Unterredungen über den ersten Brief an die Korinther

Kapitel 14

Unterredungen über den ersten Brief an die Korinther

Nachdem im 12. Kapitel von der Lehre bezüglich der Gaben und im 13. von der zu ihrer Ausübung nötigen Liebe die Rede gewesen ist, finden wir jetzt in Kapitel 14 die Art und Weise, wie diese Gaben in der Versammlung ausgeübt werden sollen. Dieses Kapitel besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil (Vers 1-25) redet allgemein von der Ausübung der Gaben in der Versammlung und davon, was bei einem Zusammenkommen der Versammlung zur Erbauung geschieht. Der zweite Teil (Vers 26-40) hat die Ordnung zum Gegenstand, die der Versammlung beim Zusammenkommen geziemt. Unstreitig ist angesichts des Verfalls der Kirche diese Versammlung, von der es Vers 23 heißt: „Wenn nun die ganze Versammlung an einem Orte zusammenkommt“, heute nicht mehr vorhanden; gleichwohl sind die Christen auch heute bezüglich dieses Punktes so verantwortlich, als wenn die ganze Gemeinde Christi sich mit ihnen versammelte. Mögen es auch, wie wir schon mehrmals gesagt haben, nur zwei oder drei sein, welche die Versammlung nach Matthäus 18 darstellen, so müssen diese doch die für die Gemeinde in ihrer Gesamtheit gültigen Charakterzüge tragen. Die Ausübung der Gaben hat keinen anderen Zweck als die Erbauung; denn Erbauung ist der alles beherrschende Gedanke dieses Kapitels. Wenn irgend eine Gabe zur Ausübung kommt ohne dieses Ergebnis, so ist es, wie man hier sieht, viel besser, wenn es gar nicht geschieht. Dies führt uns zu dem im letzten Kapitel ausgedrückten Gedanken zurück: Dient eine Gabe der Versammlung wirklich zur Erbauung, so geschieht es, weil die Liebe sie begleitet. Viele Brüder in Korinth redeten in fremden Sprachen, aber was kam dabei heraus? Wenn ich z. B. in der Versammlung Chinesisch sprechen würde, so wäre das ohne Zweifel eine Gabe des Geistes; aber ich würde, wenn ich nicht übersetzt werde, nur mich selbst erbauen, anstatt die Versammlung. Wenn aber außer mir niemand erbaut würde, so wäre das nicht Liebe, sondern Selbstsucht, mithin das Gegenteil von Liebe. Der Apostel hebt diese Tatsache nachdrücklich hervor und zählt zugleich die Segnungen auf, die durch die Gabe der Weissagung der Versammlung zuteil werden, im Gegensatz zu der Gabe der Sprachen. Denn hier handelt es sich um den Gegensatz zwischen diesen beiden Gaben. Was ist nun eigentlich Weissagung? Wie wir im 12. Kapitel gesehen haben, gibt es, abgesehen vom Apostelamt, zwei kostbare Gaben, welche größer sind als die übrigen: den Lehrer und den Propheten. Hier redet der Apostel in erster Linie von den Propheten. Der Lehrer lehrt, vermittelt die Erkenntnis; der Prophet offenbart (vgl. Vers 5). Zu allen Zeiten haben die Propheten die verborgenen Dinge Gottes geoffenbart. Die Propheten in Israel haben ihr Volk über seine Zukunft aufgeklärt, sowie über die Gerichte, die über sie kommen werden. Die Propheten haben dem Volk Israel offenbart, in welcher Weise Gott das zukünftige Reich des Messias auf Erden aufrichten wird. Die Propheten des Neuen Testamentes stellen das Gericht vor Augen, das über die christliche Welt kommen wird. Ferner stellen sie die Ankunft des Gesetzlosen, des Antichrists, vor, sodann das himmlische und irdische Reich Christi, das nach diesen Gerichten aufgerichtet werden soll, sowie die zukünftigen Segnungen der himmlischen Heiligen. Alle diese einst verborgenen, geheimnisvollen Dinge sind uns durch die Propheten geoffenbart worden. Heute sind diese Offenbarungen abgeschlossen. Es bleibt ihnen nichts mehr hinzuzufügen. Sowohl über den gegenwärtigen Zustand der Christen und der Welt als auch über die zukünftigen Dinge ist das, was Gott uns wissen lassen wollte, schon voraussagt. Trotzdem wird die prophetische Gabe auch heute noch ausgeübt. Das erkennen wir aus unserem Kapitel. Der Prophet bedient sich des Wortes Gottes, der Heiligen Schriften, um durch die Kraft des Heiligen Geistes deren Geheimnisse zur Erbauung der Versammlung zu entwickeln. Diese Seite der prophetischen Gabe dauert fort, auch seitdem die Heiligen Schriften abgeschlossen vorliegen. Während vieler Jahrhunderte z. B. wartete kein Christ auf das Kommen des Herrn Jesus zur Entrückung der Gläubigen, und doch reden fast alle Bücher des Neuen Testaments davon. Der prophetische Geist hat nun diese im Wort enthaltene Wahrheit aufgegriffen, um sie zur gegebenen Zeit wieder auf den Leuchter zu stellen. Wir könnten noch weitere Beispiele hinzufügen. Das Wort Gottes liegt „vollendet“ und unwandelbar vor uns; aber im Lauf der Jahrhunderte sind viele seiner wichtigen Wahrheiten gänzlich übersehen und toter Buchstabe geworden. Der prophetische Geist hat sie nun wieder ins Licht gerückt, indem er die Seelen in die Gegenwart der göttlichen Wahrheit brachte, Eine bemerkenswerte Folge dieser Tätigkeit des prophetischen Geistes zu allen Zeiten ist, daß die Seelen gezwungen werden, zu bekennen: „Gott ist wirklich unter euch“ in der Versammlung. Ungläubige oder gänzlich unkundige Seelen werden durch den Propheten in unmittelbare Beziehung zu Gott gebracht. „Wenn aber alle weissagen, und irgend ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein“, schreibt der Apostel, „so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und also, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, daß Gott wirklich unter euch ist“ (V. 24+25). Das ist die Wirkung, welche die prophetische Gabe in der Versammlung im Blick auf die Erbauung hervorbringt. Das Gewissen des Ungläubigen oder Unkundigen wird derart getroffen, daß er ganz unwillkürlich die Gegenwart Gottes in der Versammlung anerkennt. Möge Gott uns die Gnade schenken, daß wir um jene Gabe eifern, in der Liebe wandeln und nach Weissagung trachten! Sollte Gott, wenn Er uns solches empfiehlt, nicht auch unserem Verlangen danach entsprechen?

Das Wort, dem wir in diesem Kapitel immer wieder begegnen, ist Erbauung. Nicht weniger als siebenmal kommt es vor. Um die Wirkung der Weissagung auf die Seelen der versammelten Gläubigen zu beschreiben - nicht, was Weissagung ist -, sagt der Apostel: „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung“ (V. 3). So wie er in Vers 24 und 25 die Wirkung dieser Gabe auf die Gewissen der Unkundigen und Ungläubigen beschreibt, zeigt er hier die mit der Ausübung der Prophetengabe verbundenen Segnungen inmitten der Versammlung. Es ist beachtenswert, daß es sich in beiden Fällen um die Versammlung handelt, nicht um irgend ein anderes Zusammenkommen. Wir sollten daher alle bestrebt sein, tiefer in die Erkenntnis darüber einzudringen, was ein Zusammenkommen zur Erbauung ist, wenn die Versammlung sich zu diesem besonderen Zweck um die Person des Herrn schart. Dieses Kapitel stellt uns nicht den Herrn persönlich in der Mitte der Seinen vor, wie an den Stellen, wo vom Gottesdienst oder vom Gebet die Rede ist; aber es sagt: „Gott ist wirklich unter euch“ 1. Das liegt einfach daran, daß hier vom Heiligen Geist die Rede ist, der im Leibe Christi durch die Gaben wirkt, nicht wie im Epheserbrief, von Christo, der sie gibt. Der Heilige Geist ist gegenwärtig, teilt selbst die Gaben aus und führt gleichsam den Vorsitz bei ihrer Ausübung. Also, Gott ist da. Welch eine Gnade für den Ungläubigen, solches miterleben zu dürfen! Er fällt auf sein Angesicht und bekennt: Zum erstenmal in meinem Leben bin ich in unmittelbare Berührung mit Gott gekommen. Wir leben gewiß heute in einer Zeit äußerster Schwachheit und Niedrigkeit inmitten des Verfalls, den wir Christen selber verschuldet haben. Trotzdem dürfen wir aber sicher sein, daß, wenn wir anders unsere Zusammenkünfte zur Erbauung den göttlichen Gedanken gemäß zu gestalten begehren, wir auch erfahren werden, daß Gott wirklich unter uns ist, und dann werden wir, trotz des Verfalls, Segnungen genießen, die wir vorher vielleicht nie gekannt haben. Wenn wir um die geistlichen Gaben eifern, so werden wir, daran zweifle ich keinen Augenblick, die Ergebnisse eines solchen Eifers zu spüren bekommen.

Verweilen wir jetzt noch einen Augenblick bei dem zweiten Teil unseres Kapitels. Ein Kennzeichen der Versammlung ist die Ordnung. Davon redet unser Kapitel ab Vers 26. In der Versammlung zu Korinth herrschte große Unordnung. Zwei oder drei Personen standen auf und redeten in Sprachen, ohne daß ein Ausleger da war, und somit ohne zu erbauen. Damit trachteten diese Leute, vielleicht ohne sich selbst Rechenschaft davon zu geben, in erster Linie nach etwas, was sie in ihren eigenen und anderer Augen erhob. Mehrere Brüder redeten gleichzeitig. Der Apostel sagt ihnen, daß zwei oder drei in Sprachen reden konnten, aber „nacheinander“, und nur unter gleichzeitiger Auslegung ihrer Sprache. Ebenso konnten zwei oder drei Propheten reden. (Hier heißt es nicht: „alle“ Propheten, wie in Vers 24) Wenn aber der Geist Gottes einem zweiten ein Wort gab, so sollte der erste schweigen, denn „die Geister der Propheten sind den Propheten untertan“. Die geistliche Kraft in dem Propheten ist dem Propheten unterworfen, so daß er imstande ist, abzubrechen und den Platz anderen zu lassen. Auf diese Weise wird die gottgemäße Ordnung im Leibe Christi aufrecht erhalten.

Zum Schluß wendet sich der Apostel an die Frauen wie wir wissen, nicht zum erstenmal in diesem Briefe. Man kann sich nicht genug demütigen betreffs der Dinge, die in unseren Tagen unter den Christen vorgehen. Frauen ergreifen das Wort, halten Vorträge, predigen und beten in der Versammlung oder doch da, wo man als Versammlung zusammenzukommen vorgibt. Solches entspricht aber nicht dem Charakter und der Stellung des Weibes, wie das Wort sie darstellt. Aber der Apostel geht noch weiter und sagt: „Es ist schändlich für ein Weib, in der Versammlung zu reden.“ Sollte das nicht genügen, um diese Frage ein für allemal zu regeln? Außerdem ist es eine Sache des Gehorsams dem Gebot des Herrn gegenüber: „Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? oder ist es zu euch allein gelangt? Wenn jemand sich dünkt, ein Prophet zu sein oder geistlich, so erkenne er, was ich euch schreibe, daß es ein Gebot des Herrn ist.“

Schon oft haben wir Gelegenheit gehabt, diese Dinge Schwestern in Christo vorzustellen, Aber der Geist, der heutzutage in der christlichen Welt weht, ist nicht der Geist Gottes, sondern der Geist der uns umgebenden Welt. Er führt die Seelen, die dies nicht beachten, auf einen Weg der Unabhängigkeit, der mit Ungehorsam gegen Gottes Wort anfängt. Sollte man sagen, daß auf ein solch bestimmtes Gebot des Herrn hin das Weib noch wagen würde, den ihm von Gott angewiesenen Platz zu verlassen? Nicht oft kleidet der Apostel das, was er zu sagen hat, in Befehlsform. Wir finden kaum zwei oder drei solcher Fälle in den Schriften des Apostels Paulus. Da ist es doch sehr beachtenswert, daß er hier so redet, als ob er den Ungehorsam der Christenheit vorausgehe und im Blick darauf dafür Sorge trage, eine Sache in Befehlsform zu kleiden, welche die Menschen so gern als nebensächliche Einzelheit betrachten, an die man sich nicht so genau zu halten braucht. Gegenüber solch sträflicher Gleichgültigkeit und Stellungnahme sprechen wir mit dem Apostel: „Wenn aber jemand unwissend ist, so sei er unwissend.“ Laßt uns achthaben auf das ganze Wort. Es ist verbindlich für alle Einzelheiten unseres christlichen Lebens. Aber einem bestimmten Gebot gegenüber ist ohne weiteres Unterwerfung geboten. Vergessen wir auch nicht, daß die Ordnung in der Versammlung Gottes den Engeln als Beispiel gegeben ist, worin sie die gar mannigfaltige Weisheit Gottes schauen.

Fußnoten

  • 1 en hymin (in euch) wie Kolosser 1, 27
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