur einige wären, ja vielleicht nur ein Einziges der Glieder seines Leibes?

Das Herz des Boas ist fröhlich, da nun das Dreschen beendet ist, und er kommt, um sich bei dem Haufen des gereinigten Korns niederzulegen. Sehen wir in diesem Getreidehaufen nicht die Versammlung als einen neuen Teig, aus dem der alte Sauerteig ausgefegt ist (l. Kor 5,7.8)? Ist es nicht ein Bild von den Gefäßen zur Ehre, die sich von den Gefäßen zur Unehre gereinigt haben und nun nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden streben mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen? Er kann Sich nicht aufhalten, wo Ungerechtigkeit ist und wo Ihm keine Gelegenheit gegeben wird, die Spreu zu entfernen (2. Tim 2,19–22).

Nun, dort, wo Er Sich niedergelegt hat, geht Ruth zu Ihm, wo Er als der Gestorbene ist, als der, der lieber sterben als die Sünde fortbestehen lassen wollte (Heb 9, 26). Wir sehen hier den Platz Christi auf der Erde, nun in unserer Zeit. Er ist von der Welt verworfen, gekreuzigt und begraben worden. Sie ist fertig mit Ihm, für sie ist Er ein Begrabener.

So macht Ruth sich (im Vorbild) mit Ihm eins. Sie schlägt seine Fußdecke zurück und legt sich darunter zu seinen Füßen. Das ist im Vorbild Römer 6,4 – „So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod“–, aber nicht so sehr die Taufhandlung, sondern vielmehr ihre praktische Verwirklichung im täglichen Leben, und vielleicht noch mehr im Leben der Versammlung – die praktische Verwirklichung des totalen Endes des alten Menschen und der totalen Absonderung von der Welt im praktischen Leben der Versammlung.

„Und es geschah um Mitternacht, da schrak der Mann auf und beugte sich vor: Und siehe, eine Frau lag zu seinen Füßen“ (Kap. 3,8).

Hier kommen wir zu einem entscheidenden Augenblick in der Geschichte der Versammlung, wie der Herr sie in Offenbarung 2 und 3 beschreibt. Der letzte Teil von Kapitel 2 beschreibt die Versammlung zu Thyatira, die Römische Kirche in ihrer Macht im dunklen Mittelalter. Alles ist verdorben, und der Herr hat nur Gericht für sie, weil sie nicht Buße tun wollte. Aber es gibt einen treuen Überrest, der Liebe, Glauben, Dienst und Ausharren hat, und seiner letzten Werke sind mehr als der ersten.

Das Ganze wird beiseitegesetzt, der Herr erkennt Thyatira nicht mehr an, aber es bleibt bestehen, bis Er kommt. Daneben gibt Gott einen neuen Anfang als Zeugnis (nicht mehr als Bild der ganzen Kirche, wie die ersten vier Versammlungen) in der Reformation. Aber den Zustand dieses Neuen, wie es nach dem Tod der Reformatoren wurde, sehen wir in Sardes vorgestellt: „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot“. Und von dem Überrest in Sardes kann nur gesagt werden: „Wenige Namen, die ihre Kleider nicht besudelt haben“. Keine positiven Dinge, wie bei dem Überrest in Thyatira, nur das Negative, dass sie ihre Kleider nicht besudelt haben. Das war der Zustand des Protestantismus kurz vor, während und nach der Zeit Napoleons.

Aber dann sehen wir ein neues Werk des Heiligen Geistes. In allen Ländern, aber hauptsächlich in den protestantischen, sehen wir Seelen zur Bekehrung kommen, sich von der toten Orthodoxie und der Welt absondern und Leben aus Gott in ihrer Praxis offenbaren. Das wird, glaube ich, in der Wahrnehmung des Boas vorgestellt, dass eine Frau zu seinen Füßen lag. Durch Rückkehr in einem Geist des Gehorsams zu einer lebendigen Verbindung mit dem Herrn wird das, was in der Stellung zum Ausdruck kommt, in geistlicher Energie praktisch verwirklicht. In den Jahren nach der französischen Oberherrschaft bemerkte der Herr bei vielen einen geistlichen Zustand, mit dem Er Sich verbinden konnte. Und Er konnte diese Menschen weiter bringen zu dem, was uns in Philadelphia vorgestellt wird.

Und er sprach: „Wer bist du?“ Und sie sprach: „Ich bin Ruth, deine Magd; so breite deine Flügel aus über deine Magd, denn du bist ein Blutsverwandter“ (Kap. 3,9).

Kannte Boas Ruth nicht? Kannte der Herr die Gläubigen aus dem vorigen Jahrhundert nicht? Gewiss, Er kannte sie wohl, aber sie kannten sich selbst nicht. Um Boas antworten zu können, musste Ruth sich selbst Rechenschaft geben, wer sie war. Das war der Zweck der Frage. Und das Resultat sehen wir, wenn wir die Schriften aus dieser Erweckungszeit einigermaßen der Reihenfolge nach lesen. Wir sehen, wie man sich der wunderbaren Vorrechte der christlichen Stellung mehr und mehr bewusst wird. Zuerst, dass Gott durch das Werk des Herrn Jesus befriedigt ist, so dass jeder, der an Ihn glaubt, Frieden mit Gott hat und ein Kind Gottes ist. Danach die Allgenügsamkeit des Werkes des Herrn für den ganzen Zustand des Menschen, nicht allein für seine Sünden, sondern auch für seine Sünde. Dann das Gestorbensein mit Christus, aber auch das Auferwecktsein und in Ihm Versetztsein in die himmlischen Örter. Die herrliche Verbindung Christi mit seinem Leib, der Versammlung, und die Gewissheit, dass Er bald kommen wird. Der wahre Charakter und die wahre Stellung der Versammlung usw. O, es ist gut, durch eine Frage des Herrn dazu gebracht zu werden, über unsere wahre Stellung nachzudenken, so dass wir Ihm sagen können, wer wir durch seine Gnade sind.

Wie schön ist die Antwort der Ruth! Wir sehen wunderbare sittliche Eigenschaften bei ihr: Demut, Unterwürfigkeit, Bescheidenheit, aber daneben ein Herz, das nach allem verlangt, was göttliche Güte und göttlicher Reichtum geben können. Noomi hat in Vers 2 von „ unserem Verwandten“ gesprochen, und Ruths Herz hat sich daran geklammert. In ihrer Antwort liegt eingeschlossen, dass sie sich bewusst ist, dass Boas sie kennt, ja noch mehr, sie ist sich der Familienbande bewusst und beruft sich darauf. Sie beruft sich auf die Verheißungen, die Gott in seinem Wort gegeben hat, und damit auf die Pflichten des Boas. Und dabei nennt sie sich seine Magd, bekennt ihren hilflosen Zustand und erkennt an, dass es nur Gnade ist, wenn er ihrer Bitte nachkommt.

Ruth nennt sich nicht die Moabitin, sie ist sich der Familienbande mit Boas bewusst. Das ist das Erste, was ein Gläubiger lernen muss, dass er kein armer Sünder mehr ist, sondern dass er zu der Familie Gottes gehört. Es ist kein Beweis von Demut, wenn ein Gläubiger zum Herrn sagt, er sei arm und bitte um die Vergebung der Sünden. Es beweist nur, dass er dem Wort Gottes nicht glaubt und dass es ihm an Erkenntnis in Bezug auf den unendlichen Wert des Werkes des Herrn am Kreuz mangelt. Und der Herr kann ihn nicht all die Reichtümer sehen lassen, die Er für ihn hat, und ihm sein Einssein mit Ihm, dem verherrlichten Menschen im Himmel, nicht zeigen, solange er nicht wirklich Frieden mit Gott hat und freigemacht ist. Erst wenn das Herz vollkommene Ruhe gefunden hat, sowohl in Bezug auf die Sünden als auch auf die Sünde, kann es die weiteren Gedanken Gottes verstehen lernen.

Aber im vollen Bewusstsein ihrer Stellung nennt Ruth sich doch die Magd des Boas. Ihr Herz möchte für ihn, den sie in seiner Güte und Gnade kennengelernt hat, nichts anderes sein. Wir sprechen es ihr nach. „Du bist mein Herr, durch Deine Gnade rühm' ich, Dein Eigentum zu sein.“ „Dein Sklave sein ist größ're Ehre, als König über Land und Heere“.

Und während sie sich auf seine Löserschaft beruft, lässt sie ihn sehen, dass sie in sich selbst hilflos ist. Ein Vogel breitet seine Flügel über seine hilflosen Jungen aus, wenn Gefahr droht. Als David vor Saul flieht, ruft er zu Gott: „Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn zu dir nimmt Zuflucht meine Seele, und ich will Zuflucht nehmen zum Schatten deiner Flügel, bis das Verderben vorübergezogen ist“ (Ps 57,2). Siehe ferner Psalm 36,8; 61,5; 91,4; Matthäus 23,37 usw.

Welch wunderbares Vorbild des Glaubens und des Weges des Glaubens sehen wir doch bei Ruth! Glaube überwindet die Welt (1. Joh 5,4) und geht dann ganz und mit vollem Vertrauen zu Gott. Er nimmt den Platz außerhalb des Lagers, aber zugleich innerhalb des Vorhangs ein (Heb 13,11–13). In Kapitel 1 haben wir gesehen, dass Ruth sich mit Noomi in ihrer Fremdlingschaft als arme Witwe verbindet. Als eine wahre Tochter Abrahams will sie ihretwegen ihres Vaters Haus, ihre Familie und ihr Vaterland verlassen, um in das unbekannte Land zu ziehen. Noomis Volk soll ihr Volk und Noomis Gott ihr Gott sein. Ihr Glaube überwindet die Welt und nimmt den Platz außerhalb des Lagers ein.

Aber hier in Kapitel 3 finden wir die andere Seite. Für den Glauben Ruths sind die großen Dinge des Boas nicht zu groß für sie. Was Stellung oder Reichtum betrifft, ist sie von Boas so weit wie nur irgend möglich entfernt; sie war eine Ährenleserin auf seinem Feld, die sich nicht für würdig hielt, sich mit den Mägden des Boas zu vergleichen (Kap. 2,13). Und doch bittet sie um ihn selber; die Ährenleserin will seine Frau sein und auf diese Weise nicht allein das Erbteil des Elimelech zurückgewinnen, sondern auch an allem Reichtum dieses Mannes, „gewaltig an Vermögen“, teilhaben.

Aber wie weit sich der Glaube auch ausstreckt, er wird durch den Geist Gottes geleitet. Denn Gott hat in alten Zeiten diese hohen Dinge für den Glauben aufbewahrt. Die wunderbaren Geheimnisse der überströmenden Gnade Gottes, die Ratschlüsse Gottes, die Einsetzung des Lösers und die Treue des Erlösers garantieren, dass der Glaube empfängt, was er begehrt. Die Freimütigkeit des Glaubens wird nie über das Recht des Glaubens hinausgehen.

„Und er sprach: Gesegnet seist du von dem Herrn, meine Tochter! Du hast deine letzte Güte noch besser erwiesen als die erste, indem du nicht den Jünglingen nachgegangen bist, sei es armen oder reichen“ (Kap. 3,10).

So wie wir bei Ruth den Weg des Glaubens gesehen haben, so sehen wir bei Boas den Weg der Gnade. Gnade ermutigt die Seele, schenkt das freudige Vertrauen und entspricht ihm dann. Sie belohnt das Vertrauen, das sie selbst geweckt hat.

Dieses Kennzeichen der Gnade finden wir in der ganzen Schrift. Wenn der Heilige Geist einen Sünder von seiner Schuld überführt, bringt Er ihn dazu, sich bei einem heiligen und gerechten Gott anzuklagen. Der Sünder tut dies, weil in seinem Herzen Vertrauen auf die Güte dieses strengen Gottes geweckt ist. Wenn er nur seine Sünden sähe, würde er so weit wie möglich von dem Gott fliehen, der zu heilig ist, um Sünde zu sehen, und der infolgedessen für ihn nur ein ewiges Gericht haben kann. So ist auch der Weg des Herrn mit den Seinen. Wie sehen wir dies Wecken des Vertrauens bei der Berufung z.B. von Mose, Gideon und Jeremia zu dem Dienst, für den der Herr sie gebrauchen wollte (2. Mo 3.4; Ri 6; Jer 1). Er fand furchtsame, kleingläubige Herzen, aber Er machte sie bereit für die Segnungen, die seine Gnade ihnen geben wollte. Und wie strahlt dieser Zug der Gnade in Johannes 4: Einer sündigen Samariterin gegenüber offenbart Er seine ganze Güte und die Güte Gottes als Geber, um ihr Herz anzuziehen, damit sie mit ihren Sünden zu Ihm komme.

Das Gleiche sehen wir bei Boas. Der Takt und doch die Aufrichtigkeit, womit er in Kapitel 2 Ruth ermutigt, sind bewundernswert. Und nun steht er bereit, dem ganzen Verlangen des Vertrauens, das er in ihr geweckt hat, zu entsprechen. Er hat ihr Herz nicht in dieser Weise gezogen, um sie nun zu enttäuschen.

Von Geburt war sie „ohne Christus, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdling betreffs der Bündnisse der Verheißung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,12). Aber nun, da sie sich zu dem Herrn, dem Gott des Volkes Gottes, bekehrt hat, erkennt Boas sie als eine an, die zu diesem Volk gehört, die auf diese Weise mit dem Herrn in Verbindung steht und dadurch gewissermaßen ein Recht auf seinen Segen hat, ein Recht, das Er aus unendlicher Gnade seinem Volk gegeben hatte: „Gesegnet seist du von dem Herrn, …!“ Und er bringt sie auch in eine persönliche Verbindung mit sich selbst, indem er sie „meine Tochter“ nennt. Er adoptiert sie gewissermaßen zu einer Tochter Israels. Formell hatte sie noch kein Erbteil und war noch nicht mit ihm verbunden. Es waren noch Schritte zu tun, Schwierigkeiten zu überwinden, bevor sie öffentlich ihren Platz als solche einnehmen konnte. Aber sein Herz erkennt ihre Rechte an, und das sagt er zu ihr. Wie ermutigend für sie!

Die Güte, die Ruth im Anfang erwiesen hat, hat Boas in Kapitel 2,11 bereits genannt. Ihre letzte Güte ist, dass sie nicht dem Verlangen des eigenen Herzens und der eigenen Lüste gefolgt ist, sondern die Rechte, die Boas nach den Aussprüchen des Wortes Gottes auf sie hat, anerkennt und danach handelt. Das ist es auch, was der Herr bei uns schätzt.

Unser Herz möchte seine eigenen Wege gehen. Es verlangt nach den Dingen der Welt und nach den Dingen der Natur. Aber der Herr hat Rechte auf uns, Rechte der Liebe, infolge des Preises, den Er für unsere Erlösung bezahlt hat. Er hat seine Versammlung geliebt und Sich Selbst für sie hingegeben, damit sie Ihm ganz gehöre, und so, wie sein Herz wünscht, dass sie sei (Eph 5,25–27). Dafür hat Er den vollen Preis bezahlt. Er hat alles verkauft, was Er hatte, um sie zu besitzen (Mt 13,46). Er hat Sich Selbst zu nichts gemacht und Knechtsgestalt angenommen, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, hat Er Sich Selbst erniedrigt, indem Er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz (Phi. 2,6–8). Sollte ein solcher Preis, der bezahlt wurde, um uns von dem ewigen Verderben zu retten und uns die höchsten Segnungen zu schenken, dem Herrn keine Rechte über uns geben? Er hat ein Recht auf unsere Liebe, unsere Hingabe, unseren Gehorsam. Er hat ein Recht auf unseren Leib, unsere Seele und unseren Geist. Er hat ein Recht auf alles, was wir in unserem ganzen Leben sind.

Aber Gottes Wort gibt noch andere Gründe an für seine Rechte auf uns. Er hat ein vollkommenes Recht auf unseren Gehorsam, weil Er der Schöpfer ist. Kolosser 1,16 sagt uns, dass alle Dinge durch Ihn und für Ihn geschaffen sind. Er hat das Weltall, aber auch den Menschen geschaffen, damit sie zu seinem Dienst, seinem Wohlgefallen seien. Das bedeutet auch, dass der Mensch, in allen seinen Eigenschaften, in allen seinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten, so geschaffen ist, um Ihm zu dienen, dass alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten erst ihre Bestimmung und volle Ausübung finden, wenn er in vollkommenem Gehorsam seinem Schöpfer dient, ja, dass er nur auf diese Weise wirklich Befriedigung findet. Wie Augustinus sagte: Der Mensch findet keine Ruhe, bis er Ruhe findet in Gott. Darum wird in 5. Mose 6,5 gesagt: „Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“, und der Herr, als Er diese Worte anführt, fügt noch hinzu: „und aus deinem ganzen Verstand“ (Mk 12,30).

Aber Hebräer 1,1.2 sagt uns, dass der Herr auch als Sohn Gottes Recht auf die Herrschaft hat. Und Psalm 8, Hebräer 2,5–8 und Kolosser 1,15 nennen uns ein viertes Recht: Nach dem Ratschluss Gottes sind alle Dinge Ihm als dem Sohn des Menschen unterworfen.

Erkennen wir dieses vierfache Recht des Herrn Jesus auf uns an? Und gehen wir deshalb mit unserem ganzen Verlangen, mit allen unseren Fragen zu Ihm, ja mit der großen Frage in allen Dingen: „Herr, was willst Du, das ich tun soll?“ Mit der Frage, welche Arbeit wir tun sollen, wie wir unsere Zukunft vorbereiten sollen, mit wem wir Umgang pflegen sollen, wo wir wohnen, wie wir unser Haus einrichten sollen, wie wir unsere Kinder erziehen, für welchen Beruf wir sie vorbereiten sollen, ja mit der Frage in Bezug auf alle Dinge in unserem Leben, sowohl in Verbindung mit unserem Leib als auch mit unserer Seele und unserem Geist, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute fragend: „Herr, was willst Du, das ich tue?“

Das Wort Gottes ist in Bezug auf diesen Punkt nicht unklar. „Gott hat ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg 2,36). Ruth hatte aus dem Wort gelernt, dass Boas der Löser war und dass sie folglich i h m gehören musste. Darum ging sie zu ihm und übergab sich selbst und ihre ganze Sache, ihre ganze Zukunft ihm. Wir sehen, wie das dem Herzen des Boas gut tat. Er spricht sein Lob über sie ihr selbst gegenüber aus.

Wie muss es das Herz des Herrn Jesus befriedigen, wenn wir freiwillig zu Ihm kommen, um seine Rechte über uns anzuerkennen und uns ganz Ihm zu übergeben! Nicht, dass wir frei wären, es nicht zu tun. Gott fordert von dem Menschen, dass er die Autorität des Sohnes anerkennt (Phil 2,9.11; Röm 10,9; Ps 2). Aber wenn wir es mit einem freiwilligen Herzen tun, weil wir Ihn liebhaben als Antwort auf seine wunderbare Liebe (1. Joh 4,19), dann werden wir auch das Zeugnis seines Wohlgefallens empfangen. Er lobt in uns, was seine Gnade in uns gewirkt hat und was mit seinen Gedanken in Übereinstimmung ist. Er darf mit Recht erwarten, dass diese Dinge bei uns gefunden werden, aber wenn sie vorhanden sind, rechnet Er sie uns zu und versichert uns seines Beifalls. Kennen wir diese anerkennende Stimme aus Erfahrung?

Es ist auffallend, dass Boas zum Lob Ruths sagt, dass sie keinen jungen Männern nachgegangen sei, sei es reichen oder armen. Es ist der Liebe unwürdig, wenn ein Mädchen ihre Gefühle durch den Reichtum des jungen Mannes bestimmen lässt. Wenn Ruth einem armen jungen Mann nachgegangen wäre, hätte man von sauberen natürlichen Motiven sprechen können, von Motiven, die Gott Selbst in den Menschen gelegt hat, denn die Liebe der Frau zum Mann und des Mannes zur Frau ist durch Gott in dem Menschen geschaffen. Aber wenn es um den Herrn Jesus geht, dann haben selbst die edelsten und höchsten Gefühle der Natur keinen führenden Platz mehr. Auch sie müssen, ebenso wie der Verstand, unter den Gehorsam des Christus gefangengenommen werden. Und in diesem Gehorsam kommen sie zu ihrer höchsten Entfaltung; der Schöpfer wird sie nach seiner Weisheit da zur Entfaltung bringen, wo Er durch sie verherrlicht wird und das Geschöpf demnach volle Befriedigung finden kann.

„Und nun, meine Tochter, fürchte dich nicht! Alles, was du sagst, werde ich dir tun; denn das ganze Tor meines Volkes weiß, dass du eine tüchtige Frau bist“ (Kap. 3,11).

Es wäre möglich gewesen, dass Ruths Handlungsweise das Herz des großen Mannes gänzlich von ihr, der Moabitin, abgewendet hätte. Und das umso mehr, als das, worum sie bat, weiter ging, als was in Gottes Wort dem Löser ausdrücklich vorgeschrieben war.

3. Mose 25,25.48.49 sagt, dass das nächste männliche Familienglied lösen soll, wenn jemand durch Armut sich als Sklave verkauft hat, und dass der Bruder lösen soll, wenn das Erbteil aus Armut verkauft ist. Als dann in 5. Mose 25 die Schwagerehe eingesetzt wird, wird nur der Bruder des Verstorbenen angewiesen, die Witwe zu heiraten und seinem Bruder bei ihr Samen zu erwecken. Nach den Worten des Gesetzes war Boas also nicht verpflichtet, Ruth zu heiraten und ebenso wenig das Erbteil des Elimelech zu lösen.

Aber die Gnade unseres Boas ist grenzenlos. Nie kann der G1aube zu viel erwarten (wohl das F1eisch, denn der Herr gibt niemals dem Fleisch, was es begehrt, es sei denn als Zucht). Die Gnade freut sich, wenn der Glaube freimütig bittet. „Tu deinen Mund weit auf“ (Ps 81,11). Der Glaube kann bitten, dass Berge von Schwierigkeiten aufgehoben und ins Meer geworfen werden, und es wird geschehen. Und vor allem wird der Herr stets ein Gebet erhören, in dem der Gläubige sich ganz Ihm übergibt. Wie viel der Glaube auch bittet, die Gnade wird stets antworten: „Fürchte dich nicht“. Und nicht nur das, sondern der Herr wird hinzufügen: „Alles, was du sagst, werde ich dir tun“. Er möchte, dass wir Vertrauen zu Ihm haben.

„Denn das ganze Tor meines Volkes weiß, dass du eine tüchtige Frau bist.“ Sprüche 12,4 sagt: „Eine tüchtige Frau ist ihres Mannes Krone“. Und in Sprüche 31,10–31 wird sie beschrieben. Das Ganze wird dann zusammengefasst in den Worten: „Eine Frau, die den Herrn fürchtet, sie wird gepriesen werden“, denn „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis „ (Spr 1,7).

Eine tüchtige Frau ist also eine Frau, die ihren Platz in der Familie und ihrem Mann gegenüber so einnimmt, wie es nach Gottes Gedanken ist. Sie ist die Frau nach Gottes Gedanken. Und da die Zwei-Einheit Mann und Frau in der Schöpfung ein Bild von Christus und der Versammlung ist (Eph 5,32), ist die tüchtige Frau ein Bild von der Versammlung nach Gottes Gedanken.

Boas sagt zu Ruth, sie sei eine tüchtige Frau. Obwohl sie nicht mit einem Mann verbunden ist, sieht er doch die Kennzeichen bei ihr. Und er nicht allein, sondern es ist im ganzen Tor seines Volkes bekannt. Das Tor ist der Ort der Regierung. Dort kommen die Ältesten der Stadt zusammen, um alle Dinge zu besprechen und zu regeln. Und alle Ältesten, die ganze Regierung der Stadt, hatten über sie gesprochen, und sie waren einer Meinung, dass sie eine Frau nach Gottes Gedanken sei. Wir würden sagen: „Alle Brüder in der Brüderversammlung haben über sie gesprochen und sind sich darüber einig, dass sie eine gottesfürchtige Frau ist.“ Das war der Grund, warum Boas zu ihr sagen konnte: „Alles, was du sagst, werde ich dir tun.“

Es ist gut, Sprüche 31 einmal unter diesem Gesichtspunkt zu überdenken, da zu lernen, was die praktischen Charakterzüge der Versammlung nach Gottes Gedanken sind, und uns dann zu fragen, ob der Herr diese Dinge bei uns sieht, ob das ganze Tor seines Volkes diese Dinge bei uns sieht, bei uns gemeinschaftlich und bei mir persönlich.

Der Herr sah diese Kennzeichen der Versammlung bei den Gläubigen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, über die wir in den vorigen Versen dieses Kapitels gesprochen haben. Er sah ihren Gehorsam Ihm und seinem Wort gegenüber, so dass sein Herz als Herr (der Gebieter) ganz auf sie vertrauen konnte (V. 11 und Off 3,8b). Er sah, wie eifrig sie für seine Dinge waren, wie sein Haus der Gegenstand ihrer Sorge war, wie sie für die Glieder der Familie sorgten (Philadelphia = Bruderliebe) und eifrig waren, den Elenden und Dürftigen (Spr 31,20) das Evangelium zu bringen. Und das ganze Tor seines Volkes sah es. Es war in der ganzen Christenheit bekannt. Darum konnte Er Sich näher mit ihnen verbinden und sie öffentlich als sein Zeugnis anerkennen.

„Und nun, ich bin wirklich ein Blutsverwandter; doch ist auch ein näherer Blutsverwandter da als ich. Bleib diese Nacht hier; und es soll am Morgen geschehen, wenn er dich lösen will, gut, so mag er lösen; wenn er aber keine Lust hat, dich zu lösen, so werde ich dich lösen, so wahr der Herr lebt! Bleibe bis zum Morgen liegen“(Kap. 3,12.13).

Hier sehen wir, dass die Bitte Ruths für Boas keine Überraschung war. Er hatte sie durch seine Gnade dazu bringen wollen, zu ihm zu kommen, weil er der Einzige war, der ihr helfen konnte. Aber er hatte nicht leichtfertig, in einer Laune, gehandelt, ohne die Folgen seines Tuns zu übersehen. Er wusste – viel besser als Ruth – welche Schwierigkeiten da waren.

Der Herr Jesus kennt unser Herz, unseren Zustand und den Weg, den wir gehen. In Jesaja 46 sagt Er: „Der ich von Anfang an das Ende verkünde und von alters her, was noch nicht geschehen ist; der ich spreche: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich tun“ (V.10). Und in Psalm 139 steht: „Du verstehst meine Gedanken von fern… Das Wort ist noch nicht auf meiner Zunge, siehe, Herr, du weißt es ganz“.

Er wirkt durch seinen Geist in unseren Herzen, damit wir vertrauen zu Ihm gewinnen und uns Ihm ganz übergeben, damit wir lernen, dass Er der (Er)löser aus aller Gefangenschaft ist, dass wir nur durch Ihn ein Erbe unter den Geheiligten erlangen können. Und Er weiß, welche Schwierigkeiten überwunden werden müssen, ehe wir so weit sind.

Für Ihn gibt es keine Schwierigkeiten. Er bestätigt gern, dass Er der Erlöser ist und dass Er alles tun will, was wir im Glauben von Ihm erbitten. Aber bei uns gibt es Schwierigkeiten, weil unser Herz so arglistig ist und immer wieder aufs Neue versucht, durch einen anderen Löser erlöst zu werden. Der Weg durch Römer 7 ist oftmals ein langer Weg. Und Er kann uns nicht definitiv helfen, solange wir nicht zu dem Ausruf gekommen sind: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (V. 24). Bis das Gesetz seine Ohnmacht gezeigt hat, einen Menschen mit einer sündigen Natur dazu zu bringen, Gott zu dienen, und ihn von der Macht der Sünde zu befreien. Aber wir werden diesen Punkt in Kapitel 4 noch ausführlicher behandeln.

Boas sagt zu Ruth: „Bleibe bis zum Morgen liegen.“ Sie war selbst in der Nacht gekommen, um unter der Fußdecke des Boas zu seinen Füßen zu liegen, während er dort schlief. Bei Vers 7 haben wir gesehen, dass das ein Bild ist von dem Getauftsein auf seinen Tod, von dem Mit-Ihm-Begraben-werden durch die Taufe auf den Tod (Röm 6,3.4). Dort sind wir befreit. Da haben wir teil an dem ganzen Erlösungswerk, sowohl was unsere Sünden als auch was unsere Sünde betrifft. Von da aus können wir das Erbteil in Besitz nehmen; im Glauben annehmen, dass wir mit Christus auferweckt und in Ihm in die himmlischen Örter versetzt sind (Eph 2,5.6). Darum sagt Boas zu Ruth: „Bleibe bis zum Morgen liegen“. Dann würde es sich zeigen, ob der andere Löser noch eingeschaltet werden musste oder nicht.

„Und sie lag zu seinen Füßen bis zum Morgen; und sie stand auf, ehe einer den anderen erkennen konnte“ (Kap. 3,14).

In Kapitel 2,17 haben wir gelesen, dass Ruth auflas bis zum Abend, hier hören wir, dass sie zu den Füßen des Boas liegt bis zum Morgen. Das sind die beiden Seiten des Christentums. Im Blick auf unsere Arbeit (Joh 9,4) und im Blick auf unser Wachen (1. Thes 5,4–8) ist es für uns Tag und warten wir auf die Nacht. Aber was unseren eigentlichen Platz hier auf der Erde betrifft, wo wir mit einem verworfenen Herrn verbunden sind, ist es Nacht. Diese Dinge widersprechen sich nicht. Die, die am dichtesten bei dem Herrn Jesus sind – zu seinen Füßen in der Nacht – tun am Tag die meiste Arbeit.

Hier lernte Ruth zum ersten Mal die Lektion des völligen Vertrauens auf Boas in Bezug auf jeden Segen, den die Erlösung bringen konnte. Was für ein wunderbarer Platz! Zu seinen Füßen, im Bewusstsein seiner Zustimmung, was unsern Wandel betrifft, als die Empfänger und Gegenstände seiner Verheißungen und mit der Gewissheit, dass Er uns gehört hat und für uns alles in Ordnung bringen wird.

Aber warum blieb Ruth nicht dort, bis der Tag angebrochen war, zumindest in ihrer Seele? Sie wurde nicht weggeschickt, sondern stand selber auf. Nie wird der Herr jemanden fortschicken, keinen Sünder und noch weniger einen der Seinen, der in der Nacht zu seinen Füßen liegt. Sie stand auf von dem herrlichen Platz der vollkommenen Abhängigkeit von Ihm an dem Ort seines Todes, seines Grabes. Wenn sie geblieben wäre, wäre es Tag geworden. Dann wäre das Licht in ihrem Herzen aufgegangen, und sie hätte Ihn wirklich kennengelernt in aller Macht seiner Erlöserschaft, seines heiligenden Werkes und seines verherrlichenden Werkes. Nun ging sie fort, „ehe einer den anderen erkennen konnte“.

Warum bleiben so viele bei Römer 5,1.2 stehen? Sie haben den Herrn als den Heiland kennengelernt, der sie von dem ewigen Gericht rettete. Aber sie bleiben in der Macht der Sünde, ihrer alten Natur, weil sie nicht an dem Platz bleiben, von dem sie in der Taufe bekannt haben, dass es ihr Platz ist. In der Taufe haben sie nicht bekannt, dass ihre Sünden vergeben sind, sondern dass sie mit Ihm begraben sein wollten. Wenn sie da bei Ihm blieben, würden sie von Grund auf verstehen lernen, dass der Herr nicht allein alles, was ihre Sünden betrifft, in Ordnung gebracht hat, als Er sie auf seinem Leib auf dem Holz trug, sondern dass Er auch für sie zur Sünde gemacht wurde und dass Gott in Ihm dort unsere böse Natur gerichtet hat. Dass wir nicht nur von der Strafe errettet sind, sondern auch geheiligt, abgesondert von dem Ort, an dem wir vor unserer Bekehrung waren, und von dem Zustand, in dem wir uns befanden (1. Pet 1,2; 1. Kor 6,11). Und wenn wir das gelernt haben, führt der Herr uns aus dem Grab heraus zur lichten anderen Seite, wo Er ist – mit Christus lebendig gemacht, mitauferweckt und mitversetzt in die himmlischen Örter in Christus Jesus. Dann haben wir Ihn wirklich in dem ganzen Wert seines Werkes als Den kennengelernt, Der uns erlöst, Der uns heiligt und Der uns verherrlicht. Dann sind wir in der christlichen Stellung (Joh 17,3).

Ruth ging fort. Sie blieb nicht da, wo sie nur zu ruhen brauchte, weil Boas da war, der alles in Ordnung bringen würde. Wenn wir den Platz des Gestorbenseins mit Christus verlassen und wieder den Platz von Lebenden einnehmen, dann kommt der Löser, der näher ist als Boas. Über Gestorbene hat das Gesetz nichts zu sagen (Röm 7,4–6). Aber über lebende Menschen, die sich selbst von der Macht der Sünde befreien wollen, hat es Gewalt. Dann sagt es: Tu dies, und du wirst leben, und: Wer das Gesetz übertritt, wird sterben. Wenn der Mensch das Gesetz halten könnte, dann wäre das Gesetz ein Löser. Aber ebenso wie Ruth haben wir lernen müssen, dass das Gebot, das zum Leben war, sich uns zum Tod erwies.

„Und er sprach: Es werde nicht bekannt, dass eine Frau auf die Tenne gekommen ist! Und er sprach: Gib den Überwurf her, den du anhast, und halte ihn. Und sie hielt ihn, und er maß sechs Maß Gerste und legte sie ihr auf; und sie (s. Fußnote Elberfelder Übersetzung) ging in die Stadt“ (Kap. 3,15).

Warum diese Heimlichkeit? Es ist keine Ehre für Boas, dass Ruth so von ihm fortgeht. Ruth ging von ihm weg und ließ ihn zurück als den, der ihr helfen sollte, dass der nähere Löser sie löse. Er war nicht alles für sie.

Es ist keine Ehre für den Herrn, wenn jemand, für den Er alles getan hat, Ihn nur benutzen will, um das Gesetz zu erfüllen und sich selbst zu bessern. Er wurde für uns zur Sünde gemacht, weil wir so unverbesserlich schlecht waren, dass Gott nur Gericht für uns hatte, nicht nur für unsere Sünden, sondern für unsere Natur.

Und nachdem Er alles vollbracht hat, verschmähen so viele (nicht bewusst, aber darum doch ebenso wirklich) den wichtigsten Teil seines Werkes, in dem Er das Gericht über unsere böse Natur trug. Sie versuchen, die Natur zu verbessern, um doch als lebende Menschen vor Gott bestehen zu können, und nehmen das Gesetz, um das zustande zu bringen. Das Einzige, wozu sie den Herrn dann nötig haben, ist, dass Er ihnen Kraft gibt, das Gesetz zu erfüllen.

Der Herr kann ihnen darin nicht helfen. Er weiß, dass es unmöglich ist, denn gerade weil wir unverbesserlich waren, wurde Er für uns zur Sünde gemacht. Und Er ist nicht in der Herrlichkeit, um das Gesetz zu verherrlichen. Das Ganze ist lediglich eine Leugnung der Notwendigkeit seines Werkes und eine Leugnung seines Werkes selbst.

Es gereicht nicht zu seiner Ehre, wenn jemand, für den Er alles vollbracht hat, um ihn aus der Macht der Sünde, Satan, Welt und Tod zu erlösen, sich in dem Zustand befindet, der in Römer 7 beschrieben wird, so dass er ausruft: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Ein solcher wird in der Schrift auch kein Christ genannt. Erst nachdem ein Gläubiger die Befreiung kennengelernt und so den Heiligen Geist empfangen hat, ist er ein Christ (Röm 8,10). Dann erst hat Gott sein Siegel auf ihn gedrückt (Eph 1,13). Darum wird bis Römer 8 nicht von dem Heiligen Geist gesprochen – außer der beiläufigen Erwähnung in Kapitel 5,5, wo das Thema der Kapitel 5 (ab V. 12), 6 und 7 noch nicht behandelt wird. Nein, es ist nicht zur Ehre des Herrn, wenn bekannt wird, dass eine Frau wie Ruth nun auf die Tenne gekommen ist, ein praktischer Zustand in solchem Gegensatz zur Vollkommenheit seines Werkes.

Aber wenn Boas Ruth auch nicht öffentlich als mit ihm verbunden anerkennen kann, so sind doch seine Güte und seine Gnade ihr gegenüber nicht vermindert. „Wenn wir untreu sind – er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2. Tim 2,13). Ja, welch ein Freund ist unser Jesus! Wir können nicht bei Ihm gewesen sein, ohne reich beladen von Ihm zu gehen.

Beachten wir wohl, was Boas gibt! Am Ende von Kapitel 2 haben wir gesehen, dass Ruth, was ihr Ährenlesen angeht, bis in die Weizenernte gekommen ist. Wir haben gesehen, dass Weizen ein Bild der Gläubigen ist als solcher, die von gleicher Wesensart sind wie der Herr Jesus (Joh 12,24). Das führt zum Einssein mit Christus, also zur Versammlung (Eph 1,23; 3,6; 4,16). Aber in Kapitel 3 haben wir gesehen, dass Ruth praktisch noch nicht so weit war. Sehr häufig ist unsere Erkenntnis größer als unsere praktische Verwirklichung dieser Erkenntnis. Der Herr sieht auf die Wirklichkeit und handelt in Übereinstimmung damit. Darum wird im ganzen 3. Kapitel von Gerste gesprochen und nicht von Weizen. Boas war auf der Tenne, um Gerste zu worfeln. Und auch jetzt gibt er Ruth Gerste mit. Gewiss, es ist kein Stroh dabei, wie sie es in Kapitel 2 wohl hatte. Es ist nicht einmal Spreu dabei, denn Boas hat die Gerste geworfelt. Aber jemand, der sich noch im Zustand von Römer 7 befindet, kann sich nicht mit der Versammlung beschäftigen. Er muss erst aus der Macht der Sünde und des Todes befreit sein. Und dazu empfängt er die reine Gerste, die, wie wir immer wieder gesehen haben, von Auferstehungsleben spricht, einem Leben, das durch den Tod gegangen ist und nun nicht mehr von ihm angetastet werden kann. Dieses Leben stellt uns auf die andere Seite des Todes, wo weder Tod noch Sünde noch Gesetz mehr ist.

Er gibt ihr sechs Maß. Es steht nicht dabei, wie groß die Maße waren. Unser Boas gibt nie kärglich, sonst hätte er ihr das Korn nicht auflegen müssen, wie geschrieben steht. Dann hätte sie es wohl selbst aufnehmen können. Aber die Tatsache, dass die Größe des Maßes nicht genannt wird, zeigt deutlich, dass nicht darauf die Aufmerksamkeit gelenkt wird, sondern auf die Anzahl: sechs.

Sechs ist die Zahl der Tage der Arbeitswoche des Menschen, die Zahl der ihm auferlegten Aufgabe als Geschöpf.

Die praktischen Segnungen des Herrn können nie weit über unseren Zustand hinausgehen. Er konnte einen Israeliten nicht mit den christlichen Segnungen segnen. Er kann auch jemandem, der in dem Zustand von Römer 7 seufzt, nicht den praktischen Genuss all der wunderbaren Segnungen des Briefes an die Epheser schenken. Die praktischen Segnungen eines solchen stehen in Verbindung mit seinem Zustand der Werke, mit seinem Versuch, das Gesetz zu erfüllen. Darum erhielt Ruth keine sieben Maß. Das fehlende siebente Maß wird sie in Kapitel 4 empfangen. Es ist Boas selber. Wer mit Christus einsgemacht ist, besitzt alles, nicht nur alle seine Reichtümer, sondern auch Ihn Selbst. Darum wird zu den Vätern gesagt: „Weil ihr den erkannt habt, der von Anfang ist“ (1. Joh 2,13.14). Damit ist alles gesagt.

Wer Ihn besitzen will, muss das einzig Notwendige tun: zu seinen Füßen bleiben (Lk 10,38–42). Dann empfangen wir s i e b e n Maß W e i z e n. Ein wunderbares Teil: der praktische Genuss des Einsseins mit Ihm, Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn, die vollkommene Freude gibt (l. Joh 1,3.4). Aber daneben müssen wir damit rechnen, dass wir von jedem missverstanden werden, außer von dem Herrn; missverstanden von Martha, unserer Schwester, von Lazarus, unserem Bruder, von Judas, dem Apostel (Joh 12), von allen Jüngern (Mt 26,8), ja, von unserer eigenen Frau: Jemandes Hausgenossen werden seine Feinde sein.

Was erwählen wir? Ist Er nicht allen Kummer und alle Schwierigkeiten wert? Geht seine Gemeinschaft nicht über alles? Und was für ein wunderbarer Gedanke: Er wird getröstet über all seinen Kummer, wenn eine da ist, die alles loslässt, um nur für Ihn zu sein (1. Mo 24,67). Ruth geht von Ihm fort und kehrt in die Stadt zurück. Die Stadt des Volkes Gottes ist kein schlechter Ort, aber sie ist nicht Er Selbst. Wenn sogar die Versammlung uns von Ihm abzieht, dann ist das ein unendlicher Verlust: Verlust für uns, Verlust für den Herrn, Verlust für die Versammlung. Darum kann Boas der Ruth nur sechs Maß geben.

„Und sie kam zu ihrer Schwiegermutter; und sie sprach: Wer bist du, meine Tochter? 1 Und sie berichtete ihr alles, was der Mann ihr getan hatte, und sprach: Diese sechs Maß Gerste gab er mir, denn er sagte zu mir: Du sollst nicht leer zu deiner Schwiegermutter kommen“ (Kap. 3,16.17).

Ruth kehrte mit guten Nachrichten zu ihrer Schwiegermutter zurück, beladen mit einem reichlichen Beweis der guten Gesinnung des Boas. Aber sie hatte die Ruhe nicht, um die sie zu Boas gegangen war. Sie wusste nicht einmal, wann und durch wen sie diese Ruhe erlangen würde, während Boas sie ihr so gern gegeben hätte.

In prächtiger Sprache fragt Noomi sie: „Wer bist du, meine Tochter?“ Ohne Zweifel war Ruth nicht mehr dieselbe wie die, die am vergangenen Abend zur Tenne gegangen war. Niemand kann bei dem Herrn Jesus gewesen sein, ohne zur Gleichförmigkeit mit Ihm verändert zu sein. Aber ich denke, dass das nicht Noomis Frage war. Sie wusste, dass Boas der Löser war, und sie hatte Ruth zu ihm gesandt, damit sie Ruhe fände. Sie sah Ruth als die auserwählte Braut. Sie wusste, was der treue Löser tun würde. Ihre Frage bedeutet: Bist du mit Boas einsgemacht? Hast du an seiner Seite die Ruhe gefunden?

Eine das Gewissen und das Herz erforschende Frage für Ruth. Was soll sie antworten? Wer ist sie? In sich selbst ist sie dieselbe arme, einsame, machtlose Frau. Was sie an Gutem zu erzählen hat, ist nur Gutes von Boas. So werden ihre Gedanken von ihr selbst abgezogen und auf Boas hingelenkt, auf seine Güte, seine Kraft, seine Worte, seine Verheißungen.

Sie kann die sechs Maß Gerste zeigen, einen Teil seines Reichtums, und so sogar Noomi von dem mitteilen, was sie selbst von Boas empfangen hat.

Noomi begreift den Zustand. Sie hört, was Ruth erzählt, und versteht, was sie nicht erzählen kann. Sie sieht, dass es sechs Maß Gerste sind und nicht sieben. Sie weiß, dass Ruth die Ruhe noch nicht gefunden hat. Und aus Erfahrung weiß sie, was die Ursache ist. Gibt es einen Christen, der den Kampf von Römer 7 nicht aus Erfahrung kennt? Aber wie groß die Enttäuschung für sie ist, welch ein Trost zu sehen, dass Boas doch das Vertrauen der Ruth zu ihm würdigt, wenn es auch schwach ist und in verkehrte Richtung geht.

Ja, der Herr Jesus erkennt jedes geistliche Verlangen – selbst des schwächsten Gläubigen – an. Es ist viel für Ihn, wenn jemand in Wahrheit sagen kann: „Ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“ (Röm 7,22). Und wie viel mehr Wert hat es für Ihn, wenn Er ein aufrichtiges Verlangen nach Ihm Selbst sieht. Da gibt Er einen ausdrücklichen Beweis seines Interesses und eine Verheißung, dass Er Sich mit der Schwierigkeit beschäftigen wird.

Noomi sieht die Ursache des Versagens der Ruth. Und da nun Ruth selbst zu besserer Selbsterkenntnis gelangt ist und auch zu besserer Erkenntnis des Boas, indem sie sich alles dessen erinnert, was er für sie getan hat, kann Noomi ihr sagen, auf welche Weise alles doch in Ordnung kommen kann: „Sei still,2 meine Tochter, bis du weißt, wie die Sache ausfällt; denn der Mann wird nicht ruhen, er habe denn die Sache heute zu Ende geführt“ (Kap. 3,18).

„Sei still“ ist ein guter Rat für die, die Leben aus Gott haben, aber keine Ruhe für ihre Seele, und diese Ruhe nun durch ihre eigenen eitlen Versuche zu erlangen trachten.

Wir wissen aus Erfahrung, wie viele Gedanken wir über unsere Unreinheit und Nacktheit hatten, über unseren Zustand und unser Schämen, und wie wir versuchten, unser Leben zu bessern. Aber als wir das große Geheimnis der Gnade kennenlernten, dass unser Erlöser unsere Sache zu der Seinen gemacht hat, da wurden wir still und schweigsam und kehrten uns von uns selber ab, um uns nur mit Christus zu beschäftigen. Wir haben stillzustehen und die Rettung des Herrn zu schauen (2. Mo 14,13), wie Josua in Sacharja 3. Wir müssen Ihn unseren Klägern antworten lassen wie die Ehebrecherin in Johannes 8. Auf dem Weg nach Hause mögen wir über uns selbst und unseren Zustand nachgedacht haben, aber sobald wir in das Haus eingetreten sind und gesehen haben, dass der Vater unsere Segnungen zu seiner Angelegenheit gemacht hat, haben wir nichts mehr zu tun, als still zu sitzen und zu essen, was Er für uns bereitet hat (Lk 15,22–24).

Es ist von größter Bedeutung, dass, sobald Boas die Sache Ruths auf sich genommen hatte, er keine Ruhe mehr fand, bis er die Sache zu einem guten Ende geführt hatte. Was konnte Ruth tun, als die Sache nur schwieriger machen? Und so ist es mit uns. Der Herr hat keine Ruhe, bis wir in Ihm in der Gegenwart Gottes Ruhe gefunden haben. Aber alles muss so geschehen, dass die Ehre allein dem Herrn gehört. Er will für die, die Ihn lieb haben, alles bewirken, was ihre Herzen verlangen. Und warum? Aus dem gleichen Grund wie Boas: Er hatte Ruth lieb. Das war der große Beweggrund für alles, was er für sie tat. Nun, Christus hat die Versammlung geliebt und Sich Selbst für sie hingegeben, damit Er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit Er die Versammlung Sich Selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei (Eph 5,25–27).

Fußnoten

  • 1 Holländische Übersetzung, siehe auch Fußnote Elberfelder Übersetzung und englische Übersetzung von J.N.Darby
  • 2 So die holländische und englische Übersetzung von J.N. Darby
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