Die Offenbarung Jesu Christi

Ephesus

„Dem Engel der Versammlung in Ephesus schreibe: Dieses sagt der, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt“ (V. 1).

Die Sterne symbolisieren die Engel oder Vertreter der sieben Versammlungen, die für Lehre und Leitung verantwortlich sind, so wie Sterne Licht spenden und den Zeitlauf bestimmen. In diesem Bereich gehört Christus vollkommene Autorität. Menschen können Regeln für die Leitung einer Gemeinde aufstellen oder Lehrer und Hirten ernennen. Das ist jedoch eine unrechtmäßige, sei sie auch noch so unbeabsichtigte, Übernahme der Autorität Christi. Er hält die „Sterne in seiner Rechten“ und wandelt in unterscheidendem Urteil inmitten der sieben Versammlungen und goldenen Leuchter.

Den Zustand der Versammlung in Ephesus fasst Er wie folgt zusammen:

Ich kenne deine Werke und deine Arbeit und dein Ausharren und weiß, dass du Böse nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sich Apostel nennen und es nicht sind, und hast sie als Lügner befunden; und du hast Ausharren und hast getragen um meines Namens willen und bist nicht müde geworden“ (V. 2 u. 3).

Wann immer möglich, erwähnt der Herr in seinem Volk zuerst das Positive! Der Apostel fordert die Gläubigen auf: „Alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was lieblich ist, alles, was wohllautet, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, dies erwägt“ (Phil 4,8). So gefällt es auch unserem wunderbaren Herrn, selbst in seinem richterlichen Amt, zuerst alles Gute, was Er sieht, anzuerkennen und zu bestätigen. Bei den Ephesern gab es nach außen hin viel Gutes. Da waren nicht nur Werke, Arbeit und Ausharren, sondern es fand sich auch ein gottgemäßes Streben nach Heiligkeit, gottgemäßes Verurteilen von Lüge und aufrichtige Sorge um den Namen des Herrn, die sich in unermüdlichem Ausharren und dem Ertragen schwieriger Umstände äußerte.

Dennoch gab es einen Mangel. Im Brief an die Thessalonicher schreibt Paulus „eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus“ (1. Thes 1,3). In Ephesus gab es Werke, sie werden aber nicht „Werke des Glaubens“ genannt, es gab Arbeit, aber keine „Bemühung der Liebe“, es gab Ausharren, aber kein „Ausharren der Hoffnung.“ Christus war ständig vor den Thessalonichern und so waren Glaube, Hoffnung und Liebe von Ihm erfüllt. Etwas davon war noch in Ephesus vorhanden, nahm aber stetig ab. Man kann sehr beschäftigt mit Werken sein, auch wenn die Kraft, die diese einmal hervorgebracht hat, sehr stark nachgelassen hat. Eine Versammlung mag nach außen sehr eifrig und aktiv sein, eine gesunde Lehre haben, selbst nachdem die Fäulnis nachlassender Liebe im Geheimen am eigentlichen Leben zehrt. Das war bei der angesehenen Versammlung in Ephesus der Fall, deren Niedergang von Paulus bereits vorhergesagt wurde (Apg 20,29).

Der Herr fährt also fort und sagt: „Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (V. 4).

Gegenüber der Welt, vielleicht auch unter ihnen selbst, schien alles in Ordnung zu sein. Nach außen hin war kein Verfall sichtbar. Doch der, „der Nieren und Herzen erforscht“ sah den Keim des Bösen als er noch vor den Augen anderer verborgen war. Wie ist es wohl für einen liebenden Bräutigam, wenn sich die Braut tadellos verhält, ihre Liebe aber erkaltet? Wird die Sehnsucht eines Herzens nach der ersten Liebe durch untadeliges Betragen oder bloßes Pflichtbewusstsein gestillt? Kann eine solche Liebe, wie Christus sie uns entgegenbringt, zufrieden gestellt werden mit kalter, wohl aktiver, Aufmerksamkeit gegenüber christlichen Werken oder einer fruchtleeren, wenn auch gewissenhaften Glaubenshaltung, wenn das Herz nicht vor Liebe zu Ihm brennt? Liebe verlangt nach Gegenliebe und weder Achtung noch Pflichtbewusstsein können sie ersetzen. Der, dessen Liebe so kalt begegnet und tief verletzt wurde, warnt sie vor den Folgen ihrer schwindenden Zuneigung.

„Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tu Buße und tu die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust“ (V. 5).

Das mag eine harte Androhung für ein derartiges Vergehen sein, aber der Herr sieht, wozu es letztendlich führen wird. Egal wie lange die Zeit des Ausharrens andauert, wenn keine Buße erfolgt, ist das Ende schon sicher. Der einzig sichere Platz für das Herz ist nahe bei Christus. Eine Versammlung, die einmal voll von Werken war, deren Zuneigung aber erkaltet ist, mag eine Zeit lang Bösem und Verfall entgehen, hat aber ihre Sicherheit verloren. Hier sind Buße und eine Rückkehr zu den ersten Werken erforderlich. Wenn die Versammlung nicht Buße tut, wird sie früher oder später zu Fall kommen. Ihr Leuchter wird weggenommen. Sie wird nicht mehr länger das ihr anvertraute Licht tragen. Gott wird es ihr öffentlich wegnehmen, da sie für seine Zwecke unbrauchbar geworden ist.

Warum aber werden sie aufgefordert „die ersten Werke“ zu tun, wo doch ihre aktuellen Werke verurteilt werden? Weil Gott Werke auf Grund der Motivation beurteilt. Angenommen zwei Kinder geben ihrer Mutter ein Geschenk von gleichem Wert. Während das eine Kind jedoch seiner Mutter auf alle erdenkliche Art und Weise seine Liebe zu ihr zeigt, zeigt das andere Kind mit seinem Verhalten, dass seine Liebe ihr gegenüber gering und kalt ist. Welches Geschenk hat nun in den Augen der Mutter größeren Wert? So ist es auch bei Christus. Nach außen hin mag das Werk das gleiche sein, welch einen Unterschied macht es aber, ob es aus einem Herzen kommt, das vor Liebe für Ihn brennt oder ob es aus reinem Pflichtbewusstsein oder lebloser Routine heraus getan wird.

Betrachtet man diesen Brief in seinem historischen Zusammenhang, so ist der Niedergang und die damit verbundene Warnung sehr ernst. Schon während der Zeit Paulus' war das Nachlassen der ersten Liebe deutlich sichtbar. „Du weißt dies, dass alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben“ (2. Tim 1,15); „bei meiner ersten Verantwortung stand mir niemand bei, sondern alle verließen mich“ (2. Tim 4,16). Das sind die besorgniserregenden Aussagen des Apostels in einem seiner letzten Briefe. Nach seinem Tod trat ein schneller und umfassender Niedergang ein, wie er die Ältesten in Ephesus bereits gewarnt hatte. Der Johannesbrief zeigt uns, dass schwerwiegende böse Praktiken und Lehren bereits in seinen Tagen dort Einzug gehalten hatten. Der erste Schritt nach unten in der Geschichte der Kirche hatte daher schon stattgefunden als das Buch der Offenbarung geschrieben wurde. Sowohl bei der Kirche allgemein als auch bei einzelnen Versammlungen war der Niedergang der gleiche. Er begann immer mit dem Verlassen der ersten Liebe. Die Welt, das Fleisch und andere Dinge verdrängten ihre Liebe zu Christus und das Ergebnis wurde schnell von dem die Herzen erforschenden Richter wahrgenommen.

Die Warnung ist jedoch noch ernster. Die Versammlung wird aufgefordert, Buße zu tun und die ersten Werke zu tun. Es weiß wohl jeder, dass die Kirche leider taub für diesen Ruf war und als bekennendes System einen stetigen Niedergang zu verzeichnen hatte. Das Ende kann nur so sein, wie hier vorhergesagt. Die Kirche wird gerichtet und ihr Leuchter weggenommen werden. Sie ist für Gott unbrauchbar geworden.

Gehen wir jedoch noch einmal speziell zu dieser Versammlung:

„Aber dieses hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hassest, die auch ich hasse“ (V. 6).

Der Herr erwähnt alles, was Ihm bei den Seinen gefallen kann. Die Nikolaiten werden im Brief an Pergamus beschrieben als „die die Lehre Bileams festhalten, der den Balak lehrte, einen Fallstrick vor die Söhne Israels zu legen, Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben“ (V. 14). Das zeigt den Charakter ihres Handelns. Als Bileam die Kinder Israel nicht verfluchen konnte, riet er Balak, das Volk zum Götzendienst zu verführen und den Platz der Absonderung, den sie in der Welt einnehmen sollten, zu verlassen. In welcher Form sie sich auch immer darstellte, war das die allgemeine Tendenz der Lehre der Nikolaiten. Es waren mehr ihre Taten als die Lehren, die von der Versammlung in Ephesus verurteilt wurden und der Herr erkennt ihre Treue in dieser Sache an. Danach kommt die allgemeine Ermahnung:

Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt!“ (V. 7).

Es heißt nicht, „der Versammlung“, sondern „den Versammlungen.“ Das heißt also, dass der Hörende nicht nur auf das hören sollte, was seiner Versammlung gesagt wurde, sondern auch was allen anderen gesagt wurde. Diese Ermahnung ist allgemein gültig und an alle Gläubigen gerichtet.

Dann kommt die Verheißung:

Dem, der überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in dem Paradies Gottes ist“ (V. 7).

Der Mensch hat sein Paradies verloren und wurde vom Baum des Lebens weggetrieben, damit er nicht „esse und ewig lebe“ (1. Mo 3,22). Trotzdem strebt der Mensch danach, sich ein Paradies hier auf der Erde zu schaffen und vergisst dabei, dass die Welt unter göttlichem Gericht steht. Diese Weltlichkeit hatte die Zuneigungen der Heiligen in Ephesus gegenüber Christus erkalten lassen. Wie versucht er nun, diese zurückzugewinnen? Er erinnert sie an ihr himmlisches Teil. Diese verdorbene Welt war nicht ihre Ruhestätte. „Also bleibt eine Sabbatruhe dem Volk Gottes übrig“ und dem Gläubigen stellt sich die Frage, wo diese zu finden ist. Wo ist der Gegenstand seiner Zuneigungen nun? Dort, „wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“ Das Paradies Gottes ist der Ort, an dem Christus ist. Die einzig wahre Ruhe, der einzige Baum des Lebens für den Gläubigen ist nur dort zu finden. Im Hinblick auf diesen Ort, wo Christus sich aufhält und sein Volk sein wahres Teil hat, weist Er hin auf die abschweifende und nachlassende Liebe der Versammlung. Wie bedauerlich, dass seiner Aufforderung so wenig nachgekommen wurde! Der himmlische Ruf war nur allzu schnell bei ihnen verhallt und die Kirche verlor sich in Weltlichkeit und Niedergang, anstatt das zu suchen, was droben ist.

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