Betrachtung über 2. Korinther (Synopsis)

Kapitel 7

Betrachtung über 2. Korinther (Synopsis)

Aber nicht nur das, wovon wir getrennt sind, um in diesem Verhältnis von Söhnen und Töchtern zu stehen, beschäftigt den Apostel, sondern auch die rechtmäßigen Folgen solcher Verheißungen. Es handelt sich nicht bloß darum, dass wir von der Welt abgesondert sein müssen, sondern in Verbindung mit Gott sollen wir auch uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes. Heiligkeit geziemt den Söhnen und Töchtern des Herrn, des allmächtigen Gottes, Heiligkeit im äußeren Wandel und, was ebenso wichtig ist im Blick auf unsere Beziehungen zu Gott, Reinheit der Gedanken. Denn obwohl die Menschen die unreinen Gedanken nicht sehen können, wird doch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen durch sie gehemmt. Das Herz wird dann nicht weit in der Gemeinschaft mit Gott; Seine Gegenwart wird kaum gefühlt, Sein Verhältnis zu uns nicht verwirklicht; die Gnade wird zwar erkannt, aber Gott selbst fast gar nicht in der Weise, wie Er Sich stufenweise dem, der in Gemeinschaft mit Ihm ist, zu erkennen gibt.

Der Apostel kommt jetzt auf seine eigenen Beziehungen zu den Korinthern zurück. Beziehungen, die durch das Wort seines Dienstes gebildet worden waren. Und nachdem er entwickelt hat, was dieser Dienst wirklich war, sucht er jetzt ein Zerreißen der Bande zu verhindern, die sich durch diesen Dienst zwischen den Korinthern und ihm selbst mittels der Kraft des Heiligen Geistes geknüpft hatten. „Nehmet uns auf, wir haben niemand unrecht getan.“ Er ist besorgt, die Gefühle der Korinther nicht zu verletzen, die von ihrer Verirrung zurückgekommen waren und wieder die alten Zuneigungen zu dem Apostel hatten und so auch in der rechten Beziehung zu Gott standen. „Nicht zur Verurteilung rede ich; denn ich habe vorhin gesagt, dass ihr in unseren Herzen seid, um mit zu sterben und mit zu leben. Groß ist meine Freimütigkeit gegen euch, groß mein Rühmen eurethalben, ich bin mit Trost erfüllt, ich bin ganz überströmend in der Freude bei all unserer Drangsal.“ Der Apostel entwickelt jetzt nicht die Grundsätze des Dienstes, sondern offenbart das Herz eines Dieners, alles was darin vorgegangen war hinsichtlich des Zustandes der Korinther. Als er in Mazedonien ankam (wohin er sich, wie man sich erinnern wird, begab, ohne Korinth zu besuchen), nachdem er Troas verlassen hatte, weil er Titus, der ihm die Antwort auf seinen ersten Brief an die Korinther bringen sollte, dort nicht fand, hatte sein Fleisch auch dort keine Ruhe, er war bedrängt auf alle Weise: von außen Kämpfe, von innen Befürchtungen. Doch Gott, der die Niedrigen tröstet, tröstete ihn dort durch die Ankunft des Titus, den er mit so großer Angst erwartet hatte, und nicht nur durch die Ankunft des Titus, sondern auch durch die guten Nachrichten, welche dieser von Korinth brachte. Die Freude des Apostels verscheuchte alle Traurigkeit, denn das Verlangen seines Herzens war, mit ihnen zu leben und zu sterben. Er sah die sittlichen Früchte der Wirksamkeit des Heiligen Geistes: ihre Sehnsucht, ihre Tränen, ihren Eifer um ihn, und sein Herz wendet sich ihnen wieder zu, um durch den Ausdruck seiner Liebe alle Wunden zu verbinden, die sein erster Brief in ihren Herzen geschlagen hatte, so notwendig dieselben auch gewesen sein mochten.

Nichts ist rührender, als der Streit in dem Herzen Pauli zwischen der Notwendigkeit, die er gefühlt hatte, ihnen wegen ihres früheren Zustandes streng und gewissermaßen mit kalter Autorität zu schreiben, und den Gefühlen, die ihm jetzt, da die gewünschte Wirkung hervorgebracht war, fast eine Rechtfertigung für den Schmerz diktierten, den er ihnen bereitet hatte. „Wenn ich euch“, sagt er, „durch den Brief betrübt habe, so reut es mich nicht“, obwohl dies in der Tat einen Augenblick der Fall gewesen war; denn er sah, dass der Brief sie, wenn auch nur für eine Zeit, betrübt hatte. Jetzt aber freute er sich, nicht darüber, dass sie betrübt worden, sondern dass sie zur Buße betrübt worden waren. Welch eine zärtliche Besorgnis, welch ein Herz für das Wohl der Heiligen! Wenn die Korinther jetzt seinetwegen Eifer offenbarten, so hatte er ihnen wahrlich Gelegenheit und Beweggrund dazu gegeben. Er fand keine Ruhe, bis er Nachricht von ihnen erhielt; nichts nahm seine Angst weg, weder offene Türen, das Wort zu verkündigen, noch Trübsale. Er hatte ein wenig bedauert, den Brief geschrieben zu haben, aus Furcht, er möchte sich das Herz der Korinther entfremdet haben, und jetzt, obwohl der Gedanke, sie betrübt zu haben, ihn noch schmerzt, freut er sich nicht darüber, dass er ihnen Schmerz verursacht, sondern dass ihre göttliche Betrübnis Buße in ihnen bewirkt hatte. Er schreibt ihnen einen Brief gemäß der Kraft des Heiligen Geistes. Den Gefühlen seines Herzens überlassen, sehen wir den Apostel in dieser Hinsicht unter der Höhe der Kraft der Inspiration stehen, die jenen ersten Brief ihm diktiert hatte, den die Geistlichen als die Gebote des Herrn erkennen sollten. Sein Herz hatte bei dem Gedanken an die Folgen dieses Briefes gezittert, solange er keine Nachrichten erhielt. Es ist sehr interessant, den Unterschied zwischen der Persönlichkeit des Apostels und der Inspiration zu sehen. In dem ersten Brief an die Korinther haben wir bemerkt, wie der Apostel unterscheidet zwischen dem, was er als das Ergebnis seiner Erfahrung sagt, und den durch ihn mitgeteilten Geboten des Herrn. Hier finden wir den Unterschied zwischen der Inspiration und der Erfahrung selbst. Paulus vergisst für einen Augenblick den Charakter seines Briefes, und ganz seinen Gefühlen hingegeben, fürchtet er, die Korinther verloren zu haben durch die Anstrengung, die er gemacht hatte, um sie wiederzugewinnen. Die Form des Ausdrucks, dessen sich der Apostel bedient, zeigt, dass sich dieses Gefühl nur für einen Augenblick seines Herzens bemächtigt hatte; aber die Tatsache, dass er dieses Gefühl gehabt, zeigt klar den Unterschied, der zwischen Paulus als Mensch und Paulus als inspiriertem Schreiber besteht.

Jetzt ist er völlig befriedigt. Der Ausdruck des innigen Interesses, das er an den Korinthern nimmt, ist ein Teil seines Dienstes und zugleich eine köstliche Unterweisung für uns, indem sie uns zeigt, in welcher Weise das Herz an die Ausübung dieses Dienstes herantritt; wir sehen hier die Biegsamkeit dieser mächtigen Kraft der Liebe, um die Herzen durch eine passende Darlegung dessen, was im eigenen Herzen vorgeht, zu gewinnen und zu beugen. Wenn das Herz mit Liebe erfüllt ist, wird dieselbe sicher in dieser Weise zum Ausdruck kommen, falls es der Gelegenheit angemessen ist; denn eine innige Liebe gibt sich gern ihrem Gegenstand zu erkennen, und zwar wenn möglich in ihrer ganzen Kraft und Fülle. Es gibt einen Schmerz, der das Herz verzehrt; aber ein Gott gemäß betrübtes Herz ist auf dem Wege zur Buße 1.

Der Apostel spricht dann von den Früchten dieser göttlichen Betrübnis, von dem Eifer gegen die Sünde, den sie hervorgebracht hatte, und von der heiligen Entrüstung, mit welcher die Herzen jede Verbindung mit dem Bösen von sich wiesen. Und jetzt, wo sie sich moralisch abgesondert hatten, trennt auch der Apostel die Unschuldigen von den Schuldigen, er will sie nicht länger miteinander vermengen. Sie hatten sich selbst in sittlicher Beziehung einsgemacht, indem sie ruhig mit denen, die in der Sünde lebten, wandelten. Da aber jetzt die Sünde hinweg getan war, befanden sie sich außerhalb des Bösen, und der Apostel zeigt ihnen, dass er ihnen nur um ihres Wohles willen und weil er so sehr für sie besorgt und ihnen zugetan war, seinen ersten Brief geschrieben hatte. Sein Brief sollte ihnen beweisen, mit welcher Liebe er sich in seinen Gedanken mit ihnen beschäftigt hatte, und zugleich dazu dienen, ihre Liebe zu ihm vor Gott auf die Probe zu stellen. So traurig ihr Wandel auch gewesen war, Paulus hatte dem Titus, als er ihn ermunterte, nach Korinth zu gehen, doch versichert, dass er gewisslich Herzen dort finden würde, die für eine solche Berufung apostolischer Liebe an sie empfänglich wären. Der Apostel war nicht enttäuscht worden, und wie er unter ihnen die Wahrheit verkündigt hatte, so hatte sich auch das, was er dem Titus von ihnen gesagt hatte, bewahrheitet, und die Liebe des Titus selbst war, als er dies sah, mächtig geweckt worden.

Fußnoten

  • 1 Wahre Herzensgröße spricht nicht leicht über Gefühle, weil sie an andere und nicht an sich selbst denkt; aber sie fürchtet sich auch nicht, darüber zu reden, wenn die Gelegenheit dazu sich darbietet, weil sie eben an andere denkt und in ihren Zuneigungen einen bestimmten Zweck, eine tiefe Absicht im Auge hat, die jede Regung dieser Zuneigungen beeinflusst und regelt. Und das Christentum verleiht Herzensgröße; außerdem ist es seiner Natur nach vertrauensvoll, und das gewinnt und gibt ungesucht einen Einfluss, den diese Herzensgröße nicht sucht, weil sie selbstlos ist. Sein wahres Verhältnis zu den Korinthern hielt der Apostel zu ihrem Wohl aufrecht.
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