Gottes Gericht ist gerecht
Eine Auslegung des Propheten Nahum

Kapitel 3: Die Begründung des göttlichen und verdienten Gerichts

Kapitel 3 setzt das Thema von Kapitel 2 fort. Die weitere ausführliche Beschreibung zeigt besonders, warum Gott Ninive richten würde, während Kapitel 1 und 2 mehr eine Beschreibung von Fakten war. Dort ging es mehr um das „Was“, jetzt kommt das „Warum“. Der Prophet redet von der geistlichen und moralischen Verkommenheit dieser stolzen und mächtigen Stadt. Dennoch gibt es gewisse Überschneidungen (z.B. Kap 2,2.3 und 3,2.3).

Der Grund ist also nicht einfach der Angriff der Feinde, die Ninive besiegen wollten und die stärker waren als alle Abwehrmaßnahmen, sondern letztlich hatte sich Ninive die Niederlage selbst zuzuschreiben. Sie hatten sich selbst Verderben zugezogen. Sie gleichen den Menschen, von denen Petrus schreibt, dass sie „sich selbst schnelles Verderben zuziehen“ (2. Petr 2,1), während es ebenso wahr ist, dass das Gericht von Gott kommt. Neben der Begründung des Gerichts wird deutlich gezeigt, dass das es endgültig und unumkehrbar sein würde.

Als Überschrift für die Begründung des Gerichts kann man die Tatsache setzen, das Ninive eine sündige Stadt war. Das zieht sich durch das ganze Kapitel. Im Detail wird Ninive wie folgt beschrieben:

  • eine mörderische Stadt (Vers 1)
  • eine gewalttätige Stadt (Vers 1)
  • eine lügnerische Stadt (Vers 1)
  • eine Hurenstadt (Vers 4)
  • eine unverschämte Stadt (Vers 5)
  • eine grausame und barbarische Stadt (Vers 10)
  • eine Handelsstadt, die mit betrügerischen Mitteln reich geworden war (Vers 16)
  • eine boshafte Stadt (Vers 19)

Es fällt uns nicht schwer, in Ninive den Zeitgeist dieser Welt wiederzufinden. Was für Sodom und für Babylon gilt, gilt für diese Stadt ebenso. Wir werden deshalb wieder einige Impulse für unser Glaubensleben finden.

Die große Gottlosigkeit Ninives wird gerichtet (Verse 1–7)

Vers 1: Wehe der Blutstadt, ganz erfüllt mit Lüge und Gewalttat! Das Rauben hört nicht auf.

Das Kapitel beginnt mit dem ernsten Wort „Wehe“, das wir gerade in den Propheten (besonders bei Jesaja und Jeremia) häufig finden (Jes 3,9). In einigen Fällen drückt es Leid und Klage aus (Jes 6,5; Jer 22,18), an den meisten Stellen hingegen ist es eine ernste Androhung von Gericht (z.B. Jes 1,4; 10,5) Manchmal wird es mit „Ach“ übersetzt (z.B. 1. Kö 13,30). Hier ist es eine Todesdrohung. Für Ninive war es ein „Wehe“, für alle anderen Nationen eine Freude. Es ist hier die einzige Stelle, an der Nahum das Wort benutzt. Es kündigt das endgültige und unwiderrufliche Ende Ninives an1.

Wenn sich Böses offen zeigt und nicht weggetan wird, bleibt nur Gericht. Das galt ebenso für Gottes Volk. In Jesaja 3,9 sagt Gott: „Der Ausdruck ihres Angesichts zeugt gegen sie; und von ihrer Sünde sprechen sie offen wie Sodom, sie verhehlen sie nicht. Wehe ihrer Seele, denn sie bereiten sich selbst Böses“. Genau das traf auf Ninive zu. Der Vergleich mit Sodom passt hier ebenfalls. So wie Sodom damals wegen ihrer Gräueltaten und Unmoral gerichtet wurde, stand jetzt das Gericht für Ninive vor der Tür. Die Tatsache, dass Ninive eine Blutstadt (oder eine mit Blut befleckte Stadt) war, wird hier als erster Grund für das gerechte Gericht Gottes genannt.

Jerusalem war im gewissen Sinn ebenfalls eine Blutstadt gewesen. Jeremia klagt: „Es ist wegen der Sünden seiner Propheten, der Ungerechtigkeiten seiner Priester, die in seiner Mitte das Blut der Gerechten vergossen haben“. Doch im Unterschied zu Jerusalem war das Gericht bei Ninive endgültig. Die Assyrer hatten viel Blut vergossen und unschuldige Menschen waren gestorben. Ein Grundprinzip der Regierung Gottes lautet von Anfang an: „Wer Menschenblut vergießt, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bild Gottes hat er den Menschen gemacht“ (1. Mo 9,6)2.

Ninive war ganz erfüllt mit Lüge und Gewalttat. Was hier gesagt wird, galt offensichtlich für die komplette Stadt. Lüge (oder Trug) ist Falschheit. Die ganze Stadt war korrupt. Keiner konnte dem anderen trauen. Das erinnert an die Beurteilung Gottes in Römer 3,13: „Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch. Schlangengift ist unter ihren Lippen“. Das zeigt sich hier deutlich. Mit Lüge will man auf einem falschen Weg etwas erreichen und vergisst, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Ein Beispiel für die Lügenworte der Assyrer finden wir in 2. Könige 18,31.32.

Impuls für unser Glaubensleben: Als Christen sollten wir nichts unter der Decke der Lüge und mit falschen Motiven tun. Die Gefahr besteht tatsächlich, dass wir einander belügen. Deshalb werden wir aufgefordert: „Belügt einander nicht“ (Kol 3,9). Dabei wollen wir bedenken, dass schon eine halbe Wahrheit eine ganze Lüge ist. Die erste Sünde dieser Welt begann mit der Lüge Satans, der der Lügner von Anfang ist. Die Offenbarung spricht ein ernstes Gericht über Menschen aus, die die Lüge lieben und tun (Offb 22,15). Gläubige Menschen sind gelehrt worden „wie (die) Wahrheit in dem Jesus ist“ (Eph 4,21). Wir haben die Lüge abgelegt und sollten jetzt Wahrheit reden, „jeder mit seinem Nächsten“ (Eph 4,25).

Zur Lüge kam die Gewalttat. Mit Lüge verführt man, mit Gewalttat tötet man. Die Gewalttat der Niniviten schrie wirklich zum Himmel. Es gibt Berichte darüber, dass den Feinden, Hände, Füße, Ohren, Nasen, Augen und Köpfe abgehauen wurden und dass ihre Haut bei lebendigem Leib geschält wurde.

Ninive war immer auf Raub aus. Das Beispiel der Löwen aus Kapitel 2,13 hat das schon klar gemacht. Wer raubt, eignet sich Dinge an, die ihm nicht gehören. Raub geschieht häufig mit Gewalt. Wir wundern uns nicht, dass Verführung und Gewalt häufig Hand in Hand gehen. Bei dem Teufel ist das nicht anders. Assyrien war immer darauf aus, andere Nationen zu verführen, zu besiegen und zu vernichten. Gier und Mordlust sind ebenfalls miteinander verwandt. Bei Ninive hörte das Rauben nicht auf. Wer einmal auf der schiefen Bahn ist, wird in aller Regel auf dem bösen Weg fortschreiten.

Noch einmal: Der Angriff auf Ninive (Verse 2 und 3)

Verse 2 und 3: Peitschenknall und Getöse des Rädergerassels und jagende Pferde und aufspringende Wagen; heransprengende Reiter und flammendes Schwert und blitzender Speer und Mengen Erschlagener und Haufen von Toten und Leichen ohne Ende; man fällt über ihre Leichen! -

Noch einmal wird – wie in Kapitel 2 – der Angriff beschrieben, der den Fall Ninives begleitete. Es sind nur wenige Worte, eine knappe Beschreibung. Dennoch ist die Schilderung an Dramatik kaum zu überbieten. Nahum schreibt, als wenn er die Szene beobachtet hätte. Der Peitschenknall der Reiter war von weitem zu hören, während die Reiter ihre Pferde vorantrieben und Räder rasselten. Die heransprengenden Reiter zeigen die große Eile, in der sie vorwärts drängten. Das flammende Schwert und der blitzende Speer sprechen vom Tod. Die Menge der Toten muss beeindruckend und zugleich niederschmetternd gewesen sein. Es scheint ein Vielzahl von Toten gegeben zu haben, so dass sie den Boden füllten und man über sie stolperte. Weder für die Flüchtenden noch für die Angreifenden war es leicht, voranzukommen.

Die Schilderung zeigt in der Tat die ganze Dramaturgie des letzten Sturms auf Ninive. Die Worte zeigen, wie die Lage sich zugespitzt haben muss: Peitschen, rollende Räder und Wagen, Reiter, Schwerter, Speere und am Ende ungezählte Leichen auf den Straßen. Die Kriegsführung der Angreifer gleicht der Kriegsführung, die die Assyrer selbst angewandt hatte. Sie hatten Menschen wie Gras niedergemäht und nun erging es ihnen ebenso.

Ninive, die Hure (Verse 4–7)

Vers 4: ...wegen der vielen Hurereien der anmutigen Hure, der Zauberkundigen, die Nationen mit ihren Hurereien und Familien mit ihrer Magie verkaufte.

In den Versen 4–7 folgt eine nächste Begründung für das Gericht Gottes. Ninive wird hier als eine Hure beschrieben, die durch ihre Anmut und Zauberkünste Nationen und Familien verkaufte. Das Bild der Hure wird ebenfalls für andere Städte verwandt (z.B. für Tyrus in Jesaja 23,16 oder für Babylon in Offenbarung 17–19).

Das Wort Hurerei kommt im Alten Testament mehrfach vor und hat unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen ist damit – wie im Neuen Testament – der unerlaubte geschlechtliche Verkehr außerhalb der von Gott gegebenen ehelichen Beziehung gemeint (z.B. 1. Mo 34,31; 3. Mo 19,29; 1. Kor 6,18). Zweitens geht es um religiöse Hurerei, d.h. um unerlaubte Verbindungen des Volkes Gottes zu den Götzen oder zu umliegenden Völkern (z.B. 2. Mo 34,15.16; 5. Mo 31,16; Hos 4,10). In diesem Sinn beschreibt die Offenbarung Babylon (ein Bild dessen, was von der bekennenden Christenheit nach der Entrückung übrig bleiben wird) mehrfach als eine Hure (z.B. Offb 17,15; 18,9). Drittens gibt es Stellen, die von Hurerei im Sinn einer Versuchung sprechen, die an einen anderen herangetragen wird. In Sprüche 7 wird eine fremde und verführerische Frau gezeigt, die einen einfältigen jungen Mann ins Verderben reißt. Von ihr heißt es zu Beginn des Berichts: „Und siehe, eine Frau kam ihm entgegen in Hurenkleidung und mit verstecktem Herzen“ (Spr 7,10). In diesem dritten Sinn ist die Aussage über Ninive in unserem Vers zu verstehen. Es geht um die Verführung, die von dieser Stadt ausging. Ninive hatte ein „verstecktes Herz“, d.h., sie verführte andere durch ihren Charme, um sie dann zu Fall zu bringen. Diese Stadt tat genau das, was die Hure in Sprüche 7 tat: „Sie verleitete ihn durch ihr vieles Zureden, riss ihn fort durch die Glätte ihrer Lippen. Auf einmal ging er ihr nach, wie ein Ochse zur Schlachtbank geht und wie Fußfesseln zur Züchtigung des Narren dienen, bis ein Pfeil seine Leber zerspaltet; wie ein Vogel zur Schlinge eilt und nicht weiß, dass es sein Leben gilt“ (Spr 7,21–23). Deshalb spricht der Text von einer „anmutigen Hure“. Anmutig bedeutet hier „verführerisch“ oder „schön“ oder „angenehm für die Sinne“. Ein Beispiel für eine solche Verführung finden wir in Jesaja 36,4–10. Doch der äußere Schein trog. In Wirklichkeit war diese Hure niederträchtig und gemein. Sie versprach z.B. militärischen Beistand, um die angeblich Beschützten dann in die eigene Gewalt zu bringen. Und nicht nur das: Assyrien und ihre Hauptstadt Ninive wirkten in der Tat auf den ersten Blick attraktiv und anziehend. Der Reichtum der Tempel, der Kult der Götzen und die inszenierten Feierlichkeiten taten ihr Übriges. Doch es war eine Verführung, die mit dem Tod endete.

Wir erkennen hier die Kombination der beiden teuflischen Taktiken, nämlich Verführung und Gewalt. Es geht um Verrat, um geschickte Politik, um andere in die eigene Gewalt zu bekommen.

Impuls für unser Glaubensleben: Es fällt uns nicht schwer, in Ninive ein treffliches Bild dieser Welt in ihrer Anziehungskraft auf das Fleisch zu sehen. Die Welt gleicht einer anmutigen Hure, die versucht, uns in ihren Bann zu ziehen. Ihre Verlockungen sind jeden Tag da. Doch am Ende ist es nicht mehr, als der „zeitliche Genuss der Sünde“ (Hebr 11,25), mit dem Mose nichts zu tun haben wollte. Wir sollten es so machen, wie Joseph es tat, der vor der verführerischen Frau Potiphars floh (1. Mo 39,12). Dabei dürfen wir bei den Versuchungen nicht nur an sexuelle Begierden denken, sondern an jede Form der Lustbefriedigung in dieser Welt. Vergessen wir es nicht: „Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“ (Jak 1,15).

Die Niniviten praktizierten außerdem die Zauberkunde (wörtlich: sie waren der Magie Kundige). Der heidnische Götzendienst stand häufig mit Prostitution (Tempelprostitution), sexueller Perversion, menschlicher Erniedrigung und Okkultismus in Verbindung. In diesem Vers steht ein Wort, das in 1. Samuel 28,7 zweimal mit „Frau, die einen Totenbeschwörer-Geist hat“ übersetzt ist. Wir würden sie heute als ein „okkultes Medium“ bezeichnen. Die Verbindung zur okkulten Szene ist also unübersehbar. Die okkulten Praktiken führten zur Versklavung vieler Nationen und Völkergruppen. Auf diese Weise wurden sie abhängig gemacht und versklavt. Die Assyrer waren für ihre vielen Zaubersprüche bekannt. Es gab mehrere Hundert davon. Damit sollte die Zukunft anderer vorausgesagt und auf diese Weise manipuliert werden.

Impuls für unser Glaubensleben: Wir sollten die Gefahren des Okkultismus nicht unterschätzen. Satan ist listig und wird auf jede Weise versuchen, uns in seinen Einflussbereich zu ziehen. Okkultismus begegnet uns heute oft zunächst auf sehr subtile Weise (z.B. Horoskope, Sternzeichen, fernöstliche Heilungsmethoden usw.). Es gilt: Wehrt den Anfängen!

Ninive verkaufte andere Nationen. Das bedeutet nicht, dass sie für Geld in einen anderen Herrschaftsbereich abgegeben wurden, sondern dass sie ihrer Freiheit beraubt wurden, indem sie in die Sklaverei Assyriens geführt und tributpflichtig wurden. Nationen wurden in diesem Sinn wie Ware gehandelt. Der Wort „Familie“ beschreibt hier vermutlich kleinere Völker oder Stämme von Völkern. Das Wort hat einen weiteren Sinn als das heute gebräuchliche Wort „Familie“. Es kann zugleich Volk oder Stamm bedeuten (z.B. 1. Mo 12,3; Hes 20,32, Amos 3,2).

Vers 5: Siehe, ich will an dich, spricht der Herr der Heerscharen; und ich werde deine Säume aufdecken über dein Angesicht und die Nationen deine Blöße sehen lassen und die Königreiche deine Schande.

Wieder lenkt das Wort „siehe“ das Augenmerk des Lesers auf einen besonderen Umstand. „Siehe, ich will an dich“ (vgl. Kap 2,14). Der Herr, der Ewige und Unwandelbare, wiederholt, dass Er etwas gegen Ninive hat. Er wird das Gericht bringen. Der König von Assyrien hatte Gott verhöhnt, ihn verlästert und seine Stimme gegen ihn erhoben“ (Jes 37,23). Das musste Gericht nach sich ziehen.

Gott wollte die Schandtaten, die Unverschämtheit und die Schamlosigkeit Assyriens aufdecken, so wie man die Bekleidung einer Frau aufdeckt und hochzieht, so dass ihr Angesicht verdeckt und ihre Blöße sichtbar wird (vgl. Jes 47,1–3; Jer 13,26.27; Hes 16,37). Durch das Aufdecken der Säume (oder der Schleppe) würde der wahre Charakter Ninives für alle sichtbar werden. Alles was äußerlich attraktiv und anziehend wirkte, sollte weggenommen werden. Gott wollte das aufdecken, was Ninives Gewand bisher verbarg. Die Stadt hatte andere durch ihre Prostitution in Schmach und Schande gebracht. Jetzt würde sie selbst der Schande preisgegeben werden. Als Hure hatte sie sich attraktiv dargestellt. Das würde nun alles dahin sein. „Gerechtigkeit erhöht eine Nation, aber Sünde ist die Schande der Völker“ (Spr 14,34).

Es fällt auf, dass in den Versen 5 und 6 Gott der Handelnde ist. Dreimal lesen wir das Wort „ich“. Gott überließ das Gericht nicht anderen – obwohl Er sie als seine Werkzeuge benutzte. Es war seine Rache an Ninive.

Vers 6: Und ich werde Unrat auf dich werfen und dich verächtlich machen und dich zur Schau stellen.

Es geht immer noch um das, was Gott mit der Hure Ninive macht, die sich so anziehend und attraktiv dargestellt hatte und in Wirklichkeit doch ihre Opfer nur umgarnen und vernichten wollte. Was Gott hier mit Ninive tut, hatten die Assyrer mit anderen Nationen gemacht. Sie hatten sie verächtlich gemacht und zur Schau gestellt. Jetzt erging es ihnen selbst so. Es ist eine Schande, wenn man mit Unrat beworfen wird und dabei noch zur Schau gestellt wird. In Kapitel 1,14 hatte Gott das Urteil gesprochen, dass Ninive verächtlich war. Das wird hier nun öffentlich zur Schau gestellt. Der Fall Ninives blieb nicht verborgen, sondern wurde von den Nachbarvölkern wahrgenommen.

Mit Unrat ist nicht einfach Abfall gemeint, sondern es ist etwas, das verunreinigt und abscheulich ist. Möglicherweise steht der Ausdruck mit dem Gottesdienst der Niniviten in Verbindung, der Gott ein Gräuel war, denn das Wort wird an anderen Stellen mit „Gräuel“ übersetzt (z.B. 1. Kö 11,5; Dan 11,31). Es ist ebenso denkbar, dass mit Unrat der menschliche Kot (die Exkremente) gemeint sind. Jedenfalls geht es um etwas, das ekelhaft und verabscheuungswürdig ist. Ninive wurde somit für alle anderen Nationen zu einem abschreckenden Beispiel und einem Spektakel (so kann man das Wort „zur Schau stellen“ ebenfalls übersetzen).

Vers 7: Und es wird geschehen, jeder, der dich sieht, wird von dir fliehen und sprechen: Ninive ist verwüstet! Wer wird ihr Beileid bezeigen? Woher soll ich dir Tröster suchen?

Die Aussage „und es wird geschehen“, zeigt, dass die Voraussagen sicher eintreffen werden, weil Gott es sagt. Der Ausdruck kommt im Alten Testament sehr häufig vor, zum ersten Mal in 1. Mose 9,14, wo es bezeichnenderweise nicht um das Gericht, sondern um die Treue Gottes geht. Gottes Treue ist sicher. Doch Gottes Gericht ebenso. Durch den Propheten Jona hatte Gott dieses Gericht viele Jahrzehnte vorher schon einmal angekündigt (Jon 3,4), dann jedoch aufgeschoben, weil Ninive damals Buße getan hatte. Doch jetzt kam das Unheil, und niemand konnte es aufhalten. Verwüstet bedeutet leer, zerstört, ruiniert.

Das Unglück, dass über Ninive kommen würde, war so schrecklich, dass man es nicht mit ansehen konnte. Die ehemals so anziehende Hure würde in einer so schmachvollen Art und Weise zur Schau gestellt werden, dass niemand mehr hinschauen, sondern sich abwenden und fliehen würde. Obwohl wir später sehen werden, dass die umliegenden Nationen sich über das Ende Ninives freuten, war das Unglück so schlimm, dass jeder, der die Stadt sah, floh. Es ist hier keine Flucht vor Angst oder Furcht, sondern eher vor Grauen. Das menschliche Auge mochte nicht hinschauen, so furchtbar war das Ende dieser gottlosen Stadt.

Niemand war über den Fall Ninives traurig. Das Gegenteil war der Fall, denn dieser grausame Feind war nun endlich aus dem Weg und bekam das, was er verdiente (vgl. Vers 19). Es war ihm Orient damals üblich, dass an den Gräbern der Toten solche zugegen waren, die den Trauernden Beileid bekundeten und sie trösteten. Wenn sie nicht von selbst kamen, wurden sie im Einzelfall sogar von der Familie des Verstorbenen bezahlt. Für Ninive würde hingegen niemand da sein, der bereit wäre zu trösten oder Beileid zu bekunden – nicht einmal für Geld. Damit wird unterstrichen, wie sehr sich die damalige Welt über den Fall der Stadt freute.

Impuls für unser Glaubensleben: Wenn es um das Volk Gottes geht, so lesen wir, dass Gott sein Volk tröstet (Jes 40,1), weil es zu ihm zurückkehrt in Buße und Bekenntnis. Wenn wir uns von ihm abwenden, können wir in eine Situation kommen, in der sich der jüngere Sohn in Lukas 15 befand. Solange es ihm gut ging, wandte ihm jeder sein Interesse zu. Als er im Elend war, wandten sich alle von ihm ab und „niemand gab ihm“ (Lk 15,16). Als er dann zu seinem Vater zurückkehrte, fand er mehr, als er je verloren hatte. So ist unser Gott, der „Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes“ (2. Kor 1,3).

Das Schicksal No Amons als Beispiel (Verse 8–11)

Vers 8: Bist du vorzüglicher als No-Amon, die an den Strömen wohnte, Wasser rings um sie her? Das Meer war ihr Bollwerk, aus Meer bestand ihre Mauer.

Der Prophet spricht nun über die Stadt No-Amon und vergleicht das Gericht Ninives mit dieser Stadt.

Es handelt sich um eine Stadt, die in der säkularen Geschichtsschreibung besser unter ihrem griechischen Namen Theben (in Ägypten) bekannt ist3. Der ursprüngliche ägyptische Name lautet Wase oder (Wo'se). No-Amon ist der hebräische Name und bedeutet „Stadt des Amon“.4 Amon war ein Hauptgott der Bewohner dieser Region. Der Name dieser Stadt besagte also, dass sie unter dem besonders Schutz dieses Gottes stand. Es war seine Stadt, was ihr allerdings wenig nützte, denn sie wurde vollständig zerstört.

No-Amon war die Hauptstadt des südlichen Ägyptens (Oberägypten) und lag in der Nähe des heutigen Luxor, etwa 600 km südlich von Kairo. Es war eine mächtige Stadt am Ufer des Nil mit einer langen Geschichte. Die Stadt war groß und umfasste eine Fläche von 100 qkm. Sie lag zum großen Teil am Ostufer des Nil, nur ein kleiner Teil lag mit den Vorstädten am Westufer.

Ausgrabungen zeigen, dass die Stadt bereits im Jahr 2000 v.Chr. existiert haben muss. Im 14. Jahrhundert v.Chr. erlebte die Stadt ihre Blütezeit. Danach gab es ein Auf und Ab. Im 7. Jahrhundert v.Chr. wurde No-Amon zur Hauptstadt in Oberägypten. Die Stadt war besonders bei den Griechen berühmt und bekannt. Homer spricht von dem Reichtum dieser Stadt und nennt Theben die „Stadt der hundert Tore“5.

Es gab eine ganze Reihe von Vergleichen zwischen No-Amon und Ninive. Beide Städte lagen an einem Fluss, der natürlichen Schutz bot. No-Amon am Nil und Ninive am Tigris. Beide Städte hatten eine glorreiche Vergangenheit hinter sich und große Blütezeiten erlebt. Beide Städte waren sehr reich. Beide Städte vertrauten auf ihre Götter. Beide Städte waren politisch einflussreich und hatten viele Kriege geführt und gewonnen. Der große Unterschied lag darin, dass No-Amon besiegt und zerstört worden war. Genau darauf spielt Gott hier an. Was mit No-Amon bereits geschehen war, würde mit Ninive ebenfalls geschehen. Ninive war nicht vorzüglicher oder besser. Seine Bewohner würden das Schicksal No-Amons teilen und in einem gewissen Sinn würde es ihnen noch schlimmer ergehen, denn im Gegenteil zu No-Amon ist Ninive nie wieder aufgebaut worden. Das Gericht über Ninive sollte endgültig sein.

663 v.Chr. – also wenige Jahre bevor Nahum schrieb – hatte Assurbanipal6 No-Amon angegriffen, erobert und zerstört7. Gleichzeitig waren er und seine Soldaten mit den Einwohnern barbarisch umgegangen Dieser Feldzug und der Fall der Stadt muss in Ninive noch in guter Erinnerung gewesen sein. Sie wussten, dass die größte und mächtigste Stadt fallen kann, wenn Gott es will. Das hätte sie nachdenklich machen müssen.

Der Bibeltext sagt, dass No-Amon an den Strömen wohnte. Die Stadt war tatsächlich von Wasser umgeben und zwar zum einen vom Nil und zum anderen von Kanälen und Gräben, die zum Schutz der Stadt gebaut worden waren. Deshalb war das Wasser rings um sie her. Das Meer ist nicht das Mittelmeer, sondern eine andere Bezeichnung für den Nil, der ein natürliches Bollwerk war und es Angreifern schwer machte, die Stadt zu erobern. Es war durchaus üblich, den Nil als „Meer“ zu bezeichnen, denn wenn er – was regelmäßig passierte – über die Ufer ging, glich er tatsächlich einem Meer8. Wasser war also ein natürlicher Schutz für die Bewohner. Dort „wohnte“ die Stadt. Das beschreibt nicht nur die geographische Lage, sondern zeigt die Ruhe und das Wohlbehagen der Einwohner. Die Stadt wird sozusagen personifiziert. Sie fühlte sich dort sicher. Dennoch war es den Assyrern gelungen, die Schutzwehr der Stadt zu überwinden. Genauso sollte es nun mit den Bollwerken Ninives geschehen.

Wenn Gott fragt, ob die Niniviten vorzüglicher (besser) als die Bewohner von No-Amon waren, so ist das natürlich eine rhetorische Frage. Die Antwort lag auf der Hand. Ninive war nicht vorzüglicher. Die Niniviten standen den Bewohnern von No-Amon in nichts nach. Wenn also die eine Stadt das Gericht verdient hatte, dann die andere umso mehr. Das sollte den Niniviten eigentlich klar sein.

Vers 9: Äthiopien war ihre Stärke, und Ägypter in zahlloser Menge; Put und Libyen waren zu ihrer Hilfe.

Hier zeigt sich ein Gegensatz zwischen Ninive und No-Amon. Im Gegensatz zu Ninive hatte No-Amon Alliierte, die hier genannt werden. Es waren zum Teil mächtige Bundesgenossen mit großen Ressourcen.

  1. Äthiopien oder Kusch lag im Süden. Es war ein Land, das im unmittelbaren Einflussbereich von No-Amon lag. Es umfasste Teile des heutigen Südägypten, Sudan, Eritrea und Teile von Äthiopien.
  2. Ägypten ist hier wohl Unterägypten, das zur Zeit des Angriffs nördlich von Äthiopien lag und von Oberägypten zu unterscheiden ist. In zahlloser Menge meint „ohne Ende“.
  3. Put lag vermutlich noch weiter im Süden und reicht fast an das heutige Somalia heran, im Osten Afrikas9.
  4. Libyen (oder Lubim) lag im Westen. Das Land wird einige Male in der Bibel in Verbindung mit Äthiopien erwähnt (2. Chr 12,3; Dan 11,43).

Es gab also von allen Seiten Hilfe und Unterstützung, doch sie nutzte nicht. Bei Ninive würde es anders sein. Es gab keine Alliierten.

Vers 10; Auch sie ist in die Verbannung, in die Gefangenschaft gezogen; auch ihre Kinder wurden zerschmettert an allen Straßenecken; und über ihre Vornehmen warf man das Los, und alle ihre Großen wurden mit Ketten gefesselt.

Jetzt erinnert Gott daran, was konkret mit No-Amon geschehen war. Was hier beschrieben wird, zeigt die Gräueltaten der Assyrer und wie erbarmungslos und brutal sie mit den Bewohnern der Stadt umgegangen waren.

  1. Der Hinweis auf die Verbannung und Gefangenschaft macht klar, dass die Bewohner nach Assyrien verschleppt wurden. Wir hatten in Kapitel 2,8 gesehen, dass einige Niniviten dieses Schicksal teilen würden.
  2. Die Kinder wurden jedoch nicht mitgenommen, sondern erbarmungslos getötet. Es ist denkbar, dass die Kinder auf der Reise in die Gefangenschaft nur als mögliches Hindernis angesehen wurden und man sie deshalb tötete. Denkbar ist ebenfalls, dass man einfach die komplette junge Generation auslöschen wollte, um der Stadt jegliche Zukunft zu nehmen. Die Art und Weise, wie das geschah, war pure Barbarei. Das zeigt der Ausdruck „zerschmettern“. Mit den Bewohnern Samarias war Assyrien nicht anders umgegangen. Dort war es eine Strafe Gottes: „Samaria wird büßen, denn es ist widerspenstig gewesen gegen seinen Gott; sie werden durchs Schwert fallen, ihre Kinder werden zerschmettert und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden“ (Hos 14,1; vgl. 2. Kön 8,12; Jes 13,16; Ps 137,9). Das Wort wird von anderen mit „niederstechen“ oder „in Stücke zerhauen“ übersetzt. Das geschah an „allen Straßenecken“ (vgl. Jes 51,19–20; Ps 137,9) und zeigt, dass es zur Abschreckung öffentlich durchgeführt wurde. Es ist denkbar, dass die Eltern der Kinder zusehen mussten.
    Die Vornehmen – solche die edel und angesehen waren – wurden erniedrigt, indem man das Los über ihr Schicksal warf. Mit den Großen sind wahrscheinlich die Vornehmen gemeint. Sie wurden mit Ketten gefesselt, d.h. sie dienten den Assyrern als Sklaven. Es war damals durchaus üblich, das Los über das Schicksal von Gefangenen zu werfen (vgl. Obad 1,11; Joel 4,2.3). Was mit diesen Menschen geschah, lag nicht in ihrer Hand sondern war mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Das Losen hat mit Versteigern zu tun. So wurden sie den reichen Niniviten zu Sklaven. Für diese ehemals Vornehmen und Großen war das eine gewaltige Erniedrigung.

Die assyrische Geschichtsschreibung berichtet relativ ausführlich über die Eroberung Thebens. Assurbanipal berichtet selbst über seinen Feldzug nach Ägypten: „ich ... nahm die kürzeste Route nach Ägypten und Nubien. Während meines Feldzuges brachten mir 22 Könige ... (darunter Manasse von Juda) große Geschenke und küssten meine Füße. Ich veranlasste diese Könige, meine Armee über das Land zu begleiten – und auch über den Seeweg mit ihren Armeen und Schiffen“.10

Vers 11: Auch du sollst trunken werden, sollst verborgen sein; auch du wirst eine Zuflucht suchen vor dem Feind.

„Auch du“: Ninive würde das gleiche Schicksal erleben. Gott hatte es so bestimmt, und genau so sollte es kommen. Die Assyrer waren grausam und barbarisch gewesen, und nun würde man mit ihnen ebenso grausam umgehen.

  1. a) Ninive sollte trunken werden: Es ist die Frage, ob das buchstäblich oder im übertragenen Sinn zu verstehen ist. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass der Alkohol eine gewisse Rolle bei der Einnahme Ninives gespielt haben muss (Kap 1,10) und dass viele Niniviten beim finalen Sturm der Stadt offensichtlich betrunken gewesen sind. Es ist klar, dass das ihre Verteidigungsfähigkeit deutlich reduziert hat.
    Dennoch ist es wahrscheinlich, dass Nahum hier eine weitere Metapher benutzt. Von Babel wird gesagt: „Babel war ein goldener Becher in der Hand des Herrn, der die ganze Erde berauschte; von seinem Wein haben die Nationen getrunken, darum sind die Nationen rasend geworden“ (Jer 51,7). Gemeint ist, dass jemand der betrunken ist, nicht mehr der seiner Sinne ist und nicht mehr klar denken kann. Wer betrunken ist, ist hilflos, kraftlos, paralysiert und weiß nicht, was er tun soll. Er erkennt nicht den Ernst einer Situation. Genau das war während der Eroberung Ninives der Fall. Andere Stellen zeigen, dass es einen Kelch des Zornes Gottes gibt, der von Gericht spricht. Es ist gut möglich, dass das hier in erster Linie gemeint ist. In Jesaja 51,17 sagt Gott zu seinem Volk: „Erwache, erwache; steh auf, Jerusalem, die du aus der Hand des Herrn den Becher seines Grimmes getrunken hast! Den Kelchbecher des Taumels hast du getrunken, hast ihn ausgeschlürft“. In Jesaja 63,6 lesen wir: „Und ich trat die Völker nieder in meinem Zorn und machte sie trunken in meinem Grimm, und ich ließ ihren Saft zur Erde rinnen“. Das Gericht über Ninive war ein Gericht Gottes.
  2. Ninive sollte verborgen sein: Das bedeutet an dieser Stelle nicht, dass Ninive sich wegducken und verstecken würde, sondern dass es nicht mehr zum Vorschein kommen sollte. Ähnliches wird von Edom gesagt: „Denn wie ihr getrunken habt auf meinem heiligen Berg, so werden beständig trinken alle Nationen; ja, sie werden trinken und schlürfen und werden sein wie solche, die nie gewesen sind.“ (Obad V.16). Ninive ist von der Bildfläche verschwunden. Das ist ein in der antiken Geschichte einzigartiges und besonderes Phänomen. Es hat andere Reiche gegeben, die völlig besiegt wurden, doch ihre Bevölkerung hat irgendwie weiter existiert. Hier jedoch verschwindet eine mächtige Nation, die etwa 2000 Jahre lang existiert und über viele Jahrhunderte hinweg andere Nationen dominiert hatte, völlig von der Bildfläche.
  3. Ninive würde Zuflucht suchen vor dem Feind: Zuflucht ist ein Ort, wo man Schutz und Sicherheit findet. Das haben einige der Niniviten versucht. Nachdem der herrschende König Assyriens während des Angriffs – vermutlich in den Flammen seines Palastes -umgekommen war, gelang es seinem obersten Feldherrn, sich mit einem kleinen Teil der Assyrer nach Harran (ca. 400 km westlich von Ninive) abzusetzen, wo er sich unter dem Namen Assur-Urballit II zum König ausrufen lies11. Doch die Zuflucht hielt nicht, was sie versprach. Zwei Jahres später (610 v.Chr.) wurden die Assyrer erneut von den Babyloniern und Medern besiegt. Bis 605 v.Chr. gab es noch einen Verbund von Assyrern – und zwar unter Führung Ägyptens – doch in der entscheidenden Schlacht von Karkemis, 605 v. Chr., war das Schicksal der Assyrer endgültig besiegelt12. Von da an existierte diese Nation nicht mehr.

Es war eine gewaltige Demütigung für die Assyrer, die vorher noch gesagt hatten: „Durch die Kraft meiner Hand und durch meine Weisheit habe ich es getan, denn ich bin verständig; und ich verrückte die Grenzen der Völker und plünderte ihre Schätze und stieß, wie ein Gewaltiger, Thronende hinab. Und meine Hand hat den Reichtum der Völker erreicht wie ein Nest, und wie man verlassene Eier zusammenrafft, so habe ich die ganze Erde zusammengerafft; da war keiner, der den Flügel regte oder den Schnabel aufsperrte und zirpte“ (Jes 10,13–14). Damit war nun ein für alle Mal Schluss.

Das Gericht ist unausweichlich (Verse 12–19)

Vers 12: Alle deine Festungen sind Feigenbäume mit Frühfeigen: Wenn sie geschüttelt werden, so fallen sie den Essenden in den Mund.

Nahum zeigt einen Kontrast. Auf der einen Seite spricht er von den Festungen. Auf der anderen Seite von Feigenbäumen mit Frühfeigen. Festungen sind stark, Frühfeigen hingegen besonders weich. Frühfeigen13 bedeutet hier nicht, dass die Feigen noch nicht voll ausgereift waren, sondern gerade das Gegenteil. Frühfeigen sind besonders gute und zarte Feigen, die sehr geschätzt wurden und als Delikatesse gelten (vgl. Jer 24,2; Hos 9,10). Sie fallen einfach vom Baum, wenn er nur geschüttelt wird. Sie müssen nicht einmal mit Anstrengung gepflückt werden. Wenn die stabilen und gewaltigen Festungswerke Ninives mit solchen Frühfeigen verglichen werden, war das eigentlich ein Hohn. Der Vergleich zeigt, wie leicht es sein würde, die Befestigungsanlagen zu überwinden. Der Text sagt ausdrücklich: „alle deine Festungen“. Gemeint sind die Mauern, Türme und sonstige Abwehrsysteme. Die ganze Stadt würde einfach wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Doch nicht nur die Festungen wurden leicht überwunden. Auch die Bewohner wurden eine leichte Beute des Feindes. Sie fielen den Angreifern wie reife Feigen in den Mund und konnten so vertilgt werden.

Impuls für unser Glaubensleben: Es gibt Hindernisse in unserem Leben, die sich wie starke Festungen vor uns aufbauen und uns unüberwindlich scheinen. Doch für unseren Gott ist es eine Kleinigkeit, mit solchen Bollwerken fertig zu werden. Für Ihn sind sie nichts anderes als reife Feigen, die beim leichten Schütteln des Baumes herunterfallen. Als die Frauen am Auferstehungsmorgen an das Grab ihres Meisters kamen, hatten sie sich wegen des Steines vor der Gruft Sorgen gemacht. Er war für sie eine unüberwindliche Festung. Als sie ankamen, war der Stein bereits weggewälzt (Mk 16,4). David sagt im Glauben: „Denn mit dir werde ich gegen eine Schar anrennen, und mit meinem Gott werde ich eine Mauer überspringen“ (Ps 18,30). Das gibt uns Mut, wenn wir vor Herausforderungen stehen, die wir alleine niemals meistern können. Unserem Gott ist kein Bollwerk zu stark.

Vers 13: Siehe, dein Volk ist zu Weibern geworden in deiner Mitte; deinen Feinden sind die Tore deines Landes weit geöffnet, Feuer verzehrt deine Riegel.

Das Wort „siehe“ erregt wiederum die besondere Aufmerksamkeit des Lesers. Es kommt hier zum vierten und letzten Mal im Buch Nahum vor. Was jetzt beschrieben wird, ist in der Tat erneut außergewöhnlich und menschlich unglaublich. Dass die Befestigungsanlagen mit reifen Feigen verglichen wurden, war schon ungewöhnlich. Dass jedoch die assyrischen Soldaten, die als mutige Krieger bekannt waren, nun mit Frauen verglichen werden, klingt ebenso erstaunlich. In Kapitel 2,12 und 13 wurden die Assyrer mit Löwen verglichen und nun mit einer Frau. Wir verstehen, dass es sich um ein weiteres Bild handelt.

Mit dem „Volk in deiner Mitte“ ist nicht unbedingt alles Volk gemeint, sondern es geht offensichtlich besonders um das Kriegsvolk. Erneut wird ein Kontrast aufgezeigt. Eine Frau steht hier für Schwäche, Verwundbarkeit und Wehrlosigkeit. Von Babel wird gesagt: „Babels Helden haben aufgehört zu kämpfen, sie sitzen in den Bergfestungen; versiegt ist ihre Kraft, sie sind zu Weibern geworden; man hat ihre Wohnungen angezündet, ihre Riegel sind zerbrochen“ (Jer 51,30). Gleiches gilt für Ägypten: „An jenem Tag werden die Ägypter wie Frauen sein; und sie werden zittern und beben vor dem Schwingen der Hand des HERRN der Heerscharen, die er gegen sie schwingen wird“ (Jes 19,16).

Selbst wenn die Anhänger von Gender Mainstreaming und Feministen es leugnen werden, gilt immer noch, dass die Frauen im Vergleich zu den Männern das schwächere Gefäß sind (1. Petr 3,7). Sie sind physisch schwächer als Männer. Der Vergleich der Soldaten mit Frauen hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn in den Augen Gottes sind Mann und Frau gleichwertig. Aber sie sind eben nicht gleichartig. Eine Frau ist schwächer als ein Mann. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, eine Frau in einen militärischen Kampf zu schicken, der damals Auge in Auge stattfand. Der Kampf an der Front war zu Recht Männersache.

Es ist bemerkenswert – und dann grenzt die Aussage von Nahum schon an Ironie –, dass man bei Ausgrabungen Bilder von König Assurbanipal gefunden hat, in denen er sich als Frau porträtieren lässt, d.h. mit bemaltem Gesicht, schwarzen Augenbrauen und in Frauenkleidung gekleidet. Das zeigt wie pervers und dekadent die Könige von Assyrien waren und wie groß der moralische Niedergang war. In Zeiten von Gender-Mainstreaming scheint ist das leider nichts Besonderes zu sein. Ähnliche Verhaltensweisen sind in unserer Zeit durchaus salonfähig geworden. Damals war das völlig ungewöhnlich und unnormal.

Nahum bemerkt weiter, dass die Tore eigentlich gar nicht hätten geschlossen werden müssen. Obwohl es mächtige Stadttore waren, glichen sie offenen Toren. Die Riegel wurden ein leichtes Opfer der Flammen.

Impuls für unser Glaubensleben: Viele Menschen gleichen den Kriegern von Assyrien, Babel und Ägypten. Wenn sie die Oberhand haben und alles glatt läuft, sind sie stark. Doch wenn das Blatt sich wendet, sind sie plötzlich schwach und verhalten sich dementsprechend. Viele Menschen meinen, gegen Gott lästern zu können und sich gegen Ihn und die Seinen zu erheben. Doch der Tag kommt, an dem sie schwach und hilflos sein werden und das Gericht Gottes über sie nicht werden abwenden können. Deshalb müssen wir diese Menschen nicht fürchten. Wir haben den auf unserer Seite, der die vermeintlich Starken in einem Augenblick schwach machen kann.

Vers 14: Schöpfe dir Wasser für die Belagerung; bessere deine Festungswerke aus! Tritt den Ton und stampfe den Lehm, stelle den Ziegelofen wieder her!

Dieser Vers ähnelt dem, was wir in Kapitel 2 schon gefunden haben. Gott bedient sich des Stilmittels der Ironie. Er gibt den Verteidigern einen vierfachen Rat, wohl wissend, dass es ihnen gar nicht nutzen würde:

  1. Schöpfe dir Wasser: Wasser war überlebensnotwendig, wenn eine Belagerung länger andauerte. Ohne Trinkwasser in einer Stadt konnten die Verteidiger nicht überleben. Sie starben vor Durst14. Möglicherweise liegt in der Aufforderung zusätzlich eine Anspielung auf den Vergleich mit den Frauen aus Vers 13. Das Schöpfen von Wasser war nämlich in der damaligen Zeit Aufgabe der Frauen und nicht der Männer (1. Mo 24,11.13; 1. Sam 9,11).
  2. Bessere deine Festungswerke aus: „Ausbessern“ kann mit „Bauen“ übersetzt werden. Die Stadt verfügte ja bereits über gewaltige Festungswerke. Dennoch weisen Ausgrabungen darauf hin, dass während der Belagerung noch weitere Maßnahmen ergriffen wurden. Scheinbar wurde in großer Eile innerhalb der Stadt ein zweiter Befestigungswall errichtet.
  3. Tritt den Ton und stampfe den Lehm: Um die Festungswerke auszubauen, waren Ton und Lehm als Materialien erforderlich. Damit wurden Steine gebrannt, die zum Stopfen der Löcher benötigt wurden. Die Gegend von Ninive war bekannt für ausreichendes und gutes Baumaterial.
  4. Stelle den Ziegelofen wieder her: Die Übersetzung ist hier nicht ganz klar. Einige übersetzen: „Greife zur Ziegelform“ (Züricher) oder „nimm die Ziegelform in die Hand“ (Schlachter; Menge). Das Wort kommt im Alten Testament noch zweimal vor und wird dort mit „Ziegelofen“ übersetzt (2. Sam 12,31 und Jer 43,9). Egal welche Übersetzung man bevorzugt, der Sinn ist klar.

Impuls für unser Glaubensleben: Wir müssen – manchmal durch Erfahrung – lernen, das menschliche Hilfsquellen völlig versiegen können, wenn es darauf ankommt. Dem Ratschluss Gottes kann sich kein Mensch widersetzen. Alle Mühen sind vergeblich.

Vers 15: Dort wird das Feuer dich verzehren, das Schwert dich ausrotten, dich verzehren wie der Abfresser. Vermehre dich wie der Abfresser, vermehre dich wie die Heuschrecke!

Doch alle Versuche, die Stadt zu verteidigen, waren vergeblich. Gerade dort, wo sie alle Vorbereitungen treffen sollten, würde das Unheil sie erreichen. Und es war nicht nur das Wasser, das ihnen zum Verhängnis wurde, sondern ebenso das Feuer15. Es war ein verzehrendes oder fressendes Feuer, das alles vernichtete. Auf der Flucht vor dem Feuer würde sie das Schwert treffen, um sie auszurotten und zu vertilgen. Das Feuer vernichtete die Stadt, die Bauwerke, die Festungen und die Menschen. Das Schwert wandte sich nur gegen die Bewohner. Es ist denkbar, dass Feuer und Schwert die Niniviten trafen, während sie noch dabei waren, ihre Befestigungswerke zu stabilisieren. Jedenfalls war alle Verteidigung völlig vergebens.

Der „Abfresser“ ist eine Heuschreckenart16. Das Wort steht neunmal im Alten Testament, davon dreimal in unseren Versen. Es hat mit „verzehren, verschlingen oder auflecken“ zu tun. „Was der Nager übrig gelassen hatte, fraß die Heuschrecke; und was die Heuschrecke übrig gelassen hatte, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übrig gelassen hatte, fraß der Vertilger“ (Joel 1,4). Das wird hier als Vergleich benutzt. Erstens werden die Angreifer mit diesem Abfresser verglichen. Dabei geht es zum einen um Plünderung der Stadt und zum anderen um die totale Vernichtung. Nichts sollte von der Stadt übrig bleiben. Die Horden der babylonischen und medischen Angreifer würden nichts übrig lassen.

Die Bedeutung des zweiten Satzteils „Vermehre dich wie der Abfresser, vermehre dich wie die Heuschrecke!“ scheint sich an Ninive zu wenden. Jetzt werden die Niniviten mit einem Abfresser und einer Heuschrecke (ein anderes Wort) verglichen. Sich vermehren bedeutet, sich schwer und gewichtig zu machen. Es ist sprachlich nicht ganz klar, ob es sich um eine Aufforderung oder eine Feststellung handelt. Wenn es eine Aufforderung ist, dann ist der ironische Unterton erneut unüberhörbar. Ninive mochte versuchen, so viele Leute aufzubringen wie eben möglich. Selbst wenn sie die Zahl der Verteidiger vermehren könnten, es würde nichts nutzen. Wenn es eine Feststellung ist, dann wird darauf verwiesen, dass die Verteidiger tatsächlich sehr zahlreich waren und dennoch nicht in der Lage waren, die Stadt zu halten.

Vers 16: Du hast deine Kaufleute zahlreicher gemacht als die Sterne des Himmels. Der Abfresser fällt raubend ein und fliegt davon.

Die Sterne des Himmels gelten als unzählbar. Der Ausdruck kommt einige Male im Alten Testament vor und weist immer auf eine große Quantität hin (z.B. 5.Mo 1,10; 10,22; 28,62). Hier wird die Anzahl der Kaufleute (Händler) mit der Anzahl der Sterne des Himmels verglichen. Der Handel spielte in Ninive eine große Rolle und war – neben den Feldzügen und Eroberungen – eine weitere Quelle des großen Reichtums der Niniviten. Ninive lag am Tigris und hatte damit auf dem Wasserweg Zugang zum persischen Golf. Die Lage war exzellent. Außerdem lag sie verkehrstechnisch sehr günstig im Drehkreuz verschiedener Handelswege. So war Ninive das, was wir heute eine Handelsmetropole nennen würden.

Der Reichtum sollte Ninive zum Verhängnis werden. Er war ein weiterer Grund für die Zerstörung der Stadt. Nun ist Reichtum an sich nicht verwerflich. Kritisch wird es dann, wenn Menschen nach Reichtum streben, auf Reichtum vertrauen oder ihn unrechtmäßig erwerben. Wahrscheinlich trafen alle drei Punkte auf Ninive zu.

In der zweiten Aussage des Verses lesen wir wieder von einem „Abfresser“. Das Wort ist mit dem von Vers 15 identisch und kann sich in diesem Fall nicht auf die Bewohner von Ninive beziehen. Sie konnten nicht mehr wegfliegen. Gemeint sind die Angreifer. Sie fallen, wie ein Heuschreckenschwarm einfällt, raubend ein, breiten sich aus, und wenn sie ihr Werk getan haben, verschwinden sie wieder. Das Bild des „Abfressers“ zeigt darüber hinaus, dass Ninive nicht nur besiegt und zerstört, sondern zugleich ausgeraubt wurde. Aller Reichtum der Kaufleute fiel in fremde Hände.

Am Ende wurde klar, dass den Assyrern weder ihre politische und wirtschaftliche Macht, noch ihre militärische Überlegenheit etwas nutzte. Es war alles verloren.

Impuls für unser Glaubensleben: Wir leben in einer Welt, in der politischer und wirtschaftlicher Einfluss einen hohen Stellenwert haben. Wer sich darauf verlässt, ist am Ende selbst verlassen. Für manche Christen scheint es erstrebenswert, sich aktiv in die Politik einzumischen. Das Neue Testament sagt uns hingegen, dass unser Bürgertum nicht auf dieser Erde, sondern im Himmel ist (Phil 3,20). Für andere Christen erscheint es erstrebenswert, so viel beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg wie möglich zu haben. Es ist letztlich eine Frage der Prioritäten. Das Neue Testament fordert uns auf, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten (Mt 6,33). Das Wort Gottes sagt nichts gegen den Handel und gegen das Wirtschaften. Die Frage ist vielmehr, mit welchen Motiven, mit welchen Zielen und mit welchen Mitteln wir es tun. „Die aber, die reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, die die Menschen versenken in Verderben und Untergang. Denn die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen, der nachstrebend einige von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben“ (1. Tim 6,9.10)

Vers 17: Deine Auserlesenen sind wie die Heuschrecken und deine Kriegsobersten wie Heuschreckenschwärme, die sich an den Zäunen lagern am Tag des Frostes; geht die Sonne auf, so entfliehen sie, und man weiß ihre Stätte nicht – wo sind sie?

Es erfolgt ein weiterer Vergleich mit den Heuschrecken und Heuschreckenschwärmen (vielleicht Käfern). Erneut werden die Assyrer angesprochen. Die Auserlesenen (oder die Gekrönten, andere übersetzen „Wachleute“) und Kriegsobersten (vgl. das Wort in Jer 51,27; andere übersetzen „Beamte“) werden mit Heuschrecken und Heuschreckenschwärmen verglichen. Offensichtlich gab es davon nicht wenige in Ninive. Doch als es darauf ankam, versuchten sie sich feige aus dem Staub zu machen. Sie verhielten sich wie Heuschrecken in der Hitze des Tages. Wenn es kühl ist, lagern sie sich an den Zäunen, wenn es heißt wird, fliegen sie weg. Der Ausdruck „Tag des Frostes“ meint „wenn es kalt“ ist (vgl. z.B. Hiob 24,7; 37,9). Wir müssen bedenken, dass im allgemein heißen Orient die Kühle sehr geschätzt wurde, während man die Hitze des Tages gerne mied.

Der Vers mag auf die Wächter anspielen, die die Feinde zuerst sahen und die Flucht ergriffen. Wahrscheinlicher ist, dass die politisch und militärisch Verantwortlichen gemeint sind, die am Tag der Entscheidung feige waren und nicht an dem Platz standen, an dem es dringend erforderlich gewesen wäre. Gott hatte es so geführt.

Impuls für unser Glaubensleben: Es gibt Christen, die in angenehmen Umständen gerne die Gemeinschaft anderer Christen suchen, wenn es allerdings darauf ankommt, sind sie verschwunden und werden nicht mehr gesehen. Das Neue Testament spricht verschiedentlich von unserem Kampf, den wir haben. Es ist ein Angriffs- und ein Verteidigungskampf. Als Christen sollten wir immer kampfbereit sein und uns nicht dann feige zurückziehen, wenn Mut gefragt ist. Ein Schiff wird nicht gebaut, um im Hafen zu liegen oder nur bei schönem Wetter auszulaufen. Ob ein Schiff seetauglich ist oder nicht, erweist sich erst auf hoher See und im Sturm. Wir wollen uns Mut machen, solchen Schiffen zu gleichen.

Vers 18: Deine Hirten schlafen, König von Assyrien, deine Edlen liegen da; dein Volk ist auf den Bergen zerstreut, und niemand sammelt es.

Dieser Vers stellt eine gewisse Schwierigkeit in der Auslegung dar. Man kann nicht ganz klar sagen, worauf er sich bezieht. Einige Ausleger denken, dass mit Vers 18 das Resümee des Propheten beginnt und hier noch einmal Rückschau auf die Niederlage gehalten wird. Die Hirten sind diejenigen, die Verantwortung für andere tragen. Sie hätten die Stadt beschützen sollen, doch sie taten es nicht (vgl. Jer 23,1–4; Hes 34, wo Gott über die Hirten seines Volkes spricht). Die Edlen (oder Herrlichen) sind die mächtigen Männer, auf die der König vertraut hatte. Sie schliefen, statt zu wachen. Aus diesem Grund wurde das Volk zerstreut und niemand kümmerte sich mehr darum.

Andere Ausleger interpretieren das Wort „schlafen“ so, als spräche es vom Tod17. Sie denken mehr an die Folgen der Niederlage, die vielen Menschen – darunter den politisch und militärisch Verantwortlichen – den Tod brachte. Wenn man diesem Gedanken folgt, bezieht sich das „daliegen“ ebenfalls auf den Tod. In der Tat spricht Jeremia zweimal davon, dass Menschen „entschlafen zu ewigem Schlaf“ (Jer 51,39.57). Es ist dabei allerdings zu bedenken, dass hier ein Wort für „schlafen“ steht, dass nur sechsmal im Alten Testament vorkommt (Ps 76,6; Ps 121,3.4; Jes 5,27; Jes 56,10). Es wird entweder mit „schlafen“ oder mit „schlummern“ übersetzt. Ein Vergleich dieser Stellen zeigt, dass man höchsten in Ps 76,6 an den Tod denken kann. Ansonsten ist es immer der natürliche Schlaf, aus dem man wieder aufwacht.

Das führt zu einer anderen möglichen Erklärung dieses Satzes. Es kann sein, dass sich die Worte nicht an den regierenden König von Ninive Sir-sar-iskun richteten, der 612 v.Chr. regierte, sondern an dessen Nachfolger Assur-Urballit II, der weiter oben bereits erwähnt wurde (vlg. Vers 11).

Assur-Urballit II regierte nach dem Fall Ninives von 612–609 v. Chr. und versuchte tatsächlich, das assyrische Reich noch etwas zusammenzuhalten. Doch dieser Versuch war zum Scheitern verurteilt. Statt nationaler Einheit wurde das Volk zerstreut. Es gab keine Führer, die bereit waren, die nötige Verantwortung zu übernehmen. Es fehlte ihm an Unterstützung.

Jesaja hatte in Kapitel 5,26–29 von Assyrien gesagt: „Und er wird den fernen Nationen ein Banner erheben, und eine wird er herbeizischen vom Ende der Erde; und siehe, eilends, schnell wird sie kommen. Bei ihr ist kein Müder und kein Strauchelnder, keiner schlummert oder schläft; auch ist der Gürtel ihrer Lenden nicht gelöst noch der Riemen ihrer Schuhe zerrissen. Ihre Pfeile sind geschärft, und alle ihre Bogen gespannt; die Hufe ihrer Pferde sind Kieseln gleichzuachten und ihre Räder dem Wirbelwind. Ihr Gebrüll ist wie das einer Löwin, sie brüllt wie die jungen Löwen; und sie knurrt und packt die Beute und bringt sie in Sicherheit, und kein Erretter ist da“. So war es einmal mit Assyrien gewesen, doch das lag nun in der Vergangenheit. Die Bürger waren zerstreut, anstatt dass sie unter der Leitung der Führer mobilisiert worden waren. Sie waren wie Schafe ohne Hirten. Keiner war in der Lage, sie wieder zu einem Imperium zusammenzubringen.

Die Aussage erinnert zugleich ein wenig an das Ende des Königs des Nordens (Syrien) am Ende der Tage. Von ihm lesen wir: „Und er wird seine Palastzelte aufschlagen zwischen dem Meer und dem Berg der heiligen Zierde. Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen“ (Dan 11,45).

Resümee (Vers 19)

Vers 19: Keine Linderung für deine Wunde, dein Schlag ist tödlich! Alle, die die Nachricht von dir hören, klatschen über dich in die Hände; denn über wen ist nicht deine Bosheit beständig ergangen?

Nahum fasst zusammen: Das Ende Ninives ist vollständig, unwiderruflich und irreparabel. Die Aussage erinnert an das, was Gott in Jesaja 1,5–8 sagt – mit dem großen Unterschied, dass der Herr seinem Volk einen kleinen Überrest gelassen hat (Jes 1,9). Für Ninive gilt das ausdrücklich nicht. Der Fall dieser Stadt war endgültig. Ninive würde für immer von der Bildfläche verschwinden18. Für ihre Wunde gab es keine Linderung, weil der Schlag tödlich war. Heilen meint hier lindern oder erleichtern. Es gab keine Linderung und jeder, der es hörte, freute sich darüber.

Die Nachricht über das Ende Ninives sollte sich rasch verbreiten und löste unter den Nachbarvölkern Freude aus. Das Klatschen in die Hände hat mit Freude zu tun, doch es ist keine reine Freude, sondern der Gedanke an Hohn (im Sinn von Schadenfreude) schwingt mit. Es ist eine hämische Freude. Es steht hier nicht ausdrücklich, dass Juda sich ebenfalls in diesem Sinn gefreut hat, obwohl es anzunehmen ist. Für uns sollte Schadenfreude etwas sein, dass wir nicht kennen. Selbst wenn Gott ein gerechtes Gericht übt, sollte uns das – in der christlichen Haushaltung – nicht freuen. Im Alten Bund hatten Gefühle der Rache und Genugtuung einen anderen Stellenwert als heute.

Gott erinnert noch einmal an die Bosheit Ninives. Sie war beständig vor ihm. Das zeigt, wie lange Gott Geduld gehabt hat. Doch einmal war sie zu Ende. Gott richtet nicht gerne. In Jesaja 28,21 lesen wir, dass Gericht für Ihn ein „befremdendes Werk“ und eine „außergewöhnliche Arbeit“ ist. Gott ist ein Heiland-Gott, der die Menschen retten will. Das hatte Ninive in den Tagen Jonas erlebt. Doch zugleich ist Er heilig, und wenn Böses bestehen bleibt und nicht selbst gerichtet wird, muss Er es richten, und Er tut es auch. Deshalb spricht die Bibel nicht nur von dem Heiland-Gott, sondern sie erwähnt wiederholt das gerechte Gericht Gottes, das über die Gottlosen und bösen Menschen kommen wird. Jakobus stellt das Gericht der Barmherzigkeit gegenüber und sagt: „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht“ (Jak 2,13). Das musste Ninive hier erfahren. Petrus schreibt: „... denen das Gericht von alters her nicht zögert, und ihr Verderben schlummert nicht“ (2. Petr 2,3).

Es ist bemerkenswert, dass nur zwei Bücher der Bibel mit einer rhetorischen Frage enden, und das sind die Bücher von Jona und Nahum. In beiden Büchern geht es um Ninive. Und doch ist das Ende völlig verschieden. Jona endet mit Gottes Erbarmen über Ninive. Die Schlussfrage Gottes lautet: „ ...und ich sollte mich über Ninive, die große Stadt, nicht erbarmen, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh“ (Jona 4,11)? Nahum endet mit dem Gericht über Ninive. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Die Geduld Gottes war wegen der großen Bosheit dieser Stadt zu Ende.

Schlussgedanken

Am Ende des Buches bleibt noch einmal die Frage, ob dieser Prophet „nur“ ein Buch über das Gericht Ninives (und Assyriens) ist, oder ob seine Botschaft eine umfassendere Bedeutung hat? Die Antwort liegt auf der Hand. Wir haben gesehen, dass es um mehr als um Ninive und Assyrien geht. Die Gründe, warum Gott damals richten musste, sind exakt die Gründe, warum Er in Zukunft Gericht bringen wird. Die moralischen Grundsätze, die dieses Buch zeigt, sind generell gültig. Gott ist gnädig und barmherzig. Doch seine Geduld hat Grenzen. Er wird den demütigen, der sich erhebt und rühmt – und zwar gegen Ihn selbst und gegen andere Menschen. Wer andere unterdrückt, egoistisch, brutal und gewalttätig auftritt, den Schwachen bedrückt, andere Götter anbetet und im Okkultismus Hilfe sucht, wird das Los Ninives teilen.

So wie es Ninive damals erging, wird es den Feinden Israels am Ende der Tage ergehen, und so ergeht es heute jedem, der sich ähnlich verhält. Gott lässt sich nicht spotten. So ist dieses relativ unbekannte und selten gelesene kleine Bibelbuch bei allem Ernst zugleich eine Warnung und eine Ermunterung für Gottes Volk zu jeder Zeit. Am Ende wird das Böse gerichtet werden – das Böse in der heutigen Welt eingeschlossen. Gott schaut lange zu und hat viel Geduld. Er fordert die Menschen zur Umkehr auf. Wer nicht hört, wird am Ende gerichtet werden. Sein Ratschluss kommt zustande.

Impuls für unser Glaubensleben: Wir leben in einer Zeit, in der Gottes Langmut und Güte den Sünder zur Buße führen möchte. Unsere Zeit gleicht den Tagen Noahs, von denen Petrus schreibt, dass „die Langmut Gottes harrte in den Tagen Noahs, während die Arche zugerichtet wurde, in die wenige, das ist acht Seelen, eingingen und durch Wasser gerettet wurden“ (1. Petr 3,20). Noah war ein Prediger der Gerechtigkeit und warnte die Menschen vor dem kommenden Gericht. Wir kennen „den Schrecken des Herrn“ und wollen die Menschen überreden (2. Kor 5,11), ihre Sache mit Gott in Ordnung zu bringen, bevor das Gericht über diese Erde hereinbricht – ein Gericht, das ebenso unwiderruflich und endgültig ist wie das Gericht über Ninive.

Ninive zeigt den Widerspruch und Widerstand dieser Welt gegen Gott und sein Volk. Diesen Zeitgeist erleben wir in unserer Zeit und dieser Zeitgeist wird die noch kommende Zeit des Endes prägen. Dennoch glauben viele Menschen, dass es immer so weitergeht. Petrus warnt uns: „ ... indem ihr zuerst dieses wisst, dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötterei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wandeln und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an“ (2. Petr 3,3.4). Diese Menschen irren gewaltig. So wie in den Tagen Noahs die Flut kam, so kam das Gericht über Ninive – ein Gericht, das niemand für möglich gehalten hatte. Genau das wird sich in Zukunft wiederholen. Wenn die Menschen sich in Sicherheit wiegen, kommt ein plötzliches Verderben über sie – ein Verderben, dem sie nicht entfliehen (1. Thess 5,3).

H.A. Ironside zieht folgendes Resümee: „So hat dieses Buch für uns einen doppelten Wert. Es zeigt uns einerseits, wie vollständig sich das inspirierte prophetische Wort in der Vergangenheit erfüllt hat und überzeugt unseren Herzen andererseits zugleich, dass sich alles noch erfüllen wird, was Gott durch seine göttliche inspirierten Seher gesprochen hat“19

Fußnoten

  • 1 Insgesamt kommt das Wort etwa 50-mal im Alten Testament vor. Im Neuen Testament finden wir es ebenfalls. Der Herr Jesus benutzt es mehrfach in den drei synoptischen Evangelien. In der Offenbarung finden wir es wiederholt. Paulus benutzt das Wort nur einmal in Bezug auf sich selbst (1. Kor 9,16). Darüber hinaus steht es noch in Judas 1,11.
  • 2 Es ist bemerkenswert, dass diese Anweisung nicht typisch für die Zeit des Gesetzes ist (in der sie natürlich galt), sondern dass Gott sie bereits lange vor dem Gesetz gegeben hat, nämlich unmittelbar nach der Flut. Das Beispiel Davids, der Bathsebas Mann töten ließ, seine Schuld einsah und sie bereute, zeigt, dass die Gnade diese göttliche Gesetzmäßigkeit unterbrechen kann.
  • 3 Theben in Ägypten darf nicht mit der gleichnamigen Stadt in Griechenland verwechselt werden.
  • 4 Jeremia und Hesekiel erwähnen diese Stadt in ihren Weissagungen ebenso (Jer 46,25; Hes 30,14) und sprechen von dem Fall dieser Stadt. Allerdings kann sich ihre Weissagung nicht – wie einige Ausleger irrtümlich annehmen – auf den Einfall der Assyrer beziehen, denn beide erwähnen Nebukadnezar, den König von Babel, der deutlich später regiert hat und die inzwischen wieder aufgebaute Stadt ebenfalls angegriffen hat. 568 v. Chr. sind die Babylonier in ein zu diesem Zeitpunkt relativ schwaches Ägypten einmarschiert und haben es seines enormen Reichtums beraubt. Der Angriff der Babylonier erfolgte also fast 100 später als der Angriff der Assyrer, an den Nahum erinnert.
  • 5 Homer in seiner Ilias (9. Gesang, V 383)
  • 6 In einigen älteren Kommentaren zum Buch Nahum ist zu lesen, dass es Sargon war, der Theben einnahm. Sargon II regierte allerdings vorher (772–705 v.Chr.). Es war vielmehr Assurbanipal, der diesen Feldzug unternahm.
  • 7 Theben ist dann wenig später durch Vasallen der Assyrer wieder aufgebaut worden. Sie hat sich jedoch von der Niederlage nie wieder richtig erholt. Im 1. Jahrhundert war Theben eigentlich nur noch ein Dorf, das von Touristen besucht wurde, die die antiken Tempel sehen wollten.
  • 8 Siehe z.B. Jesaja 19,5, wo es um den Nil geht: „Und die Wasser werden sich aus dem Meer verlaufen, und der Strom wird versiegen und austrocknen“.
  • 9 Einige Ausleger sehen Put eher im heutigen Gebiet von Libyen. Das Land wird in der Bibel einige Mal erwähnt (zum ersten Mal in 1. Mo 10,6). Da jedoch Libyen in dem oben genannten Vers separat genannt wird, scheint es hier tatsächlich um eine Region an der Küste des roten Meeres zu gehen (etwas in Höhe des heutigen Somalia).
  • 10 Zitiert bei Dr. Constables Notes on Nahum (2016 Edition)
  • 11 Es ist unklar, ob er ein Mitglied der Königsfamilie war oder nicht. Einige Historiker meinen, er sei ein Bruder seines Vorgängers gewesen. Beweise dafür gibt es nicht.
  • 12 Diese Schlacht wird in Jeremia 46,2–12 erwähnt (ohne dass die Assyrer genannt werden)
  • 13 Der Ausdruck „Frühfeigen“ bezieht sich hier auf die erste Ernte der Feigen, der später noch eine weitere, spätere Ernte folgte.
  • 14 Einige Ausleger denken hier eher daran, dass genügend Löschwasser vorhanden sein sollte, um die Feuer zu löschen. Vielleicht liegt in dem Hinweis beides.
  • 15 Einige Ausleger deuten das Feuer als Bild für die Wut der Angreifer und das Schwert als Bild für den Tod. Dieser Hinweis ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es ist hingegen wahrscheinlicher, an die unmittelbare Bedeutung zu denken, denn es waren tatsächlich Feuer und Schwert, die den Untergang der Stadt und ihrer Bewohner besiegelten.
  • 16 Menge übersetzt das Wort mit „Fressgrille“
  • 17 Menge übersetzt das Wort hier mit „entschlafen“.
  • 18 An dieser Stelle ist es wichtig, zwischen Ninive einerseits und Assyrien andererseits zu unterscheiden. Für Ninive gibt es tatsächlich keine Zukunft. Die Stadt wird nicht mehr existieren. Für Assyrien gilt das nicht so absolut. Gott wird dieser feindlichen Nation – ebenso wie Ägypten – wieder Gnade geben. Beide Staaten finden sich im 1000-jährigen Reich wieder. Die Weissagung ist sehr genau. In Jesaja 19,23 lesen wir: „An jenem Tag (das ist im kommenden Reich) wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien; und die Assyrer werden nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen, und die Ägypter werden mit den Assyrern dem Herrn dienen“. Doch Ninive selbst – die alte Hauptstadt der Assyrer – wird nicht mehr erwähnt.
  • 19 H.A. Ironside: The Book of Nahum
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