Der Brief an die Hebräer

Kapitel 4

Der Brief an die Hebräer

Kein Wunder, daß Kapitel 4 mit den Worten beginnt: „Fürchten wir uns nun, ....“ Dies bedeutet auch nicht einen Augenblick lang, daß wir beständig mit sklavischer Furcht erfüllt sein sollen, immerzu zweifelnd, ob wir nach allem Ausharren bis zum Ende wirklich errettet werden. Es bedeutet, daß wir die Warnung annehmen sollen, die Israels Geschichte uns bietet, daß wir uns an das Trügerische der Sünde und die Schwachheit unserer eigenen Herzen erinnern und uns eine heilsame Furcht bewegt, nicht ihren Pfaden zu folgen.

So wie damals dem Volk Israel die gute Botschaft von der Befreiung aus Ägypten und dem Einzug in Kanaan verkündigt wurde, so ist auch uns eine gute Botschaft von der Befreiung von der Sünde und dem Eintritt in himmlische Segnungen gepredigt worden (V. 2). Doch in beiden Fällen nützt das Wort der Verkündigung nichts, wenn es nicht im Glauben aufgenommen wird. Das Evangelium ist eine wunderbare Medizin für das gebrochene Herz, aber es kommt gleichsam zu uns in einer Flasche, auf der als Gebrauchsanweisung zu lesen ist: Im Hörer mit Glauben zu vermischen! Bei Nichtbeachtung dieser Anweisung ist eine Kur nutzlos, und die Ruhe Gottes bleibt unerreichbar.

Wer glaubt, und der allein, geht in die Ruhe Gottes ein. Dies ist wahr, ob wir an die vorbildliche Ruhe Gottes in Kanaan denken, in die nur Kaleb und Josua hineingingen, oder an die wahre Ruhe Gottes, die an einem künftigen Tag erlangt werden wird. Dies ist der einfache Sinn der einleitenden Worte von Vers 3. Es handelt sich nicht darum, daß wir als Gläubige jetzt in diese Ruhe eingehen, jetzt den Frieden mit Gott genießen - obwohl das natürlich in beglückender Weise wahr ist und in anderen Schriftstellen betont wird -, sondern daß es eben Glaubende sind, einzig und allein Glaubende, die in die Ruhe Gottes eingehen, in eine Ruhe, die von der Zeit der Schöpfung her beabsichtigt war, die aber noch Wirklichkeit werden muß.

Die Verse 4-9 erörtern Beweisgründe, die dartun, daß die Verheißung der Ruhe Gottes in keinem Sinn in Verbindung mit dem Einzug Israels in Kanaan unter Josua verwirklicht worden war. Diese Beweisführung war nötig für hebräische Leser, weil sie es allzu schnell für selbstverständlich hätten halten können, daß alles, was mit der Ruhe zu tun hatte, den Vorvätern erfüllt worden und deshalb nichts mehr zu erwarten wäre.

Die Beweisführung könnte wie folgt zusammengefaßt werden:

1. Es muß eine Ruhe kommen, auf die schon hingewiesen wurde, als Gott Sein Schöpfungswerk beendete.

2. Israel ging unter der Führung Josuas nicht in die Ruhe ein, was durch den göttlichen Ausspruch bewiesen ist: „Wenn sie in meine Ruhe eingehen werden“ (das ist eine hebräische Redewendung, die besagt: „Sie werden nicht eingehen“); ein weiterer Beweis ist die Tatsache, daß ihnen lange nach Josua, zur Zeit Davids wieder ein Angebot gemacht wurde, in die Ruhe einzugehen.
Ein solches Angebot würde später nicht gemacht worden sein, wenn diese Ruhe unter Josua erlangt worden wäre.

3. Aber die Verheißung Gottes wird nicht unerfüllt bleiben; folglich ist dem Volk Gottes, d.h., den Gläubigen, noch eine Ruhe aufbewahrt.

Das Wort, das in Vers 9 für „Ruhe“ gebraucht wird, bedeutet „einen Sabbat halten“. Dies verbindet den Gedanken mit dem, was wir weiter vorn in dem Kapitel über die Ruhe Gottes in der Schöpfung finden, und auch mit dem, was wir in Vers 10 haben. Wir werden erst dann in die Ruhe Gottes eingehen, wenn unsere Tage der Arbeit und Mühe hier für immer vorbei sind.

Dieser erste Abschnitt von Kapitel 4 begründet die Tatsache, daß die Ruhe Gottes für den Gläubigen am Ende seines Weges liegt. In der gegenwärtigen Zeit sind wir in der Stellung von Fremdlingen und unterwegs zur Ruhe, genauso wie ehemals die Kinder Israel Fremdlinge waren auf ihrer Wanderung zu dem verheißenen Land. Wenn die Ruhe erreicht ist, werden wir unser Werk beenden, aber auf dem Weg dorthin sollten wir uns „abmühen“ oder „Fleiß anwenden“, um einzugehen, wobei wir uns warnen lassen vor den verhängnisvollen Folgen, die früher so vielen ungläubigen Israeliten widerfuhren.

Der anschließende Teil des Kapitels zeigt uns drei bedeutsame Möglichkeiten der Hilfe und Leitung, die wir auf unserem Weg wahrnehmen können. Sie sind erstens das Wort Gottes, zweitens das Priestertum Christi, drittens der Thron der Gnade.

Die Kennzeichen des Wortes Gottes erfahren wir in den Versen 12 und 13. Es ist lebendig und wirksam. Wie alles Lebendige besitzt es eine erstaunliche Energie. Weiter verfügt es über außerordentliche Kräfte des Durchdringens, denn es bohrt sich seinen Weg in Dinge hinein, die sehr eng miteinander verquickt sind, ob es sich um geistliche oder materielle Angelegenheiten handelt, und zwar auf eine Weise, die dem schärfsten zweischneidigen Schwert unmöglich wäre. Die tiefsten Gedanken und Motive der Menschen werden von ihm beurteilt.

Es ist bemerkenswert, daß das mit „Beurteiler“ übersetzte Wort das gleiche Wort ist, von dem sich unser Wort Kritiker ableitet. Heute gibt es viele Menschen, die als Kritiker des Wortes Gottes auftreten, und ihre törichte Kritik verrät nur, daß sie, weit davon entfernt, Leben aus Gott zu haben, geistlich tot sind. Sie sind auch nicht wirksam, sondern sehr schwach, und ihre vermeintliche Befähigung zu einer tiefer eindringenden Untersuchung ist in Wirklichkeit überhaupt nicht vorhanden. Sie verfügen über kein echtes Verständnis des Wortes, das sie kritisieren, und ihre phantomhaften „Autoren“ und „Herausgeber“ usw., die sie beschwören, sind nicht das Ergebnis ihres Scharfsinns, sondern einer einsichtslosen und verworrenen Phantasie.

Es ist nicht Sache des Menschen, das Wort Gottes zu kritisieren, wohl aber, sich von ihm kritisch beurteilen zu lassen. Nichts stellt uns mehr auf die Probe als Kritik. Sind wir stolz und uns selbst genug, so ärgern wir uns heftig darüber. Nur wenn wir demütig sind und in der Furcht des Herrn wandeln, lassen wir die durchdringenden Beurteilungen des Wortes gern zu. Sie sind uns eine denkbar große Hilfe auf unserem Weg. Dadurch sind wir in der Lage, uns selbst zu sehen, unsere eigenen Beweggründe genau zu prüfen und so tausend Schlingen zu entgehen.

Das Wort Gottes erreicht uns in den Heiligen Schriften. Sollte jemand uns fragen, warum wir die Bibel als Gottes Wort annehmen, so könnten wir wohl antworten: Ist dieses Wort, das lebendig und wirksam ist, das durchdringt und die verborgenen und geheimen Dinge unterscheidet, denn nicht Gottes Wort? Ja, das ist es. Ist nicht die Bibel mit genau diesen Merkmalen ausgestattet? Fraglos ist sie das. Brauchen wir also noch weitere Beweise dafür, daß die Bibel Gottes Wort ist?

Beachten wir auch, wie wir fast unmerklich von Gottes Wort in Vers 12 zu Gott selbst in Vers 13 übergehen. Alles ist aufgedeckt vor SEINEN Augen. Alles sieht Gott, mit dem wir es zu tun haben.

Wenn Gottes Wort seine volle Wirkung auf unseren Verstand und unser Gewissen ausübt, werden wir uns unserer eigenen Unzulänglichkeit und Schwachheit auf dem Weg unserer Fremdlingschaft sehr bewußt. Wie beglückend, uns dann der zweiten Hilfsquelle zuzuwenden, die hier vor uns steht - dem Priestertum Christi.

Vers 14 betont die Größe unseres Hohenpriesters sowohl hinsichtlich Seiner Stellung als Seiner Person. Er ist durch die Himmel gegangen. Er hielt nicht inne im ersten Himmel, noch im zweiten, als Er auffuhr, sondern ging ein in den dritten und höchsten Himmel. Ja, Er ist hinaufgestiegen „über alle Himmel“, wie es in Epheser 4,10 ausgedrückt wird. Doch die Stellung unseres Hohenpriesters wird hier in einer Weise beschrieben, daß jüdische Leser an Aaron erinnert wurden, wie er in das Allerheiligste hineinging. In der Stiftshütte war der Vorhof, in dem der Brandopferaltar stand, Abbild des ersten Himmels. Das Heilige versinnbildlichte den zweiten Himmel, und das Allerheiligste den dritten Himmel, in dem Gott wohnt. Um in das Allerheiligste einzutreten, durchschritt Aaron im Vorbild die Himmel. Unser hochgepriesener Heiland und Hoherpriester ist nicht im Vorbild durch die Himmel gegangen, sondern in glorreicher Wirklichkeit. Jetzt befindet Er sich an einem Platz unendlicher Größe und Herrlichkeit.

Was Seine Person betrifft, so ist unser großer Hoherpriester nichts weniger als der Sohn Gottes. Diese gewaltige Tatsache entscheidet alles. Hier kann nichts mißlingen. Ein bloßer Mensch wie Aaron konnte fehlen; ja, er versagte sogleich. Ebenso versagte die auf ihn gegründete Priesterordnung. Unser Hoherpriester wird nie versagen. Alles, was auf Ihn gegründet ist, hat ewigen Bestand. Sicherlich werden wir „unser Bekenntnis festhalten“, wenn wir das wirklich glauben.

Vers 15 stellt dann die Gnade unseres Hohenpriesters vor uns. Nachdem Er wahrer Mensch geworden war, durchlebte Er alle menschlichen Erfahrungen und Versuchungen, „ausgenommen die Sünde“. Er war in Seinem ganzen Wesen vollkommen heilig. „Sünde ist nicht in ihm“ (1. Joh 3,5). Deshalb waren Ihm Versuchungen, die aus dem Fleisch von innen hervorkommen, notwendigerweise unbekannt. Er hatte das Fleisch nicht in sich. „Ein jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust fortgezogen und gelockt wird“ (Jak 1,14). Aber das konnte von Ihm nicht gesagt werden.

Deshalb heißt es von Ihm, daß er Mitleid hat mit unseren Schwachheiten, jedoch nicht mit unseren Sünden. Schwachheiten sind keine Sünden. Gemeint sind Schwächen, die mit unserem menschlichen Zustand verbunden sind. Sie können bei uns natürlich zur Sünde führen; das wird fast unvermeidlich geschehen, es sei denn, wir suchen und empfangen Hilfe von oben - die Hilfe, von der Vers 16 spricht.

Doch laßt uns Vers 15 nicht verlassen, ohne die Lieblichkeit, die in dem Wort Mitleid liegt, gewürdigt zu haben. Ein Mensch, der über Macht und Reichtum verfügt, mag armen Leuten manche Hilfe und Unterstützung zuwenden und doch niemals Zeit und Neigung haben, so in ihre kummervollen Erfahrungen einzugehen, daß sie sein Herz wirklich berühren. Wir in unserer Schwachheit und Not dürfen zu unserem Hohenpriester in Seiner Herrlichkeit aufblicken und gewiß sein, daß Sein Herz unsertwegen bewegt ist. Der wohlhabende Mensch könnte bei vielfacher Wohltätigkeit so weit gehen, daß er bei seinem Wissen um die Nöte der Leute, denen er hilft, doch etwas Mitgefühl verspürte, aber aus seiner eigenen Erfahrung versteht er weder ihre Schwachheiten noch ihre Kämpfe. Echtes Mitleid müßte ihm auch dann noch fremd bleiben. Anders bei dem Herrn Jesus; weil Er in allem versucht worden ist, vermag Er wirklich mitzufühlen und mitzuleiden. Er ist so vertraut mit dem menschlichen Leben in seinen irdischen Bedingungen, außer der Sünde, daß Er auch vom menschlichen Standpunkt aus alles kennengelernt hat, was Er in göttlicher Sicht immer schon wußte. Er hatte menschliche Gefühle über menschliche Not und Trauer, und, obwohl Er jetzt droben verherrlicht ist, bleibt Er doch Mensch im Himmel mit all den Gefühlen eines Menschen für Menschen.

Laßt uns daher freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade! Dieser Thron ist die dritte der in diesem Kapitel aufgeführten Hilfsquellen. Es ist ein „Thron der Gnade“, weil unser großer Hoherpriester, der auf diesem Thron sitzt, Gnade gewährt. Barmherzigkeit und Gnade werden zu rechtzeitiger Hilfe dargereicht, wenn wir allerdings zu dem Thron kommen, um sie zu empfangen.

Welcher Israelit wagte früher freimütig dem furchteinflößenden Thron des allmächtigen Gottes zu nahen? Welcher Israelit wagte überhaupt zu nahen? Als Hesekiel in einer Vision den Thron sah, war da „eine Gestalt wie das Aussehen eines Menschen oben darauf“ (1,26), doch dem Propheten fehlte jede Freimütigkeit, näherzutreten, vielmehr fiel er auf sein Angesicht. Bestenfalls wies seine Vision auf das hin, was heute Wirklichkeit geworden ist. Gott sei Dank, daß es so ist, aber nehmen wir es auch wahr? Der Sohn Gottes sitzt auf dem Thron, aber es ist der Sohn Gottes als wahrer, zartempfindender und mitfühlender Mensch. Wenn wir uns dessen bewußt werden, schwindet alle Furcht, und wir nahen mit Freimütigkeit.

Während der ganzen Lebenszeit auf dieser Erde bedürfen wir der Hilfe, und wenn wir freimütig kommen, steht uns alle Barmherzigkeit und Gnade zur Verfügung. Wir brauchen nur mit Gebet und Flehen zu nahen. Unser Hoherpriester, der den Thron innehat, verbürgt sie uns in Seiner Größe und Gnade. Wie selten finden wir beides bei einem Menschen vereint. Da mag zum Beispiel ein großer Mann sein mit viel Macht und Vermögen, anderen zu helfen. Aber er kann es sich nicht leisten, sich sehr freundlich zu geben und leicht ansprechbar zu sein, er würde sonst von seinen Bittstellern erdrückt werden. So umzäunt er sich mit Sekretären und Pförtnern und anderen Bediensteten. Er könnte viel für dich tun, wenn du nur bis zu ihm vordringen könntest, aber du kommst nicht an ihn heran. Und hier sei ein anderer freundlicherer, zugänglicherer, sehr mitfühlender Mann, wie wir uns ihn schon wünschten; aber wenn du vor ihn trittst, so hat er keine Macht, etwas für dich zu tun. So ist das im allgemeinen bei den Menschen, doch nicht bei unserem Herrn. Bei Ihm sind Macht und Gnade miteinander vereint.

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