Gottes Gericht ist gerecht
Eine Auslegung des Propheten Nahum

Kapitel 2: Die Ausübung des Gerichts und die Zerstörung Ninives

Das einleitende erste Kapitel beschreibt die gerechten Prinzipien der Regierung Gottes im Gericht über die Feinde Israels. Das zweite und dritte Kapitel beschäftigen sich im Detail mit der Eroberung, Einnahme und Zerstörung Ninives. Die Art der Beschreibung der Kampfhandlungen ist anschaulich, emotional und lebhaft. Nahum zeichnet die Ereignisse so plastisch nach, dass man einen tiefen Eindruck von dem Schrecken bekommt, der über die Bewohner von Ninive gekommen sein muss. Zuerst werden die Kämpfe in den Vorstädten geschildert, dann der Ansturm auf die Stadtmauer und schließlich die Eroberung und endgültige Zerstörung der Stadt selbst.

Es wird darüber hinaus erkennbar, wie der allmächtige Gott hinter allen Geschehnissen steht, obwohl Er kaum erwähnt wird. Gott ist souverän und sein Wille geschieht. Niemand kann sich Ihm widersetzen. Was Gott beschlossen hat, geschieht. Er war es, der die feindlichen Truppen aus Medien und Babel nach Ninive schickte und sie siegreich sein ließ.

Die Assyrer erlebten jetzt selbst das, was sie anderen Nationen angetan hatten. Sie waren unbarmherzig, grausam und voller Gewalt gewesen, und das wurde ihnen jetzt heimgezahlt. Sie hatten Wind gesät und ernteten nun Sturm (vgl. Gal 6,8).

Impuls für unser Glaubensleben: Der Herr Jesus warnt seine Jünger in der Bergpredigt vor den Folgen einer zu scharfen Beurteilung anderer: „... denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden“ (Mt 7,2). Das erlebten die Assyrer damals. Der Grundsatz gilt bis heute. Wer Wind sät, muss damit rechnen, Sturm zu ernten (Hos 8,7). Das sollte uns vorsichtig machen, in welcher Art und Weise wir mit anderen Menschen – Gläubigen und Ungläubigen – umgehen.

Ermutigung für das Volk Gottes (Verse 1–3)

Vers 1: Siehe, auf den Bergen die Füße dessen, der gute Botschaft bringt, der Frieden verkündigt! Feiere, Juda, deine Feste, bezahle deine Gelübde! Denn der Nichtswürdige wird fortan nicht mehr durch dich ziehen; er ist ganz ausgerottet.

Bevor der Prophet ausführlich über die Zerstörung Ninives schreibt, hat er eine besondere Ermutigung für das Volk Gottes. Durch das Wort „siehe“ lenkt er ihre Aufmerksamkeit auf einen ganz besonderen Tatbestand hin1, nämlich den Untergang Ninives.

Dieser Vers blickt nach hinten und zugleich nach vorne. Ninives Untergang würde für Juda die Freiheit von diesem mächtigen und bedrohlichen Feind bringen2. Der Prophet sagt hier etwas voraus, was einige Jahrzehnte später passierte. Die genaue Zeitspanne zwischen Weissagung und Erfüllung ist schwierig anzugeben (siehe Einleitung). Es waren jedenfalls einige Jahrzehnte. Dennoch wird alles so beschrieben, als sei es schon geschehen und der Bote bereits mit der Nachricht in Jerusalem angelangt. Für Gott war der Untergang Ninives bereits Tatsache.

In der Erklärung müssen wir die historische Vorerfüllung und die prophetische Enderfüllung voneinander unterscheiden:

a) Die historische Vorerfüllung

Es sind herrliche Worte und eine gute Botschaft. In der direkten und geschichtlichen Bedeutung bezieht sich diese Aussage auf die Freudenboten, die den Juden damals die Mitteilung über den Fall Ninives machten. Dieser Feind war nun nicht mehr existent und konnte sie nicht mehr bedrohen. Er wird als der „Nichtswürdige“ (vgl. Kap 1,11) oder „Arge“ (Böse, Ruchlose) bezeichnet. Er konnte das Volk nicht mehr bedrohen, denn er war gänzlich ausgerottet (vernichtet). Die Zerstörung Ninives war komplett und vollständig. Es blieb am Ende nur ein Erdhügel übrig, der die Ruinen dieser einst so stolzen Stadt viele Jahrhunderte hindurch bedeckte. Als Alexander der Große ca. 300 Jahre später an diesen Ort kam und dort eine Schlacht austrug, wusste er nicht einmal, dass er vor den Ruinen des historischen Ninives stand.

Juda würde jetzt wieder in der Lage sein, seine Feste zu feiern und seine Gelübde zu bezahlen. Während der Zeit der Bedrohung durch die Feinde was das nur sehr eingeschränkt möglich gewesen. 2. Chronika 35 berichtet zwar ausführlich über das große Passahfest, das in Jerusalem gefeiert wurde. In Vers 18 lesen wir: „Und es war kein solches Passah in Israel gefeiert worden wie dieses, seit den Tagen Samuels, des Propheten; und alle Könige von Israel hatten kein Passah gefeiert wie dieses, das Josia feierte und die Priester und die Leviten und ganz Juda und Israel, das sich vorfand, und die Bewohner von Jerusalem“. Von den übrigen Festen, die ebenfalls in Jerusalem gefeiert werden sollten, dem Fest der Wochen und dem Laubhüttenfest, (5. Mo 16,16) lesen wir jedoch nichts. Nach dieser einmaligen Passahfeier unter Josia ist bis zu der Zeit nach dem Exil in Babel von weiteren Festen keine Rede mehr.

b) Die endgültige prophetische Erfüllung

Das macht klar, dass die volle Erfüllung dieser Weissagung Nahums nicht in der Vergangenheit und in der Zeit der Könige von Juda zu finden ist, sondern in der Zukunft. Die prophetische Komponente dieses Verses ist unübersehbar. Erst am Ende der großen Drangsal, wenn alle Feinde Israels vernichtet sind,und zu Beginn des Friedensreiches auf dieser Erde, werden die Boten Gottes mit dieser Friedensbotschaft (oder Heilsbotschaft) kommen. Erst dann werden die Feste des Herrn gefeiert und die Gelübde bezahlt werden.

Der Untergang aller Feinde des irdischen Volkes Gottes wird die Voraussetzung für die Rettung und den Frieden Israels und der Erde sein. Wenn die Gerichte vollzogen sind, kommt die Botschaft der Rettung und des Friedens. In der Zeit der Drangsal heißt es: „Siehe, ihre Helden schreien draußen, die Friedensboten weinen bitterlich“ (Jes 33,7). Die Friedenboten werden in dieser Zeit keine gute Botschaft haben, sondern nur Tränen. Erst danach wird sich erfüllen, was wir in Jesaja 52,7 lesen: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt, der zu Zion spricht: Dein Gott herrscht als König!“ Dieser Vers weist deutliche Parallelen zu der Aussage Nahums auf, geht allerdings deutlich weiter. Jesaja zeigt nicht nur die negative Seite – das Gericht über die Feinde – sondern vor allem die positive Seite, dass nämlich Gott als König herrschen wird. Das wird sich im 1000-jährigen Reich erfüllen. Der Hinweis auf den König fehlt bei Nahum. Die Weissagung Jesajas ist ausschließlich prophetisch zu verstehen, während es bei Nahum eine gewisse Vorerfüllung gibt. Deshalb fehlt hier der Hinweis darauf, dass Gott als König herrschen wird.

Dennoch ist klar, dass die Aussage Nahums nur im Licht kommender Ereignisse verständlich ist. H. Rossier schreibt dazu: „Nichts ist klarer, als dass dieser Vers (Nahum 2,1) auf zukünftige Ereignisse anzuwenden ist. Der schuldige und zugleich bußfertige Überrest wird eines Tages nicht mehr bedrängt werden. Juda wird von dem Joch der Assyrer befreit werden. Von diesem prophetischen Ereignis – und nicht von dem historischen Fall Ninives – spricht Jesaja 52 in Worten, die dem entsprechen, was Nahum in Kapitel 2,1 sagt. Dort geht es ebenfalls um Assyrien, das Israel ohne Ursache bedrückt hat... Dann wird die gute Nachricht des Reiches verkündigt. Der Krieg ist zu Ende gekommen und die Regierung des Friedens beginnt .... In Micha 5,5 wird der Friede ebenfalls durch die Erscheinung des Christus und die Niederlage Assyriens besiegelt“.3

Es gibt im Alten Testament eine Vielzahl von Hinweisen auf den kommenden Frieden des Reiches, in denen der Messias als Friedefürst (Jes 9,5) regieren wird. Aus der Vielzahl der Stellen hier drei Beispiele aus dem Propheten Jesaja:

  • „Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Güte wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht der Herr, dein Erbarmer“ (Jes 54,10)
  • „Denn in Freuden werdet ihr ausziehen und in Frieden geleitet werden; die Berge und die Hügel werden vor euch in Jubel ausbrechen, und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen“ (Jes 55,12).
  • „Denn so spricht der Herr: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom, und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach, und ihr werdet saugen; auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien liebkost werden“ (Jes 66,12).

Von dieser Rettung Gottes und dem Frieden werden jüdische Boten im Auftrag Gottes zeugen. Sie werden Zeugnis von der herrlichen Tatsache abgeben, dass die Erde voll sein wird „der Erkenntnis der Herrlichkeit des Herrn ..., so wie die Wasser den Meeresgrund bedecken“ (Hab 2,14). W. Kelly schreibt dazu folgendes: „Ich denke, dass es ein Zeugnis der Juden gibt, bevor sie ihr Land wieder in Besitz genommen haben und nachdem sie es getan haben. Es scheint klar zu sein, dass es ein aktives Predigen während der Zeit zwischen der Entrückung der Heiligen und dem Erscheinen von Christus in Herrlichkeit geben wird, doch es gibt Grund, anzunehmen, dass diese Predigt nicht aufhören wird, selbst wenn sich die Form und der Inhalt ändern mögen, nachdem der Herr erschienen ist“.4 In Micha 4,2 ist von der Zeit des Reiches die Rede. Dort heißt es: „... und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs! Und er wird uns belehren aus seinen Wegen, und wir wollen wandeln auf seinen Pfaden. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem“. Es werden die Kinder Israel sein, die das Gesetz und das Wort des Herrn von Jerusalem aus verbreiten werden (vgl. Jes 2,3). „Und ich werde ein Wunderzeichen an ihnen tun und von ihnen Entronnene zu den Nationen senden, nach Tarsis, Pul und Lud, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die von mir nicht gehört und meine Herrlichkeit gesehen haben; und sie werden meine Herrlichkeit unter den Nationen verkündigen“ (Jes 66,19). „Als Erster habe ich zu Zion gesagt: Siehe, siehe, da ist es! Und Jerusalem will ich einen Freudenboten geben“ (Jes 41,27)

Die Feste des Herrn, die erwähnt werden, zeigen, dass Israel eine Zukunft hat. Sie nehmen hier besonders Bezug auf die drei Feste, die gemäß 5. Mose 16,16 Jahr für Jahr in Jerusalem gefeiert wurden (Passah, Versöhnungstag und Laubhüttenfest). Im 1000-jährigen Reich werden die Feste des Herrn so gefeiert, wie es vorgeschrieben war. Das trifft besonders auf das Laubhüttenfest zu, dass die Zeit des Reiches vorschattet (3. Mo 23, 33–36; Sach 14,16–19; Hes 45,25). Gleiches gilt für das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote (3. Mo 23, 4–8; Hes 45,21–24), das die Grundlage für alle Segnungen ist. Auf diese Weise zeigt Israel seine Dankbarkeit und erfüllt seine Gelübde (3. Mo 22,21; 27,2.8).

Die Gelübde, die zu zahlen sind, weisen auf Gebete um Hilfe hin, die vorher gesprochen wurden. Sie entsprechen dem Charakter des Alten Testamentes und der kommenden Zeit des Reiches und nicht dem der Zeit der Gnade. Gott kann jedenfalls erwarten, dass gegebene Gelübde eingelöst werden „Opfere Gott Lob, und bezahle dem Höchsten deine Gelübde“ (Ps 50,14).

Impuls für unser Glaubensleben: Die gute Botschaft des Evangeliums, das in unserer Zeit verkündigt wird, ist keine Gerichtsbotschaft, sondern eine Botschaft der Gnade. Das Evangelium der Gnade zeigt uns, wie der gerechte Gott in dem Werk seines Sohnes eine Grundlage gefunden hat, sündige Menschen zu rechtfertigen. Diese Botschaft soll verkündigt werden. Paulus fordert uns auf, an den Füßen beschuht zu sein „mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens“ (Eph 6,15). Er wusste, dass es eine Notwendigkeit ist, diese Botschaft in die Welt zu tragen (1. Kor 9,16). Wir denken an die vier aussätzigen Männer, die sagten: „Dieser Tag ist ein Tag guter Botschaft; schweigen wir aber und warten, bis der Morgen hell wird, so wird uns Schuld treffen. Und nun kommt und lasst uns hineingehen und es im Haus des Königs berichten“ (2. Kö 7,9). Solange die Gnadenzeit dauert, wollen wir jede Möglichkeit nutzen, das Evangelium weiterzusagen. Es ist ein „Evangelium des Guten“ (vgl. Röm 10,15, wo ein Teil des Verses aus Nahum 2,1 zitiert wird).

Vers 2: Der Zerschmetterer zieht gegen dich herauf. Bewahre die Festung; überwache den Weg, stärke deine Lenden, befestige sehr deine Kraft!

Dieser einleitende Vers über die Belagerung und den Fall Ninives wendet sich direkt an die Bewohner der Stadt und besonders an den König von Assyrien, Assurbanipal (vgl. Kap 1,11). Obwohl nicht konkret gesagt wird, wer dieser Zerschmetterer sein würde, wissen wir aus der Retroperspektive, wer gemeint ist. Für Ninive spielte das keine Rolle. Nahum sieht vor seinem inneren Auge die gewaltigen Truppen der Babylonier und Meder heranziehen, die er als „Zerschmetterer“ bezeichnet. Ein Zerschmetterer (Zerstörer) ist jemand, der etwas in Stücke zerschlägt und vertreibt und verstreut. Das Wort kommt zuerst in 1. Mose 10,18 vor und wird dort mit „zerstreut“ übersetzt (vgl. auch 1. Mo 11,4.8.9).5 Das macht klar, dass Ninive nicht nur besiegt und zerstört, sondern dass die Bewohner völlig zerstreut wurden. Die Zerstörer waren hier die Feinde aus Babel und Medien, doch dahinter stand Gott, der Gericht an Ninive üben wollte. Die Tatsache des „Heraufziehens“ beschreibt die feindliche militärische Operation (vgl. Ri 1,1; 1. Sam 7,7; 1. Kön 20,22; 2. Kön 18,13; Jes 7,1; 21,2).

Der Prophet Micha spricht ebenfalls von einem solchen Zerschmetterer, jedoch in einem völlig anderen Sinn. „Der Durchbrecher zieht herauf vor ihnen her; sie brechen durch und ziehen durchs Tor und gehen durch es hinaus; und ihr König zieht vor ihnen her und der Herr an ihrer Spitze“ (Micha 2,13). Micha spricht von Gott als dem Hirten, der sich um seine Herde kümmert. Nahum spricht von Gott als dem Rächer, der Feinde schickt, um Ninive zu vernichtenDer ironische – fast spöttische – Unterton in der Aufforderung an Ninive ist unüberhörbar. Dieses Stilmittel der Ironie muss uns nicht wundern. Das finden wir sowohl im Alten als auch im Neuen Testament einige Male.

Insgesamt sind es vier Aufforderungen, die Gott an Ninive richtet. Der Appell erfolgt, obwohl die Stadt enorm befestigt war und alles Menschenmögliche getan worden war, sie zu verteidigen. Es gab genügend Waffen und Möglichkeiten, Angreifer fern zu halten. Dennoch sollten sie „bewahren“, „überwachen“, „stärken“ und „befestigen“ – gleichwohl es vergebens sein würde.

  1. Bewahre die Festung: Damit sind entweder der königliche Palast, die Residenz von König Assurbanipal oder die Befestigungs- und Verteidigungsanlagen der Stadt gemeint. Beide galt es besonders zu bewahren, weil sie speziell im Visier der Angreifer standen.
  2. Überwache den Weg: Der Weg wird der Zugang zum Palast gewesen sein, der ebenfalls besonders zu überwachen war. Dieser Zugang war vermutlich speziell angelegt worden. Überwachen meint, sich einer bestimmten Situation bewusst zu sein, um nicht von einem Feind überrascht zu werden. Die Niniviten sollten darauf achten, auf welchem Weg der Feind kam.
  3. Stärke deine Lenden: Die Lenden sind in der Bibel häufig ein Bild für den Sitz von Kraft und Energie (vgl. Hiob 40,16; Spr 31,17). Ninive würde Mut, Energie und Durchhaltevermögen nötig haben, um sich zu wehren.
  4. Befestige sehr deine Kraft: Die Kraft sollte nicht nur befestigt werden, sondern sie sollte sehr (d.h. bis auf äußerste) befestigt werden. Dabei ging es sowohl um die physische Kraft als auch um eine intelligente Strategie. Der Gegner war stark und mächtig.

Die Niniviten haben tatsächlich versucht, ihre Stadt zu verteidigen. Ihre Abwehrversuche waren allerdings sehr hektisch und verzweifelt, und es war von vornherein klar, dass die Stadt fallen würde.

Impuls für unser Glaubensleben: Gott bedient sich mitunter weltlicher und feindlicher Mächte, damit seine Pläne zustande kommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie sind – häufig ohne es zu wissen – Instrumente in seiner Hand. Wenn sie dabei ihrer Verantwortung nicht entsprechen, werden sie am Ende selbst gerichtet. Es geschieht nichts auf dieser Erde ohne den Willen Gottes. Er bewegt die Szene – wenn auch oft unsichtbar. Damals war es Assyrien, das durch Babel und die Meder vernichtet wurde. Später waren es die Meder und Perser, die Babylon zu Fall brachten. In der Wahl seiner Werkzeuge und Instrumente ist Gott immer souverän.

Vers 3: Denn der Herr stellt die Herrlichkeit Jakobs wie die Herrlichkeit Israels wieder her; denn Plünderer haben sie geplündert und haben ihre Reben zerstört.

Dieser Vers liefert die Begründung für die Aussage des vorhergehenden Verses. Der Fall Ninives und Assyriens war die Voraussetzung dafür, dass die Herrlichkeit Jakobs und Israels wiederhergestellt werden konnte. Außerdem war es eine Rache für das, was die feindlichen Mächte Israel angetan hatten.

Durch die Zerstörung Ninives würde das Volk Gottes – zumindest kurzfristig – aus einem schmachvollen und unwürdigen Zustand herauskommen und seine frühere Herrlichkeit zum Teil wiedererlangen. Herrlichkeit ist hier Majestät (wie in Jes 2,10) oder Pracht (wie in Jes 14,11). Man kann das Wort auch mit Vortrefflichkeit oder Erhabenheit übersetzen. Alles das, was die Feinde weggenommen hatten, würde Gott wiederherstellen6.

Es wird erneut klar, dass das erst vollständig im kommenden Reich der Fall sein kann und sich damals nicht wirklich realisiert hat. Die prophetische Sichtweise ist – wie in Vers 1 – unübersehbar. Josia war im Jahr 612 v.Chr. bereits am Ende seiner Regierungszeit angekommen, und es sollte nicht mehr lange dauern, bis Nebukadnezar in Jerusalem einmarschieren und die Stadt zerstören würde. Damit verließ zugleich die Herrlichkeit Gottes den Tempel und die „Zeiten der Nationen“ (Lk 21,24 begannen7. Gottes Herrlichkeit war nicht mehr in Jerusalem. Gott klagt durch den Propheten Jeremia: „Hat irgendeine Nation die Götter vertauscht? Und doch sind sie nicht Götter; aber mein Volk hat seine Herrlichkeit vertauscht gegen das, was nichts nützt“ (Jer 2,11). Israel ist ein versprengtes Schaf, das Löwen verscheucht haben. Zuerst hat der König von Assyrien es gefressen, und nun zuletzt hat Nebukadrezar, der König von Babel, ihm die Knochen zermalmt“ (Jer 50,17).

Doch dieser Zustand – selbst wenn er sehr lange andauert – wird ein Ende haben. Gott wird die Herrlichkeit Jakobs und Israels wiederherstellen. „Du aber, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Herrlichkeit und der, der mein Haupt emporhebt“ (Ps 3,4). Was damals durch Nahum zur Ermunterung des Volkes Gottes in Jerusalem geschrieben war, wird eine besondere Ermutigung für den Überrest in der großen Drangsal sein. In einem Augenblick, in dem von Herrlichkeit und Pracht nichts zu sehen sein wird, wird sie dieses Wort aufrichten. Israels Herrlichkeit, von der über Jahrhunderte hindurch nichts zu sehen war, wird wieder leuchten. Hand in Hand damit wird die Vernichtung der Feinde gehen.

Die Feinde haben die Herrlichkeit Israels weggenommen und Gott sorgt dafür, dass sie wiederhergestellt werden wird. Es schien, als habe Gott Israel für eine Zeit lang verlassen und den Feinden gestattet, das Volk zu unterdrücken und zu zerstreuen. Doch wenn wir an die Zukunft denken, wird die Herrlichkeit, die den Tempel Salomos erfüllte und ihn dann verließ (Hes 8–11), wieder zurückkehren (Hes 40–44). Das wird ein Tag der Herrlichkeit für das Volk Gottes sein.

Zu der Unterscheidung von „Jakob“ einerseits und „Israel“ andererseits gibt es unterschiedliche Erklärungen. Einige Ausleger bezeichnen „Jakob“ als das Südreich und „Israel“ als das Nordreich. Es ist unumstritten, dass beide Teile wieder zusammengefügt und im kommenden Reich eine geeinte Nation sein werden (vgl. Hes 37,15–23; Sach 10,6–12). Dennoch gibt es kaum Hinweise, die eine solche Unterscheidung von „Jakob“ und „Israel“ an dieser Stelle rechtfertigen würden. Es ist daher wahrscheinlicher, dass sich beide Ausdrücke auf die gesamte Nation beziehen. Jakob ist der Name, den Menschen dem Patriarchen und Ursprung des Volkes gaben (1. Mo 25,26). Israel ist der Name, den Gott ihm gab (1. Mo 32,29).

Israel war der Name, der sich mit Israels Herrlichkeit verbindet, während der Name Jakob eine Erinnerung an die demütigenden Momente in der Geschichte dieser Nation ist. Beides sind besondere Titel für Israel, die an den Tag erinnern, an dem Jakob in Pniel von Gott überwunden und gesegnet wurde (1. Mo 32,28.29). Dort wurde sein Name Jakob (Überlister, Fersenhalter) in Israel (Kämpfer Gottes) umgeändert. Beide Namen zusammen bezeichnen somit die Wiederherstellung des Volkes zu der Stellung, die Gott für sie vorgesehen hat. Im 1000-jährigen Reich wird das realisiert werden.

„Denn Plünderer haben sie geplündert und haben ihre Reben zerstört“. Gott gibt hier den Grund an, warum Er Gericht an den Feinden übt und Israel wiederherstellt. Die Feinde – hier Plünderer (oder Verwüster) genannt – waren zwar eine Zuchtrute in seiner Hand gewesen, und Assyrien hatte die 10 Stämme im Jahr 722 v.Chr. besiegt und vernichtet. Dabei hatten sie jedoch völlig überzogen und waren selbst vor Gott schuldig geworden. Plündern bedeutet so viel wie verderben oder ausschütten. Das mag ein Hinweis auf die Zerstreuung der Kinder Israel sein. „Das Land wird völlig ausgeleert und geplündert; denn der Herr hat dieses Wort geredet“ (Jes 24,3). Dadurch wurden die Reben zerstört. Auf diese Weise wurde der wirtschaftliche Lebensnerv des Landes empfindlich getroffen, wenn nicht vernichtet. Israel wird im Alten Testament mehrfach mit einem Weinstock verglichen (z.B. Ps 80,8–16; Jes 5,1–7; Jer 12,10). Erst im kommenden Reich wird es diesem Bild voll entsprechen und Frucht für Gott bringen. Von verdorrten und zerstörten Reben kann niemand Frucht erwarten. Eine solche zerstörte Rebe ist das Volk Gottes über viele Jahrhunderte hinweg gewesen.

Ausführliche Beschreibung der Eroberung und Plünderung Ninives (Verse 4–9)

Verse 4: Die Schilde seiner Helden sind gerötet, die tapferen Männer sind in Karmesin gekleidet, die Wagen glänzen von Stahl am Tag seines Rüstens, und die Lanzen werden geschwungen.

Mit Vers 4 beginnt eine detaillierte Erläuterung des Falls der mächtigen Stadt Ninive durch die Meder und Babylonier. Nahum beschreibt den Angriff wie ein Augenzeuge, so, als fände er gerade statt. „Seine Helden8“ und „tapferen Männer“ sind nicht die Soldaten der Assyrer, sondern die der Angreifer. Zunächst wird ihre Ausrüstung beschrieben:

  1. Ihr Schilde sind gerötet: Es handelt sich um den leichten Schild der Infanterie9. Die Schilde waren rot. Das mag ein Hinweis auf Blut sein. Wahrscheinlicher ist, dass die hölzernen Schilde entweder mit rotgefärbtem Leder oder mit Kupfer beschlagen wurden. Auf diese Weise leuchteten sie vor allem in der Sonne rot. Damit sollten die Feinde beeindruckt werden.
  2. Sie waren in Karmesin gekleidet: Karmesin (oder Scharlach10) war ebenfalls von roter Farbe (Hld 4,3; Jes 1,18). Hesekiel 23,14 beschreibt die Männer der Chaldäer (Babylonier), die mit (rotem) Zinnober gezeichnet waren. Rot war wohl eine bevorzugte Farbe der Armeen der Meder und Babylonier. Geschichtsschreiber berichten davon, dass Soldaten der Perser unter Kyros (zeitlich also später) in Purpur gekleidet gewesen seien. Diese rote Kleidung verlieh den Soldaten der Angreifer ein grausames Aussehen.
  3. Die Wagen glänzen von Stahl am Tag seines Rüstens: Gemeint sind die Kriegswagen der Angreifer. Sie glitzerten in der Sonne wie brennende Fackeln. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um eine Art sogenannter „Sichelstreitwagen“ aus Eisen (vgl. Jos 17,16; Ri 1,19; 4,3.13) oder hölzerne Wagen mit Applikationen aus Stahl oder Eisen. Jedenfalls machten diese Wagen großen Eindruck.
  4. Die Lanzen werden geschwungen: Es handelt sich um die hölzernen Speere (oder Wachholderstämme), die vor dem Kampf von den Soldaten hin und her bewegt wurden. Sie sprechen von dem Eifer und der Bereitschaft zum Kampf.

Vers 5: Die Wagen rasen auf den Straßen, sie rennen auf den Plätzen, ihr Aussehen ist wie Fackeln, wie Blitze fahren sie daher.

Es ist wahrscheinlich, dass hier zunächst der Angriff auf die Vororte Ninives beschrieben wird. Das lässt sich daraus ableiten, dass Straßen und Plätze, aber keine Gassen genannt werden. Die Straßen können hier die Verbindungsstraßen und Alleen der Vorstädte Ninives gewesen sein, die in die Stadt führten und die vor den Stadtmauern lagen (vgl. Spr 5,16; 7,12). Gassen hingegen befinden sich eher im Stadtinnern (vgl. Jer 5,1; 9,20).

Das Rasen der Wagen und das Rennen auf den Plätzen zeigt die Geschwindigkeit an, mit der die Feinde sich bewegten. Jesaja 46,9 beschreibt eine völlig andere Situation, benutzt allerdings dieselbe Bildersprache: „Steigt hinauf, ihr Pferde, und rast, ihr Wagen; und die Helden mögen ausziehen, Kusch und Put, die den Schild fassen, und die Luditer, die den Bogen fassen und spannen“. Die Angreifer waren so schnell, dass sie mit Fackeln und Blitzen verglichen werden. Zu „rasen“ bedeutet, sich wie ein Verrückter zu benehmen (vgl. 1. Sam 21,14). Der Blitz spricht von Schnelligkeit und Überraschung (Sach 9,14; Lk 17,24). Der Aufzug diese Wagen und ihre Geschwindigkeit auf den Straßen Ninives muss den Bewohnern der Stadt nur Angst und Schrecken eingeflößt haben.

Vers 6: Er erinnert sich an seine Edlen: Sie straucheln auf ihren Wegen, sie eilen zu ihrer Mauer, und das Schutzdach wird aufgerichtet.

Es wird nicht direkt gesagt, wer „er“ ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Rede von dem König von Assyrien, der seine Stadt schützen wollte.11 Seine Edlen sind seine Gewaltigen und Helden (andere übersetzen: Heerführer, Würdenträger, Mächtige) die er aufbot, um die Stadt zu verteidigen. Er kannte seine Soldaten, auf die er sich bisher immer verlassen konnte und die in manchen Kämpfen erfolgreich gewesen waren. Sie sollten an der Mauer ein Schutzdach aufrichten. Das verstärkt den Gedanken, dass es in Vers 5 um die Vorstädte Ninives ging. Um welche Art Schutzvorrichtung es sich handelte, wissen wir nicht. Dabei ist klar, dass die Stadtmauer besonders zu schützen war. Wenn die Stadtmauer fiel, war die Stadt im Prinzip verloren. Das Schutzdach sollte jedenfalls vor Steinen, Speeren und Pfeilen der Angreifer schützen. Offensichtlich war das Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt, weil die Verteidiger trotz aller Eile auf ihren Wegen strauchelten.

Straucheln bedeutet, dass jemand „seinen Stand nicht halten kann“, d.h. er stolpert und fällt hin. Sie mögen sogar ineinander gefallen sein und sich selbst auf ihrem Weg zur Mauer behindert haben. Denkbar ist, dass Alkohol dabei eine gewisse Rolle gespielt hat (siehe Kapitel 1,10). Wenn sich einmal Panik breitmacht, kann das sehr schnell zu einer gegenseitigen Behinderung führen. Massenpanik zu stoppen, ist äußert schwierig.

Vers 7: Die Tore an den Strömen sind geöffnet, und der Palast verzagt.

Die Stadttore sind innerhalb der Mauern eine besonders wunder Punkt. Wenn sie einmal überwunden sind, können Angreifer nur noch sehr schwer zurückgehalten werden. Ninives Mauern hielten jedenfalls nicht, sondern öffneten sich für die Angreifer.

Es ist nicht ganz klar, was genau mit der Aussage gemeint ist. Die einfachste Erklärung ist, dass das Wasser, das eine natürliche Barriere und ein Schutz für die Stadt war, nun ein Eingangstor für die Angreifer wurde. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wurde das Wasser ausgetrocknet und gestattete den Feinden so, in die Stadt zu kommen12. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es gerade die Wassermassen waren, die Ninive zum Verhängnis wurden.

Die Ströme sind jedenfalls das Wasser, das Ninive umgab. Das waren zum einen der Fluss Tigris und zum anderen die beiden Nebenflüsse Khosr und Tebiltu, sowie einige Kanäle, die gebaut worden waren. Wasser war in Ninive allgegenwärtig. Ausgrabungen zeigen, dass allein 15 Stadttore irgendwie mit Wasser verbunden waren. Wahrscheinlich ist, dass diese Tore eine Art Schleusen waren, durch die die Wassermengen kontrolliert wurden, die durch die Stadt flossen. Das passt am besten zu den archäologischen Funden. Offensichtlich wurde der Fluss Khosr außerhalb der Stadt gestaut. So entstand ein Wasserreservoir. Es gab einen großen Damm mit verschiedenen Wällen, der die Stadt vor zu viel Wasser schützen sollte. Schleusen regulierten den Zufluss. Denkbar ist, dass die Angreifer die Schleusen zuerst schlossen. Erst als das Reservoir außerhalb der Stadt voll war, wurden die Tore geöffnet und die Wassermassen zerstörten die Mauer. Begünstigt wurde diese Operation durch ungewöhnlich schwere Regenfälle, von der Geschichtsschreiber berichten.

Der Palast war möglicherweise die Residenz des Königs Assurbanipal, der sich im Norden der Stadt befand13. Das Volk, das im Laufe der Geschichte viele feindliche Paläste zerstört hatte, musste nun zusehen, wie der eigene Palast zerstört wurde und niemand konnte es verhindern. Bei dem „verzagten Palast“ könnte es sich jedoch ebenso um eine Metapher handeln, die zeigt, wie die Bewohner des Königshauses erschüttert und verzagt wurde und vor Angst schmolz, als die Feinde in die Stadt eindrangen. Alles war verloren und die Stadt war gefallen.

Vers 8: Denn es ist beschlossen: Sie wird entblößt, weggeführt; und ihre Mägde stöhnen wie das Girren der Tauben, sie schlagen an ihre Brust.

Das Schicksal Ninives war besiegelt. Vordergründig hatten die Feinde die Stadt zerstört. Doch im Hintergrund handelte Gott. „Es ist beschlossen“ weist auf den Ratschluss Gottes hin. Die Angreifer mögen Pläne geschmiedet und Entscheidungen über die Taktik beschlossen haben. Doch am Ende war Gott der Handelnde. „Denn der Herr, der Herr der Heerscharen, vollführt Vernichtung und Festbeschlossenes inmitten der ganzen Erde“ (Jes 10,23). „Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesprochen: Ja, wie ich es zuvor bedacht habe, so geschieht es; und wie ich es beschlossen habe, so wird es zustande kommen ... Das ist der Ratschluss, der beschlossen ist über die ganze Erde; und das ist die Hand, die ausgestreckt ist über alle Nationen. Denn der Herr der Heerscharen hat es beschlossen, und wer wird es vereiteln? Und seine ausgestreckte Hand – wer könnte sie abwenden?“ (Jes 14,24.26.27) Beide Aussagen des Propheten Jesaja beziehen sich prophetisch auf den Assyrer der Zukunft, der für das Land Israel eine große Bedrohung sein wird.

Impuls für unser Glaubensleben: Was Gott beschließt, führt Er sicher aus. Im Segen wie im Gericht. Niemand kann ihn daran hindern. Das Gericht über Menschen ist nicht dem Zufall überlassen, sondern Gott greift konkret ein. Das gilt für militärische Handlungen ebenso wie für Naturkatastrophen und andere Ereignisse, die Menschen immer wieder aufrütteln. Was für die einen Gericht bedeutet, soll die anderen aufrütteln und auf die Gefahr des ewigen Gerichts hinweisen.

Beschlossen ist, dass „sie“ entblößt und weggeführt wird. Ähnlich wie in Vers 6 wird nicht eindeutig gesagt, um wen es sich handelt. Der Zusammenhang lässt den Rückschluss zu, dass es sich um die Stadt Ninive handelt, die hier personifiziert wird14. Einige Ausleger denken hier dennoch an die Königin von Ninive15. Wieder andere bringen die Aussage mit der Göttin Ischtar in Verbindung, die von den Angreifern mitgenommen wurde, um die Überlegenheit ihrer eigenen Götter zu beweisen (vgl. das Verhalten der Philister in 1. Sam 4,1–11). Wir gehen davon aus, dass tatsächlich Ninive gemeint ist. Folgende Aussagen werden getroffen:

  1. Sie wird entblößt: Entblößt zu sein, war nach damaligen Verständnis eine Schande. Über Babel wurde gesagt: „ Nimm die Mühle und mahle Mehl; schlage deinen Schleier zurück, zieh die Schleppe herauf, entblöße die Schenkel, wate durch Ströme; aufgedeckt werde deine Blöße, ja, gesehen werde deine Schande! (Jes 47,2.3). Wer entblößt wurde, wurde öffentlich zur Schau gestellt.
  2. Sie wird weggeführt: Völker werden weggehoben (Hiob 36,20) oder weggezogen (2. Sam 2,27). In beiden Versen steht das Wort, das hier mit „weggeführt“ übersetzt ist. Es ist ein Akt, der plötzlich erfolgt. Es ist gut möglich, dass es ein Wegführen zum Gericht ist. Zuerst wird die Stadt entblößt, und dann kommt das Gericht.
  3. Ihre Mägde stöhnen wie das Girren der Tauben und schlagen an ihre Brust: Wer die Mägde (oder Jungrauen) sind, kann nicht bestimmt gesagt werden. Das mag ein allgemeiner Hinweis auf die Bewohner von Ninive sein, deren „Herrin“ Ninive war16. Sie girren wie Tauben, d.h., sie klagen und trauern (vgl. Jes 38,14; 59,11; Hes 7,16). Wo vorher nur Freude und Ausgelassenheit war, nur Pomp und Glanz, ist jetzt nur noch Trauer und Klagen. Alles ist verloren. Sie schlagen sich in dem Bewusstsein an ihre Brust, dass alles verloren ist und sie wohl mit ungewissem Ausgang weggeführt werden.

Vers 9: Ninive war ja von jeher wie ein Wasserteich; und doch fliehen sie! Steht, steht! Aber keiner sieht sich um.

Ninive war eine sehr alte Stadt. Darauf deutet der Ausdruck „von jeher“ hin. Wir sahen schon, dass Ninive bereits in 1. Mose 10 erwähnt wird, als Nimrod diese Stadt baute. Es mag auf dieser Erde Dinge geben, die sehr lange Bestand haben. Doch letztlich ist alles vergänglich. Alles ist Eitelkeit (Pred 1,2; 12,8). Was von jeher Bestand gehabt hatte, sollte jetzt ein Ende finden. Kein Mensch sollte sich auf etwas verlassen, das „immer schon so war“.

Das Wort „Wasserteich“ könnte sich direkt auf das bereits erwähnte Reservoir und die Überflutung der Stadt beziehen. Was als besondere Stärke Ninives galt (Wasser als Schutz), wurde ihnen jetzt zum Verhängnis. Die Menschen verließen panikartig die Stadt, um ihr Leben zu retten. Der Ruf: „Steht, steht“ bleibt ungehört. Es wird nicht gesagt, wer das gerufen hat. Wahrscheinlich waren es die Führer der Stadt, die sie verteidigen wollten. Doch wenn sich einmal Panik ausgebreitet hat, gibt es im Allgemeinen kein Halten mehr. Über Ägypten wurde folgendes gesagt und es trifft hier ebenso zu: „Warum sehe ich sie bestürzt zurückweichen? Und ihre Helden sind zerschmettert, und sie ergreifen die Flucht und sehen sich nicht um – Schrecken ringsum! spricht der Herr (Jer 46,5). In Jeremia 48,39 gibt es eine ähnliche Aussage über Moab.

Neben dieser direkten Bedeutung ist eine bildliche Bedeutung denkbar. Ein Wasserteich bedeutet ebenfalls etwas Angenehmes und Schönes (vgl. Pred 2,6; Ps 114,8). Er steht im Gegensatz zur Wüste (Ps 107,35; Jes 41,18). Von Babel heißt es: „Die du an vielen Wassern wohnst, reich an Schätzen bist – dein Ende ist gekommen, das Maß deines Raubes“ (Jer 51,13). Was für Babel gilt, gilt ebenso für Ninive. Das bestätigt Vers 10, der vom Reichtum der Stadt spricht. Am Tag des Gerichts wird das alles nicht nutzen. Dieser Erklärung verbindet sich mit einer etwas anderen Übersetzung des Verses, nämlich: „Ninive ist wie ein Teich, dessen Wasser entweichen (oder entfliehen)“ (Menge; Züricher).

Vers 10: Raubt Silber, raubt Gold! Denn unendlich ist der Vorrat, der Reichtum an allerlei kostbaren Geräten.

Jetzt wendet sich Gott für einen kurzen Augenblick an die Angreifer. Das macht deutlich, dass sie Werkzeuge in Gottes Hand waren und dass Er es so wollte. Es war letzten Endes seine Rache an Ninive für das, was sie seinem Volk angetan hatten. Sie handelten im Auftrag Gottes, ohne sich allerdings dessen bewusst zu sein.

Für Ninive und Assyrien war die Aufforderung Gottes an die Angreifer eine weitere Demütigung. Sie sollten plündern und rauben und Beute machen17. Das Wort rauben kommt häufig in den Propheten vor (vor allem in Jesaja und Hesekiel) und steht mit der Kriegsbeute in Verbindung, die der Sieger im Krieg macht. Ninive war eine extrem reiche Stadt. Es gab unermessliche Mengen von Gold und Silber. Vasen, kostbare Möbel, Kupfer und anderen Reichtum. Der Reichtum kam aus Eroberungszügen, Tributzahlungen und dem Handel. Es gibt historische Berichte, die über diesen Reichtum eindrucksvoll sprechen. Doch all dieser Reichtum half den Niniviten in dieser Situation nicht. Sie mussten fliehen und alles hinter sich lassen. Gold und Silber kann keinen Menschen retten. Es nützte den Assyrern damals nichts für ihre zeitliche Rettung, und es nützt heute niemand für seine ewige Rettung (1. Petr 1,18.19). Es hilft einem Menschen nicht einmal, wenn er allen Reichtum dieser Welt hat und am Ende ewig verloren geht (Mk 8,36.37).

Impuls für unser Glaubensleben: Wir sollten uns die Warnung des Predigers zu Herzen nehmen, dass alles in dieser Welt Eitelkeit ist. Dazu gehört auch das Streben vieler Menschen, möglichst viel Reichtum anzusammeln. Reichtum vergeht und es lohnt sich nicht, ihn unter Zwang ansammeln zu wollen. „Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt, und wer den Reichtum liebt, nicht des Ertrags. Auch das ist Eitelkeit“ (Pred 5,9). Das Neue Testament warnt davor, reich werden zu wollen (1. Tim 6,9). Wenn Gott uns etwas anvertraut, wollen wir verantwortungsbewusst damit umgehen. Wir sollen allerdings nicht zwanghaft danach streben. Bei alledem wollen wir bedenken, dass wir nichts in die Welt hineingebracht haben und somit auch nicht hinausbringen können (1. Tim 6,7).

Das Ende Ninives (Verse 11–14)

Vers 11: Leere und Entleerung und Verödung! Und das Herz zerfließt, und die Knie wanken, und in allen Lenden ist Schmerz, und ihrer aller Angesichter erblassen.

Mit diesen Worten wird die verheerende Plünderung noch einmal beschrieben und auf die vollständige Zerstörung der Stadt hingewiesen. Die bildhafte Sprache ist eindrucksvoll. Ninive war das Gegenteil von dem, was jetzt beschrieben wird, gewesen: eine moderne, reiche und pulsierende Stadt, voller Leben, Dynamik und Geschäftigkeit. Nun kam alles zu einem Ende. Was blieb, war eine leere und verödete Ansammlung von Ruinen. Die einst so stolzen Niniviten mussten erleben, wie das Blatt sich vollständig wandelte. Die drei Worte Leere, Entleerung und Verödung sind Synonyme und verstärken die Beschreibung nur. Sie beschreiben etwas, das vollständig zerstört und am Ende ist und nicht mehr zurückgenommen wird.

Die Folgen für die Bewohner Ninives werden in vier Punkten beschrieben, die alle mit Angst und Schrecken zu tun haben. Das, was die assyrischen Eroberer bei ihren Feinden ausgelöst hatten, kam nun auf sie selbst zurück. Es erging ihnen wie Haman, dem Judenhasser, dessen Plan auf seinen eigenen Kopf zurückkehrte, als er an einen Baum gehängt wurde und starb (Est 9,25).

  1. Das Herz zerfließt: Das Herz spricht vom Inneren des Menschen. Ein zerfließendes (oder verzagtes) Inneres spricht von Hoffnungslosigkeit, Trauer und Not. „Vor Traurigkeit zerfließt in Tränen meine Seele“ (Ps 119,28). „Damit das Herz zerfließt und viele hinstürzen, habe ich das schlachtende Schwert gegen alle ihre Tore gerichtet“ (Hes 21,20).
  2. Die Knie wanken: Die Knie sprechen von Festigkeit (Hiob 4,4; Jes 35,3; Hebr 12,12). Wankende (oder schlotternde) Knie sprechen davon, dass man den Boden unter den Füßen verliert. „Alle Hände werden erschlaffen, und alle Knie werden zerfließen wie Wasser“ (Hes 7,17). Ähnliches wird von König Belsazar berichtet, als sein Ende nahe war: „Da veränderte sich die Gesichtsfarbe des Königs, und seine Gedanken ängstigten ihn; und die Bänder seiner Hüften lösten sich, und seine Knie schlugen aneinander“ (Dan 5,6). Es ist ein Bild großer Hilflosigkeit.
  3. Die Lenden sind voll Schmerz: In Vers 2 waren die Assyrer aufgefordert worden, ihre Lenden zu stärken. Doch es war vergebens. Die Lenden sprechen von Kraft (Hiob 40,16; Spr 31,17) und Fruchtbarkeit (1. Mo 35,11; 2. Mo 1,5). Damit hatte es nun eine Ende: „Lass ihre Augen dunkel werden, damit sie nicht sehen; und lass ihre Lenden beständig wanken!“ (Ps 69,24). In Jesaja 21,3 werden die Lenden ebenfalls mit Schmerz verbunden. „Darum sind meine Lenden voll Schmerz, Wehen haben mich ergriffen wie die Wehen einer Gebärenden; ich krümme mich, dass ich nicht hören kann, bin bestürzt, dass ich nicht sehen kann“.
  4. Die Angesichter erblassen: So wird es einmal am „Tag des Herrn“ sein. „Vor ihm zittern die Völker, alle Angesichter erblassen“ (Joel 2,6). Gemeint ist eine Totenblässe. Daraus spricht die nackte Angst. Für Ninive wurde das damals schon Wahrheit. Es war nicht einfach nur die Zerstörung der Stadt sondern es waren Angst und Schrecken, sowie eine vollständige Demütigung derer, die diese Stadt bewohnt hatten.

Was Ninive hier betroffen hat, wird einmal alle Menschen betreffen, die in das Gericht Gottes kommen. Es wird ein plötzliches Verderben sein, und niemand wird verschont werden. „Wenn sie sagen: Frieden und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie, wie die Geburtswehen über die Schwangere; und sie werden nicht entfliehen“ (1. Thess 5,3). Dann haben aller Ruhm, aller Glanz und aller Reichtum dieser Welt ein Ende.

Vers 12: Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Weide der jungen Löwen, wo der Löwe umherging, die Löwin und das Junge des Löwen, und niemand sie aufschreckte?

Die letzten drei Verse des Kapitels greifen ein gut verständliches Bild aus der Natur auf, um das Ende Ninives weiter zu veranschaulichen. Es geht um das Bild einer Löwenfamilie. Insgesamt ist sieben Mal von Löwen, jungen Löwen, der Löwin oder dem Jungen des Löwen die Rede. Die Bewohner Ninives werden mit einer solchen Löwenfamilie verglichen. Die Regenten Ninives hatten sich wiederholt mit diesem König der Raubtiere und seinem Charakter verglichen. Sie waren stolz auf ihre Erfolge und verglichen ihre eigene Wildheit und Furchtlosigkeit gerne mit der eines Löwen. Auf assyrischen Reliefs und Verzierungen kann man solche Löwen sehen. Das haben Ausgrabungen vor Ort gezeigt.

Der Löwe ist ein Symbol für Majestät und Kraft. Andererseits sind die Tiere für ihre Grausamkeit und Wildheit bekannt. Beides passte sehr gut zu den Königen von Assyrien. Sie herrschten grausam über andere Nationen und verbreiteten Angst und Terror unter den Nachbarvölkern.

Der Abschnitt beginnt mit einer rhetorischen Frage, denn die Antwort liegt auf der Hand. Die Hauptstadt Assyriens – hier zunächst mit der Wohnung der Löwen und Weide der jungen Löwen verglichen –, würde nicht mehr existieren und völlig zerstört sein. Die „Wohnung der Löwen“ und „Weide der jungen Löwen“ sind passend gewählte Bilder. Die Wohnung ist ein Ort, wo man zu Hause ist und sich frei bewegt. Dort will man von niemand gestört werden. Die Weide ist der Platz, wo Nahrung aufgenommen wird. Darin liegt der Gedanke, dass man dort etwas zu sich nimmt und in Ruhe das genießt, was an Beute geraubt worden ist.

Die Tatsache, dass der Löwe umhergeht, lässt uns daran denken, dass es niemand gab, der Assyrien nur im Ansatz daran hätte hindern können, auf die Erfolge stolz zu sein und sich daran zu erfreuen. Einen ähnlichen Charakterzug finden wir später bei König Nebukadnezar, als er auf seinem königlichen Palast in Babel umherging und sagte: „Ist das nicht das große Babel, das ich zum königlichen Wohnsitz erbaut habe durch die Stärke meiner Macht und zu Ehren meiner Herrlichkeit“ (Dan 4,27)? Wenn ein Löwe langsam hin und her geht, wirkt er besonders majestätisch. Zugleich sehen wir den Gedanken der Ruhe und vermeintlichen Sicherheit. Niemand würde es wagen, einen solchen Löwen anzugreifen. Es ist eine Zusage Gottes an sein irdisches Volk, dass sie einmal so in Ruhe und Sicherheit leben werden – allerdings nicht auf der Weide der jungen Löwen, sondern unter dem Weinstock (vgl. Micha 4,4). Für Ninive und Assyrien sollte diese vermeintliche Ruhe bald ein Ende haben.

Impuls für unser Glaubensleben: Die Charakterzüge Assyriens finden wir in der uns umgebenden Welt wieder. Die Welt erfreut sich an Dingen, die sie sich einfach genommen hat und versucht, sie in vollen Zügen zu genießen. Johannes spricht von der Lust der Augen, der Lust des Fleisches und dem Hochmut des Lebens (1. Joh 2,16) und warnt uns davor, weder die Welt, noch was in der Welt ist, zu lieben. Genusssucht und Befriedigung fleischlicher Begierden haben heute einen hohen Stellenwert, und die Gefahr für uns, dieser Welt in diesem Punkt „gleichförmig“ zu werden (Röm 12,2), ist immens hoch. Ruhe und Frieden findet der Gläubige nicht in der vergänglichen Welt, sondern nur in der Freude und dem Genuss der täglichen Gemeinschaft mit seinem Herrn.

Vers 13: Der Löwe raubte für den Bedarf seiner Jungen und erwürgte für seine Löwinnen, und er füllte seine Höhlen mit Raub und seine Wohnungen mit Geraubtem.

Der Frage aus Vers 12 werden nun drei Dinge als Tatsache hinzugefügt. Erstens raubt der Löwe den Bedarf für seine Jungen, zweiten erwürgt er seine Beute für seine Löwinnen. Drittens füllt er seinen Höhle und Wohnung mit dem, was er erbeutet hat. Es geht nicht nur um Ruhe, um Majestät und Genusssucht, sondern um Raubsucht und Grausamkeit. Die Könige Ninives waren von Anfang an Jäger und von Gewalttat gekennzeichnet (vgl. 1. Mo 10,8.9; 1. Chr 1,10). Wie ein Löwe für seine Jungen und für seine Löwin auf die Jagd geht, so hatte Assyrien andere Völker überfallen und ausgeraubt. Doch während der Löwe im Allgemeinen konkret für den Bedarf seiner Jungen und seiner Löwinnen auf Beutejagd geht, trieben die Könige von Assyrien es noch schlimmer. Sie töteten ihre Feinde aus Freude am Töten, selbst wenn es dafür keine unbedingte Notwendigkeit gab. Sie gingen extrem brutal mit ihren Widersachern um.

Tatsächlich wurde von den Assyrern geraubt, gewürgt und angesammelt. Das beschreibt die zum Teil sinnlose Zerstörungswut, die Tyrannei und Wildheit der Assyrer auf ihren Raubzügen. Bei ihren Raubzügen sind Ströme von Blut geflossen. Menschen wurden wie Viehherden abgeschlachtet. Von dem Raubgut profitierten die Bewohner von Ninive (die Löwin und die Jungen).

Vers 14: Siehe, ich will an dich, spricht der Herr der Heerscharen, und ich werde ihre Wagen in Rauch aufgehen lassen, und deine jungen Löwen wird das Schwert verzehren; und ich werde deinen Raub von der Erde ausrotten, und die Stimme deiner Boten wird nicht mehr gehört werden.

Nach der Frage und der Feststellung in den Versen 13 und 14, wendet sich Gott nun direkt an Ninive. „Siehe, ich will an dich“. Das Wort „Siehe“ hatten wir schon in Vers 1. Dort ging es um eine Ansprache an das Volk Gottes. Hier wird Ninive aufgefordert, besonders aufzupassen. Obacht zu geben. Gott wollte ihre ganze Aufmerksamkeit haben. Sie sollten genau zuhören. Er nennt sich der „Herr der Heerscharen“. Der Ausdruck kommt in Kapitel 3,5 noch einmal vor und spricht von der Souveränität Gottes, der in der Tat der Herr aller himmlischen und irdischen Heere ist, der für sein irdisches Volk eintritt18. Alle Heere im Himmel und auf der Erde müssen letztlich seinem Kommando gehorchen. Deshalb war diese Ansprache an Ninive zugleich eine Ermunterung für das Volk Gottes, das schweigender Zuhörer war.

Die Worte des Herrn der Heerscharen sind eindeutig: „Siehe, ich will an dich“. Das zeigt die Feindschaft und den Zorn Gottes gegenüber Ninive. Der Ausdruck kommt ebenfalls in Jeremia 21,13; 50,31; 51,25, sowie mehrfach im Propheten Hesekiel vor (Kap 21,8; 26,3; 28,22; 29,3; 35,3; 38,3; 39,1). Nahum benutzt ihn noch einmal in Kapitel 3,5. Er gilt verschiedenen Feinden des Volkes Gottes, die es direkt mit der Rache und dem Zorn Gottes im Gericht zu tun bekommen.

David schreibt: „Das Angesicht des Herrn ist gegen die, die Böses tun, um ihr Gedächtnis von der Erde auszurotten“ (Ps 34,17). Das erlebte Ninive hier. Es ist überaus ernst, wenn Gott im Gericht gegen einen Menschen oder eine Nation handelt. Dem Gericht Gottes kann nämlich niemand entfliehen. Es ist immer ein gerechtes und vernichtendes Gericht. „Du bist furchtbar, und wer kann vor dir bestehen, sobald du erzürnst!“ (Ps 76,8). Das Maß Assyriens war damals voll und forderte das Gericht Gottes heraus. Ebenso wird es jedem Menschen ergehen, der den gerechten Gott gegen sich hat und als Folge der Sünde und der Abweichung von Ihm gerichtet wird. Paulus schreibt den Gläubigen, dass Gott für uns ist, und deshalb wird niemand gegen uns sein (Röm 8,31). Wehe aber, wenn es anders herum ist und ein Mensch Gott gegen sich hat. „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“ (Hebr 10,31). Jeder Leser, der Gott noch nicht auf seiner Seite hat, sollte dies dringend bedenken.

Vier Dinge besiegeln das Schicksal Ninives:

  1. Feuer sollte ihre Wagen zerstören: So ist es tatsächlich gekommen. Das lässt sich anhand archäologischer Funde nachweisen. Es muss ein gewaltiges Feuer in der Stadt gegeben haben, als diese erobert wurde. Die Wagen waren ein besonderer Stolz der Könige von Assyrien. Gott hatte durch Jesaja sagen lassen: „Durch deine Knechte hast du den Herrn verhöhnt und hast gesprochen: Mit der Menge meiner Wagen habe ich die Höhen der Berge erstiegen, das äußerste Ende des Libanon“ (Jes 37,24). Die Wagen symbolisieren hier die militärische Macht Assyriens, die komplett zerstört wurde. Sie sollten in Rauch aufgehen. Das zeigt, wie schnell und endgültig das geschehen würde. Die Zerstörung der militärischen Macht Assyriens kam schnell und sie war endgültig.
  2. Das Schwert sollte seine jungen Löwen verzehren: Das Schwert der Feinde spricht vom Tod. Die jungen Löwen sind die jungen Krieger, die bei dem Angriff der Feinde den Tod fanden. David hatte viele Jahre vorher von seinem Feind geschrieben: „Er hat eine Grube gegraben und hat sie ausgehöhlt, und er ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat. Seine Mühsal wird auf sein Haupt zurückkehren, und seine Gewalttat wird auf seinen Scheitel herabstürzen (Ps 7,16.17). Genauso würde es jetzt den Assyrern gehen. Der Herr Jesus selbst sagte – wenn auch in anderem Zusammenhang – seinem Jünger Petrus: ... alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen (Mt 26,52).
  3. Der Raub Assyriens sollte von der Erde ausgerottet werden: Das bedeutet, dass Assyrien in Zukunft keine Völker mehr überfallen und ausrauben sollte. Auch das hat sich bewahrheitet. Das Ende des Reiches bedeutete gleichzeitig das Ende aller militärischen Operationen19.
  4. Die Stimme der Boten sollte nicht mehr gehört werden: Assyrien würde keine Boten oder Herolde mehr aussenden, um unter den Völkern Angst und Schrecken zu verbreiten. Sanherib ist ein Beispiel eines solchen Boten, der seine Stimme hören ließ und Panik verbreiten wollte (2. Kön 18,17–25; 19,22; Jes 37,4.6).

Damit wird deutlich, dass das historische assyrische Reich, das seit vielen Jahrhunderten mit Härte und Brutalität geherrscht hatte, im Jahr 612 v.Chr. zu einem endgültigen Ende kam. Es wird keine Wiederherstellung geben.

Impuls für unser Glaubensleben: Als Christen sollten wir uns der Tatsache bewusst sein, dass diese Welt einmal vergehen wird. Wir wollen uns nicht an ihre Freuden hängen. „... denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1. Joh 2,16.17). „Da nun dies alles aufgelöst wird, welche solltet ihr dann sein in heiligem Wandel und Gottseligkeit!“ (2. Petr 3,11).

Fußnoten

  • 1 Dieser Ausdruck „siehe“ kommt viermal bei Nahum vor (2,1.14; 3,5.13). Jedes Mal wird besondere Aufmerksamkeit gefordert.
  • 2 Es ist klar, dass diese Freiheit nicht dauerhaft war, denn nur wenige Jahre nach dem Fall Ninives (612 v.Chr.) kamen die Babylonier unter Nebukadnezar, dem Sohn von Nabopolassar, um Jerusalem zu zerstören und die Juden nach Babel zu deportieren. Zwischen beiden Ereignissen lagen nicht einmal 10 Jahre.
  • 3 H. Rossier, Le Livre du Prophète Nahum
  • 4 W. Kelly, The Prophet Nahum, in: The Minor Prophets
  • 5 Das Wort kommt in den Propheten häufig vor, besonders bei Jeremia und Hesekiel. Von Babel wird z.B. gesagt: „Du bist mir ein Hammer, eine Kriegswaffe; und mit dir zerschmettere ich Nationen, und mit dir zerstöre ich Königreiche“ (Jer 51,20).
  • 6 Andere übersetzen hier, dass der Herr den „Weinstock“ Israels und Jakobs wiederherstellt (Menge, Züricher)
  • 7 Damit ist die komplette Zeitperiode von dem Fall Jerusalems durch Nebukadnezar bis zu dem Augenblick gemeint, in dem Jesus Christus sichtbar und in Herrlichkeit auf die Erde zurückkehrt, um sein Reich auf der Erde zu gründen. Diese Periode ist das besondere Thema des Propheten Daniel. Die „Zeit der Gnade“ in der wir heute leben, ist übrigens in diese Zeit eingeschlossen. Sie wird deshalb „Zeiten der Nationen“ genannt, weil Gott die Regierung in Hände heidnischer Regenten gelegt hat. Gottes Thron stand bis zur Zerstörung von Jerusalem in dieser Stadt und am Ende – im 1000-jährigen Reich – wird das wieder so sein.
  • 8 Einige Ausleger beziehen das darauf, dass diese Feinde von Gott gesandt wurden und seine Boten waren. Sie verweisen auf Jesaja 13,3, wo von den Feinden Babels gesagt wird: „Ich habe meine Geheiligten entboten, auch meine Helden zu meinem Zorn gerufen, meine stolz Frohlockenden“. Das waren die Meder und Perser, die dem babylonischen Reich ein Ende machten.
  • 9 Dieser Schild ist nicht mit einem schweren, dem Ganzkörperschild (scutum) zu verwechseln, den wir aus der Geschichte der römischen Legionäre kennen und der z.B. in Epheser 6,16 ein Teil der Waffenrüstung des Christen ist.
  • 10 Vgl. Spr 31,21
  • 11 Einzelne Ausleger beziehen diesen Vers ebenso auf die Angreifer, wobei der Zusammenhang diesen Rückschluss wenig wahrscheinlich sein lässt. Lediglich der Hinweis auf das Schutzdach könnte sich auf die Angreifer beziehen, die dieses Schutzdach errichtet haben könnten, um sich gegen den Beschuss von der Stadtmauer zu schützen. Dieser Gedanke wird dadurch verstärkt, dass einige hier übersetzen: „… doch schon ist das Schutzdach aufgestellt“ (Menge, Züricher)
  • 12 Diese Taktik wandten später die Meder und Perser an, um die Stadt Babylon zu erobern (vgl. Dan 5).
  • 13 Einige Ausleger stellen das allerdings in Frage, weil die Residenzen der Könige in der Regel auf einer Erhöhung gebaut waren, um sie vor Wasser zu schützen. Sie erklären, dass Ninive sehr viele Palästen (oder Tempel) gehabt hat.
  • 14 Das ist in der Bibel nicht außergewöhnliches. Die Stadt Jerusalem und andere Städte werden häufig als eine Person vorgestellt
  • 15 In einigen Bibelübersetzungen heißt es auch: „die Königin wird entblößt“ (Züricher „die Königin wird gefangen weggeführt“ (Luther) oder „die Königin wird entkleidet“ (Menge). Selbst wenn man dieser Übersetzung folgt, kann es immer noch sein, dass damit Ninive als erhabene Stadt gemeint ist.
  • 16 Einige Ausleger sehen in den Jungfrauen die unterste Stufe der sozialen Leiter, die Sklavenmädchen – einmal im Gegensatz zu den Edlen in Vers 6 oder aber auch in Verbindung mit der Göttin als Tempelprostituierte. Alle trauern jedoch über den Fall der großen Stadt.
  • 17 Speziell die Meder waren nicht so sehr an der Besetzung von erobertem Territorium interessiert, sondern vielmehr daran, schnelle Beute zu erobern und zu plündern. Ihnen wird diese Aufforderung gerade recht gekommen sein.
  • 18 Der Ausdruck steht zum ersten Mal- und gleich zweimal – in 1. Sam 1. In Vers 3 nennt der Heilige Geist Gott so und in Vers 11 redet Hanna Ihn in ihrem Gebet so an. Sie war sich seiner Größe und Majestät bewusst. Der Ausdruck kommt im Alten Testament – besonders in den Büchern der Propheten – sehr häufig vor (insgesamt über 200 Mal).
  • 19 Hierin unterscheidet sich Assyrien übrigens von den vier Weltreichen, die im Buch Daniel beschrieben werden. Sie kamen zwar alle zu einem Ende ihrer Weltherrschaft, existierten allerdings weiter und werden es – in einem gewissen Sinn – bis in die Zeit des Endes tun. Assyrien hingegen ist als Weltmacht komplett von der Bildfläche verschwunden. Der „König des Nordens“ (vgl. besonders Daniel 11) wird zwar häufig mit Assyrien gleichgesetzt, ist jedoch eine Macht, die einen völlig anderen Ursprung hat. Sie findet ihre Wurzeln in dem griechischen Weltreich, das nach dem Tod Alexanders in vier große Teile aufgeteilt wurde, von dem der „König des Nordens“ ein Teil war.
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