Einführung in das Studium des Buches Josua

6. Die vorbildliche (typologische) Bedeutung

Es ist völlig klar, dass die Ereignisse im Alten Testament nicht nur eine historische und prophetische Bedeutung haben, sondern dass sie vor allem zu unserer Unterweisung heute geschrieben sind. In Galater 4,24 ist von den beiden Frauen Abrahams (Sara und Hagar) die Rede und Paulus sagt ausdrücklich, dass das einen „bildlichen Sinn“ hat. Den Römern schreibt er, dass alles, was im Alten Testament steht, zu unserer Belehrung geschrieben ist (Röm 15,4). Aus den vielen Ereignissen werden sehr gezielt einige ausgewählt, die für uns wichtig sind und unserer Belehrung dienen (1. Kor 10,6.11). Timotheus wird daran erinnert, dass das ganze Alte Testament für uns nützlich ist – und zwar „zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“. Das Ziel Gottes ist, dass wir geistlich erwachsen und zu jedem guten Werk völlig geschickt sind (2. Tim 3,16.17).

Das Buch Josua ist – ähnlich wie das zweite Buch Mose – sehr reich an vorbildlicher Belehrung. In diesem Sinn schließt das Buch Josua direkt an die Geschehnisse im zweiten Buch Mose an. Der Durchzug durch das Rote Meer und durch den Jordan bilden nämlich – in ihrer Bedeutung für uns – eine untrennbare Einheit (vgl. Ps 114,3.5, wo beide Ereignisse unmittelbar miteinander verbunden sind).1 Sie sprechen vom Tod und von der Auferstehung2. In dieser typologischen Bedeutung liegt der eigentliche Wert des Buches Josua für uns heute. Dabei geht es im Alten Testament in der Regel nicht so sehr um die eigentliche Stellung des Christen (also wie Gott uns in Christus sieht), sondern es geht im Schwerpunkt darum, wie wir diese Stellung in unserem Leben praktisch verwirklichen.

Besehen wir die Details:

  • Im zweiten Buch Mose sehen wir das Volk Israel unter der Knechtschaft Ägyptens und des Pharaos. Doch Gott befreit sein Volk durch Blut (Passah) und durch Macht (Rotes Meer). Das neutestamentliche Gegenstück dazu ist der Römerbrief. Diese Rettung aus Ägypten war kein Selbstzweck, sondern Gott hatte den Plan, sie in ihr Land zu bringen. Das erfüllt sich im Buch Josua. Dort überquert Israel den Jordan, kommt in das von Gott versprochene Land und nimmt es ein. Das Rote Meer hat es also primär mit einem Auszug zu tun (aus Ägypten), während der Jordan es primär mit einem Einzug zu tun hat (in das Land).
    Darin erkennen wir sehr deutlich, wie Gott mit uns gehandelt hat. Ägypten spricht davon, dass Satan ein System aufgerichtet hat, in dem er der Fürst und Gott ist (Joh 16,11; 2. Kor 4,4). Jeder Mensch steht unter der Herrschaft des Teufels und der Sünde. Dieses System hält jeden Menschen gefangen und führt ihn in den ewigen Tod, wenn er nicht daraus befreit wird (Gal 1,4). Diese Befreiung kann nur von Gott kommen. Israel stand erstens unter dem gerechten Urteil Gottes (sie waren nicht besser als die Ägypter) und zweitens waren sie Sklaven. So steht jeder Mensch von Natur aus erstens unter dem Gerichtsurteil Gottes und zweitens in der Sklaverei des Teufels und der Sünde. Die Antwort kann nur von Gott kommen. Gott gab seinen Sohn, dessen Blut am Kreuz geflossen ist, damit wir nicht unter das gerechte Gericht Gottes kommen. Er ist der Stellvertreter, der für uns in den Tod gegangen ist (1. Kor 5,7b). Das Passah gibt uns die Sicherheit, dass unsere Sünden nicht mehr zwischen uns und Gott stehen und dass uns das Gericht nicht mehr trifft. Das Blut Christi reicht dazu völlig aus. Wir haben die Vergebung der Sünden durch sein Blut (Röm 3.25.26; 5,9). Das Gericht, das wir verdient hatten, hat Ihn getroffen. Jetzt werden alle, die seinen Tod für sich in Anspruch nehmen, von der ewigen Strafe Gottes befreit (vgl. Mk 10,45; 2. Kor 5,21).
    Mehr noch, der Tod des Herrn Jesus hat uns zugleich von der Macht des Todes und der Sünde – und damit von der Macht Satans – befreit (Heb 2,14). Wir sind nicht mehr der Knechtschaft unterworfen, sondern wir sind frei (Röm 6,15–23). Der Durchzug durch das Rote Meer nimmt jeden Zweifel weg, ob wir wirklich befreit und gerettet sind. Vergebung ist das eine, Heilssicherheit das andere. Der Durchzug durch das Rote Meer ist der Sieg über jeden Feind (die Sünde, der Tod, der Teufel), bringt uns aus dem Machtbereich der uns dominierenden Mächte und trennt uns von der Welt.
  • Doch Gott tut mehr als das. Die Kinder Israel durchqueren den Jordan und kommen in das Land. Das neutestamentliche Gegenstück dazu ist im Kolosser- und Epheserbrief zu finden. Der Kolosserbrief zeigt uns, dass Christus nicht nur für uns gestorben und wir mit Ihm gestorben sind (Rotes Meer), sondern dass wir ebenso mit Ihm lebendig gemacht und auferweckt worden sind (Kol 2,12.13; 3,1). Der Epheserbrief geht noch einen Schritt weiter und zeigt uns, dass wir erstens mit Christus lebendig gemacht worden sind, dass wir zweitens mit Ihm auferweckt worden sind und dass wir drittens in Christus Jesus jetzt mitsitzen in den himmlischen Örtern (Eph 2,5.6). Das ist unsere Stellung, in der Gott uns sieht.
    Genau das wird in dem Durchzug durch den Jordan bildlich gezeigt. Der Jordan ist – wie das Rote Meer – ein Bild vom Tod des Herrn Jesus, schließt aber seine Auferstehung mit ein. Der Durchzug durch den Jordan spricht deshalb nicht – wie manchmal gesagt wird – von dem leiblichen Tod des Menschen, sondern er spricht von unserer geistlichen Identifikation mit dem Tod und der Auferstehung des Herrn Jesus, wodurch wir jetzt in eine wunderbare Stellung „in Christus“ gebracht worden sind.
  • Die Kinder Israel ließen 12 Gedenksteine im Jordan zurück und 12 Gedenksteine nahmen sie aus dem Fluss, um sie als ein Denkmal aufzustellen (Jos 4,7). Die Steine im Jordan sprechen davon, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt ist (Röm 6,6) und dass wir ihn ausgezogen haben (Kol 3,9). Die Steine am Ufer des Jordan hingegen sprechen von dem neuen Menschen, mit dem wir jetzt bekleidet sind (Kol 3,10; Eph 4,24).
    Das Land Kanaan, in dem die Kinder Israel nach dem Durchzug durch den Jordan waren, spricht für uns von den himmlischen Örtern, in die wir jetzt – unserer Stellung nach – in Christus versetzt worden sind. Kanaan ist nicht – wie manchmal gesagt wird – ein Bild des Himmels, wo wir einmal dem Leib nach sein werden, wenn der Herr Jesus uns zu sich nimmt oder wenn Er zur Entrückung kommt. Aus mindestens zwei Gründen kann das nicht der Fall sein:
    a) Im Land waren Feinde und es gab Kampf. Der Eintritt in das Land erfolgte ohne Kampf. Doch im Land selbst ging der Kampf sofort los. Im Himmel wird es für uns keine Feinde und keinen Kampf mehr geben, sondern nur ewiges Glück und ewige Ruhe.
    b) Die Kinder Israel konnten durch die Feinde aus dem Land vertrieben werden. Es ist gänzlich unvorstellbar, dass irgendeine Macht uns aus unserer ewigen Bestimmung im Himmel vertreiben könnte.
    Nein, Kanaan ist kein Bild vom Himmel, sondern von den himmlischen Örtern, von denen wir insgesamt fünfmal im Epheserbrief lesen. Das ist der Bereich, in dem sich der verherrlichte Christus jetzt befindet. Gott hat Ihn zur seiner Rechten in den himmlischen Örtern gesetzt (Eph 1,20). Dort hat Er jetzt seine Stellung und in dieser Stellung sind wir mit Ihm verbunden. Das, was Ihm jetzt als verherrlichtem Menschen gehört, teilt Er mit uns. Wir sind mit Ihm gestorben, mit Ihm lebendig gemacht, mit Ihm auferweckt und in Ihm versetzt in die himmlischen Örter. Die Früchte des Landes sind für uns die geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern, die mit dem verherrlichten Sohn des Menschen verbunden sind. Die materiellen und irdischen Segnungen, die Gott seinem Volk damals gab, sprechen im Bild von den geistlichen und himmlischen Segnungen, mit denen Gott uns in Christus gesegnet hat (Eph 1,3)3.
  • So wie die Kinder Israel ihr Land tatsächlich in Besitz nehmen mussten, müssen wir unsere geistlichen Segnungen kennenlernen und uns daran erfreuen. Die Segnungen selbst sind uns durch Gnade geschenkt. Wir hatten keinen Anteil daran, diese Segnungen zu bekommen. Doch darum geht es im Buch Josua nicht primär. Es geht nicht so sehr darum, dass uns die Segnungen geschenkt sind, sondern dass wir sie tatsächlich kennen und genießen. Wir müssen im Glauben unseren Fuß darauf setzen (Jos 1,3) und sie tatsächlich zu unserem Besitz machen4. Gerade das bedeutet Kampf, denn wir müssen mit dem Widerstand des Feindes rechnen. Der Teufel kann uns die Segnungen selbst nicht wegnehmen. Doch er kann verhindern, dass wir sie wirklich kennen lernen und uns daran freuen. Er wird alles tun, um das zu erreichen. In den himmlischen Örtern gibt es bis heute „Fürstentümer“ und „Gewalten“, „Weltbeherrscher dieser Finsternis“ und „geistliche Mächte der Bosheit“ (Eph 6,12). Das sind Satan und seine Engel. Der Kampf selbst wird uns ausführlich in Epheser 6,10–20 beschrieben. Dort lernen wir auch die Kraft und die Waffen kennen, die uns in diesem Kampf erfolgreich machen. Der Kampf im Buch Josua findet sein neutestamentliches Gegenstück also in dem in Epheser 6 beschriebenen Kampf.
  • Bevor der Kampf jedoch begann, musste das Volk Israel in Gilgal beschnitten werden. Was für Israel eine Beschneidung „die im Fleisch mit Händen geschieht“ war (Eph 2,11), hat für uns eine geistliche Bedeutung. Paulus erklärt das in Kolosser 2,11–15. Für uns bedeutet die Beschneidung erstens, dass das Gericht über die Sünde (die alte Natur, das Fleisch) und über den alten Menschen (der Mensch, von der Sünde charakterisiert) ein für alle Mal an dem Herrn Jesus vollzogen wurde. Das wiederholt sich nicht. Zweitens erinnert die Beschneidung daran, dass wir für jede Sünde, die sich in unserem Leben als Christen zeigt, im Selbstgericht vor Gott sein müssen in der Erinnerung daran, dass Christus dafür leiden und sterben musste (Kol 3,5). Bildlich sehen wir das im Buch Josua darin, dass das Volk immer wieder nach Gilgal (den Ort der Beschneidung) zurückkehren musste.

Fußnoten

  • 1 Wenn es um den Ratschluss Gottes für Israel geht, ist die Reise durch die Wüste kein Bestandteil des Plans Gottes. Sie war nötig, damit das Volk ihren Gott und sich selbst kennen lernte. In dem Plan Gottes jedoch spielt sie keine Rolle (vgl. 2. Mose 6,6–8; 15,13).
  • 2 Es hilft uns, die Bildersprache des Alten Testaments besser zu verstehen, wenn wir daran denken, dass die Ereignisse, die für Israels nacheinander stattgefunden haben – also zuerst die Rettung aus Ägypten und dann 40 Jahre später der Einzug in das Land – aus Gottes Sicht bei uns zeitgleich bei der Bekehrung stattfinden. Dass wir die Wahrheit, die sich mit dem Roten Meer und dem Jordan verbindet, erst sukzessive verstehen, ist eine andere Sache.
  • 3 Im Gegensatz zu den Segnungen Israels sind unsere typisch christlichen Segnungen nicht materiell, sondern geistlich. Sie sind nicht irdisch, sondern himmlisch. Und vor allen Dingen sind sie in Christus. Es gibt keine einzige geistliche Segnung, die Gott uns nicht geschenkt hätte. Deshalb schreibt Paulus: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“ (Eph 1,3). Einige Beispiele für geistliche Segnungen sind die Kindschaft, die Sohnschaft, das ewige Leben und der Besitz des Heiligen Geistes.
  • 4 Im deutschen Rechtswesen macht man einen Unterschied zwischen dem „Eigentum“ und dem „Besitz“ einer Sache. Eigentümer ist jemand, dem eine Sache gehört. Besitzer ist jemand, der über eine Sache verfügt und Einfluss über sie hat. Es mag sein, dass ich ein wunderschönes Haus in einem fernen Land geerbt habe, dessen Eigentümer ich nun bin. Doch wenn ich das Haus nie in Besitz genommen habe, wenn ich nie dort gewesen bin, um das Haus zu nutzen, dann habe ich keinen praktischen Nutzen davon.
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