Die Versammlung Gottes im Matthäusevangelium

Teil 3: Die örtliche Versammlung

Teil 3: Die örtliche Versammlung

Im weiteren Verlauf unserer kleinen Betrachtung geht es mir vor allem um die Aussage unseres Herrn in Matthäus 18,20: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“. Man hat diesen Satz „Magna Charta“ der Versammlung bezeichnet. Viele Gläubige zitieren diesen Vers zu unterschiedlichen Gelegenheit und berufen sich darauf, in seinem Namen versammelt zu sein. Nun gibt es ohne Frage andere wichtige Verse über die Versammlung, die wir nicht geringschätzen sollten. Dennoch ist es gut, wenn wir diese Aussage nicht nur dem Wortlaut nach kennen, sondern verstehen, was damit gemeint ist. Immerhin ist es eine der beiden direkten Aussagen unseres Herrn selbst über die Versammlung.

Bevor wir das allerdings tun, sind einige grundsätzliche Aussagen über die örtliche Versammlung notwendig: Es ist nämlich offensichtlich, dass hier der Blickwinkel auf die Versammlung anders ist als in Kapitel 16. Die Versammlung Gottes, die Christus selbst aus lebendigen Steinen baut, besteht aus allen Gläubigen der Gnadenzeit, die mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind (ewiger Aspekt). In Kapitel 18 geht es um dieselbe Versammlung Gottes, jedoch unter einem anderen Blickwinkel. Wenn Christus dazu auffordert: „... sage es der Versammlung“, kann unmöglich die Versammlung in ihrem ewigen (oder weltweiten Aspekt) gemeint sein. Wenn Er sagt: „wo zwei oder drei versammelt sind“, kann es ebenfalls unmöglich die weltweite Versammlung sein. Alle Gläubigen, die auf der Welt leben, können unmöglich an einem Ort versammelt sein (das wird erst im Himmel der Fall sein). Es kann deshalb nur die örtliche Versammlung sein, die – wie wir sehen werden – eine Art Repräsentanz, eine Vergegenwärtigung, eine Darstellung der weltweiten Versammlung ist. Es gibt in diesem Sinn keine zwei unterschiedlichen Versammlungen. Es gibt nur einen unterschiedlichen Blickwinkel. Das scheint der Grund zu sein, warum der Herr hier keine weitere Erklärung dazu abgibt, dass es hier um die örtliche Versammlung geht. Es liegt auf der Hand.

Über die Bedeutung der Versammlung nach Gottes Ratschluss gibt es unter vielen Gläubigen einheitliche Gedanken. Leider ist das nicht so, wenn es um die örtliche Versammlung geht. Deshalb ist es gut, wenn wir sorgfältig prüfen, was die Bibel dazu sagt.

Beide Sichtweisen gehören tatsächlich untrennbar zusammen, müssen jedoch voneinander unterschieden werden. Das lehrt uns das Neue Testament. Wenn wir es lesen, werden wir finden, dass etwa 20 Mal von der Versammlung in ihrem ewigen und weltweiten Charakter und etwa 90 Mal von der Versammlung in ihrem örtlichen Aspekt gesprochen wird. Beide werden im Übrigen gleicherweise als „Versammlung Gottes“ bezeichnet (vgl. z. B. Apg 20,28; 1. Kor 1,2; 1. Kor 10,32; 1. Kor 11,22; 1. Kor 15,9; 2. Kor 1,1; Gal 1,13; 1. Tim 3,5.15). Das allein zeigt schon, dass es nicht um zwei verschiedene Dinge geht, sondern um zwei verschiedene Sichtweisen ein und derselben Sache.

Die wichtige Frage lautet: Warum gibt es überhaupt örtliche Versammlungen?

Die Antwort darauf lautet: Weil nur so Versammlung Gottes sichtbar wird!

Gott sieht seine Versammlung immer als eine Einheit. Er weiß, welchen Wert sie für Ihn hat. Wir hingegen könnten jedoch unmöglich sehen, was Versammlung Gottes bedeutet, wenn sie nicht örtlich sichtbar würde. Jede örtliche Versammlung ist deshalb sozusagen eine Darstellung (Repräsentanz) der weltweiten Versammlung in Miniatur. Wenn eine örtliche Versammlung im Namen des Herrn Jesus versammelt ist, kommt sie „als Versammlung“ (d. h. im Charakter von Versammlung) zusammen (1. Kor 11,18). Sie zeigt, was Versammlung Gottes ist. Der 1. Korintherbrief spricht siebenmal von dem Zusammenkommen der örtlichen Versammlung. Wir sehen, wie wichtig es ist, dass eine örtliche Versammlung nicht nur existiert, sondern dass sie tatsächlich zusammenkommt.

Es fällt auf, dass der Heilige Geist die drei Bilder der Versammlung, die wir weiter oben kurz betrachtet haben (Leib, Haus, Braut) nicht nur auf die universelle Versammlung anwendet, sondern ebenfalls auf die örtliche Versammlung.

  1. Wenn es um den Leib geht, vergleichen wir Epheser 1,23 (die Versammlung, die ein Leib ist) mit 1. Korinther 12,27 (Ihr – die Korinther – seid Christi Leib).
  2. Wenn es um das Haus geht, vergleichen wir Epheser 2,19–22 (die Versammlung, der Bau, der Tempel, die Behausung Gottes) mit 1. Korinther 3,9 (Gottes Bau seid ihr – die Korinther).
  3. Wenn es um die Braut geht, vergleichen wir Epheser 5,22–33 (das Bild von Adam und Eva in seiner Anwendung auf die Versammlung und die wartende Braut) mit 2. Korinther 11,2 (die Korinther im Bild einer verlobten Jungfrau)

In Römer 16,16 spricht Paulus von „allen Versammlungen des Christus“. Christus ist das einigende Band. Was für die weltweite Versammlung gilt, gilt für die örtliche Versammlung. In Apostelgesichte 9 werden beide Seiten miteinander verbunden. „So hatte denn die Versammlung durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch die Ermunterung des Heiligen Geistes“ (Apg 9,31). Es geht um verschiedene örtliche Versammlungen in drei Landstrichen, und doch heißt es: „die Versammlung“.1 Ein weiterer Hinweis ist Apostelgeschichte 20: Paulus sagt dort zu den Ältesten einer örtlichen Versammlung: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines Eigenen“ (Apg 20,28). Der Aspekt der örtlichen Versammlung wird hier unmittelbar mit dem ewigen Aspekt der Versammlung verbunden, denn der Schluss der Aussage kann sich nur auf diesen Aspekt beziehen.

Örtliche Versammlungen werden immer eine unterschiedliche Prägung haben. Das ist gut so, und Gott hat es so gewollt. Sie sind unterschiedlich groß, haben eine unterschiedliche Altersstruktur und setzen sich aus unterschiedlichen Menschen mit zum Teil ganz verschiedenem Hintergrund zusammen. Sie mögen von einer unterschiedlichen Kultur und Geschichte geprägt sein. Sie befinden sich in einem unterschiedlichen Umfeld und haben unterschiedliche Herausforderungen. Uniformität ist dem Wort Gottes völlig fremd, wenn es um örtliche Versammlungen geht. Wenn wir uns die verschiedenen Versammlungen ansehen, die uns das Neue Testament zeigt, erkennen wir die Unterschiede sofort. Dennoch sind örtliche Versammlungen in einem gleich: Sie „funktionieren“ nach denselben Prinzipien. Die Grundsätze des Zusammenkommens sind für alle gleich. Die Lehre des Paulus galt – und gilt – allen Versammlungen gleichermaßen (vgl. 1. Kor 4,17; 7,17; 14,33; 16,1; vgl. den siebenfachen Hinweis in Offenbarung 2 und 3: „...wer ein Ohr hat höre, was der Geist den Versammlungen sagt“ (Off 2,7.11.17.29; 3,6.13.22). Örtliche Versammlungen haben dasselbe Wesen, dieselbe Grundlage, dieselbe Ausrichtung.

Das, was örtliche Versammlungen miteinander verbindet, ist weit mehr als nur eine „geistliche Verbundenheit“ – wie heute manchmal behauptet wird. Es ist wahr, dass der Ausdruck „Einheit von Versammlungen“ nicht in der Bibel steht. Dennoch lehrt sie eindeutig eine innige Beziehung von örtlichen Versammlungen. Wenn jede örtliche Versammlung Christus als ihr Haupt anerkennt, dann kann es nicht anders sein, als dass sie untereinander eng verbunden sind. Gerade der Text in Matthäus 18 macht deutlich, dass die Handlung einer einzigen örtlichen Versammlung (und seien es nur 2 oder 3 Gläubige) dann für alle übrigen Versammlungen bindend ist, wenn sie diese, im Namen des Herrn versammelt, trifft.

Aus dem Gesagten folgt, dass die Bibel weder zentral gesteuerte noch unabhängige Versammlungen kennt. Beides widerspricht der gesunden Lehre. Die Kirchengeschichte lehrt uns, dass es Abweichungen in beide Richtungen gegeben hat – und leider immer noch gibt. Die Grundsätze der Bibel sind – bei aller Unterschiedlichkeit örtlicher Versammlungen – dieselben für jede einzelne Versammlung. Deshalb ermuntert Paulus uns als Gläubige, die „Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“ (Eph 4,3).

Fußnoten

  • 1 Es ist mir bewusst, dass eine Reihe von guten Übersetzungen (einschließlich der nicht überarbeiteten Elberfelder Übersetzung) hier „die Versammlungen“ lesen. J.N. Darby übersetzt ebenfalls in der Mehrzahl (churches), weist aber in einer Fußnote auf die Einzahl hin. W. Kelly folgt in seiner Auslegung über die Apostelgeschichte der Übersetzung „die Versammlung“ (Einzahl) und weist auf eine Reihe von griechischen Manuskripten hin, die den Text auf die eine oder andere Weise wiedergeben. Der überarbeitete Text der Elberfelder Bibel (Edition CSV), gibt den Grundtext hier vermutlich nicht ohne Grund mit „die Versammlung“ wieder. C. Briem schreibt in seiner Auslegung zu Apostelgeschichte 9, dass diese Übersetzung vorzuziehen ist.
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