Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

IV. Jesus vollbringt Zeichen für sein Volk und wird verworfen

In den Kapiteln 8 bis 12 kommen wir zu einem sehr wichtigen Abschnitt in der Berichterstattung des Evangelisten Matthäus. Der dem Volk Israel angekündigte Messias ist geboren worden – Gott mit uns (Kapitel 1 und 2). Wir haben gesehen, dass Er als König nach der Einführung durch seinen Vorläufer und im Anschluss an die Versuchungen vonseiten Satans einen dreifachen Dienst in Israel tat (Kapitel 3 und 4). Danach stellte der König zunächst die Grundsätze seines Königreichs vor (Kapitel 5–7). Jetzt finden wir, dass

  • Er auf Basis dieser Grundsätze mit seinem Volk handelt und
  • Ihnen offenbart, dass Er ihr Gutes, ihr Heil sucht,
  • Er bis zu seiner Verwerfung ein geduldiges Leben des Zeugnisses für seinen Gott führt.

Er ist als Jahwe tätig, der Herr, und ist doch zugleich der gehorsame Mensch Jesus, der den Zugang in sein Königreich für die Heiden ankündigen wird, dessen Errichtung Er als ein Geheimnis in dieser Welt seinen Jüngern im Voraus bekannt macht (vgl. Mt 13).

In diesen fünf Kapiteln entscheidet sich die Zukunft des Volkes Israel, genau genommen der Nachkommen der sogenannten Übriggebliebenen, die in der Zeit Serubbabels aus dem Exil in Babylon zurück in das Land Israel gekommen sind. Wie werden sie ihren Messias aufnehmen?

Wir haben schon in den Kapiteln 2 und 3 Andeutungen für das Verhalten des Volkes gesehen, das jetzt Wirklichkeit werden sollte. In den nächsten fünf Kapiteln vollbringt der Herr Jesus ein Zeichen nach dem anderen – die meisten direkt zugunsten seines Volkes. Das war in vielfacher Hinsicht die Erfüllung von Weissagungen des Alten Testaments im Blick auf den Messias. So hätte Ihn sein Volk als Messias erkennen können und annehmen müssen.

Wir sehen in diesen Kapiteln, dass sie ihren eigenen König, auf den sie so lange gewartet haben, trotzdem verwerfen und ablehnen. Der Gipfel der Ablehnung besteht darin, dass die Führer des Volkes der Juden das vollkommene Wirken des Herrn Jesus, das in der Kraft des Heiligen Geistes getan wurde, dem Obersten der Dämonen zuschreiben: Beelzebul, also Satan. In Kapitel 12 lesen wir, dass Jesus zu dieser Bosheit in deutlicher Weise Stellung nimmt. Er zeigt, dass seine Verwerfung vonseiten seines eigenen Volkes dazu führt, dass Er diese Verwerfung nicht nur annimmt, sondern als Antwort das Volk der Juden verwerfen (vgl. Röm 11,15) und sie zur Seite stellen würde. Das finden wir in Kapitel 13.

Die Zeichen des Messias

Jesus kam also zu seinem Volk mit unzählbaren Zeichen. Zunächst kann man die Frage stellen, warum der Herr Jesus eine Vielzahl von Zeichen vollbracht hat.

Manche denken daran, dass der Herr Jesus dadurch beweisen wollte, dass Er wirklich der Messias Gottes für sein Volk war. Diese Überlegung übersieht jedoch, dass der Herr Jesus die Menschen nicht durch äußere Taten beeindrucken, sondern ihre Herzen und Gewissen erreichen will. Dazu passen seine Worte zu Thomas: „Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ (Joh 20,29). Nein, der Herr wollte das nicht beweisen – das hatte Er nicht nötig und war auch nicht seine Absicht.

Warum tat Er dann trotzdem so viele Zeichen? Hier einige überlegenswerte Aspekte:

  1. Christus konnte nicht anders. Wir müssen bedenken, wen wir vor uns haben: Emmanuel, Gott mit uns. Wenn der Mensch gewordene Sohn Gottes Krankheit, Elend und Leid bei Menschen sieht, kann Er nicht anders, als sein Herz voller Barmherzigkeit zu öffnen, um den Menschen zu helfen. Man denke an die Stelle im Alten Testament: „Und seine [des Herrn] Seele wurde ungeduldig über die Mühsal Israels“ (Ri 10,16).
  2. Christus ist Gott selbst. Wenn Gott handelt, dann handelt Er immer in göttlich großer Gnade. So wendet Er sich dem Sünder zu, wenn dieser bereit ist, Gott aufzunehmen. Ihm hilft Er gerne und vollbringt so Wunder nach Wunder.
  3. Das Ziel von Christus war es immer, den Vater zu verherrlichen (vgl. Joh 17,4). Wann immer der Herr Jesus ein Zeichen tun konnte, um den Vater zu verherrlichen, hat Er es getan. Manchmal konnte Er keine Wunder tun, weil dies nicht zur Ehre Gottes gewesen wäre.
  4. Der Herr Jesus hat nur das getan, was Ihm der Vater aufgetragen hat: „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34). Der Herr Jesus hat nur dann Wunder getan, wenn Er dazu den Auftrag vom Vater bekommen hat.
  5. Dem äußeren Elend von uns Menschen konnte der Herr nur dadurch begegnen, dass Er Wunder über Wunder tat. Anders war uns nicht zu helfen. Christus sah unser Elend und wollte uns nicht in diesem Elend lassen. Daher tat Er viele Wunder. Es waren Handlungen der Macht Gottes, der in Güte diese Welt besuchte.

Weil es dem Messias und Herrn also nie um sich selbst ging, sondern immer um die Ehre seines Vaters und um das Wohl seines Volkes und der Menschen, hat Er übrigens kein einziges Wunder zu seinen eigenen Gunsten getan..

Die 14 Zeichen

Nachdem wir nun einige Anhaltspunkte gesehen, warum der Herr Jesus Wunder getan hat, liste ich im Folgenden die Zeichen auf, von denen in diesen Kapiteln gesprochen wird. Es handelt sich um 14 Wunder:

  1. Kapitel 8,2–4: Die Reinigung des Aussätzigen. Jesus rührt den Aussätzigen an.
  2. Kapitel 8,5–13: Die Heilung des Knechts des Hauptmanns. Jesus heilt durch sein gesprochenes Wort. Der Glaube „berührt“ Ihn.
  3. Kapitel 8,14.15: Die Heilung der Schwiegermutter von Petrus vom Fieber. Er rührt sie an.
  4. Kapitel 8,16.17: Die Heilung aller Leidenden. Er heilt durch sein gesprochenes Wort.
  5. Kapitel 8,23–27: Das Schelten von Wind und See. Er vollbringt auch dieses Zeichen durch sein gesprochenes Wort.
  6. Kapitel 8,28–34: Die Heilung von zwei Besessenen. Seine Anwesenheit und sein Wort führen dazu, dass die Dämonen ausfahren und in Schweine fahren.
  7. Kapitel 9,1–8: Die Heilung eines Gelähmten. Er heilt durch ein gesprochenes Wort sowohl Körper als auch Seele. „Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch“ (Jes 35,6).
  8. Kapitel 9,20–22: Eine Blutflüssige wird geheilt. Sie rührt Jesus an.
  9. Kapitel 9,23–26: Ein soeben gestorbenes Mädchen wird auferweckt. Jesus ergreift sie bei der Hand.
  10. Kapitel 9,27–31: Zwei Blinde werden sehend. Er rührt ihre Augen an. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan“ (Jes 35,5).
  11. Kapitel 9,32–34: Ein besessener, stummer Mensch wird geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Jubeln wird die Zunge des Stummen“ (Jes 35,6).
  12. Kapitel 9,35: Jede Krankheit und jedes Gebrechen wird geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen“ (Jes 61,1).
  13. Kapitel 12,9–14: Eine verdorrte Hand wird wieder gesund. Er heilt durch sein Wort.
  14. Kapitel 12,22: Ein blinder und stummer Besessener wird von Ihm geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden ... jubeln wird die Zunge des Stummen“ (Jes 35,5.6).

Es fällt auf, dass in den Kapiteln 8 und 9 hintereinander 12 Zeichen berichtet werden. Jesus hat alles getan, um dem Volk Heil zu bringen: innerlich und äußerlich. Auch aus diesem Grund finden wir diese außergewöhnliche Anzahl von Zeichen. 12 Zeichen: Sozusagen für jeden einzelnen Stamm des Volkes hat der König-Jahwe ein Zeichen vollbracht. Aber das Volk lehnte den eigenen König ab. So werden die Zeichen weniger und weniger, bis schließlich in Kapitel 12 direkt Gericht angekündigt wird. Der König wird verworfen, so dass das Königreich in seiner eigentlichen Form verschoben werden muss. So müssen Israel und auch die Nationen zusammen mit der seufzenden Schöpfung warten, bis die in Jesaja 35 in wunderbarer Weise beschriebene Herrlichkeit des Königreichs und des Königs Wirklichkeit wird.

Die vierzehnfache Ablehnung des Königs

Vor diesem Hintergrund wollen wir uns kurz die Verwerfung Jesu durch das Volk anschauen. Diese findet in diesen Kapiteln nicht nur ihren besonderen Ausdruck, sondern hat ebenfalls 14 Stationen:

  • Kapitel 8,4: Wo ist das Bekenntnis des Hohenpriesters, dass Gott hier ein Wunder gewirkt hat?
  • Kapitel 8,34: Die Bewohner der Stadt, in der die beiden Besessenen geheilt worden waren, wollen den Retter nicht. Er soll weggehen.
  • Kapitel 9,3: Die Heilung des Gelähmten nehmen die Schriftgelehrten zum Anlass, Christus Lästerung vorzuwerfen.
  • Kapitel 9,11: Die Berufung von Matthäus benutzen die Pharisäer, um Christus zu kritisieren.
  • Kapitel 9,14: Die Jünger des Johannes kritisieren den Herrn, seine Jünger fasteten nicht ausreichend.
  • Kapitel 9,24: Die Worte Jesu, dass das gestorbene Mädchen nur „schläft“, beantwortet die Volksmenge damit, dass sie Ihn verlachen.
  • Kapitel 9,31: Die geheilten Blinden sind der Anweisung Jesu ungehorsam, dieses Wunder nicht bekannt zu machen.
  • Kapitel 9,34: Das Zeichen, einen stummen, besessenen Menschen zu heilen, nehmen die Pharisäer zum Anlass, Ihm vorzuwerfen, Er treibe die Dämonen durch Dämonen aus.
  • Kapitel 11,3: Sogar Johannes der Täufer zweifelt daran, dass die vom Herrn vollbrachten Wunder ausreichen, um Ihn als den Kommenden zu offenbaren.
  • Kapitel 11,19: Das Volk nennt den Herrn Jesus einen „Fresser und Weinsäufer, einen Freund von Zöllnern und Sündern“.
  • Kapitel 12,2: Die Pharisäer kritisieren den Herrn, dass seine Jünger am Sabbat Ähren abpflücken.
  • Kapitel 12,14: Die Pharisäer halten angesichts der Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand Rat gegen Christus, wie sie Ihn umbringen können.
  • Kapitel 12,24–37: Die Pharisäer schreiben das Wundertun Jesu dem Obersten der Dämonen, Beelzebul zu.
  • Kapitel 12,38: Die Pharisäer verlangen von dem, der Zeichen über Zeichen getan hat, ein Zeichen als Beweis seiner Messias-Rechte. Damit verwerfen sie alle seine bislang vollbrachten Wunder.

Diese Hinweise zeigen, dass der Herr Jesus nicht nur in Vollkommenheit und in einer vollkommenen Zahl Zeichen vollbracht hat, sondern dass auch seine Verwerfung eine vollkommene ist. Es gibt keine Gruppe, die sich an dieser Verwerfung nicht beteiligt hätte. Vom ganzen Volk inklusive der Führer wird der Herr Jesus als Messias abgelehnt.

Abschließend sei einleitend zu diesen fünf Kapiteln noch bemerkt, dass Kapitel 10 eine Einschaltung darstellt. Wir finden hier weder ein Zeichen noch einen direkten Ausdruck der Ablehnung Christi. Stattdessen finden wir in diesem Kapitel die zweite große Rede des Herrn, die uns im Matthäusevangelium vorgestellt wird.

Die Zeichen des Königs – die Heilsgeschichte auf dieser Erde (Mt 8)

Das achte Kapitel dieses Evangeliums hat es in sich. In sieben Abschnitten stellt sich der König seinem Volk nicht durch vollkommene Worte (Kapitel 5–7), sondern durch vollkommene Taten vor.

Besonders auffällig ist, dass Matthäus hier sieben Abschnitte in einen direkten Zusammenhang stellt, obwohl wir aus dem Markusevangelium wissen, dass diese Begebenheiten in ganz anderer zeitlicher Reihenfolge und teilweise weit auseinander liegend geschehen sind. Schon früher haben wir gesehen, dass sich Matthäus durchaus nicht an die Chronologie hält; er tut das deutlich weniger als Markus und Johannes, die im Allgemeinen die historische Reihenfolge wählen. Gerade Markus wählt immer wieder Zeitworte als Verbindungen zwischen den einzelnen Abschnitten, so dass man bei ihm sehr gut die Chronologie nachvollziehen kann. Lukas wählt eine Reihenfolge, die man mit dem Attribut „moralisch“ bezeichnet hat. Er gruppiert Begebenheiten, Wunder und Belehrungen des Herrn, die einen gewissen inneren Zusammenhang haben.

Die „Chronologie“ von Matthäus

Matthäus jedoch weicht noch mehr von der zeitlichen Reihenfolge ab. Er tut das dann, wenn es für seine inhaltliche Gedankenführung notwendig ist. Sein großes Thema, das gerade auch dieses Kapitel prägt, ist die Lehre des unterschiedlichen Handelns Gottes mit den Menschen, manchmal Haushaltungen oder Dispensationen genannt. So gruppiert er Begebenheiten, Zeichen und Reden des Herrn zusammen, die für eine bestimmte Zeit prägend sind wie beispielsweise bei der Bergpredigt (Kapitel 5–7), oder er stellt bestimmte Abschnitte zusammen, welche die Abfolge verschiedener Epochen sichtbar machen (wie in Kapitel 8, das jetzt vor uns steht).

Dass wir in Kapitel 8 Begebenheiten finden, die zeitlich zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden haben, möchte ich jetzt kurz zeigen. Vielleicht gibt es kein anderes Kapitel in diesem Buch, in dem so stark von der Chronologie abgewichen wird. Es ist auffallend, wie präzise der Geist Gottes immer wieder die Feder des Evangelisten Matthäus geführt hat, bei dem oftmals überhaupt keine zeitliche Beziehung zwischen den einzelnen Begebenheiten hergestellt wird.

  1. In Vers 1 lesen wir, dass der Herr vom Berg herabgestiegen war und Ihm große Volksmengen folgten. Dass Vers 2 einen ganz anderen Zeitpunkt betreffen muss, verdeutlicht die Anweisung in Vers 4. Denn was für einen Sinn ergibt das Gebot an den Gereinigten, sich nach seiner Reinigung außer dem Priester niemandem zu zeigen, wenn hier die Volksmengen dabei gewesen wären, wie Vers 1 unterstellt? Vers 2 wird auch nicht mit einem Zeitwort eingeleitet, so dass wir die Bestätigung finden, wie vollkommen die göttliche Inspiration ist.
    Wir finden dieses Wunder am Ende des ersten Kapitels bei Markus wieder. Nach Markus 1,39 hat Jesus diesen Aussätzigen geheilt, als Er das erste Mal nach Galiläa gezogen ist. Dieses Zeichen hat Jesus also vor der Bergpredigt vollbracht.
  2. Die Heilung des gelähmten Dieners fand dann viel später statt. Markus berichtet von ihr nicht, wohl aber Lukas in Lukas 7. In Kapitel 6 finden wir bei Lukas einen Teil der Bergpredigt. Dann wird mit einem direkten Zeitbezug („Nachdem er alle seine Worte vor den Ohren des Volkes beendet hatte ...“) dieses Wunder erzählt. Wir sehen also, dass diese Heilung offenbar direkt nach der Bergpredigt stattfand.
  3. Die Heilung der Schwiegermutter von Petrus sowie die Wunder am Abend darauf gehören dann wieder zu den Zeichen, die Jesus ganz am Anfang in Kapernaum getan hat, sogar noch vor der Heilung des Aussätzigen (Mk 1,21–34).
  4. Die Gespräche mit dem „Möchtegern-Jünger“ und mit dem (anderen) Jünger fanden dann wieder sehr viel später statt, nämlich erst nach der sogenannten Verklärung des Herrn (vgl. Mk 9,1 ff. und Lk 9,57 ff., wo wir eine zeitliche Verbindung zum Vorhergehenden finden).
  5. Die dann folgende Schifffahrt war wieder deutlich früher (vgl. Mk 4,35 ff.) und fand im Anschluss an die in Matthäus 13 und Markus 4 aufgezeichneten Gleichnisse des Herrn, zum Beispiel über den Sämann, statt.
  6. Nur die Heilung der Besessenen ist dann auch im Markusevangelium im direkten Anschluss an die Schifffahrt verzeichnet. Alleine hier folgt Matthäus also der historischen Abfolge.

Dass Matthäus in solch krasser Weise von der eigentlichen zeitlichen Reihenfolge abweicht, muss bedeutsame Gründe haben. Bibelkritiker verweisen gerne darauf, dass sich entweder Matthäus oder Markus schlichtweg vertan haben müssten. Einerseits propagieren sie, dass der eine vom anderen abschrieben habe. Andererseits versuchen diese gottlosen Menschen darzulegen, dass sich der eine oder der andere vertan und Fehler eingebaut habe.

Wir, die wir die Vollkommenheit des Wortes Gottes bewundern, wissen es – dem Herrn sei Dank – besser. Wenn der von Gott inspirierte Schreiber Matthäus von der zeitlichen Reihenfolge abweicht, dann will uns Gott durch diesen Evangelisten eine besondere Belehrung schenken – diese Abweichung ist gerade ein großartiger Hinweis auf die Inspiration Gottes. So muss die Reihenfolge eine besondere Botschaft mit sich bringen, die es zu verstehen gilt.

Ich möchte im Folgenden einige Hinweise geben und Vorschläge wiedergeben, die vertrauenswürdige Ausleger zusammengetragen haben. Wir werden mit diesem Ziel mehrfach durch die sieben Abschnitte gehen und versuchen, Gedankenlinien zu erkennen, die der Herr uns in diesem Kapitel vorstellt:

  1. Die Einzigartigkeit der Person Christi
  2. Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handeln Gottes (Epochen, Haushaltungen)
  3. Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde
  4. Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen
  5. Belehrungen für die Jüngerschaft

Bevor wir diese zentralen Linien in Kapitel 8 verfolgen, sehen wir uns aber kurz die beschriebenen Ereignisse im Einzelnen an und versuchen, sie zu erläutern und einige praktische Belehrungen aus ihnen zu ziehen.

Belehrungen aus Kapitel 8

Vers 1: Vom Berg herab

„Als er aber von dem Berg herabgestiegen war, folgten ihm große Volksmengen“ (Vers 1).

Der Herr Jesus hat seine Jünger in großer Ausführlichkeit über die Grundsätze des Königreichs belehrt und führt sie jetzt zurück ins „praktische Leben“, vom Berg herab. Hier beweist sich, wer ein Jünger im Reich ist, aber auch, dass Er der von Gott gesandte König ist, der das, was Er sagt, auch in seinem eigenen Leben verwirklicht.

Der Eindruck, den der Herr in den Herzen der Zuhörer hinterlassen hat, bringt die Volksmengen dazu, Ihm zu folgen. Ihnen ist deutlich geworden, dass hier jemand mit göttlicher Autorität spricht (vgl. Mt 7,28.29). Daher wollen sie weitere Belehrungen erhalten.

Verse 2–4: Die Heilung des Aussätzigen

„Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will; werde gereinigt! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz gereinigt. Und Jesus spricht zu ihm: Gib Acht, sage es niemand; sondern geh hin, zeige dich dem Priester, und bring die Gabe dar, die Mose angeordnet hat, ihnen zum Zeugnis“ (Verse 2–4).

Wie kam es, dass jemand, der eigentlich vom Gesetz Gottes her isoliert leben musste, zum Herrn Jesus kam? Wir können das nur dadurch erklären, dass unser Meister den Ruf hatte, auch die problematischsten Fälle lösen zu können und niemand, sei er auch noch so verunreinigt, hinauszuwerfen. Wohl uns, wenn wir das von Ihm kennengelernt haben. Wie gut, wenn wir selbst solche sind, die nicht als hart bekannt sind, sondern als Jünger, die immer ein offenes Ohr haben.

Es war schon ein bedeutsamer Glaube, dass dieser Mann dem Herrn zutraute, ihn vom Aussatz heilen zu können. Es gab in der Geschichte nur ein Beispiel: das von Naaman1. Trotzdem war sich dieser Mann sicher, dass Jesus ihn heilen könnte, nur war er sich nicht sicher, ob der Herr das auch tun wollte. Aber wenn jemand mit einem Funken Glauben zum Herrn kommt, wird Er eine solche Seele nie enttäuschen! „Ich will!“

Es fällt auf, dass hier nicht von einer Heilung sondern von einer Reinigung die Rede ist. Aussatz ist ein bildlicher Hinweis auf Sünde. Wir brauchen nicht nur Errettung, Heilung. Wir brauchen auch Reinigung, da unser alter Mensch durch und durch verdorben ist. Ohne Reinigung gibt es kein neues Leben für einen Menschen!

Es beeindruckt auch sehr, dass der Herr diesem Mann aufträgt, die Anforderungen des Gesetzes zu erfüllen. Wir haben schon in Kapitel 5 gesehen, dass der Herr das Gesetz nicht auflöst und nie in Widerspruch zu ihm handelt. Hier vollbrachte Er als der ewige Gott das Wunder, einen Aussätzigen zu reinigen, und zwar nicht dadurch, dass der Aussätzige jetzt über den ganzen Körper hinweg aussätzig war, was nach 3. Mose 13.13 auch möglich gewesen wäre. Nein, der Aussatz war völlig verschwunden! Aber obwohl die Heilung so offensichtlich war, fordert Jesus diesen Mann auf, sich dem Priester zu zeigen und die nach dem Gesetz vorgeschriebene Gabe zu bringen. Das ist für uns von Bedeutung. Auch heute handelt unser Herr nie im Widerspruch zu seinem Wort. Genauso wenig fordert Er einen Gläubiger dazu auf, das zu tun.

Als Leser dieser Verse fragt man sich: Warum verbietet der Herr diesem Mann, von diesem Wunder weiterzuerzählen? Im Markusevangelium könnte man sagen: Weil der Diener nicht bekannt werden möchte. Hier steht vielleicht mehr im Vordergrund, dass der Messias nicht durch das Weitererzählen als Messias erkannt werden will. Die Menschen sollen direkt das Wirken des Gesalbten Gottes erleben und zum Glauben kommen. Nicht Gerüchte, nicht eventuelle Übertreibungen der Wunder, sondern die Botschaft des Königs selbst soll die Menschen erreichen. Auch als König ging es Ihm um das Herz, nicht um ein äußerliches Bewundern.

Abschließend noch ein kurzes Wort zum Vergleich der Berichterstattung in den verschiedenen Evangelien. Matthäus ist insgesamt am kürzesten. Bei ihm scheint es um die „Fakten“ zu gehen, und vor allem um die Zusammenstellung der sieben Wunder, wie wir sie in Kapitel 8 finden. In Markus 1,40–45 scheint es besonders um die Haltung und die Empfindungen des vollkommenen Dieners und um die Reaktion des Aussätzigen auf seine Heilung zu gehen. Der Geist Gottes zeichnet hier ein sehr genaues Bild, in was für einer Gesinnung der Herr heilte. Die dort genannte Ergänzung („innerlich bewegt“) findet man nicht in Matthäus und Lukas. Aber auch die Reaktion des Geheilten wird ausführlich beschrieben, der trotz ernstester Ermahnungen nicht gehorsam war. Bei Lukas (Lk 5,12–16) scheint besonders die Wirkung dieses Wunders auf andere im Blickfeld zu stehen. Die Rede über Ihn verbreitete sich in einer Weise, dass sich große Volksmengen versammelten, um Ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden.

Verse 5–13: Die Heilung des Gelähmten von den Nationen

„Als er aber nach Kapernaum hineingegangen war, kam ein Hauptmann zu ihm, der ihn bat und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause gelähmt und wird schrecklich gequält. Und er spricht zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen. Und der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach trittst; sondern sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird geheilt werden. Denn auch ich bin ein Mensch unter Befehlsgewalt und habe Soldaten unter mir; und ich sage zu diesem: Geh!, und er geht; und zu einem anderen: Komm!, und er kommt; und zu meinem Knecht: Tu dies!, und er tut es. Als aber Jesus es hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch, selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden. Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Königreich der Himmel, aber die Söhne des Königreichs werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde geheilt in jener Stunde“ (Verse 5–13).

Diese zweite Begebenheit zeigt in besonderer Weise den großen Glauben des hilfesuchenden Hauptmanns. Es ist sehr erstaunlich, dass hier eine heidnische Person zum Herrn Jesus kommt. So etwas finden wir nur noch ein einziges Mal, nämlich bei der kanaanäischen Frau (Mk 7,24 ff.), wo in gleicher Weise der „große Glaube“ hervorgehoben wird.

Der Herr war sofort bereit, zu diesem Hauptmann zu kommen – und gab diesem dadurch Gelegenheit, seinen Glauben noch deutlicher zu zeigen. Dessen Einwand ist nämlich bewundernswert: Er glaubte fest daran, dass der Herr nur durch ein einziges Wort heilen konnte – und zwar aus der Ferne, denn er fühlte sich nicht würdig, Ihn unter seinem Dach zu empfangen. Wenn wir uns erinnern: Herodes befand das Kindlein Jesus nicht für würdig zu leben. Er wollte es umbringen. Satan erdreistete sich, den Herrn Jesus zu versuchen. Von dem Priester in den vorherigen Versen lesen wir keinen einzigen Hinweis, dass er die Herrlichkeit des Messias gewürdigt hätte. Dieser Mann hier jedoch war sich bewusst, wen er vor sich hatte. Wir wissen nicht, wie viel er verstanden hat. Aber der Herr besaß in seinen Augen eine solche Würde, dass das eigene Dach, das eigene Haus, dieser Würde nicht wert war.

Nun zu seinem Glauben: Er traute dem Herrn sogar zu, den Knecht, den Jesus noch nie gesehen hatte, durch ein einziges Wort zu heilen. Dieser Glaube an das Wort basierte auf dem Glauben an die Person. Ein solcher Glaube ehrt den Herrn. In seiner Antwort erkannte Jesus diesen Glauben an: „Wahrlich, ich sage euch“ – also mit einer besonderen Bestätigung durch diese „Amen“ (wahrlich) unterstreicht der Sohn Gottes seine Worte –, „selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden“. Wieder einmal (vgl. die Magier in Kapitel 2) übertrifft ein sogenannter Heide die Juden an Hingabe und Glauben. Das „verwundert“ den Herrn – ebenso wie er sich bei den Bewohnern seiner Vaterstadt „verwunderte ... über ihren Unglauben“ (Mk 6,6). Und wir erleben, dass dieser Mann die volle Wirkung jener Macht genießen darf, die sein Glaube Jesus zuschreibt.

In Vers 9 finden wir einen interessanten Vergleich: „Auch ich“, sagt der Hauptmann. Er war ja kein besonders hoher Soldat, sondern gerade einmal über rund 100 Soldaten gestellt. Aber auch er hatte es in doppelter Hinsicht mit Befehlsgewalt zu tun: Einerseits war er Befehlsempfänger, andererseits aber war er jemand, der Befehle austeilte. Das traf auch auf Jesus zu. Einerseits war Er als der Gehorsame gekommen, der sich in allem dem Willen seines Gottes unterordnete. Andererseits war Er derjenige, der den Jüngern – in diesem Abschnitt sogar den Dämonen, den Krankheiten, dem Wind – Befehle erteilte.

So verglich dieser Hauptmann seine eigene Situation mit der des Herrn Jesus. Wenn er seinen Knechten Befehle erteilen konnte, warum sollte das der Herr nicht auch tun können, da Er doch viel mächtiger war? Das verstand dieser Mann, so wenig er sonst vom Herrn Jesus kennen mochte. Wie können wir davon lernen, dass ein schlichter Glaube oft ein sehr großer Glaube ist!

Die Beurteilung der Nationen und der Juden

In den Versen 11 und 12 lesen wir dann von einem Gerichtsurteil des Herrn. Zunächst urteilt Er darüber, dass viele Menschen aus fernen Ländern – von Osten und Westen – kommen würden und mit den drei Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob nicht nur ins Königreich eingehen würden, sondern direkte Gemeinschaft mit ihnen pflegen könnten. Das ist die Erfüllung der Segnungen an Abraham: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! (1. Mo 12,3). „In deinem Nachkommen werden sich segnen alle Nationen der Erde“ (1. Mo 22,18). Dieser Hauptmann ist ein Prototyp derjenigen, die von den Nationen mit dem wahren Abraham, dem Herrn Jesus, dem Gesalbten Gottes, gesegnet werden sollten.

Wie erschreckend dann aber in Vers 12 das Urteil über Israel: „Aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Diejenigen, die sich selbst so hoch einschätzten, die sich etwas auf ihre Blutsabstammung einbildeten, in ihrem Inneren jedoch weit entfernt waren vom Herrn Jesus und Ihn letztlich ablehnten, würden hinausgeworfen werden. Es gab viele Heiden, die in dieses Reich eingeführt würden, obwohl die „Söhne des Reiches“ auf sie herabblickten. Andererseits gab es viele Söhne, für die das Königreich eigentlich vorgesehen war, die hinausgeworfen werden würden.2 Ihre Bestimmung ist die äußerste Finsternis, wo es keinerlei Beziehung zu Gott gibt und sich der Mensch in einer endgültigen, ewigen Isolation befindet: Er sieht nichts, hört nichts, denn alles wird von der Finsternis verschluckt. Das ist ein schreckliches, nicht endendes Dasein. Weinen und Zähneknirschen lassen ein wenig erahnen, wie furchtbar dieser Bestimmungsort sein muss, an dem jeder landen wird, der den Herrn Jesus als Retter und Herrn ablehnt.

Wie gut, dass diese Verse positiv enden: Der Glaube dieses Hauptmanns hat den Arm Gottes bewegt. Sein Knecht war geheilt, nicht erst, als der Mann wieder nach Hause kam, sondern in dem Moment, in dem sich der Glaube offenbarte. Der Glaube ist bis heute eine gewaltige Waffe in der Hand jedes Gläubigen, der auf den Herrn vertraut.

Zum Schluss noch ein Wort zu den anderen Evangelien. Nur noch Lukas berichtet von diesem Zeichen (Lk 7,1–10). Er beschreibt, dass der Hauptmann seine Bitte durch Älteste der Juden ausrichten lässt, die dem Herrn dessen Wohltaten für die Juden und seine „Würdigkeit“ vorstellen. Später, als Jesus schon nahe zum Haus gekommen war, sendet er Freunde zu ihm. Matthäus lässt diese Feinheiten weg, weil er alles, was zur Ehre der Juden beitragen könnte, übergehen möchte. Denn er verdeutlicht besonders die Ablehnung des Herrn vonseiten der Juden. Daher beschränkt sich dieser Bericht auf den Glauben des Hauptmanns.

Verse 14.15: Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus

„Und als Jesus in das Haus des Petrus gekommen war, sah er dessen Schwiegermutter fieberkrank daniederliegen. Und er rührte ihre Hand an, und das Fieber verließ sie; und sie stand auf und diente ihm“ (Verse 14.15).

Die nächsten zwei Verse zeigen uns die Heilung der Schwiegermutter von Petrus. Hier finden wir nur einen sehr kurzen Bericht. Er sah sie fieberkrank, was keine „erhöhte“ Temperatur war, sondern eine Grippe, die ohne Eingreifen des Herrn zum Tod geführt hätte – und Er heilte sie. Ihre Antwort besteht im Dienen. Das muss auch heute noch die Antwort jedes Menschen sein, der vom Herrn Jesus geheilt worden ist. Es wäre vollkommen unnatürlich, wenn jemand, der dem Herrn sein Leben, seine Heilung verdankt, achtlos an Ihm vorübergeht.

Wenn man die Berichte der Evangelien vergleicht, so zeigen uns Markus und Lukas (Mk 1,29–31; Lk 4,38.39), dass andere Menschen den Herrn auf die Schwiegermutter von Petrus und ihre Krankheit hinweisen. Bei Markus sehen wir besonders, wie der Diener tätig war zum Wohl der Frau. Bei Lukas werden besonders die Umstände der Heilung betont – wie der wahre Mensch mit dieser Krankheit verfährt. Bei Matthäus geht es wieder darum, dass die Herrlichkeit des Messias hervorscheint. Dazu ist es nur nötig, sein Wunderwirken zu beschreiben.

Verse 16.17: Das Heilen aller Leidenden

„Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: ‚Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten.‘“ (Verse 16.17).

Diese beiden Verse zeigen eine wunderbare Erfüllung der Prophetie von Jesaja 53,4. Sie sind insofern von großer Bedeutung, als sie deutlich machen, dass sich Jesaja 53,4 nicht auf das Kreuz sondern auf das Leben des Herrn bezieht. In Jesaja 53,4 heißt es: „Doch er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen.“ Die Septuaginta benutzt erstaunlicherweise für Leiden das Wort „Sünden“. Damit würde sich dieser Vers tatsächlich auf die drei Stunden der Finsternis beziehen, wo der Herr am Kreuz die Sünden derjenigen getragen hat, die Ihn als Retter und Herrn annehmen würden.

Eigentlich ist aber in Jesaja 53,4 von Leiden und Schmerzen die Rede. Christus hat diese nicht am Kreuz, sondern während seines ganzen Lebens getragen. Das macht die Heilungen besonders eindrucksvoll. Wir lernen nämlich dadurch, dass Christus nicht einfach als mächtiger Gott geheilt hat. Er hat die Leiden auf sich genommen. Er hat sich innerlich eins gemacht mit den Leidenden, Er hat sich unter ihr Schicksal gestellt und diese Folgen der Sünde – denn Krankheiten gab es vor dem Sündenfall nicht – auf sich genommen. Nie hat Er leichtfertig einen kranken Menschen geheilt. Immer hat Er innerlich unter diesen Folgen der Sünden geseufzt und Mitleid mit den Kranken und Leidenden gehabt. „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt, und der Engel seines Angesichts hat sie gerettet“ (vgl. Jes 63,9).

Christus hat nie einen Menschen von seinem Leid befreit, ohne mit seinem Herzen und seinen Gefühlen, die menschlich und göttlich zugleich waren, Anteil am Elend und der Not zu nehmen. Er selbst empfand den Schmerz. Man denke nur an die Auferweckung des Lazarus. Er rief ihn nicht ohne weiteres aus dem Grab hervor. Das tat Er erst, nachdem Er denen, die ihren Bruder beweinten, sein ganzes Mitgefühl bezeugt und den Beweis gegeben hatte, dass Er die Macht des Todes, die durch den Ungehorsam des Menschen auf allen lastet, selbst tief empfunden hatte.

Der Vergleich der Evangelien zeigt, dass Markus davon spricht, dass viele geheilt wurden, Lukas davon, dass Er jeden heilte, Matthäus, dass Er alle heilte (Mk 1,32–34; Lk 4,40.41). Sind das Widersprüche? Keineswegs! Markus zeigt uns die Menge, die zum Diener kam: Es waren viele, nicht wenige. So sehr war der Diener beansprucht. Lukas zeigt uns, dass der Mensch Jesus Christus sich um jeden einzelnen kümmerte. Matthäus zeigt uns, dass der König keinen derjenigen, die zu Ihm kamen, ohne Heilung wieder nach Hause gehen ließ. Sie alle wurden geheilt. Wunderbarer Herr!

Verse 18–22: Der Sohn des Menschen und zwei Jünger

„Als aber Jesus eine große Volksmenge um sich sah, befahl er, an das jenseitige Ufer wegzufahren. Und ein3 Schriftgelehrter kam herzu und sprach zu ihm: Lehrer, ich will dir nachfolgen, wohin irgend du gehst. Und Jesus spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege. Ein anderer aber von seinen Jüngern sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben. Jesus aber spricht zu ihm: Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben“ (Verse 18–22).

Durch die sensationellen Heilungen angezogen versammelt sich eine große Volksmenge um den Herrn. Dieser aber nimmt das zum Anlass, sich zu entfernen. Vermutlich wären viele von uns in einer solchen Situation geneigt gewesen, nun erst recht länger zu bleiben. Aber dem Herrn geht es nicht um die Massen – auch als König nicht. Ihm geht es um die Herzen. Hier erkennt Er, dass sie wegen der Wunder gekommen sind, und nicht, um Ihn als König anzunehmen. Daher verlässt Er diesen Ort und fährt mit den Jüngern ans andere Ufer des Sees Genezareth.

Dort begegnet Er zwei Menschen, zwei Jüngern. Genau genommen handelte es sich allerdings bei dem ersten gar nicht um einen wirklichen Jünger, sondern um einen, der gerne Jünger wäre. Dieser, ein Schriftgelehrter, war offenbar durch das machtvolle Wirken Jesu angezogen worden – immer eine Gefahr, wenn wir durch äußere Werke fasziniert werden. Es ist zwar gut, wenn ein solcher Mensch erkennt, dass er beim Herrn Jesus denjenigen gefunden hat, der wirklich helfen kann. Aber dieser in der jüdischen Nation zu der herausragenden Klasse gehörende Mann ist sich seiner Hilfsbedürftigkeit gar nicht bewusst. Er möchte dem Herrn in eigener Kraft und vielleicht auch um des eigenen Vorteils willen folgen. Er ist so von sich überzeugt, dass er meint, dass er dem Herrn überallhin nachfolgen könnte. Wer das meint – auch heute – ist auf einem Irrweg. Selbst ein treuer Jünger kann nur bis zum nächsten Schritt denken. Den Rest überlässt er seinem Herrn, dem er in allem vertraut.

Der Herr antwortet dem Schriftgelehrten in einer sehr scharfen Weise. Selbst solche Tiere, die viel umherlaufen müssen, um ihre Beute zu finden – Füchse –, und sogar Vögel, die wir eigentlich eher in der Luft als in ihrem Nest kennen, haben ihre Orte, wo sie sich ausruhen können. Aber Jesus besaß so etwas nicht.

Der Sohn des Menschen

Der Herr Jesus nennt sich hier zum ersten Mal „Sohn des Menschen“. Dieser Titel betont seine Menschheit und steht zugleich sowohl mit Leiden als auch mit Herrlichkeit in Verbindung. Das wird man feststellen, wenn man die vielen Vorkommen dieses Titels einmal miteinander vergleicht.

An dieser Stelle geht es um die Leiden Jesu. Stellen wir uns vor: Er

  • ist Emmanuel, Gott mit uns ist (Kap. 1);
  • wird mit Gold, Weihrauch und Myrrhe verehrt (Kap. 2);
  • tauft mit Heiligem Geist (einer göttlichen Person) und mit Feuer: Folglich muss Er Gott sein (Kap 3);
  • wird von Engeln bedient (Kap. 4);
  • redet als König und erklärt sein Königreich (Kap. 5–7);
  • wirkt göttliche Zeichen, die kein Mensch vollbringen kann (Kap. 8).

Diese Person steht nun als Sohn des Menschen vor uns. Hier ist Er jemand, der nicht einmal über einen Platz verfügt, wo Er seinen Kopf hinlegen kann. Was für einen Weg der Erniedrigung hat dieser Gesalbte Gottes gewählt. Gott hat sein Haupt gesalbt – der Mensch hat für dieses Haupt keinen Platz übrig.

Damit meint der Herr nicht, dass Er nirgendwo hätte schlafen können. Wir lesen zwar tatsächlich nur in dem folgenden Abschnitt davon, dass Er geschlafen hat. Bis auf einen Hinweis auf seine Übernachtung in Bethanien gibt es sonst keinen Anhaltspunkt in den Evangelien, dass Er nachts geschlafen hätte – obwohl auch Er das als vollkommener Mensch sicherlich getan hat. Nein, Er will hier ausdrücken, dass Er auf der Erde nur als Fremdling lebte, der verworfen war und kein Zuhause kannte.

Nachfolge heißt bis heute, diesen Platz mit Christus zu teilen. Ein Jünger muss sich bewusst sein, dass er nirgendwo wirklich willkommen ist. Wenn das praktisch so ist, darf er nicht aufgeben – sonst ist er kein wirklicher Jünger! Wie viele „Christen“ gibt es heute, die zwar gute Taten tun wollen, aber keinen wahren Glauben an den Herrn Jesus besitzen. Es reicht nicht, sich äußerlich zu Jesus zu bekennen. Nur der, der Ihn als Retter und Herrn annimmt, kann in Wahrheit sein Jünger sein – und dann auch den Platz der Verwerfung mit Ihm teilen.

Dem zweiten Mann muss der Herr Jesus eine andere Lektion erteilen. Er war ein Jünger – so steht es im Text. Aber er hatte falsche Prioritäten. Christus zeigt, dass Er, der Herr, an erster Stelle kommen muss: vor dem Ehepartner, vor der Familie. Trotzdem müssen wir natürlich unserer Verantwortung in den irdischen Beziehungen unbedingt nachkommen. Denn die Aufforderung des Herrn: „Lass die Toten ihre Toten begraben“ soll ja nicht heißen, dass die irdischen Beziehungen keinen Wert mehr haben und von solchen, die Ihm nachfolgen, vernachlässigt werden könnten! Nein, das ist nicht die Belehrung unseres Meister. Wenn wir bedenken, wie Er in tiefen Leiden am Kreuz – kurz vor den drei Stunden der sühnenden Leiden! – noch an die Not seiner Mutter denkt (vgl. Joh 19,27), verstehen wir, dass ein Vernachlässigen natürlicher Beziehungen unmöglich nach seinen Gedanken sein kann. Dafür also darf man diesen Vers nie entschuldigend anführen. Davor muss sogar ausdrücklich gewarnt werden.

Nein, unser Herr muss diesen Mann, der offenbar gerade seinen Vater verloren hat, belehren, dass dann, wenn der Herr ruft, dieser Ruf Priorität besitzt. Selbst die größten Ansprüche im natürlichen, familiären Bereich dürfen uns nicht davon abhalten, dem Ruf des Herrn den ersten Platz zu geben. Er kommt immer zuerst. Es bleibt allerdings die Frage bestehen, warum der Herr nicht sagt: „Begrabe deinen Toten später“. „Tote“ können wir als einen Hinweis auf solche verstehen, die zu den Toten gehören, selbst wenn sie physisch noch leben – es sind also Ungläubige. Diese können nur mit ihren irdischen Beziehungen beschäftigt sein, weil sie keine himmlischen Beziehungen besitzen können, wie der Apostel Paulus später deutlich machen wird (Epheser- und Kolosserbrief). Der Herr belehrt seine Jünger somit, dass dasjenige, was die Ungläubigen kennzeichnet (nämlich an ihre irdischen Beziehungen zu denken), einen wahren Jünger des Herrn nicht mehr kennzeichnen sollte. Er sollte durch seine Beziehung zum Herrn geprägt sein.

Wir finden diese Unterhaltung nur in den Evangelien nach Matthäus und Lukas (Lk 9,57–62). Dabei spricht nur Matthäus davon, dass es sich beim ersten Mann um einen Schriftgelehrten handelte. So wird noch einmal besonders die Abgrenzung dieser Menschen vom wahren Schriftgelehrten, dem Herrn deutlich. Nur Matthäus erklärt uns zudem, dass der zweite Mann ein Jünger war. Auch das verstehen wir. Denn um Jüngerschaft geht es in Matthäus – nicht in Lukas. Lukas dagegen erzählt uns, dass der Herr dem zweiten Mann den Auftrag gab, das Reich Gottes zu verkündigen. Das ist ein großes Thema im seinem Evangelium. Zudem spricht Lukas von einem dritten Mann, der dem Herrn nachfolgen wollte. Ihm musste der Herr deutlich machen, dass es im Reich Gottes kein Zurück gibt. Man muss vorher wissen, wofür man sich entscheidet.

Verse 23–27: Die Schifffahrt mit dem Herrn im Boot

„Und als er in das Schiff gestiegen war, folgten ihm seine Jünger. Und siehe, ein großes Unwetter erhob sich auf dem See, so dass das Schiff von den Wellen bedeckt wurde; er aber schlief. Und die Jünger traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf und schalt die Winde und den See; und es trat eine große Stille ein. Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen?“ (Verse 23–27).

Im sechsten Abschnitt finden wir dann die Schifffahrt, in der wir vom schlafenden Herrn zusammen mit seinen Jüngern lesen. Sowohl das Fieber der Schwiegermutter von Petrus als auch dieses Unwetter waren keine Kleinigkeiten. Das Fieber konnte zum Tod führen. Dieses Unwetter hatte es ebenfalls in sich. Wir müssen bedenken, dass die Jünger erprobte Fischer waren, die sicher manchen Sturm in ihrer Arbeitszeit erlebt hatten. Aber das, was jetzt auf sie zukam, kannten sie vermutlich noch nicht, wenn wir ihre Reaktionen überdenken. Sie waren wirklich am Rand der Erschöpfung – es ging hier um Leben und Tod.

Sicher fragten sich die Jünger auch, wieso sie gerade jetzt in einen derartigen Sturm gerieten. Waren sie denn auf einem eigenwilligen Weg? Hatte nicht der Meister selbst ihnen sogar befohlen, ans andere Ufer überzusetzen (V. 18)? Es musste also einen anderen Grund geben. – So kann es auch uns gehen! Ein „Sturm“ in unserem Leben weist nicht automatisch darauf hin, dass wir etwas falsch gemacht haben. Das kann natürlich der Fall sein, ist aber keineswegs die Regel. Jedoch sollten wir in jedem Fall darüber nachdenken, was Gott uns mit einer solchen Prüfung sagen will.

In dieser Situation wecken die Jünger ihren Meister auf. Er schläft! Das beeindruckt uns. Wie kann Er bei einem solchen Unwetter schlafen? Das Argument, dass Er ja wusste, was passieren würde, zählt nicht. Denn es verkennt, dass Er als wahrer Mensch geschlafen hat. Also als solcher, der einfach in allem seinem Vater vertraute. Was für eine Ruhe strahlt aus seinem Verhalten. Wenn wir doch daraus für uns selbst lernen würden!

Es gibt aber noch eine zweite Seite, die vielleicht stärker im Markusevangelium vor uns steht. Wer in einem solchen Sturm schläft, muss wirklich erschöpft sein. Der Diener, der Meister war unentwegt im Dienst für seinen Gott und zugunsten der Menschen gewesen. Ununterbrochen. Jetzt, auf dem Schiff, schläft Er. Das Beeindruckende: Auch im Schlaf dient Er – in diesem Fall den Jüngern und uns, die wir von Ihm lernen wollen.

So verständlich der Ruf der Jünger ist: Wir kommen um!, so deutlich zeigt er doch zugleich, wie sehr wir Menschen von uns selbst eingenommen sind. Wenn die Jünger umkämen, käme dann nicht ihr Herr zusammen mit ihnen um? Konnten sie nach den bisherigen Erfahrungen wirklich glauben, dass das Boot untergehen konnte? Die Gefahr war real – aber auch derjenige, der die Gefahr bannen kann. „Rette uns, wir kommen um!“ – sie dachten nur an sich.

Die Jünger hatten die Wunder und die Belehrungen des Herrn erlebt. Der Herr war in ihrer Mitte. Aber sie mussten auch innerlich und persönlich erleben, dass die Gnade des Ewigen zu ihnen gekommen war. Daher erhielten sie jetzt diese Lektion vonseiten ihres Meisters. Offensichtlich wurde dieser Sturm von Gott deshalb zugelassen, damit die Jünger im Glauben erprobt würden und neu die Gnade Gottes und ihren Meister kennenlernten. Die Jünger kannten den Herrn. Aber ihnen fehlte das Bewusstsein seiner Herrlichkeit. Wenn dieses vor unseren Herzen steht, können wir auf Ihn warten!

Man fragt sich auch: Wieso erwarteten die Jünger nicht alles vom Herrn, obwohl sie Ihn so gut kannten im Unterschied zum Hauptmann, der tatsächlich alles vom Meister erwartete? So sehen wir, dass große Kenntnis allein nie ein Hilfsmittel im Glauben ist. Sie muss wirklicher Besitz des Herzens werden, um sich auswirken zu können.

Der Meister greift ein

Im Markusevangelium lesen wir, dass der Herr den Seinen sofort hilft, indem Er den Sturm und den Wind zum Schweigen bringt. Hier im Matthäusevangelium lernen wir, wie das Ganze zeitlich abgelaufen ist. In diesem gewaltigen Sturm hat der Meister noch die Zeit, seine Jünger zu tadeln. Mussten sie nicht auch dadurch erkennen, dass der Sturm, so gewaltig er sein mochte, dem Herrn und den Seinen nichts antun konnte? Wie oft muss der Herr auch uns als Kleingläubige tadeln, weil wir Ihm nicht vertraut haben!

Dann stand Er auf und schalt die Winde und den See. Die Tatsache, dass Er bedrohte und schalt, zeigt deutlich, dass die Winde nicht von Gott kamen, sondern vom Widersacher. Der sucht jede Gelegenheit, dem Herrn und den Seinen zu schaden. Er kann es nicht tun, wenn die Seinen ihren Herrn mit im Boot haben und Ihm vertrauen.

Das Wunder, das der Herr vollbringt, ist zweifach:

  1. Der Herr gebietet Sturm und Wellen. Das kann kein Mensch, das kann nur der Schöpfer. Der Schöpfer hat nicht nur ins Dasein gerufen. Er hält auch alles im Gleichgewicht. Er hat die Macht, zu verändern und sogar zu zerstören oder zu beenden. Und kein Kreislauf dieser Erde bricht zusammen. Hier greift Er durch Veränderung in seine Schöpfung ein.
  2. Wenn ein Sturm aufhört, werden die hohen Wellen noch lange existieren. Aber der Herr hat hier nicht einfach den Sturm beendet. Sogleich hören auch die Wellen auf, gegen das Boot zu schlagen. Es tritt eine große Stille ein. Das, was der Herr macht, macht Er vollkommen. Wir fallen vor unserem Schöpfer nieder.

Die Menschen verwundern sich – offensichtlich auch die Jünger. So kannten sie den Herrn noch nicht. Hätten sie Ihn nicht so kennen müssen? Auch wir kennen den Herrn schon so lange und kennen Ihn doch oft nicht wirklich. Wie oft sagen wird. „Wer ist denn dieser?“ Der Herr wartet darauf, dass wir Ihn mehr und mehr kennenlernen.

Diese Überfahrt wird uns in den drei synoptischen Evangelien mitgeteilt. Markus (Mk 4,35–41) zeigt uns mehr die Umstände. Sie nehmen den Herrn mit, wie Er war, und es gab auch andere Schiffe. Der Herr ist von seinem Dienst gekennzeichnet – so fuhr Er mit. Entscheidend ist für den Diener, dass er in dem Schiff ist, wo sich der Meister befindet. Nur Markus berichtet von der Anklage der Jünger: „Liegt dir nichts daran ...?“ Die Diener, die Jünger warfen dem Herrn vor, Er habe sie allein gelassen.

Lukas (Lk 8,22–25) spricht davon, dass die Jünger wirklich in Gefahr waren. Das ist die menschliche Seite, die er betont. Auch in Bezug auf die Glaubensfähigkeit unterscheiden sich die Evangelisten. Matthäus spricht von dem Kleinglauben der Jünger, Markus davon, dass sie keinen Glauben hatten – gerade für Diener ist es so wichtig, durch Glauben geprägt zu sein. In Lukas finden wir die Frage, die wieder zu der menschlichen Seite passt und ins Innerste geht: „Wo ist euer Glaube?“ Ob er wohl bei uns vorhanden ist?

Verse 28–34: Die Heilung der Besessenen

„Und als er an das jenseitige Ufer gekommen war, in das Land der Gergesener, kamen ihm zwei Besessene entgegen, die aus den Grüften hervorkamen, sehr wütend, so dass niemand auf jenem Weg vorbeizugehen vermochte. Und siehe, sie schrien und sprachen: Was haben wir mit dir zu schaffen, Sohn Gottes? Bist du hierhergekommen, um uns vor der Zeit zu quälen? Es war aber fern von ihnen eine Herde vieler Schweine, die weidete. Die Dämonen aber baten ihn und sprachen: Wenn du uns austreibst, so sende uns in die Schweineherde. Und er sprach zu ihnen: Geht hin. Sie aber fuhren aus und fuhren in die Schweine. Und siehe, die ganze Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, und sie kamen in dem Gewässer um. Die Hüter aber flohen und gingen in die Stadt und verkündeten alles, auch das von den Besessenen. Und siehe, die ganze Stadt ging hinaus, Jesu entgegen, und als sie ihn sahen, baten sie, dass er aus ihrem Gebiet weggehe“ (Verse 28–34).

In der siebten Begebenheit lernen wir dann, wie der Herr zwei Besessenen in Barmherzigkeit begegnet. Es fällt auf, dass Matthäus im Unterschied zu Markus und Lukas von zwei Besessenen spricht – jene nennen nur eine Person. Dabei beziehen sie sich wohl auf denjenigen der beiden, der in besonderer Weise unter der dämonischen Macht stand. Matthäus dagegen spricht von beiden und liefert damit das von Gott geforderte Mindestmaß an Zeugen für diese Heilung. „Auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden“ (5. Mo 19,15; vgl. Mt 18,6). Wir werden noch an anderen Stellen dieses Evangeliums sehen, dass Matthäus von zwei Personen spricht, wo andere Evangelisten nur einen Menschen erwähnen. Das war für die Empfänger des Matthäusevangeliums, Juden, von großer Wichtigkeit. Denn Gott hatte ihnen diese Zeugenzahl vorgegeben. So gab es ein ausreichendes Zeugnis für die Macht des Herrn über den Feind. Ob das der einzige Grund dafür ist, dass wir hier von zwei Menschen lesen? William Kelly schreibt: „Ich maße mir nicht an zu sagen, dass dies der einzige Grund ist. Fern sei es von mir, den Geist Gottes auf die schmalen Grenzen unseres Gesichtsfelds zu beschränken! Niemand möge annehmen, dass ich, wenn ich meine eigenen Überzeugungen darlege, den anmaßenden Gedanken hege, als seien diese genannten die einzigen Beweggründe für Gott!“

Der Herr Jesus befindet sich hier im Land der Gergesener – das ist östlich des Sees Genezareth. Es gehörte zu der damaligen Dekapolis, dem Gebiet der zehn Städte, die zum größten Teil östlich des Sees lagen. Heute ist das Land der Gergesener der nördliche Teil der Golanhöhen. Dieses Gebiet war nicht nur von Juden besiedelt, sondern ein Mischgebiet. Viele Heiden hatten dort ihre Heimat gefunden, und es gab auch Mischehen, also Ehen zwischen Juden und Heiden.

Hier trifft Jesus auf Menschen, die sich auf Friedhöfen aufhielten. Dort, wo die Toten lagen, lebten sie. Sie selbst waren geistlich tot, und das prägte auch ihre Umgebung, ihr ganzes Wesen. Allerdings gibt es auch für solche Menschen Hoffnung, selbst wenn sie, wie in diesem Fall, gewalttätig und sogar von Dämonen besessen sind.

Hier lernen wir nicht so sehr die List des Feindes und sein Wirken auf die Begierden des Menschen, sondern vor allem seine Macht kennen. Diese beiden Menschen befanden sich unter der direkten Macht Satans. Wir sollten uns bewusst machen: Diese Macht ist größer als die Kraft des Menschen. Der Mensch kommt gegen sie nicht an! Und er will ihr auch nicht widerstehen. Aber es gibt jemanden, der stärker ist als diese mächtigen Geister: Christus, der Herr! Er hatte den Starken gebunden – jetzt raubt Er ihm seine Beute.

Immer dann, wenn Dämonen während der Wirkungszeit des Herrn spürten, dass eine Veränderung anstand, wurden sie besonders aktiv. So auch in diesem Fall. Als der Herr hier ankam, quälten die Dämonen ihre Opfer ganz besonders. Sie waren es, die aus den beiden Männern herausschrien: „Was haben wir mit dir zu schaffen, Sohn Gottes?“

Der Sohn Gottes

Wir haben schon gesehen, dass Jesus sich in diesem Kapitel zum ersten Mal „Sohn des Menschen“ nennt. Hier wird Er nun das erste Mal „Sohn Gottes“ genannt. Eigentlich hätte der Priester in den ersten vier Versen bekennen müssen: „Du bist der Sohn Gottes!“ Er hat dies versäumt. So waren es die Dämonen, welche nach Satan (Mt 4,3.6) die Ersten sind, die dies erkannten und anerkannten.

Der Herr Jesus kann das Zeugnis dieser Dämonen nicht annehmen. Er geht auch in keiner Weise darauf ein. Jakobus sollte später aufschreiben: „Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern“ (Jak 2,19). Die Dämonen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das flößt ihnen eine unglaubliche Angst ein. Aber immerhin: Wenn Menschen dem Herrn die Anerkennung versagen – diese Wesen wissen, mit wem sie es zu tun haben!

Die Frage „Bist du hierhergekommen, um uns vor der Zeit zu quälen?“ offenbart auch, dass diese Dämonen ein Bewusstsein davon haben, dass ihr Gericht an einem bestimmten Zeitpunkt vorgenommen werden wird. Aber sie wissen auch, dass es noch nicht so weit war.

Wissen auch unsere ungläubigen Mitmenschen, dass es für sie einmal ein Gericht geben wird? Wir können niemand zwingen, an den Herrn Jesus zu glauben. Das muss jeder für sich selbst, in gewisser Hinsicht „freiwillig“ entscheiden. Aber wenn wir doch das Bewusstsein dafür schärfen könnten, dass es einen Tag der „Heimsuchung“ geben wird (vgl. Lk 19,44; 1. Pet 2,12), einen Tag der Abrechnung. Es ist immer noch besser, sich aus Angst vor dem Gericht zu bekehren, als sich überhaupt nicht zu bekehren.

Aus den Versen 30–32 lernen wir, dass Dämonen offenbar einen Körper brauchen, um tätig werden zu können. Jedenfalls suchten sie, nachdem ihnen durch das Kommen Jesu sofort klar wurde, dass sie diese beiden Menschen verlassen müssten, einen anderen Zielort. Die Herde Schweine war ihnen recht – diese unreinen Tiere, die hier gehalten wurden. Wie das mit dem jüdischen Glauben derer zusammenpasst, die in dieser Gegend lebten, wird nicht weiter erläutert. Juden jedenfalls hätten dieses Fleisch unreiner Tiere nicht essen dürfen (vgl. 3. Mo 11,7). Warum sie sich dann solche Tiere hielten? Wollten sie damit etwa Geschäfte mit Heiden machen?

Wir lesen dann, dass die Herde in den See stürzte. Es wird nicht klar, ob dies das Ziel der Dämonen war, um Jesus aus dieser Gegend zu vertreiben, oder ob dies ein Beweis ist, dass auch die Mächte Satans nicht in der Lage sind, alles zu beherrschen. Jedenfalls wird dieses Ereignis zum traurigen Anlass, dass die Menschen dieser Stadt – vielleicht Gadara – lieber mit diesen beiden besessenen, gewalttätigen Männern leben wollten als mit einem heilenden, rettenden Herrn. So finden wir hier eine weitere Station der Ablehnung des Herrn. Er tat Gutes. Dafür feindeten ihn die Menschen an. Man wird unwillkürlich an Psalm 109,4 erinnert: „Für meine Liebe feindeten sie mich an; ich aber bin stets im Gebet.“ Der Herr war auch mit Macht gekommen, um die Welt und den Menschen von der Gewalt des Feindes zu befreien. Aber die Welt hat Ihn nicht gewollt. Denn der Mensch ist nicht nur ein Sklave Satans, sondern in seinem Innern zugleich ein Feind Gottes. Er lehnt Gott ab. So unterwirft er sich lieber Satan als Gott – was für eine schreckliche Entscheidung!

Es ist beeindruckend zu sehen, dass der Herr, der mit den Dämonen die größten Mächte auf dieser Erde vertreiben kann, sich dennoch unter das Urteil dieser ungläubigen Menschen stellt und weggeht. Er will gebeten sein. Wenn Er zu einem ungebetenen Gast wird, geht Er, denn Er zwingt sich niemandem auf. Das zeigt seine Demut. Aber dies zeigt auch den Ernst der Handlung dieser Menschen auf. Gott sei Dank – Er würde wiederkehren und sogar Frucht durch die Geheilten vorfinden (vgl. Mk 7,31–37).

Die anderen Evangelisten

Wenn wir die beiden anderen über diese Heilung berichtenden Evangelien Markus und Lukas mit dem Bericht von Matthäus vergleichen, stellen wir fest, dass Matthäus am kürzesten ist. Er berichtet diese Begebenheit in nur sieben Versen. Lukas (Lk 8,26–39) nimmt sich 14 Verse „Zeit“, Markus (Mk 5,1–20) sogar 20. Im Matthäusevangelium geht es besonders darum, die Herrlichkeit des Herrn und seines Handelns zu zeigen. Bei Markus geht es darum, das Ausmaß der Krankheit des Betroffenen darzustellen und auch die gewaltige Veränderung, die der Diener in seinem göttlichen Dienst bewirkt.

Lukas stellt besonders den schlimmen Zustand des Menschen vor, um die Barmherzigkeit des Meisters zu zeigen. Markus und Lukas machen auch den Auftrag des Herrn an den Geheilten deutlich, vor Ort ein Zeugnis für Christus zu sein. Matthäus schweigt darüber. Zum einen spricht seine Herrlichkeit als König für sich allein, unabhängig davon, ob jemand von Ihm zeugt oder nicht. Zum anderen scheint es so, dass nur einer der beiden Geheilten innerlich so überwältigt war, dass er wirklich ein Zeugnis von der Herrlichkeit des Herrn ablegen konnte. Das aber hätte nicht zu der Belehrung gepasst, die uns der Geist Gottes über die verschiedenen Haushaltungen (Epochen) in der Abfolge dieser Abschnitte geben wollte, worauf ich im Folgenden eingehen werde. Wie wir schon gesehen haben, spricht Matthäus als Einziger von zwei Personen, in Übereinstimmung mit den Anforderungen des Gesetzes an eine ausreichende Bezeugung. Genau dieses doppelte Zeugnis aber wäre verloren gegangen, wenn nur einer der beiden von seiner Befreiung Zeugnis abgelegt hätte.

Nun folgen die bereits angekündigten fünf Linien, die ich in Kapitel 8 erkennen kann:

  1. Die Einzigartigkeit der Person Christi
  2. Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handeln Gottes (Epochen, Haushaltungen)
  3. Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde
  4. Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen
  5. Belehrungen für die Jüngerschaft

Die Einzigartigkeit der Person Christi

In erster Linie sind wir an der Herrlichkeit der Person des Messias interessiert. Sie wird uns in einem einzigartigen Panorama in diesen verschiedenen Abschnitten vorgestellt. Wenn der Geist Gottes uns mehr die Augen der Herzen für diese Person öffnen könnte, würden wir vermutlich mehr seiner Schönheiten im Wort Gottes erkennen. Schon die Beschäftigung mit diesen 34 Versen zeigt uns eine einzigartige Vielfalt der Herrlichkeit unseres Meisters!

1. Jesus, der Jahwe des Alten Testaments (Verse 1–4)
Das Beeindruckende an der Heilung des Aussätzigen ist, dass im Alten Testament kein einziger Israelit erwähnt wird, der nach den Anweisungen des „Gesetzes des Aussatzes“ (3. Mo 13.14) von seinem Aussatz gereinigt worden wäre (die Fälle Naaman und Mirjam haben wir schon behandelt). Aber jetzt, wo der Herr Jesus auf der Erde war, wurden erstmals Aussätzige aus Israel gereinigt.

Durch den Aussatz war ein Mensch in den Augen Gottes unrein (vgl. 3. Mo 13,45.46). Aus 4. Mose 19,22 wissen wir zudem, dass alles, was ein Unreiner anrührte, und jeder, der einen Unreinen anrührte, ebenfalls unrein wurde. Schließlich sagte der König von Israel, als der aussätzige Naaman zu ihm kam: „Bin ich Gott ..., dass dieser zu mir sendet, einen Mann von seinem Aussatz zu befreien?“ (2. Kön 5,7).

So zeigt die Tatsache, dass der Herr Jesus hier einen Aussätzigen reinigt, dass Er eine Macht besitzt, die kein anderer vor Ihm hatte, ja, die nur der Gott Israels, Jahwe, haben kann. Und dass Er durch die Berührung des Aussätzigen nicht unrein wurde, sondern der Aussätzige rein, ist ein weiterer Beweis, dass Er Jahwe, der Herr ist. Er ist derjenige, der von sich sagt: „Ich bin der Herr, der dich heilt“ (2. Mo 15,26). Seine Macht zeigte sich darin, dass Er heilen konnte; seine Gnade und Liebe bestand darin, dass Er heilen wollte! So finden wir Christus hier als den wahren Jahwe, den Herrn, der zu seinem Volk kommt, um es von seiner Unreinheit, von seinen Krankheiten, zu heilen. Er lässt denjenigen, der aufgrund seines Aussatzes „fern“ war und isoliert leben musste, herzutreten, um ihn in die Gemeinschaft seines Volkes zu bringen. Das konnte nur einer: der Herr! Niemand könnte den Messias auf das Niveau eines normalen Menschen herabziehen und dem von Mose gegebenen Gesetz unterordnen. Er ist der Gesetzgeber, der über dem Gesetz steht, das Er selbst gegeben hat. Es ist natürlich auch wahr, dass Er von einer Frau und unter Gesetz geboren wurde (vgl. Gal 4,4). Aber dieser demütige und abgelehnte Nazarener ist zugleich Jahwe, der Herr! So finden wir hier beide Seiten seiner herrlichen Person: Nur ein Mensch kann einen anderen „berühren“. Zugleich muss dieser Mensch der Ewige sein, der durch die Berührung von Unreinheit nicht unrein wird, sondern das Unreine reinigt. Das Gesetz stellt den Aussätzigen ins Abseits. Aber der Gesetzgeber ist größer als das Gesetz und bringt den Aussätzigen in seiner göttlichen Gnade zu Gott, zu sich selbst.

2. Jesus, des Sohn Abrahams (Verse 5–13)
In der nächsten Begebenheit werden wir an den ersten Vers dieses Evangeliums erinnert: „Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Der Segen Gottes für Abraham war, dass durch ihn alle Nationen gesegnet werden sollten (vgl. 1. Mo 12,3; 18,18; 22,18). Das finden wir hier. Der Segen Jesu reicht weit über die Grenzen Israels hinaus. Hier ist es ein heidnischer Hauptmann und dessen Knecht, die den Segen des Herrn Jesus erfahren. Sie sind nur ein Symbol für die vielen anderen Heiden, die durch Christus gesegnet werden: „Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel“ (Mt 8,11). So finden wir hier eine Erfüllung der Weissagung Jakobs an Joseph: „Die Schösslinge treiben über die Mauer“ (1. Mo 49,22).

Der Sohn Abrahams ist zugleich Gott, der Herr. Bei Ihm war keine Anwesenheit notwendig, um heilen zu können. Er brauchte nur ein Wort auszusprechen, und es geschah. Gott kann nicht dadurch eingeschränkt werden, dass Er sich an einem bestimmten Ort aufhält. Sein Wort reicht aus, um alles das zu tun, was es zu tun gibt.

3. Jesus, der Sohn Davids (Verse 14.15)
Wenn sich der Herr Jesus aufgrund der Verwerfung durch sein Volk den Nationen zuwendet, heißt das nicht, dass Er sein eigenes Volk vergisst. Es wird eine Zeit kommen, in der Er sich seinem Volk wieder ganz zuwenden wird – als der Sohn Davids. Das finden wir in der dritten Begebenheit, wo Er die Schwiegermutter des Petrus, also eine „Blutsverwandte“, heilt. So wird Christus einmal sein Volk heilen – noch einmal haben sie diese Rettung nötig. Ein wunderbares Bild der Zuwendung des Sohnes Davids zu seinem Volk.

4. Jesus, der Knecht Gottes und König Israels (Verse 16.17)
Ausgehend von der Wiederherstellung seines eigenen Volkes, ausgehend von Jerusalem wird der Herr Jesus zum Segen und Heil aller Menschen sein. Damit erfüllt Er die Vorhersagen des Propheten Jesaja in den Kapiteln 52 und 53, wo wir Christus als den leidenden Knecht Gottes finden: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein“ (Jes 52,13). Dieser Erhöhung würde jedoch das Kommen des Knechtes Gottes in selbst gewählter Erniedrigung vorausgehen. In Matthäus 8 werden beide Seiten in beeindruckender Weise miteinander verbunden. Darüber hinaus sehen wir, wie der König sich um sein Volk kümmert. Das, was wir im Einzelnen in Jesaja 35,5.6 lesen, findet eine zusammenfassende Erfüllung in dem hier beschriebenen Dienst des Herrn.

5. Jesus, der Sohn des Menschen und Herr (Verse 18–22)
Zum ersten Mal in diesem Evangelium finden wir hier diesen Titel: Sohn des Menschen. Bezeichnenderweise nennt nur Er selbst sich so. Er nimmt Bezug auf Psalm 8,5 und Daniel 7,13, wo von des „Menschen Sohn“ die Rede ist. Dieser Titel spricht von der Erniedrigung und den Leiden Christi (Er „hat nicht, wo er das Haupt hinlege“, vgl. auch z. B. Mt 17,12; 20,28) und von dessen Verherrlichung (z. B. Mt 19,28; 24,30). Der Titel macht einerseits unmissverständlich klar, dass der Herr Jesus ein Mensch ist, denn ein „Sohn des Menschen“ muss logischerweise ebenfalls Mensch sein. Andererseits besagt dieser Titel auch, dass Er der „Typus“ von Mensch ist, den Gott eigentlich wollte. Denn Er hatte die Eigenschaften, die Gott Adam ursprünglich gegeben hatte: im Bild Gottes und nach seinem Gleichnis zu sein (1. Mo 1,26), ohne Sünde – aber das alles ohne je ein Geschöpf gewesen wäre. An diesem Menschen hatte Gott vollkommenes Wohlgefallen. Als Sohn des Menschen ist sein Wirken jedoch nicht auf Israel beschränkt, sondern wird auf die ganze Erde ausgeweitet. Das wird in Psalm 8 sehr deutlich (vgl. auch Mt 16,13.27.28). Seine Herrlichkeit (zunächst in den Leiden, dann in der Erhöhung) wird für alle Menschen sichtbar gemacht.

Durch seine Worte weist der Herr uns auf die extreme irdische Armut hin, die Er auf sich genommen hat. Er war nicht als Reicher gekommen; auch nicht als jemand, der hier auf der Erde reich werden wollte. Sein Weg war der Weg der Abhängigkeit von Gott. Gerade in den Psalmen wird Er uns in prophetischer Weise immer wieder so vorgestellt. „Ich aber bin elend und arm“ (Ps 40,18). „Ich bin müde vom Rufen“ (Ps 69,4). „Ich aber bin ein Wurm und kein Mann“ (Ps 22,7). Aber diese Verse im Matthäusevangelium sprechen auch von seinem Tod. Ausleger haben darauf hingewiesen, dass der Ausdruck „hinlegen“ wieder am Kreuz von Golgatha erwähnt wird, als der Retter sein „Haupt neigte“, um sich in die Hände seines Vater zu übergeben. So finden wir hier also die erste Ankündigung aus dem Mund des Herrn, dass sein Weg ein Weg der Leiden ist, kein Weg äußerer Herrlichkeit und Anerkennung.

Trotzdem ist Jesus als Sohn des Menschen zugleich auch Herr, derjenige, der Jünger beruft, Jüngern gegenüber Autorität ausübt, von Jüngern Gehorsam fordert. Er ist der Herr und Meister seiner Jünger!

6. Jesus, der Schöpfer und Mensch (Verse 23–27)
In der dann folgenden Begebenheit, in der Jesus den Sturm und den See bedroht und die in allen drei synoptischen Evangelien berichtet wird, erkennen wir, dass Er zugleich Schöpfer und Mensch ist. Als wirklicher Mensch schläft Er im Schiff – als Schöpfer greift Er in seine Schöpfung ein. Er hat die Macht zu schaffen und zu verändern. Er hat Gewalt über Wind und Wetter. „Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen?“

7. Jesus, der Sohn Gottes (Verse 28–34)
In dem siebten und abschließenden Abschnitt erleben wir dann, dass dieser Mensch Jesus Gott selbst ist, Gott der Sohn, „der Sohn Gottes“. Hier finden wir diesen Namen unseres Herrn zum ersten Mal als Ausruf in der Bibel. Schon der Herr der Dämonen, Satan, hatte ihn in fragender, herausfordernder Weise benutzt (Mt 4,3.6), nicht aber in ausdrücklicher Bestätigung.

Für nur zwei Personen nimmt Er einen langen Weg auf sich. Das ist etwas, was wir auch oft im Johannesevangelium finden, wo der Herr uns vornehmlich als Sohn Gottes vorgestellt wird. Die Herrlichkeit seiner Person strahlt in besonderem Maß hervor, wenn Er sich Zeit nimmt für den Einzelnen!

Und welcher Mensch hat Autorität über die Dämonen, die Engel und Diener Satans? Das wissen auch diese furchtbaren Wesen: „Was haben wir mit Dir zu schaffen, Sohn Gottes?“, fragen sie. Auch hier wieder war es für einen Juden ganz klar: Der Ausdruck „Sohn Gottes“ heißt nicht „Kind“, sondern weist darauf hin, dass die Person als „Sohn“ von derselben Art ist wie Gott – eben Gott selbst sein muss. Das mag heute von vielen, auch von Theologen, geleugnet werden. Damals gab es jedoch keinen Zweifel daran: Wenn jemand sich Sohn Gottes nennen ließ, bekannte er sich dazu, Gott zu sein. Das tut der Herr Jesus. Er darf es tun, weil Er Gott ist. Er besteht sogar darauf (vgl. Mk 2,7.10). Aber genau darauf gründen die Juden später ihre Anklage, um von Pilatus das Todesurteil über Ihn zu erwirken (vgl. Joh 19,7). – Ja, Er ist Gott, gepriesen in Ewigkeit!

Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handelns Gottes (Epochen, Haushaltungen)

Diese sieben Abschnitte geben uns nicht nur ein Zeugnis der vollkommenen Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. Sie zeigen auch etwas über die verschiedenen Heilsperioden, die verschiedenen Zeiten, in denen Gott auf unterschiedliche Weise mit den Menschen, mit seinem Volk, handelt. Die Tatsache, dass der Geist Gottes in diesen Abschnitten die Chronologie zugunsten eines anderen Leitgedankens zur Seite stellt, sollte uns verdeutlichen, dass diese Reihenfolge eine besondere Bedeutung besitzt.

1. Christus kommt zu seinem Volk.
In dem ersten Abschnitt lesen wir, dass der Messias vom Berg herabstieg, begleitet von den Volksmengen seines Volkes. Dann wird berichtet, dass ein Aussätziger zu Ihm kam. Dieser steht symbolisch für das Volk Israel, zu dem der Gesalbte Gottes gekommen war. Was war der Zustand des Volkes: aussätzig. Es gibt im Alten Testament keine Krankheit bzw. Unreinheit, die in drastischeren Worten beschrieben wird als der Aussatz (vgl. 3. Mo 13.14). Eine Krankheit, die einen Menschen vollkommen isolierte und ihm keinen Zugang zu irgendeinem anderen Menschen ermöglichte. Das war und ist der Zustand des Volkes Israel: „Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist siech. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an ihm“ (Jes 1,5.6). Sie hatten die Propheten abschließend abgelehnt (vgl. Maleachi). Jetzt standen sie davor, ihren eigenen König zu verwerfen. Nicht Gott stand bei ihnen im Mittelpunkt, sondern ihre eigene Ehre (vgl. Mt 6,1–18).

Und dennoch: Der König kommt zu seinem Volk, um es zu heilen, zu retten. Wir erinnern uns an Matthäus 1,21: „Er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.“ Als König Israels richtet Er sich dabei nach dem von Ihm selbst gegebenen Gesetz, das verlangte, dass sich der Geheilte dem Priester zeigte (3. Mo 14,2). Aber das Volk will das Gesetz nicht tun und lehnt Gott und seinen König, Jesus Christus, ab, wie wir das ja schon aus mehreren Stellen der ersten sieben Kapitel entnehmen konnten.

2. Christus bringt das Heil zu den Heiden.
Wie schon erläutert, fand diese Begebenheit viel, viel später als die Reinigung des Aussätzigen statt. Aber gerade diese Zusammenstellung beider Wunder macht klar, was der Geist Gottes uns lehren will: Der Herr hat seinem Volk gezeigt, was Er für sie hätte tun können, wenn sie – wie der Aussätzige – zu Ihm gekommen wären. Aber Israel war sich seines Aussatzes nicht bewusst, es wollte sich nicht eingestehen, wie sein Zustand war. Nicht nur das: Es lehnte den eigenen Herrn ab, der zu ihm gekommen war, nicht nur „obwohl“ Er Gott war, sondern gerade weil Er göttlicher Natur war. Wenn aber das Volk Israel den Messias ablehnte, dann ist der Fall Israels der Anlass zum Heil der Nationen (vgl. Röm 11,11). So auch hier. Wir lesen nichts davon, dass der Priester es dem Herrn anerkennt, dass hier Gott und nicht einfach ein Mensch gewirkt hat. So brachte der Herr das Heil zu denjenigen, die bislang keine Beziehung zu Gott hatten – zu den Nationen.

Wir finden hier also einen Wechsel im Handeln Gottes mit Menschen: das Abschneiden des fleischlichen Samens Israels wegen seines Unglaubens und die Einführung von zahlreichen Gläubigen aus den Nationen im Namen des Herrn. Sie werden hier durch den heidnischen Hauptmann repräsentiert. Während das Kennzeichen des Volkes Israel war, dass Christus den Aussätzigen anrührte – die jüdische Religion war auf das Sichtbare, Anfassbare ausgerichtet – so finden wir hier als große Tatsache den Glauben dieses Mannes. Ihm genügte das gesprochene Wort Gottes vonseiten des Herrn. Das ist das Kennzeichen unserer heutigen Zeit. Wir sehen nicht und dennoch glauben wir (vgl. 1. Pet 1,8; Heb 11,1). So stellt diese Begebenheit bildlich die heutige Zeit der Gnade dar, geprägt durch den Glauben an den Unsichtbaren. Wir sehen hier noch nicht, dass Christus Israel verlassen hätte, und hier wird auch noch nicht die Versammlung Gottes eingeführt – das alles kommt später. Aber der Herr führt etwas Neues ein: Wenn das Volk Israel vollkommen versagte, öffnete Gott die Tür für die Heiden. Auch die Heiden waren, was ihren Zustand betrifft, „krank“. Sie waren gelähmt und damit nicht in der Lage, Gott zu dienen. Aber Christus kam, um uns aus diesem Zustand zu befreien.

3. Aber Christus gibt sein Volk nicht auf!
„Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11,25.26). In der heutigen Zeit wendet sich die Gnade Gottes allen Nationen zu – Israel eingeschlossen. Wenn aber die Vollzahl der Nationen eingegangen ist, wird sich Christus wieder seinem Volk zuwenden. Denn die Christenheit ist kein bisschen besser als die damals lebende jüdische Nation. Wenn der Abfall der Christen von Christus das volle Maß erreicht haben wird, knüpft Gott wieder mit dem jüdischen Volk an. Dafür aber müssen sie durch eine große Drangsalszeit (vgl. Mt 24,21) hindurchgehen. So sehen wir, dass die Schwiegermutter von Petrus, dem Apostel der Beschneidung (Gal 2,8), fieberkrank daniederliegt. Es geht um die Blutsverwandtschaft, der sich Christus zuwendet. Sie wird anfangs in einem Zustand sein, der durch Fieber geprägt ist. Aber der Herr wird sein Volk aus der Drangsal befreien und retten – durch Anrühren. Wieder haben wir das sichtbare Zeichen der Anrührung, wie es typisch ist für die Juden. Dann ist sein Volk bereit, Gott und seinem Christus zu dienen.

Die wunderbare Botschaft dieses Abschnittes ist: Christus gibt sein Volk nicht auf; Er wird sich wieder um sein irdisches Volk kümmern. Sie mögen den Eindruck haben, vergessen worden zu sein: „Und Zion sprach: Der Herr hat mich verlassen, und der Herr hat mich vergessen.“ Aber Gott hat eine Antwort auf diesen Kummer des Volkes. Es werden nur die Übriggebliebenen, ein Überrest, sein, dem Er sich offenbaren kann. Solchen im Haus, die sich auf die Seite der Jünger des Herrn, ja des Messias selbst stellen. Und ihnen sagt der Herr: „Könnte auch eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten sogar diese vergessen, ich werde dich nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind beständig vor mir“ (Jes 49,14–16). So dürfen wir erkennen, dass trotz der reichhaltigen Gnade Gottes für die Nationen seine Zuneigungen zum irdischen Volk Israel nicht außer Kraft gesetzt werden. Das Volk liegt noch „fieberkrank“ danieder. Aber der Augenblick kommt, wo sich der Messias wieder um sein Volk kümmern und es von seiner Krankheit befreien wird. Das aber ist nötig, um es in den Segen des 1000-jährigen Friedensreichs einzuführen.

4. Die Wiederherstellung Israels ist die Basis für den Segen der Welt.
Nicht nur Israel wird im 1000-jährigen Reich von Gott gesegnet werden. Ausgehend von Israel wird Christus den Segen über die ganze Erde bringen. In diesen Versen finden wir keinen Hinweis auf die Zugehörigkeit derer, die zum Herrn gebracht werden. Die Völker werden sich künftig als Feinde Gottes erweisen, besessen von satanischer Macht, beherrscht von dem ersten und zweiten Tier aus Offenbarung 13, dem Römischen Kaiser und dem Antichristen. Aber Christus wird auch unter den Nationen viele retten können, ausgehend von Jerusalem. „Und es wird geschehen an jenem Tag, da werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen, zur Hälfte zum östlichen Meer und zur Hälfte zum hinteren Meer; im Sommer und im Winter wird es geschehen. Und der Herr wird König sein über die ganze Erde; an jenem Tag wird der Herr einer sein und sein Name einer“ (Sach 14,8.9). Dann wird auch das ganze Volk Israel gesund sein: „Dann wird die Beute des Raubes ausgeteilt in Menge, sogar Lahme plündern die Beute: Und kein Einwohner wird sagen: Ich bin schwach. Dem Volk, das darin wohnt, wird die Schuld vergeben sein“ (Jes 33,23.24). Die Völker werden nach Jerusalem ziehen und aus dem Gesetz belehrt werden (vgl. Jes 2,2–4; Mich 4,1.2).

Nach diesem Überblick über die verschiedenen Epochen bis hin zum 1.000-jährigen Reich schließt der Geist Gottes dieses Thema mit drei wichtigen, moralischen Belehrungen ab, die gewissermaßen „Rückgriffe“ darstellen:

5. Nur die Jünger, welche die Schmach Christi teilen, werden ins Königreich eingehen.
Man könnte nun fragen: Wer ist es, der in dieses 1000-jährige Friedensreich eingehen wird. Dieser fünfte Abschnitt gibt darüber Auskunft. Nur diejenigen, die sich auf die Seite des verworfenen Sohnes des Menschen stellen, werden einen solchen Zugang haben. Der Herr hatte keinen Platz hier auf der Erde, wo Er Ruhe gefunden hätte. Das gilt auch für seine Jünger – besonders für die, die in der Drangsalszeit leben werden. Es handelt sich um Juden, denn die Christen werden vor der Stunde der Versuchung bewahrt werden (vgl. Off 3,10). Für sie wird gelten: Der Herr kommt an erster Stelle. Es wird in dieser Zeit viele Märtyrer geben. Ja Bruder wird gegen Bruder und Eltern gegen Kinder und umgekehrt auftreten. Nur derjenige, der den Herrn an die erste Stelle setzt, ist ein wahrer Jünger.

Im Schriftgelehrten, der sagt, er wolle dem Herrn nachfolgen, sehen wir auch wieder ein Bild von Israel. Nachdem der Herr Jesus gezeigt hat, was für einen Segen es für Israel und darüber hinaus geben wird (V. 16.17), betont Er, dass dafür aber eine radikale Änderung in dem inneren Zustand des Volkes nötig sein wird. Dieser Mann zeigt uns den Hochmut und die Anmaßung Israels, die dachten, die Gegenwart Jesu brächte äußeren Gewinn, Reichtum und Herrlichkeit. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Nur, wenn das Volk dazu kommt, sich vor seinem Gott zu demütigen und sich einzugestehen, dass es überhaupt nicht in der Lage ist, Ihm zu dienen und nachzufolgen, kommt Rettung. Dann wird es den Ruf des Herrn in die Nachfolge hören.

Man kann diese Verse darüber hinaus auch so verstehen: Bis zum Zeitpunkt, dass der Herr auch von den Heiden vollständig verworfen werden wird, so dass Er auch ihnen das endgültige Gericht ankündigen muss, verbirgt Er sich. So lange erhebt Er seine Stimme nicht auf den Straßen – Demut, die Taube, ist sein Kennzeichen (vgl. Jes 42,1–4). Wenn Ihm jemand nachfolgen will, musste er alles verlassen. Denn nur dann findet er zu dem Platz, wo der verworfene Christus sich befindet.

6. Christus bringt seine Jünger durch die Drangsalszeit hindurch.
Die schon erwähnte schreckliche Drangsalszeit hat es „in sich“. Sie wird hier mit einer Schifffahrt durch ein großes Unwetter verglichen. Die Jünger waren erfahrene Fischer und hatten manchen Sturm erlebt. Dieser hier ging über ihr Vermögen. Das wird auch in der Drangsalszeit so sein. „Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden“ (Mt 24,22). Diese Zeit wird furchtbar sein. Die gläubigen Übriggebliebenen der Juden werden der Macht Satans im ruhelosen Völkermeer, das einem wilden Ungestüm gleicht, ausgesetzt sein (vgl. Jes 57,20). Aber Christus wird diejenigen, die Ihm treu verbunden sind, durch diese Zeit hindurchretten. So werden sie das andere Ufer erreichen und in das 1000-jährige Friedensreich eingehen. „Die sich auf Schiffen aufs Meer hinabbegeben, auf großen Wassern Handel treiben ... Er spricht und bestellt seinen Sturmwind, der hoch erhebt seine Wellen. Sie fahren hinauf zum Himmel, sinken hinab in die Tiefen; es zerschmilzt in der Not ihre Seele. Sie taumeln und schwanken wie ein Betrunkener, und zunichte wird all ihre Weisheit. Dann schreien sie zu dem Herrn in ihrer Bedrängnis, und er führt sie heraus aus ihren Drangsalen. Er verwandelt den Sturm in Stille, und es legen sich die Wellen. Und sie freuen sich, dass sie sich beruhigen, und er führt sie in den ersehnten Hafen“ (Ps 107,23–30). Erst mit dem Wiederkommen des Herrn wird die „große Stille“ eintreten.

7. Die Untreuen aber gehen in die ewige Verdammnis!
Das Volk wird erkennen müssen, dass es von Satan besessen war. Christus war gekommen, um das Volk von Satan zu befreien. Er hat es bei denjenigen getan, die Ihm folgen wollten. Davon sind die beiden Besessenen ein Bild. Sie sind Repräsentanten des gläubigen Überrests, den der Herr hier auf der Erde finden wird. Aber das Volk im Allgemeinen hat sich als untreu erwiesen, so dass Satan wieder eindringen konnte: „Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen dort; und das Letzte jenes Menschen wird schlimmer als das Erste. Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen“ (Mt 12,45).

Die Übriggebliebenen müssen erkennen, dass sie Satan gefolgt sind; dass er ihr Herrscher gewesen ist und das Volk durch den Antichristen am Schluss unterjocht hat. Wenn sie das bekennen, werden sie, wie diese beiden Männer, von den Dämonen befreit. Diese fahren dann in die Schweine. Wie wir in Kapitel 7 gesehen haben, sind das unreine Tiere. Aus Sicht der Pharisäer waren das die ungläubigen Heiden. Der Herr Jesus dreht das Symbol jedoch um und zeigt, dass diese unreinen Tiere – sonst tatsächlich ein Symbol für die Heiden – zu einem Symbol für den Zustand des unwilligen, ungläubigen Volkes geworden sind. Das sind die gottlosen und gotteslästerlichen Juden, die den Herrn verwarfen und verwerfen werden! Alle diejenigen, die sich in der Drangsalszeit von Christus lossagen und den Bund des Antichristen mit Satan gutheißen, werden wie diese Schweine umkommen. Eine schreckliche Zukunft in der Hölle wird sie erwarten.

Diese Begebenheit zeigt uns auf eindrückliche Weise, in welch starker Weise Satan in der Drangsalszeit wirken wird. Nach Offenbarung 12 wird er aus dem Himmel geworfen. Er und seine Dämonen werden dann in vorher nicht gekannter Weise die Erde und ihre Bewohner drangsalieren. Nur wer sich in die Retterarme des Messias wirft, wird gerettet werden – durch die Drangsalszeit hindurch, sofern er nicht als Märtyrer sterben muss.

So erkennen wir, dass der Herr in diesen wenigen Abschnitten ein umfassendes Bild der Geschichte der Gläubigen und Ungläubigen in dieser Welt zeichnet. Was für ein Herz hat unser Heiland für sein Volk Israel, auch wenn es Ihn damals ans Kreuz gebracht hat.

Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde

In den sieben Abschnitten können wir auch verfolgen, welche gravierenden Auswirkungen die Sünde im Leben von Menschen hat. Die Sünden, die wir begehen, unterscheiden sich voneinander in ihrem Charakter.

1. Aussatz – ein Bild von ungerichteter Sünde sowie von Eigenwillen und Hochmut
Der Aussatz ist in der Schrift immer wieder ein Bild von der befleckenden, verderblichen Macht der Sünde. Das Kennzeichen des Aussatzes ist, dass er sich ausbreitet (auf dem eigenen Körper) und im Sinn von Verunreinigung auch ansteckend ist für andere.4 So ist es auch bei ungerichteter Sünde. Wenn ein Mensch Sünde in seinem Leben zulässt, ohne sie zu bekennen – das gilt auch für einen Gläubigen – dann breitet sie sich in seinem Leben aus. Eine Sünde bereitet den Weg für die nächste. Das lernen wir aus dem Leben vieler Menschen der Bibel; man denke nur an die Lügen Jakobs, die weitere Lügen „notwendig“ machten (vgl. 1. Mo 27). Darüber hinaus sehen wir im Neuen Testament, dass Sünde ansteckend ist. Wenn Sünde beispielsweise in einer örtlichen Versammlung (Gemeinde, Kirche) nicht gottgemäß bereinigt wird, hat sie sich als ansteckend erwiesen. Auch andere werden von ihr verunreinigt – im Bild des Sauerteigs (vgl. 1. Kor 5,6; Gal 5,9).

Wenn man sich die Beispiele von Aussätzigen im Alten Testament anschaut (Mirjam, Gehasi, Ussija/Asarja), kann man bei ihnen noch folgende gemeinsame Kennzeichen erkennen: Mirjam (und Aaron) waren eifersüchtig und neidisch auf die Stellung von Mose (4. Mo 12). Sie sahen sich selbst in derselben Position wie Mose („Hat Gott nicht auch mit uns geredet?“) – war das nicht Hochmut? Bei Ussija (oder Asarja; 2. Chr, 26,16) war es der Hochmut des Herzens, der ihn zu der großen Sünde brachte, in den Tempel zu gehen, um zu opfern. In seinem Eigenwillen und vielleicht in einer gewissen Eifersucht auf die Aufgaben der Priester opferte er. Gehasi war im Eigenwillen hinter Naaman hergelaufen, nachdem Elisa diesem nicht gestattet hatte, Geld für die Heilung zu geben. Gehasi jedoch wollte es für sich haben und meinte in seinem Stolz, ein Recht darauf zu besitzen.

Eigenwillen und Hochmut – sind das nicht zwei wesentliche Eigenschaften von Sünden, die wir aus unserem eigenen Leben kennen? Wenn sie nicht bekannt werden und man nicht davon lässt, breiten sie sich aus. Es war der Hochmut Evas, sich über die Anweisungen Gottes zu stellen, und ihr Eigenwille, in Unabhängigkeit von Gott zu handeln. Beides war die Ursache dafür, dass die Sünde in diese Welt kam (vgl. 1. Mo 3). Bis heute breiten sich diese Sünden aus. Sogar schon vor der Erschaffung des Menschen war es der Hochmut, der Satan zu Fall brachte (vgl. Hes 28,16.17).

2. Gelähmt sein – ein Bild von der Kraftlosigkeit als Folge der Sünde
In der zweiten Begebenheit lernen wir etwas über die Folge der Sünde. Diese macht den Menschen kraftlos – er kann nicht laufen (vgl. Apg 14,8). Er ist nicht in der Lage, ein Leben zu führen, das Gott ehrt und Ihn zum Mittelpunkt hat. Alles dreht sich um den Menschen selbst. Gott beschreibt das folgendermaßen: „Denn Christus ist, da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben“ (Röm 5,6). Der Gottlose ist durch Kraftlosigkeit geprägt. Aber auch ein Gläubiger kann kraftlos werden, wenn er sündigt und die Sünde nicht bekennt. War Lot noch in der Lage, für Gott zu handeln, als sein Leben durch Sünde und die Vermischung mit dieser Welt geprägt war (1. Mo 19)? Was für eine Kraft hatte Simson, als er infolge seiner Sünde im Schoß Delilas lag (vgl. Ri 16,16)?

3. Fieber – ein Bild innerer Unruhe als Folge der Sünde
Fieber hat zur Folge, dass ein Mensch innerlich keine Ruhe mehr hat. Dadurch ist er nicht mehr in der Lage, sich zu konzentrieren. Satan nimmt dem Menschen die innere Ruhe und beschäftigt ihn mit allem möglichen, damit er sich nicht mit seiner Zukunft und der Notwendigkeit der Bekehrung auseinandersetzen kann. Diese Verantwortung kann der Mensch natürlich nicht auf den Teufel abwälzen – er ist selbst dafür verantwortlich, dass er sündigt bzw. als Sünder nicht nach Gott fragt. „Ja, als ein Schattenbild geht der Mensch umher; ja, vergebens ist er voll Unruhe; er häuft auf und weiß nicht, wer es einsammeln wird“ (Ps 39,7). Aber diese Unruhe verstärkt sich – und das gilt auch wieder für Gläubige –, wenn der Mensch sündigt.

Wenn man die Ursache des Fieber analysiert, stellt man fest, dass der Körper durch einen Krankheitserreger derart damit beschäftigt ist, sein Gleichgewicht wieder zu finden, dass er keine Ruhe mehr gibt, bis die Krankheit besiegt ist. Im übertragenen Sinn ist der Mensch durch die Sünde so mit sich beschäftigt, dass er nicht in der Lage ist, das zu tun, wofür Gott uns Menschen geschaffen hat: Ihm zu dienen. Aber eigentlich gibt es für den Menschen keine Ruhe, bis er sich bekehrt hat – wobei er allerdings erkennen muss, dass er sich nicht selbst erlösen kann, sondern einen Retter nötig hat.

Auch für den Gläubigen vergeht die „Unruhe“, die durch die Sünde ausgelöst wird, erst wieder, wenn die Sünde bekannt und die praktische Gemeinschaft mit dem Vater wieder hergestellt worden ist.

4. Leidende – die Sünde führt nicht zum Glück, sondern zu Leid
Eine weitere Folge der Sünde ist, dass sie den Menschen leiden lässt. Das ist grundsätzlich sogar für die ganze Schöpfung wahr, trifft aber auf den Menschen und die Gläubigen speziell auch zu: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst“ (Röm 8,22.23).

Wenn wir an den sogenannten verlorenen Sohn in Lukas 15 denken, führten ihn seine Sünden zu regelrechten Qualen (Vers 16.17). Der Mensch verspricht sich inneres Glück von einem Leben in Sünde – das Gegenteil ist wahr, selbst wenn er zeitweise den Eindruck gewinnen mag, es laufe alles reibungslos und besser als bei Gläubigen (vgl. Ps 73,3.17.27).

Auch ein Gläubiger fügt sich nichts anderes als Leid zu, wenn er in Sünde fällt (vgl. Lot, 1. Mo 19; 2. Kor 2,7).

5. Selbstüberschätzung und falsche Prioritäten
Aus dem Gespräch zwischen dem Herrn Jesus und den zwei Menschen können wir zwei weitere Folgen der Sünde erkennen. Der erste Mann war nicht von dem Herrn Jesus gerufen worden. Aber er selbst meinte, dass er einen guten Jünger abgebe. Der Herr Jesus musste diesem Schriftgelehrten zeigen, dass er sich gar nicht kannte. Er überschätzte seine eigenen Fähigkeiten. So gibt es viele religiöse, aber ungläubige Menschen, die sich selbst überschätzen in ihrer Fähigkeit, Gott zufrieden stellen zu können. Dieses falsche Selbstbild ist ebenfalls eine Folge der Sünde; man denke nur an den Pharisäer in Lukas 18,11.

Zweitens werden wir hier vor der Gefahr gewarnt, unsere Prioritäten falsch zu setzen. Der sündige Mensch denkt an sich und seine Interessen. Erst dadurch, dass er seine Sünden bekennt und gläubig wird, ist er in der Lage, Gott und den Herrn Jesus an die erste Stelle zu setzen. Das sehen wir beispielsweise aus der Unterhaltung des Herrn mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4).

Sünde im Leben eines Gläubigen hat dieselben Folgen. Man wird immer egoistischer.

6. Sünde führt zu Angst und Kleinglauben
Die Jünger sind zweifellos keine Ungläubigen gewesen (bis auf Judas Iskariot), und dass sie in diesen Sturm gerieten, war auch – wie wir bereits gesehen haben – nicht die Folge einer Sünde. Aber in diesem „Panorama“ über Sünde kann man vielleicht doch eine Anwendung machen: Sünde im Leben eines Menschen führt nämlich auch dazu, dass dieser ängstlich und kleingläubig (wenn nicht sogar ungläubig) wird. Das wiederum bewirkt, dass man Christus in den Umständen außer Acht lässt und Ihm nicht zutraut, helfen zu können. Man verkennt den wahren Charakter der Person des Herrn Jesus Christus vollständig. Menschen dieser Gesellschaft sehen in Christus zum Teil noch einen ehrenwerten oder vorbildlichen Menschen. Aber mehr billigen sie Ihm nicht zu!

Wieder gilt der genannte Grundsatz auch für einen Gläubigen. Ungerichtete Sünden in seinem Leben lassen den Herrn und seine Macht aus dem Blickfeld schwinden. Man gerät in Angstzustände und der Glaube sinkt auf Null. Hinzu kommt, dass man sich ein falsches Bild von Christus macht: Man sieht Ihn auf einmal als seinen Richter, obwohl gerade Er unser Gericht getragen hat. Man sieht Ihn vielleicht auf einmal als harten Herrn, obwohl Er seine Gnade in unübertrefflicher Weise offenbart hat. Aber noch einmal: Nicht jeder „Sturm“ in unserem Leben ist die Folge einer Sünde! In diesem Sinn offenbaren die Jünger an dieser Stelle auch nicht direkt Sünde. Jedoch wird in jedem Fall unser Vertrauen auf Gott geprüft.

7. Besessen – Herrschaft Satans über den Menschen als Folge der Sünde
Durch die Sünde hat der Mensch einen anderen Herrn in sein Leben eingelassen: nicht mehr Gott, sondern Satan. Dieser ist durch die Sünde zum Fürsten dieser Welt geworden (vgl. Joh 12,31; 14,30; 16,11). Er ist dadurch der „Gott“ dieser Welt: „... die verloren gehen, in denen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, der das Bild Gottes ist“ (2. Kor 4,3.4). So, wie der Pharao in 2. Mose 5–14 nicht bereit war, das Volk Israel freizugeben, so will auch Satan den Menschen nicht freigeben. In diesen Besessenen erkennen wir somit den entsetzlichen Zustand des Menschen unter der Macht Satans. Das ist uns nicht immer so bewusst. Aber der Zustand des Menschen ist bis heute noch ebenso schrecklich, wie es in dieser Begebenheit geschildert wird. Wie gut, dass es Christus gibt, der stärker ist. Er hat dem Starken die Beute entrissen (Lk 11,21.22). So kann Er dem Satan auch hier zwei Seelen entreißen.

Übrigens – wenn ein Gläubiger Satan auch nicht mehr im absoluten Sinn unterworfen ist, so kann der Teufel uns doch in Teilbereichen, in denen wir Sünde zulassen, wieder in eine gewisse Knechtschaft führen. Daher ist es so wichtig, dass wir auch als Gläubige unsere Sünden bekennen und von ihnen lassen.

Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen

Dieses Thema wird vielleicht nicht in jeder Begebenheit sehr deutlich behandelt. Aber es ist auffallend, dass auch der Glaube in diesem Kapitel eine große Rolle spielt.

1. Lückenhafter Glaube
Im ersten Fall sehen wir einen Mann, der wohl glaubte, dass der Herr Jesus diese Wunder tun konnte, der aber (noch) nicht glaubte, dass Er es auch tun wollte. Bei diesem Mann war Glaube vorhanden, sogar eine erhebliche Portion von Glauben, da er nicht zweifelte, dass der Herr das außergewöhnliche Wunder der Reinigung eines Aussätzigen vollbringen könnte. Aber es mangelte an der vollen Glaubenskraft – wie so oft auch bei uns.

Damit soll nicht gesagt werden, dass es für uns nicht angebracht ist, im Gebet bei einer Bitte zu ergänzen, „wenn Du willst“. Wir wollen Gott nichts abtrotzen. Doch scheint im Fall dieses Aussätzigen ein gewisser Zweifel vorhanden gewesen zu sein.5

2. Großer Glaube
Der Hauptmann dagegen hatte einen großen Glauben (Vers 10), auch wenn er den Herrn Jesus vielleicht nur ganz wenig kannte. Aber das, was er wusste, führte zu einem überwältigenden Glaubensbekenntnis. Übrigens: Großer Glaube ehrt Gott! Dennoch bleibt wahr, dass auch schon der schwache Glaube rettet. Das ist ein Trost für uns alle!

3. Glaube
In der Begebenheit der Heilung der Schwiegermutter von Petrus lesen wir keinen besonderen Hinweis auf den Glauben. Hier ist der Herr von Anfang an der Wirkende. Hier sehen wir – allerdings mehr im Markusevangelium – den Glauben von anderen, die den Herrn auf diese kranke Frau hinweisen. Dasselbe gilt für die Begebenheit, wo die Menschen Kranke und Leidende zu Christus brachten.

4. Fehlender Glaube
Bei dem Mann, der sich selbst erkühnte, dem Herrn Jesus nachzufolgen, müssen wir feststellen, dass überhaupt kein Glaube vorhanden war. Auf den Hinweis des Herrn, dass die Nachfolge große Entbehrung bedeutet, hören wir nichts mehr von dem Mann. Hat er aufgegeben, weil bei ihm der grundsätzliche Glaube fehlte?

5. Kleinglaube
In der Begebenheit auf dem Schiff muss der Herr seine Jünger tadeln: „Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen?“. Bei ihnen war nur ein kleiner Glaube vorhanden, obwohl sie den Herrn eigentlich schon gut hätten kennen müssen! Ist das nicht ein Spiegelbild unseres eigenen Glaubenszustandes?

6. Abfall vom Glauben
In der letzten Begebenheit lernen wir, dass es Menschen gibt, die den Herrn Jesus nach einem Wunderwerk zu ihren Gunsten sogar ganz ablehnen und Ihn aus ihrer Gegend fortbitten. Das ist ein Bild – wie zuvor im Blick auf die Schweine schon gesehen – vom Abfall von Christus. Wer das Wirken Gottes durch den Herrn Jesus gesehen und genossen und sich dennoch gegen Ihn entscheidet, fällt vom Glauben ab (vgl. Heb 6,4–8). Ihn erwartet ein ewiges Gericht!

Belehrungen für die Jüngerschaft

Als Letztes wollen wir noch einen „Rundgang“ unternehmen, um für uns, die wir Jünger des Herrn sein wollen, Belehrungen zu erhalten.

1. Jüngerschaft setzt Sündenvergebung voraus
Wer ein Jünger des Herrn Jesus werden möchte, muss zuerst von seinem Aussatz, von seinen Sünden gereinigt worden sein. Anders kann man kein wirklicher Jünger Jesu sein. Es gibt auch niemanden, der uns von dieser Unreinheit heilen kann, als nur Er.

2. Jüngerschaft führt zu Gemeinschaft
Die zweite Begebenheit zeigt uns eine wunderbare erste Folge der Sündenvergebung: Ein Jünger steht nicht allein auf dieser Erde, sondern hat Gemeinschaft mit anderen Jüngern. Das war die Antwort des Herrn auf den großen Glauben: „Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel.“ Jünger sind nie isoliert, sondern dürfen gemeinsam für den Herrn tätig sein.

3. Jüngerschaft führt zu Dienstbereitschaft
Wer ein Jünger des Herrn Jesus sein will, muss bereit sein, Ihm zu dienen. In dem Augenblick, in dem die Schwiegermutter des Petrus geheilt war, trat sie in seinen Dienst ein. So muss es auch bei uns sein: Wenn wir Jünger des Herrn sein wollen, heißt das letztendlich, dass wir Ihm auch dienen wollen. Wer nicht für den Dienst bereit ist, kann nicht sein Jünger sein.

4. Jüngerschaft führt dazu, dass man andere zu Christus bringt
In diesen beiden kurzen Versen sehen wir das Wunderwirken des Herrn, das alle Bedürftigen umfasst. Dem Jünger stehen zwar die göttlichen Hilfsquellen offen; er selbst aber ist in seiner Wirkungskraft begrenzt. Wir müssen jedoch den Glauben daran haben, dass der Herr nicht nur alles zu tun vermag, sondern seine Hilfe auch allen, das heißt jedem einzelnen, zuwendet. In diesem Bewusstsein bringt der Jünger möglichst viele Menschen zu Ihm, damit Er sie heilen kann.

Das bedeutet, dass man den Herrn Jesus als jemand kennengelernt hat, der seine Macht nicht ohne persönliche Zuwendung ausübt. Er macht sich eins mit den Nöten der Schwachen und Kranken, indem Er ihre Schwachheiten und Krankheiten auf sich nimmt. Er hat als Hoherpriester daher ein vollkommenes Mitempfinden und ist aus eigener Erfahrung fähig, jede einzelne Not zu lindern.

5. Jüngerschaft setzt eine Berufung voraus und ist durch Selbstverleugnung geprägt
Ein Jünger muss in den Dienst berufen werden. Man kann sich nicht selbst berufen. Natürlich ist es wahr, dass jeder Jünger eine Aufgabe hat im Königreich Gottes (vgl. 1. Pet 4,10). Aber für jede konkrete Aufgabe muss der Jünger vom Herrn persönlich berufen werden. Man kann sich nicht selbst als „zuständig“ erklären. Das musste der Mann hier erst lernen.

Vom zweiten Mann dieser Verse lernen wir, dass ein Jünger – es handelte sich um jemand, der „Jünger“ genannt wird – sich selbst verleugnen und seine eigenen Belange zurückstellen muss. So richtig es ist, dass wir als Kinder oder Verwandte uns nahe stehende Personen beerdigen, so bleibt doch die Vorrangstellung des Herrn im Blick auf unser Leben bestehen. Ein „zuvor“ kann es nur für den Herrn geben. Der Herr stellt also nicht die irdischen Aufgaben des Jüngers in Frage. Aber Er verneint, dass eine irdische Beziehung oder eine irdische Aufgabe Vorrang hat und „zuvor“ geschehen muss. Der Jünger muss die Gefahr erkennen, die durch die natürlichen Bindungen und Aufgaben in dieser Welt ausgehen und sich zwischen Christus und die Seele drängen wollen.

6. Jüngerschaft ist mit Nöten und Glaubensprüfungen verbunden
Die Jünger im Schiff mussten lernen, dass auch ein Leben im Gehorsam mit Prüfungen verbunden ist. Der Herr war in das Schiff gestiegen und hatte seine Jünger mitgenommen. So waren sie auf dem richtigen Weg. Sie mussten jedoch lernen, dass sie deswegen nicht von Nöten und Glaubensprüfungen verschont werden würden. Aber sie wussten, dass ihr Meister mit im Boot war. Dieses Bewusstsein ist für einen Jünger unabdingbar. Er muss wissen, dass der Herr ihn nie allein lässt, mögen die Schwierigkeiten noch so groß sein. Wer sich dessen bewusst ist, weiß, dass sein „Boot“ nicht untergehen kann. Echtes Glaubensvertrauen bedeutet auch, es dem Herrn zu überlassen, wann Er uns aus schwierigen Umständen rettet. Geduld und Ausharren – beides brauchen wir als Jünger.

7. Jüngerschaft hat einen klaren Blick für den Charakter dieser Welt
Ein Jünger muss wissen, dass es ihm nicht besser gehen wird als seinem Meister. Wenn Christus trotz Wundertaten zugunsten der Menschen abgelehnt und gebeten wird, aus ihrem Gebiet wegzugehen, so wird es auch seinen Jüngern nicht anders gehen. Wer nicht bereit ist, vonseiten der Gesellschaft, sei sie religiös oder nicht, abgelehnt zu werden, ist nicht bereit für die Jüngerschaft des Herrn.


Werke der Gnade – die Ablehnung des Königs durch die Elite Israels (Mt 9)

Im achten Kapitel standen die Zeichen des Königs im Mittelpunkt, wodurch besonders seine Herrlichkeit hervorstrahlte. Im neunten Kapitel geht es jetzt nicht allein um seine Herrlichkeit – die sich auch hier in zweifacher Hinsicht zeigen wird –, sondern vor allem um sein Werk der Gnade. Deshalb wird hier (nach der Bergpredigt) zum ersten Mal von Sündenvergebung (V. 1–8), von der Annahme der Zöllner und Sünder (V.9–13) und vom Predigen des Evangeliums (V.15) usw. gesprochen. Trotz der Ablehnung durch das Volk und besonders durch die Elite der Juden wirkt der Herr in Gnade. Christus lässt sich in diesem Dienst nicht aufhalten. Gnade strahlt in einzigartiger Weise aus jedem einzelnen seiner Werk hervor. Und das umso mehr, als die Macht Satans und der Sünde in diesem Kapitel in siebenfacher Weise betont wird – wenn wir den letzten Abschnitt aus Kapitel 8 noch hinzunehmen, sogar in achtfacher Weise.

In Kapitel 8 ging es mehr um die Frage, wie das Volk als Ganzes das Wirken seines Königs aufnimmt. In Kapitel 9 sehen wir, wie die Vorsteher des Volkes, die Pharisäer und Schriftgelehrten, dem Christus Gottes begegnen. Um es vorwegzunehmen: Sie lehnen Ihn ab und bringen seinen Dienst sogar zum ersten Mal direkt mit Satan in Verbindung. Noch übergeht Christus diese Blasphemie und lässt sich nicht aufhalten, weiterhin Gnade zu üben. Aber der Zeitpunkt naht, an dem das Volk den eigenen König so sehr ablehnt, dass sich auch Christus seinerseits von seinem Volk abwenden muss.

Wie beim Kommentar zu Kapitel 8 wollen wir auch in Kapitel 9 zunächst auf die einzelnen Begebenheiten eingehen, bevor wir dann einige Themen behandeln, die sich wieder wie eine Linie durch das Kapitel ziehen.

Christus wirkt, ohne vor den Menschen groß sein zu wollen

Heute wie damals gibt es viele Menschen, für deren Charakter wir in der Apostelgeschichte ein passendes Beispiel finden: „Ein gewisser Mann aber, mit Namen Simon, der ... von sich selbst sagte, dass er jemand Großes sei“ (Apg 8,9). Christus gehörte nicht zu diesen Menschen. Er wollte nicht groß sein, sondern einfach das tun, was Ihm sein himmlischer Vater auftrug. Er selbst wurde abgelehnt, nahm diese Ablehnung aber als von Gott zugelassen an und beugte sich darunter. Wie es Matthäus beschreibt, beendet Er daher im Wesentlichen sein öffentliches Wirken, als die Ablehnung durch die Führer des Volkes deutlich wird (vgl. Mt 9,34). Jedoch wirkt Er weiter in Gnade (vgl. Mt 9,35 ff.). Der Rest des Kapitels ist bereits eine Einführung zu Kapitel 10, wo wir die Aussendung der Jünger vor uns haben. Weil Er abgelehnt wurde, sendet Er als Ausdruck seiner Gnade die Jünger aus, damit durch sie das Werk Gottes weiter geschehen könne.

Aber bis zu diesem Zeitpunkt wirkt Er, um sein Volk zu erreichen. Solange bleibt Er „Jesus, der von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38). Genauso erleben wir Ihn in diesem Kapitel, dem wir auch die Überschrift geben können: „Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten“ (Ps 103,3). Wir erkennen hier die tätige Gnade Gottes in der Person Christi. Er tritt als Erlöser und Befreier auf – nicht im Hinblick auf die politischen Mächte, sondern im Hinblick auf die Macht Satans und des Bösen sowie in Bezug auf Krankheiten und Besessenheit.

Belehrungen aus Kapitel 9

Vers 1: Die eigene Stadt Kapernaum

„Und er stieg in ein Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt“ (Vers 1).

Wie es scheint, ist der Herr Jesus „nur“ für die beiden Gergesener mit dem Schiff über den See Genezareth gefahren. Jetzt kommt Er wieder zurück, um in seiner eigenen Stadt zu wirken. Aus Kapitel 4,13 wissen wir, dass es sich hierbei um Kapernaum handelte. Was für ein Segen für diese Stadt, dass Emmanuel dort über einen langen Zeitraum tätig war!

Der Herr Jesus hatte diese Gegend und die von den Pharisäern verachtete Stadt ausgewählt, weil Er gerade für die Verachteten ein Licht sein wollte. Mit ihnen identifizierte Er sich. Das muss den Pharisäern und Schriftgelehrten, die so viel auf sich und auf die Hauptstadt Jerusalem hielten, ein Dorn im Auge gewesen sein. Denn es bedeutete Segen für diese missachtete Gegend.

Doch Segen ist immer auch mit Verantwortung verbunden. Nur zwei Kapitel später müssen wir lesen: „Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Land von Sodom wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir“ (Mt 11,23.24).

Nicht anders wird es den christlichen Ländern gehen. Gerade in Deutschland, wo Gott durch einen Reformator Martin Luther so viel wirkte, ist die Bibelkritik aufgekommen. So wird das Gericht Gottes über die abgefallene Christenheit auch in Deutschland einmal sehr schlimm sein!

Verse 2–8: Der Glaube der Freunde des Gelähmten

„Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei gutes Mutes, Kind, deine Sünden werden vergeben. Und siehe, einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert. Und als Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr Böses in euren Herzen? Denn was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden werden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat, auf der Erde Sünden zu vergeben -. Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus. Und er stand auf und ging in sein Haus. Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der den Menschen solche Gewalt gegeben hat“ (Verse 2–8).

Die Heilung des Gelähmten fand zeitlich weit vor der in Matthäus 8 berichteten Begebenheit mit den Besessenen statt (vgl. Mk 2,1 ff; Mk 5,1 ff.). Das zeigt uns noch einmal deutlich, dass es auch in diesem Kapitel nicht um eine chronologische Berichterstattung geht, sondern dass eine andere, von Gott inspirierte Reihenfolge vorliegt, durch die Er uns ganz bestimmte Belehrungen über seine Gedanken geben will.

Wie in Kapitel 8 stellen wir auch in diesem Kapitel fest, dass Matthäus oft deutlich weniger ausführlich ist als Markus. Matthäus geht es nicht so sehr darum, im Einzelnen den Zustand der betroffenen Personen zu beschreiben. Das ist mehr die Aufgabe von Markus, der dadurch den Umfang und damit die Einzelheiten des Dienstes des Herrn vorstellt. Matthäus hebt nur das hervor, was besonders charakteristisch für den jeweiligen Kranken ist und symbolisiert damit den Zustand des Volkes Gottes, wie wir bereits gesehen haben.

Hier geht es auch nicht darum, die Aktivitäten der vier Freunde des Gelähmten im Detail zu beschreiben, deren Zahl von Matthäus nicht einmal genannt wird. Dienstbelehrungen für Jünger finden wir mehr im Markusevangelium. Und doch lernen wir hier, dass die, die das neue Leben schon besitzen, denen helfen sollen, die es noch nicht haben. Jeder von uns kann etwas dazu beitragen, dass Sünder mit dieser heilenden Macht Jesu in Berührung kommen.

Denn das ist hier die gewaltige Botschaft: Jesus Christus vergibt Sünden! Und traurigerweise führt genau diese Tatsache zur ersten, offenen Ablehnung des Messias durch die hier anwesenden Schriftgelehrten, die zur Führungselite des Volkes gehörten. Bisher hatte Matthäus besonders die Autorität Jesu über den Teufel und seine Dämonen sowie über die Schöpfung und Krankheiten ganz grundsätzlich unterstrichen. Jetzt betont er, dass der Herr auch Autorität über Krankheiten als Folge der Sünde besitzt. Denn bevor der Heiland die Krankheit behandelt, geht Er erst auf deren tiefere Ursache ein: die Sünden! Offenbar nimmt Er aber nicht auf eine konkrete Sünde des Gelähmten Bezug, denn Er spricht allgemein von „deine Sünden“. Vielmehr zeigt Er, dass die Unfähigkeit und Kraftlosigkeit im Leben eines Menschen dessen Sünden als Ursache haben.

Im neunten Kapitel werden uns im Übrigen auch nicht so sehr die Unreinigkeit und der Charakter der Sünde vorgestellt, wie wir das in Kapitel 8 in bildhafter Weise gesehen haben. Hier geht es direkt und schwerpunktmäßig um die Vergebung von Sünden, weil der Mensch Schuld auf sich geladen hat. Diese Vergebung ist Voraussetzung dafür, dass sich echte Kraft im Leben eines Menschen entfalten kann. Der Geist Gottes hat sich die Frage der Vergebung bis zu diesem Kapitel aufbewahrt. Vergebung ist das alleinige Recht Gottes und hängt mit seinem Charakter als Richter zusammen, während die Reinigung vom Aussatz mehr mit seiner Heiligkeit verbunden ist.

Vergebung von Sünden – ein himmlischer Segen

Vielleicht sind wir geneigt, die Vergebung von Sünden allein als eine Botschaft für Sünder bzw. für junge Gläubige anzusehen. Dabei verkennen wir die gewaltige Wirkung dieser Sündenvergebung. Wir würden vielleicht vermuten, dass Vergebung eher ein Thema des Römerbriefs ist. Dort aber wird von Vergebung nur an einer Stelle gesprochen, und dabei sogar nur in Form eines Zitates aus dem Alten Testament.

Zwei zentrale Stellen zur Vergebung finden wir dagegen im Epheserbrief, in dem wir den Christen in den höchsten geistlichen Höhen finden, von denen das Neue Testament spricht: „In dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (1,7). „Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (4,32). Gerade, wenn es um unsere gewaltige Stellung in Christus Jesus geht, spricht der Geist Gottes von Vergebung. Das darf uns dankbarer machen für diese himmlische Segnung. Und es lässt uns dieses Ergebnis des Werkes Christi höher schätzen.

Jesus, wahrer Gott

Menschlich gesprochen können wir die Reaktion der Schriftgelehrten verstehen: „Dieser lästert.“ Denn nur Gott kann und darf Sünden vergeben. Aber hatten diese Menschen nicht längst erlebt, dass hier jemand wirkte, der wirklich Gott war? Wie hätte ein Mensch so viele Wunder in eigener Kraft vollbringen können?

Also: Nicht der Herr Jesus lästerte, sondern die Schriftgelehrten, weil sie wider besseres Wissen seine Göttlichkeit leugneten. Sie waren völlig vom Unglauben durchdrungen, sonst hätten diese „auserlesenen“ Führer den Test des Glaubens bestanden. Stattdessen nehmen sie den Segen Gottes zum Anlass, den Herrn zu kritisieren.

An dieser Stelle des Matthäusevangeliums beginnt die Widerstandsbewegung gegen den Herrn in deutlicher Form. Mehr und mehr werden sich die Vornehmen des Volkes, die Elite, von nun an gegen ihren König stellen, bis sie Ihn ans Kreuz gebracht haben. Sie zeigen jetzt nicht mehr nur ihren Hochmut und ihr Selbstvertrauen, sondern sie richten und verurteilen ihren Messias! Gleichzeitig nehmen die Zeichen des Herrn wegen ihres Unglaubens mehr und mehr an Häufigkeit ab. Wir haben das schon gesehen: Von den 14 Zeichen in den Kapiteln 8 bis 12 finden wir nur noch zwei nach Kapitel 9, und zwar in Kapitel 12. Doch in seiner Gnade hört der Herr nicht vollständig auf zu wirken.

Nun beweist Er, dass Er wirklich Gott ist, und zwar auf zweierlei Weise. Die Schriftgelehrten hatten nur „bei sich selbst“ gesprochen, ohne dass sie ihren Einwand offen geäußert hätten. Er aber erkennt ihre Herzen – und nur Gott kann in die Herzen sehen. Kein Mensch kann das, auch wir Christen nicht und müssen uns daher hüten, das Herz und die Beweggründe anderer beurteilen zu wollen. Der Herr aber ist Gott. So erkennt Er, dass Böses in den Herzen der Führer vorhanden war.

Zweitens beweist Er seine Göttlichkeit dadurch, dass Er den Gelähmten heilt. Und seine Antwort auf die Lästerung der Schriftgelehrten beinhaltet außerdem, dass Er sich gerade hierdurch legitimiert, Sünden vergeben zu dürfen. Er leitet dies durch eine Frage ein: „Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden werden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?“ Natürlich mussten die Schriftgelehrten zugeben, dass es leicht ist, zu sagen „Deine Sünden werden vergeben“ – denn ob dies wirklich geschehen war, konnte niemand nachprüfen. Dagegen würde sich jemand lächerlich machen, der zu einem Gelähmten sagt: „Steh auf und geh umher“, wenn dieser sich daraufhin nicht rühren würde.

Oder anders ausgedrückt: Es ist leicht, etwas zu behaupten, was niemand nachprüfen kann, aber „schwer“, etwas (voraus) zu sagen, was dann alle sehen und überprüfen können. So etwas würde niemand ernsthaft wagen, es sei denn, er wäre sich seines Erfolges völlig sicher. Aber der Herr Jesus „wagt“ es, auch das Schwerere, das Nachprüfbare zu sagen. Weil auf sein Wort hin der Gelähmte tatsächlich aufsteht, ist bewiesen, dass Er Gott ist. Und weil Er Gott ist, hat Er folglich auch das Recht, Sünden zu vergeben.6 Jetzt sind die Schriftgelehrten zum Schweigen gebracht und das Volk verherrlicht Gott..

Zusätzlich fällt auf, dass der Herr Jesus sich hier nicht „Sohn Gottes“ nennt, ja nicht einmal Christus (so stellt Er sich fast nie vor, außer in Lk 24,26.46). Er nennt sich vielmehr „Sohn des Menschen“. Natürlich ist wahr, dass nur Gott Sünden vergeben kann. Aber derjenige, der hier als Mensch vor den Schriftgelehrten stand, war niemand anderes als Gott. Aber das sagt Er nicht von sich, sondern offenbart es durch seine Werke.

Sündenvergebung – für die Erde, im Hinblick auf den Himmel

An dieser Stelle mag es angebracht sein, auf die Bedeutung von Sündenvergebung im Allgemeinen einzugehen. Die Schrift kennt das Vergeben von Sünden für diese Erde und im Hinblick auf die Ewigkeit. Gerade im Leben des Herrn ist – wie hier – immer wieder der Gedanke vorherrschend, „auf der Erde Sünden zu vergeben“. Er hatte und hat die Macht, auch Sünden im Hinblick auf die Ewigkeit zu vergeben. Aber gerade angesichts der Tatsache, dass die Voraussetzung dafür das Kreuz von Golgatha ist, welches ja noch künftig war, finden wir diese Art der Sündenvergebung kaum in den Evangelien.

Oft geht die Sündenvergebung im Hinblick auf das ewige Heil und die Sündenvergebung für die Erde „Hand in Hand“. Aber die Vergebung für die Erde ist eine vorübergehende, administrative Sündenvergebung, die wir auch in der Taufe finden. Petrus sagt am Pfingsttag: „Tut Buße, und jeder von euch werde getauft auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden“ (Apg 2,38) – nämlich für die Erde. Die Taufe rettet nicht für den Himmel!

Was bedeutet dann die Sündenvergebung für die Erde? Durch sie kommt man in den Bereich, der von Gott hier auf der Erde gesegnet ist. „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“, sagt Petrus den Juden (Apg 2,40). Durch die Taufe, die Sündenvergebung für die Erde, würde Gott den Täufling nicht in den Bereich des Gerichts und der Strafe bringen, sondern ihn segnen. Das erlebte der Gelähmte. Er bekam die Sünden vergeben und wurde geheilt.

Nun stellt sich die Frage, ob dieser Mensch auch ewig gerettet ist, oder ob er sich noch bekehren muss. Aus diesen Versen erhalten wir auf diese Frage keine Antwort. Wir müssen bedenken, dass es sich hier um eine Übergangszeit handelte, in der zwar der Sohn Gottes auf der Erde lebte, das Erlösungswerk allerdings noch nicht vollbracht worden war. Jedenfalls bedeutet die Tatsache allein, dass der Herr ihm die Sünden „nur“ für die Erde vergab, keineswegs, dass dieser Mensch nicht auch für die Ewigkeit errettet worden war. Denn für alle alttestamentlich Gläubigen gilt, was Paulus schreibt: „zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes“ (Röm 3,25). Es ist keine Rede davon, dass Gott im Blick auf die Ewigkeit Sünden im Alten Testament vergeben hätte. Dennoch sind diese „vor dem Kreuz“ lebenden Gläubigen im Himmel, auch wenn sie im engeren Sinn noch keine Vergebung im Blick auf die Ewigkeit erfahren konnten. Dazu war es nötig, dass der Herr Jesus das Werk am Kreuz vollbrachte.

So auch bei dem Mann in unserem Abschnitt. Der Herr vergab ihm und er wurde geheilt. Das alles war Folge des Glaubens der Männer, die den Gelähmten zu Jesus brachten. Zweifellos konnten sie das nur tun, weil auch der Gelähmte selbst Glauben hatte. Sonst hätte er diese Aktion sicher nicht zugelassen. Aber der Glaube der anderen wird besonders betont. Nur auf der Grundlage von Glauben kann es Vergebung geben. „Jeder, der an ihn glaubt, empfängt Vergebung der Sünden durch seinen Namen“ (Apg 10,43).

Die Veränderung im Leben eines Menschen

Wir sehen die Veränderung im Leben des ehemals Gelähmten. Er nimmt sein Bett, an das er bislang gefesselt war, auf und kann gehen. Er geht in sein Haus. So ist es bei jemand, der gläubig geworden ist. Seine alten Gewohnheiten – sein Bett – kann er aufnehmen. Sie beherrschen ihn nicht mehr. In Worten der neutestamentlichen Lehre können wir das damit verbinden, dass „wir der Sünde gestorben sind“ und mit Christus begraben worden sind, indem wir mit Christus einsgemacht worden sind in der Gleichheit seines Todes, so dass „unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,2.4–6). Der Erlöste ist befreit von alten Bindungen, er hat keine Beziehung mehr zur Sünde. So hat auch dieser Mann nun – dem Bild nach – Gewalt über die alten Bindungen. Das wird in seinem Leben sichtbar (er geht).

Besonders wichtig ist es, dass man in der eigenen Familie anfängt (er geht in sein Haus). Dort, wo man uns am besten kennt, wo wir täglich wohnen, müssen die Veränderungen in unserem Lebenswandel als erstes sichtbar werden. Dann haben wir auch Glaubwürdigkeit, nach draußen zu gehen, um anderen von dem erfahrenen Heil weiterzuerzählen.

Zum Schluss sehen wir, dass die Volksmengen anders reagieren als die Vornehmen des Volkes. Sie fürchten sich und verherrlichen Gott. Das ist positiv. Doch steht hier nicht, dass sie den Glauben gehabt hätten, dem Herrn Jesus nachzufolgen.

Sie haben zudem immer noch nicht erkannt, dass Jesus nicht einfach ein Mensch unter Menschen war. Hatte Gott den Menschen solch eine Gewalt gegeben? Nein, Gott war zu seinem Volk gekommen, Emmanuel, Gott mit uns, um selbst diese Gewalt auszuführen – als Gott und Mensch in einer Person. Er tat dies nicht für sich, oder um selbst groß zu sein, sondern um das Volk dazu zu gewinnen, Buße zu tun und im Glauben den Messias anzunehmen. Leider lesen wir hier nichts davon, dass das Volk dies getan hätte. Wir lesen auch nicht, dass sie dem Herrn zu Füßen fielen. Sie staunen – aber dabei bleiben sie stehen. Ist das nicht auch bis heute die Reaktion vieler Menschen, wenn sich Gott deutlich offenbart? Und wie reagieren wir, die wir an Ihn glauben, angesichts der vielen Wunder in unserem Leben?

Verse 9–13: Der Evangelist wird in die Nachfolge gerufen

„Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen am Zollhaus sitzen, Matthäus genannt, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? Als er es aber hörte, sprach er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das ist: ‚Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer‘; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Verse 9–13).

In diesem Abschnitt offenbart sich die Gnade des Herrn in einer noch augenscheinlicheren Weise. In Kapitel 8 erwies Er seine Gnade, als ein heidnischer Hauptmann Ihn aufsuchte und um Hilfe bat. Hier aber geht Christus selbst auf einen Menschen zu, und zwar auf einen, der – schlimmer als ein Heide – vom Volk gehasst wurde: ein Zöllner! Und dann ruft Er diesen Zöllner auch noch in seine Nachfolge. Was für eine große Gnade zeigt sich hier! Aus diesem Mann sollte später der Evangelist Matthäus werden, der dieses Evangelium aufgeschrieben hat. Wie passend! Ein verschmähter Messias wendet sich in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes an die Heiden und (aus anderen Gründen) ebenfalls an verschmähte Zöllner und Sünder. Doch je mehr Jesus als der „Gott mit uns“ die Gnade Gottes offenbart und schenkt, umso stärker wächst der Widerstand der Führer des Volkes.

Der Abschnitt beginnt mit einer Zeitangabe: „Und als Jesus von dort weiterging ...“ Tatsächlich scheint es sich hier um eine historische Reihenfolge zu handeln – auf die Begebenheit mit dem Gelähmten folgt die Berufung des Matthäus. Dort fanden wir, wie der Herr Sünden vergibt, hier, wie Er einen Sünder dann in seine Nachfolge ruft. Diese Reihenfolge gilt auch heute noch.

Nur in diesem Evangelium wird der uns geläufige Name „Matthäus“ in der Berufungsgeschichte erwähnt. Er heißt übersetzt „Geschenk des Herrn“ (von Matitjahu – Geschenk Jahwes). Ist das nicht auch für das Evangelium, das dieser Mann unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben hat, ein passender Name? Hier wird nicht sein ursprünglicher Name Levi erwähnt (vgl. Lk 5,27), um mehr das Ziel, zu dem er berufen wurde, in den Fokus zu stellen: Er sollte als ein „Geschenk des Herrn“ sowohl dem Herrn Jesus als Jünger als auch dem Volk Gottes als Evangelist gegeben werden.

Dieser Mann steht wieder stellvertretend für das Volk Israel. Er war ein Zolleinnehmer. Diese Menschen waren den Juden verhasst, mehr noch als die Heiden. Denn sie waren abtrünnige Juden, die mit der Besatzungsmacht, den Römern, kollaborierten. Sie mussten für ihre Arbeit einen bestimmten Betrag an die römische Regierung abgeben, den Rest der Einnahmen konnten sie behalten. Das führte häufig dazu, dass sie die Juden über Gebühr ausnahmen – ein zweiter Grund für den Hass der Juden.

Aber war das nicht der Zustand des Volkes? Haben sie nicht mit Herodes, einem Nicht-Juden, zusammengearbeitet? Schon im zweiten Kapitel lesen wir, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer diesem gern bei Fragen zu Hilfe eilten. Gab das Volk Gott wirklich die Ehre und auch den Zehnten, wie Gott es vorgeschrieben hatte? Nein, sie behielten – wie die Steuereintreiber – gerne mehr als genug für sich selbst. Und im Blick auf die Kreuzigung war ihnen ein anderer Herodes in seiner Freundschaft mit Pilatus gerade recht.

Bei Matthäus kam der Augenblick, wo Jesus in sein Leben trat. Wir lesen nichts davon, dass Matthäus zu Christus hinging. Der Herr kam zu Matthäus. Berufung in die Jüngerschaft und auch in den Dienst geht immer von dem Herrn Jesus aus, nie von uns selbst. „Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt“ (Joh 15,16). Wir können uns nicht – wie an Hochschulen – um einen Ruf „bemühen“, bewerben. Berufung ist nichts als reine Gnade! Der Herr Jesus sagt uns, wenn Er den Augenblick für gekommen hält: „Folge mir nach!“ Diese wenigen Worte haben eine nachhaltige Wirkung auf Matthäus. Seine Reaktion, sein Gehorsam ist beeindruckend: „Und er stand auf und folgte ihm nach.“

Wahre Jüngerschaft

Im Neuen Testament finden wir zwei unterschiedliche Arten von Nachfolge. Einerseits ist jeder Mensch, der von Neuem geboren ist, zur Nachfolge des Herrn berufen: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh 10,27), sagt der Herr Jesus über sie. Dafür bedarf es keines besonderen Rufs des Meisters – das Schenken des neuen Lebens enthält diesen Ruf. Andererseits aber gibt es auch das Rufen in die Nachfolge des Herrn zu einem speziellen Dienst. Das sahen wir bei Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes bereits in Kapitel 4,18 ff. Auch in Johannes 21,19 lesen wir von einem solchen Ruf. In diesem zweiten Sinn kann man wahre Jüngerschaft anhand von fünf Punkten beschreiben:

  1. Der Herr ruft jemand in seine Nachfolge.
  2. Man hört diesem Ruf zu und ist innerlich überwältigt.
  3. Der Ruf des Herrn verändert den Berufenen. Man ist ein neuer Mensch mit neuen Aufgaben, die zu einem neuen Bereich gehören.
  4. Man ist gehorsam und folgt dieser Berufung, indem man „aufsteht“ und das tut, was Christus sagt.
  5. Nachfolge hat eine Person zum Inhalt: den Herrn Jesus. Man folgt nicht einer Lehre oder einer Idee, sondern einer Person. Nur, wer die richtige Blick- und Laufrichtung hat, ist wirklich ein Jünger Jesu.

Der Evangelist

Uns wird nicht weiter mitgeteilt, wie viel Zeit zwischen Vers 9 und 10 lag. Jedenfalls machte Matthäus eine Mahlzeit für „seinesgleichen“. Viele Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um bei ihm zu essen. Vielleicht war das sogar eine Tradition unter Zollbeamten, dass sie sich regelmäßig bei einem von ihnen zum Austausch trafen. Welcher Art die „Sünder“ waren, wird hier nicht weiter erörtert. Jedenfalls handelte es sich um Menschen, mit denen die Pharisäer und Schriftgelehrten keinen Umgang pflegten. Bei Matthäus fanden sie Aufnahme.

Es fällt auf, dass Matthäus nicht wie andere Evangelisten von einem „großen Mahl“ spricht (vgl. Lk 5,29). Er selbst hat offenbar schnell von der Demut seines Meisters gelernt und macht sich und seine Tätigkeit daher nicht groß.

Matthäus spricht anscheinend nur deshalb von dem Mahl, um den Widerstand der Pharisäer hervortreten zu lassen. Wie hochmütig und selbstgerecht ist deren Frage: „Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ Sie würden so etwas Verabscheuungswürdiges niemals tun! Tatsächlich aber aß der Herr nur mit denjenigen Zöllnern und Sündern, die von Ihm Rettung erfahren wollten und bereit waren, Ihm ihr Leben zu übergeben. Das ist auch heute noch zu bedenken, wenn man mit Ungläubigen geselligen Umgang pflegen will: Entweder hat man eine Aufgabe, ihnen das Evangelium zu verkündigen, oder man praktiziert mit ihnen eine Gemeinschaft, die Gottes Wort verurteilt (vgl. 2. Kor 6,15). Gott sieht das Herz an. Er sah in Matthäus und auch in den Sündern, die kamen, heilsbedürftige und suchende Menschen.

Es fällt auf, dass die Pharisäer nicht den Mut besitzen, den Herrn Jesus selbst anzusprechen. Sie suchen sich die aus ihrer Sicht schwächeren Jünger aus. Vermutlich erhoffen sie sich, hier leichteres Spiel zu haben. Aber sie müssen feststellen, dass der Herr selbst antwortet. Er übernimmt sozusagen die Regie, da die Jünger mit diesen Fragen überfordert sind. Auch wir erleben bisweilen, dass wir für das Handeln des Herrn verantwortlich gemacht werden. Wie beruhigend ist es dann, wenn der Herr selbst das Heft in die Hand nimmt und sich sozusagen schützend vor uns stellt!

Die Antwort des Herrn ist so einfach wie tiefgründig. Sie stellt letztlich eine Binsenweisheit dar und ist daher für jeden verständlich: „Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.“ Die Pharisäer fühlten sich geistlich gesund und stark, obwohl sie keinen Deut besser waren als die Zöllner und Sünder. Daher sahen sie keine Notwendigkeit für einen Arzt. Die Zöllner und Sünder hingegen waren sich bewusst, dass sie einen Arzt nötig hatten. Sie vertrauten nicht auf eigene Werke, sondern bekannten ihre Sünden.

Die Botschaft von Hosea 6,6

Doch bei dieser Belehrung belässt es der Herr nicht. Er weist auf einen alttestamentlichen Vers hin: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.“ Nur wenig später, in Kapitel 12, wird der Herr Jesus noch einmal diesen Vers zitieren. Er stammt aus Hosea 6. Dort spricht der Prophet zunächst von einer gewissen Umkehr des Volkes Israel. Dann heißt es in Vers 2, dass Gott das Volk zwar nach zwei Tagen7 wieder beleben und am dritten Tag aufrichten würde, doch kennt Er ihre Herzen. Wahre Gottesfurcht hatten sie sehr früh aufgegeben. Obwohl Er immer wieder Propheten geschickt hatte, wollte das Volk doch nicht hören. So würde auch diese Umkehr leider nicht von Dauer sein.

Daher sendet Er einen neuen Appell an ihre Herzen: „Denn an Frömmigkeit habe ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer, und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6). Gott wollte mehr als nur eine äußere Form. Natürlich hatte Er die Opfer angeordnet. Aber ein rein formeller Opferdienst, ohne dass das Herz auf Gott ausgerichtet war, stellte einen Gräuel für Ihn dar.

Genauso handelten jetzt die Pharisäer. Sie legten großen Wert auf das Äußere, auf die formale Einhaltung des Gesetzes und besonders auf die vielen Zusatzgebote ihrer Überlieferungen. Aber der Herzenszustand war ihnen gleichgültig, ja musste ihnen gleichgültig sein, da er bei ihnen selbst überaus schlecht war.

Der Herr sagt ihnen deshalb, dass es nicht auf das Einhalten der Opfervorschriften ankommt, sondern auf die innere Haltung. Hier mussten sie dringend umlernen. Waren sie barmherzig, wenn sie die Zöllner und Sünder verachteten? Wo war ihre Frömmigkeit, wenn sie Jesus verurteilten, der in vollkommener Weise Gott diente, sich selbst aber als Vorbilder darstellten, obwohl ihnen Gottes eigentliche Forderungen der tätigen Liebe gleichgültig waren?

Sie meinten, gerecht zu sein. Doch der Herr muss ihnen sagen, dass Er nicht gekommen war, solche Menschen zu rufen. Er rief nur diejenigen zu sich, die sich als Sünder erkannten. Die Pharisäer waren äußerlich heilig und innerlich unrein. Sie beharrten auf ihrer äußerlichen Gerechtigkeit. Deswegen konnte der Herr ihnen nicht helfen. Für sie war Er dann nicht gekommen. Ihr Unglaube führte dazu, dass Er sie von jedem Segen ausschließen musste. Und nicht nur sie, sondern auch das ganze ungläubige Volk. Nicht mit ihnen aß Er, nicht ihnen offenbarte Er sich, sondern den Sündern und Zöllnern. Glücklicherweise aber gab es immer wieder Einzelne, deren Herz Er trotzdem erreichen konnte (Nikodemus, Joseph von Arimathia...).

Es fällt auf, dass der Herr den Hochmut und die Heuchelei dieser Menschen nicht in direkter Weise tadelt. Vielmehr rechtfertigt Er sein Wirken zugunsten der „Kranken“, also der Zöllner und Sünder. Ihm ging es eben mehr um diese Menschen, als dass Er sich um die selbstgerechten Pharisäer kümmerte, die sein Wort ohnehin nicht annehmen wollten. Er war voller Mitleid und Barmherzigkeit für diejenigen, die in aufrichtiger Buße zu Ihm kamen, mochten sie verbrochen haben, was es auch sei.

Verse 14–17: Das Alte muss dem Neuen Platz machen

„Dann kommen die Jünger des Johannes zu ihm und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten. Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleidungsstück; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleidungsstück ab, und der Riss wird schlimmer. Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, und beide werden zusammen erhalten“ (Verse 14–17).

In diesem Abschnitt lernen wir, was ein großes Hindernis für die Pharisäer war. Sie konnten es nicht akzeptieren, dass Gott in der Person Jesu an Zöllnern und Sündern Gnade übte, also an Menschen aus den Nationen und Menschen aus dem Volk Israel, die in den Augen der Pharisäer „das Gesetz nicht kannten“ (vgl. Joh 7,49). Diese Pharisäer übersahen, dass gerade sie und das Volk Israel als Ganzes Gnade nötig hatten. Darüber hinaus ist Gnade nicht durch Menschen begrenzbar. So stand sie offen für alle, die auf der Grundlage dieser Gnade zu Jesus und zu Gott kommen wollten.

Interessant ist auch, dass hier die Fragesteller – wie im vorigen Abschnitt – nicht auf die Person(en) zugehen, deren Verhalten ihnen missfällt, sondern auf den Herrn. Wollten sie Ihn dazu bewegen, seine Jünger zu tadeln und damit zuzugeben, Er habe seine Jünger nicht ausreichend belehrt? Doch der Herr wird ihnen zeigen, dass sie selbst in ihren Überlegungen irregeleitet waren.

Offenbar hatten diese Jünger des Johannes ihrem Meister nicht gut zugehört. Er hatte nämlich gesagt: „Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hoch erfreut über die Stimme des Bräutigams; diese meine Freude nun ist erfüllt“ (Joh 3,29). Passte dazu das Fasten? Aber in seiner Langmut erinnert der Herr Jesus sie noch einmal daran.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass das Fasten der Jünger des Johannes wirklich ein Fasten war, das mit inneren Übungen verbunden war, im Unterschied zu dem rein äußerlichen Fasten vieler Pharisäer, das der Herr Jesus in Matthäus 6 anprangern musste. Aber sie hatten nicht verstanden, dass mit dem Herrn Jesus derjenige unter ihnen war, welcher der Anziehungspunkt aller Zuneigungen hätte sein sollen. Solange der Bräutigam bei ihnen war, gab es keinen Anlass zu fasten.

Es würden andere Tage kommen, wo Er von ihnen weggenommen sein würde. Dann gäbe es wirklich Anlass zu Trauer. Das ist die Zeit seiner endgültigen Verwerfung durch das Volk. Seinen Jüngern teilt der Herr Jesus später etwas mehr darüber mit: „Eine kleine Zeit, und ihr schaut mich nicht, und wieder eine kleine Zeit, und ihr werdet mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass ihr weinen und wehklagen werdet, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird zur Freude werden ... Auch ihr nun habt jetzt zwar Traurigkeit; aber ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch“ (Joh 16,19–22).

Wir haben allerdings keinen Anlass, die Jünger des Johannes zu verurteilen (vgl. Mt 7,1). Ihr Meister hatte auch ständig gefastet (vgl. Mt 11,18). Daher dürfen wir davon ausgehen, dass sie nun nach dessen Gefangennahme (Mt 4,12) seinem Beispiel folgen wollten, denn sie hatten seine Treue kennen und schätzen gelernt. In Verbindung mit Kapitel 6 haben wir schon gesehen, dass auch das Alte Testament an verschiedenen Stellen das Fasten als eine vor Gott wohlgefällige Haltung erwähnt.

Von den Pharisäern wissen wir, dass sie freiwillig – allerdings als eine äußere Form – zweimal pro Woche fasteten (vgl. Lk 18,12). Vermutlich war das zu einer Pflicht geworden, der sogenannte treue Juden nachkamen. Wir lesen von einer solchen Regel zwar nicht im Blick auf die Jünger des Johannes, doch hatten sicher auch sie feste Fastenzeiten (vgl. Sach 8,19). Manche Ausleger glauben, dass der Anlass ihrer Frage darin liegen könnte, dass das Festmahl von Matthäus gerade auf einen ihrer Fastentage fiel – die Jünger Jesu aber nicht fasteten. Weil die Jünger von Johannes aufrichtige Nachfolger ihres Meisters waren, gibt ihnen der Herr in milder Weise eine Belehrung mit.

Möglicherweise fasteten sie auch gerade deshalb, weil ihr Meister im Gefängnis war – wie hätten sie angesichts dieser Umstände Freudenfeste feiern können. Die Tatsache, dass die Jünger des Johannes nach wie vor ihrem Meister anhingen und nicht zum Herrn Jesus gingen, lässt zudem erkennen, dass sie die Herrlichkeit des „Bräutigams“ noch nicht erkannt hatten. Bräutigam – was für ein Titel von Zuneigung und Beziehungen, der uns die wunderbare Schönheit des Herrn Jesus vorstellt!

Der Herr sagt hier nicht, wer die Braut ist. Wir haben schon weiter oben gesehen, dass es eine irdische Braut und eine himmlische Braut gibt: Israel und die Versammlung (Gemeinde, Kirche). Aber zu diesem Zeitpunkt war die Versammlung als himmlische Braut noch nicht offenbart. Daher meint Er hier die Beziehungen zu seinem Volk Israel (vgl. Jes 54,5–7; 62,4.5; Hos 2,16–20). Doch bedenken wir, in was für einem Zustand dieses Volk war! Christus aber sieht die treuen Übriggebliebenen stellvertretend für ganz Israel.

Wechsel der Haushaltungen

Es ist nützlich, in diesem Zusammenhang auf ein wichtiges Thema von Matthäus zurückzukommen. Immer wieder spricht Er von Haushaltungen (Epochen). Die Zeit unter Gesetz war eine andere Epoche als die Gnadenzeit. Israel stand unter dem ersten Bund, der ein Bund der Werke war. Denn Gott erprobte sein Volk durch Gesetze, ob es bereit (und in der Lage) wäre, Gott gehorsam zu sein.

Aber das Volk Israel zeigte von Anfang an, dass es außerstande war, diese Gebote zu halten. Diese Erprobung kam zu ihrem Höhepunkt, als Gott selbst als König und Mensch auf die Erde kam und prüfte, ob das Volk seinen Gott annehmen und Ihm dienen würde. Sie haben Ihn stattdessen an das Kreuz gebracht. Deshalb hat Gott sein Volk verworfen (vgl. Röm 11,15). Aber Er nahm die Kreuzigung Jesu auch zum Anlass, etwas ganz Neues, nämlich seine Gnade einzuführen. Gott schenkte dem Menschen, der sich selbst unter besten Bedingungen als böse erwiesen hatte, bedingungslose Gnade. Das ist der Charakter der heutigen Haushaltung.

Diesen Wechsel nun skizziert der Herr in den Versen 16 und 17. Er war gekommen, um Neues einzuführen. Er selbst verkörperte dieses Neue, während die Jünger des Johannes für das Alte standen, das mit dem Gesetz verbunden war. Sie konnten sich von dem Alten offenbar noch nicht lösen.

Das Gleichnis von dem neuen Flicken

Der Herr Jesus stellt das Neue anhand von zwei Bildern vor: dem neuen Tuch und dem neuen Wein. Auch wenn dies eine Besonderheit von Lukas ist, dass er immer wieder Doppelgleichnisse oder zwei zusammengehörende, sich ergänzende Begebenheiten zusammenstellt, finden wir das gelegentlich auch bei Matthäus. Die beiden Bilder liefern ein zusammenhängendes Ganzes, wobei das zweite nicht einfach eine Kopie des ersten ist, sondern ergänzende Hinweise enthält.

Zunächst geht es um ein altes Kleidungsstück und einen Flicken aus neuem Tuch. Um die Bedeutung richtig zu erfassen, muss man das Bild gut verstehen. Ein altes, oft gewaschenes Kleidungsstück besteht aus einem eingelaufenen Stoff. Dieser Stoff hat dadurch eine gewisse Härte erreicht; er ist nicht mehr elastisch. Wird nun, weil ein Loch entstanden ist, ein neuer Flicken darauf genäht, wird dieser nach einigen Waschvorgängen ebenfalls einlaufen. Wegen der fehlenden Elastizität des umliegenden Stoffes reißen beide Stoffe im Bereich der Nähte ein und das ursprüngliche Loch wird noch größer.

Dieses Bild benutzt der Herr Jesus, um eine geistliche Bedeutung zu vermitteln. Der Flicken aus neuem Stoff weist auf das Evangelium der Gnade hin, die Botschaft der Gnade, ein vollständig neues „System“, eine lebendige, himmlische Kraft. In 2. Korinther 5,17 heißt es dazu: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Wer dieses Neue aber mit dem alten System, mit dem Gesetz, mit den Geboten vom Sinai verbinden will, indem er sozusagen einen neuen Flicken auf ein altes Kleidungsstück näht, würde das Neue zum Zerreißen bringen und zugleich das Alte noch mehr verderben (vgl. Lk 5,36). Paulus spricht davon in Römer 11,6: „Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“, sondern eine amputierte, zerstörte Gnade. Ihr wahrer Charakter als die Grundlage der Freiheit des Christen geht verloren. Aber nicht nur die Gnade wird zerstört, wenn sie mit dem sinaitischen Bund des Gesetzes verbunden wird, sondern auch das Gesetz wird seiner Kraft beraubt. Denn wenn das Gesetz durch Gnade verwässert und aufgeweicht wird, verliert es seine Schärfe und Kraft gegenüber dem Ungläubigen. Nach 1. Timotheus 1, 5–9 richtet sich das Gesetz gerade an diesen. Es macht ihm deutlich, was in seinem Leben richtig und was falsch ist. Aber es gibt ihm keine Kraft, das Gute zu tun. Es verdammt den Ungerechten, ohne ihm einen Weg der Hoffnung zu weisen. So macht es den Fall des Sünders hoffnungslos. Doch nun war der Eine gekommen, der das Gesetz selbst verordnet hatte und daher auch das Recht hatte, etwas Neues einzuführen: den Grundsatz der Gnade, der das Gesetz nicht veränderte oder ergänzte, sondern ablöste.

Vielleicht hat dieses Gleichnis auch noch eine weitere Bedeutung, denn der Herr hat nicht nur das von Gott gegebene Gesetz im Blick, sondern muss auch immer wieder das gesamte, entartete Judentum anprangern. Die Juden meinten, Satzung um Satzung, „Flicken um Flicken“ dem von Gott gegebenen Gesetz hinzufügen zu müssen. Damit hatten sie, wie wir in der Bergpredigt gesehen haben, sogar das Gesetz und die Propheten beiseite gestellt. Wozu hatte das geführt? Damit hatten sie das Gesetz ungültig gemacht (vgl. Mt 15,6). Konnte dieses „jüdische System“ noch reformiert werden? Nein, der Herr macht klar: Das ist unmöglich. Es musste ein komplett neues Kleidungsstück geschenkt werden.

Der alte und der neue Wein

Das zweite Beispiel handelt vom Wein. Wein wurde damals zum Transport und vielleicht auch zum Lagern in Schläuche aus gegerbten Tierhäuten gegossen. Nach einer gewissen Zeit wurden diese Häute brüchig. Wenn nun in solche älteren Schläuche neuer Wein geschüttet wurde, der noch nicht fertig vergoren war und daher Gase entwickelte, wurden diese Schläuche unter Druck gesetzt – und die brüchigen Schläuche rissen auf und zerplatzten.

Der Herr bestätigt damit den Gedanken des ersten Bildes vom neuen Flicken auf dem alten Kleid, indem Er ein anderes Bild mit sehr ähnlichem Inhalt verwendet. Neuer Wein gehört nicht in alte Schläuche, weil auch damit beides zerstört wird. Das Neue – die Kraft der Gnade – gehört zu einem ganz neuen System, dem Evangelium der Herrlichkeit Gottes. Jede Vermischung mit dem Gesetz, mit alttestamentlichen oder selbstauferlegten Geboten zerstört alles. Es geht also nicht nur um Unterschiede in der äußeren Gestalt von Gnade und Gesetz, von dem Neuen im Vergleich zum Alten – darauf weist das Bild der Kleidung und des Flickens hin. Die innere Kraft des Neuen, das lebendige Prinzip, das Christus jetzt verbreitete (Wein), konnte in den alten Formen nicht bewahrt werden. An dieser Stelle sei noch einmal an Hebräer 5,12- 6,2 erinnert. In Verbindung mit dieser Stelle haben wir gesehen, wie verheerend es für die aus dem Judentum stammenden Christen war, sich wieder auf alttestamentliche Anweisungen zu stützen, statt das durch Christus und sein Werk neu eingeführte Lebensprinzip zu verwirklichen.

Der neue Wein ist vielleicht ein Bild von der Freude (Ri 9,13) und von der Kraft wahren Christentums. Diese Kraft wird durch den Gärungsprozess deutlich, der sogar Schläuche zum Platzen bringt. Wenn sich das Christentum nun entwickelt (gärt), dann muss notwendigerweise die Enge des gesetzlichen Judentums platzen. Während es beim Bild des Flickens mehr darum geht, dass das alte Kleidungsstück in Verbindung mit einem Teil des Neuen – dem Flicken – nicht zu erhalten ist, zeigt uns das Bild des Weins, dass sogar das Neue komplett verloren geht, wenn man es mit dem Alten verbindet.

Das ist eine sehr aktuelle Botschaft, weil man – nicht nur bei den Galatern – immer wieder versucht hat, das Christentum mit dem Gesetz vom Sinai zu verbinden. Es gehöre sich für einen Christen, die zehn Gebote zu halten. Häufig wird auch behauptet, die Bergpredigt sei die Lebensregel des Christen, weil sie ein noch höheres „Gesetz“ als die zehn Gebote darstelle. Viele Gläubige stellen sich sogar eigene, zusätzliche Lebensregeln auf, die sie zu erfüllen suchen. Was für ein Irrtum, dies mit der christlichen Wahrheit zu verbinden! Vielleicht gibt es sogar keinen Bereich, in dem das Alte mit dem Neuen auf so schändliche Weise miteinander verbunden wurde wie in der Christenheit. Man beruft sich auf das Kreuz und seine Gnadenergebnisse und hängt gleichzeitig an äußeren, jüdischen und damit materiellen Aktivitäten. Ein wahrer Christ aber ist dem Gesetz gestorben (vgl. Gal 2,19). Denn wenn man Gnade mit Gesetz verbindet, geht das Wesen der Gnade verloren, nämlich dass alles nur auf der unverdienten Liebe Gottes beruht und nicht auf Werken.

Die wahre Lebenskraft des Christen entspringt dem Bewusstsein der Gnade, dem Leben in Gnade, dem Inanspruchnehmen der Gnade und dem Weitergeben der Gnade. Wer das für sein Leben einmal verstanden hat, führt kein leichtfertiges Leben, sondern ein Leben in christlicher Freiheit (vgl. Joh 10,9). Das ist ein herrliches Leben, in Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Ein solches Leben ist keines von Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit, sondern von ernsthafter Hingabe an Gott – aber auf dem Grundsatz der Gnade. Alles andere führt zurück in die Angst, Unsicherheit, den Zweifel an Gott und der Errettung.

Übrigens wird auch das Volk Israel etwas von diesem „Neuen“ kennenlernen. Davon spricht der Prophet Jesaja: „Und der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg allen Völkern ein Festmahl von Fettspeisen bereiten, ein Festmahl von Hefenweinen, von markigen Fettspeisen, geläuterten Hefenweinen. Und er wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, der alle Völker verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Den Tod verschlingt er für immer; und der Herr, Jahwe, wird die Tränen von jedem Angesicht abwischen, und die Schmach seines Volkes wird er wegnehmen von der ganzen Erde. Denn der Herr hat geredet“ (Jes 25,6–8). Die Wiederherstellung Israels wird reine Gnadenerweisung Gottes darstellen.

Vergleich der Evangelien

Wenn man die Evangelien miteinander vergleicht (Matthäus, Mk 2,18–22; Lk 5,30–39), so stellt man fest, dass es viele Ähnlichkeiten in den Texten gibt. Matthäus betont die Nutzlosigkeit, das alte Kleid der jüdischen Haushaltung, das im Begriff stand, weggetan zu werden, mit einem Flicken der Gnade zu verschönern. Lukas betont, dass man keinen Flicken von einem neuen Stück Stoff abreißt, um ihn auf ein altes Kleidungsstück zu setzen. Man nimmt der Gnade also unweigerlich ein Stück weg, wenn man sie zur „Reparation“ des Alten verwenden will. Weiterhin sagt er, dass man dadurch das neue Stück „zerreißt“, dass also das Gesetz die Gnade zerstört, und dass auch beides überhaupt gar nicht zueinander passt. So gibt er also einen dreifachen Grund an, dass die Vermischung von Gnade und Gesetz eine Unmöglichkeit ist. Sie ist zum Schaden des Neuen, des wahren Christentums. Bei Matthäus liegt die Betonung darauf, dass das Alte nicht reformierbar, nicht wiederherstellbar ist.

Lukas fügt am Ende noch an, dass man nach dem Trinken des alten Weines den neuen nicht mehr will. Das, was wir im natürlichen Bereich gut verstehen können, da der alte Wein oft besser ist als der neue, hat im geistlichen Bereich eine negative Bedeutung. Wir lesen hier auch nicht, dass der alte Wein wirklich besser wäre. Das natürliche Herz ist in sich eher gesetzlich, es möchte sich an Formen und Gesetzen anlehnen. Sich Vorschriften aufzuerlegen und diese dann zu befolgen, befriedigt den alten Menschen. Dann ist er stolz, etwas erreicht zu haben. Und er fühlt sich sicher, weil er etwas getan hat, was ihn selbst zufriedenstellt (aber nicht Gott! – denn Er kann von dem Alten nichts annehmen, weil es Ihn und Christus ausschließt und weil es der Versuch ist, Gott mit natürlichen Mitteln, die durch die Sünde verdorben sind, zu befriedigen). Doch die Gnade ist heute der einzige Weg, zu Gott zu kommen. So zeigt uns Lukas das Herz des Menschen, Matthäus mehr den Wandel vom Alten zum Neuen. Markus zeigt vielleicht in Übereinstimmung mit dem Charakter seines Buches mehr den Wandel der Menschen, der Diener des Herrn, wenn sie vom Alten zum Neuen geführt werden.

Verse 18–26: Tod und Glaube – zwei ineinander verschachtelte Rettungen

„Während er dies zu ihnen redete, siehe, da kam ein Vorsteher und warf sich vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben jetzt verschieden; aber komm und lege deine Hand auf sie, und sie wird leben. Und Jesus stand auf und folgte ihm, und seine Jünger. Und siehe, eine Frau, die zwölf Jahre an Blutfluss litt, trat von hinten herzu und rührte die Quaste seines Gewandes an; denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand anrühre, werde ich geheilt werden. Jesus aber wandte sich um, und als er sie sah, sprach er: Sei guten Mutes, Tochter; dein Glaube hat dich geheilt. Und die Frau war geheilt von jener Stunde an. Und als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenspieler und die lärmende Volksmenge sah, sprach er: Geht fort, denn das Mädchen ist nicht gestorben, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber die Menge hinausgeschickt war, ging er hinein und ergriff ihre Hand; und das Mädchen stand auf. Und Kunde hiervon ging aus in jenes ganze Land“ (Verse 18–26).

Diese Begebenheit bestätigt auf eindrucksvolle Weise die beiden vorhergehenden Gleichnisse. Das Alte ist nicht reformierbar – Er führt etwas Neues ein. Das Alte – das wird durch die Tochter des Vorstehers und besonders ihr Umfeld vorgestellt. Sie gehört zu dem alten System – sie muss sterben. Dieses Ende ist unausweichlich. Es gibt – zunächst – keine Hoffnung für sie.

Wenn aber jemand im Glauben zum Herrn Jesus kommt und in Ihm den wahren Bräutigam und die Kraft, die von Ihm ausgeht, erkennt, wird er geheilt, so schwach auch immer der Glaube sein mag. Das ist das Neue, das in der blutflüssigen Frau vorgestellt wird. Ihr Glaube strahlt hervor, auch wenn man bei ihr das jüdische Element des „Berührens“ noch sehen kann.

Das Volk Israel wird aus dem Tod ins Leben übergehen (Hes 37)

Wir bewundern den Herrn. Trotz der Ablehnung und des Unglaubens seines Volkes gibt Er dieses nicht auf. Das wird durch sein Handeln mit der Tochter des Synagogenvorstehers vorgeschattet, die ein Bild Israels ist. Das Mädchen stirbt und ist tot, wird aber beim Kommen des Herrn auferweckt. So ist auch das Volk Israel in einen geistlichen Todesschlaf versunken, nachdem es seinen Messias verworfen hat. Doch in der Zukunft – nach der Entrückung der Versammlung – wird Er sich wieder mit seinem Volk beschäftigen, indem Er sich einen Überrest (auf-)erweckt. Das werden Juden sein, die Ihn im Glauben als Messias erwarten. Diese Treuen werden Ihn dann bei seinem Kommen auf diese Erde als Herrn und König annehmen. So kann Er sich zu ihnen bekennen. Es wird echtes, göttliches Leben in das Volk kommen. Das lesen wir in Hesekiel 37:

„Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr, Jahwe, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, dass ihr lebendig werdet. Und ich werde Sehnen über euch legen und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen, und ich werde Odem in euch legen, dass ihr lebendig werdet. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin.

Und ich weissagte, wie mir geboten war. Da entstand ein Geräusch, als ich weissagte, und siehe, ein Getöse: Und die Gebeine rückten zusammen, Gebein an Gebein. Und ich sah: Und siehe, es kamen Sehnen über sie, und Fleisch wuchs, und Haut zog sich darüber obenher; aber es war kein Odem in ihnen. Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem, weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Odem: So spricht der Herr, Jahwe: Komm von den vier Winden her, du Odem, und hauche diese Getöteten an, dass sie lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte; und der Odem kam in sie, und sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen, ein überaus großes Heer.

Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren; wir sind dahin. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jahwe: Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und werde euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk. Und ich werde meinen Geist in euch geben, dass ihr lebet, und werde euch in euer Land setzen. Und ihr werdet wissen, dass ich, der Herr, geredet und es getan habe, spricht der Herr“ (Hes 37,4–14).

Das ist es, was durch dieses Wunder des Herrn, die Totenauferweckung, prophetisch ausgesagt wird.

Es geht um Israel

Dass wir es hier mit einem Hinweis auf Israel zu tun haben, lässt sich aus zwei weiteren Einzelheiten ableiten:

  1. Der Vorsteher bittet den Herrn nicht, durch ein Wort zu heilen, sondern die Hand aufzulegen. Das Handauflegen kennen wir zum Beispiel von den Opferungen. Es ist etwas Sichtbares, wie z. B. das sichtbare Opfersystem Israels oder der für die Augen beeindruckende Tempel.
  2. Es ist von der „Tochter“ die Rede. In dem vorherigen Abschnitt haben wir von dem Bräutigam gesprochen und gesehen, dass keine Braut genannt wird. Hier finden wir zwar keine Braut, aber eine junge Frau. Von Töchtern und jungen Frauen lesen wir etwas im Alten Testament. In Micha 4,8 heißt es: „Und du, Herdenturm, du Hügel der Tochter Zion, zu dir wird gelangen und zu dir wird kommen die frühere Herrschaft, das Königtum der Tochter Jerusalem.“ In Zephanja 3,14–17 kann man nachlesen: „Juble, Tochter Zion; jauchze, Israel! Freue dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der Herr hat deine Gerichte weggenommen, deinen Feind weggefegt; der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte, du wirst kein Unglück mehr sehen. An jenem Tag wird zu Jerusalem gesagt werden: Fürchte dich nicht! Zion, lass deine Hände nicht erschlaffen! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held.“ Als Auferweckte ist diese Tochter also ein direktes Bild der Gläubigen, der Übriggebliebenen in Israel, die einmal hier leben werden, um ihren Messias, den Herrn Jesus, anzunehmen.

Die Heilung der blutflüssigen Frau

Wenn das Volk Israel nun geistlich tot ist, gibt es dann keine Hoffnung mehr? Doch, für den Einzelnen gibt es nach wie vor Heilung. Das zeigt auf eindrucksvolle Weise die „eingeschaltete“ Begegnung mit der blutflüssigen Frau. Eine solche Zusammenstellung zweier Ereignisse ist einmalig in diesem Evangelium und hat daher eine tiefe prophetische Bedeutung.

Die Tatsache, dass diese kranke Frau die Quaste des Gewandes des Herrn anrührt, spricht dafür, dass auch hier ein Hinweis auf Israel gegeben wird. Denn das Vorhandensein der Quaste war eine von Gott gegebene Vorschrift für sein irdisches Volk: „Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen, dass sie sich eine Quaste an den Zipfeln ihrer Kleidung machen, bei ihren Geschlechtern, und dass sie an die Quaste des Zipfels eine Schnur aus blauem Purpur setzen; und es soll euch zu einer Quaste sein, dass ihr, wenn ihr sie anseht, euch an alle Gebote des Herrn erinnert und sie tut, und dass ihr nicht umherspäht eurem Herzen und euren Augen nach, denen ihr nachhurt, damit ihr euch an alle meine Gebote erinnert und sie tut und eurem Gott heilig seid“ (4. Mo 15,38–40; vgl. 5. Mo 22,12). Auch die Erwähnung, dass sie 12 Jahre lang krank gewesen ist, stellt einen Bezug zu diesem Volk dar (12 Stämme). Aber während die todkranke Tochter für das gesamte Volk steht, symbolisiert diese Frau mehr die einzelnen Personen des Volkes.

Sie kommt in einfältigem Glauben zu dem Herrn. Das ist der Weg, auf dem man in der Zeit des „Todes“ Israels – also der Gnadenzeit – jetzt Errettung empfängt. Und das gilt nicht nur für Menschen aus Israel, sondern auch für solche aus den Nationen. Man muss zu dem Heiland gehen und Ihn anrühren – das heißt eine Glaubensverbindung zu Ihm aufnehmen.

Die blutflüssige Frau rührt die Kleidung des Herrn an. Die Kleidung ist in der Schrift ein äußerlicher Hinweis darauf, wie es innerlich in einem Menschen aussieht (vgl. Sach 3,3; Jes 61,10). Diese Frau sah also in dem Lebenswandel des Herrn Jesus etwas von seiner inneren Herrlichkeit. Deshalb rührt sie Ihn an. Auch wir heute kommen deshalb zu dem Herrn Jesus, weil wir wissen, dass nur Er als der Vollkommene das für uns nötige Werk am Kreuz vollbringen konnte.

Ein Bild vom Glauben außerhalb Israels und der Nationen

Es fällt auf, dass diese Frau – im Unterschied zu dem Aussätzigen in Kapitel 8 – nicht zum Priester geschickt wird, obwohl in 3. Mose 15,28–31 steht, dass eine geheilte blutflüssige Frau mit einem Opfer zu dem Priester gehen sollte. Man fragt sich, warum der Herr Jesus hier offenbar keinen entsprechenden Befehl erteilt – zumindest lesen wir nichts davon. Aber allein die Tatsache, dass von einem solchen Auftrag keine Rede ist, zeigt wieder, dass der Wechsel der Haushaltung bevorstand. Oder, um mit den Worten der vorherigen Verse zu reden, dass Er nun etwas Neues einführt. Wer ab jetzt aus dem Judentum zum Glauben kommt, muss sich nicht mehr dem Priester zeigen. Er gehört zu einer ganz neuen Gesellschaft von Menschen, die außerhalb des Juden- und Heidentums stehen. Ihre Beziehung zu dem Herrn Jesus beruht allein auf dem Glauben an Ihn und sein Werk sowie auf seiner souveränen Gnade. Und in diesem neuen Sinn ist der Herr Jesus selbst der Priester. In Israel konnte Er das nicht sein, weil Er nicht aus dem Stamm Levi kam. Aber in einem übergeordneten Sinn ist Er heute dennoch Priester, und zwar nach der Ordnung Melchisedeks (Heb 7,21).

Die Tochter des Jairus

Danach wendet sich Jesus dem Haus des Vorstehers zu. Wir wissen aus anderen Evangelien, dass er Jairus hieß. Hier haben wir wieder nur einen ganz kurzen Bericht. Matthäus zeigt die Autorität dessen, der König Gottes hier auf der Erde ist, nicht so sehr die Details der Krankheit und der Lebensgeschichte dieses jungen Mädchens.

Der Herr Jesus trifft hier auf eine lärmende Volksmenge. Sie versuchen, die Trauer des Todes durch Musik und andere Hilfsmittel zu überspielen. Es ist ein biblisches Prinzip, mit den Weinenden zu weinen (Röm 12,15). Das finden wir schon im Alten Testament, zum Beispiel beim Haus Josephs (1. Mo 50,10.11). Auch die Freunde Hiobs weinte mit ihm (Hiob 2). Jeremia weinte über den gestorbenen König Josia (2. Chr 35,25). Aber im Laufe der Zeit wurde aus der Bekundung von echtem Mitgefühl und Trauer teilweise eine reine Form, die sogar so weit ging, dass man „berufsmäßige“ Klagefrauen anstellte (z.B. Jer 9,16.17; Amos 5,16). Um solch eine oberflächliche und rein äußerliche Trauer ging es auch hier. Dies wird an dem Verhalten der Menge deutlich, die – eben zuvor noch weinend – den Herrn verlachte (Vers 24). Daran konnte Jesus kein Gefallen haben und Er treibt sie hinaus, um allein mit den Eltern und seinen drei Jüngern bei dem Mädchen zu sein.

Auch heute ist es noch so, dass man Trauer zu überspielen versucht. Kürzlich las ich davon, dass in Brasilien viele Menschen bereit sind, umgerechnet bis zu 18.000 Euro für einen Beerdigungsevent auszugeben. Da geht es nicht mehr um Trauer, sondern darum, diese zu vertreiben. Hier stellen diese „Flötenspieler“ vorbildlich den Teil des Volkes Israel dar, der ohne jeglichen Glauben versucht, den „eigenen Tod“, den persönlichen traurigen Zustand, zu übertünchen. Aber sie können den Herrn Jesus nicht daran hindern, sein Werk an dieser Tochter zu tun.

Obwohl der Herr natürlich wusste, dass die Tochter gestorben war, sagt Er: „Sie schläft.“ So ist es auch mit Israel. Das Volk „schläft“ – aber der Herr wird sich wieder um sein irdisches Volk kümmern und es auferwecken. Wie muss es den Retter getroffen haben, dass sie Ihn wegen dieses Ausspruchs „verlachten“. Dies gehörte zu den Leiden, die Er während seines ganzen Lebens geduldig ertrug. „Er war verachtet ... von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“ (Jes 53,3) – Er, der Herr über Leben und Tod.

Es handelt sich hier um die zweite Totenauferweckung durch den Herrn Jesus. Das Kind der Witwe in Nain (Lk 7) hatte Er schon auferweckt; später wird noch Lazarus folgen (Joh 11). Was für eine gewaltige Kraft dafür notwendig ist, einen Menschen aus dem Tod ins Leben zu rufen, kann man nicht ausdrücken. Der Bibeltext sagt schlicht: „Und er ergriff ihre Hand; und das Mädchen stand auf.“ Das sind inhaltsschwere Worte, deren gewaltiges Ausmaß man nur erahnen kann, wenn man über den Gegensatz von Tod und Leben nachdenkt.

Kann man sich noch wundern, wenn man liest: „Und die Kunde hiervon ging aus in jenes ganze Land“? Wo gab es das, dass Tote auferweckt wurden? Das war allein durch göttliche Kraft möglich: „Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will“ (Joh 5,21).

Nur einer spricht nicht von diesen Vorgängen: der Handelnde. Sein Werk geht weiter. Die nächste Aufgabe wartet auf Ihn. Er wartet nicht auf die Bewunderung der Menschen. Er wartet auf solche, die sich Ihm im Glauben anschließen wollen. Der gewaltige Ruf vor Menschen ist nicht seine Sache. Er sucht das Herz, nicht das Erstaunen.

Zum Abschluss sei noch darauf hingewiesen, dass die Berichte im Markus- und Lukasevangelium wieder deutlich detaillierter ausfallen (Mk 5,21–43; Lk 8,40–56). Hier in Matthäus geht es dem Herrn darum, den Haushaltungswechsel zu zeigen. Im Markusevangelium lernen wir etwas über den großartigen Dienst des Herrn, der die Frau und das Mädchen nicht im Elend lassen will. Dort sehen wir immer wieder, dass die Patienten mit ihrer ganzen Krankheitsgeschichte beschrieben werden, wogegen Matthäus mehr den Arzt und seine Herrlichkeit darstellt. Im Lukasevangelium wiederum sehen wir das Mitgefühl eines Menschen, der die Elenden nicht ihrem Schicksal überlassen will. Er hat ein Herz für uns Menschen.

Verse 27–31: Zwei Blinde werden sehend

„Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids! Als er aber in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm; und Jesus spricht zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie sagen zu ihm: Ja, Herr. Dann rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben. Und ihre Augen wurden aufgetan; und Jesus gebot ihnen ernstlich und sprach: Gebt Acht, niemand erfahre es! Sie aber gingen umher und machten ihn bekannt in jenem ganzen Land“ (Verse 27–31).

Nun folgen noch zwei Begebenheiten, die thematisch zu den Belehrungen gehören, die wir bislang in diesem Kapitel betrachtet haben: die Heilung zweier Blinder und die Heilung eines Stummen. Ihre besondere Bewandtnis wird dadurch unterstrichen, dass sie ausschließlich im Matthäusevangelium zu finden sind. In beiden Fällen geht es in erster Linie darum, ein Bild des Zustands Israels zu zeichnen, wie der Herr ihn vorfand, als Er zu seinem Volk auf diese Erde als der Emmanuel, Gott mit uns, kam. Diese Ereignisse stellen uns zwei Formen des Widerstands gegen Christus vor. Aber sie zeigen dem Volk auch noch einmal Wege auf, gerettet und geheilt zu werden. Aus diesem Volk, das geistlich gesprochen blind war, könnte ein sehendes Volk werden; aus den Stummen könnte ein Volk werden, das Gott lobt und preist.

Dass erneut Israel im Blickfeld steht, wird durch die Erwähnung von „zwei“ Blinden deutlich.8 Schon bei den beiden Gergesenern haben wir gesehen, dass der Heilige Geist in unserem Evangelium von einem für einen Israeliten ausreichenden Zeugnis spricht, indem Er mindestens zwei Zeugen dieser Wunder benennt.

In seiner Blindheit war das Volk nicht imstande, das in der Person Jesu gekommene Licht zu erfassen. Nur unter der Einwirkung seiner Macht ist dies möglich. Davon lesen wir in Sacharja 12,10: „Und ich werde über das Haus David und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den einzigen Sohn und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt.“ Diese Wehklage ist für das Volk, das heute noch Prophezeiungen wie Jesaja 53 und Sacharja 12 und 13 nicht auf den Herrn Jesus beziehen will, die Voraussetzung dafür, dass sie sich selbst als diejenigen erkennen, die den wahren Messias ans Kreuz gebracht haben. Bis dahin haben sie eine „Decke“ auf ihrem Herzen: „Aber bis auf den heutigen Tag, wenn irgend Mose gelesen wird, liegt die Decke auf ihrem Herzen. Wenn es aber zum Herrn umkehren wird, so wird die Decke weggenommen“ (2. Kor 3,14.15).

Zum ersten Mal in diesem Evangelium lesen wir, dass Menschen den Herrn Jesus mit dem Titel anreden, den Er sich selbst in dem ersten Vers dieses Bibelbuches gegeben hat: Sohn Davids. Das ist insofern erstaunlich, als es sich um Menschen handelt, die den König gar nicht sehen konnten, die also nur vom Hörensagen wissen konnten, was dieser bislang alles bewirkt hat. Vers 27 leitet mit einer zeitlichen Bestimmung ein – „Als Jesus von dort weiterging“ – so dass wir sicher sein können, dass sich diese Begebenheit im Anschluss an die Auferweckung der Tochter des Jairus abspielte. Es waren also schon eine ganze Reihe von Wundern des Herrn geschehen, von denen diese beiden Männer erfahren haben konnten.

Obwohl die beiden Blinden also von Jesus nur hören konnten, hatten sie – im Gegensatz zu den Pharisäern, Schriftgelehrten und auch zum Volk im Allgemeinen – dennoch erkannt, wer hier wirkte. Wir können an das denken, was der Herr seinem zweifelnden Jünger Thomas sagte: „Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ (Joh 20,29) Und zu Martha sagte Er: „Wenn du glauben würdest, so würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen“ (Joh 11,40). Genau das traf auf diese Blinden zu. Manchmal ist es für Menschen leichter, die Herrlichkeit des Herrn anzunehmen, wenn sie einer gewissen Einschränkung unterliegen. Vielleicht ist es auch einfacher, wenn man unleugbar hilfsbedürftig ist wie diese beiden Menschen. Sie kannten den König David aus den geschichtlichen Berichten des Alten Testaments und merkten offenbar sofort, dass hier derjenige vor ihnen stand, der in den Fußspuren dieses großen Königs lief. Es regierte zwar in Israel aktuell ein König – Herodes. Da dieser aber ein Edomiter war, gab es keinen Juden auf dem Thron Davids. Was für ein Beweis ihres Glaubens, dass sie Jesus diesen Platz zusprachen!

Sie kamen zur richtigen Person. Denn Jesus war wirklich der Sohn Davids, der die Weissagungen des Alten Testaments erfüllte: „Ich, der Herr, ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ergriff dich bei der Hand; und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7).

Diese blinden Männer traten zum Herrn Jesus, als Er „in das Haus gekommen war“. Sie waren Ihm bereits eine Weile mit Geschrei gefolgt, dann aber offenbar zu ihrem eigenen Haus gelangt und dort eingetreten. Welches andere Haus hätten sie sonst betreten können, ohne Aufsehen zu erregen? Genau in dieses Haus geht dann aber auch Jesus. Das scheint einen Grundsatz zu illustrieren: Der Herr öffnet für Menschen immer wieder den Weg, auf dem sie zu Ihm kommen und Heilung erfahren können. Er kommt zu ihnen – Er ist zu ihnen ins Haus gekommen, um sie zu heilen. Aber wollen muss der Mensch selbst. So auch hier. Christus tritt ins Haus ein, nachdem Er ihr Rufen gehört hat. Aber dann mussten diese Männer aktiv werden; darauf wartete der Herr. Und sie kamen und traten zu Ihm hin.

Glaube wird geprüft

Aber nicht genug damit. Er prüft auch ihren Glauben. Wenn es wenigstens einen kleinen Glauben gibt, lässt der Herr keinen Menschen im Stich. Wenn Er aber in göttlicher Weisheit sieht, dass ein großer Glaube vorhanden ist, dann prüft Er diesen, um ihn zum Vorschein kommen zu lassen. So auch hier. „Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?“ Man möchte als Beobachter fragen: Was meint Er mit „dies“? Sie hatten ja lediglich um „Erbarmen“ gebeten. Aber zwischen dem Herrn und diesen Männern war klar: Erbarmen hieß nichts anderes, als dass Er aus Blinden Sehende machte.

Was für eine großartige Antwort geben die beiden: „Ja, Herr.“ Kürzer und prägnanter kann man nicht antworten. Sie trauen dem Herrn alles zu, auch zu ihren Gunsten. Sie sagen nicht: „Wenn du willst ...“, wie es der Aussätzige getan hatte (Mt 8,2). Sie haben volles Vertrauen zu Christus. Sie wissen, mit wem sie es zu tun haben: Mit ihrem Herrn! Ob das auch unsere Haltung ist, wenn wir zu Ihm kommen?

Christus rührt ihre Augen an und heilt sie: „Euch geschehe nach eurem Glauben.“ Sie hatten Glauben, und dieser wird belohnt. So handelt der Herr immer, wenn Er Glauben findet. Dieser wird geprüft und belohnt. Ob wir deshalb so wenig Gebetserhörungen haben, weil unser Glaube so schmal geworden ist? Wir leben in der Zeit, in welcher der Glaube das entscheidende Instrument in unserer Hand ist, im Unterschied zu der jüdischen Haushaltung, wo es mehr um Schauen und Anrühren ging. Doch ist unser Glaube oft viel kleiner als der dieser beiden Blinden, obwohl wir viel mehr besitzen: den Blick auf das vollbrachte Erlösungswerk. Eine solche Haltung ist traurig und verunehrt unseren Herrn.

Der Herr fordert Gehorsam

Der Herr Jesus möchte nicht, dass die Kunde von seinem Wirken durch diese Menschen weitergetragen wird. Wir haben schon zuvor gesehen, dass das Wirken des König-Jahwes nicht verborgen bleiben konnte. Aber Er wollte keinen Volksauflauf herbeiführen und die Neugier der Volksmengen weder erregen noch befriedigen. Er war gekommen, um den Bedürfnissen der Sünder zu entsprechen – das war seine Aufgabe. Daher gebietet Er diesen Männern sehr klar, nichts von ihrer Heilung herumzuposaunen.

Doch jetzt erkennen wir unser menschliches Herz. Eben noch hatten die beiden Menschen Ihn „Herrn“ genannt und damit deutlich gemacht, dass sie Ihm Gehorsam schuldig waren. Jetzt aber handelten sie im Gegensatz dazu und erzählen überall von ihrer wunderbaren Heilung. Man möchte – menschlich – sagen: Das ist doch verständlich! Wer eine solch große Rettung erlebt hat, der kann doch nicht schweigen. Schon recht. Aber wenn der Meister sagt: „Nein!“, dann haben wir zu schweigen, auch wenn wir noch so gerne reden wollen. Ob uns das immer bewusst ist, auch zum Beispiel bei Verkündigungen des Wortes Gottes? Nicht der, der für einen Dienst scheinbar prädestiniert erscheint, soll reden, sondern der, den der Herr für exakt diesen Augenblick dazu berufen hat.

Der Glaube dieser beiden Menschen ist gewaltig. Doch wird er überschattet und auch befleckt durch diese Handlung des Ungehorsams. Schade! Wie oft ist das auch in unserem Leben so: Eine Tat des Glaubens findet ihr Ende in einer Handlung des Ungehorsams. Wir sollten aus dieser Begebenheit auch in dieser Hinsicht lernen.

Verse 32–35: Die Heilung des Stummen wird Satan zugeschrieben

„Als sie aber weggingen, siehe, da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war. Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen verwunderten sich und sprachen: Niemals wurde so etwas in Israel gesehen. Die Pharisäer aber sagten: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen“ (Verse 32 -35).

Mit diesen vier Versen kommen wir zum vorerst letzten Wunder, von dem Matthäus spricht. Das ist kennzeichnend für die folgenden Abschnitte. Es ist traurig zu sehen, wie die Führer des Volkes auf das Wirken des Herrn reagieren: mit schrecklichster Ablehnung!

Das Volk Israel war nicht nur blind in Bezug auf Gott und den eigenen Zustand. Es war auch nicht in der Lage, Gott zu loben in einer Weise, die Gott annehmen konnte. Denn es war stumm wie dieser Mensch. So konnte das Volk nichts sagen über die Herrlichkeit, die ihm in Christus erschienen war, über die Liebe, die zu ihm gekommen war.

Wie gut, dass der Herr trotzdem helfen kann und will. Erneut wird ein Kranker zu Ihm gebracht. Das ist, wie wir schon durch andere Beispiele gesehen haben, kein Einzelfall:

  • „Und sie brachten zu ihm alle Leidenden, die von mancherlei Krankheiten und Qualen geplagt waren, und Besessene und Mondsüchtige und Gelähmte; und er heilte sie“ (Mt 4,24).
  • „Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden“ (Mt 8,16).
  • „Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm“ (Mt 9,2).
  • „Da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war“ (Mt 9,32).

Später werden noch andere zu Ihm gebracht (Mt 12,22; 14,35; 19,13). Insgesamt gibt es somit sieben Beispiele, wo Kranke zu Ihm gebracht werden, die alle geheilt bzw. gereinigt werden. An keiner Stelle wird der Name der Träger und Führer genannt. Sie verrichten diesen wichtigen Dienst sozusagen verborgen und in aller Stille – aber sie tun ihn. Das ist beispielhaft für uns. Oft benutzt der Herr mehrere Menschen – gleichzeitig oder nacheinander – um einem Menschen nachzugehen, bis dieser bereit ist, sich „zu Ihm“ bringen zu lassen. Wohl dem, der solche Freunde besitzt.

Als dieser stumme Mann zu Ihm gebracht wurde, zeigt der Herr die Ursache seiner Stummheit an, auch wenn diese für andere Menschen nicht einsehbar war: Er hatte einen Dämon. Der Herr sieht eben tiefer – auch heute, wenn es um die wahren Ursachen für Krankheit und Versagen geht. Manchmal erkennen wir solche tieferen Gründe nicht, wenn wir selbst krank sind oder in Problemen stecken. Andererseits aber möge Gott uns davor bewahren, bei jedem Kranken sofort eine Sünde zu vermuten. Der Herr Jesus selbst macht an anderer Stelle klar (z. B. Joh 9), dass dieser Gedanke verkehrt ist. Aber es gibt immer wieder tiefergehende Ursachen für eine Krankheit. Dafür sollten wir uns die Augen öffnen lassen.

In diesem Fall lag die Ursache der Stummheit in einem Dämon. Dieser Hinweis lässt uns an die Ursache der „Stummheit“ des Volkes Israel denken. Sie waren für Gott unbrauchbar und nicht imstande, Ihn zu loben und anzubeten, weil sie Gott aus ihrer Mitte ausschlossen, dafür aber Satan und seine Instrumente aufnahmen. Sie öffneten sich den satanischen Einflüssen und verwarfen den von Gott gesandten Messias. Während wir keinen Hinweis finden, dass sich dieser Mensch von sich aus okkulten Einflüssen ausgesetzt hätte, ist das beim Volk Israel anders. Ihnen war die Gegenwart Satans lieber als das Wirken des Sohnes Gottes (vgl. Mt 8,28–34).

Aber es gibt die Möglichkeit, diesen Zustand zu beenden, wenn man seine Stummheit erkennt, seine Schuld einsieht und zum Herrn Jesus kommt. Dieser Mensch wird zu Ihm gebracht, aber der Herr behandelt nicht etwa die Stummheit als solche, sondern befreit ihn von der eigentlichen Ursache derselben: Er treibt den Dämon aus. Und was für ein Wunder: Sofort kann dieser Mann reden. Er muss es nicht erst lernen. So macht es der Herr auch in unserem Leben: Er geht bis an die Wurzel unseres Versagens und ist bemüht, uns zu einem umfassenden Bekenntnis zu führen. Dann können auch wir wieder ungehindert „reden“, das heißt Gott loben und preisen.

Diese wunderbare Heilung führt zu einer Verwunderung bei dem Volk: „Niemals wurde so etwas in Israel gesehen.“ Das war wahr! Aber was machte das Volk aus dieser Erkenntnis? Nahmen sie Christus als König und Herrn an? Fielen sie Ihm zu Füßen? Jesus sagt an anderer Stelle, dass Er selbst wusste, was in dem Menschen ist (Joh 2,24.25). Er erkannte, dass es nur eine Verwunderung, nicht aber eine Bewunderung seiner Person war. Seine Wunder kamen äußerlich an. Aber das Herz blieb unerreicht. Deshalb wollte der Heiland auch nicht, dass man seine Werke öffentlich machte!

Wenn man dann aber zur Reaktion der Pharisäer kommt, kann man nur erschrecken. Sie bringen den Herrn hier zum ersten Mal mit Satan in Verbindung. Hatten sie nicht erkannt, dass Gott hier in der Person Jesu zu seinem Volk gekommen war, „umhergehend, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38)? Natürlich hatten sie das gesehen und erlebt. Sie wussten das auch in ihrem Inneren. Aber sie wollten sich dem Herrn nicht beugen, sondern auf ihren eigenen Vorrechten bestehen. Daher kommen sie in ihrer inneren Verblendung und Wut dazu, die Kraft des Heiligen Geistes als Kraft Satans zu bezeichnen. Was für ein Irrtum, was für eine Unverfrorenheit!

Jesus setzt seinen Dienst fort (Vers 35)

Man kann nur staunen, dass der Herr (noch) nicht auf diese Unverschämtheit und Gottlosigkeit reagiert. Seine Antwort, so wie Matthäus sie uns zeigt, ist, dass Er seinen Dienst in Demut weiter fortsetzt. Er verfolgt nicht die eigene Ehre, sondern die Ehre dessen, der Ihn gesandt hat. Daher hat Er aus Blinden Sehende gemacht, so dass sie etwas von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes und damit auch des Vaters erkennen konnten. Deshalb hat Er den Stummen gesund gemacht, damit dieser mit dem eigenen Mund Gott loben und Ihm danksagen konnte.

Aus diesem Grund wirkt der verachtete, hinausgeworfene Christus auch jetzt weiter. Wir erinnern uns an Kapitel 4,23, wo dieser Vers in nahezu gleichem Wortlaut wiederzufinden ist. Dort ging es um eine Überschrift über den gesamten Dienst des Herrn in Israel. Jetzt wird dies noch einmal wiederholt. Der Herr diente seinem Volk.

  1. Zunächst einmal diente Christus den Seinen, indem Er in den Synagogen lehrte. Er legte das Wort Gottes aus, wie man es beispielsweise in Lukas 4 nachlesen kann. Es lag Ihm daran, dass die Juden seiner Zeit ein zunehmendes Verständnis über das hatten, was Gott ihnen durch sein Wort sagen wollte. Gott war mit Ihm – Er sprach die Botschaft Gottes zu seinem Volk aus.
  2. Dann predigte Er das Evangelium des Reiches. Denn trotz seiner Verwerfung hatte Er die Verkündigung dieses Königreich nicht aufgegeben. Obwohl die Obersten des Volkes ständig Widerstand leisteten, war es sein Wunsch, dass auf dieser Erde ein Reich aufgerichtet würde, in dem die göttlichen Gedanken verwirklicht werden. Es gab nur einen Weg in dieses Königreich: Buße und Bekehrung.
  3. Er heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. Das steht nicht an erster, sondern an dritter Stelle. Nicht die Wunder standen im Mittelpunkt, sondern das Wort Gottes. Die Zeichen waren der Beweis, dass Gott in Christus wirkte, die Welt mit sich selbst versöhnend.

Die Selbstlosigkeit dieses Königs, der Gott ist, hätte jeden Menschen zur Bewunderung führen müssen. Dass es nicht so war, lesen wir in den folgenden Kapiteln.

Bevor wir uns aber mit dem Ende von Kapitel 9 (das thematisch zu Kapitel 10 gehört) und den weiteren Kapiteln beschäftigen, schauen wir uns zunächst noch wichtige Themen an, die sich durch die verschiedenen Abschnitte des 9. Kapitels ziehen. Wir nehmen den letzten Abschnitt von Kapitel 8 zu dieser Betrachtung hinzu, auch wenn wir ihn bereits ausführlich in Kapitel 8 überdacht haben. Er scheint thematisch sowohl zu Kapitel 8 als auch zu Kapitel 9 zu gehören.

Die Themen, die wir uns jetzt vornehmen, seien genannt:

  1. Die Macht des Bösen
  2. Die Gnade in ihrem Reichtum
  3. Die Zustandsbeschreibung des Volkes Israel
  4. Belehrungen zur Nachfolge
  5. Die Herrlichkeit der Person Christi

Die Macht des Bösen

  1. Die Macht Satans (Kapitel 8,28–34)
    In der Schlussbegebenheit von Kapitel 8 lernen wir die Macht Satans in Gestalt der Besessenen kennen. Satan ist imstande, Menschen vollkommen zu beherrschen, wenn sie sich ihm öffnen. Hier sehen wir auch, welche Folgen diese Macht Satans für einen Menschen und seine Umgebung hat. Alles ist vom Tod gekennzeichnet (Grüfte); niemand ist in der Lage, dieser Macht zu begegnen.
  2. Die Macht der Sünden (Kapitel 9,1–8)
    Die erste Begebenheit in Kapitel 9 stellt uns die Macht der Sünden vor. Ein Mensch, der in seinen Sünden lebt, ist unfähig, ein Leben in äußerer Kraft zu führen. Er ist wie gelähmt und nicht in der Lage, sein Leben selbst zu bestimmen. Die Ursache für Kraftlosigkeit und Hilflosigkeit besteht in den Sünden der Menschen. Der Herr Jesus sagt an anderer Stelle: „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh 8,34). Wir können in diesem Zusammenhang an Mephiboseth denken, den Sohn Jonathans. Auch er war gelähmt. Er selbst war schuldlos an dem Unfall, der zu seiner Lähmung führte. So steht er stellvertretend für den natürlichen Menschen, der wegen seiner sündigen Natur der Macht der Sünden unterliegt, wobei er für seine sündige Natur nicht verantwortlich ist, wohl aber für seine Taten. Aber durch die Gnade Davids – durch die Gnade Jesu – wurde Mephiboseth zu einem im Glauben kraftvollen Mann. Im Unterschied zu Punkt 6 steht in diesem Fall die Ursache für die äußere Folge der Sündhaftigkeit – die Kraftlosigkeit – im Mittelpunkt: seine sündigen Taten, die den Menschen unfähig machen, Gott zu dienen.
  3. Die Macht der Selbstgerechtigkeit (Verse 9–13)
    Zunächst lernen wir hier, wie ein Mensch, hier Matthäus, in die Nachfolge des Herrn gestellt wird. In diesem Zusammenhang belehrt uns dieser Abschnitt über die Macht der Selbstgerechtigkeit, die Menschen in ihren Worten und in ihrer Gesinnung beseelen kann. Diese Pharisäer hielten sich für gesund und merkten nicht, dass sie von der Fußsohle bis zum Scheitel krank und sündig waren. In ihrer Selbstgerechtigkeit schauten sie auf die Zöllner und Sünder herab und merkten gar nicht, dass ihre Selbstgerechtigkeit sie gerade zu der Gruppe von Menschen gehören ließ, über die sie sich stellten – denn Selbstgerechtigkeit ist Sünde.
  4. Die Macht des Gesetzes (Verse 14–17)
    In diesen vier Versen lernen wir etwas über die Macht des Gesetzes und der Gesetzlichkeit. Der Herr Jesus deutet nicht nur an, dass Er etwas Neues schaffen würde, das im Gegensatz zu dem Gesetz stünde. Er zeigt in diesen Versen auch, dass eine Vermischung von Gnade und Gesetz nicht nur die Gnade zerstört, sondern zugleich den göttlichen Gedanken über das Gesetz nicht gerecht wird. Die Macht dieses Gesetzes zerstört die göttliche Gnade in ihrer Wirkung auf den Menschen, wenn sich jemand in der heutigen Gnadenzeit unter Gesetz stellt. „Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“ (Röm 11,6). Die Macht des Gesetzes ist so groß, dass wir als Gläubige aufgefordert werden, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen (vgl. Jud 3), um diesen Glauben auf der Basis der Gnade nicht zerstört werden zu lassen. Auch an anderen Stellen zeigt Paulus, dass wir eine Vermischung von Gnade und Gesetz nicht zulassen dürfen (vgl. 1. Tim 1,5–9).
  5. Die Macht des Todes (Verse 18–26)
    Der Tod besitzt eine solche Macht, dass er jeden Menschen früher oder später in die Knie zwingt. So auch dieses Mädchen, das dem Tod nicht ausweichen kann. Der Tod ist zu jedem Menschen durchgedrungen (vgl. Röm 5,12) – das zeigt seine gewaltige Macht. Aber wie gut, dass wir wissen dürfen: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14.15).
  6. Die unauslöschlichen, sichtbaren Auswirkungen der Macht der Sünde (Verse 20–22)
    Auch die sündige Natur, der alte Mensch, übt eine gewaltige Macht über den Menschen aus. Das lernen wir in der Begebenheit mit der blutflüssigen Frau. Sie erlitt diese Krankheit aufgrund der Folgen der so genannten „Erbsünde“, die von Adam und Eva anfangend zu allen Menschen durchgedrungen ist (vgl. Röm 5,19). So, wie ihr Blutfluss nicht versiegte, kommt aus dieser von Adam geerbten sündigen Natur ständig das Böse, die sündige Tat, hervor. Diese Macht ist so groß, dass sich ein Mensch selbst bei größter Anstrengung nicht davon befreien kann. Während im Fall des Gelähmten die Ursache der Kraftlosigkeit – seine Sünden – betont wird, werden in diesem Abschnitt die Sünden als eine Folge der in dem Menschen wohnenden Sünde betont.
  7. Die Macht der Sünde (Verse 27–31)
    Es gibt in der Schrift einen Unterschied zwischen Sünde und Sünden (Punkt 6). Sünden sind die Taten, Sünde ist die Quelle, der Ursprung. Wir denken an Johannes 9, wo selbst die Jünger den Herrn angesichts der Blindheit eines Mannes fragten: „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,1). Seine Blindheit, so nahmen die Jünger an, sei die Folge einer oder mehrerer Sünden dieses Mannes gewesen, was der Herr Jesus aber verneint. Stattdessen geht Er am Ende von Johannes 9 noch einmal auf die Ursache von Blindheit ein: „Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde“ (Vers 41). Die beiden Blinden in Matthäus 9 bitten den Herrn Jesus nicht darum, ihre Augen zu heilen. Ihnen geht es sozusagen nicht um die Folgen der Sünde, sondern um die Wurzel, die Sünde. Sie bitten um Erbarmen, um Barmherzigkeit. Sie erkennen, dass ihr persönlicher Zustand Barmherzigkeit vonseiten des Herrn nötig machte. So sehr hatte die Sünde Gewalt über den Menschen.
  8. Die Macht des Unglaubens (Verse 32–35)
    Die Führer des Volkes Israel hatten sich im Unglauben von Jesus abgewandt. Sie wollten nicht auf Gott und seinen Sohn, Jesus Christus, hören. Ihr Unglaube ist so groß – er kommt einem regelrechten Abfall von Gott gleich –, dass sie das Wirken des Geistes Gottes Satan zuschreiben. So groß kann die Macht des Unglaubens auf einen Menschen wirken, dass er das Gute böse nennen will. Was für ein Wunder der Gnade, dass die Antwort des Herrn nicht sofort Gericht ist, sondern dass Er in Treue weiter seinen Dienst tut (Vers 35).

Die Gnade in ihrem Reichtum

Der Herr setzt der Macht des Bösen den Reichtum seiner Gnade entgegen. Es ist gewaltig, wie diese Gnade in der Lage ist, das Böse zu überwinden – bis heute!

  1. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus (Röm 16,20)
    In dem Abschnitt mit den zwei Gergesenern (Kapitel 8,28–34) haben wir die Macht Satans erkannt. Aber die Gnade kann diese Macht überwinden. Das finden wir in dieser Begebenheit, wo der Herr Satan seine Beute entreißt. „Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter eure Füße zertreten. Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus sei mit euch!“ (Röm 16,20). Diese Gnade hat Christus eingesetzt, um die Besessenen zu befreien. Satan konnte sie nicht halten. Das Werk der Gnade war stärker.
  2. Die vergebende Gnade (Eph 1,6.7)
    Der Herr Jesus vergab dem Gelähmten (Verse 1–8) seine Sünden. Das kann nur auf der Grundlage des Erlösungswerkes des Herrn Jesus und durch die göttliche Gnade geschehen. In Christus hat uns Gott begnadigt, „indem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,6.7). Gott vergibt uns unsere Sünden, weil unser Retter die Strafe für diese Sünden in den drei Stunden der Finsternis am Kreuz auf sich genommen hat und gestorben ist (vgl. Heb 9,22). Selbst der Angriff der Agenten Satans, der Schriftgelehrten, war nicht in der Lage, dieses Werk der Gnade Gottes zu verhindern.
  3. Die rettende Gnade (Eph 2,8.9)
    Wer sich in Selbstgerechtigkeit sonnt, wie es die Pharisäer in Verbindung mit der Berufungsgeschichte Levis (Verse 9–13) getan haben, hat noch nicht erkannt, dass es keine Gerechtigkeit im Menschen gibt. Alles ist reine Gnade – wir haben nicht den Hauch eines Verdienstes. Niemand kann sich etwas auf sich selbst einbilden – es ist nur Ruin vorhanden. „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme“ (Eph 2,8.9). Die Kranken, die Sünder, sind sich dessen bewusst und suchen den Arzt, den Retter auf. Die Starken und Gesunden meinen, Gnade nicht nötig zu haben. So bleiben sie außerhalb des Bereichs der Gnade und werden nicht gerettet. Das heißt, sie gehen ewig verloren!
  4. Die Gnade Gottes im Gegensatz zum Gesetz (Gal 2,21)
    Wer auf das Gesetz vertraut und dieses zur Lebensregel für Christen machen möchte, der muss erkennen, dass er Gott gegen sich hat (Verse 14–17). Gott hat das Gesetz gegeben, aber Er hat auch die Gnade geschenkt. Für den gläubigen Christen hat Er das Gesetz beiseitegesetzt, da es die Gnade zerstört. „Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“ (Gal 2,21). Die Gnade Gottes ist die richtige Antwort auf die gesetzliche Haltung des Menschen. Gott lässt eine Vermischung der Grundsätze von Gnade und Gesetz nicht zu. Neuer Wein gehört in neue Schläuche – darauf besteht der Herr Jesus.
  5. Die Überfülle von Gnade (Röm 5,17)
    Wenn der Tod wie bei der Tochter des Jairus seine Macht entfaltet (Verse 18–26), dann ist eine Überfülle an Gnade notwendig, um ihm die Beute zu entreißen: „Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod durch den einen geherrscht hat, so werden viel mehr die, welche die Überfülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus“ (Röm 5,17). In Christus wird diese Überfülle der Gnade personifiziert, indem Er bereit ist, dieses Mädchen aufzuerwecken. Natürlich ist für eine solche Totenauferweckung auch eine Überfülle an Kraft und Macht notwendig, doch dürfen wir nicht übersehen, dass vonseiten Gottes auch eine Überfülle von Gnade vorhanden sein muss, um diesen Beweis der Macht des Todes und der Sünde zu zerstören.
  6. Die Gnadengabe (Röm 5,16)
    In dem Beispiel der blutflüssigen Frau haben wir gesehen, dass die alte, sündige Natur und der alte Mensch eine Macht über den unbekehrten Menschen haben (Verse 20–22). Um diese Macht zu brechen, reicht es nicht, nur etwas zu korrigieren. Eine direkte Gnadengabe ist notwendig. Die hat Gott in dem Herrn Jesus auch dieser Frau geschenkt: „Und ist nicht wie durch einen, der gesündigt hat, so auch die Gabe? Denn das Urteil war von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit“ (Röm 5,16). Durch die Sünde des Einen, Adam, ist die Sünde zu allen durchgedrungen. Die Folgen der Sünde spürt jeder Mensch in seinem Leben. Aber mit noch viel größerer Macht ist die Gnadengabe des Einen gekommen, der unsere vielen Sünden zum Anlass für unsere Rechtfertigung genommen hat. So hat der Herr dieser Frau die Gnadengabe eines neuen Lebens, einer neuen Natur geschenkt. Das wird bildlich deutlich dadurch, dass sie nicht mehr blutflüssig war.
  7. Die überreichliche Gnade (Röm 5,20)
    Die Macht der Sünde haben wir in den beiden blinden Menschen gesehen (Verse 27–31). Die Sünde, die dazu führt, dass der Mensch über den eigenen Zustand, das Licht und die Liebe Gottes blind ist, hält ihn in Gefangenschaft. Aber dann kam der Herr Jesus, der die Blinden sehend machte und der in seiner überreichlichen Gnade auch uns ein tiefes Verständnis gegeben hat. „Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überreichlicher geworden, damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (Röm 5,20.21). Die Sünde war überströmend. Aber die Antwort Gottes ist noch gewaltiger – die Gnade ist überreichlich geworden.
  8. Die überströmende Gnade (1. Tim 1,13.14)
    In der Begebenheit, in welcher der Herr Jesus den Dämon des stummen Menschen austreibt, haben wir die Macht des Unglaubens aufseiten der Pharisäer gesehen, die nicht zugeben wollten, dass Gott in Christus hier wirksam war (Verse 32–35). Aber die überströmende Gnade Gottes übersieht hier den Unglauben, um den gepeinigten Menschen zu retten. Eine solche Art von Gnade kann sogar Herzen überwinden, die über eine Zeitlang am Unglauben festhalten wollen. „Der ich zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war. Aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben tat. Über die Maßen aber ist die Gnade unseres Herrn überströmend geworden mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind“ (1. Tim 1,13.14). Ob vielleicht auch einer der hier lästernden Pharisäer noch durch die überströmende Gnade des Herrn berührt worden ist?

Die Zustandsbeschreibung des Volkes Israel

In diesen Abschnitten finden wir auch eine Beschreibung des Zustands des Volkes Israel. Diese mag niederschmetternd wirken. Aber das Großartige ist: Gott zeigt uns, dass es für ein solches Volk Rettung geben kann. Christus, der Gesalbte Gottes, ist der Garant dafür, dass das Volk Israel doch noch zu Heilung, Rettung und Glauben geführt wird. Es gibt eine gesegnete Zukunft für Israel, wie diese Begebenheiten fast ausnahmslos zeigen. Im Blick auf den moralischen und geistlichen Zustand, wie er hier sichtbar wird, haben wir Christen keinen Anlass, mit dem Finger auf das Volk Israel zu zeigen. Denn der heutige Zustand der Christenheit müsste mit noch düstereren Worten beschrieben werden.

  1. Von Satan inspiriert (Kapitel 8,28–34)
    Im ersten Abschnitt lernen wir, wie das Volk von Satan inspiriert und besessen ist. Den Beweis liefern zwei Männer, ein ausreichendes Zeugnis des Zustands des Volkes. Muss das Volk nicht von Satan besessen gewesen sein, wenn wir bedenken, dass es seinen eigenen, vollkommen gerechten König ans Kreuz bringt, der ihnen nichts als Gutes erwiesen hat?
  2. Unfähig für Gottesdienst (Kapitel 9,1–8)
    Der zweite Abschnitt zeigt uns den Gelähmten. Er ist durch völlige Kraftlosigkeit gekennzeichnet. So war auch das Volk unfähig, einen gottgemäßen Lebenswandel (gehen) zu verwirklichen. Ebenso war es unfähig, Gott zu dienen. Wir finden mehrere Bilder dieser Art in den Evangelien. Auch der Mann, der nicht in der Lage war, nach dem Wirken des Engels in den Teich Bethesda zu springen (Joh 5), ist ein solches Bild von Israel. Dann denke man an den Mann in Apostelgeschichte 3, der durch Petrus und Johannes geheilt wurde. Auch er repräsentiert Israel. Schließlich möchte ich noch auf Äneas in Apostelgeschichte 9 hinweisen, der ebenfalls durch Petrus geheilt wird.
  3. Gott aus den Augen verloren (Verse 9–13)
    In dem Zöllner Matthäus erkennen wir die wahren Interessen des Volkes. Es ging nicht um Gott, sondern um den eigenen Geldbeutel. Deshalb wurden die Zöllner ja auch gehasst, denn sie vereinnahmten häufig zu viel Geld. Die eigenen Interessen gingen denen Gottes vor. Wie wunderbar, dass es Rettung für das Volk geben wird. Das wird am Ende der Tage auch sichtbar werden. Wenn die Versammlung (Gemeinde, Kirche) nicht mehr auf der Erde sein wird, sondern entrückt ist, nimmt sich der Herr wieder in besonderer Weise seines Volkes an und wird es retten und – wie hier den Zöllner Levi – in seine wahre Nachfolge stellen.
  4. Israel – das Alte (Verse 14–17)
    Das Alte, die alten Schläuche, der alte Wein und die alten Kleidungsstücke, sie alle sind ein Hinweis auf das alte, ungläubige Israel, wie der Herr es vorfand, als Er auf diese Erde kam. Doch Er war gekommen, Neues zu schaffen: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17). Das lehnte das Volk Israel im Allgemeinen ab.
  5. Der tote Zustand des Volkes – Rettung für den Glauben (Verse 18–26)
    In dem toten Mädchen sehen wir ein Bild des wahren Zustands des Volkes: Es war tot für Gott. Neues Leben war notwendig – und in seiner göttlich großen Gnade will der Herr Jesus sein Leben dem Volk geben. Es wird noch dauern, bis es selbst erkennt, wie sehr es dieses neue Leben nötig hat. Der Ausdruck „Tochter“ bestätigt uns diese Symbolik: Im Buch Klagelieder finden wir ihn 18 Mal für das Volk Israel. Gott hat sich mit dieser Tochter verbunden – Er war ihr Mann geworden, aber sie hatte Ihn abgelehnt (vgl. z. B. Jes 54,1–6).
    In der Zwischenzeit wird jeder, der im Glauben wie die blutflüssige Frau zu Christus kommt, geheilt und gerettet werden. Das ist ein Bild der heutigen Zeit, in der jeder, der den Herrn im Glauben anrührt, gerettet wird, er sei Jude oder Heide. Nach dieser Zeit der Gnade, die wie in dieser Begebenheit eine Einschaltung darstellt, nimmt Gott die unterbrochene Beziehung zu seinem Volk Israel wieder auf.
  6. Die Blindheit des Volkes Israel (Verse 27–31)
    An den beiden Blinden erkennen wir, dass das Volk vollkommen blind über den eigenen, toten, sündigen Zustand war. Das hatte Gott schon im Alten Testament vorhergesagt: „Führe heraus das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben!“ (Jes 43,8; vgl. auch Apg 28,25–28). Jeremia hatte prophezeit: „Lobsingt laut und sprecht: Rette dein Volk, Herr, den Überrest Israels! Siehe, ich bringe sie aus dem Land des Nordens und sammle sie vom äußersten Ende der Erde, unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und Gebärende miteinander“ (Jer 31,7.8). So, wie diese beiden Blinden das Erbarmen des Herrn anrufen, wird Gott wieder Erbarmen für sein Volk aufbringen: „Er wird sich unser wieder erbarmen, wird unsere Ungerechtigkeiten niedertreten; und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Mich 7,19).
  7. Unfähigkeit zum Gotteslob (Verse 32–34)
    Eigentlich hätte das Volk der Juden seinem Namen Juda (= Preis, Gegenstand des Preises) Ehre machen sollen. Aber sie waren für Gott wie dieser Stumme, sie konnten keinen echten Lobpreis für Gott aussprechen. Er konnte ihre Lieder, ihre Opfer nicht annehmen. „Wäre doch nur einer unter euch, der die Türen verschlösse, damit ihr nicht vergeblich auf meinem Altar Feuer anzündetet! Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der Herr der Heerscharen, und eine Opfergabe nehme ich nicht wohlgefällig aus eurer Hand an“ (Mal 1,10; Amos 5,23). Hinzu kommt, dass das Volk nicht einfach stumm war, sondern zugleich noch von Satan besessen. Das führt der Geist Gottes später noch ausführlicher aus (vgl. Mt 12,43 ff.). Sie hatten sich den Wirkungen Satans geöffnet, der einen falschen König (Herodes), falsche Priester (Annas, Kajaphas) und falsche Führer (Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer) in Israel einführen konnte. Dadurch war das Volk insgesamt zum Schweigen verurteilt (Lk 19,39.40). Aber wie es beim Blinden Hoffnung gibt, so auch bei dem Stummen. Gott wird in dem Herrn Jesus Rettung schaffen und Augen und Mund auftun.

Belehrungen zur Nachfolge

Auch in diesen Abschnitten erhalten Jünger wieder eine reichhaltige Belehrung darüber, wie man aus einem Zustand des Unglaubens zu einem Jünger werden kann.

  1. Die Grundlage: Befreiung von der Macht Satans (Kapitel 8,28–34)
    In der ersten Begebenheit lernen wir, dass uns nur der Herr Jesus von der Macht Satans befreien kann. Wir selbst sind dazu nicht in der Lage. Er will jeden Menschen aus dem Machtbereich Satans bringen. Man muss nur zu Ihm kommen!
  2. Anderen eine Hilfe sein (Kapitel 9,1–8)
    Manche Menschen haben wie der Gelähmte keine Kraft – geistig, seelisch, körperlich – zu dem Herrn Jesus zu kommen. Viele wollen auch nicht. Aber wenn wir Menschen sehen, die hilflos sind, haben wir als Jünger eine Aufgabe, ihnen zu helfen. Entweder bringen wir sie zum Herrn Jesus, indem wir für sie beten oder ganz praktisch, in dem wir sie beispielsweise zu einer Evangelisationsveranstaltung mitnehmen, oder wir bringen den Herrn Jesus zu ihnen, indem wir ihnen von Christus, von seinem Evangelium und seiner Gnade erzählen.
  3. Wirklich nachfolgen (Verse 9–13)
    Wer ein Jünger des Herrn sein möchte, muss Ihm nachfolgen (wollen): „Folge mir nach!“, ruft der Herr bis heute denen zu, die Er als Jünger beruft. Er ruft jeden von uns, der im Glauben sein Werk am Kreuz von Golgatha für sich persönlich in Anspruch genommen hat. Ob dann auch über uns gesagt werden kann: „Und er stand auf und folgte ihm nach“?
    Jüngerschaft kann auch beinhalten, mit „Zöllnern und Sündern“ zu essen. Hiermit ist nicht gemeint, Gemeinschaft mit Menschen zu pflegen, die in der Sünde leben. Aber wenn wir zu solchen Menschen gehen, um ihnen das Evangelium zu verkündigen – und das ist unser Auftrag –, dürfen wir eine solche Gemeinschaft genießen, wie wir sie hier bei unserem Herrn im Haus des Zöllners Matthäus sehen.
  4. Zuneigungen zu Christus haben (Verse 14–17)
    Jüngerschaft ist keine sterile Sache. Es geht um eine Person, die hier im vierten Abschnitt „Bräutigam“ genannt wird. Nachfolge wird nur dann dauerhaft und lebendig sein, wenn sie durch die Zuneigungen zu Christus motiviert wird. Das ist gerade heute so wichtig. Nicht die Abscheu von dem Bösen, so wichtig sie ist, darf uns inspirieren. Die Liebe zu Christus ruft und zieht uns im Dienst. Die Abscheu vom Bösen kommt dann von ganz alleine.
    Jüngerschaft heißt auch, das Alte alt sein zu lassen und nicht wieder das Gesetz und seine Gebote hervorzuholen. Jüngerschaft heute findet auf dem Grundsatz der Gnade statt. Gesetzlichkeit führt zu falscher Enge und in die Sektiererei, Gnade dagegen in die Freiheit, dem Herrn mit Freuden zu dienen.
  5. Im Verborgenen dienen (Verse 18–26)
    Ein Jünger sucht nicht große Zuhörerscharen. Er dient und wirkt im Haus, wo die Menge keinen Zugang hat. Es mag so sein, dass es auch einmal einen Weg in die breitere Öffentlichkeit gibt. Aber das ist nicht das, was ein Jünger suchen sollte. Gerade, wenn es lärmt, sucht der wahre Jünger das Verborgene, um dem Einzelnen dienen zu können.
  6. Den Einzelnen nicht übersehen (Verse 20–22)
    Der Herr Jesus wurde von vielen Menschen umgeben. Aber Er hatte ein Auge für die einzelne Frau, die im Glauben zu Ihm kam. So übersieht der Jünger angesichts der vielen Bedürfnisse nicht das Suchen des Einzelnen. Gerade dafür lässt er sich den Blick schärfen.
  7. Gehorchen (Verse 27–31)
    Jünger sind nicht ihre eigenen Herren. Sie haben einen Herrn über sich. Was Er ihnen sagt, besitzt Autorität in ihrem Leben. Selbst wenn man als Jünger nicht alle Anweisungen des Herrn versteht, verwirklicht man sie. Die beiden geheilten Blinden haben leider nicht auf die Worte des Herrn gehört. Das mag menschlich verständlich sein, war aber dennoch Ungehorsam.
  8. Gutes tun führt zur Verwerfung (Verse 32–34)
    Obwohl der Herr Jesus von seinem Volk verworfen wurde, hörte Er nicht auf, ihnen Gutes zu tun. Und je mehr Er den Menschen half, umso mehr wurde Er abgelehnt. Ebenso wird es einem treuen Jünger ergehen. Er muss sich bewusst sein, dass das Ausführen des Willens Gottes oft den Hass und die Ablehnung der Welt hervorruft. So kann er das Los seines Meisters teilen.

Die Herrlichkeit der Person Christi

Offenbar präsentiert uns Matthäus bei jeder Begebenheit Herrlichkeiten unseres Herrn.

  1. Sohn Gottes und Jesus (Kapitel 8,28–34)
    In der ersten Begebenheit sehen wir den Herrn Jesus, wie Er von den Dämonen „Sohn Gottes“ genannt wird. Als Sohn Gottes hat Er Gewalt über die Dämonen und über Satan, der hinter ihnen steht. Ihm muss sich jeder und alles unterordnen, denn Er ist der Ewige. „Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart worden, damit er die Werke des Teufels vernichte“ (1. Joh 3,8). Was für eine gewaltige Herrlichkeit kommt in dieser Macht zum Ausdruck! Doch ist Er als demütiger Mensch bereit, auf Bitten der ganzen Stadt, die zu Ihm nach der Heilung der beiden Besessenen kommt, aus der Gegend wegzugehen. Die Jünger – und auch wir? – hätten vielleicht wieder gerne nach „Feuer vom Himmel“ gerufen, um diese Stadt zu strafen (vgl. Lk 9,53–55). Aber ein solches Ansinnen hätte der Gesinnung des Herrn vollkommen widersprochen. Das ist Jesus, der seine äußerliche Herrlichkeit und Macht als Sohn Gottes zurückhält. Diese Gegensätze führen uns dazu, Ihn von Herzen anzubeten.
  2. Sohn des Menschen und Gott (Kapitel 9, 1–8)
    In der ersten Begebenheit in Kapitel 9 nennt sich der Herr Jesus ein weiteres Mal „Sohn des Menschen“. Das ist erstaunlich, denn Er spricht davon, dass Er Gewalt hat, Sünden zu vergeben. War nicht gerade dies der Angriffspunkt der Pharisäer und Schriftgelehrten, indem sie sagten, nur Gott könne Sünden vergeben? Damit hatten sie Recht – und deshalb leuchtet gerade die Herrlichkeit seiner Gottheit aus diesen Versen hervor. Denn hier war Gott mitten unter dem Volk, und zwar als Mensch. Als ein Mensch, der in Erniedrigung erschien und doch zugleich derjenige ist, der einmal über die ganze Erde, ja über alles Geschaffene regieren wird. Das ist der Sohn des Menschen. Einerseits hatte Er nicht, wohin Er sein Haupt legen sollte (8,20). Andererseits hatte Er die Autorität, Sünden zu vergeben. Denn das ganze Gericht ist in die Hände des Sohnes des Menschen gelegt worden (vgl. Joh 5,27).
  3. Lehrer und Arzt (Verse 9–13)
    Gegenüber Matthäus offenbart sich Jesus als der wahre Lehrer. Er ist der Lehrer, der Jünger beruft und belehrt. Das erkannten sogar die Pharisäer, denn sie sprachen den Jüngern gegenüber von „euer Lehrer“. Aber der Herr wollte nicht nur belehren. Er wollte heilen und retten. So nennt Er sich selbst hier „Arzt“, der zu Menschen gekommen ist, die sich ihrer „Krankheit“ der Sünde bewusst sind. Denn sein Augenmerk war nie allein auf die äußeren Krankheiten der Menschen gerichtet, sondern auch und besonders auf ihren inneren Zustand. Jeden, der zu Ihm kam, heilte Er in vollkommener Weise, äußerlich und innerlich.
  4. Bräutigam und Christus (Verse 14–17)
    In der nächsten Begebenheit nennt sich der Herr Jesus „Bräutigam“. Es spricht hier nicht von der Braut, wohl aber von sich. Ihm sollten die Zuneigungen seiner irdischen Braut – Israel – gelten und Ihm werden sie einmal gelten. Zugleich ist Er der Bräutigam der himmlischen Braut, der Versammlung, für die Er sich in Liebe in den Tod gegeben hat. Erwidern wir seine Liebe? Wir sehen unseren Herrn in diesen Versen aber nicht nur als Bräutigam. Er führt gewissermaßen ein neues Kleidungsstück und einen neuen Wein mit neuen Schläuchen ein. Diese stehen für das Neue, was in der Gnadenzeit in Christus als wahres Christentum eingeführt wird: Das ist die neue Schöpfung. Sie ist direkt mit Christus verbunden. Dieser Titel steht in diesem Zusammenhang nicht für den Messias auf der Erde, sondern für seine Verherrlichung zur Rechten Gottes: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17). In Christus, in dieser herrlichen Person, hat eine komplett neue Schöpfung ihren Anfang genommen.
  5. Schöpfer und Messias (Verse 18–26)
    Bei der Auferweckung der Tochter des Jairus erleben wir den Herrn Jesus in überragender Weise als Schöpfer. Wer anders als der Schöpfer kann einen Toten ins Leben rufen? Er hat sämtliches Leben ins Dasein gerufen, und so kann Er auch Gestorbenes wieder zum Leben erwecken. Zugleich ist Er der König, der als verheißener Messias nach seinem Volk, der Tochter Zions, sieht. Wir haben gesehen, dass sie einen Hinweis auf den gläubigen Überrest darstellt, der zum Leben erwacht. Der Messias ist gekommen, um sein Volk nicht im Elend zu lassen, sondern aus dem Tod aufzuerwecken.
  6. Arzt und Mensch (Verse 20–22)
    Eingewoben in den Bericht über die Auferweckung der Tochter des Vorstehers ist die Begebenheit der Heilung der blutflüssigen Frau. Hier erweist sich der Herr als wahrer Arzt, der die äußeren Leiden der Frau durch die richtige „Behandlung“ beendet. Er hatte von sich als von einem Arzt gesprochen, wenn auch in moralisch-geistlicher Hinsicht. Jetzt offenbart Er durch sein Handeln, dass Er in jeder Hinsicht der vollkommene Arzt ist.
    Zugleich ist Er aber der Israelit, der wahre Mensch, der sich anrühren lässt und gegenüber dem Gesetz gehorsam ist, indem Er eine Quaste trug. Das unterstreicht seine Menschheit, die sich auch darin offenbart, dass er für die Menschen erreichbar und „anrührbar“ war.
  7. Sohn Davids und Herr (Verse 27–31)
    Die Begebenheit mit den zwei Blinden zeigt uns den Herrn als Sohn Davids. Mit diesem Titel bezeichnen Ihn diese beiden Menschen. Zu Anfang dieser Betrachtung über das Matthäusevangelium haben wir gesehen, dass dies der Titel ist, den wir als Überschrift über dieses Bibelbuch setzen könnten. Er ist der wahre Sohn Davids, der in Davids Fußspuren trat, wiewohl Er zugleich Herr Davids ist (vgl. Ps 110, 1). Darf an dieser Stelle daran erinnert werden, dass es hier zum ersten Mal auf dieser Erde geschah, soweit die Bibel davon berichtet, dass ein Blinder sehend gemacht wurde? Im ganzen Alten Testament lesen wir von keiner Person, die blind war und sehend wurde. Dazu „musste“ Gott aus dem Himmel kommen – in der Person des Sohnes Davids.
    Aber die beiden Männer erkennen sofort, dass Er nicht nur Sohn Davids ist, sondern auch ihr Herr. Sie sagen: „Ja, Herr“.
  8. Jahwe, der Gott Israels (Verse 32–34)
    In der letzten Begebenheit mit dem stummen Menschen erleben wir Christus als den Jahwe des Alten Testaments. Man mag an solche Stellen wie Jesaja 35,4–6 denken, wo der Herr spricht: „Sagt zu denen, die zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt, Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und jubeln wird die Zunge des Stummen.“ Als solcher hat sich der Herr erwiesen. Er kam zu seinem Volk, ihr Gott.

Die Aussendung der 12 zum Predigen und Heilen in Israel (Mt 9,35–11,1)

Im nächsten Abschnitt lernen wir, wie der Messias die Verwerfung seiner Person (die Anfänge davon finden wir in Kapitel 8) und seines Werkes (Kapitel 9) zum Anlass nimmt, sich selbst zurückzuziehen. Zwar gibt Er sein Werk in Israel nicht auf (Kapitel 10) – aus Liebe! Aber Er setzt nun Diener als Instrumente ein, damit nicht dadurch, dass das Volk Ihn als Person ablehnt, das Werk verhindert wird. Es ist gewissermaßen dieser Gedanke: Vielleicht werden sie auf seine Jünger hören und durch deren Werk und Dienst zur Umkehr kommen.

Er ist letztendlich dennoch bereit, auch als Verworfener seinen Dienst im Anschluss an die Aussendung der zwölf Apostel in eigener Person fortzusetzen (Kapitel 11,1). Allerdings zeigen die beiden folgenden Kapitel 11 und 12, dass sein Dienst leider auch weiterhin nicht angenommen wird. Das Volk und besonders die Führer des Volkes lehnen Ihn weiterhin ab. Sie schreiben seine Taten und die von Johannes dem Täufer Satan zu. So verwerfen sie den Herold und seinen Meister. Aber der Sohn des Menschen lässt sich nicht aufhalten, seinen himmlischen Vater zu offenbaren.

Die Antwort auf diese Verwerfung des Herrn durch sein Volk ist schließlich die Verwerfung des Volkes durch Gott (Ende des 12. Kapitels). Auf einen derartigen Unglauben und ablehnenden Hass des Volkes kann Gott nur mit Gericht antworten. Er stellt die Blutsverwandten Jesu, die bildlich sein Volk darstellen, beiseite und führt eine ganz neue Familie, die Familie Gottes, ein. Das führt dazu, dass der Herr in Kapitel 13 als Sämann eingeführt wird, der nicht an seinem eigenen Weinstock – dem Volk Israel – Frucht sucht, sondern eine Saat für alle Menschen und Völker ausstreut. Das gibt dem Königreich der Himmel einen ganz neuen Charakter.

Nach diesem Überblick nun zurück zu Kapitel 9.

Verse 35 -38: Der Anlass der Aussendung9

„Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende“ (Verse 36–38).

Die Verwerfung des Herrn hatte begonnen. Man hatte sein Wirken diffamiert, indem man es Satan zuschrieb und die Kraft des Geistes Gottes als Macht Satans bezeichnete. Der Herr ging äußerlich über diese Bosheit hinweg. Aber Er ändert nun sein Vorgehen. Bislang war Er selbst sozusagen in der ersten Reihe tätig gewesen. Jetzt aber sendet Er seine Jünger aus. Wenn die Menschen Ihn ablehnten, gab es noch die Möglichkeit, dass man an seiner statt seine Jünger annahm.

Der Herr wollte sein Volk nicht aufgeben. Er sah dessen traurigen Zustand. Wir haben das schon symbolisch an manchen Krankheiten gesehen, die symptomatisch für den Zustand des Volkes stehen. Dies ließ den Herrn innerlich nicht kalt. Er nahm die Krankheiten „auf sich“, bevor Er sie heilte. Er machte sich eins mit den Kranken und heilte nicht „von oben herab“.

So ist das auch hier: Er ist „innerlich bewegt“ über die Volksmengen, die da „erschöpft und hingestreckt“ vor Ihm standen. Sie waren Ihm – vielleicht tagelang – nachgefolgt und glichen nun in ihrer körperlichen Erschöpfung Schafen, die keinen Hirten haben.

Schafe mit und ohne Hirten im Alten Testament

Hirtenlose Schafe werden bereits verschiedentlich im Alten Testament erwähnt, das erste Mal in 4. Mose 27: „Und Mose redete zu dem Herrn und sprach: Der Herr, der Gott der Geister allen Fleisches, bestelle einen Mann über die Gemeinde, der vor ihnen her aus- und einzieht und der sie aus- und einführt, damit die Gemeinde des Herrn nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Verse 15–17). Was war geschehen? Jahwe hatte Mose mitgeteilt, dass er wegen seines Ungehorsams, den Felsen zu schlagen, statt mit ihm zu reden, nicht in das Land Kanaan hineinkommen werde. Mose ist darüber zwar sehr traurig, wie wir an anderer Stelle lesen. Aber wichtiger ist ihm zunächst, dass das Volk dadurch keinen Schaden erleidet. Daher bittet er Gott darum, dass er einen anderen Führer über das Volk bestelle, der es als Hirte (nicht als Zuchtmeister!) in das Land führe.

Die Analogie ist offensichtlich. Zwar hatte der Herr Jesus im Gegensatz zu Mose keinen Fehler begangen. Aber die Obersten des Volkes der Juden und letztlich auch das Volk lehnten Ihn ab, und so musste Er quasi wie Mose das Feld räumen. Das Volk hatte sich also selbst führerlos gemacht, indem sie den von Gott gesandten Führer und Hirten nicht akzeptierten. Durch eigene Schuld irrten sie nun ohne Hirten durch die Gegend. Das aber wollte der Herr mit seinem Hirtenherz verhindern. Daher bemüht Er sich weiter um das Volk und gibt letztendlich sogar als der gute Hirte sein Leben für die Schafe.

In diesem Sinn trägt die Bitte Moses auch einen prophetischen Charakter. Gott hatte Josua auf das Gebet Moses hin als neuen Führer des Volkes Israel bestellt. Aber Er sah viel weiter und erfüllte die sozusagen prophetische Bitte Moses in einem viel umfassenderen Sinn, indem Er Christus auf diese Erde als Hirte der Schafe sandte.

Ahab – der falsche Hirte

Ein zweites Mal finden wir den Hinweis auf Schafe, die keinen Hirten haben, in sehr ernstem Zusammenhang. Ahab zog in seinen letzten Kampf. Vorher befragte er auf Josaphats Bitte hin den einzigen noch anwesenden Propheten Jahwes: Micha. Dieser erklärte ihm: „Ich sah ganz Israel auf den Bergen zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und der Herr sprach: Diese haben keinen Herrn; sie sollen jeder in sein Haus zurückkehren in Frieden“ (1. Kön 22,17.18; 2. Chr 18,16).

Ahab verstand es sofort: Er würde im Kampf sterben! Das Volk würde dann keinen Hirten mehr haben. Aber stimmt es nicht nachdenklich, dass sie dann „in Frieden“ in ihr Haus zurückkehren sollten? Wie konnten sie Frieden haben, wenn ihr König und „Hirte“ gestorben war? Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass sie in Ahab eigentlich gar keinen richtigen Hirten hatten? Hier haben wir es im Gegensatz zu Josua und Mose tatsächlich mit einem falschen Hirten zu tun. Hesekiel und noch später Sacharja würden über solche falschen Könige und Hirten prophezeien. Ahab ist ein Bild des falschen Königs, der in der Endzeit als Antichrist auftreten wird. Solche Könige kümmern sich nicht um das Volk, sondern um die eigene Ehre. Durch seine Sünden hatte Ahab das Gericht über sich, den Tod, heraufbeschworen. Daher war es seine persönliche Schuld, dass sein Volk nun ohne Hirten dastand. So wird auch der künftige Antichrist sein Volk im Stich lassen und einfach aus Israel fliehen (vgl. Sach 11,17), wenn die Umstände für ihn gefährlich werden. Daraufhin wird ihn der Herr Jesus richten (vgl. Off 19,20).

In Jeremia 23,2 ff. zeigt Gott, dass den falschen Hirten nicht einfach vorgeworfen wird, dass sie versagen. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Herde zerstreut. Zu der Zeit, als Christus hier auf der Erde lebte, waren es die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Pharisäer und Sadduzäer, die als Führer Israels dafür verantwortlich waren, dass das Volk ohne gottgemäße Führung war und in die Irre lief. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um das Volk und dessen Bedürfnisse. Ihnen ging es allein um die eigene Ehre.

Hirten welche die Herde vernachlässigten

„So spricht der Herr, Jahwe: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle, das fette Vieh schlachtet ihr; die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Verwundete nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgeführt und das Verlorene nicht gesucht; und mit Strenge habt ihr über sie geherrscht und mit Härte. So wurden sie zerstreut, weil sie ohne Hirten waren; und sie wurden allen Tieren des Feldes zum Fraß und wurden zerstreut. Meine Schafe irren umher auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel; und über das ganze Land hin sind meine Schafe zerstreut worden, und da ist niemand, der nach ihnen fragt, und niemand, der sie sucht“ (Hes 34,2–6).

Diese Anklage traf nicht nur den Kern des Zustands zur Zeit Hesekiels, sondern auch zur Zeit Jesu. So wird es wieder sein, wenn der Antichrist und weitere falsche Christi in Israel regieren werden, bevor Er als der Christus Gottes auf diese Erde kommen wird, um eine vollkommene gerechte und fürsorgliche Führung in Israel zu übernehmen.

Hirtenlos zur Zeit Jesu

Der Herr Jesus handelte ganz anders als diese bösen Menschen. Auch heute noch wirkt Er in vollkommen gegensätzlicher Weise. Er ist ein Hirte, der sich wirklich um seine Schafe kümmert. Das hat Er jetzt „zwei Kapitel lang“ bewiesen. Wenn Er zum Beispiel sieht, dass sein Volk Ihn ablehnt, dann sendet Er eben seine Jünger aus, damit das Volk nicht umkommt. So groß ist seine Barmherzigkeit, so liebevoll sein Herz trotz der Verletzungen, die Ihm zugefügt worden sind.

Der Herr sah, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Ihm nur mit Hass entgegenkamen. Und das, obwohl sie bei Ihm keinen Anlass für ihre Ablehnung fanden, denn Er war der Vollkommene, der Sündlose, Gottes eigener Sohn, der wahre Hirte der Schafe. Bei all dieser Ablehnung übersahen sie ihre eigentliche Aufgabe, Hirten für das Volk zu sein. So war es – nicht nur an diesem Tag – erschöpft, hirtenlos, krank und geplagt. Das sah der Herr – und deshalb war Er gekommen und sandte jetzt seine Jünger zum Wohl der Schafe aus.

Die Gesinnung des vollkommenen Hirten ist immer wieder beeindruckend. Solange der Türhüter (vgl. Joh 10,3) die Tür noch offen hielt, wollte der Hirte seinen Schafen dienen. Solange Ihm der Zugang zu seinem Volk gestattet war, diente Er diesem unermüdlich.

Wir dürfen daraus aber auch eine Anwendung für die heutige Zeit ziehen. Die Gnade und Barmherzigkeit unseres Hirten ist unendlich groß. Selbst die schlimme Behandlung durch die Obersten des Volkes führte nur dazu, dass Er sich in Mitleid um seine Schafe kümmerte. Er hatte kein Mitleid mit den Sünden, sondern mit den Menschen, die durch Schwäche und Krankheiten geplagt wurden. So ist das auch bei uns. Was für einen guten Herrn haben wir!

Arbeiter aussenden

Bevor Er nun seine Jünger in die Ernte aussandte, wies Er auf die Notwendigkeit der Aussendung hin. Wenn hier von Ernte die Rede ist, dann geht es dem Herrn um Menschen, denen Er das Evangelium verkündigen wollte. Wenn sie diese gute Botschaft annehmen würden, wären sie gewissermaßen Frucht, die Er seinem Gott als Ernte schenken könnte. Christus sah trotz der Ablehnung eine große Ernte. Für Ihn war jeder einzelne Mensch wie eine große Ernte. Und es gab viele, denen dieses Evangelium des Königreiches bislang noch nicht verkündigt worden war.

Zweifellos klingt in diesen Versen auch die Verkündigung des Evangeliums an, die durch die jüdischen Sendboten in der großen Drangsalszeit stattfinden wird (vgl. Mt 24,14; Mt 25,34–45). Darauf weisen sicherlich auch die Worte des Herrn in Johannes 4,35–38 hin. Dort ist interessanterweise im Unterschied zu unserer Stelle auch vom Säen die Rede. So bezieht sich der Herr in Matthäus wohl darauf, dass die vielen Propheten, die Gott gesandt hatte, und vor allem Er selbst als der Bote Gottes gesät hatten. Trotz der Tatsache, dass Er selbst verworfen worden war, sah Er eine große Ernte – seine Ernte. Da aber der Umfang der Ernte in Matthäus 10 auf Israel beschränkt bleibt, während die Aussendung in Matthäus 24.25 alle Nationen einschließt, finden wir in unserem Abschnitt lediglich eine Andeutung dessen, was einmal in Zukunft geschehen wird.

Angesichts der großen Ernte und der wenigen Arbeiter war es notwendig, dass die Jünger dafür beteten, dass der Herr zusätzliche Arbeiter aussende. Das dürfen wir bis heute tun. Denn der Herr möchte, dass Menschen die gute Botschaft hören. Es besteht bei diesem Gebet allerdings eine „Gefahr“: Wenn jemand den Herrn bittet, dass Er Arbeiter aussende, dann könnte der Beter selbst „getroffen“ werden und von seinem Herrn als solch ein Arbeiter ausgewählt werden. So jedenfalls war es hier: Der Herr weist seine Jünger darauf hin, dass sie um Arbeiter beten sollten. Das tun sie – und prompt werden sie selbst ausgesandt (Kapitel 10). So „gefährlich“ kann es sein zu beten. Denn wer für Arbeiter betet, hat ein Herz für die Ernte; und wer ein Herz für die Ernte hat, ist gewillt und unter Umständen auch geeignet, diese Ernte einzusammeln – wenn nicht andere Gründe wie zum Beispiel gesundheitliche dem entgegenstehen.

In unserer Zeit ist die Ernte scheinbar gering – aber auch damals hörten nur wenige auf den Appell Jesu. In den Augen des Herrn ist die Ernte dennoch groß, weil Er die Vielen sieht, die ohne Ziel und Sinn durchs Leben stolpern. Leider ist es heute wie damals wahr, dass es nur wenige gibt, die bereit sind, sich als Arbeiter der Ernte aussenden zu lassen. Aber der Herr Jesus sucht solche, die sich senden lassen.

Kapitel 10–11,1: Die Aussendungspredigt der 12 Apostel

Im zehnten Kapitel finden wir nun die zweite große Predigt des Messias in diesem Bibelbuch. Sie ist nicht so lang wie die Bergpredigt, aber ebenfalls äußerst lehrreich.

Die Vorbemerkungen (Verse 1–4) und der erste Teil dieser Predigt (Verse 5–15) zeigen uns,

  1. die Vollmacht und Kraft, die der Herr Jesus denjenigen gibt, die Er aussendet (Vers 1),
  2. wen Er aussendet (Verse 2–4),
  3. die Empfänger ihrer Botschaft (Verse 5.6),
  4. den Inhalt ihrer Botschaft (Verse 7.8),
  5. die Ausstattung der Missionare (Verse 9.10),
  6. den Charakter der Verkündigung (Verse 11–14) und
  7. die Reaktion der Empfänger dieser Botschaft (Vers 15).

Die Reaktion auf diese Predigt würde letztlich Ablehnung sein (vgl. Hes 3,7). Die erste große Predigt des Herrn (die Bergpredigt, Kapitel 5–7) zeigt die Jünger zwar auch schon als Leidende und Verworfene im Königreich. Aber dort findet sich noch kein Hinweis auf einen abwesenden Christus. Er war noch bei seinen Jüngern im Königreich der Himmel.

Ausgangspunkt der zweiten Predigt ist im Gegensatz dazu, dass der Herr die Jünger aussendet. Dadurch wird die Verwerfung der Jünger zu einem Spiegelbild der Verwerfung seiner selbst und schließt mit ein, dass Er nicht mehr bei ihnen wäre. Daher fügt Er noch einen zweiten Teil (ab Vers 16) hinzu, der dieser Veränderung Rechnung trägt und über eine spätere Zeit spricht.

Während der Zeit, den dieser zweite Teil der Predigt beschreibt, würde der König nicht mehr auf der Erde sein. Der Fokus liegt vielmehr darauf, dass der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde zurückkommen wird (Vers 23). In diesem Abschnitt lernen wir,

  1. in was für einer Haltung die Apostel handeln sollen (Vers 16),
  2. was die Apostel vonseiten ihres Volkes und der Menschen im Allgemeinen zu erwarten haben (Verse 17.18),
  3. wer die Kraftquelle der Apostel ist (Verse 19.20),
  4. was die Folge treuer Apostelschaft ist (Verse 21.22),
  5. welcher Art die Beziehung der Apostel zu dem Sohn des Menschen ist (Verse 23–25),
  6. warum sich die Apostel nicht vor den Menschen fürchten sollen (Verse 26–28),
  7. dass der Vater seine Gesandten bewahrt (Verse 29–31),
  8. was die Folgen eines wahren bzw. eines falschen Bekenntnisse sind (Verse 32–36),
  9. was für eine Priorität es im Leben eines Gesandten geben muss (Verse 37–39), und
  10. dass die Aufnahme der Gesandten für die Belohnung ausschlaggebend ist (Verse 40–42).

Kapitel 10,1–15: Die Aussendung der 12 Apostel und ihr Dienst während des Lebens des Herrn

In den ersten 15 Versen dieses Kapitels lernen wir also etwas von der Aussendung und dem Dienst der Apostel, während der Herr noch bei ihnen war. Viele haben diese Verse ohne weiteres auf die christliche Zeit angewendet. Ein genauer Vergleich dieses Abschnittes mit anderen Schriftstellen zeigt jedoch deutlich, dass eine solche Anwendung in die Irre führt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sich nicht Grundsätze auf die Christenheit übertragen ließen. Aber wer wollte z.B. die Anweisung ausführen, den Staub von den Füßen gegen eine Stadt zu schütteln, die das Evangelium der Gnade nicht annehmen will? Haben die Apostel das etwa in der Apostelgeschichte (bis auf eine spezielle Ausnahme, in der es eben um Juden ging) getan?

Nein, diese Predigt ist ausschließlich an jüdische Gesandte gerichtet worden, die zu Juden gehen sollten. Denn wir finden im Neuen Testament das Bild von verlorenen Schafen nirgends auf die Nationen bezogen10. Die Heiden werden stattdessen in dem Bild von Hunden bzw. Hündlein gesehen (vgl. Mt 15,26). Es ist von grundlegender Bedeutung, diese Unterschiede zu verstehen, um diese Predigt richtig einordnen zu können.

Der Herr Jesus gibt seinen 12 Jüngern hier den Auftrag, zu Juden zu gehen, um ihnen zum letzten Mal anzukündigen, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen ist. Wenn sie den König jetzt aufnehmen würden, könnte Er sein Königreich aufrichten. Wenn aber nicht, würde Gericht die Folge sein. Und so ist es gewesen: Das Volk hat die Predigt abgelehnt, den eigenen König ans Kreuz gebracht und den Zeugen des Geistes Gottes – Stephanus – gesteinigt. So blieb nur noch das Gericht übrig: die Zerstörung Jerusalems.

Vers 1: Der Herr vertraut seinen Jüngern Gewalt an

„Und als er seine zwölf Jünger herzugerufen hatte, gab er ihnen Gewalt über unreine Geister, sie auszutreiben, und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen“ (Vers 1).

Im ersten Vers erkennen wir etwas von der Autorität Jesu. Eigentlich geht es darum, dass den Jüngern Gewalt übertragen wird. Aber wer ist in der Lage, eine solche Gewalt anderen zu übergeben, wenn nicht jemand, der über diese Gewalt selbst verfügt und dazu die Autorität und Fähigkeit hat, etwas von dieser Gewalt an andere weiterzugeben. Trotz seiner Niedrigkeit ist Er der Herr der Ernte, der aussendet und Gewalt überträgt. So, wie der Vater Ihn gesandt hatte, sandte Er jetzt auch die Jünger aus (vgl. Joh 17,18; Mt 10,40).

Im Unterschied zum Markus- und Lukasevangelium lesen wir hier nichts von der Berufung der Apostel in seine Nachfolge, die übrigens noch vor der Bergpredigt stattfand (vgl. Mk 3,13–19; 6,7–11; Lk 6,12–16; 9,1–9). Wir haben gesehen, dass der König in Kapitel 4 vier Personen in seine Nachfolge rief; Matthäus, der Schreiber des Evangeliums, folgte in Kapitel 9. Aber die direkte Auswahl der 12 Apostel finden wir hier nicht. Im Lukasevangelium betet der abhängige Mensch in der Nacht zu seinem Vater, um am nächsten Morgen seine Jünger auszuwählen. Im Markusevangelium lesen wir, dass Er als Sohn Gottes erkannt worden war. So hat Er Autorität, Menschen in seinen Dienst zu rufen, damit diese dem vollkommenen Knecht dienen.

Man fragt sich, warum gerade Matthäus, der insbesondere den König und seine Jünger beschreibt, nicht von dieser Wahl und Berufung spricht. Vielleicht liegt es daran, dass ein König bereits kraft seiner Person Autorität über seine Untertanen besitzt und sie nicht erst berufen muss. Ihm sind grundsätzlich alle Jünger zum Gehorsam verpflichtet. Er muss keine Wahl treffen – wie der Mensch oder der Diener. Ihm müssen sich alle, die zu seinem Königreich gehören, unterordnen. Ähnlich ist es im Johannesevangelium: Auch dort findet man keine Berufung der Jünger, weil der Sohn Gottes sendet, wann, wo und wie Er will. Er ist nicht auf eine spezielle Apostelschar angewiesen.

Der Herr gibt seinen Jüngern Gewalt über jede Krankheit und sogar Autorität, unreine Geister, also die Dämonen Satans, auszutreiben. Noch einmal: Diese Übertragung zeigt uns etwas von der Autorität und Herrlichkeit dessen, der die Gewalt anderen schenkt. Sie zeigt uns, dass der Herr beruft, versorgt, aussendet, alles bestimmt, unterstützt, ermutigt, ermahnt und auch belohnt. Es ist sein Handeln!

Zugleich zeigt dieser erste Vers, dass es sich nicht um eine Aussendung für die christliche Zeit handelt. Dazu ist es notwendig zu verstehen, dass die Wunderwerke überhaupt nicht christlicher Natur sind. Diese Aussage mag auf den ersten Blick eigenartig klingen, da die christliche Zeit ja gerade mit großen Wunderwirkungen und Sprachenreden eingeläutet wurde. Aber Paulus macht in 1. Korinther 14 durch das Zitieren des Propheten Jesaja (Vers 21) ganz deutlich, dass die Wunderwirkungen ein Gericht an Israel und damit eine Botschaft für die Ungläubigen in Israel darstellten.

Zudem heißt es in Hebräer 6,4–6: „Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben und abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern.“ Die Wunderwerke, die in der Anfangszeit des Christentums bewirkt wurden, gehören also zum zukünftigen Zeitalter – das ist das 1000-jährige Reich. Sie tragen dessen Charakter – nicht den des Christentums. Diese Werke stehen im Übrigen mit der Tatsache in Verbindung, dass der Satan gebunden ist (im 1000-jährigen Königreich, Off 20,2.3), bzw. dass ihm die Beute entrissen wird (wie damals, als der Herr sein Volk aus der äußeren Macht Satans zu befreien begann). Daher bilden sie die Einführung in dieses Reich.

In der Drangsalszeit, die dem Reich vorausgehen wird, werden Satan und seine Dämonen in einer außerordentlich starken Weise wirksam werden, so dass viele Menschen krank, schwach und verunreinigt sind, wenn der Herr Jesus als Messias wiederkommen wird. Sie haben sein Wunderwirken nötig. Viele Christen hängen heute sehr stark an Wunderwirkungen. Dabei gehören sie nicht zu unserer Zeit, sondern zu einer Zeit, in der wir längst in den Himmel entrückt sein werden. Dann werden wir mit dem Sohn des Menschen auf diese Erde kommen, um als himmlisches Volk diese Wunder des Herrn zu erleben.

Als der Herr hier auf der Erde war, tat Er als der Emmanuel, Gott mit uns, Wunder und ließ Wunder wirken, die im Vorgriff auf diese Zeit getan wurden. Denn der Herr wollte sein Volk gerade in dieses Königreich hineinführen. Wenn sie Ihm geglaubt hätten, wäre es so gekommen.

Verse 2–4: Der Herr sendet seine 12 Jünger als Apostel aus

„Die Namen der zwölf Apostel aber sind diese: der erste, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, sein Bruder; und Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Lebbäus, mit dem Beinamen Thaddäus; Simon, der Kananäer, und Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte“ (Verse 2–4).

In diesen drei Versen nennt uns Matthäus nun die zwölf Apostel, die der Herr Jesus aussendet. Noch einmal wird Petrus mit seinem ursprünglichen Namen eingeführt; auch ein begabter Diener und Apostel soll nicht vergessen, woher er kommt. Petrus wird hier „der erste“ genannt. Bis zum Ende seines Lebens hatte Petrus eine Sonderrolle unter den zwölf Aposteln. Auch Johannes 21 verdeutlicht das. Der Herr legt dafür hier die Grundlage. Er selbst hatte ihm diesen Platz gegeben. Allerdings lesen wir an keiner Stelle, dass Petrus für sich selbst eine Vorreiterrolle beansprucht hätte. Als Paulus ihm ins Angesicht widerstand (vgl. Gal 2), nahm er diesen Tadel an.

Außer Petrus und Andreas kennen wir Jakobus und seinen Bruder Johannes gut. Es ist interessant, dass hier an erster Stelle jeweils zwei Brüderpaare stehen. Wie wir wissen, spielen Verwandtschaftsverhältnisse im Königreich Gottes keine bedeutende Rolle, im Unterschied zum Volk Israel, wo die Abstammung von großer Wichtigkeit war. Aber verwandtschaftliche Beziehungen müssen auch heute nicht unterdrückt werden. Es ist sogar schön, wenn leibliche Brüder an einem Strang ziehen und gemeinsam für den Herrn tätig sind.

Durch die Zusammenstellung der Brüderpaare stellt der Herr auch seine späteren Worte in Vers 37 in den richtigen Zusammenhang. Denn die Tatsache, dass man mit einem leiblichen Bruder innerlich verbunden ist, wird weder hier noch dort getadelt. Entscheidend ist nur, dass man auch innerhalb von Verwandtschaftsverhältnissen die richtige Priorität erkennt: Der Herr kommt immer an der ersten Stelle. Wo immer wir jemanden zwischen Ihn und uns stellen, sind wir des Herrn nicht mehr würdig. Das ist ein sehr wichtiger und ernster Gedanke. Doch heißt das nicht, dass die Familienbande dadurch ausgeschaltet werden.

Matthäus nennt sich hier erneut „Zöllner“. Nicht nur auf Petrus traf zu, dass dieser seine Vergangenheit nicht übersehen sollte. Auch Matthäus war sich bewusst, woher er kam. Er wollte das als Schreiber dieses Evangeliums nicht verleugnen, sondern als eine persönliche Lehre mit in sein Glaubensleben hinein nehmen. Nach den weiteren Jüngern, von denen wir nur wenige durch bestimmte Taten kennen, wie Philippus, Bartholomäus (Nathanael) und Thomas, wird als letztes noch Judas, der Iskariot, erwähnt. Zum ersten Mal lesen wir hier das, was uns immer wieder begegnen wird: „Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte.“

Auch diesen Judas, den Feind Gottes und den Feind Jesu, sendet der Herr aus in die Ernte. Mit was für Gedanken mag der Herr diesen Mann angesprochen haben, um ihm Autorität über Krankheiten und böse Geister zu geben? Wie furchtbar, dass der Herr von Anfang an das Ende dieses bösen Mannes wusste – dennoch hat Er ihn als einen der Apostel ausgesandt.

An Christus lag es nicht, dass Judas zum Verräter wurde. Wir erinnern uns an Jesaja 1,2: „Hört, ihr Himmel, und horche auf, du Erde! Denn der Herr hat geredet: Ich habe Kinder großgezogen und auferzogen, und sie sind von mir abgefallen.“ In dieser Weise hat sich der Herr dreieinhalb Jahre intensiv um Judas Iskariot gekümmert. Er hat diesem Mann jedes Vertrauen entgegengebracht, dass man einem Menschen schenken kann. Sogar zum Schatzmeister hat Er Judas bestimmt. Aber Judas wollte seinen Meister nicht anerkennen. Auch die Wundertaten, die er vollbringen durfte, haben ihn nicht von dem falschen Weg abgebracht. Das zeigt uns übrigens, dass Wunder in sich selbst keine Bekehrung bewirken. Wenn sich das Herz eines Menschen nicht ansprechen lassen will, ist alles andere vergeblich.

Die Aussendung des ungläubigen Judas Iskariot zeigt uns auch, dass es von Anfang an falsche Jünger gab. Die Schrift macht klar, dass es dies auch bis zum Ende geben wird. Immer war das christliche Zeugnis durchwandert von solchen, die sich als Jünger ausgaben, in Wirklichkeit jedoch Ungläubige und Feinde Christi waren. Kein wahrer Jünger, kein Gläubiger sollte sich hier einer Illusion hingeben. Schon im Alten Testament lernen wir das. Da prophezeite in der Person Sauls auf einmal jemand, der ungläubig war. Da gab es Bileam, der eine wunderbare Weissagung aussprechen sollte und doch kein Leben aus Gott besaß. Nicht anders war es zu neutestamentlichen Zeiten. Paulus weist darauf auch in seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus (Apg 20) hin.

Die Berufung und Aussendung in den anderen Evangelien

Während im Markusevangelium jeder einzelne Jünger als Berufener betont wird – daher das wiederholte und, und ... –, finden wir hier bei Matthäus immer Paare. Die Apostel werden auch, wie wir es in Markus 6,7 finden, zu je zwei und zwei ausgesandt. Das ist ein ausreichendes Zeugnis an das irdische Volk Gottes, eben ein letzter Appell an ihr Gewissen. Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass bei Matthäus immer wieder zwei Menschen auftauchen, wo in anderen Evangelien nur ein einzelner Zeuge erwähnt wird.

Bei Markus geht es in der „Einzelaufstellung“ vielleicht besonders darum, dass der Herr jeden einzelnen seiner Diener ganz persönlich beruft und in seiner Aufgabe wertschätzt. Lukas, der auch die Einzelnen als Einzelpersönlichkeiten nennt, zeigt wohl mehr, dass der Herr für jeden Einzelnen in der Nacht zuvor intensiv gebetet hatte. Er trug jeden ganz persönlich auf seinem Herzen; auch Petrus, der Ihn dreimal verleugnen sollte und Judas Iskariot, der die Unverfrorenheit besitzen würde, den Meister zu verraten.

Die 12 Apostel im Neuen Testament

An dieser Stelle noch kurz ein Wort über die 12 Apostel. Nach dem Selbstmord von Judas gab es nur noch 11 Apostel. Viele Theologen haben es für einen Fehler gehalten, dass Petrus durch Los einen Ersatz für Judas Iskariot gesucht hat (Apg 1). Dabei befand sich Petrus, der zu dieser Zeit noch nicht den Heiligen Geist in sich wohnend besaß (dieses wunderbare Ereignis finden wir erst in Apostelgeschichte 2), auf sicherem Boden. Denn im Alten Testament finden wir immer wieder, dass in Zweifelsfällen Gott durch das Los befragt wurde und die Entscheidung von Ihm kam (Spr 16,33).

Die Auffassung, Paulus sei der eigentliche 12. Apostel, geht fehl. Seine Mission unterschied sich grundlegend von derjenigen der Zwölf. Er war direkt aus der Herrlichkeit berufen worden (vgl. Apg 9), sie auf der Erde (Mt 10). Nach Epheser 4,11 hatten auch die Zwölf noch eine himmlische Berufung erlebt; aber das war ihre zweite Berufung. Paulus war der Apostel der Vorhaut, Petrus dagegen der Apostel der Beschneidung (vgl. Gal 2,7). Paulus hat das Geheimnis der Verwaltung der Versammlung Gottes anvertraut bekommen (Eph 3), Petrus und die anderen hatten bis zuletzt eine stark auf Israel konzentrierte Aufgabe.

Diese Unterscheidung finden wir auch weiter in unserem Evangelium: In Matthäus 19,28 lesen wir: „Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Dies bezieht sich auf die Zeit des 1000-jährigen Reiches, wo es auch von der „heiligen Stadt“ (der Versammlung in Verbindung mit dem 1000-jährigen Reich) heißt: „Und sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore, und an den Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, welche die der zwölf Stämme der Söhne Israels sind ... Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundlagen, und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (Off 21,12–14). Die 12 Apostel (nicht Judas Iskariot, sondern Matthias, Apg 1,26) haben somit eine direkte Beziehung bis ins 1000-jährige Reich zum Volk Israel. Dies trifft dagegen auf den Apostel Paulus nicht zu.

Verse 5.6: Die Empfänger der Botschaft

„Diese zwölf sandte Jesus aus und befahl ihnen und sprach: Geht nicht auf einen Weg der Nationen, und geht nicht in eine Stadt der Samariter; geht aber vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Verse 5.6).

In den Versen 5 und 6 lernen wir etwas über die Empfänger der Botschaft des Herrn durch seine Apostel. Diese Verse zeigen deutlich, dass es sich nicht um eine christliche Aussendung handelt, sondern dass der Herr eine jüdische Botschaft an Juden verbreiten lässt.

Zunächst betont der Geist Gottes, dass Jesus alle zwölf Jünger ausgesendet hat. Auch Judas wurde mit auf diese Reise geschickt. Was für eine Prüfung für diesen Mann, inwieweit er in der Lage wäre, Glauben und Gottesfurcht zu heucheln.

Den Aposteln – das Wort heißt ja nichts anderes als Gesandte – befiehlt der Herr, nicht zu den Nationen zu gehen. Auch wenn wir in Kapitel 9 schon deutlich erlebt haben, wie der Messias mehr und mehr abgelehnt wird, dass Ihm sogar vorgehalten wird, Er treibe die Dämonen durch den Teufel aus, lässt Er sich nicht davon abbringen, den Juden noch eine weitere, gewissermaßen eine letzte Botschaft mitzugeben. Der Herr „weicht denjenigen noch nicht aus“, zu denen Er (nach der Botschaft des Matthäusevangeliums) vom Vater zuerst gesandt worden war. Nein, Er beauftragt seine Apostel ausdrücklich, sich nicht an die Nationen zu wenden, sondern in die jüdischen Städte zu gehen. Sie dürfen sich nicht auf einen Weg zu den Heiden machen, nicht einmal zu den Samaritern gehen. Diese waren eine Art Mischvolk von Juden und Nationen. Der Auftrag an die Jünger war, sich ausschließlich an Juden zu richten.

Damit steht dieser Auftrag im Kontrast zu der Aussendung des Herrn am Ende dieses Evangeliums: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19.20).

Die verlorenen Schafe des Hauses Israel

Nicht die Nationen und die Samariter, zu denen der Herr an anderer Stelle gegangen ist (vgl. Joh 4), waren die Empfänger der Botschaft der Apostel, sondern „die verlorenen Schafe des Hauses Israel“. Damit handelt es sich um eine begrenzte Region und Personenanzahl, ja sogar um eine beschränkte Zeitepoche.

Manche haben den Begriff „verlorene Schafe“ auf Christen angewendet und den Zusatz „des Hauses Israel“ als Hinweis auf die Versammlung (Gemeinde, Kirche) vergeistlichen wollen. Aber an keiner Stelle finden wir einen entsprechenden Anhaltspunkt. In Matthäus 15 wiederholt der Herr den Ausdruck, dass Er nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sei, und stellt den Schafen die Hündlein gegenüber – ein verdeckter Hinweis auf die Heiden, die in den Augen der Juden wie unreine Hunde waren.

Es ist wahr, dass auch Menschen aus den Nationen als Schafe bezeichnet werden. Aber dann nicht im Sinn von „verlorenen“ Schafen. In Johannes 10,16 spricht der Herr Jesus davon, dass Er noch „andere Schafe“ habe – nämlich Gläubige aus den Nationen. In Matthäus 25,32 werden Schafe von Böcken geschieden – auch da handelt es sich um die Nationen. Aber die Schafe sind dort die Gläubigen aus den Nationen, keine verlorenen Schafe wie hier in Matthäus 10 und 15. Und das Schaf in Lukas 15 wird vom Hirten gefunden und ist als Zielpunkt der Belehrung nicht (mehr) verloren.

Als Verlorene brauchten wir Heiden einen Retter. Und nachdem wir durch Ihn gerettet worden sind, nennt Er uns dann Schafe, aber an keiner Stelle verlorene oder zerstreute Schafe. Wenn Petrus in seinem ersten Brief (1. Pet 2,25) noch einmal von Schafen spricht, die in die Irre gingen, handelt es sich wiederum um Juden. Das macht auch Jesaja 53,6 klar, wo prophetisch die Sprache des zukünftigen gläubigen Überrestes der Juden wiedergegeben wird: „Wir alle irrten umher wie Schafe.“

Darüber hinaus fällt auf, dass der Herr Jesus hier überhaupt nicht von seinem Tod spricht. Dieser ist die Grundlage für die Verkündigung des Evangeliums der Gnade. Das finden wir in der Apostelgeschichte und auch in den Briefen immer wieder betont. Aber gerade darum geht es an dieser Stelle nicht.

Warum nennt Christus die Menschen des Volkes Israel „verloren“? Vielleicht spielt Er hier auf Jeremia 50,6.17 an: „Mein Volk war eine verlorene Schafherde: Ihre Hirten leiteten sie irre auf verführerische Berge ... Israel ist ein versprengtes Schaf, das Löwen verscheucht haben.“ Der Messias nimmt bereits vorweg, was sich in vollem Maß erst später offenbaren würde: Er war zu einem Volk gekommen, dass sich durch falsche Führer in die Irre hatte leiten lassen. Sie waren moralisch, innerlich verloren. Sie brauchten einen Retter: Deshalb war der Messias als Jesus, als Retter des Herrn für sein Volk (vgl. Mt 1,21) gekommen. Ob sie sich dessen bewusst waren oder nicht: Sie waren nicht nur persönlich sondern auch als Volk verloren und auf einem falschen Weg. Aber der Herr hat ein solches Mitgefühl mit ihnen, dass Er sie nicht in der Irre zurücklassen wollte. Gerade daher sandte Er seine Jünger aus, damit sie einen erneuten Appell an die Herzen dieser Menschen richten sollten.

Verse 7.8: Der Inhalt der Botschaft der 12 Apostel

„Geht aber hin, predigt und sprecht: Das Königreich der Himmel ist nahe gekommen. Heilt Kranke, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus; umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt“ (Verse 7.8).

Auch die Botschaft, welche die Apostel aufgetragen bekommen, beweist in einigen Punkten, dass es sich nicht um einen christlichen Auftrag handelt. Der Auftrag umfasst die folgenden Teile:

  1. Sie sollten hingehen. Der Herr fordert die Jünger auf, sich aufzumachen. Natürlich kann und soll man auch im eigenen Haus und in dessen Nähe die Botschaft des Herrn weitergeben. Aber oftmals ist der Auftrag des Herrn damit verbunden, sich aufzumachen und an einen bestimmten Ort zu gehen, um die Botschaft weiterzugeben. Das kostet Energie und die Bereitschaft, die Bequemlichkeit des eigenen Hauses aufzugeben, vielleicht auch für eine gewisse Zeit den Genuss der häuslichen Atmosphäre.
  2. Sie sollten predigen. Es reichte nicht, ein gottesfürchtiges Leben zu führen. Die Jünger waren Gesandte, die eine bestimmte Botschaft weitergeben sollten.
  3. Sie sollten sagen, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen war. Warum? Weil der König da war und sein Reich aufrichten wollte. Das Bewusstsein der unmittelbar bevorstehenden Errichtung dieses Königreichs in Macht und Herrlichkeit hätte die Blicke der Empfänger dieser Botschaft auf den kommenden König lenken sollen. Sie hätten sich somit innerlich und äußerlich auf diesen Herrscher, der im Alten Testament immer wieder ankündigt worden war, vorbereiten sollen. Wenn sie als „verlorene Schafe des Hauses Israel“ diese Botschaft angenommen hätten, hätte das Königreich in seiner ursprünglich geplanten Form begonnen. Das war unter einem Blickwinkel die Absicht des Kommens Jesu. Die irdischen Verheißungen aus dem Alten Testament sollten ihre Erfüllung finden.
    Im Unterschied zur Predigt Jesu und der Johannes des Täufers fehlt hier der Auftrag zur Predigt des Evangeliums und zum Aufrufen zur Buße (3,2; 4,17). War das schon jetzt vergeblich geworden? Jedenfalls hatten die Jünger die schlichte Aufgabe, die Gegenwart des Königs zu verkündigen, der sein Königreich aufrichten wollte, wenn Ihn die Seinen annehmen würden.
  4. Zur Unterstützung der mündlichen Predigt sollten die Apostel Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige reinigen und Dämonen austreiben. Das alles waren äußerliche Heilungen, die im Alten Testament als Hinweise auf die Ankunft des Messias vorhergesagt worden waren. In Verbindung mit Hebräer 6,5 haben wir gesehen, dass es nicht Zeichen der heutigen Zeit sondern des zukünftigen Zeitalters sind. Was für ein Zeugnis, das dadurch noch viel größer war, dass Jesus nicht selbst handelte, sondern die Kraft seinen Jüngern übertrug, die dann in seinem Namen tätig wurden.
  5. Sie sollten ihren Dienst kostenfrei ausführen: Sie hatten alles als Geschenk und Gnadengabe Gottes anvertraut bekommen. So sollten sie auch bereit sein, alles kostenlos weiterzugeben. Ihnen wurde vom Herrn untersagt, irgendetwas als Bezahlung für ihren Dienst zu nehmen. Nur die tägliche Kost und Übernachtungsmöglichkeit durften sie annehmen. Sie hatten umsonst empfangen, so sollten sie auch umsonst weitergeben. Der Herr hatte ihnen die Predigt anvertraut. Sie hatten sich diese nicht ausgedacht, sondern Er hatte sie damit beauftragt. Sie besaßen keine Autorität in sich selbst, sondern Er hatte ihnen Gewalt über Krankheiten und Besessenheit gegeben. Der Herr wollte zudem nicht, dass Menschen den Eindruck bekamen, dass sie sich Heilung erkaufen konnten – Gott schenkte seine Gegenwart und auch äußere Rettung ohne Gegenleistung.
Predigt und Wunderwirkungen: Eine Botschaft für Christen?

Noch ein Wort sei ergänzt für solche, die meinen, Wundertaten seien auch heute zumindest in Verbindung mit der Predigt des Evangeliums nötig und angebracht. Wir haben schon gesehen, dass sich diese Predigt ausschließlich an Juden richtet. Wir haben auch durch den Vers in Hebräer 6 gelernt, dass die Wunder nicht zu der heutigen Zeit, sondern zum zukünftigen Zeitalter gehören. Abgesehen von den ersten Tagen des Christentums lesen wir überhaupt nichts mehr von Wunderheilungen.

Die späteren Briefe schweigen vollständig zu diesem Thema. Der Hebräerbrief spricht sogar schon in der Vergangenheitsform, wenn Wunderwirkungen genannt werden (vgl. Heb 2,4). Timotheus wird nicht gesagt: „Predige das Wort, heile Kranke, wecke Tote auf!“, sondern schlicht: „Predige das Wort“ (2. Tim 4,2). Das ist die Anweisung, die bis heute gilt.

Verse 9.10: Die Ausstattung der Apostel

„Verschafft euch nicht Gold noch Silber, noch Kupfer in eure Gürtel, keine Tasche für den Weg, noch zwei Unterkleider, noch Sandalen, noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert“ (Verse 9.10).

Nachdem der Herr den Jüngern eine Botschaft aufgegeben hat, zeigt Er ihnen, dass sie in allem auf Ihn vertrauen sollen. Sie waren von Ihm abhängig. Er selbst war in ihrer Nähe, so würde Er auch für sie sorgen. Sie konnten sich in allem auf Ihn verlassen. Daher untersagte der Meister ihnen, sich Gold, Silber und Kupfer für die Reise zu verschaffen. Sie sollten schlicht ihre Botschaft weitergeben.

Die Jünger sollten ihr Vertrauen auf den Herrn dadurch sichtbar machen, dass sie nichts mit auf den Weg nähmen, denn der Herr würde dafür sorgen, dass sie versorgt werden. Daher benötigten sie auch keine Tasche, um Dinge einzustecken, sei es Nahrung, Getränke oder Wechselkleider. Alles, was sie nötig hätten, würde auf ihrer Reise zur Verfügung gestellt werden. Sie brauchten auch keine Wechselkleider, keine zusätzlichen Sandalen oder einen weiteren Stab. Sie würden zur rechten Zeit alles Nötige bekommen. „Denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.“ Diejenigen, zu denen sie kamen, würden ihnen nach der Annahme der Botschaft auch die materiellen Bedürfnisse stillen. Warum? Weil die gute Hand des Meisters mit ihnen war.

Unterschiede bei der Ausstattung in den Evangelien

Jeder aufmerksame Leser wird feststellen, dass diese „Verbote“ in den verschiedenen Evangelien unterschiedlich ausfallen. In Markus erlaubt der Herr einen Stab, in Lukas verbietet der Herr, auf den Weg einen Stab mitzunehmen, in Matthäus sollen sie sich keinen Stab verschaffen.

Im Matthäusevangelium steht die Botschaft der Jünger im Mittelpunkt. Sie sollten predigen und heilen. Dabei sollten sie auf den Herrn vertrauen und sich nicht darum kümmern, sich einen Stab zu verschaffen. Wenn sie einen besaßen, war nichts dagegen einzuwenden – wenn nicht, würde der Herr für sie sorgen. Jedenfalls sollte ihnen der vorhandene reichen. Sie brauchten keinen (zusätzlichen). Bei Markus geht es darum, dass der Diener, wenn er unterwegs ist, seinen normalen Wanderstab benutzen durfte. Den hatte er sowieso immer dabei. Selbst Jakob, der verarmt von seinen Eltern zu Laban ging, hatte einen Stab bei sich – das war ganz normal (1. Mo 32,10). Aber der Jünger sollte sich nicht um andere Dinge kümmern. Der Herr würde für seine Diener sorgen, ohne dass Er ihnen die Erleichterung auf den Wegen verbot.

Im Lukasevangelium verwendet der Herr, wenn Er von dem Weg spricht, den Artikel: „Nehmt nichts mit auf den Weg“. Sie sollten sich also nichts extra für diesen konkreten Weg, auf den sie ihr Meister nun schickte, mitnehmen. Den Stab, den sie besaßen (wie Markus berichtet), durften sie behalten – der Herr untersagte ihnen, einen Stab speziell für den vor ihnen liegenden Weg einzustecken. Der Herr würde für sie sorgen.

Auch im Blick auf die Sandalen finden wir unterschiedliche Aussagen in den Evangelien. Im Markusevangelium erlaubt der Herr Sandalen, im Matthäusevangelium sagt Er den Aposteln, dass sie sich nicht einmal Sandalen verschaffen sollten. Man kann allerdings auch hier die Unterscheidung machen, die schon im Blick auf den Stab galt: Den Jüngern war es nicht verboten, Sandalen zu tragen, wenn sie unterwegs waren. Aber sie sollten sich keine verschaffen, also keine zusätzlichen kaufen oder auf andere Weise Schuhwerk suchen. Denn ihr Herr würde dafür sorgen, dass sie nicht auf den Wegen an ihren Füßen verletzt werden.

Hinzu kommt, dass Markus und Lukas verschiedene Wörter benutzen. Bei Markus sind es mehr die einfachen Sandalen, die als Wanderschuhe erlaubt waren und die einfach unter die Füße (sozusagen) geschnallt wurden. Bei Matthäus ist es dann die etwas komfortablere Variante (dort wird der gebräuchliche Begriff für Sandalen, Schuhe verwendet), die sich die Apostel nicht verschaffen sollten. Sie waren nicht unterwegs, um sich wohlzufühlen, sondern um eine Botschaft weiterzugeben. Davon sollten sie sich nicht durch die Frage nach guten Schuhen ablenken lassen.

Jüdische Aussendung – christliche Aussendung

An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass der Herr Jesus selbst die Art der Ausstattung und die Art der Aussendung am Ende seines Lebens verändert hat. Einerseits haben wir gesehen, dass in Matthäus 28 der Auftrag dahingehend verändert wird, dass die Apostel (dann ohne Judas Iskariot) auch zu den Nationen gehen sollen.

Darüber hinaus finden wir in Lukas 22 einen wichtigen Hinweis: „Und er [Jesus] sprach zu ihnen [den Jüngern]: Als ich euch ohne Geldbeutel und Tasche und Sandalen sandte, fehlte es euch wohl an etwas? Sie aber sagten: An nichts. Er sprach aber zu ihnen: Aber jetzt, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, und ebenso eine Tasche, und wer keins hat, verkaufe sein Oberkleid und kaufe ein Schwert“ (Lk 22,35.36).

Der Herr Jesus bereitet seine Jünger dort auf eine Zeit vor, in der Er nicht mehr bei ihnen auf der Erde sein würde und daher nicht mehr auf so direkte, übernatürliche Weise dafür sorgen würde, dass es ihnen an nichts mangelt. Sie werden dann in gewisser Weise auf sich alleine gestellt sein; Er wird ihnen „nur“ noch auf indirekte Weise vom Himmel her beistehen (vgl. Lk 22,35 ff.). So sollten sie nicht unnüchtern sein, was ihre Bedürfnisse und ihren Schutz betraf. Sie sollten die Kosten überschlagen und mit Besonnenheit handeln. Das ist gewissermaßen der Auftrag auch an uns.

Prinzipien für unseren Dienst aus Matthäus 10,1–10

Zum Abschluss dieser Verse sei noch darauf hingewiesen, dass es bestimmte Prinzipien für den christlichen Dienst gibt, die man in diesen Versen wiederfindet, auch wenn es eigentlich um einen jüdischen Auftrag geht. Die eigentlichen Grundsätze des Dienstes finden wir in den Briefen des Neuen Testaments ausgeführt. Deshalb haben sie auch Gültigkeit für uns heute.

  1. Der Herr beruft in den Dienst und der Herr sendet aus (vgl. Apg 13,2b; Eph 4,11).
  2. Der Herr bestimmt den Umfang des Dienstes eines bestimmten Dieners, auch seinen Inhalt (vgl. 1. Kor 12,8 ff.)
  3. Der Herr bestimmt die Zielgruppe des Dienstes eines Dieners (vgl. Gal 2,7)
  4. Der Arbeiter hat von dem Herrn eine Aufgabe oder eine Begabung „umsonst“ anvertraut bekommen. Sie gehört nicht dem Diener, sondern seinem Herrn. Also gibt er auch „umsonst“ und verlangt nichts für seinen Dienst. Das Evangelium ist kostenfrei (vgl. 1. Kor 9,18)!
  5. Der Diener soll auf seinen Herrn vertrauen, auch was die äußeren Bedürfnisse betrifft (vgl. Phil 4,12.13).
  6. Der Arbeiter ist seiner Nahrung wert. Wir, die wir Empfänger eines Dienstes sind, tragen die Verantwortung, die äußeren Bedürfnisse eines solchen Dieners mit Hingabe und in Weisheit zu stillen (vgl. 1. Kor 9,14; Gal 6,6).
  7. Alles – auch jeder Dienst – ist die Gnade unseres Herrn. Wir brauchen uns auf nichts etwas einzubilden (vgl. Eph 4,7; 1. Kor 4,7)!

Verse 11–14: Der Charakter der Verkündigung

„In welche Stadt aber oder in welches Dorf irgend ihr eintretet – forscht nach, wer darin würdig ist; und dort bleibt, bis ihr weggeht. Wenn ihr aber in das Haus eintretet, so grüßt es. Und wenn nun das Haus würdig ist, so komme euer Friede darauf; wenn es aber nicht würdig ist, so wende sich euer Friede zu euch zurück. Und wer irgend euch nicht aufnimmt noch eure Worte hört – geht hinaus aus jenem Haus oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen“ (Verse 11–14).

Auch diese vier Verse unterstreichen den jüdischen Charakter der Sendung. Die Apostel sollten in ein Dorf oder eine Stadt gehen und nachforschen, wer darin würdig ist. Das heißt nichts anderes, als dass sie prüfen sollten, ob die Menschen dieses Ortes bereit wären, die Predigt des Königreiches der Himmel anzunehmen und ein Leben in Gottesfurcht zu führen. Wenn sie dies täten, würde der Herr sie als „würdig“ bezeichnen. Dann sollten die Apostel den Gruß und den Segen des Friedens auf ein solches Haus bringen. Mit Gruß ist natürlich nicht gemeint, „Guten Tag“ zu sagen. Der Gruß in der damaligen Form war eine Segensbezeugung. Und diese ist hier auch gemeint.

Zwar hört man auch in der heutigen Zeit immer wieder, dass Personen – wie der Papst der Römisch-Katholischen Kirche – ein Land oder eine Stadt segnen. Davon lesen wir allerdings nichts in den Briefen des Neuen Testaments. Es handelt sich dabei, wenn überhaupt, um einen jüdischen bzw. alttestamentlichen Brauch (vgl. 4. Mo 22,6). Dazu gehört beispielsweise auch das Küssen des Bodens, als ob die Erde irgendeine Verheißung in unserer christlichen Zeit besäße. Das war im Alten Testament anders und wird auch im 1000-jährigen Friedensreich wieder anders sein.

Wenn die Menschen einer Stadt nun nicht bereit wären, die Botschaft der Apostel anzunehmen, und das würde durch das Haus repräsentativ deutlich, in das die Apostel eintreten würden, dann sollten die Jünger den Segen des Friedens von diesem Haus wegnehmen und gewissermaßen wieder mitnehmen, bis sie an einen Ort kämen, der des Segens würdig wäre. Aber nicht nur das. Sie sollten aus dem Haus und der Stadt hinausgehen und den Staub als ein Gericht von ihren Füßen schütteln.

Dass es sich um ein Gericht handelt, mag für uns Europäer nicht sehr deutlich sein, aber für Juden war das Abschütteln des Staubes von den Füßen eine eindeutige Geste. Sie hatten ihre Chance verspielt – das war den betreffenden Menschen sofort klar! So ging es bei der Aussendung der Zwölf also nicht nur um die Verkündigung des Wortes und um Wunderwirkungen, sondern auch um die Ankündigung von Gericht.

Es sollte jedem Leser klar sein, dass es sich bei diesem vom Herrn Jesus angeordneten Verhalten – wie schon gesagt – um einen jüdischen Brauch handelte. In unserer heutigen Zeit werden wir ganz und gar nicht dazu aufgerufen, in Verbindung mit der Verkündigung des Evangeliums der Gnade gerichtliche Schritte anzudrohen oder gar durchzuführen. Wir kündigen das Gericht Gottes, das Er durch den Sohn des Menschen ausführen wird, an – das ist wahr. Aber wir selbst handeln nicht in gerichtlicher Weise. Vielmehr bitten wir die Menschen immer und immer wieder, den Herrn Jesus als Retter und Herrn anzunehmen. Das ist unser Auftrag heute.

Dagegen spricht auch nicht, dass der Apostel Paulus zusammen mit Barnabas, als sie von den Juden in Antiochien vertrieben und abgelehnt wurden (Apg 13,51), den Staub von ihren Füßen gegen die Juden abschüttelten und nach Ikonium weiterzogen. Hier zeigten die beiden Boten gewissermaßen selbst zu Beginn der Gnadenzeit noch einmal, dass die Juden durch ihr bewusstes Verharren in der Verstockung gegen Christus und sein Evangelium der Gnade Gericht über sich brachten. Daher war hier dieses Zeichen durchaus angebracht.

Vers 15: Die Reaktion der Empfänger der Botschaft

„Wahrlich, ich sage euch, es wird dem Land von Sodom und Gomorra erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als jener Stadt“ (Vers 15).

Der Herr Jesus zeigt sofort, wie die Reaktion der Juden sein würde. Streng genommen spricht der Meister nur von einer Stadt, welche die Apostel nicht aufzunehmen bereit ist. Doch ist dieser fünfzehnte Vers zugleich eine Zusammenfassung der Reaktionen, auf die sich die Jünger ganz allgemein einstellen mussten. Weil die Juden genau in dieser Weise handeln würden, muss der Herr noch den zweiten Teil des Kapitels, der mit dem sechzehnten Vers beginnt, anschließen.

Denn die Verwerfung der Jünger ist nur ein Spiegelbild der Verwerfung des Messias. Diese Verwerfung würde ihren Gipfelpunkt in der Kreuzigung Jesu finden. Deren Konsequenz wiederum würde sein, dass der Herr die Erde verlassen würde, so dass das Königreich der Himmel in einer ganz neuen, geheimnisvollen Art eingeführt würde. Dies würde dann zur Folge haben, dass die Jünger allein auf dieser Erde zurückgelassen würden.

Der Herr Jesus kündigt somit das Gericht über Israel an. Dieses Gericht würde gravierender als das Gericht über Sodom und Gomorra sein. Sofort musste sich jeder Juden die Frage stellen: Kann es ein noch schlimmeres Gericht geben als den Feuerregen, der Sodom und Gomorra vernichtet hat? Was kann noch schlimmer sein als dieser moralische Abfall, der sich in der Homosexualität Sodoms und Gomorras offenbarte?

Der Herr spricht jedoch an dieser Stelle genau genommen nicht von dem vergangenen Gericht Sodoms. Er verweist auf einen Tag in der Zukunft, an dem Gericht geübt werden wird.11 Die Schwere des damaligen, zeitlichen Gerichts an Sodom und Gomorra lässt erahnen, wie schwer das künftige Gericht über diese Menschen ausfallen wird. Aber noch schlimmer wird es – sagt der Herr – über die kommen, die Ihn und seine Boten abgelehnt haben (und noch ablehnen werden)! Denn wenn auch die Bewohner von Sodom und Gomorra große Sünder waren, so werden sie sich doch nicht dafür verantworten müssen, ein solch hohes Vorrecht verachtet zu haben, wie es die Städte Israels erlebt haben und noch erleben werden (vgl. Mt 11,23). Es ist ein Grundsatz Gottes: „Wem man viel anvertraut hat, von dem wird man desto mehr fordern“ (vgl. Lk 12,47.48). Besonders die Führer des Volkes werden daher ein besonders schweres Gericht erfahren. „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31).

Verse 16–42: Die erweiterte Aussendungspredigt für die 12 Apostel

Wir haben gesehen, dass die Juden die 12 Apostel nicht aufnehmen würden. Ablehnung und Hass würde die Reaktion auf die Predigt der Apostel sein. Das hat auch der Herr Jesus erfahren müssen, bis Er ans Kreuz geschlagen und getötet wurde. Weil das Volk Ihn ablehnte, lehnte Er das Volk schließlich ab und verbarg sich vor diesem im Himmel.

Völlig aufgeben wollte Er sein Volk jedoch nicht. Er sandte auch weiterhin Boten zu den Seinen, um diese zur Umkehr zu bringen. Davon lesen wir jetzt ab Vers 16. Es handelt sich um eine prophetische Rede.

Nachdem das Volk auch den letzten Zeugen, Stephanus, ermordet hatte, wandte sich der Herr endgültig den Nationen zu. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird (vgl. Röm 11,25). Dann wird sich der Herr wieder seinem irdischen Volk Israel zuwenden und Boten aussenden, bis Er als der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde kommen wird (vgl. Mt 10,23).

Um diese beiden Zeitepochen geht es nun in dem zweiten Teil der Predigt Jesu. Dieses Thema wird in Kapitel 24 noch einmal aufgenommen. Auch dort steht die Wiederkunft des Sohnes des Menschen auf die Erde im Fokus. Während in Kapitel 10 mehr die Sendung an die Juden im Vordergrund steht, gibt uns der Herr in den Kapiteln 24 und 25 ein prophetisches Panorama über Israel, die Christenheit und die Nationen, wie wir es immer wieder in diesem Evangelium finden.

Vers 16: Die Haltung der Apostel in ihrem Dienst

„Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ (Vers 16).

Der Herr leitet diese zweite Predigt ein, indem Er den Jüngern klar macht, mit was für einer Haltung sie auf die Verwerfung durch die Juden reagieren sollten. Sie hatten nicht zurückzuschlagen, sondern ihrem Meister nachzufolgen. So, wie Er sich verhalten hatte, sollten auch sie leben.

Er lässt sie nicht im Unklaren darüber, dass sie es mit Wölfen zu tun haben würden. Gerade die Führer des Volkes würden sich so verhalten. Waren es nicht die Führer, die den Herrn ans Kreuz gebracht hatten? Waren es nicht die Führer wie Saulus, die Stephanus ermordeten, auch wenn sich dieser später im Unterschied zu den sonstigen Führern des Volkes bekehrte? Es waren Raubtiere wie Wölfe, die ihre Beute nicht verschonen würden. Die Apostel waren dagegen wie Schafe, die scheinbar wehrlos diesen Wölfen gegenüber standen.

Wir lesen nichts davon, dass sich die Schafe wehren sollten – dazu sind sie auch gar nicht in der Lage! Sie sollten sich bewusst sein, dass sie menschlich gesprochen keine Gegenwehr leisten konnten. Stattdessen sollten sie einfach ihrem Herrn vertrauen, der ihnen Hilfe leisten würde. Das sehen wir später. Sie sollten in derselben Stellung sein wie ihr Meister und in dieser Stellung dieselben Charakterzüge wie Er offenbaren: Klugheit und Transparenz.

Was ihre eigene Haltung betrifft, so sollten sie klug sein wie die Schlangen. Der Herr hebt hier nicht die List und Verschlagenheit, sondern die Klugheit der Schlange hervor. Die Apostel sollten also nicht verschlagen überlegen, wie sie mit menschlichen Mitteln den Führern des Volkes eins auswischen könnten. Aber sie sollten auch nicht töricht agieren und sich von vornherein den bösen Menschen ausliefern.

Sie hatten mit bösen Reaktionen zu rechnen. Daher sollten sie einen Weg suchen, auf dem sie trotz des Widerstandes Menschen erreichen könnten. Sie sollten gleichzeitig den Fallen, die ihnen die Juden stellen würden, aus dem Weg gehen. Wenn es einmal sinnvoll wäre zu schweigen, sollten sie auch das erwägen.

Dabei sollten sie nicht hinterlistig und falsch auftreten. Denn mit Falschheit würden sie den Teufel und seine Nachfolger imitieren. In ihren Motiven und in ihrem Handeln galt es, transparent zu sein, um den Widersachern keinen Angriffspunkt zu bieten.

Das ist auch ein Wort an uns. Wir erleben manche Widerstände. Da ist es angebracht, sich klug zu verhalten. Wir sollen mit jedem Menschen, der sich im Widerspruch zu Gottes Wort befindet, klug und ohne Falsch umgehen. Das ist nicht einfach, hilft uns aber, ein Leben in einer gewissen äußeren Ruhe führen zu können. Das gilt beispielsweise im Blick auf die gesetzlichen Ver- und Gebote zum Thema Erziehung oder in Bezug auf unsere Äußerungen am Arbeitsplatz, wenn es um göttliche Grundsätze über das moralische Verhalten geht.

Dabei wissen wir, dass beide Eigenschaften zusammen – Klugheit und Geradlinigkeit – nur selten vereint sind. Oft sind kluge Leute solche, die mit einer gewissen Verschlagenheit ihre Ziele verfechten. Andererseits handeln solche, die ohne Falsch leben, nicht selten unklug. Das zweite ist besser als das erste! Aber der Herr möchte, dass seine Jünger klug und transparent handeln.

Verse 17.18: Die Reaktion der Menschen auf die Predigt der Apostel

„Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch an Synedrien überliefern und euch in ihren Synagogen geißeln; aber auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis“ (Verse 17.18).

Der Herr spricht ein sehr ernstes Wort. Die Apostel sollten sich vor den Menschen hüten, also gerade vor den Adressaten ihrer Botschaft. Denn die Reaktion auf die Predigt des Evangelium des Reiches würde sein, dass die Apostel und andere Prediger an Synedrien überliefert würden – also an die oberste Gerichtsbarkeit in Israel – und sogar gegeißelt, also mit Widerhaken ausgepeitscht werden. Der Herr spricht von der Reaktion auf die Predigt der Apostel und weist damit in verborgener Weise zugleich darauf hin, wie Er selbst behandelt werden würde.

Jesus präzisiert „die Menschen“ an dieser Stelle nicht. Konkret ging es natürlich um die Juden und ihre Führer. Aber diese Juden repräsentierten nur die ungöttliche Menschheit im Allgemeinen. Den Menschen war grundsätzlich nicht zu trauen – vor ihnen musste man sich hüten. Doch wie gesagt: Konkret ging es um die Obersten der Juden, die weder die Boten noch deren Botschaft aufnehmen wollten.

Als Antwort darauf würde der Herr den Auftrag der Apostel ausweiten. Eigentlich waren sie nur zu den verlorenen Schafen in Israel ausgesandt. Durch ihre Verurteilung aber würden sie vor Statthalter und Könige gestellt, die gerade nicht jüdischer Herkunft waren. Eigentlich waren diese Menschen in Hoheit ein Gräuel in den Augen jedes Juden. Denn sie waren der Beweis davon, dass das Volk versagt hatte, so dass Gott sie heidnischen Königen auslieferte. Jetzt aber würden die Obersten des jüdischen Volkes diesen Umstand benutzen, Prediger aus den eigenen Reihen vor Gericht zu stellen.

Gerade dadurch kam das Evangelium auch an Heiden. Das zeigt Paulus später im Römerbrief. Hier deutet der Herr diesen Umstand nur an. Wir wissen, dass dies in der Apostelgeschichte in Erfüllung gegangen ist. Gerade der Apostel Paulus – keiner der Zwölf! –, der für den Mord an Stephanus mitverantwortlich war, sollte ein Mann sein, der so vor Königen Zeugnis ablegte. So würden Menschen, die eigentlich nicht zu den Empfängern der Predigt des Herrn gehörten, die gute Botschaft und ein Zeugnis an ihr Gewissen hören.

Was für eine Ehre für die Apostel, um „meinetwillen“, um des Namens Jesu willen, diese Leiden erdulden zu dürfen. Schon in den ersten Versen der Bergpredigt haben wir dieses Thema vor uns gehabt. Jetzt mussten die Jünger lernen, dass es sich nicht um Theorie, sondern um echte Wirklichkeit handeln würde.

Verse 19.20: Die wahre Kraftquelle in Verfolgungen

„Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet“ (Verse 19.20).

In diesen Verfolgungen werden die Apostel nicht umhin kommen, auch zu bezeugen, warum sie predigen. Aber sie müssen sich keine Sorgen darüber machen, was sie in welcher Weise sagen sollen. Sie brauchen sich auch nicht zu beunruhigen, welche negativen Folgen ihre Worte für sie haben könnten. Ja, sie sollen klug dabei vorgehen. Aber sie sollen nicht vor lauter Angst, etwas Unpassendes zu sagen, die Aussage verweigern. Denn sie werden jemanden auf ihrer Seite haben, der stärker ist als alle und alles in dieser Welt.

Der Geist Gottes wird auf ihrer Seite stehen. Das heißt nicht, dass sie durch diese göttliche Person vor Verfolgungen und dem Märtyrertod immer bewahrt bleiben werden. Aber Er wird ihnen das geben, was sie in der speziellen Situation reden sollen. Sie brauchen dafür nicht alles Mögliche zu analysieren und auswendig zu lernen. Sie können Gott einfach vertrauen.

Nicht sie selbst reden dann, sondern der Heilige Geist. Was für eine Verheißung ist dies auch für solche gewesen, die in großen Verfolgungen nicht wussten, was sie wie sagen sollten; die vielleicht in derartigen Umständen auch voller innerer Angst waren. Es geht hier um ein machtvolles Zeugnis von Gott selbst. Er würde zugunsten der Seinen handeln und durch sie reden. Er würde sie inspirieren.

In der Apostelgeschichte finden wir wunderbare Beispiele dieser Führung durch den Heiligen Geist: Petrus und Johannes in Apostelgeschichte 4,8–12 und 5,27–32. Stephanus in Kapitel 7 sowie Paulus in Kapitel 24,10–21 und 26,1–29.

Es fällt auf, dass der Geist Gottes hier „Geist eures Vaters“ genannt wird. Das ist ein einmaliger Ausdruck, den der Herr verwendet. Dieser Titel des Geistes Gottes spricht von Beziehungen. Gott ist ihr Vater in den Himmeln. Der Geist dieses Vaters würde ihnen in den so schwierigen Umständen helfen. Was für ein Trost und was für eine Ermutigung!

Verse 21.22: Die Folgen treuer Apostelschaft im persönlichen Bereich

„Der Bruder aber wird den Bruder zum Tod überliefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich erheben gegen die Eltern und sie zu Tode bringen. Und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden“ (Verse 21.22)

Der Herr lässt seine Apostel nicht im Unklaren darüber, dass es auch im persönlichen Bereich gravierende Folgen einer treuen Apostelschaft geben wird. In den eigenen Familien werden Jünger, die in Treue von dem Herrn und seiner Botschaft zeugen, angegriffen und gehasst werden. Der Bruder wird den eigenen Bruder und selbst der Vater das Kind nicht verschonen, ja die Kinder werden sogar ihre Eltern töten.

Wodurch wird es soweit kommen? Wenn einer aus der Familie die heilbringende Botschaft annimmt, ein anderer aber nicht, kann ein Klima des Hasses entstehen. Gerade in Verfolgungszeiten führt dies dazu, dass man innerhalb der Familie den Druck nicht mehr aushält und, um die eigene Haut zu retten, den anderen verrät.

Aus der Zeit des Dritten Reichs wissen wir, dass so etwas vorgekommen ist. Auch in den Verfolgungszeiten der damaligen Römischen Herrscher war es so. Aber derartige Zustände wird es nach der Entrückung der Versammlung in ungeahntem Ausmaß wieder geben. Wie die weiteren Verse zeigen, werden dann aufs Neue jüdische Boten ausgesandt. Wenn sich durch ihren Dienst jemand bekehrt, wird er von seinen eigenen Familienangehörigen umgebracht.

Zudem sagt der Herr eine Atmosphäre des Hasses voraus. Wer treu ist, wird gehasst werden. Ein wenig später zeigt der Herr, dass dies direkt mit Ihm selbst zusammenhängt. Hier sagt Er nur noch einmal, dass dies um „seines Namens willen“ sein wird. Es sind Leiden, die Er in ganz besonderer Weise wertschätzt, weil sie für Ihn erduldet werden. Wir wollen dabei nicht vergessen, dass Er viel mehr für uns getan hat!

Doch beachten wir, dass nicht jeder Hass, der uns trifft, „um seines Namens willen“ erfolgt. Wenn wir beispielsweise an unseren Familienangehörigen ständig herumnörgeln oder unsere Kollegen auf jeden kleinen Fehler aufmerksam machen, kann dies auch Hass erzeugen. Den haben wir dann aber selbst verschuldet, ohne Zustimmung des Herrn und ohne es „für Ihn“ getan zu haben.

Hier zeigt der Herr zum ersten Mal, dass es darauf ankommt, „bis ans Ende“ auszuharren. Nur wer das Ende erreicht – das ist letztlich die Einführung des 1000-jährigen Friedensreiches, also das Kommen des Sohnes des Menschen, wie der nächste Vers klarmacht –, der wird errettet werden. Es gibt manche, deren Ausharren in den Märtyrertod geführt hat. Aber die Übrigen sollen bis ans Ende ausharren. Ihre Errettung besteht dann darin, dass sie durch die Erscheinung Christi befreit und in das Friedensreich eingehen werden.

Diese Ermahnung, „bis ans Ende“ auszuharren, mag auch mit der Gegenwart von Judas Iskariot zusammenhängen. Er war ein falscher Jünger, ein falscher Apostel. Er war lange Zeit dabei. Aber bis ans Ende würde er nicht ausharren. So wird er zu einem Beispiel für die Klasse der Feinde, über die der Herr hier spricht.

Zugleich ist Judas eine Mahnung an alle, die sich als Christen äußerlich zu Christus bekennen, innerlich aber kein Leben aus Gott haben. Denn in der christlichen Zeit werden wir ebenfalls aufgefordert, treu zu sein. Das können wir aber nur sein, wenn wir uns bekehrt haben und Leben aus Gott besitzen. Von der praktischen Treue in den Lebensumständen aber hängt nicht unsere ewige Errettung ab. Dieser Vers sollte also kein Kind Gottes beunruhigen, es könne am Ende wegen mangelnder Treue doch noch verloren gehen. Wer seine Sünden aufrichtig vor Gott bekannt hat und den Herrn Jesus im Glauben als seinen persönlichen Retter angenommen hat, ist für ewig errettet (vgl. 1. Joh 1,9).

Verse 23–25: Die Beziehung der Apostel zum Sohn des Menschen

„Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere; denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist. Ein Jünger steht nicht über dem Lehrer, und ein Knecht nicht über seinem Herrn. Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer und der Knecht wie sein Herr. Wenn sie den Hausherrn Beelzebul genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen!“ (Verse 23–25).

Nachdem der Herr Jesus die schwierigen Folgen treuer Apostelschaft vorgestellt hat, zeigt Er in den nächsten drei Versen die Beziehung der Jünger zu ihrem Herrn, hier als Sohn des Menschen gesehen.

Die Apostel sollten sich nicht einfach den Verfolgern hingeben. Sie hatten das Recht und die Freiheit zu fliehen. Gerade durch die Verfolgungen und die Zerstreuungen würden sie die Botschaft des Königreiches der Himmel sehr weit verbreiten können (vgl. Apg 8,1). Dabei sollten sie sich bewusst sein: Sie würden mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist.

Dieser Hinweis zeigt klar, dass der Herr in diesen Versen über eine andere Zeit redet als in den ersten 15 Versen. Dort war der Herr ja zugegen. Hier würde Er als Sohn des Menschen wiederkommen. Es handelt sich also um sein zweites Kommen, wenn Er aus dem Himmel als der verherrlichte Sohn des Menschen wieder zurück auf diese Erde kommen wird. Dieses Kommen wird plötzlich geschehen, wie ein Blitz (vgl. Mt 24,27). Das Gericht Jerusalems und die Zerstreuung des Volkes würde den Dienst, der damals durch die Apostel begann, für eine Zeit beiseitesetzen. Das, was in der Zwischenzeit, also in der heutigen Zeit passiert, ist nicht Gegenstand dieser Belehrungen des Herrn Jesus. Auf diese Zwischenzeit geht unser Evangelist später ein, indem er die Versammlung (Gemeinde, Kirche) einführt.

Über den Titel „Sohn des Menschen“ haben wir bereits nachgedacht. Lukas gibt uns über diesen Sohn des Menschen weitere Einzelheiten, denn dieser Titel ist universell und passt besonders gut zu Lukas. Matthäus spricht mehr von der Verwerfung Emmanuels – die Folge ist, dass Er sich Sohn des Menschen nennt (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 8,18 ff.). Dieser Titel spricht manchmal von seiner Erniedrigung und Verwerfung, manchmal von seiner Erhöhung wie hier, manchmal auch von beiden Seiten. Der Sohn des Menschen wird seine Herrschaft über alles Geschaffene antreten, wenn Er wieder auf diese Erde kommen wird. Das sollten die Apostel wissen. Denn in den Verfolgungen würde ihnen leicht der Atem ausgehen, da es nach Matthäus 24 und der Offenbarung eine außergewöhnlich harte Zeit sein wird.

Nach der Sammlung der Nationen (vgl. Röm 11,25) in der heutigen Zeit wird die Verkündigung des Evangelium des Königreichs wieder neu aufgenommen werden und nach wenigen Jahren ein nochmaliges, dann endgültiges Ende finden, ohne dass alle Nationen und Städte erreicht worden wären. Der Herr wird seine Jünger aussenden, um ein letztes Zeugnis für sein Volk und die Nationen zu bewirken. Sie werden unter anderem die Botschaft verbreiten: „Denn er ist unser Gott, und wir sind das Volk seiner Weide und die Herde seiner Hand. – Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht“ (Ps 95,7.8). Diese jüdischen Boten werden sehr, sehr vielen Städten das Evangelium des Königreiches verkündigen. Wie beschämend ist das für uns Christen, die wir weit von einem solchen Ziel entfernt sind! Aber sie werden nicht damit fertig werden, bevor ihr Meister zu ihrem Schutz und ihrer Rettung zurückkommt.

Doch auch schon während des Dienstes des Herrn ging die Predigt in gewisser Hinsicht zu Ende. Denn Er ließ es zu, dass sein Zeugnis durch den Widerstand des Volkes beendet wurde (vgl. Mt 16,20). Weder zur damaligen Zeit noch in der Zukunft wird also die Predigt der Seinen in dem Sinne zur Vollendung kommen, dass alle Städte und Nationen erreicht werden könnten. Erst bei seinem zweiten Kommen wird der Herr selbst alles in vollkommener Weise abschließen. Er wird dann das vollbringen, was durch die Schwachheit oder Bosheit des Menschen verhindert wurde.

Leiden der Apostel um Jesu willen

Jesus verbindet diesen prophetischen Hinweis mit einer moralischen Belehrung. Vielleicht fragten sich die Jünger (und werden es sich in Zukunft die Boten fragen): Warum müssen wir so leiden? Dass es um des Herrn willen geschieht, haben wir schon gesehen. Aber nun macht Er ihnen deutlich, dass sie in gleicher Weise leiden werden, wie Er während seines Lebens gelitten hat, natürlich ausgenommen seiner Sühnungsleiden. Er ist der Lehrer, sie die Jünger, und sie stehen nicht über Ihm. Wenn Er litt, so ist es normal, dass auch sie leiden müssen.

So dürfen die Knechte ihren Herrn nachahmen. Wir verstehen, dass es nicht darum geht, Ihn in seiner äußeren Art und in dem, was Er alles getan hat, nachzuahmen. Denn wie könnte der Knecht alles das tun, was sein Herr in seiner ganz anderen Stellung tut? Aber Knechte dürfen und sollen die Gesinnung, die moralischen Werte ihres Meisters nachahmen. So werden sie leiden wie Er. Das adelt ihr Leben!

Der Herr verwendet dann ein Wortspiel. „Wenn sie den Hausherrn,Herr des Hauses' [Beelzebul] genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen!“ War nicht der Herr Jesus der Hausherr in Israel? Er ist der Herr, Jahwe, der Bundesgott seines Volkes. Diesen stellten die Führer in Israel auf die Ebene eines anderen Hausherrn, des Herrn über das Haus der Dämonen. Was für eine Unverfrorenheit und Unverschämtheit, was für eine Bosheit gegenüber dem wahren, von Gott gesandten Messias!

Aber wenn er diesen Hass erlebt hatte, wie viel mehr sollte es den Hausgenossen so gehen. Denn vor ihnen würden die Knechte Satans, des Beelzebul, noch weniger Respekt haben. Daher würden sie die Jünger des Herrn nicht nur in dieser furchtbaren Weise bezeichnen, sondern darüber hinaus auch verfolgen und sie umzubringen suchen. Darauf sollten sich die Apostel gefasst machen.

Matthäus spricht hier nur die Tatsache als solche an. Johannes, der von den intimen Beziehungen der Gläubigen zu dem Herrn Jesus spricht, zeigt noch viel stärker die Nähe der Jünger in diesen Verfolgungen zu ihrem Meister. In dem wunderbaren Gebet des Herrn in Johannes 17 lesen wir: „Die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen“ (Joh 17,14.15).

Schon in Johannes 15 lesen wir die Worte des Sohnes des Vaters: „Wenn die Welt euch hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieb haben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, darum hasst euch die Welt. Erinnert euch an das Wort, das ich euch gesagt habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (Verse 18–20). In 1. Johannes 3,13 lesen wir: „Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch hasst.“ Wer dem Meister nachfolgt, wird auch heute früher oder später leiden müssen (vgl. 2. Tim 3,12).

Verse 26–28: Furcht vor den Menschen ist unbegründet

„Fürchtet euch nun nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verdeckt, was nicht aufgedeckt, und verborgen, was nicht erkannt wird. Was ich euch sage in der Finsternis, redet in dem Licht, und was ihr hört ins Ohr, verkündet auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen; fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle“ (Verse 26- 28).

Mit Vers 26 kommt der Herr auf seine Warnung in den Versen 17.18 zurück. Dort hatte Er gesagt: „Hütet euch aber vor den Menschen, denn sie werden ...“. Es würden die Menschen sein, besonders die Führer des Volkes Israel, die den Aposteln das Leben zerstören wollten. Davor sollte jeder gewarnt sein. Jetzt fügt der Herr hinzu: „Fürchtet euch nun nicht vor ihnen“. Wenn man auch gewarnt ist, so sollte man sich dennoch nicht vor diesen Menschen fürchten.

Reden und offenbar machen

Mit den in diesen Versen wiedergegebenen Worten Jesu will Er seinen Dienern Mut machen. Sie brauchen nichts zu fürchten, da sie einen Stärkeren an ihrer Seite haben: Gott selbst. Daher sollten sie Mut haben, den ihnen anvertrauten Dienst in Kühnheit zu verrichten. Gott wird nicht nur den Hass und die Verfolgung der bösen Menschen einmal für alle offenbar machen, sondern auch die Treue und Hingabe der Diener Christi. Diese sollen daher ihren Dienst ausführen, indem sie auf Gott schauen, der Belohner für Treue und Richter für Böse sein wird. Alles wird an seinen richtigen Platz gestellt werden – das Gute und das Böse.

Wenn Gott am Ende alles offenbar machen wird und nichts verborgen bleibt, dann sollten sie schon jetzt alles das, was der Herr ihnen im Verborgenen gesagt hat, in Kühnheit und Offenheit weitergeben. Es gibt nichts, was ein Jünger fürchten sollte, als nur zu sündigen und Gott zu betrüben.

Da irgendwann ohnehin alles offenbar werden wird, konnten die Jünger schon damals öffentlich das verkündigen, was der Herr ihnen in der Finsternis, also im Verborgenen, bzw. ins Ohr, also im privaten Umfeld, gesagt hatte. So würde ihre Treue zu Gott und auch alles andere ans Licht gebracht werden. Zugleich würde der Herr den geheimen Plänen ihrer Feinde begegnen, die alles in der Finsternis bewahren wollten. Gerade dadurch würden sich die Jünger als treue Apostel erweisen und ihren Herrn durch Ehrfurcht ehren.

Furcht vor Menschen

In diesen Versen erkennen wir auch, warum die Furcht vor diesen Menschen verkehrt ist. Dafür gibt Christus in den Versen 24–31 vier Gründe an:

  1. Den ersten Grund hatte Er schon genannt: „Ich habe denselben Weg genommen. Wenn ich das Ziel erreiche, dann auch Ihr, wenn Ihr an mich glaubt und mir treu bleibt.“
  2. Alles wird einmal ans Licht gebracht werden. Der Herr Jesus deutet diesen Punkt nur an. Offenbar bezieht Er sich letztlich auf den Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dort werden alle Angriffe auf die Gläubigen, in welcher Zeit auch immer sie gelebt haben mögen, offenbar gemacht. An diesem Richterstuhl (für die Ungläubigen ist dies der große weiße Thron, Off 20,11 ff.) wird ein gerechtes Gericht gesprochen!
    Wenn es Menschen gab, die andere verfolgt haben, um ohne Gott zu herrschen, werden sie dort vom Sohn des Menschen bestraft und verurteilt werden. Andere wiederum, die zu Unrecht leiden mussten und verfolgt wurden, werden für ihre Treue belohnt werden. Es gibt nichts, nicht einmal die verborgensten Motive, die dort nicht offenbar werden.
    Der Treue weiß also, dass er zwar während seines Lebens verkannt sein und verfolgt werden mag, aber dass das, was seine Verfolger mit ihm machen und von ihm halten, nicht das Entscheidende ist. Ausschlaggebend ist die Beurteilung des Ewigen, der ein gerechtes und endgültiges Urteil aussprechen wird. Warum sollte man sich dann vor den Menschen auf der Erde fürchten, die den ewigen Lohn gar nicht beeinflussen können?
  3. Im Anschluss an dieses Argument zeigt der Herr, dass die Menschen, die andere auf der Erde töten können, nur Macht über den Körper haben. Sie können den Leib töten, aber den Menschen in seiner Persönlichkeit – davon spricht hier die Seele – nicht antasten. Aber es gibt jemanden, der Macht nicht nur über den Körper hat, sondern über die gesamte Persönlichkeit, den ganzen Menschen: Gott.
    Wer bedenkt, dass Gott und nur Er allein Autorität hat, die Zukunft des Menschen in seiner Gesamtheit und nicht nur die des Körpers zu bestimmen, der weiß genau, dass es letztlich auf das Urteil Gottes ankommt. Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Gläubiger wegen seines Glaubens sogar um sein Leben fürchten muss, wenn man ihm nachstellt bis aufs Blut. Das wollen wir, die wir im Moment in einer Gegend wohnen, wo es solche Gefahren nur sehr, sehr selten gibt, nicht übersehen. Aber Menschen können uns „nur“ töten. Damit bringen sie uns letztlich auf direktem Weg in die Herrlichkeit. Denn der Tod ist für einen Gläubigen die Tür in die glückselige Ewigkeit.
    Wenn ein Mensch jedoch darüber nachdenkt, dass er einmal vor dem höchsten aller Richter stehen wird, der Seele und Körper verderben kann, dann geht es um alles: Wenn er verurteilt wird, bedeutet das ewiges Verderben, ohne eine Chance der Umkehr und des Wiedergutmachens zu erhalten. Verderben heißt nicht Vernichtung und Zerstörung der Existenz. Es bedeutet das Aussprechen und Vollziehen des göttlichen Urteils mit ewigem Bestand. Daher ist dieser Punkt so ernst.
    Für die Juden haben diese Worte eine besondere Bedeutung. Denn für sie bestand das Glück darin, lebend in das Königreich eingehen zu können. Wenn sie aber durch Verfolger getötet würden, was dann? Würden sie dann um ihr erhofftes Glück gebracht werden? Der Herr tröstet sie, indem er sie ermahnt, die tödlichen Verfolgungen nicht zu fürchten. Denn wenn ihr Leib getötet wird, werden sie das Königreich von einer viel höheren Seite aus kennenlernen. Sie werden dann vom Himmel aus kommend zusammen mit dem Herrn regieren (vgl. Off 19,11.14; 20,4 ff.). So sehr schätzt der Herr die Treue derer, die ihr Leben nicht mehr lieben als ihren Herrn und König.
    Ist nicht auch Stephanus ein wunderbares Beispiel für diesen Vers, auch wenn er selbst kein Jude mehr war, sondern Christ? Seine Peiniger waren in der Lage, ihm das Leben zu nehmen. Aber der innere Friede in diesen Leiden machte offenbar, dass er als Person von ihnen nicht verdorben werden konnte. Stephanus war sich bewusst, dass es einen anderen gab, der Seele und Körper zu verderben vermag. Aber dieser große Gott stand auf seiner Seite. Daher der innere Friede, der die Qualen erdulden konnte.
    Diese Verse zeigen uns übrigens klar, dass die Seele nicht wie der Körper dem Tod unterworfen ist. Im Blick auf den Körper spricht der Herr vom Tod, in Bezug auf die Seele dagegen von Verderben. Zu verderben bedeuten gerade nicht das Ende der Existenz, den leiblichen Tod. Die Seele wird sowohl bei den Gläubigen als auch bei den Ungläubigen ewig weiter existieren. Wir finden in der Schrift zwar nicht den Ausdruck „Unsterblichkeit der Seele“, aber doch die Tatsache selbst, zum Beispiel an dieser Stelle. Niemand sollte deshalb einem Trugschluss erliegen und meinen, irgendwann gäbe es keine Strafe mehr für den Sünder.
  4. In den Versen 29–31 finden wir noch einen vierten Grund: Gott, der Vater, kümmert sich in fürsorglicher Weise um die Jünger des Herrn. Wenn Er für sie sorgt, wovor sollten sie sich dann fürchten?

Verse 29–31: Der Vater bewahrt seine Boten

„Werden nicht zwei Sperlinge für einen Cent verkauft? Und doch fällt nicht einer von ihnen auf die Erde ohne euren Vater; an euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. Fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge“ (Verse 29–31).

Der Herr weiß um die harte Zeit, die auf die Apostel (zukünftig) zukommen wird. Deshalb ermutigt Er sie immer wieder, die sie erwartenden Verfolgungen zu erdulden und festzustehen. Jetzt fügt Er noch die Fürsorge des Vaters hinzu. So helfen den Jüngern alle drei Personen der Gottheit in ihren schweren Umständen:

  • Vers 20: Der Geist Gottes (des Vaters) redet in den Verfolgten.
  • Verse 24.25.32: Der Sohn des Menschen – der Herr, der Hausherr – ist Vorbild für die leidenden Diener. Zugleich ist Er ihr Verteidiger, der sich zu ihnen bekennt.
  • Verse 28.30: Der Vater ist oberster Richter und wirkt in Fürsorge für die Seinen.

Das Herz Gottes hängt gewissermaßen an ihnen. Er weiß ihr Ausharren in den Drangsalen wertzuschätzen!

Wir erinnern uns beim Lesen dieser Verse an die Bergpredigt, wo Christus schon einmal auf die Fürsorge Gottes für seine Schöpfung hingewiesen hat. Dort ging es um Nahrung (Vögel) und Kleidung (Blumen). Jetzt spricht Er von der Bewahrung vor dem Tod.

Was gibt es, das in den Augen der Menschen wertloser und bedeutungsloser sein könnte als zwei Spatzen? Ein Cent, aber für diesen geringen Betrag bekommt man gerade zwei Spatzen. So wertlos sind diese Vögel in den Augen der Menschen. „Und doch fällt nicht einer von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.“ Für jeden einzelnen sorgt der himmlische Vater. Er sieht jeden einzelnen der Milliarden Spatzen. Und nur, wenn Er es zulässt, fällt einer auf die Erde, indem er stirbt.

Wenn der Vater sich so um diese geringen Tiere kümmert, wie viel mehr um diejenigen, die um seinetwillen leiden und unter Gefahr Zeugnis für Ihn ablegen. Von den Jüngern – und das dürfen wir sicher auf uns anwenden – sind selbst die Haare des Hauptes gezählt. Damit will der Herr nicht andeuten, dass der Vater wisse, wie viele Haare jeder seiner Jünger habe. Auch das ist wahr. Sondern Er will klarmachen, dass Er sogar für jedes einzelne Haar der Seinen sorgt und keinem der Haare etwas „passiert“, ohne dass der Vater dies zulässt. Wie viel mehr kümmert Er sich um das Leben jedes der Seinen!

Welche Mutter wäre wohl in der Lage und willens, die Haare ihrer Kinder zu zählen? So erkennen wir, dass der göttliche Vater allwissend ist und seine Liebe unvergleichlich größer ist als die Liebe von Menschen, mögen sie anderen noch so nahe stehen. Auch David hatte die Fürsorge Gottes schon kennengelernt: „Denn hätten mein Vater und meine Mutter mich verlassen, so nähme doch der Herr mich auf“ (Ps 27,10).

Ist das nicht Anlass genug für leidende Knechte des Herrn, sich nicht zu fürchten? Jeder der Jünger weiß doch, dass er in den Augen Gottes viel vorzüglicher ist als „viele Sperlinge“. Wenn der Vater sich so um jeden einzelnen Spatz sorgt, noch viel mehr um „viele Spatzen“, dann ist seine Fürsorge für Menschen viel, viel größer, und erst recht die Sorge um diejenigen, die um seinetwillen leiden. Erneut zeigt der Herr die Beziehung der Jünger zu Gott auf, nämlich zum himmlischen Vater, der sich um die Seinen kümmert.

An dieser Stelle füge ich noch einen Nebengedanken an: Diese Belehrungen des Herrn verdeutlichen, dass der Mensch weit über den Tieren steht („vorzüglicher“). Das wird zwar heute von vielen geleugnet, wo der Tierschutz manchmal wichtiger erscheint als der Schutz des Menschen (beispielsweise des ungeborenen Kindes ...). Die Folge davon ist, dass sich ungläubige Menschen oft wie Tiere verhalten (Jud 1,10).

Verse 32–36: Die Folgen von wahrem und falschem Bekenntnis

„Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist. Wer aber irgend mich vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denkt nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein“ (Verse 32–36).

Im letzten Teil dieser Predigt geht es nun um das Bekenntnis. Das machen besonders die Verse 32–36 deutlich. Das Bekenntnis eines Menschen kann wahr oder falsch sein. Das war allen Empfängern des Evangeliums nach Matthäus klar. Denn einer der zwölf Apostel, die der Herr ausgesandt hatte, war ein falscher Apostel. Judas lebte schon nicht mehr, als Matthäus schrieb. Er hatte sich äußerlich zu Jesus bekannt, bis die Prüfung kam, bei der das Bekenntnis bis aufs Äußerte getestet wurde. Da stellte sich heraus: Es war nur ein Pseudo-Bekenntnis.

So wird es auch in der Zukunft sein. Es gibt solche, die sagen, dass sie treue Juden sind. Aber das müssen sie durch ihre Predigt offenbaren. Nur derjenige, der sich vor den Menschen zu dem Herrn Jesus Christus, dem Messias, bekennen wird, wird auch von Ihm vor dem Vater in den Himmeln bekannt werden. Wenn man die Parallelstelle in Lukas 9,26 liest, wird deutlich, dass dieses „Bekenntnis“ des Herrn zu seinen Jüngern in Verbindung mit seiner Erscheinung in Macht und Herrlichkeit steht. Matthäus aber nennt dieses zweite Kommen des Herrn an dieser Stelle nicht. Wie die Folgeverse zeigen, geht es ihm unter der Leitung des Geistes Gottes hier nicht so sehr um den Zeitpunkt, wann dies geschieht. Für ihn steht im Mittelpunkt, dass der Mensch erntet, was er sät – im Positiven wie im Negativen. Das sollte sich jeder Jünger bewusst machen. Er kann seine Beziehung zum Herrn nicht folgenlos verleugnen. Und er soll wissen, dass der Herr sich zu seinem Jünger bekennt, wenn dieser zu seinem Meister steht. Wie wunderbar ist die Fürsorge des Vaters auf der Erde und das Bekenntnis des Herrn im Himmel für den treuen Jünger angesichts unseres häufigen Versagens.

Bis heute lehnen die Juden ab, dass Jesus der im Alten Testament vorhergesagte Messias ist. Wer sich also vor den Menschen – hier besonders den Juden – zum Herrn Jesus bekennt, wird von ihnen gehasst und verfolgt werden. Das macht deutlich: Es gehört Furchtlosigkeit und Mut dazu, sich zu Ihm zu bekennen. Diese Furchtlosigkeit hatte der Herr den Jüngern zugesprochen. Er hatte ihnen deutlich gemacht, dass selbst der Vater im Himmel für sie sorgt. Wenn das so ist, dann würde ihnen der Mut geschenkt werden, um Ihn vor den Menschen zu bekennen.

Aber der Herr spricht auch sehr ernst von dem umgekehrten Fall. Wer nicht bereit sein wird, sich zu Ihm zu bekennen, den wird auch Er nicht vor dem Vater bekennen. Das sind Ungläubige, solche, die kein Leben aus Gott besitzen! Solche Menschen mögen eine Zeitlang äußerlich zu den Bekennern gehören. Wenn es aber auf ein persönliches Zeugnis ankommt, verleugnen sie und offenbaren ihren wahren Charakter. Christus wird eine solche Person verleugnen, das heißt deutlich machen, dass Er keine Beziehung zu ihr hat. Zu wem Christus keine persönliche Beziehung hat, der geht ewig verloren. So wichtig ist das Handeln der Menschen hier auf der Erde für ihre ewige Bestimmung.

Dem Herrn geht es in diesen Versen nicht um einzelne Taten, wie zum Beispiel bei Petrus. Es geht Ihm um das grundsätzliche Bekenntnis zu Ihm auf der Erde. Dieses würde zeigen, ob jemand Leben aus Gott besitzt. Zu einem solchen bekennt sich der Herr.

Die Folgen des Bekenntnisses zu Jesus

Die Jünger sollten sich aber bewusst sein, dass ein solches Bekenntnis Folgen auch auf der Erde haben würde. Sie stellen mit ihrer Predigt nicht nur das Volk, sondern auch ihre eigenen Hausgenossen auf eine Probe. Das sagen die Verse 34–36 aus, die uns auf den ersten Blick überraschen. Wir alle kennen die Worte aus Matthäus 20,28: „Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ Er wollte doch Frieden und Glück bringen! Wie passt es da hinein, dass Er gerade nicht gekommen ist, Frieden zu bringen, sondern Schwert und Entzweiung?

Oder man denke an andere Stellen wie: „In der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns der Aufgang aus der Höhe besucht, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“ (Lk 1,78.79). „Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf der Erde, an den Menschen ein Wohlgefallen!“ (Lk 2,14). „Das Wort, das er den Söhnen Israels gesandt hat, Frieden verkündigend durch Jesus Christus“ (Apg 10,36). „Und er kam und verkündigte Frieden, euch den Fernen, und Frieden den Nahen“ (Eph 2,17). „Indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes“ (Kol 1,20). „Wenn jemand meine Worte hört und nicht bewahrt, so richte ich ihn nicht, denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu erretten“ (Joh 12,47).

Wenn Er nun hier sagt, dass Er nicht gekommen ist, Frieden auf die Erde zu bringen, scheint das vor allem Lukas 2,14 zu widersprechen, wo das einzige Mal derselbe Wortlaut „Friede auf der Erde“ benutzt wird. Wie kann man diese Gegensätze zusammenbringen? Die Antwort zeigt, dass es nur scheinbare Widersprüche sind. Die zitierten Verse offenbaren eindeutig, dass der Herr Jesus auf diese Erde gekommen ist, um Frieden zu bringen, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Um unseren Vers vor diesem Hintergrund richtig zu verstehen, müssen wir uns erst die verschiedenen Verhältnisse ansehen, auf die sich Frieden in der Bibel bezieht.

1. Zunächst wollte Er seinem Volk den äußeren Frieden bringen. Das musste aufgeschoben werden, weil Israel Ihn verworfen hat.

2. Direkt damit in Verbindung steht der zukünftige Friede im 1000-jährigen Rechts (Lk 2,14). Um diesen kann es hier sicherlich auch nicht gehen, weil unser Vers hier Lukas 2,14 und anderen Bibelstellen widersprechen würde. Somit ist das „Schwert“ auch nicht das Schwert Gottes über Israel.

3. Noch mehr war es das Ziel des Herrn, dem Menschen inneren Frieden mit Gott zu schenken. Im Blick auf diesen lesen wir von:

  • dem Frieden mit Gott (Joh 14,27a; Röm 5,1). Auch um den kann es hier nicht gehen. Denn es ist der Ratschluss Gottes gewesen, durch das Werk Christi gerade diesen Frieden zu bewirken.
  • dem Frieden im Herzen (Joh 14,27b; Phil 4,7). Um diesen geht es hier ebenfalls nicht, denn gerade diesen Frieden will der Herr ja den Seinen geben.
  • dem Frieden zwischen Menschen im täglichen Leben.

Genau um diesen letztgenannten Frieden geht es in unserer Stelle. Was der Herr hier mit anderen Worten sagt, ist, dass Er mit dem Ziel „gekommen ist“, die Menschen zu einer Entscheidung zu bringen. Man kann sich nur für oder gegen Ihn entscheiden. Und gerade eine solche Entscheidung im Leben eines Menschen bringt „Entzweiung“ zwischen die Menschen. Das hat immer wieder dazu geführt, dass Ungläubige sogar das Schwert ergreifen. Genau das sagt der Herr in Vers 35 als Begründung des vorherigen Verses. Es ist also eine Folge davon, dass einige ihn annehmen und andere nicht. Das passt auch genau zu den Versen 32.33.

Wir haben schon vorher gesehen, dass die Welt die Jünger hasst. In diesen Versen sehen wir, dass ihn sogar seine engste Umgebung hassen wird, wenn er sich persönlich auf die Seite des Messias stellt. Und zwar genau dann, wenn sein Bruder, sein Vater, seine Hausgenossen diese Entscheidung nicht ebenfalls treffen. Es mag sogar das Schwert sein, dass den Jünger umbringt!

Niemand sollte denken, dass durch das Kommen Jesu alles schön und herrlich geworden ist. Ja, dies wird das endgültige Ergebnis sein: „Denn so spricht der Herr: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom, und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach, und ihr werdet saugen; auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien liebkost werden“ (Jes 66,12). Aber bis zu diesem Zeitpunkt hat das Kommen des Herrn zunächst den Effekt, dass es Entscheidungen fordert. Wenn jemand sich für Christus entscheidet, wird er vonseiten seiner ungläubigen Umgebung gehasst werden und Schwert und Unfrieden ernten. Umgekehrt, wer sich gegen den Herrn Jesus entscheidet, wird ebenso erleben müssen, dass Schwert und Unfrieden in seiner Umgebung herrschen werden.

So hat das Kommen Jesu zu persönlichen Entscheidungen geführt. Er wünschte nicht das Schwert und Unfrieden. Aber Er ist gekommen, um die Menschen zu einer persönlichen Entscheidung zu veranlassen: Für Ihn oder gegen Ihn. An Ihm kann niemand gleichgültig vorbeigehen. Wer das tut, hat in Wirklichkeit eine Entscheidung gegen Jesus Christus gefällt. Gerade die heutige Zeit beweist das. Toleranz wird groß geschrieben. Von allen wird Toleranz verlangt. Aber wehe, jemand stellt sich entschieden auf die Seite Jesu. Dann wird er – wenn auch in Deutschland oftmals nur psychisch – die konkrete Ablehnung seiner Mitmenschen erfahren, und zwar oft sogar von Christen. In dieser Hinsicht hat das Kommen Jesu keinen Frieden, sondern Entzweiung und Schwert gebracht.

Und im heutigen Deutschland?

Die Frage – auch wenn sie kein Thema in diesen Versen ist – stellt sich für uns Christen (in dem friedlichen Deutschland): Sind wir bereit, uns in unserem toleranten Land auf die Seite des Herrn zu stellen, auch wenn das mitleidiges Lächeln und Spott, manchmal auch Hass, hervorruft? Sind wir bereit, selbst wenn unsere Familien nicht mitziehen und nahe Verwandte sogar das „Schwert ziehen“, zu unserem Bekenntnis zu stehen?

Verse 37–39: Die Prioritäten im Leben eines Jüngers

„Wer Vater oder Mutter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig; und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“ (Verse 37–39).

Die Entscheidung, sich zu dem Messias Gottes zu bekennen, hat Folgen für das Miteinander von Menschen. Das haben wir in den letzten Versen gesehen. Es gibt Entzweiung und Hass. Das wird nur jemand auf sich nehmen, der die richtigen Prioritäten in seinem Leben um seines Herrn willen setzt. Darum geht es jetzt in den Folgeversen.

Gott hat uns Familien gegeben – das lesen wir schon auf den ersten Blättern der Bibel. Kann es dann richtig sein, diese zu vernachlässigen? Die Antwort ist ein klares: Nein! Man kann sich nie auf den Herrn berufen, wenn man seine Familie alleine sitzen lässt. Wer beispielsweise geheiratet hat, darf mit geistlichen Argumenten nie zu begründen versuchen, es gäbe Wichtigeres zu tun, als sich um die Familie zu kümmern.

Was sagt uns dann dieser Vers? Er zeigt, dass der Herr an der ersten Stelle im Leben eines Jüngers kommen muss. Ein Bekenntnis zu Christus ist nur dann wirklich wahr, wenn Christus auch die erste Stelle im Leben dieses Menschen einnimmt. Wer also seine Eltern oder seine Kinder mehr lieb hat als den Herrn, ist seiner nicht würdig.

Wir erinnern uns noch einmal an die Worte aus dem ersten Teil der Predigt. Die Apostel sollten danach forschen, ob die Häuser und Dörfer würdig seien. Es geht nicht um eine momentane Würdigkeit, sondern darum, die Worte des Messias und seine Person anzunehmen. Wenn also jemand des Messias‘ nicht würdig ist, dann hat er Ihn überhaupt nicht lieb, hat gar keine Beziehung zu Ihm. Das mag hart klingen. Aber der Herr lässt die Jünger nicht im Unklaren über die Wahrheit Gottes. Genau so ist es – schwarz-weiß! Wer also zum Beispiel, um seine familiäre Ruhe bewahren zu können, den Herrn und seinen Auftrag nicht an die erste Stelle in seinem Leben stellt, ist des Herrn nicht würdig.

Sein Kreuz aufnehmen

Der Herr führt diesen Gedanken nun weiter: Wenn Er eben davor warnte, Vater und Mutter mehr zu lieben als Ihn, geht es jetzt um die Gefahr, sich selbst und sein eigenes Leben mehr zu lieben als den Herrn. Ein Jünger, der nicht bereit ist, sein (eigenes) Kreuz aufzunehmen, um Ihm nachzufolgen, ist seiner nicht würdig. Diese Aussage scheint, wenn auch nur in indirekter Weise, der erste konkrete Hinweis des Herrn auf sein Ende auf dieser Erde zu sein. Christus hatte ein Kreuz zu tragen. Wenn von dem Kreuz die Rede ist, dann geht es nicht um Krankheiten, die jemand zu erleiden hätte, oder um schwierige Umstände, in die Menschen kommen. Dann könnte ja jeder Mensch, ob gläubig oder nicht, sein Kreuz tragen.

Nein, das Kreuz ist ein Hinweis auf den Tod. Damals war es üblich, dass die Verurteilten das Kreuz, ein Holz, trugen und kurze Zeit später exakt an diesem Kreuz hingerichtet wurden. Es war also das zur Schau stellen der zum Tode Verurteilten, die angesichts der Volksmenge ihren letzten Weg bis zu ihrem Kreuzestod zurücklegen mussten, verspottet, hämischen Blicken ausgesetzt. Jemand, der sein Kreuz trägt, trägt die klaren Zeichen eines zum Tod Verurteilten. Dieses Bild verwendet der Herr, um den Jüngern klar zu machen: Nur wer bereit ist, in seinem Leben auch mit der letzten Konsequenz zu rechnen, ist des Herrn würdig.

Christus musste Spott und Schmach erleiden. Das soll auch der Jünger ertragen können. Christus wurde abgelehnt. Dazu soll auch der Jünger bereit sein. Den Herrn haben sie sogar getötet. Falls nötig, muss auch der Jünger zu dieser Konsequenz bereit sein.

Es geht in diesen Versen um die Sendboten, die in künftigen Tagen von Israel ausgehend in die ganze Welt gehen, um zur Buße aufzurufen und das Kommen des Sohnes des Menschen und seines Königreichs anzukündigen. Diese Apostel müssen wirklich damit rechnen, dass ihre Botschaft zum Anlass genommen wird, sie umzubringen. Wie viel leichter haben wir es da im Vergleich zu ihnen! Wer dann sein Leben retten will – und das kann er nur auf Kosten eines treuen Bekenntnisses tun –, wird sein Leben letztlich sogar verlieren. Denn er wird nicht in das 1000-jährige Friedensreich eingehen können. Er hat seine Beziehung zu dem Messias verleugnet. Wer aber bereit ist, sogar für sein Bekenntnis und damit um des Namens Jesu willen zu sterben – also sein Leben zu verlieren -der wird sein Leben wiederfinden und vom Himmel aus an dem Friedensreich teilhaben.

Zu einem solchen Bekenntnis und Einsatz ist Mut nötig. Wer sein Leben dagegen liebt, ist „feige“. So können wir das Urteil Gottes in Offenbarung 21,8 verstehen: „Den Feigen aber und Ungläubigen und mit Gräueln Befleckten und Mördern und Hurern und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern – ihr Teil ist in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite Tod ist.“ Wir sehen, was für eine Bedeutung für die Jünger in der Zukunft die Frage ihres Bekenntnisses und ihrer Lebensprioritäten haben wird.

Verse 40–42: Die Aufnahme der Gesandten des Messias

„Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, wird eines Propheten Lohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, wird eines Gerechten Lohn empfangen. Und wer irgend einem dieser Kleinen nur einen Becher kaltes Wasser zu trinken gibt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren“ (Verse 40–42).

Der Messias beschließt seine Rede, oder wie es in Kapitel 11,1 heißt, seine Befehle mit einem Blick auf die Gegenseite. Bislang hatte Er von den Jüngern, von den Aposteln und ihrem Dienst gesprochen. Jetzt wendet Er sich denjenigen zu, welche die Botschaft der Jünger hören und aufnehmen sollten.

Die Aufgabe der Empfänger der Botschaft der Jünger ist ähnlich schwer wie die der Jünger selbst. Denn sie leben in einem Umfeld, das den Messias und Gott sowie sein Wort vollkommen ablehnt. Wer sich unter solchen Umständen auf die Botschaft einlässt, die der Herr Jesus verkündigen lässt, wird reichen Lohn erhalten.

Der 40. Vers ist wie eine Überschrift über die letzten drei Verse und zeigt eine wunderbare Kette von Gedanken. Wer den Boten des Herrn aufnimmt, nimmt nicht einfach einen Menschen auf. Er nimmt den auf, der die Boten ausgesandt hat. Das ist der Herr Jesus selbst, der wahre Messias. Aber damit hört der Herr nicht auf. Er adelt die Aufnahme des Boten noch mehr. Denn wer Ihn aufnimmt, hat damit den aufgenommen, der Christus gesandt hat: Das ist sein himmlischer Vater. Ist das mehr als Christus aufnehmen? Ja und nein.

Nein, denn der Herr ist ewiger Gott. In diesem Sinn ist die Aufnahme des Vaters natürlich nicht mehr als die Aufnahme der gesegneten Person unseres Herrn. Und tatsächlich nähert sich Matthäus an dieser Stelle Johannes ein bisschen an, der von dem ewigen Sohn des ewigen Vaters spricht. Gleichzeitig aber ist das Aufnehmen des Vaters mehr als das „bloße“ Aufnehmen des Messias: Denn der Herr steht hier besonders als Mensch, als der Messias Gottes auf der Erde, vor seinen Jüngern. Dieser Messias ist von seinem Gott und Vater gesandt worden, und diese Tatsache erkennt derjenige an, der Ihn als Messias aufnimmt. Dadurch erkennt er aber gleichzeitig Gott als Urheber des Segens an, d. h. er „nimmt den auf“, der Christus gesandt hat. Gibt es in dieser Hinsicht einen größeren Segen, als den Vater selbst aufzunehmen?

Den Gedanken und Segen der Aufnahme der Sendboten führt der Herr nun an zwei Beispielen aus. Wer die Boten als Propheten aufnimmt, wird denselben Lohn empfangen wie dieser. Die Propheten standen bei den Menschen nicht nur was ihre Stellung betrifft in hohem Ansehen. Propheten waren dadurch gekennzeichnet, dass sie vor dem Herrn standen (vgl. 1. Kön 17,1). Gott hatte eine ganz besondere Beziehung zu diesen Männern und Frauen. Diese Beziehung würde Er auch mit denen haben, welche die Propheten aufnehmen und sie reichlich belohnen.

Dasselbe gilt für die Aufnahme der Gerechten. Die Empfänger der Botschaft sollten erkennen, dass der Herr seinen Propheten mit einer Botschaft an das Gewissen der Zuhörer gesandt hatte. Er musste auch anerkennen, dass es eine gerechte Botschaft mit einem Aufruf zur Buße war. Und er sollte sich einsmachen mit dem gerechten Lebenswandel dieses Boten. Dadurch nimmt man den Boten als einen Gerechten auf. Und wer das tut, wird selbst vom Vater im Himmel belohnt werden.

Man fragt sich, warum der Lohn so groß ist. Denn die Empfänger der Botschaft des Herrn waren ja keine Propheten. Aber der Vater erkennt an, dass es in einem bösen Umfeld, das Gott und seinen Messias ablehnt, äußerst schwierig ist, Boten als Propheten und Gerechte (an-) zu erkennen. Aus diesem Grund spricht Er über solche, die zur Aufnahme der Botschaft und damit zur Buße bereit sind, eine so großartige Anerkennung aus.

Dabei kommt es natürlich darauf an, wie man diese Boten aufnimmt. Simon, der Pharisäer, nahm Jesus wohl in sein Haus auf. Aber er erkannte in Ihm keinen Propheten und hatte nur Verachtung für Ihn übrig (vgl. Lk 7,36.39). So hatte er seinen Lohn verloren.

Das Handeln des Vaters gegenüber seinen Jüngern

Abgeschlossen wird diese Rede des Herrn durch ein drittes Beispiel, das unseren Horizont noch mehr erweitert. „Und wer irgend einem dieser Kleinen nur einen Becher kaltes Wasser zu trinken gibt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren.“ Die „Kleinen“, Geringen, sind die gläubigen Boten Judas (vgl. Mt 24,14.; 25,40), die das Evangelium des Königreichs verkündigen. Sie mögen noch so klein oder gering in den Augen der Menschen aussehen, in den Augen des Herrn sind sie weitaus mehr als das. Aber da sie hier aus der Sicht der Menschen genannt werden, heißen sie „Kleine“, „Geringe“.

Durch diesen Vers macht der Herr einige wichtige Grundsätze seines Handelns deutlich:

  1. Es kommt auch auf das Äußere an. Wir haben in der Bergpredigt gesehen (Kapitel 6), dass es in erster Linie auf das Innere ankommt. Das heißt aber nicht, dass das Äußere belanglos ist. Es ist dem Vater so wichtig, dass Er hier nicht auf das Innere eingeht, sondern die äußere Tat belohnt. Natürlich weiß Er, ob das Innere hinter dem Äußeren steht. Aber das findet hier keine weitere Erwähnung.
  2. Die äußere Tat zeigt an, was in dem Inneren wahr ist. Obwohl bei guten Werken nicht selten Heuchelei im Spiel ist, geht der Herr davon keineswegs aus. Grundsätzlich ist das, was jemand äußerlich tut, ein Spiegelbild dessen, was in seinem Inneren vor sich geht. Wenn also hier jemand eine äußerliche Hilfe leistet, dann deshalb, weil er sich innerlich auf die Seite dessen stellt, der die Boten sendet – des Herrn. Wir müssen, wenn nicht das Gegenteil offenbar geworden ist, prinzipiell davon ausgehen, dass etwas ehrlich und aufrichtig getan wird.
  3. Nicht die Tat an sich wird belohnt, sondern die Gesinnung, die dahinter steht. Deshalb spricht der Herr davon, dass es Lohn gibt, wenn jemand „in eines Jüngers Namen“ etwas tut, das heißt, wenn er es tut, weil es ein Jünger ist. Man kann aus Eigeninteresse heraus handeln, aus sozialer Überzeugung oder aus eitler Überlegung (auch wenn so etwas in der zukünftigen Zeit der Drangsale kaum denkbar sein wird). Doch der Herr kennt die Beweggründe und freut sich, wenn Er echte Liebe zu Ihm und seinen Jüngern in unseren Herzen entdeckt.
  4. Durch eine einzige, scheinbar sehr geringe Tat zeigt man, ob man Leben aus Gott besitzt oder nicht. Wer einem einzigen dieser Boten Wasser gibt, stellt sich damit auf die Seite des Herrn. So etwas tut – gerade in Zeiten der Verfolgung – nur ein echter Gläubiger.
  5. Der Vater belohnt das, was für Ihn getan wird. Es ist etwas Großartiges, dass Gott belohnt. Eigentlich tut der Mensch nur das, was er zu tun schuldig ist: Gott gehorchen, seine Boten aufnehmen. Wer dürfte für eine Selbstverständlichkeit Lohn verlangen? Der Vater ist aber so freigiebig, dass Er selbst eine solche Pflicht auf unserer Seite von sich aus belohnt. Er ist ein guter Gott!

So schließt das Kapitel, das mit dem Aufruf an die Jünger begonnen hat, mit dem Lohn für Jünger und solche, welche die Jünger aufnehmen. Es ist das Ziel des Vaters, seine Kinder zu belohnen. Das war damals so und ist auch heute nicht anders. Wo immer Er etwas Belohnenswertes findet, schenkt Er Lohn. Belohnenswert ist es, Christus und die Seinen aufzunehmen. Die Person Jesu hat für Gott einen solchen Wert, dass alles, was in einer Welt, die Christus verworfen hat, für Ihn getan wird, für Gott eine unermessliche Bedeutung hat und eine entsprechende Belohnung finden wird.

Kritik an den Propheten und Dienern

Diese Verse sollten uns Christen zu einer Warnung dienen. Sie beziehen sich zwar nicht direkt auf uns. Dennoch enthalten sie eine wichtige Belehrung. Wie gehen wir mit den Dienern um, die der Herr uns schickt? Wie leicht geraten wir in eine Kritik-Haltung, in der wir ihre Worte, ihr Leben und ihre Gesinnung kritisieren. Dadurch dringt ihre Botschaft nicht zu uns vor. Letztlich kritisieren wir damit den, der sie gesandt hat: Das ist der Herr Jesus selbst!

Wie viel leichter würden wir es ihnen und uns machen, wenn wir mehr bereit wären, die Botschaft der Knechte des Herrn anzuhören und anzunehmen, um sie in unserem Leben zu verwirklichen. Denn der Herr hat ein Ziel mit uns, wenn Er uns seine Knechte schickt.

Auf der anderen Seite sollten wir den Knechten des Herrn auch nicht schmeicheln! Auch eine solche Reaktion ist unwürdig und bringt nur Schaden mit sich. Wir dürfen dem Herrn für seine Diener danken und uns als „würdig“ erweisen. Das ist für uns und auch für die Diener das beste und zugleich zur Ehre unseres Herrn.

Kapitel 11,1: Christus setzt seinen Dienst fort.

„Und es geschah, als Jesus seine Befehle an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von dort weg, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen“ (Vers 1).

Nachdem der Herr Jesus den Jüngern seine Befehle gegeben hat, ist man überrascht zu lesen, dass Er selbst weiter tätig ist. Hatte Er nicht seine Jünger gerade an seiner statt ausgesandt zu predigen und zu lehren? Aber trotz der Ablehnung durch die Obersten des Volkes lässt sich der Herr nicht aufhalten, auch weiterhin selbst zu lehren und zu predigen. Er gibt sein Volk (noch) nicht auf!

Aus diesem Vers lernen wir auch, dass bei allen Wundern und Zeichen, die der Messias vollbracht hat, seine mündliche Predigt die größte Bedeutung hatte. Er wollte nicht die Neugier der Menschen befriedigen und durch mächtige Taten bewundert werden, sondern Er wollte ihre Herzen und Gewissen erreichen. Er lehrte über das Alte Testament und predigte das Evangelium des Königreichs der Himmel. Mit was für einem Erfolg, das lernen wir im weiteren Verlauf des elften Kapitels.

Das Volk Israel lehnt seinen Messias ab (Mt 11,2–30)

Mit Kapitel 11 und 12 stehen entscheidende Wendepunkte im Leben des Herrn Jesus vor uns. In Kapitel 11 lernen wir, dass sich das Volk Israel und seine Führer endgültig von Christus abwenden. Sie wollen Ihn nicht. In ihren Augen ist Er nichts anderes als ein Fresser und Weinsäufer. Das soll ihr König sein? Nachdem dann der Herr Jesus durch die Seinen abgelehnt worden ist, verwirft Er seinerseits sein irdisches, ungläubiges und von Gott abgefallenes Volk. Das finden wir besonders in Kapitel 12. So beschreibt das elfte Kapitel den Beginn dieser außerordentlichen Krise durch die Schuld des Volkes Israel, worauf dann im zwölften Kapitel der große Wendepunkt folgt, der zu einschneidenden Konsequenzen führt, von denen dann in Kapitel 13 zu lesen ist.

In unserem Kapitel sehen wir zunächst, dass sogar solch treue Männer wie Johannes der Täufer, die auf der Seite des Herrn Jesus stehen, zu zweifeln beginnen (Verse 1–6). Wenn schon er als der größte von Frauen Geborene Zweifel an der Sendung Jesu bekam, wie viel schlimmer musste es dann um das allgemeine Volk bestellt sein.

Der Herr Jesus nimmt das zum Anlass, einerseits die Größe dieses Mannes zu bezeugen, andererseits aber auch ein vollkommen neues Zeitalter anzukündigen. Denn die Erwähnung von Johannes dem Täufer als Herold des Herrn an dieser Stelle ist nicht zufällig. Sie steht im Zusammenhang mit der Ablehnung des Königs, den dieser Herold angekündigt hatte. Der Herr verweist darauf, dass sowohl sein Vorläufer als auch Er abgelehnt worden sind (Verse 7–19).

Im Anschluss an diese Verwerfung spricht Er Gericht aus über die Städte, in denen Er die meisten Wunderwerke gewirkt hat. Diese Städte repräsentieren das Ganze, ungläubige Volk Israel. Zugleich ist dieses Gericht und die Verwerfung des Herrn jedoch Anlass, seine Gnade und seine Herrlichkeit in einem bislang ungekannten Ausmaß zu offenbaren. Wenn der in Niedrigkeit gekommene Messias durch die Hochgestellten des Volkes abgelehnt wird, wendet sich der Herr den Unmündigen zu und offenbart sich nicht nur als Messias, sondern als der Sohn des ewigen Vaters, der diesen Unmündigen die Ruhe des Gewissens und im Anschluss daran Ruhe im Glaubensleben schenkt.

Verse 2–6: Die Fragen von Johannes dem Täufer – die Antwort des Herrn

„Als aber Johannes im Gefängnis die Werke des Christus hörte, sandte er durch seine Jünger und ließ ihm sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde werden wieder sehend, und Lahme gehen umher, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt; und glückselig ist, wer irgend nicht an mir Anstoß nimmt!“ (Verse 2–6).

Wieder einmal wechselt Matthäus „die Zeit“. Denn die Frage von Johannes dem Täufer ist deutlich vor der Aussendung der zwölf Apostel gestellt worden. Wenn man diese Begebenheiten mit dem Markus- und Lukasevangelium vergleicht, stellt man fest, dass die Frage des Johannes unmittelbar nach der Heilung des Knechtes des Hauptmanns berichtet wird, die wir in Matthäus 8 hatten, und nach der Auferweckung des Sohnes der Witwe aus Nain (vgl. Lk 7). Das wird durch Lukas deutlich gemacht. Denn obwohl auch er oftmals von der chronologischen Reihenfolge abweicht, verwendet er doch zuweilen deutliche Zeitangaben. So auch hier: „Und diese Rede [der Auferweckung des Jünglings von Nain] über ihn ging aus in ganz Judäa und in der ganzen Umgebung. Und dem Johannes berichteten seine Jünger über dies alles. Und Johannes ...“ (Lk 7,17.18).

In Kapitel 4 hatten wir gelernt, dass Johannes ins Gefängnis geworfen worden war (Vers 12). Im 14. Kapitel werden wir den Bericht über seine Hinrichtung lesen. Hier wird uns eine Begebenheit aus der Gefängniszeit dieses außerordentlichen Dieners mitgeteilt.

Die Chronologie des ersten Abschnitts

Man fragt sich, warum Matthäus diese Geschichte erst jetzt berichtet. Folgende Antworten könnten hilfreich sein:

  1. Der Herr hatte seine zwölf Jünger zu seinem Volk ausgesandt. Johannes der Täufer gehörte nicht zu den Zwölfen, aber auch er war von Gott zum Volk Israel ausgesandt worden. Und so, wie der Herr seinen Jüngern ankündigte, dass sie überliefert werden würden (Kap. 10,19), so war Johannes geradezu ein Beispiel dafür. Diese Gefahren beziehen sich besonders auf die auch noch für uns zukünftige Zeit, in der ein Prophet wie Johannes als der zukünftige Elia (vgl. das Zitat aus Maleachi 3,1 in Matthäus 11,10) noch einmal auftreten wird. So passen beiden Sendungen in moralischer Hinsicht zusammen.
  2. Der Herr Jesus möchte in Verbindung mit Johannes dem Täufer einen Wechsel der Zeiten ankündigen. Dieser passt gerade an dieser Stelle sehr gut, weil der Herr im Begriff steht, von seinem Volk endgültig verworfen zu werden, so dass eine neue Zeitepoche anbricht, denn Johannes steht für die alte Zeit (vgl. Mt 11,11). Die Gefangennahme von Johannes wird erst in Kapitel 14 mitgeteilt, weil der Geist Gottes damit eine andere Botschaft verbindet.
  3. Die Verwerfung des Herrn läuft zielgerichtet auf den Höhepunkt zu. Dazu passt auch, dass sogar der begnadete Vorläufer des Königs, Johannes der Täufer, in gewisser Weise zur Ablehnung des Königs beiträgt.
  4. Die Verwerfung des Königs und die seines Vorläufers gehören zusammen. Daher werden sie an dieser Stelle zusammengeführt.
  5. Wenn der König von seinem eigenen Volk abgelehnt wird, zeigt der Vater, dass für Ihn der Sohn einzigartig und einmalig ist. Dieser Kontrast zu jedem anderen Menschen wird noch eindrücklicher, wenn man Ihn im Vergleich zu den Besten und größten Männern Gottes sieht, die letztlich alle irgendwann einmal versagen.
Die Situation Johannes des Täufers

Es besteht für uns kein Anlass, auch nur in irgendeiner Weise abschätzig von Johannes dem Täufer zu reden. Wenn wir bedenken, in was für einer Zeit er lebte und in welcher Treue er diente, dann wissen wir, wie weit wir hinter ihm zurückbleiben. Zudem wollen wir uns erinnern, dass wir viel mehr Vorrechte und Offenbarungen des Herrn haben und kennen als er; und dennoch sind wir solche, die viel mehr zweifeln, als dies Johannes je getan hat. Dabei haben wir viel weniger Anlass dafür als er.

Dennoch kann man aus seinen Worten entnehmen, dass er in dieser Situation nicht auf der Höhe seines früheren Glaubenslebens stand. Wir können jedoch gut verstehen, dass sein Glaube wankend wurde. Er selbst war der Vorläufer des wahren Königs. Er hatte Jesus als Messias angekündigt. Er hatte Ihm den Weg bereitet. Er hatte in wunderbarer Weise von Ihm gezeugt und von seinen Wundern gehört (oder diese sogar gesehen). Aber für seine Treue wurde Johannes dann ins Gefängnis geworfen.

Seine Wirkungszeit war dadurch sehr beschränkt. Nach Markus 1,14 wurde Johannes schon kurz nach der Versuchung des Herrn ins Gefängnis geworfen. Vielleicht hat er nicht einmal ein Jahr lang öffentlich für Gott tätig sein können. Das muss für ihn, der als Vorläufer des Herrn eingesetzt worden war, sehr bitter gewesen sein.

In seinem Gefängnis hört Johannes von den Wunderwirkungen des Herrn. Aber dieser kümmerte sich (scheinbar) nicht um den Täufer. Viele Wunder geschahen – aber kein einziges zugunsten von Johannes. Warum nicht? War Christus nicht gerade deshalb gekommen, um sein Königreich aufzurichten, wie Johannes anzukündigen hatte? Dann musste Er doch auch seinen Vorläufer befreien, damit dieser als Herold weiter für seinen Meister wirken könnte!

Aber gerade das geschieht nicht. Johannes muss weiter im Gefängnis sitzen – und das Königreich, das in Macht und Herrlichkeit kommen sollte, begann einfach nicht. Keiner kümmert sich um ihn. Und auch der Herr Jesus nicht. Da stellt er sich vielleicht die Frage: Was ist hier schief gelaufen? Ist Jesus vielleicht doch nicht der verheißene König?

Es ist interessant, dass Johannes nicht in Zweifel zu ziehen scheint, dass er selbst der Vorläufer des verheißenen Messias war. Stattdessen fragt er sich, ob Jesus der Messias ist. Ja, unsere Schwächen führen eher dazu, an Gott als an uns selbst zu zweifeln! Das sehen wir beispielsweise auch bei Elia (1. Kön 19), bei Jona und bei Jeremia in manchen Lebensumständen, die zum Zweifeln an Gottes Güte angetan waren.

So zeigen diese Verse, dass es nur den einen Vollkommenen gibt, auf den der Vater mit vollständigem Wohlgefallen blicken kann. Jesus, dieser eine, muss daher nun sein eigener Zeuge werden. Er zeugt von sich und von Johannes, empfängt aber leider kein Zeugnis mehr von diesem. Dennoch offenbart Johannes dadurch, dass er seine Jünger direkt zu Jesus sendet, letztlich doch echtes Vertrauen auf den Herrn und sein Wort.

Das Zeugnis von Johannes

In Johannes 1,15 lesen wir, dass Johannes früher gesagt hatte: „Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mit Kommende hat den Vorrang vor mir, denn er war vor mir.“ In den Versen 29 und 30 heißt es: „Am folgenden Tag sieht er [Johannes der Täufer] Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! Dieser ist es, von dem ich sagte: Nach mir kommt ein Mann, der den Vorrang vor mir hat, denn er war vor mir.“ „Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Joh 1,34).

In Johannes 3,29.30 hatte er bezeugt: „Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hocherfreut über die Stimme des Bräutigams; diese meine Freude nun ist erfüllt. Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ Und in den beiden letzten Versen dieses Kapitels lesen wir vielleicht den Höhepunkt seiner Predigt: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (Joh 3,35.36), wobei diese letzten Worte möglicherweise direkte Bezeugungen des Geistes Gottes sind und nicht mehr von Johannes so ausgesprochen wurden.

Johannes wusste also genau, wen er vor sich hatte. Aber lange Drangsale können das Herz bitter machen (vgl. Spr 13,12). Auch er befand sich hier in einer Situation, durch die er offenbar in Glaubensnöte kam. Wenn harte Prüfungen kommen und man ganz allein ist, kann es dazu kommen, dass man sich Gedanken macht, für die man sich in guten Zeiten (wieder) schämt. Wir müssen bedenken, dass es ein Unterschied ist, als Bote des Herrn in furchtloser Weise das Wort des Herrn zu verkündigen, oder als verworfener Prophet im Verließ zu sitzen, ohne Hilfe, ohne Aktionsfeld, nur auf sich allein gestellt und in der Gefahr, sich ständig selbst in Frage zu stellen.

Wunderbar, dass er sich in dieser Glaubensübung, die vielleicht auch durch die Worte seiner Jünger zustande gekommen war, nicht mit seinen Zweifeln abfindet. Er weiß, an wen er sich wenden sollte. Deshalb lässt er seine Jünger zu dem Herrn Jesus gehen, damit diese Ihn hinsichtlich seiner Zweifel befragen.

Christus wirkt die vorhergesagten Zeichen in einem Akt göttlicher Gnade

Die Antwort des Herrn ist mindestens ebenso wunderbar! Er lässt seinen treuen Knecht in dessen innerer Not nicht im Stich. „Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht.“ Es gab ein zweifaches Zeugnis der Herrlichkeit des Herrn. Hierbei nimmt das Wort den ersten, den höheren Platz ein. Die Zeichen waren eine Bestätigung des göttlichen Ursprungs seiner Worte. Nicht umgekehrt. Es kam letztlich darauf an, die Worte des Herrn anzunehmen. Sie waren es, die Johannes überzeugen konnten, wenn auch die dazu gehörenden Zeichen nicht fehlten. Der Herr geht in seiner Barmherzigkeit im Folgenden mehr auf die Zeichen ein. Aber auch über seine Botschaft gibt Er noch einmal etwas an seinen Vorläufer weiter.

„Blinde werden wieder sehend und Lahme gehen umher, Aussätzige werden gereinigt und Taube hören und Tote werden auferweckt und Armen wird gute Botschaft verkündigt“, lässt Er Johannes ausrichten. Warum? Hatte Johannes von diesen Wundern nichts gehört? Waren es nicht gerade diese Zeichen, die Johannes vielleicht zum Verzweifeln brachten, weil er nicht verstehen konnte, dass der Herr nicht auch ihn selbst befreite?

Ja und nein. Natürlich erinnern diese Wunder gerade an das, was vom Messias vorhergesagt worden war. Ich erinnere noch einmal an Jesaja 35,5.6: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jubeln wird die Zunge des Stummen.“ „Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Sanftmütigen werden ihre Freude in dem Herrn mehren, und die Armen unter den Menschen werden frohlocken in dem Heiligen Israels“ (Jes 29,18.19).

„Ich, der Herr; ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ergriff dich bei der Hand; und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7). Und in Jesaja 52,7 lesen wir: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt, der zu Zion spricht: Dein Gott herrscht als König!“

Tatsächlich lesen wir im Alten Testament an keiner Stelle, dass ein Blinder auf einmal (wieder) sehen konnte oder ein Tauber hören konnte oder ein Lahmer umhergehen konnte. Zwar wurden Aussätzige gereinigt (Mirjam, Naaman) und Tote auferweckt (durch Elia und Elisa), aber die Fülle der durch Jesus vollbrachten Wunder konnte Johannes doch eindeutig davon überzeugen, dass dieser der Messias ist. Doch wollte der Herr ihm darüber hinaus noch mehr zeigen.

Die Botschaft für Johannes

Der Herr spricht aber nicht von Wundern, die für sich stehen, sondern von Zeichen der Gnade, die Bedürftigen zugutekommen. Das machen besonders seine letzten Worte deutlich „... und Armen wird gute Botschaft verkündigt“. Da Johannes weder körperlich noch im geistlichen Sinne blind, lahm oder taub war, gehörte er nicht zu diesen „Armen“ und hatte diese Art von Barmherzigkeit nicht nötig. Er musste zwar (noch einmal) lernen, dass jeder Mensch, auch ein treuer Gläubiger, von dem Herrn abhängig und letztlich fehlerhaft ist, aber er hatte sich als Vorläufer schon dem König geöffnet. Dieser übte jetzt seinen Dienst ausschließlich an den Kranken aus, die noch einen Arzt nötig hatten – und befreite daher seinen geliebten Herold nicht aus dem Gefängnis.

Außerdem verdeutlicht der Herr durch seine Worte, dass alle Wunder nur zur Verkündigung der guten Botschaft, dem Evangelium, hinführen sollten. Das war das eigentliche Ziel Gottes. Der Herr wollte nicht mit Macht bewirken, dass sein Königreich beginnt, sondern wollte durch Zeichen der Gnade einen Weg zu den Herzen der Sünder öffnen. Wenn diese Ihn annehmen würden, könnte sein Königreich beginnen. Ansonsten würde die Einführung des Reiches verschoben werden müssen.

„Der Geist des Herrn, des Ewigen, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen“ (Jes 61,1)..

Glückselig

„Glückselig ist, wer nicht an mir Anstoß nimmt!“, ist die Schlussfolgerung des Herrn. Natürlich war dies ein zarter Hinweis auch an seinen Vorläufer, wieder zum Glauben zurückzufinden. Doch zugleich waren diese Worte die Bestätigung, dass es viele gab, die an Ihm Anstoß nahmen. Dieses Wort ist sehr weitreichend. Denn wer Anstoß nimmt, kommt zu Fall und erreicht das Ziel nicht. Das heißt, er geht letztendlich verloren. Man denke an Verse wie 1. Petrus 2,8: „Ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ – die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind.“

Weil das Volk der Juden sich an Christus stieß, denn sie wollten Ihn nicht als ihren König und Herrn annehmen, konnte das Königreich nicht in der ursprünglich von vielen Juden erwarteten Form beginnen. Sowohl der Vorläufer als auch sein König würden daher verworfen und getötet werden. Wer aber auch in dieser Verwerfung an dem Herrn festhalten würde, würde ein vollkommenes, inneres Glück besitzen. Und der Herr wollte, dass Johannes wieder zu diesem inneren Glück zurückfindet. Wir dürfen sicher sein, dass der Meister dieses Ziel erreicht hat.

Der Mensch, die Juden, das Volk insgesamt wurden durch die damalige Situation auf die Probe gestellt. Wahres Glück sprach der Herr denjenigen zu, die sich durch das unscheinbare Äußere des Herrn und seine Zeichen der Gnade, die Er nie zu seinen eigenen Gunsten wirkte, nicht beirren lassen würden. Das ist im Übrigen bis heute so.

Verse 7–19: Christus kündigt einen Wechsel an und wird verworfen

Der Herr Jesus nimmt die Frage von Johannes dem Täufer zum Anlass, einen kompletten Wechsel des Regierungshandelns Gottes anzukündigen (Verse 7–11). Während Er die zweifelnde Frage von Johannes nur im kleinen Kreis beantwortet, wendet Er sich jetzt an die Volksmenge. Vor ihr legt Er ein großartiges Zeugnis über Johannes ab. Eigentlich war es die Aufgabe des Vorläufers, die Herrlichkeit des Königs zu bezeugen. Aber in seinem Glaubenszweifel ist er dazu jetzt nicht in der Lage. So bezeugt der König die großartige Stellung seines Vorläufers!

Der Herr erklärt in den Versen 12–19 den Wechsel im Handeln Gottes. Sowohl Christus als auch sein Vorläufer sind durch das Volk und besonders durch die Obersten des Volkes verworfen worden. Gottes Antwort darauf würde sein, dass auch Er sein Volk verwirft und andere als Gegenstände seines Segens erwählt. Er reagiert nicht sofort mit Gericht; das folgt später. Zunächst zeigt der Herr Jesus, dass die Verwerfung des Königs Gottes die Ratschlüsse Gottes nicht zerstören kann. Gott hat immer einen Weg zur Erreichung seiner Ziele.

Verse 7–11: Von Johannes zum Königreich der Himmel

„Als diese aber hingingen, fing Jesus an, zu den Volksmengen über Johannes zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Schilfrohr vom Wind hin und her bewegt? Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen, mit weichen Kleidern bekleidet? Siehe, die die weichen Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, sage ich euch, sogar mehr als einen Propheten. Dieser ist es, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘ Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Königreich der Himmel ist größer als er“ (Verse 7–11).

In den Versen 7–11 lernen wir, wie der Herr mit seinen Dienern umgeht. Er behandelt eine Glaubensschwäche im kleinen Kreis, aber öffentlich hebt Er den Wert und Größe seines Dieners hervor. Wir neigen vielleicht manchmal dazu, Kritik an anderen im großen Kreis weiterzugeben, während wir unsere Wertschätzung einer Person nur vor wenigen bezeugen. Wir können hier vom Herrn lernen, auch wenn wir nicht die Aufgabe haben, über die Arbeit eines anderen Dieners zu urteilen (vgl. Mt 7,1).

Jesus nimmt die Frage von Johannes dem Täufer zum Anlass, von ihm vor den Menschen zu zeugen. Er belehrt uns darüber, dass Johannes in seiner beeindruckenden Treue und Herrlichkeit einer Zeit angehörte, die sich jetzt ihrem Ende zuneigte: „bis jetzt“ (Vers 13). Ein gewaltiger Wandel stand also bevor.

Wer war dieser Johannes? Warum waren die Juden damals, als er in der Wüste predigte, in Scharen zu ihm hinausgelaufen? Der Herr Jesus gibt drei mögliche Erklärungen dafür an:

  1. Wollten sie ein Schilfrohr sehen, das vom Wind hin und her bewegt wurde? Als ob Johannes ohne jede Bedeutung und vollkommen nutzlos gewesen wäre!
    Das wankende Schilfrohr stand mit einem Gerichtsurteil in Verbindung, dass Gott einmal durch den Propheten Achija in der Zeit Jerobeam I. anlässlich der Krankheit seines Sohnes Abija aussprechen ließ: „Und der Herr wird Israel schlagen, dass es wie das Rohr im Wasser schwankt; und er wird Israel herausreißen aus diesem guten Land, das er ihren Vätern gegeben hat, und wird sie zerstreuen jenseits des Stromes“ (1. Kön 14,15).
    Johannes war auch – trotz seiner augenblicklichen, vorübergehenden Glaubensschwäche – kein Mann, der ständigen Schwankungen unterworfen war (vgl. Eph 4,14). Er hatte von Gott einen Auftrag erhalten, den er auch gegen die Widerstände der Pharisäer und Schriftgelehrten ausgeführt hatte. Gegen- oder Rückenwind beeinflussten ihn in seinem Dienst nicht!
    Vielleicht ist dieses Wort „Rohr“ auch ein Hinweis darauf, dass Johannes nicht als ein Schriftprophet aufgetreten war. Denn das Schilfrohr wurde damals anscheinend als Grundlage für das Schreibrohr verwendet. Aber Johannes hatte sich nicht in ein Zimmer zurückgezogen, um zu schreiben, sondern war den Menschen Auge in Auge gegenübergetreten. – Was für eine Auszeichnung liegt in diesen Worten des Herrn zugunsten seines Dieners!
  2. Das „aber“ von Vers 8 macht deutlich, dass die Juden wussten, dass Johannes der Täufer kein Schilfrohr war, das hin- und herbewegt wurde. Deshalb waren sie nicht gekommen. Etwa wegen eines Menschen, der mit weichen Kleidern bekleidet war? Die Hinzufügung zeigt, dass es um solche ging, die in Königshäusern wohnten oder dort aus- und eingingen. Gehörte Johannes zu ihnen?
    Ja, er war der Herold eines Königs, des Messias Gottes! Und dennoch war er jemand, der sich ja gerade nicht für den Königshof in Jerusalem entschieden hatte. Nicht einmal in der Stadt Jerusalem war er als Diener unterwegs: er verrichtete seinen Dienst in der Wüste! Er machte es sich auch nicht bequem in „Sesseln“, wozu diese weichen Kleider passen. Nein, er lebte offenbar unter freiem Himmel und trug keine Königskleider, sondern einen Mantel aus Kamelhaar. Er aß keine königliche Speise, sondern Heuschrecken und wilden Honig.
    Nicht seine Kleidung oder sein Gehabe zog die Menschen an. Es war seine moralische Ausstrahlung, eine Autorität, welche die Volksmengen von den Pharisäern offenbar nicht gewohnt waren!
  3. Was trieb die Juden denn nun in die Wüste? Wollten sie einen Propheten sehen? Damit kommt der Herr Jesus zum Kernpunkt dessen, was Johannes wirklich war. Er beantwortet nicht die Frage, ob das wirklich der Beweggrund für die Menschen war, zu Johannes zu gehen. Aus Matthäus 3 wissen wir, dass tatsächlich viele kamen, um ihre Sünden zu bekennen. Wir müssen aber annehmen, dass es noch mehr gab, die kein Interesse an einem Sündenbekenntnis hatten, um auf diesem Weg den Messias anzunehmen. Denn die meisten des Volkes lehnten Christus ab, wie wir gesehen haben, und waren sich auch keiner persönlichen Schuld bewusst.
    Aber wenn Johannes kein Schilfrohr und kein Königskind war, dann doch ein Prophet, der die Kennzeichen eines Propheten trug: Er lebte in der Gegenwart Gottes (vgl. 1. Kön 17,1), er war ein Mann des Gebets (vgl. 1. Mo 20,7) und er war der Mund Gottes (vgl. 2. Mo 7,1), der das aussprach, was Gott ihm aufgetragen hatte.
Johannes, größer als ein Prophet

Dabei aber belässt es Christus nicht. Johannes der Täufer hatte zwar in diesem Moment darin versagt, in Christus den Messias Gottes anzuerkennen. Dadurch hatte er sogar seine eigenen Jünger verunsichert. Dennoch bezeugte der Herr in seiner Treue etwas von dem wahren Charakter des Täufers, den offenbar bereits viele wegen dessen Gefangenschaft vergessen hatten.

Johannes war ein Prophet. Aber er war mehr als das. Denn er war derjenige Prophet, der nicht nur für Gott gesprochen hatte, sondern von dem sogar andere Propheten im Vorhinein gezeugt hatten. Das war etwas Besonderes. Wie immer ist der Herr selbst allerdings auch hier die einzigartige Ausnahme. Von Ihm war schon viele Jahrhunderte zuvor prophezeit worden, mehr noch als von Johannes: „Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören“ (5. Mo 18,15).

Aber auch von Johannes war geweissagt worden. In dem Buch, das wohl als Letztes der alttestamentlichen Bücher verfasst worden war, wurde von Johannes bezeugt: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite“ (Mal 3,1). Johannes der Täufer war die Erfüllung dieses Prophetenwortes, wie der Herr deutlich macht. Er war dieser Bote, der den Weg vor Christus her bereiten sollte und bereitet hat. Nur, dass die Menschen nicht bereit waren, auf diesem Weg dem Herrn zu folgen.

Auch Jesaja hatte von Johannes gezeugt: „Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn; ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott“ (Jes 40,3). Und wenn das Volk den Vorläufer und auch den Herrn Jesus Christus angenommen hätte, wäre Johannes der Täufer auch die Erfüllung von Maleachi 3,23 geworden: „Siehe, ich sende euch Elia, den Propheten, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare.“ Gerade der Abschnitt, mit dem wir uns jetzt beschäftigen, macht jedoch jedem klar, dass das Volk sowohl Johannes als auch den König selbst abgelehnt hat. So werden diese Worte erst in der Zukunft in vollständiger Weise in Erfüllung gehen.

Der Herr schließt diese Ausführungen ab, indem er neben der Größe von Johannes dem Täufer die große Veränderung betont, die jetzt bevorstand. Was für ein Zeugnis: Es gab unter den von Frauen Geborenen niemand, der größer war als Johannes – den Herrn selbst natürlich ausgenommen. Warum war Johannes größer als alle anderen? Weil er so treu war? Nein, das ist nicht der Punkt hier, denn der Herr stellt keinen Vergleich der Treue und Hingabe von Johannes, Mose, Elia, David oder Jeremia an.

Aber es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen Johannes und allen anderen: Ihm war es als Propheten vorbehalten, den König zu sehen, ja sogar diesen einzuführen. Andere Männer (und Frauen) Gottes hatten das Vorrecht, von dem Messias zu zeugen. Aber nur einer konnte der Vorläufer sein, derjenige, der Jesus als wahren König einführt. Und das war die Aufgabe, die Gott Johannes übertragen hatte. Johannes schätzte dieses Vorrecht sehr, so dass er davon spricht, dass er als Freund des Bräutigams hocherfreut war über die Stimme des Bräutigams (vgl. Joh 3,29).

Was kann es Größeres geben, als dem Volk zu zeigen: Seht her, hier ist der König Gottes für Euch! Das durfte Johannes tun; nur er. Und keiner der alttestamentlichen Gläubigen hatte dem Herrn so nahe gestanden wie Er. Keiner hatte von Ihm ein so genaues und vollständiges Zeugnis abgelegt, auch von seiner Herrlichkeit. Denken wir daran, dass Johannes auch die ewige Sohnschaft des Herrn bezeugte, die kein Prophet des Alten Testaments kannte. Zudem war er – wie gesagt – derjenige, auf den sogar Weissagungen des Alten Testaments hinwiesen.

Und doch, fügt der Herr hinzu, ist der Kleinste im Königreich der Himmel größer als Johannes. Diese Aussage erstaunt. Sie unterstreicht noch einmal, dass es nicht um moralische Größe gehen kann. Denn wer würde heute (oder im 1000-jährigen Königreich) glauben, in moralischer Hinsicht mehr Hingabe zu zeigen als Johannes? Es geht auch nicht um die Größe des Glaubens. Wer von uns wollte sich mit diesem Mann vergleichen? Dennoch zeigt der Herr: Jeder, der sich im Königreich heutiger Prägung befindet, ist größer als Johannes.

Größer als Johannes

Wie kann man diese Aussage verstehen? Viele denken daran, dass wir heute als Jünger des Herrn in seinem Königreich leben und zugleich die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes bilden. Als Glieder des einen Leibes der Versammlung sind wir durch unsere Stellung viel enger mit dem Herrn verbunden als Johannes. Das ist wahr. Kann es eine engere Verbindung geben als diejenige, die zwischen dem Haupt (dem Herrn) und seinen Gliedern (den Gläubigen der Gnadenzeit) existiert? Nein, das ist unmöglich.

Wir wollen für einen Moment daran denken, inwiefern wir diese Beziehung, diese Stellung, die aus uns Kinder Gottes gemacht hat, genießen. Johannes lebte in dem, was er von Gott anvertraut bekommen hatte. Dafür hat er alles gegeben und war bereit, sogar im Verließ zu sterben. Wir kennen Gott viel näher, nämlich als unseren persönlichen Vater. Wir sind seine Kinder, besitzen den Geist Gottes in uns wohnend. Wie prägt uns das? Wie genießen wir das?

Und doch bezieht sich der Herr an dieser Stelle nicht auf uns als Glieder des einen Leibes der Versammlung. Er spricht vielmehr von dem Königreich der Himmel. Denn die Versammlung bestand damals noch nicht und kommt an dieser Stelle auch noch nicht in Betracht.

Der Herr sagt im zweiten Teil des 11. Verses zweierlei aus:

  1. Johannes gehört nicht zum Reich der Himmel: Um dies zu verstehen, müssen wir bedenken, dass das Reich der Himmel bisher nur „nahe gekommen“ war, aber noch nicht begonnen hatte. Johannes wurde abgelehnt und würde sterben, bevor dieses Reich seinen Anfang nehmen würde. Hätte man den Herrn und somit auch seinen Vorläufer angenommen, wäre auch Johannes ein Jünger im Königreich der Himmel geworden.
  2. Der Kleinste im Reich der Himmel ist größer als er (und somit größer als alle Gläubigen des Alten Testaments, weil Johannes der größte war): Diese Aussage bezieht sich weder auf die Größe des Glaubens noch auf den geistlichen Zustand einer Person, sondern ausschließlich auf ihre Stellung. Denn wer von uns würde behaupten, sein Glaube wäre größer als der von Abraham oder sein geistlicher Zustand wäre zu messen an dem von Simeon, der in Gott, seinem Retter, frohlockte? Aber die Stellung, die jeder Jünger im Reich der Himmel einnimmt, ist weitaus größer als die der alttestamentlichen Gläubigen. Sie hatten keine Gewissheit über die Vergebung ihrer Sünden, sie konnten nicht auf ein vollbrachtes Erlösungswerk zurückblicken.
    Wie jemand einmal geschrieben hat: Selbst wenn ich als Gefangener weiß, dass ich morgen freigelassen werde, ist dies noch Hoffnung. Die Situation aber ist total verändert in dem Augenblick, in dem ich das Gefängnis verlasse. Dieses „Gefängnis“ des Alten Testament (vgl. Gal 3,24) war mit dem Tod Christi Vergangenheit für diejenigen, die im Reich der Himmel Jünger sind. Das gilt sowohl für die Gläubigen der heutigen Zeit als auch für diejenigen, die in das 1000-jährige Friedensreich eingehen werden.
    Auch die Beziehungen der Jünger im Reich zu ihrem König sind nicht vergleichbar mit den Beziehungen, welche die früheren Gläubigen zu ihrem Gott hatten, denn dieser König ist gleichzeitig ihr Erlöser und ihr Hoherpriester. Daher ist der Kleinste im Reich der Himmel größer als der Größte, der ausschließlich zur alttestamentlichen Ordnung gehört.

Abschließend, um einer manchmal geäußerten, aber falschen Ansicht entgegen zu treten: Jesus ist weit entfernt davon, der Geringste oder auch nur einer der Geringsten in diesem Königreich zu sein. Manche haben das gesagt und geschrieben. Aber dieser Gedanke ist abwegig. Er hat sich selbst zu nichts gemacht und erniedrigt (Phil 2). Das ist jedoch etwas ganz Anderes. Er ist der König, also der, von dem alle abhängig sind, dem alle in diesem Reich angehören. Man kann nicht einmal sagen, dass Er in diesem Königreich war. Eher war das Königreich in Ihm „inbegriffen“. Es kam in seiner Person auf diese Erde (vgl. Lk 17,20.21), auch wenn das Königreich im tiefsten Sinn tatsächlich erst aufgerichtet wurde, als Jesus in den Himmel auffuhr.

Damit begann es: Zunächst sehen wir dieses Königreich in der heutigen Zeit in einer geistlichen Weise und für die Welt nicht direkt erkennbar. Aber in Zukunft wird es einmal sichtbar werden und in herrlicher Weise „materiell“ hier auf der Erde eingeführt werden. Dann wird der König nicht mehr verworfen sein, sondern als König der Könige hier auf diese Erde erscheinen: Christus, der Herr. Er war schon hier, aber Er wurde verworfen. Er wird allerdings noch einmal wiederkommen, endlich in Macht und Herrlichkeit. Johannes in seiner Größe wird somit nicht mit Christus verglichen – Er ist der allein Erhabene – sondern mit allen anderen Menschen. Denn es gibt niemand Größeren als Christus, unseren Retter und Herrn. Ihm allein gebührt unsere Anbetung.

Verse 12 -15: Das Königreich der Himmel und Gewalt: Die Zeiten wandeln sich

„Aber von den Tagen Johannes' des Täufers an bis jetzt wird dem Königreich der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes. Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elia, der kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Verse 12–15).

Der zwölfte Vers hat es in sich und ist Gegenstand sehr unterschiedlicher Auslegungen. Der Herr bezieht sich auf die Zeit des ersten Auftretens von Johannes dem Täufer bis zu dem Augenblick, an dem Er gerade sprach. Das war eine Zeit von vielleicht nicht einmal einem Jahr. In den Versen zuvor haben wir schon gesehen, dass es eine Übergangszeit war.

In dieser Zeit wurde dem Königreich der Himmel Gewalt angetan, denn Gewalttuende rissen es an sich. Die beiden für uns am ehesten nachvollziehbaren Auslegungen möchte ich hier anführen12:

1. Die Treuen müssen Widerstände überwinden, um in das Reich hineinzukommen.
Der ganze Abschnitt spricht von der Verwerfung des Herrn und seines Vorläufers. Der Widerstand nahm zu; man wollte weder den König noch seinen Herold. Und diejenigen, die sich zu Christus bekannten, konnten das nur gegen den erbitterten Widerstand der Pharisäer und Schriftgelehrten tun. Man denke beispielsweise an Johannes 7,45–53, wo die Volksmenge von den Obersten verflucht und auch Nikodemus persönlich angegriffen wurde, weil er sich auf die Seite Jesu stellte.
In diesem Sinn war Gewalt, war Kraft nötig, um das Königreich einzunehmen, sprich in dieses Königreich hineinzugehen. Man musste bereit sein, alle Widerstände der Juden und ihrer Obersten zu überwinden. Nur durch Selbstverleugnung, das Aufnehmen seines Kreuzes (10,38), war man in der Lage, in dieses Königreich einzugehen.

2. Pharisäer wollen das Königreich an sich reißen – aber nicht in Gott gewollter Weise
Die zweite Möglichkeit, diesen Satz zu verstehen, besteht darin, in der Gewalt und in den Gewalttuenden besonders die Obersten der Juden zu sehen. Sie wollten wohl, dass der König in Israel herrscht. Aber ihr Ziel bestand darin, die Herrschaft der Römer abzuschütteln, um in Freiheit und Herrlichkeit leben und regieren zu können. Dabei aber vergaßen diese Menschen, dass es nur einen Weg gab, den Gott ihnen durch Johannes aufzeigte: Das war der Weg der Buße. Deshalb hatte er Menschen getauft; deshalb hatte er die Buße gepredigt; deshalb hatte er das Evangelium des Königreichs verkündigt. Vor allen Dingen sahen sie durch Johannes den Täufer und noch mehr durch den Herrn ihre eigene Stellung als Führer Israels in Gefahr. Daher versuchten sie mit allen Mitteln, die Predigt des Evangeliums des Königreichs zu unterbinden.
Noch bedeutsamer aber ist in diesem Zusammenhang, dass Johannes mit seiner Predigt und Ankündigung des Königreichs des Himmel die Zeit der früheren Propheten und des Gesetzes gewissermaßen beendete (vgl. das „denn“ in Vers 13 und das „bis auf“). Denn der Herr Jesus kündigte, wie oben gesehen, eine gänzlich neue Zeit an. Er führte die Gnade ein, die das Gesetz als Lebensregel des Menschen beiseite stellte. Das aber wollten die Führer in Israel nicht akzeptieren. Ihre Vorwürfe und Anklagen gegen den Herrn, wenn Er am Sabbat tätig war, offenbarten das ständig aufs Neue. In dieser Hinsicht taten die Pharisäer der Grundlage des Königreiches Gewalt an, indem sie die Gnade verbieten wollten. So versuchten sie mit allen Mitteln, die Einführung des Königreichs und des wahren Königs zu verhindern (von Anfang an, vgl. Mt 2). Genauso unternahmen sie alle Anstrengung, seinen Herold zu beseitigen. Daher war dieser im Gefängnis; daher würde er geköpft werden. So rissen sie das Königreich, das Christus gehörte, mit Macht an sich, um sich niemand mehr unterordnen zu müssen.

Ich neige zu der Erklärung, die ich als zweites genannt habe, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Formal: Mir scheint, dass dieser Gedanke der Gewaltanwendung in erster Linie äußerlicher Natur ist. In dieser Hinsicht wird dieser Ausdruck (und das entsprechende Hauptwort) im Neuen Testament mehrfach verwendet. Und genau so verhielten sich die Pharisäer und die Obersten des Volkes. Sie wandten äußere Gewalt an, um sich das Königreich anzueignen. In gleicher Weise waren sie mit äußerlicher Gewalt tätig, um die neuen Grundsätze des Königreiches: Gnade, Barmherzigkeit, inneren Frieden, praktische Gerechtigkeit, zu verhindern. Ihr Auftreten gegen den Herrn und Johannes verdeutlicht das.

2. Einleitung: Der Herr beginnt diesen Vers 12 mit einem „aber“, was einen Gegensatz zu Vers 11 deutlich macht. Wenn Er „denn“ gesagt hätte, so hätte man diese Worte als Begründung auffassen können, wieso man im Reich der Himmel größer ist als Johannes. Denn dann hätten die Jünger des Reiches im Unterschied zu ihm „Gewalt“ angewandt. Durch das „aber“ kommt jedoch die traurige Gegenseite dessen hervor, was selbst die Kleinsten im Reich der Himmel auszeichnet.

3. Haltung: Wie kommt man eigentlich in das Königreich der Himmel? Bisher haben wir gelernt, dass es durch Buße, durch die Taufe und durch die Annahme des Evangeliums geschieht. Warum wird gerade auf diese Zeit bezogen jetzt auf einmal Gewalt nötig? Ist es nicht immer noch ein moralisches Beugen und Bekenntnis, das der Herr fordert? So lautete auch die Botschaft von Johannes dem Täufer: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Mt 3,2). Man beugt sich unter das Urteil Gottes. Man bekennt, dass man zu einer Nation gehört, die Gott verunehrt hat. Man bekennt daher für sich persönlich und im Blick auf das Volk Gottes diese Sünden. So geht man in das Königreich ein. Der Herr Jesus bestätigt diese Worte des Johannes in Kapitel 4,17. Und in Kapitel 10 spricht Er noch einmal davon, indem Er dort zeigt, dass die Boten genauso wie der Herr verworfen würden; ja dass ihnen Gewalt angetan würde.

4. Art des Eingangs in das Königreich: Können wir wirklich sagen, dass der Sünder, der in das Königreich eingeht, mit Kraftanstrengung hineinkommt? Was hat denn derjenige, der in das Königreich eingeht, „zu bieten“? Was besitzt er in sich selbst, um die Berechtigung für den Eingang in das Königreich nachweisen zu können?
Aus manchen Stellen im Neuen Testament, auch aus den Gleichnissen vom Schatz und von der Perle in Matthäus 13 lernen wir, dass wir Menschen überhaupt nichts besaßen. Wir hatten nichts „einzubringen“, um den Herrn anzunehmen oder um in das Königreich einzugehen. Wir konnten nur im Glauben das alles mit offenen Armen annehmen, was der Herr uns schenkt. Alles ist Gnade. Wir waren kraftlos und ohne Energie, ohne irgendetwas zu besitzen, was wir hätten zum Einnehmen des Königreichs einsetzen können.13 Dieser Grundsatz gilt auch in Matthäus 11. Wo kommen Gewalt und Kraft her, die nötig sind, um das Königreich in Besitz zu nehmen? Man geht doch als „Empfänger“ und nicht als „Geber“ in das Königreich hinein. Derjenige, der in das Königreich hineinkommen möchte, hat nur eines zu bringen: seine Sünden. Er muss Buße tun.14
In diesem Zusammenhang erscheint es nützlich zu sein, sich die Parallelstelle unseres Abschnitts in Lukas 16,16 anzuschauen. Dort heißt es: „Das Gesetz und die Propheten waren bis auf Johannes; von da an wird das Evangelium des Reiches Gottes verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt hinein. Es ist aber leichter, dass der Himmel und die Erde vergehen, als dass ein Strichlein des Gesetzes wegfalle.“ Zuvor hatte der Herr die Geldliebe der Pharisäer entlarvt. Der Herr stellt sie bloß, weil sie damit bewiesen, wie ihr Herz stand und dass sie in erster Linie groß vor Menschen dastehen wollten. Sie übersahen aber, dass Gott ihre Beweggründe kannte und sie daher verurteilte. Durch diese Heuchelei und das Begehren, vor Menschen groß sein zu wollen, stellten sie sich gegen das Gesetz Gottes. Nun hatten Johannes der Täufer und der Herr das Evangelium des Reiches verkündigt, was sich an das Gewissen der Zuhörer richtete. Aber anstatt dieser Botschaft gehorsam zu sein, versuchte jeder, auf der Grundlage der eigenen Überlegungen und somit auf seine Weise, also mit Gewalt, in das Reich einzudringen.

5. Zusammenhang: In diesem ganzen Abschnitt geht es darum, dass der Herr von den Juden verworfen wird und damit eine neue Zeit anbricht. Johannes ist dafür ein Beispiel (Verse 2–11.18), der Herr selbst (Vers 19), und auch beide zusammen (das Gleichnis der Verse 16.17). Und in diesen Zusammenhang stellt der Herr auch die Verse 12–14. Die Juden wollten sich des Herrn und seines Herolds entledigen, da sie Ihm nicht gehorsam sein wollten. Dabei gingen sie mit Gewalt vor.

6. Folgeverse: Auch die Folgeverse passen sehr gut zur zweiten Auslegungslinie. Johannes stellte die Schwelle zu einer neuen Zeit dar. Er bildete den Abschluss der Propheten und des Gesetzes. Es fällt auf, dass hier die Propheten vor dem Gesetz genannt werden. Das hängt sicher mit Johannes zusammen, der vom Herrn ja soeben als der Größte der Propheten bezeichnet worden ist. Die alttestamentliche Zeit fand mit ihm seinen Abschluss. Wir können daher mit Recht sagen, dass Johannes und sein Dienst noch zum Alten Testament gehören. Aber Christus würde jetzt aufgrund der Verwerfung durch sein Volk etwas grundlegend Neues schenken: statt Gesetz käme jetzt die Gnade.
Johannes war der im Alten Testament vorhergesagte Elia. Natürlich nicht in Person, sondern „wenn ihr es annehmen wollt“ – also geistlicherweise. Johannes war in der moralischen Kraft dieses Propheten aufgetreten, der in Maleachi 3,23 als Bote angekündigt worden war. Er war wie Elia ein Gerichtsbote. Er kündigte das Gericht Gottes an, wenn das Volk nicht Buße tun und zum Gesetz und zu Gott umkehren würde. Das übrigens unterscheidet Elia von anderen „Rede-Propheten“ wie Samuel. Dieser führte den König (David) und Segen ein. Das war weder Elia noch Johannes vergönnt: in dieser Weise öffentliche Segenspropheten zu sein. Denn das Volk wollte ihn nicht annehmen. Sie wollten sich seiner Predigt, seiner Ermahnung und seiner Warnung nicht unterordnen. Das exakt war das Zeichen der Verwerfung Gottes und seines Messias. So verwarfen sie auch schon Elia und seinen Aufruf zu einer moralischen Umkehr und zu einer Hinwendung zu Gott.

7. Zeit: Der Herr spricht von der Zeit von Johannes bis zu dem Augenblick, an dem Er sprach. Gerade das war die Zeit, in der die Verwerfung des Christus offenbar wurde. Denn in dieser Periode versuchten die Pharisäer und Obersten des Volkes mit aller Macht, dem wahren König den Zugang zu seinem Thron zu verwehren. Sie wollten herrschen, Christus und seine Botschaft sollte verhindert werden. Als der Verworfene wendet sich Jesus einem Überrest zu, der mit Ihm verworfen ist. Dieser versucht nicht, mit Macht dieses Königreich aufzurichten. Er ist bereit, mit Christus und um seines Namens willen zu leiden. Auch in dieser Zeit sollte der Eingang in das Königreich nicht auf eine gewaltsame Weise geschehen, sondern in moralischer Hinsicht.

8. Epoche: Wir haben verschiedentlich gesehen, dass das Königreich der Himmel die Annahme des Herrn als König voraussetzt. Noch aber war dieses Reich gar nicht aufgerichtet worden, sondern wurde „nur“ durch Johannes und den Herrn und seine Jünger gepredigt. Das vom Herrn genannte „Gewalt antun“ kann sich somit zunächst nur auf die Predigt beziehen. Wer auf die Predigt hört und sich bekehrt, tut weder ihr noch dem Reich „Gewalt“ an. Wer jedoch die Predigt und ihre Prediger angreift, wie es die Führer Israels taten, der tut auch der Predigt und dem Reich Gewalt an.

Der Herr schließt diesen Teil seiner Worte ab, indem Er die auch an anderen Stellen der Bibel verwendeten Worte anschließt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Er wendet sich an diejenigen, die bereit sind, im Unterschied zu den Obersten des Volkes zu handeln. Solche beugen sich unter die Worte des Herrn, um in Buße und mit einem aufrichtigen Bekenntnis in das Königreich einzugehen. Letztlich waren seine Worte an solche gerichtet, weil sie nur von solchen in einer richtigen Gesinnung aufgenommen werden konnten.

So sammelt der Herr diejenigen um sich, die in seinem Volk übrigblieben. Sie schlossen sich nicht der Masse an, die den Pharisäern und Schriftgelehrten folgen wollten. Die Übriggebliebenen stellen sich auf die Seite des Herrn. Sie haben ein waches Gewissen und ein Ohr für die Worte des Herrn. Sie nehmen Ihn in ihren Herzen an, weil sie die Botschaft des Elia verstanden haben.

Verse 16–19: Die doppelte und endgültige Ablehnung des Messias

„Wem aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist Kindern gleich, die auf den Märkten sitzen und den anderen zurufen und sagen: Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht gewehklagt. Denn Johannes ist gekommen, der weder aß noch trank, und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Sohn des Menschen ist gekommen, der isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern. – Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von ihren Kindern“ (Verse 16–19).

In Vers 12 spricht der Herr besonders von der gewaltsamen Art der Pharisäer und Schriftgelehrten. Nun kommt Er in einem Gleichnis auf die Gleichgültigkeit dieser Menschen sowohl Johannes dem Täufer als auch sich selbst gegenüber zu sprechen. Er muss gewissermaßen einen Vergleichsmaßstab suchen, um diese bösen und letztlich gottlosen Menschen beschreiben zu können.

Das Bild, das Er dazu wählt, ist für jeden gut verständlich. Kinder spielen auf einem Marktplatz. Dort singen und tanzen sie, dort flöten sie und singen auch traurige Klagelieder. Mal spielen sie Hochzeit – mit Flöte und Tanz, mal Beerdigung – mit Klageliedern. Das ist zunächst ganz wertfrei. Nun aber wollen sie, dass die anderen Kinder genau dasselbe spielen. Diese sollen nach ihrer Pfeife tanzen und zu ihren Klageliedern weinen. Als diese sich aber verweigern, machen sie ihnen Vorwürfe.

Es ist bei diesem Gleichnis nicht notwendig, das freudige Flöten mit dem Kommen Jesu in Gnade zu verbinden. Die Klagelieder sprechen auch nicht von dem Aufruf zur Buße durch Johannes. Tatsächlich kann es sich in der ersten Gruppe bei der flötenden und Klagelieder singenden Kinderschar nicht um den Herrn Jesus oder Johannes handeln. Denn Jesus vergleicht ausdrücklich „dieses Geschlecht“ der Pharisäer und der ablehnenden Juden mit den Kindern, die flöten und Klagelieder singen. Anscheinend wählt Er dieses Bild auch deshalb, weil sich diese so kindlich oder sogar kindisch benahmen.

Die Juden wollten einfach nicht akzeptieren, dass jemand kam, der nicht „nach ihrer Pfeife tanzte“. Weder Johannes ließ sich auf die Führung der Pharisäer ein, noch tat dies der Herr. Johannes war bereit, für seinen Auftrag zu sterben; der Herr ebenfalls.

Um ihre Vorrangstellung nicht zu verlieren, setzten die Pharisäer sowohl den Herrn als auch Johannes herab. Sie wollten „tanzen“: essen und trinken und fröhlich sein. Weil Johannes aber fastete und zur Buße und Umkehr aufrief und immer wieder warnte, beschimpften sie ihn und sagten: „Er hat einen Dämon.“ Andererseits waren sie aber auch gesetzlich und in ihre Überlieferungen verbohrt, was durch die „Klagelieder“ symbolisiert wird. Doch der Herr hörte nicht darauf. Er setzte sich gewissermaßen über ihre „Anweisungen“ hinweg und aß mit Zöllnern und Sündern, die bereit waren, ihre Sünden zu bekennen. Er verkündigte Gnade und Barmherzigkeit jedem, der sie annehmen wollte. Weil Er nicht auf die Vorgaben der Pharisäer achtete, denen sein Verhalten ein Gräuel war, nannten sie Jesus einen „Fresser und Weinsäufer“. Für sie war Er ein Freund von Zöllnern und Sündern.

Was für ein Hochmut, was für eine Arroganz, ja was für ein Hass sprach aus diesen Worten. Johannes aß und trank deshalb nicht, weil er alles seinem Auftrag unterwarf, nämlich das Volk in Ernsthaftigkeit für seinen Messias vorzubereiten. Dafür war er bereit, sogar zu fasten. War er diesen Spott wert?

Bei Christus ist tritt die Bosheit der Pharisäer noch deutlicher hervor. Mit offenen Gnadenarmen kam Er zu seinem Volk. Er bot jedem, der bereit war, die Gnade anzunehmen, Heil und Frieden an. Weil die Pharisäer jedoch das Heil exklusiv besitzen wollten, um die Vorrangstellung bewahren zu können, verspotteten sie ihren eigenen König.

Es ist sogar möglich, dass sie in vollem Bewusstsein Bezug nahmen auf 5. Mose 21,20. Dort ist davon die Rede, dass Eltern ihren Sohn vor das Gericht in Israel brachten: „Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht unserer Stimme nicht, er ist ein Schlemmer und Säufer!“ Wollten sie das dem Herrn der Herrlichkeit vorwerfen? Ist es nicht bemerkenswert, dass in 5. Mose 21,22 dann von dem Fluchholz die Rede ist – von dem Platz, den die religiösen Führer für den Herrn Jesus vorgesehen haben?

Erkennen wir an dieser Stelle übrigens, mit was für einer Liebe der Herr von seinem Knecht Johannes spricht? Soeben noch hatte dieser eine Glaubensschwäche gezeigt. Und doch erhebt der Herr ihn zu sich und verbindet das Zeugnis von Johannes mit dem seinen. In einer solch lieblichen Art geht der Herr mit denen um, die sich Ihm zur Verfügung gestellt haben.

Diese Menschen lebten mit sich selbst in vollkommenem Widerspruch. Sie waren bereit, sowohl Hochzeitslieder als auch die dieser Musik entgegengesetzten Klagelieder zu spielen. Hauptsache, es gelang ihnen, an der Macht zu bleiben. Sie waren bereit, einen Asketen genauso zu verwerfen wie denjenigen, der bereit war, mit allen zu essen. Wer nicht nach den Vorschriften der Pharisäer handelte, wurde verfolgt. Der Herr Jesus hat diese Verwerfung zutiefst empfunden. Er erkannte, dass die Ablehnung dem Höhepunkt entgegenging und abschließender Natur war. Daher schließt sich auch sofort das Gericht über die drei Städte Chorazin, Bethsaida und Kapernaum an.

Weisheit gerechtfertigt

Vorher aber finden wir noch diesen Kontrast zu den Pharisäern: „Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von ihren Kindern.“ Denn trotz der großen, ablehnenden Masse gab es auch zur Zeit des Herrn noch solche, die Ihn bereitwillig annahmen. Sie waren sozusagen Kinder der Weisheit. Ihre Weisheit offenbarte sich dadurch, dass sie denjenigen annahmen, der die Weisheit in Vollkommenheit war. Die Kinder auf dem Marktplatz hatten eigenwillig gehandelt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, dieses Geschlecht, hatte in purem Eigenwillen gegen Christus und die Seinen gehandelt.

Diese Übriggebliebenen dagegen, auf die der Herr hier anspielt und die Er motivieren möchte, hatten die Weisheit in Christus erkannt (vgl. 1. Kor 1,24) und waren Ihm gefolgt. Sie folgten wahrer Weisheit. Das waren die Zöllner und Sünder, die soeben noch von den Pharisäern geringschätzig behandelt worden waren. Durch ihr Verhalten, aber auch durch die sichtbare Veränderung, die der Herr in ihrem Leben bewirkt hat, wurde die Weisheit Gottes gerechtfertigt. Und wenn wir bedenken, dass der Herr Jesus die personifizierte Weisheit ist (vgl. Spr 8), gaben sie letztendlich Ihm selber Recht in allen seinen Worten und Taten.

Verse 20–24: Das Gerichtsurteil über Israel (Chorazin, Bethsaida und Kapernaum)

„Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten. Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch. Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Land von Sodom wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir“ (Verse 20–24).

Der Herr nimmt die Bosheit und Unverschämtheit der Juden hin, dass Johannes als dämonisiert und Er selbst als Fresser und Weinsäufer bezeichnet wird. Der Geist Gottes zeigt allerdings im Matthäusevangelium, dass der Herr diese Ablehnung zum Anlass dafür nimmt, sein Volk zu verwerfen. Er tut das, indem Er drei Städte verurteilt: Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Sie stehen repräsentativ für das ganze ungläubige Volk.

Allerdings ist erneut die eigentliche Chronologie bemerkenswert. Denn es ist zu berücksichtigen, dass diese Begebenheit historisch gesehen viel später stattfand. Lukas scheint an dieser Stelle chronologisch zu berichten. Vieles spricht dafür, wie man in Verbindung mit dem Frohlocken des Herrn dort sehen kann (vgl. Lk 10,21: „In derselben Stunde“). Nach dem von ihm verfassten Evangelium hat der Herr diese Städte nach der Rückkehr der 70 Jünger (Lk 10,1) gescholten.15 Matthäus schreibt aber unter der Leitung des Geistes Gottes viel früher davon. Denn es war die Verwerfung des Herrn durch sein Volk, die dazu führte, dass der Herr selbst als Konsequenz sein Volk beiseite stellen musste. Das werden wir besonders im 12. Kapitel erkennen.

Es ist gut zu verstehen, dass das Ausführen von Gerichtshandlungen für den Herrn Jesus während seines Lebens auf der Erde sozusagen eine „fremde“ Sache ist. „Denn der Herr wird sich aufmachen wie beim Berg Perazim, wie im Tal bei Gibeon wird er zürnen: um sein Werk zu tun – befremdend ist sein Werk! – und um seine Arbeit zu verrichten – außergewöhnlich ist seine Arbeit!“ (Jes 28,21). Dieser Vers zeigt allerdings, dass dieses Werk vor allem deshalb für Gott befremdend war, weil Er eine sündige Zuchtrute über sein eigenes Volk einsetzen musste. Das war damals der Assyrer. Aber eines ist klar: Der Herr Jesus als der demütige Mensch möchte nicht richten und verurteilen. Wir lesen ohnehin nur ein einziges Mal davon, dass Er etwas verfluchen musste (den Feigenbaum, Mk 11,21). Und an dieser Stelle sagt er es nicht einmal selbst, sondern Petrus nennt das, was der Herr getan hat, einen Fluch. Aber wenn jede Bemühung der Gnade umsonst ist, bleibt Ihm kein anderer Weg. Dabei wollen wir bedenken, dass der Herr niemals Gericht übt, bevor Er nicht alle Mittel ausgeschöpft hat, um die Menschen von ihrem Weg abzubringen. Er handelt erst, wenn für alle, die es sehen wollen, vollkommen offenbar geworden ist, dass das Böse zu einem vollen Maß gekommen ist (vgl. 1. Mo 15,16; 18,20.21; 1. Thes 2,16). Aber wenn Er das Gericht vollzieht: Wer soll dann noch vor Ihm bestehen können?

Auch später zeigt der Herr noch einmal deutlich, dass Er einen anderen Herzenswunsch hatte: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ (Mt 23,37). Was für eine Liebe spricht aus diesen Worten. Eine Liebe, die vonseiten des Volkes der Juden unbeantwortet blieb. Nichts ist schmerzlicher für ein Herz als missverstandene, zurückgestoßene Liebe. Aber diese Empfindungen stellt der Messias zurück. Er ordnet sich auch in dieser Hinsicht dem Willen seines Vaters unter.

Chorazin und Bethsaida

Als Erstes tadelt der Herr die Städte Chorazin und Bethsaida. Beide Dörfer lagen, wie auch Kapernaum, in Galiläa. Das war die Gegend, in der Jesus die meisten Zeichen vollbracht hat. So sind sie das Symbol der unendlichen Gnade Gottes. Der Herr war nach Galiläa gekommen, weil Er sich nicht dauerhaft in Judäa niederlassen wollte, wo man in Hochmut und Gottlosigkeit (Pharisäer, usw.) lebte. Doch die Galiläer lehnten Ihn ab und stehen daher auch symbolhaft für die Verwerfung des Herrn durch sein Volk. Nun war es so weit, dass auch Christus sich von ihnen distanzieren musste. Dadurch sind sie aber zugleich auch das Symbol der Verwerfung des Volkes durch Christus. Denn wenn selbst das verachtete Galiläa so mit dem verachteten König umging, wie sollte es da noch Hoffnung für das Volk Israel insgesamt geben?

Chorazin16 lag rund vier Kilometer nördlich von Kapernaum und dem nördlichen Teil des Sees Genezareth. Chorazin wird nur an dieser und der Parallelstelle im Lukasevangelium erwähnt.

Bethsaida dagegen finden wir mehrere Male im Neuen Testament. Das aramäische Wort heißt wohl übersetzt „Haus des Fanges“, „Haus der Jagd“ oder „Haus der Vorsorge“. Dieser Ort liegt am nördlichen Ende des Sees Genezareth bei der Einmündung des Jordan. Er ist ca. 1,5 km vom jetzigen Ufer des Sees entfernt. Das Gebiet um Bethsaida bedeckt eine Fläche von annähernd 80.000 Quadratmetern. Wir wissen, dass es der Heimatort von Philippus, Andreas und Petrus ist (vgl. Joh 1,44). Auf dem Schiffsweg nach Bethsaida kam der Herr den Jüngern in der 4. Nachtwache auf dem See wandelnd entgegen (Mt 14,22 ff.). Dabei erlebte auch Petrus das Wunder, auf dem Wasser gehen zu können. Die anschließenden Wunder müssen dann ebenfalls in der Umgebung von Bethsaida gewirkt worden sein (vgl. Mk 6,45–56). Später hat der Herr dort einen Blinden geheilt (Mk 8,22–26). Wir denken noch einmal daran, dass es im Alten Testament keine einzige Erwähnung davon gibt, dass ein Blinder sehend geworden ist. Nach Lukas 9,10–17 (vgl. Mk 6,30–44) fand auch die Speisung der 5.000 Männer in der Nähe dieses Ortes statt. Der Herr hatte seine Jünger nach der Aussendung der Zwölfe, wovon wir in Matthäus 10 gelesen haben, dort wieder in Empfang genommen und ausruhen lassen. Bethsaida war also nachweislich ein Ort gewesen, an dem wunderbare Zeichen durch den Messias gewirkt worden sind.

Über beide Orte ruft der Herr nun ein „Wehe“ aus. Die Menschen dieser Städte hatten trotz der bevorzugten Behandlung durch den Messias nicht Buße getan. Viele Wunderwerke begleiteten die Anwesenheit des Messias. Ja, es handelte sich sogar um die Städte, in denen Jesus seine meisten Wunderwerke getan hatte. Und dennoch lehnten sie Ihn ab. Das unterstreicht ein weiteres Mal, dass der Herr nicht nur von den Obersten des Volkes Israel abgelehnt wurde. Es war das gesamte Volk – mit wenigen Ausnahmen – das Ihn nicht wollte. Das Volk insgesamt und die Bürger des Landes waren weder bereit, ihre Sünden zu bekennen noch anzuerkennen, in welch einem traurigen Zustand sich das Volk befand. Sie lehnten es ab, Gott, ihren König, um Barmherzigkeit zu bitten.

Tyrus und Sidon

Mit diesen beiden „Wehe“ über Chorazin und Bethsaida verbindet der Herr dann einen bemerkenswerten Vergleich. Er spricht von Tyrus und Sidon, zwei heidnischen, phönizischen Städten, die wir schon aus dem Alten Testament kennen. Sie werden oft zusammen genannt, wenn es um das Gericht Gottes geht.

Tyrus war eine große Hafenstadt im Süden des heutigen Staates Libanon, also nördlich von Israel. Sie ist heute die viertgrößte Stadt dieses Landes. Sidon, ebenfalls am Meer, liegt etwas weiter nördlich und ist derzeit nach Schätzungen die drittgrößte Stadt Libanons. Eine Person mit Namen Sidon wird im Alten Testament bereits in 1. Mose 10,15 als direkter Nachkomme Kanaans genannt. Der Wohnort seiner Nachkommen wird dann in der Prophetie Jakobs in Bezug auf Sebulon erwähnt (vgl. 1. Mo 49,13).

Tyrus finden wir immer wieder im Alten Testament. Besonders die Propheten beschäftigen sich mit dieser Stadt und dem dazugehörenden Reich sowie seinem Herrscher. Allerdings wird Hiram, ein König von Tyrus, schon in der Zeit Davids und Salomos erwähnt (vgl. z.B. 2. Sam 5,11). Durch das Bereitstellen von Holz, Zimmerleuten und Maurern ist er dort ein prophetischer Hinweis auf die Nationen, die in der Zukunft zur Herrlichkeit des Volkes Israel beitragen werden (vgl. Ps 45,13; Sach 6,15; Hag 2,7). Dazu gehörten im Übrigen auch die Sidonier (vgl. 1. Chr 22,4).

Später wird Tyrus zum Synonym der kommerziellen Macht dieser Welt. Dadurch, dass es sich in beiden Fällen um Hafenstädte handelte, waren sie zu regelrecht lasterhaften Städten geworden. Denn in Hafenstädten suchten die Seeleute das, was sie „Zerstreuung“ und Entspannung oder Belustigung nannten. Es war böse und vor allem mit Unmoral verbunden. Das Gericht wegen ihrer Sünden wird in Jesaja 23 und Hesekiel 26–28 angekündigt. In dem bekannten Abschnitt in Hesekiel 28, der in geheimnisvoller Weise über den Fall Satans spricht, dient der König von Tyrus als dessen Gegenbild. Bei beiden war es ihr Hochmut, der sie zu Fall brachte.

Aber gerade die Menschen aus diesen Städten, die so böse waren, hätten längst in Sack und Asche Buße getan, sagt unser Herr. Natürlich erinnert uns das sofort an Ninive (Jona 3). Diese Stadt hat die warnende Botschaft damals ernst genommen und eine wirkliche Umkehr erlebt.

In Tyrus und Sidon sind keine Wunderwerke geschehen, wie die Juden sie zur Zeit Jesu erleben konnten. Aber die Wunder hatten ihre Herzen nicht erreicht. Im Gegenteil: Sie haben sich noch mehr verstockt und den Mann, der diese Wunder zu ihren Gunsten getan hat, verworfen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir immer wieder in den Evangelien lesen, dass Christus in die Gegend von Tyrus und Sidon ging (vgl. Mt 15,21; Mk 3,8; 7,24; Lk 6,17). Er sonderte sich sozusagen von Galiläa ab. Das war nichts anderes als ein Gerichtsurteil über Israel.

Der Herr verankert hier das göttliche Prinzip, dass jemand, der mehr gesegnet ist als ein anderer, auch mehr Verantwortung trägt. Und wenn er dieser Verantwortung nicht entspricht, wird sein Gerichtsurteil auch härter ausfallen (vgl. Lk 12,47.48). Umgekehrt würde es Tyrus und Sidon erträglicher ergehen als Bethsaida und Chorazin am Tag des Gerichts. Wir verstehen, dass es hier wieder um die Menschen geht, um die Bewohner dieser Städte, nicht um die Städte selbst.

Kapernaum

Der Herr hat noch ein spezielles Wort über Kapernaum zu sagen. Diese Stadt spricht Er gesondert an, ohne sie mit einer anderen zu verbinden. Denn Kapernaum war der in der damaligen Zeit wahrscheinlich begnadetste Ort, den es überhaupt in Israel gab. In Matthäus 9,1 wird Kapernaum seine „eigene Stadt“ genannt. Hier hatte Er am Anfang seines Dienstes für längere Zeit gewohnt. Dadurch war diese Stadt „bis zum Himmel erhöht worden“, denn der Himmel war in der Person des Sohnes Gottes, Emmanuel, zu ihr gekommen. Was haben sie aus diesem Vorrecht gemacht?

Das Urteil des Herrn spricht eine klare Sprache! „Bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden.“ Sie haben die Wunder als selbstverständlich angenommen, denjenigen jedoch, der diese Wunder gewirkt hat, verworfen und ausgestoßen. Gott lehnten sie ab, und seinen Christus wollten sie nicht. So zieht Jesus einen noch vernichtenderen Vergleich als zuvor bei Chorazin und Bethsaida. Der Inbegriff von Unmoral war Sodom. Und diese Stadt hätte von ihrer Unmoral gelassen, wenn der Herr dort solche Wunderwerke gewirkt hätte wie in Kapernaum. Erinnern wir uns für einen Moment: Abraham hatte im Gebet für diese Stadt alles getan, was er tun konnte. Aber die Bosheit war zur Vollendung gekommen (vgl. 1. Mo 18,20.21). So gab es keinen anderen Weg, als dass Gott diese Stadt durch Feuerregen vernichtete.

Schon in Matthäus 10,15 hatte der Herr einen Vergleich mit dem Gericht über Sodom und Gomorra gezogen. Dort noch im Vorgriff und ohne den Vollzug des Gerichts abschließend festzulegen. Jetzt aber ist es schon so weit, dass Israel ein schlimmeres Gericht angekündigt wird als Sodom, also als den Heiden (vgl. auch Hes 16,48 ff.).

Wie schrecklich musste somit der moralische Zustand in Israel sein. Wenn die Juden schlimmer waren als die Menschen von Sodom, von Tyrus und Sidon, dann befand sich das Volk Gottes in einer gottlosen Verfassung. Zwar hatten sie nach außen hin den Namen, zu Gott zu gehören. Aber in ihrem Inneren waren sie – so viel sie auch von sich hielten – vollkommen verdorben. Was muss der Herr innerlich empfunden haben, als Er auf diesen Zustand schaute, in seiner Stadt, in seinem Land!

Vielleicht stellt jemand die Frage: Warum hat Gott sich nicht an Tyrus oder Sodom in der wunderbaren Weise erwiesen, wie Er das bei Bethsaida und Kapernaum getan hat? Wenn Er doch hier sagt, dass sie längst in Sack und Asche Buße getan hätten. Als Menschen sind wir nicht in der Lage, diese Frage abschließend zu beantworten. Denn Gott ist und bleibt souverän in der Erweisung seiner Gnade (vgl. Römer 9,1–24). Es war reine Gnade, dass Gott dem Volk Israel zusätzlich zu seiner Offenbarung, die Er allen Menschen gibt (in der Schöpfung, in der Versorgung durch Nahrung, usw.), noch Wunder gab. Damit standen sie unter der besonderen Verantwortung, Christus als Messias anzunehmen. Denn der Sohn Gottes war zu ihrer Rettung gekommen.

Zudem halten wir fest, dass Gott vollkommen gerecht ist. Je mehr Gnade man bekommen hat, desto höher ist auch die damit verbundene Verantwortung, Gott entsprechend zu ehren. Tyrus und Sodom haben die Vorzüge missbraucht, mit denen Gott sie als Schöpfer und in seiner Vorsehung überhäuft hat. Sie hatten zwar nicht das Vorrecht, Christus in ihrer Mitte zu haben. Aber Gott hat sich auch an ihnen erwiesen. In Sodom wohnte mit Lot beispielsweise ein gerechter Mann. Da er sogar im Stadttor tätig war, also eine hohe Funktion einnahm, hätten sich die Einwohner dieser Stadt an seinem Glauben ein Beispiel nehmen können. Zudem sandte Gott zwei Engel in diese Stadt. Die Bewohner haben das mitbekommen und hätten sich warnen lassen können. Sie haben das nicht getan. So kam das gerechte Gericht Gottes über sie.

Die Juden aber offenbarten den bösen Herzenszustand eines Menschen, der alle Verheißungen Gottes besitzt und diese mit Füßen tritt. Israel war zum Bewahrer aller Aussprüche Gottes gemacht worden. Aber sie haben diese Segnungen verachtet. Jedem begegnet Gott entsprechend der jeweiligen speziellen Situation, und zwar in vollkommener Gerechtigkeit. Kapernaum brüstete sich mit der Gabe, die es geschenkt bekommen hatte. Aber es verwarf den Geber dieser Gnadenerweisung.

Die Gerichtsankündigung über Kapernaum erinnert uns noch einmal an die hohe Verantwortung, die auch die Christenheit – und damit jeder einzelne Christ – heute hat. Das Gericht über das sogenannte christliche Europa wird schrecklich sein. Davon spricht die Offenbarung immer wieder, wenn es um das Römische Reich und um den dritten Teil der Erde geht.

Zum Schluss dieses Abschnitts möchte ich noch auf einen anderen Punkt hinweisen: Es ist wunderbar, die Vollkommenheit der Schrift auch an dieser Stelle zu sehen. Sidon und Tyrus gab es noch. Zwar hatten Nebukadnezar und auch Alexander der Große furchtbare Belagerungen in dieser Gegend angeordnet. Aber die Städte hatten überlebt. So ist bei diesen beiden Städten nicht davon die Rede, dass sie geblieben wären, wenn in ihnen Wunder geschehen wären. Sie waren ja noch da. Aber Sodom war eingeäschert worden – diese Stadt gab es nicht mehr.

Und noch etwas ist erstaunlich: Außer den drei Städten Chorazin, Bethsaida und Kapernaum gab es zur Zeit Jesu noch eine vierte große Stadt in dieser Region: Tiberias (wonach auch der See Genezareth benannt wurde). Aber über sie ruft der Herr kein Gericht aus. In der Folgezeit sind die drei zuerst genannten Städte tatsächlich derart zerstört worden, dass heute nur noch geringe Überreste dieser zerstörten Städte anzutreffen sind (eine Synagoge in Kapernaum, zusammen mit einem Wohnhaus; geringe Überreste der Dörfer Chorazin und Bethsaida). Tiberias dagegen existiert heute noch! Dies ist eine bemerkenswerte Erfüllung der Prophetie, die zugleich die Allwissenheit Jesu und die Inspiration der Bibel bestätigt.

Verse 25–30: Der verworfene Messias enthüllt seine Herrlichkeit als Sohn des Vaters

„Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Verse 25–30).

Damit kommen wir zu dem letzten Abschnitt dieses Kapitels. Er stellt eine wunderbare Enthüllung der Herrlichkeit des Herrn dar, wie wir sie im Allgemeinen nur vom Evangelisten Johannes kennen. Wenn der König verworfen wird, wenn die Seinen ihren eigenen Messias verwerfen – das ist mit „zu jener Zeit“ gemeint –, dann hat Gott eine Antwort, die unbeschreiblich ist: Er zeigt, wer dieser verworfene Messias in Wirklichkeit ist. Das aber wird nur denjenigen deutlich, die sich als Unmündige verstehen. So ruft die ständig zunehmende Verwerfung des Herrn in seiner vergleichsweise geringeren Herrlichkeit als Messias eine Offenbarung seiner höheren Herrlichkeit hervor: die Herrlichkeit des Menschen, der in ständiger Vertrautheit mit Gott, seinem Vater, lebt. Der Himmel öffnet sich, wenn die Erde die Tür für Christus zuschließt. Wenn die Menschen Ihm seinen Platz auf der Erde verwehren, ist es der Herr des Himmels und der Erde, der Ihm das ganze Universum öffnet.

Wir werden hier Zuhörer eines sehr persönlichen Gebets. Wie in Johannes 17 führt uns das in eine einzigartige Beziehung ein, die der Herr zu seinem Vater hatte. Vielleicht kann man das auch – im Sinn von Matthäus und Psalm 110 – so ausdrücken: Der Herr steht hier vor dem Herrn! Zugleich lernen wir hier – wie in Johannes 17 –, dass der Herr sich einen Überrest absondert. Das sind solche, die sich trotz des allgemeinen Widerstands auf seine Seite stellen.

In diesen Versen erleben wir erneut, dass Matthäus, inspiriert von Gott, Abschnitte zusammenstellt, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden haben. Das Schelten der drei Städte erfolgte bei der Aussendung der 70 Jünger, das Frohlocken des Herrn bei deren Rückkehr (vgl. Lk 10,21.22). In Lukas 10 heißt es: „In derselben Stunde“ – dort finden wir somit einen direkten Zeitbezug.

Dadurch, dass Matthäus beide Begebenheiten aufeinander folgen lässt, werden wir auf ihren inneren Zusammenhang hingewiesen. Das Gericht über die Städte ist die Folge davon, dass sie den Herrn verworfen haben. Und das nimmt dieser zum Anlass für einen Lobpreis an seinen Vater. Was für eine Gesinnung hat unser Herr hier offenbart!

Wir erinnern uns an die prophetischen Worte, die Jesaja aussprechen durfte: „Ich aber sprach: Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt; doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott“ (Jes 49,4). Wir haben hier den Herrn vor uns, wie Er traurig ist, dass es keine Resonanz auf sein Wirken gab. Aber wir erleben Ihn nicht verzweifelt. Denn Er vertraute darauf, dass sein Gott Ihn auf eine andere Weise für seinen aufopferungsvollen Dienst belohnen würde.

„Und nun spricht der Herr; der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen – und Israel ist nicht gesammelt worden; aber ich bin geehrt in den Augen des Herrn, und mein Gott ist meine Stärke geworden –, ja, er spricht: Es ist zu gering, dass du mein Knecht seiest, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde“ (Verse 5.6). Wenn der Knecht Gottes sich umsonst abgemüht hat, um Israel an das Herz Gottes zurückzuführen, dann lässt Gott das nicht so stehen. Wenn Christus von denjenigen, zu denen Er gekommen ist, abgelehnt wird, dann weitet Gott den Bereich des Dienstes des Herrn. Er wird zum Licht der Nationen gesetzt, weit über das Land und die Einwohner Israels hinaus.

Etwas Vergleichbares finden wir in Matthäus 11. Diejenigen, die für sich in Anspruch nahmen, weise und verständig zu sein, lehnten den Herrn ab. Sie raubten Ihm seine „irdischen“ Herrlichkeiten. Aber wenn seine irdische Herrlichkeit angegriffen wird, offenbart Er etwas von der Herrlichkeit der Ratschlüsse Gottes. Dazu hebt Er ein wenig den göttlichen Vorhang, der seine ewige, Ihm eigene, himmlische Herrlichkeit verbarg. Wenn Er als Mensch verachtet wird, erweist Er sich als der ewige Gott, verborgen hinter seinem menschlichen „Kleid“.

Für Christus ist der Widerstand und die Rebellion des Volkes kein Anlass zu resignieren. Im Gegenteil. Er preist seinen himmlischen Vater dafür, dass Er das Heil vor denen verborgen hat, die meinten, sie hätten weder Rettung noch Christus nötig. Dafür aber gab es viele auf dieser Erde, die unmündig waren. Und ihnen hat der Vater sein Heil offenbart (vgl. Lk 1,53). Das war wohlgefällig vor Ihm. Was für eine Gemeinschaft und was für ein Vertrauen spricht aus diesen Worten des verworfenen Christus!

Wer waren diese Unmündigen? Es waren solche, die nicht viel von sich hielten. Sie maßten sich nicht an, wie die Führer in Israel, wissend und dem Herrn überlegen zu sein. Sie bildeten sich nichts auf Tradition und Abstammung ein, sondern nahmen den Herrn in der (positiven) Einfalt ihrer Herzen an. Sie warteten auf den Messias und waren dadurch selbst die Verachteten des Volkes und seiner Führer. Ihnen wendet sich der Herr in Liebe und Gnade zu.

Die Herrlichkeit des Sohnes

Wenn nun der Herr seine Beziehung als Messias zu seinem Volk nicht verwirklichen konnte, dann erfahren wir jetzt etwas über die Beziehung des Herrn zu seinem Vater, die einzigartig ist.

1. „Alles ist mir übergeben von meinem Vater.“ Diese Aussage hätten wir nicht im Matthäusevangelium vermutet. Das ist eher ein Thema bei Johannes: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben“ (Joh 3,35). Letzteres sind Worte von Johannes dem Täufer, der ebenfalls zu den „Unmündigen“ gehörte, weil er nicht viel von sich hielt. Deshalb durfte er eine solch wunderbare Offenbarung weitergeben.
Wir lernen in dieser Aussage, dass der Herr Jesus der Sohn Gottes ist. Denn wenn Er in Vers 25 zum „Vater, Herr des Himmels und der Erde“ betet, meint Er natürlich den ewigen Gott. Und wenn Er jetzt diesen Gott-Vater „meinen Vater“ nennt, ist Er also dessen Sohn – und somit selbst ewiger Gott!
Dieser Vater hat Ihm also alles übergeben: alle Autorität, alle Gewalt zur Gerichtsausübung, alles Geschaffene auf dieser Erde und auch die unsichtbare Welt. Er hat die Autorität, Menschen zu retten und zu verurteilen. Er bringt Menschen als Kinder Gottes zum Vater. Alles ist Ihm übergeben – es gibt keine einzige Ausnahme. Haben wir schon einmal so über die Herrlichkeit des Herrn nachgedacht? „Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat“ (Joh 5,22.23; vgl. auch Dan 7,13.14; Ps 8,7–9).
Schon in Psalm 2, der prophetisch von dem Herrn Jesus als König spricht, lesen wir etwas davon, was Gott Ihm über Israel hinaus gibt: „Fordere von mir, und ich will dir die Nationen zum Erbteil geben und die Enden der Erde zum Besitztum. Mit eisernem Zepter wirst du sie zerschmettern, wie ein Töpfergefäß sie zerschmeißen“ (Ps 2,8.9). Und am Ende unseres Evangeliums bestätigt der Herr selbst noch einmal: „Und Jesus trat herzu und redete zu ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18). Ihm ist alles übergeben worden!

2. „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater.“ Wenn der Herr in seiner demütigen Unterordnung seinen Vater den „Herrn des Himmels und der Erde“ genannt hat, so war Er sich dennoch immer seiner eigenen Herrlichkeit als Sohn des Vaters bewusst. Nur der Vater kann den Herrn Jesus, den Sohn, erkennen. Warum? Weil der Sohn Mensch und Gott in einer Person ist. Das kann kein Mensch erkennen und verstehen. Aber der Vater kann das. Wenn die Menschen in der Person Christi nicht einmal den verheißenen Messias erkennen wollten, zeigt der Herrn hier, dass Er viel mehr ist, als „nur“ der Messias für Israel. Er ist der eingeborene Sohn des Vaters. Er ist Mensch und Gott in einer Person. Wir können begreifen, dass jemand Mensch ist. Wir können auch verstehen, dass es eine Person gibt, die ewiger Gott ist, auch wenn wir das nicht in der ganzen Tiefe erkennen können. Aber dass es jemanden gibt, der sowohl Gott als auch Mensch ist, das übersteigt unser Fassungsvermögen vollkommen. Das ist der Grund, warum im Alten Testament niemand in die Bundeslade schauen durfte, die aus Holz (ein Hinweis auf die Menschheit Jesu) und Gold (spricht von der Gottheit des Herrn Jesus) bestand (vgl. 1. Sam 6,19). Selbst der größte Mann, wie der Herr Johannes den Täufer nennt, konnte Ihn nicht erkennen. Das bestätigt er zweimal in Johannes 1,31.33. Denn der Hinweis, dass Johannes den Herrn „nicht kannte“, geht über die mögliche Tatsache hinaus, dass Christus seinem Vorläufer noch nie begegnet war.
Jesus hat nicht nur eine einzigartige Beziehung zum Vater, sondern ist in seiner Person ebenso einzigartig. Die Person Jesu ist zu herrlich, um von dem Menschen ergründet oder verstanden zu werden. Er, der von Ewigkeit her eins mit seinem Vater war, dann in der Fülle der Zeit Mensch geworden ist, übertrifft in dem tiefen Geheimnis seines Wesens alle Erkenntnis, ausgenommen natürlich die des Vaters.
Von den Vätern in Christus wird gesagt, dass sie „den erkannt haben, der von Anfang an ist“ (1. Joh 2,13) – das ist der Herr Jesus. Dies meint nicht, dass sie das Geheimnis seiner Person erfasst hätten. Vielmehr hat „erkennen“ hier die Bedeutung, dass diese Gläubigen eine intensive Beziehung zum Herrn Jesus pflegen. Für sie ist Er ihr ein und alles. Sie ruhen vollständig in seiner Liebe. Sie pflegen eine tiefe Gemeinschaft mit Ihm. Nur Er ist ihr Lebensinhalt. Alles messen sie an seiner Person und an seinen Gedanken. Sie fragen sich gewissermaßen: Ist Christus in dem, was ich jetzt tun könnte? Wenn ja, dann tun sie es, wenn nein, dann lassen sie es.

3. „Noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ Nur der Vater kann den Sohn wirklich erkennen. Aber auch nur der Sohn kann den Vater erkennen. Denn Christus ist Gott wie der Vater. Kein anderer Mensch hat diese Beziehung zum Vater, weil kein anderer Mensch Gott ist. Aber Er hat eine innere Kenntnis davon, was der Vater ist, denn Sie sind eins und wesensgleich (vgl. Joh 10,30). Zugleich wohnt der Vater in dem Herrn Jesus (Kol 1,19; 2,9) – der Sohn weiß vollkommen, wer der Vater ist.
Aber im Unterschied zum Sohn, der in seiner geheimnisvollen Natur nur vom Vater erkannt werden kann und in diesem Sinn nicht offenbart werden kann, offenbart der Sohn den Vater. Ohne Ihn hätten wir den Vater nie kennenlernen können. Es ist allein der Sohn, der den Vater offenbart.
Auch das finden wir ähnlich im Johannesevangelium: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Dort geht es um Gott. Und der Sohn hat Gott offenbart. Weder das Gesetz noch die Propheten hatten Ihn offenbart. Dazu war nur der Eine imstande!
Matthäus aber spricht von dem Vater. Auch Ihn, nicht nur Gott in seiner Absolutheit, hat der Herr offenbart. Es ist ein Beweis seiner unumschränkten Gnade. Niemand hatte einen Anspruch darauf. Wenn Er Ihn offenbarte, dann nur gegenüber denjenigen, die Er dazu auserwählt hatte.
Wenn das Volk den Herrn in seiner Herrlichkeit als Messias ablehnte, wurde es ihnen verwehrt, den Herrn als die Offenbarung des Vaters kennenzulernen. Das konnten nur solche, die sich zu den Unmündigen zählten. Und: Wer den Sohn ablehnte, lehnte damit auch den Vater ab. Wer aber den Vater ablehnte, lehnte damit Gott überhaupt ab. Das war die Konsequenz des Handelns der Juden (vgl. Lk 10,16b).
Wir haben gesehen, dass der Herr die Menschen zu Gott, zum Vater, brachte. Wir haben seine einzigartige Herrlichkeit gesehen. Jetzt lernen wir etwas davon kennen, dass Christus den Vater zu den Menschen brachte. Aber Er offenbart den Vater nur denjenigen, denen Er Ihn offenbaren will. Das eben sind diese Unmündigen, zu denen auch wir uns zählen dürfen.

Zweierlei Ruhe

Nachdem der Herr seine persönliche Freude und damit die höchste Herrlichkeit seiner Person vor dem Vater in einem Lobgesang ausgebreitet hat, ruft Er Menschen zu sich. Je größer der Herr, um so wunderbarer offenbart Er seine Gnade und Liebe. Wenn Er von seinem Volk abgelehnt wurde, bietet Er jetzt jedem Menschen, der kommen wollte, unabhängig von seiner Abstammung wahre Ruhe an.

Er erwähnt im Folgenden zwei verschiedene Arten von Ruhe. Einerseits gibt es die „Ruhe des Gewissens“ (Vers 28), andererseits die „Ruhe für die Seele“ (Vers 29). Die erste Ruhe ist absoluter Art, weil sie die Frage der Sünde regelt, die zwischen dem Menschen und Gott steht. Durch die Annahme des Erlösungswerkes des Herrn Jesus ist das Gewissen des Menschen von der Last der Sünden befreit worden. So kommt das Gewissen zur Ruhe.

Darüber hinaus möchte der Herr aber, dass der gläubige Mensch nicht nur grundsätzlich zur Ruhe gekommen ist. Er soll auch sein tägliches Leben in einer inneren Ruhe führen. Davon spricht die Ruhe für die Seele. Hier geht es darum, dass unser Vertrauensverhältnis zu Gott, unserem Vater, nicht durch einzelne Sünden (hier insbesondere durch Auflehnung und Eigenwille) belastet wird. Denn diese zerstören den Genuss unserer Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater. Daher sollen wir auf den Herrn Jesus sehen, wie Er in Demut und Sanftmut gelebt hat. Wenn wir Ihn nachahmen, werden wir diese Ruhe der Gemeinschaft mit Gott praktisch erleben.

Der Herr Jesus brauchte die erste Art der Ruhe nicht, weil nie etwas zwischen Ihm und seinem Vater gestanden hat. Er genoss aber die zweite Art von Ruhe, weil sein Leben von ständiger Gemeinschaft mit Gott geprägt war. In diesem Sinn meint der Herr Jesus in Johannes 14 diese beiden Arten von Ruhe, wenn Er von Frieden spricht: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14,27). Durch sein Werk würde Er den Jüngern und damit auch uns den Frieden des Gewissens, Frieden mit Gott (Röm 5,1) hinterlassen. Aber Er selbst genoss Frieden, nämlich den Frieden der Gemeinschaft mit seinem Vater. Daher kann Er hier sagen, dass Er seinen Jüngern und uns „meinen“ Frieden geben würde. Das ist nicht der Friede mit Gott, sondern der Friede Gottes, der durch die Gemeinschaft mit Gott gekennzeichnet ist (vgl. Röm 5,3 ff.).

Ruhe des Gewissens

Man könnte nun die Frage stellen: Wem offenbart Er den Vater und dessen Herrlichkeit? „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben.“ Es sind nicht mehr nur die Juden, die Er anspricht. Jetzt lädt Er „alle“ ein, die sich eingestehen, dass sie sich (bislang vergeblich) abmühen, um wahre Ruhe zu finden, und die mit vielen Lasten beladen sind. Vielleicht kennen sie nicht die wahre Quelle ihres Elends, dass sie durch die Sünde von Gott entfernt sind. Aber wenn sie diese tiefe Ursache nicht kennen – Christus kennt sie. Und Er sieht in ihren Herzen eine gewisse Aufrichtigkeit, die Er zum Anlass nimmt, sie einzuladen.

Ist es von ungefähr, dass der Herr gerade dieses Wort für mühselig benutzt, wenn Er den Evangelist Johannes in Kapitel 4 aufschreiben lässt, dass Er „ermüdet“ von der Reise war? War Er nicht auf die Erde gekommen und hatte diese Mühe auf sich genommen, damit andere Menschen Ruhe für ihr Gewissen finden konnten?

Und wodurch waren diese Menschen beladen? Einerseits denken wir an das Gesetz, dass die gottesfürchtigen Juden zu halten suchten. Dazu sagte Petrus später: „Nun denn, was versucht ihr Gott, indem ihr ein Joch auf den Hals der Jünger legt, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?“ (Apg 15,10). Das Gesetz war für solche, die Gott dienen wollten, eine sehr schwere Last. Andererseits aber waren es die Gesetzgelehrten, welche die Menschen mit schwer zu tragenden Lasten beschwerten (vgl. Lk 11,46). Aber der Herr wollte diese Elenden und Beladenen nicht umkommen lassen. Er war gekommen, um ihnen durch sein Werk am Kreuz von Golgatha Ruhe zu bringen.

Es ging Ihm nicht nur um eine Erleichterung, um Milderung der Umstände, sondern um das Schenken einer tiefen, inneren Ruhe, der Ruhe des Gewissens. Das, was diese Art von Ruhe wirklich ausmacht, führt der Herr an dieser Stelle nicht weiter aus. Hier zeigt Er nur, dass Er, der ewige Sohn, gerade für diejenigen gekommen war, die ganz unten waren. Ihnen brachte Er nicht vorübergehende Erleichterung, sondern ewige Ruhe, den Frieden mit Gott. Ruhe finden die Menschen nicht einfach in seinen Lehren, sondern in seiner Person und in dem, was Er am Kreuz vollbracht hat.

Die Ruhe der Seelen

Aber damit nicht genug. Was würde aus denen werden, die zur Ruhe gekommen sind? „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Zunächst fällt auf, dass der Herr Jesus zwei verschiedene Tätigkeitswörter verwendet. Diejenigen, die zum Herrn Jesus kommen, werden zur Ruhe gebracht. Ihnen wird Ruhe geschenkt. Das ist ein Akt göttlicher Gnade. Menschen, die diese Gnade empfangen haben, gehören zur Familie Gottes. Doch nun werden sie unter Verantwortung gestellt. Denn die in Vers 29 genannte Ruhe wird dem Gläubigen nicht einfach geschenkt – er muss sie finden. Nur, wenn er sein Leben entsprechend der hier genannten Hinweise führt, kann er diese Ruhe genießen.

Der Herr spricht hier davon, dass Er den Gläubigen eine Ruhe schenken möchte, die Er selbst während seines Lebens hier auf der Erde in vollkommener Weise genoss. Wodurch? Dadurch, dass Er sich in allem dem Willen seines Vaters unterordnete. Das ist der Gedanke, den der Herr hier mit dem „Joch“ verbindet. Viele kennen das Joch als ein Zuggeschirr, mit dem zum Beispiel zwei Ochsen vor einen Wagen oder einen Pflug gespannt werden. Dieses Joch meint der Herr hier nicht. Er spricht von einem „Ein-Mann-Schulter-Joch“, also einer Art Schulter-Tragstange, bei der auf beiden Seiten zwei möglichst gleichschwere Lasten (z. B. Wassereimer) befestigt wurden.

Dieses Bild wendet der Herr hier auf Gläubige an, die seine Jünger sind. Dabei stellt Er sich selbst als Beispiel vor. Alles, was Er tat, trug die Überschrift: „Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.“ Das war sein Ansporn, seine Gesinnung, sein Friede in allem Wirken, bei allem Widerstand „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ (Heb 10,9). Auf seinem Weg auf dieser Erde hat Er immer alles aus der Hand seines Vaters angenommen, sogar den schrecklichen Kelch im Garten Gethsemane.

Ein Ausleger schreibt, dass diese Worte des Herrn die Botschaft des Apostels Paulus an die Philipper in einem Satz zusammenfasst: „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, der ...“ (Phil 2,5) Bei Ihm sehen wir Ruhe, bei Ihm finden wir Ruhe, von Ihm kommt die Ruhe, nur Er schenkt diese Ruhe.

Nun müssen wir im Blick auf den Herrn unterscheiden. Einerseits war Er selbst nie unter einem Joch! Das macht die vorbildliche Begebenheit in 4. Mose 19 (Vers 2) ganz deutlich. Hiermit ist aber gemeint, dass Er nie unter einem von außen auferlegten Zwang war. Ihm wurde weder von Gott noch von Menschen irgendetwas auferlegt, was wie eine Art Sklavenlast auf Ihm lag. Er ist freiwillig gekommen und hat sich freiwillig erniedrigt.

Das Joch, von Christus hier spricht, meint also etwas ganz anderes. Er spricht hier von sich als dem vollkommenen Knecht auf der Erde. Er hat sich dem Willen seines Vaters vollständig unterworfen – aus Liebe und freier Hingabe. Und das, was Er selbst getan hat, ist sein Gebot für die Seinen, welche die Ruhe des Gewissens gefunden haben. In vollkommener Sanftmut und Herzensdemut hatte sich der Herr seinem Vater untergeordnet – vollkommen freiwillig. Wir dürfen dieses Joch über uns annehmen, denn so finden wir diese tägliche Ruhe für unsere Seelen. So werden wir – wie Er – in der Lage sein, in allen Umständen inneren Frieden zu bewahren. In dieser Gesinnung werden wir frei sein, dem Vater in allem zu dienen.

Er gibt uns ein leichtes Joch: „Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Christus gibt uns keine Last wie die Pharisäer und Gesetzgelehrten. Seine Last ist leicht – es ist die geistliche Verantwortung, die wir gerne von Ihm annehmen. Er schenkt uns Gebote, die in Übereinstimmung mit dem ewigen Leben sind, das Er uns geschenkt hat (vgl. 1. Joh 5,3). So dürfen wir Ihm frohgemut und ohne Angst nachfolgen. Er ist uns vorangegangen und hat uns die schweren Lasten am Kreuz von Golgatha abgenommen. Geht man zu weit, wenn man hinzufügt, dass Er sogar heute unsere Last mitträgt, uns in allem unterstützt, was wir aus Liebe zu Ihm im Gehorsam seinem Vater gegenüber tun (vgl. Ps 68,20)?

Schon im Alten Testament war die Ruhe der Seelen versprochen worden: „So spricht der Herr: Tretet auf die Wege und seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, welches der Weg des Guten sei, und wandelt darauf; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Jer 6,16). Aber diese Ruhe hat niemand gefunden, weil der Weg, auf dem diese Ruhe erreichbar ist, noch nicht offenbart war: Es ist die Offenbarung des Vaters durch den Sohn, die am Kreuz von Golgatha ihren Höhepunkt gefunden hat. Nur dieses Werk ist die Grundlage dafür, dass Menschen jetzt auch in ihren Seelen, in ihrem Leben, echte Ruhe erleben können.

Wahre Ruhe in unserem Glaubensleben werden wir dadurch finden, dass wir Ihm nachfolgen. Wenn jemand sanftmütig und von Herzen demütig ist, dann nimmt er den untersten Platz ein. Nichts kann ihn in einer solchen Stellung noch zu Boden werfen – da befindet er sich ja längst. Wer für sich genau an diesem Ort ist, hat den Platz vollkommener Ruhe für sein Herz gefunden. Im Übrigen: An diesem Ort gibt es noch viel Platz ...

Der Messias muss sein eigenes ungöttliches Volk verwerfen (Mt 12)

Im elften Kapitel haben wir gesehen, dass selbst der Vorläufer von Christus, Johannes der Täufer, Zweifel bekommen hatte, ob Jesus der verheißene Messias war. Danach wurde deutlich, dass die Obersten des Volkes als dessen Repräsentanten sowohl den Vorläufer des Herrn als auch Ihn selbst verwarfen. Johannes bescheinigten sie, einen Dämon zu haben. Und sie scheuten sich nicht, über den Herrn Jesus zu sagen, Er sei ein Fresser und Weinsäufer.

Diese Verwerfung nahm der Herr zum Anlass, ein ernstes Gericht über Israel auszusprechen: Er verurteilte ihre Städte stellvertretend für deren Einwohner und wandte sich denen zu, die aus Sicht der Schriftgelehrten und Pharisäer Unmündige waren. Denn im Gegensatz zu den Führern gab es solche, die den Messias Israels im Glauben annahmen. Er gab seinen Auftrag, den Gott Ihm gegeben hatte, nicht auf. Auch wenn sein Volk Ihn nicht annehmen wollte, verkündigte Er weiter das Evangelium des Reiches und wandte sich denen zu, die bereit waren, sein Wort anzunehmen.

Das zwölfte Kapitel fährt nun mit diesem Gedankengang fort. Es ist der Wendepunkt in diesem Evangelium und zugleich der Abschluss des ersten großen Teils dieses Buches. In diesem Abschnitt zeigt der Geist Gottes noch einmal – wie in einer Art Rückblende –, in was für einer Liebe, Hingabe und Treue Gott in Jesus, Emmanuel, zu seinem Volk gekommen ist. „Gott war in Christus, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“ (2. Kor 5,19). Christus vollbringt zwei weitere Zeichen, das 13. und 14. Wunder in den Kapiteln 8 bis 12. Erneut erweist Er sich sichtbar als der verheißene Messias. Und auch diese Zeichen hatten das Ziel, Segen für Israel und seine Einwohner zu bringen.

Der Herr begleitet diese Wunder mit seinen Worten. Er möchte den Juden klar machen, dass Gott sie segnen möchte, wenn sie zu Ihm umkehren. Aber das Volk will nicht, besonders die Führer nicht. Sie lehnen Ihn und sein Werk ab und schreiben – wie schon in Kapitel 9,34 – die vollkommenen Taten des Herrn dem Obersten der Dämonen zu: dem Satan. Dadurch machen sie sich als Volk kollektiv der Lästerung des Heiligen Geistes schuldig, indem sie die offensichtliche Tatsache leugnen, dass der Herr in dessen Kraft handelt. Und schließlich versuchen sie auch noch, Christus zu töten.

Als Konsequenz ihrer Bosheit muss Christus sein eigenes Volk verwerfen, das sich als vollkommen gottlos erwiesen hat. Das führt sogar dahin, dass Satan in der Zukunft (nach der Entrückung der Versammlung) die Gelegenheit bekommen wird, das Volk zu dämonisieren.

So sehen wir in diesem Kapitel nicht so sehr Christus, der in Gegenwart der Menschen wirkt, sondern diese boshaften Juden, die Ihn verwerfen. Der Herr Jesus, dem alles übergeben ist von seinem Vater, offenbart, dass das Gericht über Israel schon beschlossen ist und kurz vor seiner Ausführung steht.

Die Ihn umgebene Generation war böse und ehebrecherisch. Sie hatte es gewagt, den Geist Gottes, der an anderer Stelle als Finger Gottes bezeichnet wird (vgl. 2. Mo 8,15; Lk 11,20), zu lästern. Jetzt gab es nur noch Gericht für diese Menschen. Sie würden Christus nicht mehr sehen. Er würde sterben und den Augen seines Volkes verborgen sein, so wie die Brüder Josephs diesen erst wiedererkannten, nachdem sie ihre eigene Schuld bekannt hatten. Das Volk Israel wird Christus erst wieder im wahren Sinn des Wortes wahrnehmen können, wenn es mit der eigenen Schuld zu Gott geht. Sie müssen bekennen, dass sie den Messias Gottes ans Kreuz gebracht haben. In der Zwischenzeit wendet sich der Herr als Sohn des Menschen anderen zu: den Nationen. Dies wird dann in Kapitel 13,1 bildlich angedeutet: „An jenem Tag ging Jesus aus dem Haus hinaus und setzte sich an den See.“

Die Beweisführung von Matthäus

An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal kurz die Zielrichtung des Werkes Gottes, wie Matthäus es vorstellt, in Erinnerung rufen. Er beweist in seinem Evangelium, dass Christus wirklich der Messias Gottes ist. Das ist insofern von größter Bedeutung, als die Juden, die auf den Messias warteten, ja nicht nur auf Ihn als Person warteten. Sie erhofften, dass Er sein Königreich des Friedens aufrichten würde, das im Alten Testament vielfach angekündigt worden war. Jetzt aber gab es dieses Reich noch nicht so, wie es angekündigt worden war – weder vor noch nach der Kreuzigung Jesu. So musste für nachfolgende Generationen die berechtigte Frage aufkommen: Wie konnte Jesus wirklich der Messias sein, wenn Er doch sein Königreich als Herrscher gar nicht angetreten hat?

Die Antwort gibt der Geist Gottes in diesem Evangelium auf großartige Weise. Matthäus zeigt von Anfang an, dass Christus als der Emmanuel, Gott mit uns, gekommen war, aber von seinem Volk verworfen wurde. War das überraschend? Es war ein kapitaler Fehler des Volkes Israel, den Messias zu verwerfen und ans Kreuz zu bringen. Aber unvorhergesehen war es nicht. Denn im Alten Testament gibt es eine Vielzahl von Ankündigungen, wie sich der Zustand dieses Volks entwickeln würde. Dort finden wir auch, dass sich der Messias schließlich den Nationen zuwenden würde. Dazu zitiert der Herr an dieser Stelle eine der bekannten Weissagungen des Propheten Jesaja. Zudem finden wir in unserem Kapitel die erste von einer Reihe weiterer Leidensankündigungen des Knechtes Gottes, und zwar in Verbindung mit einem alttestamentlichen Wort (Jona 2). Das alles zeigt deutlich, dass Gott diese Verwerfung seines Königs nicht nur kannte, sondern sie sogar in seinem Wort hat aufschreiben lassen (vgl. Dan 9,26).

Dass Christus als König verworfen wurde und sein Königreich (noch) nicht antreten konnte, stimmt also mit dem Alten Testament durchaus überein. Dann heißt das eben nicht, dass Jesus nicht der Messias Gottes ist. Es zeigt nur, dass Er diese Funktion noch nicht öffentlich angetreten hat. Das wird noch kommen, wie manche Gleichnisse dieses Bibelbuches zeigen. Das Alte Testament wird auch in dieser Hinsicht in Erfüllung gehen.

Verse 1–30: Der letzte Appell an die Juden und ihre Obersten

In den ersten 30 Versen dieses Kapitels sehen wir, dass sich Jesus noch ein letztes Mal an die Juden und ihre Führer wendet. Noch einmal gibt Er ihnen eine Chance zur Umkehr, bevor Er sie endgültig verwerfen muss. Ein weiteres Mal vollbringt Er zwei Wunder und redet mit ihnen, um ihr Gewissen zu erreichen. Erneut zitiert Er das Wort Gottes und zeigt damit deutlich, dass Er der Auserwählte Gottes ist.

Es ist ein letzter Appell, bevor dann in Vers 31 das Gerichtsurteil kommt. Wie immer warnt Gott die Menschen mehrfach, bevor Er sie verurteilt und richtet.

Verse 1–8: Die Größe der Person des Herrn

„Zu jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Kornfelder; es hungerte aber seine Jünger, und sie fingen an, Ähren abzupflücken und zu essen. Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist. Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die er nicht essen durfte noch die, die bei ihm waren, sondern allein die Priester? Oder habt ihr nicht in dem Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entheiligen und doch schuldlos sind? Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier. Wenn ihr aber erkannt hättet, was das ist: ‚Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer‘, so hättet ihr die Schuldlosen nicht verurteilt. Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats“ (Verse 1–8).

In diesen Versen stellt Matthäus einmal mehr die Würde der Person vor, die von den Pharisäern verworfen wurde. Der demütige Jesus war nicht irgendwer! Er war der Sohn des Menschen, Er war der Herr des Sabbats. Er war also derjenige, der das Sagen auch über diesen 7. Tag der Woche hatte, weil Er ihn selbst gegeben hatte.

Der Evangelist leitet den Abschnitt mit einem Hinweis auf die Zeit ein: „Zu jener Zeit ging Jesus durch die Kornfelder“. Er sagte nicht „danach“ oder „in diesem Augenblick“. Typisch Matthäus, könnten wir sagen, denn auch an dieser Stelle durchbricht er wieder die Chronologie. Wenn wir unser Evangelium mit dem nach Markus vergleichen, erkennen wir, dass diese Begebenheit sehr früh stattgefunden haben muss. Wir finden sie in Markus 2,23–28. Offenbar fand sie nicht lange nach der Belehrung des Herrn über die neuen und alten Flicken, den neuen und alten Wein statt (vgl. Mt 9,14 ff.). Das unterstreicht auch hier, dass der Geist Gottes durch diese Neuordnung in unserem Evangelium ein besonderes Ziel verfolgt: Er stellt die Verwerfung Christi deutlich heraus.

Bezeichnend ist, dass auch im Markusevangelium der Höhepunkt der Verwerfung des Herrn in Verbindung mit dieser Begebenheit (Abpflücken der Ähren am Sabbat) steht und erreicht wird. So lassen sich etliche Parallelen zwischen Markus 2 und 3 sowie Matthäus 12 bzw. Markus 4 und Matthäus 13 ausmachen.

Gottes Gedanken zum Sabbat

An einem Sabbat, also an unserem Samstag, hungerte die Jünger. Der Sabbat spielte im Leben des Herrn eine wichtige Rolle. Und zwar nicht nur in dem Sinn, dass Er ihn natürlich nach den Vorschriften des Gesetzes hielt. Aber es waren gerade die Sabbate, an denen Er viele Wunder des Segens tat. Auch manche Belehrungen der Jünger und Volksmengen fanden an diesem Wochentag statt.

Gott hatte den Sabbat gegeben, längst bevor es das Gesetz und erst recht bevor es die vielen zusätzlichen Ge- und Verbote der Juden gab. Zunächst sehen wir, dass Gott den siebten Tag für sich selbst als einen Ruhetag einsetzte, nachdem Er die Erde in sechs Tagen gemacht hatte. Hatte denn Gott Ruhe nötig in dem Sinn, dass er wieder neue Kräfte sammeln musste? Nein, das wäre eine abwegige Unterstellung. Dennoch setzte Er diesen Tag zu seiner eigenen Ruhe ein. „Denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, dass Gott geschaffen hatte, indem er es machte“ (1. Mo 2,3). In diesem Zusammenhang lesen wir auch, dass Gott diesen Tag segnete und heiligte, das heißt besonders für sich reservierte.

Für das Volk Israel wurde der Sabbat dann in Verbindung mit dem Geschenk des Mannas eingeführt. „Sechs Tage sollt ihr es sammeln; aber am siebten Tag ist Sabbat, an dem wird es nicht sein“ (2. Mo 16,26). Er war – wie für Gott der siebte Tag – eine Ruhepause für das Volk Israel. Später wurde seine Beachtung in 2. Mose 20,8 ff. als Teil des Gesetzes vom Sinai zu einem direkten Gebot. Dort wies Gott sein Volk an, keine Arbeit zu tun. Aber auch dieses Verbot gab Gott dem Volk Israel nicht als Last, sondern als Segen. Dennoch wachte Gott darüber, dass seine Vorschrift eingehalten wurde. Das wird durch das Gericht über jemand deutlich, der in bewusster Auflehnung gegen die Vorschrift Gottes am Sabbat Holz auflas (vgl. 4. Mo 15, 32 ff.).

Sabbat – Sonntag

An dieser Stelle ist vielleicht auch ein kurzes Wort zu unserem Sonntag sinnvoll. Wir wissen aus Römer 10,4, dass Christus des Gesetzes Ende ist. Damit hat auch das Gesetz keine Wirkung mehr für einen Gläubigen. Denn er ist durch das Gesetz dem Gesetz gestorben (vgl. Gal 2,19). Das bedeutet nichts anderes, als dass der Erlöste keine Beziehung mehr zu dem Gesetz hat. Er ist für das Gesetz tot. Das macht deutlich, dass ein Christ den Sabbat nicht hält.17

Wer den Sabbat halten will, sollte sich bewusst sein, dass dieser von Gott im Zuge seines 7-Tage-Werkes der Wohnbarmachung der Erde für den Menschen und darüber hinaus später als Gesetz seinem irdischen Volk als Teil des Gesetzes gegeben wurde. Die Schöpfung liegt unter dem Fluch der Sünde, und da das Volk Israel das Gesetz gebrochen hat, steht auch dieses Volk unter dem Fluch Gottes. Wer also diesen Tag hält und sich damit auf den Platz des natürlichen und sündigen Menschen bzw. des Menschen unter Gesetz stellt, begibt sich damit auch unter einen dieser beiden Flüche. Das möchte ich etwas näher erläutern:

Gott hat den Sabbat dem natürlichen Menschen gegeben, der in seiner Verantwortung vor Gott steht, seinen Willen zu tun. Dazu ist der Mensch nicht in der Lage, wie 1. Mose 6 offenbart. Daher musste Gott Gericht über den natürlichen Menschen bringen – unter diesem Urteil steht auch derjenige, der den Sabbat halten möchte. Seinem irdischen Volk Israel hat Gott den Sabbat als Gebot gegeben. Durch den Götzendienst (Wegführung nach Assyrien bzw. Babel) und die Verwerfung des Messias Gottes hat das Volk jedoch erwiesen, dass es mit Recht unter dem Todesurteil Gottes stellt. Darunter stellt sich somit derjenige, der den Sabbat als einen Teil der zehn Gebote halten möchte.

Was ist nun mit dem Sonntag, dem ersten Tag der Woche (vgl. Apg 20,7), dem Tag des Herrn (vgl. Off 1,10)? Wir wissen, dass es der Auferstehungstag unseres Retters ist (vgl. Joh 20,1; Mk 16,2). Es ist der Tag, an dem die Christen in der apostolischen Zeit als Versammlung (Gemeinde, Kirche) versammelt waren (Apg 20,7). Offenbar ist es also der Tag, den der Herr für die Christen „sanktionierte“, das heißt heiligte, für sich zur Seite stellte, ihm einen besonderen Sinn gab.

Sollen wir den Sonntag nun so halten, wie das Volk Israel den Sabbat halten sollte? Ist der Sonntag unser „Sabbat-Ersatz“? Die Antwort auf diese Frage lautet eindeutig: Nein! Wir sind von der Sklaverei des Gesetzes durch das Werk des Herrn nicht freigemacht worden, um unter ein neues Gesetz gestellt zu werden. Wir leben in der christlichen Freiheit, die keine gesetzlichen Ansprüche an uns stellt. Insbesondere nicht am Auferstehungstag des Herrn, der den Gläubigen von der Sklaverei des Gesetzes befreit hat! Es ist der dem Herrn gehörende Tag, an dem wir ganz besonders an Ihn denken. Zwar dürfen wir das letztlich an jedem Tag tun, aber Gottes Wort nennt unseren Sonntag Tag des Herrn und gibt ihm damit durchaus eine Sonderstellung. Dass wir in sogenannten christlichen Ländern an diesem Tag zum großen Teil die Freiheit haben, nicht arbeiten zu müssen, dürfen wir als Segen des Herrn annehmen. Doch das bedeutet nicht, dass wir an diesem Tag nicht arbeiten dürfen. Es gibt bestimmte Berufe, die auch am Sonntag Verpflichtungen mit sich bringen (z.B. Ärzte, Pflegedienst, öffentlicher Nah- und Fernverkehr, usw.). Vor allem aber sollten wir anderen keine Vorschriften machen, was sie alles am Sonntag zu unterlassen haben. Dann glichen wir den Pharisäern, die über das Wort Gottes hinausgehende Vorschriften erließen.

Dass der Gläubige versucht, wenn er die Möglichkeit hat, an diesem Tag dort zu sein, wo der Herr nach Matthäus 18,20 in der Mitte der Seinen ist, braucht nicht betont zu werden. Es ist ganz normal, dass ein Christ sonntags gerne mit denen zusammen ist, die ebenso wie er selbst zur Versammlung Gottes gehören und durch das Blut Jesu für Gott erkauft worden sind. Auch wird sich ein ernster Christ fragen, inwieweit er an dem Tag, der dem Herrn gehört, eigene Interessen verfolgt.

Jemand hat die Beziehung von Sabbat und Sonntag einmal so ausgedrückt: „Israel wurde befohlen, den Sabbat zu halten. Die Versammlung hat das Vorrecht, den ersten Tag der Woche zu genießen. Der Sabbat war der Test für den moralischen Zustand in Israel. Der Sonntag ist der wichtige Beweis der ewigen Annahme der Versammlung. Der Sabbat offenbarte, was Israel für Gott tun sollte. Der Tag des Herrn zeigt vollkommen, was Gott für uns getan hat.“.

Der Verworfene und der Sabbat

Wie kam es nun, dass die Jünger an diesem von Gott eigentlich als Segenstag geschenkten Sabbat hungerte? Allein dieser Punkt zeigt bereits, dass hier etwas nicht stimmte. Der Messias war auf der Erde. Warum wurden die Seinen nicht in einer gebührenden Weise versorgt? Weil sie zusammen mit ihrem Meister verworfen waren. Davon zeugt dieser Hunger, ähnlich, wie es bei David war, als er von Saul verfolgt wurde. Denn in der Zeit des 1.000-jährigen Reiches, wenn der Herr als Messias von seinem Volk angenommen werden wird, ist ein solches Hungern undenkbar.

So kommt es, dass der Herr mit ihnen durch die Kornfelder ging und sie Ähren abpflückten. Das war nach 5. Mose 23,26 im Gesetz Gottes grundsätzlich gestattet worden. Wie viel mehr war das für den Herrn und seine Jünger gültig! Dennoch fällt auf, dass hier nur von den Jüngern die Rede ist. Hatte nicht auch Jesus Hunger? Ich zweifle nicht daran. Aber Er aß nicht von diesen Kornfeldern. Wir bewundern Ihn, dass Er oft nicht das tat, was Ihm eigentlich zustand, nur um keinerlei Anstoß zu geben. Er besaß die Freiheit zu essen, aber Er verzichtete darauf, weil Er kein Gebot vom Vater dazu erhalten hatte (vgl. Mt 4,4).

Die fünffache Antwort Jesu auf diese Anschuldigung

Die Pharisäer nehmen das Handeln der Jünger zum Anlass, den Herrn zu kritisieren. Es sei nicht erlaubt, von den Ähren an einem Sabbat der Ruhe zu pflücken. Wenn man eine entsprechende Vorschrift im Alten Testament suchte, würde man vergeblich nachschauen. Denn es gibt sie nicht. Es handelte sich wieder einmal um eine Überlieferung, die den Geboten Gottes hinzugefügt worden war. Aber der Herr geht darauf gar nicht ein. Das hatte Er in Matthäus 5 ausführlich getan.

Hier führt Er als Gesetzgeber fünf Argumente an, um zu zeigen, dass Er (und seine Jünger) jedes Recht hatten, von den Ähren zu essen. Und dennoch nahm Christus dieses Recht nicht für sich persönlich in Anspruch:

  1. Zunächst zeigt Er, dass der Prototyp eines Königs in Israel, David, anders gehandelt hatte, als die Pharisäer es forderten.
  2. Auch die höchste Klasse in Israel, die Priester, handelten im Widerspruch zu den Anweisungen der Pharisäer, aber in Übereinstimmung mit Gott.
  3. Der Herr ist größer als David und die Priester, ja sogar größer als der Tempel.
  4. Die Vorschriften waren für Gott Mittel zum Zweck, nicht das absolute Ziel.
  5. Jesus ist als Sohn des Menschen Herr über den Sabbat.

Menschen hätten hier vielleicht zunächst darauf hingewiesen, dass es gar nicht verboten war, Ähren zu pflücken, auch nicht am Sabbattag. Die Jünger verstießen eben gerade nicht gegen ein Gebot Gottes. Der Herr hätte auch noch einmal auf die Ungültigkeit ihrer Überlieferungen hinweisen können. Aber das entsprach an dieser Stelle nicht der göttlichen Weisheit. Was hat derjenige, der als Gesetzgeber dem Volk das Gesetz des Sabbats gegeben hatte, zu sagen? Wie so oft benutzt der Herr Jesus als Waffe das Wort Gottes selbst und wendet es in göttlicher Weise auf die Situation an. Das hatte Er bei der Versuchung getan. Er tut es auch hier.

a) David, der König aß vom heiligen Brot – am Sabbat

Der Herr Jesus nennt zunächst das Beispiel Davids, das im ersten Abschnitt in 1. Samuel 21 aufgeschrieben worden ist. Diese Anführung ist gerade insofern im Matthäusevangelium von besonderer Wichtigkeit, als es hier um Jesus, den König Israels geht. Wenn David so handeln konnte, war es dann Christus nicht erst recht erlaubt, so etwas zu tun?

Dabei erkennen wir aus den Worten des Herrn keine Kommentierung dessen, was David getan hat. Er stellt nur die Handlung heraus, die eigentlich nicht erlaubt war (Vers 4), auf die es jedoch kein Handeln des Gerichtes gegeben hat, weder vonseiten des Priesters, noch vonseiten Gottes. Christus selbst hatte nicht am Sabbat von den Ähren gepflückt, aber David hatte im Vorbeigehen diese Brote gewissermaßen „gepflückt“ (vgl. 1. Sam 21,7). Jeder Jude wusste, dass dies überhaupt nur an einem Sabbat der Fall sein konnte, wenn die Schaubrote erneuert wurden – und genau deshalb führt der Herr diese Begebenheit hier an. Durften die Jünger dies dann nicht auch tun?

David – das Bild des verworfenen Jesus

Der Vergleich mit David ist aber noch in einer zweiten Hinsicht bemerkenswert. Denn David war zu diesem Zeitpunkt in einer Situation, die der des Herrn sehr ähnlich war. David war der Verworfene, der von Saul zu Unrecht verfolgt wurde. Christus war jetzt der Verworfene, der zu Unrecht von den Hohenpriestern, Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern und Herodianern verfolgt wurde. Sie stellten sich damit auf eine Stufe mit Saul! Ob sie das verstanden haben?

Wenn der wahre König verfolgt wird, wenn der Gesalbte Gottes, den Er seinem Volk gesendet hat, verworfen wird, was für eine Bedeutung haben dann noch die Vorschriften, die Gott seinem Volk gegeben hatte? Wenn der „Gott mit uns“ verworfen wurde, hörten die von Gott dem irdischen Volk als heilig gegebenen Dinge auf, heilig zu sein. Was für einen Wert sollte der Sabbat als Tag des Segens noch haben, wenn der Segen Gottes rundweg abgelehnt wurde? Und wie konnte sich ein sündiges Volk, das seinen Messias verwarf, auf das Gesetz berufen, das gerade von diesem Messias zeugte und sogar von diesem gegeben worden war?

Aus Stellen wie 2. Mose 31,16.17 und Hesekiel 20,12–20 wissen wir, dass der Sabbat das Zeichen des Bundes zwischen dem Herrn und seinem irdischen Volk Israel war. Wir haben schon gesehen, dass der Sabbat vor dem Gesetz gegeben wurde. Aber durch das Gesetz erhielt er einen veränderten Charakter. Nach 2. Mose 20,8–11 handelt es sich um das vierte Gebot; dieses wird in dem 2., 3., 4. und 5. Buch Mose immer wieder angeführt als ein wesentlicher Bestandteil des Bundes Gottes mit seinem Volk. Wenn aber der König vom Volk verworfen und damit der Bund gegenüber Gott gebrochen wurde, was für einen Wert besaß dann dieses Zeichen des Bundes überhaupt noch für das Volk, das seinem Gott den Rücken zukehrte?

Wenn man den Zusammenhang von Kapitel 11 und 12 einbezieht, könnte man an dieser Stelle auch ergänzen: Wer die wahre Ruhe, auch die der Seele (11,28.29), gefunden hat, dem zeigt der Herr, dass er die gesetzliche Ruhe des Sabbats nicht nötig hat. Sie hatte für Gott Wert bis zum Kommen des Herrn. Denn Christus ist das Ende des Gesetzes (Röm 10,4). Aber nicht nur das. Durch das Gesetz konnte es überhaupt keine Ruhe geben. Denn dieses beweist ja gerade die Unfähigkeit des Menschen, Gutes überhaupt tun zu können. Das Gesetz stellt daher letztlich vor allem das unheilbare Verderben des Menschen fest und zeigt es ihm. Das wurde jetzt auch dadurch deutlich, dass das Gesetz nicht verhindern konnte, dass das Volk Gottes Gott und seinen König, Jesus Christus, verwarf. Dem begegnete Christus, indem Er die Gnade brachte. Nur auf diesem Weg gibt es Heilung! Dass der Sabbat im 1.000-jährigen Königreich wieder gehalten werden soll (Hes 45,17; 46,1.3.4.12), ist eine symbolische Erinnerung daran, dass Gott durch Christus wirklich Ruhe gebracht hat.

b) Die Priester wirkten in besonderem Maß am Sabbat

Der Herr bringt ein zweites Argument zugunsten seiner Jünger an. Jetzt bezieht Er sich nicht mehr nur auf eine einmalige Begebenheit, sondern auf eine direkt im Wort Gottes verankerte Notwendigkeit.

Hatte nicht Gott angeordnet, dass Aaron Sabbat für Sabbat die Schaubrote backen und vor dem Herrn zurichten sollte (vgl. 3. Mo 24,8)? Hatte sich der Hohepriester folglich wegen dieser „Arbeit“ versündigt und versündigte sich der aktuelle Hohepriester damit in den Augen der Pharisäer? Wie stand es mit den vielen Opfern, welche die Priester dem Herrn gerade am Sabbat zu opfern hatten (vgl. z.B. 4. Mo 28,9)? Wahrscheinlich wurden gerade am Sabbat die meisten Opfer dargebracht, da hier das Volk Zeit zum Opfern hatte. Die Priester nun waren schuldlos, die Jünger aber nicht?.

Mit diesen beiden Hinweisen verdeutlicht der Herr Jesus die Selbstgerechtigkeit und Widersprüchlichkeit seiner Ankläger, die vorgaben, das Gesetz zu kennen. In Wirklichkeit zeigten sie nur, dass sie in völliger Unkenntnis Gottes und seines Messias lebten. Sprachen nicht auch die Opfer selbst von der Barmherzigkeit Gottes dem Menschen gegenüber, indem Er seinem Volk trotz dessen Sünden einen Weg wies, von Gott angenommen zu werden? Das war ein Beweis der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, wogegen ihre gesetzliche Haltung keineswegs barmherzig war.

c) Christus – größer als der Tempel

Jesus ist aber mit diesen Menschen noch nicht fertig. Er hat noch weitere Botschaften an ihre Gewissen. „Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier.“ Diese Aussage kommt völlig unerwartet. Man hätte vielleicht gedacht, der Herr würde sagen, dass Er größer als David und größer als die Priester ist. Aber Er spricht davon, dass Er größer als der Tempel ist. Wenn die Priester gewissermaßen über dem Sabbat standen, stand der Tempel ebenfalls über dem Sabbat, denn die Priester waren Diener des Tempels. Aber hier war jemand, der noch erhabener war als der Tempel.

David ging in das Haus Gottes hinein. Dort wohnte Gott. Der damalige König war nur ein „Angestellter“ Gottes, der für einen bestimmten Zeck in dieses Haus Gottes hineinging. Die Priester waren Diener der Hütte, des Hauses Gottes (vgl. Heb 8,5; 9,2.3.6.8) und dienten dem heiligen Gott, der dort thronte – nicht mehr und nicht weniger. Hier aber stand derjenige, der selbst größer war als der Tempel, denn Er ist Gott. Hier stand derjenige, der in dem Tempel wohnte und thronte, als dieser noch das Haus Gottes war. Hatte Er nicht das Recht, auch am Sabbat zu pflücken oder seine Jünger pflücken zu lassen? Noch einmal staunen wir, dass Er trotz seiner Größe auf sein Recht verzichtete, für sich selbst Ähren zu pflücken. Erneut ist Er nur tätig zur Verteidigung seiner Jünger!

d) Gebote und Barmherzigkeit

Der Herr lässt noch ein viertes Argument folgen. Was war die Intention Gottes, als Er den Sabbat gab, und zwar längst, bevor es das Gesetz gab? Er wollte das Volk mit diesem Tag segnen. Was aber hatten die Pharisäer mit ihren Überlieferungen aus diesem Tag gemacht? Einen Tag der Knechtschaft, der Bürde, der Unterdrückung. War das jemals der Gedanke Gottes gewesen? Ganz bestimmt nicht!

Um das zu verdeutlichen, zitiert der Herr ein weiteres Mal Hosea 6,6 (vgl. Mt 9,13): „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.“ Gerade hatte Christus von diesen Opfern gesprochen, welche die Priester auch am Sabbat brachten. Aber Gott ging es nicht um die Opfer. Gott ging es um die Herzen der Menschen seines Volkes, die Er erreichen wollte. Nicht die Vorschriften über Opfer oder den Sabbat standen für Ihn im Vordergrund, obwohl Er selbst sie angeordnet hatte und auch darauf bestand, dass sie eingehalten wurden – seine Vorschriften! Aber sie waren Mittel zum Zweck, um das Volk zu Gott zu bringen. Gott war in Christus gerade aus Barmherzigkeit zum Volk gekommen und nicht, um Vorschriften in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Pharisäer dagegen hatten aus den Vorschriften Gottes und besonders aus den selbst erdachten Erläuterungen und Ergänzungen – viele findet man im Talmud – das Wesen des von Gott eingerichteten Dienstes verdreht. Dadurch hatten sie die Menschen in die Irre geführt. Denn weder hatte Gott diese Verordnungen so gegeben, noch waren die Verordnungen als solche sein Ziel. Er suchte das Herz – Barmherzigkeit – des Volkes, nicht ein schematisches und äußerliches Einhalten von Geboten. Hätten die Pharisäer dies verstanden, hätten sie die Jünger des Herrn nicht verurteilt. Diese waren schuldlos; die Pharisäer dagegen schuldig! Sie wollten nicht verstehen, dass das ganze System, das auf dem Gesetz und den Opfergaben beruhte, durch sein Kommen in Gnade beiseite gestellt wurde. Das zweimalige Zitieren von Hosea 6 unterstreicht diesen Punkt nachhaltig. Denn Barmherzigkeit ist das Gegenteil von Verurteilung.

e) Der Sohn des Menschen als Herr des Sabbats

Auch damit ist der Herr noch nicht am Ende. Diese Führer in Israel mussten noch eine weitere, für sie bittere Lektion lernen: „Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats.“ Wie heuchlerisch, wenn man davon spricht, den Sabbat zu halten, während man den Herrn des Sabbats soeben verurteilte und zu Tode bringen wollte.

Jesus spricht hier nicht von sich als König und Messias. Er nennt sich auch nicht „Sohn Gottes“, sondern Sohn des Menschen. Nur Er selbst nennt sich „Sohn des Menschen“. In Kapitel 8,20 hat sich der Herr Jesus zum ersten Mal mit diesem Titel bezeichnet. Dort werden mit diesem Titel seine Verwerfung und seine Leiden verbunden. Er hatte nicht, wohin Er sein Haupt legen konnte. Als von seinem irdischen Volk Israel Verworfener hat Gott Ihn zum Segen für alle Nationen gemacht. An anderer Stelle lernen wir, dass dieser Sohn des Menschen jetzt verherrlicht zur Rechten Gottes thront. Wenn der Herr sich hier erneut „Sohn des Menschen“ nennt, dann weist Er damit auf seine Verwerfung hin, die Er vonseiten der Pharisäern erfahren hat. Darüber hinaus deutet Er aber auch an, dass Er diese Verwerfung annimmt. Er richtet nicht seine Feinde, sondern erträgt ihren Hass.

Die Verwerfung des Herrn offenbart aber immer auch seine moralische Herrlichkeit, die in einer zukünftigen Zeit gesehen werden wird. Schon das Alte Testament enthält den Hinweis, dass der Sohn des Menschen Herrscher ist über die ganze Welt (Dan 7; Ps 8). Diese Ehre hat Er von Gott erhalten, dem Geber des Sabbats. Von Ihm wurde Er dazu feierlich gesalbt.

Als Sohn des Menschen ist Er nun der Herr über den Sabbat. Gott hatte diesen Sabbat dem Menschen (1. Mose 2) und seinem Volk Israel (2. Mose 20) gegeben. Wenn der Herr nun „Herr des Sabbats“ ist, dann wird deutlich, dass auch Er Gott ist, gepriesen in Ewigkeit. Er besitzt die Autorität, diese Vorschriften zu geben und wieder aufzuheben. Er hat das Recht und die Würde, Gehorsam von allen Menschen, auch den Juden, zu fordern. Wer waren sie, dass sie stattdessen Gehorsam von Ihm forderten?

So zeigen uns diese ersten Verse, wie der Herr in göttlicher Autorität diese Ankläger in ihre Schranken weist. In erstaunlicher Sanftmut und Ausführlichkeit widmet Er sich ihnen. Aber sie haben nicht auf Ihn und sein Wort hören wollen, wie wir in den nächsten Abschnitten leider sehen müssen.

Verse 9–14: Die Größe des Werkes des Herrn

„Und als er von dort weiterging, kam er in ihre Synagoge. Und siehe, da war ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? – um ihn anklagen zu können. Er aber sprach zu ihnen: Welcher Mensch wird unter euch sein, der ein Schaf hat und, wenn dieses am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergreifen und aufrichten wird? Wie viel vorzüglicher ist nun ein Mensch als ein Schaf! Also ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun. Dann spricht er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus. Und er streckte sie aus, und sie wurde wiederhergestellt, gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten Rat gegen ihn, wie sie ihn umbrächten“ (Verse 9–14).

Während die Pharisäer in den ersten 8 Versen vordergründig die Jünger unter Beschuss nehmen, gehen die Feinde Jesu im zweiten Abschnitt frontal gegen den Herrn selbst vor. Im ersten Fall verstecken sie ihre eigentliche Zielrichtung hinter der Kritik an den Jüngern. Was den Herrn selbst betrifft, ging es im ersten Fall mehr um seine Person, im zweiten steht dagegen mehr sein Werk im Vordergrund. Im ersten Abschnitt standen eigentlich die Jünger unter Beschuss. Jetzt greifen sie Christus selbst an. Der erste Abschnitt findet in den Kornfeldern statt, also in der Schöpfung Gottes, der zweite dagegen im religiösen Zentrum der Juden, in einer Synagoge der Juden. Im ersten Fall tadeln die Pharisäern den Herrn und Er antwortet ihnen. Hier nun fragen sie Ihn, um Ihn anklagen zu können. Die Initiative geht von ihnen aus. Ihre Bosheit steigert sich. Auf seine Antwort und sein Wirken hin wollen sie Ihn umbringen. Da diese beiden Abschnitte in allen drei synoptischen Evangelien aufeinanderfolgen, steht die Belehrung der beiden Ereignisse offensichtlich miteinander in untrennbarer Verbindung.

Wieder ist der Sabbat der Anlass der Anklage. Aber hier finden wir nicht das Essen zum eigenen Nutzen, sondern das Wirken des Herrn zugunsten eines anderen. Wir hatten schon in Verbindung mit den ersten acht Versen gesehen, dass der ursprüngliche Gedanke Gottes in Verbindung mit dem Sabbat Segen und Ruhe war. Warum wirkte Gott dann in der Person des Herrn?

Die Antwort auf diese Frage finden wir in Johannes 5,17, also exakt in den Umständen, die uns auch in Matthäus 12 beschäftigen. Es heißt: „Jesus aber antwortet ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke.“ Der Herr musste wirken, weil die Sünde in die Welt gekommen war und sich auch sein eigenes, irdisches Volk schuldig gemacht hatte. So konnte Gott nicht die ewige Ruhe antreten, von der die Einrichtung des Sabbattages gleichnishaft spricht, sondern musste wirken. Durch die Sünde hat der Mensch den Anteil an der Ruhe Gottes verworfen, die Gott ihm eigentlich zugedacht hatte. Aber Gottes Pläne kommen trotz der Sünde des Menschen zustande. Allerdings war es dazu nötig, dass Gott selbst sozusagen seine Ruhe unterbrach, um für den Menschen tätig zu sein. Dieses Wirken hat seinen Höhepunkt am Kreuz von Golgatha gefunden. Aber in gewisser Hinsicht ist der Herr auch heute noch tätig, bis alle, die sein sind, das Ziel ihrer Lebensreise erreicht haben werden.

Der Mann mit der verdorrten Hand

In der Synagoge trifft Jesus auf einen Menschen mit einer verdorrten Hand. Dieser Mann war nicht einmal in der Lage, Ähren zu pflücken und den Segen Gottes zu genießen. Er konnte nicht mit seinen Händen arbeiten, denn die Hand war verdorrt. So war das Volk Gottes in seinem aktuellen, bösen Zustand nicht in der Lage, den Segen Gottes zu genießen und für Gott tätig zu sein.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten kommen nun mit einer aus ihrer Sicht spitzfindigen und intelligenten Frage: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?“ Was für eine Frage! Ist es gestattet, an einem Tag, den Gott zum Segen geschenkt hat, Segen zu erteilen? Was für eine Bosheit offenbart sich durch diese Frage. Sie selbst waren nicht in der Lage, diesen armen Mann zu heilen. Sie konnten ihm nicht helfen. Und sie wollten es auch nicht. Dieser Mann war ihnen eigentlich gleichgültig. Aber hier gab es den Einen, von dem sie wussten, dass Er heilen konnte, und von dem sie annahmen, dass Er es auch tun würde. Jetzt aber wollten sie Ihm mit Blick auf ihre eigenen Zusatzvorschriften eine Falle stellen, indem sie seine Macht und seine Güte ausnutzten. Oder hofften sie, dass Er etwa auf Kosten dieser seiner Macht und seiner Güte „klein beigeben“ würde?

Offensichtlich hatten sie immer noch nicht gelernt und verstanden, dass der, mit dem sie es zu tun hatten, ihnen weit überlegen war. Sie kannten Ihn nicht. Wir erinnern uns dazu an die Worte des Herrn (Mt 11,27): „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ Christus konnten und wollten die Pharisäer und Führer des Volkes nicht kennenlernen. Aber selbst den Vater im Himmel lernten sie nicht kennen. Denn der Herr offenbarte den Vater nur solchen, die bereit waren, Ihn anzunehmen. Und doch war es auch ihnen gegenüber nichts anderes als souveräne Gnade.

Die Pharisäer legten Wert auf das Einhalten des Sabbats, der Herr legte Wert auf die Erhaltung des Lebens. In den ersten Versen hatten wir gelernt, wie schuldig das Volk war. Hier erkennen wir, dass Christus sich dennoch nicht von seinem Volk abwenden möchte, sondern sogar an dem Tag, der eigentlich ein Ruhetag für Ihn sein durfte, für sie tätig ist, um sie wieder gesund zu machen und zu Gott zurück zu führen. Wenn sie gewollt hätten ...

Die Juden wollten dem Herrn verbieten, am Sabbat tätig zu werden. In diesem Fall gibt der Herr nur eine kurze, aber eindrückliche Antwort. Kein Jude wäre auf die Idee gekommen, sein einziges18 Schaf umkommen zu lassen, das an einem Sabbat in eine Grube gefallen ist. Warum nicht? Weil es sein kostbares Eigentum war! Aber dass dieser arme Mensch in Not war, der eigentlich viel wertvoller ist als ein solches Tier, war ihnen egal. Wenn es also um ihren eigenen Vorteil ging, waren sie durchaus bereit, am Sabbat tätig zu werden. Und war die Anstrengung für die Rettung eines Schafes für die Juden nicht viel größer als die Heilung des kranken Mannes für den Herrn?

Gesetz und Gnade

Die Wunder-Heilung war in den Überlieferungen der Juden nicht vorgesehen. Deshalb gab es im Unterschied zur Rettung beispielsweise von Kleinkindern usw. in den jüdischen Traditionen keine konkrete Vorschrift hierzu. Diesen Umstand wollten nun die Juden nutzen und dem Herrn eine Falle stellen. Er aber zeigt ihnen, dass sie überhaupt nicht begriffen, was der Gedanke Gottes über den Sabbat war. Sie erlaubten manches. Das jedoch, was viel mehr zum Segen der Menschen und damit zum Lob Gottes war, wollten sie verbieten. Sie waren durchdrungen von Eifersucht im Blick auf seine Macht über Satan, über dessen Einflüsse und Autorität. Sie wollten nicht hinnehmen, dass hier jemand vor ihnen stand, der ihnen an Kraft, Autorität und Macht in jeder Hinsicht überlegen war. Was aus ihrer Sicht nicht sein konnte, musste verboten werden. Das führte sie in eine ständige Opposition gegen Ihn, auch wenn es zu Lasten der armen Menschen um sie herum ging. Deren Wohl aber interessierte sie nicht.

Christus besaß ein anderes Herz! Er war gekommen, um für die Schafe sogar sein Leben in den Tod hinzugeben (vgl. Joh 10). Und dann sollte Er diesen armen Mann hier einfach verkrüppelt stehen lassen? Das kam für Ihn nicht in Frage. Denn ein Mensch war, und das bestätigten auch die Juden, viel wertvoller als ein Schaf. So überführt der Herr diese Menschen aus ihren eigenen Überlegungen und Überlieferungen heraus. Gutes wirken und Segen hervorbringen durfte man auch in Israel sieben Tage lang. Wie viel mehr Gott, der die Quelle des Segens und auch der Geber des Gesetzes ist.

Die Wiederherstellung (Israels)

Diese ganze Begebenheit zeigt uns nicht nur, wie die Juden den Herrn behandelt haben. Wir finden zugleich einen erneuten Hinweis auf den Zustand des Volkes Israel und seine Wiederherstellung. Nicht von ungefähr heißt es, dass der Herr in „ihre“ Synagoge ging. Dieser Ort ist geradezu sinnbildlich für das religiöse Israel. Dann wird die Krankheit dieses Mannes betont. Aber „seine“ jüdische „Religion“ konnte ihm nicht helfen. Und an Gott, der sein Volk heilt (2. Mo 15,26), dachte man nicht.

Wir sehen sowohl in den Anklägern des Herrn als auch in dem kranken Mann einen Hinweis auf das Volk Israel. Während der Mann ein Hinweis auf die künftigen Übriggebliebenen ist, die zum Glauben und zur Wiederherstellung geführt werden, stehen die Ankläger für das ungläubige Volk, das der Herr verschiedentlich „dieses Geschlecht“ nennt. Ihr böser Zustand ist unübersehbar.

Ein besonderes Kennzeichen des Volkes Israel bzw. des jüdischen Systems war der Sabbat. Gott hatte ihn gegeben und geheiligt. So ist er ein Sinnbild der Heiligkeit, die Gott selbst kennzeichnet und die Er mit dem Gottesdienst in Israel verbunden hat. Die Pharisäer legten Wert auf das Einhalten des Sabbats, der Herr legte Wert auf die Heiligkeit im Leben. Dafür war Er bereit, auch am Sabbat Segen zu bringen.

Das Volk Israel nun war unfähig, Gott zu dienen (verdorrte Hand). Das traf auch auf den Überrest damals zu, genau wie in künftigen Zeiten. Das ungläubige Volk aber war nicht nur unfähig, es war auch unwillig, den Messias anzunehmen. Das ist das Bild, das der Heilige Geist hier malt. Es gibt nur noch eine Hoffnung für einen wahren Sabbat: dass Christus ihn als Ergebnis seines Werkes auf Golgatha für die Menschen in der Zukunft wieder neu schenken wird, als wahre Ruhe.

Der Herr wendet sich von den bösen und ungläubigen Menschen weg, um sich dem kranken Menschen zu widmen. Er vollbringt das Wunder nicht, ohne den Glauben dieses Mannes zu testen: „Strecke deine Hand aus!“ Jesus fordert immer das Herz und den Glauben eines Menschen heraus, bevor Er ihn heilt. So auch hier. Was für einen Sinn hatte es zu befehlen, eine verdorrte Hand auszustrecken? Das war ja unmöglich. Aber der Herr fordert es – und der Mann hat den Glauben, das auch zu tun.

Wie kann man das erklären? Wir sehen hier das Geheimnis, das auch bei der Bekehrung und der neuen Geburt eines Menschen anzutreffen ist. Gottes Wort unterstreicht, dass der Mensch zu 100% dafür verantwortlich ist, sich zu bekehren (vgl. z. B. Apg 16,31). Andererseits betont die Schrift auch, dass die neue Geburt und der Glaube zu 100% göttliche Gnade sind (vgl. z. B. Eph 2,5.8). Wie aber kann sich ein Mensch bekehren, der sich ja nach Aussagen des Apostels Paulus gar nicht bekehren will (vgl. Röm 3,10–18)? Die Antwort ist: Weil Gott sowohl das Wollen als auch das Tun in seiner souveränen Gnade bewirkt. Gott beginnt also in seiner Herablassung ein Werk in uns – und wir gehorchen dann seinem Wort, indem wir im Glauben das tun, was Er uns sagt. Das ist bei der Bekehrung so und das sehen wir auch bei diesem Mann. Er konnte seinen Arm nicht ausstrecken. Aber weil Gott durch den Herrn Jesus ein Werk in und an ihm vollbrachte, konnte er in dem Augenblick seinen Arm ausstrecken, als er das Wort des Herrn im Glauben verwirklichte.

So wurde die Hand wiederhergestellt und war gesund wie die andere. Es handelte sich somit um eine vollständige Wiederherstellung seiner Hand, nicht nur um eine teilweise Heilung. Zudem lernen wir, dass der Schöpfer in der Lage ist, ein krankes Körperteil wieder genauso herzustellen, wie Er es ursprünglich erschaffen hat.

Ist diese Ausdrucksweise nicht bezeichnend? Wir lesen nichts davon, dass dieser Mann einen Unfall gehabt hätte, der zu dem Verdorren seiner Hand geführt hatte, obwohl das wohl vorausgesetzt wird. Jedenfalls spricht der Geist Gottes von der „Wiederherstellung“ der Hand. Und das wird in allen drei synoptischen Evangelien betont (Mk 3,5; Lk 6,10). Es scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass der Herr schon damals mit dem Wunsch zu seinem Volk gekommen ist, dass dieses Buße tut, um in moralischer Weise wiederhergestellt zu werden. Leider war das Volk der Juden dazu nicht bereit. Daher muss die Wiederherstellung bis heute noch warten. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Übriggebliebenen des Volkes umkehren und ihre Sünden bekennen werden. Auf diesem Weg werden sie wiederhergestellt werden. Dann wird der Herr für sie der sein, „der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten“ (Ps 103,3).

Für diesen Überrest steht, wie gesagt, dieser Mann. Damit dies geschehen kann, muss Elia kommen, der „alle Dinge wiederherstellen wird“ (vgl. Mt 17,11). Die Jünger erwarteten diese Wiederherstellung Israels die ganze Zeit, sogar auch noch nach der Auferstehung des Herrn (Apg 1,6). Und tatsächlich wird das auch so kommen. Das Volk muss durch das Schwert wiederhergestellt werden – also durch Gericht (vgl. Hes 38,8). Dies wird der Herr selbst bewirken als „Wiederhersteller bewohnbarer Straßen“ (Jes 58,12).

Die Reaktion der Pharisäer

Außerordentlich traurig ist die Reaktion der Pharisäer. Sie nehmen dieses Wunder erstmalig zum Anlass, den Herrn umbringen zu wollen. Obwohl der Herr bei dieser Heilung keinerlei „Arbeit“ ausgeführt hat: Er hat lediglich gesprochen! Hier fassen sie den Beschluss, den sie nur wenige Monate später verwirklichen würden. Sie verwerfen Christus und erkennen nicht, dass sie damit ihr eigenes Urteil fällen. Wie böse ist der Mensch, dass er jemand umbringen will, weil dieser Gutes getan hat.

Es ist traurig zu sehen, dass sich die Juden- im Widerspruch zu ihrem eigenen Gesetz – zusammengerottet haben, um Mordpläne gegen ihren Messias zu überlegen. Es wäre zu ihrem eigenen Segen gewesen, wenn sie sich überlegt hätten, inwiefern ihre eigenen Hinzufügungen zu dem Gesetz Gottes „unerlaubt“ und im Gegensatz zu den Gedanken Gottes waren.

Aber Christus lässt sich von seinem Weg in Gehorsam seinem Vater gegenüber nicht abbringen. Er wirkt auch weiter, sogar für dieses Volk. Denn wer könnte den Herrn Jesus in seinem Wirken eingrenzen?

Verse 15 -21: Christus, der Knecht Gottes, sein Auserwählter

„Als aber Jesus es erkannte, zog er sich von dort zurück; und große Volksmengen folgten ihm, und er heilte sie alle. Und er gebot ihnen ernstlich, ihn nicht offenbar zu machen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: ‚Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Gericht ankündigen. Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Straßen hören; ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Gericht zum Sieg führt; und auf seinen Namen werden die Nationen hoffen‘“ (Verse 15–21).

In diesem dritten Abschnitt lernen wir, dass Jesus zwar von den Juden verworfen wurde, bei Gott, seinem Vater, jedoch der Auserwählte, der Geliebte war. Und dessen blieb Er sich auch in Zeiten bewusst, in denen Er auf dieser Erde mehr und mehr abgelehnt wurde. Diese Stelle wird durch den Heiligen Geist wohl deshalb zitiert, damit wir ein genaues Bild davon erhalten, wer der Herr Jesus in Gottes Augen war. Das macht die im weiteren Verlauf ihrem Höhepunkt entgegengehende Verwerfung des Herrn durch die Führer der Juden umso abscheulicher.

Wir bewundern unseren Herrn, dass Er die Mordbeschlüsse seiner Feinde nicht zum Anlass nimmt, sie zu richten und zu vernichten. Er ist mehr als nur Messias und Sohn des Menschen. Er ist Emmanuel, Gott selbst. Als solcher erkannte Er sofort die Absichten der Pharisäer und zog sich von ihnen zurück. Denn seine Stunde war noch nicht gekommen; Er hatte noch ein Werk hier auf der Erde zu verrichten.

Wie bei manchen anderen Situationen nutzen die Volksmengen diese Gelegenheit, um hinter Christus herzulaufen. Matthäus spricht hier von „großen Volksmengen“. Will er damit nicht andeuten, dass zwar die Führer den Herrn ablehnten, sehr viele aber wussten, dass Jesus mehr war als nur ein normaler Mensch? Sie hatten erfahren und wollten weiter erleben, dass Gott in Gnade und durch Wunder bei ihnen war. Leider waren auch diese großen Volksmengen letztlich mehr an dem äußeren Wundertun interessiert als an der Belehrung für ihre Herzen und Gewissen. Dennoch nimmt sich der Herr ihrer an und heilt sie alle. Dem Herrn ging es nie um sich selbst. Sein Herz war bei den Armen, den Kranken, denen Er helfen wollte. „Der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38).

Die Führer des Volkes Israel wollten Christus umbringen. Jetzt war für Ihn der Zeitpunkt gekommen, sein Zeugnis an die Juden mehr und mehr zurückzuziehen. Erneut wollte Er nicht durch seine Zeichen bekannt werden. Ihm ging es nicht um Macht und Autorität, wie es bei den Pharisäern der Fall war. Er wollte schlicht den Willen seines Vaters ausführen. Daher gebot Er den Mengen, Ihn nicht offenbar zu machen. Er tut dies sogar sehr nachhaltig: „ernstlich“. Er wollte seinem himmlischen Vater folgen, der schon im Alten Testament deutlich gemacht hatte, wer sein wahrer Knecht sein würde und wie Er sich verhalten sollte.

Wir können aus diesem 15. Vers noch eine weitere Belehrung ziehen. In Vers 14 haben wir gelesen, dass die Pharisäer Christus umzubringen suchten. Das ist ein Hinweis darauf, was sie später wirklich tun würden. Was ist die Folge davon? Dass Christus seinen Segen nicht nur den Juden, sondern jedem Menschen anbietet. So stehen die großen Volksmengen für alle Nationen, die in den Genuss seines Werkes kommen.

Das Alte Testament zeigt den wahren Knecht Gottes

„Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Gericht ankündigen.“ Passen diese Worte nicht gerade zur Botschaft von Matthäus? Es ist wahr, dass die prophetische Bedeutung des zweiten Teils dieses Verses, so wie Jesaja sie ausdrückt, natürlich weit über die damalige Zeit hinausreicht. Aber der Geist Gottes verwendet hier den Ausdruck für „erfüllt“, der auf eine vollständige Erfüllung hinweist (vgl. die Erklärungen zu Mt 1,22). Das heißt, dass Gott deutlich machen möchte, dass Christus wirklich in dieser Gesinnung und in dieser Weise damals auf die Erde kam.

Eigentlich war Israel der Knecht Gottes (vgl. Jes 49,3). Aber Israel war untreu geworden und hatte sich als unnützer Knecht erwiesen. Da kam Jesus auf die Erde. Gott selbst hat Ihn erwählt, sein Knecht zu sein, ja Ihn sogar selbst gesandt. Aber Christus war nicht einfach ein Knecht Gottes. Er war der Geliebte Gottes. „Mein Geliebter“, das sagt Gott von Ihm und in dieser Absolutheit von Ihm allein.

Gott hatte auch Israel geliebt: „Ich habe euch geliebt, spricht der Herr“ (Mal 1,2). Aber was hat dieses Volk mit dieser göttlichen Liebe gemacht? Sie haben Gott und seine Liebe mit Füßen getreten. Deshalb muss Gott hinzufügen: „Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der Herr der Heerscharen“ (Mal 1,10). Gott spricht mit Abscheu über dieses widerspenstige, ungläubige und ungehorsame Volk.

Und da sieht Er jetzt diesen einen Knecht. An Ihm hat Er Wohlgefallen, denn Jesus Christus hat Ihn in allem verherrlicht. Christus ist seine ganze Freude. Das kann Er nicht verschweigen und öffnete daher mehrfach den Himmel über dieser einen Person. So konnte Er gewissermaßen der ganzen Welt mitteilen, dass Christus sein ganzes Wohlgefallen besitzt. Was für ein Unterschied besteht zwischen Ihm und dem Volk. Dieses findet keinen Gefallen an Christus und muss von Gott verworfen werden. Er dagegen besitzt das Wohlgefallen Gottes, wird aber von seinem eigenen Volk verstoßen.

Aufgrund seiner Widmung an Gott hat dieser seinen Geist auf Ihn gelegt. Das haben wir in Verbindung mit der Taufe schon gesehen. Natürlich wohnte der Geist Gottes von der Zeugung an in Christus, dem Geliebten. Im Bild des Speisopfers bedeutet das, dass Er mit Öl gemengt ist. Aber Gott hat Ihm für seine Aufgabe auch sichtbar den Geist Gottes gegeben. Er hat Ihn gesalbt mit Öl, so dass Er mit der ganzen Autorität Gottes jetzt auch als Mensch zu seinem Volk reden kann. Aber nicht nur zu seinem Volk: „Er wird den Nationen Gericht ankündigen.“ Sein Mund öffnet sich mit Autorität zu allen Nationen. So weitreichend ist sein Einfluss.

Der Messias – für Israel und die ganze Welt

Wieder erkennen wir, dass der Messias in diesem Evangelium nicht nur zu seinem eigenen Volk spricht. Weil sein Volk Ihn verwarf, hat Er von Anfang an auch eine Botschaft an die Nationen. Zweimal werden sie vom inspirierten Schreiber in diesem Abschnitt erwähnt. Ihnen wird Er Recht und Gericht kundtun. Er zeigt ihnen, was die Gerechtigkeit Gottes ist. Er muss auch ihnen Gericht ankündigen, wenn sie nicht zu Gott umkehren und Buße tun. Aber Er hat eine gute Botschaft für sie. Er lädt sie ein, zu Ihm zu kommen. Was ist das für ein Gerichtsurteil für das Volk Israel! Denn Gott hat schon im Alten Testament niederschreiben lassen, dass sich der wahre Knecht Gottes an die Nationen wenden würde.

Der Charakter dieses Knechtes ist bewundernswert. Er hat nichts Lautes an sich. Wenn Menschen heute Gutes tun wollen, dann unter dem Motto: Tu Gutes und rede darüber. Nicht so Christus. Er würde weder schreien noch streiten. Ob wir Gläubigen, die wir alle Diener des Herrn sind, diese Worte beherzigen (vgl. 2. Tim 2,24; Phil 4,5)? Sein Wirken war nicht Beifall erheischend. Er zog nie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich selbst, sondern ging stets in vollkommener Selbstverleugnung voran. Er war demütig, dies aber in der Kraft des Geistes, um das Werk der Liebe Gottes auszuführen. Jemand hat einmal gesagt: „Das Gute macht kein Geräusch, und das Geräuschvolle tut nichts Gutes.“ Hätte Er anders gehandelt, wäre die moralische Wirkung seiner Worte und Wunderheilungen verblasst.

Christus wollte seinem Gott dienen und das Wohl der Menschen suchen. Das hat Er gerade in den Begebenheiten dieses Kapitels wieder bewiesen. Er wirkte zugunsten seiner Jünger. Aber Er vergaß auch die anderen Menschen nicht. So sehen wir Ihn hier zugunsten des Mannes mit der verdorrten Hand tätig und zugunsten der Kranken aus den großen Volksmengen.

Barmherzigkeit sogar gegenüber seinen Feinden

Was gibt es Wertloseres als ein geknicktes Rohr, das niedergetrampelt werden kann? Was ist geringer als ein glimmender Docht, bei dem ein einziger Wassertropfen reicht, um ihn auszulöschen? Für unseren Herrn war das nicht zu gering. Er wollte sich sowohl um das Rohr als auch um den Docht kümmern.

Ein geknicktes Rohr würde Er nicht zerbrechen. Ist dies nicht erneut ein Bild des Zustandes des Volkes Israels? Noch waren sie nicht vollständig „abgerissen“ von Gott. Aber sie befanden sich in einem Zustand, in dem sie bereits abgeknickt waren. Und doch wollte Er nicht den Untergang seines Volkes. Christus war ja gerade gekommen, um das Volk von ihren Sünden zu erlösen (Mt 1,21). Dieses Ziel wollte und würde Er nicht aufgeben, auch nach seiner Verwerfung durch das eigene Volk nicht. Er ging wirklich an das Kreuz; und dort starb Er sogar für sein eigenes Volk, das Ihn an das Kreuz gebracht hatte.

Auch den glimmenden Docht wollte Christus nicht auslöschen. In seinem Volk gab es noch solch einen Docht. Zwar war kein helles Licht mehr vorhanden, wohl aber noch ein kleines Glimmen durch die treuen Übriggebliebenen. Hier würde Er den Docht nicht einfach erlöschen lassen. Christus hätte, um im Bild zu bleiben, mit einem kleinen Windstoß bewirken können, dass das Zeugnis des Volkes für Gott völlig ausgelöscht worden wäre. Aber das entsprach nicht seiner Gesinnung. Er wollte erhalten, aufrichten, wiederbeleben, wiederherstellen. Deshalb war Er gekommen; das würde seine Lebensaufgabe auch weiter bleiben, selbst wenn sie Ihn das Leben kosten würde.

Das Ziel war: das Gericht zum Sieg führen. Das ist ein interessanter Ausdruck. Wie kann Gericht zum Sieg geführt werden? Gericht bedeutet doch Bestrafung oder sogar Vernichtung. So ist es. Aber Gericht hat auch mit dem Ausführen des Rechtes zu tun. Und das ist hier das Recht Gottes. Christus wird dieses Recht, das damals von den Führern Israels mit Füßen getreten wurde, öffentlich zur Geltung bringen. Er wird sicherstellen, dass der Gerechtigkeit Gottes entsprochen wird. Wie wird das geschehen? Indem Er Gericht üben wird über alles, was diesem Recht entgegensteht. Der Herr spricht also von der zukünftigen Zeit, von seinem zweiten Kommen auf diese Erde. Das wird nicht mehr in Demut und Unterordnung stattfinden, sondern in Macht und Herrlichkeit. Dann wird sich alles Ihm unterordnen müssen.

Wie so oft verbindet der Herr also an dieser Stelle sein erstes Kommen mit dem zweiten, das in Demut mit dem in Macht. Manche alttestamentliche Stellen unterscheiden nicht zwischen diesen beiden Ereignissen, weil die christliche Zeit, die dazwischen liegt, unbekannt war. So auch in Jesaja 42. So sehen wir an dieser Stelle in verborgener Weise zugleich etwas von der Liebe unseres Retters. Das Gericht konnte letztlich nur dadurch zum Sieg geführt werden, dass der Richter selbst das Gericht auf sich nahm. Sonst hätte es nie Menschen gegeben, die auf den Wegen des Rechts göttlicher Gerechtigkeit gegangen wären, wie es nicht nur in der heutigen Zeit, sondern auch im 1000-jährigen Friedensreich der Fall sein wird.

Christus würde sich also an die Stelle des zu Richtenden stellen und das ganze Gericht auf sich nehmen und ertragen. Das ist ein Hinweis auf das Kreuz. So würde Er die Grundlage dafür schaffen, dass in künftiger Zeit die Wege des Rechts sogar den Nationen offenstehen werden. Denn die Verwerfung Jesu durch die Juden hat gerade diesen Weg geöffnet: Jetzt wird das Heil allen Nationen verkündigt, wie Gott es Abraham angekündigt hatte. Sie, die nie eine Beziehung zu Gott besaßen (vgl. Eph 2,12), werden sogar auf den Messias Gottes warten und hoffen.

Segen für die Nationen

Darauf weist Matthäus am Ende seines Zitats noch einmal hin. Die Nationen werden einmal erkennen, dass auch für sie nur in Christus Hoffnung auf ein Leben im Segen vorhanden ist. Selbst dafür würde der Herr sterben.

Ob uns immer bewusst ist, dass nur in seinem Namen Hoffnung und Segen vorhanden ist? Christus erfüllt das Herz seines Vaters mit vollkommener Freude. Er möchte uns ausfüllen und unsere völlige Freude sein (vgl. Joh 15,11; 16,24). Und auch uns sollte die Anerkennung Gottes grundsätzlich wichtiger sein als die von Menschen.

Verse 22–30: Ein letztes Wunder vor seiner vollständigen Verwerfung

„Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm; und er heilte ihn, so dass der Stumme redete und sah. Und alle die Volksmengen erstaunten und sprachen: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids? Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus, als durch den Beelzebul, den Fürsten der Dämonen. Da er aber ihre Gedanken kannte, sprach er zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst entzweit ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst entzweit ist, wird nicht bestehen. Und wenn der Satan den Satan austreibt, so ist er mit sich selbst entzweit; wie wird denn sein Reich bestehen? Und wenn ich durch Beelzebul die Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen. Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Und dann wird er sein Haus berauben. Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut“ (Verse 22–30).

Nun kommen wir zum letzten Wunder, das der Herr Jesus nach dem Bericht von Matthäus zugunsten seines Volkes Israel getan hat, bevor die Verwerfung seiner Person vollständig war. Natürlich hat der Herr auch nachher noch Wunder in und für Israel getan. Aber sie tragen einen anderen, neuen Charakter. Noch wendet sich der Herr an sein Volk, um es als Ganzes zu gewinnen.

Diese Begebenheit fand eine ganze Zeit nach dem statt, was wir in den vorigen Abschnitten gesehen haben. Beispielsweise folgt auf Vers 21 die Berufung der 12 Jünger, die Bergpredigt, die Heilung des Knechtes des Hauptmanns (8,5 ff.), die Auferweckung des Sohnes der Witwe in Nain (Lk 7,11 ff.), auch die Frage von Johannes dem Täufer sowie das Gericht der Städte, das wir in Kapitel 11 gesehen hatten.

Der Besessene: Ein Bild des Volkes

Nun wird ein Besessener zum Herrn gebracht. Er trägt drei Kennzeichen: Er ist von Satan besessen und dadurch blind und stumm. Noch einmal finden wir in dieser Person eine bildhafte Beschreibung des Volkes Israel zur Zeit, als der Herr auf der Erde war. Es war von Satan, dem Starken, eingenommen worden (vgl. Vers 29), weil sich das Volk von Gott abgewandt hatte. Dadurch hatte es von sich aus Platz für den großen Widersacher Gottes gemacht. Die Folge dieser Öffnung für den Teufel war, dass das Volk blind war. Es war blind über den eigenen Zustand der Sündhaftigkeit und Bosheit. Es war blind über Gott, den es nicht kannte, selbst als Er in Christus zu seinem Volk kam. Es war blind über die Notwendigkeit, Buße zu tun und den König anzunehmen (vgl. Joh 9,40.41). Es war so blind, dass der Herr diesem Volk seinen Vater nicht offenbaren konnte.

Das Volk war auch stumm. Es war nicht in der Lage, Gott zu loben. Wie hätte auch Gott von solchen unreinen Lippen einen Lobpreis annehmen können? Aber dieses Volk war nicht einmal imstande, ein solches Lob auszusprechen. So war es vollkommen unnütz für Gott, wie das Holz des Weinstocks, das nur durch die Trauben Wert für Gott hatte (vgl. Hes 15,1–5).

Doch der Herr gibt sich mit diesem Zustand nicht zufrieden. Er will heilen – und Er heilt! Noch einmal zeigt Er seinem Volk ein Herz voller Barmherzigkeit, das dem Elend ein Ende setzen möchte. So wird es für das ganze Volk kommen, wenn Christus nach der Aufnahme seiner Versammlung (Gemeinde, Kirche) wieder neu Beziehungen mit seinem Volk eingehen wird. Er wird es heilen und zu Gott zurückbringen.

Dazu war man damals nicht bereit. Wohl finden wir ein Erstaunen der Volksmengen. „Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“ Aber hatten sie nicht inzwischen so viele Zeichen von Ihm erlebt, dass sie nicht hätten fragen, sondern ausrufen müssen: „Dieser ist der Sohn Davids!“? Wir erkennen, dass das Volk, wenn es auch (noch) nicht feindlich gegen Christus steht, jedenfalls nicht in einer Weise zu Ihm steht, dass es Ihn direkt als Messias angenommen hätte. Sie waren zwar blind, aber doch noch in der Lage, sich zu wundern. Immerhin unterscheiden sie sich damit deutlich von ihren Führern.

Der Hass der Führer des Volkes tritt hervor

Diese Bewunderung führt jedoch nur dazu, den Hass der Führer des Volkes, hier der Pharisäer, herauszufordern. „Dieser ...“, was für eine Geringschätzung hört man aus diesem Wort heraus! Diese Menschen konnten das Wunder nicht leugnen. Dazu waren die Dinge zu offensichtlich. Wenn sie anerkannten, dass es durch Gott gewirkt war, hätte es nur eine Konsequenz gegeben: sich dem Herrn Jesus anschließen und Ihn als Messias anerkennen. Jesaja 35,5.6 war ja vor ihren eigenen Augen erfüllt worden. Ist es von ungefähr, dass hier die Fortsetzung des gerade vorher angeführten Zitates aus Jesaja 42 seine Erfüllung findet? „Ich werde dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7).

Aber diese Anführer wollten sich dem Messias nicht öffnen. Ihr Herz war voller Hass gegen Ihn, von dem sie annehmen, dass Er ihnen die Vorrangstellung inmitten des Volkes streitig machte. So lassen sie sich durch Satan dazu verführen, ihre Anklage zu wiederholen, die wir schon in Kapitel 9,34 ein erstes Mal gelesen haben: „Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Jetzt sind sie noch härter: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Fürsten der Dämonen.“ Sie lassen keine Alternative mehr zu. „Gott mit uns“ steht vor ihnen – und sie werfen Ihm vor, von dem Obersten der Dämonen erfüllt zu sein! Dabei war sein Handeln geradezu der Beweis seines Sieges über den Teufel.

Dieses Mal übergeht der Herr diese Bosheit nicht mehr. Auch wenn die Pharisäer diese Worte nicht öffentlich ausgesprochen haben, widersteht Christus ihnen jetzt ins Angesicht. Durch diese Lästerung besiegeln die Pharisäer ihren eigenen Zustand und bewirken ihr eigenes, endgültiges Gericht vonseiten Gottes.

Ginge es um Ihn selbst, hätte Er geschwiegen, wie Er es sogar am Kreuz getan hat. Aber es ging um die Ehre dessen, der sich hier nicht öffentlich verteidigen konnte: des Heiligen Geistes. Zudem war es nach Kapitel 9,34 bereits das zweite Mal, dass sie die Wunder, die Er in der Kraft des Heiligen Geistes tat, Satan zuschrieben. Damit war ein vollständiges Zeugnis ihrer Bosheit gegen den Geist Gottes gegeben. So bezieht der Herr Stellung. Gleichzeitig zeigt Er, dass er nicht nur der wahre Messias ist, sondern Gott selbst. Denn obwohl sie ihre Gedanken nicht offen ausgesprochen hatten, waren diese vor Ihm nicht verborgen. Er stellt diese bösen Menschen daher zur Rede. Erneut staunen wir, dass der Herr auf sehr sachliche Weise argumentiert, allerdings nicht, ohne zugleich schon hier das Gericht anzudeuten:

Die vollkommene Argumentation des Herrn

  1. Zunächst zeigt der Herr die Absurdität des Argumentes auf. Wenn Er die Dämonen durch ihren Fürsten austriebe, so wäre das Reich der Dämonen entzweit. Selbst im irdischen Bereich würde sich eine Gruppe von vernünftigen Personen nicht gegenseitig entzweien. Es wäre der Untergang der ganzen Gruppe. Waren diese Pharisäer wirklich der Meinung, dass Satan derart dumm ist? Er tritt doch nicht gegen seine eigenen Untertanen auf, die ihm zu Diensten stehen und seine Befehle ausführen.
  2. In Vers 26 geht Jesus noch weiter. Er zeigt, dass ein solches Vorhaben letztlich nicht nur ein Affront gegen Untergebene wäre, sondern dass Satan dann eigentlich gegen sich selbst aufstehen würde. Wie könnte er seine Machtstellung bewahren, wenn er gegen seine eigenen Ziele, ja gegen sich selbst aufstünde?
    Wir lernen aus diesem Vers im Übrigen manches über Satan. Er ist eine Person, nicht einfach eine Idee. Er hat ein Königreich und viele Untergebene. Die Dämonen sind sein Königreich. Wie wenig wissen wir von dieser schrecklichen Macht, von seinem Königreich, von seinen Agenten, die ihm zur Verfügung stehen und seine Aufträge ausführen, um das Leben von Menschen zu zerstören. Es ist gut zu wissen, dass diesem Feind am Kreuz der Kopf zermalmt worden ist und es sich daher um einen besiegten Feind handelt.
  3. Der Herr hat ein weiteres Argument. Auch „eure Söhne“ hatten Wunder bewirkt. Der Herr spricht hier nicht von seinen eigenen Jüngern, die in seinem Namen Dämonen ausgetrieben hatten. Denn die Pharisäer hätten diese ja in gleicher Weise angeklagt. Tatsächlich lesen wir von einer ganzen Anzahl, die als Nachfolger des Herrn Dämonen ausgetrieben hatten. Sie alle standen damit gewissermaßen unter derselben Anklage dieser Führer Israels. Man denke an den Mann, der nach Lukas 9,49 Dämonen austrieb und kein direkter Jünger des Herrn war. Auch er war offenbar ein Jude. Man kann auch an die 70 denken, von denen in Lukas 10,17 die Rede ist und die ebenfalls Dämonen ausgetrieben haben. Der Herr stand also bei weitem nicht allein da. Aber noch einmal: Auf die beruft Er sich vermutlich nicht, obwohl Er es hätte tun können.
    Nein, hier spricht der Herr von „euren Söhnen“. Aus Apostelgeschichte 19,13 wissen wir, dass es damals schon Exorzisten gab, die sich in Geisteraustreibung übten. Aus den Worten Jesu können wir schließen, dass es eine Anzahl solcher Austreiber auch unter den Jüngern (Nachfolgern, also Söhnen) der Pharisäer gab. Durch wen hatten diese Menschen Dämonen ausgetrieben? Wenn die Pharisäer behauptet hätten, dass „ihre Söhne“ dies nicht durch Beelzebul getan hatten, dann hätten sie sich dem Vorwurf ausgeliefert, mit zweierlei Maß zu messen. Also blieb ihnen eigentlich nichts anderes übrig, als gegen ihre eigenen Schüler aufzustehen, um auch sie anzuklagen, im Namen des Teufels tätig gewesen zu sein. Aber wollten sie das tatsächlich? Das wäre absurd, und das wussten die Pharisäer auch.
    Die Worte Jesu an dieser Stelle bedeuten übrigens nicht, dass diese Geistesaustreiber wirklich erfolgreich waren. Aus Apostelgeschichte 19 wissen wir, dass sie das offensichtlich nicht (immer) waren. Jedenfalls gaben sich die Söhne der Pharisäer als solche Exorzisten aus – und damit griffen die Pharisäer mit ihren Worten letztlich sich selbst an. So war die Frage des Herrn geradezu göttliche Ironie und zeigte, dass der Angriff der Pharisäer auf sie selbst zurückfiel. Sie hatten sich sozusagen in eine Sackgasse begeben.
  4. An dieser Stelle spricht der Herr auch von Gericht. „Sie werden eure Richter sein.“ So trifft das Argument, das der Herr in den Versen 25.26 im Blick auf Satan und seine Dämonen vorgestellt hat, hier die Pharisäer und ihre Jünger: Ihr Haus war mit sich selbst entzweit. Ihr ganzer Einfluss (Königreich) war zerstört. Und die Ironie der ganzen Sache: Ihre eigenen Kinder und Nachfolger, die ihnen doch hörig sein sollten, wurden zu ihren Richtern. Denn sie wären sicher nicht bereit, sich den Vorwurf gefallen zu lassen, sie würden im Namen Satans handeln. So hatten sich die Pharisäer in ihren unverschämten Angriffen auf den Herrn total isoliert.
  5. Auch damit beendet der Herr seine Argumentation noch nicht. Er zeigt, dass es nur eine Lösung geben kann, wenn man das vorherige verstehen will: Christus treibt die Dämonen durch den Geist Gottes aus, durch Gott selbst. In Lukas 11,20 spricht der Herr Jesus in diesem Zusammenhang davon, dass es der „Finger Gottes“ war, durch den Er handelte. Gott selbst war in seiner Person anwesend und wirksam. Und wenn es Gott war, der in Ihm wirkte, dann war das Königreich Gottes zu den Juden gekommen. Denn dieses Reich bekam seinen Charakter, seine Prägung durch Gott selbst. Gott hatte im Alten Testament angekündigt, sein Volk zu besuchen. Jetzt war Er da – also musste das Königreich seinen Anfang genommen haben! Was für eine Anklage war das für die Juden. Gott war in Christus bei Ihnen, und sie sagten: Dieser Gott ist Satan!
    Es fällt auf, dass Matthäus hier nicht von dem Königreich der Himmel, sondern vom Reich Gottes spricht. Hier geht es nicht um Regierung, sondern um den moralischen Charakter des Königreichs. Gott selbst war hier, denn es war ein göttliches Reich. So exakt ist Gottes Wort an jeder Stelle!
    Während heidnische Zauberer Gottes Handeln in „Gottes Finger“ erkannten (2. Mo 8,15), schrieben die Führer des irdischen Volkes Gottes dieses Wirken Satan zu. Daher war Gericht die einzig mögliche Antwort Gottes auf ihre Lästerung.
  6. Der Herr Jesus verwendet noch ein Gleichnis, um seine Gedanken zu unterstreichen. Er spricht von einem Haus, das einem Starken gehört und das von einem Stärkeren beraubt wird. Wovon spricht das Haus? Man hat es mit einem Menschen verglichen (vgl. 2. Kor 5,1) und bezieht sich dann zum Beispiel auf den Besessenen, den der Herr soeben geheilt hat. Wir müssen allerdings bedenken, dass der Herr ja nicht einen Teil des Menschen, seinen „Hausrat“ beraubt hat, sondern den ganzen Menschen geheilt hat. In diesem Sinn wäre Satan das ganze Haus geraubt worden – davon aber scheint Er hier nicht zu sprechen.
    Allgemein könnte man sagen, dass das Haus Satans sein Machtbereich ist, über den er als Gott dieser Welt herrscht (vgl. 2. Kor 4,4). In diesen Bereich ist der Herr durch seine Menschwerdung hineingekommen. Im Zusammenhang des Matthäusevangeliums kann man zudem daran denken, dass Jesus das Volk Israel mit einem Haus vergleicht. Denn tatsächlich ließen sich nur einige des Hauses Israel vom Herrn Jesus retten, nicht alle.
    Beides kann man unter dem Haus des Starken verstehen. Offenbar nennt der Herr Satan einen Starken. Denn der Teufel ist der „Fürst dieser Welt“ (Joh 12,31). Er ist der Weltbeherrscher dieser Finsternis (vgl. Eph 6,12). Stellen wir uns diese Ernüchterung für die Juden vor: Sie meinten, nicht nur die Führer Israels sondern der geistlichen Welt überhaupt zu sein. Und hier sagt ihnen der Herr, dass sie zum Haus des Starken, des Teufels gehören. Nicht sie sind die Führer, sondern Satan. Später würde Er sie noch Otternbrut nennen (Vers 34), direkte Nachkommen Satans. Der Zustand des Volkes war so, dass es viele Besessene dort gab. In diesem Sinne gehörten sie alle zum Hausrat dieses Teufels.
    Aber wie konnte man diesen Hausrat dem Teufel entreißen? Durch den Teufel selbst? Das wäre nicht nur unlogisch, sondern absurd. Man kann doch den Teufel nicht durch den Teufel berauben! Nein, man muss zunächst den Starken binden, um seinen Besitz wegnehmen zu können. Das hatte der Herr getan. In Verbindung mit den drei Versuchungen (Mt 4,1–11) hatte der Herr Satan das erste Mal besiegt und gebunden. Er hatte Satan die Freiheit des Wirkens genommen. Und dann hat Er begonnen, den Hausrat Satans zu rauben. Einen Menschen nach dem anderen, der besessen, und dadurch blind, stumm, taub oder krank war, hat Er von Dämonen befreit. Ein Beutestück nach dem anderen musste der Starke freigeben. Was für ein Triumph der Barmherzigkeit Gottes!
    Aber der finale Sieg über Satan stand hier noch aus! Das geschah am Kreuz, als der Herr Satan nach der ersten Weissagung der Schrift (dass der Same der Frau dem Samen der Schlange den Kopf zermalmen würde) überwand und einen endgültigen Sieg über diesen Starken errang. Der Starke, denn Satan hatte gewaltige Macht, hatte einen Stärkeren gefunden. Christus hat dem, der die Macht des Todes besitzt, diese Macht entrissen, indem Er selbst den Tod erduldet hat (vgl. Heb 2,14.15).
    Schon im Alten Testament war das Binden des Starken angedeutet worden. „Sollte wohl einem Helden die Beute entrissen werden? Oder sollten rechtmäßig Gefangene entkommen? Ja, so spricht der Herr: Auch die Gefangenen des Helden werden ihm entrissen werden und die Beute des Gewaltigen wird entkommen. Und ich werde den bekämpfen, der dich bekämpft; und ich werde deine Kinder retten“ (Jes 49,24.25).19 Das hat der Herr während seines Lebens und endgültig durch sein Sterben bewirkt. Zur Aufrichtung des 1000-jährigen Reiches wird der Herr wieder mit Macht gegen Satan und seine Werkzeuge vorgehen (vgl. 2. Thes 2,8).
    Man kann sich gut vorstellen, dass Christus hier kurz innehielt, um zu sehen, ob es vielleicht doch eine Reaktion unter diesen Menschen gab, in dem Sinn: „Du bist Christus, der Sohn Gottes.“ Aber darauf musste der Herr hier vergeblich warten. Man wollte Ihn nicht. So muss der Herr eine Entscheidung verlangen. Denn mit einer Halbherzigkeit kann Er sich nicht zufrieden geben.
  7. Am Ende dieses Abschnitts macht der Herr den Pharisäern noch die Konsequenz aus seinem Handeln klar. „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.“ In Markus 9,40 und Lukas 9,50 finden wir einen sehr ähnlichen Ausspruch, der jedoch eine andere Stoßrichtung hat: „Denn wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Das passt zu einem Diener und zu dem abhängigen Menschen. Er wollte sich nicht in den Vordergrund drängen. Er freute sich über jeden Dienst, der für Gott getan wurde. Da mochten Menschen nicht mit Ihm und seinen Jüngern unterwegs sein. Aber wenn sie nicht gegen den Herrn agierten, so waren sie letztlich für Ihn und daher vor Gott nützlich. Denn Gott ist souverän, Kraft für den Dienst zu verleihen, wem Er will. Er kann diese Wirksamkeit auch Gläubigen geben, die sich äußerlich in einer falschen Stellung befinden.
    Hier in Matthäus 12 geht es aber um eine andere Sache. Wer sich nicht auf die Seite des Messias stellen wollte, der inzwischen der verworfene König war – und die Pharisäer lehnten das ab – hatte keinen Platz im Königreich Gottes. Er war gegen Christus und damit in den Augen des Herrn und in den Augen Gottes in einem bösen Zustand. Damit verlor er jeden Segen, jeden Anspruch im Blick auf den Messias. Eine solche Person sammelte nicht für Gott, sondern zerstreute. Das war ein Werk der Verwüstung, das im Widerspruch zu Christus und seinem Wirken stand. Daher wollte es der Herr verhindern.
    Diese Pharisäer nahmen einen sehr verhängnisvollen Platz ein! Denn was für eine Hoffnung gibt es für jemanden, der sich gegen Christus stellt? Der dafür sorgt, dass die Kinder Gottes zerstreut werden? Für ihn gibt es nur Gericht!
    Diese Konsequenz ist bis heute wahr. Wer es bewusst ablehnt, sich auf der Seite des Herrn zu engagieren, zerstreut und behindert das Werk Gottes. Es gibt nur zwei Seiten: die des Herrn und die Satans. Das sollten wir nicht vergessen. Der Herr malt hier ein schwarz-weißes Bild. Das ist auch in den Folgeversen wieder der Fall. Aber dieses Aufzeigen von deutlichen Kontrasten erleichtert es dem Zuhörer, sich wirklich entscheiden zu können.

Verse 31–50: Die Verwerfung des Herrn führt zum Gericht über das Volk

In diesen Versen offenbart der Herr in einer bestechenden Klarheit, dass sich die Pharisäer der Lästerung des Heiligen Geistes schuldig gemacht haben. In Kapitel 9 hatten sie das bereits getan, aber der Herr war in seiner Barmherzigkeit darüber hinweggegangen. In Kapitel 12,24 wiederholten sie diese Sünde jedoch noch einmal. Jetzt bewies der Herr, dass es unmöglich Satan sein konnte, in dessen Name Besessene geheilt wurden. Damit lässt Er es aber nicht bewenden. Er kommt nun dazu, den Pharisäern zu zeigen, was für eine schreckliche Sünde sie mit diesem Vorwurf an Gott und dem Herrn begangen hatten. Sie war in ihrem Ausmaß und ihrer Motivation so weitreichend, dass der Herr ewiges Gericht damit verbinden muss.

Verse 31–37: Die Lästerung des Geistes

„Deshalb sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden; aber die Lästerung des Geistes wird den Menschen nicht vergeben werden. Und wer irgend ein Wort redet gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden – weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen. Entweder macht den Baum gut und so seine Frucht gut, oder macht den Baum faul und so seine Frucht faul; denn an der Frucht wird der Baum erkannt. Ihr Otternbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz Böses hervor. Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden“ (Verse 31–37).

Der Auftakt dieser Worte mag uns nicht besonders auffallen. Aber er zeigt den gewaltigen Reichtum der Gnade Gottes (vgl. Eph 1,7). „Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden.“ Der Herr verdeutlicht, dass die Gnade Gottes so reich und weitreichend ist, dass es für jede Sünde die Möglichkeit der Vergebung gibt. Er verweist hier nicht auf den Weg, auf dem diese Gnade geschenkt wird. Aus anderen Stellen wissen wir, dass der Mensch seine Sünden bekennen muss, um Vergebung zu erhalten (vgl. 1. Joh 1,9). Das muss von Herzen geschehen und wird eine Auswirkung in seinem Leben haben. Aber Christus ist am Kreuz im Hinblick auf jede Sünde gestorben. Sie mag in den Augen der Menschen groß oder klein sein, handle es sich um Mord oder Lüge, Unzucht oder Diebstahl, egoistisches Handeln oder Neid. Wer zum Herrn mit der Bitte um Vergebung kommt, wird von Ihm angenommen. Jede Art und Kategorie von Sünde ist in diese Vergebungsbereitschaft Gottes eingeschlossen.

Doch gibt es eine Ausnahme: „Aber die Lästerung des Geistes wird den Menschen nicht vergeben werden.“ Offenbar ist diese Sünde in den Augen Gottes derart abscheulich, dass Er dafür keine Vergebung anbieten kann. Dabei halten wir zunächst fest, dass Gott vollkommen gerecht ist. Wenn Er also diese eine Sünde besonders herausstellt, dann ist das gerecht und hat einen tiefen Grund.

Im Alten Testament hat Gott zwischen „Sünden aus Versehen“ (vgl. z. B. 3. Mo 4,2) und „Sünden mit erhobener Hand“ (vgl. 4. Mo 15,30) unterschieden. Für die erste Art von Sünden gab es ein Opfer und damit Vergebung, für die zweite dagegen nicht. Diese Unterscheidung zwischen zwei Arten von Sünden finden wir im Neuen Testament so nicht mehr. Dort heißt es (bis auf die hier genannte Blasphemie) an keiner Stelle, dass eine bestimmte Art von Sünde von Gott nicht vergeben würde. Allerdings kann der (christliche) Mensch bewusst gegen Gott rebellieren oder von Gott abfallen. Die Sünde mit erhobener Hand entspricht dann dem, was der Schreiber des Hebräerbriefes in Kapitel 10,26 sagt: „Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrigen, sondern ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird.“ Es geht dort um Menschen aus dem Judentum, welche die großartigen und eindrucksvollen Wirkungen des Heiligen Geistes in der Anfangszeit erlebt haben und sich daraufhin zum Christentum bekannten. Wenn sich ein solcher nun wieder vom Christentum lossagte, um in das Judentum zurückzukehren, gab es für ihn keine Hoffnung mehr. Wodurch sollte sein Gewissen jetzt noch erreicht werden? Ähnliches gilt für das Abfallen von der christlichen Wahrheit in der Endzeit, von der Judas schreibt (vgl. Jud 10–13).

Allerdings finden wir noch eine besondere Anwendung dieser Differenzierung durch den Herrn am Kreuz. Seine Kreuzigung war vonseiten der jüdischen Führer sicherlich eine „Sünde mit erhobener Hand“. Denn sie brachten Ihn ganz bewusst und mit voller boshafter Absicht ans Kreuz. Durch die Bitte des Herrn jedoch, „vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, verwandelte Gott diese Sünde in eine „Sünde aus Versehen“. Mit anderen Worten: Durch diese Bitte ermöglichte unser Herr – gerade derjenige, der von den Juden voller Hass ans Kreuz geschlagen wurde –, dass Gott dem Volk vergeben kann. Nur auf der Basis dieses Gebets kann Gott „sein Volk“ in künftigen Tagen wieder neu als „sein Volk“ annehmen.

Gott hatte also schon im Alten Testament zwischen Sünden unterschieden, was die Möglichkeit der Vergebung für diese Erde betrifft. Das erklärt aber noch immer nicht diesen dramatischen Unterschied, den der Herr in Matthäus 12 zwischen Sünden zieht: Warum gibt es eine Sünde, für die keine Vergebung möglich ist, nicht einmal im Blick auf die Ewigkeit? Was ist an ihr so eklatant böse, dass Gott sie nicht vergibt?

Christus – der Heilige Geist

Das Besondere an dieser Sünde wird zusätzlich durch einen zweiten Satz des Herrn unterstrichen: „Wer irgend ein Wort redet gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden.“ Das heißt: Selbst ein Reden gegen die Person des Herrn Jesus Christus lässt den Weg der Umkehr und Bekehrung, der Vergebung, offen. Das aber trifft nicht zu auf ein Reden gegen den Heiligen Geist. Den zu lästern, durch den allein die Bekehrung im Herzen eines Menschen bewirkt wird, bedeutet, sich in eine hoffnungslose Lage zu bringen. Denn man verschließt sich damit die einzige Tür zur Errettung, die existiert. Nur durch das Wirken des Heiligen Geistes wird ein Mensch zur Bekehrung geführt. Ohne den Geist Gottes gibt es keine neue Geburt.

Eine Erklärung für die Einzigartigkeit dieser Sünde finden wir in Markus 3,30: „Wer aber irgend gegen den Heiligen Geist lästert, hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig – weil sie sagten: Er hat einen unreinen Geist“ (Verse 29.30). Der Herr Jesus hatte von sich gesagt, dass Er „die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe“ (Mt 12,28). Wir haben gesehen, dass Lukas die Austreibungskraft des Herrn als „den Finger Gottes“ bezeichnet.

Der Herr sich hätte wehren können, als Er angegriffen wurde. Wir wissen, dass Er das nicht getan hat, weil Er alles seinem Vater übergab. Aber der Geist Gottes war nicht in leibhaftiger Gestalt auf der Erde, sondern wohnte in dem Herrn Jesus. In diesem Sinn konnte Er sich selbst nicht verteidigen. Wenn Er nun als Beelzebul bezeichnet wurde, obwohl sein Wirken immer vollkommen göttlich war, musste Er das stumm über sich ergehen lassen. Gott aber lässt es nicht zu, dass Er, der von 1. Mose 1,2 an zugunsten des Menschen auf der Erde wirkte und jetzt in der Person des Herrn auf der Erde wohnte, ungestraft verlästert wurde.

Wie hätte Gott hinnehmen können, dass der Geist Gottes als ein unreiner Geist bezeichnet wurde (Mk 3,30)? Dass das, was göttlich war, unrein genannt wurde? Dass das, was vollkommen rein war, unrein sein sollte, und zwar eine Person – der Heilige Geist – der nicht hörbar in diese anmaßende Verurteilung eingreifen konnte? Christus hätte sich öffentlich verteidigen können. Auch der Vater hatte seine Stimme schon erschallen lassen (Mt 3,17). Aber der Heilige Geist war der „dienstbare Geist“, der wirkte, aber nicht in der Öffentlichkeit auftrat. Daher war diese boshafte Verleumdung seiner Person und seines Wirkens so schlimm.

Wir müssen zudem bedenken, dass die Kraft und Reinheit des Geistes Gottes im Herrn Jesus vollkommen sichtbar wurde. Das unterscheidet Ihn von uns. Denn im Leben eines Christen wird Richtiges immer wieder mit Versagen vermischt, auch wenn der Heilige Geist in uns wohnt. Bei uns kann man den Heiligen Geist leider nicht in dieser reinen und offensichtlichen Form erkennen. Bei Ihm war das aber bei jedem Schritt, bei jedem Wort, bei jeder Tat und ganz besonders bei jedem Wunder anders. Alles war göttlich vollkommen, gewirkt durch den Heiligen Geist. So zeigt der Herr Jesus die Konsequenz dieser Art von Sünde: Es gibt keine Vergebung für das böse Reden der Pharisäer.

Bevor wir den weiteren Worten des Herrn Jesus zuhören, möchte ich noch auf zwei Fragen eingehen:

  1. Ist die Lästerung des Geistes gleichzusetzen mit der Sünde gegen den Geist Gottes?
  2. Ist die Lästerung des Geistes heute in dieser Form noch möglich?
a) Lästerung = Sünde gegen den Geist Gottes = Sünde zum Tod?

Das Thema der Lästerung des Geistes Gottes hat schon viele Gläubige beunruhigt. Habe ich nicht diese Sünde schon einmal begangen, als ich in ungeziemender Weise von Gott, dem Heiligen Geist gedacht oder gesprochen habe? Habe ich nicht schon gegen Ihn gesündigt?

Dazu ist zu sagen, dass jede Sünde, die ein Mensch begeht, eine Sünde gegen den Heiligen Geist ist. Denn jede Sünde ist eine Sünde gegen Gott; und der Heilige Geist ist Gott. Insofern richtet sich jede Sünde eines Menschen auch gegen den Heiligen Geist. Davon ist aber an dieser Stelle überhaupt nicht die Rede. Hier geht es nicht einfach um eine Sünde gegen den Heiligen Geist, sondern um die Lästerung des Geistes, also dass man Ihm böse Dinge zuschreibt in dem vollen Bewusstsein, dass dies nicht wahr ist.

Andere haben an die Sünde von Ananias und Sapphira gedacht. „Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen ... hast?“ (Apg 5,3). Hier geht es in der Tat um eine ganz besondere Sünde. Johannes spricht in seinem Brief von der „Sünde zum Tod“ (vgl. 1. Joh 5,16.17). Es ist eine Sünde, die in den Augen Gottes so eklatant ist, dass Er einen solchen Gläubigen nicht mehr als Zeugen hier auf der Erde gebrauchen kann. Ein solcher Gläubiger erleidet unter der Zucht des Vaters den physischen Tod. Er ist dann aber im Paradies Gottes, denn es handelt sich um ein Kind Gottes. In Matthäus 12 dagegen muss jemand, der die Lästerung des Geistes begangen hat, den ewigen, den zweiten Tod erleiden. Das ist die Hölle!

b) Ist die Lästerung des Geistes heute noch möglich?

Ein zweiter Punkt hat viele Christen beschäftigt: Ist die Lästerung des Geistes Gottes heute noch möglich? Manche Christen leben mit der ständigen Angst, sie könnten diese Sünde begangen haben oder noch begehen. Dabei wollen wir uns die Worte des Herrn in unserem Evangelium einmal genau anschauen: „Wer gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden – weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen.“

Der Herr Jesus bezieht sich somit auf zwei konkrete Zeiträume: ein aktuelles Zeitalter und ein zukünftiges. Wir haben bereits verschiedentlich gesehen, dass Matthäus immer wieder von verschiedenen Haushaltungen spricht, also Zeitepochen, in denen Gott in bestimmter Weise mit den Menschen handelt.

Was bedeutet „dieses“ und das „zukünftige“ Zeitalter?

Viele Ausleger glauben, dass sich „dieses Zeitalter“ auf die Zeit bezieht, in der Gott mit dem Menschen auf der Basis des Gesetzes vom Sinai handelte. In dieser Zeit des Alten Testaments aber war Gott in seiner Dreieinheit – Vater, Sohn, Heiliger Geist – gar nicht offenbart. Wie sollte man daher in dieser Zeit gegen den Heiligen Geist reden und damit die Lästerung des Geistes begehen können?

Daher verstehen andere unter „diesem Zeitalter“ die begrenzte Zeit, in welcher der Herr Jesus hier auf der Erde lebte. In dieser Zeit gab es für diese Sünde keine Vergebung. Warum nicht? Weil Gott in Christus jetzt selbst auf der Erde war, die Welt mit Gott versöhnend (2. Kor 5,19).

Wer dieses vollkommene Angebot mit einer Lästerung des Geistes beantwortete, für den gab es nur noch Gericht! Denn damals wirkte der Geist Gottes, durch den jedes von Gott anerkannte Werk vollbracht wird, in einer vollkommenen und Gott zu 100% verherrlichenden Weise in Christus. Allein bei Ihm gibt es keine Beimischung von falschen Motiven und fleischlichen Elementen, wie wir gesehen haben, denn Er besaß keine alte, sündige Natur.

Dann stellt sich die Frage, was mit dem zukünftigen Zeitalter gemeint ist. Ist es die heutige Gnadenzeit, die damals noch zukünftig war, in der wir aber heute leben? Das kann nicht gemeint sein. Denn wir lesen beispielsweise in Hebräer 6,5: „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“. Dieses Zeitalter war also offenbar auch zur Zeit der (ersten) Christen immer noch zukünftig. Es bezieht sich auf die Zeit, wenn der Herr auf diese Erde zurückkehren wird (vgl. auch 1. Pet 1,11–13). Davon hatte der Herr schon in Kapitel 10,22.23 gesprochen. Er würde als Sohn des Menschen noch einmal auf die Erde kommen. In Kapitel 24,30.31 erläutert Er diese Erscheinung in ausführlicherer Form.

Es fällt auf, dass derselbe Ausdruck20, den der Herr Jesus in unseren Versen verwendet, an einer anderen, interessanten Stelle auftaucht: „Und er [Gott] setzte ihn [Christus] zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern, über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und hat alles seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,20–23).

Diese Stelle sollte uns wachsam machen, nicht immer automatisch darauf zu schließen, dass wenn ein Wort an verschiedenen Stellen vorkommt, damit immer dasselbe gemeint ist. Aber zumindest fällt auf, dass Gott hier zweimal von einem aktuellen und einem zukünftigen Zeitalter spricht. In Epheser 1 ist deutlich, dass „dieses Zeitalter“ das Zeitalter der Gnade ist, das mit der Verherrlichung des Herrn zur Rechten Gottes begonnen hat. Das zukünftige wiederum ist das des 1.000-jährigen Friedensreiches.

Während aber der Apostel Paulus vom Segen in zwei Zeitaltern spricht, weist der Herr Jesus in Matthäus 12 auf die Verantwortung in den dort genannten zwei Zeitaltern hin. Sowohl damals als auch in der Zeit des 1.000-jährigen Friedensreichs ist der Herr Jesus persönlich anwesend. Genau das meint Er an dieser Stelle. Wer dann das fehlerlose, vollkommen durch den Heiligen Geist bewirkte Handeln des Herrn Satan zuschreibt, lästert den Heiligen Geist, der nicht öffentlich in Erscheinung tritt. Er begeht die Lästerung, von welcher der Herr Jesus sagt, dass sie nicht vergeben werden kann. Denn die leibhaftige Gegenwart des Herrn ist etwas Besonderes (vgl. Lk 10,24), und in der Wirksamkeit des Geistes Gottes unvergleichlich.

Warum nennt der Herr diese beiden Zeitalter? Weil es diejenigen sind, in denen das Volk Israel als Volk Gottes existiert. In der heutigen Zeit gibt es dieses Volk unter diesem Charakter nicht. Aber in der Zeit, in der es bezeugt, eine Beziehung zu Gott und seinen Messias zu haben, steht es auch unter entsprechender Verantwortung. Wenn ein Jude bzw. Israelit dann das Wirken des Geistes Gottes im Herrn Jesus, dem Messias Israels und Sohn Gottes, Satan zuschreibt, gibt es keine Vergebungsmöglichkeit.

Markus 3,28–30

Nun ist es notwendig, auch noch Markus 3,28–30 anzusehen. Das ist dieselbe Begebenheit, die in Matthäus 12 behandelt wird. Markus schreibt, ebenfalls inspiriert durch den Heiligen Geist: „Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Söhnen der Menschen vergeben werden, und die Lästerungen, mit denen irgend sie lästern mögen; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist lästert, hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig – weil sie sagten: Er hat einen unreinen Geist“ (Mk 3,28–30).

Markus stellt diese Belehrung des Herrn also nicht in den Zusammenhang von Epochen (dieses Zeitalter, das künftige), wie Matthäus es tut. Er verbindet sie vielmehr damit, dass diese Führer in Israel dem Herrn Jesus einen unreinen Geist, einen Dämon, zuschrieben. Dabei ist zu bedenken, dass Markus die Belehrungen des Herrn im Allgemeinen grundsätzlicher und nicht allein auf das Volk Israel bezogen niederschreiben sollte. Er behandelt nicht das Schuldopfer, das der Herr Jesus gerade im Blick auf das Volk Israel gewesen ist, sondern das Sündopfer, was tiefer und weiter geht. Er ist auch nicht so sehr auf das Volk Israel fokussiert, sondern hat von Beginn an einen weiteren Blickwinkel.

Die Ausdrücke, die der Herr nach dem Markusevangelium verwendet, sind absolut und ausnahmslos. Die „Menschen“ (Matthäus) werden hier „Söhne der Menschen“ genannt. Dieser Titel kommt wohl nur noch in Epheser 3,5 vor, wo er auch in umfassender Weise benutzt wird für alle Nachkommen der Menschen, ohne Ausnahme. Auch das Ausmaß der Strafe ist umfassend: keine Vergebung in Ewigkeit, ewiger Sünde schuldig. Das heißt, dass es für ihn nie Vergebung dieser Sünde geben kann – nicht in Ewigkeit. Daher trägt diese Sünde einen Ewigkeitscharakter.

Warum spricht der Herr im Markusevangelium in so absoluter Weise? Die Antwort mag darin liegen, dass die Sünde dort noch viel weitergehender ist als das, was wir in unserem Evangelium sehen. Im Matthäusevangelium lesen wir, dass die Pharisäer Christus vorwerfen, durch Satan (also in der Kraft Satans) die Dämonen auszutreiben. Im Markusevangelium dagegen lesen wir darüber hinaus noch, dass sie von dem Herrn sagen, dass Er von einem Dämon besessen sei (Mk 3,30). Das geht noch weiter. Denn damit sagen diese Menschen direkt: Derjenige, der in Ihm wohnt – der Heilige Geist – ist Satan selbst. Nicht nur die Wirkung des Geistes führen sie auf Satan zurück, sondern sie identifizieren den Heiligen Geist als Satan. Für diese Bosheit gibt es keine Vergebung, zu keiner Zeit.

Diese Lästerung kann nicht vergeben werden. Ein Gläubiger wird das nie tun. Denn es geht hier nicht um die Frage, ob man in schwachen Stunden und Lebensumständen so etwas einmal gedacht hat, sondern dass man dies ausdrücklich und wider besseren Wissens lehrt, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten es getan haben.

Wir dürfen in diesem Zusammenhang auch an die Worte des Herrn denken: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe“ (Joh 14,12). So wirkte der Heilige Geist in der Anfangszeit des Christentums sogar ganz besonders in den Jüngern. Denn sie taten als sterbliche Menschen Werke, die eindeutig Gottes Werke waren. Natürlich waren sie schwache Menschen, die im Gegensatz zu Christus sündigten (vgl. Gal 2,11 ff.; Jak 3,2; usw.). Aber sie haben in der Anfangszeit des Christentums etwas von der Größe und Herrlichkeit des Herrn Jesus verkündigt.

Dennoch beschränkt der Herr diese Lästerung auf sein eigenes Wirken. Wenn jemand diesem Fleisch gewordenen Wort zuschreibt, von Satan besessen zu sein, gibt es für ihn keine Hoffnung. Das ist etwas anderes, als Christen zu verfolgen, wie Paulus das getan hat. Man kann und darf es auch nicht darauf beziehen, dass wegen eines (schwach verkündigten) Evangeliums schlecht über die Gläubigen und den Weg gesprochen wird. Die Lästerung des Geistes bezieht sich darauf, dass jemand sagt, dass der in Christus wohnende Geist Gottes niemand anderes als Satan ist. Diese Vollkommenheit ist im Übrigen im Wort Gottes niedergelegt worden und damit zu allen Zeiten nachlesbar.

Heilsgewissheit

Sollte das für ängstliche Christen eine zusätzliche Erschwernis darstellen? Nein! Wenn wir aufgrund unserer Ängstlichkeit jeder Ermahnung der Schrift, die mit Konsequenzen verbunden ist, streichen würden, machten wir die Bibel in ihren Aussagen viel schmaler als sie ist. Der Herr stellt solche Konsequenzen, übrigens auch in Verbindung mit dem Weinstock (Joh 15), nicht vor, um Gläubige an ihrem Heil zweifeln zu lassen. Er entlarvt damit falsche Bekenner. Daher finden wir in Markus 3,28.29 eben keine Einschränkung dieses Gedankens. Christus lässt ihn dort in seiner ganzen Tragweite stehen. Macht uns das Angst? Nein, denn wie käme ein Gläubiger dazu, dem Satan etwas zuzuschreiben, was durch Gott gewirkt ist? Eine solche Angst ist unbegründet!

Jeder, der meint, diese Sünde begangen zu haben, offenbart allein durch diese Frage, dass er nicht gegen Gott reden und sündigen möchte. Sonst würde er sich diese Gedanken nicht machen. Damit hat er diese Sünde auch nicht begangen. Wir dürfen uns – gerade in schwachen Momenten des Lebens, die bei jedem Christen kommen können – auf die Worte des Herrn verlassen: „Niemand wird sie [meine Schafe] aus meiner Hand rauben ... Niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben“ (Joh 10,28.29). Diese Zusicherung gilt jedem, der Gott seine Sünden bekannt hat.21

Ein guter oder ein fauler Baum

Das Leben und Wirken Jesu bewiesen, dass Er durch den Heiligen Geist wirkte, nicht durch Satan. Diesen Gedanken verbindet der Herr mit einer weiteren gleichnishaften Bemerkung. Er ermahnt diese Widersacher gewissermaßen, dass sie Ihn (den guten Baum) für „gut“ erklären müssten, denn seine Früchte waren gut. Damit macht der Herr die Güte seines Wirkens nicht von der Beurteilung diese Feinde abhängig. Er legt nun dar, wie unlogisch und abwegig die Behauptungen dieser Menschen waren. Man konnte an seiner Frucht erkennen, dass Er ein guter Baum war. Dennoch nannten Ihn die Pharisäer einen faulen Baum.

Dann aber führt der Herr Jesus den Gedanken im Blick auf die Pharisäer noch weiter aus. Er sagt nicht, dass ein Gläubiger wieder verlorengehen kann. Nein, sondern Er betont den Grundsatz, dass ein schlechter Baum einfach nicht in der Lage ist, gute Früchte zu bringen. Dieses Thema hatte der Herr schon einmal in Kapitel 7 angesprochen. Dort ging es um die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Jüngern. Hier in Matthäus 12 zeigt Er, dass die Pharisäer, die solche faulen Bäume waren, überhaupt keine guten Früchte hervorbringen konnten. Nur dann, wenn aus einem schlechten Baum ein guter Baum wird, kann er auch gute Früchte tragen. Auch damit wird noch einmal bestätigt, dass ein Gläubiger diese Sünde der Lästerung nicht vollbringen kann. Er ist ein guter Baum, kein fauler. Daher bringt er auch keine faulen Früchte hervor (wie die Lästerung), sondern gute.

Es gilt aber auch umgekehrt: Am äußeren Verhalten, an der Frucht, kann man einen Baum erkennen. Die Früchte zeigen, ob der Baum gut oder faul ist. Ein Mensch kann noch so oft behaupten, er sei gut, sei ein Christ, sei ein Gläubiger. Wenn sein Leben, sein Verhalten im Widerspruch zu dem Bekenntnis steht, so ist das Bekenntnis wertlos und Heuchelei. Nach Jakobus 1,18 ist eine neue Geburt nötig, die durch den Willen Gottes und das Wort der Wahrheit bewirkt wird. Dadurch wird aus einem faulen Baum ein guter.

Das war bei den Pharisäern nicht der Fall. Der Herr kann sie nicht anders ansprechen, als: „Ihr Otternbrut!“. Diese Anrede kennen wir schon von Johannes dem Täufer (vgl. Mt 3,7). Das ist keine „Retourkutsche“ des Herrn an die Pharisäer. Es handelt sich leider um die Wahrheit, wenn Er diesen bösen Männern damit deutlich machen muss, dass sie Brut der Schlange, Kinder des Teufels sind. So reißt Er ihnen die fromme Maske vom bösen Gesicht. Wie sollten sie überhaupt in der Lage sein, Gutes zu reden, da sie doch böse waren. Ihre Herzen offenbarten sich in dem, was sie sagten. Denn der Mund sprach nur das aus, was sie in ihren Herzen überlegten. Und was würde der Herr etwas später sagen? „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken ... Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen“ (Mt 15,19.20).

Sie besaßen – im Unterschied zum Herrn Jesus und seinen Jüngern – einen bösen Schatz, aus dem sie Böses hervorbrachten. Davon war ihr Herz voll. Wie schön, wenn von uns das Gegenteil gesagt werden könnte: „Es wallt mein Herz von gutem Wort. Ich sage: Meine Gedichte dem König! Meine Zunge sei der Griffel eines fertigen Schreibers!“ (Ps 45,2).

Vielleicht benutzt der Herr Jesus mit diesem Bild sogar wieder einen Hinweis auf das ganze Volk Israel. Dann stünde der faule Baum für den Zustand des gesamten Volkes, der sich im Widerstand gegen Christus offenbarte. Ein solcher Baum kann nur faule Früchte hervorbringen. Deshalb konnte der Herr von diesem Volk auch nichts Gutes erwarten.

Unnütze Worte werden verurteilen

Der Herr Jesus schließt diese wichtigen Belehrungen mit einem grundsätzlichen Hinweis ab. „Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst Du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden.“ In Bezug auf die Pharisäer hatte der Herr von bösen Worten gesprochen, die Gott nicht vergeben würde. Ihm ging es aber nicht nur um böse Worte, sondern auch um unnütze Worte. Jedes einzelne Wort, das ein Mensch spricht, sei er ungläubig oder gläubig, wird ins Gericht kommen.

Gott geht nicht davon aus, dass ein Gläubiger unnütze Worte redet. Wenn er das aber tut, dann muss er am „Tag des Gerichts“ Rechenschaft darüber ablegen. Er selbst kommt nicht ins Gericht, weil schon ein anderer an seiner Stelle gerichtet worden ist (vgl. Joh 3,18). Aber „wir alle müssen vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10).

In Matthäus 12 kommt es auf die Worte an, die ein Mensch ausspricht. Wenn sie inhaltslos sind, wenn sie keinen Wert haben, wenn sie keinen Bezug zu Gott und seinem Sohn haben, bringen sie am Tag des Gerichts keinen Lohn. Dieser Tag ist für einen ungläubigen Menschen das Tor in die ewige Finsternis. Wenn die Worte eines Menschen Jesus Christus außer Acht lassen, zeigen sie, dass das Herz die Sünde der Person des Herrn vorzieht. Es ist sogar erstaunlich, dass der Herr davon spricht, dass der Mensch aus seinen Worten gerechtfertigt bzw. verurteilt wird.

Diese Worte des Herrn stehen nicht im Widerspruch zu der Belehrung des Römerbriefes. Dort lesen wir, dass ein Mensch nur auf der Grundlage des Blutes Jesu (Röm 5,9) bzw. durch Glauben (Röm 5,1) gerechtfertigt wird. Jesus spricht hier davon, wie später auch Jakobus, dass die Gerechtigkeit eines Menschen durch seine Worte und Taten sichtbar wird. Auch Paulus geht auf dieses Thema ein: „Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,10). In diesem Sinn wird ein Mensch durch seine Worte vor Menschen gerechtfertigt bzw. verurteilt. Gute Worte zeigen, dass jemand gerecht ist. Denn ein böser Mensch kann keine guten Worte aussprechen. Böse Worte zeigen, dass jemand zu verurteilen ist. Der Herr nennt die Dinge, wie sie wirklich sind, dem Grundsatz nach: schwarz-weiß. An uns ist es, als erlöste Menschen wirklich gute Worte auszusprechen und gute Frucht zu bringen.

Aus unserem praktischen Leben wissen wir, dass leider auch von neuem geborene Menschen sündigen und schlechte, faule Worte reden können. Sonst hätten wir die Ermahnungen aus dem Epheserbrief nicht nötig: „Kein faules Wort gehe aus eurem Mund hervor“ und kein „albernes Geschwätz oder Witzelei, die sich nicht geziemen“ (Eph 4,29; 5,4). Wir sollten uns auch hier nicht an der Welt orientieren. Dort gilt Meinungsfreiheit. Jeder darf das sagen, was er will. Das aber ist ungöttlich!

Verse 38–42: Ninive und die Königin des Südens als Richter der Pharisäer

„Dann antworteten ihm etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer und sprachen: Lehrer, wir möchten ein Zeichen von dir sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein. Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier. Die Königin des Südens wird auftreten im Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören; und siehe, mehr als Salomo ist hier“ (Verse 38–42).

Die Pharisäer hatten offenbar nicht verstanden, dass der Herr Jesus ihnen ins Angesicht widerstanden hatte. So erweisen sie sich als Blinde – ganz so, wie der Besessene, der ja stellvertretend für den Zustand des ganzen Volkes Israel stand. Sie erkennen weder, wer vor ihnen steht, noch was Er ihnen als Gerichtsurteil sagen musste. Sie geben sich keine Rechenschaft ab über ihren eigenen, bösen, verlorenen Zustand.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollen vom „Lehrer“ ein Zeichen sehen (vgl. 1. Kor 1,22). Sie sprechen Ihn in heuchlerischer Weise als „Lehrer“ an. In der Tat hatte Er als Lehrer zu ihnen gesprochen – sie hatten aber nicht hören wollen. Wie kommen sie überhaupt dazu, von Ihm ein Zeichen zu fordern? Hatten sie nicht inzwischen mindestens 14 Wunder erlebt (Kapitel 8–12)? Wenn ihnen diese nicht reichten, wie sollte ein weiteres Zeichen ihre Gewissen davon überzeugen, dass der Messias vor ihnen stand? Jemand hat einmal gezählt, dass uns insgesamt 46 Wunder des Herrn mitgeteilt worden sind. Allein 33 davon waren in Galiläa geschehen, wo der Herr auch jetzt noch tätig war. Reichte das immer noch nicht?

Zunächst muss Jesus diesen Menschen noch einmal ihren wahren Charakter vorhalten: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen.“ Sie waren, wie Er zuvor schon anhand des Vergleiches mit Bäumen gezeigt hat, böse Menschen. Sie waren innerlich durch und durch schlecht und versuchten, auch andere in diesen Sumpf mit hineinzuziehen. Sie gaben zwar vor, die Treuen in Israel zu sein. In Wirklichkeit jedoch waren sie „Ehebrecher“, denn sie sprachen zwar von ihrer Beziehung zu Gott, dachten aber in Wahrheit nur an sich und ihren eigenen Vorteil, ihre eigene Ehre (vgl. Jer 3,6–9). So leugneten sie in der Praxis ihre Beziehung zu Gott und stellten sich selbst an die Stelle Gottes. In gewisser Hinsicht erlaubten sie sich sogar, Satan an die Stelle Gottes zu setzen. Christus warfen sie vor, durch diesen Dämonen auszutreiben. Sie selbst waren jedoch Satans Brut, indem sie sich durch ihn inspirieren ließen.

Die Zeichen im Matthäusevangelium

Der Herr macht deutlich, dass diese widersprechenden Menschen keinen Anspruch auf ein weiteres Zeichen hatten. Und dennoch gibt Er ihnen noch ein letztes. Dreimal spricht Er in diesem Evangelium von Zeichen, und ein viertes Zeichen ganz anderer Art gibt einer seiner Jünger.

Zeichen sind allgemeiner als Wunder. Wunder sind Eingriffe einer Macht in den „normalen“ Ablauf der Geschehnisse. In diesem Sinn ist jedes Wunder des Herrn ein „Zeichen“ Gottes, weil Er darin seine Allmacht offenbarte. Allerdings verbindet der Herr letztlich nicht mit jedem Wunder ein besonderes Zeichen, durch das er prophetisch etc. auf etwas Bestimmtes hinweisen will. Umgekehrt ist auch nicht jedes Zeichen ein Wunder. Zeichen sind einfach Geschehnisse, Personen oder Dinge, die eine bestimmte, oftmals prophetische Bedeutung tragen.

Bevor wir uns die vier Stellen ansehen, in denen in unserem Evangelium von Zeichen die Rede ist, seien noch zwei andere Zeichen erwähnt: Sehr bedeutsam ist sicherlich das Zeichen der Jungfrauengeburt Jesu, von dem in Jesaja 7 die Rede ist. Zwar wird in Matthäus 1 nicht der Ausdruck „Zeichen“ verwendet, aber dieses Wunder wird als Weissagung zitiert (1,22.23). Dann wäre auch die Geburt des Herrn, neben seinem Tod und dem Gericht, ein weiteres Zeichen.

Darüber hinaus sagte Simeon, als Er den Herrn Jesus als gerade geborenes Baby auf dem Arm trug, über Ihn: „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“ (Lk 2,34). Christus war die Botschaft Gottes an sein Volk. Er war das Versöhnungsangebot ihres Herrn (vgl. 2. Kor 5,19). Aber die Juden wollten Ihn nicht. So widerstanden sie Christus und würden Ihn an das Kreuz bringen (Lk 2,35).

Nun zu den Zeichen in unserem Evangelium:

  1. An dieser Stelle wird Jona als Zeichen des Todes und der Auferstehung genannt.
  2. In Matthäus 16,4 wird der gleichen Gruppe von Widersachern auf die erneute Forderung nach einem Zeichen wieder nur Jona genannt. Dort ist Jona aber ein Zeichen für die Zukunft des Volkes Israel: So, wie Jona in dem Wasser für eine Zeit verschwand, würde das Volk Israel in dem Völkermeer der Nationen aufgehen und verschwinden. Bis heute ist das die Situation des Volkes Israel. Denn nur ein ganz geringer Teil der Juden ist nach Israel zurückgekehrt.
  3. In der prophetischen Rede in Matthäus 24,3.30 spricht der Herr Jesus von dem Zeichen seiner Ankunft und dem Zeichen des Sohnes des Menschen. Wie in Kapitel 16 handelt es sich hier um eine Gerichtsankündigung für das ungläubige Israel.
  4. Auch wenn dieses „Zeichen“ von einer ganz anderen Art ist, spricht der Evangelist unter diesem Namen davon: Nicht der Herr, wohl aber Judas Iskariot, hatte mit den Ältesten und Hohenpriester ein „Zeichen“ verabredet: einen verräterischen Kuss.

Was für eine Tragik, dass diese Menschen, zu denen wohl in der Gestalt der Ältesten auch die Pharisäer gehörten, selbst mit der Verabredung des „Judas-Zeichens“ den Tod des Herrn, die Zerstreuung des Volkes Israel in dem Völkermeer und das Gericht des Herrn an seinem Volk in künftigen Tagen bewirkt haben. Sie bekamen kein neues, kein weiteres Zeichen – aber ihr Zeichen spricht bis heute!

Das Zeichen des Todes des Herrn

Das Zeichen, das Christus ihnen also dann doch gab, ist die Begebenheit von Jona. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so erscheint: Kann es ein größeres Zeichen als das geben, was auf den Tod des Herrn hinweist? „Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein.“ Wer hätte gedacht, dass der untreue Jona nach seiner Flucht und dem Gericht Gottes nicht nur zu einem Bild von Christus werden würde? Schon das war gewaltig. Aber er und das, was mit ihm geschah, war ein Zeichen, das in die Zukunft deutete. Und es war das letzte Zeichen, das der Herr diesen bösen Menschen noch geben wollte: „Kein Zeichen wird ... gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas.“ Aber es ist kein Zeichen, das mit einem weiteren Wunder verbunden ist, wie sie es vermutlich erwarteten, ja verlangten. Nein, Er bezieht sich auf etwas, das historisch gesehen längst Vergangenheit war.

Worum geht es nun bei diesem Zeichen im Einzelnen? Die Geschichte von Jona weist ungefähr 900 Jahre vor dem Kommen Christi auf dessen Leiden, Sterben, Begräbnis und Auferstehung hin. Jona wurde ins Meer geworfen, was eigentlich seinen Tod bedeutet hätte. So würde auch Christus in den Tod gehen – und zwar tatsächlich! Später, in Kapitel 16, wird dieser Punkt mit dem Gericht über das Volk Israel verbunden. Denn der Tod Christi weist auf die Verwerfung des Volk Israel hin. Damit war es nämlich für dieses Volk zu spät, den Propheten und Gesandten Gottes, den Sohn des Menschen und Sohn Gottes als seinen König anzunehmen. Von diesem Augenblick an waren alle alten Beziehungen Gottes mit seinem irdischen Volk unterbrochen.

Jonas Untergang im Meer weist also auf den Tod Jesu hin. Dann aber wurde Jona von einem großen Fisch verschlungen und war drei Tage und drei Nächte in dessen Bauch. Das ist ein Bild des Grabes Jesu, in dem der Herr drei Tage und drei Nächte, von Freitag bis Sonntag, zubringen würde.22 Jona war „nur“ in einem Fisch (was für ihn sogar eine Bewahrung vor dem Ertrinken darstellte) – der Herr aber musste tatsächlich als der Gestorbene im „Herzen der Erde“ sein, in einer Gruft, in der Nähe von Golgatha. Was hat Er für uns alles auf sich genommen!

Aber am Ende dieser drei Tage würde Er auferstehen, so wie Jona – durch ein Wunder – von dem Fisch wieder ans Land ausgespien wurde. Ja, was für ein Wunder ist die Auferstehung Christi! Es zeigt Gottes Macht und die „überragende Größe seiner Kraft“ (vgl. Eph 1,19.20).

Das alles beinhaltet also das „Zeichen Jonas“. Durch seinen Tod und seine dann folgende Auferstehung „zeigte“ Christus den Juden, weswegen Er gekommen war. So konnten bußfertige Sünder gerettet werden (vgl. Vers 41). Nur die Juden? Nein, insbesondere auch die Nationen! Denn dieses Zeichen enthält noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Jona ging (erst) nach seinem „Tod“ zu den Nationen, um ihnen seine Botschaft zu verkünden. Wir haben schon in Verbindung mit Vers 15 gesehen, was die Folge der Verwerfung und des Mordes an Christus war. Hier wird das noch stärker betont: Nach seinem Tod und seiner Auferstehung wendet sich Christus den Nationen zu und nicht mehr seinem eigenen Volk. Was für eine Ohrfeige für dieses selbstgerechte Volk! Die Geschehnisse, von denen wir in Kapitel 13 lesen, würden diese Vorhersage schon in der damaligen Zeit weiter unterstreichen.

Vers 40 zeigt, dass dies alles nicht plötzlich und unerwartet kam. Gott hatte dies alles nicht nur längst gewusst, sondern der Tod des Herrn ist auch Teil seines Ratschlusses. Jona und seine Geschichte sind ein Hinweis darauf, dass Gott die Dinge nie aus den Händen geglitten sind. Paulus sagt später, dass dies alles schon so festgelegt worden war: „Dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften“ (1. Kor 15,4).

Zwei Gerichtsankündigungen für die Juden

Dieses Zeichen Jonas nimmt der wahre König zum Anlass, das Gericht über das Volk Israel auszusprechen. „Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas hin.“ Jona ist wohl der einzige Prophet, der im Alten Testament nicht zum Volk Israel sondern direkt zu einer heidnischen Nation gesandt wurde. Aber im Unterschied zu den hasserfüllten Pharisäern, mit denen es der Herr zu tun hatte, waren die Niniviten bereit, umzukehren und Buße zu tun. Sie taten es sofort, als Jona gegen sie predigte.

Aber wer war dieser Mann im Vergleich zu Jesus? Es war ein untreuer Diener, der die eigene Ehre mehr suchte als die Rettung von Menschen. Es war ein Mann, der vor Gott weglief. Es war jemand, dem der Prophetenstatus wichtiger war als Menschenleben. Und dennoch hörten die Menschen in Ninive auf seine Gerichtsbotschaft.

„Und siehe, mehr als Jona ist hier.“ Vor den Pharisäern stand dagegen jemand, der nicht sich selbst, sondern die Ehre Gottes suchte. Der zur Rettung von Menschen gekommen war, besonders für sein eigenes Volk. Er war jemand, der immer in Gemeinschaft mit Gott lebte. Ihm ging es nicht um ein Amt, sondern darum, Menschen für Gott zu gewinnen. Und dennoch haben die Pharisäer und sein eigenes Volk nicht auf seine Botschaft der Barmherzigkeit gehört. Was für eine Tragik für sie! Deshalb werden diese Männer aus Ninive aufstehen im Gericht gegen die Juden und es mit Recht verdammen. Diese bildhafte Sprache bedeutet, dass die Buße der Männer von Ninive ein verurteilendes Zeugnis gegen das Volk der Juden am Richterstuhl Gottes sein wird. Sie hatten weniger Kenntnis und hatten nur einen unvollkommenen Boten vor sich. Aber sie taten Buße. Wie groß muss da das Gericht der Pharisäer sein!

Der Bezug auf Jona unterstreicht auch noch einmal, dass der Herr seinem irdischen Volk nun keine gute Botschaft mehr ankündigen konnte, sondern nur noch das Gericht. Früher sprach Er davon, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen war. In Vers 28 hatte Er noch einmal darauf hingewiesen, dass in Christus „das Reich Gottes zu euch gekommen“ ist. Aber eben nicht, um ein herrliches Königreich in äußerer Pracht aufzurichten. Jetzt war Er hier inmitten seines Volkes und „entzweite“ es (vgl. Mt 10,35). Weil Er abgelehnt wurde, musste Er nun das Schwert unter sein Volk bringen (vgl. Mt 10,34). Statt des Königreichs nahte jetzt das Gericht.

Der Herr gibt noch ein zweites Beispiel: „Die Königin des Südens wird auftreten im Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören.“ Zu den heidnischen Niniviten ging Jona, der Prophet Israels, hin. Die heidnische Königin von Scheba (1. Kön 10) dagegen kam von sich aus zu Salomo. Jona hatte eine Botschaft des Gerichts. Die Königin hingegen wollte etwas von der Weisheit Salomos kennenlernen. Jona predigte die Buße. Bei der Königin dagegen ging es um echten Glauben und Glaubensenergie. Bei Jona gab es eine Botschaft, diese Königin bedurfte keiner persönlichen Botschaft, obwohl das Gerücht über Salomo und seine Weisheit zu ihr drang (1. Kön 10,7): Sie kam auch so. Sie kam einen weiten Weg, wie die Magier vom Morgenland (vgl. Mt 2). Diese Frau wurde bei Salomo nicht enttäuscht. Sie erlebte dort etwas von der Weisheit des Königs.

Die Herrlichkeit des Herrn: mehr als Jona und Salomo

„Und siehe, mehr als Salomo ist hier.“ Kann man Salomo mit Christus vergleichen? Salomo war weise. Christus ist die Weisheit. Salomo diente Gott. Christus ist Gott. Salomo war ein König. Christus ist der König. Aber im Unterschied zur Königin, die von fern zu Salomo kam, waren die Juden nicht bereit, zu Jesus zu kommen. Dazu mussten die Magier aus der Ferne herbeireisen. Die Pharisäer kamen nur zu Christus, um Ihn in eine Falle zu locken. Aber gegen seine göttliche Weisheit kamen sie nicht an. So wird die Königin des Südens einmal gegen die Pharisäer und die Widersacher Jesu auftreten. Denn mehr als Salomo ist hier. Diese unwissenden Heiden verstanden die Weisheit Gottes in seinem Wort und durch seine Knechte besser als diejenigen, die den Herrn selbst erlebten.

In diesen Versen zeigt der Herr, dass Er die Verwerfung des Volkes der Juden auf sich nimmt. Er würde sterben, wie Jona drei Tage und Nächte im Bauch des großen Fisches war. Aber diese Verwerfung wäre zugleich der Anlass für das Gericht an dieser bösen Nation. Wenn sie Christus verwarfen, mussten sie erleben, dass auch sie selbst von Ihm verworfen würden – mit elenden Folgen über viele Jahrhunderte hinweg! Zugleich aber ist die Verwerfung Israels der Anlass für den Segen der Nationen. Auch das leuchtet aus diesen beiden Bildern hervor.

Verse 43–45: Das Gleichnis vom bösen Geist und dem Haus

„Wenn aber der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, durchwandert er dürre Gegenden, sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin; und wenn er kommt, findet er es leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen dort; und das Letzte jenes Menschen wird schlimmer als das Erste. Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen“ (Verse 43–45).

Im siebten Abschnitt dieses Kapitels erzählt der Herr seinen Zuhörern ein weiteres Gleichnis. Ein Gleichnis, das die Geschichte des Volkes Israel beschreibt. Der Herr Jesus benutzt zwei Bilder: Er vergleicht das Volk zunächst mit einem Menschen (Vers 43), dann mit einem Haus (Vers 44.45a), und am Ende noch einmal mit einem Menschen (Vers 45b). Der Mensch steht besonders für die Verantwortung des Volkes vor Gott. Das Haus dient besonders als Wohnort. Das Volk der Juden glich diesem Menschen, von dem der unreine Geist ausgefahren war.

Es stellt sich die Frage, was mit diesem unreinen Geist gemeint ist. Zur Zeit des Herrn waren Menschen, die einen unreinen Geist besaßen, von Satan bzw. einem Dämon besessen. Im Alten Testament finden wir Unreinheit immer wieder in Verbindung mit Götzendienst. Wir lesen beispielsweise im Propheten Hesekiel: „Menschensohn, das Haus Israel wohnte in seinem Land, und sie verunreinigten es durch ihren Weg und durch ihre Handlungen; ihr Weg war vor mir wie die Unreinheit einer unreinen Frau. Da goss ich meinen Grimm über sie aus wegen des Blutes, das sie im Land vergossen hatten, und weil sie es durch ihre Götzen verunreinigt hatten“ (Hes 36,17.18; vgl. auch 16,36; 18,6; 36,25; Sach 13,1.2).

Das Beispiel Hoseas

Der Mensch – hiermit ist das Volk Israel gemeint – war also eine Zeitlang durch Götzendienst gekennzeichnet. Immer wieder lesen wir, dass das Volk in der Wüste und im Land Götzendienst und Hurerei getrieben hatte. Aber dann „fuhr dieser unreine Geist aus“. Wann war das? Dies geschah bei der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Kanaan. Es ist auffallend, dass wir nach dieser Rückkehr bis zum Kommen des Herrn (Mt 1) nichts mehr von Götzendienst lesen. Einen Bestätigung finden wir im Buch Hosea. Dieser musste ja eine Hure heiraten und diese später, nachdem sie Hurerei getrieben hatte, wieder zurückkaufen (Hos 1–3).

Nachdem Hosea seine Frau zurückgekauft hatte, lesen wir: „Du sollst mir viele Tage so bleiben, du sollst nicht huren und keinem Mann angehören; und so werde auch ich dir gegenüber tun. Denn die Kinder Israel werden viele Tage ohne König bleiben und ohne Fürsten und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule und ohne Ephod und Teraphim“ (Hos 3,3.4).

So war der Dämon aus dem Menschen ausgefahren und hatte sich neue Ruhestätten gesucht. Aber er war in gewisser Hinsicht nicht fündig geworden. „Dann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin; und wenn er kommt, findet er es leer vor, gekehrt und geschmückt.“ Hier wechselt also das Bild. Wir haben gesehen, dass das Volk Israel in Vers 43 mit einem Menschen verglichen wird, dessen Verantwortung betont wird. Dieser konnte er nicht nachkommen, weil er zugelassen hat, von Satan besessen zu sein. Dieser verließ ihn, ohne dass der Mensch darauf einen persönlichen Einfluss hatte. Jetzt wird er, genau genommen das Volk Israel, auf einmal mit einem Haus verglichen. Und Satan versucht, dieses Haus zu besetzen.

Das gekehrte und geschmückte Haus

Er findet dieses Haus gekehrt und geschmückt vor. Das war tatsächlich der Zustand der Juden. Sie waren ein Volk unter der Führung von Pharisäern und Schriftgelehrten, die äußerlich die Vorschriften des Gesetzes, natürlich besonders die der Überlieferungen der Juden, hielten. Äußerlich war alles sauber und geschmückt. Alles war an seinem Platz. Alles wurde nach den Vorschriften getan. Aber die Führer und das Volk hatten eines versäumt: ihr Haus Gott als dem Wohnherrn zu öffnen. Denn sie erfüllten die Vorschriften nur äußerlich. Ihr Herz war weit entfernt von Gott. Das muss der Herr nach Matthäus 15,8 aus Jesaja 29,13 zitieren.

Daher war dieses Haus zwar geschmückt, aber leer. Und das ist immer ein sehr großes Risiko. Wenn Menschen sich von anderen absondern (wie die Pharisäer), aber kein Ziel dabei verfolgen, sich nicht zu Gott bzw. Christus hinwenden, dann besteht die Gefahr, dass früher oder später ein ungebetener Gast einzieht. Irgendeine Erfüllung im Leben, irgendeinen Lebenssinn braucht jeder Mensch. Wenn nicht Gott das Herz erfüllt, wird es etwas Böses sein. Denn einen Zustand von Vakuum kann kein Mensch aushalten. Das, was bei den Juden geschehen ist, hat auch für uns Bedeutung. Es reicht nicht, äußerlich christliche Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Wir müssen uns wohl von der Welt und von dem Bösen absondern. Aber dieses „Kehren“ und „Schmücken“ reicht nicht aus. Wenn wir uns nicht zu Christus hinwenden, wird früher oder später ein unerwünschter Gast in unserem „Haus“, in unserem Leben, auftauchen.

Nachdem der böse Geist gesehen hat, dass das Haus leer ist (es gibt also wieder Platz für ihn), geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit. Sie sind noch böser als er und wollen alle in diesem Haus wohnen. Der Herr spricht in diesem Gleichnis eine Weissagung aus, deren Erfüllung zukünftig stattfinden wird. Die Gnadenzeit wird an dieser Stelle ausgeklammert. Nach der Entrückung der Gläubigen, also auch der Versammlung (Gemeinde, Kirche), wird Satan zwei besondere Instrumente auf dieser Erde installieren. Von beiden lesen wir in Offenbarung 13: Das ist zunächst der Römische Kaiser (dort das erste Tier). Und als zweites wird Satan den Antichristen in Israel einführen (das ist dort das zweite Tier). Dieser wird sogar als König dort angenommen (vgl. Dan 11,36; Joh 5,43). Er ist der große Gegenspieler des wahren Königs – Jesus Christus. Der Antichrist wird sogar den Götzendienst wieder einführen und „den Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,14; vgl. Off 13; 2. Thes 2) in den Tempel stellen. Das ist anscheinend ein Götzenbild des Römischen Kaisers, vor dem alle niederfallen müssen. Er wird das ganze Volk in die direkte Auflehnung gegen Gott und den wahren Messias führen.

So wird tatsächlich das Letzte des Menschen schlimmer sein als alles, was man vorher gesehen hat. Denn einen solchen Götzendienst und einen solchen Abfall von Gott hat es zuvor noch nie gegeben. Mit diesem Vers wechselt der Herr das Bild wieder zurück vom Haus (Verse 44.45a) zu dem verantwortlichen Wesen. Israel kann dann nicht geltend machen, es könne nichts dafür, von Satan inspiriert zu sein. Denn sie sind dann nicht mehr nur ein „Haus“, das andere füllen, sondern sind selbst für alles verantwortlich, was sie tun.

So wird es zu einer vollkommenen Inspiration des Bösen (sieben böse, unreine Geister) in Israel kommen. Es handelt sich sogar um ein Übermaß, einen verhängnisvollen Neustart des Bösen, wenn man bedenkt, dass es nunmehr inklusive des ursprünglichen bösen Geistes (Vers 43) acht23 unreine Geister sind. Das ist der traurige End-Zustand Israels vor dem Gericht des Herrn. Denn Er wird wiederkommen und Gericht über den ungläubigen Teil seines Volke bringen. Dieses Gericht wird furchtbar sein. An verschiedenen Stellen des Alten Testaments wird darauf hingewiesen. Besonders die Macht Assyriens wird sich als Anführer gegen das Volk erweisen (vgl. z.B. Jes 7,17–20; 10,5–7; Hos 11,5–7).

Wie tragisch ist der Schlusssatz dieses Abschnitts: „Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen.“ Das ist gewissermaßen die Deutung des Gleichnisses durch den Herrn Jesus. Auch wenn der Herr von einer zukünftigen Erscheinungsform des ungläubigen Israel spricht – Er wählt die grammatische Zukunftsform – verbindet Er es mit „diesem Geschlecht“. Das sind „diese Pharisäer“ und ihre Verbündeten. Sie mögen zwar keinen Götzendienst in äußerlicher Weise betrieben haben. Aber kann es etwas Schlimmeres geben, als den Sohn des Menschen, der von Gott als Messias auf diese Erde gesandt worden war, ans Kreuz schlagen zu lassen? Der Herr stellt diese Menschen auf dieselbe Stufe mit den künftigen Götzendienern, die bereit sind, den Anti-König, den Antichristen anzunehmen. Sie bilden zusammen ein „Geschlecht“ (vgl. auch Jes 53,824). So finden wir in diesem Abschnitt eine erneute Warnung und einen weiteren Hinweis auf das Gericht für die Zeitgenossen Jesu. Er ließ sie tatsächlich nicht im Unklaren über das, was über sie kommen würde. Wie oft hat er sie gewarnt. Aber sie wollten nicht auf Ihn hören.

Verse 46–50: Der Sohn des Menschen hat eine neue Familie, ein neues Haus

„Während er noch zu den Volksmengen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. Es sprach jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen. Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Verse 46–50).

Die letzten Verse dieses Kapitels sind noch einmal eine Bestätigung des Gerichtes des Herrn über Israel. Zudem kündigen sie den Wandel der Beziehungen des Herrn an, wie er in Kapitel 13 dann sichtbar vollzogen wird. Insofern führt der Herr in diesem Abschnitt etwas Neues ein, passend zu dem achten Abschnitt des Kapitels, dieses zusammengehörenden, größeren Sinnabschnitts.

Eingeleitet wird der Abschnitt damit, dass der Herr zu den Volksmengen redete. Das ist interessant. Denn bislang hatte man den Eindruck, dass Er vor allem mit den Pharisäern gesprochen hatte. Aber die Botschaft, die der Herr mit diesen Worten an die Pharisäer verband, war offenbar nicht nur für sie, sondern auch für das ganze Volk von großer Wichtigkeit. Alle sollten hören, dass sich seine Beziehung zu seinem Volk grundlegend änderte.

Nun lesen wir, dass die Mutter Jesu, Maria, und die Brüder des Herrn zu Ihm kamen. Auch sie suchten die Gelegenheit, einmal mit Ihm sprechen zu können. Offenbar lebte Joseph schon nicht mehr. Jedenfalls lesen wir hier und später nichts weiter von ihm. Warum aber lehnt der Herr Jesus ein Gespräch mit ihnen ab? Aus Markus 3,21.31 können wir entnehmen, dass die Familienangehörigen des Herrn zu damaliger Zeit insgesamt in einem schlechten Zustand waren. Wohl war seine Mutter gläubig, aber seine Brüder waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht bekehrt (vgl. Joh 7,5; Apg 1,14 zeigt dann, dass sich das erst durch das Kreuz des Herrn geändert hat).

Das ist aber bei Matthäus kein Thema. Denn dem Herrn geht es hier nicht darum, ein Gericht über seine eigene Familie auszusprechen. Und schon gar nicht wollte Er seine eigene Mutter irgendwie zurechtweisen – im Gegenteil, Er hat sie stets geehrt. Bedenken wir, dass Er sogar am Kreuz in seinen größten körperlichen Qualen den seelischen Schmerz seiner Mutter nicht überging, sondern sie Johannes anbefahl (vgl. Joh 19,26.27). Das zeigt uns das Herz unseres Herrn! – Aber warum zeigt Er sich hier so ablehnend?

Neue Beziehungen: Die geistliche Familie ersetzt die natürliche

Die Familie des Herrn steht in diesen Versen bildlich für die größere Familie des Messias, das Volk Israel. Es geht um die natürlichen Beziehungen des Herrn zu seinem Volk, zu seinen Verwandten nach dem Fleisch. Und diese erkennt der Herr nicht mehr an. Er verneint sie geradezu. „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“, fragt Er und sagt damit: Sie jedenfalls nicht. Somit spricht der Herr hier ein weiteres Mal das Gericht über sein eigenes Volk aus. Denn wenn Er diese Bindungen nicht mehr anerkannte, hatte Israel als Volk zunächst einmal keine Hoffnung mehr. Sie hatten keinen Anspruch mehr auf denjenigen, der als Messias zu ihnen gekommen war und den sie abgelehnt hatten. Ohne den Mittelpunkt, ohne Christus, gibt es kein Volk Gottes mehr.

Der Herr wendet sich nun von seiner natürlichen Familie weg und hin zu seinen Jüngern: „Sieh da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Es fällt auf, dass Er in der Erklärung die Reihenfolge wechselt. Im natürlichen Bereich steht die Mutter an erster Stelle. Aber der Herr ersetzt die natürlichen Beziehungen durch geistliche. Und da geht es um Brüder und Schwestern. Daher steht hier die Mutter wohl erst an dritter Stelle.

Die natürlichen Bindungen haben ein Ende: „Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach; und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ (2. Kor 5,16). Stattdessen spricht der Herr jetzt von Beziehungen, die auf dem Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters gegründet sind. Das sind geistliche Beziehungen. Diese würden von nun an im Vordergrund stehen. Als seine „geistlichen Verwandten“ wollte Er nur solche anerkennen, die sich vor Gott beugten und ein glückseliges Leben nach dem Muster der Bergpredigt führten. Damit besitzt der Herr eine neue Familie. Eine Familie von Menschen, die durch Gehorsam gekennzeichnet sind und zugleich eine Beziehung mit dem himmlischen Vater besitzen.

Zu dieser Familie können natürlich auch solche gehören, die früher zur natürlichen Familie des Herrn gehörten. Die Mutter Jesu beispielsweise gehörte dazu, denn sie war gläubig. Die Jünger ebenfalls. So ist es auch in der heutigen Zeit für „die natürliche Familie des Herrn“, die Juden, möglich, Ruhe für die Seele zu finden und Teil der geistlichen Familie des Herrn zu werden. Wer den Willen des Vaters tun möchte (und sich zum Herrn Jesus bekehrt), gehört dazu, unabhängig davon, zu welcher Familie er früher einmal gehörte.

Was ist uns heute wichtig? Eine gute geistliche Beziehung? Dann stehen wir auf der Seite des Herrn. Für Ihn zählte von jenem Augenblick an vor allem diese Beziehungsebene. Deshalb geht Er aus dem Haus und setzt sich an den See (13,1), denn im Haus gibt es nur natürliche Beziehungen, außerhalb dieses Hauses dagegen geistliche. Der Herr zeigt uns dann im nächsten Kapitel, wie man Teil dieser Familie, seiner Familie, werden kann: Dazu ist es nötig, dass das Samenkorn des Wortes Gottes in das Herz eines Menschen fällt und aufgeht. Es bringt dann Frucht.

Fußnoten

  • 1 Es gab noch einen zweiten Fall: Mirjam. Sie stellt aber einen Sonderfall darf, weil ihr Aussatz durch ein direktes Eingreifen Gottes zustande kam – wie auch ihre Heilung.
  • 2 In Matthäus 13,38 spricht der Herr noch einmal von „Söhnen des Reiches“. Dort sind aber die wahren Söhne gemeint, die Glauben besitzen. Denn diejenigen, die sich im Unglauben etwas auf ihre natürliche Abstimmung einbildeten, hatte der Herr mit Kapitel 13,1 sozusagen hinter sich gelassen.
  • 3 Im Grundtext ist „ein“ betont. Soll das andeuten, dass dieser Schriftgelehrte sich von seinen Kollegen abhob, indem er eine Beziehung zum Herrn Jesus wahrnehmen und Ihm nachfolgen wollte, im Gegensatz zu anderen, die Ihn vollständig ablehnten? Wahrscheinlicher ist es, dass dieser „eine“ von dem „anderen“ unterschieden werden soll, der in Vers 21 auftritt.
  • 4 Manche haben die Lepra-Krankheit mit Aussatz verbunden. Die Schrift gibt uns dafür aber keinen Hinweis. Lepra überträgt sich wahrscheinlich als Tröpfcheninfektion. Von einer solchen Übertragung der Krankheit lesen wir in 3. Mose 13.14 nichts. Hinzu kommt, dass wir keinen Hinweis in der Schrift finden, dass Aussatz zum Tod führt; im Gegenteil, wenn jemand gänzlich übersät war mit Aussatz, wurde er für „rein“ erklärt (3. Mo 13,13). Lepra dagegen endete in früheren Jahrhundert oft tödlich, weil der Kranke kein Gefühl mehr für weitere Infektionen hatte und über keine ausreichenden Widerstandskräfte verfügte.
  • 5 Die Tatsache, dass der Herr in seinen Gebeten in Gethsemane sagte, „wenn du willst“, hat nichts mit zweifelndem Vertrauen zu Gott zu tun. Er wusste genau, dass es nicht Gottes Wille war, den Kelch an Ihm vorübergehen zu lassen. Aber als heiliger Mensch konnte Christus wiederum nicht wollen, zur Sünde gemacht zu werden.
  • 6 Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht um die Frage, was schwerer zu tun ist. Sünden vergeben und einen Kranken heilen ist beides gleich „schwer“, ja unmöglich für einen Menschen. Da für die Sündenvergebung das schwere Werk auf Golgatha nötig war, könnte man sogar sagen, dass sie „schwerer“ ist als eine Krankenheilung. Aber darum geht es hier nicht.
  • 7 Dies ist ein Hinweis auf die Zeit der Gnade. Auch im Lukasevangelium deuten die zwei Denare zur Versorgung des unter die Räuber Gefallenen auf diese Zeit hin (Lk 10,35).
  • 8 Es handelt sich hier nicht um die beiden Blinden bei Jericho, von denen wir in Matthäus 20,30 und in den anderen synoptischen Evangelien lesen.
  • 9 Vers 35 haben wir bereits in Verbindung mit den Einzelheiten des neunten Kapitels behandelt. Daher beginnen wir hier mit Vers 36.
  • 10 Dass sich bis heute jeder unbekehrte Mensch als „verlorenes Schaf“ im Sinne von Lukas 15,3–7 sehen darf, ist eine andere Sache.
  • 11 Klar ist, dass nicht Städte, sondern deren Einwohner, also Menschen, be- und notfalls verurteilt werden (vgl. Jer 49,18).
  • 12 Die in der Elberfelder Bibel (CSV) in der Fußnote angegebene Möglichkeit der Übersetzung, das Königreich breche sich mit Gewalt Bahn, scheint nicht wirklich weiterzuhelfen (und steht deshalb auch „nur“ in der Fußnote). Denn man sieht wohl kaum in der Zeit von Johannes dem Täufer, dass sich das Königreich in großem Maß ausbreitete. Natürlich hatte der Herr viele Wunder getan. Aber das Ergebnis war eher, dass Er und sein Königreich abgelehnt wurden. So bricht es sich keine Bahn. Eher schon wird es zurückgedrängt und muss in einer verborgenen, geheimnisvollen Art starten, wie wir ab Kapitel 13 sehen werden.
  • 13 Manche mögen als ein Gegenbeispiel an Lukas 13,24 denken, wo von dem „Ringen“ die Rede ist, um durch die enge Tür einzugehen. Dieses Ringen meint jedoch nicht das Erwirken der ewigen Glückseligkeit, sondern ein ernstes Suchen danach. Es erfolgt also keine Gewalt.
  • 14 In Matthäus 28 lernen wir, dass Menschen heute durch die Taufe in den christlichen Bereich eingehen. Sie ist sozusagen die Tür in das Königreich. Auch die Taufe ist in ihrer moralischen Bedeutung nicht grundsätzlich von einer Sinnesänderung, der Buße, unterschieden. Sie ist das Bekenntnis zu dem gestorbenen Christus, die Identifizierung mit Ihm im Tod.
  • 15 Diese Aussendung fand nach der Szene auf dem Berg der Verklärung statt („Danach“). Über diese berichten die Evangelisten in Lukas 9, Markus 9 und Matthäus 17.
  • 16 Die Bedeutung von Chorazin ist nicht gesichert. Möglicherweise heißt dieser Ort (von Chorashin abgeleitet): rauchender Ofen.
  • 17 Dass die Gruppe der „Sieben-Tags-Adventisten“ den Sabbat zum Haupttag der Woche gemacht hat, zeigt deutlich, dass diese Menschen – wie viele andere Gruppierungen auf religiösem Gebiet – jüdische, alttestamentliche Elemente ins Christentum eingeführt haben.
  • 18 Im Text ist bei „ein Schaf“ das Wort „ein“ betont!
  • 19 Konkret in Jesaja 49 werden wohl die beiden großen Feinde Israels in der künftigen Drangsalszeit, Assyrien und der Antichrist, gemeint sein.
  • 20 In Epheser 1 wird nur eine minimal andere Form im Grundtext verwendet.
  • 21 Zur Hilfestellung empfehle ich denjenigen, die immer wieder mit dieser Frage zu kämpfen haben, folgenden Bücher: „Kann ein Christ verloren gehen?“ (von Arend Remmers); „Anker der Seele“ (von Gerrid Setzer; beides im CSV-Verlag, Hückeswagen, erschienen).
  • 22 Für manche ist diese Zählung eine Schwierigkeit. Denn im engeren Sinn war der Herr von Freitagabend bis Sonntagmorgen im Bereich des Todes, also zwei Nächte und einen Tag. Aber der Geist Gottes verwendet hier die jüdischen Zählweise, man kann sogar sagen: die ursprüngliche. Wir finden sie bereits in 1. Mose 1, wo die Tage mit dem Abend beginnen. Und hier zählte man einen ganzen Tag – Tag und Nacht – wenn auch nur ein Teil des 24-stündigen Tages betroffen war. Der Herr starb am Freitagnachmittag, bevor der Sabbat um 18 Uhr begann. So zählte der ganze Freitag mit. Und der Herr ist am Sonntagmorgen auferstanden – so zählte auch der ganze Sonntag mit – also insgesamt drei Tage. Und da die Nacht grundsätzlich in Zusammenhang mit dem Tag gesehen wurde, weil es sich wie gesagt immer um 24-Stunden-Tage handelte, ist auch der Zusatz „und drei Nächte“ verständlich. Wenn wir berücksichtigen, dass Gott schon auf dem ersten Blatt der Bibel so zählt – Abend und Morgen – dann wird es uns vielleicht leichter fallen, diese Zählweise anzunehmen.
  • 23 Acht ist in der Bibel im Allgemeinen die Zahl eines Neuanfangs.
  • 24 Dieses Geschlecht in Jesaja 53,8 sind nicht die gläubigen Juden, sondern die Feinde Christi, die Ihn an das Kreuz gebracht haben.
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