Römer 12 – eine Bibelarbeit

Einleitung

Das große Thema des Römerbriefes ist das Evangelium (die gute Botschaft) Gottes über seinen Sohn (Röm 1,1–3). Er zeigt uns, in welche Stellung Gott uns durch die Gnade gebracht hat. Der Römerbrief ist einer der grundlegenden Lehrbriefe des Neuen Testaments, der uns erklärt, wie Gott unserer Not als Sünder begegnet ist. Dieser Brief beantwortet die alte Frage Hiobs, wie ein Mensch vor Gott gerecht sein kann (Hiob 9,2).

Der Brief hat – deutlich erkennbar – drei Teile:

  1. Teil 1: Die Kapitel 1–8 beschreiben erstens den Zustand jedes Menschen vor Gott als Sünder und Gottes Antwort darauf.
    a) Die Sünden (die bösen Taten) werden vergeben. Gott rechtfertigt den Sünder, der als Ergebnis Frieden mit Gott hat (Röm 5,1).
    b) Die Sünde (die alte und böse Natur in uns) wird verurteilt. Der Christ ist der Sünde und dem Gesetz gestorben. Deshalb gibt es für Menschen, die in Christus Jesus sind, keine Verdammnis mehr (Röm 8,1).
    Das Evangelium Gottes ist nicht auf ein bestimmtes Volk (Israel) beschränkt, sondern gilt auf dem Grundsatz der Gnade allen Menschen.
  2. Teil 2: Die Kapitel 9–11 behandeln in einer Art Einschub die Frage, was mit den Zusagen Gottes an sein irdisches Volk Israel geschieht? Es wird gezeigt, dass sie nicht aufgehoben sind, sondern alle Zusagen Gottes werden erfüllt und zwar ebenfalls auf der Basis von Gnade.
  3. Teil 3: Die Kapitel 12–16 bilden den praktischen Teil des Briefes, der auf dem lehrmäßigen Teil basiert. Es geht um die Auswirkungen des Evangeliums auf unser tägliches Leben. Paulus behandelt folgende Themen:
    - Kapitel 12: Der Christ in seinen Beziehungen zu anderen
    - Kapitel 13,1–7: Der Christ in seinen Beziehungen zur Regierung und zum Staat
    - Kapitel 13,8–10: Das Gebot der Liebe
    - Kapitel 13,11–14: Den Herrn Jesus Christus anziehen
    - Kapitel 14–15,13: Starke und Schwache im Glauben
    - Kapitel 15,14–16,27: Schlussgedanken und Grüße

Lehre und Praxis

Eine vergleichbare Darstellung der christlichen Lebenspraxis mit sehr vielen praktischen Hinweisen finden wir nur noch im Epheserbrief. Bei allen Unterschieden zwischen diesen beiden Briefen1 sind sie in ihrer Struktur ähnlich aufgebaut, d. h., sie haben einen ausgeprägten lehrmäßigen Teil (Röm 1–8; Eph 1–3) und einen ausgeprägten praktischen Teil, der auf den lehrmäßigen Aussagen basiert (Röm 12–16; Eph 4–6). Darüber hinaus fällt auf, dass diese beiden Briefe die einzigen im Neuen Testament sind, in denen die praktischen Hinweise nicht durch ein konkretes Fehlverhalten (oder eine konkrete Gefahr) bedingt sind.2 In diesen beiden Briefen ist der Heilige Geist sozusagen frei, die Lehre des Christus völlig ungehindert vorzustellen. Dass dennoch gerade in diesen beiden Briefen viele praktische Themen vorgestellt werden zeigt deutlich, dass die Lehre nie von der Praxis getrennt werden kann. Einerseits gilt, dass die gesunde Lehre immer zu einer gesunden Praxis führen wird. Andererseits gilt, dass eine gesunde Praxis ohne die gesunde Lehre unmöglich ist. Beides gehört untrennbar zusammen.

Hinweise für die tägliche Lebensführung des Christen sind deshalb unerlässlich, weil wir die alte Natur noch in uns haben und sie sich immer wieder bemerkbar machen will. Es bleibt leider wahr, dass aus dem Fleisch (der alten Natur) nichts Gutes hervorkommt. Wir merken das jeden Tag. Nur die neue Natur ist in der Lage, den vielen Hinweisen nachzukommen, die beide Briefe uns geben. Im Römerbrief lernen wir, dass der alte Mensch (das, was wir vor unserer Bekehrung waren) gekreuzigt ist, und dass wir jetzt in Neuheit des Lebens leben. Der Epheserbrief zeigt uns, dass der Herr Jesus durch sein Werk am Kreuz einen neuen Menschen geschaffen hat, den wir jetzt angezogen haben. Die Ermahnungen in beiden Briefen gelten deshalb allen Gläubigen aufgrund ihrer zwei Naturen. Die alte Natur will nur das Böse tun. Jeder Gläubige hat sie in sich und muss lernen, damit fertig zu werden. Das tun wir nicht, indem wir dagegen kämpfen, indem wir dafür halten, dass wir der Sünde tot sind (wir müssen nicht mehr sündigen), „Gott aber lebend in Christus Jesus“ (Röm 6,11).

Drei Beziehungskreise

Das große Thema in Römer 12 sind die Beziehungen, die der Christ, der noch auf der Erde lebt, hat.

  1. Es beginnt mit unserer Beziehung zu Gott (Verse 1–2). Sie soll durch zwei Dinge geprägt werden, nämlich erstens Hingabe und zweitens Gehorsam.
  2. Der zweite Beziehungskreis sind die Gläubigen, mit denen wir in einem Leib verbunden sind (Verse 3–8). Jeder hat eine Befähigung von Gott bekommen, um dem anderen nützlich zu sein (Gnadengaben).
  3. Der dritte Beziehungskreis sind einzelne Menschen, seien es Gläubige oder Ungläubige (Verse 9–21). In diesem Teil gibt Paulus eine Vielzahl von kurzen praktischen Hinweisen, die unsere Beziehung zu anderen Menschen behandeln. Es geht um moralische Charakterzüge, die diejenigen in dieser Welt kennzeichnen, die hingebungsvoll und von der Welt getrennt leben.

Struktur des Kapitels

Paulus beginnt nicht ohne Grund mit dem inneren Bereich. Wenn unsere Beziehung zu Gott nicht stimmt und wir unseren Aufgaben nicht nachkommen, die Gott mit einer Gnadengabe verbindet, werden wir wohl kaum in der Lage sein, in unseren Beziehungen zu anderen ein Leben zu führen, an dem Gott Freude hat.

Die Gliederung des Kapitels ist deshalb wie folgt:

  • Verse 1–2: Die Beziehung des Gläubigen zu Gott – Hingabe und Gehorsam
  • Verse 3–8: Ein Leib in Christus – unterschiedliche Gnadengaben
  • Verse 9–21: Leben mit anderen – moralische Kennzeichen des Christen

Hinweis: Wenn im Folgenden an der ein oder anderen Stelle auf den Grundtext hingewiesen oder Worterklärungen gegeben werden, so sind diese im Wesentlichen folgenden Quellen entnommen:

  • Chr. Briem: Wörterbuch zum Neuen Testament
  • W.E. Vine: Expository Dictionary of New Testament Words
  • Biblehub.com: Interlinear

Fußnoten

  • 1 Beide Briefe behandeln den Zustand des Menschen vor Gott und sein Handeln, allerdings aus zwei ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Römerbrief ist es die Sichtweise des Menschen, der in der Sünde lebt und Rettung (Heil) braucht. Im Epheserbrief ist es die Sichtweise Gottes, für den ein Mensch tot in seinen Sünden ist. Er braucht Leben. Der Römerbrief zeigt uns, was Gott getan hat, um unserer Not zu begegnen. Der Epheserbrief zeigt uns, wie Gott sein Herz öffnet und uns – unabhängig von unseren Bedürfnissen – in Christus mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern segnet.
  • 2 Das ist in allen anderen Briefen, die Paulus an eine örtliche Versammlung geschrieben hat, sehr wohl der Fall, ausgeprägt in den Briefen an die Korinther, Galater und Kolosser.
Nächstes Kapitel »