Kapitel 8

Bevor wir in dieses interessante Kapitel einsteigen, mag es von Nutzen sein, seine Stellung im gesamten Buch hervorzuheben. In Kapitel 6 finden wir die Fertigstellung der Mauer, in Kapitel 7 Vorkehrungen und Mittel zum Schutz der Stadt sowie die Zählung des Volkes anhand des Geschlechtsverzeichnisses, und in Kapitel 8 haben wir die Aufrichtung der Autorität des Wortes Gottes vor uns. Diese Reihenfolge ist höchst lehrreich. Die Mauern mögen gebaut und das Volk säuberlich gesammelt und geordnet sein, doch nichts als Gehorsam gegenüber dem Wort konnte es in der Stellung aufrechterhalten, in die es gebracht worden war. Gehorsam gibt sowohl dem Herrn als auch dem Volk seinen Platz – dem Herrn den Platz des höchsten Ansehens und dem Volk den der Unterordnung. Gehorsam ist daher der Weg der Heiligkeit, indem es alles absondert, was mit den übergeordneten Ansprüchen des Herrn nicht in Übereinstimmung ist. Dies beinhaltet eine praktische Lektion von großer Bedeutung für die Versammlung. Das Zeugnis Gottes versammelt auf der Grundlage des einen Leibes Seelen zu Christus. Doch sobald sie gesammelt sind, fällt es in die Verantwortung der Lehrer und Hirten, die Vorherrschaft des Herrn in der Autorität des geschriebenen Wortes geltend zu machen, die Herde Gottes mit passender Nahrung zu versorgen, sie in ihrem allerheiligsten Glauben zu stärken und sie somit gegen die Listen und Methoden des Feindes zu befestigen.

„Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz, der vor dem Wassertor liegt. Und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, dass er das Buch des Gesetzes Moses bringen sollte, das der HERR Israel geboten hatte. Und am ersten Tag des siebten Monats brachte Esra, der Priester, das Gesetz vor die Versammlung, sowohl vor Männer als Frauen und vor alle, die Verständnis hatten, um zuzuhören. Und er las darin vor dem Platz, der vor dem Wassertor liegt, vom lichten Morgen bis zum Mittag, in Gegenwart der Männer und der Frauen und derer, die Verständnis hatten; und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet“ (8,1–3).

Wir haben gesehen, dass Nehemia in Kapitel 7 Esra 2 wiederholt. Der erste Vers dieses Kapitels ist in exakter Entsprechung zu Esra 3,1. Dort lesen wir: „Und als der siebte Monat herankam und die Kinder Israel in den Städten waren, da versammelte sich das Volk wie ein Mann nach Jerusalem.“ Hier lesen wir: „Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz, der vor dem Wassertor liegt.“ In Vers 2 finden wir außerdem, dass diese Versammlung ebenfalls „am ersten Tag des siebten Monats“ stattfand. In beiden Fällen wird die Zusammenkunft in Verbindung mit dem Datum genannt. Der erste Tag des siebten Monats war das Gedächtnis des Posaunenhalls (3. Mo 23,24; 4. Mo 29,1), ein Bild der Wiederherstellung Israels in den letzten Tagen. Daher würde es, wo irgend seine Bedeutung verstanden wurde, mit großer Macht auf die Herzen aller wahren Israeliten einwirken. Ob in diesem Fall in die Posaunen geblasen wurde, wird nicht berichtet; doch auch diese Tatsache an sich ist schon herausstechend. „Und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, dass er das Buch des Gesetzes Moses bringen sollte, das der HERR Israel geboten hatte.“ Wenn durch die Vernachlässigung des Wortes Gottes alles in Verwirrung gerät, ist nicht zuerst die Wiederherstellung der Feste, sondern der Autorität der Schriften über das Gewissen notwendig. Daher gab es anstelle eines Posaunenstoßes1 eine feierlich ernste Versammlung, um das Gesetz zu lesen – eine Erinnerung an das, was unter dem Volk in Vergessenheit geraten zu sein schien.

Es ist unheimlich schön zu bemerken, dass Esra, der bisher in diesem Buch nicht erwähnt wurde, derjenige ist, auf den das Volk in der aktuellen Situation zurückgreift. Er war der Schriftgelehrte „in den Worten der Gebote des HERRN und seinen Satzungen für Israel“ und jemand der sich an dem Wort, das er an andere weitertrug, erfreute und sich davon nährte. Doch in Zeiten fast gänzlichen Verfalls, der Verwirrung und Verwüstung war der Lehrer des Gesetzes nicht erwünscht gewesen; und so wurde Esra aus dem Blickfeld verloren, wenn er nicht sogar in Vergessenheit gefallen war. Doch nun, wo es eine Art der Wiederbelebung gab, die ein Verlangen nach dem Wort Gottes auslöste, erinnerte man sich an Esra und seine Dienste wurden in Anspruch genommen. Wie glücklich ist der Diener, der zurücktreten kann, wenn er nicht gebraucht wird, und wieder hervortritt, wenn er wieder gewünscht wird, indem er willig ist, alles oder nichts zu sein, bekannt oder unbekannt, wenn er nur Gottes geliebtem Volk dienen kann!

In den Versen 2 und 3 finden wir die Beschreibung der Zusammenkunft, um das Wort zu hören. Versammelt waren „sowohl ... Männer als Frauen und ... alle, die Verständnis hatten“. Das sind nach unserer Beurteilung alle Kinder, die alt genug waren, das Gelesene zu verstehen. Es gab daher keine Unterteilung in Gruppen, keine Unterweisung getrennt von Männern, Frauen oder den Kindern. Es waren alle zusammen und bildeten die Versammlung des Herrn. Auf diese Weise zusammengekommen, las Esra aus dem Buch des Gesetzes „vom lichten Morgen bis zum Mittag“ – wahrscheinlich nicht weniger als sechs Stunden – „und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet“. Zu gewöhnlichen Zeiten wäre es unmöglich gewesen, das Volk wie hier so lange mit dem einfachen Lesen der Schriften festzuhalten. Doch wenn der Geist Gottes nach einer Zeit des verbreiteten Niedergangs wahrhaft wirkt, wenden sich die Heiligen wieder aufs Neue und mit großem Verlangen zur Bibel und werden am Lesen oder Hören der Wahrheiten nicht müde, die zur Belebung ihrer Seelen verwendet wurden. Liebe für das Wort Gottes, mit dem intensiven Verlangen, nach seinen verborgenen Schätzen zu suchen, ist immer ein Merkmal einer wahren Wiederbelebung. Diese Tatsache erklärt den Eifer des Volkes in diesem Kapitel, am ersten Tag des siebten Monats der Lesung des Buches des Gesetzes zuzuhören.

„Und Esra, der Schriftgelehrte, stand auf einem Gerüst aus Holz, das man zu diesem Zweck gemacht hatte. Und neben ihm standen Mattitja und Schema und Anaja und Urija und Hilkija und Maaseja, zu seiner Rechten; und zu seiner Linken Pedaja und Mischael und Malkija und Haschum und Haschbaddana, Sekarja, Meschullam. Und Esra öffnete das Buch vor den Augen des ganzen Volkes, denn er stand höher als das ganze Volk; und als er es öffnete, stand das ganze Volk auf. Und Esra pries den HERRN, den großen Gott, und das ganze Volk antwortete: Amen, Amen!, wobei sie ihre Hände emporhoben, und sie verneigten sich und warfen sich vor dem HERRN nieder, mit dem Gesicht zur Erde“ (8,4–6).

Die Verse 2 und 3 geben einen generellen Bericht, während wir in den Versen 4–8 die Einzelheiten dieser bemerkenswerten Versammlung finden. Zunächst lesen wir, dass Esra „auf einem Gerüst [oder Turm] aus Holz“ stand, „das man zu diesem Zweck gemacht hatte“. Der Grund hierfür war, wie es auch heutzutage üblich ist, dass er von der ganzen Versammlung gesehen und gehört werden konnte. Sechs Personen standen zu seiner Rechten und sieben zu seiner Linken. Der Geist Gottes hat ihre Namen aufzeichnen lassen, denn es handelte sich um einen denkwürdigen Tag, und das ihnen gewährte Vorrecht, bei Esra zu stehen, war groß. Als nächstes „öffnete [Esra] das Buch vor den Augen des ganzen Volkes, denn er stand höher als das ganze Volk; und als er es öffnete, stand das ganze Volk auf“. Dies war keine bloße Formsache, denn das Buch, das Esra öffnete, war die Stimme des lebendigen Gottes zum Volk, und sie würdigten es als solche, indem sie sich in Ehrfurcht erhoben. Die Worte, die es enthielt, waren von dem Herrn erstmals am Sinai gesprochen worden, „mitten aus dem Feuer“ (5. Mo 4,12), und Israel zitterte vor dem Heiligen, der zu ihnen sprach, und sie „baten, dass das Wort nicht mehr an sie gerichtet würde“ (Heb 12,19).

An all dies müssen jene sich erinnert haben, die nun vor Esra standen. Daher standen sie auf, wie in der Gegenwart ihres Gottes, und Esra „pries den HERRN, den großen Gott“, d. h. er dankte, oder danksagte im Gebet dem HERRN. Wir finden diese Verwendung des Wortes „preisen“ (oder „segnen“) auch im Neuen Testament, insbesondere in Verbindung mit dem Passahfest und dem Abendmahl. So heißt es zum Beispiel in Matthäus: „Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot, segnete, brach und gab es den Jüngern“ (Mt 26,26). Lukas hingegen schreibt: „Und er nahm Brot, dankte, brach und gab es ihnen“ (Lk 22,19). Es ist also klar, dass „segnen“, wenn es auf diese Weise gebraucht wird, die Bedeutung einer Danksagung trägt (siehe auch 1. Kor 14,16). Es ist umso wichtiger, dies hervorzuheben und darauf zu bestehen, da ein Großteil priesterlicher Annahmen sich auf die Verkehrung des Wortes „segnen“ gründet, in dem Bestreben, zu beweisen, dass das Brot und der Kelch beim Abendmahl zunächst eine priesterliche Segnung empfangen oder geweiht werden muss. So ist beispielsweise festgehalten, dass Paulus, wenn er von dem „Kelch der Segnung, den wir segnen“ schreibt, damit den Kelch meint, den wir Priester segnen. Das Licht der Schrift enthüllt sofort den unheiligen Charakter solcher priesterlicher Nachlässigkeit gegenüber der einfachen Belehrung des Wortes Gottes, bei der Heilige ihrer Vorrechte beraubt werden und ihnen der Platz der Nähe und des Segens, in den sie auf der Grundlage der Erlösung gebracht worden sind, entzogen wird (siehe Joh 20,17; Heb 10,19–22 usw.).

Am Ende des Gebetes oder der Danksagung Esras antwortete das ganze Volk: „Amen, Amen!, wobei sie ihre Hände emporhoben, und sie verneigten sich und warfen sich vor dem HERRN nieder, mit dem Gesicht zur Erde.“ Dies ist eine ergreifende Szene, denn der Herr wirkte mit Macht an den Herzen seines Volkes, und so drückte ihre ganze Haltung ihre heilige Ehrfurcht aus.2 Sie standen, während Esra betete, und dann, zusammen mit ihrer Antwort „Amen, Amen!“ mit erhobenen Händen, beteten sie mit den Gesichtern zur Erde an.

„Und Jeschua und Bani und Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan, Pelaja und die Leviten belehrten das Volk über das Gesetz; und das Volk stand an seiner Stelle. Und sie lasen in dem Buch, in dem Gesetz Gottes, deutlich und gaben den Sinn an, so dass man das Gelesene verstand“ (8,7–8).

All dies war vorbereitend auf das Tagwerk, nämlich das Lesen des Gesetzes, von dem die nächsten beiden Verse eine Beschreibung geben. Wir sollten bedenken, dass das Volk lange in Babylon gelebt hatte und dass viele Juden unter dem Einfluss ihrer Umgebung babylonische Gewohnheiten und Eigenheiten und sogar die babylonische Sprache angenommen hatten. Die heilige Sprache, die auch die Sprache ihrer Väter war, war daher nur noch wenig verwendet worden und in vielen Fällen in Vergessenheit geraten. Dann gab es noch eine andere Quelle der Verwirrung. Einige Juden hatten „asdoditische, ammonitische und moabitische Frauen heimgeführt ... Und die Hälfte ihrer Kinder redete asdotisch und wusste nicht jüdisch zu reden, sondern redete in der Sprache des einen oder des anderen Volkes“ (13,23.24). Daher war es nötig, dem Volk das Gesetz verständlich zu machen, es deutlich oder mit einer Interpretation zu lesen, und den Sinn anzugeben, sodass es das Gelesene verstehen konnte. All dies ist höchst belehrend, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens lernen wir, dass Anpassung an die Welt zu Vergessen und Nichtbeachtung des Wortes Gottes führt. Zweitens ist die wahre Funktion es Lehrers, denn Sinn der Schriften anzugeben, zu erklären, was sie bedeuten, und die Zuhörer dazu zu bringen, ihre Wichtigkeit zu verstehen. Auch die Anwendung des Wortes auf den Zustand und die Bedürfnisse des Volkes findet ihren Platz, doch dabei wird der Heilige Geist, wie in dem vor uns liegenden Fall, leiten, sodass diese einen angemessen Anteil ausmacht.

„Und Nehemia, das ist der Tirsatha, und Esra, der Priester, der Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk belehrten, sprachen zum ganzen Volk: Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig; seid nicht traurig und weint nicht! (Denn das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte.)“ (8,9).

Das Wort Gottes war „lebendig und wirksam“ in den Herzen des Volkes. Es war „schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens“ (Heb 4,12). Denn „das ganze Volk weinte, als es die Worte des Gesetzes hörte“. Doch „Nehemia, das ist der Tirsatha, und Esra, der Priester, der Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk belehrten, sprachen zum ganzen Volk: Dieser Tag ist dem HERRN, eurem Gott, heilig; seid nicht traurig und weint nicht!“ Das Gedächtnis des Posaunenhalls sollte in der Tat eine „heilige Versammlung“ sein, und aufgrund seiner ursprünglichen Bedeutung war Trauer seinem Charakter nicht angemessen. Daher lesen wir auch: „Jubelt Gott, unserer Stärke! Jauchzt dem Gott Jakobs! Erhebt Gesang und lasst das Tamburin ertönen, die liebliche Laute samt der Harfe! Stoßt am Neumond in die Posaune, am Vollmond zum Tag unseres Festes! Denn eine Satzung für Israel ist es, eine Verordnung des Gottes Jakobs“ (Ps 81,2–5). Das Volk sollte daher an diesem Tag nach den Gedanken seines Gottes freudig sein. Doch Freude kann nicht zurückgehalten werden, sondern sie fließt gezwungenermaßen über, und daher sollte das Volk andere damit anstecken.

„Und er sprach zu ihnen: Geht hin, esst Fettes und trinkt Süßes und sendet Teile denen, für die nichts zubereitet ist; denn der Tag ist unserem Herrn heilig; und betrübt euch nicht, denn die Freude an dem HERRN ist eure Stärke“ (8,10).

Diese in diesem Vers angegebene Reihenfolge enthält eine Belehrung – zunächst Verbindung mit dem Herzen Gottes, und danach Verbindung mit ihren Brüdern. Das erste war, dass sie ihre eigenen Herzen mit der Freude des Herrn erfüllt haben sollten, dann sollte diese Freude segensreich auf die Armen und Bedürftigen überquellen, und schließlich würden sie erfahren, dass die Freude am Herrn ihre Stärke war.

„Und die Leviten beschwichtigten das ganze Volk, indem sie sprachen: Seid still, denn der Tag ist heilig; und betrübt euch nicht!“ (8,11).

Die Zeit für den Ausdruck ihrer Trauer würde bald kommen (Nehemia 9), doch jetzt sollten sie sich in Übereinstimmung mit den Gedanken des Herzens Gottes über die zukünftige Segnung des Volkes freuen. Sicherlich hatten sie Selbstgericht und Buße nötig. Der Punkt ist jedoch, dass dieser heilige Tag für solche Dinge nicht passend ist, sondern der Herr möchte, dass sie sich über ihren Zustand und ihre Situation erheben und für den Moment ihre Freude in seiner Freude finden, und seine Freude würde ihre Stärke sein. Es gibt viele Heilige, die dies verstehen werden: Wenn wir z. B. um den Herrn an seinem Tisch versammelt sind, um seines Todes zu gedenken, mag es viele Dinge geben, die uns zur Sorge und Demütigung über unseren Zustand treiben, doch es würde gänzlich den Gedanken des Herrn verfehlen, in solch einem Moment unsere Sünden zu bekennen. Es ist der Tod des Herrn, an den wir uns dort erinnern und den wir verkünden, nicht wir selbst oder unser Versagen. Und nur, indem wir seine Beweggründe vor unseren Seelen haben, während wir versammelt sind, können wir in die Empfindungen seines Herzens eintreten und Gemeinschaft damit haben. So war es an diesem ersten Tag des siebten Monats – und dies wird das Verhalten Nehemias, Esras und der Leviten erklären, als sie den Ausdruck der Betrübnis des Volkes unterbinden.

„Und das ganze Volk ging hin, um zu essen und zu trinken und Teile zu senden und ein großes Freudenfest zu begehen. Denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte“ (8,12).

Das Volk folgte dem Aufruf seiner Führer und feierte auf diese Weise das Fest nach den Gedanken Gottes, wenn auch ohne die Posaunen. Sie waren nicht im richtigen Zustand für ein Zeugnis, daher war es zunächst notwendig, sich selbst durch die Anwendung des Wortes Gottes auf den richtigen Weg zu begeben.

„Und am zweiten Tag versammelten sich die Häupter der Väter des ganzen Volkes, die Priester und die Leviten, zu Esra, dem Schriftgelehrten, und zwar um aufmerksam auf die Worte des Gesetzes zu hören“ (8,13).

Am folgenden Tag gab es eine weitere Versammlung, bei der die „Häupter der Väter des ganzen Volkes, die Priester und die Leviten“ zusammenkamen. Diese kamen „zu Esra, dem Schriftgelehrten, und zwar um aufmerksam die Wortes des Gesetzes zu hören. Es ist sehr schön, dieses wachsende Verlangen nach der Kenntnis des Wortes Gottes zu sehen – ein sicheres Zeichen dessen, dass Gott an den Herzen des Volkes wirkte, da Gehorsam dem Wort gegenüber ein notwendiger Ausdruck göttlichen Lebens ist. Und als sie so versammelt sind, machen sie eine weitere Entdeckung:

„Und sie fanden im Gesetz geschrieben, dass der HERR durch Mose geboten hatte, dass die Kinder Israel am Fest im siebten Monat in Laubhütten wohnen sollten und dass sie verkündigen und einen Ruf ergehen lassen sollten durch alle ihre Städte und durch Jerusalem und sagen sollten: Geht hinaus auf das Gebirge und holt Zweige vom Olivenbaum und Zweige vom wilden Ölbaum und Myrtenzweige und Palmzweige und Zweige von dicht belaubten Bäumen, um Hütten zu machen, wie geschrieben steht!“ (8,14–15).

Dann lesen wir:

„Und das Volk ging hinaus und holte Zweige herbei; und sie machten sich Hütten, jeder auf seinem Dach und in ihren Höfen und in den Höfen des Hauses Gottes und auf dem Platz am Wassertor und auf dem Platz am Tor Ephraim. Und die ganze Versammlung, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, machte Hütten und wohnte in den Hütten. Denn die Kinder Israel hatten nicht so getan seit den Tagen Josuas, des Sohnes Nuns, bis auf jenen Tag. Und es war eine sehr große Freude“ (8,16–17).

„Und das Volk ging hinaus...“ Doch aus 4. Mose 23 kann gesehen werden, dass der Tag, für den dieses Fest der Laubhütten vorgesehen war, der fünfzehnte Tag des siebten Monats war, sodass eine Spanne von dreizehn Tagen zwischen den Versen 15 und 16 liegen muss, denn am zweiten Tag des Monats hatten sie das Gebot des Festes gefunden (8,13.14). Diese Zeitspanne wurde genutzt, um die kommende Befolgung des Festes auszurufen (8,15) und den Menschen in allen ihren Städten die nötige Zeit zu geben, sich in Jerusalem zu sammeln. Als sie versammelt waren, machten sie sich daran, das Fest zu begehen, wie es im Gesetz vorgeschrieben ist. Sie holten die Zweige aus dem Gebirge und „machten sich Hütten, jeder auf seinem Dach und in ihren Höfen und in den Höfen des Hauses Gottes und auf dem Platz am Wassertor und auf dem Platz am Tor Ephraim“. Im nächsten Vers lesen wir: „Denn die Kinder Israels hatten nicht so getan seit den Tagen Josuas, des Sohnes Nuns, bis auf jenen Tag.“ Das heißt nicht, dass sie das Laubhüttenfest nicht eingehalten hätten, denn dies hatten sie nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft getan (Esra 3), sondern dass sie der Aufforderung nicht nachgekommen waren, während der Festtage in Hütten zu wohnen. Es war das erste Mal seit Josua, dass sie sich auf diese Weise Hütten aus Oliven-, Myrten- und Palmzweigen gemacht hatten. Dies ist ein weiterer Beweis des kraftvollen Wirkens des Geistes Gottes in diesem Moment, der das Volk zu sorgfältigem Gehorsam dem Wort ihres Gottes gegenüber führte.

Es wird dann hinzugefügt: „Und es war eine sehr große Freude.“ Freude war in der Tat auch die Bedeutung dieses Festes – 1000-jährige Freude, denn nach den Vorgaben für die Hütten steht geschrieben: „Und ihr sollt euch am ersten Tag Frucht von schönen Bäumen nehmen, Palmzweige und Zweige von dicht belaubten Bäumen und von Bachweiden, und sollt euch vor dem HERRN, eurem Gott, freuen sieben Tage. Und ihr sollt es sieben Tage im Jahr als Fest dem HERRN feiern: eine ewige Satzung bei euren Geschlechtern; im siebten Monat sollt ihr es feiern. In Laubhütten sollt ihr wohnen sieben Tage; alle Einheimischen in Israel sollen in Laubhütten wohnen, damit eure Geschlechter wissen, dass ich die Kinder Israel in Laubhütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Land Ägypten herausführte. Ich bin der HERR, euer Gott“ (3. Mo 23,40–43).

Wenn der Leser 3. Mose 23 zu Rate zieht, wird er sehen, dass das Laubhüttenfest die Festperiode vervollständigt und daher das Ende und Ergebnis aller Wege Gottes mit seinem irdischen Volk darstellt. Dieses wird sein, dass Er sie, jetzt wo sie unter der Verantwortung alles verwirkt haben, auf der Grundlage des Werkes Christi unter seine Gnade stellt, unter vollkommenem Segen in ihrem eigenen Land, nach der Ernte und nach der Weinernte. Freude während der vollkommenen Zeitspanne (sieben Tage) würde daher der angemessene Ausdruck ihres Bewusstseins der Güte und Gnade des HERRN sein. Doch während Freude das Fest kennzeichnen sollte, sollten sie sich an die Vergangenheit erinnern – ihre Befreiung aus Ägypten und ihre Pilgerreise durch die Wüste. Und so war die Erlösung durch das Blut des Passahlammes (denn dies war die Grundlage alles weiteren Handelns Gottes mit seinem Volk) und die Beziehung zu Gott, in die sie in der Folge gebracht worden waren („Ich bin der HERR, euer Gott“), die Quelle allen Segens und aller Freude, in die sie eingetreten waren. In dem vor uns liegenden Fall war die Freude nur vorübergehend, denn in Wahrheit hatte das Fest bis dahin einen prophetischen Charakter. Doch, obwohl prophetisch, mag es ihnen die unveränderbare Wahrheit Gottes bezüglich aller seiner Verheißungen für sein Volk gelehrt haben – und wann immer es dies der Fall war, würde es das Volk befähigen, in Vorfreude auf diese freudige Zeit des Segens zu frohlocken, die ihm durch das unumstößliche Wort seines Gottes zugesichert war.3

„Und man las im Buch des Gesetzes Gottes Tag für Tag, vom ersten Tag bis zum letzten Tag. Und sie feierten das Fest sieben Tage lang; und am achten Tag war eine Festversammlung nach der Vorschrift“ (8,18).

Die gesamte Zeit des Festes scheint dem Lesen des Buches des Gesetzes gewidmet gewesen zu sein, „vom ersten Tag bis zum letzten Tag“. Dies war das aktuell empfundene Bedürfnis, und „am achten Tag war eine Festversammlung nach der Vorschrift“ (siehe 3. Mo 23,36). In den frühen Tagen Esras kennzeichnete der Wiederaufbau des Heiligtums das Feiern dieses Festes – hier ist es die Wiederaufrichtung der Autorität des Gesetzes. Beide Festfeiern waren unvollkommen, obwohl sie, soweit sie gingen, in Übereinstimmung mit Gott waren, denn in Esra gab es keine Hütten, und in Nehemia, wie es scheint, keine Opfer. Dies lehrt uns einen der Wege Gottes in allen Wiederbelebungen. Eine vergessene Wahrheit wird wiederentdeckt und mit Kraft auf die Herzen und Gewissen des Volkes eingedrückt. Eine Wahrheit, die für die Wiederherstellung und die Aufrechterhaltung in den besonderen Umständen des Zeitpunktes notwendig ist. Daher wurde in Esra 3 die Wirksamkeit der Opfer hervorgehoben und hier die Autorität des Worts Gottes. Dies ist in der Geschichte der Versammlung immer wieder zu beobachten gewesen. In dem beachtlichen Werk des Geistes Gottes durch Luther und andere hat die Wahrheit der Rechtfertigung allein durch Glauben den höchsten Stellenwert eingenommen. In einer anderen Bewegung, fast in unseren eigenen Tagen, war es die Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde und das zweite Kommen Christi. Gott hat in solchen Tagen und in jedem Zeitalter zu seiner eigenen Ehre und zum Wohlergehen seines Volkes gewirkt. Doch so groß ist die Schwachheit und Torheit der Herzen seines Volkes, dass es seine Barmherzigkeit oft zu einer Gelegenheit der Selbsterhöhung benutzt hat. Als ob es unfähig wäre, die Wahrheit in ihrer Vollständigkeit festzuhalten, und indem es seine Gedanken in dem Wiederfinden bestimmter Wahrheiten verfehlt, hat es sich oft zu seinem Schutz zu Sekten gebildet. Es hat nur einige wenige Epaphrasse in der Versammlung gegeben, die allezeit in den Gebeten für die Heiligen ringen konnten, dass sie vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes stehen (siehe Kol 4,12).

Nachdem die sieben Tage des Festes vollendet waren, gab es „eine Festversammlung nach der Vorschrift“.4 An diesem Tag, „dem letzten, dem großen Tag des Festes“, an dem Jesus „rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir uns trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies aber“, schreibt Johannes, „sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh 7,37–39). Die Zeit war noch nicht gekommen, dass Jesus sich der Welt zeigte, wie Er es tun wird, wenn das Laubhüttenfest prophetisch erfüllt ist. Doch in der Zwischenzeit, wo Er seinen Platz in der Herrlichkeit eingenommen hat, wird Er den Durst jeder durstigen Seele stillen, die zu Ihm kommt, und darüber hinaus durch den innewohnenden Geist dafür sorgen, von Strömen lebendigen Wassers zu fließen, um die ihn Umgebenden zu erfrischen. Das Wasser floss aus dem Felsen. Der Herr lehrt hier also die Juden, dass ihr Laubhüttenfest (siehe V. 2) nichts als eine leere Tradition war, solange der Messias noch nicht gekommen war, oder besser solange Er verworfen war (Joh 1,11).5

Fußnoten

  • 1 Wir zitieren die Worte eines anderen: „In Wirklichkeit war es die Posaune Gottes, obwohl es dem Volk nicht bewusst war, die sie zu dem neuen Mond versammelte, der wieder in Gnaden schien, welche Wolken auch immer sein schwaches Licht verschleiert haben mögen.“
  • 2 In einem Zustand geistlicher Dürre und Niedergangs wird oft angemerkt, dass das Volk Gottes während des Lobpreises oder Gebets körperlich bequeme Haltungen einnehmen soll. Doch in dem Moment, in dem es eine Darstellung der Kraft des Geistes gibt, ändert sich alles, und die, die am meisten unter seinem Einfluss stehen, werden unverzüglich ihre Körperhaltung anpassen (entweder knien oder stehen), was am ehesten zeigt, was der Gegenwart Gottes angemessen ist.
  • 3 Es ist oft angemerkt worden, dass während das Passah sein Gegenbild im Kreuz und Pfingsten in dem Herabkommen des Heiligen Geistes findet, das Laubhüttenfest keine Erfüllung hat. Der Grund dafür ist, wie oben beschrieben, dass es das Ende der Wege Gottes mit Israel darstellt, und dieses ist noch nicht erreicht. Darüber hinaus ist Christus jetzt verborgen – wenn die Erfüllung des Laubhüttenfestes kommt, wird Er sich der Welt zeigen (siehe Joh 7).
  • 4 Für Einzelheiten bezüglich der Einhaltung dieses Tages, sowie des gesamten Festes, siehe 4. Mose 29,2–39.
  • 5 Es ist bemerkenswert, dass weder in Esra noch in Nehemia, obwohl in beiden Fällen das Gedächtnis des Posaunenhalls und das Laubhüttenfest eingehalten wurden, die Befolgung des großen Versöhnungstages Erwähnung findet, der am zehnten Tag des siebten Monats, d. h. zwischen den beiden oben genannten Festen, begangen werden sollte.
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