Gedanken zum Buch Ruth

Kapitel 4

Der unfähige Löser

„Und Boas ging zum Tor hinauf und setzte sich dort. Und siehe, der Blutsverwandte ging vorüber, von dem Boas geredet hatte. Da sprach er: Komm her, setze dich hierher, du, der und der. Und er kam herzu und setzte sich. Und er nahm zehn Männer von den Ältesten der Stadt und sprach: Setzt euch hierher; und sie setzten sich. Und er sprach zu dem Blutsverwandten: Noomi, die aus den Gebieten von Moab zurückgekehrt ist, verkauft das Feldstück, das unserem Bruder Elimelech gehörte; so habe ich nun gedacht, ich wolle es deinem Ohr eröffnen und dir sagen: Kaufe es vor den Einwohnern und vor den Ältesten meines Volkes. Wenn du lösen willst, löse, und wenn du nicht lösen willst, so teile es mir mit, dass ich es wisse; denn da ist niemand außer dir zum Lösen, und ich komme nach dir. Und er sprach: Ich will lösen. Da sprach Boas: An dem Tag, da du das Feld aus der Hand Noomis kaufst, hast du es auch von Ruth, der Moabiterin, der Frau des Verstorbenen, gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken. Da sprach der Blutsverwandte: Ich kann nicht für mich lösen, dass ich mein Erbteil nicht verderbe. Löse du für dich, was ich lösen sollte, denn ich kann nicht lösen.

Dies aber geschah früher in Israel bei einer Lösung und bei einem Tausch, um jede Sache zu bestätigen: Der eine zog seinen Schuh aus und gab ihn dem anderen; und das war die Art der Bezeugung in Israel. Und der Blutsverwandte sprach zu Boas: Kaufe für dich! Und er zog seinen Schuh aus. Da sprach Boas zu den Ältesten und zu allem Volk: Ihr seid heute Zeugen, dass ich aus der Hand Noomis alles gekauft habe, was Elimelech, und alles, was Kiljon und Machlon gehörte; und auch Ruth, die Moabiterin, die Frau Machlons, habe ich mir zur Frau gekauft, um den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbteil zu erwecken, damit nicht der Name des Verstorbenen ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seines Ortes. Ihr seid heute Zeugen! Und alles Volk, das im Tor war, und die Ältesten sprachen: Wir sind Zeugen! Der HERR mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rahel und wie Lea, die beide das Haus Israel erbaut haben; und werde mächtig in Ephrata und stifte einen Namen in Bethlehem! Und von den Nachkommen, die der HERR dir von dieser jungen Frau geben wird, werde dein Haus wie das Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat!“ (Ruth 4,1–12).

Boas geht schnell und voller Energie zum „Tor“ hinauf. Dies war der Ort der Regierung, an dem alle Angelegenheiten geregelt und alle Eigentumsübertragungen vorgenommen wurden. Das kommt den heutigen Ämtern und Gerichten gleich, wo die Rechtsgeschäfte der Bevölkerung abgewickelt werden.

In der Angelegenheit, mit der Boas sich beschäftigte, sollte nichts verborgen „in einer Ecke“ geschehen: alles sollte die volle Zustimmung der Betroffenen haben und im Licht des Tages von denen bezeugt werden, die gerichtlich befugt waren, ihre Zustimmung zu geben.

Die erste Person, die auftaucht, ist ein Blutsverwandter. Sein Anspruch muss zuerst erfüllt werden oder dessen Recht auf Lösung zuerst beiseite gelegt werden, bevor Boas als Erlöser eingreifen kann. Es ist bezeichnend, dass der Name dieses Verwandten nicht genannt wird. Er ist der nächste Verwandte von Elimelech und der natürliche Erlöser seines Erbes, aber wir wissen sonst nicht, wer er ist. Und das ist sehr bemerkenswert, insbesondere wenn wir die geistliche Bedeutung betrachten werden.

Wer ist diese namenlose Person, die den ersten Anspruch auf Israel hat und das Recht, das Erbe einzulösen? Wer oder was ist „am nächsten verwandt“ mit Israel nach dem Fleisch? Wir haben im Galaterbrief einen Hinweis auf eine ehelichen Beziehung, die aber dem entgegensteht, was Boas und Ruth darstellen. Die beiden Söhne Abrahams, Ismael und Isaak, waren Kinder von Hagar, der Leibeigenen, bzw. von Sara. Es wird uns gesagt, dass das eine prophetische Bedeutung hat:

„Was einen bildlichen Sinn hat; denn diese sind zwei Bündnisse: eins vom Berg Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, welches Hagar ist. Denn Hagar ist der Berg Sinai in Arabien, entspricht aber dem jetzigen Jerusalem, denn sie ist mit ihren Kindern in Knechtschaft“ (Gal 4,24.25).

Daraus scheint klar zu werden, dass, mit leicht veränderten Bedingungen, der nächste Verwandte dieser „gesetzliche Bund“ ist. So wie Hagar zuerst ein Kind vor Sara zur Welt brachte – „zuerst das Natürliche, danach das Geistliche“ –, so war das Gesetz die erste Grundlage, auf der Israel versuchte, Gott Frucht zu bringen.

Das zeigt sich deutlich in der Geschichte dieses Volkers. Sie sind nie national und bewusst in Gottes Gedanken der souveränen Gnade eingetreten. Sie erkannten nicht, dass Er sie aufgenommen hatte, um die Verheißung zu erfüllen, die Abraham gegeben wurde – die Verheißung, die in reinster Gnade gegeben wurde. Einen schwachen Eindruck mögen sie davon gehabt haben, aber als sie durch das Rote Meer gezogen waren und nichts als Gnade und Barmherzigkeit durch die Hände Gottes erfahren hatten, waren sie am Sinai bereit, einen Bund des Gesetzes zu schließen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie dieser die Barmherzigkeit und Gnade Gottes beiseite schob.

Allerdings haben sie nie die Bitterkeit eines rein gesetzlichen Bundes gekostet, denn Mose zerbrach die ersten Steintafeln, bevor er ins Lager kam, nach der Gesetzgebung und der Abgötterei des goldenen Kalbes. Es war in der Tat eine Gnade, dass er das tat. Das Urteil über dieses schuldige Volk wäre härter ausgefallen, wenn Gott mit ihnen auf dieser Grundlage verfahren wäre. Das bezeugt der HERR Mose gegenüber:

„Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt – aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen –, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und an der vierten Generation“ (2. Mo 34,6.7).

Hier mischt sich Barmherzigkeit mit einer abschließenden Andeutung des Gerichts über die Schuldigen, die die Grundlage für den weiteren Umgang mit dem Volk bildete.

Auf der Grundlage dieses Bundes zogen sie durch die Wüste, betraten das Land und ließen sich dort auf der Basis des Gehorsams gegenüber dem Herrn nieder. Es wurden Vorkehrungen für das Versagen getroffen, durch Opfer. Und doch versagten alle Vorkehrungen gerade dort, wo es am nötigsten war. Es gab kein Opfer für anmaßende Sünden, nur für die der Unwissenheit. Deshalb konnte es keinen Frieden für die Schuldigsten geben, und König David musste sich in seinem Gebet mit gebrochenem Herzen (Ps 51,19) von der Opferbestimmung des Gesetzes zu einer Barmherzigkeit wenden, an der er trotz des Gesetzes festhielt.

Unter diesem Bund spaltete sich das Volk, vermischte sich mit den Heiden und wurde schließlich in die Gefangenschaft geführt. Mit diesem Gedanken beschäftigt sich ein großer Teil von Hesekiel 20, wo der Herr auf Israels Missachtung seines Bundes eingeht, auf ihr Versagen, seine Sabbate zu heiligen, die das Zeichen des Bundes waren, oder in Seinen Satzungen zu wandeln. Als Daniel sein Sündenbekenntnis für sich und das Volk ablegte (Dan 9), geschah dies im Licht dieses ersten Bundes. So war es auch bei Nehemia nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft (Neh 9,29). Im letzten Kapitel des Alten Testaments (Mal 3,23) wurde das Volk ermahnt, das Gesetzes Seines Knechtes Mose zu gedenken, das Er ihm am Horeb für ganz Israel geboten habe.

So gab es während ihrer gesamten Geschichte eine eindeutige Bundesbeziehung, die von Gott und dem Volk anerkannt wurde. Es gab eine Vorschrift zur Vergebung und Wiederherstellung, die oft auf die rührendste Weise gemacht wurde:

„Kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, wie Schnee sollen sie weiß werden; wenn sie rot sind wie Karmesin, wie Wolle sollen sie werden. Wenn ihr willig seid und hört, so sollt ihr das Gute des Landes essen“ (Jes 1,18–19).

„Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Mann des Frevels seine Gedanken; und er kehre um zu dem HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserem Gott, denn er ist reich an Vergebung“ (Jes 55,7).

„Wenn aber der Gottlose umkehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und alle meine Satzungen hält und Recht und Gerechtigkeit übt, so soll er gewiss leben, er soll nicht sterben. Aller seiner Übertretungen, die er begangen hat, soll ihm nicht gedacht werden; wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, soll er leben“ (Hes 18,21–22).

Diese und viele andere Schriftstellen zeigen die enge Beziehung zwischen Israel und dem gesetzlichen Bund. Israel hat nie eine andere Beziehung zu Gott gehabt – außer der verborgenen Seite, dass die auserwählenden Gnade und Verheißung von Ihm aus wirksam war. Wenn sich also der Überrest in der Endzeit in Reue zu Ihm wendet, wird dieser gesetzliche Bund sozusagen das erste Recht haben, seinen Anspruch auf Verwandtschaft geltend zu machen.

Kehren wir nun zu unserer Erzählung zurück, so finden wir Boas, die Gestalt des auferstandenen Herrn, der diesen Verwandten das Recht der Erlösung einfordert und anbietet. Wir haben bereits die Bestimmung des Gesetzes zur Auferweckung der Familie eines verstorbenen Verwandten bemerkt (5. Mo 25). Jetzt haben wir eine Anspielung auf ein anderes Gesetz ähnlichen Charakters, die Wiedergutmachung eines verwirkten Erbes. Das Gesetz findet sich ausführlich in 3. Mose 25. Kurz gesagt, erklärte es das göttliche Recht der „Enteignung“. Das Land gehörte Gott und konnte niemals endgültig von denen entfremdet werden, denen Seine Gnade es gegeben hatte. Alles sollte im Jubeljahr frei werden, oder konnte von einem nahen Verwandten gekauft werden (3. Mo 25,49}.

Das Land Israel gehört buchstäblich dem HERRN, Er hat es für Sein Volk vorgesehen. Trotz all ihrer Sünde und Torheit bleibt es – eine seltsame Tatsache in diesen Tagen des universellen Besitzes der Erde durch den Menschen – praktisch ein Land ohne Volk, als ob es auf seine rechtmäßigen Besitzer warten würde; und das ist zweifellos der Fall. Das Land selbst wird noch für Israel erlöst werden, und sie werden noch in den vollen Besitz dessen versetzt werden, was sie durch ihre Sünde und ihren Ungehorsam verwirkt haben. Aber wer wird es erlösen, und für wen wird es erlöst werden? Das sind die Fragen, die „im Tor“ zu klären sind.

Der nächste Verwandte erklärt sich sofort bereit, das Erbe für Noomi einzulösen. Das Gesetz, wie wir gesehen haben, hatte diese barmherzige Bestimmung, und wann immer jemand oder das Volk sich wahrhaftig Gott zuwandte und Sein Gesetz hielt, würde er „seinem Land und seinem Volk gnädig sein.“ Solange es von Noomis Hand war, dass der Kauf gemacht werden sollte, und für sie, willigt der Verwandte sofort ein, denn sie war die Witwe „des Bruders Elimelech.“ Solange es sich um Israel nach dem Fleisch handelt und nur ungehorsam ist, könnte das Gesetz mit der barmherzigen Bestimmung, auf die wir hingewiesen haben, eingreifen und das verwirkte Erbe zurückbringen.

Wir haben mehr oder weniger vollständige Illustrationen davon in der Geschichte des Volkes. Immer wieder, während der Zeit der Richter, sündigten sie gegen den HERRN und wurden in die Hände ihrer Feinde ausgeliefert, um unterdrückt zu werden. Aber als sie sich in Reue zu Ihm wandten, erweckte Er einen Erlöser, der Ihnen ihr Erbe zurückgab. Aber die Nation ging weiter auf dem Pfad des Niedergangs, bis die zehn Stämme in hoffnungslose Gefangenschaft verschleppt wurden und mit den heidnischen Nationen verschmolzen, von denen sie gefangen genommen wurden, jenseits aller menschlichen Anerkennung. Auch die beiden Stämme wurden nach Babylon verschleppt, und der Thron Gottes, die Bundeslade, verließ Jerusalem für immer. Wahrlich, ein helleres Licht leuchtete später im Tempel, aber es wurde vom Volk nicht angenommen. Davon werden wir gleich noch sprechen.

Auch nach der babylonischen Gefangenschaft gab es eine teilweise Erholung (obwohl der Thron vom Haus David auf die Heiden übergegangen war). Es war, als ob das Gesetz, der nächste Verwandte, so weit wie möglich gehen würde, um das Erbe aufzukaufen.

Aber endlich, nach der Wiederherstellung aus Babylon, sendet Gott Seinen Sohn, den rechtmäßigen Erben des Erbes. „Das ist der Erbe, kommt, lasst uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein“ (Mk 12,7). Wie sehr zeigt dies einen von Gott und Seinen Gedanken völlig entfremdeten Geist. Gottes Sohn, der wahre Erlöser, der einzige Befreier, wird erschlagen. Die verblendeten Führer schreien: „Wir haben keinen König, als nur den Kaiser“ (Joh 19,15). Damit verwirken sie absichtlich und dauerhaft jedes Recht, als Volk Gottes zu gelten. Sie haben sich absolut mit den Heiden identifiziert und befinden sich nun auf demselben Boden wie die verachteten Moabiter oder Ammoniter. Sie sind „Lo-Ammi“, „nicht mein Volk“, und sind so vollständig Heiden, als ob sie Abraham gar nicht zum Vater hätten.

Das Gesetz, selbst unter den barmherzigsten Zügen, konnte nicht mehr dazwischenkommen:

„Kein Bastard soll in die Versammlung des HERRN kommen; auch das zehnte Geschlecht von ihm soll nicht in die Versammlung des HERRN kommen“ (5. Mo 23,3).

Das abgefallene Volk hatte bewusst jeden Anspruch aufgegeben und war, soweit es das Gesetz betraf, abgeschnitten.

Das erklärt, warum der Verwandte, wie bereitwillig er auch sein mochte, das Erbe an Noomi zurückzugeben, es nicht nehmen konnte, um durch Ruth den Namen des verstorbenen Verwandten zu erheben. Sein eigenes Erbe würde dadurch beschmutzt werden. Wie wahrhaftig würde das Gesetz, „heilig, gerecht und gut“, entstellt werden, wenn auch nur das kleinste Quäntchen seiner gerechten Forderungen gemindert würde. Es bleibt in seiner ganzen Majestät und Vollkommenheit bestehen. Sie wird nicht ungültig, wie es der Fall wäre, wenn ein einziger Punkt ihrer Anforderungen ignoriert würde. Für das schuldige Volk, das sich auf dem Gesetz ausruht und sich eitel auf seine Vorrechte als Nation rühmt, gibt es also nichts als Verdammnis. Sie befinden sich an der Stelle des Moabiters.

Aber wenn das Gesetz in einem solchen Fall nichts tun kann und will, so kann und will es doch alle Ansprüche auf das Erbe aufgeben und diese Ansprüche auf einen anderen übertragen. Der Verwandte zieht seinen Schuh aus. Das war die übliche Vorgehensweise, wenn das Eigentum den Besitzer wechselte. Mit dem Schuh wurde das neue Land betreten. Es wurde also ausgezogen, um ihn an einen anderen weiterzugeben. Alle Ansprüche auf das Eigentum gehen von dem einen auf den anderen über. Wie gut ist es zu wissen, dass „das Gesetz unser Zuchtmeister war bis auf Christus“ (Gal 3,24). Das Gesetzt überträgt alle seine Ansprüche auf Ihn.

Aber beachten wir auch, dass dies vor einer Jury von zehn Männern geschieht. Sie waren Zeugen des Gesetzes und der Tatsachen. Diese zehn können uns gut an jene „zehn Worte“ oder Gebote erinnern, die volles Zeugnis von den Ansprüchen Gottes, dem Verderben des Menschen und ihrer eigenen Ohnmacht zur Erlösung ablegen. Alles ist gesetzlich geregelt. „Ich bin durch das Gesetz, dem Gesetz gestorben“ (Gal 2,19), sagt der Apostel Paulus. Das Gesetz selbst zeugt von seiner eigenen Unfähigkeit, erlösen zu können. „Damit ich Gott lebe“, fügt er hinzu – das Gesetz überträgt seine Ansprüche auf einen anderen. Alles ist rechtmäßig geregelt und „bezeugt durch das Gesetz und die Propheten“ (Röm 3,21). So „bestätigen wir das Gesetz“ (Röm 3,23).

Boas ist nun frei, nach seinen eigenen gnädigen Impulsen zu handeln, und in Anwesenheit derselben zehn, die die Weigerung des ersten Verwandten bezeugt hatten, das Erbe zu kaufen. Er kauft alles – das Erbe und auch Ruth, die Moabiterin, wie sie genannt wird, um uns an den Stellungswechsel in Gnade zu erinnern. Es ist jetzt seins, und sie ist seins, wahrhaftig sein Eigentum als seine Braut, und doch verbunden mit der armen Noomi, der Witwe des toten Elimelech.

Wie schön spricht dies alles von der Gnade Christi, die einem armen und unwürdigen Volk erwiesen wird! Christus ist auferstanden, über den Tod hinaus, über alle Ansprüche des Gesetzes hinaus, verlobt sich für immer mit sich selbst in Gerechtigkeit. Der arme Fremde und der Wanderer findet endlich Ruhe.

Das ist in gewissem Maße die Lehre dieses schönen Teils. Wir werden uns auch mit der weiteren Lehre der Propheten zu diesem Thema befassen. Aber es ist wichtig, das zu beseitigen, was das geliebte Volk Gottes allzu oft durch Unwissenheit oder falsche Anwendung des Wortes Gottes stört.

Diesem nächsten Verwandten, dem Gesetz, war es, wie wir gerade gesehen haben, absolut verwehrt, einen Nichtjuden in die Gemeinschaft mit sich selbst aufzunehmen. Und doch wollen die Christen angesichts dieser eindeutigen Tatsache darauf bestehen, alle Menschen als unter dem Gesetz stehend zu betrachten, und dann die Heiligen, die jetzt noch unter diesem Gesetz als Lebensregel stehen.

Was das erste betrifft, so zeigt der Apostel in den ersten Kapiteln des Römerbriefs den Unterschied zwischen denen ohne Gesetz – den Heiden – und denen unter Gesetz – den Juden. Das Gesetz war nur für Israel gegeben. Gott versuchte den Menschen unter den günstigsten Umständen. Ein Volk wurde aus der Knechtschaft gerettet, in das eigene Erbteil geführt und von den umliegenden Nationen abgegrenzt. Sie waren die Empfänger von Gottes Freigebigkeit, der Gegenstand Seiner ständigen Fürsorge. Was könnte Er noch mehr für ein Volk tun? Er fordert die ungehorsame Nation heraus und wartet vergeblich auf eine Antwort. So wurde das Gesetz unter den günstigsten Umständen erprobt und erwies sich als hilflos.

Damit war aber die Frage der Rechtfertigung durch das Gesetz für die ganze Menschheit praktisch erledigt; so steht geschrieben:

„Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihn gerechtfertigt werden, denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20). So wird aller Mund verstopft, und die ganze Welt wird dem Gericht Gottes anheim fallen“ (Röm 3,19). In der Prüfung Israels hat Gott die Welt geprüft und die Frage der Rechtfertigung durch das Gesetz für immer entschieden. Dieser Prozess muss niemals wiederholt werden, er ist endgültig und abschließend.

Aber wenn jemand sagt, er wolle unter das Gesetz gestellt werden, so ist er in Wirklichkeit nicht unter dem Gesetz, obwohl es in Wirklichkeit immer auf dieselbe Weise wirkt, und er wird finden – wenn er sich wirklich und ehrlich bemüht –, dass er vor Gott verdammt ist. Er wird lernen, dass Gottes Prüfung Israels vollkommen und vollständig war, und er hat die Ergebnisse dieser göttlichen Bewährung nur bestätigt.

Es ist jedoch viel von der Unterscheidung zwischen dem Gesetz zur Rechtfertigung und als Lebensregel gesprochen worden. Es ist unmöglich, diese beiden zu trennen – in der Tat trennt die Schrift sie nicht. Unter dem Gesetz zu stehen, bedeutet, in irgendeiner Weise unter dem Fluch zu stehen. Das Gesetz kann nur bei Ungehorsam einen Fluch aussprechen. Wenn also ein Heiliger unter dem Gesetz als Lebensregel steht, ist er „schuldig, das ganze Gesetz zu tun“, und wenn er in einem Punkt sündigt, ist er an allem schuldig und wird verurteilt (Gal 5,3; Jak 2,10). Der Sinai hat nur eine Stimme. Welch eine Torheit, eine Lebensregel von einem Ort zu erwarten, der nur Tod und Gericht für den geringsten Ungehorsam herausdonnert. „Denn wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig zu machen vermöchte, dann wäre wirklich die Gerechtigkeit aus Gesetz“ (Gal 3,21). Tatsächlich ist das Gesetz die Kraft der Sünde, und der Apostel zeigt in Römer 7, dass es genauso machtlos ist, in einem Heiligen Gerechtigkeit zu erzeugen wie in einem Sünder. Ich wünschte bei Gott, dass sein Volk dies erkennen würde. Wie viel vergebliche Mühe und verzweifelte Sehnsucht würde ihnen erspart bleiben!

Nein, wir sind in keiner Weise unter dem Gesetz, und in der Tat: wir waren es nie! Lasst uns also dieses vollkommene Zeugnis nicht trüben, das Gottes Gedanken für den Menschen vollkommen erklärt, aber ebenso vollkommen erklärt, dass er Gottes Gedanken nicht entsprochen hat. Wir lassen es mit seinem Zeugnis stehen und beugen unsere Häupter vor diesem Zeugnis, indem wir demütig anerkennen, dass, wenn wir auf diese Weise Leben oder Freiheit erlangen könnten, unser Fall so hoffnungslos wäre wie der der verwitweten Noomi oder der Moabiterin Ruth.

Unser auferstandene Herr dagegen ist frei, die Liebe seines Herzens in vollem Maß über uns auszugießen. Wir sind durch den Leib Christi dem Gesetz abgestorben, damit wir nun für Gott Frucht bringen, indem wir in Gliedern ewiger Verbundenheit mit einem anderen verbunden sind, nämlich mit dem, der von den Toten auferstanden ist (Röm 1,13; 6,21.22). So hat unser Herr seinen Weg, und das Gesetz selbst ist nur eine Bestätigung dafür, dass es jeden Anspruch auf die armen, hilflosen „Söhne der Fremden“ aufgibt, die ihre Heimat in der Nähe des Herzens des Allmächtigen finden.

Wie wir bereits gesehen haben, nimmt Boas Ruth in Gegenwart des Verwandten und der Zeugen zur Frau. Nichts wird im Verborgenen getan, keine gerechte Forderung wird übergangen, kein notwendiger Anspruch beiseite geschoben. Das gleiche Gesetz, das gegen die abgefallene Nation zeugte, wird auch die Gerechtigkeit dessen bezeugen, der den reuigen und gläubigen Überrest auf der Grundlage der Gnade wieder zu sich bringt. Die Propheten legen davon reichlich Zeugnis ab, indem sie die vergangene Untreue des Volkes als Verlobte des HERRN und die zukünftige Gnade, die es wiederherstellen wird, miteinander verbinden.

„Denn von alters her hast du dein Joch zerbrochen, deine Fesseln zerrissen, und du hast gesagt: ‚Ich will nicht dienen!‘ Sondern auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum gabst du dich preis als Hure“ (Jer 2,20).

Gott hatte sie aus Ägypten gerettet, und sie hatten am Sinai versprochen, das Gesetz nicht zu übertreten. Leider wurde das goldene Kalb aufgerichtet, bevor das Gesetz ins Lager gebracht wurde, und die lange Liste der nachfolgenden Götzendienste erzählte, wie sie den Bund gebrochen hatten. „Hohe Stätten“ für die Götzenanbetung waren über das ganze Land verstreut, während im Schatten jedes grünen Baumes die Abscheulichkeiten des Heidentums praktiziert wurden. Geistig und buchstäblich verdienten diese unheiligen und unreinen Riten den Namen der Hurerei, den die Propheten ihnen so oft gaben. Was konnte Gott mit einer solchen Nation tun, außer sie zu vertreiben?

{Jer 3,1.20.22}

Dieser ganze Teil von Jeremia ist außerordentlich schön und rührend. Die zärtlichen Bitten der göttlichen Liebe an ein kühnes, ungläubiges und eigenwilliges Volk, die Zusicherungen der Vergebung und der ewigen Barmherzigkeit sind im höchsten Maße rührend.

„Doch will ich meines Bundes mit dir in den Tagen deiner Jugend gedenken und will dir einen ewigen Bund errichten. Und du wirst dich an deine Wege erinnern und dich schämen, wenn du deine Schwestern empfangen wirst, die größer sind als du, samt denen, die kleiner sind als du, und ich sie dir zu Töchtern geben werde, aber nicht infolge deines Bundes. Und ich werde meinen Bund mit dir errichten, und du wirst wissen, dass ich der HERR bin“ (Hes 16,60–62).

Auch hier, nachdem er in größter Treue den ursprünglich hilflosen Zustand des Volkes, die „Zeit der Liebe“ und die Schönheit, mit der er sie geschmückt hat, geschildert hat, ihre mutwillige Schamlosigkeit, Treulosigkeit und hoffnungslose Erniedrigung. Gott sichert ihnen eine Wiederherstellung und eine Wiedervereinigung in den Banden eines Ehebundes zu, „der niemals gebrochen oder vergessen werden soll.“

„Und ich werde ihren Weinstock und ihren Feigenbaum verwüsten, von denen sie sprach: Diese sind mein Lohn, den mir meine Liebhaber gegeben haben. Und ich werde sie zu einem Wald machen, und die Tiere des Feldes werden sie abfressen. Und ich werde an ihr die Tage der Baalim heimsuchen, an denen sie ihnen räucherte und sich mit ihren Ohrringen und ihrem Halsgeschmeide schmückte und ihren Liebhabern nachging; mich aber hat sie vergessen, spricht der HERR.

Darum siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden; und ich werde ihr von dort aus ihre Weinberge geben und das Tal Achor zu einer Tür der Hoffnung. Und sie wird dort singen wie in den Tagen ihrer Jugend und wie an dem Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog. Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, da wirst du mich nennen: Mein Mann; und du wirst mich nicht mehr nennen: Mein Baal. Und ich werde die Namen der Baalim aus ihrem Mund wegtun, und sie werden nicht mehr mit ihrem Namen erwähnt werden.

Und ich werde an jenem Tag einen Bund für sie schließen mit den Tieren des Feldes und mit den Vögeln des Himmels und mit den kriechenden Tieren der Erde; und ich werde Bogen und Schwert und den Krieg aus dem Land zerbrechen und werde sie in Sicherheit wohnen lassen. Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Gericht und in Güte und in Barmherzigkeit, und ich will dich mir verloben in Treue; und du wirst den HERRN erkennen. Und es wird geschehen an jenem Tag, da werde ich erhören, spricht der HERR: Ich werde den Himmel erhören, und dieser wird die Erde erhören“ (Hos 2,14–23).

In ähnlicher Weise wird in der bekannten Passage in Hosea die vergangene Untreue des Volkes, ihre gegenwärtige Verwerfung als Lo-Ammi und ihre zukünftige Wiederherstellung dargestellt.

Diese rührenden und schönen Passagen können gut als Bindeglied zwischen Noomi und Ruth dienen. Das Volk, das wie Noomi abgewichen ist, wird wiederhergestellt – der Überrest von ihnen – wie Ruth, in tiefer und wahrer Reue und einem Glauben, der auf alle Ansprüche an sich selbst verzichtet, sich aber deshalb umso mehr an den Herrn und Seine Gnade klammert.

So wie Boas die Ältesten und das ganze Volk aufruft, um zu bezeugen, dass er das ganze verwirkte Erbe und die heidnische Witwe Ruth gekauft hat, so wird unser Herr alle aufrufen, um seine Erlösung seines verwüsteten Volkes zu bezeugen:

„Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des HERRN Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jes 40,1–2).

„Zieht aus Babel, flieht aus Chaldäa mit Jubelschall; verkündigt, lasst dies hören, bringt es aus bis an das Ende der Erde! Sprecht: Der HERR hat seinen Knecht Jakob erlöst“ (Jes 48,20).

Die Gnade, die das Volk erlösen wird, wird ihnen auch das Land zu ihrem Genuss zurückgeben. In der Tat hat das Land während der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft und Entfremdung von Gott seine Sabbate genossen – Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk. In gewissem Sinne sind also gerade die Verwüstungen des Landes eine Erinnerung an die unfehlbare Verheißung Gottes, der das, was den Seinen vorbehalten war, nicht anderen geben würde.

„Denn so spricht der HERR: Wie ich über dieses Volk all dieses große Unglück gebracht habe, so will ich über sie all das Gute bringen, das ich über sie rede. Und es sollen Felder gekauft werden in diesem Land, von dem ihr sagt: ‚Es ist öde, ohne Menschen und ohne Vieh, es ist in die Hand der Chaldäer gegeben.‘ Man wird Felder für Geld kaufen und Kaufbriefe schreiben und sie versiegeln und Zeugen nehmen im Land Benjamin und in der Umgebung von Jerusalem und in den Städten Judas, sowohl in den Städten des Gebirges als auch in den Städten der Niederung und in den Städten des Südens. Denn ich werde ihre Gefangenschaft wenden, spricht der HERR“ (Jer 32,42–44).

{Jer 33,7.10.11}

Die Barmherzigkeit gegenüber dem Volk muss notwendigerweise von der Barmherzigkeit gegenüber dem Land begleitet sein. Das eine wird nicht ohne das andere sein.

{5. Mo 32,43}

„Und ich will dich mir verloben in Ewigkeit, und ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und in Gericht und in Güte und in Barmherzigkeit, und ich will dich mir verloben in Treue; und du wirst den HERRN erkennen“ (Hos 2,21–22).

Darauf wird in Psalm 65 ausführlich eingegangen. Der Lobpreis wartet still auf Gott in Zion bis zu der Stunde, die für den Sturz der Feinde und die endgültige Errichtung des Friedens im Land bestimmt ist. Dann wird die Barmherzigkeit Gottes an seinem Land gefeiert:

„Und die Bewohner der Enden der Erde fürchten sich vor deinen Zeichen; du bewirkst, dass die Ausgänge des Morgens und des Abends jauchzen.

Du hast dich der Erde angenommen und ihr Überfluss gewährt, du bereicherst sie sehr: Gottes Bach ist voll Wasser. Du bereitest ihr Getreide, wenn du sie so bereitest.

Du tränkst ihre Furchen, ebnest ihre Schollen, du erweichst sie mit Regengüssen, segnest ihr Gewächs.

Du hast das Jahr deiner Güte gekrönt, und deine Spuren triefen von Fett.

Es triefen die Weideplätze der Steppe, und mit Jubel umgürten sich die Hügel“ (Ps 65,9–13).

So schließt der Kauf all dessen, was Elimelech und seinen beiden Söhnen gehörte, das Land und das Erbe, auch Ruth, die Witwe, ein. Und die Erlösung seines Volkes durch Christus schließt auch das Land ein. Wie bemerkenswert ist es, dass wir in unserer Zeit nicht nur ein Volk ohne Land haben, die Juden, sondern auch ein Land ohne ein definitiv sesshaftes Volk. Das eine wartet auf das andere, und beide, ja alle Dinge, warten auf Seine Zeit, die gewiss alle Seine Worte erfüllen wird.

„So spricht der HERR: Wenn nicht mein Bund bezüglich des Tages und der Nacht besteht, wenn ich nicht die Ordnungen des Himmels und der Erde festgesetzt habe, so werde ich auch die Nachkommen Jakobs und Davids, meines Knechtes, verwerfen, dass ich nicht mehr von seinen Nachkommen Herrscher nehme über die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn ich werde ihre Gefangenschaft wenden und mich ihrer erbarmen“ (Jer 33,25.26).

Freudig reagieren die Zeugen auf die Erklärung des Boas. „Und alles Volk, das im Tor war“ – die zehn Männer, die das Gesetz repräsentierten, und alle anderen – sagten: „Wir sind Zeugen. Der Herr mache die Frau, die in dein Haus gekommen ist, wie Rahel und wie Lea, die beiden, die das Haus Israel gebaut haben.“ Diese beiden genannten waren die Mütter der zwölf Patriarchen, der Gründer der Nation. Als alles scheinbar gescheitert ist, kommt der Mächtige herein und stellt die Nation wieder her, sogar zu ihrer ursprünglichen Größe. Nicht mehr die ursprüngliche Erlösung aus Ägypten wird der Maßstab sein, sondern jene letzte und endgültige, wenn Er sein geliebtes Volk sammeln wird und Rahel, auf die hier angespielt wird, nicht mehr um ihre Kinder weinen wird.

„Und es gibt Hoffnung für dein Ende, spricht der HERR, und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren“ (Jer 31,17).

Sie spielen auch auf Tamar und ihre Kinder an – diejenige, die, den Stamm Juda gründete, zu dem Boas gehörte. Wenn wir auf diese Geschichte zurückblicken, finden wir eine traurige und dunkle Seite. Die Sünde scheint überall darauf geschrieben zu sein, und doch ist es ein Glaube, der sich den Segen wünscht und ihn wie Jakob durch List erlangen will. Hier ist der Segen ohne den Makel, aber er erinnert uns, wie wir gesehen haben, an die Gnade für ein sündiges und unwürdiges Volk.

So überträgt das Gesetz, vergrößert und ehrbar gemacht, nicht nur alle seine Rechte auf Christus, sondern beansprucht für das Volk – unfruchtbar, soweit es das Gesetz betraf – durch diese neue Beziehung einen Segen, der über seinen eigenen hinausgeht.

Der Bräutigam

„Und Boas nahm Ruth, und sie wurde seine Frau, und er ging zu ihr ein; und der HERR verlieh ihr Schwangerschaft, und sie gebar einen Sohn. Und die Frauen sprachen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht hat fehlen lassen an einem Löser! Und sein Name werde gerühmt in Israel! Und er wird dir ein Erquicker der Seele und ein Versorger deines Alters sein! Denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die dir besser ist als sieben Söhne. Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und wurde seine Wärterin. Und die Nachbarinnen gaben ihm einen Namen, indem sie sprachen: Ein Sohn ist der Noomi geboren! Und sie gaben ihm den Namen Obed. Er ist der Vater Isais, des Vaters Davids.

Und dies sind die Geschlechter des Perez: Perez zeugte Hezron, und Hezron zeugte Ram, und Ram zeugte Amminadab, und Amminadab zeugte Nachschon, und Nachschon zeugte Salma, und Salmon zeugte Boas, und Boas zeugte Obed, und Obed zeugte Isai, und Isai zeugte David“ (Ruth 4,13–22).

Alles ist vollendet und Boas nimmt seine Braut zu sich. Ach, bald wird das arme verstoßene Volk in den Armen der ewigen Liebe versammelt sein, und „wie der Bräutigam sich über die Braut freut, so wird dein Gott sich über dich freuen.“

Ruth wird ein Sohn geboren, aber auf schöne Weise ist es nicht Ruth, sondern Noomi, die hier in den Vordergrund rückt. Die alte Mutter mit ihrem verpfuschten Leben und ihren bitteren Erinnerungen steht nun vor uns mit dem jungen Kind in ihren Armen. Alles Vergangene ist vergessen, außer um es mit der freudigen Gegenwart zu kontrastieren. Sie segnen den Herrn, während sie sich freuen, der sein verzweifeltes Volk nicht ohne Erlöser gelassen hat und der in der Tat „berühmt ist in Israel.“ Auch Ruth wird nicht vergessen, und ihre treue Ergebenheit wird von allen anerkannt. „Deine Schwiegertochter, die dich liebt, die dir besser ist als sieben Söhne, hat ihn geboren.“ Israel nach dem Fleisch wäre in der Tat völlig wertlos gewesen, um den Segen wiederherzustellen, aber diese heidnische Schwiegertochter – die, wie wir gesehen haben, von Glauben und Buße spricht – ist besser als alle Vorzüge des Fleisches.

Der Knecht

Dieses Kind soll, wie man zu Noomi sagt, „ein Erquicker deines Lebens und ein Ernährer deines Alters sein.“ Deshalb wird das Kind Obed genannt, „Knecht“.

Wenn wir zur geistlichen Bedeutung all dessen übergehen, können wir kaum umhin, dieses Kind mit dem anderen wunderbaren Kind in Verbindung zu bringen, das aus derselben Linie geboren wurde. Es wird alles, was wir gesehen haben, wieder gut machen, der wahre Boas, der Auferstandene und Verherrlichte:

„Die Mehrung der Herrschaft und der Frieden werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über sein Königreich, um es zu befestigen und zu stützen durch Gericht und durch Gerechtigkeit, von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird dies tun“ (Jes 9,6).

Es ist auch passend, dass Er diesen Namen „Knecht“ tragen wird. Israel war der Knecht Gottes, aber wie untreu war Israel! Dann kommt dieser Treue, der wirklich Gottes Knecht ist, „mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat“ (Jes 42,1). Durch ihn und durch seine Gnade wird der Überrest herausgerufen, und auch sie werden mit demselben Titel bezeichnet; während schließlich die ganze Nation wiederhergestellt wird und sich freut, wie einst im Ungehorsam, Knechte des Herrn genannt zu werden.

Und wie perfekt hat unser gesegneter Herr die Schönheit des treuen Dienstes illustriert! Er kam, um den Willen Gottes zu tun, und es war Seine Speise und Trank, diesen Willen Gottes zu tun. Auf Seinem ganzen irdischen Weg diente Er den Leidenden und Kranken. Am Kreuz diente Er – gepriesen sei Sein Name in Ewigkeit! – damit wir niemals die furchtbare Strafe der Sünde erfahren. All dies tat Er aus Liebe. Er war einer, der keinen Dienst schuldete – die Färse, auf die kein Joch gekommen war. Dennoch nahm Er die Gestalt eines Knechtes an und tat das Werk eines Knechtes – für Gott und für die Not der Menschen.

Sogar jetzt in der Herrlichkeit dient Er Seinem bedürftigen Volk durch Seinen Geist, Sein Wort und Sein allumfassendes Wirken als Fürsprecher und Fürsprecher, und die Krönung Seines Dienstes wird sein, dass Er sich umgürtet und Seinen eigenen Treuen – die nur durch Seine Gnade treu sind – zum Zeichen Seiner Anerkennung dient. Diesen Titel hat Er sich wohl erworben, und für uns gibt es keine höhere Ehre, als in unserem Maß Seinem eigenen, niedrigen Weg zu folgen.

„Und Noomi nahm das Kind und legte es in ihren Schoß.“ So nahm der alte Simeon das Kind in seine Arme und entschwand sozusagen in seinem eigenen Lobgesang und überließ uns den Blick auf die Ursache seiner Freude. Wie die alte Witwe Freude und Wärme fand, als sich das frische junge Leben an ihr Herz schmiegte. Ja, da ist die Hoffnung der Nation. Aber bis Er in das Herz des Volkes aufgenommen wird, verbleiben sie in verwitweter Einsamkeit.

Kehren wir zu uns zurück, sehen wir hier das eine große Heilmittel für all unser Elend. Ist das Herz kalt geworden? Ist unsere Freude wie die von Noomi erlahmt? Es ist unser Vorrecht in der Realität, wie es ihres im Vorbild war, denjenigen an unsere Brust zu schließen, der einst ein Kind war und sich immer noch in Herrlichkeit den Umarmungen seines Volkes hingibt. Uns wird nie warm, außer wenn Er Seinen Platz in unseren Herzen hat.

Gib, Herr, dass wir mehr von Dir kennenlernen, Dich durch lebendigen Glauben in unseren Herzen bewahren durch eine mächtigere Liebe erkennen, das wir für immer an Dich gebunden werden!

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