Kapitel 2

Dieses Kapitel ist in zwei Abschnitte unterteilt. Erstens finden wir die Aufzeichnung der Art und Weise, in der Gott das Gebet seines Knechtes beantwortete und das Herz des Königs dazu bewegte, für alles zu sorgen, was für Nehemias Reise und seinen Auftrag nötig war (Verse 1–8). Dann folgt eine kurze Beschreibung seiner Reise nach Jerusalem und der Wirkung, die diese in bestimmten Gegenden auslöste (Verse 8–11). Als nächstes beschreibt Nehemia seine nächtliche Begutachtung des Zustandes der Stadtmauern sowie seine Beratung mit den Vorstehern über das Vorhaben, dass er ins Auge gefasst hatte (Verse 12–18). Schließlich lesen wir von dem Widerstand der Feinde des Volkes Gottes und Nehemias Antwort darauf (Verse 19–20).

„Und es geschah im Monat Nisan, im zwanzigsten Jahr des Königs Artasasta, als Wein vor ihm war, da nahm ich den Wein und gab ihn dem König; ich war aber nie traurig vor ihm gewesen. Und der König sprach zu mir: Warum ist dein Angesicht traurig? Du bist doch nicht krank! Es ist nichts anderes als Traurigkeit des Herzens. Da fürchtete ich mich sehr“ (2,1–2).

Es ist überaus interessant, die Art und Weise zu betrachten, in der Gott die Erfüllung des Wunsches Nehemias herbeiführt. Vier Monate waren vergangen, seitdem er das Gebet in Kapitel 1 an Gott gerichtet hatte. Mit Sorgfalt gibt er uns die genauen Zeitpunkte an. Im Monat Kislew (entspricht unserem November) hatte er gebetet, und im Monat Nisan (entspricht unserem März) erhielt er die Antwort. Während dieser Zeit muss er als Mann des Glaubens in täglicher Erwartung auf Gott geharrt haben. Er konnte nicht vorhersehen, wie die Antwort kommen würde, doch er wusste, dass Gott eingreifen konnte, wann und wie Er wollte. Und so, um einen hebräischen Ausdruck zu verwenden, „wartete er im Dienst“. Auf diese Weise prüft Gott den Glauben seines Volkes, während Er ihn gleichzeitig stärkt. Er wartet, während sein Volk wartet. Doch wenn Er wartet, tut Er dies nur, um sein Volk zu vollkommenerer Abhängigkeit von Ihm zu führen und so die Herzen der Menschen mehr auf die Segnung vorzubereiten, die Er geben möchte. Und wenn Er eingreift, tut Er dies (wie auch hier) auf eine so stille und unbemerkte Weise – unbemerkt von allen, aber nicht von den Augen des Glaubens –, dass es einen geübten Glauben braucht, um seine Gegenwart zu erkennen. Dennoch, wie natürlich ist – oberflächlich betrachtet – die Art, auf die Artasasta dazu bewegt wird, Nehemia die Erlaubnis zum Besuch Jerusalems zu geben. Doch wir sollten daran denken, dass Nehemia von Gott „Barmherzigkeit vor diesem Mann“ erbeten hatte. Lasst uns die Begebenheit genauer betrachten.

Zu Beginn des Kapitels finden wir Nehemia beschäftigt mit den Pflichten seines Amtes – als Mundschenk des Königs. Er „nahm ... den Wein und gab ihn dem König“, doch sein Herz war mit anderen Dingen beschäftigt, denn es war mit unsäglichem Kummer über den Zustand seines Volkes belastet. Aber Wein und Traurigkeit passen nicht zusammen, denn Wein macht nach der Schrift das Herz des Menschen fröhlich. Für den König war es daher nicht zu ertragen, dass sein Mundschenk zu einem solchen Anlass ein besorgtes Gesicht aufsetzte. Es zerstörte sein eigenes Vergnügen. Und Nehemia bezeugt, dass er „nie traurig vor ihm gewesen“ war. Der König ergrimmte daher und sprach: „Warum ist dein Angesicht traurig? Du bist doch nicht krank! Es ist nichts anderes als Traurigkeit deines Herzens.“ „Da fürchtete ich mich sehr“, sprach Nehemia. Und er hatte allen Grund dazu, denn für eine solche Stimmung hätte Artasasta ihn als orientalischer Herrscher auf der Stelle zum Tod verurteilen können. Doch trotz der Angst erhielt Gott ihm seine Geistesgegenwart und führte ihn dazu, den Grund seines Kummers einfach und ehrlich aus der Fülle seines Herzens zu erzählen.

„Und ich sprach zum König: Der König lebe ewig! Warum sollte mein Angesicht nicht traurig sein, da die Stadt, die Begräbnisstätte meiner Väter, wüst liegt und ihre Tore vom Feuer verzehrt sind? Und der König sprach zu mir: Um was bittest du denn? Da betete ich zu dem Gott des Himmels“ (2,3–4).

Der König war nicht unwissend über die Ursache des Kummers seines Mundschenks, denn er hatte bereits Esra erlaubt, hinaufzuziehen, um den Tempel zu bauen. Auch hatte er selbst Gold und Silber gegeben, um sein Vorhaben zu unterstützen. Und Gott benutzte Nehemias einfache Worte, um das Interesse des Königs erneut auf den Zustand Jerusalems zu lenken. Er fragt: „Um was bittest du denn?“ Sicherlich hätten die meisten sich beeilt, dem König zu antworten, bestärkt durch die Schlussfolgerung, dass er die gewünschte Unterstützung gewähren würde, nachdem er eine solche Frage stellt. Nicht jedoch Nehemia, und dies bringt eine besondere Charaktereigenschaft von ihm zum Vorschein. Er sagt: „Da betete ich zu dem Gott des Himmels“, und erst danach stellt er seine Bitte vor. Wir sollten daraus nicht ableiten, dass er den König warten ließ – in keinster Weise. Doch es ist beachtenswert, dass er sich an seinen Gott wandte, bevor er seinem Meister antwortete – er betete zu dem Gott des Himmels. Er erkennt somit an, dass er auf die Weisheit angewiesen ist, das Richtige zu sagen, und enthüllt die besondere Eigenschaft, die einmal jemand beschrieb als „ein Herz, das sich gewohnheitsmäßig an Gott wandte“. Wir sollten alle dieselbe Gnade suchen, denn sicherlich ist es zu jeder Zeit zum Segen, so in der Abhängigkeit von Gott zu leben, dass wir uns in Gegenwart von Schwierigkeiten, Verlegenheiten und Gefahren für die nötige Weisheit, Führung und Hilfe ganz selbstverständlich an den Herrn wenden. Wenn dies der Fall ist, wird uns die Gegenwart Gottes bewusster sein als die Gegenwart von Menschen.

Nachdem er also gebetet hat, stellt Nehemia seine Bitte:

„Und ich sprach zum König: Wenn es der König für gut hält und wenn dein Knecht wohlgefällig vor dir ist, so bitte ich, dass du mich nach Juda sendest zur Stadt der Begräbnisse meiner Väter, damit ich sie wieder aufbaue. Da sprach der König zu mir – und die Königin saß neben ihm –: Wie lange wird deine Reise dauern, und wann wirst du zurückkehren? Und es gefiel dem König, mich zu senden; und ich gab ihm eine Frist an. Und ich sprach zum König: Wenn es der König für gut hält, so gebe man mir Briefe an die Statthalter jenseits des Stromes, dass sie mich durchziehen lassen, bis ich nach Juda komme; und einen Brief an Asaph, den Hüter des königlichen Forstes, dass er mir Holz gebe, um die Tore der Burg, die zum Haus gehört, mit Balken zu versehen und für die Mauer der Stadt, und für das Haus, in das ich ziehen werde. Und der König gab es mir, weil die gute Hand meines Gottes über mir war“ (2,5–8).

Der König (der zu diesem Zeitpunkt die Königin neben sich sitzen hatte), gewährt mit einem Mal Nehemias Bitte, nachdem er erfragt hat, wie lange er vorhatte abwesend zu sein. Nehemia nimmt seine Gelegenheit wahr – die Gelegenheit, die Gott gewährt hatte. Gestärkt durch seinen Glauben und mit wachsendem Mut wagt er es, um königliche Briefe „an die Statthalter jenseits des Stromes“ zu bitten, „dass sie mich durchziehen lassen, bis ich nach Juda komme; und einen Brief an Asaph, den Hüter des königlichen Forstes, dass er mir Holz gebe, um die Tore der Burg, die zum Haus gehört, mit Balken zu versehen und für die Mauer der Stadt, und für das Haus, in das ich ziehen werde“. Seine Anliegen waren klar und deutlich: Die Erneuerung der Burg, die für den Schutz des Tempels wichtig war, der Wiederaufbau der Stadtmauern und die Errichtung eines Hauses, das für die Aufgaben seines Amtes geeignet war. „Und“, lesen wir weiter, „der König gab es mir, weil die gute Hand meines Gottes über mir war“. Er hatte vor Gott die Wünsche seines Herzens ausgeschüttet – Wünsche, die Gott selbst hervorgerufen hatte. Er hatte in Gegenwart des Königs Führung und Kraft von Gott erbeten, und jetzt zeigt Gott, dass Er für seinen Diener eintritt, indem Er den König dazu bringt, für alles zu sorgen, was für den Erfolg der Arbeit notwendig war. Und Nehemia erkennt dies: „... weil die gute Hand meines Gottes über mir war“.

Es ist gut für uns, dieses Prinzip der Wege Gottes mit seinem Volk zu beachten. Wenn Er den Wunsch nach einem Dienst in unsere Herzen legt – einem Dienst zu seiner Ehre – wird Er mit Sicherheit vor uns den Weg dahin öffnen. Wenn es wirklich sein Werk ist, wonach wir trachten, wird Er uns befähigen, es auf seine eigene Weise und zu seiner Zeit auszuführen. Die Tür kann verschlossen und verriegelt erscheinen, aber wenn wir auf Ihn harren, „der öffnet, und niemand wird schließen“ (Off 3,7), werden wir erfahren, dass sie sich uns plötzlich öffnen wird, sodass wir ohne Hinderung hindurchgehen können. Es könnte keine schwierigere Lage geben als die Nehemias, aber der Herr, der sein Herz mit der Bedrängnis seines Volkes berührt hatte, beseitigte alle Hindernisse und befreite ihn für seinen Liebesdienst in Jerusalem. „Harre auf den Herrn! Sei stark und dein Herz fasse Mut, und harre auf den Herrn!“ (Ps 27,14).

„Und ich kam zu den Statthaltern jenseits des Stromes und gab ihnen die Briefe des Königs. Der König hatte aber Heeroberste und Reiter mit mir gesandt“ (2,9).

Nehemia verlor bei der Ausführung seines Vorhabens keine Zeit. Er wusste die Gelegenheit auszunutzen, denn er fügt hinzu: „Und ich kam zu den Statthaltern jenseits des Stromes und gab ihnen die Briefe des Königs.“ Doch er war nicht allein losgezogen, sondern er wurde begleitet von Heerobersten und Reitern. Hierin liegt ein großer Unterschied zwischen seiner Reise und der Reise Esras nach Jerusalem. Esra bat den König nicht um eine militärische Begleitung, da er dem König gegenüber sein Vertrauen in Gott zum Ausdruck gebracht hatte (Esra 8,22). Gott hatte sein Vertrauen uneingeschränkt belohnt, indem Er ihn und seine Gefährten „vor der Hand des Feindes und des am Weg Lauernden“ gerettet hatte (Esra 8,31). Nehemia war nicht mit einem solch schlichten Glauben ausgestattet, aber er war dennoch ein gottesfürchtiger und aufrichtiger Mann, und so reiste er mit dem Prunk und den Annehmlichkeiten eines königlichen Statthalters. Dafür war es auf diese Weise leichter, den Respekt der Welt und die Unterstützung der königlichen Diener zu sichern. Doch direkt bei seiner Ankunft zeigte sich bereits ein Anzeichen von Widerstand gegen sein Vorhaben – ein Widerstand, der wuchs und sich ihm bei jedem Schritt entgegenstellte, denn es handelte sich in Wirklichkeit um den Widerstand Satans gegen das Werk Gottes. Zunächst schien es sich um eine sehr kleine Angelegenheit zu handeln. Es heißt:

„Und als Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, es hörten, verdross es sie sehr, dass ein Mensch gekommen war, um das Wohl der Kinder Israel zu suchen“ (2,10).

Warum hätten sie bekümmert sein sollen? Die Nationalität Sanballats ist unbekannt, wahrscheinlich war er ein Moabiter, und sein Knecht war ein Ammoniter, von denen wir lesen: „Kein Ammoniter und Moabiter soll in die Versammlung des HERRN kommen ... in Ewigkeit“ (Neh 13,1; 5. Mo 23,3–6). Sie waren daher die unerbittlichen Feinde Israels. Dadurch waren sie die geeigneten Werkzeuge Satans und standen von Natur aus jedem Bemühen zur Verbesserung der Umstände des von ihnen verachteten Volkes feindlich gegenüber. Und tatsächlich wurde Satans Ziel im Abfall des Volkes erreicht. Solange es in Vergessenheit seines wahren Platzes und Charakters lebt, sich selbst mit der Welt verbindet und ihre Gewohnheiten und Bräuche übernimmt, wird Satan ein vermeintlicher Freund sein. Aber in dem Moment, wo ein Mann Gottes auftritt und versucht, es zu den Geboten Gottes und seiner Wahrheit zurückzuführen, erwacht Satan zu einem aktiven Feind. Nicht dass dies immer offen eingestanden wird. In dem vor uns liegenden Fall „verdross“ es seine Diener lediglich. Sicherlich waren sie verdrossen darüber, dass der Friede zwischen Israel und seinen Feinden gestört werden sollte. Denn die Treuen inmitten des Volkes Gottes, wie einst Elia, werden immer als Aufrührer Israels betrachtet – Aufrührer, weil sie inmitten des Bösen für Gott einstehen. So kam es, dass es Sanballat und Tobija „verdross“, als Nehemia ankam. Wie wir noch sehen werden, war ihr Hass so bitter, dass sie keine Arbeit scheuten, um sein Werk zu verhindern und sogar seinen Tod zu planen. Bis hierher wird jedoch lediglich die Tatsache ihrer Verdrossenheit bemerkt, doch der Geist Gottes zeigt uns damit die Listigkeit Satans und die Vorgehensweise seines Wirkens.

„Und ich kam nach Jerusalem und war drei Tage dort. Und ich machte mich in der Nacht auf, ich und wenige Männer mit mir; ich hatte aber keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir ins Herz gegeben hatte, für Jerusalem zu tun; und kein Tier war bei mir, außer dem Tier, auf dem ich ritt“ (2,11–12).

Als nächstes folgt die Beschreibung der Begutachtung des Zustands Jerusalems, die Nehemia vornimmt. Nach drei Tagen sagt er: „Und ich machte mich in der Nacht auf“, als die Last seines Auftrags schwer auf seiner Seele lag, sodass er nicht schlafen konnte. „Ich und wenige Männer mit mir; ich hatte aber keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir ins Herz gegeben hatte, für Jerusalem zu tun; und kein Tier war bei mir, außer dem Tier, auf dem ich ritt.“ Diese einfache Aussage enthüllt die Eigenschaften eines treuen Dieners. Zunächst bekennt er die Quelle des Antriebs zu seinem Werk. Gott hatte den Gedanken dazu auf sein Herz gelegt. Diese Sicherheit ist das Geheimnis aller Kraft und Ausdauer im Dienst. So sprach der Herr zu Josua: „Habe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig?“ (Jos 1,9). Dann konnte Nehemia, wie bereits bemerkt, nicht schlafen, bis er mit seinen Arbeiten begonnen hatte. Das Werk Gottes erlaubt keine Verzögerungen. Dieser Grundsatz findet sich auch in dem Auftrag unseres gesegneten Herrn an seine Jünger: „Grüßt niemand auf dem Weg“ (Lk 10,4). Als Er sie aussandte, sollten sie unentwegt ihrem Auftrag folgen. So fühlte auch Nehemia. Und so macht er sich bei der ersten Gelegenheit auf, um die Art und das Ausmaß des Werkes zu erkunden, dessen Ausführung Gott ihm aufs Herz gelegt hatte.

Er berichtet uns weiter, dass er sein Geheimnis niemandem erzählt hatte. Dies hätte in der Tat auf allen Seiten Hindernisse hervorrufen können. Wenn der Herr einem seiner Diener ausdrücklich einen Dienst auferlegt, ist häufig nichts gefährlicher als die Beratung mit anderen. Der Glaube vertraut auf Ihn, der zu dem Werk befähigt und die zur Ausführung benötigte Kraft und Weisheit schenkt. Beratung mit anderen führt oft zu vielen Fragen, wie z. B. „Ist das möglich?“, „Ist es weise?“ oder „Ist es der richtige Zeitpunkt?“. Das Ergebnis ist, dass der Glaube unter dem Einfluss vieler ermattet und Zweifel angeregt werden, wenn er nicht durch Vorsicht und Vernunftschlüsse gänzlich erlischt. Wenn die Zeit gekommen ist, einen Auftrag auszuführen, können Helfer begrüßt werden, aber bis alles nach der Weisung des Glaubens vorbereitet ist, muss das Geheimnis zwischen der eigenen Seele und Gott bewahrt werden.

„Und ich zog in der Nacht durchs Taltor hinaus auf die Drachen-Quelle zu und zum Misttor; und ich besichtigte die Mauern Jerusalems, die niedergerissen, und seine Tore, die vom Feuer verzehrt waren. Und ich zog hinüber zum Quellentor und zum Königsteich, und es war kein Platz zum Durchkommen für das Tier, das unter mir war. Und ich zog in der Nacht das Tal hinauf und besichtigte die Mauer, und ich kam wieder durchs Taltor herein und kehrte zurück“ (2,13–15).

In den Versen 13–15 finden wir die Beschreibung der Besichtigungsreise Nehemias und des Zustands, in dem er die Mauern und Tore der Stadt findet – ein Zustand, der exakt mit dem Bericht übereinstimmt, der ihm in Susan erstattet worden war (vgl. 2,13 mit 1,3). Niemand ahnte etwas von Nehemias Vorhaben, denn er fügt hinzu:

„Die Vorsteher wussten aber nicht, wohin ich gegangen war und was ich tat; denn ich hatte den Juden und den Priestern und den Edlen und den Vorstehern und den Übrigen, die das Werk taten, bis dahin nichts mitgeteilt“ (2,16).

Er führte seine Begutachtung im Stillen aus – allein mit Gott (auch wenn einige Begleiter bei ihm waren) – und schöpfte in der Einsamkeit dieser ereignisreichen Nacht Kraft aus der Gemeinschaft mit Ihm. Und wenn sein Herz von der Trostlosigkeit der Heiligen Stadt berührt wurde, so war dies doch nur ein schwaches Abbild des Erbarmens und Mitgefühls des HERRN für den Ort, den Er selbst auserwählt hatte, und an dem Er in den Zeiten der Könige zwischen den Cherubim auf dem Thron der Gnade gewohnt hatte.

Alles war nun vorbereitet, und folglich finden wir als nächstes, dass Nehemia die Vorsteher in sein Vertrauen zog. In Bezug auf das Werk selbst konnte er von niemandem einen Rat annehmen, denn er hatte seinen Auftrag von Gott erhalten. Doch jetzt, wo es nur noch eine Frage seiner Ausführung war, konnte er die Hilfe und Begleitung anderer begrüßen. Dies ist immer der Weg des Glaubensmannes. Er kann seine Absichten nicht verändern oder abwandeln, aber er erfreut sich daran, sich mit anderen zu verbinden, wenn sie gewillt sind, das von ihm ins Auge gefasste Werk in Abhängigkeit vom Herrn voranzubringen. Nehemia spricht daher zu den Vorstehern und den Übrigen:

„Und ich sprach zu ihnen: Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, dass Jerusalem wüst liegt und seine Tore mit Feuer verbrannt sind. Kommt und lasst uns die Mauer Jerusalems wieder aufbauen, damit wir nicht länger zum Hohn sind! Und ich teilte ihnen mit, dass die Hand meines Gottes gütig über mir gewesen war, und auch die Worte des Königs, die er zu mir geredet hatte. Da sprachen sie: Wir wollen uns aufmachen und bauen! Und sie stärkten ihre Hände zum Guten“ (2,17–18).

In dieser Ansprache wird auch deutlich, dass Nehemias Herz schmerzlich unter dem Zustand seines Volkes und seiner Stadt litt. Es war der Bericht dessen, der ihn zuerst dazu gebracht hatte, sich in der Gegenwart Gottes tief zu beugen (1,3.4). Die Worte, die damals gebraucht worden waren, schienen sich ihm unauslöschlich ins Herz gebrannt zu haben, denn wie wir gesehen haben, verwendet er sie erneut in Vers 13 und jetzt in seiner Ansprache an das Volk. In seinem Eifer für den Herrn und für Jerusalem war es für ihn unerträglich, dass sein auserwähltes Volk vor den umliegenden Heiden in einer solchen Schande lag. Sein sehnliches Verlangen war es, die Mauer der Absonderung wiederaufzubauen und durch die Aufrichtung der Tore Recht und Gerechtigkeit in ihrer Mitte wiederherzustellen. Warum sollte der Eber aus dem Wald den Wein, den Gott in seiner Gnade noch einmal gepflanzt hatte, weiter zerwühlen und das Wild des Feldes ihn weiter abweiden (Ps 80,14)?

Dann, nachdem er seine Zuhörer zum Bauen ermutigt hatte, berichtete er ihnen von der Hand Gottes, die gütig über ihm gewesen war und von der Erlaubnis des Königs, das Werk zu tun, das die Hand Gottes ihm auferlegt hatte (denn durch die Anordnung Gottes als Folge seiner Gerichtswege waren sie alle der königlichen Autorität untergeben). Gott wirkte durch die Worte seines Dieners und rief eine willige Antwort in ihren Herzen hervor, so dass sie riefen: „Wir wollen uns aufmachen und bauen!“ Wenn wir in Bezug auf unseren Dienst in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes sind, wird Er es niemals versäumen, uns die nötigen Helfer zu senden. „Dein Volk wird voller Willigkeit sein am Tag deiner Macht“ (Ps 110,3). Worte, die einen Grundsatz für alle Haushaltungen enthalten, denn es ist immer wahr, dass Gott willige Herzen zur Ausführung seiner Pläne vorbereitet, wenn Er zur Erreichung eines Ziels in Macht vorangeht. Und so „stärkten [sie] ihre Hände zum Guten“, denn es war ihnen klar gemacht worden, dass das Werk von Gott kam.

Dieses Wirken des Geistes Gottes erregte erneut den Widerstand des Feindes. Wann immer Gott wirkt, arbeitet Satan dagegen. So auch hier:

„Als aber Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, und Geschem, der Araber, es hörten, spotteten sie über uns und verachteten uns und sprachen: Was ist das für eine Sache, die ihr tun wollt? Wollt ihr euch gegen den König empören?“ (2,19).

Zusätzlich zu dem Moabiter und dem Ammoniter finden wir jetzt einen Araber – jede Form des Fleisches (denn um nichts anderes handelte es sich) erhob sich gegen den Geist und setzte sich durch die Geschicklichkeit und Raffiniertheit Satans in Bewegung. Es ist zu bemerken, dass der Widerstand nun einen anderen Charakter annimmt. Zuerst waren Sanballat und Tobija über das Einschreiten Nehemias sehr verdrossen. Sie gaben vor zu bedauern, dass er kommen und den Frieden stören sollte, der zwischen Israel und den Heiden geherrscht hatte. Doch nun „spotteten sie über uns und verachteten uns“. In der Hand des Feindes ist eine Waffe so gut wie die andere. Als sie sahen, dass ihr Verdruss die Absichten Nehemias nicht beeinflusst hatte, versuchen sie es mit Spott und Verachtung. Gleichzeitig versuchen sie, wenn möglich, Angst zu erzeugen, indem sie ihnen den Vorwurf der Rebellion unterstellen. Sicherlich müssen wir die Listen und Methoden Satans kennen, denn er versteht es, an jeder nur möglichen Empfindung des natürlichen Menschen anzuknüpfen. Nehemia, der stark war in der Gewissheit des Schutzes Gottes und wusste, dass er sich auf dem Weg des Gehorsams befand, war gegen alle seine Listigkeiten befestigt.

„Und ich gab ihnen Antwort und sprach zu ihnen: Der Gott des Himmels, er wird es uns gelingen lassen; und wir, seine Knechte, wollen uns aufmachen und bauen. Ihr aber habt weder Teil noch Recht noch Gedächtnis in Jerusalem“ (2,20).

„Widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen“, schreibt der Apostel Jakobus (Jak 4,7). Und Nehemia widerstand ihm mit einem kühnen Bekenntnis des Namens seines Gottes und des Vertrauens in seine schützende Fürsorge. Gleichzeitig gab er Gottes Aussagen über seine Knechte wieder und weist die Anrechte des Feindes an irgendeinem Recht oder Interesse an der Heiligen Stadt gänzlich zurück. Nichts gleicht der Kühnheit angesichts des Feindes, doch dieser kann nur einem göttlichen Mut entspringen, erzeugt durch die Gewissheit: „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ (Röm 8,31).

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