Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Kapitel 6

Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Der Geist will jedoch in seiner Belehrung der Gläubigen bei diesen Elementen nicht stehen bleiben, sondern fortfahren bis zu jener völligen Offenbarung der Herrlichkeit Christi, die den Erwachsenen gehört, und die uns gerade für diesen Zustand bildet.

Es ist leicht zu erkennen, dass der Schreiber des Briefes bemüht ist, die Hebräer fühlen zu lassen, dass er sie, indem er sie mit einem himmlischen und unsichtbaren Christus verband, auf einen erhabeneren und vortrefflicheren Boden stellte, und dass das Judentum sie in die Stellung von Kindern zurückführte. Dieser Gedanke kennzeichnet überhaupt den ganzen Brief.

Dessen ungeachtet werden wir hier zwei Dinge finden: einerseits die Elemente und den Charakter der Lehre, die der Kindheit angehörte, „dem Wortes von dem Anfang des Christus“, im Gegensatz zu der Kraft und dem himmlischen Wohlgeruch, welche die christliche Offenbarung begleiteten, und andererseits das, was die Offenbarung Christi selbst ist in Verbindung mit diesem letzten geistlichen und christlichen System. Jedoch macht der Brief einen Unterschied zwischen diesem System und der Lehre von der Person Christi, sogar als Mensch betrachtet 1, obgleich die gegenwärtige Stellung Christi dem Christentum seinen Charakter verleiht. Der Unterschied wird gemacht, nicht weil der Zustand der Seelen nicht von dem Maß der Offenbarung Christi und der von Ihm eingenommenen Stellung abhängt, sondern weil die Lehre von seiner Person und seiner Herrlichkeit viel weiter geht als der gegenwärtige Stand unserer Beziehung zu Gott.

Die Dinge, von denen in Vers 1 und 2 dieses Kapitels gesprochen wird, hatten ihren Platz, weil der Messias zu der Zeit noch kommen musste. Alles war in einem Zustand der Kindheit. Die Dinge, von denen in Vers 4 und 5 die Rede ist, sind die Vorrechte, die die Christen kraft des Werkes und der Verherrlichung des Messias genießen. Jedoch sind sie in sich selbst nicht der „volle Wuchs“, von dem wir in Vers 1 lesen, und der sich mehr auf die Erkenntnis der Person Christi selbst bezieht. Die in Frage stehenden christlichen Vorrechte waren das Ergebnis der herrlichen Stellung seiner Person im Himmel.

Es ist für das Verständnis dieser Stellen wichtig, das wohl zu beachten. In der Kindheit, von der in Vers 1 und 2 gesprochen wird, ließ die Dunkelheit der Offenbarungen bezüglich des Messias, indem Er höchstens durch Verheißungen und Prophezeiungen angekündigt war, die Anbeter unter dem Joch von Zeremonien und Bildern, obgleich sie sich im Besitz einiger Grundwahrheiten befinden mochten. Seine Erhöhung schaffte der Macht des Heiligen Geistes hienieden Raum, und hierauf beruhte die Verantwortlichkeit der Seelen, die jene Macht geschmeckt hatten.

Die Lehre von der Person und der Herrlichkeit Jesu bildet den Gegenstand der Offenbarung in unserem Brief. Sie war das Mittel, um die Juden von dem ganzen System zu befreien, das als eine so schwere Bürde auf ihren Herzen gelastet hatte. Sie sollte sie davon zurückhalten, den in Vers 4 und 5 beschriebenen Zustand zu verlassen, um (nachdem Christus gekommen war) zu der Schwachheit und dem fleischlichen Zustand von Vers 1 und 2 zurückzukehren.

Der Brief will nun nicht aufs neue die wahren, aber elementaren Lehren aufstellen, die jenen Zeiten angehörten, da Christus noch nicht offenbart war, sondern will vorwärts schreiten zu der vollen Offenbarung der Herrlichkeit und der Stellung Christi, entsprechend den in dem Wort geoffenbarten Ratschlüssen Gottes.

Der Heilige Geist wollte nicht zu den vorigen Dingen zurückkehren, weil in Verbindung mit der himmlischen Herrlichkeit des Messias neue eingeführt waren, nämlich das Christentum, das durch die Macht des Heiligen Geistes gekennzeichnet wird. Wenn aber irgend jemand, der unter den Einfluss dieser Macht gebracht worden war, der sie kennen gelernt hatte, sie nachher wieder verließ, so konnte er nicht wiederum zur Buße erneuert werden. Das Frühere (die mit dem Judentum in Verbindung stehenden Dinge) wurde durch den Eintritt in das Neue, das Christentum. aufgegeben und musste aufgegeben werden. Christen konnten sich aufgrund jener vorigen Dinge nicht mit den Seelen beschäftigen. Wenn daher das Neue aufgegeben wurde, so hatten alle Mittel, die Gott angewandt hatte, nichts bewirkt. Wer solches tat, kreuzigte nach seinem eigenen Willen den Sohn Gottes für sich selbst. Früher zu dem Volk gehörend, das sich des Todes des Sohnes Gottes schuldig gemacht hatte, hatte er durch die Annahme der christlichen Lehre die Sünde, die sein Volk begangen, anerkannt und Jesum als den Messias bekannt. Indem er nun zu dem Judentum wieder umwandte, beging er dieses Verbrechen wissentlich und mit Willen.

Gericht, Totenauferstehung, Buße von toten Werken – alles das war gelehrt worden. Unter dieser Ordnung der Dinge hatte das Volk seinen Messias gekreuzigt. Jetzt aber war die Macht des Heiligen Geistes gekommen, die von der Verherrlichung des gekreuzigten Messias, des Sohnes Gottes im Himmel, Zeugnis ablegte und durch Wunder die Macht des Feindes, der noch über die Welt herrschte (wenigstens im einzelnen), zerstörte. Diese Wunder waren ein teilweiser Vorausempfang der vollen und herrlichen Befreiung, die in den kommenden Zeitaltern stattfinden wird, wenn der triumphierende Messias, der Sohn Gottes, alle Macht des Feindes gänzlich zerstören wird. Deshalb werden sie die „Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“ genannt (V. 5).

Die Macht des Heiligen Geistes, die im Schoß des Christentums gewirkten Wunderwerke, waren Zeugnisse davon, dass die Macht, die jene Befreiung ausführen sollte, obwohl noch im Himmel verborgen, dennoch in der verherrlichten Person des Sohnes Gottes vorhanden war. Diese Macht vollzog zwar noch nicht die Befreiung der von Satan unterjochten Welt, weil Gott inzwischen eine andere Sache ausführen wollte. Das Licht Gottes schien, das gute Wort der Gnade wurde gepredigt, die himmlische Gabe (eine bessere Sache als die Befreiung der Welt) wurde geschmeckt, und die fühlbare Macht des Heiligen Geistes gab sich kund, während man auf die Rückkehr des Messias in Herrlichkeit wartete, der kommen würde, um Satan zu binden und so der Welt unter seiner Herrschaft Befreiung zu bringen.

Im Allgemeinen wurde die Macht des Heiligen Geistes, infolge der himmlischen Verherrlichung des Messias droben, auf der Erde ausgeübt als eine gegenwärtige Offenbarung und ein Vorausempfang der großen zukünftigen Befreiung. Die Offenbarung der Gnade hatte stattgefunden, das gute Wort Gottes war gepredigt worden, und die Christen lebten in dem Bereich, wo diese Dinge sich entfalteten, und standen unter dem darin ausgeübten Einfluss. Dies machte sich einer Seele fühlbar, die unter die Christen eingeführt wurde, und diese Einflüsse wurden selbst von solchen gefühlt, die kein geistliches Leben besaßen. Wenn aber nun jemand Gegenstand dieses Einflusses der Gegenwart des Heiligen Geistes gewesen war, wenn er die also von der Güte Gottes gemachte Offenbarung geschmeckt und die Beweise seiner Macht erfahren hatte und danach Christus verließ, so gab es kein Mittel mehr, um die Seele wiederherzustellen, um sie zur Buße zu erneuern. Die himmlischen Schätze waren in ausgiebiger Weise verwandt worden, aber man hatte sie als wertlos aufgegeben. Das Herz hatte die völlige Offenbarung der Gnade und Macht, nachdem es sie erkannt hatte, verworfen. Welches Mittel konnte jetzt noch angewandt werden? Zum Judentum, zu dem „Wort von dem Anfang des Christus“, zurückzukehren, nachdem die Wahrheit offenbart worden, war unmöglich, und das neue Licht war erkannt und verworfen worden. In einem solchen Fall war nur das Fleisch vorhanden. Da war kein neues Leben. Dornen und Disteln kamen hervor wie früher. Keine wirkliche Veränderung hatte in dem Zustand des Menschen stattgefunden.

Wenn wir einmal verstanden haben, dass die uns hier beschäftigende Stelle ein Vergleich der Macht des geistlichen Systems mit dem Judentum ist, und dass es sich um das Verlassen des ersteren handelt, nachdem man es kennen gelernt hat, so verschwindet ihre Schwierigkeit. Der Besitz des göttlichen Lebens wird nicht vorausgesetzt. Diese Frage wird hier überhaupt nicht berührt. Die Stelle spricht vom dem Heiligen Geist als einer in dem Christentum gegenwärtigen Macht, nicht aber von Leben. „Das gute Wort Gottes geschmeckt zu haben“, will nicht sagen: vermittels seiner lebendig gemacht zu sein, sondern verstanden zu haben, wie köstlich dieses Wort ist 2. Daher ist der Apostel in Bezug auf die jüdischen Christen, zu denen er redet, von besseren und mit der Seligkeit verbundenen Dingen überzeugt. Es konnte also alles das, wovon in unserer Stelle die Rede ist, vorhanden sein, ohne dass man errettet war. Frucht konnte nicht da sein, denn Frucht setzt Leben voraus.

Der Apostel wendet das, was er sagt, nicht auf die hebräischen Christen an, denn wie schwach ihr Zustand auch sein mochte, so waren doch Früchte, die Beweise des Lebens, vorhanden gewesen. Dann setzt er seine Unterweisungen fort, indem er sie zum Ausharren ermuntert und ihnen die Beweggründe dafür vorstellt.

Man wird also verstehen, dass diese Stelle einen Vergleich darstellt zwischen dem, was man vor, und dem, was man nach der Verherrlichung Christi besaß – einen Vergleich des Zustandes und der Vorrechte der Bekenner in diesen beiden Zeitabschnitten, ohne irgendwie die Frage der persönlichen Bekehrung zu berühren. Wenn jemand die Versammlung, nachdem die Macht des Heiligen Geistes sich als gegenwärtig erwiesen hatte und die völlige Offenbarung der Gnade vorhanden war, verließ, von Christus abfiel und sich zurückwandte, so gab es kein Mittel mehr, ihn zur Buße zu erneuern. Der inspirierte Schreiber will deshalb in Bezug auf Christus nicht von neuem einen Grund mit früheren Dingen legen, mit Dingen, die schon veraltet waren, sondern will zum Nutzen derer, die im Glauben standhaft blieben, weitergehen.

Es ist auch beachtenswert, dass der Brief, indem er von den christlichen Vorrechten spricht, den zukünftigen irdischen Zustand, die Herrlichkeit und die Vorrechte des 1000-jährigen Zeitalters, nicht aus dem Auge verliert. Die Wunder sind, wie bereits bemerkt, die Wunder des „zukünftigen Zeitalters“. Sie gehören jener Zeit an. Die Befreiung und die Zerstörung der Macht Satans werden alsdann vollständig sein. Jene Wunder waren Befreiungen, Proben von der Macht des Herrn im zukünftigen Zeitalter. Wir sahen diesen Punkt bereits beim Beginn der Lehre des Briefes (Heb 2,5) erwähnt, und in Hebräer 4 wurde die Ruhe Gottes in ihrem Charakter unbestimmt gelassen, damit sie sowohl den himmlischen als auch den irdischen Teil der 1000-jährigen Regierung unseres Herrn umfasse. Hier kennzeichnet die Gegenwart der Macht des Heiligen Geistes die Wege Gottes, das Christentum, aber die Wunder sind ein Vorgeschmack von dem kommenden Zeitalter, in dem die ganze Welt gesegnet sein wird.

Der Brief bringt zur Ermunterung der gläubigen Hebräer hier schon die Grundsätze in Erinnerung, nach denen der Vater der Gläubigen und des jüdischen Volkes gewandelt, und die Art und Weise, wie Gott ihn in seinem Glauben gestärkt hatte. Abraham musste sich auf Verheißungen stützen, ohne das zu besitzen, was verheißen war. Die hebräischen Christen befanden sich im Blick auf die Ruhe und die Herrlichkeit in derselben Lage. Zugleich aber hatte Gott, um dem Herzen eine völlige Sicherheit zu geben, sein Wort durch einen Eid bestätigt, damit diejenigen, die auf die Hoffnung der verheißenen Herrlichkeit bauten, einen starken und hinreichenden Trost haben möchten. Und diese Sicherheit der Gläubigen hatte eine noch größere Festigkeit erhalten. Sie ging in das Innere des Vorhangs hinein (V. 19). Sie fand ihre feierliche Bestätigung im Heiligtum selbst, wohin ein Vorläufer eingegangen war. So war dem Glauben nicht nur ein Wort und ein Eid, sondern ein persönlicher Bürge für die Erfüllung dieser Verheißungen, sowie das Heiligtum Gottes als eine Zuflucht für das Herz gegeben worden. Auf diese Weise wurde der Hoffnung derer, die geistliches Verständnis besaßen, ein himmlischer Charakter verliehen, während zugleich durch den Charakter Dessen, der in den Himmel eingegangen war, die gewisse Erfüllung aller Verheißungen des Alten Testamentes verbürgt wurde, und zwar in Verbindung mit einem himmlischen Mittler, der durch seine Stellung jene Erfüllung sicherte, indem die irdische Segnung nunmehr in dem Himmel selbst ihre unerschütterliche Grundlage fand. Überdies wurde dieser Segnung dadurch, dass man sie mit dem Himmel verband und von da ausströmen ließ, ein höherer und herrlicherer Charakter verliehen.

Wir finden hier also den zwiefachen Charakter der Segnung, den dieses Buch wiederum unserem Geist vorstellt, in Verbindung gebracht mit der Person des Messias, und das Ganze wird durch den Glauben an die Person Jesu geknüpft. Er ist als Vorläufer in den Himmel eingegangen. Er ist im Himmel, und wir gehören zu diesem Himmel. Er ist dort als Hohepriester. Während der gegenwärtigen Zeit trägt folglich sein Priestertum einen himmlischen Charakter. Nichtsdestoweniger ist Er persönlich Priester nach der Ordnung Melchisedeks. Das setzt also die ganze aaronitische Ordnung beiseite, obwohl das Priestertum gegenwärtig in ähnlicher Weise ausgeübt wird wie das Priestertum Aarons; aber durch seine Natur weist es auf ein zukünftiges Königtum hin, das noch nicht offenbart ist. Die Tatsache nun, dass dieses zukünftige Königtum mit der Person Dessen verbunden war, der nach Psalm 110 zur Rechten der Majestät in der Höhe sitzt, richtete die Aufmerksamkeit des hebräischen Christen, wenn er in Versuchung kam, sich zurückzuwenden, auf Den, der in den Himmeln war, und ließ ihn das Priestertum verstehen, das der Herr in der gegenwärtigen Zeit ausübt, befreite ihn vom Judentum und stärkte ihn in dem himmlischen Charakter des Christentums, das er angenommen hatte.

Fußnoten

  • 1 Die Sohnschaft Christi hienieden kann jedoch nie von seiner ewigen Sohnschaft getrennt werden, denn diese letztere leiht der Beziehung, in der Er als Sohn auf der Erde in der Zeit steht, ihren Charakter. Was ich oben sage, bezieht sich auf Vers 5 und 8, verglichen mit Vers 6 und 10 des 5. Kapitels. Man vergleiche auch den Anfang von Johannes 17.
  • 2 Wir finden ähnliches in Matthäus 13, wo etliche das Wort mit Freuden aufnehmen, aber keine Wurzel in sich haben.
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