Der Brief an die Hebräer

Kapitel 9

Der Brief an die Hebräer

Kapitel 8 endet mit den verhängnisvollen Worten „dem Verschwinden nahe“. Der Heilige Geist, der diese Worte inspirierte, benutzte sie, um das Denken der jüdischen Jünger auf das Verschwinden des von ihnen so verehrten religiösen Systems vorzubereiten. Dieses Verschwinden trat tatsächlich innerhalb weniger Jahre durch die Zerstörung Jerusalems ein. Der Tempel wurde verwüstet, die Priesterschaft erschlagen, die Opfer hörten auf, aus dem Judaismus wurde ein blasser und blutleerer Schatten dessen, was er früher gewesen war. Und auch da war er an sich und bestenfalls nichts anderes als ein Schatten der zukünftigen Güter.

Doch dürfen wir den Wert der Schatten, die mit dem Gesetz verbunden waren, nicht unterschätzen. Sie waren von großem Wert, bis der Augenblick kam, wo die dadurch abgebildeten Wirklichkeiten offenbart wurden, so wie auch der Mond sehr nützlich ist, bis die Sonne aufgeht. Das Kernstück dieses sinnbildlichen Systems war die Stiftshütte und ihre Ausstattung. Die ersten fünf Verse von Kapitel 9 geben die Einzelheiten in kurzem Überblick an. Über diesem Heiligtum stand die Wolke, das Zeichen der Gegenwart Gottes, doch es war ein weltliches Heiligtum. Dem entsprachen auch alle Vorschriften des damit verbundenen gottgemäßen Dienstes. Es war deshalb nicht das Thema des Schreibers, diese Einzelheiten besonders zu erläutern.

Seine Absicht war vielmehr, zu zeigen, daß die Hütte aus zwei Teilen bestand, dem Heiligtum und dem Allerheiligsten, und daß, während die Priester volle Freiheit hatten, das erstere zu betreten, ihnen das letztere verboten war; dort hatten sie keinerlei Zutritt. Nachdem die göttliche Herrlichkeit vom Allerheiligsten Besitz ergriffen hatte, trat dort kein menschlicher Fuß mehr ein, mit einer Ausnahme. Nur ein einziger Mensch durfte eintreten, und auch er nur einmal im Jahr, und das unter einer strengen Bedingung: Er durfte „nicht ohne Blut“ nahen. Wenn wir 3. Mose 16 aufschlagen und lesen, finden wir die Einzelheiten dieser feierlichen Zeremonie.

Was bedeutete das alles? Zweifellos schattete sie die Tatsache vor, daß das Blut Christi die einzige Grundlage ist, um Gott zu nahen. In Wirklichkeit jedoch wollte der Heilige Geist durch die ganze Anordnung ausdrücken, daß es in der alten Haushaltung keinen eigentlichen Zugang zu Gott gab. Der Weg zum Heiligtum war noch nicht offenbart. Wir werden den wundervollen Gegensatz hierzu in Kapitel 10,19 finden. Doch solange die vordere Hütte noch vor Gott Bestand hatte, galt die Vorschrift: kein Zugang!

Wir könnten somit sagen, daß das Gesetz die Religion des Heiligtums (= vordere Hütte) verordnete, wohingegen das Allerheiligste das Christentum charakterisiert. Nicht, daß alle Israeliten Zutritt zum Heiligtum hatten. Das hatten sie nicht, wie der traurige Fall Ussias, des Königs von Juda, zeigt (2. Chron 26). Aber die Priester, die die Vertreter ganz Israels waren, besaßen freien Zugang. Doch auch so lag der wahre Wert der ganzen Sache in ihrer sinnbildlichen Bedeutung, wie wir gesehen haben.

Diese Tatsache wird noch einmal in den Versen 9 und 10 betont, wo die Hütte „ein Gleichnis auf die gegenwärtige Zeit“ ist und die Gaben und Schlachtopfer nur Speisen und Getränke und verschiedene Waschungen sind. Sie bildeten nichts anderes als Verordnungen einer fleischlichen Art, als im Gegensatz stehend zu irgendeinem Dienst geistlicher Art. Hieraus ergeben sich zwei Dinge.

Erstens konnten diese Opfer den nicht vollkommen machen, der durch sie Gott nahte. Wieder begegnet uns hier das Wort vollkommen; und diesmal bezieht es sich nicht auf Christus, sondern auf uns selbst. Die jüdischen Opfer konnten uns eben ihrer Natur nach nicht vollkommen machen. In Kapitel 10,1 wird dieselbe Tatsache beschrieben. Wenn wir dann zu Kapitel 10,14 weitergehen, erfolgt - im Gegensatz dazu - die herrliche Aussage: „Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden.“ Das hat das Gesetz nicht nur nicht getan, sondern konnte es auch nicht, aber Christus hat es getan.

Aber was ist diese Vollkommenheit, die mit uns zu tun hat? Diese Frage wird uns hier beantwortet. Es ist bemerkenswert, daß der Heilige Geist beim erstenmal, wo das Wort in dieser Verbindung gebraucht wird, uns eine klare Definition gibt. Die Vollkommenheit hat mit unseren Gewissen zu tun. Wenn wir weiterlesen und zu Kapitel 10 kommen, werden wir klarer sehen, was das bedeutet. Es geht darum, daß das ganze Gewicht der Sünde als eine anklagende Last völlig von uns genommen wird, so daß das Gewissen in der Gegenwart Gottes vollkommen gereinigt ist.

Nun, unter dem Gesetz war so etwas unbekannt. Wenn ein Jude sündigte, so war es seine Pflicht, ein entsprechendes Opfer zur Stiftshütte zu bringen. Und wenn er das getan hatte, war er völlig berechtigt, sich froh und erleichtert zu fühlen aufgrund des Wortes: „Und es wird ihm vergeben werden“ (3. Mo 4,31). Daß eine besondere Sünde vergeben war, wenn das vorgeschriebene Opfer einmal gebracht war, das war alles. Wenn er wieder sündigte, dann hatte er wieder ein Opfer zu bringen, und so ging das weiter, sein Leben lang. Den Gedanken, ein Opfer zu bringen, das ein für allemal die ganze Sündenfrage regelte und so das Gewissen des Sünders vollkommen machte, gab es nicht.

Zweitens war das Gesetz mit all seinen Bestimmungen nur Israel auferlegt, und zwar „bis zur Zeit der Zurechtbringung“. Das Gesetz war im Grunde eine vorläufige Maßnahme. Es bewies unstreitig, daß alle Dinge einer Zurechtbringung bedurften, eben dadurch, daß es bewies, wie sie sich ins Unrecht verkehrt hatten, doch selbst brachte es sie nicht Ordnung. Wenn Gott Israel unter dem neuen Bund bald segnet, dann wird die Zeit der Zurechtbringung angebrochen sein. Doch wir sind bereits jetzt gesegnet, wie wir gesehen haben, und zwar aufgrund des neuen Bundes, und das als Ergebnis des Opfers Christi. Auf einer anderen Grundlage als dieser gibt es keine Zurechtbringung.

Die Verse 11-14 bieten uns den Gegensatz zu den Versen 6-10. Bei sorgfältiger Betrachtung erkennen wir, wie vollständig und weitreichend dieser Gegensatz ist.

An erster Stelle steht CHRISTUS vor uns im Gegensatz zu dem Hohenpriester nach der Ordnung Aarons.

Dann hatte der aaronitische Priester nur die Dinge zu verwalten, die unter seiner Hand bestanden. Christus ist Hoherpriester der zukünftigen Güter.

Christus ist in das wahre Allerheiligste in den Himmeln eingegangen, eine größere und vollkommenere Hütte als die in der Wüste mit Händen gemachte; und Er ist einmal eingegangen, statt jedes Jahr, wie der Hohepriester früher.

Und Er ist in das himmlische Heiligtum nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern eingegangen, das niemals Sünde wirklich wegnehmen kann, sondern mit Seinem eigenen Blut, das Erlösung bewirkt.

Das Blut der Opfertiere heiligte zur Reinheit des Fleisches; das Blut Christi allein kann das Gewissen reinigen.

Die durch die jüdischen Opfer bewirkte Reinigung des Fleisches war nur für eine Zeit; die durch Christus erlangte Erlösung ist ewig.

Beachten wir außerdem die Erhabenheit des einen Opfers Christi. Alle drei Personen der Gottheit stehen in einer Beziehung zu diesem Opfer. Der fleckenlose Sohn Gottes opferte sich selbst. Es war Gott, dem Er sich selbst opferte. Und Er tat es durch den ewigen Geist. Da ist es kein Wunder, daß jede Sünde in den Bereich dieses Opfers fällt und seine Resultate in Ewigkeit gelten.

Seine unmittelbare Auswirkung auf uns ist die „Reinigung“ unserer Gewissen. Sie werden durch diese Reinigung vollkommen gemacht, und wir wenden uns von den toten Werken des Gesetzes ab - sie sind tot, weil wir sie taten in der Absicht, durch sie das Leben zu erlangen -, um dem lebendigen Gott zu dienen. Wenn unsere Gewissen der Reinigung von toten Werken bedürfen, um wieviel mehr bedürfen sie dann einer Reinigung von bösen Werken!

Die Beweisführung vom Beginn dieses Kapitels an erreicht in Vers 14 einen Höhepunkt, doch leitet der Geist Gottes nicht sogleich über zu den daraus hervorgehenden Ergebnissen. Statt dessen erörtert er mit großer Sorgfalt und in vielen Einzelheiten das Argument, das er gerade vorgebracht hatte, so daß wir, wenn wir zu Kapitel 10,14 kommen, uns wieder dahin zurückversetzt sehen, von wo wir in 9,14 ausgegangen sind. Und erst dann kommen wir weiter zu einer Betrachtung seiner Ergebnisse.

Wir lernen hieraus die sehr große Bedeutung der Wahrheit über das Opfer Christi. Es liegt allem zugrunde, und bevor wir es gründlich erfaßt haben, sind wir nicht fähig, alle seine Folgen wertzuschätzen. Laßt uns beten um ein verständiges Herz, wenn wir diese Verse betrachten, in denen der Heilige Geist diesen Kernpunkt so umfassend entwickelt und untermauert.

Dieser Kernpunkt ist somit darin gegeben, daß das Blut Christi das Gewissen des Gläubigen vollkommen reinigt, so daß er befähigt wird, dem lebendigen Gott zu dienen und Ihn anzubeten. Nun, das war ein Ziel, das unter dem alten Bund gänzlich unerreichbar war. Daraus folgt, wie Vers 15 uns sagt, daß der Herr Jesus der Mittler nicht des alten, sondern des neuen Bundes wurde. Deshalb hatte Sein Tod auch eine zweifache Bedeutung: einerseits ist er die Grundlage der Erlösung, wenn es sich um die Übertretungen unter dem alten Bund handelt, und andererseits wird er die Grundlage zur Erfüllung der Verheißung, die mit dem neuen Bund verbunden ist. Da mußte etwas geschehen, um den mächtigen Berg von Übertretungen wegzutun, die sich unter dem Gesetz aufgehäuft hatten. Ebenso war etwas nötig, wenn Gott Menschen zu einem ewigen Erbe berufen sollte. Diese beiden großen Ziele wurden „durch den Tod“ erreicht, nämlich durch den Tod Christi.

Die Verse 16 und 17 sind eine Einschaltung. Das hier mit Testament und in Kapitel 8 mit Bund übersetzte Wort hat diese beiden Bedeutungen. In Beziehung zu Gott gebraucht, bedeutet es „eine Verfügung, die Gott getroffen hat, aufgrund deren der Mensch in Beziehung zu Ihm stehen soll“. In dieser kurzen Einschaltung benutzte der Schreiber das Wort im Sinn von „Testament“, das nur in Kraft tritt, wenn der, der das Testament gemacht hat, gestorben ist. So betrachtet, erkennen wir erneut die absolute Notwendigkeit des Todes Christi.

Unter dem alten Bund gab es keinen „Tod dessen, der das Testament gemacht hat,“ doch die Notwendigkeit, daß der Tod stattfinden mußte, wurde in sinnbildlicher Weise anerkannt. Wenn wir uns 2. Mose 24,7.8 zuwenden, werden wir die Begebenheit finden, auf die die Verse 19 und 20 Bezug nehmen, und eine bemerkenswerte Tatsache wird uns auffallen. Das zweite Buch Mose berichtet lediglich die Blutbesprengung des Volkes; der Hebräerbrief fügt hinzu, daß auch das Buch des Gesetzes besprengt wurde.

Die Blutbesprengung des Volkes scheint zu bedeuten, daß sie dadurch an den Tod als die Strafe für Ungehorsam erinnert wurden. Irgendwelche Verletzung der Ansprüche des Gesetzes stellte sie unter Todesstrafe. Die Besprengung des Buches zeigt anderseits, daß der Tod als Grundlage von allem nötig war. Deshalb war selbst das Gesetzessystem nicht ohne Blut eingeweiht worden. Der inspirierte Schreiber stellt diese Tatsache hier heraus, weil genau sie der Kernpunkt seiner Beweisführung in diesem Brief ist.

Außerdem wurden zu verschiedenen Zeiten in Verbindung mit den Opfern die Gefäße des Dienstes und in der Tat „fast alle Dinge“ mit Blut gereinigt, und all dies war dazu bestimmt, den Herzen der Menschen die überaus wichtige Belehrung klarzumachen: „Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung.“

In unserem zwanzigsten Jahrhundert könnten wir diese gewaltige Aussage nahezu die am meisten gehaßte Tatsache der Heiligen Schrift nennen. Nichts erregt den Sinn „moderner“ Theologen so sehr zu Zorn und Spott und Hohn wie diese Wahrheit. Und warum? Nicht etwa, weil ihre zarten Empfindungen durch den Gedanken an Blutvergießen betroffen sind, denn der durchschnittliche Modernist genießt seine Scheibe Rinderbraten wie andere Durchschnittsmenschen. Nein, weil er weiß, was diese Tatsache wirklich bedeutet. Sie bedeutet, daß das Todesurteil auf der Menschheit als hoffnungslos verlorenen Geschöpfen liegt; und daß nur der Tod dieses Todesurteil aufheben kann, so daß gefallene Geschöpfe Vergebung erlangen können. Das ernste Zeugnis, wie es sich an den Modernisten richtet, daß er als sündiges Geschöpf vor Gott unter dem Todesurteil steht, verabscheut er mit einer Heftigkeit, die sich bis zum Haß steigert. Je stolzer er ist, desto mehr haßt er es.

Verstehen wir das nicht alle gut? Waren wir denn frei von diesen Gefühlen, bevor die Gnade unseren Stolz beugte und uns zu einer ehrlichen Einstellung vor Gott brachte? Der Modernist täuscht sich natürlich, wenn er denkt, daß seine Abneigung dieser Wahrheit aus seiner höheren ästhetischen und moralischen Gesinnung resultiere. Vielleicht haben wir selbst uns nie mit diesem besonderen kleinen Stück einer so nichtigen Einbildung zu quälen brauchen. Dann sollten wir Gott dankbar sein! In dem Augenblick, wo in uns Ehrlichkeit und ein demütiger Sinn die Oberhand gewannen, begriffen wir die absolute Notwendigkeit des Todes Christi.

Von dieser Notwendigkeit spricht Vers 23. Das Blut von Böcken und Kälbern genügte, um die Stiftshütte und ihre Einrichtung zu reinigen, die nur Abbilder waren. Die himmlischen Dinge selbst bedurften eines besseren Schlachtopfers. Wir könnten überrascht sein darüber, daß himmlische Dinge überhaupt ein Opfer benötigen, wenn wir uns nicht erinnerten, daß Satan und die gefallenen Engel ihren Sitz in den Himmeln gehabt haben und den Makel der Sünde dort hineingebracht haben, und auch, daß wir, die wir Sünder sind und unsere Stätte hier auf der Erde hatten, als die Frucht der Erlösung bestimmt sind, unseren Platz in den Himmeln einzunehmen. Als Resultat des Werkes Christi wird nicht nur die Erde, sondern werden auch die Himmel gereinigt werden.

Daher wird uns nun in den Versen 24-26 das Werk Christi von höchster Warte aus gezeigt. Er ist einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden, um die Sünde durch sein Opfer abzuschaffen, und jetzt ist Er, kraft Seines vergossenen Blutes, in den Himmel eingegangen, um vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen. Laßt uns den Ausdruck „zur Abschaffung der Sünde“ wohl beachten. Wie ist er allumfassend! Die Sühnung unserer Sünden ist natürlich darin eingeschlossen, aber darauf beschränkt er sich nicht. Ebenso schließt er das Gericht über die Sünde ein, und auch das ist nicht alles. Es geht um die Sünde mit all ihren Auswirkungen und in ihrer ganzen Tragweite. Sünde, die Wurzel, und alle die Sünden, die aus ihr hervorgehen; Sünde, die den Menschen und die Erde verseucht hat, und Sünde, die den Himmel verunreinigt hat; die Sünde in ihrem ganzen Umfang; sie ist durch Sein Opfer abgeschafft. Das Opfer bestand darin, daß Er sich selbst opferte.

Diese Verse stellen uns wiederum das Werk Christi vor als im Gegensatz stehend zu dem Dienst des Hohenpriesters von einst, und damit erklärt sich die Aussage des letzten Verses dieses Kapitels. Wenn der jüdische Hohepriester am jährlichen Versöhnungstag mit dem Blut des Bockes in das mit Händen gemachte Heiligtum eingetreten war, dann stand das Volk draußen und wartete auf sein Wiedererscheinen. Möglicherweise warteten sie in einer gewissen Unruhe, denn sie wußten, daß ein unrechtmäßiges Eintreten in Gottes Gegenwart den Tod bedeutete. So warteten sie auf ihn und begrüßten sein Heraustreten mit einem Seufzer der Erleichterung. Und jetzt warten wir Christen - und dies trifft besonders auf den bekehrten Überrest aus den Juden zu, an den sich dieser Brief wendet - auf das Wiedererscheinen unseres großen Hohenpriesters. Wir „erwarten“ Ihn, und wenn Er kommt, wird es „ohne Sünde“ oder „getrennt von Sünde“ sein. Bei Seinem ersten Kommen hat Er die Frage der Sünde so gründlich behandelt, daß es nicht nötig ist, sie bei Seinem zweiten Kommen zu berühren. Er wird Seinem Volk zur Errettung erscheinen und zur Befreiung einer seufzenden Schöpfung.

So entdecken wir eine eindrucksvolle Ähnlichkeit zwischen dem Handeln Aarons am Versöhnungstag und dem großen Werk Christi, doch es bleibt der wesentliche Unterschied, daß, während Aarons Handlungen vorbildlich waren und sich auf die Abbilder der himmlischen Dinge beschränkten und oft wiederholt wurden, Christus mit den himmlischen Wirklichkeiten zu tun hat, und Sein Werk im Opfer für die Sünde ist ein für allemal vollbracht worden. Es ist das Los sündiger Menschen, einmal zu sterben und danach dem Gericht Gottes entgegenzusehen. Damit übereinstimmend, ist Christus einmal geopfert worden, um die Sünden vieler zu tragen, und deshalb sehen die, die Ihn erwarten, nicht dem Gericht, sondern ihrer Errettung entgegen.

Beachten wir, daß es hier von Christus heißt, daß Er die Sünden vieler trug, nicht aller. Es ist wahr, daß Er für alle starb, soweit es um die Reichweite und die Absicht Seines Werkes geht. Wenn jedoch von der tatsächlichen Auswirkung Seines Werkes die Rede ist, dann trug Er die Sünden vieler, d.h. derer, die glauben. Es sollte auch beachtet werden, daß der Ausdruck „ihn erwarten“ in Wirklichkeit nicht den Sinn hat, der oft hineingelegt worden ist, als ob sie den Gedanken stützen, daß nur gewisse Gläubige, die wachsam sind, ihre Errettung bei der Wiederkunft des Herrn finden werden. Vielmehr sagt die ganze Stelle aus, daß die Sünde vollkommen hinweggetan und Gläubige in ihren Gewissen vollkommen gereinigt sind. Sie sind keinem Gericht mehr unterworfen, sondern sind zurückgelassen, um auf das Hervortreten ihres Hohenpriesters aus dem himmlischen Heiligtum zu warten, und das zu ihrer Rettung von jeder feindlichen Macht.

Mit diesem Gedanken vor uns versetzt uns der Anfang von Kapitel 10 wieder zurück in die Tage des Gesetzes, so daß wir ein weiteres Mal den Gegensatz im Verhältnis zur Herrlichkeit des Evangeliums deutlich empfinden. Zweimal schon begegnete uns diese Gegenüberstellung; zuerst in Kapitel 9,6-14, und dann wieder in den Versen 23-28. Bei der ersten der beiden Stellen scheint der Schwerpunkt auf der Natur und dem Charakter der Gesetzesopfer zu liegen gegenüber dem Opfer Christi. Bei der letzteren scheint er in der absoluten Genugsamkeit des Opfers Christi zu liegen, das eben deshalb einmal gebracht wurde und nicht wiederholt wird wie die früheren Opfer.

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