Einführender Vortrag zum 1. Timotheusbrief

Kapitel 4

Einführender Vortrag zum 1. Timotheusbrief

Doch was ist der Grund, warum diese Gedanken hier eingeführt sind? Anscheinend werden sie in einen Gegensatz gestellt zu den Spekulationen der Menschen, welche das Christentum mit gewissen Träumen einer eingebildeten Geistlichkeit höher als das Evangelium verweben wollen. Um welches Gedankengebäude handelt es sich da? - Sie bildeten sich ein, daß das Evangelium ein noch besseres Glaubenssystem sei, wenn die Bekehrten kein Fleisch essen, nicht heiraten und so weiter. Das war ihre Vorstellung davon, wie sie ein gewisses „höheres Leben“ einführen könnten, welches den Lehren der Apostel überlegen sei. Wie begegnet Paulus ihnen?  Er zeigt das „Geheimnis der Gottseligkeit“ (Frömmigkeit). Aber im Zusammenhang damit und unmittelbar danach stellt er die notwendigerweise grundlegende Wahrheit vor. Das ist der Punkt, der mich bei der augenblicklichen Besprechung des 1. Timotheusbriefes stark berührt hat.

Damit möchte ich sagen: Wir sehen eine Zusammenstellung der Offenbarung Gottes in Christus, sogar in den notwendigsten und erhabensten Zügen, mit den klarsten und einfachsten Wahrheiten Gottes bezüglich der Schöpfung. Andererseits finden wir, daß die Art und Weise, in welcher falsche Lehre gewöhnlich eindringt, dazu in einem Gegensatz steht. Menschen, welche die gewöhnlichsten Pflichten vernachlässigen, versagen in dieser Hinsicht. Sie halten sich für zu gut oder zu groß, um sich mit den Angelegenheiten daheim zu befassen, welche sich für einen Christen oder eine Christin geziemen. Möglicherweise verweben sie die Liebe Christi (wie wir annehmen möchten) mit einigen hochfliegenden Spekulationen. Dabei setzen sie beiseite, was sie mit dem sittlichen Anstand im tagtäglichen Leben verbindet. O, wie oft ist dieses der Fall! Wie könnten wir einen Namen nach dem anderen aufzählen, wenn es schicklich für uns wäre, so zu handeln! Jeder Irrtum neigt dazu, sich auf diese Weise zu zeigen. Ein Mensch, der vor allem die himmlischen und göttlichen Wahrheiten herausstellt, sollte in den einfachsten Pflichten des täglichen Lebens hingebungsvoll und gehorsam sein. Dieser Brief ist das Zeugnis dafür. In dem Augenblick, wenn wir als Regel gutheißen, die Familienbeziehungen gering zu schätzen, Pflichten beiseite zu setzen, diese persönlich zu vernachlässigen und sich sogar einer solchen Handlungsweise zu rühmen, als wäre Eifer für die Herrlichkeit des Herrn reine Gesetzlichkeit, wird das Gewissen verdorben. Wenn die gewöhnlichen Ansprüche der Pflicht eines jeden Tages aufgegeben werden, folgt unausweichlich ein Schiffbruch des Glaubens. Zuerst stoßen diese Menschen ein gutes Gewissen von sich; und danach wird der Glaube zunichte.

So bringt der Apostel den Leser in unmittelbare Verbindung zum Geheimnis der Frömmigkeit oder, wie es ausdrücklich genannt wird, zum „Geheimnis der Gottseligkeit“. Die herrliche Person Christi wird auf ihrem Weg begleitet von ihrer Offenbarung im Fleisch oder der Inkarnation an bis zu dem Zeitpunkt, da Christus „aufgenommen in Herrlichkeit“  gesehen wird. Das Werk Gottes schreitet in der Kirche vorwärts, indem sie auf diese Wahrheit gegründet ist. Im Gegensatz dazu geht das 4. Kapitel weiter mit dem Gedanken: „Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche von dem Glauben abfallen werden, indem sie achten auf betrügerische Geister und Lehren von Dämonen, die in Heuchelei Lügen reden und betreffs des eigenen Gewissens wie mit einem Brenneisen gehärtet sind, verbieten zu heiraten, und gebieten, sich von Speisen zu enthalten, welche Gott geschaffen hat zur Annehmung mit Danksagung für die, welche glauben und die Wahrheit erkennen.“ (V. 1-3). ... 1 Danach fährt Paulus fort: „Denn jedes Geschöpf Gottes ist gut ...“ (V. 4). Wir könnten kaum zu einem niedrigeren Gegenstand hinabsteigen.

Aber diese luftigen Theoretiker hatten Gott völlig vergessen. Sie verleugneten den einfachen, selbstverständlichen Grundsatz, daß alles von Gott Erschaffene gut ist. So erkennen wir auch, wie sie die Grundlage des Familienlebens und des gesellschaftlichen Systems - die Ehe - herabsetzen. Der Verzicht auf Heirat aus Hingabe an das Werk Gottes mag richtig und sehr gesegnet sein. Hier geht es indessen um den Vorwand einer erhabeneren Heiligkeit. Als Grundsatz und in der Praxis sollen Christen gedrängt werden, überhaupt nicht zu heiraten. Aber in dem Moment, wenn dieser Boden eingenommen wird, verteidigt derselbe Apostel, welcher uns mitteilt, was er für das Beste hält (nämlich frei zu sein von irgendwelchen Bindungen, um einzig für den Herrn besorgt zu sein; 1. Kor 7), entschlossen die Heiligkeit der Ehe und tadelt den Schlag, der gegen die Schöpfung Gottes geführt wird. Das war wirklich eine Geringschätzung Seiner nach außen wirkenden Liebe und Seiner Vorkehrungen in der Vorsehung. Überall droht Gefahr, wo praktisch Gottes Rechte beiseite gesetzt werden - egal, unter welchem Vorwand. Die orientalische Philosophie, welche auf einige der alten griechischen Denker abgefärbt hatte, regte diesen geistlichen Überflug der Menschen an. Wie üblich führt Paulus Gott ein; und der Traum löst sich auf. In dem Augenblick, wenn jemand irgend etwas gebraucht, um die klaren Pflichten des Tages beiseite zu setzen, erweist er sich als ein Mensch, der den Glauben verliert, ein gutes Gewissen verläßt und als Opfer in die Schlingen Satans geraten ist. Und was wird das Ende sein?

Der Apostel erteilt danach Timotheus persönliche Ratschläge von sehr heilsamem Charakter. So wie er wünscht, daß niemand seine Jugend verachten möchte, verpflichtet er ihn, für die Gläubigen ein Vorbild zu sein in Wort, in Wandel, in Liebe, in Glauben und in Reinheit. Er sollte sich dem Vorlesen, dem Ermahnen und dem Lehren widmen und die Gabe, welche ihm „durch Weissagung mit Hände-Auflegen der Ältestenschaft“ mitgeteilt worden ist, nicht vernachlässigen. Nichts ist einfacher, nichts lehrreicher. Wir mögen denken, daß ein Mann, welcher so besonders begabt worden ist wie Timotheus, nicht zu einer solchen Beschäftigung aufgefordert werden müsse und daß er sich von selbst so vollkommen in diesen Segnungen aufhalten würde, daß seine Fortschritte allen offenbar würden. Doch keinesfalls! Gnade und Gabe bewirken eine entsprechende Verantwortlichkeit, anstatt davon zu befreien. Timotheus mußte auf sich genauso aufpassen wie auf das Lehren. Er mußte darin verharren und sollte nicht statt dessen nach einem guten Anfang darin müde werden. Halte fest, daß jene, die auszuteilen suchen, besser darauf achten sollten einzunehmen, damit beide, sowohl der Arbeiter als auch diejenigen, unter denen gearbeitet wird, ständig in der Wahrheit wachsen! Indem er so handelte, würde Timotheus sowohl sich als auch seine Hörer erretten.

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: Der Satz – „Hier sind einige notwendige Änderungen vorgenommen worden, um das, was meiner Meinung nach die Aussage dieser Verse ist, wiederzugeben.“ (W. K.) – ist als für uns im Deutschen nicht von Bedeutung weggelassen.
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