Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Im 1. Vers dieses Kapitels wird uns der Herr vorgestellt als der Apostel und Hohepriester der Gläubigen aus den Juden, des wahren Volkes. Ich sage: „aus den Juden“, nicht als ob Er nicht unser Hohepriester wäre, sondern weil der geweihte Schreiber hier, wenn er sagt „unser“, sich unter die gläubigen Juden stellt; anstatt von sich als Apostel zu reden, bezeichnet er Jesum als den Apostel, was Er auch in Person unter den Juden war. Dem Grundsatz nach ist das, wovon er redet, wahr für alle Gläubige. Das Gesagte ist das Wort des Herrn, und Er ist fähig, uns zu helfen, wenn wir versucht werden. Wir sind sein Haus, denn wir begegnen hier einem dritten Charakter Christi: Er ist „Sohn über sein Haus“. Mose war treu in dem ganzen Haus Gottes als Diener zum Zeugnis dessen, was hernach verkündigt werden sollte. Christus aber ist über das Haus Gottes, und das nicht als Diener, sondern als Sohn. Er hat das Haus gebaut. Er ist Gott.

Mose machte sich eins mit dem Haus und war in dieser Stellung in allen Dingen treu. Christus aber ist ausgezeichneter als Mose, so wie der Erbauer eines Hauses ausgezeichneter ist als das Haus. Aber Der, der alles gebaut hat, ist Gott, und dies hat Christus getan. Denn tatsächlich war das Haus, d. i. die Stiftshütte in der Wüste, ein Bild des Weltalls, und Christus ging durch die Himmel, wie der Hohepriester durch den Vorhof und das Heilige ging, um in das Allerheiligste einzutreten. Die Stiftshütte mit allem, was sie enthielt, wurde mit Blut gereinigt, so wie Gott alle Dinge in den Himmeln und auf der Erde durch Christus versöhnen wird. In gewissem Sinn ist das Weltall das Haus Gottes. Es gefällt ihm, darin zu wohnen. Christus erschuf alles. Aber es gibt ein Haus, das im eigentlichen Sinne sein Haus ist. Wir sind sein Haus, indem als gewiss vorausgesetzt wird, dass wir bis ans Ende ausharren (V. 6).

Die hebräischen Christen, angezogen durch ihre früheren Gewohnheiten, durch ein Gesetz und Zeremonien, die Gott selbst eingeführt hatte, standen in Gefahr, ein Christentum, in dem Christus nicht sichtbar war, für sichtbare und greifbare Dinge aufzugeben. Der Christus der Christen, weit entfernt, für das Volk eine Krone der Herrlichkeit zu sein, war nur ein Gegenstand des Glaubens, so dass, wenn der Glaube fehlte, Er für sie aller Bedeutung beraubt war. Eine Religion, die eine sichtbare Herrlichkeit besaß (der „alte Wein“), zog naturgemäß diejenigen an, die daran gewöhnt waren. Aber Christus war tatsächlich viel ausgezeichneter als Mose, so wie der Erbauer des Hauses größere Ehre hatte als das Haus. Dieses Haus nun war das Bild aller Dinge; und Der, welcher sie gemacht hatte, war Gott. Unsere Stelle zeigt uns Christus und das Haus von diesem Gesichtspunkt aus und sagt zugleich, dass wir dieses Haus sind. Und Christus ist hier nicht Diener, sondern Er ist Sohn über sein Haus.

Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir in diesem Brief nicht die Versammlung als Leib Christi, vereinigt mit Ihm, finden, noch selbst den Vater, es sei denn vergleichsweise in Kapitel 12. Es werden uns Gott, ein himmlischer Christus (welcher der Sohn Gottes ist) und ein Volk vorgestellt, ferner der Messias als ein himmlischer Mittler zwischen dem Volk und Gott. Deshalb sucht man die eigentlichen Vorrechte der Versammlung in diesem Brief vergeblich. Diese Vorrechte entspringen aus unserer Vereinigung mit Christus. Hier aber ist Christus eine Person für sich, die zwischen uns und Gott steht. Er ist droben, während wir hienieden sind.

Es gibt hier noch einige Bemerkungen hinzuzufügen, die diesen Punkt noch näher erläutern und dem Leser behilflich sein werden, die beiden ersten Kapitel sowie den Grundsatz der Unterweisungen des ganzen Briefes zu verstehen.

In Kapitel 1 vollbringt Christus durch Sich selbst (als einen Teil seiner göttlichen Herrlichkeit) die Reinigung der Sünden und setzt sich zur Rechten Gottes. Beachten wir, dass dieses Werk durch Ihn selbst vollbracht worden ist. Wir haben nichts damit zu tun, als nur daran zu glauben und uns seiner zu erfreuen. Es ist ein göttliches Werk, das diese göttliche Person durch Sich selbst getan hat, so dass es die ganze, unbedingte Vollkommenheit, die ganze Kraft eines durch Ihn vollbrachten Werkes besitzt, ohne irgendwelche Beimischung unserer Schwachheit, unserer Anstrengungen oder unserer Erfahrungen. Der Sohn hat alles durch sich selbst verrichtet, und es ist vollendet. Danach hat Er seinen Platz auf dem Thron in der Höhe eingenommen. Niemand setzte Ihn dorthin, Er selbst hat sich dahin gesetzt.

In Kapitel 2 begegnen wir einem anderen Punkt, der diesen Brief kennzeichnet, nämlich dem gegenwärtigen Zustand des verherrlichten Menschen. Er ist mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, doch ist Er dies im Blick auf eine Ordnung der Dinge, die noch nicht erfüllt ist. Es ist die Person des Menschen Christus, die uns vorgestellt wird, nicht die Versammlung in Vereinigung mit Ihm, selbst dann nicht, wenn Er verherrlicht in den Himmeln geschaut wird. Diese Herrlichkeit wird als eine teilweise Erfüllung dessen betrachtet, was Ihm nach den Ratschlüssen Gottes als Sohn des Menschen gehört. Später wird diese Herrlichkeit durch die Unterwerfung aller Dinge in allen ihren Teilen vollendet werden.

Die gegenwärtige Herrlichkeit Christi gestattet uns deshalb einen Vorausblick auf eine noch zukünftige Ordnung der Dinge, die völlige Ruhe, völlige Segnung bedeuten wird. Mit einem Wort, der Brief stellt uns, außer der Vollkommenheit des Werkes Christi, die ganze Reihenfolge der Dinge vor, die mit der Person des Sohnes des Menschen verbunden sind, nicht aber die Vollkommenheit der Versammlung in Ihm. Und dies umfasst die gegenwärtige Zeit, die für den Gläubigen dadurch ihr besonderes Gepräge erhält, dass Christus jetzt im Himmel verherrlicht ist, während Er auf einen zukünftigen Zustand wartet, in dem alle Dinge Ihm unterworfen sein werden. In diesem zweiten Kapitel sehen wir auch, dass Er gekrönt ist. Indes ist die Darstellung folgende: der Herr thront nicht droben nach seinem eigenen ursprünglichen Recht, obschon Er diese Herrlichkeit hatte, ehe die Welt war, sondern Gott hat Ihn gekrönt, nachdem Er ein wenig unter die Engel erniedrigt war. Wir sehen auch klar, dass Christus, obwohl es sich hier besonders um die gläubigen Hebräer handelt und selbst alle Christen unter dem Titel des Samens Abrahams auf der Erde mit eingereiht sind, Dessen ungeachtet nicht als Sohn Davids, sondern als Sohn des Menschen betrachtet wird, und es wird die Frage erhoben: „Was ist der Mensch?“ Die Antwort, die köstliche Antwort für uns ist: Christus ist verherrlicht, Er, der einst wegen des Zustandes des Menschen tot war. In Ihm sehen wir Gottes Gedanken betreffs des Menschen.

Die Tatsache, dass die Christen selbst als der Same Abrahams hingestellt werden, zeigt klar, in welcher Weise sie in diesem Brief betrachtet werden: nämlich als solche, die ein Glied in der Kette der Erben der Verheißung auf der Erde bilden (wie in Röm 11), nicht aber als die Versammlung in ihrer Vereinigung mit Christus im Himmel. Das Werk ist vollkommen. Es ist das Werk Gottes. Er hat durch Sich selbst die Reinigung der Sünden gemacht. Das völlige Ergebnis der Ratschlüsse Gottes hinsichtlich des Sohnes des Menschen ist noch nicht gekommen. Der irdische Teil derselben kann deshalb ebenso gut als eine vorhergesehene Sache eingeführt werden wie der himmlische, obwohl diejenigen, an welche der Brief gerichtet ist, an der himmlischen Herrlichkeit Anteil hatten und der himmlischen Berufung, in Verbindung mit der gegenwärtigen Stellung des Sohnes des Menschen, teilhaftig waren.

Der Überrest der Juden wird, wie, bereits gesagt, als Fortsetzung der Kette des auf der Erde gesegneten Volkes betrachtet, was für himmlische Vorrechte sie auch besitzen mögen, oder was ihr besonderer Zustand in Verbindung mit der Erhöhung des Messias zum Himmel auch sein mag. Wir sind in den guten Ölbaum eingepfropft worden, so dass wir an all den Vorrechten teilhaben, von denen hier geredet wird. Unsere höchste Stellung und die damit verbundenen Vorrechte kommen hier nicht in Betracht. An Hebräer schreibend, ja, als einer von ihnen, wendet sich der Apostel dementsprechend an sie d. h. an Christen und gläubige Israeliten. Daher die Bedeutung des Wortes „uns“ in unserem Brief. Wir müssen uns stets vergegenwärtigen, dass die hebräischen Gläubigen dieses „uns“ bilden. Zu ihnen gehört auch der Schreiber. Wir können uns, wie ich schon gesagt habe, grundsätzlich die Mitteilungen des Apostels mit gutem Recht zueignen, aber um ihren Sinn klar zu verstehen, müssen wir den Gegenstand vom dem Standpunkt aus betrachten, den der Geist Gottes einnimmt.

Keiner sollte sein Herz verhärten! (V. 8). Diese Ermahnung richtet sich sonderlich an Israel, und zwar bis zu dem Tag, an dem Christus erscheinen wird. Indem der Schreiber hiervon redet, geht er auf das Wort zurück, das ehemals an Israel gerichtet worden war, doch jetzt nicht, um sie vor der Gefahr zu warnen, der sie sich durch dessen Vernachlässigung aussetzen würden, sondern um ihnen die Folgen des Abfalls von dem zu zeigen, was sie als wahr anerkannt hatten. Israel, aus Ägypten befreit, hatte Gott in der Wüste gereizt (das gleiche geschah jetzt seitens der Christen in der Welt) weil es sich nicht sogleich und ohne Schwierigkeiten in Kanaan eingeführt sah. Die gläubigen Hebräer waren in Gefahr, auf dieselbe Weise von dem lebendigen Gott abzufallen, d. h. die Gefahr war da, lag vor ihren Augen. Sie sollten lieber einander ermuntern, solange es noch „heute“ hieß, damit sie nicht durch den Betrug der Sünde verhärtet werden möchten. Das Wort „heute“ ist der Ausdruck der geduldigen Tätigkeit der Gnade Gottes Israel gegenüber, sogar bis ans Ende hin. Das Volk war ungläubig. Sie verhärteten ihre Herzen. Sie haben das getan, und ach! sie werden es tun bis ans Ende, bis das Gericht kommt in der Person des Messias-HERRN, den sie verschmäht haben. Aber bis dahin wiederholt die Liebe Gottes immer wieder: „Heute, wenn ihr meine Stimme hört.“ Es mag sein, dass nur wenige hören werden, ja, es mag sein, dass das Volk in gerichtlicher Weise verhärtet wird, um die Nationen zuzulassen, aber das Wort „heute“ ertönt nach wie vor für einen jeden unter ihnen, der Ohren hat zu hören, bis der Herr zum Gericht erscheinen wird. Es richtet sich an das Volk gemäß der Langmut Gottes. Für den Überrest, der geglaubt hatte, war es eine besondere Warnung, nicht in den Wegen des verhärteten Volkes zu wandeln, das sich weigerte zu hören – sich nicht zu ihnen zurückzuwenden, indem sie ihr Vertrauen auf das Wort, durch das sie berufen waren, aufgaben, wie Israel in der Wüste es getan hatte.

Solange das „Heute“ des Rufes der Gnade fortdauern würde, sollten sie einander ermahnen, damit nicht durch Betrug der Sünde der Unglaube sich in ihre Herzen einschleichen möchte, denn das wäre ein Abfallen von dem lebendigen Gott gewesen. Wir reden hier in praktischem Sinn, nicht im Blick auf die Treue Gottes, der sicher nicht zugeben wird, dass eines der Seinigen verloren geht. Wir sprechen von der wirklich vorhandenen Gefahr und von dem, was uns (wenn es sich um unsere Verantwortlichkeit handelt) von Gott abziehen, ja, für immer abziehen würde, wenn Gott nicht ins Mittel träte und in dem Leben wirkte, das Er uns gegeben hat und das nimmer zugrunde gehen kann.

Die Sünde trennt uns von Gott in unseren Gedanken. Wenn wir gesündigt haben, so haben wir auch nicht mehr dasselbe Gefühl von seiner Liebe und Macht oder von seinem Interesse an uns. Das Vertrauen ist verloren. Die Hoffnung schwindet, und der Wert der unsichtbaren Dinge nimmt ab, während der Wert der sichtbaren Dinge in demselben Verhältnis zunimmt. Man hat ein schlechtes Gewissen. Man fühlt sich nicht glücklich vor Gott. Der Weg ist hart und schwierig. Der Wille lehnt sich auf gegen Gott. Man lebt nicht mehr durch Glauben. Die sichtbaren Dinge treten zwischen uns und Gott und nehmen das Herz gefangen. Wo Leben vorhanden ist, da warnt Gott durch seinen Geist (wie in diesem Brief). Er züchtigt und stellt wieder her. Wo nur ein äußerlicher Einfluss in der Seele vorhanden war, ein Glaube ohne Leben, wo das Gewissen nicht erreicht war, da wird dieser Glaube aufgegeben.

Die Warnung vor dieser Gefahr bringt die wirklich Lebenden zum Nachdenken und Stillstehen. Die Toten aber, d. h. diejenigen, deren Gewissen nicht erreicht sind, die nicht sagen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ – verachten die Warnung und gehen verloren. So war es mit Israel in der Wüste, und Gott schwur ihnen, dass sie nicht in seine Ruhe eingehen sollten (4. Mo 14,21–23). Und warum? Sie hatten ihr Vertrauen auf Ihn aufgegeben. Als die Schönheit und Vortrefflichkeit des Landes ihnen berichtet wurde, beraubte ihr Unglaube sie der verheißenen Ruhe.

Die Stellung der Gläubigen, an die unser Brief gerichtet ist, war, obwohl in Verbindung mit besseren Verheißungen, dieselbe. Die Schönheit und Vortrefflichkeit des himmlischen Kanaan war ihnen verkündigt worden. Sie hatten durch den Geist seine Frucht gesehen und geschmeckt. Sie waren noch in der Wüste. Sie hatten auszuharren, ihr Vertrauen zu bewahren bis ans Ende. Beachten wir hier – denn Satan und unser eigenes Gewissen, wenn es nicht befreit ist, machen oft einen verkehrten Gebrauch von diesem Brief – dass zweifelnde Christen oder Personen, die noch kein völliges Vertrauen auf Gott erlangt haben, hier nicht in Betracht kommen. Auf Leute, die in diesem Zustand sind, finden die Ermahnungen und Warnungen dieses Briefes keine Anwendung. Sie bezwecken vielmehr, den Christen in einem Vertrauen, das er hat, zu bewahren ihn zum Ausharren zu ermuntern, nicht aber Befürchtungen und Zweifel zu beschwichtigen. Die Benutzung des Briefes, um solche Zweifel gut zu heißen, ist nur eine List des Feindes. Doch möchte ich hier noch folgendes hinzufügen: Obwohl die völlige Erkenntnis der Gnade (die in einem solchen Fall die Seele sicher noch nicht besitzt) das einzige ist, was sie befreien und von ihrer Furcht erlösen kann, ist es zugleich doch auch sehr wichtig, praktisch ein gutes Gewissen zu bewahren, um nicht dem Feind ein besonderes Angriffsmittel in die Hand zu geben.

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