Römer 12 – eine Bibelarbeit

Teil 3: Leben mit anderen – moralische Kennzeichen des Christen (Verse 9-21)

„Die Liebe sei ungeheuchelt. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten. In der Bruderliebe seid herzlich zueinander; in Ehrerbietung geht einer dem anderen voran; im Fleiß seid nicht säumig, seid inbrünstig im Geist; dem Herrn dienend. In Hoffnung freut euch; in Trübsal harrt aus; im Gebet haltet an; an den Bedürfnissen der Heiligen nehmt teil; nach Gastfreundschaft trachtet. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den sich Freuenden, weint mit den Weinenden. Seid gleich gesinnt gegeneinander; sinnt nicht auf hohe Dinge, sondern haltet euch zu den Niedrigen; seid nicht klug bei euch selbst. Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen. Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden. Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.‘ ‚Aber wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen; wenn er durstig ist, gib ihm zu trinken; denn wenn du dieses tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.‘ Lass dich nicht von dem Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“ (Römer 12,9–21).

In den Versen 3–8 haben wir gesehen, dass es verschiedene Gnadengaben und Aufgaben gibt. Jeder hat eine andere Tätigkeit unter den Geschwistern. Im dritten Teil des Kapitels zählt Paulus eine ganze Reihe von moralischen Kennzeichen auf, die jeden Christen im Umgang mit anderen kennzeichnen sollen. Was wir jetzt finden, ist tatsächlich Gottes guter, vollkommener und wohlgefälliger Wille für uns alle.

Grundsätzlich gibt es drei Beziehungskreise, in denen wir uns als Christen bewegen. Die erste Beziehung ist die zu Gott. Die zweite ist die zu uns selbst und die dritte ist die zu anderen Menschen – seien es Gläubige oder Ungläubige. Alle drei „Kreise“ finden wir z. B. in Titus 2, wo es um den Unterricht der Gnade geht. In Vers 12 werden wir aufgefordert „besonnen und gerecht und gottselig zu leben in dem jetzigen Zeitlauf“. Besonnen sind wir im Blick auf uns selbst. Gerecht zu leben hat mit anderen Menschen zu tun und gottselig leben wir vor den Augen Gottes.

In unserem Text geht es nun eindeutig darum, wie wir uns im Miteinander mit anderen Menschen verhalten. Einige Hinweise beziehen sich eindeutig auf gläubige Mitmenschen, andere auf Ungläubige und wieder andere auf beide Gruppen. Die genannten Punkte sind zum Teil sehr eng miteinander verbunden. Es ist allerdings nicht ganz einfach, sie gut zu strukturieren. Ausleger haben dazu verschiedene Vorschläge gemacht, die jedoch alle nicht wirklich überzeugen. Es ist sicher so, dass es in der ersten Hälfte (Verse 9–13) im Schwerpunkt um unsere Beziehung und unser Verhalten zu unseren Glaubensgeschwistern geht, während im zweiten Teil (Verse 14–21) mehr über das Verhältnis zu ungläubigen Mitmenschen gesprochen wird. Dennoch trifft das auch nicht für alle genannten Eigenschaften zu. Deshalb wird im Folgenden darauf verzichtet, die Punkte zu gliedern. Wir wollen vielmehr versuchen, die einzelnen Merkmale Punkt für Punkt zu besehen und auf uns zu beziehen.

Einige Ausleger sprechen gerne von „Lebensregeln des Christen“. Wenn man diesen Ausdruck richtig versteht, ist es nicht verkehrt, ihn zu gebrauchen. Dennoch birgt er die Gefahr in sich, dass wir diese Hinweise zu einem – mehr oder weniger – gesetzlichen Regelkatalog machen, dem wir folgen müssen, um entweder bessere Christen zu werden oder gar um überhaupt Christen zu werden. Dieser Ansatz wäre grundverkehrt. Es verhält sich hier ähnlich – wenngleich auf einem höheren (nämlich christlichen) Niveau – wie mit der Bergpredigt (Mt 5–7).

Dazu vier Anmerkungen:

  1. Weder die Bergpredigt noch die „Regeln“ aus Römer 12 zeigen uns den Weg, ein Christ zu werden. Die Hinweise richten sich nicht an Ungläubige, sondern an Jünger bzw. an Brüder (d. h. gläubige Menschen).
  2. Beide Texte sind nicht gegeben, um sie einander in einer gesetzlichen Art und Weise verpflichtend aufzuerlegen und zu glauben, je mehr wir sie befolgen, umso besser werden wir. Wer so denkt, pflegt das „religiöse Fleisch“, das ebenso verdorben ist, wie jedes andere „Fleisch“.
  3. Beide Texte sprechen von moralischen Kennzeichen, die wir im persönlichen Miteinander unter der Leitung des Heiligen Geistes verwirklichen möchten. Sie sind in keiner Weise ein politisches Programm, das Regierungen umsetzen sollten.
  4. Beide Texte weisen uns auf unseren Herrn hin, der unser vollkommenes Vorbild ist. Natürlich richten sich die Worte des Herrn ebenso wie der Text in Römer 12 an uns und fordern uns heraus. Dennoch erkennen wir in allem unseren Herrn und sehen sein Beispiel vor uns. Im Anschauen seiner herrlichen Person werden wir in sein Bild verwandelt werden. Das wollen wir nicht vergessen, wenn wir uns mit den Details beschäftigen, die Paulus erwähnt.

Paulus schreibt in kurzen und prägnanten Sätzen, die nicht schwierig zu verstehen sind. Allerdings stellen sie für jeden, der sie befolgen möchte, eine echte Herausforderung dar. Wie bereits erwähnt, wollen wir dabei unseren Herrn nicht aus den Augen verlieren und sein Beispiel anschauen. Er hat all das, was wir hier finden, in seinem Leben praktiziert. Sein Beispiel wird uns prägen. Dabei geht es nicht nur um unser äußeres Auftreten und Verhalten, sondern vielmehr um das Innere, um unsere Gesinnung. Wir werden darüber hinaus sehr schnell feststellen, dass die Merkmale völlig anders sind, als das, was den Zeitgeist (die Welt) prägt. Damit ergibt sich eine Verbindung zu dem, was wir im ersten Teil des Kapitels über den Zeitgeist der Welt und den erneuerten Sinn der Gläubigen gefunden haben.

1. Die Liebe sei ungeheuchelt

Es beginnt nicht ohne Grund mit der Liebe. Die Liebe wirkt wie ein Regulativ und hat Einfluss auf alle anderen Merkmale. In Galater 5,22 wird die Frucht des Geistes beschrieben und das Erste, was dort genannt wird, ist ebenfalls die Liebe. In 1. Korinther 13 widmet Paulus der Liebe ein ganzes Kapitel, um zu zeigen, wie Liebe als Motiv im Dienst sichtbar wird.

Liebe kann man wohl beschreiben, allerdings nicht wirklich erklären. Von Gott selbst lesen wir zweimal, dass Er „Liebe“ ist. (1. Joh 4,8.16). Wenn wir Liebe wirklich erklären könnten, würden wir Gott erklären und das ist unmöglich. Dennoch erkennen wir sehr gut, wie göttliche Liebe sich nach außen zu erkennen gibt. Das Wesen der göttlichen Liebe ist, dass sie opferbereit ist. Göttliche Liebe zeigt sich im Geben. Gott hat die Welt geliebt und das hat Ihn viel (wir können sagen: alles) gekostet. Er hat seinen Sohn gegeben (Joh 3,16) und Ihn nicht verschont (Röm 8,32). Christus hat uns geliebt und sich selbst für uns gegeben (Eph 5,2).

In Römer 5,8 hatte Paulus die Römer daran erinnert, dass Gott seine Liebe zu uns darin erweist, „dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“. Niemand und nichts kann uns jetzt von der Liebe Christi und von der Liebe Gottes scheiden (Röm 8,35.39). Die Liebe Gottes ist sogar in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist (Röm 5,5). Zum einen sind wir dazu in der Lage, die Liebe Gottes zu genießen und uns darin zu erhalten (Jud 21). Zum anderen sind wir fähig, diese selbstlose Liebe jetzt unsererseits zu erwidern und Gott und unseren Nächsten zu lieben. Petrus fordert uns auf, einander zu lieben „mit Inbrunst und aus reinem Herzen“ (1. Pet 1,22). Die Liebe, um die es hier geht, ist eine selbstlose Liebe. Es ist eine Liebe, die deshalb liebt, weil sie Liebe ist und nicht deshalb, weil sich der Gegenstand dieser Liebe liebenswürdig erzeigt. So zu lieben ist nur möglich, wenn die Liebe Gottes in uns ist.

Hier nun sagt Paulus, dass die Liebe ungeheuchelt sei. 2. Korinther 6,6 spricht ebenfalls von ungeheuchelter Liebe. In 1. Timotheus 1,5 und 2. Timotheus 1,5 ist vom ungeheuchelten Glauben die Rede, in Jakobus 3,17 von ungeheuchelter Weisheit und 1. Petrus 1,22 von ungeheuchelter Bruderliebe. Gemeint ist, dass wir nicht schauspielern sollen, denn das Wort „heucheln“ bedeutet tatsächlich, ein Schauspiel aufzuführen. Ein Schauspieler im Theater übernimmt und spielt eine Rolle, die nicht seine wirkliche Identität wiedergibt und nicht der Realität seines Lebens entspricht. Genau davor werden wir gewarnt. Wir sollen keine Maske tragen, sondern Liebe so weitergeben, wie sie ist: aufrichtig, ehrlich, treu und ungekünstelt. Die Liebe hat die Bedürfnisse des anderen vor Auge und bemüht sich, ihnen zu entsprechen, selbst wenn es ein Opfer kostet. Liebe gibt dem anderen nicht immer das, was er gerne haben möchte, sondern sie gibt ihm das, was gut und nützlich für ihn ist.

Die Frage ist berechtigt, ob es sich in unserem Vers um eine Aufforderung handelt, oder um eine Tatsache, die festgestellt wird. Wörtlich heißt es nämlich: „Die Liebe ungeheuchelt“. Das kann nicht anders sein. Wenn die Liebe echt ist, kann sie nur ungeheuchelt sein. Dennoch trägt der Satz zugleich den Charakter einer Aufforderung und insofern ist die Lesart: „Die Liebe sei ungeheuchelt“ im Zusammenhang des Kapitels passend und richtig. Denn leider zeigt die Erfahrung, dass Liebe tatsächlich geheuchelt werden kann.

Ein erschütterndes Beispiel für geheuchelte Liebe ist der Kuss des Verräters Judas (Mk 14,45). Er benutzt das äußere Zeichen der Liebe – den Kuss – um seinen Herrn zu verraten. Das vollkommene Beispiel für Liebe ist hingegen die Liebe unseres Herrn zu seinem Gott und Vater und zu den Seinen. Sie war immer echt und nie vorgespielt. In Johannes 14,31 spricht Er davon, dass selbst die Welt erkennen konnte, dass Er den Vater liebte. Wir können nur deshalb lieben, weil wir zuerst geliebt sind (1. Joh 4,19). Deshalb gibt Er uns ein neues Gebot, „dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet“ (Joh 13,34, vgl. Joh 15,12). Je mehr wir mit dem Beispiel unseres Herrn beschäftigt sind, umso mehr werden wir in sein Bild verwandelt werden.

2. Verabscheut das Böse

Die nun folgenden Hinweise gehören zusammen und zeigen den Kontrast zwischenBöse und Gut. Wo Liebe geübt wird, besteht die Gefahr, den nüchternen Blick für das zu verlieren, was nicht mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Deshalb fordert Paulus als zweites auf, Böses zu verabscheuen. Für „Böses“ gibt es im Neuen Testament verschiedene Ausdrücke. Hier wird ein Wort gebraucht, das eigentlich „schädlich“ bedeutet. Es hat den Sinn, andere in Schwierigkeiten zu bringen und sich dann noch darüber zu freuen. Wer in diesem Sinn Böses tut, ist erst dann glücklich, wenn er anderen Schaden zugefügt hat und sie ebenfalls verdorben werden. Das Wort wird z. B. für den Teufel benutzt. Er ist „der Böse“ (1. Joh 5,18). Im Römerbrief steht das Wort allerdings nur in diesem Vers, obwohl der Brief häufig über das spricht, was „böse“ ist. Dann wird ein anderes Wort gebraucht, das eigentlich „wertlos“ bedeutet und mehr das beschreibt, was dem Wesen nach böse ist. Wir werden dieses Wort in Vers 17 und 21 finden.

Böses ist und bleibt immer Böses und die Liebe wird es niemals gutheißen können. Sie kann es nur verabscheuen und sich abwenden. Gott ist vollkommen Liebe und ebenso vollkommen verabscheut Er das Böse. Er kann es nicht einmal sehen. Wie sehr Gott das Böse verabscheut, sehen wir am Kreuz, als der Ruf des Herrn Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ...“ unbeantwortet blieb. Von unserem Herrn heißt es, dass Er Gesetzlosigkeit gehasst hat (Heb 1,9). In keiner einzigen Situation in seinem Leben, ist das anders gewesen. In Ihm war keine Sünde. Er tat keine Sünde und kannte keine Sünde.

Der Psalmdichter sagt: „Die ihr den Herrn liebt, hasst das Böse!“ (Ps 97,10). Salomo schreibt: „Die Furcht des Herrn ist: das Böse hassen... Verkehrtheit hasse ich“ (Spr 8,13) und „der Weise fürchtet sich und meidet das Böse“ (Spr 14,16). Das Volk Israel wurde mehrfach aufgefordert, das Böse aus seiner Mitte wegzuschaffen (5. Mo 13,6; 17,7.12 u. a.). Von Hiob lesen wir dreimal, dass er „vollkommen und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend“ war (Hiob 1,1.8; 2,3).

Falsche Liebe kann das Böse bei uns selbst und bei anderen tatsächlich unter dem Deckmantel der Liebe übersehen. Sie ist sogar in der Lage, böse Lehre im Blick auf die Person unseres Herrn zu übergehen. Ungeheuchelte Liebe hingegen wird uns immer dahin führen, das Böse zu verabscheuen, ohne dabei zu vergessen, das Gute anzuerkennen. Das Böse zeigt sich in vielfältiger Form. Manches erkennen wir unmittelbar als Böse, anderes ist subtiler. Es heißt jedoch: „Von jeder Art des Bösen haltet euch fern“ (1. Thes 5,22). Dabei geht es in unserem Vers nicht so sehr um das Böse, das in uns ist – obwohl wir auch das natürlich verabscheuen müssen – sondern es geht vor allem um das Böse um uns herum, das uns schaden will. Die Welt, aus der Gott uns herausgenommen hat, ist böse (Gal 1,4). Die Tage, in denen wir leben, sind böse (Eph 5,16). Die Menschen, die uns umgeben, sind böse (2. Tim 3,13). In allen drei Fällen steht für „böse“ das gleiche Wort wie in unserem Vers. Die Gefahr ist groß, dass wir von dem beeinflusst werden, mit dem wir eigentlich nichts mehr zu tun haben. In der Welt ist das Böse heute in vielen Fällen hoffähig geworden. Die moralischen Werte in der Welt stehen dem, was die Bibel lehrt, häufig diametral gegenüber und wir riskieren, davon nach und nach so beeinflusst zu werden, so dass wir keinen klaren Blick mehr für das haben, was in Gottes Augen böse ist.

Verabscheuen bedeutet, etwas ausschließen und nichts damit zu tun haben wollen. Paulus gebraucht hier einen starken Ausdruck, der einschließt, dass man sich angewidert abwendet oder etwas bitter hasst. Mit dem Bösen kann man nicht spielen, sondern es nur kategorisch meiden. Verabscheuen ist mehr als etwas nur äußerlich vermeiden. Es geht um eine innere Haltung.

3. Haltet fest am Guten

Es ist tragisch zu lesen, dass es Menschen gibt, die das Böse mehr lieben als das Gute und Lüge mehr als Gerechtigkeit (Ps 52,5). Gott sagt seinem irdischen Volk einmal: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die Finsternis zu Licht machen und Licht zu Finsternis; die Bitteres zu Süßem machen und Süßes zu Bitterem“ (Jes 5,20). Deshalb fordert Er uns auf: „Hasst das Böse und liebt das Gute“ (Amos 5,15).

Wenn wir das Böse verabscheuen, ist die Gefahr durchaus gegeben, das Gute zu übersehen. Deshalb ist geistliches Gleichgewicht angesagt. Man kann so sehr darauf fixiert sein, das Böse zu meiden, dass man darüber vergisst, das Gute zu tun und daran festzuhalten. Gutes und Böses steht immer gegeneinander. Deshalb gilt es, das eine zu hassen und das andere festzuhalten. Der gleiche Vers, der uns sagt, dass der Herr Jesus Gesetzlosigkeit gehasst hat, sagt uns, dass Er Gerechtigkeit geliebt hat (Heb 1,9).

Als Gläubige brauchen wir die Warnung vor dem Bösen und die Ermutigung zum Guten. Paulus gebraucht hier ein Wort, das im Neuen Testament häufig vorkommt und ursprünglich „hoch denken von“ oder „bewundernswert“ bedeutet. Es beschreibt etwas (oder jemand), das dem Charakter und Wesen nach gut ist. Wenn der Herr Jesus einmal sagt, dass Gott gut (oder der Gute) ist (Mt 19,17), gebraucht Er gerade dieses Wort. In Vers 21 werden wir es wiederfinden. Am Guten festzuhalten ist für uns wie eine Art Sicherheitsvorkehrung, das Böse zu verabscheuen. Festzuhalten bedeutet hier anhangen. Es ist ein Wort, das so viel wie „kleben“, „löten“ oder „fest verbinden“ bedeutet. In Matthäus 19,5 gebraucht der Herr Jesus dieses Wort, um die Einheit von Mann und Frau in der Ehe zu beschreiben. Ein Mann wird seiner Frau anhangen, d. h. er wird „eine Pflanze“ mit ihr sein. Mit anderen Worten wird gesagt, dass wir sozusagen mit dem Guten verheiratet sein sollen, es soll eine ganz feste Beziehung dazu geben. Damit ist klar, dass das deutlich weiter geht, als ab und zu ein gutes Werk zu tun. Das ganze Leben soll davon geprägt sein, dass wir am Guten festhalten. Von J.N. Darby soll folgender Ausspruch stammen: „Das Geheimnis des Friedens im Innern und der Kraft nach außen ist, sich mit dem Guten zu beschäftigen, ja, sich immer und immer mit dem Guten zu beschäftigen“.1

Die Bibel fordert uns wiederholt zum Guten auf:

  • Wir sollen das Gute suchen: „Wer das Gute eifrig sucht, sucht Wohlgefallen; wer aber nach Bösem trachtet, über ihn wird es kommen“ (Spr 11,27)
  • Wir sollen das Gute ausüben: „So übe das Gute aus, und du wirst Lob von ihr haben“ (Röm 13,3)
  • Wir sollen das Gute wirken: „Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegenüber allen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens“ (Gal 6,10)
  • Wir sollen das Gute bei anderen anerkennen: „dass die Gemeinschaft deines Glaubens wirksam werde in der Anerkennung alles Guten, das in uns ist gegen Christus Jesus“ (Phlm 6)
  • Wir sollen das Gute nachahmen „Geliebter, ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute. Wer Gutes tut, ist aus Gott; wer Böses tut, hat Gott nicht gesehen“ (3. Joh 11)
  • Wir sollen in jedem guten Werk Frucht bringen: „... um würdig des Herrn zu wandeln zu allem Wohlgefallen, in jedem guten Werk Frucht bringend und wachsend durch die Erkenntnis Gottes“ (Kol 1,10)

4. In der Bruderliebe seid herzlich zueinander

Die beiden nächsten Merkmale gehören wiederum zusammen und haben mit der Beziehung von Gläubigen untereinander zu tun. Sie soll erstens von Bruderliebe und zweitens von Ehrerbietung geprägt sein.

In Vers 9 war die Rede von der Liebe. Paulus benutzt dort das Wort „agape“, das häufig – allerdings nicht ausschließlich – für die Liebe Gottes gebraucht wird. Hier hingegen steht ein anderes Wort, das mehr die Freundesliebe, die Menschenfreundlichkeit und Sympathie beschreibt. Es ist eine Liebe, die in dem Gegenstand der Liebe (dem Bruder oder der Schwester) etwas findet, das liebenswert ist. Es ist eine Liebe von Herz zu Herz, eine starke und familiäre Zuneigung, wie sie z. B. zwischen Eltern und Kindern gefunden wird. Von dem Herrn Jesus wird z. B. gesagt, dass Er die drei Geschwister in Bethanien liebte (Joh 11,5). Es geht um „Agape-Liebe“. In Vers 36 hingegen sagen die Juden von dem Herrn: „Siehe, wie lieb hat er ihn (Lazarus) gehabt“. Hier geht es um Bruderliebe. Es gab in Lazarus etwas, das den Herrn veranlasste, ihn lieb zu haben2.

Die Briefe sprechen einige Male von der Bruderliebe. Den jung bekehrten Thessalonichern stellt Paulus das Zeugnis aus, dass er nicht einmal nötig hatte, darüber zu schreiben (1. Thes 4,9). Die Hebräer werden daran erinnert, dass die Bruderliebe bleibe (Heb 13,1). Petrus schreibt: „Da ihr eure Seelen gereinigt habt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander mit Inbrunst aus reinem Herzen“ (1. Pet 1,22). In diesem Vers ist die Bruderliebe eng mit der Liebe verbunden. Das führt uns zu der wunderbaren „Kette“ in 2. Petrus 1,5–7, die uns zugleich zeigt, welche Voraussetzungen es gibt, damit die Bruderliebe wirklich gefunden werden kann. „... so wendet ebendeshalb aber auch allen Fleiß an, und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe“. Nur die Liebe folgt auf die Bruderliebe.

Petrus spricht noch einmal von der Bruderliebe: „Endlich aber seid alle gleich gesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig“ (1. Pet 3,8). Er ist damit auf einer Linie mit der Aussage in unserem Vers, dass die Bruderliebe herzlich sein soll und dass sie in zwei Richtungen ausgeprägt sein soll (nämlich zueinander). Sie soll keine Einbahnstraße sein. Bruderliebe ist nicht eine Sache der Wortwahl und der freundlichen Ansprache, sondern der Tat und des Inneren. Sie soll herzlich sein, d. h., unsere Empfindungen werden angesprochen. Wir brauchen eine herzliche und offene Haltung zueinander, eine Haltung, die von gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen geprägt ist, eine Haltung, in der man bereit ist, die Schwächen des anderen zu ertragen und zu tragen und wo einer die Lasten des anderen trägt. Das gilt selbst dann, wenn der andere einmal nicht „freundlich“ zu uns ist.

5. In Ehrerbietung vorangehen

Das Wort Ehrerbietung kommt im Neuen Testament über vierzigmal vor und wird häufig mit „Preis“ oder „Erlös“ übersetzt. Es bedeutet zugleich – so wie in unserem Vers – „Ehre“, „Würde“ oder „Wertschätzung“. Mit Blick auf unseren Bruder sollten wir nie vergessen, dass es ein Bruder (eine Schwester) ist, für den Christus gestorben ist (Röm 14,15). Die Aufforderung, den anderen zu ehren, ist dabei sehr persönlich gehalten, denn einer soll dem anderen so begegnen und ihm vorangehen. H. Menge übersetzt hier: „in Ehrerbietung komme einer dem anderen zuvor“. Das macht ganz klar, worum es geht. Wir sollen nicht den ersten Platz für uns suchen, sondern ihn gerne dem anderen geben. Wir sind von Herzen bereit, dem anderen den Vorzug zu geben und nicht nach Vormachtstellung zu streben.

Der Herr Jesus ist erneut unser Vorbild. Obwohl Er alles war, hat Er sich selbst zu Nichts gemacht. Er hat nicht seine eigene Ehre gesucht, sondern war in der Mitte der Jünger wie der Dienende (Lk 22,27). Deshalb sagt Er seinen Jüngern: „Ihr aber nicht so; sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Führende wie der Dienende“ (Lk 22,26). Diese Haltung ist dem Streben des natürlichen Menschen völlig entgegen, denn von Natur suchen wir nach unserer eigenen Ehre, nach unserem eigenen Vorteil und stellen unsere eigenen Interessen gerne in den Vordergrund. Als Christ können und sollen wir anders sein. Wir ehren den anderen und lassen ihm gerne den Vortritt. Das gilt in Ehe und Familie ebenso wie in den Zusammenkünften und im geschwisterlichen Miteinander. Gerade dann, wenn es um die Ausübung einer Gnadengabe geht, sollte es keine Konkurrenz und kein Vordrängeln unter Geschwistern geben. Wir sollen jeden wertschätzen und höher achten als uns selbst. Wir sollen Respekt haben und Respekt zeigen. Das ist es, was Paulus den Philippern schreibt, als er ihnen das Beispiel des Herrn Jesus vorstellt: „... nichts aus Streitsucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seine sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen“ (Phil 2,3.4).

6. Nicht säumig im Fleiß

Die drei folgenden Motivationen gehören wieder zusammen und haben es mit unserem Herrn zu tun, dem wir dienen. Es beginnt mit Fleiß. Fleiß ist eine Eigenschaft, die den Christen in allen Lebensbereichen kennzeichnen sollte. Das Buch der Sprüche zeigt, welchen Stellenwert der Fleiß für Gott hat und wie sehr Er Faulheit verabscheut. In irdischen und geistlichen Aktivitäten sollen wir fleißig sein. Hier bezieht es sich besonders auf den Dienst für unseren Herrn, indem wir unsere Gnadengaben nutzen. Fleiß ist ein eifriges Verlangen, etwas zielstrebig zu erledigen. Das Wort bedeutete ursprünglich „eifrig gehen“ oder es „eilig haben“ (vgl. Mk 6,25; Lk 1,39) und steht im Gegensatz zur Trägheit. Petrus fordert uns zu geistlichem Fleiß auf und Judas gibt uns ein gutes Beispiel dafür (2. Pet 1,5; Jud 3). Es gibt in unserem geistlichen Leben Dinge, die keinen Aufschub vertragen. Wir sollen sie sofort anpacken und erledigen. Wir alle kennen unsere Entschuldigungen. Die bekannteste davon lautet wahrscheinlich: „Ich habe keine Zeit“. Ein schönes und Mut machendes Beispiel für solchen Fleiß bietet uns die tüchtige Frau in Sprüche 31. Bequemlichkeit und andere Prioritäten sind die großen Hindernisse für echten Fleiß.

Verstärkt wird die Aussage dadurch, dass wir im Fleiß nicht säumig sein sollen. Säumig zu sein bedeutet, etwas zögerlich, faul und widerwillig zu tun. Das Wort kommt außer in diesem Vers nur noch zweimal im Neuen Testament vor. Der Herr gebraucht es in Matthäus 25,26, um den faulen Knecht zu beschreiben. In Philipper 3,1 wird der Ausdruck mit „lästig sein“ übersetzt.

Vollkommen ist wie immer das Beispiel unseres Herrn. Als Er als Mensch auf dieser Erde war, diente Er unermüdlich. Gerade das Markus-Evangelium, das uns den Herrn als vollkommenen Diener zeigt, ist durch das kleine Wort „sogleich“ geprägt. Unermüdlich war unser Herr tätig, um das Werk Gottes zu vollbringen.

Für uns gilt, dass wir geistlichen Fleiß nicht mit Aktionismus verwechseln. Martha von Bethanien war zwar fleißig, dabei allerdings ruhelos im Dienst (Lk 10,41). Maria hatte das bessere Teil erwählt. Gesunder Fleiß kommt aus der Gemeinschaft mit dem Herrn hervor.

7. Im Geist inbrünstig

Das Wort „inbrünstig“ kommt nur noch einmal im Neuen Testament vor – und zwar in Apostelgeschichte 18,25. Dort wird uns ein Mann gezeigt, der „brennend“ war – und zwar wie hier „im Geist“. Es geht um Barnabas. Das Wort „inbrünstig“ leitet sich von einem Verb ab, das tatsächlich „kochen“ oder „brennen“ bedeutet. Die Frage ist, ob es sich bei dem brennenden oder feurigen Geist um den menschlichen Geist oder den Heiligen Geist handelt. Viele Ausleger neigen dazu, es mit dem menschlichen Geist zu verbinden, d. h. mit dem Inneren oder dem Gemüt des Menschen.3 Das mag gut sein, wobei völlig klar ist, dass unser Geist ohne den Heiligen Geist nie im Dienst für unseren Herrn brennen wird. Wir können also gut sagen, dass es eine innere Geisteshaltung ist, die der Heilige Geist hervorbringt und in der wir leben und dienen sollen.

Wir können das mit einer Dampflok vergleichen, die einen langen Zug ziehen soll. Es wird ihr nur gelingen, wenn genug Druck auf dem Kessel ist. Genauso müssen wir uns in unserem Leben in Bewegung setzen lassen und das geht nur, wenn wir innerlich für unseren Herrn „brennen“. Selbst wenn es von unserem Herrn nicht ausdrücklich heißt, dass Er in seinem Geist brennend war, so wissen wir doch, dass niemand so hingebungsvoll seinem Gott gedient hat, wie Er. Wenn einer sich im Dienst „verzehrt“ hat, dann Er. In Psalm 69,10 lesen wir: „Denn der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt“. An diese Aussage erinnerten sich die Jünger, als der Herr zu Beginn seines Dienstes das Haus seines Vaters (den Tempel) in Jerusalem reinigte (Joh 2,17). Die Frage für uns lautet, ob wir überhaupt brennen und wenn ja, für wen oder was wir brennen.

8. Dem Herrn dienend

Fleiß und inneres Feuer sind die Voraussetzungen, dem Herrn zu dienen. Hier ist es nicht Gott, dem wir dienen, sondern der Herr. Es geht um sein Werk. Die Aufforderung gilt allen Gläubigen und keineswegs nur denen, die sich dem Herrn – wie wir manchmal sagen – vollzeitig zur Verfügung stellen, d. h., die ihren irdischen Beruf aufgegeben haben. In 1. Korinther 15,58 wendet sich Paulus an alle Korinther und fordert sie auf: „Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn“. Es ist ein besonderer Segen, dem Herrn dienen zu können – und Ihm nicht dienen zu müssen.

Gleichwohl ist mit dem Dienst eine Verantwortung verbunden, denn wir wollen nicht vergessen, dass wir dem Herrn Christus dienen (Kol 3,24). Er ist der Dienstherr und wir sind seine Knechte. Er kann von uns erwarten, dass wir Ihm in einer dienenden Haltung gegenüber leben. Es geht hier nicht um einzelne Dienste, die wir tun, sondern um unsere Grundeinstellung. „Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kol 3,23). Der Dienst ist hier der Dienst eines Sklaven (wörtlich heißt es: „als Sklave dienend“), d. h., wir stehen dem Herrn für das zur Verfügung, was Er uns zu tun gibt. Eine etwas freiere Wiedergabe der gesamten Aussage lautet: „Setzt euch fleißig für die Sache eures Herrn ein, lasst das Feuer des Geistes in euch brennen, und steht dem Herrn jeden Augenblick zur Verfügung.“ Wir denken dabei an die Warnung aus Jeremia 48,10: „Verflucht sei, wer das Werk des Herrn lässig treibt“!

Ein ganzes Evangelium ist dem vollkommenen Diener Gottes gewidmet. Markus beschreibt uns seinen Dienst. Er war gekommen, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele (Mk 10,45). Das wird uns nicht nur gesagt, damit wir Ihn dafür bewundern und Ihm dafür danken, sondern sein Dienst hat zugleich Vorbildcharakter für unseren Dienst.4

9. Freude in der Hoffnung

Erneut haben wir drei Merkmale vor uns, die zusammengehören. Paulus ermutigt jeden Leser, sich in der Hoffnung zu freuen, im Leid geduldig zu sein und im Gebet zu verharren. Alle drei Punkte haben damit zu tun, dass wir auf unserem Lebensweg geprüft werden.

Zugleich verbindet sich die Aufforderung zur Freude in der Hoffnung mit der Aufforderung, dem Herrn zu dienen, denn Dienst und Hoffnung sind eng miteinander verbunden (vgl. 1. Thes 1,9.10). Es wäre unausgewogen, wenn wir vor lauter Dienst das Ziel aus den Augen verlieren würden. Wer dient, tut das in dem Wissen, dass der Dienst auf der Erde endlich ist. Wer hofft, nutzt die verbleibende Zeit im Dienst für den Herrn.

Die Hoffnung ist ein wichtiges Thema im Römerbrief (vgl. Kap 4,18; 5,2.4.5; 8,20.24; 15,4.13). Dabei ist die christliche Hoffnung nicht ungewiss und vage, sondern hat mit einer festen Überzeugung zu tun (Heb 11,1). Christen wissen ganz genau, dass das Schönste noch kommt. Gott selbst nennt sich sogar der „Gott der Hoffnung“ (Röm 15,13). Hoffnung ist lebensnotwendig, weil sie die nötige Freude gibt. Wir wissen, dass der Herr heute bei uns ist (Mt 28,20). Genauso wissen wir, dass wir einmal bei Ihm sein werden. Es gibt viele Zusagen im Neuen Testament, die diese Hoffnung bestätigen. Die typisch christliche Hoffnung ist, dass der Herr Jesus wiederkommt, um uns dahin zu holen, wo Er bereits ist – in das Haus seines Vaters. Und doch ist nicht das Vaterhaus (oder der Himmel) die eigentliche Hoffnung, sondern die Person, die die Herrlichkeit dieses „Ortes“ ausmacht. Die Hoffnung gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt, wenn das Unsichtbare einmal durch das Sichtbare ersetzt wird. Deshalb ist es eine „glückselige Hoffnung“ (Tit 2,13).

Die Freude in der Hoffnung, von der Paulus hier schreibt, bedeutet allerdings nicht zuerst, dass wir uns über das freuen, worauf wir hoffen, (das tun wir natürlich auch). Paulus sieht den Grund zur Freude vielmehr darin, dass wir die christliche Hoffnung kennen, einmal bei unserem Herrn zu sein. Die Tatsache, dass wir jetzt schon wissen, dass uns die herrliche Gegenwart des Herrn erwartet, erfüllt das Herz heute schon mit Freude. Dazu will Paulus uns ermuntern.

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr überreich seid in der Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes“ (Röm 15,13). Das ist das letzte Mal, dass Hoffnung im Römerbrief erwähnt wird. Wir wollen uns die Frage stellen, ob wir wirklich etwas von dieser Freude kennen oder ob es sich im Wesentlichen darauf beschränkt, die Hoffnung zu kennen?

10. Ausharren in Trübsal

Unsere Hoffnung hat sich noch nicht realisiert. Sie gibt uns jedoch Freude ins Herz. Zugleich wissen wir, dass es in der Welt Trübsal gibt. Das hat der Herr Jesus selbst seinen Jüngern gesagt: „In der Welt habt ihr Bedrängnis (Trübsal); aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Das Wort „Trübsal“ wird an anderen Stellen mit „Drangsal“ oder „Bedrängnis“ übersetzt. Es kommt im Römerbrief fünfmal vor (Röm 2,9; 5,3; 8,35; 12,12). Es beschreibt Situationen, die von innerem oder äußerem Druck, von Not oder von Angst geprägt sind. 2. Korinther 4,17 sagt zwar, dass die Trübsal schnell vorübergeht (das ist die Sichtweise Gottes), dennoch ist darin unbedingt Ausharren nötig, denn die Gefahr besteht, dass wir in Trübsalen wankend werden (1. Thes 3,3). Deshalb sollen wir lernen, im Leid geduldig zu sein. Wir wissen aus Erfahrung, wie schwierig das ist.

Es gibt typischerweise zwei Reaktionen auf Drucksituationen im Leben. Die erste ist Resignation und die zweite ist Rebellion (Auflehnung). Doch ist weder die eine noch die andere Reaktion richtig. Gott möchte, dass wir ausharren. Ausharren bedeutet eigentlich, dass wir „unter etwas bleiben“. Wir sind also bereit, etwas ruhig zu ertragen, was uns nicht gefällt und unangenehm ist. Dabei hat Ausharren in den meisten Fällen mit schwierigen Umständen zu tun, während Langmut mehr mit schwierigen Menschen zu tun hat.

In Apostelgeschichte 14,22 lesen wir, dass wir durch viele Trübsale in das kommende Reich Gottes eingehen. Trübsale gehören zum Leben dazu und deshalb brauchen wir Ausharren. Der Schlüssel zu diesem Ausharren liegt darin, alles aus Gottes Hand anzunehmen und nicht die Umstände (oder Menschen) zu beschuldigen und darüber zu klagen. Nur so können wir uns der Trübsale sogar rühmen. „Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt“ (Röm 5,3). Erneut ist Trübsal mit Ausharren verbunden. Trübsal führt zu Ausharren und Ausharren bewirkt Bewährung, die Gott gerne in unserem Leben sehen möchte.

Es wundert uns nicht, dass die Bibel über das Ausharren unseres Herrn schreibt. Paulus erwähnt in 2. Thessalonicher 3,5 das „Ausharren des Christus“. Das bezieht sich allerdings nicht auf sein Ausharren auf der Erde, sondern jetzt im Himmel. Der Schreiber des Hebräerbriefes spricht allerdings gleich zweimal von dem Ausharren des Herrn, das Ihn als Mensch auf der Erde prägte. In Hebräer 12,2 fordert er dazu auf, den Anfänger und Vollender des Glaubens zu betrachten, der für „die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete“. Dann fährt er fort: „Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet“ (Heb 12,3). Das Wort „erdulden“ ist in beiden Fällen identisch mit dem Wort „ausharren“. Eine größere Drucksituation als das Kreuz ist nicht denkbar. Dennoch hat Christus dort ausgeharrt. Dort haben die Menschen dem Herrn aufs Äußerste widersprochen und Er hat sich nicht gewehrt. Er ist „darunter geblieben“. Wir werden ausdrücklich aufgefordert, dieses Beispiel zu betrachten, damit wir nicht müde und matt werden.

11. Anhaltend im Gebet

Ausharren zu lernen wird nicht ohne anhaltendes Gebet gehen. Das Gebet ist eine besondere Möglichkeit, die Gott uns gegeben hat, mit Ihm – unserem himmlischen Vater – zu reden. In seinem Wort redet Gott zu uns. Im Gebet reden wir mit Ihm. So wird die Kommunikation mit Ihm aufrechterhalten. Das Gebet ist zu Recht als das Atmen der Seele bezeichnet worden. Es gibt in der Bibel viele Aufforderungen zum Gebet. Ich möchte hier nur an eine erinnern, die viele Bibelleser gut kennen: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6). Es gibt nichts, was wir unserem Gott nicht sagen könnten.

Doch es geht nicht nur um das Gebet, sondern es geht um anhaltendes Gebet. Anhalten hat wiederum mit Ausharren zu tun. Das Wort bedeutet, dass man in etwas ausharrt und standhaft bleibt, dass man eifrig mit etwas beschäftigt ist. In Römer 13,6 wird das mit „unablässig tätig“ übersetzt. Kolosser 4,2 gebraucht das gleiche Wort und sagt: „Verharrt im Gebet“. Im Gebet werden Siege errungen (Röm 15,30). Im Gebet wird der Arm Gottes bewegt (Jak 5,17.18). Im Gebet wird Ausharren gelernt (Kol 1,11). Das Gebet bringt Kraft in das Leben und Friede ins Herz. Es gehört zu den schlechtesten Dingen, das Gebet zu vernachlässigen.

Paulus selbst war ein gutes Beispiel für anhaltendes Gebet. Er hatte den Römern vorher geschrieben: „... allezeit flehend in meinen Gebeten, ob ich vielleicht endlich einmal durch den Willen Gottes so glücklich sein möchte, zu euch zu kommen“ (Röm 1,10; vgl. 1. Thes 3,10). Gewiss, die Umstände dieses Gebets waren anders und doch betete Paulus „allezeit“. Darüber hinaus denken wir vor allem an das Beispiel unseres Herrn, der eine ganze Nacht im Gebet zu Gott verharrte (Lk 6,12) und von dem wir sogar lesen, dass Er stets im Gebet war (Ps 109,4). Sein Beispiel ist und bleibt unübertroffen.

Wir kennen wahrscheinlich alle den Ausdruck: „Jetzt hilft nur noch beten“. Natürlich bleibt diese Möglichkeit immer erhalten und doch ehrt es unsern Gott nicht, wenn wir nicht nur dann beten, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und sich als nicht hilfreich erwiesen haben. Wir sollten das Gebet nicht permanent als „Notausgang“ gebrauchen. Gebet soll nicht die letzte, sondern die erste Zuflucht sein. Wir wollen von den ersten Christen lernen, die im Gebet verharrten (Apg 2,42). Das ist keine krampfhafte und erzwungene Haltung, sondern etwas, worin wir ständig geübt sein sollten.

12. Teilnahme an den Bedürfnissen der Heiligen

Die nächsten beiden Merkmale verbinden sich mit den Beziehungen zu Menschen, im ersten Fall ausdrücklich zu Gläubigen (Bedürfnisse der Heiligen), im zweiten Fall (Gastfreundschaft) sind ungläubige Menschen miteingeschlossen. Zugleich können wir ebenfalls eine Verbindung zu dem ziehen, was vorher gesagt wurde, denn nicht nur wir selbst kennen Situation, in denen wir Druck haben. Es gibt ebenso Glaubensgeschwister, die Bedürfnisse haben, an denen wir teilnehmen sollen. Darüber hinaus verbindet uns das Gebet miteinander am Thron der Gnade. Doch das ist nicht alles. Natürlich kennt Gott die Bedürfnisse aller Heiligen und entspricht ihnen (Phil 4,19). Dennoch gilt die Aufforderung, an diesen Bedürfnissen teilzunehmen, hier jedem von uns. Es ist nicht damit getan, die Bedürfnisse der Heiligen im Gebet vor Gott auszubreiten. Es ist mehr. Es kann sein, dass Gott uns – dich und mich – gebrauchen möchte, anderen in ihrer Not zu helfen. Deshalb sollen wir an den Bedürfnissen der Heiligen teilnehmen – und das nicht nur im Gebet, sondern aktiv.

Es handelt sich hier nicht – wie in Vers 8 – um eine Gnadengabe, sondern jeder von uns ist gemeint. Es gibt Bedürfnisse der Heiligen und ihnen soll entsprochen werden. „Heilige“ sind solche, die Gott gehören (vgl. die Erklärung zu dem Ausdruck „heilig“ in Vers 1). Unserer Stellung nach sind wir Heilige, d. h., wir gehören Gott. Dennoch steht das hier nicht ohne Grund. Gott hat ein Auge und ein Herz für solche, die Ihm gehören. Wir sollten das ebenso haben. Um an den Bedürfnissen der Heiligen teilnehmen zu können, müssen wir sie erstens sehen, zweitens müssen wir sie zu Herzen nehmen und drittens sollen wir aktiv werden. Ein Bedürfnis ist etwas, das nötig ist. Das Wort beschreibt einen Zwang, eine Notwendigkeit, eine Not oder einen Mangel. Es gibt materielle Bedürfnisse (das mag hier in erster Linie gemeint sein) und es gibt geistliche Bedürfnisse. In beiden Fällen werden wir zur Teilnahme aufgefordert.

An etwas teilnehmen bedeutet eigentlich etwas gemeinsam zu besitzen oder zu tun. Es kann auch bedeuten, dass man einen Beitrag zu etwas leistet. Das Wort ist mit dem Wort für „Gemeinschaft“ verwandt. Es hat eine breite Bedeutung und kann sich auf materielle und geistliche Dinge beziehen (Röm 15,27), ebenso auf Personen (1. Tim 5,22). Wer anderen in ihrer Not hilft, wird ihr Genosse. Teilnahme ist mehr als eine Pflicht zu erfüllen und „nur“ zu helfen. Wenn wir der Aufforderung von Paulus nachkommen, identifizieren wir uns mit den Bedürfnissen anderer. Es ist klar, dass das mehr bedeutet, als etwas Geld in die Kollekte einzulegen (so wichtig das ist). Es ist vielmehr mit Interessen und Gemeinschaft verbunden.

In Römer 15,27 benutzt Paulus dieses Wort noch einmal. Er schreibt: „Es hat ihnen nämlich wohlgefallen, auch sind sie ihre Schuldner. Denn wenn die Nationen ihrer geistlichen Güter teilhaftig geworden sind, so sind sie schuldig, ihnen auch in den leiblichen zu dienen“. In diesem Sinn teilen wir geistliche und materielle Güter. Ein schönes Beispiel dafür ist Philemon. Paulus stellt ihm folgendes Zeugnis aus: „Denn ich hatte große Freude und großen Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind“ (Phlm 7). Das war Teilnahme an geistlichen Bedürfnissen. Ein weiteres Beispiel sind die Gläubigen in Griechenland, die ihren Glaubensgeschwistern in Jerusalem geholfen haben. Paulus schreibt über sie: „Denn es hat Mazedonien und Achaja wohlgefallen, einen gewissen Beitrag zu leisten für die Bedürftigen unter den Heiligen, die in Jerusalem sind“ (Röm 15,26). Hier ist „Beitrag“ das gleiche Wort, das sonst oft mit „Gemeinschaft“ übersetzt wird. Es ist Liebe in „Tat und Wahrheit“ (1. Joh 3,18).

Nie hat es einen Menschen gegeben, der sich so um die Bedürfnisse der Menschen gekümmert hat, wie unser Herr. Er hatte ein offenes Auge für die Nöte der Menschen. Sein Herz wurde bewegt, wenn Er das Elend sah, das Ihn umgab. Und Er hat allen Bedürfnissen voll und ganz entsprochen und daran teilgenommen. In Jesaja 53,4 lesen wir: „Doch er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen“. Das hat sich nicht am Kreuz realisiert, denn dort wurde Er mit unseren Sünden beladen. Nein, in seinem Leben hat er die Leiden getragen und die Schmerzen auf sich geladen. Er hat sich mit der Not und dem Elend der Menschen voll und ganz identifiziert. Unser Herr selbst hat gesagt: „Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2,17). Es ist interessant zu bemerken, dass das Wort „brauchen“ mit dem Wort „Bedürfnis“ in unserem Vers verbunden ist.

13. Nach Gastfreundschaft trachten

Gastfreundschaft zu üben geht noch einen Schritt weiter als an den Bedürfnissen der Heiligen teilnehmen. Einerseits ist es mehr als „nur“ an Bedürfnissen teilzunehmen, denn wer Gastfreundschaft übt, gibt in der Regel mehr als das Bedürfnis des anderen nötig macht. Andererseits ist Gastfreundschaft nicht nur auf „die Heiligen“ beschränkt, denn das Wort bedeutet eigentlich „Liebe oder Freundlichkeit für Fremde“. Nun können das durchaus Gläubige sein, die auf der Reise sind und die man nicht kennt (3. Joh 5). Es können allerdings ebenso Ungläubige sein, denen wir ein Wegweiser zum Heiland der Welt sein wollen. Gastfreundschaft zu üben ist in der Tat eine großartige Gelegenheit, das Evangelium weiterzugeben und mit Menschen ins Gespräch zu kommen.5

Wer Gastfreundschaft übt, öffnet Haus und Wohnung für andere und lässt Menschen für einen kürzeren oder längeren Zeitraum an seinem Leben teilnehmen. Gastfreundschaft ermöglicht Kommunikation und Hilfestellung. Das hatte damals ein ganz anderes Gewicht als heute, denn es gab Menschen, die auf der Reise waren und eine Unterkunft suchten oder Menschen, die nichts hatten und vielleicht sogar auf der Flucht waren. Gerade in einer Metropole wie Rom ist das sehr gut denkbar.6 Hinzu kam, dass diejenigen, die andere aufnehmen sollten, oft selbst nicht sehr viel hatten. Man gewinnt ohnehin den Eindruck, dass zunehmender Wohlstand mit sinkender Gastfreundschaft einhergeht. Gerade in ärmeren Ländern erlebt man heute noch oft eine herzliche Gastfreundschaft, die uns in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften weitgehend verloren gegangen ist.

Das Wort „trachten“ kann auch mit „nachstreben“ oder „verfolgen“ übersetzt werden. Es beschreibt hier ein bereitwilliges Bemühen oder ein aktives Streben. Es ist nicht nur passiv (nach dem Motto: wenn es nicht anders geht), sondern es ist etwas, das aktiv ist. Lydia „nötigte“ Paulus und seine Begleiter, in ihr Haus zu kommen (Apg 16,15). Sie trachtete nach Gastfreundschaft.

Andere Stellen ermutigen uns ebenfalls zur Gastfreundschaft: „Die Gastfreundschaft vergesst nicht, denn durch diese haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Heb 13,2). „Seid gastfrei gegeneinander ohne Murren“ (1. Pet 4,9). Wir lernen erstens, dass Gastfreundschaft leicht vergessen werden kann. Wir lernen zweitens, dass Gastfreundschaft ein großer Segen ist. Wir lernen drittens, dass es keine Einbahnstraße sein muss, sondern dass wir „gegeneinander“ gastfrei sein sollen. Wir lernen viertens, dass die innere Haltung stimmen muss. Wir sollen es ohne Murren tun.

Wir fragen uns, inwieweit der Herr Jesus Gastfreundschaft geübt hat. Wir sind eher mit dem Gedanken vertraut, dass Er Gastfreundschaft angenommen und genossen hat – besonders in dem Haus der drei Geschwister in Bethanien. Als mittelloser Fremdling hatte Er kein Haus, das Er sein Eigentum nannte. Und doch: In Markus 14,14 spricht Er von „seinem Gastzimmer“ und fordert die Jünger auf, dem Hausherrn zu sagen: „Wo ist mein Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann“. Wir wissen um die Bedeutung dieses Gastzimmers und der Passahfeier. Dennoch wollen wir es einmal ganz praktisch nehmen: Der Herr hatte ein Gastzimmer und teilte es dort mit seinen Jüngern. Insofern ist Er tatsächlich selbst als Gastgeber unser Vorbild.

14. Segnet und flucht nicht

Einige Ausleger sehen hier insofern einen Wechsel, als dass es jetzt mehr um ungläubige Menschen geht, die uns Widerstand entgegenbringen. Einerseits ist das so und doch gibt es andererseits eine Verbindung zu Vers 13. Gastfreundschaft zu üben ist eine Form des Segens. Der Christ ist sogar in der Lage, solchen Menschen gegenüber freundlich zu sein und die aufzunehmen, die ihn verfolgen. Hinzu kommt, dass das Wort „verfolgen“ exakt das Wort ist, das vorher für „nachstreben“ benutzt wird. Es ist positiv und negativ belegt. Andererseits muss die Verfolgung und Fluch nicht ausschließlich von Ungläubigen ausgehen. Leider können selbst Gläubige solche sein, die anderen zusetzen.

Es gibt leider Menschen, die uns verfolgen und uns fluchen. Verfolgen bedeutet „nach etwas oder jemanden streben“. Das Wort wird meistens mit „verfolgen“ oder „nachstreben“ übersetzt. Verfolgung hatte für die ersten Christen häufig eine ganz andere Dimension als für uns heute – zumindest in der westlichen Welt. Dabei wollen wir nicht vergessen, wie viele Christen aktuell verfolgt werden und wie viele immer noch ihr Leben als Märtyrer lassen.7 Für solche Christen hat diese Aufforderung eine ganz andere Dimension als für uns. Dennoch gilt, dass jeder, der gottselig leben will in Christus Jesus, verfolgt werden wird (2. Tim 3,12). Eine mögliche Erklärung dafür finden wir in Galater 4,29. Dort heißt es, dass Ismael Isaak verfolgte. Das bezieht sich auf das Verhalten Ismaels seinem jüngeren Halbbruder gegenüber. In 1. Mose 21,9 heißt es dazu, dass er ihn verspottete. Offensichtlich wertet Gott Spott als eine Art Verfolgung und dann kommt uns dieses Thema doch zumindest etwas näher.

Die Frage ist, wie wir darauf reagieren. Niemand wird gerne verfolgt und verspottet. Niemand wird gerne von anderen bloßgestellt und verlacht. Gerade deshalb werden wir erstens zweimal aufgefordert zu segnen und dann wird zweitens noch hinzugefügt, dass wir nicht fluchen sollen.

Jemanden zu segnen hat im Neuen Testament eine dreifache Bedeutung:

  • Wenn Gott uns segnet, gibt Er uns Gutes.
  • Wenn wir Gott segnen, loben und preisen wir Ihn.
  • Wenn wir Menschen segnen, bitten wir um Gottes Segen für sie und sprechen gut von ihnen.

In der dritten Bedeutung kommt das Wort im Neuen Testament außer in unserem Vers nur noch in 1. Korinther 4,12 und 1. Petrus 3,9 vor. In der Regel ist es entweder Gott, der uns segnet oder wir preisen Ihn. Es liegt auf der Hand, worum es in unserem Vers nicht geht. Die Bibel spricht an keiner Stelle davon, dass wir andere Gläubige in ein Amt oder eine Aufgabe „einsegnen“ oder ihnen durch das Auflegen unserer Hände eine besondere Würde verleihen. Dieser Gedanke ist dem Neuen Testament völlig fern. Gemeint ist, dass wir darauf fixiert sein sollen und wünschen sollen, dass es anderen gut geht, selbst wenn sie uns verfolgen. Fluchen ist gerade das Gegenteil von segnen und verstärkt die Aussage hier. Man verwünscht jemand und wünscht ihm Schlechtes. Genau das sollen wir nicht tun. Die Zeitform macht klar, dass wir das eine beständig tun und das andere beständig lassen sollen. Der bereits angeführte Vers in 1. Petrus 3 lautet: „Endlich aber seid alle gleich gesinnt, mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig, demütig, und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt. Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte seine Zunge vom Bösen zurück und seine Lippen, dass sie nicht Trug reden“ (1. Pet 3,8.9).

Der Herr Jesus belehrte seine Jünger so: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44.45). Genau das hat Er vorgelebt. Er wurde verfolgt wie nie ein Mensch vorher (Joh 15,20). Und nie ist ein Mensch so verspottet worden wie Er – mit Worten und in Handlungen. Prophetisch sagt Er: „Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reißen die Lippen auf, schütteln den Kopf“ (Ps 22,8). Dennoch hat der Herr seine Feinde nicht verflucht, sondern hat für sie gebetet (Lk 23,34).

15. Freude und Leid teilen

Die beiden nächsten Punkte gehören untrennbar zusammen, so dass wir sie zusammen behandeln. Es geht um wechselhafte Lebensumstände im Leben eines Menschen. Freude und Leid kennzeichnen – wenngleich unterschiedlich ausgeprägt – den Lebenslauf jedes Menschen. Wir mögen bei der Aufforderung vornehmlich (und mit Recht) an Glaubensgeschwister denken, es wird jedoch nicht explizit gesagt, sodass wir den Hinweis durchaus auf ungläubige Mitmenschen ausweiten können.

In beiden Fällen geht es nicht um etwas, das wir nach außen hin zur Schau stellen. Es geht um innere Teilnahme. Hier geht es wieder darum, etwas zu teilen. Wir teilen die Freude mit denen, die sich freuen und wir teilen das Leid mit denen, die weinen. Schon in der Welt heißt es: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ und „geteilte Freude ist doppelte Freude“. Wie viel mehr wollen wir Christen das beherzigen.

Beides zu praktizieren ist nicht einfach und entspricht in den meisten Fällen nicht unserer Natur. Man könnte fast geneigt sein zu sagen, dass das wirkliche Teilen der Freude noch schwieriger ist, als Leid zu teilen. Um Leid zu teilen muss man innerlich bereit sein, Empfindungen, Gedanken, Persönlichkeitsmerkmale und Motive einer anderen Person zu erkennen, sie in etwa zu verstehen und nachzuempfinden. Um Freude zu teilen, braucht man vor allem eine edle Gesinnung. Dabei bedeutet Freude zu teilen nicht einfach Spaß zusammen zu haben, sondern hier geht es weiter. Ein anderer hat Grund sich zu freuen und wir haben diesen Grund nicht. Dennoch freuen wir uns mit dem anderen. Freude steht hier dem Neid und der Eifersucht entgegen. Ein Beispiel für gemeinsame Freude – in beide Richtungen – finden wir in Philipper 2,17.18. Paulus wollte ein „Mitarbeiter an eurer Freude“ sein (2. Kor 1,24). Wahre Liebe unter Gläubigen findet immer einen Grund, an der Freude anderer teilzunehmen. Als der Herr Jesus zu einer Hochzeit eingeladen war, hat Er die Einladung nicht ausgeschlagen. Es heißt zwar nicht ausdrücklich, dass Er sich mitgefreut hat, dennoch können wir es uns nicht anders vorstellen.

Mit anderen zu weinen schließt aus, schadenfroh zu sein, wenn es dem anderen schlecht geht. Es schließt aus, dass wir gar Genugtuung empfinden. Nein, wir nehmen echten Anteil und trauern mit. Salomo findet sehr deutliche Worte: „Wer den Armen verspottet, verhöhnt den, der ihn gemacht hat; wer über Unglück sich freut, wird nicht für schuldlos gehalten werden“ (Spr 17,5). Ein gutes Beispiel sind die Freunde Hiobs (Hiob 2,12.13), obwohl sie später große Fehler gemacht haben. Zu Beginn war es echtes Mitleiden und Mitweinen mit ihrem Freund. Ihr Mitleid kam von Herzen. Das ist eine Eigenschaft, die man nicht einfach lernt.

Zu weinen und mitzuleiden bedeutet nicht, dass man schwächlich oder sentimental ist. Der Herr Jesus selbst ist jetzt als Hoherpriester bei Gott und Er leidet mit uns (Heb 4,15). Er hat vollkommenes Mitgefühl, so wie Er es auf der Erde hatte, als Er innerlich bewegt war, wenn Er die Not anderer sah. Sie hat Ihn zu keinem Zeitpunkt gleichgültig gelassen. Am Grab seines Freundes Lazarus hat Er sogar Tränen geweint (Joh 11,35). Paulus schreibt den Korinthern. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1. Kor 12,26). Es ist klar, dass die eigentliche Bedeutung dieses Verses eine andere ist,8 dennoch können wir das einmal praktisch auf die hier gegebene Aufforderung anwenden.

16. Gleichgesinnt sein

Paulus spricht als nächstes das Miteinander an. Wieder sind es drei Punkte, die zusammengehören, nämlich gleich gesinnt zu sein gegeneinander, nicht auf hohe Dinge zu sinnen, sondern sich zu den Niedrigen zu halten und nicht klug bei uns selbst zu sein.

Zu sinnen bedeutet, den Geist zu üben, ein Gefühl oder eine Meinung zu haben. Es ist ein Wort, das in Philipper 2,2 gleich zweimal vorkommt: „so erfüllt meine Freude, dass ihr gleich gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes“. In Römer 15,5 wird diese Aufforderung gleich gesinnt zu sein wiederholt: „Der Gott des Ausharrens und der Ermunterung aber gebe euch, gleich gesinnt zu sein untereinander, Christus Jesus gemäß“.

Wir sahen schon, dass es im Volk Gottes nicht um Uniformität geht. Wir müssen nicht in allen Fragen des Lebens dieselbe Meinung haben. Das geht gar nicht und wäre darüber hinaus sogar langweilig. Wichtig ist vielmehr, dass wir in allem die Gesinnung (die Denkweise) des Herrn Jesus haben. Die Richtung muss stimmen, d. h., wir gehen in Demut und Wertschätzung füreinander den Weg zusammen. Paulus schreibt den Philippern: „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). Die Präposition „in euch“ kann alternativ mit „unter euch“ übersetzt werden. Zum einen soll jeder für sich die Gesinnung des Herrn Jesus offenbaren, zum anderen soll sie unsere Beziehungen untereinander regeln. Deshalb sagt Paulus hier auch: „Seid gleichgesinnt gegeneinander“. Worin die Gesinnung des Herrn bestand, wird in Philipper 2 eindringlich dargelegt. Er dachte nicht an sich selbst, sondern an andere. Es geht also nicht um Uniformität in allen Ansichten und Verhaltensweisen, sondern um harmonische Beziehungen untereinander, die dadurch geprägt sind, dass einer den anderen höher achtet als sich selbst und nicht auf eigenen Rechten besteht.

17. Nicht auf hohe Dinge sinnen

Der Gedanke der Gesinnung wird fortgesetzt. Es geht immer noch um die Gedankenrichtung, die wir haben, die Denkweise, die uns prägt. Wir sollen unser Augenmerk nicht auf hohe Dinge richten. Wörtlich heißt es nur „auf Hohe“ – das Wort „Dinge“ steht im Grundtext nicht. Es müssen nicht nur Dinge sein, sondern es kann sich ebenso um hohe (bekannte, berühmte) Menschen handeln. Etwas, das hoch ist, ist erhaben, hochmütig oder hochtrabend. Es entspricht der alten Natur, danach zu streben. Der Herr Jesus sagt dazu unmissverständlich: „was unter den Menschen hoch ist, die ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15). Gott warnt wiederholt vor Hochmut und dem Streben nach hohen Dingen. Dem Ehrgeiz des Menschen widerstrebt eine solche Warnung, denn wir wollen gerne hoch hinaus. Doch wir sollen immer „Bruder unter Brüdern“ und „Mensch unter Menschen“ sein. Das gilt nicht nur im Gemeindeleben, sondern ebenfalls in der Gesellschaft und im Berufsleben.

Stattdessen sollen wir uns zu den Niedrigen halten. Niedrig zu sein und niedrig zu denken hat mit Demut zu tun. Das Wort „niedrig“ wird an anderen Stellen mit „demütig“ übersetzt. Zum ersten Mal kommt es im Neuen Testament in Matthäus 11,29 vor, wo wir das vollkommene Beispiel haben. Der Herr sagt dort: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen“. Zu einer anderen Gelegenheit sagte Er seinen Jüngern: „Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die, die Gewalt über sie ausüben, werden Wohltäter genannt. Ihr aber nicht so; sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“ (Lk 22,25–27). Der Herr Jesus hat das perfekt vorgelebt. Obwohl Er alles war, strebte Er als Mensch nicht nach hohen Dingen, sondern war demütig und niedrig gesinnt.

Demut ist eine Herzenshaltung, die sich darin äußert, dass wir nichts von uns selbst halten. Wer so geprägt ist, wird sich ohne Mühe zu den niedrigen (Menschen) halten. Sich zu „halten“ bedeutet wörtlich zu „führen“ oder „zusammen wegbringen“. Die Zeitform macht deutlich, dass man sich jederzeit bereitwillig bestimmten Umständen anpasst. Sich zu den Niedrigen zu halten, soll eine Lebensgewohnheit werden.

Es gibt in unseren Gesellschaften – ebenso wie im Volk Gottes – soziale Unterschiede, die wir akzeptieren, ohne nach dem Höheren zu streben. Für alle gilt jedoch, dass wir uns zu den Niedrigen halten sollen. Das bedeutet nicht, dass sich jemand zu einem anderen herablassen soll. Wenn das so wäre, dann wäre er hoch, sonst könnte er sich ja nicht herablassen. Im Gegensatz zu unserem Herrn (der tatsächlich der Hohe und Erhabene ist) sind wir – unabhängig von unserer sozialen Stellung – nichts. Wenn wir also meinen, uns herablassen zu müssen, ist das im Grunde eine versteckte Form des Hochmuts. Nein, wir sollen uns von Herzen als einer von allen anderen betrachten und den anderen höher achten als uns selbst. Zweimal sagt uns das Neue Testament, dass Gott den Hochmütigen widersteht und den Demütigen Gnade gibt (Jak 4,6; 1. Pet 5,5). In beiden Versen wird für „Demut“ das gleiche Wort gebraucht wie in unserem Vers.

18.Keine eigene Klugheit

Wer die Gesinnung des Herrn offenbart und sich zu den Niedrigen hält, wird dieser Aufforderung ebenfalls gerne nachkommen. Wir sollen uns nicht selbst für klug halten. Es gibt nicht nur soziale Unterschiede unter den Menschen (und den Gläubigen), es gibt ebenso intellektuelle Unterschiede (Ausbildung, Wissen usw.). Die Klugheit bezeichnet hier allerdings eine praktische Weisheit, die es mehr mit den praktischen und konkreten Situationen des Lebens zu tun hat. Es ist nicht so sehr die abstrakte Weisheit, die es mehr mit dem Geist und den Gedanken des Menschen zu tun hat. Wer solche Fähigkeiten hat, wer seinen Verstand richtig einzusetzen weiß und einsichtsvoll ist, kann dafür von Herzen dankbar sein. Er soll sich jedoch nichts darauf einbilden und nicht in seinen eigenen Augen klug sein. Es könnte sein, dass Paulus hier auf Sprüche 3,7 anspielt: „Sei nicht weise in deinen Augen, fürchte den Herrn und weiche vom Bösen“. Wer klug in seinen Augen ist, hält sich ganz bestimmt nicht zu den Niedrigen, sondern er hält etwas von sich selbst. „Siehst du einen Mann, der in seinen Augen weise ist – für einen Toren ist mehr Hoffnung als für ihn“ (Spr 26,12).

Wenn wir an unseren Herrn denken, dann ist uns allen klar, dass niemand so einsichtsvoll und weise war wie Er. Von Ihm wird gesagt: „Ich, Weisheit, bewohne die Klugheit und finde die Erkenntnis der Besonnenheit“ (Spr 8,12). Als Er im Alter von 12 Jahren im Tempel war, gerieten alle, die ihn hörten „außer sich über sein Verständnis“ (Lk 2,47). Dennoch finden wir nicht, dass Er als Knabe die Gesetzeslehrer belehrt und korrigiert hätte, sondern Er befragte sie und gab Antworten auf ihre Fragen. Er war nicht „klug bei sich selbst“, sondern bescheiden und zurückhaltend.

19. Böses nicht mit Bösem vergelten

Die Verse 17 und 18 bilden eine weitere Einheit von drei Merkmalen, bei denen es um unsere Beziehungen mit allen Menschen geht. Zuerst heißt es „niemand“. Danach wird zweimal ausdrücklich von „allen Menschen“ gesprochen. Das schließt die Ungläubigen jedenfalls mit ein. Man könnte sogar denken, dass Paulus sie ganz besonders im Auge hat.

Das Wort „vergelten“ bedeutet so viel wie „bezahlen“, „heimzahlen“ oder „zurückgeben“. Es wird für Gutes und Schlechtes gebraucht. Der Text betont das Wort niemand. Es gibt also keine Ausnahme. Das in dieser Welt durchaus übliche Prinzip „wie du mir, so ich dir“ kann für Christen kein Lebens- und Handlungsprinzip sein. Wir verhalten uns anders, denn unser Herr hat es uns anders gelehrt und vorgelebt. In der Bergpredigt sagt Er seinen Jüngern: „Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin“ (Mt 5,39). Das hat Er nicht nur gesagt, sondern Er hat es praktiziert, denn wir lesen von Ihm, dass Er gescholten, nicht wiederschalt und leidend, nicht drohte (1. Pet 2,23). Gerade die Nacht, in der Er überliefert wurde, liefert uns ein eindrückliches Beispiel davon, wie unser Herr mit Bösem umging, das Ihm angetan wurde. Er hat es nicht mit Bösem vergolten. Stephanus zeigt uns, dass es nicht unmöglich ist, unserem Herrn in dieser Fußspur zu folgen (Apg 7,60). Ein alttestamentliches Beispiel ist Joseph, der seinen Brüdern nicht nach ihren Taten vergolten hat. Und doch wissen wir aus Erfahrung, wie schwer es uns oft fällt, nicht auf Vergeltung bedacht zu sein. Wenn wir das tun, beantworten wir „Fleisch mit Fleisch“ und das kann nie nach den Gedanken Gottes sein. Paulus schreibt an anderer Stelle: „Seht zu, dass niemand Böses mit Bösem jemand vergelte, sondern strebt allezeit dem Guten nach, sowohl zueinander als auch zu allen“ (1. Thes 5,15).

Der Grundtext gebraucht hier für „Böses“ ein anderes Wort als in Vers 9. Dort ging es um Böses, das vor allem anderen schaden will. Hier steht ein Wort, das etwas beschreibt, das dem Wesen und der Neigung nach böse ist. Es ist Böses im weitesten Sinn. Wir finden es noch einmal in Vers 21, wo wir aufgefordert werden, das Böse mit dem Guten zu überwinden.

Es ist klar, dass es hier um unsere persönliche Reaktion geht, wenn wir mit Bösem konfrontiert werden. Wir sollen keine Selbstjustiz üben – weder in Worten noch in Taten. Es geht ausdrücklich nicht um das, was eine Regierung tun muss, „denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der das Böse tut“ (Röm 13,4). Der Vers kann des Weiteren nicht dazu missbraucht werden, um das – manchmal – notwendige Handeln einer örtlichen Versammlung auszuhebeln, die Zucht üben und den Bösen „bestrafen“ muss (2. Kor 2,6).

20. Ehrbar leben

Wieder wird dem Negativen das Positive gegenübergestellt. Wir sollen das eine lassen und das andere unbedingt tun. Ehrbar zu leben geht weiter, als „nur“ Böses nicht nur mit Bösem zu vergelten. Ehrbar zu leben schließt ein, dass wir Gutes tun. Deshalb übersetzen andere hier: „Seid bedacht auf das Gute vor allen Menschen“. Böses nicht zu tun heißt ja noch lange nicht, auf das Gute bedacht zu sein. Das Wort „ehrbar“ beschreibt etwas, das gesund, schön, brauchbar, löblich und sittlich gut ist. C. Briem erklärt es so, dass es „dem Wesen und der Ästhetik nach gut ist; lieblich, wertvoll und tugendhaft nach Erscheinung und Gebrauch; betont den Eindruck auf andere“.9 Dem Korinther stellt Paulus sein eigenes Beispiel vor und gebraucht dasselbe Wort: „denn wir sind auf das bedacht, was ehrbar ist, nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen“ (2. Kor 8,21).

Im Titusbrief finden wir einige Stellen, wo für „gute“ Werke gerade dieses Wort steht (Tit 2,7.14; 3,8.14). Hebräer 10,24 gebraucht ebenfalls das Wort und sagt: „Lasst uns aufeinander Acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken“. Dazu können wir uns gegenseitig ermutigen. Die Nutznießer sind nicht nur unsere Glaubensgeschwister, sondern alle Menschen (Tit 3,8). Wir sollten an dieser Stelle nicht zu eng denken. Galater 6,10 sagt uns: „Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegenüber allen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens“. Der Herr Jesus ging umher „wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38). Er hatte ohne Frage ein besonderes Auge und Herz für die Seinen, hat darüber jedoch nie die Menschen übersehen, mit denen Er täglich im Kontakt war.

Die Aufforderung lautet, auf das bedacht zu sein, was ehrbar ist. Es geht nicht um etwas, das wir dem Zufall überlassen und es praktizieren, wie es sich gerade ergibt. Auf etwas bedacht zu sein bedeutet nämlich, etwas vorher zu bedenken und entsprechend vorzusorgen. Außer in unserem Vers kommt es noch zweimal im Neuen Testament vor. In 2. Korinther 8,21 lesen wir – sehr ähnlich wie hier: „... denn wir sind auf das bedacht, was ehrbar ist, nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen“. In 1. Timotheus 5,8 geht es darum, dass jemand nicht für die Seinen und besonders für die Hausgenossen sorgt.

Es fällt auf, dass Paulus nicht sagt: „ehrbar für die Menschen“, sondern „vor den Menschen“. Menschen und ihre Bedürfnisse sind nicht der eigentliche Maßstab für unser Handeln. Das ist Gott. Der Nutzen und die Einschätzung der Menschen prägen unser Verhalten nur mittelbar. Die Menschen beobachten uns jedoch – sie beobachten auch das Verhalten der Gläubigen untereinander – und häufig wissen sie besser als wir, wie wir uns verhalten sollten. Unser ehrbares Verhalten soll ein Zeugnis sein. „... damit ihr ehrbar wandelt vor denen, die draußen sind, und niemand nötig habt“ (1. Thes 4,12). „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind, die gelegene Zeit auskaufend“ (Kol 4,5). Es ist tragisch, wenn der Name des Herrn durch uns verlästert wird. Als Kinder Gottes müssen wir uns vor Verhaltensweisen hüten, die andere berechtigterweise für unchristlich halten. Das schließt unser Berufsleben unbedingt ein. Vergessen wir es nicht: Das Leben des Gläubigen wird von Gott geprüft und von Menschen beobachtet. Von unserem Herrn lesen wir: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52). Niemand konnte Ihm je mit Recht ein Fehlverhalten vorwerfen. Als Zeugen gesucht wurden, die gegen Ihn aussagen sollten, mussten es falsche Zeugen sein, weil man keine anderen fand (Mt 26,59–61). Wieder strahlt uns sein vollkommenes Verhalten entgegen. Abraham wurde von seinen Mitmenschen als „Fürst Gottes“ bezeichnet (1. Mo 23,6), während Simeon und Levi ihren Vater „stinkend“ gemacht hatten „unter den Bewohnern des Landes“ (1. Mo 34,30).

21. Mit anderen in Frieden leben

Paulus erwähnt einen dritten Punkt, der ebenfalls ausdrücklich alle Menschen betrifft. Zuerst sollen wir Böses nicht vergelten, dann sollen wir Gutes tun und jetzt geht es darum, mit allen Menschen in Frieden zu leben. Erneut ist der Herr Jesus unser Beispiel. Er hat seinen Jüngern gesagt, dass sie Friedenstifter sein sollten (Mt 5,9) und Er war es, der den Menschen Frieden bringen wollte. Sein Leben ist allerdings zugleich der Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die selbst mit dem „Friedefürsten“ nicht in Frieden leben wollen.

Als Gläubige haben wir Frieden mit Gott (Röm 5,1) und genießen den Frieden Gottes (Phil 4,7). Mehr noch, wir kennen den „Gott des Friedens“ (Röm 15,33; 16,20). Das macht uns glücklich und dankbar. Doch das ist nicht alles. Es geht nicht nur um unsere Beziehung zu Gott, sondern unsere Beziehung zu anderen sollten ebenfalls davon geprägt sein, dass wir Frieden suchen. Frieden kann man sogar planen, denn „... bei denen aber, die Frieden planen, ist Freude“ (Spr 12,20). Den Frieden muss man suchen und ihm sogar nachjagen (1. Pet 3,11).

Das betrifft erneut ausdrücklich alle Menschen. In der Regel – allerdings nicht immer – gehören zum Streiten mindestens zwei. Jedenfalls kann man ein beginnendes Feuer schüren und Öl hineingießen oder man kann versuchen, es auszutreten, bevor es zu einem Flächenbrand kommt. Dennoch gibt es zwei „Begrenzungen“, die wir allerdings nicht als faule Ausreden benutzen dürfen, denn wir leben in einer Welt, in dem die Gesetzlosen keinen Frieden haben und Streit an der Tagesordnung ist.

  1. Wenn möglich: Es gibt Situationen, die es unmöglich machen, in Frieden mit allen zu sein. „Wenn möglich“ heißt nicht „wenn du kannst“, sondern „wenn die Umstände es ermöglichen und akzeptieren“. Wir beschwören jedenfalls keine Umstände herbei, die zu Streit und Eskalation führen, sondern wir meiden sie.
  2. So viel an euch liegt: Es liegt oft nicht an uns, sondern an Menschen, die nicht in Frieden leben wollen. Paulus spricht in 1. Thessalonicher 2,15 von Menschen, „die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns durch Verfolgung weggetrieben haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen entgegen sind“. Solche Menschen gibt es.

Wir sollten wir jedenfalls alles tun, um mit allen Menschen in Frieden zu leben und einen Streit weder zu beginnen, noch ihn zu befeuern. Salomo schreibt: „Eine milde Antwort wendet den Grimm ab, aber ein kränkendes Wort erregt den Zorn“ (Spr 15,1). Ein schönes Beispiel dafür ist Gideon (lies Richter 8,1–3).

22. Sich nicht selbst rächen

Die Schlussverse 19–21 gehören zusammen. Sie beschreiben die christliche Gesinnung inmitten von Feindschaft und bösen Menschen Zugleich wird das Thema der vorherigen Verse fortgesetzt. Obwohl Paulus im Römerbrief wiederholt von „Geliebten“ spricht, ist dies die einzige Stelle, in der er die Römer direkt als „Geliebte“ anspricht. Sie sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass sie erstens Gegenstände der göttlichen Liebe waren und zweitens von Paulus geliebt wurden. Das gibt der folgenden Aufforderung einen besonderen Ernst. Als „geliebte Kinder“ Gottes sind wir bevorrechtigte Menschen und das soll in unserem Verhalten sichtbar werden. Wir sollen Nachahmer Gottes sein (Eph 5,1).

Rache steht in einer gewissen Beziehung zur Vergeltung (Vers 17). Sich zu rächen bedeutet, sich selbst Recht zu verschaffen oder jemand anders in gerechter Weise strafen. Es geht dabei durchaus um Unrecht, das uns angetan worden ist, d. h. nicht um Dinge, die wir selbst verschuldet haben. Das größte Unrecht, dass je einem Menschen angetan worden ist, hat unser Herr erduldet. Am Ende seines Lebens sah es so aus, als ob alles vergeblich gewesen wäre. Doch was sagt Er: „Ich aber sprach: Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt; doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott“ (Jes 49,4). Petrus erinnert daran, dass Er sich (d. h. seine ganze Sache) dem übergab, der gerecht richtet (1. Pet 2,23).

Der Wunsch nach Rache ist typisch menschlich. Dennoch ist es nicht unsere Sache, Rache zu üben, denn Rache ist häufig mit einem unguten Zorn verbunden. Deshalb sagt Paulus ausdrücklich, dass wir dem Zorn Raum geben sollen. Der Zusammenhang macht klar, dass damit weder der mögliche Zorn der Bedränger noch der eigene Zorn oder der Zorn der Obrigkeit gemeint ist. Es geht um Gottes Zorn. Der Sinn ist folgender: „Überlasst die Rache dem göttlichen Zorn“. Paulus hinterlegt das mit einem Zitat aus 5. Mose 32,35.

Das Wort Zorn kommt im Römerbrief zehnmal vor und mit Ausnahme von Kapitel 13,4.5 (dort mit „Strafe“ übersetzt) geht es immer um den Zorn Gottes. Dabei ist Zorn hier nicht im Sinn von Wut und Grimm zu verstehen. Es handelt sich nicht um einen impulsiven Ärger. Das Wort beschreibt vielmehr einen geleiteten Zorn oder eine „feste, begründete Haltung der Missbilligung“.10 Wir können sicher sein, dass Gott ein gerechter Richter ist (1. Mo 18,25), während wir bei der Ausübung von Zorn sehr leicht irren und in einen fleischlichen Zorn geraten können.11 Deshalb ist es gut, Ihm die Rache zu überlassen, denn Er ist ein „Gott der Rache“ (Ps 94,1). Er irrt nie – selbst dann nicht, wenn Er zürnt. Wenn wir uns selbst rächen, pfuschen wir Gott sozusagen „ins Handwerk“. Wir tun etwas, was Er tut. Für uns kann es nur gefährlich sein. Mehr noch: Wir greifen in Gottes Rechte ein. Gott sorgt für Vergeltung – und zwar auf seine Weise und zu seiner Zeit. Auf unserer Seite erfordert das manchmal viel Geduld.

Ein Ausleger schreibt: „Gott hat schon lange die gesamte Angelegenheit erledigt. Missetäter werden ihr gerechtes Urteil erhalten. Nicht einer von ihnen wird entkommen. In jedem Fall wird vollkommene Gerechtigkeit walten. Überall wird sie sich durchsetzen. Wenn sich irgendjemand von uns dabei einmischen würde, so wäre dies der Gipfel der Überheblichkeit“.12

23. Feurige Kohlen auf das Haupt des Feindes sammeln

Das Wort „aber“ in Vers 20 drückt einen Kontrast auf. Es ist wahr, dass wir uns nicht selbst rächen sollen. Wir sollen die Rache Gott überlassen. Dennoch bleiben wir dabei nicht passiv, denn wir sollen etwas ganz anderes tun, nämlich unseren Feinden das geben, was sie nötig haben. Wenn sie hungrig sind, sollen wir ihnen zu essen geben. Wenn sie durstig sind, tränken wir sie. Das ist mit dem verbunden, was der Herr seine Jünger lehrte: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). Auch das hat unser Herr nicht nur gepredigt, sondern Er hat es praktiziert. Als seine Feinde kamen, um Ihn gefangen zu nehmen, verlor Malchus – einer der Soldaten – das Ohr. Unseren Herrn ließ das nicht gleichgültig, sondern in seiner Menschenliebe heilte er das Ohr und sammelte so Kohlen auf das Haupt von Malchus.

Paulus zitiert aus Sprüche 25,21.22: „Wenn deinen Hasser hungert, gib ihm Brot zu essen, und wenn er durstig ist, gib ihm Wasser zu trinken; denn glühende Kohlen wirst du auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dir vergelten“. Es ist unmittelbar klar, dass es um das pure Gegenteil von Rache und Vergeltung geht, um das pure Gegenteil von dem, was die alte Natur in uns verlangt. Dem Feind zu geben, muss sich nicht unbedingt auf materielle Dinge beziehen, sondern schließt gerade für uns durchaus andere Dinge, wie z. B. eine natürliche Freundlichkeit mit ein.

Das angeführte Zitat aus dem Alten Testament ist – wie andere Aussagen zur Bibel – zu einem weltlichen Sprichwort geworden. Obwohl „feurige Kohlen“ unter Juden und Arabern durchaus ein Symbol für göttliches Gericht sind, macht der Zusammenhang klar, dass das hier nicht die Bedeutung sein kann. Es geht nicht darum, ihm das göttliche Gericht zu wünschen, sondern das Ziel ist, dass der andere dadurch beschämt wird, weil man seine aggressive Haltung mit Wohlwollen beantwortet. Das kann in einzelnen Fällen dazu führen, dass er Buße tut und das Böse einsieht. Es ist wahr, dass eine solche Haltung manchmal die Feindschaft noch verstärkt, in vielen Fällen wird es jedoch anders sein. Unsere Verantwortung ist es, feurige Kohlen zu sammeln. Was sie letztlich bewirken, müssen wir Gott überlassen.

24. Sich nicht vom Bösen überwinden lassen

Paulus schließt die lange Aufzählung von moralischen Eigenschaften mit dem Hinweis, dass das Böse auf keinen Fall die Oberhand behalten soll. Es kann – und soll – überwunden werden. Wenn wir Böses mit Bösem beantworten, vermehrt sich das Böse nur und ein Funke kann zu einem Flächenbrand werden. Das Böse muss nicht die Oberhand behalten, denn wir können es mit dem Guten überwinden.

Das Böse ist hier – wie in Vers 17 – etwas, das in sich böse und verdorben ist. Es wird immer versuchen, siegreich zu sein, d. h. uns zu besiegen und zu übertreffen. Wir können und sollen nicht ignorieren, dass das Böse in uns ist und dass es in dieser Welt ist. Die Welt wird von dem Bösen kontrolliert und beherrscht. Das müssen wir ganz realistisch sehen. Es gibt sogar sehr viel Böses, das selbst im Namen Christi geschieht. Wir können das Böse nicht bekämpfen und eliminieren. Doch wir sollen uns nicht überwinden lassen.13 Wir müssen nicht resignieren. Der Herr selbst hat jeden Angriff des Teufels gegen Ihn zurückgeschlagen. Er hat sich nicht vom Bösen überwinden lassen. Im Gegenteil: Er hat die Welt überwunden (Joh 16,33). Eine wesentliche Voraussetzung dafür, uns nicht von dem Bösen überwinden zu lassen, ist, dass wir uns von dem Bösen fernhalten. Tun wir es nicht, werden wir überwunden werden. Simson ist dafür ein geradezu klassisches Beispiel. Er hat so lange mit dem Feuer gespielt, bis er schließlich überwunden wurde.

25.Das Böse mit dem Guten überwinden

Noch einmal stellt Paulus dem Negativen das Positive entgegen und spricht uns ganz persönlich an. Unser Sieg liegt vor allem darin, dass wir das Böse mit dem Guten überwinden. Wir haben eine Lösung für das Problem. Wir können das Böse um uns herum nicht ignorieren. Wir können es nicht ausmerzen. Doch wir können es überwinden. Das tun wir, indem wir das Gute dagegensetzen. So werden wir zu Überwindern und folgen darin unserem Herrn, der der große „Überwinder“ ist (Off 5,5).

Es ist klar, dass es hier nicht um das Böse in uns geht, das wir überwinden sollen. Wenn es um die Sünde in uns geht, so werden wir aufgefordert dafür zu halten, dass wir der Sünde tot sind, „Gott aber lebend in Christus Jesus“ (Röm 6,11). Hier jedoch geht es um das Böse, das uns von anderen Menschen angetan wird. Menschen, die uns verfolgen, verspotten, beleidigen, mobben, ärgern, uns im Weg stehen, schlecht über uns reden oder uns verleumden. Das können Ungläubige und leider manchmal sogar Gläubige sein. Wir stehen in solchen Umständen in Gefahr, überwunden zu werden, indem wir entweder entmutigt und beleidigt sind oder uns wehren und mit gleicher Münze heimzahlen und uns rächen. Wir glauben dann vielleicht, wir hätten das Böse überwunden, doch in Wirklichkeit sind wir vom Bösen überwunden worden.

Petrus schreibt den notleidenden Judenchristen folgendes: „Seid jederzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft von euch fordert über die Hoffnung, die in euch ist, aber mit Sanftmut und Furcht; indem ihr ein gutes Gewissen habt, damit, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, die zuschanden werden, die euren guten Wandel in Christus verleumden. Denn es ist besser, wenn der Wille Gottes es will, für Gutestun zu leiden als für Bösestun“ (1. Pet 3,15–17). Das ist nichts anderes als eine Motivation, das Böse mit dem Guten zu überwinden – hier mit einem „guten Wandel (Verhalten)“.

Ein negatives Beispiel liefern die Galater. Paulus musste ihnen schreiben: „Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ (Gal 5,15). Wenig später zeigt er ihnen das Heilmittel: „„Lasst uns aber nicht müde werden, Gutes zu tun, denn zu seiner Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten. Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegenüber allen, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens“ (Gal 6,9.10).

Zusammenfassung

Römer 12 ist ein Kapitel mit einer hohen praktischen Relevanz. Paulus motiviert jeden Leser auf der Basis der von Gott empfangenen Barmherzigkeit.

  1. Im ersten Teil zeigt er uns, dass das Leben des Christen hingebungsvoll sein soll und warnt uns davor, uns von den Denk- und Verhaltensweisen der ungläubigen Menschen prägen zu lassen.
  2. Im zweiten Teil lernen wir, die von Gott gegebenen Gnadengaben (Befähigungen) zum Nutzen anderer einzusetzen und bei dem zu bleiben, was Gott uns zu tun gegeben hat.
  3. Der dritte Teil gibt uns eine Vielzahl von einzelnen Hinweisen, die unser Leben im Umgang mit andern prägen sollte. Es beginnt mit der Liebe, die ungeheuchelt sein soll und endet damit, dass wir das Böse mit dem Guten überwinden sollen.

Wer in der Kraft des Heiligen Geistes so lebt, lebt zur Ehre und Freude seines Herrn und Gottes. „Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib“ (1. Kor 6,20).

Fußnoten

  • 1 Quelle unbekannt
  • 2 Es ist für den deutschen Leser nicht immer leicht zu erkennen, welches Wort im Grundtext steht. Die Übersetzer der Elberfelder Bibel (Edition CSV) unterscheiden jedoch meistens zwischen „lieben“ (agape) und „lieb haben“ (Bruderliebe), so dass jeweils klar ist, welches Wort gemeint ist.
  • 3 J.N. Darby übersetzt in seiner englischen Übersetzung im Text „spirit“, d. h., er geht davon aus, dass der menschliche Geist gemeint ist. Es gibt allerdings eine Fußnote, die besagt, dass es ebenso „brennend durch den Heiligen Geist“ bedeuten kann.
  • 4 Dabei fällt auf, dass das Neue Testament es vermeidet, denn Herrn Jesus als „Sklaven Gottes“ zu bezeichnen. Der Herr Jesus war der Knecht Gottes, der einsichtsvoll diente (Jes 52,13). Nur ein einziges Mal wird das Wort „Sklave“ mit unserem Herrn verbunden. In Philipper 2,7 lesen wir von einer „Knechtsgestalt“. Dort wird uns gezeigt, dass unser Herr sich so tief erniedrigt hat, dass Er tatsächlich sogar dem Wesen nach „Sklave“ geworden ist!
  • 5 Die Art der Gastfreundschaft ist nicht mit einem „geselligen Abend“ zu verwechseln, wo wir unter Umständen Gemeinschaft mit der Welt haben.
  • 6 Über die tatsächliche Größe Roms zur damaligen Zeit gibt es keine exakten Angaben, sondern nur vage Schätzungen. Historiker gehen aber davon aus, dass Rom damals bereits eine Millionenstadt war.
  • 7 Laut Open Doors leben derzeit insgesamt über 700 Millionen Christen in ca. 50 Ländern, in denen sie mehr oder weniger verfolgt werden. Davon sind 200 Millionen Christen einem hohen Maß der Verfolgung ausgesetzt.
  • 8 Der Zusammenhang zeigt, dass es um die Funktionen der Glieder am Leib Christi geht, d. h. darum, dass die Gnadengaben ausgeübt werden. Wir teilen die Freude eines Dieners, der seine Gnadengabe ausübt und wir leiden mit, wenn eine gegebene Gnadengabe nicht ausgeübt wird, weil davon alle anderen negativ betroffen sind.
  • 9 C. Briem: Wörterbuch zum Neuen Testament
  • 10 C. Briem: Wörterbuch zum Neuen Testament
  • 11 Deshalb lesen wir in Epheser 4,26, dass wir zwar zürnen, dabei jedoch nicht sündigen sollen. Der Grund für den Zorn ist an dieser Stelle allerdings nicht die Rache. Insofern besteht zwischen der Aufforderung zum Zorn in Epheser 5 und der Warnung vor dem Zorn in Römer 12 kein Widerspruch.
  • 12 Lenski's Commentary on the New Testament
  • 13 Das Wort „überwinden“ kommt fast 30 Mal im Neuen Testament vor. Hier ist die einzige Stelle, in der es in einem negativen Sinn (wir solln uns nicht überwinden lassen) gebraucht wird. Ansonsten wird immer davon gesprochen, dass jemand überwindet oder etwas überwunden wird.
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