Betrachtung über das Buch der Richter (Synopsis)

Kapitel 13-16

Betrachtung über das Buch der Richter (Synopsis)

Nach Jephtha genießt Israel wieder eine Zwischenzeit des Friedens unter der Leitung mehrerer Richter, die Gott erweckt. Sie kehren aber bald zu ihrem früheren sündigen Lauf zurück, und Jehova gibt sie in die Hand der Philister. Die Geschichte Simsons gibt uns den Anfang der Beziehungen Israels mit diesen erbitterten Feinden, die erst da aufhörten, als David sie unterwarf. Zu diesem Zeitpunkt waren die Philister auf der Höhe ihrer Macht. Das Wichtige hier ist aber die Geschichte Simsons (Kap. 13 bis 16).

Als Vorbild stellt uns Simson den Grundsatz des Nasiräertums vor Augen, der vollständigen Absonderung zu Gott, die die Quelle der Kraft im Kampfe mit unseren Feinden ist, die hier als solche Feinde betrachtet werden, die die Oberhand über das Volk Gottes innerhalb seiner Grenzen und in ihren eigenen Herzen gewinnen wollen.

Die Philister waren keine Geißel, keine von außen her gesandte Züchtigung: sie wohnten auf dem eigenen Gebiet Israels, im Lande der Verheißung. Zweifellos waren ihnen vordem auch andere Nationen, die die Untreue des Volkes inmitten Kanaans gelassen hatte, zum Fallstrick gewesen, indem sie sie zu Mischehen mit Götzendienern und zur Anbetung falscher Götter führten; und Jehova hatte sie in die Hände ihrer Feinde gegeben. Jetzt aber reißen diejenigen die Herrschaft über Israel an sich, deren Bleiben man im eroberten Lande geduldet hatte.

Hier ist also das, was den Erben der Verheißung Sieg und Frieden geben kann, die Kraft, die durch Absonderung von allem verliehen wird, was zum natürlichen Menschen gehört und durch eine vollständige Weihe für Gott, insoweit diese verwirklicht wird. Dieses Nasiräertum ist geistliche Kraft, oder eher das, was sie kennzeichnet, wenn der Feind im Lande ist. Denn Simson richtete Israel während der Herrschaft der Philister (Ri. 15, 20). Späterhin veränderten Samuel, Saul und vor allen Dingen David den Zustand der Dinge völlig.

Wenn der Kanaaniter, wenn die Macht des Feindes im Lande regiert, kann das Nasiräertum allein einem, der treu ist, Kraft verleihen. Es ist ein den Menschen der Welt unbekanntes Geheimnis. Christus veranschaulichte es in Vollkommenheit. Das Böse herrschte unter dem Volke. Der Wandel Christi war ein abgesonderter, vom Bösen getrennter Wandel. Er war einer aus dem Volke, aber wie Levi (5. Mo 33, 9) war Er nicht von ihnen. Er war ein Nasiräer. Wir müssen jedoch in dieser Hinsicht unterscheiden.

Moralisch war Christus, während Er auf Erden weilte, ebenso von Sündern abgesondert, wie Er es jetzt ist. Äußerlich war Er aber mitten unter ihnen; und als der Zeuge und der Ausdruck der Gnade war Er auch geistlich in ihrer Mitte. Seit Seiner Auferstehung ist Er vollständig von Sündern abgesondert. Die Welt sieht ihn nicht, und sie wird Ihn nicht mehr sehen als nur zum Gericht.

Nur in dieser letzten Stellung und indem dieser Charakter der vollständigen Absonderung von der Welt eingenommen wird, kann die Versammlung, können Christen mit Ihm in Verbindung stehen. Solch ein Hohepriester geziemte uns. Die Versammlung bewahrt ihre Kraft, Christen bewahren ihre Kraft nur insofern, wie sie in diesem Zustande der vollständigen Absonderung bleiben, den die Welt nicht versteht und an dem sie nicht teilhaben kann. Menschliche Freude und Geselligkeit haben daran keinen Anteil: Göttliche Freude und die Kraft des Heiligen Geistes sind es. Das Leben unseres anbetungswürdigen Heilands war ein ernstes Leben. Er war immer ernst und im allgemeinen beengt (nicht in Sich Selbst, denn Sein Herz war eine sprudelnde Quelle der Liebe, sondern wegen des Bösen, das Ihn von allen Seiten bedrängte): ich rede von Seinem Leben und von Seinem eigenen Herzen. In bezug auf die anderen öffnete Sein Tod die Tore der Flut, auf dass sich die volle Flut der Liebe über arme Sünder ergießen könnte.

Nichtsdestoweniger, welcherart die gewohnte Abgesondertheit des Herrn auch gewesen sein mochte, konnte Er in bezug auf Seine Jünger sagen: „Dieses rede ich in der Welt, auf dass sie meine Freude völlig in sich haben.“ Es war der beste Wunsch: göttliche Freude statt menschliche Freude. Der Tag wird kommen, wo diese zwei Freuden vereinigt sein werden, wo Er wieder Wein trinken wird, obwohl auf eine andere Weise, mit Seinem Volke im Reiche Seines Vaters; und alle werden Sein Volk sein. Gegenwärtig kann das aber nicht sein: das Böse herrscht in der Welt. Es herrschte in Israel, dort wo Gerechtigkeit hätte sein sollen. Es herrscht in der Christenheit, da wo Heiligkeit und Gnade in ihrer ganzen Schönheit offenbar sein sollen.

Die Absonderung zu Gott, von der wir geredet haben, ist unter diesen Umständen das einzige Mittel, die Kraft Gottes zu genießen. Es ist die wesentliche Stellung der Versammlung. Wenn sie darin versagt hat, so hat sie aufgehört, den wesentlichen Charakter ihres Hauptes in Verbindung mit ihr zum Ausdruck zu bringen: „...abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden“; sie ist dann bloß eine falsche Zeugin, ein Beweis unter den Philistern, dass Dagon stärker ist als Gott; sie ist eine blinde Gefangene.

Immerhin ist es bemerkenswert, dass jedes Mal, wenn die Welt das, was Gott Sich aus ihr abgesondert hat, durch ihre Reize verführt, dieses das Gericht Gottes über die Welt bringt, was zu ihrem Ruin führt. Sehen wir Sara im Hause Pharao; und in diesem Falle den Simson - blind und gefangen in den Händen der Philister; und wiederum Sara im Hause Abimelechs, obwohl Gott, um der Redlichkeit seines Herzens willen, den letzteren nicht züchtigte.

So stellt der Nasir Christum als solchen dar, wie Er hienieden tatsächlich und notwendigerweise war; und auch so wie Er jetzt vollständig und in vollem Recht ist, sitzend zur Rechten Gottes im Himmel, verborgen in Gott, wo unser Leben mit Ihm verborgen ist. Der Nasir stellt die Versammlung oder einen einzelnen Christen dar, insofern der eine und der andere von der Welt abgesondert und Gott ergeben ist und das Geheimnis dieser Absonderung bewahrt.

Dies ist die Stellung der Versammlung, die einzige, die Gott anerkennt. Da die Versammlung mit Christo vereinigt ist, der von den Sündern abgesondert und höher als die Himmel geworden ist, kann sie auf keine andere Weise Ihm gehören. Sie mag dieser Stellung untreu sein, das ist aber der Stand, der ihr bei Christo gegeben ist. Sie kann in keinem anderen anerkannt werden.

Simson stellt uns auch die Neigung der Versammlung und des Christen dar, von dieser Stellung abzufallen, eine Neigung, die nicht immer in demselben Ausmaß böse Früchte erzeugt, die aber innere und praktische Vernachlässigung des Nasiräertums verursacht und dann bald zu einem vollständigen Verlust der Kraft führt, so dass sich die Versammlung der Welt hingibt. Gott mag sie immer noch gebrauchen, Er mag Sich durch die Verwüstung verherrlichen, die sie im Lande des Feindes anrichtet (das ihr eigenes sein sollte); Er mag sie sogar vor der Sünde bewahren, zu der der schlüpfrige Pfad führt, auf dem sie wandelt. Der Gesinnungszustand aber, der sie dorthin gebracht hat, neigt dazu, noch tiefer zu fallen.

Gott gebraucht die Ehe Simsons mit einem Weib aus den Philistern, um jenes Volk zu bestrafen. In der Frische seiner Kraft aber, sein Herz mit Jehova, und durch den Heiligen Geist getrieben, handelt Simson in der Macht dieser Stärke inmitten der Feinde, die er wider sich erweckt hat; und tatsächlich hat er dieses Weib aus den Philistern nie geehelicht.

Ich habe gesagt, dass Gott diesen Umstand gebrauchte. Auf diese Weise kann Er die geistliche Kraft der Versammlung gebrauchen, solange sie Ihn im Herzen festhält, obwohl ihr Wandel nicht treu oder ein solcher sein mag, den Er nicht billigen kann. Denn die Ehe Simsons mit einem Weibe aus Timna war offensichtlich eine entschiedene Sünde, eine schamlose Übertretung der Satzungen Jehovas, die in keiner Weise durch die Segnung gerechtfertigt wurde, die der Herr ihm gewährte, als die Philister ihm Unrecht getan hatten. In seiner Ehe fand er nicht Segen, sondern ganz das Gegenteil.

Demzufolge hat Simson in den durch seine Ehe verursachten Kämpfen Israel nicht hinter sich; der Geist Gottes wirkte nicht auf das Volk, wie Er es im Falle Gideons, Jephthas und Baraks tat.

Übrigens, wenn es um das Nasiräertum geht, muss Widerstand seitens des Volkes Gottes erwartet werden. Ein Nasir wird in ihrer Mitte erweckt, weil sie selbst nicht mehr auf diese Weise für Gott abgesondert sind. Da dies der Fall ist, sind sie ohne Kraft, und sie werden zulassen, dass die Welt über sie regiert, wenn man ihnen nur ihren äußerlichen Frieden lässt; und sie möchten nicht, dass jemand im Glauben handelt, weil es die Welt beunruhigt und sie gegen sie aufwiegelt. „Weißt du nicht“, sagte Israel, „dass die Philister über uns herrschen?“ Obwohl sie Simson sogar als einen der Ihrigen anerkannten, waren sie bereit, ihn den Philistern auszuliefern, um den Frieden zu erhalten.

In dem Teil des Lebens Simsons, den wir eben vor uns haben, sind einige Einzelheiten, die größerer Beachtung bedürfen.

Seine Ehe war eine Sünde. Die Absonderung des Volkes Gottes hatte aber nicht mehr das Maß der praktischen Anwendung, die Gottes Gedanken für sie bestimmt hatten. Die Tatsache war an sich unentschuldbar, weil ihr Ursprung in dem Willen Simsons lag, er hatte nicht Rat bei Gott gesucht. Doch infolge des Einflusses der Umstände war er sich zur Zeit des Bösen, das er tat, nicht bewusst, und Gott ließ es zu, dass er Frieden und Freundschaft mit der kanaanitischen Welt (d. h. mit der Welt innerhalb der Grenzen des Volkes Gottes) suchte, anstatt wider sie zu streiten; in bezug auf die Philister hatte also Simson in den darauf folgenden Streitigkeiten das Recht auf seiner Seite.

Vor seiner Ehe hatte Simson den Löwen erschlagen und Honig in seinem toten Körper gefunden. Während er in seiner Lauterkeit wandelte, hatte er Kraft von Gott. Dies ist das „Rätsel“, das Geheimnis des Volkes Gottes. Der Löwe hat keine Kraft wider den, der Christo gehört. Christus hat die Macht dessen vernichtet, der die Macht des Todes hatte. Durch die Macht des Geistes Christi ist unser Streit Sieg, und Honig entfließt ihm. Dies wird aber in dem Geheimnis der Gemeinschaft mit dem Herrn vorangetragen. David bewahrte diesen Platz besser in der Einfalt der Pflicht.

Simson bewahrte sich nicht vor jenen Verbindungen mit der Welt, zu denen der Zustand des Volkes leicht führte. Dies ist immer eine Gefahr für den Christen. Welcherart aber ihre Unwissenheit auch sein mag, wenn die Kinder Gottes irgendein Bündnis mit der Welt eingehen und dadurch eine ihrem wahren Charakter entgegengesetzte Verhaltungslinie verfolgen, werden sie sicherlich enttäuscht. Sie halten sich nicht für Gott abgesondert; sie bewahren nicht ihr Geheimnis mit Gott, ein Geheimnis, das nur in Gemeinschaft mit Gott Selbst gekannt wird. Ihre Weisheit ist verloren, die Welt verführt sie, ihre Beziehungen mit der Welt werden schlimmer als zuvor, und die Welt verachtet sie und geht ihren eigenen Weg, ohne ihren Unwillen wegen ihres Verhaltens ihnen gegenüber zu beachten.

Was hatte Simson dort zu tun? Sein Eigenwille wirkt (Kap. 15) und nimmt seinen Anteil an dem Gebrauch jener Kraft, die Gott ihm gegeben hatte (wie Mose, als er den Ägypter erschlug). Wenn wir uns, obwohl wir Kinder Gottes sind, mit der Welt eingelassen haben, tragen wir immer etwas von der Welt mit uns herum. Gott gebraucht das aber, um uns mit Gewalt und gründlich von ihr zu trennen, und macht eine Vereinigung dadurch unmöglich, dass wir durch eben diese Dinge, die unsere Verbindung mit ihr gestaltet hatten, in einen direkten Konflikt mit der Welt geraten. Wir wären besser abgesondert geblieben. Es ist aber notwendig, dass Gott also mit uns verfährt, wenn diese Verbindung mit der Welt in der Kirche zu einer gewohnheitsmäßigen und geduldeten Sache wird 1. Die schimpflichsten Umstände bleiben unbemerkt. Stellt euch vor - ein Nasir ehelicht eine Philisterin! Gott muss eine solche Vereinigung abbrechen, indem er Feindschaft und Feindseligkeiten aufkommen lässt, weil keine Erkenntnis jener moralischen Nähe zu Gott vorhanden ist, die von der Welt absondert und jene Ruhe des Geistes verleiht, die ihre Kraft in Gott findet und den Feind überwinden und vertreiben kann, wenn Gott durch die klare Offenbarung Seines Willens in den Kampf führt.

Wenn wir aber mit der Welt verbunden sind, wird sie immer über uns herrschen; wir haben kein Recht, uns den Ansprüchen irgendeiner Beziehung zu widersetzen, die wir selbst eingegangen sind. Wir mögen uns der Welt nähern, weil das Fleisch in uns ist. Die Welt kann sich in Wirklichkeit nicht den Kindern Gottes nähern, weil sie nur ihre eigene gefallene und sündige Natur hat. Die Annäherung ist immer nur von einer Seite aus und immer im Bösen, welcherart der Schein auch sein mag. Inmitten der Welt Zeugnis zu tragen, ist etwas anderes.

Wir können deshalb nicht das Geheimnis des Herrn, die innigen Beziehungen des Volkes Gottes mit Ihm und die Gefühle, die sie erzeugen, vorschützen; denn das Geheimnis und die Kraft des Herrn sind ausschließlich das Recht und die Kraft Seines erlösten Volkes. Wie konnte man das seinem philistäischen Weibe sagen? Welchen Einfluss hätten die ausschließlichen Vorrechte des Volkes Gottes auf einen Menschen, der nicht zu ihnen zählt? Wie können wir von diesen Vorrechten reden, wenn wir sie durch eben diese Beziehungen, in denen wir stehen, verleugnen? Wir verleugnen sie, indem wir dieses Geheimnis preisgeben, denn wir hören dann auf, zu Gott abgesondert und Ihm geweiht zu sein, und Ihm zu vertrauen, wie wir keinem anderen vertrauen können. Diese Erfahrung hätte Simson in der Zukunft vor einem ähnlichen Schritt bewahren sollen. In vieler Hinsicht ist jedoch Erfahrung in den Dingen Gottes nutzlos, weil wir in dem Augenblick Glauben brauchen; denn es ist Gott Selbst, den wir benötigen.

Nichtsdestoweniger behält Simson hier seine Kraft. Der unumschränkte Wille Gottes erfüllt sich in dieser Angelegenheit trotz sehr ernster Fehler, die sich aus dem allgemeinen Zustand der Dinge ergaben, an denen Simson auch teilnahm. Als er auf dem Schlachtfeld stand, legte er die Kraft Jehovas, der mit ihm war, an den Tag, und als Antwort auf sein Rufen reicht ihm Jehova Wasser für seinen Durst dar (Kap. 15).

Hier endet die allgemeine Geschichte Simsons. Wir haben gesehen, dass das Volk Gottes, seine Brüder, gegen ihn waren - das ist die allgemeine Regel in einem solchen Fall. Es ist die Geschichte der Kraft des Geistes Christi, die sich im Nasiräertum in Absonderung von der Welt zu Gott auswirkt, aber inmitten eines dieser Absonderung vollständig entgegengesetzten Zustandes der Dinge. Wenn derjenige, der inmitten dieses Zustandes von diesem Geiste aufrechterhalten wird, sich in seiner gewohnten Sphäre wiederfindet, ist er immer in Gefahr, untreu zu werden, und zwar um so mehr durch das Bewusstsein seiner Kraft (außer wenn er in der Ruhe des Gehorsams Gott sehr nah lebt).

Christus brachte die Vollkommenheit eines himmlischen Wandels unter ähnlichen Umständen an den Tag. Wir sehen, dass niemand den Ursprung Seiner Kraft noch Seiner Autorität verstand. Er muss alle Hoffnung aufgegeben haben, die Menschen in bezug auf die Grundsätze, die Ihn leiteten, zu befriedigen. Um Ihn zu begreifen, hätten sie Ihm gleich sein müssen, dann wäre es aber nicht nötig gewesen, sie zu überzeugen. Alles, was getan werden konnte, war, vor Gott zu wandeln und Seine Rechtfertigung Gott zu überlassen. Er brachte Seine Feinde durch die wohlbekannten Grundsätze Gottes und jedes guten Gewissens zum Schweigen; Er konnte aber nicht das Geheimnis zwischen Ihm und dem Vater offenbaren, das Element Seines Lebens und die Quelle aller Seiner Handlungen. Wenn die Wahrheit hervorkam, falls Satan die Dinge so weit trieb, dass nichts anderes gesagt werden konnte, gingen Seine Feinde mit Ihm wie mit einem Lästerer um, und Er entlarvte sie öffentlich als Kinder Satans. Wir finden das besonders im Johannesevangelium (siehe Kap. 8). Aber zu jener Zeit unterhielt Jesus dieselbe Beziehung nicht mehr zu dem Volke. Vom Anfang dieses Evangeliums an gelten sie als verworfen, und die Person des Sohnes Gottes wird hervorgehoben.

Vom Anfang Seines Dienstes an nahm Er beständig die Stelle eines gehorsamen Knechtes ein, und Er begann Seinen Dienst nicht, bevor Er von Gott berufen wurde, und das, nachdem Er in der Taufe Johannes' die niedrigste Stelle eingenommen hatte. Dies war der Ausgangspunkt, als Er in der Wüste versucht wurde. Der Versucher bemühte sich darum, Ihn dazu zu bringen, Seinen Platz als des gehorsamen Menschen zu verlassen, weil Er der Sohn Gottes war. Doch da wurde der Starke gebunden; der einzige Weg, den Widersacher zu binden, ist, in Gehorsam zu verharren. Christus wandelte stets in dieser vollkommenen Absonderung des inneren Menschen, in Gemeinschaft mit Seinem Vater, und in einer vollständigen Abhängigkeit von Ihm in Gehorsam, und ohne einen einzigen Augenblick des Eigenwillens. Deshalb war Er der gnadenreichste und zugänglichste aller Menschen: in Seinen Wegen bemerken wir eine Zärtlichkeit und Güte, die niemals in einem Menschen gesehen worden ist, doch empfinden wir immer, dass Er ein Fremdling war. Nicht, dass Er kam, um in Seinen Beziehungen mit den Menschen ein Fremdling zu sein; aber das, was am tiefsten in Seinem Herzen lag - das, was Sein Wesen ausmachte und demzufolge Seinen Wandel kraft Seiner Gemeinschaft mit dem Vater lenkte -, war allem, was den Menschen beeinflusst, vollständig fremd.

Er wohnte betont allein. Es ist auffallend, dass Seine Jünger nicht einmal verstanden, was Er sagte. Die einzige Spur eines Herzens, das mit ihm ging, war Maria zu Bethanien, und das sollte der ganzen Welt gesagt werden. In Ihm war Mitgefühl für jedes Leid; für das Seine - keines.

Diese Gesinnung der Selbstverleugnung, des völligen Aufgebens Seines eigenen Willens, des Gehorsams und der Abhängigkeit von Seinem Vater wird im ganzen Leben Jesu gesehen. Nach der Taufe des Johannes betete Er, als Er den Heiligen Geist empfing. Bevor Er die Apostel berief, verbrachte Er die ganze Nacht im Gebet. Nach dem Wunder der Speisung der Fünftausend mit fünf Broten stieg Er auf einen Berg besonders, um zu beten. Als Er darum gebeten wird, in Seinem Reiche zu Seiner Rechten und zu Seiner Linken zu sitzen, heißt es, dass es nicht bei Ihm steht, dies zu vergeben, sondern es ist für die, welchen es von Seinem Vater bereitet war. In Seiner Pein in Gethsemane legt Er Seine Erwartung des Todes und Seine Seelenangst vor den Vater; und den Kelch, den der Vater Ihm gegeben hatte, sollte Er den nicht trinken? Die Auswirkung alles dessen ist Ruhe vor den Menschen. Er ist der Nasir, von den Menschen durch Seine völlige Gemeinschaft mit Seinem Vater abgesondert, und durch den Gehorsam eines Sohnes, der keinen anderen Willen hatte, als das Wohlgefallen Seines Vaters zu erfüllen. Es war Seine Speise, den Willen Dessen zu tun, der Ihn gesandt hatte, und Sein Werk zu vollenden.

Da aber, als der Mensch Ihn nicht aufnehmen wollte und als es gar keine Beziehungen mehr zwischen dem Menschen und Gott gab, nahm Jesus den Charakter Seines Nasirs völlig an - abgesondert von Sündern, höher als die Himmel geworden. Es ist Christus im Himmel, der der wahre Nasir ist, der, als Er vom Vater die Verheißung des Heiligen Geistes empfangen hatte, Ihn auf Seine Jünger sandte, auf dass sie durch die Kraft des Heiligen Geistes dieselbe Stellung auf Erden durch die Gemeinschaft mit Ihm und Seinem Vater aufrechterhalten sollten. Sie sollten in der Absonderung dieser Gemeinschaft wandeln und deshalb fähig sein, diese Kraft mit einer göttlichen Einsicht zu gebrauchen, die den Gehorsam erleuchtet und aufrechterhält, zu dem sie zur Herrlichkeit Christi und für Seinen Dienst abgesondert waren. Er sagte zu Seinen Jüngern: „Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.“ Sie waren nicht von der Welt, wie auch Er nicht von der Welt war. Die Versammlung, die aus Seinen Jüngern gebildet war, sollte, als von der Welt abgesondert und für Ihn besonders gestellt, in einem himmlischen Leben wandeln.

Somit ist Christus das Gegenbild der Geschichte Simsons in bezug auf den Grundsatz, den sie enthält. Ihre Einzelheiten beweisen, dass dieser Grundsatz der Kraft denjenigen anvertraut wurde, die leider nur allzu fähig waren, in Gemeinschaft und Gehorsam zu versagen und so deren Genuss zu verlieren.

Simson sündigt wieder durch seinen Umgang mit der Tochter eines fremden Gottes; er verbindet sich wieder mit Weibern von den Philistern, unter denen sich das Haus seines Vaters und der Stamm Dan befanden. Er behält jedoch seine Kraft, bis der Einfluss dieser Verbindungen so groß wird, dass er das Geheimnis seiner Kraft in Gott preisgibt. Sein Herz, weit von Gott entfernt, vertraute so einem Philisterweibe, wie seine Seele nur Gott allein hätte vertrauen sollen (Kap. 16).

Ein Geheimnis zu besitzen und zu bewahren, beweist innige Beziehungen mit einem Freund. Das Geheimnis Gottes aber, der Besitz Seines Vertrauens, ist das höchste aller Vorrechte. Es einem Fremden zu verraten, sei er, wer er sein mag, bedeutet, die kostbare Stellung, in die Seine Gnade uns gestellt hat, zu verachten, und das bedeutet, sie zu verlieren. Was haben die Feinde Gottes mit dem Geheimnis Gottes zu tun? So war es, dass Simson sich seinen Feinden ergab. Solange er sein Nasiräertum bewahrte, waren alle Anstrengungen gegen ihn machtlos. Sobald aber diese Absonderung verloren war, obwohl Simson augenscheinlich ebenso stark und sein Äußeres ebenso schön war wie zuvor, war Jehova doch nicht mehr mit ihm. „Ich werde davonkommen wie die anderen Male und mich herausschütteln. Er wusste aber nicht, dass Jehova von ihm gewichen war.“

Man kann sich kaum eine größere Torheit vorstellen, als sein Geheimnis der Delila anzuvertrauen, nachdem er so viele Male von den Philistern überfallen worden war, sobald sie ihn weckte. So ist es auch mit der Versammlung; wenn sie sich der Welt ergibt, verliert sie ihre ganze Weisheit, selbst die, die der Mensch allgemein besitzt. Armer Simson! Seine Kraft mag wiederhergestellt werden, seine Sehkraft aber hat er für immer verloren.

„Wer hat sich wider ihn (den Herrn) verhärtet und ist unversehrt geblieben?“ (Hiob 9, 4)

Die Philister schreiben ihren Erfolg ihrem falschen Gott zu. Gott gedenkt Seiner Herrlichkeit und Seines armen, unter der Züchtigung seiner Sünde gedemütigten Knechtes. Die Philister versammeln sich, um sich ihres Sieges zu erfreuen, und um ihre falschen Götter zu verherrlichen. Jehova aber sah das alles. In seiner Demütigung hatte der Gedanke an den Herrn mehr Macht über das Herz Simsons; sein Nasiräertum gewann wieder an Kraft. Er richtet seine ergreifende Bitte an Gott. Wer sollte einen blinden und bedrängten Gefangenen fürchten? Wer aber in dieser Welt kennt das Geheimnis Jehovas? Einem Sklaven, für immer des Augenlichts beraubt, bietet sein Zustand eine Gelegenheit, die seine Kraft nicht erlangen konnte, ehe er sie durch seine Treulosigkeit einbüßte. Er ist aber blind und versklavt, und er muss selbst in dem Gericht untergehen, das er über die Gottlosigkeit seiner Feinde bringt. Er hatte sich mit der Welt einsgemacht, indem er auf sie hörte, und er muss das Gericht teilen, das die Welt trifft 2.

Wenn die Treulosigkeit der Versammlung der Welt Macht über sie verliehen hat, andererseits die Welt die Rechte Gottes angegriffen hat, indem sie die Versammlung verderbte, so bringt sie deshalb im Augenblick ihres höchsten Triumphs Gericht über sich - ein Gericht, das, wenn es sowohl dem Bestehen als auch dem Elend des Nasiräers ein Ende macht, gleichzeitig die ganze Herrlichkeit der Welt in dem gemeinsamen Zusammenbruch vernichtet.

In den Einzelheiten der Weissagung bezieht sich das auf den Schluss der Geschichte des jüdischen Volkes 3. Nur ihr Überrest wird bewahrt, um auf einer neuen Grundlage für die Erfüllung der Vorsätze Gottes aufgerichtet zu werden.

Fußnoten

  • 1 Bei dieser Vereinigung, wenn sie zwischen der Welt und wahren Christen oder solchen, die die Wahrheit wenigstens bekennen, stattfindet, herrscht immer die Welt. Wenn die Verbindung im Gegensatz hierzu mit der religiösen Herrschaft besteht, mit der die Welt verbunden ist, dann ist es eine abergläubische Hierarchie, die regiert, denn dies ist notwendig, um den Willen des Menschen durch dem Fleische angepasste religiöse Fesseln zu hemmen.
  • 2 Bei Jonathan war etwas Ähnliches, obwohl in einer ganz anderen Form und auf eine andere Weise. Sein Glaube war nicht vollkommen. Er hielt die Welt mit einer Hand und David mit der anderen, obwohl da die natürliche Verwandtschaft als Entschuldigung gelten mag.
  • 3 Was die bekennende Kirche betrifft, so ist die Sache etwas anderes, weil die Heiligen in die Herrlichkeit fortgenommen sein werden, und die übrigen werden gerichtet, da sie abtrünnig sind, doch die Tatsache des Gerichts der Welt ist dieselbe.
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