Betrachtung über 1.Thessalonicher (Synopsis)

Kapitel 5

Betrachtung über 1.Thessalonicher (Synopsis)

Die Wiederkunft des Herrn in diese Welt hat also für den Gläubigen einen ganz anderen Charakter als den eines unbestimmten Wartens auf eine Zeit der Herrlichkeit. Im 5. Kapitel spricht der Apostel von dieser Wiederkunft, aber zu dem Zweck, um den Unterschied zu zeigen zwischen der Stellung der Christen und derjenigen der sorglosen und ungläubigen Bewohner der Erde. Der lebendige und vom Herrn unterwiesene Christ erwartet immer seinen Herrn. Es gibt „Zeiten und Zeitpunkte“; allein es ist nicht nötig, mit ihm darüber zu reden. Aber (und er weiß es) der Tag des Herrn wird kommen, und zwar wie ein Dieb in der Nacht, doch nicht für ihn: er ist von dem Tag; er hat teil an der Herrlichkeit, die erscheinen wird, um das Gericht über die ungläubige Welt auszuführen. Die Gläubigen sind Kinder des Lichts; und dieses Licht, welches das Gericht der Ungläubigen bedeutet, ist der Ausdruck der Herrlichkeit Gottes – eine Herrlichkeit, die das Böse nicht dulden kann und, wenn sie erscheint, es von der Erde verbannen wird. Der Christ ist von dem Tag, der die Bösen und das Böse selbst richten und von der Erde vertilgen wird. Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit, und „die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“.

Die Welt wird sagen: „Friede und Sicherheit“; sie wird in aller Sorglosigkeit an die Dauerhaftigkeit ihres Glücks und das Gelingen ihrer Pläne glauben, und der Tag wird sie plötzlich überfallen (vgl. 2. Pet 3, 3). Der Herr selbst hat es oft bezeugt (Mt 24, 36–44; Mk 13, 33–36; Lk 12, 40  usw.; Lk 17, 26 usw. Lk 21, 35. 36). Es ist eine höchst ernste Sache, in Off 3, 3 zu sehen, dass die bekennende Kirche, die da sagt, dass sie lebe und in der Wahrheit stehe, wenn sie auch nicht den Charakter des Verderbens von Thyatira trägt, dennoch wie die Welt behandelt werden wird – wenigstens wenn sie nicht Buße tut.

Man wird sich vielleicht darüber wundern, dass der Herr von einer Zeit, wie jene sein wird, gesagt hat, dass die Menschen verschmachten werden vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen sollen (Lk 21, 26). Aber wir sehen, dass diese beiden Grundsätze, Sicherheit und Furcht, jetzt schon vorhanden sind. Fortschritte, Erfolge, die lange Fortdauer einer neuen Entwicklung der menschlichen Natur – das sind die Dinge, von denen die reden, die über die Ankunft des Herrn spotten. Und doch bei alledem, was für eine Furcht vor der Zukunft lastet zu gleicher Zeit auf ihren Herzen! Ich gebrauche das Wort „Grundsätze“, weil ich nicht glaube, dass der Augenblick, von dem der Herr spricht, schon gekommen ist. Aber der Schatten der kommenden Ereignisse fällt auf das Herz. Glückselig alle, die einer anderen Welt angehören!

Der Apostel wendet diesen Unterschied zwischen der Stellung der Gläubigen und der Unbekehrten – nämlich dass die ersteren von dem Tag sind, und dieser sie deshalb nicht wie ein Dieb überfallen kann – auf den Charakter und Wandel des Christen an. Weil er ein Kind des Lichtes ist, soll er als ein solches wandeln. Er lebt am Tag, obwohl alles um ihn her Nacht und Finsternis ist. Man schläft nicht am Tag. Die da schlafen, schlafen des Nachts; die da trunken sind, sind des Nachts trunken: das sind die Werke der Finsternis. Ein Christ, das Kind des Tages, soll wachen und nüchtern sein, indem er sich mit allem bekleidet, was die Vollkommenheit jenes Zustandes ausmacht, der seiner Stellung angehört: nämlich Glauben, Liebe und Hoffnung, d. i. mit Grundsätzen, die Mut einflößen und ihm Vertrauen geben, vorwärts zu eilen. Er hat den Brustharnisch des Glaubens und der Liebe; er geht daher stracks dem Feind entgegen. Er hat als seinen Helm die Hoffnung dieses herrlichen Heils, das ihm gänzlich Befreiung bringen wird, so dass er sein Haupt ohne Furcht inmitten der Gefahr emporheben kann. Wir sehen, dass der Apostel hier die drei großen Grundsätze von 1. Kor 13  in Erinnerung bringt, um den Mut und die Standhaftigkeit des Christen zu kennzeichnen, so wie er im Anfang seines Briefes gezeigt hat, dass sie für die Thessalonicher die Hauptquelle des täglichen Wandels bildeten. Glaube und Liebe verbinden uns naturgemäß mit Gott, so wie Er sich in Jesus offenbart hat; sie sind die Grundsätze der Gemeinschaft, so dass wir mit Vertrauen auf Ihn wandeln: Seine Gegenwart gibt uns Kraft. Durch den Glauben ist Er der herrliche Gegenstand vor unseren Augen. Durch die Liebe wohnt Er in uns und verwirklichen wir, was Er ist. Die Hoffnung richtet unsere Augen besonders auf Christus, der da kommt, um uns mit sich in den Genuss der Herrlichkeit einzuführen.

Der Apostel kann deshalb sagen: „Denn Gott hat uns nicht zum Zorn gesetzt“ (die Liebe wird durch den Glauben verstanden; man weiß, was Gott will, man kennt seine Gedanken über uns), „sondern zur Erlangung der Seligkeit.“ Das ist es, was wir hoffen; und er spricht von der Seligkeit als der endlichen Befreiung „durch unseren Herrn Jesus Christus“, und fügt dementsprechend hinzu: „der für uns gestorben ist, damit wir, sei es dass wir wachen oder schlafen“ (d. h. bei seiner Ankunft noch leben, oder schon gestorben sind), „zusammen mit ihm leben“. Der Tod beraubt uns dieser Befreiung und Herrlichkeit nicht; denn Jesus ist gestorben. Der Tod ist das Mittel geworden, um sie für uns zu erwerben; und wenn wir sterben, so werden wir auch mit Ihm leben. Er ist für uns, an unserer Statt, gestorben, damit wir, was auch geschehen möge, mit Ihm leben. Alles, was uns hinderte, mit Ihm zu leben, ist aus dem Weg geräumt und hat seine Kraft für uns verloren, ja, mehr als seine Kraft verloren: es ist eine Bürgschaft für unseren ungehinderten Genuss des vollen Lebens Christi in Herrlichkeit geworden, so dass wir einander ermuntern können, ja, noch mehr, dass ein jeder von uns den anderen erbauen kann mit diesen herrlichen Wahrheiten, durch die Gott allem, was uns mangelt, und allen unseren Bedürfnissen begegnet. Damit (V. 10) haben wir das Ende der in 1. Thes 4,13  begonnenen besonderen Offenbarung hinsichtlich derer erreicht, die vor der Ankunft des Herrn Jesus entschlafen.

Ich möchte an dieser Stelle die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Art und Weise lenken, in welcher der Apostel in den verschiedenen Kapiteln dieses Briefes von der Ankunft des Herrn redet. Es wird uns nicht entgangen sein, dass der Geist hier die Versammlung nicht als einen Leib darstellt. Leben ist der Gegenstand, und deshalb das Leben eines jeden Christen persönlich; gewiss ein höchst wichtiger Punkt.

Im 1. Kapitel wird die Erwartung des Herrn in einer allgemeinen Weise vorgestellt, als den Charakter eines Christen bezeichnend: die Thessalonicher waren bekehrt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten. Hier handelt es sich um den Gegenstand selbst, um die Person des Herrn. Gottes eigener Sohn wird kommen und jeden Wunsch des Herzens befriedigen. Das ist weder sein Königtum noch das Gericht noch selbst die Ruhe. Es ist der Sohn Gottes, und dieser Sohn Gottes ist Jesus, auferweckt aus den Toten, der uns errettet von dem kommenden Zorn; denn der Zorn kommt. Jeder Gläubige erwartet deshalb für sich selbst den Sohn Gottes; er erwartet Ihn aus den Himmeln.

Im 2. Kapitel ist es die Vereinigung mit den Heiligen, die Freude in den Heiligen bei der Ankunft Christi, die der Apostel hervorhebt.

Im 3. Kapitel handelt es sich mehr um die Verantwortlichkeit, um eine Verantwortlichkeit zwar in Freiheit und Freude, aber doch um eine Stellung vor Gott in Verbindung mit dem Wandel und dem Leben des Christen hienieden. Die Erscheinung des Herrn bildet den Maßstab und die Prüfungsstunde der Heiligkeit. Das Zeugnis, das Gott diesem Leben dadurch ausstellt, dass Er ihm seinen naturgemäßen Platz gibt, wird offenbar werden, wenn Christus mit allen seinen Heiligen offenbart wird. Hier ist es nicht sein Kommen für uns, sondern sein Kommen mit uns. Diese Unterscheidung zwischen den beiden Ereignissen findet sich überall. Was irgend sich auf die Verantwortlichkeit bezieht, wird für die einzelnen Christen wie für die Versammlung immer mit der Erscheinung des Herrn in Verbindung gebracht, unsere Freude dagegen mit seinem Kommen zu unserer Aufnahme. In den drei ersten Kapiteln haben wir also zunächst die Erwartung des Herrn in Person, die Erwartung des Sohnes Gottes aus den Himmeln, dann die Liebe, die bei seiner Ankunft bezüglich anderer ihre Befriedigung findet, und schließlich die Heiligkeit in ihrem vollen Wert und ihrer vollen Entfaltung bei seiner Ankunft.

Im 4. Kapitel wird uns nicht die Verbindung des Lebens mit dessen völliger Entfaltung in unserer tatsächlichen Vereinigung mit Christus vor Augen gestellt, sondern der Sieg, über den Tod (der dieser Vereinigung nicht im Weg steht) und zugleich die Stärkung und Befestigung der Hoffnung auf unsere gemeinsame Entrückung von hier, ähnlich derjenigen des Herrn Jesus, um für immer bei Ihm zu sein.

Die den Brief beschließenden Ermahnungen sind kurz. Das mächtige Wirken des Lebens Gottes in jenen teuren Jüngern machte Ermahnungen verhältnismäßig wenig notwendig. Doch sind sie immer gut. Es gab nichts zu tadeln unter ihnen. Glücklicher Zustand! Sie waren vielleicht nicht hinreichend unterwiesen für eine weitgehende Entfaltung der Lehre (der Apostel hoffte, sie zu diesem Zweck zu sehen); allein es war genug Leben vorhanden, ihr persönliches Verhältnis zu Gott war hinreichend wahr und wirklich, um sie auf diesem Boden zu erbauen. Dem, der hat, wird mehr gegeben werden. Der Apostel konnte sich mit ihnen freuen, ihre Hoffnung befestigen und ihr einige Einzelheiten als eine Offenbarung von Gott hinzufügen. Die Versammlung hat zu allen Zeiten Nutzen daraus gezogen.

In dem Brief an die Philipper sehen wir, wie das Leben im Geist sich über alle Umstände erhebt als Frucht einer langen Erfahrung der Güte und Treue Gottes und dadurch seine merkwürdige Kraft in dem Apostel erweist, wenn die Hilfe der Gläubigen ihm fehlte und er selbst in Bedrängnis war und sein Leben nach vierjähriger Gefangenschaft von Seiten eines grausamen Tyrannen bedroht wurde. Inmitten solcher Umstände entscheidet er selbst sein Los den Interessen der Versammlung entsprechend. In solcher Lage kann er den Gläubigen zurufen, sich allezeit in dem Herrn zu freuen. Christus ist alles für ihn; zu leben ist für ihn Christus, zu sterben Gewinn, alles vermag er durch Den, der ihn kräftigt. Das hatte er gelernt. Bei den Thessalonichern sehen wir die Frische der Quelle in der Nähe ihres Ursprungs, die Kraft des ersten Lebensfrühlings in der Seele des Gläubigen, der die ganze Schönheit, Reinheit und Frische seines ersten Grüns zeigte unter dem Einfluss der Sonne, die über den Thessalonichern aufgegangen war und den Saft des Lebens emporsteigen ließ – ein Frühling, dessen erste Triebe noch nicht gelitten hatten durch die Berührung mit der Welt oder durch eine Schwächung des Hinschauens auf die unsichtbaren Dinge.

Der Apostel wünschte, dass die Jünger die erkennen möchten, die unter ihnen arbeiteten und sie in Liebe leiteten und zurechtwiesen, und dass sie dieselben über die Maßen in Liebe achten möchten um ihres Werkes willen. Das Wirken Gottes zieht immer eine von dem Heiligen Geist geleitete Seele an und fordert ihre Aufmerksamkeit und Achtung; auf dieser Grundlage baut der Apostel seine Ermahnung auf. Es ist hier nicht von einem Amt die Rede (wenn es überhaupt ein solches gab), sondern von dem Werk, durch das das Herz angezogen und gefesselt wurde. Die unter den Thessalonichern arbeiteten, sollten als solche gekannt sein: das geistlich gesinnte Herz erkannte diese Wirksamkeit Gottes an. Liebe, Hingebung, das Befriedigen der Bedürfnisse der Seelen, Geduld in deren Behandlung von Seiten Gottes – alles das empfiehlt sich dem Herzen des Gläubigen, und es preist Gott für die Sorge, die Er seinen Kindern widmet. Gott wirkte in dem Arbeiter und in den Herzen der Gläubigen. Sein Name sei gepriesen, dass dies ein stets bleibender Grundsatz ist, dessen Kraft auch nie abnimmt!

Derselbe Geist brachte auch Frieden untereinander hervor – eine Gnade von hohem Wert. Wenn die Liebe das Werk Gottes in dem Arbeiter anerkannte, so achtete sie auch den Bruder als in der Gegenwart Gottes; der Eigenwille war dann nicht wirksam. Diese Verleugnung des eigenen Willens und dieses praktische Bewusstsein von der Wirksamkeit und der Gegenwart Gottes gibt auch Kraft, die Unordentlichen zurechtzuweisen, die Kleinmütigen zu trösten, sich der Schwachen anzunehmen und gegen alle langmütig zu sein. Der Apostel ermahnt die Thessalonicher dazu. Die Gemeinschaft mit Gott gibt uns Kraft zu diesem Werk, und sein Wort leitet uns darin. Keinesfalls sollten sie Böses mit Bösem vergelten, sondern allezeit dem Guten nachstreben gegeneinander und gegen alle. Dieses ganze Verhalten hängt ab von der Gemeinschaft mit Gott, von dem Bewusstsein seiner Gegenwart, die uns über das Böse erhebt. Gott ist über dasselbe erhaben in Liebe, und wir können es sein, wenn wir mit Ihm wandeln.

Das waren die Ermahnungen des Apostels, um das Verhalten der Thessalonicher anderen gegenüber zu leiten. Was ihren persönlichen Zustand betraf, so sollten Freude, Gebet, Danksagung in allen Dingen sie kennzeichnen. Hinsichtlich der öffentlichen Wirkungen des Geistes in ihrer Mitte waren die Ermahnungen des Apostels an diese einfachen und glücklichen Christen ebenfalls kurz. Sie sollten weder die Tätigkeit des Geistes in ihrer Mitte hindern (denn das ist die Bedeutung der Worte: „löscht den Geist nicht aus“) noch das verachten, was Er ihnen selbst durch den Mund des Einfachsten sagen würde, wenn es Ihm gefallen sollte, ihn zu benutzen. Waren sie geistlich, so konnten sie alles prüfen; sie sollten deshalb nicht alles annehmen, was sich ihnen darböte, wenn es selbst in dem Namen des Geistes geschähe, sondern alles prüfen. Sie sollten das Gute festhalten; wer durch den Glauben die Wahrheit des Wortes aufgenommen hat, ist nicht wankelmütig. Man bleibt nicht immer beim Lernen der Wahrheit dessen, was man von Gott gelernt hat. Was das Böse betraf, so sollten sie sich von aller Art desselben fernhalten. So lauteten die kurzen Ermahnungen des Apostels an diese Christen, die sein Herz so sehr erfreuten. Wahrlich, es ist ein schönes Gemälde eines christlichen Wandels, das wir hier in den Mitteilungen des Apostels in so lebendigen Zügen dargestellt finden. Er schließt seinen Brief, indem er sie dem Gott des Friedens befiehlt, damit sie untadelig bewahrt bleiben möchten bis zur Ankunft des Herrn Jesus.

Nach einem Brief wie diesem lag es nahe, dass das Herz des Apostels auf den Gott des Friedens gelenkt wurde; denn wir genießen Frieden in der Gegenwart Gottes, nicht nur Frieden des Gewissens, sondern auch Frieden des Herzens.

Im ersten Teil unseres Briefes haben wir die Tätigkeit der Liebe im Herzen gefunden, mit anderen Worten: Gott gegenwärtig und handelnd in uns, die wir zugleich als Teilhaber der göttlichen Natur betrachtet werden, welche die Quelle jener Heiligkeit ist, die in ihrer ganzen Vollkommenheit vor Gott offenbart werden wird bei der Ankunft Jesu mit allen seinen Heiligen. Hier ist es der Gott des Friedens, von dem der Apostel die Erfüllung dieses Werkes erwartet. Dort war es die Wirksamkeit eines göttlichen Grundsatzes in uns, eines Grundsatzes, der mit der Gegenwart Gottes und unserer Gemeinschaft mit Ihm in Verbindung steht. Hier ist es die vollkommene Ruhe des Herzens, in dem Heiligkeit wohnt. Wenn das Herz keinen Frieden hat, so hat das seinen Grund in der Wirksamkeit der Leidenschaften und des Willens, die durch das Gefühl unserer Ohnmacht, sie befriedigen oder auch nur teilweise befriedigen zu können, verstärkt wird. Aber in Gott ist alles Friede. Er kann in Liebe wirken. Er kann sich verherrlichen, indem Er schafft, was Er will; Er kann in Gericht handeln, um das Böse, das vor seinen Augen ist, hinweg zu tun. Aber Er ruht immer in Sich selbst und kennt sowohl vom Guten wie vom Bösen das Ende von Anfang an; Ihn erschüttert nichts. Wenn Er das Herz erfüllt, so teilt Er uns diese Ruhe mit. Wir können in uns selbst nicht ruhen; wir können die Ruhe des Herzens nicht finden in der Tätigkeit unserer Leidenschaften – mögen diese ohne einen Gegenstand sein, der sie erregt, oder einen Gegenstand haben, auf den sie gerichtet sind – noch können wir ruhen in der zerreißenden und zerstörenden Kraft unseres eigenen Willens. Wir finden unsere Ruhe in Gott; nicht eine Ruhe, die eine Folge der Ermüdung ist, sondern die Ruhe des Herzens im Besitz alles dessen, was wir begehren, und dessen, was selbst unsere Wünsche bildet und sie völlig befriedigt. Wir finden diese Ruhe im Besitz eines Gegenstandes, über den das Gewissen uns nichts vorzuwerfen, sondern nur zu schweigen hat, in der Gewissheit, dass es das höchste Gut ist, dessen das Herz sich erfreut, die höchste und alleinige Autorität, deren Willen es folgt; und dieser Wille ist Liebe gegen uns. Gott teilt Ruhe und Frieden mit. Er wird nie der Gott der Freude genannt. Sicherlich gibt Er uns Freude, und wir sollen uns freuen; aber die Freude schließt etwas von Überraschung, von Unerwartetem, Außergewöhnlichem in sich, wenigstens im Gegensatz zu und infolge von etwas Schlimmem. Der Friede, den wir besitzen, hat nichts, das im Gegensatz zu ihm steht, nichts Beunruhigendes. Er ist tiefer, vollkommener als die Freude. Er ist mehr die Befriedigung einer Natur in dem, was ihr völlig entspricht und worin sie sich entfaltet, ohne dass irgendein Gegensatz notwendig wäre, um die Befriedigung eines Herzens zu erhöhen, das nicht alles hat, was es wünscht oder zu genießen vermag.

So ruht wie schon gesagt, Gott in Sich selbst; Er ist diese Ruhe für Sich selbst. Er gibt uns diesen vollkommenen Frieden und ist selbst dieser Friede für uns. Da dass Gewissen vollkommen ist durch das Werk Christi, der Frieden gemacht und uns mit Gott versöhnt hat, so findet die neue Natur – und folglich das Herz – ihre vollkommene Befriedigung in Gott; der Wille schweigt, und dem Herzen bleibt nichts mehr zu wünschen übrig.

Nicht nur dass Gott unseren Wünschen begegnet, Er ist auch die Quelle neuer Wünsche für den neuen Menschen durch die Offenbarung seiner selbst in Liebe 1. Er ist sowohl die Quelle dieser Natur als auch ihr unendlicher Gegenstand, und das in Liebe. Es ist sein Teil, dies zu sein. Es ist mehr als Schöpfung; es ist Versöhnung, die mehr ist als Schöpfung, weil es in ihr mehr Entfaltung der Liebe, d. h. Entfaltung Gottes gibt; und so kennen wir Gott. Das ist es, was Er wesentlich in Christus ist. In den Engeln verherrlicht Er sich in der Schöpfung; sie sind uns an Kraft überlegen. In den Christen verherrlicht Er sich in der Versöhnung, um sie zu Erstlingen seiner neuen Schöpfung zu machen, wenn Er alle Dinge im Himmel und auf Erden durch Christus versöhnt haben wird. Daher steht geschrieben: „Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen!“ Sie haben seine Natur und seinen Charakter.

In diesen Beziehungen zu Gott entfaltet sich die Heiligung, oder vielmehr Gott entfaltet in diesen Beziehungen zu uns, in Frieden, in seiner Gemeinschaft, die Heiligung, d. i. unsere innere Gleichförmigkeit in Gefühlen und Verständnis (und folglich auch in unserem äußeren Verhalten) mit Ihm und seinem Willen. „Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig.“ Möchte nichts in uns sein, das sich diesem segensreichen, wohltuenden Einfluss des Friedens, den wir in Gemeinschaft mit Gott genießen, entzieht! Möchte keine Macht und keine Kraft in uns etwas außer Ihm anerkennen! Möchte Er in allen Dingen unser Alles sein, so dass nur Er in unserem Herzen regiere! Er hat uns in Christus und durch sein Werk völlig an diesen Platz der Segnung gebracht. Es gibt nichts zwischen uns und Gott als die Ausübung seiner Liebe, den Genuss unseres Glückes und die Anbetung unserer Herzen. Wir sind vor Ihm der Beweis, das Zeugnis und die Frucht der Erfüllung alles dessen, was Er für das Köstlichste hält, was Ihn vollkommen verherrlicht hat, und worin Er seine Wonne, findet. Wir sind der Beweis, das Zeugnis von der Herrlichkeit Dessen, der dies alles erfüllt hat, nämlich der Herrlichkeit Christi und seines Werkes. Wir sind die Frucht der durch Christus vollbrachten Erlösung und die Gegenstände der Befriedigung, die Gott in der Ausübung seiner Liebe fühlen muss.

Ein in Gnade geoffenbarter Gott ist der Gott des Friedens für uns; denn hier findet die göttliche Gerechtigkeit ihre Befriedigung und die Liebe ihre vollkommene Ausübung.

Dann bittet der Apostel, dass Gott in diesem Charakter in uns wirken möge, damit alles in uns Ihm entspreche, der sich uns also offenbart hat. Nur an dieser Stelle wird die Teilung des Menschen in „Leib, Seele und Geist“ gemacht. Der Zweck ist gewiss nicht, den Gegenstand metaphysisch (übersinnlich) darzustellen, sondern um den Menschen in allen Teilen seines Wesens zu bezeichnen:

  1. das Gefäß, den Ausdruck dessen, was er ist,
  2. die natürlichen Empfindungen seiner Seele,
  3. die höheren Wirkungen seines Geistes, durch die er über den Tieren und in einer bewussten geistigen Beziehung zu Gott steht. Möge Gott in einem jeden dieser Teile als die bewegende Kraft, als Quelle und Führer erfunden werden!

Im allgemeinen werden die Wörter „Seele“ und „Geist“ gebraucht, ohne einen Unterschied zwischen ihnen zu machen; denn die Seele des Menschen ist ganz verschieden von der der Tiere gebildet worden, indem Gott den Odem (Geist) des Lebens in die Nase des Menschen hauchte und ihn auf solche Weise zu einer lebendigen Seele gestaltete. Daher genügt es, in Bezug auf den Menschen von Seele zu reden, das andere wird dabei vorausgesetzt. Oder wenn man in diesem Sinn von Geist spricht, so wird der höhere Charakter seiner Seele damit bezeichnet. Auch das Tier hat seine natürlichen Empfindungen und eine lebendige Seele: es beweist Anhänglichkeit, kennt die Personen, die ihm Gutes tun, widmet sich seinem Herrn, liebt ihn und kann sogar sein Leben für ihn lassen. Allein es hat nicht das, was in Verbindung mit Gott stehen kann (was sich Ihm leider auch in Feindschaft zu widersetzen vermag), was sich mit Gegenständen außerhalb seiner eigenen Natur, als Herr über andere, beschäftigen kann.

Der Heilige Geist will also, dass der mit Gott versöhnte Mensch in allen Teilen seines Wesens dem Gott gewidmet sei, der ihn in Verbindung mit sich gebracht hat durch die Offenbarung seiner Liebe und durch das Werk seiner Gnade, und dass nichts in dem Menschen einem Gegenstand Einfluss gestatte, der niedriger steht als die göttliche Natur, deren er teilhaftig ist, so dass er also untadelig bewahrt werde bei der Ankunft Christi.

Beachten wir hier, dass es durchaus nicht unter der neuen Natur in uns ist, unsere Pflichten in all den verschiedenen Verhältnissen, in die Gott uns gestellt hat, treu zu erfüllen, sondern dass es ihr im Gegenteil völlig entspricht. Was uns Not tut ist, Gott in diese Verhältnisse hineinzubringen, seine Autorität sowie das Verständnis, das durch sie mitgeteilt wird. Deshalb werden die Männer ermahnt, bei ihren Frauen zu wohnen „gemäß der Erkenntnis“ oder der Einsicht; d. h. nicht nur mit menschlichen und natürlichen Gefühlen (die, wie die Dinge nun einmal liegen, durch sich selbst nicht imstande sind, den ihnen gebührenden Platz zu behaupten), sondern als vor Gott und in dem Bewusstsein seines Willens. Es ist möglich, dass Gott uns, in Verbindung mit dem außergewöhnlichen Werk seiner Gnade, beruft, uns diesem Werk gänzlich zu widmen; sonst aber wird der Wille Gottes in den Verhältnissen erfüllt, in die Er uns gestellt hat, und göttliche Einsicht und Gehorsam gegen Gott treten in diesen Verhältnissen zutage. Schließlich weist der Apostel darauf hin, dass Gott uns zu diesem Leben der Heiligkeit vor Ihm berufen hat; Er ist treu, und Er wird es erfüllen. Möge Er uns befähigen, Ihm anzuhängen, damit wir es verwirklichen!

Beachten wir hier wieder, wie auf die Ankunft Christi hingewiesen und die Erwartung dieser Ankunft als etwas von dem christlichen Leben Untrennbares vorgestellt wird. „Tadellos“, heißt es, „bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ Das Leben, das sich hienieden in Gehorsam und Heiligkeit offenbart hat, begegnet dem Herrn bei seiner Ankunft; von dem Tod ist nicht die Rede; das Leben, das wir gefunden haben, soll tadellos sein, wenn Er erscheint. Der Mensch, in jedem Teil seines Wesens von diesem Leben beseelt, wird tadellos erfunden werden, wenn Jesus kommt. Der Tod ist besiegt (noch nicht vernichtet); ein neues Leben ist unser. Dieses Leben und der Mensch, der durch dieses Leben lebt, werden sich mit ihrem Haupt und ihrer Quelle in der Herrlichkeit befinden. Dann wird die Schwachheit, die mit seinem gegenwärtigen Zustand verbunden ist, verschwinden. Das Sterbliche wird vorn Leben verschlungen werden; das ist alles. Wir sind Christi; Er ist unser Leben. Wir erwarten Ihn, damit wir bei Ihm seien, und damit Er alle Dinge in der Herrlichkeit vollkommen mache.

Untersuchen wir hier auch ein wenig, was diese Stelle uns hinsichtlich der Heiligung lehrt. Diese steht zwar in Verbindung mit einer Natur, aber sie ist auch mit einem Gegenstand verknüpft; und hinsichtlich ihrer Verwirklichung hängt sie von der Wirksamkeit eines Anderen, nämlich Gottes selbst, ab und ist auf ein vollkommenes, schon vollbrachtes Werk der Versöhnung mit Gott gegründet. Insofern sie nun auf eine vollbrachte Versöhnung gegründet ist, in die wir durch das Empfangen einer neuen Natur eintreten, betrachtet die Schrift die Christen als schon vollkommen geheiligt in Christus. Die Heiligung wird praktisch hervorgebracht durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der, indem Er uns diese neue Natur mitteilt, uns als Wiedergeborene gänzlich von der Welt trennt und für Gott absondert. Es ist wichtig, diese Wahrheit festzuhalten und klar und bestimmt auf diesem Boden zu stehen; anders wird die praktische Heiligung bald von jener neuen Natur, die der Gläubige empfängt, getrennt und ist nichts anderes als die Verbesserung des natürlichen Menschen, und dann ist sie nur gesetzlich. Der Christ, obschon der Versöhnung teilhaftig geworden, versinkt dadurch wieder in Zweifel und Ungewissheit; denn obwohl er gerechtfertigt ist, wird er doch nicht als für den Himmel fähig geachtet. Diese Befähigung macht man von seinen Fortschritten abhängig, so dass die Rechtfertigung keinen Frieden mit Gott gibt. Die Schrift aber sagt: „Danksagt dem Vater, der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht.“ Es gibt allerdings Fortschritte, allein sie werden in der Schrift nicht mit dem Fähigsein für den Himmel verbunden. Der Räuber am Kreuz war fähig für das Paradies und ging hinein. Dieses Fähigsein von den Fortschritten des Gläubigen abhängig zu machen, ist eine Schwächung, um nicht zu sagen eine Vernichtung des Erlösungswerkes oder richtiger der Würdigung desselben in unseren Herzen durch den Glauben.

Wir sind also geheiligt (so spricht die Schrift sehr häufig) durch Gott, den Vater, durch das Blut und das Opfer Christi und durch den Geist; d. h. wir sind für Gott abgesondert, persönlich und auf ewig. Von diesem Gesichtspunkt aus stellt das Wort die Rechtfertigung als eine Folge der Heiligung dar, als eine Sache, in die wir durch diese eintreten. Als Sünder in der Welt von Gott ergriffen, sind wir durch den Heiligen Geist abgesondert, um uns der ganzen Tragweite des Werkes Christi nach den Ratschlüssen Gottes, des Vaters, zu erfreuen – abgesondert ohne Zweifel durch die Mitteilung eines neuen Lebens, aber durch diese Absonderung in den Genuss von allem versetzt, was Christus für uns erworben hat. Ich sage nochmals. Es ist sehr wichtig, diese Wahrheit festzuhalten, sowohl, um der Ehre Gottes als auch um unseres eigenen Friedens willen; aber der Geist Gottes betrachtet sie in unserem Brief nicht von diesem Gesichtspunkt aus. Er spricht vielmehr von der praktischen Verwirklichung dieses Lebens der Absonderung von der Welt und vom Bösen. Er spricht von der göttlichen Entfaltung dieses Lebens in dem inneren Menschen, durch welche die Heiligung zu einem wirklichen und bewussten Zustand der Seele gemacht wird, zu einem Stand praktischer Gemeinschaft mit Gott, gemäß der neuen Natur und der Offenbarung Gottes, mit der diese Natur in Verbindung steht.

In dieser Hinsicht finden wir wohl ein Lebenselement, das in uns wirkt – das, was man einen subjektiven Zustand nennt; aber es ist unmöglich, diese Wirksamkeit in uns, diesen subjektiven Zustand, von einem Objekt, einem Gegenstand, zu trennen (der Mensch würde Gott sein, wenn das der Fall sein könnte), und folglich ebenso wenig von einer beständigen Tätigkeit Gottes in uns, die uns mit jenem Gegenstand, der Gott selbst ist, in Gemeinschaft erhält. Demgemäß vollzieht sich die Heiligung durch die Wahrheit mittels des Wortes, sei es im Anfang in der Mitteilung dieses Lebens oder nachher in den Einzelheiten unseres ganzen Pfades. „Heilige sie durch die Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.“

Der Mensch hat sich, wie wir wissen, selbst herabgewürdigt. Er hat sich den Lüsten des tierischen Teiles seines Wesens als Sklave ergeben. Doch wie ist das geschehen? Indem er sich von Gott entfernt hat. Gott heiligt den Menschen nicht getrennt von der Erkenntnis seiner selbst und indem Er ihn in gewisser Entfernung von sich lässt, sondern dadurch, dass Er ihm eine neue Natur verleiht, die zur Heiligung fähig ist, und indem Er dieser Natur (die anders nicht bestehen kann) einen Gegenstand gibt; und dieser Gegenstand ist Er selbst. Er macht den Menschen nicht unabhängig, wie er gern sein möchte. Der neue Mensch ist der abhängige Mensch; in der Abhängigkeit besteht seine Vollkommenheit. Jesus Christus hat in seinem Leben ein Beispiel davon gegen. Der neue Mensch ist ein abhängiger Mensch nach seiner inneren Neigung; er wünscht abhängig zu sein, er freut sich darüber und kann ohne diese Abhängigkeit nicht glücklich sein; seine Abhängigkeit gründet sich auf die Liebe, während er stets gehorsam ist, wie es einem abhängigen Wesen geziemt.

So besitzen denn alle Geheiligten eine Natur, die in ihren Wünschen und Neigungen heilig ist. Es ist die göttliche Natur in ihnen, das Leben Christi; aber sie hören nicht auf, Menschen zu sein. Sie haben den in Christus offenbarten Gott zu ihrem Gegenstand. Die Heiligung entwickelt sich in Gemeinschaft mit Gott und in Gefühlen der Liebe, die Christus zugewandt sind und auf Ihn warten. Aber die neue Natur kann sich selbst keinen Gegenstand offenbaren; und noch weniger könnte sie ihren Gegenstand darin finden, dass sie Gott willkürlich beiseite setzte; sie ist abhängig von Gott bezüglich der Offenbarung seiner selbst. Seine Liebe ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, den Er uns gegeben hat; und derselbe Geist nimmt von dem, was Christi ist, und teilt es uns mit. Also wachsen wir in der Erkenntnis Gottes, indem wir durch seinen Geist mit Kraft gestärkt werden an dem inneren Menschen, damit wir mit allen Heiligen zu erfassen vermögen, was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe sei, und damit wir die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus erkennen und erfüllt werden zu der ganzen Fülle Gottes (Eph 3,18+19). Indem wir also mit „aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen, werden wir verwandelt nach demselben Bilde von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (2. Kor 3,18). „Und, ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit“ (Joh 17,19).

Wir ersehen aus diesen Stellen, deren noch mehr angeführt werden könnten, dass wir von einem Gegenstand und von der Kraft eines Anderen abhängig sind. Die Liebe ist tätig, um diesem Bedürfnis entsprechend in uns zu wirken. Unser Abgesondertsein für Gott ist vollkommen, indem es sich auf eine Natur gründet, die ganz und gar von Ihm ist und sich in einer Stellung unbedingter Verantwortlichkeit Ihm gegenüber befindet; denn wir sind nicht mehr unser selbst, sondern sind um einen Preis erkauft und durch das Blut Christi geheiligt nach dem Willen Gottes, der uns für sich haben will. Er versetzt uns in ein Verhältnis, dessen Entfaltung (durch eine wachsende Erkenntnis Gottes, welcher der Gegenstand unserer neuen Natur ist) praktische Heiligung bedeutet, die in uns gewirkt wird durch die Kraft des Heiligen Geistes, des in uns wohnenden Zeugen der Liebe Gottes. Er fesselt das Herz an, Gott, indem Er Ihn mehr und mehr offenbart und zugleich die Herrlichkeit Christi und alle die göttlichen Eigenschaften, die in Ihm in der menschlichen Natur offenbart worden sind, uns vor Augen stellt und unsere Natur, als aus Gott geboren, bildet. Deshalb ist, wie wir in diesem Brief gesehen haben, die in uns wirkende Liebe das Mittel der Heiligung (1. Thes 3,12+13). Es ist die Wirksamkeit der neuen Natur, der göttlichen Natur in uns, und zwar in Verbindung mit der Gegenwart Gottes; denn wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott. Und in diesem 5. Kapitel werden die Heiligen Gott selbst befohlen, damit Er diese Heiligung in ihnen bewirken möge, während ihnen allezeit die herrlichen Gegenstände ihres Glaubens vorgestellt werden, um ihrerseits die Heiligung zu vollenden.

Wir möchten hier ganz besonders die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese Gegenstände richten. Es sind die folgenden: Gott selbst und die Ankunft Christi – die Gemeinschaft mit Gott einerseits und das Warten auf Christus andererseits. Es ist einleuchtend, dass die Gemeinschaft mit Gott die praktische Stellung der höchsten Heiligung ist. Wer da weiß, dass wir Jesum sehen werden, wie Er jetzt ist, und dass wir Ihm gleich sein werden, reinigt sich selbst, gleichwie Er rein ist (1. Joh 3,2+3). Durch unsere Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens werden wir völlig geheiligt. Wenn Gott wirklich unser Alles ist, so sind wir ganz heilig (Wir reden nicht von irgendeiner Veränderung im Fleisch, das weder Gott unterworfen sein noch Ihm gefallen kann). Der Gedanke an Christus und an seine Ankunft bewahrt uns im praktischen Leben, sowohl in den Einzelheiten desselben als auch innerlich, tadellos. Es ist Gott selbst, der uns also bewahrt und der in uns wirkt, um unsere Herzen für sich einzunehmen und ein fortwährendes Wachstum in uns zu bewirken.

Doch dieser Punkt erfordert noch einige Worte. Die Frische des christlichen Lebens in den Thessalonichern ließ dasselbe mehr in Verbindung mit seinen Gegenständen hervortreten, so dass diese Gegenstände im Vordergrund stehen und durch das Herz sehr klar unterschieden werden. Wir haben schon gesagt, dass diese Gegenstände sind: Gott, der Vater, und der Herr Jesus. Der Apostel spricht, hinsichtlich der Gemeinschaft der Liebe mit den Heiligen als seiner Krone und Herrlichkeit, nur von dem Herrn Jesus. Er denkt hier an einen besonderen Charakter des Lohnes, obwohl es ein Lohn ist, in dem seine Liebe ihre Befriedigung findet. Jesus selbst wurde durch den Hinblick auf die vor Ihm liegende Freude in seinen Leiden gestärkt; es war also eine Freude, die für Ihn persönlich war. So wartete auch der Apostel, hinsichtlich seines Werkes und seiner Arbeit, mit Christus auf die Frucht derselben. Mit Ausnahme dieser Stelle (Kap. 2) werden Gott selbst und Jesus als Gegenstand vor unsere Augen gestellt sowie die Freude der Gemeinschaft mit Gott (und zwar in dem Verhältnis eines Vaters) und mit Christus, dessen Herrlichkeit und Stellung wir durch die Gnade teilen.

So finden wir auch nur in den beiden Briefen an die Thessalonicher den Ausdruck: „der Versammlung in Gott, dem Vater“ 2. Der Bereich ihrer Gemeinschaft wird dadurch bezeichnet; sie war gegründet auf das Verhältnis, in dem sie sich zu Gott selbst, in seinem Charakter als Vater, befanden (1. Thes 1,3+9+10; 3,13; 4,15+16; 5,23). Es ist wichtig zu bemerken, dass, je frischer und lebendiger das Christentum ist, es um so mehr objektiv ist, d. h. einen bestimmten Gegenstand hat; das will sagen: Gott und der Herr Jesus haben einen immer größeren Platz in unseren Gedanken, und wir ruhen mit wachsender Wirklichkeit in Ihnen. Dieser erste Brief an die Thessalonicher ist der Teil der Schrift, der uns über diesen Punkt belehrt; und er ist ein Mittel, manchen Trug des Herzens zu verurteilen und unserem Christentum eine große Einfachheit zu geben.

Der Apostel schließt seinen Brief mit der Bitte, dass die Brüder für ihn beten möchten; er begrüßt sie mit der Zuversicht der Liebe und beschwört sie zugleich, dass der Brief vor allen heiligen Brüdern gelesen werde. Sein Herz vergaß keinen von ihnen. Er wollte mit allen in Gemeinschaft sein nach dieser geistlichen Liebe und diesem persönlichen Band. Als Apostel für alle wollte er, dass sie diejenigen erkennen möchten, die unter ihnen arbeiteten, aber dabei hielt er auch sein eigenes Verhältnis zu ihnen aufrecht. Das Herz Pauli umfasste einerseits alle die geoffenbarten Ratschlüsse Gottes und verlor andererseits den geringsten seiner Heiligen nicht aus dem Auge.

Noch ein anderer Umstand ist beachtenswert, nämlich die Art und Weise, in welcher der Apostel die Thessalonicher unterweist. Er nimmt die Wahrheiten des ersten Kapitels, die ihrem Herzen köstlich waren, die aber ihr Verständnis noch etwas unbestimmt erfasst hatte (so dass sie hinsichtlich der in Christus Entschlafenen wirklich in einen Irrtum geraten waren), benutzt sie in seinen praktischen Unterweisungen mit der Klarheit, in der er selbst sie besaß, und wendet sie an auf erkannte und innerlich genossene Beziehungen, damit ihre Herzen auf wirkliche Wahrheit wohl gegründet und betreffs deren Anwendung klar sein möchten, bevor er ihren Irrtum und die Fehler, die sie gemacht hatten, berührt. Sie erwarteten den Sohn Gottes aus den Himmeln. Das besaßen sie schon klar in ihren Herzen; aber sie sollten in der Gegenwart Gottes sein, wenn Jesus mit allen seinen Heiligen kommen würde (1. Thes 3,13). Das gab Licht über einen sehr wichtigen Punkt, ohne dass der Irrtum unmittelbar berührt wurde. Ihr Herz wurde klar über dieser Wahrheit in ihrer praktischen Anwendung auf das, was das Herz schon besaß. Sie verstanden, was es war, vor Gott, dem Vater, zu sein. Sich da zu befinden war etwas viel Innigeres und Wirklicheres als die Offenbarung irdischer und begrenzter Herrlichkeit. Dann aber sollten sie auch vor Gott sein, wenn Jesus kommen würde mit allen seinen Heiligen: eine einfache Wahrheit, die dem Herzen klar werden musste durch die einfache Tatsache, dass Jesus nicht nur einige Glieder seiner Versammlung bei sich haben kann. Das Herz erfasste diese Wahrheit ohne Mühe; aber indem es das tat, wurde es (und mit ihm das Verständnis) in dem befestigt, was die ganze Wahrheit klar machte, und zwar im Blick auf die Beziehungen der Thessalonicher zu Christus und den Seinigen. Selbst die Freude des Apostels über das Zusammentreffen mit ihnen allen (also den Gestorbenen sowohl als auch den Lebenden) bei der Ankunft Jesu stellte die Thessalonicher auf einen ganz neuen Boden; es war etwas ganz anderes, als hienieden gefunden und dann durch die Ankunft Jesu gesegnet zu werden. Auf solche Weise erleuchtet, befestigt und gegründet in der wirklichen Tragweite der Wahrheit, die sie schon besaßen (und zwar durch eine Entwicklung dieser Wahrheit, die in Verbindung stand mit ihren besten Gefühlen und mit ihrer innersten, auf die Gemeinschaft mit Gott gegründeten, geistlichen Erkenntnis), waren die Thessalonicher imstande, mit gewissen, festen Grundlagen der Wahrheit sich mit einem Irrtum zu befassen und ihn ohne Schwierigkeit zu beseitigen, der nicht in Übereinstimmung stand mit einer Wahrheit, deren Wert sie jetzt zu schätzen wussten als etwas, das zu ihren sittlichen Gütern gehörte. Die besondere Offenbarung, die der Apostel hinzufügte, machte alles bezüglich der Einzelheiten klar.

Die Art und Weise, wie Paulus hier vorgeht, ist sehr lehrreich.

Fußnoten

  • 1 Daher gibt es in dem himmlischen Genuss Gottes keine Ermüdung. Das Gegenteil ist der Fall; denn Er, der der unendliche Gegenstand des Genusses ist, ist auch die unendliche Quelle und Kraft der Fähigkeit zu genießen, obwohl wir genießen als empfangende Geschöpfe.
  • 2 Vielleicht steht dieser Ausdruck auch in Verbindung mit der kurz zuvor geschehenen Bekehrung der Thessalonicher von den Götzenbildern zu dem einen wahren Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
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