Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

III. Die Grundsätze des Königreichs der Himmel

Mit Kapitel 5 kommen wir nun zu der „Magna Charta“ 1 des Königreichs der Himmel. Die Kapitel 5–7 bilden eine Einschaltung in den eigentlichen Bericht des Matthäus. Kapitel 8 schließt direkt an die letzten Verse von Kapitel 4 an und setzt die Berichterstattung fort: Wieder folgen dem Herrn Jesus große Volksmengen und Er heilt ihre Krankheiten.

Während dieser Segensperiode stellt Christus in den Kapiteln 5–7 die großen Kennzeichen seines Königreichs vor. Wir lernen etwas über den wahren Charakter dieses Königreichs und erfahren, wer überhaupt in dieses Königreich eingehen darf.

Diese Predigt muss in dem schon beschriebenen Zusammenhang gesehen werden. In Kapitel 4,23 fasst Matthäus den Dienst des Messias zusammen: „Und Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volk.“ In Verbindung damit entfaltet der König nun die Grundsätze seines Reiches. Seine gewaltige Macht – offenbart durch Wunderheilungen – begleitet also dessen Verkündigung.

Einleitende Bemerkungen zur Bergpredigt

Ehe wir uns den Einzelheiten dieser ersten der fünf großen Reden des Herrn Jesus im Matthäusevangelium widmen, sollen einige grundsätzliche Bemerkungen das Verständnis erleichtern. Der Ausdruck „Bergpredigt“ kommt in der Schrift zwar nicht vor, doch er ist passend, da die Ansprache auf einem Berg gehalten wurde (Mt 5,1; 8,1). Zudem macht dieser Ausdruck den Charakter dieser Magna Charta des Königreichs deutlich: Es ist das Königreich der Himmel, und dementsprechend spricht Christus von oben – vom Berg aus – zu den Jüngern.

  1. Die sogenannte Bergpredigt war historisch vermutlich keine zusammenhängende Rede des Herrn. Innerhalb der drei Kapitel finden sich auch keine zeitlichen Bezüge (daraufhin, danach, dann), wie das besonders im Markusevangelium immer wieder der Fall ist, wenn zeitlich aufeinanderfolgende Reden oder Ereignisse beschrieben werden. In Kapitel 7,28 spricht der Herr ausdrücklich von „Reden“ (in der Mehrzahl).
    Dass die „Bergpredigt“ wahrscheinlich mehrere Reden zusammenfasst, wird auch deutlich, wenn man die Teile der Kapitel 5–7 anschaut, die Lukas wiedergibt: Lukas 6,20–49; 11,1–13; 12,22–31; 16,13.2 Dort machen die genannten Umstände klar, dass es sich um verschiedene Gelegenheiten handeln muss. Matthäus fasst dagegen verschiedene Ansprachen des Herrn zusammen. Das wird den Leser dieses Evangeliums nicht verwundern, denn auch das Ende von Kapitel 4 zeigt schon, dass es dem Geist Gottes in diesem Evangelium nicht um Chronologie geht. Er fasst gewisse Themen unter einem bestimmten Blickwinkel zusammen. Später werden auch bestimmte Wunder in Gruppen zusammengefasst. Sind die drei Kapitel 5–7 nicht zugleich eine wunderbare erste Erfüllung von Jesaja 53,11: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen“? Natürlich werden diese Worte ihre volle Erfüllung erst vor dem 1000-jährigen Königreich finden. Aber schon damals zeigte der Messias, wie praktische Gerechtigkeit vor Gott möglich ist – ein großes Thema der Bergpredigt.
  2. In der Bergpredigt spricht Jesus als der Messias, der König-Prophet der Juden. Es geht also nicht um einen selbsternannten Lehrer, sondern um den, der eine Beziehung zu seinem irdischen Volk besitzt. Er ist derjenige, der im Alten Testament als König, als Prophet und Lehrer für sein Volk angekündigt worden ist.
  3. Allerdings merken wir sogleich, dass die Verhältnisse anders waren, als die Juden sie erwartet hatten. Wie kann man sonst die Hinweise auf Verfolgung, auf Tränen und Leiden verstehen, wo Gott doch ein Königreich in Macht und Herrlichkeit angekündigt hatte? Der Herr lehrt hier nicht seine Ablehnung vonseiten des Volkes Israel, aber seine Verwerfung wird offensichtlich vorausgesetzt – anders könnte man den Hinweis auf Trauer usw. nicht verstehen. Nicht, dass die Verwerfung im Mittelpunkt steht; sie liegt den Belehrungen aber zugrunde.
  4. Wir haben schon gesehen, dass das Reich in Matthäus oft das „Königreich der Himmel“ genannt wird. Dies zeigt, dass es sich um ein Reich aus dem Himmel und mit himmlischen Grundsätzen handelt. Wir haben aber auch gesehen, dass dieser Titel mit einschließt, dass derjenige, der dieses Königreich regiert, im Himmel thront. Wenn der von Gott gegebene König jedoch in diesem Moment vom Himmel auf die Erde kam und die Grundsätze seines Königreichs erläuterte: Stand dann das Königreich nicht unmittelbar bevor? Ja, es war „nahe gekommen“. Aber der Herr sprach von Leiden und deutete damit sehr früh die Verwerfung des Königs und seiner Untertanen an. Daher war nicht nur klar, dass der Beginn dieses Reiches der Himmel noch zukünftig war. Es stellte sich sofort die Frage: Was passiert mit dem König, wenn Er verworfen wird und erst noch in den Himmel auffahren muss? Diese Frage wird in der Bergpredigt noch nicht beantwortet. Aber durch seine Verwerfung wird angedeutet, dass der Ausdruck „Himmel“ vor diesem Hintergrund einen tieferen Sinn enthält und die Abwesenheit des Königs einschließt.
  5. Man hört manchmal, in diesen drei Kapiteln fänden wir ein gottgegebenes Konzept zur Regierung eines Staates. Das aber ist ein Missverständnis. Der Herr Jesus sagt beispielsweise in Kapitel 5,39: „Wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Eine Regierung, die dies als Verhaltensmaßstab aufnähme, würde der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnen. Nein, Regierungen nach Gottes Gedanken haben die Aufgabe der „Bestrafung der Übeltäter“ (1. Pet 2,14). Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sagt Paulus (vgl. Röm 13,4). Das macht klar: Matthäus 5–7 richtet sich an den einzelnen Menschen, nicht an eine Regierung oder einen Staat. Es geht nicht um eine Sozialagenda, sondern um Verhaltensmaßstäbe, die im persönlichen Leben eines Jüngers Jesu zu verwirklichen sind.
  6. Als Nächstes stellt sich die Frage, ob sich die Botschaft des Herrn in der Bergpredigt an Sünder oder an Gläubige richtet. Der erste Vers macht deutlich, dass es eine Ansprache an Jünger ist. Es geht also in dieser Predigt nicht darum, wie man ein Jünger wird. Beispielsweise finden wir keinen Hinweis auf das Erlösungswerk Jesu. Der Herr Jesus gibt auch keine Belehrung darüber, wie ein Sünder umkehrt und zum Glauben an Jesus Christus, den Erretter, kommt. Das macht deutlich: Der Herr Jesus wendet sich an Menschen, die bereits eine Beziehung zu Ihm haben. Nur ein Gläubiger kann „Licht der Welt“ (Mt 5,14) sein. Es mögen letztlich auch falsche Jünger unter den Zuhörern sein (vgl. Mt 7,24 ff.) – aber es sind Menschen, die sich zumindest zu Christus bekennen. Sie sind seine Jünger, seine Nachfolger, folglich geht es nicht um eine Evangeliumsverkündigung. Wer das übersieht, kommt zu falschen Anwendungen dieses Abschnitts.
  7. In Verbindung damit stellt sich die Folgefrage, ob der Herr sich hier an Christen wendet, ob Er also das christliche Zeitalter im Blickfeld hat. Man könnte zu diesem Schluss kommen, weil sowohl von dem Vater die Rede ist (5,16) als auch von Söhnen Gottes (5,9). Das sind zwei Begriffe, die wir aus der neutestamentlichen Lehre kennen. Eine eingehende Beschäftigung mit diesen und anderen Versen zeigt jedoch, dass es nicht um die typisch christlichen Beziehungen geht. Es fehlt jeder Hinweis auf
    a) das Innewohnen des Heiligen Geistes in dem Gläubigen (1. Kor 6,19),
    b) die Beziehung zu einem verherrlichten Sohn des Menschen im Himmel (Eph 1,20–23),
    c) die Rechtfertigung aus Glauben (Röm 4,25),
    d) die Vergebung der Sünden (Eph 1,7),
    e) die Erlösung durch das Blut Jesu (Eph 1,7),
    f) die Gliedschaft an dem einen Leib Christi (1. Kor 12,12),
    g) den Besitz des göttlichen, ewigen Lebens, des Lebens im Überfluss (1. Joh 5,11–13; Joh 10,10),
    h) usw.
    Das alles zeigt uns: Es geht in diesen Kapiteln nicht um eine Botschaft, die sich an Christen in ihrem Charakter als Kinder Gottes richtet. Zwar sehen viele Christen heute die Bergpredigt als den Inbegriff der christlichen Lehre und des entsprechenden Verhaltens. Diese finden wir jedoch erst in den Briefen, besonders in denen des Apostels Paulus. Es ist ein trauriges Missverständnis, wenn man hört, dass das Neue Testament durch die Bergpredigt zusammengefasst würde.
  8. Wenn sich Christus nun in der Bergpredigt zwar nicht an Christen in ihrem christlichen Charakter wendet, so spricht Er doch an mehreren Stellen vom Vater (z. B. 5,16.45.48). Die Jünger, an die sich diese Predigt des Herrn richtet, stehen in einer besonderen Beziehung zu Gott. Er ist ihr Vater. Das ist mehr, als die alttestamentlich Gläubigen kannten; und zeigt durchaus schon etwas von der Beziehung, die wir als Christen mit unserem Gott haben. Diese aber wird erst in den Briefen des Neuen Testaments erläutert.
    Wenn der Herr diesen Titel Gottes verwendet, geht es um eine Art Zwischenzustand. Er deutet mit diesem Ausdruck auf Beziehungen hin, welche die Jünger aus dem Alten Testament als Volk kannten. Denn Gott bekannte sich zu seinem Volk als „Vater“ (vgl. z. B. Jer 31,9; Mal 2,10). Der Herr nun gab ihnen weiteres Licht darüber in Übereinstimmung mit ihrem praktischen Zustand, denn sie hatten sich von den gottlosen Pharisäern und Schriftgelehrten distanziert, um bei dem verworfenen Herrn und Meister zu sein. So möchte der Herr seine Jünger von früheren Erwartungen befreien, um sie für die höheren Vorrechte bereit zu machen. Sie erwarteten, die Erde zu erben. Er wollte ihnen aber die Himmel schenken. Sie erwarteten ein Reich in Herrlichkeit auf der Erde, wogegen Er ihnen seine himmlische Herrlichkeit geben wollte.
    Wir finden hier solch eine Art von Übergang, wie er in den Psalmen beschrieben wird: „Die Himmel sind die Himmel des HERRN, die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben“ (Ps 115,16). „Wie ein Vater sich über die Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten“ (Ps 103,13). Der Vers aus Psalm 115 zeigt zunächst den ersten Zustand: Die Menschen gehören zu der Erde. Der Vers aus Psalm 103 weist dann aber darauf hin, dass der Gläubige sich an den Himmel wenden kann wie an seinen Vater. Der Herr Jesus wollte die Blicke der Jünger auf den Himmel richten, damit sie vom Himmel (und nicht von der Erde) alles erwarteten. Sie sollten sich bewusst werden, dass sie einen Vater im Himmel hatten, der sich über sie erbarmt. Wir finden allerdings weder in den Psalmen noch in Matthäus 5–7 die Nähe, die wir Christen zu unserem Vater kennen, denn der gläubige Christ steht nicht nur mit beiden Füßen auf der Erde. Nach Epheser 2 sitzt er zugleich in Christus in den himmlischen Örtern. Wir sind in Christus Kinder Gottes, ja Söhne, die mit dem Vater und dem Sohn Gemeinschaft haben (1. Joh 1,3), eine Wahrheit, die den Jüngern damals vollkommen unbekannt war.
  9. Wer daher die Bergpredigt als ein neues, höherstehendes, „christliches Gesetz“ versteht, stellt Christen unter Gesetz. Es mag ein neues, noch anspruchsvolleres, erhabeneres Gesetz sein. Aber auch ein Christ kann das Gesetz nicht halten. Gerade wegen der Unfähigkeit des Menschen, das Gesetz Gottes zu halten, war Christus gekommen: „Denn Christus ist das Ende des Gesetzes“ (Röm 10,4), so dass sich kein Christ neu unter eine Knechtschaft des Gesetzes bringen lassen sollte. Das ist die eindringliche Botschaft des Galaterbriefes, denn die Galater wollten sich als Erlöste unter das Gesetz stellen. Auch insofern muss man diese drei Kapitel „richtig“ verstehen.
  10. Wendet sich der Herr Jesus dann an die Juden im 1000-jährigen Königreich? Nein, denn Er spricht von Trauer und Trost, von Hunger und Leiden. Das 1000-jährige Friedensreich aber ist ein Reich der Freude, der Herrlichkeit, des Überflusses (vgl. Jes 60,20; 61,3; 66,11). Dennoch bleiben seine moralischen Grundsätze natürlich auch in dieser Zeit wahr. Es geht in der Bergpredigt aber um innere Grundsätze, nicht so sehr um die äußere Entfaltung der Herrlichkeit, wie wir sie im Alten Testament finden.
  11. An wen wendet sich der Herr Jesus aber dann konkret? Er wendet sich an solche, die
    a) Jünger in seinem Königreich sind – von ihnen spricht Er (5,1.3).
    b) in einer Zeit leben, in der es Verfolgung gibt und wo das Böse sich entfalten kann (5,11.12.39).
    c) Lohn für ihr Tun im Himmel bekommen werden (5,12), also einmal im Himmel sein werden.
    d) selbst in Gefahr stehen, sich von dem Bösen überwinden zu lassen (5,24.25).
    e) sich wohl Jünger nennen, in Wirklichkeit aber keine Beziehung zu dem König haben (7,26). Wir nennen solche Menschen im Allgemeinen falsche Bekenner.
  12. Der Herr wendet sich mit der Bergpredigt auch direkt an uns. Nun stellt Er uns hier nicht die Segnungen und Verantwortlichkeiten angesichts unserer hohen Stellung als Söhne und Kinder Gottes vor, wie wir gesehen haben. Was können wir dann aus diesen Abschnitten lernen? Der Herr will uns wichtige, moralische Belehrungen für unser Leben geben, denn Er möchte, dass wir als Jünger im Königreich der Himmel unser Leben zur Ehre Gottes führen. Zudem lehrt uns dieser Abschnitt, dass wir einem verworfenen Christus folgen. Wenn Er auch nicht von seinen eigenen Leiden spricht, so zeigt der Herr doch, dass wir leiden müssen. Das setzt seine Verwerfung voraus. Und genauso, wie die Jünger damals leiden mussten und dem verworfenen Christus nachfolgten und wie der Überrest der Juden in künftiger Zeit das tun wird, ist es auch unser Vorrecht, hinter dem herzugehen, der heute der Verworfene ist.
  13. Zuerst wendet sich der Herr natürlich an seine damaligen Jünger. Sie wollten sich auf die Seite des Herrn stellen. Daneben stehen auch solche vor seinem geistigen Auge, die hier auf der Erde leben werden, wenn die Versammlung nach 1. Thessalonicher 4,16.17 entrückt sein wird. Das sind Menschen, die, obwohl sie vorher nie etwas von Jesus Christus gehört haben, sich auf seine Seite stellen und leiden werden. Viele von ihnen werden als Märtyrer sterben – auch sie haben einen Platz im Himmel.

Die Bergpredigt richtet also einen Appell an Jünger Jesu. Sie ruft dazu auf, die Aufrichtung des Königreichs der Himmel durch eine tiefe Buße im Herzen zu ermöglichen. Damit findet sie Anwendung zu jeder Zeit, obwohl dieses Königreich in seiner öffentlichen Form noch zukünftig ist.

Das Wort von dem Anfang des Christus verlassend (Heb 6,1)

Die Bergpredigt hat einen zentralen Platz im Leben vieler Christen eingenommen. Daher möchte ich noch einen grundsätzlichen Hinweis dazu geben, wozu diese Belehrung nach der Lehre des Neuen Testaments gehört. Man kann den Charakter der Bergpredigt mit Belehrungen aus Hebräer 5 und 6 verbinden.

Wir haben schon in der Einleitung zur Bergpredigt gesehen, dass wir in ihr keinen Hinweis auf unsere christliche Stellung finden. Die Erlösung, das Werk des Herrn am Kreuz von Golgatha und die damit verbundenen Folgen werden an keiner Stelle erwähnt. Ebenso wenig wird auf den persönlichen Glauben an Christus zur Errettung hingewiesen. Es kann also nicht um unsere eigentliche Stellung als Christen und um die damit verbundene praktische Verwirklichung gehen, auch wenn es beispielsweise zu Römer 12 und Epheser 4 Parallelen gibt.

Dies nimmt der Schreiber des Hebräerbriefs zum Anlass, Themen wie die Bergpredigt als „das Wort von dem Anfang des Christus“ zu bezeichnen. Es sind Worte, die Christus hier auf der Erde gesprochen hat, bevor Er das Werk der Versöhnung vollbracht hatte. Diese Worte waren vollkommen. Aber sie konnten noch nicht – bis auf Ausnahmen – die gewaltige christliche Stellung beinhalten, in der wir uns befinden, wenn sie auch manche herrliche Wahrheit andeuten. Die Worte des Herrn entsprachen exakt dem Zustand und den Bedürfnissen der Jünger damals. Die christliche Wahrheit, die wir in den Briefen finden, geht weit darüber hinaus.

Die Christen aus den Juden standen am Anfang der christlichen Zeit immer wieder in Gefahr, die ganze christliche Wahrheit aufzugeben und zu den Anfängen zurückzukehren. Das war das, was der Herr Jesus zu seinen Jüngern damals gesprochen hatte. Deshalb wird ihnen gesagt: „Lasst uns fortfahren zum vollen Wuchs“ (Heb 6,1), denn Christen sollten nicht bei dem stehen bleiben, was Gott durch den Herrn Jesus vor Vollendung des Erlösungswerks predigen ließ. Sie sollen dieses „Wort von dem Anfang des Christus“ bewusst verlassen und „feste Speise“ (Heb 5,12.14; 6,1) zu sich nehmen. Das ist die neutestamentliche Wahrheit über den verherrlichten Christus und unsere Stellung in Ihm.

Die Hebräer waren gewissermaßen wieder zurückgefallen in einen geistlichen Zustand, wie er in der Bergpredigt ausgedrückt wird. Sie machten „das Wort von dem Anfang des Christus“, also die Belehrung vor Vollendung des Werkes Christi, zum Maßstab ihres Glaubenslebens. Der Schreiber des Hebräerbriefes tadelt sie daher und wirft ihnen vor, dass sie wieder der Milch bedürften. Das ist die Speise der Unmündigen (Babys). Die Gläubigen, an die sich der Hebräerbrief richtet, befanden sich nicht in einem geistlichen Zustand, Belehrungen über ihre himmlische Stellung zu erhalten. Sie mussten stattdessen mit den Grundlagen wahren Christentums, mit den „Elementen des Anfangs der Aussprüche Gottes“ (Heb 5,12) belehrt werden. Das ist ein Synonym für die einfachsten Belehrungen des christlichen Glaubens. Sie mussten neu lernen, was das Fundament des Glaubens ist.

Die Milch 3 ist als solche eine vollkommene Nahrung, weil sie mit Christus zu tun hat. Sie enthält die Belehrung über den auferstandenen und verherrlichten Herrn, so wie wir Ihn im Hebräerbrief finden. Aber sie enthält nicht die großartige himmlische Stellung des Erlösten, wie wir sie im Epheser- bzw. Kolosserbrief finden. Dort gab es „feste Speise“ (Heb 5,14), das, was für erwachsene Gläubige zur Erbauung dient.

Um dahin zu kommen, mussten sich die Hebräer erst einmal mit Christus und dem, was an der christlichen Stellung im Vergleich zum Judentum besser war, beschäftigen. Das ist genau die Lehre des Hebräerbriefes. Dort lesen wir wiederholt, dass Christus sich zur Rechten Gottes gesetzt hat. Die Beschäftigung mit dem verherrlichten Christus und mit unserer Stellung in Ihm führt zu geistlichem Wachstum und zu vollem Wuchs. Sie führt zu Heilsgewissheit und zu einem wirklich christlichen Leben.

Die Bergpredigt in den vier Evangelien

Es fällt auf, dass weder Markus (bis auf Verse, die er in anderem Zusammenhang zitiert, vgl. beispielsweise Mk 11,25.26) noch Johannes Teile dieser Bergpredigt niedergeschrieben haben. Wir können das gut nachvollziehen, da ein Diener kein König ist. Daher besteht für Ihn kein Anlass, über die Grundsätze seines Königreichs zu sprechen, denn ein Diener verfügt über kein eigenes Reich (Markusevangelium). Er dient ja gerade in einem anderen.

Johannes wiederum schreibt von dem ewigen Sohn Gottes. Kann der ewige Gott ein Königreich auf der Erde, in dem der Mensch als Regent versagt hat, an dessen Stelle annehmen? Unmöglich! Er hat ein eigenes, ewiges Reich, von dem Er später spricht (18,36). Er ist der ewige Gott, der über allem steht und nicht auf ein einzelnes Königreich beschränkt werden kann. Als Sohn des Menschen wurde Christus das Reich der Himmel von seinem Vater gegeben (Matthäus). Als Sohn Gottes war und ist Er der ewige Herrscher, der über allem steht (Johannes).

Über die Bergpredigt bei Lukas haben wir oben bereits kurz gesprochen. Lukas bringt Teile der Bergpredigt über mehrere Kapitel verstreut. Bei ihm handelt es sich nicht um eine zusammenhängende Rede. Er zeigt uns den Menschen Jesus, den seine Jünger immer wieder bei verschiedenen Gelegenheiten zu geistlichen und sittlich-moralischen Themen befragten. Diese Fragen und Bitten (z. B. 11,1) nimmt der vollkommene Mensch zum Anlass, seine Jünger zu belehren. Immer dann, wenn eine Belehrung für ihren Lebensweg nötig ist, gibt Er sie.

Matthäus richtet sich hier nicht nach der chronologischen Reihenfolge. Er fasst Belehrungen des Herrn zusammen, um den König hervorstrahlen zu lassen. Das macht aus dieser Predigt ein wunderbares Lehrstück für diejenigen, die Jünger des Herrn sind und sein wollen.

Eine Gliederung der Bergpredigt

Kapitel 5–7: Die Grundsätze des Königreichs der Himmel: Gerechtigkeit und Gnade

Folgende Gliederung der Bergpredigt habe ich gewählt:

Kapitel 5: Die Kennzeichen der Jünger

  1. 5,1–12: Der Charakter der Jünger im Königreich (Glückseligpreisungen)
  2. 5,13–16: Stellung und Aufgaben der Jünger im Königreich (Salz und Licht)
  3. 5,17–48: Der Jünger und die alttestamentlichen Schriften (Gesetz und Propheten)

Kapitel 6: Das Leben der Jünger im Königreich

  1. 6,1–18: Die Aktivität der Jünger im Königreich (praktische Gerechtigkeit)
  2. 6,19–24: Die Lebensausrichtung der Jünger (Herz/Himmel, Auge, Mammon)
  3. 6,25–34: Die Haltung der Jünger im Königreich (Vertrauen zum Vater in allen Umständen)

Kapitel 7: Die Beziehungen der Jünger und wahre Jüngerschaft

  1. 7,1–5: Die Beurteilung anderer Jünger (richten)
  2. 7,6: Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt (Hunde)
  3. 7,7–12: Die vertrauensvolle Beziehung des Jüngers zu Gott (Bitten)
  4. 7,13–29: Wahre Jünger – falsche Jünger (Pforte, Früchte, Herr, Haus)

Die Kennzeichen der Jünger (Matthäus 5)

Im fünften Kapitel lernen wir etwas darüber, welche Kennzeichen die Jünger Jesu in seinem Königreich tragen sollen. Diese Kennzeichen offenbaren sie zunächst in ihrer grundsätzlichen Haltung (V. 2–12), aber auch darin, wie sie ihre Aufgaben auf dieser Erde bzw. in dieser Welt wahrnehmen (Verse 13–16).

Da der Herr Jesus seine Rede an die Juden und insbesondere an seine jüdischen Jünger richtet, geht Er auch auf die Frage ein, welche Bedeutung dem Alten Testament, dem Gesetz und den Propheten, beigemessen werden muss, nachdem Christus nun gekommen ist. Hat dieses durch das Kommen Christi sein Ende gefunden? Darum geht es in den Versen 17–48.

Die Adressaten der Bergpredigt (V. 1)

„Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm“ (Vers 1).

Matthäus berichtet, dass der Herr Jesus in den Synagogen gelehrt, das Königreich der Himmel gepredigt und viele Kranke aus Galiläa und anderen Gegenden geheilt hatte. Jeden, der zu Ihm gekommen war, hatte Er durch seine Wunderkraft gesund gemacht. Man kann verstehen, dass es dadurch zu einem Volksauflauf kam.

Was war die Reaktion des Herrn? Er wollte nicht, dass die Menschen einfach eine äußerliche Heilung erfuhren. Er wollte ihnen deutlich machen, dass Er mehr war als nur ein Wunderheiler, ja dass die Behandlung von äußeren Krankheiten nur ein Mittel dazu war, sich als Messias zu erweisen. Ja, Er wollte ihre Herzen erreichen.

Deshalb nimmt Er das Zusammenlaufen der Menschenmassen zum Anlass für die Predigt der moralischen Grundsätze des Königreichs der Himmel. Dazu stieg Er auf einen Berg – ein Ort, den Christus während seines Lebens immer wieder aufsuchte (4,8; 5,1; 14,23 u. a.). Oft betete Er dort, häufig lehrte Er auch auf einem Berg, so auch hier. Es hat den Anschein, dass der Geist Gottes gerade Matthäus immer wieder antreibt, Christus als den wahren Mose vorzustellen. Er ist der wahre Mose, der – wie dieser am Sinai – vom Berg ausgehend das Volk belehrte. Auf Ihn sollte das Volk hören (vgl. 5. Mo 18,18). Aber der Herr Jesus ist mehr als Mose, mehr als der gesetzgebende Prophet und König. Er ist Emmanuel, Gott selbst, wie es auch die Bergpredigt deutlich macht.

An dieser Stelle sehen wir, dass eine Predigt nicht zwangsweise im Stehen erfolgen muss. Der König setzte sich, und seine Jünger kamen zu Ihm – ein Vorbild, das auch wir uns zu Herzen nehmen sollten. Ein Jünger lernt bei seinem Lehrer, bei seinem Meister. Die Jünger sind begierig, die Lehren ihres Meisters zu hören und zu verstehen. Der Herr hat sie nie enttäuscht. Er greift dabei auf viele Belehrungen des Alten Testaments zurück. Er zeigt, was der wahre Charakter der Übriggebliebenen in Israel sein sollte: Es sind die Kennzeichen, die auch Christus selbst trug. Dieses Zusammentreffen erinnert uns an die Psalmen, wo sich der Messias mit den Empfindungen und Erfahrungen dieser Übriggebliebenen identifiziert.

1. Der Charakter der Jünger im Königreich: die Glückseligpreisungen (V. 2–12)

Damit kommen wir zum ersten großen Teil der Bergpredigt, den sogenannten „Seligpreisungen“. Hier beginnt der König, die Kennzeichen der Jünger vorzustellen, die entsprechend dem Charakter des Königreichs ihr Leben führen. Es geht nicht darum, dass die Jünger später einmal glückselig werden. Sie sind es bereits, wenn sie die genannten Charakterzüge tragen.

Die Glückseligpreisungen kann man folgendermaßen einteilen:

Die ersten sieben gehören zusammen. Die letzten beiden sind ebenfalls miteinander verbunden, denn sie sind eine Art Resümee der ersten sieben. Zudem geben sie einen konkreten Ausblick auf die Leiden von Jüngern in diesem Königreich.

Die ersten sieben Glückseligpreisungen kann man wiederum in vier und drei gliedern.

  • Die ersten vier zeigen uns verschiedene Aspekte der praktischen Gerechtigkeit, die angesichts schwieriger äußerer Umstände durch wahre Jünger verwirklicht wird: Demut, Trauer, Sanftmut und Gerechtigkeit.
  • Die dann folgenden drei Seligpreisungen zeigen uns, dass der Jünger sogar göttliche Prinzipien verwirklichen kann, was beispielsweise Demut und Trauer nicht sind. Barmherzigkeit üben, in Reinheit (Heiligkeit) handeln und Frieden stiften sind zunächst einmal Merkmale des Handelns Gottes, die direkt sein Wesen offenbaren.
  • Man kann auch sagen: Während die vier ersten Punkte von praktischer Gerechtigkeit sprechen, weisen uns die drei folgenden auf göttliche Gnade hin.

Die ersten vier Glückseligpreisungen zeigen besonders die äußerlich sichtbare Stellung der Jünger des Königreichs auf der Erde. Die drei folgenden offenbaren deutlicher die inneren Charakterzüge der Jünger.

Dementsprechend passt die achte Glückseligpreisung – Leiden um der Gerechtigkeit willen – zur ersten (Vierer-)Gruppe. Die neunte Glückseligpreisung – Leiden um des Namens Christi willen – gehört inhaltlich zur zweiten (Dreier-)Gruppe.

Bevor wir uns mit den einzelnen Glückseligpreisungen beschäftigen, wollen wir uns noch kurz vor Augen führen, wovon dieser Teil der Bergpredigt nicht spricht:

  1. Die Glückseligpreisungen sprechen nicht davon, was ein Mensch erstreben und worum er kämpfen sollte, sondern davon, was er ist. Es heißt schlicht: „Glückselig die Armen im Geist ...“ usw. Die beschriebene Person kann kein Mensch in seiner sündigen Natur sein. Nein, sie hat eine neue von Gott gegebene Natur, die Natur Gottes selbst; diese offenbart sich gerade so, wie hier beschrieben. Dem natürlichen Menschen sind diese Charakterzüge fremd.
  2. Wenn der Herr hier seine Jünger glückselig nennt, meint Er damit einen Zustand der besonderen Segnung. Dafür gibt es einzelne Kennzeichen, die der Herr nennt. Es geht also nicht um ein äußeres Glück und um rein äußerliche Empfindungen. Die beschriebenen Umstände versprechen kein äußerliches Glück. Nein, es geht darum, dass diese Gläubigen ein überfließendes Maß an innerer Freude und Segnungen geschenkt bekommen. Dieses ist unabhängig von äußerlich angenehmen Umständen.
  3. Aus dem letzten Gedanken folgt, dass der Herr Jesus hier nicht von Menschen spricht, die von der allgemeinen Gesellschaft als glückselig bezeichnet würden. Im Gegenteil (vgl. Lk 6,26)! Da sie nicht von dieser Welt sind (vgl. Joh 17,16) und von dieser verachtet und verworfen werden, haben gerade sie es nötig, ermutigt zu werden. Das ist es, was der Messias hier tut, denn Menschen, auch wenn sie gläubig sind, haben keine Freudenquelle in sich selbst. Es sind der Herr und sein Wort, die immer wieder neu Mut zusprechen und ermutigen, in Leiden weiter auszuharren.

Der Herr Jesus stellt seinen Jüngern in den Glückseligpreisungen letztlich seine eigene Gesinnung vor. Ein Jünger, der ebenfalls diese Gesinnung hat, ist geeignet für das Königreich der Himmel.

Verse 2–3: Die Armen im Geist

„Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Verse 2.3).

Wenn der König das Wort ergreift, spricht Er mit größter Autorität. Auch wenn Er sich in erster Linie an die Jünger richtet, bleibt es den Volksmengen nicht verborgen (7,28.29). Es gilt auch für uns, genau zuzuhören.

Der Herr beginnt die Glückseligpreisungen mit den „Armen im Geist“. Dabei spricht der Herr hier nicht von Menschen, die eine geistige Behinderung haben oder in ihrer Intelligenz beschränkt sind. Es handelt sich auch nicht um materielle Armut. Nein, es geht um solche, die, was ihren menschlichen Geist, ihre Gesinnung und Gedanken betrifft, freiwillig die Stellung von Armen einnehmen wollen. Sie sind von sich aus bereit, in den Augen der Menschen „arm“ zu sein. Sie wollen nicht groß, nicht Männer von Geist sein. Es stört sie nicht, wenn andere sie als geistig arm bezeichnen und sie auf die Stufe von Kindern stellen, weil sie wie ein Kind einem Größeren vertrauen.

Diese Jünger glauben einfach und sind gerade deshalb fähig und würdig, in das Königreich einzugehen. Sie zählen zu den „Unmündigen“, angesichts derer der Herr seinen Vater preist (Mt 11,25). „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Königreich der Himmel eingehen“ (Mt 18,3), sagt der Herr Jesus bei einer anderen Gelegenheit. Und: „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich der Himmel“ (Mt 19,14).

Der Herr preist also diejenigen glückselig, die demütig sind und nicht hoch von sich denken. Wer sich im Licht Gottes sieht und vor Gott selbst steht, wird sich seiner Kleinheit bewusst sein. Gotteskenntnis geht einher mit Demut, mit dem Bewusstsein, dass Er alles ist, man selbst jedoch nichts. Das ist wahre „Größe“ vor Gott. Daher gilt auch, dass nur derjenige, der sich in dem Licht Gottes sieht und daher die Maßstäbe Gottes an sein Leben anlegt, praktische Gerechtigkeit üben kann. Diese setzt voraus, dass der Jünger Selbstgericht übt. Für diese Haltung gibt es eine Reihe von Beispielen. Denken wir an Hiob, der in Staub und Asche bereute (Hiob 42,5.6). Abraham sagte sogar, er sei Staub und Asche (1. Mo 18,27). Auch Jesaja war sich angesichts der Herrlichkeit Gottes bewusst, dass er sündig und nichts war (Jes 6,1–5).

Diese Haltung wird es einmal im Volk Israel wieder geben. Sie werden in der Zukunft die Armut ihres fruchtlosen Zustands erkennen und sich darunter beugen. Dann suchen sie keine großen Dinge mehr für sich selbst. Sie werden sich stattdessen unter diesen traurigen Zustand beugen. Gott wird diese Haltung nicht unbeantwortet lassen: „Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2).

Die erste Glückseligpreisung ist sehr allgemein, auch was den Segen betrifft, den der Herr dem schenkt, der die richtige Haltung hat. Denn dem, der sich vor Gott demütigt, verheißt Er das Königreich der Himmel. Durch diese Verbindung von geistiger Armut und seinem Königreich zeigt der Herr, dass sich die Hoffnung vieler im Volk nicht erfüllen konnte. Er war jetzt nicht gekommen, um die Römer zurückzudrängen und auf der Erde sein Reich sichtbar aufzurichten. Aber für die Armen im Geist würde Er einen Platz in seinem eigenen Königreich sicherstellen. Die herausfordernde Frage an uns heute lautet: Betrachten wir uns auch als solche – „arm im Geist“?

Vers 4: Die Trauernden

„Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ (Vers 4).

Die sieben Glückseligpreisungen werden nicht zusammenhangslos in den Raum gestellt. Das ist bei keiner der verschiedenen Aufzählungen in der Schrift der Fall.

Zunächst sucht der Herr solche, die demütig sind, was ihre eigene Person und Stellung vor Gott betrifft. Aber es reicht nicht, sich vor Gott zu demütigen, sich also seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst zu sein. Gott sucht auch Trauer bei uns angesichts des traurigen geistlichen Zustandes der Christen auf der Erde – es geht also auch um andere. Diese Haltung hat Gott immer gesucht. Genau das war das Kennzeichen der Übriggebliebenen, die aus der Gefangenschaft Babylons zurückkamen. Sie erkannten den traurigen Zustand des Volkes und sogar des Überrestes und sein Versagen. Das sahen sie nicht mit Gleichgültigkeit an und erhoben sich darüber, sondern sie beugten sich darunter. Das sollen wir uns auch heute zu eigen machen.

Der Herr bezieht sich hier nicht auf eine Trauer, die wir zum Beispiel wegen des Todes bzw. Heimgangs eines Angehörigen empfinden, obwohl man bei dieser Art von Trauer natürlich auch den Trost Gottes erfährt (vgl. 2. Kor 1,3–7, diese Verse kann man darauf anwenden, auch wenn es dort nicht um diesen konkreten Fall geht). Wahre Jünger trauern über die Verwüstungen, welche die Sünde in der Welt verursacht (vgl. Ps 119,136); sie trauern über die Verwerfung des Königs durch sein Volk und angesichts der Feindschaft, die es Ihm entgegenbringt.

Bei der ersten Glückseligpreisung ging es mehr darum, ein Empfinden für die Heiligkeit Gottes zu haben. Hier nun spricht der Herr von dem, was Gott eigentlich vonseiten seines Volkes zusteht. Das heißt, der Gläubige sieht den niedrigen Zustand des Volkes Gottes und erkennt, dass Gott ein Anrecht an Hingabe und Entschiedenheit, an Gottesfurcht und Gottesdienst hat. Weil Ihm dies alles aber nicht gebracht wird, trauert er.

In Zukunft wird es von den Übriggebliebenen aus dem Volk der Juden wieder solche geben, die so sprechen: „Wehe mir! Denn mir ergeht es wie bei der Obstlese ... Der Gütige ist aus dem Land verschwunden, und da ist kein Rechtschaffener unter den Menschen; allesamt lauern sie auf Blut, sie jagen jeder seinen Bruder mit dem Netz ... Ich aber will ausschauen nach dem Herrn, will harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören“ (Mich 7,1–7). Diese Trauernden werden getröstet werden!

Es stellt sich uns heute in der Anwendung dieser Verse die Frage: Wer trauert heute noch über den Zustand der Christenheit, wer seufzt (vgl. Röm 8,23)? Wer schämt sich vor Gott angesichts des Verfalls der Moral und des Niedergangs in der Verwirklichung der biblischen Lehre? Wer trauert über den Mangel an Kenntnis der göttlichen Gedanken in seinem Wort? Auf die heutige Zeit angewandt spricht die Bergpredigt zu Jüngern, die heute im Königreich der Himmel sind. Sie müssen feststellen, dass es dort viele gibt, die sich zwar äußerlich nach Christus nennen, innerlich aber weit entfernt von Ihm sind. Der König kam in das Seine, aber die Seinen nahmen Ihn nicht an (Joh 1,11). Von seiner Geburt an, so haben wir in diesem Evangelium gesehen, lehnte man den eigenen Messias ab.

Im 1000-jährigen Königreich gibt es dagegen keinen Platz mehr für Trauernde. Alle werden dann große Freude genießen (vgl. z. B. Jes 54,1). Aber wie schon in der Einleitung gesehen: Um diese Zeit geht es in der Bergpredigt nicht. Sie handelt von Tagen, in denen die Juden und die Menschen im Allgemeinen keinen Platz für ihren Messias hatten und haben werden.

Auch in der Christenheit heute sieht es nicht anders aus. Man will Christus nicht haben. Lieber regiert man selbst im eigenen Leben, und das in dem Bereich, der sich nach Ihm nennt. Hier sucht der Herr solche, die nicht einfach gleichgültig gegenüber dem Bösen und gegenüber diesem furchtbaren Zustand sind. Das sind Jünger, die geistliche Empfindungen haben. Sie lieben ihren Herrn und das Gute und schämen sich für alles, was Ihn verunehrt. Sie beugen sich unter den niedrigen Stand der Christenheit. Es geht nicht darum, sich formal auf die Knie zu begeben, sondern um eine Herzenshaltung, die uns prägen muss.

Daniel (Dan 9) und Esra (Esra 9) sind Vorbilder für uns darin, wie sie in traurigen Zeiten die Sünden des Volkes zu ihren eigenen gemacht haben. Im Unterschied zu uns waren sie selbst schuldlos am Zustand des Volkes. Wir tragen heute dagegen Mitschuld an der Verfassung der Christenheit. Aber wenn wir diesen Zustand zu unserem eigenen machen und vor dem Herrn in Trauer bekennen, wird Er uns trösten. Er zeigt uns dann, wie Er die Seinen sieht und was für einen großartigen Plan Er für sie hat. In Vollkommenheit wird Er diesen Trost im 1000-jährigen Reich schenken; aber schon jetzt wird der Meister die wirklich Trauernden trösten. Nicht, dass sich ihre Umstände unbedingt verbessern müssen. Aber inmitten der traurigen Umstände haben sie einen Halt in Christus, der mehr wert ist als gute Umstände, denn Christus selbst kommt in diese Umstände hinein und steht an der Seite seiner Jünger.

Vers 5: Die Sanftmütigen

„Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben“ (Vers 5).

Während es bei den ersten beiden Glückseligpreisungen besonders um die persönliche Haltung vor Gott ging, kommen wir nun zu dem Verhältnis eines Jüngers zu anderen. Allerdings schließt Sanftmut die entsprechende Haltung gegenüber Gott in Bezug auf das, was Er mir schickt, nicht aus.

Einerseits knüpft dieser Punkte bei der zweiten Seligpreisung an. Dort geht es – wie hier – um die Art und Weise, wie ein Jünger auf seine (christuslose) Umgebung reagiert. Es beginnt mit Trauer und setzt sich fort in einer Haltung und Praxis der Sanftmut. Diese geht allerdings noch tiefer als die beiden ersten genannten Gesinnungen. Wenn man selbst demütig ist und den traurigen Zustand des Volkes Gottes zu dem eigenen gemacht hat, besteht folgende Gefahr: Man kann dazu kommen, anderen Jüngern gegenüber eine harte Haltung einzunehmen. Warum sind sie nicht bereit mitzutrauern? Warum sind sie nicht bereit, als „arm im Geist“ vor der Welt zu gelten? Man steht auch in Gefahr, selbst „aufräumen“ zu wollen, statt den Herrn auch im Herzen der Mitjünger wirken zu lassen.

Dieser Gefahr begegnet der Herr. Er zeigt, dass zur Demut und Trauer die Sanftmut gehört. Wer vor Gott steht, wird anderen in einer milden und freundlichen Art begegnen. Er wird sie nicht hart anfahren oder verurteilen, sondern sanftmütig auf sie zugehen. Das heißt keineswegs, dass es keinen heiligen Zorn über das Unrecht gibt, das Gott vonseiten derer widerfährt, die sich nach seinem Namen nennen. Aber der sanftmütige Jünger wird nicht Zorn in selbstgerechter Weise gegenüber Menschen ausüben, die durch fehlende Gottesfurcht geprägt sind.

Im menschlichen Miteinander mag man Sanftmut als eine Schwäche ansehen, die zu nachgiebig mit anderen Menschen umgeht. Aber der Herr hat ein anderes Werturteil. Der größte Führer des Volkes Gottes, Mose, wurde gerade durch diese Eigenschaft geziert (vgl. 4. Mo 12,3).

Ein Leben in Sanftmut zeigt auch, dass man eine zunehmende Einsicht in die Wege Gottes mit den Menschen hat. Wir bleiben ruhig, wenn wir sehen, dass Gott sein Gerichtsurteil über die bösen Menschen nicht sofort vollzieht. Wir wissen, dass Er sie trotz zunehmender Bosheit erträgt, denn wir kennen „jener Ende“ (vgl. Ps 73,16.17). Sanftmut schließt auch ein, dass man die innere Ruhe besitzt, alle persönlichen (widerwärtigen) Dinge bei Gott zu lassen und sich dem Handeln Gottes unterzuordnen. Auch wenn die Umstände eine echte Prüfung sind, bleibt man dem Willen Gottes dankbar, der in seiner Weisheit die Dinge so lenkt, wie es gut ist.

Der 37. Psalm ist wie ein vollkommener Kommentar zu dieser Glückseligpreisung: „Erzürne dich nicht ... Vertraue auf den Herrn und tu Gutes, wohne im Land und weide dich an Treue ... Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn ... Vertraue still dem Herrn und harre auf ihn! Erzürne dich nicht über den, dessen Weg gelingt ... Steh ab vom Zorn und lass den Grimm ... Denn die von ihm Gesegneten werden das Land besitzen ...“

Mit diesem Wort sind wir bei der Verheißung an den Sanftmütigen: „... denn sie werden das Land erben.“ In unserer Gesellschaft ist es normal, sich und seinen Willen durchzusetzen und auf seinem Recht zu bestehen, um etwas zu erreichen. Im Königreich der Himmel aber sind es die Sanftmütigen, die das Land erben. Hierbei erkennen wir eine Steigerung gegenüber den Verheißungen der vorigen Glückseligpreisungen. Zunächst hatte der Herr den Armen im Geist das Königreich zugesagt. Den Trauernden hatte Er dann verheißen, dass sie getröstet werden. Jetzt zeigt Er den Sanftmütigen, dass sie nicht nur im Reich sein, sondern sogar einen festen Platz im zukünftigen Erbe haben werden. Ihnen wird das Land der Verheißung geschenkt werden.

Dieser Gedanke zeigt noch einmal, dass sich diese Bergpredigt zunächst an jüdische Gläubige richtet. Sie haben ein Interesse an dem verheißenen Land. Ihr Leben und Streben ist genau darauf ausgerichtet, das Erbteil zu erlangen. Wer in der Zeit der Verwerfung des Königs mitleidet und sanftmütig ist, wird einmal das Land in Besitz nehmen können.

Uns, den himmlischen Erben, verheißt Offenbarung 21,7 noch mehr. Dieses Erbe wird nicht mit Sanftmut verbunden, aber doch mit Überwinden. Und das wird nur derjenige tun, der in Sanftmut die Wege Gottes annimmt: „Wer überwindet, wird dieses [die in den vorherigen Versen genannten Segnungen] erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.“ Es gibt für Christen ein Erbe, das alles Geschaffene umfasst. Allerdings gibt es noch mehr! Denn unser Erbe schließt den Genuss des ewigen Lebens in seiner Fülle mit ein. Besonders aber denken wir an die Beziehung zu dem ewigen, unendlichen Gott, der unser Vater geworden ist.

Vers 6: Die nach der Gerechtigkeit Hungernden

„Glückselig die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden“ (Vers 6).

Der erste Teil der Glückseligpreisungen wird mit diesem Segenszuspruch abgeschlossen. Es geht in diesen ersten vier Segnungen darum, praktische Gerechtigkeit zu offenbaren. Der Herr hatte das in vollkommenem Erbarmen getan, indem Er sich taufen ließ. Die Jünger sollten das auch tun, ja, sie sollten nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Diese Gerechtigkeit finden sie nicht in der Welt – es geht um eine himmlische Gerechtigkeit, die sie aber auf der Erde zu zeigen berufen werden.

Durch den vierten Segen wird eine im Vergleich zu den ersten drei Punkten aktivere Tätigkeit „belohnt“. Der Jünger soll sich danach ausstrecken, praktische Gerechtigkeit zu zeigen – bei allen Taten und als Geisteshaltung überhaupt. Er hungert und dürstet geistlicherweise danach. Das setzt einen Mangel an Gerechtigkeit voraus. Dieser soll durch ein intensives Verlangen behoben werden.

Geistlicher Hunger und Durst strecken sich nach dem aus, was gottgemäß ist und den Willen Gottes auf dieser Erde bewahrt. Auch hier geht es, wenn man die jüdische Seite besonders bedenkt, darum, was Gott den Juden im Alten Testament über seinen Willen offenbart hat.

Praktisch auf das Leben eines Jüngers bezogen bedeutet diese Glückseligpreisung, dass der Jünger nach Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist dürstet (vgl. Röm 14,17). Es ist ihm ein Anliegen, selbst in Übereinstimmung mit Gott zu leben. Er möchte aber auch möglichst viele gewinnen, die in einer solchen praktischen Gerechtigkeit handeln.

Mit dieser Gerechtigkeit ist nicht, wie man heutzutage schon einmal liest, eine soziale Gerechtigkeit, Gerechtigkeit zwischen Generationen usw. gemeint. Nein, dieser Ausdruck zielt darauf ab, Gott als Ausgangspunkt und Ziel allen Handelns zu haben. Bis heute wird das Recht oft gebeugt. Aber im 1000-jährigen Königreich wird Christus als König in Gerechtigkeit regieren und herrschen (Jes 32,1). „Und ich werde das Recht zur Richtschnur machen und die Gerechtigkeit zum Senkblei“ (Jes 28,17).

Wenn diese Verse im 1000-jährigen Königreich erfüllt sein werden, wird auch der Hunger der Jünger nach wahrer Gerechtigkeit gestillt sein. Dann werden sich die ersten vier Glückseligpreisungen vollkommen erfüllen: Der Jünger lebt im Königreich und hat ewigen Trost erhalten. Er hat das Land geerbt und sein Hunger und sein Durst werden auf ewig gestillt sein. Dann darf er im geistlichen Überfluss dort leben, wo der König regiert. Die Seele ist dann in jeder Hinsicht befriedigt. Ein solcher wird einmal im ewigen Zustand im neuen Himmel und auf der neuen Erde regieren dürfen (vgl. 2. Pet 3,13).

Wir Christen haben eine viel höhere Hoffnung. Denn wir warten nach 1. Thessalonicher 4 auf die Wiederkunft Jesu zur Entrückung. Dennoch sollten auch wir diese vier Kennzeichen tragen, denn auch wir werden unter anderem diese Erde erben. Auch wir sind Teil des Königreichs und werden ewigen Trost empfangen. Auch wir werden dann keinen Hunger nach Gerechtigkeit mehr leiden.

Vers 7: Die Barmherzigen

„Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Vers 7).

Damit kommen wir zur zweiten Gruppe der ersten sieben Glückseligpreisungen. Bei ihnen steht Gerechtigkeit nicht mehr im Vordergrund. Es gibt nämlich etwas, das noch größer ist: Gottes Gnade und Barmherzigkeit zu offenbaren. Das bedeutet, der Natur Gottes teilhaftig zu sein und diese im praktischen Leben sichtbar werden zu lassen (2. Pet 1,4). Wer die Liebe Gottes kennt, wertschätzt und genießt, kann sie inmitten des ihn umgebenden Bösen offenbaren.

Gnade und Barmherzigkeit sind nicht dasselbe. Wenn es um das Handeln Gottes mit uns geht, kann man diese beiden Tugenden folgendermaßen voneinander abgrenzen: Durch die Gnade bringt Gott uns aus unserem verlorenen Seelenzustand in den Himmel, an sein Vaterherz. Er erhebt uns zu sich. In der Barmherzigkeit kommt Gott zu uns, in unseren elenden Zustand und hilft uns darin. Er lässt sich zu uns herab. Sehr eindrucksvoll wird dies im sogenannten „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ (Lk 10) illustriert.

Wer als Mensch Barmherzigkeit üben will, muss zunächst selbst Barmherzigkeit erfahren haben. Gott hat uns diese Barmherzigkeit in dem Herrn Jesus entgegengebracht. Es ist die „herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe“ (Lk 1,78). Petrus sagt das an anderer Stelle so: „Gepriesen sei der Gott und Vater unsers Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung“ (1. Pet 1,3). Barmherzigkeit in Vollkommenheit ist das Kreuz auf Golgatha (vgl. Tit 3,4.5). Barmherzigkeit ist die Grundlage für Gottes aktives Handeln in einer Welt der Sünde. Sie ist die einzige Möglichkeit, um dem Einzelnen Errettung zu geben. Niemand ist ausgeschlossen, denn Er ist „reich an Barmherzigkeit wegen seiner vielen Liebe“ (Eph 2,4).

Jetzt sind wir aufgefordert, anderen in Barmherzigkeit zu begegnen. Das, was wir an uns erfahren haben, sollen wir selbst tun. So werden wir praktisch zu Nachahmern Gottes (Eph 5,1), nicht nur in Liebe, sondern auch in Barmherzigkeit. Wir spiegeln die göttliche Natur auf dieser Erde wieder. Wir offenbaren, wer Gott ist und wie Er handelt.

Die Antwort Gottes auf ein solches Handeln ist großartig: „Ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden.“ Gott ist mit seiner Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem Kreuz Christi nicht zum Ende gekommen. Er sieht auch heute die elenden Umstände, in denen sich seine Kinder befinden. Er kommt ihnen entgegen, um ihnen darin zu helfen. Sie bekommen nicht nur Vergebung ihrer Sünden geschenkt – das schenkt Gott bei einem Bekenntnis der Sündenschuld. In ihrem Glaubensleben erfahren die Jünger Jesu auch heute immer wieder die Barmherzigkeit Gottes. Aber im Blick auf das tägliche Leben nennt Gott diese Bedingung: Wer selbst Barmherzigkeit übt, wird selbst immer wieder neu in den Genuss dieser Zuwendung Gottes kommen.3 Er wird von anderen ebenfalls in barmherziger Weise behandelt werden. Es gibt niemand, der immer auf der Höhe seines Glaubenslebens ist. Daher haben wir alle auch untereinander Barmherzigkeit nötig.

Wohl dem, der anderen gegenüber bewusst in Liebe handeln möchte. Nicht von oben herab, sondern in einer dienenden Gesinnung. Es könnte nämlich die Gefahr bestehen, dass ein Jünger aus einer Gesinnung bloßer Herablassung anderen gegenüber „Barmherzigkeit“ übt. Eine solche Barmherzigkeit „von oben herab“ sucht Gott bei uns jedoch nicht. Auch dürfen wir beim Ausüben von Barmherzigkeit keine Kompromisse in Bezug auf die Wahrheit und die Heiligkeit Gottes eingehen. Nein, Gott möchte, dass wir in jeder Hinsicht ein reines Herz bewahren und auch aus einem reinen Herzen heraus handeln. Dies ist daher Inhalt der nächsten Glückseligpreisung: reine Herzen.

Vers 8: Reine Herzen

„Glückselig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen“ (Vers 8).

Das Herz ist in der Bibel der Sitz der Persönlichkeit, aber auch der Gedanken, Zuneigungen und des Willens – im positiven wie im negativen Sinn (Spr 4,23; Mt 9,4; 12,34; 24,48). Man könnte das Herz also mit einer inneren Schaltzentrale vergleichen, denn die Motive für unser Handeln werden hier gebildet. Daher sollen wir es mehr bewahren als alles andere. Unser Herz soll rein sein. Das setzt eine moralische Trennung von allem Bösen und eine Hinwendung zum Herrn voraus (vgl. Jer 15,19). Wenn wir das tun, offenbaren wir in Wahrheit Gott und seine Einstellung zum Bösen, denn Gott allein ist absolut rein.

Wie können wir uns nun ein praktisch reines Herz bewahren, denn das ist die Zielrichtung des Herrn an dieser Stelle? Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, ein reines Herz zu erlangen; es handelt sich ja um solche, die Jünger sind, und nicht um solche, die Jünger werden wollen. Es geht also nicht um die Frage der Stellung eines Jüngers, denn ein reines Herz kann dem Grundsatz nach nicht unrein werden. Die Antwort liegt letztendlich in dem verheißenen Segen dieser Glückseligpreisung verborgen: „Denn sie werden Gott sehen.“ Dies ist natürlich die Antwort Gottes auf ein Leben mit einem reinen Herzen. Das heißt, wer sein Leben in Reinheit führt, mit reinen Motiven, Gedanken, Zielen, der darf eine vertraute Beziehung zu Gott erleben.

Jeder Jünger, der sich vor Gott aufhält, lässt sich durch das Licht Gottes bescheinen und durch seinen Geist leiten. Ein solcher wird ein reines Herz im praktischen Leben offenbaren. Er wird das Gute für den anderen suchen. Er wird reine Wege gehen. Er wird andere in die richtige Richtung, das heißt zu ihrem himmlischen Vater, führen. Er wird sich innerlich (und äußerlich) von der Welt und ihrer Bosheit trennen, denn nur so ist er in der Lage, sich rein zu erhalten. Ein reines Herz hat reine Beweggründe, die aus dem Licht Gottes hervorkommen. Man lässt sich also nicht durch das Böse anstecken, das man in demjenigen sieht, der Barmherzigkeit nötig hat. Diese Gefahr entsteht für uns immer wieder. Stattdessen prüft man beständig in dem, was man tut, ob es aus einem reinen Herzen hervorkommt.

Wer das tut, bekommt einen wunderbaren Segenszuspruch: Er wird Gott sehen. Bis heute ist es noch ein geistliches Sehen. Aber auch das ist schon gewaltig. Denn jemand, der in der Gegenwart Gottes in Reinheit lebt, sieht Gott in seinem Handeln. Für einen Gläubigen, der nicht durch den Geist Gottes geleitet wird und sich nicht bewusst ist, dass er vor Gott steht und daher rein leben muss, ist Gott weit weg. Er macht keine Erfahrungen mit seinem himmlischen Vater. Aber jemand, der die Natur Gottes offenbart und damit ihr Teilhaber im praktischen Leben ist, kennt und liebt Gott – und sieht Ihn. So wichtig ist Gott das reine Herz im Leben seiner Jünger.

Interessanterweise ist hier nicht vom „Vater“ die Rede, wie der Herr „Gott“ sonst in der Bergpredigt nennt, sondern von Gott. Das ist ein Hinweis auf seine Heiligkeit, Allmacht und Größe. Wer sein Herz rein bewahrt, wird in den irdischen Umständen erleben, wie der große Gott diese verändert. Er schafft Auswege und offenbart sich in seiner Liebe und Heiligkeit.

In Vollkommenheit wird diese Glückseligpreisung aber dann wahr werden, wenn Gott sein Königreich auch sichtbar auf dieser Erde aufrichten wird. Die, die reinen Herzens sind, bekommen die Verheißung, dass sie Gott sehen werden – dann in der Person des Herrn Jesus sichtbar auf der Erde. Sie stehen Ihm dann gegenüber – Auge in Auge. Sie werden die göttliche Größe in seinen Augen voller Liebe erkennen dürfen, in einer Weise, wie nie zuvor.

Vers 9: Die Friedensstifter

„Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“ (Vers 9).

An siebter und letzter Stelle des ersten Teils der Glückseligpreisungen erfahren die Friedensstifter einen besonderen Segen. Das ist zweifellos ein erster Höhepunkt. Barmherzigkeit üben ist ein bewusstes Einsmachen mit jemand, der im Elend steckt. Das reine Herz ist die Grundvoraussetzung, um das neue Leben überhaupt zum Vorschein kommen zu lassen. Friedensstifter zu sein nun erfordert ständige, positive Energie. Wie auch in der ersten Vierergruppe ist der jeweils letzte Segen mit besonderer Aktivität verbunden.

Hier geht es nicht darum, Frieden mit Gott zu bekommen – das ist das Geschenk Gottes an einen Sünder, der Jesus Christus im Glauben annimmt. Der Fokus des Herrn liegt hier ebenfalls nicht darauf, den Frieden Gottes zu genießen, wie Christus ihn auf seinem Lebensweg kannte. Natürlich ist beides letztlich die Voraussetzung dafür, Friedensstifter zu sein. Es geht auch nicht darum, den Unfrieden in dieser Welt beiseitezuräumen. Dann wäre die Bergpredigt ein politisches Programm – aber genau das ist sie nicht, wie wir gesehen haben.

Nein, wer Frieden stiften möchte, muss ein geistlich gereiftes Urteilsvermögen besitzen. Er darf selbst nicht jemand sein, der seine eigene Meinung durchzusetzen sucht. Er benötigt viel Weisheit, in der rechten Situation das rechte Wort zu gebrauchen. Er muss durch die Liebe Gottes angetrieben werden. Er muss Barmherzigkeit gegenüber den Streitenden üben. So jemand sollte zudem zwischen zerstrittenen Geschwistern vermitteln. Aber es darf nicht sein Ziel sein, sich dadurch selbst zu profilieren – er braucht ein reines Herz. Wie segensreich sind die Schritte eines Friedensstifters! Er ist bekannt als jemand, der heilt, der zusammenführt, der verbindet, der zu Christus führt. Er tut dies, ohne gegen die praktische Gerechtigkeit zu verstoßen.

Frieden stiften in einer Welt voller Unfrieden und unter Geschwistern, die immer wieder Konflikte miteinander austragen, verlangt Selbstverleugnung. Darüber hinaus sind große Geduld, entschiedenes Zuhören und viel Gebet nötig. Wer gegensätzliche Charaktere und widerstreitende Parteien versöhnen möchte, muss ein Mittel finden, mit dem er die Betroffenen in das Licht Gottes stellt. Dieses Licht stellt auf der einen Seite alle Motive und Intentionen bloß. Auf der anderen Seite ist es so warm, dass es Menschenherzen erreicht.

Wenn es auch nur die geringste Möglichkeit gibt, den Frieden Gottes in eine Situation hineinzubringen, dann durch solche Friedensstifter, die tätig werden. Durch ihre geistliche Gesinnung sind sie dazu fähig. Wenn sie keinen Weg dafür finden, warten sie auf Gott und seine Antwort. Es ist ein wunderbares Kennzeichen von Jüngern, wenn sie bekannt dafür sind, eine Spur des Friedens zu hinterlassen. Leider gibt es auch genau das Gegenteil. Daher wollen wir uns gegenseitig ermutigen, Frieden zu säen.

Wie tragisch, wenn wir keine Friedensstifter sind, sondern durch einen Parteigeist geprägt sind, der immer wieder unter Gläubigen anzutreffen ist. Leider gibt es das auch im Dienst für den Herrn (Phil 4,2). Stattdessen sollten wir uns bemühen, wo immer wir in unserem Umfeld die Möglichkeit haben, Frieden zu säen. Das gilt auch dann, wenn es um ungläubige Mitmenschen geht. Paulus fordert uns an anderer Stelle auf, „mit allen Menschen in Frieden zu leben“ (vgl. Röm 12,18), bis heute eine wichtige Ermahnung.

Der erste Segen war sehr allgemein; es ging darum, zum Königreich der Himmel zu gehören. Der letzte Segen des ersten Teils der Glückseligpreisungen ist ebenfalls sehr allgemein: Friedensstifter werden Söhne Gottes heißen. Was ist damit gemeint? Die christliche Stellung, nämlich „in Christus“ und „Söhne Gottes“ zu sein (Eph 1,5), war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Darum kann es also nicht gehen.

Der Herr Jesus zeigt, dass der Friedensstifter „Sohn Gottes“ heißen wird, weil er die Wesenszüge Gottes offenbart. Wie überhaupt in dieser Bergpredigt geht es also um ganz praktische Dinge. Ein Sohn gleicht seinem Vater. Wir sind also dann (in der Praxis) Söhne Gottes, wenn wir seine Natur offenbaren. Gott bringt Frieden – wir sollten es auch tun! Gott ist barmherzig – wir sollen es auch sein. Gott ist vollkommen rein – auch wir sollen ein reines Herz besitzen.

Der Ausdruck „Söhne Gottes“ meint also durchaus nicht an allen Stellen dasselbe. Hier sind die Friedensstifter Nachahmer Gottes. Warum? Weil Er selbst ein Friedensstifter ist. Wie oft wird Er im Neuen Testament der Gott des Friedens genannt (Röm 15,33; 16,20; 2. Kor 13,11; Phil 4,9; 1. Thes 5,23; Heb 13,20).

Vers 10: Leiden um der Gerechtigkeit willen

„Glückselig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Vers 10).

In gewisser Hinsicht stellen diese beiden letzten Glückseligpreisungen eine Weiterentwicklung der ersten sieben dar, denn es geht jetzt weniger um die Haltung und den Charakter der Jünger. Der Herr spricht vielmehr von den Folgen dieser Haltung und dieses Charakters. Wir sollten wissen, dass ein treues Verhalten Konsequenzen hat. Nicht selten handelt es sich um Folgen, die mit Leiden einhergehen, denn die uns umgebende Welt der Sünde und Sünder ist einer solchen Geisteshaltung völlig entgegengesetzt.

Das Leben in praktischer Gerechtigkeit besitzt mehrere Kennzeichen: Man ist demütig und trauert über den moralischen Zustand der Christen sowie der Gesellschaft im Allgemeinen. Zugleich geht man sanftmütig mit anderen um und hungert nach der Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit beinhaltet nicht nur, dass man jedem das zukommen lässt, was ihm zusteht. Praktische Gerechtigkeit bedeutet, nach dem Wort Gottes und nach den Gedanken Gottes zu leben. Dazu gehören auch Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Treue und Achtung vor den Mitmenschen.4

Was geschieht, wenn man eine von anderen vorgeschlagene Aktion nicht mitmacht, weil Gottes Wort es verbietet? Wenn man das tut, wird man von einer ungerecht lebenden Welt verfolgt. Das war auch zu der Zeit Jesu so, als Er und seine Jünger von den ungläubigen Juden verworfen wurden. Teilweise sehen wir diesen Grundsatz schon in Israel zur Königszeit, als Propheten verfolgt wurden, die um der Gerechtigkeit willen Könige wie Joas warnten. Das wird auch heute jeder erleben, der die Wahrheit liebt und die Lüge verwirft. Wer wirklich praktisch gerecht lebt, wird von Ungläubigen oft angegriffen. Heute heißt das Stichwort zwar „Toleranz“, aber wehe, wenn jemand konsequent lebt und das gut nennt, was gut ist, und das böse, was böse ist. Dann bleibt von dieser Toleranz nicht mehr viel übrig.

Vonseiten derer, die sich Jünger (oder heute Christen) nennen, in Wirklichkeit jedoch kein Leben aus Gott besitzen, kann die Feindschaft manchmal noch größer sein. Gerade sie werden durch einen gerechten Lebenswandel ja innerlich angegriffen. Deshalb verurteilen und verfolgen sie wahre Jünger. Das soll uns nicht erstaunen, denn der Herr Jesus hat es uns vorausgesagt: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (Joh 15,20).

Es ist für Jünger wichtig, nicht so sehr auf die Menschen zu schauen, die einen verfolgen, sondern auf die Ursache der Verfolgung. Wenn sie daher rührt, dass man dem Willen Gottes gegenüber gehorsam ist und die Sünde fürchtet, ist es ein lohnenswertes Ziel. Dann sind solche Verfolgungen wirklich Leiden um der Gerechtigkeit willen. Wenn es aber wegen eigener Sünden geschieht, müssen wir uns das Wort aus 1. Petrus 4,15 sagen lassen: „Dass doch niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde Sachen mischt; wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern verherrliche Gott in diesem Namen.“

Wie bei der ersten Glückseligpreisung bekommt der Überwinder von Verfolgungen um der Gerechtigkeit willen die Segnung, dass er in das Königreich der Himmel eingehen wird. Dieses Reich hat nur für solche Menschen Platz, die gerecht leben.

Verse 11.12: Leiden um Jesu Namen willen

„Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren“ (Verse 11.12).

Die letzte Glückseligpreisung stellt den Höhepunkt dieser ersten zwölf Verse dar. Zwar ist es schon beeindruckend, wenn jemand aufgrund seines gerechten Lebenswandels leiden muss. In diesen beiden Abschlussversen geht es jedoch nicht nur um gerechte Taten. Hier geht es um eine Person, um Jesus Christus selbst. Deswegen spricht der Herr jetzt nicht mehr in der dritten Person: „Glückselig die Geschmähten und Verfolgten ...“, sondern wendet sich direkt seinen treuen Jüngern zu: „Glückselig seid ihr ...“! Welch eine innige Beziehung kommt hier zum Ausdruck!

Wenn man zum Herrn Jesus steht und sich zu Ihm bekennt, wenn man Ihn liebt inmitten einer Welt, die Ihn hasst, wird man geschmäht und verfolgt werden. Hier steht nicht mehr nur ein gerechtes Handeln und Verhalten im Mittelpunkt, sondern eine Person. Es geht darum, sich öffentlich auf die Seite dieser Person zu stellen, die von dieser Welt verworfen wurde und wird. Wenn man in dieser Welt der Bosheit Gnade übt, wird man geschmäht werden.

Die Verwerfung des Herrn Jesus und damit unsere Verfolgung oder Schmähung wird am deutlichsten, wenn wir einfach nur sagen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Dann wird man von der muslimischen und jüdischen, von der buddhistischen und hinduistischen Welt verworfen. Ganz zu schweigen von den Atheisten und denjenigen, die eine religiöse Festlegung ablehnen. Aber selbst in der ungläubigen Christenheit stößt man damit auf Widerstand. Denn selbst dort wird seine Gottheit mit Füßen getreten! Wenn man solche Worte ausspricht, wird aus der angeblichen Toleranz Intoleranz.

Auch bei Petrus finden wir die beiden Gedanken des Leidens, um der Gerechtigkeit und um seines Namens willen zu leiden:

  • „Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr!“ (1. Pet 3,14). Petrus hatte von seinem Meister gelernt. Er konnte diese Botschaft weitergeben. „Denn es ist besser, wenn der Wille Gottes es will, für Gutes tun zu leiden als für Böses tun“ (1. Pet 3,17). Bei den Leiden um der Gerechtigkeit willen geht es besonders um mein Gewissen als Gläubiger. Hier bin ich als Einzelperson gefordert.
  • „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig seid ihr! Denn der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch“ (1. Pet 4,14). Wer um des Namens Jesu willen leidet, ist glückselig, vollkommen glücklich. Er wird geadelt, indem er weiß, dass der Geist der Herrlichkeit – das ist niemand anderes als der Heilige Geist – auf ihm ruht. Was für ein Vorrecht!

Weil es so wichtig ist, Gerechtigkeit zu tun, wollte sich der Herr nicht darauf beschränken, diese vorzustellen. Das Alte Testament ist voll von diesem wichtigen Charakterzug. Aber der Mensch gewordene Emmanuel zeigt, dass es einen höheren Weg gibt, etwas, was das Verwirklichen von Gerechtigkeit übertrifft und noch stärker ist: die Gnade.

Leiden um des Herrn Jesus willen sind noch erhabener als solche, die wir um der Gerechtigkeit willen erfahren. Man wird sie nur in dem Bewusstsein göttlicher Gnade auf sich nehmen können. Diese Gnade – personifiziert als Geschenk Gottes – ist nicht damit zufrieden, gewissermaßen „nebenbei“ eine auferlegte Pflicht zu erfüllen, denn eine Pflicht ist letztlich eine Mindestanforderung. Die Gnade jedoch verherrlicht Gott in allem, auch in Leiden. Tatsächlich aber ist nichts besser geeignet, uns eine Pflicht von Herzen erfüllen zu lassen, als das Bewusstsein und der Grundsatz der Gnade (vgl. Röm 8,4).

Wodurch ist jemand in der Lage, nicht einfach das Richtige zu tun, sondern alles zu tun, was diese eine herrliche Person, den Herrn Jesus, verherrlicht? Wie schafft man es, um seinetwillen sogar Leiden auf sich zu nehmen? Das kann nur das Bewusstsein der Gnade bewirken. Diese Gnade hat mir, der ich verloren war, neues Leben geschenkt. Und diese Gnade verbindet mich mit meinem Retter, mit meinem Herrn. Daher ist ein wahrer Jünger auch bereit, um seinetwillen zu leiden.

In diesem Sinn ist dieser Vers ein erster Höhepunkt in diesem Abschnitt, denn es wird nicht derjenige glückselig gepriesen, der etwas tut oder ist. Der Herr spricht hier einfach diejenigen glückselig, die leiden, und zwar um Christi willen. Nicht ihr Tun, sondern sie selbst als Personen sind Ihm viel wert.

Nach der Auferstehung des Herrn empfanden die Jünger solche Leiden um seinetwillen als ein glückseliges Teil. Ihr Retter hatte diese Leiden zuvor erduldet. Als sie nach ihrer zweiten Verhaftung und wunderbaren Befreiung wieder bedrängt und schließlich sogar geschlagen worden waren, gingen sie voller Freude aus dem Synedrium weg. Was war dafür die Ursache? Sie waren sich bewusst, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Christi Schmach zu leiden (Apg 5,41). Auch der Blindgeborene war – im Unterschied zu seinen Eltern – bereit, für Christus und sein Werk an ihm Schmähung und Verfolgung und Lüge auf sich zu nehmen. Die religiösen Führer des Volkes verachteten ihn, so dass er leiden musste, weil er sich auf die Seite Jesu stellte (vgl. Joh 9,22–29). Sein Lohn war groß: Der Herr Jesus selbst offenbarte sich ihm in wunderbarer Weise (Joh 9,35 ff.).

Denken wir daran, wie vieles Er für uns gelitten hat. Wollen wir dann nicht bereit sein, uns auf seine Seite zu stellen? Wenn wir das tun, werden wir erfahren, dass „alles Böse lügnerisch gegen uns geredet wird“, ja dass Lügen aufgetischt werden, um uns zu schaden. Aber das darf für uns in Freude umschlagen, sogar in ein Frohlocken, denn wir wissen, dass es einmal eine Entschädigung geben wird. Es gibt zudem eine Krönung: Zum ersten Mal werden die Jünger mit dem Himmel in Verbindung gebracht. Und außerdem gibt es dort großen Lohn. Denn der Meister weiß, wie schwer es ist, sich auf seine Seite zu stellen. Deshalb belohnt Er im Übermaß!

Das sollte uns anspornen, in Leiden auszuharren, denn auch Christus hat um der vor Ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldet (Heb 12,2) – und diese Freude ist himmlischer Natur!

Der leidende Jünger wird mit dem Regierungssitz des Königreichs verbunden – mit dem Himmel. Er erhält nicht nur die Regierung Gottes auf dieser Erde als Belohnung, die Gnade bringt ihn aus der irdischen Szene heraus, damit er mit dem Herrn im Himmel verbunden ist.

Wir sehen in diesen Versen also noch einmal deutlich, dass die in der Bergpredigt entwickelten Grundsätze des Königreichs die Verwerfung des Königs voraussetzen. Wurde der Meister verworfen, dann wird auch sein Jünger verworfen. Dennoch hat der Jünger eine Hoffnung. Aber diese ist nicht mehr irdischer Natur, sondern himmlischer. Es gibt Lohn nicht nur auf der Erde, sondern sogar im Himmel.

Schließlich macht der Herr Jesus klar: Treue wurde in jeder Zeit mit Leiden und Verfolgungen „belohnt“. Den Propheten erging es nicht besser. Unserem Retter auch nicht. Seinen Aposteln ebenfalls nicht. Daher dürfen wir uns heute in die Reihe derer stellen, die dem Herrn auch in Leiden vertrauten. Hier sind wir in guter Gesellschaft. Adelt das nicht unsere Leiden?

Christus, das vollkommene Vorbild

Am Schluss dieses ersten Teils der Bergpredigt möchte ich gerne aufzeigen, dass der Herr Jesus die neun Eigenschaften der Glückseligpreisungen in Vollkommenheit verwirklicht hat.

  1. Arm im Geist: „Christus Jesus, der ... sich selbst zu nichts machte“ (Phil 2,6). „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29).
  2. Trauernde: „Und als er sich näherte und die Stadt sah [Jerusalem], weinte er über sie und sprach: Wenn du doch erkannt hättest – und wenigstens an diesem deinem Tag –, was zu deinem Frieden dient. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19,41.42). Und weinte Christus nicht auch am Grab des Lazarus, einmal wegen der Folgen der Sünde, dann aber auch aus Mitempfinden mit Maria und Martha (Joh 11)?
  3. Sanftmütige: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,28). „Er wird nicht schreien und nicht rufen und seine Stimme nicht hören lassen auf der Straße. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jes 42,2.3).
  4. Nach Gerechtigkeit Hungernde: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens. Ich habe die Gerechtigkeit in der großen Versammlung verkündet; siehe, meine Lippen hemmte ich nicht – HERR, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht im Innern meines Herzens verborgen; deine Treue und deine Rettung habe ich ausgesprochen, deine Güte und deine Wahrheit nicht vor der großen Versammlung verhehlt“ (Ps 40,9–11). Wir denken auch an die Worte des Herrn: „Meine Speise ist es, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34).
  5. Barmherzigkeit: In gleichnishafter Weise finden wir die Barmherzigkeit des Herrn: „Aber ein gewisser Samariter, der auf der Reise war, ... wurde innerlich bewegt“ (Lk 10,33.35). Und dann sehen wir immer wieder, wie Er sich zu Armen herabneigte: Der Herr Jesus aß mit den Sündern und Zöllnern (Mt 9,10). Zöllner und Sünder waren vielleicht nicht arm im materiellen Sinn. Aber sie waren aus der Gesellschaft Ausgestoßene und in diesem Sinn „arm“.
  6. Reines Herz: Das reine Herz Jesu wurde durch dieses öffentlich bewirkte Wunder Gottes sichtbar: „Und seine Kleider wurden glänzend, sehr weiß, wie kein Walker auf der Erde weiß machen kann“ (Mk 9,3). „Du hast mein Herz geprüft, hast mich bei Nacht durchforscht; du hast mich geläutert – nichts fandest du; mein Gedanken geht nicht weiter als mein Mund“ (Ps 17,3).
  7. Friedensstifter: „Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe“ (Eph 2,14.15). „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt“ (Jes 52,7).
  8. Leiden um der Gerechtigkeit willen: „Die Welt kann euch nicht hassen; mich aber hasst sie, weil ich von ihr zeuge, dass ihre Werke böse sind“ (Joh 7,7). „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe ... Da schrien wiederum alle und sagten: ‚Nicht diesen, sondern Barabbas!'“ (Joh 18,37.40). „Und Böses für Gutes vergeltend, feinden sie mich an, weil ich dem Guten nachjage“ (Ps 38,21).
  9. Leiden um seines Namens willen: Christus hat um seines Vaters willen gelitten: „Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt; für welches Werk unter diesen steinigt ihr mich?“ (Joh 10,32). „Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,23.24).

Wir sehen, dass wir bei der Verwirklichung dieser Glückseligpreisungen nichts anderes tun müssen, als Christus im Wort Gottes zu studieren. Er ist der Inbegriff alles dessen, was Er hier seinen Jüngern vorstellt. Ihm gebührt jede Anbetung!

Ohne im Folgenden ausführlich auf diesen Punkt einzugehen, lohnt es sich, die alttestamentlichen Vorhersagen des künftigen Überrestes Judas mit diesen Glückseligpreisungen zu vergleichen. Vereinzelt wurden Hinweise zitiert. Man wird wohl zu jedem Punkt Bibelverse im Alten Testament finden, die zeigen, dass diese gläubigen Menschen die „glückseligen“ Haltungen verwirklichen werden. Daher werden sie das Königreich erben und von Gott im 1000-jährigen Reich gesegnet werden.

2. Stellung und Aufgaben der Jünger im Königreich: Salz, Licht (V. 13–16)

In den nächsten vier Versen werden die beiden zentralen Themen der ersten 12 Verse unter einem neuen Stichwort wieder aufgegriffen. Praktische Gerechtigkeit (1) und die Offenbarung der Natur Gottes (2) werden jetzt zu einer Aufgabe für Jünger, und zwar als „Salz der Erde“ (1) und „Licht der Welt“ (2).

Der Herr Jesus unterscheidet zwischen Erde und Welt. An dieser Stelle kommen besonders die beiden folgenden Gegenüberstellungen in Frage:

  1. Die Erde als Bezeichnung für den Bereich, in dem Gott wirkt, in dem Er sich besonders bezeugt hat und zu dem Er eine besondere Beziehung hat. Das war damals Israel (vgl. Mt 2,6; 5,5; Off 13,11) und ist heute die Christenheit. Gerade dies wird einmal die Szene des größten Abfalls von Gott werden!
    „Welt“ ist dagegen eine Bezeichnung für den Bereich, der ohne Gott und im Widerspruch zu Ihm lebt. Das ist die heidnische Welt (vgl. Mk 16,15; Lk 12,30).
  2. Darüber hinaus finden wir in der Schrift auch eine zweite Unterscheidung zwischen der Erde und der Welt. „Die Erde“ bezieht sich auf irdische Verhältnisse, in die Ungläubige und Gläubige gestellt sind (Ehe, Familie, Fähigkeiten, Besitz, Arbeitsverhältnisse, Nachbarschaftsbeziehungen, etc.). Diese Beziehungen und Eigenschaften gehören zur Erde. Im Himmel haben sie keinen Bestand, und zum System der Welt gehören sie auch nicht. Mit diesen Beziehungen sind Vorrechte und Pflichten verbunden (vgl. Kol 3,2). Vor allen Dingen sollen wir uns auf diese irdischen Geschenke nicht stützen, sondern sie dazu benutzen, Gott zu ehren.
    Im Unterschied dazu gibt es die Welt als ein System, das von dem Fürsten dieser Welt, Satan, regiert wird (vgl. Joh 12,31). Es handelt sich also um ein böses System, von dem wir lesen, dass die Gläubigen zwar in dieser Welt leben, aber nicht von dieser Welt sind (Joh 17,14–16).

Darüber hinaus gibt es hier noch das Begriffspaar Salz und Licht. Salz wirkt innerlich und bewahrt, Licht wirkt von außen und verändert, wie wir im Einzelnen noch sehen werden. Salz kann aus unreinen Dingen nicht reine machen – es kann das Reine bewahren. Das Licht dagegen bewahrt nicht einfach das, was gut ist, sondern ist eine aktive Kraft, die Dunkelheit vertreibt. Während auch der Christ als Mensch irdische Beziehungen besitzt und in diesem Sinn von der Erde ist, gilt das nicht für seine Beziehung zur Welt. Man kann nicht als ein Licht von erhöhter Stelle in der Welt scheinen, wenn man von der Welt ist. Licht muss von der Welt getrennt sein. Der Herr Jesus sagt, dass die Seinen nicht von dieser Welt sind (Joh 17,16). Beide Tätigkeiten – Salz und Licht – können nur von Jüngern ausgeübt werden: Das „ihr“ ist in beiden Fällen betont. Denn nur derjenige, der dem Meister nachfolgt und von Ihm gelernt hat, kann bewahren und verändern.

Vers 13: Salz der Erde

„Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden“ (Vers 13).

Die Art und Weise, wie der Herr Jesus von dem Salz und in den nächsten Versen von dem Licht spricht, ist nicht in erster Linie eine Ermahnung, sondern eine Feststellung. Wahre Jünger sind durch ihre göttliche Natur Salz und Licht und können bereits dadurch sogar ohne Worte ihre Wirkung als Salz und Licht gegenüber dieser Welt entfalten. Dennoch wird durch die weiteren Erklärungen deutlich, dass mit dieser Stellung ein Auftrag verbunden ist.

Salz wurde in der damaligen Zeit besonders für die Erhaltung von Fleisch (Pökeln) und Lebensmitteln eingesetzt. Salz ist das einzige Lebensmittel, das nicht gesalzen werden kann, denn es enthält ja das bewahrende Element selbst. Wenn diese bewahrende Kraft verlorengegangen ist, kann sie nicht ersetzt werden. Das Salz kann nur weggeworfen werden. Im Orient wurde Salz wohl teilweise auch auf die Wege geworfen, wenn es keine Kraft mehr besaß, weil die Mineralien ausgespült worden waren. Darauf – so vermutet man – bezieht sich der Herr, wenn Er von dem Zertreten des Salzes (nämlich auf den Wegen) spricht.5

Gott hatte das Salz auch bei dem Speisopfer angeordnet (3. Mo 2,13). Dies ist nicht von ungefähr, da dieses Opfer von dem Leben des Herrn spricht. Denn während wir sein Werk am Kreuz – die blutigen Opfer waren Vorbilder auf dieses eine Opfer Jesu – nicht nachahmen können, ist Er in seinem Leben doch ein Vorbild für uns. Genau das wird hier, was das Salz betrifft, auf die Jünger angewendet. Reinheit und das Verhüten von Verderbnis sollen die Jünger kennzeichnen.

Das Salz ist außerdem ein Zeichen des Bundes Gottes mit seinem Volk (3. Mo 2,13; 4. Mo 18,19). In Israel, dem Bereich, in dem sich Gott in besonderer Weise offenbart hatte, war die Aufgabe der Jünger, den von Gott gegebenen Bund zu bewahren. Durch ihr Verhalten sollten sie dafür sorgen, dass dieser Bund nicht in Vergessenheit geriet. Sie sollten den Geboten Gottes in ihrem Lebenswandel Folge leisten. Wenn sie das nicht täten und als Salz kraftlos würden, wie sollte es dann überhaupt noch ein Aufrechterhalten des Bundes des Herrn geben können? Wenn selbst diejenigen versagen würden, die sich als Jünger zu dem Gott Israels bekennen, dann wäre alles verloren. Ja, sie wären besonders schuldig, da sie die ihnen von Gott gegebene Einsicht missbraucht hätten. Als Jünger besaßen sie größere Einsicht und damit auch eine höhere Verantwortung. Wenn sie dieser Verantwortung nicht nachgekommen wären, hätten sie hinausgeworfen und von den Menschen zertreten werden müssen.

Hinausgeworfen!

Wer in Israel beanspruchte für sich, in besonderer Weise Einsicht in die Gedanken Gottes zu besitzen? Die Pharisäer, die Sadduzäer und die Schriftgelehrten. Durch ihr Verhalten bewiesen sie jedoch, dass sie den Gott des Bundes verachteten. Den größten Beweis davon finden wir in der Verwerfung des von Gott gegebenen Königs, des Herrn Jesus. Für sie blieb nur übrig, hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden. Ist das nicht genau das, was mit ihnen durch die Zerstörung Jerusalems geschehen ist? Matthäus 8,12 unterstreicht diesen Gedanken: „Aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Diese Führer sind somit ein prominentes Beispiel für das Salz, das hinausgeworfen und von den Menschen zertreten wird. Und mit ihnen wurde das ganze Volk hinausgeworfen, verworfen, wie uns der Apostel Paulus mitteilt (Röm 11,15).

Dennoch wäre es vollkommen verkehrt, das kraftlose Salz mit den damaligen Führern des Volkes Israel gleichzusetzen. Dann würden wir diesem Vers seine Kraft rauben. Der Herr Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ihr ...“ So spricht Er jeden Jünger an, jeden, der sich zu Ihm bekennt, selbst wenn es nur dem Namen nach ist. Und da ist jeder, der sich innerlich von dem Herrn lossagt, wie kraftloses Salz. Das ist, wie wir aus Matthäus 13 lernen, eine zunehmende Zahl an Christen, die zwar „eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,1–5).

Besonders ernst ist, dass der Herr hier nicht von Umkehr und Wiederherstellung spricht. Aus anderen Stellen wissen wir, dass eine persönliche Umkehr möglich ist, wenn der Jünger das Wirken der Gnade Gottes an seinem Herzen zulässt. Aber die allgemeine Entwicklung würde auch in der allgemeinen Jüngerschaft, heute der Christenheit, genau diesem Vers entsprechen. „Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.“

Der Grundsatz, Salz der Erde zu sein, galt somit nicht nur den Jüngern zur Zeit Jesu. Er hat auch Gültigkeit für Jünger, die heute leben. Wir sollen in dem Bereich, dem Gott besondere Vorrechte verliehen hat, seinem Wort Folge leisten. Wer, wenn nicht wir, ist dafür verantwortlich, dass noch etwas von dem bewahrt wird, was Gott gegeben hat? Wir sollen als Salz der Erde praktische Gerechtigkeit ausüben, an der reinen Lehre festhalten und die göttlichen Gedanken für den Menschen verwirklichen. Ja, wir sollen all das bewahren, was Gott für diese Erde gegeben und gewollt hat. Genau genommen steht hier, dass wir genau das tun, weil wir dieses Salz sind.

Was die Führer des Volkes Israel betrifft, so merkten sie zunehmend, dass der Herr Jesus von ihnen sprach, wenn Er Gleichnisse über den bösen moralischen Zustand in Israel verkündete (vgl. Mt 16,1–4; 21,45). Ihnen war nicht unbekannt, dass Er der von Gott Gesandte war und im Begriff stand, hier auf der Erde sein Erbteil, sein Reich aufzurichten. Die Worte und Lehren des Herrn verdeutlichten ihnen, dass Er mit ihnen keine Gemeinschaft pflegen wollte, so dass sie außen vor gestanden hätten. Um diesem Schicksal zu entgehen, dachten sich die Führer des Volkes Israel etwas aus: Sie meinten, ihre Verwerfung und seine Ansprüche vereiteln zu können, indem sie den Sohn Gottes, den Träger der Verheißungen und des Siegels Gottes, aus dem Weinberg Israels hinauswarfen (Mt 21,39). Damit glaubten sie, Gott zum Schweigen bringen zu können.

Wir wissen, dass sie das Gegenteil erreichten. Dennoch geht es zu Herzen, dass gerade Er, der als Einziger in vollkommener Weise das Salz Gottes auf dieser Erde war, sich von ihnen bereitwillig hinauswerfen ließ, und das um unsertwillen und um des künftigen Volkes Israel willen, damit sie auf der Grundlage seines Erlösungswerkes Rettung bekommen könnten (Mt 1,21; 26,28). Wie schlimm war die Bosheit dieser Menschen, Ihn zu verwerfen und aus dem Weinberg hinauszuwerfen.

Salz in irdischen Umständen

Es gibt noch einen weiteren Blickwinkel, den wir bei diesem Vers beachten sollten. Bis heute gibt es noch Ehe, Familie, Beruf, soziale Kontakte und nicht zuletzt die uns umgebende Schöpfung. Das sind unsere irdischen Umstände und Beziehungen. Hier sollen wir als Salz tätig sein. Paulus fordert uns auf: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, so dass ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt“ (Kol 4,6).

Salz zu sein bezieht sich nicht allein auf unsere Worte, sondern auf unser ganzes Leben. Wie wir schon sahen, ist das Salz hier ein Bild der bewahrenden Kraft Gottes, die in uns wirksam sein soll. In einer Gesellschaft, in der christliche und biblische Werte zunehmend abgebaut und zerstört werden, können Jünger bewahrend wirken. Wenn sie zeigen, dass eine auf biblischen Grundsätzen geführte Ehe wahres Glück bedeutet, wirkt ihr Vorbild auf andere ein. Sie werden zu einem nachahmenswerten Beispiel. Eine Familie, deren Mittelpunkt Gott selbst ist, strahlt Zufriedenheit und Frieden aus, und hilft denen, die das sehen, sich ebenfalls so zu verhalten.

Wenn ein Arbeitnehmer auch in schwierigen Zeiten nicht nachtragend wird, trägt er zum Frieden in der Firma bei. Kollegen werden motiviert, sich ähnlich zu verhalten. Wenn ein Schüler auch bei schweren Klassenarbeiten nicht schummelt, kann er dadurch andere anspornen, in dieser Beziehung auch ehrlich zu werden. Wenn man auch in einer Gesellschaft voller Egoismus dem Nachbarn hilft – dann motiviert man andere dazu, diese irdische Beziehung nicht zu belasten. So werden irdische Verhältnisse im Sinne Gottes gestaltet und bewahrt. Wir üben einen positiven Einfluss aus durch Wort und Tat. Zugleich werden wir zu nachahmenswerten Vorbildern.

Was aber, wenn die Jünger vor den Augen und Ohren der Welt Ehestreitigkeiten austragen, ja sich sogar trennen und die Ehe geschieden wird? Was, wenn die Eltern keine Beziehungen mehr zu ihren Kindern pflegen und die Kinder kein Vertrauen zu ihren Eltern haben? Was, wenn einem Christen, der Christus im Herzen haben sollte, nichts wichtiger ist als seine Karriere? Wenn Christen durch Betrügen auffallen? Wenn wir in der Nachbarschaft als Kritiker und Nörgler bekannt sind? Dann sind wir kraftlos und nutzlose Jünger geworden und richten möglicherweise durch unser Verhalten sogar Schaden an! Dann werden wir von den Menschen, die uns deswegen verachten, gewissermaßen zertreten. Das allerdings wäre – oder muss man nicht sagen ist? – ein trauriges Zeugnis für solche, die sich nach außen hin zu dem Namen Jesu Christi bekennen.

Wenn praktische Gerechtigkeit kein wirklicher Teil unseres Lebens, sondern nur noch Bekenntnis ist, kann der Herr uns nicht mehr als Jünger hier auf der Erde gebrauchen. Doch wer anderes als diejenigen, denen die göttlichen Grundsätze anvertraut sind, könnte wahrhaft Salz der Erde sein?

Verse 14–16: Licht der Welt

„Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf den Lampenständer, und sie leuchtet allen, die im Haus sind. Ebenso lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Verse 14–16).

Der Herr bleibt nicht bei den Beziehungen stehen, die mit der Erde und dem bewahrenden Salz zu tun haben. Er spricht nun über den Gläubigen als das Licht der Welt. Diese Belehrungen zeigen uns, dass wir in dieser Welt die Natur Gottes offenbaren sollen. Denn Er ist Licht (vgl. 1. Joh 1,5) – so sollen auch wir leuchten (vgl. Phil 2,15).

Licht in Israel

Für die Jünger damals ging es zunächst einmal darum, dass sie als Licht Gottes in eine heidnische Welt hineinstrahlen sollten. In Israel herrschten der römische Kaiser und ein von diesem eingesetzter König Herodes. Israel war umringt von Nationen, die Israel beobachteten wie eine Stadt, die auf einem Berg liegt. Jerusalem steht nicht erst seit den letzten 60 Jahren im Blickfeld! Nein, Israel war schon immer „nicht verborgen“. Sein Handeln und auch seine Wertmaßstäbe wurden direkt gesehen. Dadurch sollte Licht verbreitet werden, keine Finsternis.

Die Städte, die damals in Israel auf einem Berg gebaut wurden, standen auf Fundamenten weißen Kalksteins. So waren sie allein schon durch die Farbe und Erhöhung im hellen Sonnenlicht weithin sichtbar. Nachts brannten Lichter, so dass man sie auch in der Dunkelheit nicht übersehen konnte.

Vielleicht denkt der Herr hier auch an die Zufluchtsstädte, von denen mindestens fünf, vermutlich alle sechs auf einem Berg standen. Davon zeugen schon ihre Namen (vgl. Jos 20). Es ist bekannt, dass diese Städte nachts beleuchtet waren, sogar die Hauptstraßen, die zu ihnen führten. Denn das Volk wollte sicherstellen, dass jemand, der einen anderen Israeliten aus Versehen totgeschlagen hatte, diese Städte rechtzeitig finden konnte (zu der Bedeutung, vgl. 4. Mo 35). Licht war ausschlaggebend, um sich nicht zu verirren.

Die Jünger waren Licht. Licht steht in Matthäus 5 dafür, dass jemand eine lebendige, tägliche, intensive Beziehung zu Gott hat. Denn da Gott Licht ist, können wir nur dann als Lichter scheinen, wenn wir in praktischer Gemeinschaft mit Ihm leben. Entscheidend aber war, dass dieses Licht auch gesehen wurde. Das ist ein Hinweis auf das sichtbare Zeugnis, dass Jünger durch ihr Gott hingegebenes Leben in praktischer Gerechtigkeit und motiviert durch göttliche Liebe geben.

Licht ist in der Bibel aber auch immer wieder ein Begriff für das, was Gott offenbart hat. Gott hatte Israel viel offenbart. Er hatte sich dem Volk als Jahwe, Herr der Heerscharen, als der Höchste bekannt gemacht. Er hatte dem Volk die göttliche Ethik durch die umfangreiche Gesetzessammlung – nicht nur durch die sogenannten Zehn Gebote – mitgeteilt. Er hatte immer wieder Propheten geschickt, die das Volk auf die Wege Gottes hinwiesen. Dieses Licht, das sie kannten und besaßen, sollte von den Jüngern nach außen dringen.

Hier geht dieser Gedanke natürlich noch weiter. Denn der Herr hat alle wahren Jünger im Blick. Die Jünger Christi waren Licht(er) – sie werden dazu nicht ermahnt. So sollten sie nun sicherstellen, dass dieses Licht nicht durch moralisches Versagen und andere Hindernisse verdunkelt würde.

Die Lampe und der Scheffel

Der Herr Jesus unterstreicht diesen Gedanken, indem Er das Beispiel von Lampe und Scheffel anführt. Die Lampe hat die Aufgabe zu leuchten. Die Jünger kannten ja die damaligen Öllampen, bei denen das ohnehin schon spärliche Licht erloschen wäre, wenn man es unter einen Scheffel gestellt hätte. Dann hätte man nichts mehr sehen können. Der Scheffel war ein Messbecher, mit dem man Getreide maß. Bedeckte man damit eine Lampe, so missbrauchte man den Scheffel und verhinderte zugleich das Scheinen des Lichts.6 So sollte unbedingt vermieden werden, dass das Licht Gottes, das durch die Jünger ausstrahlen sollte, verdunkelt und sogar zum Erlöschen gebracht würde. Das geschieht durch ein unbiblisches Verhalten im Leben der Jünger.

Matthäus spricht übrigens nur von diesem Gefäß, dem Scheffel. Markus (4,21) und Lukas (8,16) bringen auch noch die Unterscheidung zwischen Scheffel und Bett. Sie unterscheiden im Unterschied zu Matthäus verschiedene Bereiche, in denen man das Licht verdunkeln kann: Der Scheffel war ein Gefäß, in dem man beispielsweise Getreide abmaß. Er scheint ein Hinweis auf Geschäftigkeit, Aktionismus, menschliche Arbeit und Beruf zu sein. Durch eine falsche Lebensausrichtung in diesen Bereichen verdunkeln wir das Licht des Wortes Gottes, das in diese Welt hineinscheinen soll. Das Bett wiederum benutzen wir zum Schlafen. Es ist ein Symbol für Bequemlichkeit und eheliche Verhältnisse. Wenn wir uns in diesen Lebensbereichen unbiblisch verhalten, zum Beispiel durch ständigen Streit oder sogar Ehescheidung, sind wir nicht mehr in der Lage, göttliches Licht in diese Welt scheinen zu lassen.

Matthäus aber macht diese Unterscheidung nicht. Will er allein die Geschäftigkeit betonen als einen Bereich, in dem Gefahr für einen Jünger droht? Tatsächlich waren die Pharisäer nicht so sehr in Gefahr, passiv und faul zu sein. Im Allgemeinen waren sie sehr fleißig und aktiv. Mir scheint aber auch, dass der Herr den Scheffel in unserem Evangelium einfach als einen Hinweis auf ein Gefäß verstanden wissen will. In der Bibel werden Menschen mit Gefäßen verglichen (vgl. 2. Kor 4,7). Daher geht es im Matthäusevangelium vielleicht besonders darum, dass ein Jünger durch sein persönliches Verhalten und Leben das Licht Gottes verhindern kann. Eigentlich sollte er das Licht in die Welt hinaus scheinen lassen. Es mag banal klingen, aber wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Wenn wir unser irdisches Leben in einer nicht Gott gemäßen Weise führen, kann das Licht nicht mehr (ausreichend) scheinen – es ist verdunkelt. So kommen wir unserem Auftrag als Jünger nicht mehr nach.

Der Ausdruck „Welt“ in Vers 14 meint neben dem Bereich der heidnischen Welt auch ganz prinzipiell das böse System Satans auf dieser Erde. In der Welt ist nichts als Finsternis, die der Inbegriff der Unkenntnis Gottes ist. Wer in der Finsternis lebt, kennt Gott nicht und hat keine Beziehung zu Ihm.

„Welt“ ist für uns oft verbunden mit gewissen Orten auf dieser Erde. Wir denken vielleicht an Diskos, Theater, Kino, Rotlichtviertel und dergleichen. Aber auch durch die Ausübung bestimmter Berufe kommt man mit der „Welt“ in Gemeinschaft, wenn man beispielsweise in Verbindung mit Alkohol, Glücksspielen, der Politik oder dem Spekulieren tätig ist. Es gehören inzwischen auch „Tätigkeiten“ wie das Durchstöbern vieler Bereiche des Internets, des Buchmarktes, der Illustrierten, des Fernsehens usw. zur „Welt“. Nicht übersehen sollten wir jedoch auch innere Haltungen und Zustände wie Eigenwille, Hochmut, Stolz, Machtbesessenheit, Karrieresucht, Geldsucht, Schönheitswahn, Neid, usw. Alle Bereiche unseres Lebens können davon betroffen sein: privat und öffentlich, Ehe- und Familienleben sowie Beruf und Versammlungsleben.

Ganz allgemein gesagt ist die Welt also dort, wo die Finsternis prägend ist. Wir neigen dazu, das allein auf die Moral zu beschränken. Es gibt aber auch die kulturelle Welt (Musik, Kunst, Literatur, Theater, Film, usw.), die religiöse Welt (moderne Theologie, Gesetzlichkeit, falsche Lehre usw.) und natürlich die politische Welt. Es geht um den Bereich, sei er moralisch oder örtlich zu definieren, wo Satan das Sagen hat.

Christus – das wahre Licht

Vom Herrn Jesus wird gesagt, dass Er das Licht der Menschen ist (Joh 1,4). „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5). Er ist das wahrhaftige Licht, bei dem es keinen Schatten gibt. Er hat in die Finsternis dieser Welt hineingeleuchtet. Aber die Welt hat Christus abgelehnt und aus der Welt hinausgeworfen, denn das moralische Licht Gottes stellt die Sünder und ihre Sünden bloß. Es bringt alles ans Licht, was die Finsternis verbirgt. Deshalb hat der Mensch den Sohn Gottes ans Kreuz genagelt.

Im Johannesevangelium finden wir auch, warum Er sein Licht hier leuchten ließ: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“ (Joh 12,46). In diesem Sinn sollen auch wir in dieser Welt das Licht Gottes leuchten lassen. Auf der einen Seite spiegeln wir damit zu Gott selbst zurück, wer Er ist – Er ist Licht. So erstrahlen auch wir als Lichter, die sein Licht sichtbar machen. Auf der anderen Seite sollen die Menschen, die in der Finsternis leben, durch das Licht angezogen werden, um Jesus Christus im Glauben anzunehmen. Damit verlassen sie die Finsternis und kommen ins Licht, wo sie dann für immer bleiben (vgl. 1. Joh 1,7).

Beim Salz der Erde ging es um Umstände und Beziehungen, in die wir gestellt sind und in denen sich auch Ungläubige befinden. Beim Licht der Welt dagegen handelt es sich um einen von außen auf diese Welt einwirkenden Einfluss. Der Gläubige lebt nicht als ein Mensch ohne Beziehung zu Gott und geht nicht an Orte, an denen sich die Welt wohlfühlt. Er lebt auch nicht in ungöttlichen Beziehungen (wilde Ehe, homosexuelle Verbindungen). Nein, durch sein Leben und seine Worte lässt er gerade auf solche Lebensbereiche Licht scheinen.

Wir müssen uns dabei immer bewusst sein, dass wir als bekennende Christen unter Beobachtung stehen. Unsere Umgebung weiß ja hoffentlich, dass wir an Jesus Christus glauben. Da sie das weiß, schaut sie mit besonderem Interesse auf uns. Aber auch mit sehr kritischem Auge. Wir sind wie eine Stadt auf dem Berg, deren Lichter in der Nacht weithin sichtbar sind. Es sei denn, dass es Dinge in unserem Leben gibt, durch die das Licht verdunkelt wird.

Wenn wir in unserem Leben die Lüge zulassen, Unmoral, falsche Lehren, überhaupt Sünden, dann verbergen wir das Licht. Jede Sünde, die wir in unserem Leben zulassen und nicht sofort bekennen, verdunkelt unsere Lampe.

Das Licht im Haus

Wir können mit unseren Lampen in der Regel nicht jeden Menschen auf der Welt erreichen. Aber unser Umfeld können wir anstrahlen. Dieses ist mit dem Bild des Hauses gemeint. Dazu müssen wir unsere Lampe auf den Lampenständer stellen. Damit ist nichts weiter gemeint, als dass wir dem Licht jede Möglichkeit geben, seine Aufgabe zu erfüllen. Die Lampe wird, wenn sie an ihrem richtigen Platz steht, jeden ins Licht stellen, der in ihre Umgebung kommt.

Wie können wir das tun? Gottes Natur ist Licht und Liebe. Beides, Wahrheit und Gnade, soll durch unser Leben hervorscheinen. Wenn wir die Bedürfnisse der Menschen sehen und ihnen in biblischer Weise begegnen, ohne Sünden einfach zu übergehen, werden wir ein helles Licht verbreiten. Das ist unser Auftrag und entspricht unserer Stellung. Unser Licht leuchten zu lassen bedeutet allerdings hier nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, dass wir Menschen das Evangelium verkündigen. Das ist nicht die Belehrung der Bergpredigt, denn hier geht es vor allem darum, dass wir als Jünger des Meisters die Charakterzüge des Meisters offenbaren. Wir leben in seinem Königreich; dieses Reich soll uns daher auch prägen. Daran hat Gott seine Freude.

Die Struktur der Verse

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Herr Jesus an dieser Stelle das Symbol des Hauses nicht nur als Beispiel erwähnt. Die eigentliche Belehrung ist und bleibt natürlich die Folgende:

  1. In Vers 14a nennt der Herr die Aufgabe und Stellung der Gläubigen in dieser Welt
  2. In Vers 14b bringt Er das Beispiel, dass eine Stadt auf dem Berg nicht verborgen sein kann – so sollen wir leuchten, gesehen von den Menschen.
  3. In Vers 15 fügt Er ein zweites Beispiel aus dem natürlichen Leben hinzu. Man soll nicht nur in die Ferne leuchten soll, sondern hat auch in seinem Umfeld (Haus) die Verantwortung, Licht auszustrahlen.
  4. In Vers 16 kommt dann die Schlussfolgerung, dass wir leuchten sollen durch unsere guten Werke, wo auch immer wir wohnen, leben oder arbeiten.
Das Haus – ein Hinweis auf Israel

Dabei ist es auffällig, dass der Herr hier das Beispiel des Hauses verwendet. Hat Er hier vielleicht bereits eine Entwicklung des Volkes Israel vor Augen, die zum Schlechten tendiert? Das Haus steht in diesem Evangelium markant für das Haus Israel (vgl. Mt 13,1: Haus im Unterschied zum See; Mt 13,1.57; 15,24; u. a.). Auch in Kapitel 7,24 benutzt der Herr das Bild eines natürlichen Hauses, um unter anderem auf dieses Haus der Juden hinzuweisen. So liegt es nahe, diesen Gedanken auch an dieser Stelle nicht auszuschließen.

Das Haus ist der innere Bereich, der zunächst einmal die Juden und Israel bezeichnete. Der Herr deutet mit diesem Beispiel an, dass eine Zeit bevorstand, in der nicht mehr nur für die heidnische Welt Licht nötig war, sondern auch in dieses Haus Israel Licht hineingebracht werden musste. Gerade die Führer in Israel meinten, ein Anrecht auf den Segen Gottes zu besitzen. Inzwischen aber hatten sie sich so weit von Gott entfernt, dass nicht sie das Licht für die Nationen waren, sondern ihnen selbst geleuchtet werden musste.

Es gibt im Übrigen mehrere Beispiele dafür, dass in diesem Evangelium die Führer der Juden so behandelt werden, als seien sie Heiden – Welt. Ein erstes Beispiel ist die Bußpredigt von Johannes dem Täufer und sein Aufruf zur Umkehr in Verbindung mit der Taufe. Brauchte das Volk Gottes, Israel, einen Aufruf zur Buße? Waren nicht die Nationen solche, die „Otternbrut“ (Nachkommen der Schlange) darstellten? Johannes musste ihnen deutlich machen, dass sie, die Führer Israels, ungläubige Menschen waren, die sich zwar äußerlich Kinder Abrahams nennen konnten, innerlich aber weit entfernt von diesem Mann des Glaubens waren. Ihrer wartete das Gericht, was sie eigentlich als Botschaft für die Heiden erwarteten. Aber der schlechte Zustand in Israel machte es nötig, dass dieselbe Predigt nun nach innen gerichtet werden musste.

Gott hat durch den Herrn Jesus in seinem eigenen Haus das Licht scheinen lassen. Die Verwerfung des Herrn und seiner Jünger haben wir bereits in den Glückseligpreisungen gesehen. Dadurch wurde dieses Haus, zu dem Gott eine Beziehung eingegangen war, zur Welt. Heute gehört das „Haus Israel“ zu dem Bereich, zu dem Gott keine Beziehung pflegt. Es ist in der Gnadenzeit nicht mehr die heilige Nation in dem Heiligen Land. Israel ist eine Nation wie alle anderen Nationen, die ohne Glauben an Gott leben. Das wird sich einmal ändern, wenn die Versammlung (Kirche, Gemeinde) in den Himmel entrückt wird. Danach beschäftigt sich Gott wieder besonders mit seinem Volk. Heute jedoch gehören das Land und das Volk Israel zu der Welt, in der Nacht ist und Finsternis herrscht.

Licht vor den Menschen

Wenn man die Hinweise des Herrn über die Stadt und die Lampe miteinander vergleicht, stellt man fest, dass Er zunächst von einer Tatsache spricht, dann aber eine Ermahnung ausspricht. Die Stadt kann nicht verborgen sein, die Lampe im Haus aber soll leuchten. So stellt Er zunächst die Gnade und Souveränität Gottes vor, die dafür sorgt, dass das Zeugnis der Gnade Gottes, in die Welt leuchtet. Seine Gnade ist in Christus erschienen, heilbringend für alle Menschen (Tit 2,11). Wir aber werden aufgefordert, in unserer Umgebung, seien es unsere Familie, unser Arbeitsplatz, unsere Nachbarschaft oder die örtliche Versammlung (Gemeinde), Licht zu verbreiten. Das ist eine Ermahnung an alle Jünger des Herrn.

Wir sollten also in unserem direkten Umfeld Licht verbreiten. Das können und sollen wir aber auch darüber hinaus tun. Wenn wir für die uns am nächsten Stehenden nur wenig Licht verbreiten, sollten wir nicht meinen, Kraft für ein Zeugnis in größerem Umfang zu haben. Zum Beispiel führt ein Widerspruch meines Lebens in der Familie oder in der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes dazu, dass mein Zeugnis unglaubwürdig wird. Wenn ich im kleinen Rahmen nicht treu bin, werde ich keine weitergehenden Dienste in segensreicher Form ausführen können.

Davon aber geht der Herr nicht aus. Er sieht uns als Lampen im Haus. Da wir im Haus leuchten, können und sollen wir es vor den Menschen tun, ob sie uns nahestehen oder nicht. Vers 16 zeigt, dass es um unser Leben, unsere Lebenseinstellung geht. Dieses soll etwas von der Größe und Herrlichkeit Gottes widerspiegeln. Wenn wir das in unserem Leben verwirklichen, achten die Menschen auch auf unsere Werke. Diese sind entsprechend dem Licht moralisch gut. Übrigens: Es heißt hier nicht, dass die Menschen auf uns sehen, sondern auf die guten Werke. Wenn wir wirklich Licht verbreiten, wird das nicht unsere Person in den Vordergrund stellen.

Aber auch diese guten Werke selbst stehen nicht im Vordergrund. Die Werke bestätigen nur das Licht, dessen Ursprung Gott ist. Worauf es ankommt, ist, dass der Name unseres himmlischen Vaters verherrlicht wird. Wieder geht es hier nicht um die Bekehrung der Menschen, so wichtig diese Gott auch ist (vgl. 1. Tim 2,3.4) und so sehr sie grundsätzlich zu unserem Leuchten als Lichter gehört. Hier steht mehr im Vordergrund, dass das ganze Königreich in moralischer Hinsicht von der Herrlichkeit Gottes sprechen soll. Diese soll durch uns Jünger hervorstrahlen und von den Menschen als solche wahrgenommen werden.

Im 1000-jährigen Friedensreich wird die Herrlichkeit Gottes innerlich und äußerlich erstrahlen. Aber schon heute wird durch das Leben wahrer Jünger in moralischer Hinsicht etwas von der großartigen Herrlichkeit Gottes sichtbar, wie es im Leben Christi in Vollkommenheit der Fall war. Gott und sein König, Christus, stehen im Mittelpunkt. Das soll auch für unser aller Leben gelten! Man soll nicht sagen: Was ist das für ein großartiger Christ!, sondern: Was für ein himmlischer Vater kann solch ein Licht bewirken! Das ist letztlich der Zweck des Lichts.

Die guten Werke sind die Frucht der Wirkung des göttlichen Lichts in unseren Herzen. Dadurch, dass unsere Herzen vom göttlichen Licht erwärmt sind, bringen sie diese guten Werke hervor. Das Licht ist das moralische und geistliche Zeugnis der Christen. Die guten Werke zeigen, dass dieses Zeugnis wirklich echt ist. Letztlich stellen sie dieses Zeugnis glaubhaft dar.

Manche haben diesen Vers als einen Hinweis verstanden, dass Christen soziale Werke tun sollten. Sie meinten, es sei in diesem Sinn christlich, Organisationen wie das Rote Kreuz, soziale Einrichtungen, Katastrophenhilfen usw. zu unterstützen. Aber darum geht es hier nicht. Der Herr spricht davon, dass das göttliche Licht seinen Weg nach außen findet durch Taten, die dem Licht entspringen.

3. Der Jünger und die alttestamentlichen Schriften: Gesetz und Propheten (V. 17–48)

In dem dritten Teil der Bergpredigt – dem insgesamt längsten Teil der Bergpredigt überhaupt – spricht der Herr Jesus über die Beziehung der Jünger in seinem Königreich zu dem von Gott gegebenen mosaischen Gesetz. Der Herr zeigt, dass dieses keineswegs beiseitegesetzt würde. Der König würde keine neue Ordnung und kein neues Gesetz als Grundlage seines Reiches einführen. Aber – hatte es sich nicht gezeigt, dass niemand in der Lage ist, das Gesetz vom Sinai zu erfüllen? Wäre es dann nicht angebracht, das Gesetz und seine Anwendung auf das Volk zu ändern und ein neues Gesetz einzuführen? Die Antwort lautet: Nein, im Gegenteil. Das wird im weiteren Verlauf der Betrachtung sehr deutlich. Der Herr Jesus bestätigt zunächst alle Gesetze, die wirklich von Gott gegeben waren, um sie dann sogar noch zu erweitern. Er besteht darauf, dass das Gesetz und das ganze Alte Testament weiter ihre Anwendung auf den Menschen behalten. Der Herr hält die Autorität des Gesetzes aufrecht.

Wir haben zwar gesehen, dass Johannes der Täufer eine vollkommen neue Ordnung angekündigt hatte. Es ging um eine ganz neue Zeitrechnung, eine neue Haushaltung. Aber das bedeutete nicht, dass man damit das Alte Testament, „das bis auf Johannes war“ (Lk 16,16), zur Seite legen konnte. Wie in der Einleitung betont, lernen wir durch die nun folgenden Belehrungen etwas über die Beziehung des Neuen Testaments zum Alten Testament. Das ist die Verbindung zwischen dem, was der Messias als Neues einführte, und dem, was für das Volk Israel schon im Alten Bund gegolten hatte.

Der Christ und das Gesetz

Mit diesem Punkt ist zweifellos eine Schwierigkeit verbunden. Denn durch den Tod Christi ist jeder, der mit Ihm gestorben ist, frei vom Gesetz (vgl. Röm 7,3.6; Gal 2,19). Können wir Christen somit diesen Teil der Bergpredigt getrost überschlagen?

Sicherlich nicht! Denn Jakobus nimmt einige Male Bezug auf die Bergpredigt. Das kann man der folgenden Tabelle entnehmen:

Die Bergpredigt im Jakobusbrief
  Jakobus Matthäus
1. 1,2 5,10–12
2. 1,4 5,48
3. 1,5 7,7–12
4. 1,9 5,3
5. 1,13 6,13
6. 1,17 6,32; 7,11
7. 1,20 5,22; (6,33)
8. 1,22 7,21.24–27
9. 2,2 5,47; 6,2
10. 2,13 5,7; 6,14.15;7,1
11. 2,14–16 7,21–23
12. 3,12 7,16–18
13. 3,17.18 5,9; 6,2.5.16; 7,18
14. 4,4 6,24
15. 4,6 5,3
16. 4,10 5,3–5
17. 4,11.12 5,22; 7,1–5
18. 5,1–3 6,19–21
19. 5,10 5,10–12
20. 5,12 5,33–37

Man darf die Bergpredigt allerdings nicht als ein neues, erhabeneres christliches Gesetz auffassen, denn nach Römer 10,4 ist Christus das Ende des Gesetzes. Es kann nicht der Sinn der Bergpredigt sein, dass sie anstelle des Gesetzes vom Sinai die Lebensregel der Gläubigen ist. Sie gibt aber dem Jünger Jesu zu jeder Zeit Klarheit darüber, was Gottes Gedanken über sein moralisches Leben als Nachfolger seines Meisters sind. Und nach denen soll er sein Leben führen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, was für eine Beziehung der erlöste Christ zu dem Gesetz hat. Da diese Überlegungen den Rahmen sprengen, der für das Verständnis der kommenden Verse nötig ist, stehen die entsprechenden Ausführungen in Anhang 1.

Die Beziehung des Jüngers zum Alten Testament

Im Folgenden erklärt der Herr nun in sieben Abschnitten die Beziehung des Jüngers zum Alten Testament. Der erste Abschnitt ist eine Einführung in das Thema, in der die Unwandelbarkeit des Gesetzes in den Augen Gottes noch einmal verankert wird. Dann folgen sechs Beispiele aus dem Gesetz und den Propheten, welche die Wirksamkeit des Alten Testaments belegen. Dass mit diesem Ausdruck das ganze Alte Testament gemeint ist, machen Stellen wie Johannes 10,34, Matthäus 7,12 und 11,13 deutlich.

Verse 17–20: Die Gültigkeit des Gesetzes und der Propheten

„Denkt nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer irgend nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und die Menschen so lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer irgend aber sie tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen“ (Verse 17–20).

Der Herr macht von Anfang an unmissverständlich klar, dass Er weder das Gesetz noch die Belehrungen der Propheten auflösen würde. Er hatte sich ja zuvor schon auf die Propheten „berufen“ und auch Johannes den Täufer, den größten unter ihnen, auf seine eigene Stufe gestellt. Nein, Er würde nicht das auflösen, was Gott und damit Er selbst gegeben hatte.

Das Alte Testament wird als göttliche Autorität anerkannt

Der Herr Jesus macht deutlich, dass Er das Gesetz und die Propheten – es ist also die weiteste Sicht des Alten Testaments überhaupt – völlig zur Geltung bringen wollte (vgl. die Fußnote zu Vers 17 in der „Elberfelder Übersetzung“, Edition CSV). Durch Ihn und in Ihm sollte alles erfüllt werden. Seine Worte und Werke würden ans Licht bringen, was für ein Ziel und was für einen Zweck Gott mit dem Gesetz verband. Nicht ein Jota des Gesetzes würde vergehen, bis alles „geschehen“ wäre. Das wiederum zeigt, dass das Gesetz auch heute nicht seine Bedeutung verloren hat und in dieser Hinsicht noch nicht „geschehen“ ist. Viele Stellen des Alten Testaments sind durch das erste Kommen Jesu Christi noch nicht erfüllt worden bzw. nicht vollkommen zur Geltung gekommen. Dazu muss der Herr Jesus als der große König seines Volkes noch einmal auf diese Erde kommen, dann in Macht und Herrlichkeit.

Manche Bibelausleger haben bei dieser Aussage, dass der Herr Jesus gekommen war, um das Gesetz „zu erfüllen“, daran gedacht, dass der Herr Jesus als vollkommener Mensch und Jude alle Gebote des Alten Testaments ausgeführt hat. Und das ist wahr. Er hat das Gesetz vom Sinai vollständig getan. Er hat sich Gott und seinem Gesetz in Gerechtigkeit und Gehorsam vollkommen untergeordnet. Er hat als einziger Mensch kein einziges Mal gegen das Gesetz verstoßen. Aber wir haben schon gesehen, dass hier von dem gesamten Alten Testament gesprochen wird. Die einzelnen Ge- und Verbote des Gesetzes zu „erfüllen“ im Sinne von „gehorchen“ kann hier also nicht gemeint sein.

Daher geht dieser Vers viel weiter: Das Gesetz war die Mindestanforderung Gottes an den Menschen. Der Herr Jesus aber hat Gott vollkommen verherrlicht und damit gezeigt, wer Gott ist und was schon immer in seinem Herzen war. Sein ganzes Leben hat die Schönheit des Gesetzes zum ersten Mal ohne Abstriche gezeigt. Alles, was Gott in Verbindung mit dem Gesetz Ehre bringen konnte, hat Er in voller Kraft und in ganzem Ausmaß hervorgebracht. Das Licht des Himmels schien in Christus auf das Gesetz. So wurde das Gesetz nicht durch schwache, versagende Menschen erklärt. Es war der Eine, der in seinem Leben alle Einzelheiten, bis zum Jota und Strichlein, ausgeführt hat, der dies tat. Sein Herz war voll von Liebe und dachte nur an die Ehre und den Willen Gottes.

Die Bedeutung der Gebote

Bis zum Ende des 1000-jährigen Reiches werden Himmel und Erde – gemeint sind die geschaffenen Himmel und Erde – Bestand haben. Danach erst werden Himmel und Erde vergehen (vgl. 2. Pet 3,10; Off 21,1). Solange wird also weder ein Jota7 noch ein Strichlein8 aus dem von Gott gegebenen Gesetz vergehen. Gott wacht über sein Wort. Dies hat Er immer wieder betont. Deshalb darf man weder etwas zu dem Gesetz hinzufügen noch davon wegnehmen (vgl. 5. Mo 13,1; Spr 30,6; Off 22,18.19). Der Messias bestätigt damit auch eine Reihe von alttestamentlichen Bibeltexten: „In Ewigkeit, HERR, steht dein Wort fest in den Himmeln“ (Ps 119,89). „Du hast dein Wort groß gemacht über all deinen Namen“ (Ps 138,2; vgl. auch Ps 19).

Vers 19 lehnt sich daran an, wie die Pharisäer mit Gottes Wort umgegangen waren (vgl. Vers 20). Einerseits hatten sie die Gebote sorgfältig nummeriert und insgesamt 613 Gebote gezählt. Andererseits aber machten sie Unterschiede zwischen einzelnen Geboten. Vor allem hatten sie sich die Freiheit genommen, dem Gesetz bestimmte Gebote unter dem Deckmantel von Traditionen und Gesetzeskommentierungen hinzuzufügen. Zudem – und das ist hier das Thema – hatten sie andere Gebote in ihrer Kraft eingeschränkt und einige als weniger wichtig bezeichnet. Aus ihrer Sicht mochte es im Alten Testament Gebote geben, die geringer waren als andere. Aber wer so mit dem Gesetz und den Propheten umgeht, wird bestraft werden.

In Matthäus 22,36 lesen wir, dass ein Gesetzgelehrter eine solche Unterscheidung vornahm. Er versuchte den Herrn, um Ihn dahin zu bringen, ein großes Gebot des Gesetzes zu benennen, auf Kosten der Wichtigkeit anderer Gebote. Aber der Herr Jesus zeigt ihm in seiner Antwort, dass es nicht das eine große Gebot gibt. Es gibt ein zweites, ihm gleiches Gebot. Diese beiden Gebote stehen aber nicht im Gegensatz zu anderen, kleineren Geboten, sondern sie fassen alle anderen wie eine Art Überschrift zusammen.

Der Herr spricht hier eine ernste Warnung aus: Wer eines dieser vermeintlich geringen Gebote auflöst, wird selbst gering, ja, der Geringste heißen im Königreich der Himmel. Anscheinend bezieht sich Jesus auf die Gesamtheit der alttestamentlichen Gebote, wenn Er von den „geringsten Geboten“ spricht. Jedes einzelne Gebot war erfüllbar für das Volk (vgl. 5. Mo 30,11–14) und in diesem Sinn gering. Dennoch maßten sich die jüdischen Lehrer in ihrem Hochmut an, zwischen einzelnen Geboten zu unterscheiden und das eine wichtiger als ein anderes zu machen. Damit lösten sie letztlich einzelne Gebote auf. Gerade das tadelt der Herr Jesus hier.

Manche haben sich gefragt, was es konkret bedeutet, der Geringste zu heißen im Königreich der Himmel. Der Herr Jesus führt den Umfang des Gerichts hier nicht weiter aus. Er beschränkt sich auf das Wortspiel „geringstes Gebot“ und „Geringster im Königreich“. Zweifellos handelt es sich letzten Endes bei den hier angesprochenen Juden (Schriftgelehrte und Pharisäer) um bloße Bekenner, die zwar äußerlich im Reich sind, durch das Gericht Christi aber daraus entfernt werden. Diese werden nicht in das Reich der Himmel eingehen.

Matthäus 15,1–13 zeigt zudem ihre Rebellion gegen das Wort Gottes und damit gegen Gott selbst. Dennoch konkretisiert das der Herr an dieser Stelle nicht, weil Er alle seine Zuhörer in das Licht Gottes stellen will. Wenn jemand ein bloßer Bekenner ist, wird er in das ewige Gericht kommen. Wenn er aber ein Gläubiger ist, wird er im Königreich der Himmel nur geringe Verantwortung oder Aufgaben wahrnehmen können. Das zeigt den Ernst dieser Worte.

Groß sein im Königreich der Himmel

Der Herr wünscht, dass seine Jünger diese Gedanken Gottes zunächst in ihrem eigenen Leben anwenden. Dann sollen sie diese auch weitergeben und andere lehren, sie zu halten. Wer das tut, wird einen sichtbaren Platz in dem Bereich haben, wo der Himmel in der Person des Herrn Jesus das Reich regiert.

In dem Schlussvers dieses ersten Abschnitts verurteilt der Herr indirekt die Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie waren es, die hinzufügten und wegnahmen. Damit bewiesen sie, dass sie weit davon entfernt waren, ein Leben in praktischer Gerechtigkeit zu führen. Das aber ist Voraussetzung, um in dem Königreich der Himmel eine echte Beziehung zum König haben zu können.

Eure Gerechtigkeit

Der Herr zeigt an dieser Stelle, dass es einer Gerechtigkeit bedarf, um in das Königreich der Himmel eingehen zu können. Jetzt stellt sich die Frage, was der Herr hier meint mit Gerechtigkeit. Es kann nicht um eine Stellung der Gerechtigkeit gehen, denn für diese können wir selbst nichts tun. Thema ist also nicht die Gerechtigkeit Gottes als Folge der Rechtfertigung aus Glauben, denn bei dieser gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist gerechtfertigt und hat die Gerechtigkeit Gottes zugesprochen bekommen, oder man lebt in Sünde – und hat die Rechtfertigung nicht.

Gott hat in Christus Jesus und auf der Grundlage seines Erlösungswerkes alles für unsere Rechtfertigung getan und uns neues, ewiges Leben geschenkt. Dieses Leben möchte gar nicht anders, als gerecht zu handeln. Und genau darum geht es hier, um praktische Gerechtigkeit. Wenn sie in Wort und Tat sichtbar wird, was bei den Pharisäern nicht der Fall war, wie dieser Vers zeigt (vgl. auch Mt 3,7 ff.), dann ist auch neues, ewiges Leben vorhanden. Solchen Jüngern schenkt Gott den Eingang ins Reich der Himmel.

Es geht dem Herrn an dieser Stelle nicht um die Frage, um wie viel Prozent man praktisch gerechter leben muss als die Schriftgelehrten und Pharisäer, um in das Reich der Himmel eingehen zu können. Sein Hinweis auf „bei weitem“ zeigt, dass Er bei diesen Führern des Volkes Israel im Allgemeinen gar kein Leben nach den Gedanken Gottes erkennen konnte. Daher gehörten sie nicht zu denjenigen, die im Sinne der ersten Verse dieses Kapitels glückselig zu preisen waren. Sie würden, wenn sie nicht Buße taten, keinen Anteil am Reich der Himmel erhalten.

Daher appelliert der Herr an seine Jünger. Er will „Gerechtigkeit“ sehen. Diese wird sichtbar, wenn man die Autorität des Wortes Gottes über sein Leben anerkennt, danach handelt und sie sogar weitergibt. Dann, und nur dann kann man in das Königreich der Himmel eingehen. Eine Gerechtigkeit, die sich zugutehält, jeden Tag zum Tempel zu gehen, wird vor den Augen Gottes nicht bestehen können. So jemand ist stolz auf lange Gebete, große Almosen und lange Gewänder. Das kennzeichnete nicht alle Pharisäer und Schriftgelehrten, aber doch viele. Sie suchten ihren Lohn in ihrer Zeit. Daher wird es für sie in der Zukunft am Richterstuhl des Christus keinen geben. Diese Heuchler haben ihren „Lohn“ bereits von den sie bewundernden Menschen bekommen. Auf der Basis einer solchen Selbstgerechtigkeit kann niemand in das Königreich der Himmel eingehen.

Bei der Erläuterung der ersten 16 Verse unseres Kapitels haben wir gesehen, was der Herr Jesus hier ganz konkret unter „Gerechtigkeit“ verstand. Dort finden wir eine ganze Anzahl an Beispielen dafür. Wir lernen an dieser Stelle allerdings nicht, wie die Gerechtigkeit, welche die der Schriftgelehrten und Pharisäer übersteigt, zu erlangen ist. Hier betont der Herr, dass diese Gerechtigkeit unverzichtbar ist, wenn man ins Königreich eingehen will. Dabei ist es unerheblich, ob es um das Königreich in der heutigen, verborgenen Form oder in der machtvollen zukünftigen geht. Die gesamte Bergpredigt stellt sehr ernst die praktische Gerechtigkeit vor, die nötig ist, um in das Königreich der Himmel eingehen zu können.

Abschließend sei angemerkt, dass es auch praktische Gerechtigkeit nur auf dem Grundsatz von Glauben gibt. Praktische Gerechtigkeit ist kein eigenes Verdienst, auf das man sich etwas einbilden könnte. Es sind Glaubenswerke, die das Ergebnis davon sind, dass man neues, göttliches Leben geschenkt bekommen hat. Diese Werke praktischer Gerechtigkeit offenbaren das Vorhandensein einer neuen Natur. Man muss also zunächst von Gott Gerechtigkeit zugerechnet bekommen haben (Röm 4,3), bevor man praktisch gerecht handeln kann. Das galt auch schon zu der Zeit, als das Werk des Herrn noch nicht vollbracht worden war. Die Pharisäer dagegen vertrauten auf ihre eigene Gerechtigkeit, ohne Glauben und Umkehr zu Gott. Entsprechend waren ihre Werke genau wie ihre Schein-Gerechtigkeit vor Gott wertlos.

Die sechs Beispiele aus dem Alten Testament

Damit kommen wir jetzt zum ersten der sechs Beispiele, die der Herr anführt, um die Wirksamkeit des Alten Testaments, des Gesetzes und der Propheten zu zeigen. Bei diesen sechs Anführungen aus dem Gesetz fällt auf, dass auch hier wieder die Zweiteilung fortgesetzt wird, die man schon bei den Glückseligpreisungen erkennen kann. In den ersten vier Beispielen (du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht die Ehefrau entlassen; du sollst nicht falsch schwören) geht es darum, praktisch gerecht zu leben. In den letzten beiden Fällen geht es noch weiter: Hier werden die Jünger aufgefordert, das Wesen Gottes zu offenbaren, und zwar besonders seine Liebe und Gnade. So hat Christus Gott auf der Erde sichtbar gemacht (in Gnade handeln; die Feinde lieben).

Die ersten vier Beispiele beziehen sich auf die beiden Hauptformen der Sünde, von denen schon ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte die Rede ist: „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat“ (1. Mo 6,11). Verdorbenheit und Gewalttat – darüber wollen wir im Folgenden nachdenken.

Die beiden großen Sünden der Welt sowie die göttliche Natur

Der Herr Jesus beginnt mit einem Beispiel über die Gewalttat – Mord und Totschlag. Für diese Art von Sünde gibt Er nur ein Beispiel an. Denn die Gewalttat, wie sie von Kain verübt wurde, erkennt man sehr schnell als Sünde. Schwieriger ist es, wenn es um die Verdorbenheit unserer menschlichen Natur geht. Dafür finden wir daher drei Beispiele. Das Ausmaß der Verdorbenheit nimmt zu und wird zunehmend schwieriger erkennbar.

Ehebruch kann man noch vergleichsweise leicht als innere moralische Verderbtheit identifizieren. Was aber steckt dahinter, wenn man die Ehefrau entlässt? Und noch schwieriger ist die Sünde bei einem (nicht für alle erkennbaren) falschen Schwören zu entdecken. Diese Falschheit offenbart die Verdorbenheit des Menschen. Dabei bringt der Herr in seinen Worten jedes Mal auch die Motivation, die hinter diesen bösen Taten steht, ans Licht.

Bei alledem ist es wichtig zu verstehen, dass der Herr Jesus in der Bergpredigt keine Vergeistlichung des Gesetzes vornimmt. Beispielsweise steht das Töten nicht für ein „geistliches“ Töten, oder der Ehebruch für einen geistlichen Ehebruch. Das Gesetz hat sich also zur Zeit des Herrn und für uns heute nicht in folgendem Sinn geändert: Früher stellte es materielle Anforderungen dar, die in der neutestamentlichen Zeit nur noch eine übertragene, geistliche Bedeutung erhalten. Nein, der Herr Jesus nimmt das Gesetz so, wie es von Gott gegeben wurde und spitzt es auf seine Jünger zu, ohne es zu vergeistlichen.

Das heißt aber nicht, dass der Herr Jesus mit diesen Anführungen des Gesetzes keine geistliche Botschaft verbindet. Für jede Tat, die im Gesetz in erster Linie äußerlich verboten war (töten, stehlen, ehebrechen), zeigt Er ein inneres Motiv, einen Beweggrund, der dahinter steht. Auf diesen weist der Herr hin, um uns nicht nur vor der äußeren Handlung, sondern auch vor einer entsprechenden inneren Haltung zu warnen.

Gottes Wesen offenbaren

Die beiden letzten Beispiele zeigen dann etwas von Gott selbst. Zuerst ist es nicht nur die „passive“ Seite der göttlichen Natur in uns, nämlich zu ertragen und zu leiden. Es ist ausdrücklich von Hinhalten, Lassen, Mitgehen, Gehen die Rede. Das heißt, wir ertragen und erdulden nicht nur, sondern erweisen anderen aktiv Zuwendung und Gnade. Dann aber lernen wir noch etwas darüber, Liebe sogar an Feinden zu erweisen. Das geht noch weiter.

Diese beiden letzten Beispiele stellen sicherlich den Höhepunkt dieses Teils der Bergpredigt dar: nicht nur gerecht zu leben, sondern Gott selbst in seinem Handeln mit uns Menschen zu offenbaren.

Wenn es um das Gesetz geht, bezieht sich der Herr Jesus in direkter Weise nur auf zwei Gebote: nämlich auf das sechste und siebte Gebot (vgl. 2. Mo 20,13.14): „Du sollst nicht töten“, und „Du sollst nicht ehebrechen“. Vielleicht kann man auch das neunte Gebot als Verbot der Lüge mit einbeziehen (vgl. 2. Mo 20,16): „Du sollst nicht falsch schwören“. Wir haben schon gesehen, dass es nicht nur um das Gesetz, sondern um das Alte Testament insgesamt geht (vgl. V. 17). Das wird dadurch unterstrichen, dass nur wenige der Zehn Gebote aufgegriffen werden.

Es ist nicht zu übersehen, dass sich Christus dabei nur auf die Verantwortung des Menschen dem Menschen gegenüber bezieht. Das sittlich höher stehende und schwierigere Gebot, nämlich Gott zu lieben und zu verehren, behandelt Er an dieser Stelle nicht. Man fragt sich: Warum? Eine Antwort mag in einer Schlussfolgerung aus 1. Johannes 4,20 liegen: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat?“ Die Liebe zu Gott wird sichtbar durch unsere Liebe als Kinder Gottes untereinander. Wie könnte jemand seinen Nächsten lieben, wenn er nicht zunächst Gott liebt? Der Herr Jesus benutzt somit Gebote auf der Ebene, die für uns Menschen konkreter fassbar werden.

Das Muster der Beispiele

In den sechs Beispielen verwendet der Herr Jesus jeweils ein bestimmtes Muster:

  1. Zunächst stellt Er das Gebot Gottes im Gesetz und den Propheten vor und setzt es als bekannt voraus: „Ihr habt gehört ...“.
  2. Dann nennt Er die oft von den Pharisäern und anderen Gruppen hinzugefügten menschlichen Gebote.
  3. Im nächsten Schritt bestätigt der Herr das alttestamentliche Gebot, oft erweitert und verschärft Er es sogar. Er spricht dabei mit derselben Autorität, die das Gesetz und das Wort Gottes als solches im Alten Testament für sich in Anspruch nahm: „Ich aber sage euch ...! Damit erweist sich der König als der Bundesgott Israels, als der Jahwe des Alten Testaments, als der Emmanuel. Hier spricht Er jedoch nicht auf dem Berg Sinai, um das Gesetz zu geben. Er redet von einem anderen Berg herab, um das Gesetz zu bestätigen und sogar zu verschärfen. Er verfügt über alle Rechte, sein eigenes Gesetz zu erweitern und zuzuspitzen.
  4. Zugleich verwirft Er die Hinzufügungen und Wegnahmen der Menschen.
  5. Schließlich gibt Er noch den tieferen Sinn der Gebote an und vertieft sie im positiven Sinn. Es ist dabei interessant zu sehen, dass der Herr die ursprünglich für das Verhältnis von Mensch zu Mensch angeordneten Vorschriften auf eine höhere Ebene stellt. Denn obwohl die Gebote oft mit äußeren Handlungen zu tun haben, liegt der eigentliche Sinn im Inneren verborgen. Es geht nicht nur um die äußere Tat, sondern ebenso um den Herzenszustand. Man könnte auch sagen: Während Christus die Autorität des Gesetzes in jeder Hinsicht bestätigt, zeigt Er doch zugleich die tieferen Gedanken Gottes auf. Diese gingen viel tiefer als das, was jemals bis zu dieser Zeit bekannt war. Gott hatte jeweils die „äußerste“ Tat, sozusagen das Schlimmste, was der Mensch tun konnte, verboten. Eigentlich aber wünschte Er, dass auch das, was in dem Herzen des Menschen und in seinen Handlungen dieser bösesten Tat vorausging, verurteilt und vermieden würde. Daher spricht der Herr hier von dem Kern, den Gott schon immer ins Auge gefasst hat.

Verse 21–26: Beispiel 1 – Du sollst nicht töten!

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber irgend töten wird, wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Grund zürnt, wird dem Gericht verfallen sein; wer aber irgend zu seinem Bruder sagt: Raka!, wird dem Synedrium verfallen sein; wer aber irgend sagt: Du Narr!, wird der Hölle des Feuers verfallen sein. Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar. Einige dich schnell mit deinem Widersacher, während du mit ihm auf dem Weg bist; damit nicht etwa der Widersacher dich dem Richter überliefert und der Richter dich dem Diener überliefert und du ins Gefängnis geworfen wirst. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Cent bezahlt hast“ (Verse 21–26).

Die fünf Gesichtspunkte beim sechsten Gebot

Im Folgenden wollen wir jedes Beispiel anhand dieser fünf Punkte durchgehen. Wir werden sie fast alle bei jedem Beispiel finden.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf das sechste Gebot. In 2. Mose 20,13 heißt es: „Du sollst nicht töten.“
  2. Die Juden haben jedoch in ihren Traditionen Hinzufügungen gemacht. Auch diese zitiert Christus hier: „Wer aber irgend töten wird, wird dem Gericht verfallen sein.“ Diese Aussage findet man an keiner Stelle des Gesetzes. Durch diese Tradition wird das Gebot des Herrn sogar aufgeweicht. Denn das Alte Testament machte klar, dass jemand, der willentlich getötet hatte, selbst ebenfalls getötet werden musste. In 3. Mose 24,17 heißt es: „Wenn jemand irgendeinen Menschen totschlägt, so soll er gewiss getötet werden.“ Nach 2. Mose 21 musste sogar jemand getötet werden, der einen anderen Menschen oder seine Eltern geschlagen hatte (Verse 12.15). Wenn nun ein Mensch nur vor das örtliche Gericht kam, wenn er jemanden erschlagen hatte, so wurde das Gesetz Gottes dadurch abgeschwächt.
  3. Deshalb lehnt der Herr Jesus diese Gesetzesänderung entschieden ab. Durch seine Worte bestätigt Er Gottes Gebot, aber Er erweitert und verschärft es sogar noch.
    a) Nicht nur wer tötet, muss getötet werden, sondern sogar jemand, der ohne Grund zürnt, sollte am örtlichen Gericht verurteilt werden. Denn die äußere Gewalttat hat immer eine innere Ursache. Diese deckt der Herr Jesus in göttlicher Weisheit auf. Wir finden diesen Punkt in gleicher Weise übrigens auch für uns Christen wieder. Johannes schreibt: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder, und ihr wisst, dass kein Menschenmörder ewiges Leben in sich bleibend hat“ (1. Joh 3,15; vgl. auch 1. Joh 3,11.12).
    b) Wer die Dreistigkeit besaß, seinen Bruder – also einen anderen Jünger – Dummkopf zu nennen, sollte sogar vor das höchste Gericht Israels, das Synedrium, gestellt werden. Vor diesem sollte er dann verurteilt werden. Damit macht der Herr Jesus deutlich, dass Gewalttat nicht erst anfängt, wenn das Messer gegen jemanden erhoben wird. Mit anderen Worten: Auch Worte können töten.
    c) Derjenige, der einen anderen Narr oder Verrückter nennt, sollte nicht nur vor ein irdisches Gericht gestellt werden, sondern der Hölle des Feuers verfallen sein. Das heißt, er würde ewig gerichtet werden und in Gottesferne leben müssen. Ein solch persönlicher Angriff offenbarte den Herzenszustand des Menschen – er war vollkommen verdorben, voller Gewalttat im Herzen. Das bringt der Herr Jesus als unbestechlicher Richter ans Licht.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass der Herr Jesus in diesem Vers 22 zeigt, dass jede dieser Unmutsäußerungen, jeder böse Gedanke in dem Herzen des Jüngers zu verurteilen ist. Wird er nicht verurteilt und bekannt, führt er auf einen Weg, der am Ende in das ewige Gericht einmündet. Der eine mag vor dem örtlichen Gericht verurteilt werden, der andere vor dem höchsten irdischen Gericht. Es kommt darauf an, was Gott zu einer solchen Sünde sagt. Er muss sie aufgrund seiner Heiligkeit mit ewigem Gericht bestrafen! Das heißt nicht, dass ein wahrer Gläubiger verloren gehen kann. Aber diese Sünden als solche gehören zu einem Weg, der im Verderben endet.
  4. Mit diesen Worten verwirft Jesus zugleich die beigefügten Überlieferungen der Pharisäer. Vielleicht wollten sie sich damit auf 5. Mose 16,18 beziehen: „Richter und Vorsteher sollst du dir einsetzen ...“ Aber bei einem klaren Mord brauchte kein örtliches Gericht einbezogen zu werden – die Anweisung Gottes ließ keine Alternative zu dem Todesurteil zu. Der Verweis darauf, dass hier ein örtliches Gericht nötig war, stellte also nichts anderes als eine Abschwächung des Gesetzes dar.
  5. Dabei bleibt der Herr Jesus aber nicht stehen. Er hat schon verdeutlicht, dass es in den Augen Gottes nicht einfach auf die äußere Tat ankam. Hinter einer gewalttätigen Handlung steht ein gewalttätiges Herz. Der Herr Jesus fügt auch noch zwei Beispiele an. Beide haben mit der tatsächlichen Tat des Totschlags nichts zu tun zu. Diese beiden Beispiele zeigen aber nochmals deutlich die Wertung des Herrn: Streit und Differenzen zwischen Brüdern offenbaren denselben Geist wie der, welcher den Totschlag oder Mord zum Ergebnis hat.
    a) Wenn ein Jude zum Altar gehen wollte, um Gott ein Opfer darzubringen, war es möglich, dass er erkannte, dass sein Bruder noch eine (berechtigte) Anklage gegen ihn hatte. Er hatte sich also an seinem Bruder versündigt. Dann sollte er vor der Opferung sein Verhältnis mit seinem Bruder in Ordnung bringen und sich mit ihm versöhnen. Wenn er das nicht tat, offenbarte er eine böse Gesinnung, denn offenbar war es ihm egal, dass er gegen seinen Bruder gesündigt hatte. Der Herr verbindet diese Sünde mit dem Gebot, „Du sollst nicht töten“. Das zeigt, dass diese Sünde, die als solche natürlich kein „Totschlag“ ist, ohne ein Bekenntnis der Schuld letztlich in Gottes Augen der Anfang eines Weges ist, der bis zur schlimmsten Gewalttat führen kann. Gott verurteilt Taten nicht erst dann, wenn sie bis zum Äußersten führen. Schon die Gesinnung offenbart das Herz. Noch schlimmer aber: Gott konnte das Opfer eines Jüngers, der einen Konflikt mit seinem Bruder hatte und nicht ausräumte, nicht akzeptieren. Vor Gott ist kein Opfer akzeptabel, das aufseiten des Opfernden mit praktischer Ungerechtigkeit seinem Nächsten gegenüber verbunden ist.
    b) Wenn ein Jude einen Widersacher hatte, der eine offensichtlich berechtigte Anschuldigung gegen ihn vortrug, so sollte er alles unternehmen, um eine Einigung zu erzielen. Die Schuld durfte nicht einfach stehenbleiben, bis es zu größeren Auseinandersetzungen kommt. In diesem Fall war es Eigeninteresse des Jüngers, nicht ins Gefängnis geworfen zu werden. War einmal ein Urteil gesprochen und er im Gefängnis, musste er seine Schuld bis auf den letzten Cent bezahlen. Vorher kam er nicht wieder aus dem Gefängnis heraus (vgl. Mt 18,30.34). Es gibt oft Zeit für eine Einigung und Versöhnung. Aber diese Zeit ist begrenzt. Und dann? Wenn einmal eine Sache vor Gericht gebracht wurde, gab es keine Barmherzigkeit mehr, nur noch Gerechtigkeit. Dann musste das Gesetz in seiner ganzen Schärfe angewendet werden.
    Mit diesen beiden Beispielen bringt der Herr die innere und positive Seite des Gebotes, „Du sollst nicht töten“, ans Licht. Der Herr will nicht nur, dass man sich nicht gegenseitig umbringt, sondern Er wünscht, dass wir versöhnungsbereit sind und ein brüderliches Verhältnis miteinander pflegen. Er möchte Versöhnung, wo Streit und Zwist sind. Ob wir alles daran setzen, die Versöhnung zu suchen?

Verse 25.26: Eine prophetische Schau über die Gefangenschaft Israels

Bevor wir abschließend zu diesem Abschnitt noch zur persönlichen Anwendung auf uns Christen kommen, wollen wir uns noch die prophetische Seite dieses zweiten Beispiels ansehen. Dabei gilt es zu beachten, dass sich diese Verse zunächst auf Jünger jüdischen Glaubens beziehen.

Gott hatte das Gebot gegeben, nicht zu töten. Der Herr hat deutlich gemacht, dass es letztlich nicht nur um das Töten geht, sondern um jede Form der Verschuldung an einem anderen. Aber das hat nicht nur eine persönliche Komponente. Wie sah denn der Zustand des Volkes aus? Es hatte bewiesen, dass es Gottes Gebote nicht gehalten hatte. Alle Klassen des Volkes hatten sich gegen Gott aufgelehnt. Den letzten Beweis dafür hatten sie dadurch geliefert, dass sie ihren eigenen Messias und König aus dem Land nach Ägypten jagten. Später verachteten sie Ihn als Galiläer und Nazarener (vgl. Mt 2,13 ff.).

Sie hatten einen starken „Widersacher“ (V. 25): Mose, den Gesetzgeber, oder ganz grundsätzlich, Gott, der dem Volk das Gesetz durch diesen Mann gegeben hatte. Was war zu tun? Das Volk bekam noch einmal die Chance, umzukehren und eine Einigung mit Gott zu suchen. Sonst würden sie dem Diener überliefert werden, der sie ins Gefängnis werfen würde. Ist das nicht die aktuelle Situation des Volkes? Wo finden wir das Volk Israel? Nur ein kleiner Teil ist nach Israel zurückgekehrt, und das im Unglauben. Das Volk kann jetzt keine Vorrechte genießen, keinen Tempel, keinen Opferdienst. Sie bleiben in diesem „Gefängnis“, bis sie jeden Cent zurückgezahlt haben.

Weil das Volk Israel beim ersten Kommen des Messias nicht auf diese Stimme gehört hat, muss es weiter warten. Die Schuld der Juden war eine zweifache: Zunächst hatten sie sich dem Götzendienst hingegeben. Dann haben sie auch noch den von Gott gesandten Messias ans Kreuz gebracht. So müssen sie auch in zweifacher Weise abbezahlen. Sie müssen bezahlen, bis zum letzten Cent! Erst dann wird das Volk wieder freikommen.

Wenn sie innerlich zu Gott umkehren und den Herrn Jesus als den von Gott gesandten Messias anerkennen werden, wird Gott sich ihnen wieder zuwenden. Sie müssen durch die furchtbare „große Drangsal, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). Aber dann wird der Herr Jesus erneut zu ihnen kommen und sie aus der Macht ihrer Feinde erlösen.

Das Volk hat viel zu bezahlen, denn es gibt keine größere Schuld, als den Gesalbten Gottes ans Kreuz zu bringen. Aber es gibt Hoffnung. Jesaja drückt das so aus: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jes 40,1.2). Dann folgt das bekannte Zitat über die Stimme eines Rufenden, das in den Evangelien im Blick auf den Dienst von Johannes dem Täufer angeführt wird.

Eine praktische Anwendung für uns

Zum Schluss wollen wir diese Verse näher an uns heranlassen. Vermutlich ist es für Jünger heute nicht schwer, keinen Menschen umzubringen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Herr das Beschimpfen eines Bruders, das Zürnen über ihn auf dieselbe Stufe stellt – zumindest was die strafrechtlichen Folgen betrifft. Das ist nicht weniger schlimm – in den Augen Gottes ist diese innere Regung die Ursache für Gewalttat. Der Lohn: die ewige Verdammnis. Wir müssen uns fragen: Wie reden wir, die wir Jünger des Herrn sind, über unsere Brüder und Schwestern? Ist es möglich, dass wir „vor ihnen“ gut über sie sprechen, wenn sie aber abwesend sind, ganz anders?

Wahre Jünger sind erlöste Menschen, Gläubige. Und wir wissen, dass ein Gläubiger nicht verloren gehen kann. Aber das sollte uns nicht dazu verleiten zu meinen, dann wäre es nicht weiter tragisch, wie wir uns im täglichen Leben verhalten. Unser Herr sieht es als sehr schlimm an, wenn wir gegen einen Bruder Böses reden. Wie leicht lassen wir unsere Zunge Negatives über einen Mitjünger aussprechen. Jakobus zeigt uns, wie sehr wir gerade unsere Zunge bewahren müssen (Jak 3).

Das erste Beispiel in Vers 23 kann uns zeigen, mit welcher Haltung wir das Gedächtnismahl einnehmen sollten. Können wir uns an keine Gelegenheit erinnern, in der ein Bruder etwas gegen uns hatte? Wie leicht übersieht man das notwendige Selbstgericht (1. Kor 11,28). Eine solche Haltung verunehrt den Herrn und man „isst und trinkt sich selbst Gericht“. Zudem verliert man den Genuss des Friedens. Darüber hinaus sind Bruderstreit und fehlende christliche Gemeinschaft die Folge. Wie viel würde sich ändern, wenn wir wieder neu anfingen, unsere Verhältnisse in Ordnung zu bringen!

Wir müssen auch bedenken: Wenn wir schlechte Gedanken und Empfindungen über einen Bruder oder eine Schwester zulassen, können wir nicht erwarten, dass Gott Dank oder Anbetung von uns annimmt. Er konnte das auch nicht von den Israeliten annehmen. So etwas ist in den Augen Gottes ein Gräuel! Wir haben unsere Beziehungen in Ordnung zu bringen und neue Gedanken der Liebe zu unseren Geschwistern entstehen zu lassen, bevor wir uns dem Herrn nahen können.

Nun noch zum zweiten Beispiel aus Vers 25. Wie leicht geben wir einem Bruder oder einer Schwester Anlass für eine Anklage. Wenn uns nicht an einer Versöhnung liegt, brauchen wir uns über unseren persönlichen und gemeinsamen geistlichen Zustand nicht mehr zu wundern. Es ist natürlich ebenso wahr, dass wir, wenn ein Bruder oder eine Schwester gegen uns gesündigt hat, immer versöhnungsbereit sein müssen. Der Herr fordert uns sogar dazu auf, in einem solchen Fall selbst die Initiative für eine Versöhnung zu ergreifen (Mt 18,15).

Wenn wir nun in der Schuld unseres Bruders stehen und keine Einigung suchen, werden wir vielleicht lange abzahlen – manchmal bis ans Lebensende. Es ist zum eigenen Schaden und zum Schaden des Umfelds, in dem wir leben. Denken wir noch einmal daran, dass wir eigentlich Salz und Licht sein sollten!

Verse 27–30: Beispiel 2 – Du sollst nicht ehebrechen

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen. Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dir Anstoß gibt, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle komme“ (Verse 27–30).

In dem zweiten Beispiel, das der Herr Jesus anführt, geht es um das siebte Gebot vom Sinai, das Verbot des Ehebruchs.

Die fünf Gesichtspunkte beim siebten Gebot

Auch jetzt folgen wir wieder den fünf genannten Punkten.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf das siebte Gebot. In 2. Mose 20,14 heißt es: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ehebruch sollte nach dem Alten Testament wie der Mord mit der Todesstrafe geahndet werden (3. Mo 20,10; 5. Mo 22,22–24).9
  2. Es fällt auf, dass der Herr in diesem Fall keine Hinzufügung der Juden nennt. Vielleicht liegt der Grund hierfür in der Praxis in Israel. Es waren nicht nur die Pharisäer, die dieses Ehebruch-Gebot aufgeweicht hatten. David ist leider ein trauriges Beispiel für einen solchen Ehebruch, als er sich mit Bathseba, der Ehefrau seines Helden Urija intim verband. Aber nicht nur das. Es waren große Männer des Volkes wie David und Salomo sowie vieler ihrer Nachfolger auf dem Königsthron, die sich mehr als eine Frau nahmen. Wir verbinden das vielleicht nicht direkt mit Ehebruch. Aber war es in den Augen Gottes letztlich nicht schon immer verkehrt, wenn man verheiratet war und sich dennoch mit einer zweiten Frau verband, selbst wenn man sie heiratete? Gott hatte einen Mann einer Frau zugeführt (1. Mo 2,24). Die Worte des Herrn über diese Institution bestätigen das (Mk 10,6–8), ebenso Paulus' Worte (1. Tim 3,2.12). Die Verschärfung der Vorschrift durch den Herrn in Vers 28 bestätigt diese Gedanken. Denn Er zeigt immer wieder den tieferen Sinn hinter den Geboten des Alten Testaments.
    Nun fragt man sich, warum der Herr an dieser Stelle nicht auf dieses Problem eingeht. Wir müssen bedenken, dass Gott diese Praxis im Alten Testament in seiner Barmherzigkeit mit dem Menschen geduldet hat. Weder bei David noch bei Salomo griff Er im Gericht ein, als sie mehrere oder viele Frauen ehelichten. Erst, als Salomo dadurch zum Götzendienst verführt worden war, handelte Gott im Gericht.
  3. Jesus bestätigt dieses Gebot nun in Vers 28 nicht nur, sondern wieder einmal verschärft Er es noch. Dem Herrn ist nicht nur die äußere Tat des Ehebruchs wichtig, sondern Er sieht auf das Herz, das zu einer solchen Tat führt. Bereits das Ansehen einer Frau durch einen verheirateten Mann, um sie für sich zu begehren, nennt der Herr Ehebruch im Herzen. Er wahrt den Unterschied zwischen der äußeren Tat und dem „Ehebruch im Herzen“. Er zeigt aber zugleich, dass bereits das Zulassen dieser Begierde eine große Sünde in den Augen Gottes ist. So groß, dass Er sie auch Ehebruch (im Herzen) nennt. Dieser konkrete Punkt war im Übrigen sogar im Alten Testament bekannt (2. Mo 20,17), auch wenn er äußerst schwer zu beurteilen ist.
    Diese Worte sind so eingängig und eindringlich formuliert, dass sie nicht weiter erläutert werden müssen. Die Frage ist nicht, ob ein Mann eine Frau sieht oder ansieht. Der Punkt ist hier, ob in seinem Herzen eine Begierde aufkommt, die ihn dahin führt, diese Frau für sich selbst haben zu wollen. Der Herr spricht davon, dass sich der Mann möglicherweise schon in Gedanken ein intimes Zusammensein ausmalt. Welcher (verheiratete) Mann würde von sich behaupten, in diesem Punkt noch nie gesündigt zu haben? Ohne dass diese Stelle unverheiratete Männer direkt anspricht, sollten sie sich der hier genannten Gefahr bewusst sein. Unsere Begierden lenken unsere Augen und führen sehr schnell zu weiteren Begierden und Sünden.
  4. Der Herr verurteilt an dieser Stelle keine Hinzufügung und kein Wegnehmen bzw. Auflösen der Pharisäer, da es keine solchen gibt. Doch zeigen seine verschärfenden Worte, dass sich keiner der Illusion hingeben sollte, nur vollendeter Ehebruch sei Sünde. Es ist wieder eine Frage unserer Herzen, von denen alle unsere Entscheidungen ausgehen (Mt 15,19).
  5. Auch jetzt bleibt Christus bei diesem Punkt nicht stehen. Er zeigt seinen Jüngern, wie sie mit dem Problem solcher inneren Begierden umgehen müssen. Jedem Leser wird wohl klar sein, dass der Herr nicht dazu auffordert, wirklich das rechte Auge herauszureißen oder die rechte Hand abzuhauen. Aber er nennt diese beiden Körperteile, weil sie Mittel zur Ausführung von Sünde sind. Eine Begierde fängt im Herzen an. Sie findet oft ihren Weg über die Augen bis hin zur Hand, die dann die böse Tat ausführt. Das Herz wurde schon in Vers 28 angesprochen. Es geht dem Herrn nicht um ein Verstümmeln unseres von Gott, dem Schöpfer, gegebenen Körpers. Das linke Auge oder die linke Hand wären nach einem Ausreißen oder Abhauen des rechten Teils immer noch in der Lage, diese Sünden auszuführen. Dann müsste man schon beide Augen und beide Hände entfernen. Das kann also nicht gemeint sein. Der Herr will zeigen, dass sich jedes Opfer lohnt, wenn es zur Befreiung von der Hölle verhilft, die am Ende eines sündigen Lebensweges steht.10

Der Herr zeigt an dieser Stelle zudem wichtige Elemente und Schritte des Selbstgerichts auf. Wir lernen, dass ein Jünger sich selbst gegenüber nicht barmherzig sein soll, sondern das Wort Gottes in aller Schärfe zum Selbstgericht benutzen muss.

  1. Selbstgericht bedeutet, dass man sich die Sünde, die man begangen hat, bewusst macht, und zwar sehr konkret.
  2. Das heißt, dass wir auch die Teile unseres Körpers, der Seele und des Geistes identifizieren, die sich versündigt haben. Wir müssen die Sünde bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgen.
  3. Dann müssen wir den Anlass für die Sünde identifizieren, um ihn dem Herrn zu bekennen und wegzutun. Das kann bedeuten, dass ich künftig bei bestimmten Anlässen fliehen muss – einen möglichst großen Bogen um den Verursacher der Sünde machen muss.
  4. In besonderer Weise sind die Elemente in unserem Leben zu prüfen, die in erster Linie „aktiv“ sind, ob sie Anlass zur Sünde geben. Davon sprechen das rechte Auge und die rechte Hand. Das kann sich konkret auf viele Bereiche beziehen: auf meine Begierden im sexuellen Bereich; auf meinen Hang zur Musik; auf meine Neigung zum Zorn oder Neid; auf meinen Wunsch, groß in den Augen anderer sein zu wollen; usw.
  5. Man darf das Ausmaß, das „Ziel“ und die Folgen der Sünde nicht beschönigen oder verniedlichen. Der Herr zeigt, dass selbst eine Begierde, die „nur“ im Herzen erfolgt, zu Gericht führt: Der ganze Leib muss, wenn es kein aufrichtiges Bekenntnis gibt, in die Hölle geworfen werden, den Ort ewiger Verdammnis.
  6. Selbstgericht muss dazu führen, dass ich von der Sünde künftig lasse. Ein gründliches Bekenntnis, eine tiefgreifende Sinnesänderung und das Bewusstsein, dass Christus für diese Sünde am Kreuz sterben musste, bewahren mich davor, erneut in dieselbe Sünde zu fallen.
  7. Dass von der rechten Hand und von dem rechten Auge die Rede ist, zeigt uns, dass es um vorsätzliche Sünde geht, die in vollem Bewusstsein, in „Kraft“ begangen wird (vgl. Off 13,16). Der Herr spricht nicht von Problemen, für die wir nicht verantwortlich sind. Die rechte Hand ist im Allgemeinen die starke Hand. Nach 2. Mose 15,6 spricht die Rechte von Kraft. Gerade diese benutzen wir, um etwas zu bewegen. Für ihr Handeln sind wir verantwortlich!

Zum Abschluss wollen wir uns bewusst werden, wie aktuell diese Verse sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die gerade sexuelle Begierden direkt herausfordert. Ein Christ kann sich dieser Reizüberflutung kaum entziehen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns bewusst machen, dass jede Begierde, die wir in unseren Herzen aufkommen lassen und der wir in unseren Gedanken Raum geben, Sünde ist. Das sind in Gottes Augen keine Kleinigkeiten. Daher verbindet Er diese Schlussfolgerungen mit dem Ehebruch. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns täglich durch das Wort Gottes reinigen lassen und ein aktives Selbstgericht pflegen.

Immer wieder stützt Gott im Neuen Testament die Heilsgewissheit der Erlösten. Dennoch zeigt Er an anderer Stelle, dass ein Christ einen Weg gehen kann, der in den Tod führt. Paulus schreibt an die Römer: „Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben“ (Röm 8,13) – und damit ist nicht der leibliche Tod gemeint! Die Empfänger dieses Briefes waren wirklich gläubig. Aber wenn sie sich durch das Fleisch regieren ließen und das zu einem Zustand in ihrem Leben würde, würden sie einen Weg beschreiten, der das Urteil des Todes besaß. Das gilt auch für uns.

Es handelt sich nicht um zwei gegensätzliche Grundsätze. Gott ist treu, und Er wird jeden Erlösten auch ans Ziel bringen. Unsere Verantwortung als Menschen aber besteht darin, Ihn in unserem Leben zu ehren. Deshalb kann der Herr Jesus hier von der Hölle sprechen. Wir wissen aus vielen Stellen, dass diejenigen in die Hölle kommen, die sich nicht zu Gott und dem Herrn Jesus bekehren wollen. Aber wenn wir uns durch unsere Begierden regieren lassen, laufen wir auf einem Weg, der ins Verderben führt. Nur dann, wenn wir dem Geist die Regierung unseres Lebens übergeben, werden wir den Weg des Lebens gehen.

Verse 31–32: Beispiel 3 – der Scheidebrief

„Es ist aber gesagt: Wer irgend seine Frau entlässt, gebe ihr einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt, außer aufgrund von Hurerei, bewirkt, dass sie Ehebruch begeht; und wer irgend eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch“ (Verse 31.32).

Das dritte Beispiel bezieht sich nicht auf eines der Zehn Gebote.11 Aber wir finden einen Hinweis zu diesem Gebot in 5. Mose 24. Darauf scheint Christus in diesem Teil der Bergpredigt anzuspielen.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot zum Scheidebrief

Auch jetzt folgen wir wieder den fünf genannten Punkten.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich wohl auf 5. Mose 24,1–4: „Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, wenn sie keine Gnade in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dass er ihr einen Scheidebrief schreibt und ihn in ihre Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt ...“. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine grundsätzliche „Erlaubnis“, seine Frau zu entlassen, sondern um einen Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes. Das können wir aus Matthäus 19,8 lernen: „Er spricht zu ihnen: Mose hat euch wegen eurer Herzenshärte gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen.“ Gott hatte nie den Gedanken, dass ein Mann seine Frau entlassen könnte. „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mt 19,6). Mose hatte es den Israeliten daher gestattet. Gott hatte es, indem Er nicht eingriff, für eine gewisse Zeit geduldet. Es ist interessant, dass der Herr nicht sagt, dass Gott es gestattet hat – aber Er ließ Mose gewähren. 12
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Offensichtlich waren sie (teilweise) der Meinung, dass ein Mann seine Frau auf jeden Fall entlassen konnte, wann er wollte. Daher änderten sie die Einleitung des göttlichen Gebots ab und sagten: „Wer irgend ...“ Es gab manche Lehrmeinungen, die zum Beispiel eine Entlassung aufgrund einer angebrannten Mahlzeit möglich machten. Andere waren strenger und forderten schwerwiegendere Gründe.
    Aber – wie wir gesehen haben – war es nie der Gedanke Gottes, dass eine Ehefrau entlassen würde, sondern Er duldete es lediglich aufgrund ihrer Herzenshärte. Der Herr Jesus wendet sich jetzt gegen die Anmaßung, aus einer Duldung ein positives Recht abzuleiten und auf jeden Fall auszuweiten („wer irgend“). Dem stellt Er das „Jeder“ entgegen und verdeutlicht, dass jeder Fall (bis auf eine genannte Ausnahme) Sünde und das Bewirken von Ehebruch ist. Insofern könnte man dieses dritte Beispiel als eine Art Gegenstück zum zweiten Beispiel auffassen. Denn dort gab es keine menschliche Zufügung – hier gibt es keine wirkliche Grundlage im Gesetz Moses für das gedankenlose Entlassen einer Frau. Wohl deshalb ist auch der einleitende Satz nur in diesem einen Beispiel anders formuliert als bei den anderen Abschnitten. Denn es heißt nicht: „Ihr habt gehört ...“, was das Gebot Gottes zumindest mit einschloss und nicht nur die Hinzufügung der Rabbiner enthielt. In diesem einen Fall lesen wir: „Es ist gesagt“, nämlich (in dieser Form) von den Juden, nicht von Gott.
  3. Daher verschärft der Herr Jesus hier zum ersten Mal ein Gebot nicht. Es gab hier ohnehin keine wirkliche Grundlage im Wort Gottes für das, was in Israel Praxis geworden war. Stattdessen ordnet der Herr Jesus das Gegenteil von dem an, was die Pharisäer gelehrt haben.
  4. Mit einem Satz fegt der Herr Jesus somit das Lehrgebäude der Pharisäer und Schriftgelehrten vom Tisch. Jede Entlassung, welche die Pharisäer zulassen wollten, ist in den Augen Gottes die Anstiftung zu Ehebruch, denn was sollte eine entlassene Frau in Israel machen? Der Sozialstatus war nicht vergleichbar mit der heutigen Situation, in welcher der Staat viel durch Sozialhilfe usw. auffängt. Die Frauen waren damals normalerweise auf den Ehebund angewiesen, um sozial abgesichert zu sein. Das heißt, dass sie nach einer Entlassung alles daran setzen mussten, wieder zu heiraten, um nicht in größter Armut leben zu müssen. Oder sie öffneten sich ungesetzlichen Bereichen wie der Prostitution. Beides bedeutete in den Augen Gottes Ehebruch. Gott hasst Entlassung (Mal 2,16) und besteht seit dem Kommen Jesu darauf, dass eine Ehe bestehen bleibt, bis der Tod die Ehe beendet.
    Nur eine Ausnahme wird genannt: Wenn die Frau bereits selbst die Ehe durch intimen Verkehr mit einem anderen Mann gebrochen hatte, durfte der Mann sie entlassen. Damit unterlag sie eigentlich dem Todesurteil (vgl. 3. Mo 20,10) – wodurch der Ehebruch ihre Schuld und nicht die ihres Mannes war. In einem solchen Fall war Entlassung nach den Geboten des Alten Testaments nicht mehr relevant, weil das Urteil Gottes ohnehin zu vollziehen war. Allerdings ist hier zu bedenken, dass das Todesurteil zur Zeit des Herrn anscheinend nicht mehr vollstreckt wurde (vgl. Mt 21,32; Lk 7,39). Vor diesem Hintergrund wird die hier genannte Ausnahme in Verbindung mit den Worten des Herrn in Matthäus 19,9 zu einem anderen Hinweis. Gott sieht die Ehe im Fall von Hurerei derart in ihrem Kern angegriffen, dass Er hier dem betrogenen Ehepartner zubilligt, sich zu trennen. Wir haben hier keine Empfehlung vor uns, sondern ein Zulassen dieser Möglichkeit. Und wohlgemerkt: Es geht um einen einzigen Fall, um eine Ausnahme.
  5. Die Belehrung des Herrn Jesus in diesen Versen liegt also darin, dass Er eine Entlassung und eine Ehescheidung grundsätzlich verwirft. Wer sich von seiner Frau trennte, bewirkte, dass sie Ehebruch treiben musste. In Gottes Augen bestand nämlich die erste Ehe noch – so war jede neue Eheschließung ein Vergehen an dem ersten Ehebund. Wer eine Entlassene heiratete, beging ebenfalls Ehebruch. Um das zu vermeiden, besteht der Herr Jesus auf der ehelichen Treue des Ehemanns und der Ehefrau. Das war von Anfang an Gottes Wille (1. Mo 2,24) – und so bleibt es auch.

Dieses Gebot des Herrn ist ebenfalls von großer Aktualität. Heute wird es zunehmend auch unter Christen üblich, dass sich Mann und Frau trennen. Es reicht, wenn man meint, dass man nicht mehr miteinander auskommt. Dass der Gedanke Gottes, wie hier festgeschrieben, dazu völlig im Gegensatz steht, nimmt man in Kauf. Man begründet es einfach damit, dass ein Zusammenleben unerträglich sei. Diese Behauptung ist schon die erste Sünde.

Noch schlimmer ist es dann aber, nach einer gewissen „Anstandszeit“ erneut zu heiraten. Man meint, dann einen neuen Partner gefunden zu haben, mit dem es besser laufen wird. Das ist nach den Worten des Herrn nichts anderes als Ehebruch. Wir sollten die Schärfe des Wortes Gottes, wie es uns hier vorgestellt wird, nicht abschwächen. Die Gedanken Gottes haben sich nicht geändert – und wir sollten sie auch für die heutige Zeit annehmen!

Verse 33–37: Beispiel 4 – falsch schwören

„Wiederum habt ihr gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht falsch schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht; weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs; noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du vermagst nicht, ein Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede sei aber: Ja – ja; nein – nein; was aber mehr ist als dieses, ist aus dem Bösen“ (Verse 33–37).

Im vierten Beispiel geht es um das Schwören. Es war zu den Lebzeiten Jesu offensichtlich eine Gewohnheit, die eigenen Worte mit einem Schwur zu verstärken und damit zu bekräftigen. Aber wenn ein Mensch fast jede Behauptung mit einem Schwur bekräftigt, lässt das darauf schließen, dass seine Worte ansonsten nicht vertrauenswürdig sind.

Jemand hat einmal gesagt: Bei jeder Gelegenheit Gott zum Zeugen anzurufen heißt, einen Abwesenden um Hilfe zu rufen, in dessen Gegenwart man offenbar nicht zu reden gewohnt ist. Sonst würde man Ihn nicht ständig als Zeugen benötigen. Man wüsste dann nämlich, dass Er den eigenen Worten nicht durch das Berufen auf seinen Namen Autorität verleiht, sondern dadurch, dass Er innerlich wirkt.

Falsch schwören – das ist lügen. Es geht also auch hier um eine Sünde der menschlichen Verdorbenheit. Leider wissen wir aus eigener Erfahrung, wie oft wir diese Sünde begehen, obwohl uns als Kindern Gottes klar ist, dass wir damit im Widerspruch zu unserem neuen Leben handeln.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über falsches Schwören

Wenn wir zu den fünf Punkten kommen, geht es zunächst wieder um das Gebot Gottes.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich offenbar auf zwei Stellen des Gesetzes:
    a) 3. Mose 19,12: „Und ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen, dass du den Namen deines Gottes entweihest. Ich bin der Herr.“
    b) 4. Mose 30,3: „Wenn ein Mann dem Herrn ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, eine Verpflichtung auf seine Seele zu nehmen, so soll er sein Wort nicht brechen: Nach allem, was aus seinem Mund hervorgegangen ist, soll er tun“ (vgl. auch 5. Mo 23,22 ff.; Sach 8,17).
    Hintergrund der zuerst genannten Anordnung ist das dritte Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht zu Eitlem aussprechen; denn der Herr wird den nicht für schuldlos halten, der seinen Namen zu Eitlem ausspricht“ (2. Mo 20,7). Die zweite Anordnung verpflichtete den Schwörenden dazu, den Schwur einzuhalten. Sonst hätte er den Namen Gottes in nichtiger Weise ausgesprochen.
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Offensichtlich hatten die Schriftgelehrten Anweisungen erlassen, nicht bei dem Namen des Herrn zu schwören, um nicht gegen das dritte Gebot zu verstoßen. Dennoch wollten sie die Menschen zum Schwur verpflichten und die Autorität einer höheren Instanz nicht aufgeben. Daher hatten sie als „höhere Instanz“ den Himmel, die Erde oder Jerusalem festgelegt. Durch die Berufung auf diese drei örtlichen Instanzen sollte eine Aussage bekräftigt werden. Da man auf diese Weise den Namen Gottes vermied, wurde alles mit einem Schwur verbunden. So legten die Rabbiner die Grundlage für ein leichtfertiges Schwören. Die Juden liebten es, alles Mögliche in formell wohl formulierten Worten zu beschwören.
  3. Zu Anfang der Beispiele aus dem Gesetz haben wir gesehen, dass der Herr Jesus das Gesetz nicht beiseite setzt, sondern es bestätigt und sogar verschärft. Wie sieht das nun in diesem Fall aus?
    Die Verschärfung des Gesetzes besteht darin, dass Er sagt: „Schwört überhaupt nicht.“ Der Mensch meint, durch Ersatzvokabeln dem Gebot in 3. Mose 19,12 aus dem Weg gehen zu können. Christus zeigt jedoch, dass man auch mit Schwüren bei Himmel, Erde, Jerusalem oder dem eigenen Haupt niemand anderen als Gott selbst meinte. Er erklärt: Das Gesetz sagt: Benutzt den Namen Gottes nicht für nichtige Zwecke beim Schwören. Ich sage Euch: Schwört gar nicht, so steht ihr nicht in Gefahr, den Namen Gottes falsch zu verwenden.
    Nun könnte jemand fragen: Heißt es nicht in Stellen wie 5. Mose 6,13; 2. Mose 22,10; 3. Mose 5,1; u. a., dass man schwören sollte? War das nicht ein Gebot Gottes selbst? Die Antwort ist: Gegen diese Gebote wendet sich der Herr Jesus nicht, denn sie beziehen sich auf einen Eid, der in bestimmten Fällen vor Gott geleistet werden sollte. Wogegen Er sich richtet, ist, dass die Menschen ihre alltäglichen Reden, durch einen Eid bekräftigen. Denn Gott hatte im Alten Testament nicht davon gesprochen, dass die Aussage eines Menschen einen größeren Wert durch einen Schwur erlangen würde. Aber genau das war die pharisäische Hinzufügung zu Gottes Wort!
  4. Damit geht der Herr Jesus dann auch im Einzelnen auf die Hinzufügungen der Juden ein:
    a) Sie hatten als eine Möglichkeit des Eides das „Schwören beim Himmel“ angegeben. Aber sie hatten nicht bedacht, dass dieser der Thron Gottes ist, also gewissermaßen der Regierungssitz des Herrn. Das hätte den Schriftgelehrten bekannt sein müssen, denn Gott spricht davon in Jesaja 66,1: „So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron, und die Erde der Schemel meiner Füße.“ Wer also beim Himmel schwor, der benutzte auf indirekte Weise den Namen des Herrn.
    b) Der Herr Jesus hatte im ersten Beispiel des Tötens die Hinzufügungen der Juden in eigener Autorität verworfen. Hier nun zitiert Er in seiner Verschärfung des Gesetzes und Abweisung der menschlichen Hinzufügungen das Alte Testament. So auch in Bezug auf die Erde, die der Schemel seiner Füße ist. Damit trägt sie ebenfalls den Namen dessen, der auf ihr steht.
    c) Was die Stadt Jerusalem betrifft, so ist die Begründung Jesu zu Herzen gehend. Hier redet der große König selbst und spricht von seiner Stadt! Zugleich handelt es sich wieder um ein Zitat des Alten Testaments, hier eines der Söhne Korahs: „Groß ist der Herr und sehr zu loben in der Stadt unseres Gottes auf seinem heiligen Berg. Schön ragt empor, eine Freude der ganzen Erde, der Berg Zion, an der Nordseite, die Stadt des großen Königs“ (Ps 48,2.3). Wer ist der König? Es ist der Herr, Emmanuel, der zu den Menschen gekommen ist. Auch ein Schwur mit dem Namen Jerusalems war also ein falsches Verwenden des Namens des Herrn.
    d) Vielleicht war die vierte Variante, beim eigenen Haupt zu schwören, die extremste. Man schwor bei sich selbst, das heißt „mit“ Einsatz seines eigenen Lebens. Ob dieses dann wirklich jemand preisgab, wenn er einer Lüge überführt wurde? Wer aber ist der Schöpfer jedes Menschen? Wieder der Herr, denn selbst vermag der Mensch kein Haar weiß oder schwarz zu machen. Jedes gefärbte Haar bleibt doch so, wie es vorher war, und kehrt zu dieser Farbe zurück. Aber Gott vermag Haare zu verändern.
  5. Worin liegt nun die tiefere Belehrung des Herrn? Es wird klar, dass das Reden der Jünger immer die Wahrheit sein sollte. Ein Jünger, der sagen muss: „Ehrlich gesagt ...“, stellt eigentlich sein sonstiges Reden selbst in Frage. Der Meister aber weist uns an, immer Ja zu sagen, wenn wir Ja meinen, und immer Nein zu sagen, wenn wir Nein meinen. Alles andere ist aus dem Bösen! Das heißt, man spricht nicht die Wahrheit. „Aus dem Bösen“ – vielleicht ist dieser Ausdruck sogar ein Hinweis auf Satan. In der zweiten Versuchung des Herrn (Mt 4,5–7) hatte er den Psalmvers bewusst verkürzt wiedergegeben. Dort hatte er sich bereits in seinem Charakter als Lügner vollständig offenbart.
    Es ist im Übrigen interessant, dass genau diese Aussagen von Jakobus in seinem Brief (5,12) wiederholt werden. Jakobus zeigt uns die Situation von Jüngern im Königreich Gottes und führt manche Anordnungen des Herrn für uns weiter aus.
    Damit jedoch niemand auf die Idee kommt, dieses Wort des Herrn, die Wahrheit zu sprechen, sei „nur“ mit dem Königreich der Himmel verbunden, habe aber für uns als Glieder des einen Leibes der Versammlung (Gemeinde) keine tiefere Bedeutung, sei auf Epheser 4,25 hingewiesen: „Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander.“ Das gilt für uns Christen. Im Christentum ist ein Schwören also ebenfalls fehl am Platz.

Als Ausnahme gilt sicher, wenn wir vor Gericht, im Staatsdienst oder an anderer Stelle einen Eid zu leisten haben. Davon spricht der Herr hier nicht. Römer 13,1 ff. zeigt uns, wie wir uns der Regierung gegenüber zu verhalten haben. Wenn sie einen Eid von uns verlangt, sollen wir ihr gehorsam sein. Nur dann, wenn dieser Eid gegen Gott (zu einem Fluch zum Beispiel) gerichtet ist, müssen wir das ablehnen (vgl. Apg 5,29).

Der Herr ist auch hier unser Vorbild. Als Er vom Hohenpriester beschworen wurde, antwortete Er und durchbrach sein Schweigen, das Ihn zuvor in vollkommener Demut und Hingabe gekennzeichnet hatte. Das lag daran, dass Ihn dieser ausgesprochene Schwur per Gesetz dazu verpflichtete, sein Schweigen zu brechen (vgl. Mt 26,63).

Verse 38–42: Beispiel 5 – Auge um Auge

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch das Oberkleid. Und wer dich zwingen will, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei. Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will“ (Verse 38–42).

Die ersten vier Beispiele gehörten zusammen. Sie haben uns mehr die Seite praktischer Gerechtigkeit im Handeln eines Jüngers vorgestellt. Es ging darum, nicht der Gewalttat oder der Verdorbenheit nachzugehen.

Jetzt kommen wir bei den letzten beiden Beispielen zu der Seite der göttlichen Natur. Es geht um Gottes Wesenszüge Licht und Liebe (Gnade). Das haben wir schon im zweiten Teil der Glückseligpreisungen und beim Licht der Welt gesehen. Hier behandelt der Herr Jesus zunächst die Frage, wie ein Jünger mit jemand umgeht, der ihm wehgetan hat oder wehtun will.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über die Vergeltung

Wieder gehen wir anhand der fünf Punkte vor, beginnend bei dem Gebot Gottes.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf folgendes Gebot im Gesetz: „Wenn aber Schaden geschieht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme“ (2. Mo 21,23–25). Ähnliche Anordnungen findet man in 3. Mose 24,20 ff. und in 5. Mose 19,21.
    Gott hat sich also im Gesetz ausdrücklich zu den Folgen körperlicher Schädigung geäußert. Wenn jemand einer Person einen körperlichen Schaden zugefügt hatte, sollte er selbst eine gleichartige körperliche Strafe erleiden müssen.
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Das ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Aber der Zusammenhang der Verse 38 bis 42 scheint anzudeuten, dass die Juden dieses Gesetz Gottes anders auslegten, als Gott es vorgesehen hatte. Denn Gott hatte an keiner Stelle angeordnet, dass sich der Geschädigte oder seine direkte Verwandtschaft einfach selbst rächen durfte. Es bedurfte einer sachlichen Beurteilung der Schuldfrage zumindest durch ein örtliches Gericht (vgl. 3. Mo 19,15.35; 4. Mo 35,12; 5. Mo 1,17; 16,18; u. a.). Darüber hinaus hatte Gott nach 5. Mose 17,8 ff. angeordnet, dass an dem Ort, den Jahwe (der HERR), der Gott Israels, erwählen würde, Priester, Leviten und ein Richter sein würden, um die Dinge zu verhandeln, die Streitsachen inmitten des Volkes waren. Wenn also beispielsweise einem Sohn der Familie ein Zahn ausgeschlagen worden war, so durfte sich dieser oder einer seiner Anverwandten nicht unmittelbar rächen und zurückschlagen. Die Sache musste vor eine Art „ordentliches Gericht“ gebracht werden.
    Gott hatte dieses Gebot nicht für den Alltagsgebrauch der Bevölkerung gegeben. Es war eine Anweisung allgemeiner Rechtsprechung. Wenn jemand geschädigt worden war, sollte das Gericht dafür sorgen, dass der Schädiger dieselbe schädigende Handlung als Strafe bekam. Aber es war ein neutrales Gericht für diese Urteilssprechung notwendig. Anscheinend hatten die Schriftgelehrten und Traditionalisten jedoch dem Volk zugestanden, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, wie wir unseren Versen entnehmen können. Gott dagegen hatte gesagt: „Mein ist die Rache und die Vergeltung“ (vgl. 5. Mo 32,35), so dass das in 5. Mose 17,8 ff. angesprochene „Gericht“ unbedingt einbezogen werden musste.
    Zudem haben die Juden dieses Gebot auf jeden Lebensbereich ausgedehnt, bei dem jemand einen Nachteil erlangt hatte, mochte er auch noch so gering sein. Das aber war nicht der Gedanke Gottes beim Erlass des Gesetzes gewesen. Der einschlägige Sachverhalt dieser Regelung war ein wirklich gravierender körperlicher Schaden. Weil aber die Juden die Anwendung dieses Gesetzes offenbar deutlich ausgeweitet hatten, führte der Herr Jesus in seinen Erklärungen Beispiele aus einem Bereich an, bei dem der Benachteiligte keinen körperlichen Schaden erlitten hatte.
  3. Wie beim vierten Beispiel hat es auch hier den Anschein, als ob der Herr das Gesetz auflöste und ein anderes Gebot einführte. Dem ist jedoch nicht so. Denn wie schon in der Einleitung der Bergpredigt angeführt, geht es in diesen drei Kapiteln nicht um Anweisungen an die Politik und die Regierung. Es handelt sich um Anordnungen für das persönliche Glaubensleben eines Jüngers. Das Gebot, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, hatte im persönlichen Glaubensleben eines Jüngers eigentlich nichts zu suchen. Dieses Verhalten sollte einen Jünger im Königreich nicht kennzeichnen. Daher gab es für Christus an dieser Stelle kein Gebot zu bekräftigen, das ein Jünger in seinem Glaubensleben richtig hätte anwenden sollen.
    Die Juden hatten das eigentliche Gebot in völlig falscher Weise, nämlich eigennützig, angewendet. Der Herr dagegen zeigt, dass man dieses Recht nicht zu seinen Gunsten durchsetzen muss, wenn man in der Gesinnung Gottes handeln möchte. Das Gesetz bleibt bestehen und ist nach wie vor eine Anweisung an die Gerichtsbarkeit der Juden, Böses tun zu tadeln und Gutes tun zu loben – diese Verantwortung hebt der Herr überhaupt nicht auf. Aber der Einzelne ist nicht verpflichtet, eine Person, die ihm etwas getan hat, anzuzeigen. Man muss persönlich also nicht dafür sorgen, dass es zu einer solchen Gerichtssitzung kommt, wenn man dem Gegenüber Gnade erweisen möchte.
  4. In gewisser Hinsicht nimmt unser Herr jedoch die falsche Verwendung des göttlichen Gebotes zum Anlass, das Gesetz zu vertiefen: Der wahre Jünger Jesu sollte in seinem Handeln nicht nur gerecht sein, sondern auch gnädig. Der Grundsatz, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, war ein von Gott gegebenes Vergeltungsgebot, das durch die Richter verwirklicht werden sollte. Jetzt zeigt der Herr jedoch, dass es für einen Menschen, der seinen Zahn oder sein Auge aufgrund der Sünde eines anderen verloren hatte, keinen Anlass gab, das Gericht zu bemühen. Wenn er in einer Gesinnung des Glaubens, der Gnade und Liebe handelte, wäre er bereit, sogar eine doppelte Verachtung und doppelte Schläge zu erdulden.

    Mit anderen Worten: Der Herr verschiebt die Blickrichtung vom Täter zum Opfer. Unabhängig von einem Gerichtsurteil über den Täter wollte der Herr den Geschlagenen dazu bringen, Gottes Barmherzigkeit nachzuahmen. Gott hat sich den Menschen gegenüber immer wieder als ein barmherziger Gott erwiesen, der langsam zum Zorn ist und groß an Güte. Ein Geschädigter hatte das Recht, die Gerichte anzurufen. Die Pharisäer, von denen einige im obersten Tribunal saßen (vgl. Joh 3,1; 7,50.51), hatten es leicht, jemand gerichtlich zu verfolgen, der ihnen etwas angetan hatte. Und hier zeigt der Herr: Das war nicht der Gedanke Gottes mit dem Gebot „Auge um Auge“. Er wollte Gerechtigkeit, aber nicht auf Kosten von Barmherzigkeit. Diese sollte bei dem Geschädigten vorherrschen und der Gerechtigkeit wahre Kraft verleihen. „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Daher gibt Christus hier vier Anordnungen:
    a) „Widersteht nicht dem Bösen!“ Dieser Vers bedeutet nicht, dass man das Böse oder den Bösen in der Versammlung Gottes dulden soll. Es wurde ja mehrfach erwähnt, dass es in der Bergpredigt nicht um die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes geht. Der Herr stellt hier die Grundsätze seines Königreichs vor. Solange Christus der Verworfene ist, wird das Böse aus diesem Reich nicht verbannt, und es ist auch nicht möglich, das Böse aus diesem Reich zu beseitigen (vgl. Mt 13,28 ff.). Hier ist also das Ausharren der Gläubigen gefragt.
    Dieser Vers steht übrigens nicht im Widerspruch zu Jakobus 4,7: „Widersteht aber dem Teufel“. Er ist zwar der Böse schlechthin. Aber Jakobus bezieht sich auf ein moralisches Widerstehen. In Matthäus 5 dagegen geht es um den Verzicht eines (innerlichen) Aufbegehrens gegen solche Menschen, die uns Böses tun (wollen) und letztlich durch Satan, ihren Herrn, dazu inspiriert werden. Mit anderen Worten: Wir sollen nicht gegen den Bösen und das uns durch diesen entgegengebrachte Böse vorgehen. Vielmehr haben wir den Auftrag, Unrecht in Demut zu ertragen – so, wie es der Herr Jesus selbst vorgelebt hat. Dem Herrn traten oft böse Menschen, angestachelt durch Satan, entgegen oder legten Ihm zu Unrecht Dinge zur Last. Nie aber rief Er zu einer Revolte auf. Er duldete still. Das war das Gegenteil dessen, was die Pharisäer und Schriftgelehrten verbreiteten.
    b) „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Wie in den Versen 29 und 30 meint der Herr Jesus auch hier nicht, dass wir tatsächlich unsere linke Wange hinhalten sollen. Dasselbe gilt für die beiden anderen Beispiele. Wir müssen bedenken, dass es sich bei dem Schlag auf die rechte Wange um eine grobe Beleidigung handelte. Denn ein Rechtshänder schlägt normalerweise auf die linke Wange. Offenbar ist hier also um ein Schlagen mit dem Handrücken gemeint, der Ausdruck einer bewussten Beleidigung. Die soll ein Jünger klaglos erdulden, ohne zurückzuschlagen oder aufzubegehren (vgl. 1. Pet 2,20; in Bezug auf den Herrn: Jes 50,6). Das Hinhalten der anderen Wange zeigt: Der andere wollte zwar beleidigen. Aber durch mein Leben in Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater lasse ich mich nicht beleidigen, sondern erdulde im Namen Jesu, um seiner Gerechtigkeit willen. – Ob wir so die Beleidigungen von Menschen, ja sogar von Christen erdulden?
    c) „Dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch das Oberkleid.“ Hier wird dem Jünger klar gemacht, dass die Vorschrift nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich, nämlich vor Gericht, ihre Gültigkeit behält. Sie gilt für jede soziale Schicht. Eigentlich war es den Juden untersagt, das Oberkleid eines armen Schuldners über Nacht als Pfand zu behalten (vgl. 2. Mo 22,25.26; 5. Mo 24,12.13). Jesus Christus nun sagt seinem Jünger, dass dieser trotz Mangels auch bereit sein soll, das Oberkleid herzugeben, selbst wenn er nichts weiter besäße.13 Wohlgemerkt: Der Herr löst nicht das Gesetz auf und sagt dem Pfänder: Du kannst ruhig alles nehmen. Christus wendet sich an den, dessen Eigentum gepfändet wird – und dieser soll bereit sein, auch mehr zu erdulden.
    Vielleicht spielt in diesen Vers mit hinein, dass der, dessen Eigentum gepfändet wird, ein Unrecht begangen hat. Warum sollte der andere sonst vor Gericht gehen? Dann sagt der Herr Jesus, dass sein Jünger bereit sein soll, sogar mehr als das Gesetz vom Sinai zu erfüllen, indem er auch das Oberkleid abgibt.
    d) Das dritte Beispiel heißt dann: „Und wer dich zwingen will, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei.“ Auch damit wischt der Herr Überlegungen und Anordnungen der Juden vom Tisch. Manchmal verpflichteten hochgestellte Menschen andere, einen bestimmten Dienst zu verrichten. Simon von Kyrene beispielsweise musste das Kreuz Jesu eine Strecke tragen. War das sein Wunsch? Sicher nicht. Aber wenn einem Jünger ein solcher Dienst, eine solche Verpflichtung aufgelastet wird, soll er dazu ohne Murren bereit sein. Er soll willig sein, eher zwei Meilen zu gehen, als die erste zu verweigern. Das stand ganz im Gegensatz zur Lehre der Pharisäer und ist nichts anderes als ein Handeln in Gnade!
    Wir dürfen dabei nicht übersehen, dass der Herr zwar drei Beispiele nennt, seine Belehrung aber nicht auf diese drei Punkte beschränkt. Es geht Ihm um eine Gesinnung, um den Geist des Handelns in einem Jünger. Da mag es 100 andere Fälle geben. Der Jünger pocht nicht auf sein Recht, sondern handelt in Gnade.
  5. Worin liegt nun die tiefere Belehrung des Herrn? Sie lässt sich aus dem letzten Vers entnehmen: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.“ Der Herr legt also gar nicht den Finger auf eine Situation, in der dem Jünger Unrecht getan wurde (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Vielmehr ist die Belehrung, dem Bittenden zu geben und sich jemandem, der ein Bedürfnis hat, nicht zu verschließen. Also nicht nur, wenn man im Unrecht ist (vor Gericht verklagt), nicht nur, wenn jemand erheblichen Druck auf uns ausübt (zwingen), sondern auch bei einer schlichten Bitte sollen wir mit einem Herzen voller Gnade und Selbstverleugnung antworten.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass bei den beiden letzten Beispielen wieder mehr im Vordergrund steht, die Natur Gottes zu offenbaren. Das zeigt sich, wenn man diesen Vers mit Kapitel 7,7.8 vergleicht: „Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihre werdet finden ... Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet.“ Hier ist Gott der Handelnde, der in seiner Güte gibt. Das soll auch die Haltung des Jüngers sein. Gott hat das Höchste, das Er hatte, für uns Sünder gegeben: seinen Sohn. Sollten wir da nicht bereit sein, das Wenige, das uns ohnehin nicht gehört, sondern uns von Gott anvertraut ist, dem Bittenden und Borgenden zu geben?

Verse 43–48: Beispiel 6 – den Nächsten lieben

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Verse 43–48).

Damit kommen wir zum siebten Teil der großen Belehrung über die Gültigkeit des Alten Testaments für die Jünger des Herrn. Darin geht es um die konkrete Ausübung von Liebe.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über die Liebe zum Nächsten

Auch bei diesem sechsten Beispiel, das Christus anführt, halten wir uns an die bekannten fünf Punkte.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf folgendes Gebot im Gesetz: „Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen, sondern sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR“ (3. Mo 19,18). Dieses Gebot passt sehr gut zu dem vorangehenden, keine Vergeltung zu suchen. Denn diese friedfertige Haltung ist der Ausgangspunkt der Belehrung Gottes in 3. Mose 19. Wer sich nicht rächen will, wenn er von seinem Nächsten geschlagen wird, braucht für diese Haltung ein Motiv, denn das Rächen entspricht eher der Natur des Menschen. Es gibt aber ein Motiv, das uns diese Kraft schenkt, und das ist die Liebe. Bei diesem Gebot handelt es sich im Übrigen um das im Neuen Testament am meisten zitierte alttestamentliche Wort (vgl. u. a. Mt 19,19; 22,39; Mk 12,31; Lk 10,27; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8).
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Die Juden hatten eine logische Schlussfolgerung gezogen: „Wenn ich meinen Nächsten lieben soll – das wird mir ja ausdrücklich aufgetragen –, heißt das keineswegs, dass ich auch meinen Feind lieben soll. Davon hatte Gott ja nicht gesprochen. Also meint Gott sicher, dass ich meinen Feind hassen soll. Denn schließlich hatte Er das Volk ja aufgefordert, die Feinde aus dem Land Kanaan auszurotten“ (4. Mo 33,51.52; 5. Mo 7,2). So oder ähnlich dachten tatsächlich viele – und die Schriftgelehrten hatten es zu einem Gebot ausformuliert. Aber einen solchen Gedanken suchen wir im Alten Testament vergeblich.
  3. In welcher Weise bestätigt Christus das Gesetz bzw. weitet es sogar aus? Zunächst einmal zeigt Er, wer der Nächste eines Jüngers ist. Die Juden hatten das auf ihre Brüder, ihr Volk, beschränkt. Der Herr zeigt seinen Jüngern, dass jeder Mensch zum Nächsten werden kann, sogar ein persönlicher Feind. Wenn er mir begegnet, dann soll ich ihn behandeln wie meinen Nächsten. Dabei gilt es zu bedenken, dass unter „Feind“ nicht gemeint ist, dass ich selbst dieser Person feindlich gegenüberstehe. Sie verhält sich mir gegenüber feindselig.
    Der Herr Jesus zeigt im sogenannten „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“, dass die Gesetzgelehrten über die Frage, wer der Nächste ist, sehr eigene Gedanken hatten. Diese stimmten nicht mit denen Gottes überein. In Lukas 10,29 fragt der Gesetzgelehrte: „Wer ist mein Nächster?“ Das offenbart, dass die Juden den Kreis ihrer „Nächsten“ möglichst klein halten wollten.
    Aber natürlich ist das Gebot: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“, auch eine Erweiterung des Gesetzes. Doch man fragt sich, wie der Herr fordern kann, dass man nicht nur seinen Nächsten, sondern sogar seinen Feind liebt. Auch hier wird noch einmal deutlich, dass es Ihm nicht um eine politische Verfassung geht. Staatsfeinde und Gesetzesübertreter müssen verurteilt und gerichtet werden. Das geht aus Stellen wie Römer 13,4 (die Obrigkeit „trägt das Schwert nicht umsonst“) eindeutig hervor. Aber wenn jemand mich persönlich anfeindet, soll ich ihm Liebe erweisen. Das zu tun ist dem natürlichen Menschen unmöglich. Er ist nicht in der Lage, seinen Feind zu lieben. Auch hier wird deutlich, dass sich der Herr Jesus an wahre Jünger wendet. Sie haben ein neues Leben, das sogar imstande ist, die Feinde zu lieben.
  4. Der Herr nimmt also die Hinzufügung der Juden, man solle den Feind hassen, als ungöttlich weg, denn was hatte Gott getan? Sein Volk hatte sich Ihm gegenüber vielfach als feindlich erwiesen, beginnend in der Wüstenreise und dann immer mehr im Verlauf seiner Geschichte. Dennoch hat Gott sich der Israeliten immer wieder erbarmt und sie sogar aus der Gefangenschaft Babels zurückgeführt. Die Jünger Jesu sollen sich das zum Vorbild nehmen.
    Für uns gibt es noch viel mehr. Wir lesen in den Briefen: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist ... Denn wenn wir, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes ...“ (Röm 5,8.10). Gott hat uns, die wir seine Feinde waren, nicht gehasst, sonst würde es für keinen Menschen Rettung vor dem Zorn Gottes geben.
    Die Unsinnigkeit dieser jüdischen Überlieferungen macht Christus dann in den Versen 46 und 47 klar. Jemand zu lieben, der mir nahe steht und mir Gutes erweist, ist unter Menschen nichts Besonderes. Selbst die von den Juden am meisten gehassten Menschen – die Zöllner – handelten nach dieser Devise. Selbst die verachteten Heiden grüßten ihre „Brüder“. Damit legt der Herr Jesus bloß, dass die Pharisäer ihre Überlieferungen allein auf menschlichen Verhaltensregeln aufbauten, die im Licht Gottes keiner Prüfung standhielten. Ein Jünger des Herrn dagegen soll sein Leben vor Gott führen. Er soll nicht nach Sympathie oder Antipathie entscheiden, sondern die Natur Gottes offenbaren.
  5. Damit sind wir beim letzten Punkt, dem eigentlichen Ziel des Gebotes, wie es der Herr Jesus formuliert. Er sagt: „Damit ihr Söhne eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist.“ Das bedeutet hier, Gottes Nachahmer zu sein. Schon in Verbindung mit Vers 9 haben wir gesehen, dass der Herr hier nicht von der Stellung des Christen spricht. Er ermahnt, die Natur Gottes bzw. des himmlischen Vaters auf der Erde in praktischer Weise zu offenbaren. In diesem letzten Beispiel wird das sehr deutlich: Gott hat uns, seine Feinde, geliebt. Wer sich als Sohn des Vaters erweisen möchte, liebt daher ebenfalls seine Feinde und erweist ihnen Gutes. Der Herr Jesus hat die Liebe Gottes jedem Menschen, auch seinen Feinden gegenüber, offenbart. Denken wir nur an sein Gebet für die, die Ihn an das Kreuz gebracht haben (vgl. Lk 23,34). Jetzt sollen wir diese Liebe offenbaren. Das ist mehr als Mitleid. Es geht darum, den Feinden Gutes zu tun, ihnen zu helfen, sie zu segnen, ihren wahren Bedürfnisse zu entsprechen. Dass sich dies auch für uns Christen geziemt, macht Paulus in Römer 12,14.17.20.21 klar.
    Wir können sicher sein, dass wir vom Herrn geprüft werden, ob wir wirklich bereit sind, unsere Feinde zu segnen! Es wird Gelegenheiten geben. Wir sollten bedenken, dass Gott bis heute über Böse und Gute seine Sonne aufgehen lässt. Selbst den Ungerechten gibt Er den Regen für eine gute Ernte. Was haben wir für einen Gott! Sogar über seine Feinde schüttet Er irdischen Segen aus, wie z. B. Gesundheit, die Fähigkeit, arbeiten zu können, oder das Glück, eine Familie zu besitzen. Wenn Gott sich so jedem Menschen gegenüber verhält, um ihn zu gewinnen, dann sollten auch wir, die wir selbst Empfänger dieser Güte Gottes waren und sind, entsprechend handeln! Denn Gottes Vollkommenheit in seinem Handeln ist vorbildhaft für uns.
    Die Belehrung ist nicht, dass wir fragen, was recht, gerecht und richtig ist. Der Herr sagt uns hier, dass wir mehr tun dürfen. Das freigebige Schenken ist gefragt von solchen, die selbst alles nur geschenkt bekommen haben.

    Wenn wir das tun, sind wir vollkommen (Mt 5,48), wie unser himmlischer Vater vollkommen ist. Dieses Wort des Herrn adelt unser Handeln. Gemeint ist damit jedoch nicht
    - Eine stellungsmäßige Vollkommenheit (die jeder erlöste Christ tatsächlich in Christus geschenkt bekommen hat, die Vollkommenheit des Gewissens; Heb 9,9; vollkommene Ergebnisse seines Werkes, die dem Erlösten schon heute zugerechnet werden und ihn in eine vollkommene Stellung versetzen; Heb 10,14).
    - Vollkommenheit in der Reife (erwachsen sein; Phil 3,15; Kol 1,28).
    - Der Herr spricht auch nicht von einer absoluten Vollkommenheit bei jeder Handlung, denn diese Vollkommenheit werden wir erst im Himmel erreichen (Phil 3,12).
    - Nein, gemeint ist Gottes Vollkommenheit, die sich in Christus auf eine neue Weise, nämlich in seinem Handeln in Gnade und Liebe offenbart hat. Er hat sich zu seinen Feinden geneigt, indem Er seinen eigenen Sohn gesandt hat. Als „Söhne des Vaters“ sollen wir nun nach demselben Grundsatz der Gnade und Liebe handeln. Das bezieht sich auf unsere tägliche Lebenspraxis. Wenn wir jemand, der uns beleidigt, freundlich begegnen, wenn wir solche, die uns benachteiligt haben, nicht vor Gericht anklagen oder wenn wir für unseren Arbeitskollegen, der bei jedem Gespräch nur Streit sucht, beten, dann handeln wir „vollkommen“ – wie unser himmlischer Vater. Wir handeln nach einem „vollkommenen“ Grundsatz, nämlich dem der Gnade. Gott, der Vater, ist vollkommen in all seinem Wirken. Wir sollen so sein. Er ist und bleibt das Vorbild. Eine gute Illustration für „nicht vollkommenes“ Verhalten finden wir in dem Gleichnis in Matthäus 18,23–35.

Es ist auffallend, dass in diesen Abschnitten zwar vom Gesetz die Rede ist, Gott aber nicht als der Gesetzgeber vorgestellt wird. Er ist hier der Vater, der in den Himmeln ist. Gott wird in einem ganz neuen Licht gesehen. Die Offenbarung Gottes nimmt zu. Aus Johannes 1,18 wissen wir, dass der Sohn die volle Offenbarung Gottes ist. Hier lernen wir, dass im Dienst des Herrn Jesus eine neue Offenbarung Gottes anbrach. Sie setzte damit einen neuen Maßstab für praktische Vollkommenheit. Wer entsprechend dieser Offenbarung sein Leben führt, gehört wahrhaft zu den „Söhnen Gottes“.

Mit diesem Gedanken endet dieser wichtige Abschnitt über die Bedeutung des Alten Testaments für Jünger Jesu. Letztlich sind nur diejenigen wirklich glückselig und glücklich, welche die richtige Stellung in dieser Welt einnehmen (Salz, Licht). Sie werden das Wort Gottes in seinem ganzen Umfang auf ihr Leben anwenden. Wer das tut, dessen Leben wird erfüllt und aktiv sein. Er hat die richtige Lebensausrichtung und bewahrt zudem die gottgemäße innere Haltung, wie wir in Kapitel 6 sehen werden.

Das Leben der Jünger im Königreich (Matthäus 6)

Im fünften Kapitel ging es um die ersten drei Teile der Bergpredigt. Der Herr Jesus nannte die Kennzeichen der Jünger. Der Charakter der Jünger (Teil 1; 5,1–12) passt zu der Stellung und zu Aufgaben, die sie im Königreich der Himmel haben (Teil 2; 5,13–16). Danach wurde die Frage nach der Beziehung der Jünger zum Alten Testament beantwortet: Sie sollen ihre (neue) Stellung und die damit verbundenen Aufgaben in Übereinstimmung mit Gottes Wort wahrnehmen (Teil 3; 5,21–48).

Gliederung von Kapitel 6

In Kapitel 6 kommen wir jetzt zu den nächsten drei Teilen der Bergpredigt. Hier lernen wir etwas über das Leben der Jünger inmitten dieses Königreichs. Sie sind nicht passiv, sondern spiegeln etwas davon wider, wie Gott mit uns Menschen handelt. Konkret geht es um

  1. die praktische Gerechtigkeit (V. 1–18),
  2. die Lebensausrichtung (V. 19–24) und
  3. das Vertrauen eines Jüngers zum himmlischen Vater (V. 25–34).

Praktisch gerecht kann man nur dann leben, wenn man die richtige Lebensausrichtung hat. Zugleich ist dafür wahres Vertrauen zu dem himmlischen Vater nötig. Sonst kann man in seinem Leben nicht als Nachfolger des Meisters bestehen.

Die ersten beiden Abschnitte umfassen jeweils drei Unterpunkte, der dritte Teil bildet eine größere Einheit. Dadurch entsteht folgende Struktur:

1. a) Wohltätigkeit

b) Gebet

c) Fasten

2. a) Schätze im Himmel

b) Das Auge – die Lampe des Leibes

c) Zwei Herren

3. Das Vertrauen zum himmlischen Vater

4. Die Aktivität der Jünger im Königreich: praktische Gerechtigkeit (V. 1–18)

„Habt aber Acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um euch vor ihnen sehen zu lassen, sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist“ (Vers 1).

In den ersten 18 Versen dieses Kapitels wird uns die gottgemäße Aktivität von Jüngern gezeigt. Sie sollen praktisch gerecht leben. Von Gerechtigkeit war auch schon in Kapitel 5 die Rede. Auch dort ging es um praktische Gerechtigkeit, aber mehr als ein objektiver, absoluter Maßstab für das Handeln der Jünger. Wichtig für den Jünger ist jedoch nicht allein, was er tut, sondern auch, warum und wie er es tut. Somit sind seine Beweggründe und die Art und Weise seines Handelns entscheidend. Darüber erhalten wir Belehrungen in Kapitel 6.

Unsere Beweggründe sind für die Beurteilung unserer Aktivität durch unseren himmlischen Vater von größter Bedeutung. Kapitel 5 zeigte uns mehr den äußeren Rahmen, in dem sich ein Jünger bewegen soll. Kapitel 6 betont die Blickrichtung des Jüngers: Nur dann, wenn wir etwas mit einem Motiv tun, das unserem Vater im Himmel gefallen kann, ist es gut. Diese Einschränkung ist nicht negativ und bedeutet keine gesetzliche Enge. Sie kommt einfach daher, dass ein treuer Jünger ohnehin nur das tun möchte, was seinem Meister und was dem himmlischen Vater gefällt. Und das will er mit den richtigen Motiven verwirklichen. Insofern geht Kapitel 6 weiter als Kapitel 5 – es enthält einen noch erhabeneren Grundsatz. Hier haben es Jünger direkt mit dem Vater zu tun, der im Verbogenen sieht und unsere Herzen beurteilt.

Unser Vater ist ein Gott der Gerechtigkeit. Er übt Gerechtigkeit, Er sieht Gerechtigkeit, Er belohnt Gerechtigkeit. Alles in diesem Kapitel ist von dieser Gerechtigkeit geprägt. Es ist besonders die von Gott bewirkte Gerechtigkeit im Inneren des Jüngers, die hier betont wird. Diese Gerechtigkeit äußert sich allerdings in konkreten Taten.

Die Jünger werden in diesem Vers daher aufgefordert, ihre praktische Gerechtigkeit nicht auszuüben, um Menschen zu beeindrucken. Entscheidend ist nicht, was die Menschen sagen, sondern wie Gott unser Handeln beurteilt. Den Menschen können wir etwas vormachen, unserem himmlischen Vater aber nicht. Daher sollten wir uns an Ihm und seinem Wort orientieren.

Zwar fällt es uns leichter, auf Menschen und ihre Reaktion zu sehen, weil wir dabei unmittelbar eine Antwort auf unser Tun bekommen. Die wesentliche Beurteilungsinstanz ist jedoch unser himmlischer Vater. Er und Er allein spricht das Urteil über unser Handeln. Es spricht von Kurzsichtigkeit, auf das Lob von Menschen zu achten, denn diese können unsere Motive oft überhaupt nicht erkennen. Sie reagieren auf unsere äußere Erscheinungsweise und die Taten, die sie sehen. In unser Herz können sie nicht schauen.

Bei allem, was wir tun, muss unsere eigene Person in den Hintergrund treten. Weil uns das naturgemäß schwerfällt und wir zu wenig an unseren Vater im Himmel denken, sind die Ermahnungen in diesem Kapitel immer wieder nötig. Lassen wir uns warnen, die Ehre und das Ansehen bei Menschen (Gläubigen) mehr zu lieben als die Ehre bei Gott (vgl. Joh 12,43). Wirklichen Lohn empfangen wir nur, wenn unser Tun ganz für Gott war. Und Er beurteilt nicht in erster Linie das äußerliche Verhalten, sondern vor allem, ob wir uns durch den Beweggrund des Gehorsams und der Liebe zu Ihm leiten lassen.

Vers 1: Praktische Gerechtigkeit

Wenn wir von praktischer Gerechtigkeit sprechen, dann sei noch einmal gesagt, dass sie sich unterscheidet von der grundsätzlichen Gerechtigkeit, die wir vor Gott besitzen. Diese betrifft unsere christliche Stellung. Wir sind Gerechte geworden durch das vollbrachte Werk des Herrn Jesus am Kreuz von Golgatha: „Durch den Gehorsam des Einen werden die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ (Röm 5,19). Nach Römer 3,26 handelt Gott gerecht, wenn Er „den rechtfertigt, der des Glaubens an Jesus ist.“ Aber das ist nicht das Thema von Matthäus 6. Hier geht es darum, dass Jünger praktisch gerecht leben, also in Übereinstimmung mit den göttlichen Gedanken, wie sie ihnen offenbart worden sind. Das praktische Leben soll damit in Übereinstimmung sein.

Der Herr nimmt in diesem Abschnitt Bezug auf das, was Er auch in Kapitel 5,20 gesagt hat: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen.“ Auch dort ging es nicht um eine stellungsmäßige Gerechtigkeit. Diese besitzt man nicht mehr oder weniger, sondern man hat sie – oder man hat sie eben nicht. Wenn es jedoch um unser praktisches Handeln geht, gibt es Abstufungen.

Wer in erster Linie deshalb aktiv wird, weil er Menschen beeindrucken will, der verwirklicht diese praktische Gerechtigkeit nicht. So jemand sollte wissen, dass ihm die Bewunderung vonseiten der Menschen als Lohn angerechnet wird. Von Gott kann er keine weitere Belohnung erwarten. Der Jünger ist entweder auf den echten Lohn im Himmel bedacht oder er sucht Anerkennung bei den Menschen. Wenn Letzteres der Fall ist, wird er himmlischen Lohn nicht mehr erhalten.

Der himmlische Vater

An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Ausdruck „der Vater, der in den Himmeln ist“ eine gewisse Distanz vermittelt, die einem Gläubigen der christlichen Epoche etwas fremd erscheint. Zwar hat sich die Tatsache als solche nicht geändert – unser Vater ist in den Himmeln. Doch wird Er in den Briefen des Neuen Testaments, die unsere christliche Stellung beschreiben, nie so genannt. Unsere Beziehung zum Vater ist die unseres Herrn Jesus Christus. Sein Gott ist unser Gott, sein Vater ist unser Vater (vgl. Joh 20,17). Eine solche Nähe war den Jüngern damals noch unbekannt. Uns dagegen wird gesagt, dass unsere Herkunft, Stellung und Zukunft himmlischer Natur bei dem Vater sind. Der Apostel Paulus lehrt uns, dass Gott „uns hat mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,6). Unser Gott und Vater ist der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist im Himmel – wir auch, in Christus Jesus. Denn als Erlöste haben wir ein himmlisches Wesen und Leben geschenkt bekommen. Das war für die Jünger zu der Zeit Jesu anders.

Es fällt auf, dass der „Vater“ in diesen ersten 18 Versen, in denen die Tätigkeiten der Jünger im Königreich beschrieben werden, zehnmal erwähnt wird (im ganzen Kapitel zwölfmal). Zehn ist die Zahl der menschlichen Verantwortung, wie man zum Beispiel daran erkennen kann, dass Gott seinem irdischen Volk Israel Zehn Gebote gegeben hat. Das unterstreicht noch einmal, dass wir alles, was wir tun, in Verantwortung vor unserem himmlischen Vater tun sollen. Er ist der Maßstab, das Motiv und der Belohner unseres Handelns. Ihn sollen wir in allem, was wir tun, vor Augen haben, um Ihn zu verherrlichen. Zugleich drückt der Name „Vater“ eine ganz persönliche Beziehung des Jüngers zu Gott aus, eine Beziehung wie zu einem Vater. Das ist ein wichtiger Grundsatz dieser Bergpredigt.

In den Versen 2 bis 18 wird uns nun die praktische Gerechtigkeit in dreierlei Hinsicht vorgestellt:

  1. gegenüber unseren Mitmenschen: Wohltätigkeit üben (Almosen geben).
  2. gegenüber Gott: Gebet
  3. gegenüber uns selbst: Fasten

In allen drei Fällen finden wir einen ähnlichen Aufbau der Belehrungen des Herrn:

  1. Zuerst zeigt der Herr jeweils, wie sich wahre Jünger nicht verhalten sollen. Sie sollen in den verschiedenen Aktivitäten nicht so handeln wie die Pharisäer, die für und vor Menschen schauspielern.
  2. Dann belehrt der Herr, wie man sich stattdessen verhalten soll. In allen drei Fällen heißt es hier: „Du aber“, was verdeutlich, dass es sich um Anweisungen an jeden Jünger persönlich handelt.
  3. Abschließend spricht der Herr von dem Lohn des Vaters: „Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“.

Es fällt auf, dass der Herr bei seinen Belehrungen über das Gebet – also im mittleren Teil – einen Anhang an diese Belehrungen anschließt. In den Versen 7–15 gibt Er positive Anweisungen über das Gebet. Das zeigt, dass Gott dem Gebet einen besonderen Wert beimisst.

Man hat zudem den Eindruck, dass der Herr beim Gebet nicht nur an das persönliche Gebet denkt, sondern darüber hinaus seine Belehrungen auch auf gemeinschaftliche Aktivitäten ausweitet. Während Er in den beiden anderen Aspekten der praktischen Gerechtigkeit (Wohltätigkeit und Fasten) nach einer grundsätzlichen Einleitung (6,1: „ihr“; 6,16: „ihr“ Jünger) persönlich wird und bleibt (6,2 – 4: „du“; 6,17.18: „du“), kehrt Er bei dem Gebet ab Vers 7 wieder zu dem „ihr“ zurück. Bis Vers 15 bleibt Er bei diesen Belehrungen an seine gesamte Jüngerschaft.

Verse 2–4: Praktische Gerechtigkeit gegenüber anderen Menschen: Wohltätigkeit

„Wenn du nun Wohltätigkeit übst, sollst du nicht vor dir herposaunen lassen, wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du Wohltätigkeit übst, so lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit deine Wohltätigkeit im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 2–4).

Die erste Art praktischer Gerechtigkeit, über die der Herr hier spricht, ist also das Ausüben von Wohltätigkeit bzw. das Geben von Almosen. Bemerkenswert ist hier die Verbindung von Gerechtigkeit (Vers 1) und Barmherzigkeit (V. 2–4). Es handelt sich nicht um Gegensätze, sondern beides gehört bei Gott zusammen. Rabbiner wie der bekannte Hillel haben schon in der Zeit vor Christus ein vom Gerechtigkeits-Begriff (zädäq) abgeleitetes Wort (zedaqa) für Almosen und Wohltätigkeit verwendet. Auch in dem alttestamentlich apokryphen Buch Jesus Sirach (7,10; vielleicht aus dem 2. Jahrhundert vor Christus) gibt es eine entsprechende Verwendung dieses Begriffs. Offenbar hat der Herr Jesus diesen Begriff hier übernommen. Wahrscheinlich versteht der orthodoxe Jude unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ grundsätzlich eine Handlung und hier oft das Geben von Almosen. Schon zum zweiten Mal betont der Meister in diesen Versen, dass die Jünger Gerechtigkeit bzw. Wohltätigkeit nicht vor den Augen der Menschen ausüben sollen (Verse 1 und 2).

In unserer heutigen Gesellschaft wird viel von sozialen, karitativen und kirchlichen Spenden gesprochen. Ein wichtiger Grundsatz, der sich dazu in der Öffentlichkeit festgesetzt hat, lautet: „Tu Gutes und rede darüber!“ Der Herr Jesus lehrt uns hier das Gegenteil. Wir sollen eben nicht vor uns her posaunen, wenn wir einem anderen Menschen, der es nötig hat, Geld oder Lebensmittel oder sonstige Unterstützung schenken.

Heuchler

Es gab Menschen, die, noch bevor sie die Hand zum Spenden öffneten, dies laut verkündigten. Christus nennt sie „Heuchler“. Warum sind solche Menschen Heuchler? Die Antwort liegt darin, was Wohltätigkeit üben eigentlich bedeutet: Man hilft einem oder mehreren Menschen, damit es ihnen besser geht. Man hat ihre Bedürfnisse auf dem Herzen, nicht die eigenen. Wohltätigkeit üben ist daher das Gegenteil von Egoismus.

Wenn ich jedoch meine Taten vor mir her posaune, dann tue ich nichts anderes, als mich selbst in den Augen der Menschen groß zu machen. Ich bringe diejenigen, die ich unterstütze, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu mir, jedenfalls dann, wenn die Empfänger der Spende und der Spender voneinander wissen.15 Jeder weiß jetzt, dass ich sie unterstützt habe. Damit fühlen sie innerlich eine Verpflichtung mir gegenüber. Das aber will der Herr vermeiden! Wohltätig sein heißt, sich um das Wohl eines anderen zu kümmern. Vor sich her posaunen heißt dagegen, sich Ansehen zu verschaffen. Heuchelei bedeutet also in diesem Fall Eigenliebe unter dem Deckmantel der Nächstenliebe.

Dazu ein Beispiel aus unserer heutigen Zeit: Vor einiger Zeit wurde eine Aktion reicher Menschen gestartet, die Hälfte ihres Vermögens für gute Zwecke zu spenden. In dieser Verbindung wurden die Namen der Wohltäter in der Presse herumgereicht. Das ist letztlich nicht ohne Eigenliebe gewesen. Es ist ein Kennzeichen des menschlichen Herzens, dass es die schönsten und besten Dinge, die Gott gibt, dazu verwendet, sich selbst zu ehren. Die größte Gabe Gottes – hier: die Möglichkeit, Gutes zu tun –, die wir mit Dankbarkeit annehmen sollten, kann dazu missbraucht werden, das egoistische Herz zu befriedigen.

Es fällt auf, dass die Heuchler in den ersten 18 Versen mehrfach erwähnt werden, ohne dass der Herr Jesus eine bestimmte Personengruppe nennt. Allerdings fielen die Pharisäer und Schriftgelehrte besonders oft durch die schlechte Eigenschaft der Heuchelei auf. Siebenmal wird in den Evangelien der Ausdruck „Heuchler“ direkt mit diesen beiden Gruppen verbunden (Mt 23,13.15.23.25.27.29; Mk 7,6). Es gibt keinen Zweifel, dass sich der Herr Jesus auch dieses Mal auf sie bezieht. Doch bleibt der Herr sehr allgemein, damit niemand, der mit diesen falschen Beweggründen handelt, sich selbst ausschließen kann. Tatsächlich betrifft es alle Menschen; wir alle stehen in Gefahr, uns heuchlerisch zu benehmen.

Religion ohne Herz

Wir erkennen aus diesen Versen (und auch aus dem gesamten Abschnitt bis Vers 18), dass der Glaube an Gott für viele Juden zu einer rein äußerlichen Angelegenheit geworden war. Sie erfüllten äußerlich bestimmte Normen, ihr Herz jedoch war weit von Gott entfernt. Vielleicht geschah diese äußerliche Erfüllung aufgrund der vielen von den Juden zusätzlich zum Gesetz aufgestellten Vorschriften. Auf deren Beachtung wurde sehr viel Wert gelegt, und diese drückten sich größtenteils nur in äußeren Verhaltensweisen aus. Auf jeden Fall sucht unser himmlischer Vater nie das Äußere (allein), sondern immer zuerst das Herz!

Offenbar gab es damals viele, die so dreist waren, sogar die Synagogen für diese egoistische Handlung zu missbrauchen. Sie ließen ihren Namen in den Synagogen ausrufen und kündigten an, dass sie an diesem und jenem Tag an bestimmten Orten stehen würden. Alle, die bedürftig wären, sollten dann zu ihnen kommen. Jeder in der Synagoge wusste: Hier ist ein mildtätiger Mensch, der anderen großmütig Geld und sonstige Güter schenkt. Der Empfangende war dem Geber damit zeit seines Lebens zu Dank verpflichtet.

Andere stellten sich vermutlich in Verbindung mit einer Veranstaltung in den Synagogen auf die Gassen – wahrscheinlich die kleinen Straßen, in denen die Armen wohnten. Hier konnten sie ihre scheinbar edle Haltung zur Schau stellen und von den Menschen geehrt werden. Das war eine große Show-Veranstaltung und zeigte nichts anderes als ihre Selbstgerechtigkeit. Wie schon gesagt macht der Herr hier deutlich, dass sie damit ihre „Belohnung“ bereits erhalten hatten. Wer den Lohn bei Menschen sucht, braucht ihn nicht mehr bei dem himmlischen Vater zu suchen. Jemand hat einmal die Frage gestellt, wie viele Almosen und Wohltätigkeit es wohl heute gäbe, wenn alles derart im Verborgenen geschähe, dass niemand etwas davon erführe.

Verse 3.4: Verschwiegenheit – Demut

In den Versen 3 und 4 lernen wir vier wichtige Lektionen. Sie betreffen das Ausüben von Wohltätigkeit und auch allgemein die Hingabe an unseren himmlischen Vater:

  1. Es besteht kein Anlass, sich auf Gutes tun etwas einzubilden. Der Herr macht deutlich, dass man sozusagen selbst nichts vom eigenen Tun für den Herrn wissen sollte. Das ist natürlich menschlich unmöglich. Wenn ich etwas für einen anderen Menschen gegeben habe, weiß ich es. Aber der Herr macht uns deutlich: Nicht einmal meine Linke soll wissen, was die Rechte tut.
    Hier steht nicht: Mein linker Nachbar soll nicht wissen, was meine Rechte tut. Damit würde der Herr nur wiederholen, was Er schon gesagt hat, nämlich dass man nicht vor sich her posaunen lassen soll. Nein, Er sagt, dass nicht einmal meine linke Hand wissen soll, was die rechte gegeben hat. Er will damit sagen, dass wir nicht nur nicht darüber reden sollen, sondern auch nicht weiter daran denken sollen. Wie leicht kreisen unsere Gedanken ständig um das, was wir so alles an Gutem getan haben. Wie leicht sind wir geneigt, uns selbst etwas darauf einzubilden. Und vielleicht hätten wir auch gar nichts dagegen, wenn es andere erfahren würden. Wir vergessen dann, dass alles das, was wir geben, ohnehin nicht uns selbst gehört, sondern unserem Schöpfer. Wenn Er uns etwas anvertraut hat, dann war es seine Weisheit, die dies getan hat. Aber es ist uns nur anvertraut und könnte uns morgen wieder genommen werden.
    Also gibt es keinen Anlass zu meinen: „Ich habe aber eine gute Tat vollbracht!“ Wie sagt der Herr einmal seinen Dienern: „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). In dieser Haltung sollen wir Almosen geben: Wir haben das getan, was wir unserem Herrn ohnehin schulden. Darauf, eine Schuld beglichen zu haben, braucht man sich wirklich nichts einzubilden. Paulus motiviert uns zudem: „Einen fröhlichen Geber liebt Gott“ (2. Kor 9,7). Ein solcher sucht keine Ehre für das, was er getan hat.
  2. Wir sollen alles daran setzen, dass auch andere nicht von unserem Tun sprechen. Unsere Wohltätigkeit soll im Verborgenen bleiben. Wenn wir davon nichts mitteilen, können es andere nur über den erfahren, dem die Wohltat galt. Diesen könnten wir nun bitten, nicht darüber zu sprechen, wenn er weiß, wer ihm geholfen hat. Man muss ja nicht nur an materielle Hilfe (Geld) denken. Wohltätigkeit ist auch, wenn jemand zum Beispiel einer Familie in äußerlichen Dingen (Wäsche, Versorgung der Kinder, Wohnung, Garten) hilft.
    So können wir Nachfolger unseres Meisters werden. Immer wieder lesen wir davon, dass Er nach dem Vollbringen eines Wunders gebot, nichts davon in die Öffentlichkeit zu bringen: „Und er gebot ihnen dringend, dass niemand dies erfahren solle“ (Mk 5,43). Wir vollbringen keine Wunder. Umso wichtiger, dass wir darauf achten, dass das Wenige, das wir durch seine Gnade zu tun in der Lage sind, im Verborgenen bleibt.
  3. Ein Jünger des Herrn darf auf den Lohn schauen: „und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“. Aber er soll den Lohn zur richtigen Zeit erwarten: am Richterstuhl des Christus (vgl. 1. Kor 4,5). Er soll den Lohn von dem Richtigen erhalten: vom Vater! Wir dürfen uns bewusst sein, dass der Vater im Verborgenen sieht. Das, was den Augen der Menschen verschlossen bleibt, wird vom Vater gesehen.
    Seine Wertschätzung liegt besonders auf dem, was im Verborgenen geschieht. Das tut man nicht für die eigene Ehre und um von anderen geehrt zu werden, sondern aus Liebe zu dem Bedürftigen. Motiv sollte auch die Liebe zum Vater im Himmel sein, den man ehren möchte. An seiner Belohnung sollte uns gelegen sein, denn Er schenkt einen bleibenden Lohn. Jeder Lohn von Menschen ist schnell verbraucht und reicht nicht weit. Zudem verhindert er – wie wir gesehen haben –, dass man Lohn von oben bekommt.
  4. Das Geben ist für den Jünger Jesu nicht einfach eine Pflicht, sondern entspringt der Liebe des Vaters. Gott liebt es zu geben. Weil wir seine Natur haben, geben auch wir gerne weiter. Wer selbst Verzicht üben lernt, wird neue Quellen des Segens erleben.
Geben in der Praxis

Abschließend sei noch kurz angemerkt, dass man auch das Geben für Diener des Herrn möglichst im Verborgenen vornimmt. Allerdings wird diese „Unterstützung“ nicht Wohltätigkeit genannt, weil sie für uns Christen eine moralische Pflicht darstellt (vgl. Gal 6,6; 1. Kor 9,14). Am besten ist es sogar, dass nicht einmal der, dem die Wohltat gilt, von dem Absender etwas weiß. Wenn man jemand persönlich Geld gibt, so kann es sein, dass man ihn in die Situation bringt, sich dem Geber gegenüber verpflichtet zu fühlen. Möglicherweise lässt er dann in Gegenwart des Gebers eine gewisse Vorsicht walten und vermeidet es, vielleicht notwendige Ermahnungen auszusprechen.

Am besten also weiß der Empfänger nicht, von wem er etwas erhalten hat (auch wenn sich dies vielleicht manchmal nicht vermeiden lässt). So kann er dem Herrn dafür danken, fühlt sich nur Ihm gegenüber „verpflichtet“ und muss nicht auf Menschen schauen. Der Geber selbst bleibt im Verborgenen und erhält seinen Lohn vom Vater, der im Verborgenen sieht. Das ist der höchste Lohn, den es gibt!

Hilfe in materieller Not war zur Zeit Jesu, als es noch keine Krankenversicherung und keine Sozialsysteme gab, eine absolut notwendige Sache. Das gibt es in diesem Maß heute nicht mehr. Dennoch muss man nur die Augen und Herzen öffnen, um materielle Nöte und Bedürfnisse zu sehen. Diese gibt es in unserer postmodernen Gesellschaft auch heute noch.

Verse 5–15: Praktische Gerechtigkeit gegenüber Gott: das Gebet

In den folgenden elf Versen geht es um den Kernpunkt praktischer Gerechtigkeit. Schon beim Üben von Wohltätigkeit haben wir gesehen, dass das richtige Motiv entscheidend ist: Liebe zu unserem Vater und zum Nächsten. Wir können nur dann praktisch gerecht leben, wenn wir unser Leben vor dem Angesicht Gottes führen. Dieser Grundsatz wird in den nun folgenden Versen auch in unserem Gebetsleben deutlich.

Das Gebet ist mit dem Atmen der Seele verglichen worden. Im Gebet wenden wir uns an Gott, unseren Vater und haben Gemeinschaft mit Ihm. Daher sollen wir uns von niemand anderem als von Ihm selbst darin leiten lassen. Wenn Er vor unseren Herzensaugen steht, werden wir gerecht handeln, und dann wird das Gebet nicht zu einer Form und erst recht nicht zu einer Schau. Was für eine Heuchelei, wenn man in einem Gebet Worte äußerlich an Gott richtet mit dem Beweggrund, dass sie von anderen Menschen gehört werden! Das gab es nicht nur bei den Pharisäern damals. Heuchelei steckt auch in unseren Herzen.

Wie schon in der Einleitung zu den ersten 18 Versen bemerkt, gibt der Herr nun ab Vers 7 zusätzliche grundlegende Belehrungen über das Gebet. Damit unterstreicht Er die Bedeutung der Abhängigkeit eines Jüngers von seinem himmlischen Vater. Er wünscht, dass wir uns dessen mehr bewusst und entsprechend Beter sind. Dabei führt Er auch das sogenannte „Vaterunser“ ein. Damit aber niemand auf die Idee kommt, dieses einfach nachzuplappern, fügt Er unmittelbar und ohne weiteren Übergang eine zusätzliche Erklärung an. Der Inhalt der Verse 5–15 lässt sich wie folgt strukturieren:

  • Verse 5.6: Warnung vor Heuchelei beim Beten
  • Verse 7.8: Warnung vor Plappern beim Beten
  • Verse 9–13: Mustergebet „Vaterunser“
  • Verse 14.15: Vergebungsbereitschaft
Verse 5.6: Warnung vor Heuchelei beim Beten

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, um sich den Menschen zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 5.6).

In diesem ersten Teil über das Gebet warnt der Herr davor, das Gebet als Instrument zu benutzen, um andere zu beeindrucken:

  1. Zunächst erkennen wir, dass das persönliche Gebet gemeint ist (Vers 6) – bei einem öffentlichen Gebet können wir nicht in unsere Kammer gehen.
  2. Darüber hinaus können wir diesen Versen jedoch nicht entnehmen, dass der Herr das öffentliche16 Gebet verbietet. In Kapitel 18,19 steht ja gerade, dass mit dem gemeinsamen, öffentlichen Gebet besondere Verheißungen verbunden sind.
  3. Das dreimalige „Du aber“ in den Versen 3,6 und 17 zeigt, dass es auf ein ganz persönliches Verhalten ankommt. Es liegt an jedem von uns persönlich, sich so zu verhalten, dass der Herr sein Ja und seinen Lohn geben kann.
  4. Der Herr zeigt uns, dass wir nicht versuchen sollten, uns in einem Gebet an andere zu richten. Im Gebet sprechen wir zu Gott, unserem Vater, oder zum Herrn Jesus. Er ist Adressat unserer Bitten und Danksagungen. Wann immer wir meinen, mit dem Gebet eine Botschaft an andere – an unsere Kinder beim Gebet in der Familie, an Gläubige in einem öffentlich gesprochenen Gebet – verbinden zu müssen, haben wir das falsche Instrument gewählt. Dann würden wir wie die Pharisäer vor den Menschen beten.
  5. Für das persönliche Gebet hat der Herr Jesus einen passenden Ort: die Kammer17 mit einer verschlossenen Tür. Dadurch vermeidet man das Zur-Schau-Stellen des Gebets.
  6. Das Gebet ist Teil des vertrauten Umgangs zwischen dem Vater im Himmel und dem Gläubigen: „Denn der Verkehrte ist dem Herrn ein Gräuel, aber sein Geheimnis ist bei den Aufrichtigen [eigentlich: sein vertrauter Umgang ist mit den Aufrichtigen]“ (Spr 3,32). Gott liebt das vertraute „Gespräch“ mit dem Gläubigen. Wir haben es auch immer wieder nötig, und zwar außerhalb des geschäftigen Treibens des Alltags.
    Das Gebet bietet uns Menschen die Möglichkeit, wichtige Fragen und Bedürfnisse persönlich mit Gott zu besprechen und Ihm vorzulegen. Damit ist es eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen uns und unserem Vater im Himmel. Wer in die Öffentlichkeit geht, um seine Gebetsfertigkeit vor anderen zu zeigen, hat ein ganz anderes Ziel, einen ganz anderen Beweggrund: Er möchte von Menschen bewundert werden. Er ist ein Heuchler, der seine Vertrautheit mit Gott prahlerisch vor anderen zeigen möchte. Das steht im Widerspruch zu dem eigentlichen Sinn und Zweck eines Gebets. Darin bittet man um seine Hilfe, um seinen Segen, um seine Barmherzigkeit. Das macht uns ganz klein vor uns selbst und auch vor anderen. Wer daher versucht, seine persönlichen Gebete in die Öffentlichkeit zu bringen, hat letztlich gar keinen vertrauten Umgang mit Gott – denn dieser führt in die Stille.
  7. Damit sagt der Herr Jesus nicht, dass wir nicht auch an Orten ein persönliches Gebet sprechen können, wo wir nicht allein sind. Er selbst hat das getan (vgl. Lk 9,18). Am Steuer des Autos, am Arbeitsplatz in einer schwierigen Situation, usw. gibt es keine Barriere vonseiten Gottes, dass wir nicht auch beten könnten. Wir können überall und zu jeder Zeit beten. Das gilt auch für ein öffentliches Restaurant, wo man persönlich oder zusammen mit anderen Gläubigen einkehrt. Es ist hier angebracht, Gott, unserem Vater, aus dessen Hand wir jede Mahlzeit annehmen, dafür zu danken. So können wir ein öffentliches Zeugnis unseres Glaubens ablegen („Salz der Erde“). Die einzige Barriere soll für uns sein, nicht als Betende, also als fromm Tuende, in der Öffentlichkeit erscheinen zu wollen. Das heißt, wir sollten nie einen Eindruck von Frömmigkeit erwecken wollen, um Anerkennung zu erhalten. In dieser Hinsicht bringt uns ein falsches Motiv sicher zu einer falschen Ortswahl.
  8. Es ist erstaunlich: Sogar für das Gebet gibt es Lohn. Dabei ist das Gebet das Eingeständnis, dass wir Gott, unseren Vater, für alles hier auf der Erde brauchen. Ohne Ihn können wir keinen Schritt tun. Aber allein schon dieses Bewusstsein schätzt unser Vater und belohnt es. Wem aber daran liegt, dass Menschen sein Gebetsleben bewundern, dem ist mit dieser Bewunderung genug geschenkt worden.
    Worin liegt nun der Lohn? Es könnte sein, dass ein Teil dieses Lohns gerade die Erhörung des Gebets ist. Dann wiederum wäre die Belohnung nicht mehr erstaunlich, denn wer im Glauben zu Gott betet, erwartet, dass Er zu seiner Zeit und in seiner Weise dieses Gebet erhört.
  9. Der Herr Jesus empfiehlt seinen Jüngern, zum Vater zu beten. Das setzt eine Beziehung zu Ihm voraus. Jeder Gläubige hat diese Beziehung, weil uns das Werk des Herrn Jesus zum Vater gebracht hat. Ob wir wohl dieses Gebet zum Vater kennen? Wir sind in eine viel nähere Beziehung zum Vater gebracht worden, als es die Jünger damals kannten. Doch gibt es viele Christen, die das Gebet zum Vater nicht kennen.
  10. Das Geheimnis des Glaubenslebens liegt nie in der Öffentlichkeit, sondern immer im Verborgenen. Geht es um das Üben von Wohltätigkeit, um das Gebet oder um das Fasten: Immer muss der verborgene Umgang mit dem, der im Verborgenen ist und im Verborgenen sieht, stimmen. Dann entspricht auch unser Leben und Verhalten in der Öffentlichkeit diesem vertrauten Umgang mit Ihm.
Verse 7.8: Warnung vor Plappern beim Beten

„Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, um ihres vielen Redens willen erhört zu werden. Seid ihnen nun nicht gleich; denn euer Vater weiß, was ihr nötig habt, ehe ihr ihn bittet“ (Verse 7.8).

Ab Vers 7 finden wir nun positive Belehrungen über das Gebet. Die Tatsache, dass der Herr Jesus nun von „ihr“ spricht, weitet den Blick auf das Gebet. Es scheint jetzt nicht mehr nur um das persönliche Gebet zu gehen, sondern auch um das öffentliche und gemeinsame Gebet mehrerer Personen. Zudem spricht der Herr eine weitere Gefahr in Bezug auf das Beten an.

Zunächst reagiert der Herr auf eine falsche Vorstellung im Blick auf das Gebet. Viele meinten und meinen, dass allein die Tatsache, dass wir im Gebet zu Gott kommen, Ihn zu einer Antwort auf unser Gebet veranlassen müsste. Das klingt aus dem siebten Vers heraus. Wer sich und seine Gebete ein bisschen kennt, weiß, dass eine Erhörung des Gebets bestimmt nicht an uns selbst oder unserer Ausdrucksweise liegen kann. Wir sind so schwach und unsere Gebete oft so erbärmlich. Wir werden auch nicht deshalb erhört, weil wir so viel und lange reden können. Das gilt auch für ein Gebet, bei dem wir „gebetsmühlenartig“ ständig einzelne Ausdrücke oder Phrasen wiederholen, ohne dass das Herz dahinter steht (plappern).
Es ist manches Mal gesagt worden, dass wir uns in der Öffentlichkeit kurz fassen sollen, im persönlichen Gebet aber so lange beten können, wie wir wollen. Das ist richtig. Nur sollten wir nicht meinen, dass ein Gebet mit vielen Worten geistlicher ist als eines mit wenigen. Ein kurzes, ernstliches Gebet ist Gott immer wertvoll. Letztlich geht es um die innere Haltung, die Beweggründe. Diese sieht Gott und beantwortet sie.

Allerdings meinen diese Verse auch nicht, dass wir eine Bitte nicht wiederholen dürften. Der Herr selbst zeigt in Gethsemane das Gegenteil (vgl. Mt 26,44). Auch von Paulus lesen wir, dass er in einer Angelegenheit dreimal zum Herrn flehte (vgl. 2. Kor 12,8). Die Antwort des Herrn war nicht: Du sollst nicht dreimal beten. Sondern: „Meine Gnade genügt dir.“ In Römer 12,12 lesen wir: „Im Gebet haltet an.“
Wir können viel von Kindern lernen! In was für einer Direktheit und Kürze kommen Kinder zu ihren Eltern, um etwas von ihnen zu erbitten. Warum ahmen wir das nicht nach? Der Vater hat unsere Vorträge nicht nötig!

Auf der anderen Seite möchte der Herr Jesus auch nicht, dass wir angesichts der Tatsache, dass der Vater alles weiß, nicht beten. Natürlich – wir sollen in Ehrfurcht vor Ihm sein: „Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde: Darum seien deiner Worte wenige“ (Pred 5,1).
Aber Gott sucht unser Gebet. Er ist unser Vater, der möchte, dass wir Ihm unser Herz ausschütten. Dass Er unser Gebet wünscht, machen auch die Folgeverse sehr deutlich.

Zwei praktische Bemerkungen zu Gebeten

Aus diesen Anweisungen des Herrn über das persönliche Gebet möchte ich abschließend zwei Bemerkungen ableiten. Sie sind für die heutige Zeit von Bedeutung.

Es ist wichtig, dass Eltern ihren kleinen Kindern beibringen, wie gebetet wird. Kinder sollen auch zum regelmäßigen Gebet angeleitet werden. Wenn man ein Familiengebet praktiziert, bei dem jedes Familienmitglied laut betet, besteht allerdings die Gefahr, dass Kinder nur „für die Öffentlichkeit“ beten. Sie beten das, was von ihnen gehört werden soll. Dadurch werden sie leicht dahin geführt, für die Ohren der Menschen und nicht für und zu Gott zu beten. Es ist sicher weise, die Kinder bald dazu zu bringen, ein persönliches Gebetsleben mit dem Herrn zu führen.

Dann noch ein Wort zu den ständigen Wiederholungen. Der Herr spricht von den Nationen, die in ihren Gebeten plappern und viel reden. Die Nationen stehen als Synonym für solche Menschen, die keine Beziehung zu Gott haben. Sie meinen aber, in gesetzlicher Weise durch das Einhalten bestimmter Rituale die Gunst des Göttlichen erzielen zu können.

Das Plappern und unsinnige Wiederholungen erinnern uns an die „Gebetsmaschinen“ im Tibet. Dort gibt es oftmals Flaggen, auf denen Gebete aufgeschrieben sind und die vor die einzelnen Götter gestellt werden. In Europa gibt es viele Menschen, die den sogenannten Rosenkranz dauernd beten – das ist nichts anderes als das hier genannte Plappern. Aber auch im sogenannten evangelikalen Bereich, besonders in der charismatischen Richtung, gibt es Gebete und Lobpreislieder, die aus ständigen Wiederholungen bestehen. Man kann hier schon von Plappern sprechen. Leider haben diese Modeerscheinungen die Eigenart, sich weiter zu verbreiten. Denn das, was ständig wiederholt wird, braucht man nicht besonders zu lernen. So gibt es mehr und mehr Lieder, die vor allem durch ständige Wiederholungen auffallen. Der Herr Jesus warnt uns davor. Wir müssen uns ernsthaft fragen, wann wir uns von solchen Praktiken abwenden müssen.

Wiederholungen an und für sich sind nicht verkehrt. Die finden wir auch in der Bibel – man erinnere sich nur an Psalm 136. Aber dem Herrn Jesus geht es darum, dass die Gebete der Jünger echt sind. Deshalb sollen sie im Verborgenen und in inbrünstiger Weise gesprochen werden. Wer „echt“ ist, muss nicht lange Reden in Form von Plappern vor Gott halten – und das gilt auch für öffentliche Gebete.

Verse 9 -15: Das sogenannte „Vaterunser“

„Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde. Unser nötiges Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben; und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen. – Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen ihre Vergehungen nicht vergebt, wird euer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben“ (Verse 9–15).

Dieses Gebet und diese Verse gehören zu dem, was aus der Bibel am bekanntesten überhaupt ist. In den großen orthodoxen, reformierten, usw. Kirchen wird dieses Gebet ständig rezitiert. Es gibt vermutlich keinen „Kirchenchristen“, der nicht in der Lage wäre, dieses Gebet aufzusagen.

Dennoch beten viele ernsthafte, praktizierende Christen dieses „Vaterunser“ nicht. Und das aus gutem Grund.

Die Bitte eines Gefangenen

Der empfehlenswerte Bibelausleger William Kelly (1820–1906) vergleicht die Stellung der Jünger zur Zeit des Alten Testaments mit der eines Gefangenen. Dieser wendet sich an seinen Herrscher und fleht um Gnade. Er wird einerseits die vollkommene Majestät anerkennen, gegen die er gesündigt hat. Andererseits bekennt er seine Sünden, aufgrund derer er ins Gefängnis gekommen ist. Das war der Zustand des Juden unter Gesetz. Er hatte gegen Gott und seine Anordnungen gesündigt und war hoffnungslos verloren. Er konnte sich nicht auf eine vollbrachte Erlösung beziehen – sie war noch nicht geschehen.

Der Zustand der Jünger war prinzipiell kein anderer. Natürlich hatten sie den Herrn selbst – Gott mit uns – in ihrer Mitte. Aber die Erlösung war noch nicht geschehen. In der Bergpredigt wird sie nicht einmal erwähnt. So war der Zustand der Jünger wie der, dem wir besonders in den Psalmen immer wieder begegnen:

  1. Hoffnung auf die Güte Gottes, den sie als barmherzig und gnädig kennengelernt hatten. Gott hatte auch verschiedene Verheißungen gegeben für diejenigen, die Ihn fürchten (siehe oben). „Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge“ (4. Mo 23,19).
  2. Furcht, ob einem persönlich diese Gnade zugerechnet wird, denn die Erlösung war noch nicht vollbracht worden. Es war etwas, das gewünscht war, auf das man wartete. Aber es war noch keine Realität.

Diese Erfahrungen finden wir bei Hiob und vielen Psalmisten. Leider ist das die praktische Erfahrung auch mancher Christen heute, obwohl das Werk vollbracht worden ist, auf das sich jeder Christ stützen kann. „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1). Das zeigt den gewaltigen Unterschied der heutigen Zeit zu der des Alten Testaments, die bis zum Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde fortdauerte.

Um bei dem Vergleich zu bleiben: Es wäre absurd, wenn jemand, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, in derselben Weise zu dem Herrscher reden würde wie einer, der noch im Gefängnis sitzt. So ist unser Gebet heute ein gänzlich anderes als das „Vaterunser“. Denn wir kennen die Errettung in Christus.

Zusammenfassend kann man sagen: Wir befinden uns in einer ganz anderen Stellung als die Jünger. Als Christen der Gnadenzeit, die im Unterschied zu den Jüngern damals hinter dem Erlösungswerk und der Verherrlichung Christi stehen, können wir dennoch aus diesem Modell-Gebet lernen. Er gab es nicht nur seinen Jüngern. Er hat es für uns in das ewige Wort niederlegen lassen, auch wenn es sich in erster Linie auf die gläubigen Juden von damals und auf die gläubigen Übriggebliebenen der Juden zukünftiger Zeit bezieht.

Grundsätzliche Bemerkungen zum „Vaterunser“

Bevor wir uns das „Vaterunser“ im Einzelnen ansehen, stelle ich noch einige grundsätzliche Bemerkungen voran.

  1. Offensichtlich handelt es sich beim „Vaterunser“ um eine Art Modellgebet. Denn der Herr Jesus sagt: „Betet ihr nun so.“ Somit gibt der Herr Jesus seinen Jüngern ein Gebet an die Hand, das für sie eine gewisse Vorlage sein sollte.
  2. Wenn wir von einem Modell sprechen, heißt das aber nicht automatisch, dass die Jünger das Modell zu 100 % in jedem ihrer Gebete imitieren sollten. Wir finden nämlich im weiteren Verlauf des neuen Testaments kein einziges Beispiel, bei dem dieses Gebet gesprochen worden wäre. Es gibt viele Gebete in der Apostelgeschichte und in den Briefen, aber kein einziges nimmt auch nur annähernd die Bitten dieses Gebetes auf. Selbst im Matthäusevangelium oder in den anderen Evangelien, als das Sühnungswerk Christi noch nicht vollbracht war, wird dieses Gebet kein einziges Mal wieder aufgegriffen. Wir können natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob das Ereignis, das Lukas in seinem Evangelium in Kapitel 11,2–4 berichtet, dasselbe ist wie das in unserem Abschnitt beschriebene. Allerdings lassen die Belehrungen in Lukas 11,5 ff. darauf schließen, dass es sich um dieselbe Begebenheit handelt (vgl. Mt 7,7 ff.).
  3. Der Herr sagt den Jüngern auch nicht: „Betet nun mit diesen Worten“, sondern: „Betet nun so“, das heißt, auf diese Weise. C. H. Mackintosh hat einmal auf den Unterschied zwischen Beten und ein Gebet sagen hingewiesen; ein Punkt, der nachdenkenswert ist.
  4. Es ist manches Mal gefragt worden: Warum finden wir dann dieses Gebet in den Evangelien erwähnt, wenn wir es als Christen gar nicht beten (sollen)? Die Antwort ist: Es gibt viele Worte in den Evangelien, die der Herr Jesus gesprochen hat, die sich nicht auf die christliche Zeit beziehen. Sie sind daher auch für uns nicht anwendbar. Es kommt wohl zum Beispiel niemand auf die Idee, Matthäus 10,5: „Geht nicht auf einen Weg der Nationen, und geht nicht in eine Stadt der Samariter ...“ auf uns anzuwenden. Und es gibt ähnliche Stellen. Der Herr bezieht sich in diesen Abschnitten auf die konkreten Bedürfnisse und Gegebenheiten der Jünger und der damaligen Zeit.
  5. Besonders stutzig wird man, wenn man die Parallelstelle im Lukasevangelium aufschlägt. Aus Lukas 11,1 kennen wir den konkreten Anlass dafür, dass der Herr seinen Jüngern dieses Gebet gab. „Und es geschah, als er an einem gewissen Ort war und betete, da sprach, als er aufhörte, einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte“. Die Jünger sahen also das Beispiel des Herrn, der betete. Sie sahen auch das Beispiel von Johannes dem Täufer, der seinen Jüngern Belehrungen über das Gebet gab.
    Auf die Bitte der Jünger gab der Meister ihnen ein Gebet. Aber in Lukas 11,2–4 sehen wir, dass der Herr deutlich weniger Bitten nennt als in Matthäus 6. Das legt nahe, dass Christus seinen Jüngern nicht gesagt hat: „Nehmt dieses Gebet und betet es genau in diesem Wortlaut jedes Mal, wenn Ihr betet!“ Denn welche Version dieses Gebets hätten sie sprechen sollen: das aus Matthäus 6 oder das aus Lukas 11? Wenn der Herr ein ganz bestimmtes Gebet immer wieder von den Jüngern gesprochen haben wollte, hätte Er sicherlich in beiden Fällen dasselbe Gebet aufzeichnen lassen.
  6. Hinzu kommt, dass das Gebet in Matthäus 6 ohne „richtigen Abschluss“ in eine Erklärung übergeht. Die Verse 14 und 15 erläutern eine der genannten Bitten. Sie zeigen, dass es dem Herrn um bestimmte Gebetsgrundsätze geht, nach denen sich die Jünger richten sollten, nicht jedoch um ein vorformuliertes Gebet.
  7. In Johannes 16,24 sagt der Herr Jesus ein sehr wichtiges Wort zu seinen Jüngern: „Bis jetzt habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei.“ Hier macht Er deutlich, dass es einen Wandel geben würde für die Jünger, nicht zuletzt auch in ihren Gebeten. Diese würden sich verändern. Bislang hatten die Jünger um nichts im Namen des Herrn Jesus gebeten. Wenn Er aber gestorben und auferstanden wäre, sollten sie genau das tun. Ihre Gebete würden also von einer anderen Art sein.
    Ist nicht exakt das wahr geworden? Die Gebete, die wir von den Aposteln und von anderen in der Apostelgeschichte und in den Briefen lesen, haben einen anderen, einen geistlich höheren Charakter als das Gebet von Matthäus 6.
  8. In diesem Zusammenhang darf ich noch einmal an die Eingangsworte zur Bergpredigt erinnern. Auch wenn sich die Bergpredigt an uns Christen richtet, beinhaltet das Christentum noch geistlich höher stehende Teile der Wahrheit. Wer nur an dem Gedanken des Königreichs hängen bleibt, hat zwar einen wichtigen Teil der Wahrheit vor Herzen. Aber es gibt viele weitere Aspekte der Wahrheit, die weit erhabener sind. Sollten wir diese in unserem Gebetsleben einfach übergehen? In Johannes 16,13 lesen wir davon, dass das Kommen des Heiligen Geistes zu einem ganz anderen Verständnis der Wahrheit Gottes führen würde. Das war zu der Zeit, als Christus das „Vaterunser“ aussprach, noch nicht vorhanden: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ Dazu gehört, dass man sich der praktischen Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn erfreut. Dann betet man in dem Bewusstsein, dass Gott, der Vater uns liebt. Da gibt es keinen Zweifel, keine Angst und auch keine Distanz vor Gott. Alles ist von der Atmosphäre der Liebe geprägt.
  9. Das „Vaterunser“ wird von vielen Menschen so oft aufgesagt, dass man sich fragt, ob sie es wirklich mit Sinn und bewusst beten. Es wird fast wie ein Segensspruch verwendet, der immer und für alles gültig sein und weiterhelfen soll. Das kennt man sonst nur von Amuletten (Maskottchen). In Matthäus 6,7 hatte der Herr Jesus aber gerade davor gewarnt, zu plappern und zu meinen, man würde um des vielen Redens willen erhört.
  10. Das „Vaterunser“ wird heute von vielen Menschen als gemeinsames Gebet verwendet. Gerade das kann es nicht sein, denn es ist hier Teil einer Belehrung, die im Wesentlichen die persönlichen Gebete des Jüngers behandelt. Erst recht ist es kein gemeinsames Gebet für Gläubige und Ungläubige, wie man es heute oft erlebt. „Unser Vater“ kann jemand nur in dem Bewusstsein sagen, dass er eine wirkliche Beziehung zu Gott, dem Vater, besitzt.
  11. Wenn es um die eigentliche Zielgruppe geht, dann wendet sich der Herr an Jünger, die zu den jüdischen Übriggebliebenen zählen. Sie sind (noch) keine Christen, sondern kennen Jesus als ihren Messias und Gott als ihren himmlischen Vater, während sie auf der Erde leben. Mit dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde nach dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus am Kreuz änderte sich die Stellung dieser Jünger. Jetzt waren sie Christen, himmlische Christen. Nach der Entrückung der Versammlung (Gemeinde, Kirche; 1. Thes 4,16.17) wird es auf dieser Erde wieder Jünger geben, die auf ihren Messias warten, damit dieser das Königreich auf der Erde aufrichtet. Auch für sie hat der Herr Jesus dieses Gebet aufzeichnen lassen.
  12. Aber auch wir Christen können von dem Gebet viel lernen. Wir werden das gleich im Detail sehen. Vorab schon der Hinweis, dass das Gebet Bitten enthält, die mit drei Aspekten der Offenbarung Gottes zu tun haben. Zunächst geht es um die Herrlichkeit Gottes, dann um seine Autorität, schließlich um seine Barmherzigkeit. Auch in unseren Gebeten dürfen wir diese Aspekte und diese Reihenfolge – zuerst Er, dann wir – bedenken.
Der Adressat des „Vaterunser“

Die Anrede dieses Gebetes lautet: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“. Wir finden sie im Übrigen fast ausschließlich im Matthäusevangelium18. Dieses Evangelium zeigt uns die Beziehung des Herrn und seiner Jünger zu den Verheißungen für Israel und die Juden, wie sie im Alten Testament zu finden sind.

Wir sehen hier nicht den Herrn der ganzen Erde (vgl. Ps 8,10; Sach 4,14) – das ist der Sohn des Menschen. Es handelt sich auch nicht um den Herrn der ganzen Erde, der das Volk trockenen Fußes durch den Jordan ins Land führte (vgl. Jos 3,11.13) – denn die Einführung in den Himmel oder die himmlischen Örter ist hier nicht das Thema. Der Herr spricht auch nicht vom Gott des Himmels, der in seiner souveränen Macht demjenigen Regierungsmacht gibt, wem Er will, wenn sein Volk vollkommen versagt hat (vgl. Dan 2,37.44). Die Jünger dürfen zu ihrem Vater beten, zu dem sie eine Beziehung haben.

Die sechs Bitten des „Vaterunser“

Die sechs oder sieben19 Bitten des „Vaterunser“ lassen sich in zwei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe besteht aus den ersten drei Bitten, die sich auf die Herrlichkeit und Ehre Gottes, des Vaters, beziehen. Die nachfolgenden drei bzw. vier Bitten bilden die zweite Gruppe und behandeln die irdischen Bedürfnisse der Jünger sowie ihre persönlichen Umstände in dieser Welt. Man könnte – um das Thema des fünften Kapitels aufzugreifen – auch sagen: In der ersten Gruppe geht es um die Offenbarung der Natur Gottes; in der zweiten um die praktische Gerechtigkeit im Leben des Jüngers. In der ersten geht es um die Gerechtigkeit Gottes und in der zweiten Gruppe um das Üben von Gnade.

Kommen wir nun zu den einzelnen Bitten des „Vaterunser“:

  1. Geheiligt werde dein Name: An erster Stelle steht für den Jünger die Herrlichkeit des Vaters selbst. Ihm ist wichtig, dass der Name – also die Person – des Vaters nicht mit Unreinheit und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht wird. Es geht darum, dass der Name Gottes auf der Erde geheiligt wird. So ist es die Bitte des Jüngers, dass unheilige Grundsätze in der Welt aufgehalten werden. Der Jünger ist sich seiner Beziehung zum Vater im Himmel bewusst. Daher spricht er Ihn als Vater an. Es geht ihm deshalb auch darum, dass in seinem eigenen persönlichen, praktischen Leben nichts vorkommt, das zur Heiligkeit Gottes im Widerspruch steht. Er bittet in diesem Sinn um Kraft und Hilfe, nichts Unheiliges mit dem Namen des Vaters in Verbindung zu bringen. Der Name des Vaters soll durch das Leben des Jüngers auf dieser Erde geheiligt werden.
  2. Dein (König-)Reich komme: Der Jünger steht in der Erwartung, dass der Vater sein Königreich auf dieser Erde aufrichtet. Der Herr Jesus belehrte seine Jünger, indem Er ihnen diese Bitte empfiehlt, dass sie nicht einfach auf ein Reich auf dieser Erde warten sollten, das bereits bestand. Sie sollten sich bewusst werden, dass es um das Reich des Vaters geht, der im Himmel ist. Und dieses Königreich sollte noch zukünftig sein – es sollte „kommen“. An sich war der Herr Jesus auf diese Erde gekommen, um dieses Königreich aufzurichten. Wenn sein Volk Ihn angenommen hätte, so hätte das Königreich in Herrlichkeit beginnen können. Aber allein die Tatsache, dass in der Bergpredigt verschiedentlich von Leiden, Trauer und Verfolgung für die Jünger gesprochen wird, zeigt, dass die Jünger zusammen mit ihrem Meister verworfen werden würden. Damit machte der Herr seinen Nachfolgern zugleich klar, dass jetzt, während Er selbst auf der Erde lebte, dieses Reich noch nicht beginnen würde – jedenfalls nicht in der öffentlichen Form. Die Jünger sollten nun darum beten, dass dieses Reich, das im Alten Testament oft angekündigt worden war (vgl. Jes 9,6; Mich 5,1; u. a.), möglichst bald beginnen kann.
    Dieses Königreich wird von Bibelauslegern unter drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet:
    a) Es wird als Reich des Sohnes des Menschen bezeichnet (Mt 16,28). Mit diesem Ausdruck verbindet man diejenigen Menschen, die im künftigen Königreich nach der Wiederkunft des Herrn Jesus auf der Erde leben und von Ihm, dem „Sohn des Menschen“ regiert werden. Diesen Bereich nennen manche den „irdischen“ Teil des Reiches.
    b) Es wird als Reich des Vaters bezeichnet (Mt 13,43; 26,29). Darunter verstehen manche Bibelausleger auch an dieser Stelle die „himmlische“ Seite des künftigen Königreichs. Diese wird von den Gläubigen des Alten Testaments zusammen mit den Erlösten der heutigen Zeit gebildet, die in den Himmel zu Christus entrückt werden. Sie kommen dann mit Christus aus dem Himmel und werden mit Ihm über diese Erde regieren, ohne selbst auf der Erde zu wohnen.
    c) Es wird einfach als (1000-jähriges) Reich betrachtet, ohne diese Unterscheidung von himmlischem Teil und irdischem Teil vorzunehmen.
    Was ist nun an dieser Stelle gemeint? Tatsächlich gibt es im 1000-jährigen Königreich zwei Seiten: die irdische und die himmlische.20 Ist eine dieser beiden Seiten gemeint?
    a) Es geht nicht um die besondere Seite des Reiches des Sohnes des Menschen. Der Herr Jesus als Sohn des Menschen steht nicht im Mittelpunkt dieser Bitten des „Vaterunser“. Daher kann an dieser Stelle nicht die irdische Seite des Reiches gemeint sein, denn das „Vaterunser“ richtet sich an den Vater, der im Himmel ist. Deshalb wird die Beziehung der Jünger zu Gott betont, der im Himmel wohnt.
    b) Es handelt sich aber auch nicht um eine Betonung der himmlischen Seite des Reiches, des Reiches des Vaters. Zwar heißt es in 1. Korinther 15,24, dass der Herr Jesus das Königreich seinem Gott und Vater übergeben wird (vgl. auch Off 22,5). Aber dies bezieht sich auf das Ende, wenn auch der Tod besiegt ist. Zudem gehört die Offenbarung der himmlischen Seite des Reiches zu der Wahrheit, die erst von den Aposteln offenbart worden ist, nachdem der Herr verherrlicht worden und der Heilige Geist auf diese Erde gekommen war. Daher erscheint es mir wenig wahrscheinlich, dass unser Herr in Matthäus 6,10 diesen himmlischen Teil meint, wenn Er vom „Reich des Vaters“ spricht.21
    c) Es hat den Anschein, dass der Herr mit diesem „Reich meines Vaters“ prinzipiell nichts anderes meint als das 1000-jährige Friedensreich als solches. In diesem wird Er als Sohn des Menschen über Israel und durch Israel über die ganze Erde regieren. Aber Er nennt hier einen speziellen Aspekt dieses Reiches: Die Erde wird dann in Übereinstimmung mit dem Himmel sein. Dadurch wird der Himmel geöffnet sein „und die Engel Gottes werden auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1,51). Endlich wird die erste Bitte: „Geheiligt werde dein Name“, auf dieser Erde in Erfüllung gehen. Denn der Sohn des Menschen, der wahre König Gottes für Israel, wird dafür sorgen, dass dem Vater im Himmel die Ehre zuteil wird, die Ihm gebührt. Dann wird Gerechtigkeit auf der Erde herrschen und alles offenbare Unheilige sofort gerichtet werden (vgl. Jes 32,1).
  3. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde: Die Jünger Jesu sind sich bewusst (vgl. Kapitel 5), dass auf dieser Erde oft das Gegenteil des Willens des Vaters getan wird. Ihnen ist bewusst, dass sie in einer Zeit der Leiden, der Trauer und der Verfolgung leben müssen (Mt 5,3 ff.; 5,39.44). Die Verwerfung des Messias ist auch ihr Teil. Angesichts dieser Unordnung ist es ihnen ein Herzensanliegen, dass der Wille des Vaters, der im Himmel immer geschieht, auch auf der Erde getan wird.
    Daher lautet ihr Gebet, dass die auf der Erde lebenden Menschen bereit sind, Gott als König anzunehmen, damit sein Wille auch hier ausgeführt werden kann. Das wird im kommenden Königreich vollkommen der Fall sein. Dann wird der Wille des Vaters auch auf der Erde ausgeführt werden, weil Christus als Regent dafür Sorge tragen wird. Durch diese Bitte drücken die Jünger aber auch aus, dass sie selbst in ihrem eigenen Leben dazu beitragen wollen, dass der Wille Gottes geschehen kann. Es ist ihnen ein Anliegen, in ihrem Leben, auch wenn dies mit Leiden verbunden ist, den Willen des Vaters zu tun. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie an dieser Stelle letztlich die Hilfe vom Vater erbitten, damit sie seinem Wort gehorsam sind. Wir wissen, dass es in dem Königreich des Vaters endlich wahr wird, dass sein Wille geschieht. So gibt es eine wunderbare Verbindung zur zweiten Bitte, in der die herrliche Beziehung zwischen Himmel und Erde durch den Ausdruck „Königreich des Vaters“ angedeutet wird. Dort wird der Wille des Vaters nicht mehr nur im Himmel, sondern unter der Regierung des Sohnes des Menschen auch auf der Erde im 1000-jährigen Friedensreich ausgeführt werden.
  4. Unser nötiges Brot gib uns heute: Mit dieser vierten Bitte kommen wir zum zweiten Teil der sechs Bitten. Sie betreffen besonders die konkreten Bedürfnisse der Jünger. Ihnen ist es wichtig, praktisch gerecht zu leben und in diesem Fall nicht der Gefahr zu erliegen, beispielsweise durch Stehlen im Widerspruch zu dieser Gerechtigkeit zu leben. Daher beten sie für ausreichend Nahrung, die sie gerade in schwierigen Zeiten nötig haben. Wenn wir die späteren Kapitel des Matthäusevangeliums lesen, wo der Herr die Jünger zum Missionsdienst aussendet, versteht man dieses Wort. Die Jünger würden darauf angewiesen sein, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgt. Er tut es, wenn sie Ihn darum bitten.
    So macht der Meister seinen Jüngern klar, dass sie auch wegen der Grundbedürfnisse zu ihrem himmlischen Vater kommen können, ja sollen.
    Wie alle sechs Bitten wird auch diese in der Zukunft eine besondere Relevanz haben. Dann wird der gläubige Überrest sich danach sehnen, dass Gottes Wille und Rechte hier auf der Erde zur Geltung kommen. Sie werden dann in großer Drangsal sein, und es wird ihnen am Nötigsten mangeln. „Unser nötiges Brot gib uns heute“ – so sollen und werden sie bitten. Ohne Zweifel wird ihre Bitte erhört werden, denn der Herr selbst hat sie in ihren Mund gelegt.
  5. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben: An dieser Stelle ist es sicher gut, noch einmal daran zu erinnern, dass sich der Herr an seine Jünger richtet, nicht an Sünder. Es geht hier also nicht darum, wie ein Sünder in Buße und Bekenntnis zu Gott kommt und die Vergebung der eigenen Schuld erhält – ein Akt reiner göttlicher Gnade. Sie wird nicht durch gute Taten bedingt, die wir anderen zukommen lassen, beispielsweise anderen ihre Schuld zu vergeben (vgl. z. B. Eph 2,8.9). Die grundlegende Sündenschuld hat ein Mensch übrigens immer gegenüber Gott, nicht gegenüber dem Vater, denn dieser Titel spricht von bestehenden Beziehungen, die aber nicht möglich sind, wo Sünde noch nicht vergeben ist. Die Sündenvergebung vonseiten Gottes dagegen ist sicher und unverlierbar (vgl. z. B. Joh 10,28.29).
    Hier steht die Beziehung des Jüngers zum Vater im Vordergrund. Der göttliche Meister zeigt seinen Jüngern, dass sie nur dann auf die Vergebung ihrer Schuld durch ihren himmlischen Vater rechnen dürfen, wenn sie selbst vergebungsbereit sind. Später, in Kapitel 18,21–35 finden wir dazu eine praktische Erklärung. Wenn es um Sündenvergebung für diese Erde geht, dann gibt es sie vonseiten des Vaters für seine Jünger nur dann, wenn diese auch anderen gegenüber vergebungsbereit sind. Nur auf diese Weise leben sie wirklich in praktischer Gemeinschaft mit Ihm – und nur so handeln sie auch so, wie Er handelt (vgl. Mt 5,48). Wie könnte der vergebende Vater jemand segnen, der sein eigenes Herz gegenüber seinem Mitjünger verschließt, der ihn um die Vergebung seiner Schuld bittet? Und vergessen wir in Verbindung mit Matthäus 18 nicht: Die Schuld des Jüngers, die er gegenüber Gott hatte und die er in seinem persönlichen Leben im Blick auf seinen Vater hat, ist immer größer als die Schuld, die ein Jünger gegenüber einem anderen Jünger haben könnte.
  6. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen: Die Jünger lebten in Zeiten äußerer Prüfungen. Von diesen spricht auch Jakobus in seinem Brief (1,12). Gott sendet Prüfungen, um den Glauben seiner Jünger zu stärken, hervorzubringen oder auch, um ihr Herz neu auf Gott auszurichten. Aber es gibt auch Versuchungen, die durch unsere Begierden hervorgerufen werden. Solche haben niemals Gott zum Ursprung (vgl. Jak 1,13–15): erstens, weil Gott nicht zum Bösen versucht – das stünde im Widerspruch zu seinem Wesen als Licht und Liebe –, und zweitens, weil Er sich mit uns als Vater verbunden hat und ein Vater sein Kind nicht in diesem Sinne versucht.22 Der Herr Jesus spricht an dieser Stelle in Matthäus 6 nicht von diesen inneren Versuchungen zum Bösen, da sie nicht von Gott kommen. Wir müssen Ihn daher auch nicht bitten, uns nicht in solche Versuchungen zu senden. Es geht offensichtlich um äußere Erprobungen.
    Ein Jünger sucht nicht Versuchungen durch erprobende Umstände. Niemand betet sich Prüfungen herbei. Denn sie gehen, wie Petrus schreibt, immer mit Betrübnis einher (1. Pet 1,6). Daher bittet der Jünger seinen Vater im Himmel, ihn vor solchen Versuchungen zu bewahren.
    Aus den prophetischen Schriften des Alten und Neuen Testaments wissen wir, was für einen Druck Satan in der kommenden großen Drangsal bewirken wird. Dadurch steht jeder Jünger in Gefahr aufzugeben. Er weiß, dass der Feind Gottes und damit der Feind der Jünger solche Prüfungen benutzen möchte, um den Gläubigen zu schaden. Er will sie vom Weg des Gehorsams Gott gegenüber abbringen.
    Der wahre Jünger weiß auch, dass solche Versuchungen dahin führen können, dass der Teufel einen Ansatzpunkt im eigenen Leben findet, um böse Begierden zu wecken. Gerade äußerer Druck kann dazu führen, dass ein Jünger nach und nach schwach wird und dazu kommt, Böses zu tun. Daher sehnt sich der Jünger danach, vor Versuchungen bewahrt und von dem Bösen, der jede Prüfung benutzen möchte, um den Gläubigen zu Fall zu bringen (man lese die ersten beiden Kapitel des Buches Hiob) errettet zu werden. Der Jünger will nicht sündigen.
    Dieses Böse, von dem der Herr hier spricht, bezieht sich aber nicht allein auf den Bösen, auf Satan, den Urheber des Bösen und den Vater der Lüge, vielleicht nicht einmal in erster Linie. Es kann sich auf alle Art des Bösen und Verderblichen beziehen, das in unserem Leben zutage treten kann. Das Böse umgibt uns wie die Luft! Von diesem Bösen wünscht ein wahrer Jünger, errettet und bewahrt zu werden.
Eine Zusatzerklärung und Betonung

Es ist interessant, dass sich die Verse 14 und 15 noch einmal auf die in Vers 12 genannte fünfte Bitte der Jünger an ihren Vater zurückbeziehen. Diese beiden Verse verdeutlichen, dass es eine Voraussetzung für die Vergebung gibt, welche die Jünger erbitten. Denn nur, wenn die Jünger die Vergehungen anderer vergeben, werden sie die Vergebung ihres Vaters erfahren können. Wenn sie jedoch nicht bereit sind zu vergeben, sollten sie nicht erwarten, selbst Vergebung zu erhalten. Das passt einfach nicht zusammen.

Viele Theologen und Abschreiber waren offenbar mit diesen Zusatzerklärungen als Abschluss des Gebets nicht zufrieden. Deshalb haben sie einen – aus ihrer Sicht passenden – Schlussteil erfunden, den sie an das Ende des „Vaterunser“ gesetzt haben: „Denn Dein ist das Reich, die Macht (Kraft) und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Tatsächlich ist dieses Gebet dadurch zu einem Sprechgebet gemacht worden. Das war offensichtlich nicht die Absicht Gottes – daher hat Er diesen Bitten keinen Schlusslobgesang, keine sogenannte Doxologie, hinzugefügt.

Ein Vergleich des „Vaterunser“ in Matthäus 6 und in Lukas 11

Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass es Matthäus besonders darum geht, die verschiedenen Haushaltungen bzw. Zeiten bestimmter Handlungsweisen Gottes mit den Menschen voneinander zu unterscheiden. In diesem Sinn haben wir das „Vaterunser“ betrachtet. Matthäus zeigt auch den König-Jahwe, der das Gesetz auslegt und dessen tieferen Sinn anzeigt. Darüber hinaus beschreibt er, wie Christus den Vater mehr und mehr offenbart und seine Jünger mit Ihm in Beziehung bringt. Wie ganz anders sprach und lehrte der Herr Jesus als die religiösen Führer und gesetzlichen Lehrer.

Lukas dagegen zeigt mehr, wie der Herr Jesus den Bedürfnissen der Menschen – Heiden und Juden gleichermaßen – begegnet und Hilfe schenkt. Nur hier finden wir die Szene mit der großen Sünderin, dem barmherzigen Samariter, dem verlorenen Sohn, dem reichen Mann und Lazarus usw. Alle diese Begebenheiten verdeutlichen, wie sich Gott dem Einzelnen zuwendet, wenn dieser mit einem aufrichtigen Bekenntnis zu Gott kommt. Nationale Grenzen spielen hier keine Rolle. In Kapitel 11, wo wir Teile des „Vaterunser“ finden, wird die Wichtigkeit des Gebets vorgestellt.

Wir lesen im Lukasevangelium vierzehn Mal, dass der Herr Jesus betete. Insofern ist es sehr passend, dass es eins seiner Gebete war, das die Jünger dazu veranlasste, um Belehrung über das Gebet zu bitten. In Lukas 10 hebt der Herr die Wichtigkeit des Wortes Gottes hervor. In Kapitel 11 finden wir das „Vaterunser“. Dort zeigt Er uns, dass das Wort Gottes nur durch Gebet in der richtigen Weise aufgenommen werden kann. Das ist die „moralische Belehrung“, die wir in Lukas finden.

Bei Lukas fehlt der Zusatz in der Anrede des Vaters, „der du bist in den Himmeln“. In „seinem“ Evangelium geht es dem Geist Gottes nicht um die mit den Regierungsepochen zusammenhängende Fragestellung von Matthäus. Es fehlt auch die dritte Bitte, „dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde“. Matthäus richtet sein Evangelium an Juden. Für sie war die Frage des Erbes der Erde aufgrund ihrer jüdischen Abstammung von größter Bedeutung. Auch der himmlische Segen war durch Abraham wichtig, dem Nachkommen wie die Sterne des Himmels verheißen worden waren (1. Mo 15,5; 22,17; vgl. auch Gal 3,16.29). Die Verbindung von Himmel und Erde war im Blick auf das angekündigte Königreich Christi von großer Bedeutung. Damit konnten jedoch die Griechen und die Heiden, an die sich Lukas wendet, nicht viel anfangen. Daher lässt der Geist Gottes diese Bitte bei Lukas aus. Die Gläubigen aus den Nationen hatten eine himmlische Hoffnung, keine irdische.

Im Lukasevangelium heißt die Bitte um das Brot: „Unser nötiges Brot gib uns täglich“, während Matthäus die Bitte wiedergibt mit: „Unser nötiges Brot gib uns heute.“ Die Jünger, an die sich der Herr im Matthäusevangelium richtete, sind hier ein Vorbild des kommenden Überrestes. Dieser wird in solch furchtbaren Drangsalen leben (Mt 24,5–22), dass sie nicht weiter sehen können als bis zu dem jeweiligen „heute“. Es wird darum gehen, an dem jeweiligen Tag die „nötige“ Nahrung zu erhalten. Das macht der letzte Abschnitt des Kapitels deutlich, wenn irdische Sorgen behandelt werden. Die Nationen aber sollen vor allen Dingen von dem Herrn lernen, der in einem ständigen, sozusagen täglichen Abhängigkeitsverhältnis zu seinem himmlischen Vater gelebt hat.

Auffallend ist bei der fünften Bitte, dass Matthäus von Schulden spricht, Lukas dagegen von Sünden. Ohne dieses Thema der Opfer, wie sie in den Evangelien zu sehen sind, im Einzelnen zu behandeln, erklärt sich dieser Unterschied dadurch, dass Matthäus besonders das Werk des Herrn als Schuldopfer vorstellt. Immer wieder geht es darum, dass Menschen Schuld auf sich geladen haben. Lukas dagegen, der immer moralische Zusammenhänge aufzeigt und besonders auch das Herz des Menschen offenbart, nennt die Sache nach ihrem tatsächlichen Ursprung: Sünde.

Bei der letzten Bitte beschränkt sich Lukas wieder auf sein durchgehendes Thema, den moralischen Kern einer Sache: Das ist in diesem Fall die Versuchung. Matthäus dagegen spricht auch von demjenigen, der sich in besonderer Weise gegen die Juden und das Volk Israel wendet, dem Bösen, Satan (vgl. Sach 3,1.2).

Der Christ und das „Vaterunser“

Kommen wir abschließend noch zu der Frage: Was können wir Christen nun mit dem „Vaterunser“ anfangen? Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus dieses Gebet nicht für Christen vorgesehen hat. Es entspricht nicht unserer christlichen Stellung und auch nicht unserer innigen Beziehung zum Vater und seinem Sohn. Als Erlöste der Gnadenzeit wohnen wir in Christus in den himmlischen Örtern und haben freien Zugang zu dem Vater. Wir kennen eine vollbrachte Erlösung und besitzen den Heiligen Geist als in uns wohnende göttliche Person. Daher können wir Gott in Geist und Wahrheit anbeten.

Das aber heißt nicht, dass wir als Christen nicht Nutzen aus diesem Gebet ziehen können, das der Herr seinen Jüngern damals vorstellte. Denn der Hintergrund der einzelnen Bitten zeigt, dass sie auch für uns bedeutsam sind, die wir eine ganz andere Stellung besitzen. So wollen wir sie uns kurz mit dieser Blickrichtung ansehen. Aus dieser Beschäftigung lernen wir, dankbarer zu sein für das, was Gott uns in Christus geschenkt hat. Und wir sehen zugleich, dass diese Bitten, wenn wir sie auch nicht so aussprechen, doch lehrreich für unsere eigenen, christlichen Gebete sind.

Wenn wir die Anrede sehen, so wissen wir, dass Gott auch für uns „Vater“ ist (vgl. Gal 4,6). Wir stehen sogar in einer innigeren Beziehung zu Ihm als die Jünger damals. Da der Christ selbst in und mit Christus in den himmlischen Örtern sein Zuhause hat (Eph 2,6), wird er den Vater nicht etwa distanziert ansprechen. Dieser Abstand wird nämlich durch den Zusatz, „der in den Himmeln ist“, deutlich. Nein. Gott ist für jeden Erlösten heute ganz persönlich der Vater, zu dem er jederzeit und vertrauensvoll kommen kann. Wir kommen zu einem Vater, der ganz nah ist und nicht fern „in den Himmeln“. Aber es bleibt dennoch wahr: Wir sind als Gläubige noch auf dieser Erde, so dass wir es gleichzeitig mit einem Vater zu tun haben, der in den Himmeln ist.

Wie wichtig ist es für uns, dass wir, was an uns liegt, alles daran setzen, dass sein Name geheiligt wird! Alles, was im Widerspruch zu seiner Heiligkeit steht, sollten wir aus unserem Leben wegtun. Deshalb ist es auch unsere Bitte, dass sein Name heute schon im Leben der Gläubigen praktisch geheiligt wird. Ebenso freuen wir uns darauf, dass das Reich des Vaters kommen wird. Natürlich – wir warten darauf, dass Christus wiederkommt, um uns in den Himmel zu holen. Das ist unsere christliche Hoffnung. Aber lieben wir nicht ebenso seine Erscheinung (2. Tim 4,8)? Damit beginnt dieses Königreich, das wir herbeisehnen, denn dann wird Christus, der auf dieser Erde so geschmäht und verachtet und sogar ans Fluchholz gebracht wurde, endlich vor den Augen aller Menschen erhöht werden.

Ist es nicht auch unser Wunsch, dass nicht nur im Himmel, sondern auch auf dieser Erde der Wille des Vaters getan wird? Wir freuen uns auf den Augenblick, wenn das Wirklichkeit wird. In unserem Leben sollte es unser ständiges Anliegen sein, dass durch uns kein anderer als der Wille unseres himmlischen Vaters getan wird.

Ebenso dürfen wir Ihn um unsere tägliche Nahrung bitten. Es ist wahr, dass wir dafür selbst arbeiten sollen, wie uns Paulus in seinen Briefen an die Thessalonicher belehrt. Dennoch bleibt bestehen, dass es letztlich Nahrung ist, die uns von unserem Vater, von dem jede gute Gabe kommt (Jak 1,17), geschenkt wird. Deshalb sprechen wir vor jedem Essen eine Danksagung. Das ist keine Formel, aber doch das Bewusstsein, dass auch das tägliche Brot von Gott kommt – gerade heute.

Leider kommt es in unserem Leben so häufig vor, dass wir sündigen. Dann bekennen wir in Übereinstimmung mit 1. Johannes 1,9 unsere Sünden und erhalten die Vergebung unseres himmlischen Vaters. Hier geht es nicht um die ewige Vergebung unserer Sündenschuld, sondern um eine Vergebung, die mit Gottes Regierungshandeln zu tun hat. Es geht darum, dass Er Gläubigen im Blick auf ihr Glaubensleben auf dieser Erde Sünden vergibt. Das ist nötig, damit wir mit Ihm wieder neu freudige Gemeinschaft genießen können. Wie schon gesagt, hat diese Vergebung nichts mit unserem ewigen Heil zu tun.

Die Sündenvergebung, durch die ein Mensch in den Himmel kommt, wird ein für alle Mal bei der Bekehrung geschenkt und gilt für „alle Ungerechtigkeit“, alle Sünden. Die väterliche Sündenvergebung dagegen hat mit dem täglichen Leben eines Christen zu tun. Wenn wir nicht bereit sind, unserem Bruder oder unserer Schwester das zu vergeben, was sie gegen uns getan haben (vgl. Eph 4,32), meinen wir dann wirklich, dass unser Vater uns in einer solch bösen Haltung segnen und unsere Schuld vergeben kann?

Aus diesem Vers lernen wir auch, wie wichtig es ist, Selbstgericht zu üben. Wir sollen uns immer wieder vor dem Vater prüfen, ob unsere Lebensführung, unsere Taten, Worte, Gedanken und Beweggründe vor seinem heiligen Auge standhalten können. Nur die ständige Gemeinschaft mit unserem Vater, das Bewusstsein eines Lebens in seiner Gegenwart, wird uns zeigen, was wir Ihm bekennen müssen. Und das sollten wir dann auch tun!

In diesem Punkt liegt auch noch ein bedeutsamer Unterschied zwischen dem „Vaterunser“ und unserer Beziehung zu Gott, unserem Vater. Die Jünger damals sollten um Vergebung ihrer Schuld und Sünden bitten. Im Blick auf den Christen dagegen lesen wir nirgends von einer Bitte um Vergebung. Für uns gilt, unsere Schuld zu bekennen (vgl. 1. Joh 1,9).

Schließlich dürfen wir unseren Vater darum bitten, uns in Prüfungen zu bewahren. Wir wissen, wie leicht wir darin straucheln und unser Glaube schwach wird. Gerade wenn es Satan ist, der gegen uns anrennt und Prüfung um Prüfung bringen möchte, bitten wir darum, aus seinen Schlingen errettet zu werden. Kein Christ wird darum bitten, in Prüfungen zu kommen – das wäre eine sehr gefährliche Bitte. Nein, wir sollen mit der Hilfe des Herrn in Prüfungen ausharren und sind dankbar, wenn der Herr uns von dem Bösen errettet.

Verse 16–18: Praktische Gerechtigkeit gegenüber uns selbst: das Fasten

„Wenn ihr aber fastet, so seht nicht düster aus wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, damit sie den Menschen als Fastende erscheinen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dir das Gesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 16–18).

In den Versen 16–18 spricht der Herr Jesus von der praktischen Gerechtigkeit, die wir in Bezug auf uns selbst üben sollen. Das zentrale Beispiel, das gerade für Juden besondere Bedeutung hat, ist das Fasten.

Man mag zunächst die Frage stellen, inwiefern das Fasten ein Ausdruck praktischer Gerechtigkeit ist. Fasten wird mehrfach mit Gebet verbunden (vgl. 2. Sam 12,23; Ps 35,13; Dan 9,3.4; Mt 17,21; Lk 2,37; Apg 14,23; u. a.). Das Fasten, also der Verzicht auf Speise und teilweise auf das Trinken (vgl. 5. Mo 9,9; Apg 9,9) dient der völligen Konzentration auf das Gebet, auf das Reden mit Gott. Dass das richtige Beten eine Art der praktischen Gerechtigkeit ist, braucht nicht weiter erläutert zu werden.

Dann finden wir Fasten oft in Verbindung mit Reue, Buße und Umkehr (Jes 58,6; Joel 1,14; 2,12; Jona 3,5) – auch ein Zeichen praktischer Gerechtigkeit. Dabei ist Fasten immer eine Art Beigabe zu dem eigentlichen Ziel, das jemand verfolgt, sei es das Flehen für etwas, die Buße, die Trauer (z. B. bei Esther). Fasten geht Hand in Hand mit einer persönlichen oder gemeinsamen Demütigung vor Gott. Es ist der äußerlich sichtbare Ausdruck einer tiefen inneren Beugung.

Wie schon im Fall der Ausübung von Wohltätigkeit und des Gebets stellt der Herr Jesus den Jüngern das verkehrte Beispiel der Heuchler vor. Es gibt also auch ein falsches Fasten. Daniel, Esther, Mordokai, David und Anna fasteten in einer demütigen Haltung vor ihrem Gott. Die Heuchler dagegen wollen den Menschen und nicht Gott als Fastende erscheinen. Christus muss ihnen sagen, dass sie damit ihren Lohn schon empfangen. Sie erhalten ihn nämlich dadurch, dass Menschen ihnen für ihr Fasten Achtung und Anerkennung entgegenbringen.

Ein solches öffentliches Fasten steht jedoch im Gegensatz zu seinem eigentlichen Ziel. Der Herr möchte, dass wir, wenn wir auf äußere Genüsse verzichten, es nur mit dem Ziel tun, uns ganz Gott zu widmen – und nicht, um den Menschen eine „schein-heilige“ Gesinnung vorzuspielen. Beim wahren Fasten will der Fastende sich nicht ablenken lassen, sondern allein vor und mit seinem Gott sein. Das aber soll nicht zu einem frommen Getue werden, sondern im Verborgenen geschehen vor dem Vater, der im Verborgenen ist. Manchmal mag man es nicht verhindern können, dass es auch andere mitbekommen – vielleicht in der Familie, vielleicht darüber hinaus. Aber der Jünger soll alles versuchen, nicht vor Menschen als Fastender zu erscheinen. Sie sollen bei ihm einfach eine „normale“ Lebensführung wahrnehmen.

In Jesaja 58 weist Gott durch seinen Propheten noch auf eine weitere Art falschen Fastens hin. „Rufe aus voller Kehle, halte nicht zurück! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune, und tu meinem Volk seine Übertretung kund und dem Haus Jakob seine Sünden! Und doch fragen sie nach mir Tag für Tag und begehren, meine Wege zu kennen; wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat, fordern sie von mir Gerichte der Gerechtigkeit, begehren die Nähe Gottes. ‚Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen, unsere Seelen kasteit, und du hast es nicht gemerkt?‘ Siehe, am Tag eures Fastens geht ihr euren Geschäften nach und drängt alle eure Arbeiter. Siehe, zu Streit und Zank fastet ihr, und um zu schlagen mit boshafter Faust. Heutzutage fastet ihr nicht, um eure Stimme hören zu lassen in der Höhe. Ist dergleichen ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem der Mensch seine Seele kasteit? Seinen Kopf zu beugen wie eine Binse, und Sacktuch und Asche unter sich zu betten, nennst du das ein Fasten und einen dem Herrn wohlgefälligen Tag? Ist nicht dies ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: die Schlingen der Bosheit zu lösen, die Knoten des Joches loszumachen und gewalttätig Behandelte als Freie zu entlassen und dass ihr jedes Joch zersprengt? Besteht es nicht darin, dein Brot dem Hungrigen zu brechen, und dass du verfolgte Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und dich deinem Nächsten nicht entziehst? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell sprossen; und deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des Herrn wird deine Nachhut sein“ (Jes 58,1–8).

Diese Verse zeigen, dass es ein Fasten geben kann, das zwar nicht vor Menschen, sondern vor Gott geschieht, zu dem Gott aber dennoch seinen Segen nicht geben kann. Das Fasten, von dem der Prophet spricht, war nur ein rein äußerliches Fasten. Wenn jemand zugleich die Arbeiter bedrängt und sich mit anderen streitet, so ist dessen Fasten nichts als Heuchelei. In seinem Herzen fehlt eine Haltung der Demütigung und Umkehr.

Es ist auch interessant zu sehen, dass Gott dieses Fasten direkt in Verbindung mit dem Üben von praktischer Gerechtigkeit bringt. Er sagt in diesen Versen gewissermaßen, dass das Fasten sogar dem Üben von Gerechtigkeit gleichkommt. Gott erkennt das Fasten nur dann an, wenn es auch im Leben Früchte praktischer Gerechtigkeit hervorbringt: Hungrigen Brot geben, Elenden helfen, usw. Das war damals so und hat sich auch heute nicht geändert.

Der Christ und das Fasten

Es wird manchmal die Frage gestellt, inwiefern wir Christen mit dem Fasten zu tun haben. Zunächst ist wichtig, noch einmal festzuhalten, dass die Bergpredigt jüdischen Charakter trägt. Christus wendet sich zunächst an Jünger mit jüdischer Abstammung. Soweit ich das erkennen kann, wird Fasten in der Bibel in erster Linie mit Juden verbunden. Allerdings lesen wir im Propheten Jona, dass dort auch Heiden fasteten. Zudem wissen wir, dass sich Fasten in allen antiken Religionen findet.

Wenn man nun ins Neue Testament schaut, so fällt auf, dass wir in den Briefen an keiner Stelle zum Fasten aufgefordert werden. Das ist im Alten Testament anders (vgl. 1. Kön 21,9; Joel 1,14; 2,15). In 2. Korinther 6,5 und in 2. Korinther 11,27 spricht Paulus davon, dass er selbst oft gefastet hat. Er war jüdischer Abstammung. Auch Apostelgeschichte 14,23, wo es um die Erwählung von Ältesten geht, müssen wir in diese Kategorie einordnen. Zudem ist es bezeichnend, dass wir in dem Evangelium für die Nationen – im Lukasevangelium – zwar vier Erwähnungen von Fasten finden, der Herr Jesus jedoch an keiner Stelle dazu auffordert. Allerdings finden wir in Apostelgeschichte 13,1.2 Gläubige aus den Nationen, die gefastet haben. Möglicherweise handelt es sich bei ihnen um Proselyten, also um Heiden, die ursprünglich zum jüdischen Glauben übergetreten waren. Aber Gottes Wort sagt dazu nichts.

Wir müssen also sehr vorsichtig sein, das Fasten allgemein als eine christliche Übung zu bezeichnen. Heißt das nun, dass Christen nicht fasten dürfen? Fasten ist das Ergebnis einer persönlichen oder gemeinsamen Demütigung vor Gott, kommt also aus einem persönlichen Empfinden des Einzelnen oder einer Gruppe von Personen. Ein Verbot auszusprechen ginge somit in eine völlig falsche Richtung. Der dem Fasten zugrunde liegende Gedanke, auf menschliche, irdische Annehmlichkeiten zu verzichten, um im Gebet, in Trauer oder in Umkehr vor dem Vater zu sein, ist biblisch. Wir finden im übertragenen Sinn einen schönen Hinweis in 1. Korinther 7,5 für Eheleute: sich für eine Zeit zu enthalten. Wir wissen auch aus den Schriften von Gläubigen, die der Herr Jesus im 19. Jahrhundert in der Erweckungszeit benutzen konnte, dass dort Fasten durchaus eine Rolle spielte. Manche Klarheit über Gottes Wort und die biblische Lehre, die zum Teil über viele Jahrhunderte unbekannt war, schenkte Gott im Anschluss an Fastenzeiten. Jemand hat einmal gesagt: Fasten ist der freiwillige Verzicht auf Dinge, die an sich gut und nützlich sind. Für die heutige Zeit sei noch ein Beispiel genannt: Der Verzicht auf 30 Minuten Geschäftigkeit, Freizeitbeschäftigung oder Schlaf, um das Wort Gottes zu lesen und zu beten, führt zu einem großen geistlichen Gewinn.

Warum aber werden wir nicht zum Fasten aufgefordert? Vielleicht liegt ein Grund darin, dass Gott in unseren Herzen Wahrhaftigkeit sucht. Es besteht die Gefahr, dass man meint, Gott durch eine solche äußerliche Handlung etwas abringen zu können. Das aber wäre eine gesetzliche Haltung und dem Gedanken Gottes völlig zuwider.

Das aber heißt nicht, dass echtes Fasten nicht wertvoll sein kann. Wenn wir als Christen mehr durch Gottesfurcht geprägt wären, empfänden wir unseren traurigen geistlichen Zustand viel stärker. Das würde uns zu einer Haltung des Gebets und Fastens führen. Vielleicht würden wir auf diese Weise manches Mal davor bewahrt, uns in den irdischen Dingen zu verlieren. Nicht von ungefähr ist genau dies das Thema der nächsten Verse.

5. Die Lebensausrichtung des Jüngers: Herz, Auge, Mammon (V. 19–24)

In den nächsten sechs Versen lesen wir von der Lebensausrichtung, die von einem Jünger erwartet wird. Die Schilderung ist sehr abstrakt und gleicht einer „Schwarz-Weiß-Gegenüberstellung“. So bleibt es immer bei einem Entweder-oder. Einen kompromissfähigen Mittelweg gibt es nicht. Das Herz kann entweder am Himmel oder an der Erde hängen. Das Auge kann entweder licht oder finster sein. Man kann entweder dem Mammon oder dem Vater im Himmel dienen.

Aus unserer Lebenspraxis wissen wir zwar, dass es viele Schattierungen zwischen diesen beiden jeweiligen Polen geben kann. Wenn wir jedoch die Grundsätze des Königreichs der Himmel wirklich lernen und verwirklichen wollen, müssen wir uns das Ideal ansehen. Unser Meister ist erst zufrieden, wenn der Jünger sich für den Himmel entschieden hat.

Verse 19–21: Das Herz des Jüngers: Himmel oder Erde

„Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstören und wo Diebe nicht einbrechen und nicht stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Verse 19–21).

Die wichtige Belehrung dieser drei Verse ist diese: Der Jünger des Herrn Jesus kann zwei Ziele in seinem Leben verfolgen: Entweder hängt er an den irdischen oder an den himmlischen Dingen. In dem natürlichen Menschen gibt es nur den Hang, irdischen Schätzen nachzujagen. Aber auch ein Jünger, ein Gläubiger, kann diese Neigung haben, so dass die irdischen Dinge sein Ein und Alles sind.

Eigentlich sollte die Tatsache, dass er eine Beziehung zu dem Vater hat, der im Himmel ist, diese Frage eindeutig klären. Aber wir sehen in unserem eigenen Leben, dass man auf zwei Seiten hinken kann. Wir wissen zwar, dass nur die himmlischen Dinge es wert sind, sich nach ihnen auszustrecken. Die irdischen Reichtümer üben allerdings eine solche Anziehungskraft aus, dass wir uns ihnen oft nicht entziehen können oder wollen.

Der Herr Jesus zeigt die Vergänglichkeit der Schätze der Erde. Er leugnet nicht, dass sie in den Augen des Menschen „Schätze“ sein können. Die Erde hat manches zu bieten. Tatsächlich – das haben wir schon in Verbindung mit dem Salz der Erde in Kapitel 5 gesehen – sind irdische Dinge nicht per se böse. Aber zumindest haben sie einen „Schatten“: Christus ist nicht in ihnen! Dann, wenn irdische „Schätze“ unsere Herzen gefangen nehmen, können Dinge wie der Beruf, Ehe und Familie, unser Haus, unser Auto, die Musik, äußere Schönheit, Hobbys usw. zu „Welt“ werden. Natürlich sollen wir arbeiten und dürfen wir Gott danken für einen Ehepartner und eine Familie, die Er uns schenkt. Wenn wir diese aber von Ihm loslösen und unser Lebensziel allein auf sie beschränken und in diesen Bereichen nicht für den Herrn „leben“, sind sie zu irdischen Schätzen geworden. Dann gehören auch sie zu den Bereichen, die letztlich durch Satan, den Fürsten dieser Welt, geprägt sind.

Irdische Dinge haben alle eine gemeinsame Eigenschaft: Sie sind vergänglich. Schätze auf der Erde werden die Zeit nicht überdauern. Es gibt Lebewesen, die beschädigen: Der Herr Jesus nennt das Beispiel der Motte, die Kleidung und andere Dinge zerstört. Aber auch Rost, Feuchtigkeit usw. sind in der Lage, kostbare Dinge zu zerstören. Außerdem gibt es noch Menschen, die stehlen – und der ganze Reichtum ist dahin.

Es ist seltsam, dass der Mensch zwar die Vergänglichkeit irdischer Dinge kennt, aber trotzdem seine Hoffnung gerade auf diese vergänglichen Werte setzt. Ob wir Gläubigen hier eine Ausnahme bilden? Uns ist bekannt, dass das Unsichtbare bleibend ist. Dennoch hängen wir so sehr an dem Materiellen! Diese Verse sprechen daher direkt in unser tägliches Leben hinein.

An anderer Stelle wird ermahnt, nicht reich werden zu wollen. Es wird niemand kritisiert, der reich ist, auch wenn man nüchtern erkennen muss, dass wenige ohne eigenes Zutun reich geworden sind. Aber die Haltung, reich werden zu wollen, passt nicht zu einem Jünger. Sie führt, wie Paulus deutlich macht, zu jeder Form des Bösen (vgl. 1. Tim 6,9.10). Das Reichwerden ist kein Aufgabenfeld für Jünger des Herrn.

Die richtige Lebensausrichtung

Der Jünger sollte eine andere Lebensausrichtung haben. Sein Blick sollte immer auf den Himmel gerichtet sein. Dort ist sein Vater, der ihm alles gibt, was er nötig hat. Wir dürfen als Christen hinzufügen, dort ist unser Retter und Herr, der unsere Herzen ganz ausfüllen möchte. Wenn unser Schatz im Himmel ist, dann verfügen wir über Reichtum, der nicht zerstört und beschädigt und gestohlen werden kann.

Aber die richtige Lebensausrichtung bedarf der Energie. Man muss die Schätze schon sammeln. Ohne die richtige Motivation, das Wollen, ist es nicht möglich. Ohne echte Aktivität ist es aber ebenfalls nicht möglich. Schätze sammeln kostet Zeit und Energie. Die Mitmenschen und vielleicht sogar Mitgläubige mögen eine himmlische Gesinnung spottend kommentieren. Aber davon wollen wir uns nicht abhalten lassen. Wir wollen fleißig sein, das Bessere zu sammeln. Hier finden wir im Übrigen – im Unterschied zum Fasten – die Aufforderung, etwas zu tun: Sammelt! Wer so sammelt, muss auch verzichten können – verzichten auf irdische Schätze. Dazu muss man bereit sein. Nach und nach aber weiß der Jünger aus Erfahrung, dass es sich lohnt.

Alles das, was wir auf der Erde besitzen dürfen, ist uns nur anvertraut worden. Es kann uns morgen wieder weggenommen werden. Ein Wasserschaden, ein Feuer, ein Einbruch, eine Motte – und es war einmal. Das, was wir im Himmel besitzen, wird nie verloren gehen.

Unser Schatz – Christus im Himmel

„Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ Das ist die Schlussfolgerung. Der Herr sagt nicht: Dort muss auch dein Herz sein. Nein, es ist eine unausweichliche Konsequenz: Dort, wo der Schatz eines Jüngers ist, da ist automatisch sein Herz. Das, was unser Herz erfüllt, daran hängen wir, das lieben wir. Das, was wir lieben, ist unser Schatz. Ist Christus unser echter Schatz? Wenn dies so ist, wird unser Herz, unsere Zuneigung, unser Ziel, unser Leben auf den Himmel ausgerichtet sein – denn dort ist Er. Dazu möchte Christus seine Jünger führen. Nur so verfolgen sie das richtige Ziel. Ob wir dem Herrn Jesus ermöglichen, unser Herz zu erfüllen?

In diesem Zusammenhang kann man an zwei Stellen in den Briefen denken, die sich an uns Christen richten:

  • „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kol 3,1–3).
  • „Indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das, was man sieht, ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht, ewig“ (2. Kor 4,18).
Himmlische Schätze – Verzicht auf der Erde

Im Sinne der Bergpredigt und der damaligen Belehrungen Jesu, die noch nicht die neutestamentliche, christliche Wahrheit beinhalten, können wir auch an das Wort in Matthäus 19,21 denken: „Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib sie den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach!“ Die Bereitschaft, die finanziellen Mittel, die man besitzt, um des Herrn willen für andere zu geben, offenbart, dass man einen anderen, einen wertvolleren Schatz besitzt. Und dadurch sammelt man „Kapital“ im Himmel. Der Vater wird uns dafür reichlich belohnen.

In die gleiche Richtung geht die Belehrung an die Reichen in 1. Timotheus 6,17–19. Der Apostel ermahnt sie, nicht auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern freigebig und mitteilsam zu sein und auf Gott zu vertrauen. Dadurch „sammeln sie sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben ergreifen.“

Himmlische Schätze für jüdische Gläubige

Wir dürfen an dieser Stelle jedoch nicht übersehen, dass auch dieser Abschnitt eine besondere Bewandtnis für Juden hat. Ihr Ziel und ihre Ausrichtung war seit jeher in starkem Maß die Erde. Die Verheißungen betrafen die Erde, die Hoffnung, die sie besaßen, bezog sich auf die Erde, das Leben, das sie erben würden, sollte auf dieser Erde sein. Jetzt aber macht der Herr Jesus ihnen klar: Nicht die Erde, sondern der Himmel ist der wahre Zielpunkt eures Lebens (vgl. beispielsweise Ps 73,25).

Die Jünger mussten lernen, dass es himmlische Dinge gab, auf die sich das Herz von nun an richten sollte. Die Erde war der Vergänglichkeit unterworfen, der Himmel nicht. Dort liegen die eigentlichen Segnungen, die der Vater Menschen geben möchte, die seine Jünger sind. Das unterstreicht Petrus in seinem ersten Brief: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergezeugt hat ... zu einem unverweslichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch“ (1. Pet 1,3.4).

Verse 22.23: Das Auge des Jüngers: licht oder finster

„Die Lampe des Leibes ist das Auge; wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis!“ (Verse 22.23).

In den drei vorangegangenen Versen ging es um unsere innere Gesinnung und Haltung. Jetzt geht es um unser Auge – das ist ein äußeres Organ. Aber es steht in diesen Versen für das Einfallstor des Herzens. Wie in den Versen 19–21 eine Richtung von innen nach außen zu erkennen ist, verhält es sich jetzt genau umgekehrt: von außen (dem Auge des Körpers) nach innen (der ganze Leib – der ganze Mensch, auch in seinem Innern). Mit welchen Gedanken, Bewertungen und Schlussfolgerungen schauen wir die Dinge an, die uns umgeben?

Man könnte auch sagen, dass der Meister in diesem, dem vorherigen und dem nächsten Abschnitt tiefer und tiefer in die Motive des Jüngers eindringt. Zunächst fragt Er den Jünger, worauf sein Auge gerichtet ist: auf die Erde oder auf den Himmel? Im zweiten Abschnitt führt Er uns vor Augen, warum wir uns auf das eine oder das andere konzentrieren: Es ist eine Frage, mit was für einem Blick – Auge – wir die uns umgebenden Dinge bewerten. Man könnte auch sagen, dass diese Verse zeigen, was die Voraussetzung dafür ist, dass man den Blick für die Erde verliert und den für den Himmel gewinnt. Schließlich fragt der Herr im dritten Abschnitt, wem der Jünger eigentlich wirklich dienen will: Gott, oder dem Mammon, dem Geld. Wer soll der Meister sein, auf den das Auge sieht, um die richtige Lebensausrichtung zu bekommen. Es geht jetzt um persönliche Zuneigungen, um die Liebe zu Gott, dem Herrn.

Der Herr Jesus bedient sich in diesen Versen eines Vergleichs. Er sagt, dass die Lampe des Leibes das Auge ist. Durch das Auge kann der Leib, der Mensch, sehen. Der Leib steht hier für das Sein und Handeln des Menschen. Entweder sehen wir auf das Helle, auf das Licht, dann geht es dem Körper gut, und wir führen ein Leben zur Ehre Gottes. Oder wir sehen auf das Finstere, dann wird auch der Leib finster sein und nichts sehen können. Er wird einen Irrweg gehen.

Dadurch, dass das Auge geöffnet ist und eine Sache anschaut, fällt Licht ein, und man kann sehen. Nur das Auge ist hierfür geeignet, deswegen sagt der Herr: „Die Lampe des Leibes ist das Auge.“ Es reicht aber nicht, Augen zu haben. Man muss sie auch richtig und zielgerichtet benutzen. Wie oft sind wir mit geöffneten Augen gegen einen Laternenpfahl oder eine Tür gelaufen. Warum? Zwar waren unsere Augen geöffnet, aber wir haben nicht auf unseren Weg bzw. unser Ziel geschaut, sondern auf andere Dinge um uns herum.

Dieses einfache Bild überträgt der Meister auf das „geistliche Auge“ der Jünger. Es geht gewissermaßen um die Augen des Herzens, von denen der Apostel Paulus spricht (Eph 1,18). Die Frage, um die es dem Herrn hier geht, ist: Was ist das Verlangen, was sind die Absichten, Wünsche und Ziele unseres Herzens?

Der Herr zeigt zwei Möglichkeiten auf, wie sie sehen können: einfältig oder böse. Er spricht also von einem moralischen Urteil des Herzensauges. Entweder sieht ein Jünger mit bösen Augen. Das heißt, er freut sich über das, was nicht den Charakter von Licht, was nicht Christus, was nicht den Vater zum Gegenstand hat. Oder aber ein Jünger sieht mit einfältigem Auge. Das tut er, wenn er nichts anderes als Christus vor seinen moralischen Augen hat; so nimmt er das Licht in sich auf. Dann ist nichts Falsches, in ihm, sein Auge ist „einfältig“.

Dieser Ausdruck hat an dieser Stelle nichts mit Dummheit oder dergleichen zu tun. Einfalt des Herzens bedeutet, ohne falsche Motive, aufrichtig und gottesfürchtig zu sein, nur ein Auge für Christus und das Seine zu haben. Der ganze Leib eines solchen Jüngers ist licht, erleuchtet durch die Person Jesu Christi. Jeder Jünger jedoch, dessen Auge nicht einfältig auf Christus gerichtet ist, verfolgt noch andere Ziele für sein Leben. Er lässt sich davon ablenken, Christus zum entscheidenden Kriterium seines Lebens zu machen. Der Einfältige entscheidet sich für das, was von Christus zeugt. Derjenige, dessen Auge nicht einfältig ist, nimmt dagegen das in sich auf, was der Herr Jesus „Finsternis“, nämlich moralisch Böses nennt. Sein ganzer Leib, sein Verhalten, sein Trachten, seine Motive und sein Handeln werden entsprechend von Finsternis geprägt sein.

An dieser Stelle wird nicht weiter über das Licht und die Lichtquelle gesprochen. Aus dem ersten Johannesbrief wissen wir, dass Gott Licht ist (1. Joh 1,5). Der Herr Jesus sagt von sich selbst, dass Er das Licht der Welt ist (Joh 8,12; 9,5).

Auf Christus, das wahre Licht, sehen

Mit anderen Worten: Wenn jemand auf das wahre Licht sieht, auf Christus, wird er nichts anderes als diese Person begehren. Er möchte Christus verherrlichen. Das bedeutet in Bezug auf den Charakter des Matthäusevangeliums, dass ein solcher Jünger den Vater, der in den Himmeln ist, anschaut und Ihn verherrlicht. Daher wird er nach den himmlischen Dingen streben, denn dort sieht er den Schatz für sein Leben. Das wird sein ganzes Wesen erleuchten, so dass er dieses Licht weitergeben kann.

Dieser Gedanke wird besonders von Lukas entwickelt, der die moralische Beurteilung der Dinge beschreibt. Deshalb verbindet er das Leuchten der Lampe auf dem Lampengestell mit dem Auge des Leibes. Ein Mensch kann nur dann leuchten, wenn er das Licht in sich selbst aufgenommen hat (vgl. Lk 11,33–36).

Matthäus geht es mehr um Jüngerschaft. Ein Jünger kann seinem Meister nur dann nachfolgen und praktische Gerechtigkeit üben, wenn seine Lebensausrichtung stimmt und sein Auge für das Licht geschärft ist. Wenn er sich von seiner weltlichen Umgebung anstecken lässt und der alten Natur nachgibt, offenbart er ein böses Auge. Dadurch wird sein Handeln finster, weil sein Blick getrübt ist. Von dem himmlischen Vater ist dann nichts mehr zu erkennen.

Im absoluten Sinn ist es nur bei einem Ungläubigen finster. Das ist niemals wahr für einen wahren Jünger. Aber müssen wir Gläubigen nicht bekennen, dass wir zeitweise, manchmal über lange Strecken unseres Lebens, die Dinge nicht mit einem einfältigen Auge betrachtet haben? Wenn nun das Licht, das wir doch in uns als Kinder des Lichts haben (vgl. Eph 5,8), Finsternis ist, was für eine moralische Kraft muss dann diese Finsternis besitzen und wie greift diese dann sogar in einem Jünger um sich!

Das ewige Licht ist jedem Menschen zugänglich und stellt sich jedem Menschen in den Weg. Wenn es aber die Finsternis in einer Person nicht zu vertreiben vermag, was im Natürlichen gar nicht möglich ist, dann zeigt das die gewaltige Kraft der Finsternis (vgl. Joh 1,5). Wir sollten sie auch als Christen nicht unterschätzen.

Man hört manchmal den aus dem Englischen stammenden Ausdruck: „Licht über eine Sache haben“. Dieses Licht, dieses Verständnis verschwindet sehr schnell, wenn wir nicht mit einem einfältigen, einfachen Auge auf den Meister und den Vater blicken. Dann werden uns die „Schätze“ dieser Erde auf einmal wertvoll. Wir werden einem Herrn dienen, welcher der Gegner Gottes und der Gegner unseres Meisters ist.

Die jüdische Belehrung

Auch diese beiden Verse haben einen direkten Bezug zu dem jüdischen Bereich. Gerade gegenüber dem Volk Israel hatte sich Gott in wunderbarer Weise offenbart. Ihm hatte Er nach Römer 9 viele Segnungen geschenkt. Zuletzt war Er im Sohn (Heb 1,2) zu den Juden gekommen und hatte sein Licht und seine Liebe unter ihnen in vollkommener Weise gezeigt. So war das Licht der Welt wie eine Stadt für sie erkennbar, die oben auf einem Berg liegt und nicht verborgen sein kann (vgl. Mt 5,14).

Was aber haben sie mit dieser Offenbarung Gottes gemacht? Ihr Auge war nicht einfältig, sondern böse. Sie erkannten Christus nicht als Sohn Gottes an, sondern schrieben die Wunder, die Er in der Kraft des Geistes Gottes vollbrachte, dem Teufel zu (vgl. Mt 12,24). Gerade die Führer des Volkes sahen in Ihm nicht die Offenbarung Gottes, sondern einen Konkurrenten. So sahen sie nicht mit einem einfältigen Auge auf Ihn, sondern voller Hass und Eifersucht. Dadurch wurde ihr ganzer Leib finster. Heute befindet sich das Volk daher in Finsternis, und sie erkennen nicht, dass ihr Messias längst gekommen und vor 2000 Jahren am Kreuz gestorben ist, um sie zu erretten (Mt 1,21).

Paulus spricht in einem anderen Bild von diesem Zustand, wenn er schreibt, dass jetzt eine Decke auf ihrem Herzen liegt (2. Kor 3,15). Das aber wird sich ändern. Wenn der gläubige Überrest in künftiger Zeit entstehen wird, indem sie umkehren und ihre Schuld vor Gott bekennen werden (vgl. Jes 53), werden sie im Glauben den anschauen, den sie einst durchbohrt haben (Sach 12,10). Sie werden nur noch Augen für diesen Retter haben, der für sie starb. Und so werden auch sie wieder zu einer Stadt auf dem Berg werden, durch welche die Nationen das Licht sehen können und Gott verherrlichen (vgl. Sach 14,16 ff.).

Vers 24: Der Herr des Jüngers: Gott oder Mammon

„Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Vers 24).

Der letzte Punkt in dieser Dreiergruppe ist die Frage nach der Herrschaft im Leben eines Jüngers und nach seiner Zuneigung. Vielleicht will der Herr an dieser Stelle die Quelle der Lebensausrichtung eines Jüngers aufdecken: himmlisch oder irdisch, einfältig oder böse? Jedenfalls bedingt das eine das andere: Ein Jünger wird Gott gerne dienen, wenn er einfältig auf den Vater sieht und Licht in sich aufnimmt. Andererseits wird er nur dann Licht aufnehmen und sein Leben für bleibende Schätze führen, wenn er von Herzen Gott dienen möchte.

Einem Jünger mag gar nicht bewusst sein, dass seine Entscheidungen offenbaren, ob er dem Mammon oder Gott dienen will. Mammon ist eine aramäische Bezeichnung für Reichtum und Besitz. Es ist bezeichnend, dass der Herr Jesus den Mammon wie eine Person beschreibt. Das Streben nach Reichtum kann einen Menschen regelrecht beherrschen, wie wir in Verbindung mit 1. Timotheus 6 bereits gesehen haben. Die Wurzel dazu besteht in der Begierde, dem Neid und der Habgier.

Auch bei diesem dritten Aspekt der Lebensausrichtung eines Jüngers stellt der Herr Jesus nur ein Entweder-oder vor. Von einem „goldenen Mittelweg“ spricht Er nicht. Dennoch wissen wir aus unserem eigenen Leben, dass es auch hier wieder viele Schattierungen geben kann. Aber der Herr möchte uns die abstrakten Grundsätze zeigen, die das Leben eines Jüngers kennzeichnen sollen. Entweder ist unser Herz im Himmel und bei Gott oder auf der Erde, was früher oder später mitten in die Welt des Reichtums führt.

Wenn ein Jünger die Stellung verwirklichen möchte, die Christus in Kapitel 5 klar bezeichnet hat, kann er nur eine Lebensausrichtung haben: Gott. Es ist interessant, dass erst an dieser Stelle das zweite Mal in der Bergpredigt von „Gott“ die Rede ist. Sonst hat der Herr Jesus meist von dem „Vater“ gesprochen. Hier geht es aber nicht um die Beziehung des Jüngers; hier steht der Gehorsam im Vordergrund. Den leisten wir dem Herrn, das ist Gott. Aber dieser Gehorsam wird mit „lieben“ und „anhangen“ in Verbindung gebracht. Ein Jünger liebt seinen Herrn, denn Gott ist ein gütiger Gott, der das Wohl seiner Knechte sucht. Gleiches sehen wir bei Christus, der nach dem Vorbild in 2. Mose 21 seinen Gott liebte und Ihm deshalb diente.

Die Konsequenz davon, dass man sich dem Reichtum verschrieben hat, ist sehr ernst: Wer in seinem praktischen Verhalten den Mammon, das Geld, den Reichtum und die Ehre in der Welt liebt, der verachtet letztlich Gott. Denken wir an den Vers von Jakobus: „Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak 4,4). Der Mammon ist die Welt. In der abstrakten Sprache Gottes bedeutet das Lieben des Mammons zugleich, Gott zu hassen. Vielleicht können wir aufrichtig sagen, dass unser Leben nicht vom Streben nach Reichtum gekennzeichnet ist. Aber dabei müssen wir bedenken: Wenn diese Haltung uns auch nur in einigen Fällen charakterisiert, gleicht dies zumindest einer teilweisen Verachtung Gottes!

Das Entscheidende für den Jünger ist: Er kann nur einem dieser beiden Herren dienen, entweder Gott oder dem Mammon. Sie schließen einander aus, sind einander entgegengesetzt. Zwei Herren gleichzeitig – im wahrsten Sinne des Wortes – „dienen“ ist unmöglich, sowohl im irdischen als auch im geistlichen Bereich. So sind auch die beiden Herren Gott und Mammon nicht vereinbar. Wer sein Leben auf Geld und Vermögen ausrichtet, schließt Gott als Herrn aus seinem Leben aus. Damit hört er praktischerweise auf, Jünger Christi zu sein.

Diese weitreichende Konsequenz stellt der Herr Jesus seinen Jüngern und damit uns vor. Geld dient unserem Lebensunterhalt. Wenn wir aber anfangen, dem Geld zu dienen, machen wir das Mittel selbst zum Zweck. Das führt zum Schaden für uns und unsere Umgebung. Vergessen wir nicht, dass unsere Kinder und Mitgeschwister zumindest spüren, wie wir mit diesen Dingen umgehen. Und damit üben wir über das Böse, das wir selbst begehen, noch einen schlechten Einfluss auf andere aus.

Die jüdische Belehrung

Auch für die Jünger damals, die ja Juden waren, hatte dieser Vers eine besondere Bedeutung. Im Alten Testament war den Treuen ein reiches irdisches Erbe verheißen worden. Beispielsweise heißt es in dem Segen in 5. Mose 28: „Der Herr wird dir den Segen entbieten in deine Speicher und zu allem Erwerb deiner Hand, und er wird dich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt ... Und der Herr wird dir Überfluss geben an der Frucht deines Leibes und an der Frucht deines Viehs und an der Frucht deines Landes, zum Wohlergehen in dem Land, das der Herr deinen Vätern geschworen hat, dir zu geben“ (Verse 8.11).

Jetzt mussten die Jünger jedoch lernen, dass Reichtum zwar ein Segen Gottes war, dass es Gott aber im tiefsten Sinn überhaupt nicht um äußeren Reichtum geht. Salomo hatte das schon früh verstanden und wurde daher von Gott in besonderem Maß gesegnet (1. Kön 3,11–13). Jetzt aber lernten die Jünger, dass sich das Regierungshandeln Gottes änderte. Äußerer Reichtum versklavte den Menschen nur. Von nun an zeigte der Herr Jesus, dass es auf inneren Reichtum ankam. Den kann nur jemand besitzen, der sich Gott unterwirft, um Ihm mit ganzem Herzen und einfältigem Auge zu dienen.

6. Die Haltung des Jüngers im Reich: Vertrauen zum Vater (V. 25–34)

Der Herr Jesus hat seine Jünger auf die richtige Lebensausrichtung hingewiesen. Jetzt zeigt Er, dass dieser Blickwinkel zum Vertrauen gegenüber dem Vater in den Himmeln führt. Wer den richtigen Blick bewahrt, wird auch die richtige Gesinnung haben und in jeder Situation seines Lebens auf den Vater vertrauen.

Das ist übrigens in Übereinstimmung mit den Erfahrungen, die viele Christen gemacht haben. Paulus dient uns hier als ein gutes Vorbild: „Ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen. Ich weiß sowohl erniedrigt zu sein, als ich weiß, Überfluss zu haben; in jedem und in allem bin ich unterwiesen, sowohl satt zu sein als zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als Mangel zu leiden“ (Phil 4,11.12). Paulus hatte dies gelernt. Es war keine Sache, die er so nebenbei mitgenommen hätte. Man muss sie wirklich durch Erfahrung lernen. Wer ihm nacheifert, wird auch als Jünger im Königreich der Himmel die richtige Haltung des Vertrauens zum Vater zeigen.

Auch dieser Abschnitt der Bergpredigt malt ein Schwarz-Weiß-Bild. Das heißt, er ist sehr absolut und stellt das Ideal dar, damit die Belehrung ganz deutlich wird. Diese Darstellung wird uns auch im siebten Kapitel wieder begegnen. Die Aufforderung, nicht für das Leben besorgt zu sein, mag auf den ersten Blick wie eine Aufforderung wirken, nicht mehr zu arbeiten. Sollen wir also keine Vorsorge treffen und nicht mehr für das äußere Wohl der eigenen Familie sorgen? Nein, das kann nicht gemeint sein! Das wissen wir aus anderen Stellen wie den beiden Thessalonicherbriefen.

Der Herr Jesus ruft seine Jünger in dieser Ansprache auf, ihrem himmlischen Vater zu vertrauen – auch in der täglichen Versorgung. Sie sollen nicht dem Mammon dienen. Sie brauchen das auch nicht, weil sie wissen, dass ihr himmlischer Vater alle Bedürfnisse decken kann. Wenn sie Ihm dienen, wird Er auch für sie sorgen. Wenn Sie dem Meister nachfolgen, koste es, was es wolle, dann werden sie dadurch keinen Nachteil haben. Alles, was sie benötigen, wird ihnen geschenkt werden.

Die jüdische Belehrung

Die Aufforderungen des Herrn Jesus in den vor uns liegenden Versen berücksichtigen einmal mehr den jüdischen Charakter der Jünger. Ihr Meister bereitet sie auf die Missionsaufgaben vor, von denen Er später in diesem Evangelium ausführlicher spricht. Sie würden in der Arbeit für ihren Messias zu jeder Zeit versorgt werden.

Zweifellos haben diese Verse darüber hinaus einen besonderen Bezug zu den gläubigen Juden, die nach der Entrückung der Erlösten (vgl. 1. Thes 4,15 ff.) einen neuen Überrest auf der Erde bilden werden. Nach Matthäus 24,4–28 werden sie durch furchtbare Drangsale hindurchgehen müssen. Sie werden oft nicht wissen, wie sie den Tag überleben und ausreichend Nahrung und Kleidung bekommen können (vgl. die Bitte in Vers 11). Ein Teil von ihnen wird einmal aufgefordert werden, in größter Eile Jerusalem und seine Umgebung zu verlassen, ohne ins Haus zurückzugehen, um Kleidung und Nahrung mitzunehmen (vgl. Mt 24,16–18). Daher sind sie vollständig darauf angewiesen, dass Gott ihnen Nahrung und Kleidung schenkt. So werden diese Verse für sie einen großen Trost darstellen, eine Ermunterung, auszuharren in schwersten Umständen.

Dasselbe gilt für diejenigen unter ihnen, die als Missionare (Boten) in die ganze Welt eilen werden, um das Evangelium des Königreiches zu predigen (Mt 24,14). Sie haben weder ausreichend Mittel noch Wechselkleidung und genügend Nahrungsmittel dabei, um die ganze Zeit überleben zu können. So wird ihr Vertrauen auf ihren himmlischen Vater erprobt. Und Gott wird für sie sorgen – Er sagt es ihnen hier zu.

Genauso ist es für einen Diener des Herrn Jesus heute. Wenn er bereit ist, auf finanzielle Vorteile im Beruf zu verzichten, um dem Herrn mehr zur Verfügung zu stehen, wird ihn dieser niemals im Stich lassen. Das gilt auch für die menschlichen Bedürfnisse. Zwar sollte niemand erwarten, im Königreich Gottes reich zu werden, aber wir haben einen Vater im Himmel, der uns stets das Nötige geben wird.

Verse 25–32: Nicht besorgt sein

„Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen noch ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie? Wer aber unter euch vermag mit Sorgen seiner Größe eine Elle zuzufügen? Und warum seid ihr um Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass selbst nicht Salomo in all seiner Herrlichkeit bekleidet war wie eine von diesen. Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute da ist und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet: dann nicht viel mehr euch, ihr Kleingläubigen? So seid nun nicht besorgt, indem ihr sagt: Was sollen wir essen?, oder: Was sollen wir trinken?, oder: Was sollen wir anziehen? Denn nach all diesem trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles nötig habt“ (Verse 25–32).

Wir gehen diese Verse, die selbsterklärend sind, kurz durch, um Belehrungen für uns als Jünger des Herrn zu erkennen. Wir lernen hier unseren himmlischen Vater kennen. Es ist ein Vater, der sorgt, ein Vater, der alles weiß, ein Vater, der uns liebt. Er möchte uns vor den Gefahren, den Schlingen, den Schmerzen bewahren, die durch Hast und Eigensinn in Bezug auf äußere Dinge entstehen können. Der Herr zeigt, wie töricht eine solche Beunruhigung ist. Dankbare Herzen werden vor solchen Überlegungen bewahrt.

Der Herr Jesus warnt davor, sich Sorgen zu machen. An dieser Stelle ist es nützlich, darauf hinzuweisen, dass dieses Wort „sich Sorgen machen“ (merimnao: sorgen, besorgt oder bekümmert sein, Sorge tragen für, sich sorgen um, grübeln), im Neuen Testament in unterschiedlicher Weise vorkommt. Manchmal wird es positiv auf Christen angewendet. An anderen Stellen – wie auch hier – wird davor ausdrücklich gewarnt. Paulus hatte Sorge um die Versammlungen (2. Kor 11,28). Der Unverheiratete ist um die Dinge des Herrn besorgt (1. Kor 7,32) usw. In diesem Sinn dürfen wir die Dinge des Herrn, auch unsere Kinder, auf sorgendem Herzen tragen, die wir unserem Herrn bringen.

Demgegenüber aber gibt es eine innere Unruhe, eine Angst, dass uns Dinge aus dem Ruder laufen und nicht unter unserer Kontrolle sind. Diese Unruhe meint der Herr in diesen Versen. Auch Martha war unnötig besorgt (Lk 10,41). Warum sollen wir uns über Dinge Gedanken machen, die außerhalb unserer Macht stehen? Warum darüber grübeln, ob dies oder jenes eintreten könnte? Wenn der Herr uns vor dieser falschen Sorge warnt, ruft Er uns nicht zu einer Sorglosigkeit, Gleichgültigkeit oder Interesselosigkeit auf.

  1. Vers 25: Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen. Der Herr Jesus zieht aus den drei Aspekten der richtigen Lebensausrichtung eine notwendige Schlussfolgerung für Jünger, was Essen, Trinken und Kleidung, also materielle Dinge betrifft. Wer die richtige Perspektive für seinen Jünger-Dienst hat, braucht nicht für sein irdisches Leben besorgt zu sein. Er schaut auf zum Himmel – von dort kommt seine Hilfe. Er dient Gott, und der Vater wird aus seinem Reichtum das Nötige geben. Weil Er Vater ist, wird Er einem himmlisch gesonnenen Jünger alles geben, was er nötig hat. Wer sich dagegen ständig mit dem Irdischen beschäftigt (vgl. Phil 3,19), wird sich auch Sorgen um das Irdische machen. Die Ursache für diese verkehrte Blickrichtung ist seine falsche Lebensausrichtung (vgl. V. 19–24). Steht das Herz gut, braucht es sich keine Sorgen zu machen.
    Der Jünger muss bei diesen Fragen jedoch bedenken, dass der Sinn des Lebens weit über das Biologische hinausragt und der des Leibes weit über das Materielle. „Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ Es geht für den Jünger nicht in erster Linie darum, das Leben durch Nahrung zu erhalten und den Körper zu bekleiden. Es sollte ihm viel wichtiger sein, dass sein Leben und sein Leib Aufgaben im Königreich der Himmel übernehmen. Dieser zweite Blickwinkel ist viel wichtiger. Der Jünger soll sein Leben für seinen Meister einsetzen. Wenn das unser Ziel ist und wir die richtigen Prioritäten setzen, werden wir auch dem Vater vertrauen, dass Er uns ausreichend Nahrung und Bekleidung schenken wird. Wenn wir bereit sind, unseren Körper ganz in den Dienst unseres Herrn zu stellen, werden wir keinen Wert auf bekannte Marken und exklusive Kleidungsstücke legen. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass uns die nötige Kleidung hinzugefügt werden wird, wie auch die nötige Nahrung. Denn der Vater lässt nicht zu, dass die Seinen, die sich für Ihn einsetzen, umkommen.
  2. Vers 26: Beispiel 1 – Vögel sorgen nicht vor und werden doch versorgt (Nahrung). Der Herr zieht nun einen ersten Vergleich. Die meisten Vögel „kennen“ nur die Gegenwart – Gott hat das so in ihr Leben hineingelegt. Dennoch brauchen sich Vögel nicht zu sorgen, denn der himmlische Vater versorgt sie. Jesus schließt diesen Vers ab: „Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie?“ Nicht die Art des Handelns der Vögel wird uns als Vorbild mitgeteilt, sondern die Versorgung dieser Tiere durch unseren himmlischen Vater. Und um wie viel wertvoller sind wir als die Vögel! Uns wird gesagt, dass wir nicht unser ganzes Sinnen auf die „Nahrungssuche“ ausrichten sollen. Der Vater liebt uns doch und sorgt für uns!
    Natürlich gibt es gläubige Arbeitslose, die eine berechtigte Sorge um das tägliche Brot für ihre Familie haben. Aber Gott zeigt uns in seinem Wort, dass Er auch in aussichtslos erscheinenden Situationen hilft. Denken wir nur an Elia, der durch Raben versorgt wurde, oder an die arme Witwe, zu der er danach gesandt wurde (1. Kön 17,6–16). Jeder Jünger und Diener des Herrn darf sich durch solche Beispiele ermuntern lassen.23
    Vers 27: Sorgen bringen nicht weiter! Der Herr Jesus weist seine Jünger darauf hin, dass sie weder ihre Körpergröße (vgl. Lk 19,3) noch ihr Lebensalter (vgl. Joh 9,23; Heb 11,11) verändern können, so sehr sich das mancher Mensch wünschen mag. Genauso nutzlos, wie die Körpergröße und das Lebensalter verändern zu wollen, ist die Sorge um das tägliche Auskommen. Oft ist die Sorge eine ständige Unruhe. Diese verurteilt der Herr hier. Wichtig ist, dass der Jünger versteht: Er hat nicht die Macht, seine Größe oder sein Alter zu verändern. Er kann es nicht. Genauso wenig kann er die Probleme und Bedürfnisse des Lebens verändern. Er kann aber eines tun: seinem Vater vertrauen. Das reicht vollkommen, denn der Vater sorgt für ihn.
  3. Verse 28.29: Beispiel 2 – Lilien sorgen sich nicht um Kleidung und sind doch schön (Bekleidung). Der Herr Jesus führt nun ein zweites Beispiel an. Blumen wachsen, ohne sich zu mühen. Dennoch sind sie in einer herrlichen Weise „bekleidet“, ohne dass sie ständig an ihre Kleidung „denken“ oder dafür arbeiten – sie können es gar nicht. Aber der himmlische Vater hat ihnen eine Herrlichkeit gegeben, die sogar diejenige Salomos übersteigt. Was für eine Fürsorge, die der Vater für eine solche, unscheinbare Blume, übt.
  4. Verse 30.31: Schlussfolgerung – Wiederholung der Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen. Wenn sich Blumen keine Sorgen um ihre Kleidung machen müssen, warum sollte sich dann ein Jünger darum sorgen? Ist er in den Augen des Vaters nicht viel mehr wert? Die Blume vergeht und wird in den Ofen geworfen. Der Jünger jedoch bleibt. Warum sollte er sich dann in einer Weise Sorgen machen, die für jemanden, der vor dem Vater lebt, einfach unnötig sind?
    Natürlich heißt das nicht, dass wir nicht an die Versorgung der Familie und ihre Bedürfnisse denken dürfen. Wir sollen es sogar, denn wir sind verantwortliche Menschen. Aber wir sollten diesen Fragen nicht gestatten, unser ganzes Denken auszufüllen. Dann hätten wir nämlich keine Zeit und Freude mehr, uns mit Wichtigerem zu beschäftigen.
    Als Christen dürfen wir auch Stellen wie Römer 8,32 auf unsere Situation anwenden: Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, um uns zu erretten. Daher wird Er uns mit Ihm auch alles Weitere schenken, das wir nötig haben. Wir können unsere Sorgen getrost auf unseren himmlischen Vater werfen (vgl. 1. Pet 5,7). Wenn Gott sogar den Raben ihre Speise bereitet (Hiob 38,41); wenn Gott sogar Raben benutzen kann, um seine Diener zu versorgen (1. Kön 17,6): Hat Er dann nicht alle Mittel in der Hand, um alle Gläubigen zu versorgen?
    Wir finden in dieser Zusage erneut eine Parallele zu alttestamentlichen Verheißungen. In Jesaja 33,15.16 hatte Gott durch den Propheten Jesaja sagen lassen: „Wer in Gerechtigkeit wandelt und Aufrichtigkeit redet; wer den Gewinn der Bedrückungen verschmäht; wer seine Hände schüttelt, um keine Bestechung anzunehmen; wer sein Ohr verstopft, um nicht von Bluttaten zu hören, und seine Augen verschließt, um Böses nicht zu sehen: Der wird auf Höhen wohnen, Felsenfestungen sind seine Burg; sein Brot wird ihm dargereicht, sein Wasser versiegt nie.“ Sollte das nicht erst recht für diejenigen gelten, die den Herrn Jesus als persönlichen Retter kennen und Ihm nachzufolgen begehren?
    Zum ersten Mal benutzt unser Herr jetzt in diesem Evangelium den Ausdruck „Kleingläubige“. Auch Jünger können wenig Glauben offenbaren. Das gefällt dem Herrn Jesus zweifellos nicht. Aber Er macht offenbar, dass gerade dieser Punkt im Leben von Jüngern oft ein Schwachpunkt ist. Daher legt Er den Finger in die Wunde, um eine Veränderung zu bewirken.
  5. Vers 32: Der Vater weiß. Es ist ein wunderbares Wissen für den Jünger, dass der Vater alle Umstände seiner Jünger vollständig kennt. Er weiß, was wir nötig haben und schenkt uns alles, was wir wirklich brauchen. Wenn wir Essen, Trinken und Kleidung zu unserem Lebensinhalt machen, gleichen wir den Nationen. Dieser Ausdruck spricht von denjenigen, die keine Beziehung zu Gott haben. Dass solche Menschen sich Sorgen machen und nicht auf Gott vertrauen, kann man nachvollziehen. Dass sie hinter diesen äußerlichen Gegenständen herjagen, kann man ebenfalls begreifen. Dass aber auch Jünger, die eine lebendige Beziehung zum Vater haben, so kleingläubig sein können, passt nicht zu ihrer Stellung. Der Herr nimmt bei Jüngern grundsätzlich nicht an, dass sie gar keinen Glauben haben, denn dann wären sie ungläubig. Deshalb facht Christus den vorhandenen Glauben seiner Jünger an, damit sie mehr Glauben zeigen können.

Verse 33–34: Schlussfolgerung – echtes Vertrauen

„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden. So seid nun nicht besorgt für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat an seinem Übel genug“ (Verse 33.34).

In den letzten beiden Versen dieses Kapitels zieht der Lehrer noch einmal zwei wichtige Schlussfolgerungen für das Leben seiner Jünger:

  1. Der Jünger muss die richtigen Prioritäten in seinem Leben setzen. Das Königreich Gottes ist wichtiger als die irdischen Bedürfnisse. Es fällt auf, dass der Herr Jesus zum ersten Mal vom Königreich Gottes (und nicht vom Königreich der Himmel) spricht. Das hat seine Gründe. Offenbar steht der moralische Aspekt des Reiches im Vordergrund, nicht so sehr die künftige Aufrichtung des Königreichs oder die Herrschaft vom Himmel her. Diese wird bei dem Ausdruck „Reich der Himmel“ betont. Es geht also darum, nach der Verwirklichung dieses Königreichs Gottes zu streben.
    Wer diese Gerechtigkeit Gottes, die auf die praktische Gerechtigkeit im Glaubensleben abzielt, zu verwirklichen sucht, hat die richtigen Prioritäten gesetzt. Wer das tut, braucht sich um die Versorgung seines Körpers und um die Kleidung keine Sorgen zu machen – das wird ihm darüber hinaus hinzugefügt werden. Das heißt aber nicht, dass man nach den äußeren Dingen dann aber in zweiter Linie trachten sollte. Sie sollen für uns überhaupt nicht im Fokus stehen – Gott wird uns auch damit segnen, wenn wir Ihm den zentralen Platz in unserem Leben geben.
    Es ist ein Vorrecht für den Jünger, sich in einer Welt der Ungerechtigkeit und Sünde durch das Üben praktischer Gerechtigkeit auszuzeichnen. Da, wo durch Ungerechtigkeit alles verdorben und verunreinigt ist, dürfen wahre Jünger praktische Gerechtigkeit verbreiten. Das setzt ein reines Herz und die richtigen Beweggründe für das Handeln voraus. Darüber hat uns der Herr in den ersten Abschnitten dieses Kapitels belehrt.
    Es gibt dafür ein prominentes Beispiel im Alten Testament. Der in Vers 29 zitierte Salomo hat am Anfang seines Lebens genau das getan. Als Gott ihm in der Nacht im Traum erscheint, bittet er: „So gib denn deinem Knecht ein verständiges Herz, um dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gutem und Bösem“ (1. Kön 3,9). Weil Salomo nicht um Reichtum und Ehre, sondern um moralische Dinge gebeten hatte, fügte ihm Gott auch den Reichtum noch hinzu.
  2. Der Jünger soll sich also nicht wegen des morgigen Tages beunruhigen. Jeder Tag hat seine eigenen Aufgaben, seine eigenen Mühen und seine eigenen Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Es reicht aus, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Warum sollte man sich mit den Sorgen des morgigen Tages beschäftigen? Entweder sind die aus heutiger Sicht morgen aufkommenden Sorgen durch die Umstände gar nicht mehr vorhanden: Dann muss man sich fragen, warum man sich überhaupt betrübt hat. Oder sie sind wirklich vorhanden: Dann ist aber auch der Gott der Barmherzigkeit da, um das Vertrauen in Ihn zu stärken und die Schwierigkeiten zu überwinden. In diesem Fall reicht es, wenn ich morgen, also dann, wenn der Herr auch wirklich helfen wird, die Sorgen ins Auge fasse. Wenn ich das im Vertrauen darauf tue, dass Er hilft, entspreche ich seiner Belehrung an dieser Stelle. Heute würden mich die Sorgen für das Morgen nur in falscher Weise beunruhigen und sogar belasten.
    Der Jünger soll „heute“ mit den Dingen des Reiches Gottes erfüllt sein. Damit hat er genug zu tun. Dann wird er sich in seinem täglichen Glaubensleben auf Wegen der Gerechtigkeit bewahren. Wenn er das tut, hat der Jünger keine Zeit und Muße mehr, sich mit unnötigen Überlegungen über die Zukunft zu beunruhigen, und sei es der folgende Tag. Sie mögen wirklich da und sogar groß sein. Aber wenn der Herr heute noch keine Lösung schenkt, werden wir kleinen Menschen diese erst recht nicht entwickeln können, jedenfalls nicht auf eine Weise, die Gott wohlgefällig ist. Der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.
    Das sind wirklich Lektionen, die jeder Jünger zu bedenken hat, wenn er sein Leben in gottgemäßer Weise führen möchte. Gläubige Christen finden hier ein Lebensprogramm für ihre Jüngerschaft.

Die Beziehungen eines Jüngers und wahre Jüngerschaft (Matthäus 7)

Im siebten Kapitel finden wir die letzten vier der zehn Teile der Bergpredigt. In Kapitel 5 hat der Herr Jesus besonders die Kennzeichen echter Jünger behandelt. Im sechsten Kapitel hat Er über das praktische Leben eines Jüngers gesprochen. Im abschließenden Kapitel zeigt der Herr die Beziehungen, in denen der Jünger steht. In Kapitel 6 sind die Jünger besonders in die Beziehungen zum Vater, der in den Himmeln ist, eingeführt worden. In Kapitel 7 werden die Jünger über ihre Beziehungen zu anderen Jüngern, zur Welt, aber auch wieder zu ihrem himmlischen Vater belehrt.

Darüber hinaus werden die Jünger nicht im Unklaren darüber gelassen, dass es viele gibt, die sich zwar Jünger nennen oder so genannt werden. In Wirklichkeit aber sind die meisten von ihnen keine echten Jünger. Der Herr möchte verhindern, dass wahre Jünger überrascht werden, wenn sie inmitten anderer Jünger auf einmal reine Bekenner entdecken, die kein Leben aus Gott besitzen. Um die Urteilsfähigkeit wahrer Jünger zu schärfen, zeigt Er ihnen, dass es in seinem Königreich von Anfang an sowohl wahre als auch falsche Jünger geben wird.

Man könnte diesem Kapitel auch die Überschrift geben: Warnung vor falschen Maßstäben. Im Einzelnen geht es um folgende Aspekte:

  1. Die Beurteilung bzw. das Richten anderer Jünger (V. 1–5)
  2. Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt (V. 6)
  3. Die Beziehung des Jüngers zu Gott (V. 7–12)
  4. Wahre Jünger – falsche Jünger (V. 13–29)

Wie in Kapitel 6 spricht der Herr auch in diesem Kapitel in absoluter Weise. Wer das berücksichtigt, wird die Belehrungen des Herrn in diesem Kapitel leichter verstehen können. Das Gute wird dem Bösen direkt gegenübergestellt, der richtige Weg dem falschen, der wahre Jünger dem falschen, das richtige Zuhören dem falschen. In der Praxis mag es zwar manche Schattierungen der vorgestellten Grundsätze geben. Diese lässt der Herr Jesus jedoch absichtlich beiseite, um das Wesentliche ins Licht zu stellen.

7. Die Beurteilung anderer Jünger: richten (V. 1–5)

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was aber siehst du den Splitter, der in dem Auge deines Bruders ist, aber den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Erlaube, ich will den Splitter aus deinem Auge herausziehen; und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (Verse 1–5).

In den ersten fünf Versen lernen wir etwas darüber, wie das Verhältnis von Jüngern untereinander aussehen sollte. Wir werden vor der Neigung des natürlichen Herzens gewarnt, andere zu richten und an ihnen herumzukritisieren. Wir sollten bedenken, dass Gott in seinem Regierungshandeln während unseres Lebens mit uns so verfährt, wie wir mit anderen umgehen.

Kein Jünger ist vollkommen – im Unterschied zum Meister. Dennoch ist der Maßstab die Vollkommenheit des himmlischen Vaters (Kapitel 5,48). An diesem vollkommenen Maßstab sollen wir uns messen und ausrichten, auch für die Belehrungen in diesem Kapitel.

Jeder der zwölf Jünger des Herrn konnte sich die Frage stellen: Wie gehe ich mit den Verfehlungen anderer Jünger um? Aus dem weiteren Verlauf des Kapitels wissen wir, dass es sogar falsche Jünger und falsche Propheten geben kann. Was dann? Genau das behandelt der Herr im Folgenden.

Darüber hinaus bezieht sich der Herr auf Handlungsweisen der Pharisäer und Schriftgelehrten, die Er immer wieder anprangert. Sie waren Menschen, die sich herausnahmen, alle anderen Menschen nach zum Teil selbst aufgestellten Maßstäben zu beurteilen und zu richten. Dagegen wendet Er sich in scharfer Weise.

Das zentrale Thema, das der Herr Jesus aufgreift, ist das Richten anderer Jünger, also das Be- und Verurteilen des Bruders. Es ist wichtig, diese Belehrung in die weiteren Anweisungen des Neuen Testaments zum Thema Richten und Beurteilen einzuordnen, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Daher wird in Anhang II der Frage nachgegangen, ob ein Gläubiger überhaupt richten darf. Dort geht es auch um die verschiedenen Arten des Richtens. Das Ergebnis ist: Ja, wir haben in bestimmten Beziehungen sogar die Pflicht, auf der Grundlage von Gottes Wort Beurteilungen vorzunehmen.

Verse 1.2: Richten in der Bergpredigt

Nun stellt sich aber die Frage, was in Matthäus 7 gemeint ist, wenn den Jüngern gesagt wird: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“

Das Richten von Motiven

Im Neuen Testament gibt es viele Stellen, die direkt dazu auffordern, andere zu beurteilen und zu richten (vgl. Anhang I). Daher schlägt eine Reihe von Auslegern vor, die Verse in Matthäus 7 auf das Richten von Motiven zu beziehen, denn das ist nach 1. Korinther 4,5 eindeutig verboten: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird.“

Obwohl der Herr Jesus als Sohn Gottes alles im Vorhinein wusste, hat Er als Mensch gewartet, bis das Böse offensichtlich wurde. Wusste Er nicht von Anfang an, dass der Teufel, der Ihn in der Wüste versuchte, der Satan (das heißt übersetzt: der Widersacher) war? Er wusste das. Dennoch nennt der Herr ihn erst dann so, als dieser sich völlig als sein Widersacher offenbart hatte (vgl. Mt 4,10). Das war bei der dritten Versuchung der Fall.

Wusste Christus nicht von Anfang an, was in dem Herzen seines Jüngers Judas war? Dieser wurde von Beginn an durch seinen Unglauben und seine Habsucht motiviert. Dennoch deckte das der Herr nicht auf, sondern wartete, bis sich Judas als sein Feind und Widersacher offenbart hatte bzw. durch Gott als solcher entlarvt worden war. Erst in Verbindung mit der Szene, in der dieser sich als solcher für alle sichtbar offenbarte, spricht der Herr auch darüber.

Nur im Johannesevangelium, wo Er uns als der Sohn Gottes vorgestellt wird und alles im Vorhinein weiß, entlarvt Er selbst Judas schon weit vor dem Verrat und nennt ihn einen Teufel (Joh 6,70). Gott weiß ohnehin alles, und alle Beweggründe des Herzens sind vor Ihm offenbar. Wir lernen daraus für uns. Auch wir dürfen nicht Vermutungen über Beweggründe aufkommen lassen, bis das Böse offenbar geworden ist.

Das Richten von Personen außerhalb des Bereichs der Versammlung

Wir haben an anderer Stelle bereits gesehen, dass die Bergpredigt das Königreich der Himmel und nicht die Versammlung behandelt. Das Richten derer, die „drinnen sind“ (Versammlung, Gemeinde), wird andererseits ausdrücklich befohlen (siehe Anhang II). Daher denken einige Bibelausleger, dass der Herr in Matthäus 7 das Richten von Personen außerhalb der Beurteilungsaufgaben durch die Versammlung (vgl. 1. Kor 5) meint. Nicht wir, sondern Er allein habe das Recht, diese zu richten. Wir dagegen sollten in Bezug auf solche Personen an Stellen wie 1. Korinther 13 denken: Die Liebe sucht immer das Gute des anderen. „Sie glaubt alles, sie hofft alles“ (Vers 7).

Dabei wird allerdings übersehen, dass sich der Herr in der Bergpredigt an Jünger richtet. Diese müssen überhaupt erst einmal erkennen, ob der, mit dem sie es zu tun haben, zur Versammlung Gottes gehört oder nicht. Das allein setzt also eine sorgfältige Beurteilung, ein „Richten“, voraus, denn dann hätten wir ja die Verantwortung zu unterscheiden, ob jemand „drinnen“ ist (und z. B. nach 1. Kor 5 zu beurteilen ist), oder „draußen“. Das zeigt schon, dass wir ein Beurteilen nicht nur im Blick auf diejenigen nötig haben, die, weil sie Kinder Gottes sind, zur Versammlung Gottes gehören.

Das öffentliche Richten durch den Einzelnen

Eine dritte Erklärung scheint mir den Kern der Belehrung des Herrn zu treffen: Er geht gegen den Richtgeist der Pharisäer vor und verbietet geradezu jeden Richtgeist bei seinen Jüngern. Es fällt auf, dass die Einleitung zu diesen Versen sehr allgemein, ja fast absolut ist: „Richtet nicht!“ Das passt zu der absoluten Redeweise, die der Herr in diesen Versen immer wieder gebraucht: schwarz-weiß. Im weiteren Verlauf dieser Verse wird sich herausstellen, dass der Herr Jesus das Beurteilen als solches nicht verbietet. Es muss allerdings in der rechten Gesinnung und am richtigen Platz geschehen. Aber zunächst sagt Er absolut: „Richtet nicht“ – also überhaupt nicht.

Um das richtig zu verstehen, müssen wir versuchen, uns in die Situation der Jünger zurückzuversetzen. Was werden sie darunter verstanden haben? Der Herr hatte schon in den Kapiteln 5 und 6 die Haltung der Pharisäer kritisiert, mit all ihrem Tun die Öffentlichkeit zu suchen. So wollten sie vor den Augen anderer Wohltaten vollbringen, um in einem guten Licht dazustehen. Will der Herr seine Jünger nicht auch diesmal vor dem falschen Verhalten dieser Heuchler warnen? Die Pharisäer meinten, in einem negativen „Richtgeist“ alles und jeden beurteilen zu können, und das auch noch hörbar, öffentlich.

Die Pharisäer und ihr Richtgeist

Der Fehler der Pharisäer war nun nicht, dass sie für sich selbst ein Urteil über andere fällten, sondern dass sie dies in fleischlicher Weise taten. Ihr Urteil war aus ihrer Sicht endgültig und unanfechtbar. Es musste von allen geteilt werden. Daher wollten sie dieses Urteil auch der Öffentlichkeit aufzwingen. Vor beidem warnt uns der Herr Jesus hier: vor einem allgemeinen Richtgeist, und davor, das persönliche Urteil publik zu machen, sei es in kleinerer oder größerer Gruppe. Das wird deutlich, wenn man die Hinweise über die Pharisäer in diesem Evangelium verfolgt:

  • „Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ (Mt 9,11). Sie meinten nicht nur, ein Urteil fällen zu können, mit wem ein frommer Jude – hier: der Herr Jesus Christus – essen durfte. Sie wollten ihrer Entrüstung auch vor den Jüngern Luft machen.
  • „Die Pharisäer aber sagten: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus“ (Mt 9,34; vgl. Mt 12,24). Sie maßten sich an, beurteilen zu können, wie der Herr Jesus Wunder vollbrachte. Nicht genug damit, sie wollten damit auch die öffentliche Meinung über Ihn bestimmen.
  • „Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist“ (Mt 12,2). Wieder glaubten die Pharisäer, ein Urteil fällen zu können und sogar andere vor dem Herrn verklagen zu müssen.
  • „Dann kommen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen“ (Mt 15,1.2). Hier sehen wir deutlich, dass es nicht nur um ein Urteil als solches geht. Diesen bösen Menschen ist es wichtig, dieses Urteil auch anderen mitzuteilen. Sie kommen dafür extra aus Jerusalem nach Galiläa.
  • „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl Moses gesetzt“ (Mt 23,2). Diese Worte unseres Meisters fassen gut zusammen, was die Pharisäer sich anmaßten: Sie wollten wie Mose Lehrer und Richter sein – und zwar in der Öffentlichkeit. Der Herr verurteilt dies aufs Schärfste.

Noch ein Wort zum Richtgeist. Arend Remmers hat die Gefahren des Richtgeistes in fünf Punkten zusammengefasst: 24

  • Unbesonnenheit, weil man urteilt, bevor man die Zusammenhänge genau kennt;
  • Ungerechtigkeit, weil man die Motive des anderen nicht kennen kann, ohne mit ihm in brüderlicher Liebe gesprochen zu haben;
  • Hochmut, weil der so Richtende sich über den Bruder stellt;
  • Heuchelei, weil man Liebe und Eifer für den Herrn als Deckmantel für das eigene Ansehen nimmt;
  • Unbarmherzigkeit, weil offenbare Schwachheiten nur zu leicht als „Böses“ ausgelegt werden.

Wir sehen also, dass der Herr Jesus die Jünger in Matthäus 7 davor warnt, nicht wie die Pharisäer alles in einem Richtgeist beurteilen zu wollen. Noch schlimmer wäre es, diese Meinung auch noch in verurteilender und richtender Weise öffentlich zu verbreiten, wie es die Pharisäer taten.

Ergänzende Belehrungen von Jakobus und Paulus

Das wird durch die späteren Belehrungen von Jakobus unterstrichen. Wenn man einmal den Brief des Jakobus mit der Bergpredigt vergleicht, stellt man fest, dass er viele Belehrungen der Bergpredigt aufgreift. Dazu gehört auch das Thema des Richtens. In Kapitel 4,11–13 sagt er: „Redet nicht gegeneinander, Brüder. Wer gegen seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet gegen das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?“

Diese Verse unterstreichen somit die Warnung vor dem Richtgeist. Er wird hier verbunden mit dem Gegeneinander-Reden. Es geht also nicht allein um das Urteil im Herzen, sondern darum, dies anderen ausdrücklich mitzuteilen. Zudem nennt uns Jakobus in dem vorherigen Abschnitt Ursachen für ein solches Kritisieren: Neid und Streit. Jakobus verweist darauf, dass es einen anderen Richter gibt: Gott. Er ist der Gesetzgeber und Ihm steht das Recht zu richten zu. Wer sich anmaßt, richten zu können, setzt sich somit auf den Thron des Gesetzgebers. Was für eine Selbsterhöhung stellt das aus der Sicht Gottes dar!

Es gibt noch einen weiteren bemerkenswerten Abschnitt, der uns vor dem Richten warnt. Das ist Römer 14. Dort geht es um Schwachheiten, die wir gegenseitig tragen und nicht richten sollen. Dabei ist unerheblich, ob wir stark im Glauben sind (auch verachten ist letztlich eine Art von „Richten“) oder schwach: „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; wer aber nicht isst, richte den nicht, der isst ... Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden ... Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern richtet vielmehr dieses: dem Bruder nicht einen Anstoß oder ein Ärgernis zu geben“ (Röm 14,3.10.13).

Gottes Rechte – negative Beispiele

Gott hat sich das Richten vorbehalten, was den Einzelnen betrifft. Das gilt insbesondere für die Zeit, in der das Volk Israel unter Gesetz stand. Aber selbst damals hatte Gott Richter eingesetzt, die in einem öffentlichen Urteil die Taten in seinem Namen richten mussten. Hier gab Er sehr konkrete Anordnungen, damit diese Gerichte Gott gemäß stattfanden (vgl. 3. Mo 19,15.16). Und auch damals kam es auf die Gesinnung an, in welcher der Israelit den Bruder beurteilte (vgl. 3. Mo 19,17.18). Aber der Brief des Jakobus, der sich an Christen wendet, die nicht mehr unter Gesetz stehen, unterstreicht, dass dieser Grundsatz dauerhafter Natur ist. Es steht dem Einzelnen nicht zu, in einem Richtgeist und schon gar nicht öffentlich andere zu beurteilen.

Wir sehen im Alten Testament das Beispiel der drei Freunde Hiobs, die meinten, diesen gerechten Mann Gottes be- und verurteilen zu dürfen. In 1. Korinther 4,3 zeigt Paulus, dass das letzte Urteil im Blick auf Verwalter und Diener allein dem Herrn zusteht, nicht den Gläubigen. Ein großer Teil des elften Kapitels seines zweiten Briefs an die Korinther ist diesem Thema gewidmet. Die Korinther hatten sich von falschen Aposteln anstacheln lassen, den Dienst und die Autorität von Paulus be- und verurteilen zu wollen. Es stand ihnen nicht zu, ein solches Urteil zu fällen. In ihrem Fall waren sie zudem zu einem völlig falschen Ergebnis in ihrer Beurteilung gekommen.

Unterschiede zwischen Versammlung und Königreich der Himmel

Später, im zweiten Gleichnis von Matthäus 13, kommt der Herr Jesus selbst noch einmal darauf zu sprechen, dass im Königreich der Himmel andere Grundsätze herrschen als in der Versammlung Gottes. Dort lesen wir, dass der Feind Unkraut gesät hatte. Jetzt entstand die Frage: Soll das Unkraut zusammengelesen werden? Der Meister aber sagt: „Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit diesem den Weizen ausrauft“ (Mt 13,29). Die Schnitter würden in der Zeit der Ernte das Unkraut zusammenlesen. In der Erklärung des Herrn wird deutlich, dass die Engel im Auftrag des Sohnes des Menschen in der Vollendung des Zeitalters, das ist am Ende der Drangsalszeit, diejenigen zusammenlesen werden, welche die Ungerechtigkeit tun. Dann und erst dann wird das Gericht, das Richten der (bösen) Jünger, stattfinden. Vorher ist dieses nicht angebracht, denn selbst der einsichtigste Christ hat nicht das allwissende, objektive Beurteilungsauge unseres Herrn. Menschen sind nicht in der Lage, in letzter Konsequenz zu entscheiden, was Unkraut ist und was Weizen. In der Versammlung Gottes dagegen haben wir die Pflicht, das Böse und den Bösen auszuschließen (1. Kor 5).

Es ist auch bemerkenswert, dass das für Richten verwendete Wort erst wieder in Kapitel 19,28 auftaucht. Dort ist von der Zeitperiode die Rede, in der die Jünger das Volk Israel richten werden: „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Dann – aber erst dann – werden Jünger das Recht haben, in Gemeinschaft mit dem Herrn ein öffentliches Urteil zu fällen. Dass es in Kapitel 19 um ein öffentliches Urteil geht, macht das Aufstellen der Throne der öffentlichen Regierung deutlich.

Bei all diesen Überlegungen ist es somit wichtig, sich noch einmal vor Augen zu halten, dass der Herr Jesus hier keine Anweisungen für die Versammlung Gottes erteilt (im Unterschied zu Mt 18; 1. Kor 5; u. a.). Er gibt hier Belehrungen für das Königreich der Himmel. Bei ihnen sind nicht gemeinsame Segnungen und Verantwortlichkeiten das Thema, sondern besonders persönliche Pflichten dem Herrn Jesus gegenüber. Wenn Er also davor warnt zu richten, schließt das nicht aus, dass Gottes Wort an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang zum Beurteilen und Richten auffordert. Ein Jünger aber hat weder die Aufgabe noch das Recht, einen anderen in dessen Dienst, Aufgaben und Wirken als Diener und Jünger zu beurteilen. Das steht allein dem Herrn des Jüngers zu bzw. im Sinne der Bergpredigt dem Vater im Himmel.

Natürlich – wenn es um Fragen des gemeinsamen Weges geht, ist der Diener oder der Jünger ein Bruder unter Brüdern, der dem Urteil der Versammlung unterliegt. Wenn er uns dient, so haben wir nach 1. Thessalonicher 5, 1; Johannes 4, 2; Johannes, 2; Petrus 2 und anderen Stellen zu prüfen, wie und womit er kommt, also auch den Inhalt seiner Botschaft. Falls das, was er bringt, im Widerspruch zu Gottes Wort steht, müssen wir „urteilen“ (1. Kor 14,29) und notfalls Widerspruch einlegen.

Wenn es um seine Person als Jünger und Diener oder um die Art des Dienstes geht, den er vom Herrn empfangen hat, überlassen wir jedes Urteil dem Herrn. Er ist ein unbestechlicher und ausgewogener Beurteiler jedes Jüngers. Ein Jünger ist seinem Herrn, ein Diener seinem Auftraggeber verantwortlich. Hier haben wir kein Recht, zwischen den Herrn und seinen Jünger zu treten. Das heißt nicht, dass wir keine brüderlichen Ratschläge erteilen können. Aber der Diener ist und bleibt seinem Herrn verantwortlich.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen: In den Versen 1 und 2 geht es vor allem darum, dass ein Jünger kein Recht besitzt, mit einem Richtgeist auf einen anderen Jünger herabzuschauen. Wer in dieser Gesinnung andere Jünger verurteilt, ist dem Herrn ungehorsam. Besonders schlimm ist es, wenn dies hörbar und öffentlich geschieht. Das gilt auch uns heute. Kein Jünger hat den Auftrag, den Platz des Richters einzunehmen, denn jeder Jünger ist seinem Meister verantwortlich. Ein Jünger hat nicht die Aufgabe, mit einem Richtgeist auf den anderen herabzuschauen und diesen dann vor anderen zu bewerten. Seine Aufgabe ist es, selbst den Auftrag auszuführen, den der Meister ihm gegeben hat. Wir denken beispielsweise an den Jünger, der dem Herrn nicht zusammen mit den zwölf Jüngern nachfolgte (vgl. Mk 9,38–40; Lk 9,49). Der Herr Jesus wehrt das kritische Urteil seiner Jünger ab. Es war nicht ihre Aufgabe, andere zu verurteilen. Sie sollten treu sein. Der Herr würde sich schon um die anderen Jünger kümmern.

Diese Haltung, für andere zu beten und sie nicht von oben herab zu be- bzw. verurteilen, bewahrt uns auch vor der Gefahr, uns mit anderen Jüngern zu vergleichen. Diesem Fallstrick waren die Jünger erlegen, als sie darüber sprachen, wer von ihnen wohl der Größte sei (vgl. Mk 9,34). Wenn man gar nicht erst anfängt, sich mit anderen Jünger zu vergleichen, ist die Gefahr geringer, andere Jünger zu richten.

Gründe, warum ein Jünger nicht richten sollte

In den Versen 1 und 2 nennt der Herr Jesus auch eine Reihe von Gründen, warum man sich eines öffentlichen Urteils über den Mitjünger und des Richtgeistes enthalten sollte.

Mein Richten hat einen direkten Einfluss auf meine Beurteilung durch den Herrn. Diese Beurteilung wird endgültig am Richterstuhl stattfinden. Man könnte das auch mit der Vollendung des Zeitalters verbinden (Mt 13,39.40.49). Aber das ist nicht alles. Schon heute leben wir unter der Regierung des Vaters, der mit uns in unserem täglichen Leben danach handelt, wie wir unser Leben führen.

Der Herr Jesus weist uns daher darauf hin, dass unter anderem unser Urteil über andere die Grundlage für seine Beurteilung unserer Person sein wird. Das sollte uns vorsichtig machen. Zwar haben wir es mit einem Herrn der Gnade zu tun. Wenn aber ein Mensch einen anderen in einem Richtgeist hart beurteilt (vgl. Mt 18,32 ff.), wird auch der Herr ihn mit dieser Härte beurteilen. Ohnehin urteilt er „vor der Zeit“ und widersetzt sich damit den Anordnungen des Geistes Gottes (vgl. 1. Kor 4,5).

Mit anderen Worten: Wenn wir andere in unserem Herzen richten und das dann auch kundtun, bringen wir Gericht über uns selbst. Der Herr wird uns nach Vers 2 unseren Maßstab an andere vorhalten. Die Maßstäbe, die wir für andere ansetzen, müssen auch die Maßstäbe für unser eigenes Leben sein – was dann Thema von Vers 3 ist. Wir denken zurück an die Segensaufforderung von Kapitel 5: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Vers 7). So handelt ein wirklicher Jünger, der von seinem Meister gelernt hat.

Paulus weist auf diesen Zusammenhang unter einer etwas anderen Überschrift in seinem Brief an die Galater hin: „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Gal 6,7). Das gilt auch im Blick auf das Richten. Hier kommt noch hinzu, dass es einem Jünger oft gar nicht bewusst ist, dass er andere viel schärfer beurteilt als sich selbst. Wer daran denkt, wird vorsichtiger im Urteil anderer.

Verse 3–5: Hindernisse für ein ausgewogenes Richten

Durch die Verse 3–5 wird bestätigt, dass es dem Herrn nicht darum geht, überhaupt kein Urteil im Blick auf andere zu fällen. Wie wir gesehen haben, sind wir immer wieder zum Beurteilen aufgefordert, allerdings in der rechten Gesinnung. Ein Richtgeist gehört nicht dazu. Es kommt hinzu, dass es leider Hindernisse in unserem eigenen Leben gibt, derer wir uns dabei bewusst sein sollten. Diese stellt der Meister seinen Jüngern vor.

Den Balken im eigenen Auge übersehen (Vers 3)

Eigene Schwächen und Fehler, Sünden, übersieht man leicht oder verharmlost sie als „Schwachheit“. Beim anderen aber urteilt man schärfer. Das passt nicht zusammen und führt dazu, dass man kein ausgewogenes Urteil fällt, das den Kriterien der Schrift entspricht.

Der Herr betont hier, dass ein Jünger, der durch einen Richtgeist geprägt ist, nicht in der richtigen Gesinnung handelt. Er ist daher gar nicht in der Lage, den anderen sachgerecht zu beurteilen. Ich mag zwar einen Holzsplitter im Auge des anderen sehen. Aber gerade dann, wenn ich mich besonders auf die Fehler der anderen konzentriere, übersehe ich oft mein eigenes Versagen. In meinem eigenen Auge mag nicht nur ein Splitter sein, sondern sogar ein ganzer Balken.

Der Hinweis auf einen Balken mag wie eine Übertreibung klingen. Und natürlich ist es aus Platzgründen unmöglich, im Auge tatsächlich einen Balken zu haben. Aber der Herr Jesus zeigt hier, wie blind wir in Bezug auf unsere eigenen Verfehlungen sein können, während wir bei anderen glasklar zu erkennen meinen, was sie falsch machen.

Fehlendes Selbstgericht (Vers 4)

Mit Vers 4 stellt uns der Herr die Frage: Kann ich als Jünger, der ich in der eigenen Nachfolge des Herrn so oft mangelhaft agiere, meinem Mitjünger überhaupt eine Hilfe sein? Wenn ich durch einen Balken in meinem Auge gar nicht klar sehen kann, wie kann ich dann in der Lage sein, einem anderen einen Splitter herauszuziehen (vgl. Röm 2,1–3)? Wenn der Geist Gottes mich mit meinem eigenen Leben beschäftigen muss, wie kann Er mich in dieser Situation benutzen, um anderen Jüngern zu helfen? So etwas ist – auch wenn Gott in seiner Souveränität sogar das bewirken kann – eigentlich eine Unmöglichkeit.

Umso wichtiger ist, dass ich meinen geistlichen Zustand und meine Handlungen in das Licht Gottes bringe. Ich muss alles das, was nicht in Übereinstimmung mit Ihm ist, sofort im Selbstgericht Gott, dem Vater, bekennen und wegtun. So ziehe ich mir den Balken aus meinem Auge, der mich grundsätzlich behindert, klar zu sehen.

Das eigene Versagen übersehen – das des anderen anprangern: Heuchelei (Vers 5)

In Vers 5 zeigt uns der Herr, dass wir durch das Richten anderer (leicht) zu Heuchlern werden. Wenn in meinem eigenen Leben Dinge nicht in Ordnung sind, dann mag ich nach außen hin vorgeben, fromm zu leben. Der Herr sieht aber durch meine falsche Frömmigkeit hindurch und muss mich verurteilen. Heuchelei liegt im Übrigen auch dann vor, wenn wir – wie die Pharisäer – über Dinge predigen, die wir selbst gar nicht verwirklichen (vgl. Mt 23,3). Sie gaben durch ihre Lehren vor, selbst treu zu sein. In Wirklichkeit aber lebten sie nicht nach diesen Lehren. Sie wussten, was richtig war, handelten jedoch nicht danach. Das ist in den Augen Gottes böse.

Vielleicht treten wir besonders scharf im Urteil gegen andere auf, um uns selbst in unseren Verirrungen zu schützen, die durch ein hartes Urteil nicht so auffallen. Der Herr nennt jemanden, der so handelt, „Heuchler“. Das ist ein sehr harter Ausdruck, den Er üblicherweise für die Pharisäer und Schriftgelehrten verwendet. Hier jedoch macht Er deutlich: Auch ein Jünger wird zu einem solchen Heuchler, wenn er vorgibt, die Sünde zu hassen und sich anmaßt, einem anderen „behilflich“ sein zu können, obwohl er sie in seinem eigenen Leben zulässt. Jeder Gläubige steht in Gefahr, punktuell in seinem Leben Heuchelei zuzulassen. Der Ausdruck „Heuchler“ meint jedoch diese böse Eigenschaft in ihrer vollen Ausprägung. Sie war bei den Pharisäern vorhanden, die offenbar der Anlass für diese Warnung sind und uns in ihrem Kritikgeist deshalb als warnendes Beispiel dienen.

Im Blick auf das Richten sollten wir noch Folgendes bedenken: Wie leicht ist es möglich, jemanden auf eine Sünde hinzuweisen und wenig später feststellen zu müssen, dass man gerade selbst – vielleicht sogar in demselben Punkt – versagt hat. Das muss uns dazu bringen, uns zu demütigen. Wir müssen dann bekennen, dass wir in diesem Zustand gar nicht in der Lage waren, ein Gott gemäßes Urteil über den Mitbruder auszusprechen. Von einer Hilfe kann noch weniger gesprochen werden.

Anderen eine Hilfe sein

Vor dem Hintergrund dieser Argumentation stellt sich die Frage: Kann man denn ohne ein (begründetes) Urteil, vor dem ja in gewisser Weise gewarnt wird, überhaupt einem anderen helfen, der durch den Fehltritt eines Splitters geprägt ist? Müsste dann nicht jede Hilfestellung unterbleiben, die ja eine Beurteilung des Zustandes oder bestimmter Handlungen eines anderen Jüngers voraussetzt? Der Meister zeigt uns, dass wir uns als Jünger tatsächlich gegenseitig helfen können. Wenn wir das so wichtige Selbstgericht in unserem eigenen Leben verwirklichen, können wir auch unseren Mitjüngern eine Hilfe sein. Jemand hat einmal gesagt: Das nützlichste Richten ist das Selbstgericht! Manchmal hat allein dieses schon bewirkt, dass der andere von sich aus den Splitter aus seinem Auge gezogen hat.

Man kann seinem Mitjünger dann eine Hilfe sein, wenn man selbst eine gute und geistliche Gesinnung hat. Das bestätigt auch Galater 6,1, wo Gott von „Geistlichen“ spricht, die jemand helfen, der von einem Fehltritt übereilt worden ist. Der Herr spricht somit geistlich gesinnte Gläubige an, etwas zu beurteilen. Diesen Gläubigen wird es jedoch nicht darum gehen, einfach ein Urteil über andere auszusprechen und sich dann wieder zurückzuziehen. Sie haben es nicht auf dem Herzen, jemanden zu verurteilen, sondern sie wollen ihm helfen: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest“ (Gal 6,1). Der Geistliche ist in der Lage, ein ausgewogenes, auf dem Wort Gottes basierendes Urteil über den Zustand und die Hilfsnotwendigkeit einer anderen Person zu fällen. Er soll es in Sanftmut und in dem Bewusstsein tun, dass er selbst jeden Moment ebenfalls fallen kann, wenn er sein Fleisch wirken lässt.

Wie geschieht die vom Herrn angesprochene Hilfe? Sicherlich nicht dadurch, dass ich jemanden öffentlich verurteile. Das Gegenteil zeigt uns der Meister in Johannes 13, indem er seinen Jüngern die Füße wäscht. Dadurch hat Er uns ein Beispiel hinterlassen. Jemand, der einem anderen die Füße wäscht, spricht nicht darüber, selbst wenn es andere – wie in Johannes 13 – miterleben. Diese Gesinnung wird durch das Niederknien beim Waschen der Füße versinnbildlicht. Für uns, die wir selbst immer wieder sündigen, gilt dieser Unterschied zum Herrn Jesus: Wir dürfen nie vergessen, dass wir in derselben Sache oder auch in anderen Bereichen unseres Lebens ebenso versagen wie der Bruder. Wir können noch viel tiefer fallen als der Mitjünger. Hilfe bedeutet, das Wort Gottes auf sein Leben anzuwenden, um neue Klarheit und auch Erfrischung zu erhalten. Das ist das Gegenteil von einem Richtgeist. Selbst wenn wir einen Splitter im Auge unseres Nächsten sehen, sollen wir in Barmherzigkeit handeln.

8. Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt: Hunde (V. 6)

„Gebt nicht das Heilige den Hunden; werft auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie diese nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen“ (Vers 6).

Der Herr Jesus hat seine Jünger darüber belehrt, wie sie sich anderen Jüngern gegenüber verhalten sollen. Jetzt spricht Er davon, wie ein Jünger im Blick auf die Welt handeln soll. Man fragt sich zunächst, worin der Zusammenhang von Vers 6 zu den vorherigen Versen besteht. Vielleicht liegt er darin, dass die Jünger in den ersten fünf Versen davor gewarnt werden, zu kritisch und zu engherzig über andere Jünger zu denken und zu reden. In Vers 6 dagegen wird die gegensätzliche Gefahr angesprochen, dass man auf eine zu offene und leichtfertige Weise mit ungläubigen Menschen über göttliche Themen spricht.

Davon spricht der Herr Jesus, wenn Er die Jünger warnt, das Heilige den Hunden zu geben. Der Hund war wie auch das Schwein (vgl. 3. Mo 11,7) für den Israeliten ein unreines Tier. Beispielsweise durfte der Kaufpreis eines Hundes nicht in das Haus des Herrn kommen – es wäre ein Gräuel für Gott gewesen (vgl. 5. Mo 23,19). Verschiedentlich werden Hunde als Synonym für die Nationen, Heiden benutzt (vgl. Ps 22,17; Jes 13,22; Mt 15,26). Auch in Offenbarung 22,15 wird von Hunden gesprochen. Dort sind es Menschen, die keine Beziehung zu Gott haben. Diese Menschen waren ungläubig und lehnten Gott als ihren Herrn ab.

Der Meister spricht hier also von Menschen, die „unrein“ sind – das macht auch der Bezug zu dem Heiligen deutlich. Er wendet das Bild des Hundes hier jedoch nicht auf Heiden an. Er spricht überhaupt nicht von einer bestimmten Menschengruppe. Für die Juden waren die Heiden und die Zöllner, die sich mit der Besatzungsmacht der Römer einsmachten, solche „Hunde“ (vgl. Mt 11,19; Apg 10,28). Für Johannes den Täufer dagegen waren die heuchlerischen Führer der Juden solche unreinen Menschen, die er mit Otternbrut verglich (vgl. Mt 3,7). Der Apostel Petrus wiederum nannte Menschen, die sich zum Christentum bekannt hatten, dann aber ohne Bekehrung in ihr altes Umfeld zurückgingen, Hunde und Schweine (vgl. 2. Pet 2,22).

So kann man wohl sagen: Jeder, ob Jude oder Heide, der von dem wahren Gott des Himmels nichts wissen wollte und seinen Messias ablehnte, wird hier mit einem Hund bzw. mit einem Schwein verglichen. Wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten diese Aussage so verstanden haben, mussten sie diese als Affront verstehen, da sie sich rein fühlten. Von ihnen waren sicher auch einige in der Volksmenge vertreten und sie besaßen eine „Antenne“ dafür, dass der Herr Dinge auf sie bezog. Hunde und Schweine verabscheuten sie. Aber der Herr lehrte nicht das, was die Menschen hören wollten, sondern das, was der Vater Ihm auftrug.

Jesus spricht also nicht (nur) von solchen, die einen moralisch verwerflichen Lebenswandel führen. Er spricht von allen Menschen, die meinen, ohne Gott auskommen zu können. Dazu gehörten auch die Pharisäer, denen die eigenen Überlieferungen wichtiger waren als das Wort Gottes. Bei ihnen hatten die eigenen Überzeugungen Vorrang vor dem, was Gott durch Christus sagen ließ.

Das Heilige

Solche Menschen sind gefühllos gegenüber allem Guten – es steht im Widerspruch zu ihrer Natur. Sie sind nicht heilig, und daher sind die heiligen Dinge Gottes auch nicht für sie bestimmt! Damit sind wir bei der Frage, was eigentlich „das Heilige“ ist. Es ist das, was Gott gehört und was in Übereinstimmung mit der Natur Gottes ist, der heilig ist. Sicher nicht von ungefähr finden wir diesen Ausdruck im Alten Testament immer wieder in Verbindung mit dem Heiligtum. Dort gab es „das Heilige“, den vorderen Teil der Stiftshütte (vgl. Heb 9,2). Die Geräte wurden „das Heilige“ genannt (vgl. 4. Mo 4,15.20). Auch das Opferfleisch war „das Heilige“ (vgl. 3. Mo 19,8). Passenderweise geht es hier um das Friedensopfer, also um das Opfer, durch das Gott Gemeinschaft mit dem geheiligten Volk haben konnte. Das aber galt nicht für Menschen, die unrein waren und sich nicht geheiligt hatten.

Heilig heißt nichts anderes als für Gott abgesondert, für Ihn zur Seite gestellt, im Wesen anders als die Welt. Wie kann man das, was Gott für sich selbst bestimmt hat, unreinen Menschen geben? Es wäre ein Affront gegen Gott. Aber dieser Gesichtspunkt steht in diesen Versen nicht einmal im Vordergrund. Hier spricht der Herr davon, dass das Heilige und die Perlen (hier vielleicht ein Hinweis auf den Wert jedes einzelnen Teils von dem, was den Stempel Gottes trägt) zerstört und missachtet werden.

Die Predigt von himmlischen Dingen an Ungläubige

Wie kann man die Anordnung des Herrn hier konkret verstehen? Einige Ausleger denken daran, dass der Gläubige zwar den Ungläubigen das Evangelium verkünden sollte, aber nicht die gesamte Wahrheit des Neuen Testaments. Ausgenommen sei der Teil, den sie als Gottlose ohnehin nicht verstehen können, weil sie dieses Heilige verachten und mit Spott versehen würden. Man kann zum Beispiel an die Wahrheit über die Versammlung Gottes denken (die Perle, vgl. Mt 13,46), an die Souveränität und Auserwählung (Eph 1,4), an die Sohnschaft der Gläubigen, die Kindschaft und an den Besitz des Heiligen Geistes. Wenn dann die herrliche Wahrheit des Wortes Gottes verspottet oder gelästert wird, werden gewissermaßen Perlen zertreten.

Nun bedarf es in dieser Hinsicht geistlichen Unterscheidungsvermögens. Widerstand ist nicht immer ein Hinweis darauf, dass man die Predigt einstellen sollte. Der Herr Jesus ist in der Art und Weise, wie Er mit Menschen umgegangen ist, unser großes Vorbild.

Wer von uns hätte mit der Frau am Jakobsbrunnen über Anbetung gesprochen (Joh 4)? Manche hätten das vielleicht in die Kategorie von Vers 6 eingeordnet. Natürlich handelte es sich bei ihr um eine Frau, die über religiöse Themen eine gewisse Kenntnis besaß und sogar vom Kommen des Messias wusste (vgl. Joh 4,20.25). Aber hätten wir nicht gedacht, zuerst müsse man dieser Frau klarmachen, dass sie in Unmoral lebt (sie lebte mit einem Mann zusammen, ohne mit ihm verheiratet zu sein, Joh 4,17.18), bevor man mit ihr über geistlich so anspruchsvolle Themen wie Anbetung reden könne? Aber der Herr in seiner Weisheit wusste, worüber Er mit dieser Frau reden konnte. Hinzu kommt, dass sie selbst das Thema Anbetung eingeführt hatte.

Ein anderes Beispiel finden wir in Johannes 6,44.65. Der Herr Jesus spricht dort zu Ungläubigen (wenn auch in etwas verborgener Form) von der Souveränität Gottes. Das ist ein bis heute selbst unter Christen kaum richtig verstandenes Thema. Könnten wir nicht leicht denken, dass ein Gespräch über die Auserwählung „Perlen vor die Säue werfen“ ist? Offensichtlich sah der Herr das anders.

Wenn wir bei dem Heiligen und den Perlen an die himmlische Wahrheit des Neuen Testaments denken, so ist es nicht verwunderlich, dass der Herr die Belehrungen in beiden Beispielen nicht weiter ausführt. Denn viele Teile der neutestamentlichen Wahrheit waren noch nicht bekannt. Erst etliche Jahre später sollte u. a. Paulus diese Teile der herrlichen Wahrheit verkünden, nachdem sie ihm und anderen Aposteln durch Gott offenbart worden waren.

Bei alledem lernen wir, dass wir immer sehr genau prüfen müssen, wem wir welche Schönheit des Neuen Testaments in welcher Weise vorstellen. Der Herr hat über diese großartigen Aspekte der Wahrheit auch nicht zu jeder Zeit mit jedem gesprochen.

Das Heilige geben

An dieser Stelle wollen wir uns noch einem zweiten Gedankengang in Verbindung mit diesem Vers widmen. Unheiligen soll das Heilige nicht gegeben werden – also gerade das, was Gott ausmacht. Gott ist ein heiliger Gott (vgl. 3. Mo 11,44; Jos 24,19). Was könnte der Herr über die genannten Punkte hinaus meinen, wenn Er davor warnt, Perlen vor Schweine zu werfen? Wenn man Ungläubige an den Segnungen der Beziehung eines Jüngers mit seinem Vater in den Himmeln Anteil nehmen lässt, besteht folgende Gefahr: Diese Ungläubigen zertreten die Perlen und zerreißen das Zeugnis der Gläubigen. Das tut man auch, indem man diese ungöttlichen Menschen aufnimmt und keinen Unterschied zwischen Heiligen und Unheiligen macht. Dann tut man so, als ob die heiligen Segnungen auch den Ungläubigen gehörten. Man wirft die herrlichen Perlen göttlicher Segnungen vor die Schweine. Diese zertreten die Perlen – sie können gar nicht anders, weil sie diese nicht wertschätzen können – und zerreißen die Gläubigen. Zwei Beispiele aus dem Alten Testament illustrieren diesen Gedanken:

  1. Simson (Ri 16): Zunächst verband er sich mit einer Philisterin, Delila, die zu den Feinden des Volkes Gottes gehörte. Er zeigte damit, dass es aus seiner Sicht offenbar keinen Unterschied zwischen Unheiligen und Heiligen gibt. Das führte dazu, dass er ihr nach vielem Drängen sein Herz kundtat und sie damit an seinem Glaubensgeheimnis Anteil nehmen ließ. Er hatte etwas Heiliges „Hunden“, die dies gar nicht verstehen können, hingeworfen. Was passierte? Delila zertrat diese Perlen unter ihren Füßen, indem sie dieses Geheimnis seinen Feinden verriet. Diese zerrissen den Mann, der sich mit ihnen äußerlich verbunden hatte.
  2. Lot (1. Mo 19): Anfangs machte er sich durch seinen Aufenthalt in Sodom mit den dort lebenden ungöttlichen Menschen eins – vermutlich kam seine Frau sogar aus Sodom. Deshalb hing sie so sehr an dieser Stadt, dass sie sich entgegen dem Gebot Gottes umdrehte, als sie zusammen mit Lot vor dem Gericht über Sodom floh.
    Als „Gerechter“ war Lot gleichsam eine „Perle“ unter den gottlosen Einwohnern dieser Stadt, sogar in seiner eigenen Familie. Doch als es darauf ankam und er seinen Schwiegersöhnen das Wort Gottes vorstellte, war er in ihren Augen wie einer, der Scherz treibt, und sie „zertraten“ ihn und seine Botschaft, indem sie sich über ihn lustig machten. Warum? Weil sein Leben nicht zu seinem Bekenntnis der Heiligkeit passte. Er war ein Heiliger („Gerechter“, 2. Pet 2,7.8). Aber dadurch, dass er sich in den Toren Sodoms aufhielt und dort sogar als Führungsperson tätig war – als Richter (1. Mo 19,9) – war von diesem Bekenntnis nichts zu sehen. So gab er das Heilige den Hunden. Wenn Gott nicht in unfassbarer Barmherzigkeit eingegriffen hätte und sogar mehr getan hätte, als das, was Abraham erbeten hatte (vgl. 1. Mo 18,32), wäre Lot zerrissen worden. Durch die Engel aber rettete Gott den armen Lot aus ihren Händen (1. Mo 19,4.9).
    Wir sehen: Wer sich mit gottlosen Menschen verbindet, gibt das Heilige den Hunden und wirft den Schweinen die Perlen Gottes vor.

Dabei gilt es zu bedenken: Wer zu den „Schweinen“ oder „Hunden“ gehört, muss kein moralisch verwerfliches Leben führen. Es können menschlich sehr edle Menschen sein – aber ohne Gott! „Und ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig, ich, der HERR; und ich habe euch von den Völkern abgesondert, damit ihr mein seid“ (3. Mo 20,26). Gott will keine Vermischung des Heiligen mit dem Unheiligen. Das Heilige soll von dem Unheiligen unterschieden werden (vgl. 3. Mo 10,10; Hes 22,26). Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird das Heilige früher oder später zertreten und zerrissen.

Konsequenz: Keine Gemeinschaft von Gläubigen und Ungläubigen

Als Konsequenz aus der Belehrung dieses Verse kann man folgern: Der Herr verwirft an dieser Stelle jede Gemeinschaft von Jüngern mit Gottlosen, von Menschen, die Gott angehören, mit solchen, die Ihn ablehnen. Auch dadurch gibt man das Heilige, das uns anvertraut worden ist, an Ungläubige. Sie ziehen es in den Dreck und zertrampeln es oft sogar unter den Füßen. Das, was Gott wichtig ist, würde von Unheiligen besudelt.

Das ist ein sehr wichtiger Grundsatz, den es auch für uns heute noch zu berücksichtigen gilt. Gott hasst die Vermischung von Gläubigen mit dieser Welt. Er hat uns aus der Welt herausgenommen (vgl. Gal 1,4) und für sich selbst geheiligt (vgl. 1. Pet 1,2). Gott macht eine Trennung zwischen Welt und Nicht-Welt. Sie passen nicht zusammen.

„Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr wollt hingehen ...“ (1. Kor 10,27). Dieser Vers zeigt, dass es einer konkreten Motivation bedarf, zu Ungläubigen zu gehen. Diese Motivation kann doch nur sein, sie mit dem Evangelium Gottes bekannt zu machen. Jeder andere Grund vermischt die Grundsätze von Heiligkeit und Gottlosigkeit. „Welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis ... Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen?“ (2. Kor 6,14.15). Jakobus drückt das so aus: „Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak 4,4).

Der Schaden ist sogar ein Doppelter:

  1. Das Heilige, die Perlen, werden zertreten und ihres Wertes beraubt. Die Menschen dieser Welt erkennen, dass wir Gläubige sind, selbst wenn wir noch so fehlerhaft leben. Ihr Urteil wird dann sein: Diese Menschen, die von sich sagen, dass sie Heilige, für Gott Abgesonderte sind, pflegen Gemeinschaft mit uns, die sie als Unheilige, als Ungläubige bezeichnen. Das Heilige wird damit in den Augen der Welt unheilig und wird dieser gewissermaßen in die Hände gegeben. Ist uns das klar, wenn wir als Jünger des Herrn gemeinsame Sache mit der Welt machen? Das kann die theologische, die kulturelle, die sportliche, die philosophische, die politische oder eine andere Welt sein.
  2. Wir selbst erleiden einen Schaden: Die Schweine zerreißen uns. Offenbar spielt der Herr hier nicht auf das Haustier, sondern auf wilde Schweine an. Sie zerstören das Zeugnis des Gläubigen und zerreißen seinen Glauben. Wie oft ist ein Gläubiger, der angefangen hat, sich mit der Welt einzulassen, in seinem Glauben geistlich und moralisch zugrunde gegangen?

Es gibt eine sehr aktuelle Anwendung dieser Belehrung: In manchen Versammlungen (Gemeinden, Kirchen) werden heute sogenannte Gästegottesdienste gefeiert. Ungläubige und Gläubige sollen gemeinsam Gott lobsingen. Lobpreislieder werden gemeinsam angestimmt. Es gibt ja in dieser Hinsicht keinen fundamentalen Unterschied, redet man sich ein. Wie aber können ungläubige Menschen den Vater anbeten? Man wirft ihnen die Perlen christlicher Anbetung vor die Füße. Als Ungläubige aber können sie mit diesen Perlen nichts anfangen, weil es neues Leben bedarf, um als Anbeter vor Gott treten zu können. Daher zertreten sie diese Perlen, verachten das Heilige, und alles nimmt Schaden. Auch wenn Gott in seiner Souveränität solche unbiblischen Veranstaltungen zur Bekehrung eines Menschen nutzen kann – ihr Fundament steht im Widerspruch zu diesem Vers.

Vers 6 sollte im Übrigen schon zu Lebzeiten des Herrn, zum Beispiel in der Aussendung der Jünger in Matthäus 10, seine Anwendung finden. „Wer irgend euch nicht aufnimmt noch eure Worte hört – geht hinaus aus jenem Haus oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen“ (Vers 14). Wer sich dem Gott des Himmels und seinen Jüngern nicht öffnen wollte, mit dem sollte es keine Gemeinschaft geben. Wir dürfen daraus natürlich keineswegs den falschen Schluss ziehen, dass die Verkündigung des Evangeliums an Ungläubige verkehrt wäre. Im Gegenteil! Das ist und bleibt der Auftrag an die Gläubigen. Wir sollen immer und überall Zeugen Jesu sein. Wo immer möglich, sollten wir die gute Botschaft auch mündlich (oder schriftlich) in geeigneter Form und unter der Leitung des Geistes Gottes weitergeben. Dieses Vorrecht dürfen wir uns nicht nehmen lassen.

Der Hund und die gewaschene Sau

Abschließend zu diesem Teil möchte ich kurz auf einen Vers in 2. Petrus 2 eingehen, der die beiden Tiere, die Christus hier erwähnt, noch einmal in einem Atemzug nennt: „Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: Der Hund kehrte um zu seinem eigenen Gespei und die gewaschene Sau zum Wälzen im Kot“ (Vers 22).

Petrus spricht hier von Ungläubigen, die sich für eine Zeit den Gläubigen angeschlossen hatten. Äußerlich gehörten sie dazu – aber innerlich blieben sie Ungläubige, Ungöttliche. Die von ihm gewählte Ausdrucksweise ist sehr markant. Der Hund kehrt zurück zu dem Ort, wo er etwas erbrochen hat. Er fühlt sich bei dem wohl, was von ihm selbst stammt. Das Schwein mag gewaschen worden sein – aber seinem Naturell entsprechend kehrt es in den von ihm selbst verursachten Dreck zurück.

So wird noch einmal eindrucksvoll bestätigt, dass Menschen, so fromm sie eine Zeitlang auch erscheinen mögen, unheilig bleiben, wenn sie sich nicht bekehren. Diesen Menschen das Heilige anzuvertrauen, indem man sich mit ihnen verbindet, führt zu Unheil. Man meint vielleicht, sie dadurch zu gewinnen, dass man sie an den Segnungen des Gläubigen teilhaben lässt. Aber das Ergebnis ist nur Schaden.

9. Die Beziehung des Jüngers zu Gott: Bitten (V. 7–12)

Im Verlauf der Bergpredigt haben wir schon manches über das Verhältnis des Jüngers zu Gott gelernt. In Kapitel 6 steht beim „Vaterunser“ der vertraute Umgang mit dem Vater im Vordergrund. Im letzten Abschnitt von Kapitel 6 geht es darum, das praktische Vertrauen zu dem Vater in bewusst gelebter Abhängigkeit zu verwirklichen.

In den Versen 7–12 des siebten Kapitels lernen wir nun, dass der Jünger eine „Anlaufstelle“ hat, wo er mit allem hingehen kann, was ihn beschäftigt. Er ist sich dabei bewusst, dass er gänzlich von Gott abhängig ist. Er soll andere Jünger nicht kritisieren und mit der Welt keine gemeinsame Sache machen. Er kann sich immer an Gott wenden und sich auf Ihn verlassen, denn Er ist ein gebender Gott. Oder, wie Jakobus sagt: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter“ (Jak 1,17). Der gebende Gott will allerdings gebeten werden. Der Bittende wird dann erfahren: „Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören“ (Jes 65,24).

Verse 7.8: Der Vater gibt auf das Bitten seiner Jünger

„Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden. Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden“ (Verse 7.8).

Diese beiden Verse zeigen den Jüngern, dass der Vater ihre Bitten gerne hört. Er ist ein guter Herr (vgl. Ps 118,29), der gerne gibt, finden lässt und aufmacht. Alle drei genannten Tätigkeiten weisen in dieselbe Richtung. In ihrer Intensität sind sie ansteigend.

Wenn der Jünger den Vater um etwas (Gottgewolltes) bittet, so gibt der Vater gerne. Wenn der Jünger gewissermaßen nach einer Sache ringt, ja sie intensiv bittend sucht, wird der Vater diese schenken. Wer so inständig sucht, wird finden. Wer dann sogar direkt anklopft, steht unmittelbar vor dem Vater, denn ihm wird aufgetan werden. Diese bewusste Abhängigkeit von Gott ist Voraussetzung, um Ihm wohlgefällig leben zu können. Er steht bereit, den Seinen in allen Umständen zu helfen, wenn sie Ihn darum bitten. Diese Abhängigkeit muss dann natürlich mit einem geistlichen Willen und geistlicher Energie im Leben des Jüngers zusammengehen. Eigenwille wäre völlig fehl am Platz.

Die Ermahnung an die Jünger und damit auch an uns, liegt in der Aufforderung, zu bitten. Gott möchte unsere Bitten hören. Dann, so verheißt Er uns, antwortet Er. Wenn wir in unserer Haltung zu erkennen geben, dass wir von Ihm abhängig sind, öffnet Er die Schleusen des Himmels, um uns zu segnen. Aber bitten, suchen und anklopfen – das müssen wir schon selbst tun. Wir sollten uns auch nicht immer damit zufrieden geben, einfach nur zu bitten. Zuweilen ist es nötig, intensiver mit Gott zu sprechen und sozusagen direkt anzuklopfen. Dennoch sollten wir dem Vater nichts abringen wollen. Aber was für eine Begegnung mit dem Vater, wenn wir anklopfen: Er selbst öffnet uns die Tür!

Noch ein abschließendes Wort zu den drei Tätigkeitswörtern, das sich aus dem gerade Gesagten ergibt: Der Herr stellt uns hier eine gewisse Steigerung vor. Vom Bitten geht es über das Suchen zum Anklopfen. Es ist, also ob er uns dazu motivieren will, praktisch immer näher zu dem Vater zu gehen. Wir sollen zunehmend Energie einsetzen, um von Ihm Antworten zu erhalten. Er gibt gerne!

Verse 9–11: Der Vater gibt seinen Jüngern Gutes

„Oder welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um ein Brot bitten wird, ihm etwa einen Stein geben wird, oder auch, wenn er um einen Fisch bitten wird, ihm etwa eine Schlange gegeben wird? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, denen Gutes geben, die ihn bitten!“ (Verse 9–11).

Der Herr Jesus hat den Grundsatz verdeutlicht, dass der Vater unsere Bitten hört, um sie auszuführen. Jetzt zeigt Er in den nächsten drei Versen, dass Er konkrete Antworten gibt. Vor allem ist wahr, dass seine Antwort darin besteht, Gutes zu geben. Der Herr benutzt dazu einen Vergleich. Ein Vater wird seinem hungrigen Sohn ein Brot, um das dieser bittet, nicht vorenthalten. Wenn dieser um einen Fisch bittet, wird der Vater ihm keine gefährliche bzw. ungenießbare Schlange geben (auch wenn heute Schlangen zuweilen als Delikatessen verkauft werden – aber das war früher anders).

Wenn nun schon irdische Väter, die oft versagen (wie viele ja aus eigener Erfahrung wissen!), den Kindern Gutes nicht vorenthalten, wie viel weniger wird unser himmlischer Vater das tun (Ps 84,12b). Er ist gut und tut Gutes (Ps 118,29; 119,68). Wenn ein Jünger seinen himmlischen Vater um etwas bittet, was gut für ihn ist, wird der Vater eine solche Bitte gerne erhören.

Das heißt aber zugleich, dass der Vater seinen Kindern keine Dinge gibt, die zu ihrem Schaden sind. Der Vater gibt Gutes, das, was zum Nutzen für seine Kinder ist. Und was geschieht, wenn wir böse oder nutzlose Dinge erbitten? Jakobus zeigt ja, dass Jünger tatsächlich manchmal übel bitten (vgl. Jak 4,3). Wenn Gott dann derartige Bitten erhört, tut Er es zu unserer Erziehung: „Da gab er ihnen ihr Begehr, aber er sandte Magerkeit in ihre Seelen“ (Ps 106,15). Doch im Allgemeinen erhört der Vater solche törichten Bitten nicht. Ihm sei Dank dafür!

Die Gabe des Geistes Gottes in Lukas 11

Der Unterschied der Berichterstattung zwischen Matthäus und Lukas ist auffallend. Lukas spricht in diesem Zusammenhang von der großen Gabe des Heiligen Geistes, die der Vater auf Bitten der Jünger geben würde. Wir wissen, dass wir heute um diese Gabe nicht mehr bitten müssen – denn der Geist Gottes ist hier auf der Erde.

Lukas hatte den Auftrag, das Evangelium für Heiden zu schreiben. In Übereinstimmung damit nennt er den Herrn Jesus den Sohn des Menschen, der den Menschen das schenken möchte, was sie nötig haben. Das große Bedürfnis erlöster Menschen mit neuem Leben war es, den Heiligen Geist auf dieser Erde zu empfangen.

Vers 12: Schlussfolgerung: Gutes tun

„Alles nun, was irgend ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso! Denn dies ist das Gesetz und die Propheten“ (Vers 12).

Zum Abschluss dieses neunten Teils weist der Meister seine Jünger noch auf einen Grundsatz hin. Sie sollen von dem Vater lernen, der ihnen bereitwillig Gutes erweist und das auch gegenüber den sie umgebenden Menschen tun. Auch in diesem Kapitel finden wir wieder die zwei Seiten, die von Beginn der Bergpredigt an vor uns standen: auf der eine Seite Gerechtigkeit zu tun (Verse 1–11) und auf der anderen Seite das Wesen des Vaters zu offenbaren (Vers 12).

Jeder Mensch weiß, was er selbst gerne von anderen Menschen erfährt: Liebe, Respekt, Hilfe, und noch vieles mehr. Der Herr Jesus fordert uns hier auf, genau dieses den anderen zu erweisen. Wir sollen also keine „Konsumenten-Haltung“ haben, sondern eine Gesinnung, anderen dienen zu wollen.

Wie viel weniger zwischenmenschliche Beziehungen wären heute gestört, wenn man nicht auf den ersten Schritt des anderen warten, sondern selbst auf ihn zugehen würde. Wenn man ihm Gutes erwiese, statt darauf zu warten, dass der andere Gutes tut. Diesen Grundsatz sollten wir gerade dann verwirklichen, wenn wir Geschwistern gegenüberstehen, mit denen wir erfahrungsgemäß leicht in Konflikt geraten. Auch manche zerbrochene Ehe würde heute vielleicht noch bestehen, wenn man nicht in erster Linie das Verhalten des Ehepartners kritisiert hätte, sondern selbst in Liebe und Hilfe aktiv geworden wäre.

Auch Petrus geht in seinem Brief auf diesen Grundsatz ein: „Und wer ist es, der euch Böses tun wird, wenn ihr Eiferer für das Gute geworden seid?“ (1. Pet 3,13) Durch Gutes tun wird ein Jünger oft schon in seinem Leben hier auf der Erde Gutes ernten.

Wir wollen bei den Worten des Herrn bedenken: „Denn dies ist das Gesetz und die Propheten“ – das ist das Alte Testament. Es handelt sich hier also noch nicht einmal um ein typisch christliches Gebot. Der Herr bestätigt nur das, was schon im Alten Testament gelehrt wird (vgl. z. B. 3. Mo 19,18). Es war den Jüngern also längst bekannt. Damit verliert dieser Anspruch jedoch nicht an Bedeutung. Er offenbart die Barmherzigkeit des Meisters, dass Er zu dieser Zeit von seinen Jüngern noch nicht mehr verlangte. Die Kenntnis der christlichen Wahrheit zeigt, dass diese Belehrung bei weitem nicht an die Höhe der Unterweisungen des Neuen Testaments heranreicht. Trotzdem stellt sie einen hohen Anspruch an unser Leben. Man muss sich fragen, ob wir diesen Grundsatz verwirklichen – geschweige denn den viel höheren Maßstab wahren Christentums!

Manche haben diesen Vers die goldene Regel des Christentums genannt. Wir haben gesehen, dass dies abwegig ist, weil es eine Zusammenfassung der alttestamentlichen Botschaft ist. Darüber hinaus haben viele Christen die „negative“ Formel zu verwirklichen gesucht: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Zwischen diesen beiden Versionen besteht nicht nur ein semantischer Unterschied. Die Aufforderung des Herrn Jesus geht viel weiter als die negative Version, die übrigens dem Talmud, also den gesammelten Überlieferungen der Juden, entstammt.

Der Herr Jesus zieht mit diesem Vers eine Verbindung zum letzten Teil des Kapitels 5. Dort zitierte Er ebenfalls das Alte Testament und ging dann auf die Ergänzungen durch die Juden ein, um schließlich den wahren Sinn, das eigentliche Ziel der alttestamentlichen Gebote, zu zeigen. Die von heutigen Christen verwendete negative Formulierung passt tatsächlich zu dem Gesetz vom Sinai, das in vielen Teilen negativ formuliert war („Du sollst nicht“). Es stellte jedoch nur eine Mindestanforderung Gottes an den Menschen dar. Wenn man aber das Negative nicht tat, hatte man noch lange nicht das Positive getan. Das aber war das eigentliche Ziel, der Sinn der von Gott gegebenen Gebote. Deshalb nennt der Herr Jesus in diesem zwölften Vers das Positive. Er fordert seine Jünger auf, das Gute zu tun: So würden sie die göttlichen Gedanken verwirklichen können.

10. Wahre Jünger – falsche Jünger: Pforte, Früchte, Herr, Haus (V. 13–29)

Nachdem der Herr Jesus die Beziehung der Jünger untereinander, zu Ungläubigen und zu Gott angesprochen hat, fügt Er einen wichtigen Schlussteil an. Offensichtlich wollte Er die Jünger vor Gefahren warnen. Diese Warnungen sind Ihm so wichtig, dass Er die Bergpredigt mit insgesamt vier Warnungen beschließt.

Mancher mag sich Jünger nennen und sich sogar zu Christus bekennen. Aber die Mehrheit davon gehört letztlich zu den Feinden des Königs. Dieser Tatsache muss man klar ins Auge sehen, so erschreckend sie auch ist. So bereitet der Herr uns darauf vor, in einer nüchternen Beurteilung die Echtheit eines Bekenntnisses zu prüfen, ohne einem fleischlichen Richtgeist anheimzufallen (vgl. V. 1). Er möchte verhindern, dass die Jünger falsche Vorstellungen davon haben, was die Echtheit und Falschheit von Jüngern betrifft. Zwar soll ein Jünger im Sinne von Vers 1 den anderen nicht richten. Ihm soll aber doch bewusst sein, dass es durchaus einer nüchternen Beurteilung der Echtheit eines Bekenntnisses bedarf.

Vielleicht kann man auch sagen, dass der Blick des Herrn Jesus in diesen Schlussversen seiner Bergpredigt über die Jünger hinausging. Er sah die Volksmenge und wollte vermeiden, dass sich jemand einer Illusion hingab und alle Verheißungen dieser Predigt ohne Weiteres auf sich bezog. Leider ist das in der Namenschristenheit gang und gäbe. Wenn aber kein wahres Leben, keine echten Früchte vorhanden sind, wenn die Grundlage des Felsens fehlt, bleibt am Ende nichts von ihrem Bekenntnis übrig. Solche Menschen haben keine Beziehung zum Vater. Der Herr Jesus wird ihnen einmal sagen müssen: Ich habe euch niemals gekannt.

Verse 13.14: Die enge und die weite Pforte

„Geht ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die durch sie eingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden“ (Verse 13.14).

Zunächst spricht der Herr Jesus davon, dass es nur zwei Pforten gibt. Wieder ist seine Sprache schwarz-weiß, Er stellt also Gegensätze oder Kontraste dar. Eine schmale Tür führt über einen Weg zum Leben – nicht zum Himmel, darum geht es in der Bergpredigt nicht. Eine andere Tür ist weit und führt über einen breiten Weg direkt zum Verderben. Auf dem breiten Weg befinden sich viele Menschen, auf dem anderen dagegen nur wenige.

Viele denken vermutlich an die bekannte, beeindruckende Zeichnung vom schmalen und breiten Weg. Diese Darstellung schmückt zwar das Gleichnis Jesu aus, enthält aber doch wesentliche Elemente: Zum einen sind dort zwei Pforten gezeigt, die darauf hinweisen, dass man eine Entscheidung für den Weg am Anfang trifft – nicht am Ende. Wer durch die enge Pforte geht, bekennt sich zu Christus und folgt Ihm nach. Das sind Jünger, die bereit sind, auf dem bergigen, schwierigen und schmalen Pfad zu gehen, der zum Himmel führt.

Dann sieht man viele Menschen, die sich durch die verlockenden Angebote am Rande des breiten Weges anziehen lassen. Das Durchschreiten der breiten Pforte ist ein „Bekennen“ für einen Weg ohne Christus, auch wenn man sich äußerlich zu Ihm bekennt. Es ist ein Leben ohne Gehorsam dem Herrn Jesus gegenüber. Solche Menschen laufen geradewegs auf die Hölle zu. Diese beiden Ziele – Himmel oder Hölle – müssen jeden, der das Bild sieht, ins Herz treffen. Man kann sich nur auf dem einen oder anderen Weg befinden – einen Mittelweg gibt es nicht.

Es geht dem Herrn Jesus allerdings nicht darum zu zeigen, dass auf dem breiten Weg gewaltige unmoralische Verlockungen für den Menschen angeboten werden. So zeigt es zwar die bekannte Zeichnung, und das ist auch wahr für das Leben des natürlichen Menschen. Davon aber spricht Christus hier nicht. Wie auch sonst in der Bergpredigt wendet Er sich an Jünger bzw. solche, die sich selbst als Jünger bezeichnen. Mit diesem Gleichnis will Er deutlich machen, was wahre Jüngerschaft voraussetzt und was für eine Lebenseinstellung sie verlangt.

Die Belehrung der engen und der weiten Pforte

Der Herr wendet sich wie in der gesamten Bergpredigt an Jünger. Er verkündet ihnen nicht, wie man sich bekehrt. Aber zu Beginn des Abschnitts, in dem Christus wahre und falsche Jünger gegenüberstellt, beginnt Er damit, dass Er zeigt, wie man eigentlich Jünger wird. Das betont die Verantwortung dessen, der sich zu seinem Meister bekennen möchte. Daher handelt es sich bei der engen Pforte nicht um ein Bild der Gnade, die ein Ungläubiger finden muss und von Gott geschenkt bekommt.

Die Gnade ist nicht eng – sie ist vielmehr sehr weit, so weit, dass sie jeden Menschen einschließt, der zum Retter kommen möchte. Und doch hat die Pforte auch mit Gnade zu tun. Denn ohne das Bewusstsein und die Annahme der Gnade Gottes kann man nicht durch diese enge Pforte gehen, wie wir noch sehen werden. Und deswegen sind es nur wenige, die durch diese enge Pforte gehen, weil viele die Gnade ablehnen.

Die enge Pforte zeigt den Charakter der Nachfolge. Am Anfang steht eine Entscheidung für den Meister. Das ist die Pforte. Wir erinnern uns daran, dass der Herr Jesus selbst von sich sagt: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden“ (Joh 10,9). Christus ist der Weg: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Es gibt nur diesen einen Weg, Nachfolger des Herrn Jesus zu werden: zu erkennen, dass man nicht fähig ist, Ihm in eigener Kraft nachzufolgen, so dass man eine Bekehrung, wahre Umkehr und Sinnesänderung nötig hat.

Nun stellt die enge Pforte nicht die Bekehrung zu Gott dar, durch die ein Sünder zu einem Erlösten wird. Auch in diesem Gleichnis geht es ja um Jünger. Aber selbst bei einem Jünger, der wirklich Jünger Jesu ist, steht eine Entscheidung für den Herrn am Anfang der Nachfolge. Diese ist notwendigerweise mit Umkehr und Buße verbunden. Gerade das war die Erfahrung, die Petrus machte, als er in die Nachfolge des Meisters eintrat (vgl. Lk 5,8–11).

Eng ist die Pforte deshalb, weil man auf den Ruf des Meisters angewiesen ist; man kann nicht selbst bestimmen, was man tun will. Man ist auch abhängig vom Vater (Verse 7–12). Das Fleisch, das eigene Ich, muss praktischerweise verleugnet werden; in eigener Werk-Gerechtigkeit kann man dem Herrn Jesus nicht gefallen. Zudem handelt es sich um eine Pforte des Selbstgerichts – durch diese Pforte passt nur ein Mensch hindurch, der nichts von sich selbst mitnehmen will. Alles, was er an Selbstbewusstsein, Selbstgerechtigkeit, eigenen Überlegungen, eigenen Gesetzen, eigener Treue, eigenem Verdienst mitbringen möchte, muss draußen bleiben. Das macht das Eingehen so schwierig. Und deswegen benötigen wir auch Gottes Gnade für diesen Weg. Wer nicht bereit ist, das alles aufzugeben und Buße zu tun über sich und seinen bisherigen Lebensweg, wird die andere Pforte wählen. Und diese führt ins Verderben.

Aber auch nachdem man durch die schmale Pforte hindurchgegangen ist, wird der Weg nicht breiter. Das Bewusstsein der eigenen Unfähigkeit und der Abhängigkeit von der Gnade des Herrn muss man sich auf dem Weg erhalten. Wer das tut, befindet sich auf einem Weg zum Leben. Erinnern wir uns: Wir sind noch immer bei der Magna Charta des Königreichs der Himmel, das auf dieser Erde aufgerichtet wird. Bei dem Ziel des Weges handelt es hier daher nicht um den Himmel. Es geht vielmehr darum, in das ewige Leben des Königreichs des Herrn Jesus Christus einzugehen. Dazu gibt es nur diesen einzigen Weg.

Dieser Pfad ist nicht „gepflastert“ mit Steinen eigener Gerechtigkeit, wie die Pharisäer meinten und entsprechend handelten (Kapitel 6,1–18). Da gibt es keine Ehre für den Jünger, die er vonseiten anderer Menschen bekommen könnte. Es gibt auch keinen materiellen Gewinn, den man auf diesem Weg erzielen könnte (Kapitel 6,24). Zudem gibt es keinen Platz dafür, sich über andere zu stellen, die man richtet und verurteilt (Kapitel 7,1–5). Es gibt aber Gehorsam gegenüber Gottes Wort (Kapitel 5,17–48). Es gibt eine bewusste Abhängigkeit vom Vater (Kapitel 6,25–34). Und es gibt Aufgaben im Blick auf die Erde und die Welt (Kapitel 5,13–16). Vor allem ist ein solcher Jünger bereit, um der Gerechtigkeit und um Christi willen zu leiden (Kapitel 5,1–12). Dieser Weg ist und bleibt schmal – aber er macht wahrhaft glücklich, weil er mit Christus verbindet. Das Auge des Jüngers ist einfältig und allein auf Christus gerichtet (Kapitel 6,22.23). Man weiß, dass es nicht um vergängliche Schätze geht, sondern darum, Schätze im Himmel zu sammeln.

Eine Anwendung auf uns heute

Wenige Menschen finden diesen Weg. Das zeigt den biblischen Grundsatz, dass es nie auf Zahlen ankommt. Nicht da, wo viele sind, ist der Weg Gottes (vgl. 2. Mo 23,2). Hier ist es gerade das Gegenteil. Es sind nur wenige, die diesen Weg suchen. Wer ihn sucht, wird ihn finden (vgl. Vers 7). Es ist ein Weg, der mit Selbstverleugnung und mit einem Bekenntnis beginnt und wieder mit Selbstverleugnung und dann mit Selbstgericht weitergeht. Daher ist er nicht begehrt – das Auge vieler Bekenner sucht einen anderen. Sie wollen ihre eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen mit einbringen. Sehr wenige Prediger in der christlichen Welt kennen diesen Weg und verkündigen ihn. Wer das tut, muss den Blick von sich selbst weg auf Christus allein lenken – und das passt dem natürlichen Menschen nicht. Man spricht im Allgemeinen lieber über angenehmere Dinge für das Fleisch, die Natur des Menschen.

Auf dem breiten Weg befinden sich sehr viele Menschen. Sie meinen, das Gute tun zu können; sie sind davon überzeugt, dass ihre eigenen Werke dem Herrn gefallen. Sie strengen sich ja an, mit eigener Kraft Gott ihr eigenes Leben anzubieten. Aber das ist nichts als die breite Pforte, durch die sie auf einen Weg gehen, der dieselben Kennzeichen trägt wie die Pforte. Er ist breit und bietet Platz für eigene Gedanken und das eigene Ich. Solche Menschen leben dabei meistens nicht in großer, moralischer Verderbnis. Nein, es sind die anständigen Menschen, diese Pharisäer, die das Gesetz Gottes zu tun vorgeben und meinen, andere belehren zu können. Doch letztlich ehren sie nur ihr eigenes Fleisch und kommen sich dabei noch gottesfürchtig vor. Ihr Weg führt ins Verderben.

Wohlgemerkt: Es gibt nur zwei Pforten und zwei Wege. Einen Mittelweg gibt es nicht. Es gibt auch keine Verbindung zwischen den beiden Wegen. Man muss sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden und dann durch die entsprechende Pforte gehen. Jeder Mensch befindet sich auf einem der beiden Wege – entweder auf dem Weg zum Leben, oder auf dem zum Verderben. Wenn man sich nicht entscheiden will, geht man automatisch durch die breite Pforte und damit auf dem breiten Weg! Der führt ins Verderben. Das ist nicht ein zeitliches Verderben, sondern es geht um das ewige Verderben. Die Entscheidung über die Ewigkeit wird an der Pforte im Diesseits getroffen.

Heißt das nun, dass jemand, der einmal den Weg durch die weite Pforte gewählt hat, keine Möglichkeit mehr besitzt, durch die enge Pforte zu gehen und auf den anderen Weg zu kommen? Natürlich nicht! Eine „Umentscheidung“ ist jederzeit möglich, solange Gott einen nicht aus diesem Leben abgerufen hat. Man kann allerdings nicht einfach von einem Weg auf den anderen springen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss durch das Eingangstor – also die enge Pforte – hindurchgehen. Über einen anderen „Weg“ kann man auf den schmalen Weg nicht gelangen.

Es geht hier nicht um die Frage, ob sich jemand, der durch die weite Pforte gegangen ist, nicht mehr bekehren kann. Es ist in diesem Leben immer möglich, durch die enge Pforte einzugehen auf den schmalen Weg. Genauso ist es auch wahr, dass mich die Entscheidung in meinen Jugendjahren, dem Herrn nachzufolgen, nicht dazu bringen darf, mich auf dieser Entscheidung auszuruhen.

An dieser Stelle wollen wir uns noch vor einer falschen Enge warnen lassen, die der Herr Jesus hier nicht meint. Man kann Menschen auch Lasten auferlegen, welche die Pforte enger machen, als sie ist. Der Herr will gerade nicht, dass wir meinen, wir kämen auf den schmalen Weg, wenn wir bestimmte Dinge tun oder lassen. Das gilt auch für Dinge, die wir uns selbst oder anderen auferlegen. Nein, es ist gerade das Kennzeichen der breiten Pforte, dass man sich selbst Gesetze macht. Man meint dann, das Einhalten dieser Gesetze würde für den Himmel und das Leben reichen. Aber das ist der falsche Ansatz. Er führt durch die weite Pforte, durch die eigene Gesetze und Überzeugungen passen. Nein, der Herr möchte, dass wir uns eingestehen, dass wir selbst gar nichts tun können. Das ist die enge Tür. Durch sie passen keine Werke, derer ich mich vor Gott rühmen möchte und die mir einen Platz im Himmel sicherstellen sollen. Durch sie passe ich nur, wenn ich einfach Gottes Angebot der Gnade an den Sünder annehme.

Die Belehrung bei Lukas

Lukas stellt, wie so oft, mehr die moralischen Aspekte in den Vordergrund, wenn er in Kapitel 13 diese bildliche Sprache wiedergibt. Bei Matthäus geht es um die Frage, ob sich ein Mensch in den Bereich des Segens Gottes hineinbewegt: Man geht durch die schmale Pforte und ist im Bereich des Segens und erntet das Leben. Oder man geht durch die breite Pforte und endet im Verderben.

In der Belehrung des Herrn im Lukasevangelium geht die Frage nach der Errettung der Menschen voraus (Lk 13,23). Dort spricht Er besonders vom Ringen, um einzugehen. Es ist ein Herzenskampf notwendig, um durch die enge Tür eingehen zu können. Er zeigt nicht, dass die Tür zu eng sein könnte, sondern dass sie irgendwann verschlossen ist. Daher ist es so wichtig, rechtzeitig einzutreten. Das aber ist mit der inneren Herzenstätigkeit der Bekehrung und Umkehr einer wahren Sinnesänderung (Buße) verbunden.

Verse 15–20: Falsche Propheten und ihre Früchte

„Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, innen aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Sammelt man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Verse 15–20).

Im zweiten Abschnitt spricht der Herr von falschen Propheten. Das ist nicht dieselbe Gruppe wie in den Versen 13 und 14. Wenn man an eine Verbindung dieser Verse denkt, dann könnte man unter den falschen Propheten diejenigen verstehen, welche die Menschen auf den breiten Weg führen. Sie stellen die breite Pforte als den Eingang zu einem Weg vor, der zum bestmöglichen Ziel führt. Solche Propheten geben vor, Gottes Wort zu reden. In Wirklichkeit aber sind sie das Sprachrohr Satans.

Im Alten Testament finden wir viele Beispiele von falschen Propheten. Petrus weist auf sie hin und verbindet das mit einer Warnung vor falschen Lehrern, die in der christlichen Zeit ihre bösen Lehren verbreiten (2. Pet 2,1). Eine Reihe anderer Stellen zeigen, dass solche Menschen im Laufe unserer christlichen Zeit immer wieder aufstehen werden (vgl. z. B. Röm 16,18; Kol 2,8; 1. Tim 4,1; 6,20; 1. Joh 4,1–3; 2. Kor 2,17; 11,13–15; Tit 1,10.11).

Der Herr Jesus warnt seine Jünger davor zu glauben, es handele sich um Menschen, die sich offen als Instrumente Satans bezeichnen. Nein, „sie kommen in Schafskleidern zu euch“. Durch dieses Bild wird deutlich, dass die falschen Propheten sich verstellen und nicht ihre wirklichen Absichten offenbaren. Gerade das macht sie so gefährlich. So gleichen sie Jannes und Jambres (2. Mo 7,11), die das nachahmten, was Mose, der Prophet Gottes, gezeigt hatte. In Wirklichkeit aber waren sie Feinde des Volkes Gottes.

Die falschen Propheten gehören nicht zu dem wahren christlichen Bereich. Johannes nennt sie Antichristen: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind“ (1. Joh 2,19).

Paulus warnt in seiner Ansprache an die Ältesten aus Ephesus ebenfalls vor solchen Menschen: „Ich weiß, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,29.30). Was ist das Bewahrungsmittel? Er befiehlt sie Gott und dem Wort seiner Gnade an. Dieses Wort ist die sichere Grundlage, um alles in der rechten Weise beurteilen zu können und sich nicht verführen zu lassen.

Die vielfachen Hinweise auf falsche Propheten zeigen, wie gefährlich sie sind. Es besteht nämlich die Gefahr, dass die wahren Jünger sie nicht erkennen. Diese falschen Propheten stellen sich nämlich als Engel des Lichts dar und ahmen damit ihren großen Meister, Satan, nach (vgl. 2. Kor 11,14). Sie tun so, als ob sie dazugehören würden und als Hirten für die Herde tätig wären. Aber sie verfolgen nur ein Ziel: die Herde zu zerstören. Sie legen das Wort Gottes aus – aber in falscher Weise. Sie treten in Schafskleidern auf. Oft beginnen sie mit einer kleinen, fast zu übersehenden Abweichung. Aber später, wenn sie manche hinter sich hergezogen haben, entpuppen sie sich als das, was sie sind: reißende Wölfe.

Wir dürfen nicht schon bei einer falschen Äußerung eines Predigers meinen, er sei ein falscher Prophet. Dennoch dürfen wir den Ernst dieser Warnung des Herrn nicht übersehen: Wie viele lassen sich blenden und meinen, es handle sich doch um „so liebe Personen“. Dass sie mitreißende Vorträge halten können und in den Augen von Menschen hingebungsvolle Diener sind, mag so sein. Aber das ist dann Blendwerk. Oftmals erkennen wir erst viel später – vielleicht zu spät! – ihren wahren Charakter.

Hinweise für die Jünger in der Drangsalszeit

Wir dürfen an dieser Stelle nicht verkennen, dass es sich zunächst um Hinweise für die Jünger handelt, die zu den treuen jüdischen Übriggebliebenen zählen. Nicht von ungefähr finden wir in diesem Evangelium einen weiteren Hinweis genau für diese Gruppe. Der Herr Jesus hat besonders seine Jünger vor Augen, die in den schrecklichen Tagen künftiger Verfolgungen leben werden. In diesen Tagen werden viele aufstehen, um die Treuen zu Fall zu bringen. Sie wollen die Ungläubigen für immer verführen: „Und diejenigen, die gottlos handeln gegen den Bund, wird er [der Antichrist] durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten ... und viele werden sich ihnen mit Heuchelei anschließen“ (Dan 11,32.34).

In seiner prophetischen Rede über die große Drangsalszeit, in welche die Juden noch kommen werden, sagt der Herr Jesus den Treuen: „Und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen ... Dann, wenn jemand zu euch sagt: ‚Siehe, hier ist der Christus!', oder: ‚Hier!', so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen“ (Mt 24,11.23.24). Diese Verse zeigen deutlich, wie schwer der Kampf für die Treuen in Zukunft sein wird, um auf dem schmalen Weg zu bleiben. Reißende Wölfe, falsche Propheten, werden mit großer Überzeugungskraft tätig werden, um das zu verhindern.

Das Entlarvungsmittel: die Früchte

In den Versen 16 bis 20 gibt der Herr seinen Jüngern Hinweise, wie sie die falschen Propheten entlarven können. Wie wir schon gesehen haben, verstehen es diese bösen Leute meisterlich, sich zu verstellen. Außerdem tragen sie oft einen besonders edlen Charakter und treten nicht etwa in harter oder aggressiver Weise auf. Ihre Worte erscheinen angenehm und interessant. Vielleicht sind sie zuweilen in ihrem Charakter edler als solche, die das Wort Gottes in echter, unverfälschter Weise verkündigen. Die vom Herrn Jesus genannten Unterscheidungsmittel sind auch für die heutige Zeit wichtig, damit wir uns nicht täuschen lassen.

Wie also kann man falsche Propheten erkennen? Der Herr Jesus benutzt wieder einen Vergleich, hier aus der Botanik (Pflanzenkunde). Jeder weiß, dass Trauben nur von einem Weinstock und nicht von einem Dornstrauch hervorgebracht werden. Feigen sind auch nie die Früchte einer Distel, sondern eines Feigenbaums. Diese natürlichen Zusammenhänge kann man geistlich übertragen. Ein guter Baum – ein wahrer Jünger – bringt gute Früchte hervor, der faule Baum – ein falscher Prophet – dagegen schlechte Früchte. Umgekehrt kann ein guter Baum keine schlechten Früchte bewirken und ein fauler Baum auch keine guten.25 Es ist auffallend, dass hier zwei Gewächse des Fluches (vgl. 1. Mo 3) ausgesprochenen Zeichen des Segens gegenübergestellt werden. Zwischen beiden gibt es keine Verbindung, keine Gemeinschaft.

Wenn man also nicht erkennen kann, ob es sich um eine Distel oder um einen Feigenbaum handelt, muss man sich die Früchte anschauen. Genauso ist es in der Beurteilung der Propheten. Ein falscher Prophet bringt schlechte Früchte hervor, ein wahrer Prophet gute.

Was sind Früchte?

Früchte im Dienst eines Propheten sind die Worte und Lehren, die er verkündigt. Er mag in seinem Auftreten und in seiner Erscheinung noch so edel und liebenswürdig sein: Die Früchte offenbaren, was dahinter steht. Es sind die Worte der Propheten, die zeigen, ob es sich um eine „Distel“ bzw. einen „faulen Baum“ handelt, oder um einen „Weinstock“ bzw. einen „guten Baum“. Wenn die Worte teilweise im Widerspruch zu den Aussagen des Wortes Gottes stehen, dann sind sie Disteln und offenbaren, dass der Prophet ein falscher ist. Wenn sie aber in Übereinstimmung mit Gottes Wort sind, handelt es sich um gute Früchte.

Früchte beziehen sich nicht auf den Lebenswandel dieser Menschen. Auch ein wahrer Prophet kann in seinem Leben versagen – und wie oft ist das bei uns der Fall! Ein falscher Prophet wiederum kann oft sehr liebenswürdig erscheinen und ein anständiges Leben führen. Nein, es geht um die Worte.

Früchte im Dienst eines Propheten können sich dann auch auf das Ergebnis der Lehren des Propheten beziehen, auf das, was sie bewirken. Wenn die Lehre zu Christus, dem Meister führt; wenn sie die Zuhörer nicht hinter dem Propheten sammelt, sondern auf Christus hinweist; wenn der Prophet klein in den Augen der Zuhörer wird, Christus dagegen groß und verherrlicht wird; wenn die Lehre das Wohl der Jünger im Auge hat; wenn Christus in allem verherrlicht wird, dann handelt es sich um gute Früchte. Wenn das Gegenteil der Fall ist und die Seele mit menschlichen Konstrukten, mit Philosophie und weltlichen Theorien genährt wird, – auch wenn die Abweichung von Gottes Wort am Anfang nur unmerklich sein mag, muss man daraus schließen: Es ist eine schlechte Frucht – also muss der Baum faul sein. Es ist ein falscher Lehrer. Wenn sich die Worte eines Predigers in erster Linie an den Intellekt und an den Stolz des Menschen richten, ist besondere Vorsicht angebracht. Dann gibt der Redner vor, ein Prophet Gottes zu sein. In Wirklichkeit aber ist er jemand, der in eigenem Namen oder sogar als Instrument Satans tätig ist.

Es gibt eine interessante Stelle in den Belehrungen des Apostels Paulus, die dieses Thema aufgreift. Die Verse in 1. Korinther 3,12–17 sind nicht deckungsgleich mit Matthäus 7,15 ff., da Paulus zunächst von Gläubigen und ihren Werken spricht. Aber in gewisser Hinsicht wendet der Apostel durch den Hinweis auf gute oder schlechte Baumaterialien diese Verse der Bergpredigt auf das Wirken im Haus Gottes an. Auch dort geht es um Ergebnisse, um Früchte des Wirkens. Entweder sind sie bleibender Art, oder sie sind vergänglich. Wenn die Folge des Wirkens ist, dass jemand sogar den Tempel Gottes verdirbt – durch falsche Lehren zerstören sie das Wirken Gottes – so wird Gott selbst eingreifen. Er wird sie verderben. Damit ist die ewige Verdammnis gemeint.

Noch ein abschließendes Wort zu der Frucht, von der unser Meister hier spricht. Sie zeigt, welcher Art der Baum ist, der sie hervorbringt. Das überträgt der Herr auf das Leben eines Menschen. Die Frucht enthüllt den wahren Charakter des Baums, der sie hervorbringt. Entweder ist der Baum gut, oder er ist faul. Wie so oft spricht der Herr hier schwarz-weiß. Es geht nicht darum, dass ein wahrer Jünger des Herrn Jesus nicht auch einmal versagen könnte. Leider ist das oft bei uns der Fall. Es geht auch nicht darum, ob jemand, der einmal schlechte Früchte hervorgebracht hat, wirklich ungläubig ist. Paulus weist uns darauf hin, dass es Zeiten gibt, in denen gilt: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19), obwohl sie äußerlich vielleicht nicht als Kinder Gottes zu erkennen sind. Nein, der Herr zeigt uns hier den Grundsatz, nach dem wir diejenigen zu beurteilen haben, die als Propheten zu uns kommen. Und da gilt, ist die Frucht gut, ist der Baum gut, ist die Frucht schlecht, brauchen wir dem Propheten weiter kein Ohr zu leihen.

Interessanterweise nennt der Herr Jesus nur Früchte von „guten Bäumen“: Trauben und Feigen. Er gibt dagegen keine konkreten Früchte bei den nutzlosen Bäumen wie Dornen und Disteln an. Der Herr kann das, was bei ihnen hervorkommt, nicht als Früchte bezeichnen. Sie sind in seinen Augen unbrauchbar. Sie mögen echten Trauben noch so ähnlich sein wie falsche Geldscheine den echten – aber es sind und bleiben falsche.

Auf das Ende schauen

Der 19. Vers zeigt einen weiteren wichtigen Beurteilungsgrundsatz: Man muss auf das Ende schauen. Das, was Gott über das Ende einer Person oder Sache sagt, wirft Licht darauf, wie wir uns heute dieser Person gegenüber verhalten und unser Leben ausrichten sollten. Das ist im Übrigen ein Grundsatz, den wir verschiedentlich in Gottes Wort verankert finden (vgl. 1. Thes 3,11–13; Phil 3,17–21; u. a.). Damit ist nicht einfach gemeint, bis zum Ende abzuwarten. Wir sollen schon jetzt auf den Ausgang eines Menschen sehen, auf das, wohin sein Weg führen wird. Dieser Belehrung des Herrn nach können wir das, indem wir seine Früchte beurteilen.

Wie kann man das konkret machen? Indem man Gottes Wort studiert und bedenkt, was es im Blick auf solche falschen Propheten und falschen Bekenner sagt. Wenn also Worte, die ein Prophet spricht, prinzipiell nicht mit Gottes Wort übereinstimmen, handelt es sich um einen falschen Propheten. Dessen Ende ist das Feuer. Daher sollte niemand meinen, es sei gleichgültig, ob man solch einem Propheten noch zuhört oder nicht. Wenn Gottes Urteil das ewige Gericht ist, dann sollten wir uns kompromisslos von einer solchen Person abwenden. Nicht von ungefähr wird uns aufgetragen, die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Wenn sie es nicht sind, ziehen wir die entsprechenden Konsequenzen.

Der Jünger sollte bedenken, dass jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, irgendwann abgehauen und ins Feuer geworfen wird. Ein falscher Prophet wird keinen Bestand haben – Gott wird ihn eines Tages abhauen lassen. Das hatte schon Johannes der Täufer so gesagt (Mt 3,10). Ein solcher kommt ins Gericht Gottes. Es kann sein, dass er auf dieser Erde sehr alt wird. Wenn er aber nicht Buße tut und umkehrt zu Gott, wird er ins ewige Gericht kommen. Seine Bestimmung ist das Feuer. Hier erklärt Christus noch nicht, dass es sich letztlich um das ewige Feuer, den Feuersee handelt. Das lernen wir später. Aber dieser Ort, so die ernste Belehrung, ist das Ende jedes falschen Propheten. Er mag vorgeben, aus der Gegenwart Gottes zu reden, in Wirklichkeit aber ist er von Satan inspiriert.

Deshalb wollen auch wir nicht auf die Attraktivität, die Begabung, das Charisma eines Propheten schauen, sondern auf die Frucht: Stimmt das, was er predigt, grundsätzlich mit Gottes Wort überein? Führt er zu Gottes Wort und zum Herrn Jesus? Ist Christus der Dreh- und Angelpunkt aller Aussprüche? Wenn nicht, sollen sich die Jünger vor einer solchen Person hüten. Sie sollen sich erinnern, dass Gott diesen Baum abhauen und ins Feuer werfen wird. Daher sollten wir nicht meinen, klüger als Gott zu sein und uns seinen falschen Lehren aussetzen zu können.

Satan ist nicht so töricht, augenscheinlich schlechte Menschen als Werkzeuge innerhalb des christlichen Bekenntnisses zu verwenden. Aber selbst das tut er manchmal. Es ist vielleicht dann seine Taktik, wenn das christliche Bekenntnis so schwach geworden ist, dass nicht einmal offensichtlich schlechte Menschen auffallen.

Wenn er jedoch als Verführer tätig ist, dann benutzt er die scheinbar „Guten“ unter seinen Knechten. Es ist sinnlos, in einem solchen Fall alle Punkte aufzuzählen, die doch positiv am Auftreten einer solchen Person sind. Eine solche Betrachtung schadet nur, weil man sich dadurch leicht blenden lässt. Und genau das ist das Ziel dieser gefährlichen Wölfe.

Verse 21–23: Falsche Bekenner

„Nicht jeder, der zu mir sagt: ‚Herr, Herr!', wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen erklären: Ich habe euch niemals gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!“ (Verse 21–23).

Der Meister fährt fort, indem er nach den falschen Propheten die falschen Bekenner entlarvt. Zwischen beiden Gruppen gibt es eine Verbindung. Der Herr Jesus spricht auch bei den falschen Bekennern davon, dass sie „geweissagt“ haben und durch seinen Namen Wunder vollbracht haben. Dadurch wird deutlich, dass falsche Propheten zugleich falsche Bekenner sind. Dennoch handelt es sich bei den falschen Bekennern um eine größere Gruppe. Auch bei ihnen greift Er den Gedanken der Früchte auf. Nicht jeder ist ein Anführer, wie es die falschen Propheten sind. Aber es gibt manchen, der sich äußerlich zu Christus bekennt und Jesus sogar „Herr“ nennt, für den Er aber nicht wirklich Herr ist. Wie kann das sein?

Man mag zwar „Herr“ oder sogar zweimal „Herr“ sagen. Wenn dies jedoch nicht mit der Wirklichkeit des Lebens übereinstimmt, dann nützt es nichts. Nur „wer den Willen meines Vaters tut“, hat einen Platz in dem kommenden Königreich der Himmel, also im 1000-jährigen Reich. Das Königreich ist nämlich kein Ort der freien Entfaltung des menschlichen Willens, sondern ein Bereich, in dem Christus Autorität besitzt und diese auch ausübt. Man kann also seine eigene Treue zum Herrn sehr laut bekunden, in Wirklichkeit aber keine lebendige Glaubensverbindung zu Ihm haben.

Ich habe euch niemals gekannt!

Es mag Jünger geben und gegeben haben, die sogar geweissagt und Wunder getan haben. Der Herr spricht sogar davon, dass es viele sein werden. Sie alle haben vorgegeben, auf der Seite des Herrn zu stehen. In Wirklichkeit aber haben sie ihr eigenes Werk, ja sogar das Werk des Teufels getan. Ohne eine echte Bekehrung erlebt zu haben, nannten sie sich zum Beispiel „Christen“ – aufgrund der christlichen Taufe. Wir haben schon gesehen, dass es auch am Ende in der Drangsalszeit solche falschen Propheten und Diener geben wird. Sie alle haben gemein, dass sie sich äußerlich zu Christus zählen. Das werden sie Ihm am Tag des Gerichts gewissermaßen sagen. Aber Er wird ihnen dann antworten: „Ich habe euch niemals gekannt!“ Es heißt nicht: „Ich kenne euch nicht mehr!“ Nein, Er hat sie noch nie gekannt, also noch nie eine wirkliche Beziehung zu ihnen gehabt. Sie sind Übeltäter, Menschen, die Täter der Gesetzlosigkeit waren.

Dazu gehört beispielsweise Judas, den der Herr Jesus „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12) nennt. Er hatte Wunder getan. Er gehörte zu den Zwölfen. Er war der Kassierer, vermutlich immer wieder direkt neben dem Herrn Jesus platziert. Aber innerlich war er ein Feind Jesu, der Ihn überlieferte und so ein furchtbares Instrument Satans wurde. Judas ist ein trauriges Beispiel für diesen Vers. Er selbst hat diese Worte des Herrn mit seinen eigenen Ohren gehört, ohne Konsequenzen für sein Leben zu ziehen. Das ist die Tragik seines Lebens.

Es mag auch Menschen geben, die persönlich sehr edle Dinge vollbracht haben – als Jünger, als Christen. Vielleicht haben sie im kirchlichen Auftrag viel Gutes getan, haben viel Geld gespendet für arme Menschen, haben viele Predigten gehalten. Doch waren sie Täter der Gesetzlosigkeit, weil sie dies alles ohne Christus taten. Ihr Motiv und ihr Ziel waren nicht diese herrliche Person. Letzten Endes haben sie sich selbst gesucht. Das ist nichts anderes als Eigenwille.

Jener Tag

Wie schrecklich wird ihr Ende „an jenem Tag“ sein (V. 22). Das ist das zweite Kommen des Herrn, wenn Er auf diese Erde zurückkommen wird, um sein Königreich öffentlich aufzurichten und seine Herrschaft sichtbar anzutreten.

„Jenen Tag“ kann man gut mit dem Richterstuhl des Christus in Verbindung bringen. Denn vor diesem Richterstuhl gibt es drei verschiedene Gerichtssitzungen:

  1. Der Richterstuhl des Christus (im engeren Sinn; 2. Kor 5,10): An dieser ersten Sitzung werden ausschließlich die Gläubigen von Adam an bis zur Entrückung im Himmel offenbar werden. Dort wird also niemand erscheinen, von dem der Herr in diesen drei Versen in Matthäus 7 spricht.
  2. Der Thron der Herrlichkeit (Mt 25,31 ff.): An diesem zweiten richterlichen Thron des Herrn stehen nur Menschen aus den Nationen. Nach einer Drangsalsperiode, die nach Daniel 9,26.27 eine Periode von sieben Jahren umfasst, wird der Herr Jesus aus dem Himmel auf diese Erde zurückkommen – das ist sein zweites Kommen. Das ist seine Erscheinung. Eine seiner ersten Handlungen wird das Gericht der Lebendigen sein (vgl. 1. Pet 4,5; 2. Tim 4,1; Apg 10,42)).
    In dieser Zeit wird der Herr Jesus auch Gericht bringen über die ungläubigen Juden (vgl. Sach 14,5; Jes 5,25).
  3. Der große weiße Thron (Off 20,11). Alle falschen Bekenner, die im Laufe der Jahrhunderte von Christi Kommen bis zum Schluss gelebt haben und leben werden, kommen vor dieses abschließende Gericht. Hier stehen nur Ungläubige. Sie alle sind einmal gestorben und erwarten im Hades das ewige Gericht (vgl. Lk 16,23; Off 20,13.14). Sie werden – wie alle Ungläubigen – bei dieser letzten Sitzung des Richterstuhls erscheinen müssen.

„Weicht von mir!“, wird der König dann diesen bloßen Bekennern endgültig am großen weißen Thron sagen. Sie werden ewig von Christus und Gott getrennt sein. Das ist Teil des Feuersees. In ihrem Leben hatten sie oft den Namen Jesu auf ihren Lippen. In seinem Namen mögen sie viele Dinge getan haben. Aber sie haben in ihrem Leben gezeigt, dass sie nicht wirklich zu Ihm gehören wollten. Sie haben es versäumt, den Willen des Vaters zu tun. Dieser Wille besteht zunächst darin, Buße zu tun und sich zu bekehren.

Jünger sollten sich keiner Illusion hingeben: Sie sind von vielen umgeben, die sich nur so nennen, in Wirklichkeit aber keine Jünger des Herrn sind. Viele nennen sich heutzutage Christen, aber mit Christus wollen sie eigentlich nichts zu tun haben. Oder sie sind überzeugt, dass sie Ihm mit ihren guten Taten, mit ihren Gebeten, mit ihrem regelmäßigen Kirchbesuch, mit ihrem edlen Lebenswandel imponieren können. Der Herr Jesus zeigt uns, worauf es wirklich ankommt und woran man echte Jünger erkennen kann: an dem Gehorsam dem Willen des Vaters gegenüber. Diesen Willen finden wir in Gottes Wort ausgedrückt.

Verse 24–27: Das Haus auf Felsen oder auf Sand

„Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus an; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird mit einem törichten Mann verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß“ (Verse 24–27).

Damit kommen wir zu dem letzten Teil der Belehrung des Herrn. Er hatte vor

  1. der falschen Pforte und dem falschen Weg,
  2. vor falschen Propheten und
  3. vor falschen Bekennern

gewarnt. Zugleich hatte Er auf das Erkennungsmerkmal wahrer Jünger hingewiesen:

  1. Selbstgericht,
  2. gute Früchte und
  3. Gehorsam.

Jetzt warnt der Herr schließlich vor einer falschen Grundlage des Lebens und zeigt ein viertes Erkennungsmerkmal wahrer Jünger: Beständigkeit in Prüfungen. Im Leben jedes Christen kommen früher oder später Prüfungen auf. Dann zeigt sich, wer echt ist und wahren Glauben besitzt. Das sind Menschen, welche die Worte des Herrn nicht nur gehört haben, sondern sie auch ausführen. Es kommt also nicht auf das Hören oder Wissen oder sogar die Ausübung wunderbarer Kräfte an. Entscheidend ist es, den Willen Gottes aus einem gehorsamen Herzen heraus zu tun.

Man kann diesen letzten Abschnitt auch als Schlussermahnung zu der gesamten Bergpredigt auffassen. Der Herr hatte zu seinen Jüngern und den darüber hinaus zuhörenden Volksmengen nicht gesprochen, um eine schöne Lehre zu predigen. Es ging Ihm darum, dass Menschen von Herzen als seine Jünger leben. Ein Jünger ist durch wahren Gehorsam geprägt. Und ein echter Jünger hat ein Fundament, auf dem er steht. Das ist die Botschaft des Herrn an dieser Stelle.

Wir haben schon vorher gesehen, dass der Glaube Früchte trägt. Das ist das große Thema von Jakobus. Hier sehen wir, dass die Frucht das beständige „Tun der Worte“ des Meisters ist. Echter Glaube bleibt nicht verborgen. Er äußert sich darin, dass man im Gehorsam tätig wird. „Denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mt 12,50). Und wer die Worte des Herrn tut, der offenbart, dass sein Fundament stabil und bleibend ist.

Um diese Belehrung zu illustrieren, vergleicht der Herr zwei Menschen miteinander. Beide waren sehr aktiv, sogar erfolgreich, denn sie bauten ein Haus. Beide hatten die Bauanweisungen des Meisters gehört. Beide waren von ihrem Vorgehen überzeugt. Das Ergebnis ihrer Bemühungen sah bei beiden äußerlich gleich aus: Sie besaßen nun ein Haus, das fest stand, jedenfalls fest zu stehen schien. Aber nur einer hatte bleibenden Erfolg. Das ist der Mann, den der Herr Jesus als „klugen Mann“ bezeichnet. Er hat sein Haus auf einem soliden, stabilen Untergrund gebaut: auf einem Felsen.

Die Festigkeit dieses Hauses wurde auf dreierlei Weise getestet:

  1. von oben durch einen Platzregen,
  2. von der Seite durch Winde und
  3. von unten durch Wasserströme.

Alle drei Prüfungen konnten nur beweisen, dass das Haus sicher gebaut und fest war. Niemand konnte dem Haus etwas anhaben.

Der Fels – Christus und sein Wort

Wenn man über das Symbol „Fels“ nachdenkt, fällt der Blick unweigerlich auf den Herrn Jesus. Wir wissen aus Matthäus 16,18, dass der Herr Jesus selbst der Fels ist, auf dem sogar die Versammlung Gottes ruht. Wenn wir 1. Korinther 10,4 heranziehen, wird noch einmal bestätigt, dass der Felsen ein Bild von Christus ist. Gibt es eine sicherere Grundlage als Christus, den Sohn des lebendigen Gottes? Ihn kann niemand zerstören, und wer auf Ihm „gebaut“ hat, der hat ein sicheres Fundament. „Vertraut ewig auf den HERRN; denn in Jah, dem HERRN, ist ein Fels der Ewigkeiten“ (Jes 26,4).

Durch seine Worte in Vers 24 zeigt der Herr Jesus, dass Er Gott ist. Zuvor hatte Er davon gesprochen, dass man nur in das Königreich eingehen kann, wenn man den Willen seines Vaters tut. Jetzt spricht Er davon, dass man seine Worte hören und tun muss. Damit misst der Herr Jesus seinen Worten dieselbe Autorität bei wie dem Willen des Vaters. Zugleich stellt Er sich damit auf eine Stufe mit dem Vater. Er kann das tun, weil Er Gott ist. Deshalb finden wir auch im Nachhinein den Hinweis, dass seine Worte eine solche Autorität ausstrahlten, dass sogar die Volksmengen verwundert vor Ihm standen (Vers 28).

Der Herr Jesus verbindet nun hier den Felsen als Grundlage damit, dass jemand seine Worte hört und tut. In diesem Sinn engt Er das allgemeine Symbol (Fels = Christus) ein Stück weit ein. Es scheint Ihm hier darum zu gehen, den Felsen als ein Symbol für seine Worte zu verstehen, die das Fundament des Glaubenshauses sind. Der kluge Mann zeichnet sich dadurch aus, dass er Täter der Worte des Herrn ist. Daher kann man den Felsen hier mit den Worten des Herrn vergleichen, also mit dem Wort Gottes. Wer sein Lebenshaus auf diesem Wort aufbaut, indem er es hört und tut, der ist sicher. Das Haus – das ist sein Leben, sein Glück, seine Zukunft, seine Hoffnung, seine Sicherheit, sein Glaube, seine Jüngerschaft – kann nicht umgestürzt werden. Dabei steht das Leben auf der Erde im Vordergrund, das für den Jünger durch ein solides oder eben durch ein wackeliges Fundament gekennzeichnet ist. Aber man kann diese Sicherheit gewiss auch auf die Ewigkeit beziehen.

Auch der Glaube des Jüngers wird erprobt:

  • von oben, vielleicht ein Hinweis auf die Prüfungen, die Gott zulässt;
  • von der Seite, vielleicht ein Hinweis auf Prüfungen vonseiten der Menschen;
  • von unten, vielleicht ein Hinweis auf die Aktivitäten Satans.

Prüfungen kommen – aber das Haus, der Glaube und das, was dazugehört, bleiben beim Klugen fest. Er weiß, dass er ein Fundament besitzt, das unzerstörbar ist. Wer sollte das Wort Gottes, das ewig bleibt (vgl. 1. Pet 1,25), aushebeln können? Wer sollte Christus beseitigen können, da Er den Tod besiegt hat (vgl. 2. Tim 1,10)?

Jemand, der das Wort nicht nur hört, sondern auch tut, ist sicher. Jakobus führt das in seinem Brief weiter aus: „Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen ...“ (vgl. Jak 1,22–25). Nicht nur an dieser Stelle macht der Geist Gottes deutlich, dass es nicht reicht, das Wort zu hören, sondern dass wir es auch befolgen sollen. Wer zwar die Worte des Herrn gehört hat, sie aber für sich verwirft oder nicht nach ihnen handelt, den vergleicht Christus mit einem törichten Mann. Auch er baut ein Haus. Auch er hat Vorstellungen über ein richtiges Leben und darüber, wie er Gott mit seinen eigenen Werken gefallen kann. Für eine Zeitlang gehen sein Werk und Leben gut.

Aber irgendwann kommen auch bei ihm diese Erprobungen von oben, von der Seite und von unten. Dann fällt alles wie ein Kartenhaus zusammen. Am Anfang kann manches gut aussehen – so ist das auch bei dem Samenkorn des Wortes Gottes, das auf das Steinige gesät ist und schnell aufgeht. Ein Mensch nimmt das Wort mit Freuden auf. Weil es aber keine Wurzel in sich hat, besteht die „Pflanze“ nur für eine kurze Zeit, bis Verfolgungen kommen (vgl. Mt 13,5.6.20.21). Aber wenn nach einer schweren Prüfung nichts übrig bleibt, was nützt es? Dann ist der Fall des Hauses groß. Verglichen mit den großen Anstrengungen, das Haus zu bauen und dem Stolz, in eigener Überlegung alles selbst geschafft zu haben, handelt es sich um einen großen Sturz.

Was bleibt für den törichten Mann übrig? Nichts! Seine Gedanken und Vernunftschlüsse, seine Traditionen und Errungenschaften haben sich als wertlos, als nicht tragfähig erwiesen. Er hat sich allein auf Menschen und ihre Lehren gestützt, nicht auf das Wort Gottes. Ihm war er nicht gehorsam. Aber Menschen und ihre Lehren sind wie Sand, der davonschwimmt. Das ist das Urteil Gottes über jemand, der dem Wort Gottes nicht von Herzen gehorsam sein will. Wenn ein solcher Mensch nicht noch rechtzeitig ein Haus auf dem Felsen baut und von seinem falschen Weg umkehrt, wird er verloren gehen.

Bis heute gibt es diese beiden Arten von Zuhörern. Wieder kann man an Judas Iskariot denken. Auch er hat die Worte des Herrn gehört. Dreieinhalb Jahre hat er fast täglich göttliche Belehrungen erhalten, Worte, die im Unterschied zu unseren Worten vollkommen waren; Worte, an denen es nicht lag, dass sie sein Herz nicht erreichten. Aber er wollte nicht. Die Worte Jesu bestimmten nicht sein Leben. Christus war für ihn nicht lebensentscheidend. So baute er auf Sand – „und sein Fall war groß.“

Der Herr spricht auch hier wieder kontrastreich und kompromisslos: entweder – oder. Entweder man hat auf den Felsen gebaut oder auf Sand, mit den entsprechenden Konsequenzen. Doch der zweite Teil des Gleichnisses, in dem es um die Torheit geht, lässt sich auch auf echte Jünger anwenden. Auch sie können, selbst wenn sie grundsätzlich diesen Felsen als Grundlage gewählt haben, im praktischen Leben manchmal nur Hörer, nicht jedoch Täter des Wortes Gottes sein. Dann wird auch dieser Teil des Lebens irgendwann wie ein Kartenhaus zusammenklappen. Was für ein Verlust für uns und unsere Familie, vielleicht sogar für unsere Umgebung, wäre das!

Der Schluss dieses Abschnitts und der eigentlichen Belehrungen der Bergpredigt ist wie ein Posaunenhall. Es dauert, bis er verhallt ist: „Und es fiel, und sein Fall war groß.“ Niemand kann an diesen eindrucksvollen Worten des Herrn einfach vorbeigehen. Sie sind ein Aufruf, die Lebensgrundlage des persönlichen Lebens noch einmal sorgfältig zu prüfen. Wer sich mit Sand zufriedengibt, wird diesen Fall erleben müssen, früher oder später. Und der Fall wird groß sein!

Schluss (Mt 7,28.29)

„Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Verse 28.29).

Damit sind wir am Schluss dieser beeindruckenden, ersten Rede des Königs in dem Evangelium der königlichen Regierung Jesu angekommen. Auch wir Christen haben etwas darüber gelernt, welche Kennzeichen uns als Jünger des Meisters, unseres Herrn Jesus Christus, prägen sollen. Wir haben gesehen, wie unser Leben als Jünger aussehen soll und welche Beziehungen wir haben. Was ist unsere Reaktion auf diese Rede? Welchen Eindruck hat sie in unserem Leben hinterlassen?

Die Volksmengen waren gar nicht die erste Zielgruppe dieser Rede. Aber sie hatten konzentriert zugehört. Sie erkannten: Der hier gesprochen hatte, war mehr als die Schriftgelehrten. Er war jemand, der Vollmacht, das heißt Autorität, besaß.

Er war im Unterschied zu den Pharisäern in der Lage, nicht nur das Gesetz wiederzugeben, sondern zugleich den inneren Wert und das Ziel des Wortes Gottes zu verdeutlichen. Zudem besaß Er Vollmacht, nicht weil Er wie die Pharisäer zu einer bestimmten Gruppe von Menschen gehörte. Er besaß eine moralische Autorität aufgrund seiner einzigartigen Person und durch sein Lebensvorbild. Er war jemand, der das tat, was Er lehrte: „Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du? Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede“ (Joh 8,25).

Hier stand jemand vor den Menschen, der wirklich aus der Gegenwart Gottes redete. Sicher, Er war Gott. Aber Er stand hier als Mensch, von Gott als König gesalbt, vor ihnen. Er sprach das aus, was Er selbst zu hundert Prozent als Mensch verwirklichte.

Das waren die Worte, die Er zu den Jüngern redete, damit sie nicht nur von seiner Rede lernten, sondern Ihm, ihrem Meister, auch nachfolgten. Sie sollten Ihn nachahmen. Eine Herausforderung, die auch uns heute noch gilt!

Ausblick

Der Herr hatte mit diesen Worten den Volksmengen und besonders seinen Jüngern deutlich gemacht, was die göttlichen Grundsätze seines Königreichs sind. In den Kapiteln 8–12 lesen wir dann, wie Er sich als Messias Israels erwies und zum Wohl seines irdischen Volkes tätig war. 14 Wunder werden uns in diesen fünf Kapiteln mitgeteilt. So offenbarte Er sich als der wahre Emmanuel. Aber das Volk und besonders dessen Führer lehnten Ihn ab. So verwundert es nicht, dass wir in diesen fünf Kapiteln auch 14 Beispiele für die Verwerfung des Herrn finden. Der Gipfelpunkt bestand darin, dass sie Ihm vorwarfen, die Dämonen durch Satan auszutreiben.

Der Herr Jesus erduldet diese Verwerfung. Er zeigt ab Kapitel 13, dass sich seine Botschaft von nun an auch an die Nationen richten würde. Dennoch wollte Er in seiner Gnade die Juden weiterhin segnen. Das hat Er auch getan (Speisung der 5000 und 4000, sieben Wunder in Kapitel 14 und 15; u. a.). Durch seine Verwerfung war jetzt der Weg „hinauf nach Jerusalem“ vorgezeichnet, wo Er leiden und sterben sollte. Außerhalb der Stadt hat Er dann das Erlösungswerk vollbracht, verworfen von seinem Volk. Schließlich hat auch Er das Volk verworfen. Beispielsweise zeigte Er sich nach seiner Auferstehung nur noch denen, die an Ihn glaubten. Kein ungläubiger Jude war mehr dabei. Das Letzte, was sie von Ihm sahen, war seine Kreuzigung und Grablegung. Sie werden Ihn erst wiedersehen, wenn Er sein Reich in Macht und Herrlichkeit aufrichten wird (Sach 12,10).

Ihnen und damit letztlich auch uns hat Er eine großartige Botschaft hinterlassen, womit dieses wunderbare Evangelium schließt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20).

Du bist mein Herr

Dir will ich folgen, wohin Du gehst,
stets bei Dir bleiben, wo Du auch stehst.
Du bist mein Meister, mein Gott, mein Herr,
Du bist mein Retter, den ich verehr'!

Du gabst Dein Leben bis in den Tod,
Du hast gelitten in größter Not.
Wo ist die Antwort, die Dir gebührt,
wo ist der Jünger, der Dich stets ehrt?

Du suchst nach Herzen, Dir zugewandt,
die für Dich schlagen, oft unerkannt,
die sich Dir weihen mit ganzer Kraft,
es ist nur Gnade, die solches schafft.

„Dein Kreuz nimm täglich – komm, folge mir!
Wenn du in Not bist, bin ich bei dir.“
So machst Du Jüngern voll Liebe Mut,
die Du erworben mit Deinem Blut.

Dir will ich folgen, Du bist es wert,
einsichtig dienen, von Dir belehrt,
nicht an mich denken, denn Du allein
sollst für mich Vorbild und Führer sein.

Anhang I: Der Christ und das Gesetz

Durch den Tod Christi ist jeder, der mit Ihm gestorben ist, frei vom Gesetz (vgl. Röm 7,3.6; Gal 2,19). Können wir Christen somit diesen Teil der Bergpredigt getrost überschlagen?

Sicherlich nicht! Denn Jakobus nimmt mehrere Male Bezug auf die Bergpredigt. Man darf die Bergpredigt allerdings nicht als ein neues, erhabeneres christliches Gesetz auffassen, denn nach Römer 10,4 ist Christus das Ende des Gesetzes. Das also kann nicht der Sinn der Bergpredigt sein, dass sie anstelle des Gesetzes vom Sinai die Lebensregel der Gläubigen wird. Sie gibt aber dem Jünger Jesu zu jeder Zeit Klarheit, was Gottes Gedanken über sein moralisches Leben als Nachfolger seines Meisters sind. Und nach denen soll er sein Leben führen.

Zunächst einmal müssen wir bedenken, dass es sich in der Bergpredigt nicht um die Lehre über die christliche Stellung handelt. Denn für uns Christen, die wir an den Herrn Jesus glauben, ist die Beziehung zum Gesetz klar geregelt: „Denn Christus ist das Ende des Gesetzes, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit“ (Röm 10,4). „Denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). „Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz“ (Gal 5,18). „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“ (Gal 2,19).

Grundsatz von Gesetz und Gnade

Um das richtig zu verstehen, müssen wir den Unterschied zwischen dem Grundsatz des Gesetzes und dem der Gnade erfassen. Das Prinzip des Gesetzes lautete: Wenn man das Gesetz und alle seine Gebote hält, darf man (ewig) leben. Wenn aber nicht, steht man unter dem Fluch, der mit dem Gesetz verbunden ist: Man muss sterben. „Und meine Satzungen und meine Rechte sollt ihr halten, durch die der Mensch, wenn er sie tut, leben wird“ (3. Mo 18,5).

Der Grundsatz der Gnade dagegen heißt: Gott hat unser Problem der Sünde und Sündenschuld gelöst, indem Er seinen Sohn gab. Dieser ist am Kreuz für uns und unsere Sünden gestorben. Da Gott das Werk unseres Herrn Jesus Christus vollkommen angenommen hat, schenkt Er uns in Christus jetzt Vergebung, Rechtfertigung und ein neues Leben. Dadurch ist der Erlöste in der Lage, Gott zu dienen und zu gefallen, denn sein neues Leben ist ewiges Leben (Joh 3,16), das der Natur Gottes entspricht. Er gehorcht Gott jetzt nicht, um Leben zu bekommen. Das ist der Grundsatz des Gesetzes. Nein, er befolgt sein Wort, weil er göttliches Leben besitzt. Daher hat der Christ mit dem Prinzip der Gebote des Gesetzes an den natürlichen Menschen, um Leben zu erwerben, nichts mehr zu tun. Das gilt sowohl im Blick auf die Erlangung des Heils als auch in Verbindung mit unserem Leben als Erlöste. Christi Tod schenkte uns Leben, daher ist sein Leben, das jetzt unser Leben geworden ist, unsere Lebensregel.

Die zitierten Verse aus dem Römer- und Galaterbrief verdeutlichen, dass der Christ nicht mehr unter Gesetz steht. Er ist dem Gesetz gestorben, als er sich bekehrt hat. Dadurch hat das Gesetz keine Ansprüche mehr an den gläubigen Christen. Er ist auf der Grundlage des Glaubens gerechtfertigt worden; ihm ist die Gnade Gottes geschenkt worden, nicht auf der Basis von Werken, sondern als ein göttliches Geschenk. Wir haben mit den Ansprüchen des Gesetzes nichts mehr zu tun. Dieses richtet sich an den natürlichen, an den alten Menschen, den wir ausgezogen haben (vgl. Eph 4,22; Kol 3,9).

Hat ein Christ dann gar nichts mit dem Gesetz zu tun? Doch! Oder anders gefragt und noch einmal wiederholt: Haben diese Verse für uns Christen keine Bedeutung, können wir sie überschlagen? Nein! Dazu gibt es drei wichtige Stellen:

  • Römer 8,4: „Damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.“ Wir müssen bei diesem Vers bedenken, dass das Gesetz die Mindestanforderungen Gottes an den Israeliten darstellte, um ewig leben zu können. Der Israelit musste mindestens das tun, was im Gesetz stand. Dann konnte er als Belohnung das ewige Leben empfangen. Ein Christ aber tut viel mehr als das. Wenn wir beispielsweise an die Forderung des Gesetzes denken: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mo 19,18; vgl. auch hier die Ausführungen des Herrn in den Versen 43–48), und diese mit der christlichen Botschaft vergleichen: „Wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (Eph 5,2), dann sehen wir, dass „christliche Liebe“ weit über das Lieben unter dem Gesetz hinausgeht. Ähnliches gilt für das neue Gebot des Herrn zur Liebe, wie wir es in Johannes 13,34 und 1. Joh 3,11 finden.
    Die christliche Liebe geht viel weiter als die Liebe, die im Gesetz gefordert wurde. Wir Christen erfüllen viel mehr als das, was das Gesetz fordert. Das geschieht, indem wir den Geist Gottes und die Natur Gottes, die Er uns geschenkt hat, in unserem Leben wirken lassen. Aber ohne dass wir unter Gesetz stehen und das Gesetz zu erfüllen suchen – das kann kein Mensch – erfüllen wir damit die Rechtsforderungen des Gesetzes.
  • Römer 13,8: „Seid niemand irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ Im Anschluss an diesen Vers erläutert der Apostel, dass wir alle anderen Gebote des Gesetzes erfüllen, wenn wir einander lieben, da die anderen Gebote in diesem einen Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ zusammengefasst sind. Dadurch, dass wir eine neue, göttliche Natur haben und diese durch die Kraft des Heiligen Geistes wirken lassen, erfüllen wir das Gesetz sozusagen ungewollt, ohne dass wir uns an den Geboten des Gesetzes ausrichten oder darunter stellen.
    Dasselbe finden wir auch in Galater 5,14: „Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘“ Gottes Wesen hat sich nie geändert. Und wer dieselbe Natur wie Gott besitzt – wir aus Gnade – der wird entsprechend handeln, unabhängig davon, ob er von Gott ein Gesetz auferlegt bekommen hat oder nicht. Diese moralischen Grundsätze Gottes bleiben daher auch heute bestehen.

Wir lernen also, dass wir nicht unter Gesetz stehen. Wir haben keine direkte Beziehung mehr zu diesem, sondern sind für das Gesetz tot (Gal 2,19). Wie erfüllen wir dann trotzdem die Rechtanforderungen des Gesetzes (Röm 8,4)? Nicht, indem wir uns als Christen unter das Gesetz stellen. Das hatten die Galater getan und wurden von Paulus in scharfer Form getadelt, weil sie dadurch das Werk des Herrn am Kreuz ungültig machten. Warum hätte uns Gott neues Leben geben müssen, wenn wir doch in der Lage wären, das Gesetz zu erfüllen? Dann wäre Christus umsonst gestorben. Aber wenn wir den Worten des Herrn gehorsam sind und Gottes Geist in unserem Leben wirken lassen, werden wir weitaus mehr tun als das Gesetz.

Hat das Gesetz heute keine Bedeutung mehr?

Wie wir gesehen haben, sind wir Gläubige der Gnadenzeit dem Gesetz gestorben. Was für eine Bedeutung hat es dann zusammen mit den Propheten für unser praktisches Leben, außer dass wir es mit unserer neuen Natur sozusagen „automatisch“ erfüllen? Paulus gibt uns die Antwort: „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4). Das ganze Alte Testament ist zu unserer ganz konkreten Belehrung aufgeschrieben worden. Es zeigt uns in bildlicher Form, wie ein Christ seine Stellung in Christus verwirklicht. Es stellt zudem Gläubige in Umständen dar, die auch beispielhaft sind für die heutige Zeit.

Zudem lernen wir im Alten Testament, was für eine Entwicklung das Volk Gottes genommen hat. Diese zeigt gewisse Parallelen zu der Entwicklung der Versammlung Gottes auf der Erde (Stichwort „Kirchengeschichte“). Schließlich haben sich die moralischen Grundsätze des Handelns Gottes und die Eigenschaften Gottes nicht verändert. So lernen wir im Gesetz, wie Gott das moralische Verhalten von Menschen beurteilt. Genau hier ist die Verbindung zu uns Christen. Wir stehen nicht mehr unter Gesetz. Aber als Erlöste „erfüllen wir die Rechtsforderungen des Gesetzes“ (Röm 8,4). Denn hinter den alttestamentlichen Geboten Gottes stehen seine moralischen Grundsätze. Diese gelten unabhängig von der Zeitepoche, in denen Gläubige leben. Obwohl wir als Christen also nicht unter Gesetz stehen, möchte das neue Leben in uns in Übereinstimmung mit diesen moralischen Prinzipien leben. Daher sind diese Abschnitte auch für uns Christen von großer Bedeutung.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den es zu bedenken gilt. Das Gesetz hat auch heute noch seine Gültigkeit, „wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht“ (1. Tim 1,8). Es besteht eben für Juden und für Gesetzlose, nicht jedoch für Gerechte, die in dem Herrn Jesus gerechtfertigt worden sind (vgl. 1. Tim 1,9.10). Alle haben das Gesetz gebrochen – wer also würde die von Gott festgelegte Strafe auf sich nehmen? Es gab nur einen, der auch diese entscheidende Anforderung erfüllen konnte, indem Er ein Fluch für uns wurde: Christus! (Gal 3,13). Das war die Voraussetzung dafür, dass Er der Retter des Volkes werden konnte (Mt 1,21).

Auch wenn Christus als Herr der Herren und König der Könige wieder auf die Erde kommen wird (Off 19,11–16), wird das Gesetz weiterhin bestehen. Das lernen wir aus dem Alten Testament, gerade durch die Propheten Jesaja, Jeremia und Hesekiel. Dann wird auch das aus dem Alten Testament, was jetzt noch nicht erfüllt ist, zur Erfüllung gebracht werden.

Zusammenfassung

Zusammenfassend zur Beziehung der Jünger Christi zum Gesetz bzw. zum gesamten Alten Testament lässt sich Folgendes sagen: Für Christen ist das Gesetz keine Lebensregel. Sie stehen nicht unter Gesetz, weder als Erlöste, die zur Versammlung Gottes gehören, noch als Jünger, die dem Herrn Jesus nachfolgen. Das aber heißt nicht, dass für sie die Hinweise des Gesetzes und die der Bergpredigt unnötig wären. Die moralischen Wesenszüge der Gläubigen des Alten Testaments und des Neuen Testaments sind identisch, weil sie der göttlichen Natur entspringen. Die Anwendung des Alten Testaments auf das Glaubensleben des Christen im Reich beschränkt sich damit allerdings auf die moralischen Grundsätze, die aus dem Gesetz und den Propheten hervorleuchten.

Da die Jünger Christi in der heutigen Zeit nicht unter Gesetz stehen, hat das Gesetz (wie zum Beispiel das Sabbatgebot) keine bindende Kraft für uns im Reich Gottes. Die Anwendung des Alten Testaments konzentriert sich daher auf Grundsätze, Ethik, Vorbilder und praktische Anwendungen. Das wird sich ändern, wenn im Blick auf das 1000-jährige Königreich Christi das Volk Israel wieder ins Blickfeld gerät. Denn die künftige Regierung wird erneut auf dem Gesetz basieren (vgl. Hes 40–48). Allerdings wird für sie das Gesetz nicht mehr eine Bedrohung darstellen, wie dies für das Volk Israel vor dem Kommen Jesu der Fall war.

„Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen“, wird dieser neue Bund sein. „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein (Jer 31,31–34). Das heißt, auch für das künftige Volk gläubiger Juden wird wie für uns heute gelten, dass sie eine neue Natur besitzen, die „in ihr Inneres“ gelegt werden wird. So wird es ihr Wunsch sein, den Willen Gottes zu tun, weil sie ebenfalls seiner Natur teilhaftig geworden sein werden. Hinzu kommt, dass Gott sein Volk durch diesen neuen Bund (Jer 31,31) nicht unter Verantwortung stellt: Wenn ihr gehorcht, werdet ihr leben! – Nein, der Segen wird nicht mehr von dem Volk abhängen, sondern allein von der Güte und Liebe Gottes. „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken“ (Jer 31,34).

Anhang II: Darf ein Gläubiger richten?

Ein wichtiges Thema, das der Herr Jesus in der Bergpredigt aufgreift (Mt 7,1 ff.), ist das Richten anderer Jünger, also das Be- und Verurteilen anderer Gläubiger. Auch an anderer Stelle des Neuen Testaments gibt es Hinweise zu dieser Angelegenheit. Daher ist es wichtig, Matthäus 7 nicht isoliert zu betrachten, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Hier gehen wir der Frage nach, ob ein Gläubiger überhaupt richten darf. Zudem sehen wir uns die verschiedenen Arten des Richtens an.

1. Eine erste Frage ist: Wer darf andere beurteilen? Das Neue Testament unterscheidet zwischen einem gemeinsamen Urteil und einem persönlichen Urteil.

  1. Bibelstellen wie
    - 1. Korinther 5,13 („Ausschluss“ eines Bösen aus der Versammlung),
    - 2. Thessalonicher 3,14 („Bezeichnung“ einer gläubigen Person, die einen unordentlichen Lebenswandel führt, durch die örtliche Versammlung),
    - Römer 16,17 (das „Abwenden“ von solchen, die Zwiespalt und Ärgernis anrichten), usw.
    zeigen sehr deutlich: Geschwister im Haus Gottes, der Versammlung (Gemeinde, Kirche), die Verantwortung haben, sollen ein gemeinsames Urteil über Personen und ihre Handlungen aussprechen, wenn diese ihr Leben in offenbarem Widerspruch zu Gottes Wort führen.
  2. Stellen wie
    - Titus 3,10.11 („Abweisen“ eines sektiererischen Menschen),
    - 1. Thessalonicher 5,21 (das Gute, das an uns in den Versammlungsstunden herangetragen wird, „festhalten“, das Böse „abweisen“),
    - 1. Timotheus 5,20 („Überführen“ von solchen, die öffentlich sündigen)
    zeigen, dass es eines persönlichen Urteils über bestimmte Gläubige, Menschen und ihre Taten bedarf.

2. Wer wird beurteilt? Das kann entweder man selber sein oder eine andere Person oder eine örtliche Versammlung.

  1. das Selbsturteil: Wir werden an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments zur Selbstprüfung, zum Selbstgericht aufgefordert (vgl. 1. Kor 11,28; 2. Kor 13,5; Gal 6,4). Sein eigenes Leben im Spiegel des Wortes Gottes zu besehen, ist von großer Wichtigkeit. Selbstprüfung ist nötig, um das zu bekennen, was im eigenen Leben nicht in Ordnung ist. Erst danach kann man sich wieder neu nach dem Wort Gottes ausrichten.
  2. das Urteil über eine andere Person in einer Versammlung: Stellen wie die schon genannten (1. Kor 5, Tit 3, 1. Tim 5) zeigen, dass wir auch andere Personen zu beurteilen haben, wenn sie ein Leben in Sünde führen. Dasselbe gilt, wenn es darum geht, Gläubige zur Gemeinschaft beim Brotbrechen aufzunehmen. „Ihr, richtet ihr nicht die, die drinnen sind?“ (1. Kor 5,12) zeigt, dass es um ein Beurteilen von Personen geht. Natürlich gibt es eine solche Beurteilung nicht nur, wenn Gläubige Anlass zur Ermahnung geben, sondern auch, wenn es Grund für Dankbarkeit gibt. Das finden wir beispielsweise bei Demetrius (3. Joh 12).
  3. das Urteil über eine örtliche Versammlung: Das ist in der heutigen Zeit eine viel diskutierte Frage: Können und dürfen wir eine örtliche Versammlung „beurteilen“? Wir halten zunächst fest: Paulus hat das getan. Er beurteilte die Versammlungen in Galatien: „O unverständige Galater! Wer hat euch bezaubert?“ (Gal 3,1). In gleicher Weise beurteilte er auch andere Versammlungen. Nun war Paulus ein Apostel mit besonderer Autorität und außergewöhnlichen Rechten. Wie ist es mit „Nicht-Aposteln“? Bei Barnabas sehen wir, dass er, als er nach Antiochien kam und die Gnade Gottes „sah, sich freute“. Er sprach dieses Urteil über ihren Zustand öffentlich aus. Die Hausgenossen der Chloe (1. Kor 1,11) haben offensichtlich ein Urteil über den Zustand der Versammlung in Korinth ausgesprochen. Später schreibt Paulus davon, dass ihm jemand mitgeteilt hat, dass Spaltungen unter den Korinthern waren (1. Kor 11,18). Aus Apostelgeschichte 28,21 wissen wir, dass es auch damals schon üblich war, in Briefen solche Urteile abzugeben. Manchmal betrafen sie, wie in diesem Fall, einzelne. In anderen Fällen geht es um eine örtliche Versammlung. Die Antwort ist also ein klares Ja: Wir dürfen eine örtliche Versammlung beurteilen (vgl. 1. Kor 1,11; Kol 1,8; 4,13).

3. Was wird beurteilt? An dieser Stelle ist zwischen Motiven, Taten und dem Zustand eines Menschen zu unterscheiden.

  1. das Beurteilen von Motiven: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird“ (1. Kor 4,5). Dieser Vers macht klar, dass es uns nicht gestattet ist, die Beweggründe eines anderen Menschen zu beurteilen. Das ist allein die Sache Gottes.
  2. die Beurteilung von Taten: Stellen wie Galater 5,19 („offenbar sind die Werke des Fleisches“) und 1. Timotheus 5,20 zeigen, dass wir Taten, in diesem Fall die Sünden, als Verfehlungen zu erkennen und zu beurteilen haben.
  3. die Beurteilung eines Zustandes: Nach 1. Korinther 5,11 können bestimmte böse Taten einen Gläubigen derart kennzeichnen, dass sie einen bösen Zustand dieses Menschen offenbaren. Gottes Wort bezeichnet ihn dann als „Bösen“. Im Vordergrund steht nicht, dass jemand eine bestimmte Sünde getan hat. Er ist vielmehr durch eine bestimmte Sünde gekennzeichnet, weil er nicht von ihr lässt. Das muss eine örtliche Versammlung (Gemeinde, Kirche) erkennen und dann – wenn sie dem Wort Gottes gehorsam sein will – diesen Bösen ausschließen.

4. Wann ist zu beurteilen? Es gibt Sünden, die im Verborgenen geschehen, aber auch Sünden, die offenbar geworden sind.

  1. wenn eine Sünde begangen wurde: Wir werden in der Schrift nicht aufgefordert, Detektive zu spielen. Eine Sünde im Verborgenen können wir nicht erkennen. Ein schlichter Verdacht reicht nicht aus, um eine Sache biblisch begründet zu beurteilen (vgl. z. B. 1. Tim 5,19). Das, was im Verborgenen geschieht, wird der Herr am Richterstuhl des Christus richten (1. Kor 4,5). Hier liegt es also nicht an uns, ein Urteil zu fällen.
  2. wenn eine Sünde offenbar wurde: 1. Timotheus 5,19.20 zeigt, dass es sich um Sünden handeln muss, die als Verfehlungen für Gläubige erkennbar sind. Jemand, über den nach 1. Korinther 5 ein Urteil der Versammlung zu sprechen ist, muss erwiesenermaßen die ihm zur Last gelegten Sünden begangen haben. Er muss sich in einem entsprechenden Zustand befinden. Wenn eine örtliche Versammlung in einem gesunden Zustand ist, werden Sünden im Verborgenen über kurz oder lang ans Licht kommen.
  3. wenn man persönlich betroffen ist: Dazu finden wir in unserem Evangelium ein Beispiel. In Kapitel 18,15 hat jemand gegen seinen Bruder gesündigt. Also geht der Herr davon aus, dass der Bruder, gegen den gesündigt wurde, diese Sünde erkennt und beurteilt. Sonst könnte er ja nicht zu seinem Bruder hingehen. Andere werden nicht dazu aufgefordert, es sei denn, dass jener Bruder nicht bereit ist, auf den zu hören, der ihn zu überführen sucht. In Matthäus 18,15 spricht der Herr von einem Fall, bei dem ein Gläubiger selbst von der Sünde eines anderen persönlich „betroffen“ ist. Ansonsten gilt: Im zwischenmenschlichen Bereich sind wir nicht dazu angehalten, zu jeder Zeit über jeden Fall eine Beurteilung abzugeben.
  4. wenn man Empfänger einer – öffentlich oder privat vorgebrachten – Botschaft eines Dieners des Herrn ist. In 1. Korinther 14,29 werden die Zuhörer eines Dienstes der Weissagung aufgefordert zu „urteilen“. In der Apostelgeschichte finden wir ein anderes Beispiel. Als Apollos nach Ephesus kam, waren Aquila und Priszilla dort. Als sie ihn hörten, nahmen sie ihn mit nach Hause, um ihn in der Wahrheit zu belehren. Sie hatten seine Lehre gehört und erkannt, dass ihm noch etwas fehlte. Daher konnten sie sich ein Urteil in diesem Fall erlauben und fühlten sich verpflichtet, Apollos weiterzuhelfen (Apg 18,26). Wenn sie allerdings nicht vor Ort gewesen wären, wäre es unweise – wenn nicht sogar unzulässig – gewesen, ein Urteil zu sprechen.

Anhang III: Israel – der törichte Mann

Der Herr Jesus verwendet in der Bergpredigt viele Bilder. Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass Er damit immer wieder auch ein Bild des Zustandes des Volkes Israel zeichnet. Gerade das Matthäusevangelium ist voll davon. Auf einige dieser Bilder in der Bergpredigt möchte ich hier noch einmal eingehen.

  • In Kapitel 5,25.26 geht es um die rechtzeitige Einigung mit dem Widersacher. Wir haben das ausführlich betrachtet.
  • In Kapitel 6,22.23 ist von dem Licht die Rede. Gott hatte seinem irdischen Volk Israel viel Licht gegeben (vgl. 2. Mo 10,23). Er hatte ihnen das Gesetz gegeben, hatte sich in vielfacher Hinsicht offenbart. Aber was nützte dieses Licht, da das Auge des Volkes böse war? So zeigten die Juden, wie groß die Finsternis bei ihnen war. Wie konnten sie „das Licht“, das in ihrer Mitte war, ans Kreuz nageln lassen, wenn nicht dadurch, dass sie sich in der Finsternis befanden?
  • Auch das siebte Kapitel weist mehrfach auf den Zustand des Volkes hin. Wenn man die ersten 5 Verse dieses Kapitels besieht, so zeigen diese exakt die Situation des Volkes. Es richtete alles und jeden, insbesondere die anderen Völker, die es als unrein und gottlos stempelte. Es vergaß, dass es damit das Gericht Gottes auf sich selbst herabzog, denn das Volk war nicht besser. Maleachi hatte dies in seinem Buch deutlich herausgearbeitet – schon 400 Jahre früher. Jetzt würde das Volk seine Heuchelei beweisen, indem es sich aufschwang, andere zu richten. Der Gipfelpunkt bestand darin, den eigenen Messias nicht nur zu richten, sondern zu verurteilen und an das Kreuz zu bringen. Es selbst lebte in völliger Unabhängigkeit von Gott.
  • Hatte das Volk nicht auch das Heilige den Hunden vorgeworfen (Kap 7,6)? Was hatten sie mit dem Tempel gemacht? Man kann an zweierlei denken. Zunächst war es der Tempel des Herodes – eines Heiden. Wie konnte das Volk Gottes zulassen, dass sich ein heidnischer, edomitischer König des Heiligtums Gottes bemächtigte? Es ist wahr, dass es bei der Erbauung Widerstände gegeben hat (vgl. den Geschichtsschreiber Flavius Josephus). Aber wir lesen nicht, dass sich das Volk demütigte, dass ein Edomiter ihr König war (vgl. Mt 2,3ff). War es durch seine Sünde nicht schuld daran, dass das Heiligtum, die Perlen, die für Gott waren, unter den Füßen heidnischer Menschen zertreten wurden? Das Volk selbst sorgte dafür, dass es schließlich auch selbst zerrissen wurde.
    Und was hatte das Volk mit dem Tempel gemacht? Zweimal lesen wir davon, dass der Herr Jesus „das Haus seines Vaters“ reinigen musste, weil es von Kaufleuten gewissermaßen zertreten wurde (Joh 2,13ff.; Mt 21,12ff.).
  • Auch Kapitel 7,7–12 ist eine einzige Anklage gegen die Führer des Volkes Israel. Sie waren eben nicht solche „Väter“, die den Kindern gute Gaben schenkten. Die Pharisäer boten dem Volk Steine und Schlangen an. Und das Alte Testament verwarfen sie durch ihre Hinzufügungen des Talmuds, durch Menschengebote (Mt 15,9). Außerdem waren sie Menschen, die meinten, nichts von Gott erbitten zu müssen. Ihre Rede war: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen ...“ Weder waren sie Bittende noch Suchende noch Anklopfende. Sie meinten, ein Recht an dem Königreich zu besitzen und erkannten nicht, dass sie Bedürftige waren.
  • Die enge Pforte hat das Volk auch nicht gefunden (Kap 7,13.14). Das hätte nämlich bedeutet, dass sie den von Gott gesandten König aufgenommen hätten. Dazu wäre es nötig gewesen, die eigenen Überlieferungen und den eigenen Stolz über Bord zu werfen. Dazu war das Volk im Allgemeinen nicht bereit. So gingen sie ins Verderben, anstatt den Weg des Lebens zu finden.
  • Viele falsche Propheten wurden im Volk zugelassen (Kap 7,15–20). Eigentlich hätte das Volk die falschen Propheten verurteilen und steinigen (vgl. 5. Mo 18,20 ff.), wahre Propheten wie Johannes den Täufer aber annehmen und anerkennen müssen. Aber was tat das Volk? Sie ließen zu, dass der echte Prophet getötet wurde, und erkannten diese falschen Propheten, die Pharisäer, Schriftgelehrten und Sadduzäer, als ihre Führer an, statt sie nach Gottes Wort zu verurteilen. Sie waren faule Bäume mit schlechten Früchten. Das war der Grund, warum der Herr Jesus als der „wahre Weinstock“ (vgl. Joh 15,1) kommen musste, da das Volk als verdorbener Weinstock nur schlechte Beeren hervorbrachte (vgl. Jes 5,2).
  • Waren sie nicht auch solche, die sich äußerlich zu Gott bekannten (Kap 7,21–23)? Ständig beteten die Pharisäer zu Gott, lange Gebete. Sie fasteten. Was sagt Gott zu ihnen: „Weil dieses Volk sich mit seinem Mund naht und mich mit seinen Lippen ehrt und sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir angelerntes Menschengebot ist ...“ (Jes 29,13). Sie waren mit ihrem Herzen weit entfernt. Der Herr muss ihnen sagen: Ich kenne euch nicht! Was für ein Gericht!
  • Schließlich muss Christus dieses Volk mit einem törichten Mann, ja mit einem Toren vergleichen (Kap 7,26). Es baute sich ein Haus. Aber es stand nicht auf dem Felsen, auf Christus und seinem Wort, sondern es stand auf dem unsicheren Sand der eigenen Überlieferungen und Überlegungen. Der Regen, die Ströme und auch die Winde würden kommen – und der Fall des Hauses, des Volkes war groß! Paulus spricht davon, dass der Fall Israels der Anlass für das Heil der Nationen wurde (Röm 11,11). Es war ein großer Fall, der bis heute Bestand hat.

Fußnoten

  • 1 Der Begriff „Magna Charta“ stammt aus der englischen Geschichte, in der ein König im 13. Jahrhundert mit dem englischen Adel, der gegen ihn aufbegehrte, einen „großen Freibrief“ vereinbarte. Später wurde die „Magna Charta“ vor diesem Hintergrund nicht allein als Begriff für das Einräumen von Rechten durch das Staatsoberhaupt benutzt. Sie wurde zu einer Bezeichnung für die nationale Verfassung, zum Beispiel in den USA. In unserem Zusammenhang stellt sie die „Verfassung“ des Königreichs der Himmel dar.
  • 2 Lukas hat die moralische Herrlichkeit Jesu in seiner Menschheit als großes Thema. Umstände im Leben Jesu, die wie ein praktischer Kommentar zu seinen Lehren sind, werden hier mit den entsprechenden Belehrungen verbunden.
  • 3 Am Thron der Gnade Gottes findet der Jünger Jesu „Barmherzigkeit und Gnade zu rechtzeitiger Hilfe“ (Heb 4,16). Gott selbst sitzt auf dem Thron und schenkt uns in der Person seines Sohnes diese Barmherzigkeit, damit wir unser Leben in geistlicher Sicherheit führen können. Judas schließlich zeigt uns, dass auch das Wiederkommen unseres Herrn Jesus Christus, um uns in den Himmel zu holen, ein Akt göttlicher Barmherzigkeit ist (Jud 21). Solche, die Barmherzigkeit üben, werden Barmherzigkeit im Übermaß erfahren!
  • 4 Im beruflichen Bereich hat sich hier das „Sekretärinnen-Beispiel“ etabliert. Eine gläubige Sekretärin wird nicht lügen und behaupten, ihr Chef sei abwesend, wenn er sie dazu aufgefordert hat. Aber es gibt viel mehr Beispiele: • einen Vertriebsmann, der auf Nachfrage nicht die Schwächen seines Produktes unterschlägt, sondern ehrlich bleibt; • Handwerker oder Putzhilfen bar (“schwarz“) ohne Rechnung bezahlen • Privatrechnungen auf das Geschäft ausstellen lassen • einen Controller, der die Bilanz nicht verfälscht, obwohl es so üblich ist; • einen Kommunikationsverantwortlichen, der zur Wahrheit steht, auch wenn sie problematisch ist. • einen Maschinenführer, der zugibt, dass er die Maschine falsch eingestellt hat. Ein Leben in praktischer Gerechtigkeit zu führen bedeutet dann, bereit zu sein, für dieses Verhalten Nachteile sowie Leiden in Kauf zu nehmen.
  • 5 In Palästina war vermutlich Salz aus dem Toten Meer am günstigsten zugänglich. Es hat (in seiner Trockenmasse) folgende Zusammensetzung: 50,8 % Magnesiumchlorid, 30,4 % Natriumchlorid, 14,4 % Calciumchlorid und 4,4 % Kaliumchlorid (Quelle: Wikipedia). Weniger als ein Drittel dieses Salzes ist wirkliches Kochsalz (chemisch: Natriumchlorid). Magnesiumchlorid und Calciumchlorid sind beide hygroskopisch, das heißt sie ziehen Wasser aus der Luft (Wasserdampf, Luftfeuchtigkeit) an. Dieses Salz kann also durch bloße Lagerung feucht werden und zerfließen. Außerdem sind Magnesiumchlorid und Calciumchlorid besser in Wasser löslich als Natriumchlorid. Angenommen, Totes-Meer-Salz befindet sich in einem Gefäß. Dann werden die hygroskopischen und leichter löslichen Bestandteile (also Magnesium- und Calciumchlorid) allmählich nach unten fließen. Nach längerer Entnahme des Natriumchlorids aus dem oberen Teil des Gefäßes bleibt im unteren Teil dann irgendwann eine Salzmasse zurück, die nur noch wenig Natriumchlorid (Kochsalz) aber umso mehr Magnesiumchlorid enthält. Magnesiumchlorid hat einen bitteren Geschmack und taugt nicht mehr zum Würzen. Es wird weggeworfen.
  • 6 Der Scheffel wurde früher offenbar bei Bedarf umgestülpt, um ihn als Lampenfuß zu benutzen, nicht jedoch, um das Licht zu verbergen.
  • 7 Das ist der kleinste Buchstabe im griechischen Alphabet, unser kleines i.
  • 8 Das ist der kleinste Teil des hebräischen Alphabets, ein kleines Strichlein, um verschiedene, sonst gleiche Buchstaben zu unterscheiden. – Offenbar bezieht sich der Herr hier sowohl auf das hebräische Alte Testament als auch auf die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta. Es ist nämlich erstaunlich, dass Er die griechische Sprache an dieser Stelle mit einbezieht, obwohl das Alte Testament ursprünglich in Hebräisch verfasst worden ist. Da in der damaligen Zeit die Septuaginta oft genutzt wurde, bezieht Er sie in seine Belehrung mit ein.
  • 9 An dieser Stelle noch ein Hinweis zu dem vom Herrn Jesus verwendeten Wort: Ehebruch (griechisch moichao: Ehebruch treiben; moicheia: Ehebruch; moicheuo: Ehebrecher sein, jemand zum Ehebruch verleiten, mit jemand Ehebruch treiben; hebräisch na’ap: Ehebruch treiben). Im deutschen Wort ist sprachlich der Gedanke des „Bruchs“ der Ehe enthalten. Das ist weder im hebräischen (Altes Testament) noch im griechischen Wort (Neues Testament) sprachlich der Fall. Es handelt sich um eine Tat auf sexuellem Gebiet, die im Widerspruch zum Ehebund steht, den ein Mensch eingegangen ist. Dass Ehebruch in Gottes Augen Sünde ist, wird aus vielen Bibelstellen deutlich (vgl. z. B. 3. Mo 20,10; Mt 15,19; 2. Pet 2,14). Allerdings gilt auch für diese Sünde: Wenn jemand Ehebruch begeht, diese Sünde dann aber vor Gott und Menschen aufrichtig bekennt, erhält Vergebung. Er muss „seinen Ehepartner“ somit auch nicht neu heiraten, weil die Ehe im juristischen oder faktischen Sinn gebrochen wäre und in diesem Sinn nicht mehr bestünde. Es bleibt jedoch wahr, dass ein solcher durch den „Ehebruch“ den Rahmen der Ehe übertreten hat – das ist der „Bruch“, den er begangen hat.
  • 10 Es fällt auf, dass Markus von der Hand, dem Fuß und dem Auge spricht (vgl. Mk 9,43 ff). Bei ihm steht der Dienst des Jüngers im Vordergrund. Als Diener des Herrn müssen wir immer wieder prüfen, was wir tun (Hand). Wir müssen auch überprüfen, ob unser Lebenswandel (Fuß) mit Gottes Wort übereinstimmt oder ob wir uns durch Begierden und das bewusste Anschauen böser Dinge zum Sündigen verleiten lassen (Auge).
  • 11 Manche haben dieses dritte Beispiel mit dem vorherigen verbunden. Tatsächlich sind die Themen eng verwandt. Gerade die zwei der fünf Merkmale, die beim zweiten Beispiel fehlen (Hinzufügung pharisäischer Vorschriften und deren Verurteilung), findet man hier. Da jedoch der Aufbau auch hier dem der anderen folgt (Es ist gesagt …, ich aber sage euch …), scheint es sich doch um ein eigenständiges Beispiel zu handeln.
  • 12 Kurz zu der Frage, was Mose zu diesem Gestatten bewogen haben könnte. Offensichtlich waren manche Israeliten geneigt, ohne jeden Grund ihre Frau zu entlassen. Sie nahmen sich mehr oder weniger gedankenlos eine Frau, die sie dann, wenn sie ihnen nicht mehr gefiel, genauso gedankenlos wieder entließen. Mose aber wollte die Frauen, die auch in Israel in sozialer Hinsicht von einer Ehe und damit von ihrem Ehemann abhängig waren, vor dieser Gedankenlosigkeit schützen. Daher gebot er, dass die Männer einen Scheidebrief zu schreiben hatten. Darin mussten sie nicht nur die Ehescheidung vermerken, sondern anscheinend auch begründen, warum sie ihre Ehefrau entließen. Durch diesen Brief konnte eine solche Entlassene nicht wie eine Prostituierte (Hure) behandelt werden. Ein neuer Ehemann konnte nämlich eine Frau nach 5. Mose 22,17 vor das Gericht bringen, wenn er entdeckte, dass sie keine Jungfrau mehr war. Mit einem Scheidebrief aber war diese Entlassene ein Stück weit rechtlich und sozial geschützt.
  • 13 Vielleicht macht die in Lukas 6,29 verwendete Reihenfolge, die von Matthäus abweicht, deutlich, dass im dritten Evangelium ein eher gewalttätiges Wegnehmen des Oberkleides gemeint ist. Dort ist zuerst vom Oberkleid und dann vom Unterkleid die Rede.
  • 15 Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird natürlich heute bei Spendenkonten etc. vermieden.
  • 16 Der Begriff „öffentlich“ meint natürlich nicht, dass es unbedingt in aller Öffentlichkeit geschieht. Er beinhaltet nur, dass es mitbetende, nicht zur Familie gehörende Zuhörer gibt.
  • 17 Auch wenn das hier nicht im Blickpunkt des Herrn ist: Das persönliche Gebet, dieses Gespräch zwischen einem Menschen und Gott, soll von niemandem gestört werden. Es soll auch niemand anderes erfahren, was man betet.
  • 18 Interessanterweise findet sich in Markus 11,25.26, wo der Evangelist Gedanken des Herrn über das Gebet weitergibt, das wohl einzige Vorkommen dieses Ausdrucks außerhalb des Matthäusevangeliums. Dort finden wir die Parallele zu Matthäus 6,14.15.
  • 19 Viele Ausleger sprechen von sieben Bitten des „Vaterunser“. Ich folge hier dem Vorschlag von F. B. Hole in seinen Betrachtungen über das Neue Testament, der sich dort auf sechs Bitten bezieht. Da die beiden letzten Punkte vom Herrn unmittelbar miteinander verbunden werden, kann man sie auch nach meinem Verständnis kaum trennen. Daher ergibt es Sinn, sie hier zusammenzufassen.
  • 20 Die gläubigen Juden, die durch die große Drangsalszeit in das 1000-jährige Friedensreich eingehen werden (vgl. Sach 13,8.9; Off 7,14), stellen die irdische Seite dieses Königreichs dar. Aber Christus wird aus dem Himmel kommen, um dieses Reich aufzurichten. Er kommt nicht allein, sondern andere kommen mit Ihm: „bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen“ (1. Thes 3,13). Das sind die Gläubigen des Alten Testaments und die wahren Christen, die nach 1. Thessalonicher 4,15–17 entrückt worden sind. Sie werden den himmlischen Teil der Herrschaft des 1000-jährigen Friedensreichs bilden, das in Offenbarung 20,2.3 angekündigt wird.
  • 21 Zwei weitere Punkte sprechen dagegen, dass der Herr diese himmlische Seite in Matthäus 6 betont: Erstens spricht Er in Matthäus 25,33.34 vom Segen für die Gläubigen aus den Nationen. Das sind Heiden, die sich während der siebenjährigen Drangsalszeit auf die Seite des Messias stellen werden, also in der sogenannten 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27), auf die der Herr Jesus in Matthäus 24,7–31 zu sprechen kommt. Ihnen wird gesagt: „Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“ Auch hier geht es – Matthäus-typisch – um den Vater. Diese Gläubigen aus den Nationen, welche durch die Drangsalszeit gehen werden, sind im Reich von Ihm gesegnet, nämlich vom Vater. Sie wohnen dann aber auf der Erde, auch wenn sie mit dem Vater in Verbindung gebracht werden. Mit anderen Worten: Die Nennung des Königreiches in Verbindung mit dem Vater bedeutet nicht automatisch, dass die himmlische Seite des Reiches gemeint ist. Zweitens lesen wir in Verbindung mit der Einführung des Gedächtnismahls in Matthäus 26,29: „Ich sage euch aber: Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters.“ Hier bezieht sich der Herr Jesus klar auf das 1000-jährige Reich. Dann wird Er mit den Seinen, wozu auch wir, die himmlischen Gläubigen gehören werden, auf diese Erde zurückkommen, um über diese Erde zu regieren. Er nennt dieses Reich auch dort das „Reich meines Vaters“. Und doch liegt die Betonung erneut nicht auf der himmlischen Seite des Reiches. Denn der Wein symbolisiert zwar die Freude, die Er dann genießen wird. Aber so, wie die Jünger buchstäblichen Wein vor sich hatten, so wird der Herr dann auf der Erde wirklich wieder diesen Wein des Passahfestes trinken.
  • 22 Der Vater ist natürlich niemand anderes als Gott. Aber die Heilige Schrift verwendet den Namen „Gott“ oft gerade dann, wenn es um sein souveränes Tun und seine Allmacht geht. Wenn von dem Vater die Rede ist, dann geht es um seine Beziehung zu anderen, oft zu den Gläubigen.
  • 23 Man kann auch an Beispiele von Gläubigen in der Kirchengeschichte denken. Georg Müller, der in Großbritannien ohne Eigenmittel, ganz im Vertrauen auf Gott Waisenhäuser errichtet hat, ist ein solches. Mehrfach hatte er keine Speisen auf dem Tisch stehen. Dennoch dankte er dem Vater im Himmel für das Essen im Beisein seiner Waisenkinder, so dass die versammelte Menge im Vertrauen auf Gott auf dessen Antwort wartete. Durch Gottes Wundertaten wurden exakt im Augenblick des Gebets Speisen durch die Eingangstür befördert.
  • 24 Die Bergpredigt (Arend Remmers), S. 146, Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen
  • 25 An dieser Stelle müssen wir vor einer falschen Anwendung dieses Bildes warnen. Manche wollen aus diesem Bild ableiten, dass ein Gläubiger nicht mehr sündige. Der Herr Jesus sage doch, dass ein guter Baum keine schlechten Früchte hervorbringen könne. Aus vielen anderen Stellen wissen wir, dass Gläubige ermahnt werden, nicht zu sündigen. In 1. Johannes 2 lesen wir, dass es vorkommen kann, dass ein Gläubiger sündigt. Das steht nicht im Widerspruch zur Bergpredigt. Wenn ein Jünger sündigt, befindet er sich nicht in einem Normalzustand. Von diesem spricht der Herr hier und nicht über die traurige Ausnahme, dass ein Gläubiger sündigt oder in Sünde fällt.
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