Die Apostelgeschichte

Kapitel 23

Die Apostelgeschichte

Indem wir uns diesem Kapitel zuwenden, sehen wir Paulus vor dieser erlauchten Körperschaft stehen, und wir hätten sicher erwartet, daß er die eindrucksvollste und überzeugendste Ansprache seines Lebens an sie richtet. Was sie jedoch erbrachte, war ein Minimum an Zeugnis und ein Maximum an Verwirrung. Seine einleitende Bemerkung wurde ihm bitter übelgenommen, obwohl sie zutreffend war, wie wir erkennen können. Wir erwerben uns ein „gutes“ Gewissen und halten es aufrecht, wenn wir alles, wozu dieses Gewissen anleitet, aufrichtig und streng ausführen. Ein Eiferer mit unerleuchtetem und irregeleitetem Gewissen vollbringt die übelsten Dinge, um sein „gutes“ Gewissen zu bewahren. So hatte es Paulus in der Zeit vor seiner Bekehrung gemacht, und von seiner Bekehrung ab hatte er alle Warnungen seines nunmehr erleuchteten Gewissens aufrichtig beobachtet. Wie klar sehen wir hier, daß das Gewissen aus sich selbst kein sicherer Führer ist; es muß durch Gottes Wort erleuchtet werden. Es ist nur so viel wert, wie es dem Wort Gottes unterworfen ist.

Wütend über das von Paulus beanspruchte gute Gewissen, befahl der Hohepriester, ihn auf den Mund zu schlagen. Damit brach er das Gesetz, das bestimmte, daß ein Straftäter nur nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren geschlagen werden durfte, und auch dann nur in angemessener Form (5. Mo 25,1-3). Diese offenbare Ungerechtigkeit veranlaßte Paulus zu einer scharfen Erwiderung, die, obwohl äußerst zutreffend, aber doch als an den Hohenpriester gerichtet nicht statthaft war. Da der Rat eilig und formlos einberufen worden war, gab es wahrscheinlich nichts an der Kleidung des Hohenpriesters, was ihn als solchen unterschieden hätte. Doch nachdem der Irrtum angezeigt war, anerkannte Paulus sofort seine Verfehlung und führte die Schriftstelle an, die ein solches Verhalten verbot. Er konnte nicht in aller Gewißheit die Frage stellen „Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen?“, wie sein Herr es getan hatte,

Sofort danach sorgt Paulus für eine jähe und von ihm scharfsinnig bedachte Wendung. Er stellt sich als Pharisäer vor und spricht von der Hoffnung der Auferstehung, derenthalben er gerichtet würde. Ohne jeden Zweifel war er ein Pharisäer nach Geburt und früherer Ausbildung, und ebenso ohne jeden Zweifel liegt die Auferstehung als Fundament dem Evangelium zugrunde. Sein Ausruf hatte die von ihm vorausgesehene Wirkung. Er sammelte die Pharisäer zu seiner Hilfe und gleichzeitig zu heftigem Widerstand gegenüber den Sadduzäern. Sie waren wahrlich alle Parteimenschen und betrachteten jede Sache vom Standpunkt ihrer Partei aus. In der Annahme, daß Paulus ihrer Partei angehöre, vollzogen die Pharisäer eine Wendung zu seinen Gunsten. Wahrheit und Gerechtigkeit zählten bei ihnen nicht, wohl aber die Partei. Dieselbe Erscheinung ist auch heute allenthalben anzutreffen, und selbst Christen sind dagegen nicht gefeit; so laßt uns die Warnung annehmen, die uns hier anspricht.

Durch die ganze Apostelgeschichte erscheinen die Sadduzäer als die Hauptwidersacher des Evangeliums. Der Grund dafür liegt in ihrer materialistischen Weltanschauung, die die Auferstehung leugnet. Hier werfen wir einen letzten flüchtigen Blick auf sie, wie sie wütend gegen den plötzlichen Frontwechsel der Pharisäer protestieren und solche physische Kraft einsetzen, daß Paulus fast von ihnen zerrissen worden wäre. Ihre Gewaltausbrüche vereitelten ihre Absicht und zwangen den Obersten zum Eingreifen, und zum zweitenmal wurde Paulus aus den Händen seines eigenen Volkes befreit.

Wie ist doch Vers 11 sehr schön! Wir erfahren nichts über die Gefühle des Paulus, aber daß der Herr ihm guten Mut zuspricht, läßt darauf schließen, daß er bedrückt war. Wir können nicht umhin, dem Gedanken Raum zu geben, daß diese ganze Episode in Jerusalem unter jenes Niveau abfiel, auf dem sein bisheriger Dienst sich bewegt hatte; dennoch und sicherlich hatte er von seinem Herrn Zeugnis abgelegt. Sein gnadenvoller Meister richtete den Blick auf diese Tatsache, bestätigte sie anerkennend und sagte ihm, daß er auch in Rom von Ihm zeugen sollte - Jerusalem war in jenen Tagen das religiöse Zentrum und Rom das der kaiserlichen Weltregierung. Welch eine Ermunterung für den Geist des Apostels!

Am nächsten Tag machten mehr als vierzig Männer eine Verschwörung, den Paulus zu töten. Die Art des Fluches, zu dem sie sich verschworen, gibt Zeugnis von ihrem grausamen Haß; es sieht so aus, als ob sie von der Partei der Sadduzäer waren, die am Tag zuvor ihre Beute verpaßt hatte. Von dieser Partei waren auch die Hohenpriester, und so waren sie durchaus nicht abgeneigt, in diesem Unternehmen mitzuwirken. Sie sollten so tun, als ob sie die Sache genauer untersuchen wollten, und die vierzig Männer waren bereit, ihn zu töten.

Aber wieder sehen wir Gottes Hand, die ihre Pläne vereitelt. Die Geschichte wird - wie immer in der Schrift - in Kürze und zurückhaltend berichtet. Wir erfahren, daß Paulus eine Schwester und einen Neffen in Jerusalem hatte, aber es wird nicht mitgeteilt, woher der junge Mann seine Kenntnis über die Verschwörung bezog. Gott sorgte jedoch dafür, daß sie sein Ohr erreichte, obwohl erst vor ein paar Stunden der Plan geschmiedet worden war, und gab ihm auch den Mut, ihn zu enthüllen. Daß er so leicht bis zu seinem Onkel vordringen konnte und auch des Paulus Bitte um Gehör für seinen Neffen bei dem Obersten auf so höfliche Weise stattgegeben wurde, läßt uns erkennen, wie Gott die unsichtbaren Fäden über allem Geschehen in Seiner Hand hielt. Zugleich mochte das empörende Benehmen der Juden bei dem Obersten eine für Paulus günstige Haltung herausfordern. So folgte, daß er nicht nur den jungen Mann anhörte, sondern sich auch ohne Zögern auf dessen Mitteilung verließ und sofort Schritte unternahm, den Anschlag zu vereiteln.

Der Rest des Kapitels vermittelt uns den Eindruck von der Leistungsfähigkeit, die das römische militärische System kennzeichnete. Der Oberste setzte seine Entscheidung, Paulus dem Landpfleger in Cäsarea vorzustellen, unverzüglich und umsichtig in die Tat um. Er trug Sorge dafür, alle Risiken abzuwenden. Er kannte die rachsüchtige Wut der Juden, wenn religiöse Fragen auszufechten waren. So vermied er den häufigen Fehler, die Gefahren zu unterschätzen. Die Begleittruppe, die Paulus in ihre Obhut nahm, muß praktisch fünfhundert Mann gezählt haben, ein Verhältnis von zwölf zu eins gegen mögliche Meuchelmörder. Der Gefangene erfuhr jede nötige Rücksicht, sogar Reittiere wurden für ihn bereitgestellt.

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